• S.

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    Berlin 26/7 04

    Lieber Sigmund,

    also war es irrtümlich, was mir
    Oscar Rie in aller Harmlosigkeit
    erzählte, als ich auf Weininger
    zu sprechen kam: W. sei mit
    seinem Manuscript bei Dir ge-
    wesen und Du habest ihm
    nach Einsicht von der Veröffent-
    lichung abgeraten, weil der In-
    halt Unsinn wäre. Ich hatte
    gemeint, Du hättest in diesem
    Falle ihn und mich auf den
    „Einbruch" aufmerksam machen

  • S.

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    müssen. – Weininger selbst hat
    offenbar nicht – wie Du – ge-
    glaubt, daß er den Gedanken
    dauernder und notwendiger
    Bisexualität aller Lebewesen
    (nicht blos bisexueller Anlage)
    von anderswoher beziehen könnte.
    Denn er erklärt auf S. 10 den
    Gedankenm dieser Form für
    durchaus neu. Du wirst mich
    zu Dank verpflichten ,wenn
    Du mir die anderen Quellen
    von denen Du schreibst – Kraff-
    Ebing, Kierma, Chevalier u.s.w." –
    so bezeichnen möchtest, dass ich
    sie leicht einsehen kann. Ich

  • S.

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    bin in der Literatur so wenig
    bewandert.

    Auch daß die lebendige Sub-
    stanz in allen Lebewesen männ-
    lich und weiblich ist – was
    ich aus dem steten Vorkom̄en
    von 28 und 23 bei Mann und
    Weib schließen mußte – hat
    W. in seinem Arrheno- und
    Telyplasma gestohlen.

    Bis heute wußte ich nicht,
    was ich erst aus Deinem Briefe
    erfahren habe, daß Du in der
    Cur von der dauernden Bisexu-
    alität Gebrauch machst. Zuerst
    war zwischen uns in Nürnberg

  • S.

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    davon die Rede, während ich
    noch im Bett lag und Du
    mir die Krankengeschichte
    von einer mit Träumen von
    riesigen Schlangen erzähltest.
    Damals warst Du von dem
    Gedanken, daß Unterströmungen
    bei einem Weibe aus dem männlichen Teil
    ihrer Psyche stammen könnten,
    sehr betroffen. Um so mehr
    hat mich dann Dein Wider-
    stand in Breslau gegen die
    Annahme der Bisexualität
    in der Psyche gewundert. In
    Breslau hatte ich Dir auch
    davon gesprochen, dass in meiner
    Bekanntschaft so viel links-
    händige Ehegatten existirten u

  • S.

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    aus der Theorie der Linkshändig-
    keit heraus habe ich Dir eine
    Erklärung entwickelt, die mit
    der Weiningerschen (der von Links-
    händigkeit nichts weiß) bis in
    die Einzelheiten übereinstimmt.
    Die Linkshändigkeit selbst hast Du
    freilich abgelehnt und unser
    bisexuelles Gespräch, wie Du
    selber freimütigst bekannt
    hast, eine Zeitlang vergessen.

    Weil ich aber nicht wußte,
    dass in der Cur die Erwähnung
    der Bisexualität notwendig ist,
    ahnte ich nicht, dass Weiningers
    Intimus Dr. Swoboda Dein Pa-
    tient war, und das um so weniger,

  • S.

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    als Du in Deinem Briefe an
    mich ihn mit Gattl ver-
    gleichst und hinzufügtest.
    „ich glaube aber, dass ich
    jetzt auch über besseres
    Material an Schülern zu ver-
    fügen beginne."

    Wir hätten uns wol beide
    einen besseren Anlass zur
    Correspondenz gewünscht, als
    die Verhandlung über einen
    Räuber. Mag ihn uns die
    Zukunft bringen.

    Mit herzlichem Gruße
    Wilhelm