• S.

    XVIII Khevenhüllerstr 6A

    Prof. Dr. Freud                                 Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Auch für mich war es eine große Enttäuschung, daß Sie Ihren zweiten Aufenthalt in Wien so rasch abbrechen mußten.[1] Wie man doch nichts aufschieben soll! Es ist alles so unsicher.

         Dank für Ihre vielen interessanten Nachrichten, nicht zuletzt für die Auszüge Ihres Kongreßvortrags. Die sogenannte zweite Funktion des Traumes ist wohl seine erste (Bewältigung, siehe Jenseits d[es] L[ust]p[rinzips])![2] Ihr zweites Stück ist von jener mir unschätzbaren Eigenart, die ich so sehr anerkenne, wie Ihre Genitaltheorie.

         Ich glaube, ich komme hier langsam zu Kräften. Unser Wohnort in Pötzleinsdorf ist ideal schön und angenehm. Hunde und Menschen befinden sich hier wohl. Man vergißt, daß man eigentlich im XVIII. Bezirk einer Großstadt lebt. Ich gebe alle fünf Stunden, ringe mit den letzten Resten meiner Antwortsverschuldung und bin noch nicht zu eigentlicher Arbeit gekommen. Mein braver Zahnarzt kommt täglich heraus, so führe ich endlich und am Ende die Existenz eines großen Herrn und reichen Mannes.

         Mit herzlichen Grüßen für Sie und Frau G.

                                                                                      Ihr Freud

     

     

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    A        Handschriftlich über die vorgedruckte Briefkopfzeile gesetzt. - Der Brief trägt kein Datum. Er befand sich im Balint-Konvolut von 1932, gehört aber dem Zusammenhang nach wohl hierher. Auch die Farbnuance des Briefpapiers läßt eher auf 1931 schließen.

     

    1         Vgl. 1206 Fer, Anm. 3.

    2         Die Träume bei traumatischen Neurosen und „die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die uns die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit wiederbringen ... gehorchen ... dem Wiederholungszwang ... So wäre also auch die Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, nicht seine ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemächtigen, nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des Lustprinzips angenommen hatte” (Freud, 1920g, S. 32f.).