Die Traumdeutung1900-001/1921
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    Anhang*.

    1.

    Traum und Dichtung.

    „Was, von Menschen nicht gewußt
    Oder nicht bedacht,
    Durch das Labyrinth der Brust
    Wandelt in der Nacht.“

    Goethe.

    Den Menschen ist seit jeher aufgefallen, daß ihre nächtlichen
    Traumgebilde mancherlei Ähnlichkeit mit den Schöpfungen der Poesie
    verraten, und Dichter wie Denker haben mit Vorliebe diesen in Form,
    Inhalt und Wirkung zu Tage tretenden Beziehungen nachgespürt.
    Die bei diesem Bemühen aufgetauchten Ahnungen und Einsichten
    sind, wenn sie sich auch nicht zur Erkenntnis verdichtet haben, doch
    für das Wesen der beiden miteinander verglichenen Phänomene so
    bezeichnend, daß sich auch für die wissenschaftliche Betrachtung
    eine Orientierung über diese Meinungen verlohnt. Den Traumforscher
    wird dabei vor allem interessieren, welche Schätzung und welches
    Verständnis die intuitiven Seelenkenner dem Traumrätsel entgegen-
    brachten, in welcher Art die Dichter ihre Kenntnis des Traumlebens
    in den Werken zu verwerten wußten, und endlich, welche tieferen
    Zusammenhänge zwischen den sonderbaren Fähigkeiten der „schla-
    fenden“ und der „inspirierten“ Seele sich etwa erkennen lassen.

    Vor allem wird der Psychoanalytiker mit Genugtuung zur Kennt-
    nis nehmen, daß die intuitive Erfassung genialer Menschen dem Traum
    immer eine Bedeutung beigemessen hat, die wohl in Widerspruch
    zu dem Urteil der offiziellen Wissenschaft und dar intellektuellen
    Mehrheit tritt, sich aber dafür auf ein jahrtausende altes, endlich
    doch die Psychologie sanktioniertes Vorurteil des Volkes berufen
    darf. Die Überzeugung, daß im Traumleben der Schlüssel zur Er-
    kenntnis der menschlichen Seele, also des Menschen überhaupt, ge-
    geben sei, findet sich verschiedentlich mit dem größten Nachdruck
    ausgesprochen. So heißt es in Hebbels „Tagebüchern“ (6. August
    1838): „Die menschliche Seele ist doch ein wunderbares Wesen und der
    Zentralpunkt aller ihrer Geheimnisse ist der Traum.“ Und der Dichter
    Jean Paul, der seinen Träumen besondere Aufmerksamkeit und
    ein sorgfältiges Studium widmete, sagt: „Wahrlich, mancher Kopf
    würde uns mehr mit seinen Träumen als mit seinem Denken belehren,
    mancher Dichter mehr mit seinen wirklichen Träumen als mit seinen

    *Von Dr. Otto Rank.

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    gedichteten ergötzen, so wie der seichteste Kopf, sobald er in eine
    Irrenanstalt gebracht ist, eine Prophetenschule für den Weltweisen
    sein kann.“ Und an einer anderen Stelle bemerkt er ergänzend:
    „Besonders könnte ich mich wundern, warum man den Traum nicht
    gebraucht, um daran den unwillkürlichen Vorstellungsprozeß
    der Kinder, der Tiere, der Wahnsinnigen zu studieren, sogar
    der Dichter, der Tonkünstler und der Weiber.“
    Eine ähnliche Schätzung hat Ferdinand Kürnberger für den
    Traum: „Wahrlich, wären die Menschen sinniger, die feinen Winke
    der Natur zu beobachten und zu deuten, dieses Traumleben müßte
    sie aufmerksam machen. Sie müßten finden, daß von dem großen
    Rätsel, nach dessen Lösung sie dürsten, die Natur uns hier schon
    die erste Silbe eingeflüstert hat.“

    Der geistreiche Philosoph Lichtenberg, dem wir feine Beob-
    achtungen und Bemerkungen über dieses Thema verdanken, schreibt
    einmal: „Ich empfehle Träume nochmals. Wir leben und empfinden
    so gut im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als der
    andere einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge
    des Menschen, daß er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch
    den rechten Gebrauch davon gemacht. Der Traum ist ein Leben,
    das, mit dem unserigen zusammengesetzt, das wird, was wir mensch-
    liches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen
    allmählich herein, und man kann nicht sagen, wo das eine anfängt
    und das andere aufhört.“

    Und Nietzsche, den wir als direkten Vorläufer der Psycho-
    analyse auch auf diesem Gebiete anerkennen müssen, kennt ähnliche
    Beziehungen des Traumes zum Wachleben*: „Was wir im
    Traume erleben, vorausgesetzt, daß wir es oftmals erleben, gehört
    zulegt so gut zum Gesamthaushalt unserer Seele wie irgend etwas
    wirklich Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher und ärmer,
    haben ein Bedürfnis mehr oder weniger und werden schließlich am
    hellen lichten Tage und selbst in den heitersten Augenblicken unseres
    wachen Geistes ein wenig von den Gewöhnungen unserer Träume
    gegängelt.“

    Daß er auch hier nicht vor den Konsequenzen seiner Auffassung
    zurückschreckte, zeigt folgende Stelle aus der „Morgenröte“: „In
    allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume!
    Welche elende Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem
    Mute! Nichts ist mehr euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr
    euer Werk! Stoff, Form, Dauer, Schauspieler, Zuschauer – in diesen
    Komödien seid ihr alles ihr selber! Und hier gerade scheut und
    schämt ihr euch vor euch, und schon Ödipus, der weise Ödipus,
    wußte sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, daß wir nichts für
    das können, was wir träumen**. Ich schließe daraus: daß die
    große Mehrzahl der Menschen sich abscheulicher Träume


    *Vgl. dazu die Ausführungen oben S. 4 ff.

