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S.
25. 8. 14
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Ich würde sagen: Endlich eine Nachricht
von Ihnen (die letzte war vom 2/8), wenn
ich erwarten dürfte, daß dieser offene
Brief in Ihre Hände gelangt. Ich habe
Ihnen seither wiederholt, offenbar erfolg-
los, geschrieben. Von Eitingon hörte ich aus
Prag, daß Sie wahrscheinlich in Berlin
bleiben werden.
Von uns ist folgendes zu sagen. Wir sind
am 5/8 von Karlsbad hier angekommen,
meine Schwägerin, die sich jetzt endlich
erholt, war vor uns zurück, da ihre Sanatorien
gesperrt hatten. Oli ist wenige Tage später
erschienen, von Ernst konnten wir durch
12 Tage nicht erfahren, ob es ihm gelungen
ist, von Salzg, wohin er einen Ausflug
gemacht hatte, nach München zurück-
zukommen. Endlich kam er von München
nach Wien als Passagier des dortigen
österr. Konsulats mit 1’55 Mk Zehrgeld,
aber hier wurde er dankend zurückge-
stellt u lebt seitdem mit uns. Annerl
ist sozusagen kriegsgefangen in England;
es ist nach langen bangen Tagen geglückt,
eine Verbindung mit ihr über Haag
durch Vermittlung von Dr. van Emden
herzustellen. Wir haben erfahren, daß -
S.
sie unbehelligt in ihrem Institut an der
Küste geblieben ist und im Verkehr mit
unseren Londoner Freunden steht, die
sich im Falle eines Bedürfnisses unzwei-
felhaft um sie kümmern werden. Sie
soll wohl sein und sich sehr tapfer benehmen.
Ganz ohne Stacheln kann der Aufenthalt
in Feindesland ja nicht sein.
Martin hat vor Ausbruch des Krieges
seine Gerichtspraxis in Salzburg gemacht.
Als der Sturm losbrach, hat er sich als
Freiwilliger gemeldet, nachgewiesen,
daß sein Schenkelknochenbruch gut
geheilt ist und seine Aufnahme bei
derselben Waffe durchgesetzt, der er
seinerzeit als Einj. Freiwilliger angehört
(Feldkanonenrgt Nr. 41). Seine briefliche
Motivierung war, er könne es sich nicht
entgehen lassen, ohne Glaubenswechsel
über die russische Grenze zu kommen. Er
erwartete, mehrere Wochen zur Ausbildung
in Salzbg gehalten zu werden, hat aber
heute gemeldet, daß er abgerückt ist.
Wir wissen natürlich nicht wohin, ob
südlich oder nördlich.
Mein Schwiegersohn in Hamburg ist für
den 7 Sept zu Kriegsdienstleistungen
einberufen. -
S.
Nun zu den anderen. Rank
und Sachs sind hier. Rank heiter wie immer,
hat sich die Ordnung und Katalogisierung meiner
Bibliothek als Arbeit erfunden, da wir
alle für wissensch. Arbeiten gegenwärtig
unbrauchbar sind. Ferenczi ist einberufen,
wartet auf Verwendung als Arzt und
will uns hier dieser Tage besuchen. Morgen
Mittwoch werden wir restliche Vereins-
mitglieder uns im Café treffen. Ich weiß
von Federn, daß er auf der „Kronprinzessin
Cäcilie“ war, die vor Frankreich gewarnt
umgekehrt ist, und ihn so wieder nach New York
zurückgebracht hat!
Ich habe jetzt endlich so schöne Muße in meinem
eigenen Arbeitszimmer, wie ich mir’s immer
gewünscht hatte. Aber so sehen erfüllte
Wünsche aus! Es ist mir ganz unmöglich,
etwas Vernünftiges zu machen. Ich lebe
wie die übrigen von einem deutschen
Sieg zum anderen und quäle mich in-
zwischen mit der Angst vor neuen
Komplikationen, Neutralitätsbrüchen
usw. Es scheint ja, daß die ganz unerhörten
Leistungen unserer Verbündeten -
S.
uns bereits gerettet haben. Es ist eine große
und schreckliche Zeit.
Von allen Projekten dieses Sommers
und Herbstes will ich ein einziges fest-
halten. Ich will meinen Enkel in Hambg
sehen und komme daher, sobald das
Reisen wieder erträglich wird, auch
nach Berlin. Es wird wohl bald im Sept
sein. Natürlich ist man durch die
letzten Erfahrungen von jedem Plan
und Vorsatz abgeschreckt.
„Was sind Hoffnungen,
was sind Entwürfe,
die der Mensch, der vergängliche
macht!“
(oder so ähnlich)
Ich freue mich zu hören, daß Sie mit den
Ihrigen wohlauf sind, u möchte nur
gerne, daß der Briefwechsel zwischen
den Verbündeten wieder erleichtert
werde. Aber forsan et haec olim
meminisse juvabit, haben wir im
Vergil gelesen.
Herzlichst im Namen von
uns allen
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F27