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    PROF. DR. FREUD        BERCHTESGADEN, DIETFELDHOF
    23. 7. 08

    Lieber Herr Kollege
    Ich danke Ihnen sehr für die heute eingelangte Arbeit über "Dementia Praecox und Hysterie". Ich schätze an Ihren Publikationen so ganz besonders die Entschiedenheit und die Klarheit, so daß ich Sie bitten muß nicht zu meinen, ich übersähe die Schönheit. Darf ich sagen, daß es verwandte, jüdische Züge sind, die mich in ihnen anziehen? Wir verstehen einander doch.
    Was mir das Vergnügen an der Arbeit trübt, wissen Sie auch. Daß sie Ihren latenten Zwist mit Jung manifest gemacht hat. Sie hatten gewiß das Recht, so zu schreiben, aber es wäre feinfühliger gewesen, sich des Rechtes nicht zu bedienen. Ich habe Ihnen beiden seinerzeit die gleiche Anregung

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    gegeben und meinte es selbst nicht anders, als daß Sie unabhängig sich mit ihr beschäftigen sollten. Indem Sie sie aufgegriffen haben, drängen Sie ihn gewissermaßen auf die Gegenseite.
    Ich werde mich bemühen gutzumachen was möglich ist, wenn ich Ende September, wie besprochen, nach Zürich komme. Verstehen Sie mich recht; ich kann Ihnen nichts vorwerfen; ich vermute bei mir, daß der verhaltene Antisemitismus der Schweizer, der mich schonen will, verstärkt auf Sie geworfen wird. Ich meine nur, wir müssen als Juden, wenn wir irgendwo mittun wollen, ein Stück Masochismus entwickeln, bereit sein, uns etwas Unrecht tun zu lassen. Es geht sonst nicht zusammen. Seien Sie versichert, wenn ich Oberhuber hieße, meine Neuerungen hätten trotz alledem weit geringeren Widerstand gefunden.

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    Ihre ungünstige Prognose betreffs der Mitarbeiterschaft von Burghölzli möchte ich nicht teilen. Zwar das Versagen der Vereinsabende war mir auch auffällig; ich weiß aber nicht, ob es ein definitives ist. Bleuler gebe ich Ihnen preis; er war mir in Salzburg sehr unheimlich, die Situation konnte ihm nicht genehm sein, und Ihre Charakteristik scheint mir recht zu haben. Aber mit Jung steht es anders, mit ihm verbindet mich persönliche Sympathie, auf die ich zähle, und er schreibt mir über seinen Chef - das Nämliche wie Sie, ja eigentlich mit denselben Worten. Überdies kann er ja kaum zurück, er kann seine Vergangenheit nicht ungeschehen machen, selbst wenn er wollte, und das Jahrbuch, dessen Redakteur er ist, bleibt ein nicht zu zerreißendes Band. Ich hoffe, daß er gar nicht die

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    Absicht hat, sich von mir zu lösen, und daß Sie aus den Motiven nicht überwundener Konkurrenz nicht richtig sehen.
    Ich schreibe eifrig an der Krankengeschichte des fünfjährigen Knaben, die Sie hoffentlich sehr interessieren wird. Dazwischen korrigiere ich die zweite Auflage der "Traumdeutung" und lese die Probebogen von "Traum und Mythus". Ich bin immer mehr überzeugt, daß Sie recht haben, und daß wir miteinander die Ehre genießen, die Mythologie aufzuklären. Prosit!
    Warum kann ich Sie beide, Jung und Sie, Ihre Schärfe und seinen Schwung nicht zusammenspannen?
    Mit herzlichen Grüßen
           Ihr Freud