• S.

    Falzeder:

    30. X. 1927

    PROF. DR. FREUD          WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Dear Mr Viereck

     

    Ich schreibe Ihnen heute vor allem, um zu entschuldigen, dass Sie die gewünschte Photographie mit Namenszeichnung noch nicht erhalten haben.  Sie sind dem Verlag ausgegangen und mussten in Hamburg nachbestellt werden, werden gewiss bald kommen.

     

    Ich hoffe, Sie verlangen nicht, dass ich sie auch selbst kolorire.  Diese Verwahrung zeigt Ihnen gewiss, dass ich Ihr Interview mit dem Kaiser erhalten habe.  Ich habe es auch gelesen, sogar die Idee bekommen, dass die Rosen, von denen Sie mich so empfindsam reden lassen, Ihnen aus dem Garten von Doorn nach dem Semmering hinübergewandert sind.  Sie sehen also, wie sehr man von der "Eigenbeziehung" verfolgt wird.

     

    Ihr Kaiserinterview wird die Nachwelt als kulturhistorisches Dokument gewiss sehr interessiren.  Kommende Geschlechter werden die Tatsache bedeutsam finden, dass die Katastrophe von 1914 zwei so gottesfürchtige Personen wie Wilhelm II und W. Wilson in höchsten Stellungen antraf.

     

    Übrigens wissen Sie, dass mein Respekt vor dem Kaiser immer sehr gering war und dürfen hinzunehmen, dass meine Sympathie für den Exkaiser nicht gewachsen ist.  Immerhin, für so einfältig wie ihn das Interview zeigt, hatte ich ihn nicht gehalten.

     

    Mein Buch bei Brentano ist hier angelangt, hübsch ausgestattet.  Wenn ich es noch nicht gethan habe, dank ich Ihnen jetzt für Ihre Bemühung um sein Zustandekommen.

     

    Mit herzlichem Gruss

    Ihr Freud