-
S.
39 Elsworthy Road
N.W.3
PROF. DR. FREUD WIEN, IX., BERGGASSE 19.
22. 6. 1938
Lieber Alex
Eigentlich spüre ich eine starke Abhaltung, Deinen Brief zu beantworten. Du wirst gleich hören, warum. Es geht uns nämlich sehr gut, zu gut, möchte ich sagen, wenn nicht ein gekränktes Herz und eine gereizte Blase an die Vergänglichkeit menschlicher Seligkeit mahnen würden. Dieses England - Du wirst es ja bald selbst erfahren - ist trotz allem, was hier fremd, sonderbarund beschwerlich ist, und es ist nicht wenig - ein gesegnetes, ein glückliches Land von wolwollenden, gastfreundlichen Menschen bewohnt. Das ist wenigstens der Eindruck der ersten Wochen. Unsere Aufnahme war über die Massen liebenswürdig. Eine Massenpsychose hat uns auf ihren Schwingen emporgetragen. (Ich muss poetisch ausdrücken [sic] [)]. Vom dritten Tag an hat die Post Briefe mit der Adresse: Dr Fr. London oder, overlooking Regent's Park richtig befördert, hat ein Taximann, der Anna nach Haus gebracht, beim Anblick der Hausnummer ausgerufen Oh it is Dr Freud's place. Die Zeitungen hatten uns populär gemacht.
Wir erstickten in Blumen u hätten uns leicht an Süssigkeiten und Früchten gründlich verderben können. Und die Briefe. Ich habe zwei Wochen lang wie ein
-
S.
Schreibkuli gearbeitet, um die Spreu vom Weizen zu sondern und - verzeih' die Entgleisung - letzteren zu beantworten. Zuschriften von Freunden, überraschend viele von Fremden, die nur ihre Freude ausdrücken wollen, dass wir entkommen und jetzt in Sicherheit sind, und nichts dafür verlangen. Ausserdem natürlich die Schaar von Autographenjägern, Narren, Verrückten und Frommen, die Traktate und Evangelien schicken, das Seelenheil retten, die Wege Christi weisen und über die Zukunft Israels aufklären wollen. Und dann noch die gelehrten Gesellschaften, deren Mitglied ich schon bin und die unendlich vielen jüdischen Associations, deren Ehrenmitglied ich werden soll. Kurz, zum ersten Mal u spät im Leben habe ich erfahren, was Berühmtsein heisst.
Jetzt bleibt mir nur kurz zu berichten, dass Minna, die offenbar dieselbe Bronchopneum. gehabt hat wie kürzlich Du, sich zu erholen beginnt, dass Rob. und Math. sehr brav wirtschaften, dass Martha wirklich ihr Leben geniesst u Anna wieder arbeitet wie immer, für sich [und] andere. Harry sehen wir oft. Euch Beide fordere ich nur auf zu warten, bis Ihr auch das Schweizer Exil verlassen könnt. Die Aussichten, die Dir die Nazi eröffnen, sind ja überraschend günstig. Soll man das dem Gesindel zutrauen. Gibt es bei ihnen noch einen Rest von Gefühl für Billigkeit und Recht? Lass es mich gleich wissen, sobald Du daran glauben darfst.
Herzlich Euch Beiden
Sigm
39 Elsworthy Road
London NW3 3BT
Vereinigtes Königreich
C1F24