• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    26.XII.11

    Lieber Freund

    Vielleicht wundern Sie sich, 
    daß ich gerade unter diesen 
    Verhältnißen nicht mehr 
    u öfter schreibe. Aber es 
    ist Absicht; ich habe nichts mehr 
    zu sagen, habe vielleicht 
    mehr gesagt, als zu rechtfertigen 
    war, und will es mir mit Ihrer 
    Zukunft nicht ganz verderben. 
    Ich gratulire dann aus vollem 
    Herzen, wenn Sie mich 
    wissen lassen, daß die Zeit 
    gekom̄en ist.

    Ein Gutes kann ich Ihrem 
    voraussichtlichen Entschluß 
    nicht bestreiten. Sie bleiben 
    so in Beziehung zu Frau G. 
    die Sie sonst verloren hätten.

    Frau G. selbst bitte ich Sie 
    – der Brief müßte doch durch 

  • S.

    Ihre Hand gehen – für ihr zweites 
    Schreiben intensiv zu danken, 
    sie um Verzeihung zu bitten 
    für alles Graue u Schwarze, 
    das ich glaubte, ihr sagen zu 
    müßen, und ihr ganz besonderen 
    Dank auszusprechen für die 
    Aufnahme, die sie Ernst 
    bereitet hat. Aus demselben 
    Grund bin ich Ihnen neuer-
    dings verpflichtet. Es hat dem 
    Jungen sehr behagt.

    Ich schreibe in diesen Tagen ohne 
    rechte Stimmung: Über neurot. 
    Erkrankungstypen (Zbl), Über 
    die allgemeinste Erniedrigg etc 
    (Jbch).

    Herzlichst Ihr 
    Freud

    Zbl] Zentralblatt
    Jbch] Jahrbuch