    **Es ist bezeichnend für Nietzsches Einstellung zum Ödipuskomplex, daß
    er hier einen doppelten Irrtum begeht: nicht Ödipus, sondern seine Mutter sucht
    Trost in der Bedeutungslosigkeit der Träume, aber Ödipus läßt sich dadurch nicht
    trösten.

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    bewußt sein muß. Wäre es anders: wie sehr würde man seine
    nächtliche Dichterei für den Hochmut des Menschen ausgebeutet
    haben!“

    Ähnlich wertet auch Tolstoi den Traum: „Wenn ich wache,
    kann ich mich wohl über mich selbst täuschen, der Traum dagegen
    gibt mir den rechten Maßstab für die Stufe sittlicher Vollkommenheit,
    die ich erreicht habe.“ (Nachl. Bd. III.)

    Und Lichtenberg urteilt: „Wenn Leute ihre Träume auf
    richtig erzählen wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus
    erraten als aus dem Gesicht.“

    Im gleichen Sinne hat sich jüngst noch Gerhart Hauptmann
    geäußert: „Alle verschiedenen Arten und Grade der Träume er-
    forscht zu haben, würde bedeuten, in einem weit tieferen Sinne, als
    irgend einem heutigen Kenner der menschlichen Seele zu sein.“ (Im
    Manuel Quint.)

    Ganz psychoanalytisch im Detail der Anweisung klingt endlich
    eine Eintragung aus Hebbels „Tagebüchern“: „Wenn sich ein
    Mensch entschließen könnte, alle seine Träume, ohne Unter-
    schied, ohne Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit
    und unter Hinzufügung eines Kommentars, der dasjenige
    umfaßte, was er etwa selbst nach Erinnerungen aus
    seinem Leben und seiner Lektüre an seinen Träumen
    erklären könnte, niederzuschreiben, so würde er der Mensch-
    heit ein großes Geschenk machen. Doch so wie die Menschheit jetzt
    ist, wird das wohl keiner tun; im stillen und zur eigenen Beherzigung
    es zu versuchen, wäre auch schon etwas wert.“

    Aber nicht nur die Bedeutung des Traumlebens für die Men-
    schenkenntnis wird von den Dichtern anerkannt, sondern sie wissen
    auch über das Wesen des Traumes im einzelnen viel Interessantes
    auszusagen, was sich oft auffällig mit den Ergebnissen der psycho-
    analytischen Forschung deckt. Der von den Traumdeutern und Traum-
    büchern seit jeher angewandte Kunstgriff, die Traumauslegung dem
    Beruf des Träumers anzupassen, findet sich in der Dichtung wieder-
    holt angedeutet, mit dem Hinweis, daß sich überhaupt die Gedanken
    des Tages ins Traumleben fortsetzen*). Die Auffassung, daß jeder
    Mensch seinen Interessen und Neigungen entsprechend träume, wird
    häufig in einer dem Wunscherfüllungsprinzip angenäherten
    Form ausgesprochen. So heißt es bei Chaucer (The Parlement of
    Foules, 99 ff.):

    „The wery hunter, sleping in his bed,
    To wode ayein his minde goth anoon;
    The juge dremeth how his plees ben sped;
    The carter dremeth, how his cartes goon;


    *)Besonders verwendet die an Träumen reiche mittelhochdeutsche Epik diese
    Eigentümlichkeit des Traumes, die auch der römische Dichter Claudius kennt:

    „Omnia quae sensu volvuntur rota diurno
    Petore sopito reddit amica quies.“

    (Riese, Anthol. lat. II, 1, II, p. 105.)

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    The riche of gold; the knight fight with his foon.
    The seke met he drinketh of the tonne;
    The lover met he hath his lady wonne.“

    Ähnlich hat Shakespeare in der berühmten Stelle von „Romeo
    und Juliet“ das Wirken der „Queen Mab“ geschildert:

    „And in this state she gallops night by night
    Through lovers’ brains and then they dream on love;
    O’er courtiers’ knees, that dream on court’sies straight,
    O’er lawyers’ fingers; who straight dream on fees,
    O’er ladies’ lips, who straight on kisses dream

    Sometimes she gallops o’er a courtier’s nose,
    And then dreams he of smelling out a suit;
    And sometimes comes she with a tithe-pig’s tail
    Tickling a parson’s nose as a’ lies asleep,
    Then dreams he of another benefice“ (Act I, Sc. 4).

    Und als Beispiel aus der deutschen Dichtung sei Johann Peter
    Uz mit einem Vers zitiert*:

    „Ein jeder gleichet seinen Träumen:
    Im Traume zecht Anakreon;
    Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen
    Und flattert um den Helikon.
    Für euch, Monaden, flicht mit Schlüssen
    Ein Liebling der Ontologie;
    Und allen Mädchen träumt von Küssen:
    Denn was ist wichtiger für sie?“

    Daß man sich in naiveren Zeitaltern auch vor der dichterischen
    Darstellung grob sexueller Traumbefriedigungen nicht scheute, mag
    das folgende griechische Liebesgedicht (Ausg. v. O. Kiefer) zeigen:

    Wohlfeil kuriert.

    Die Sthenelais, die Stadtentzündende, Feuerbezahlte,
    Welche die Wünschenden all überschütten mit Gold,
    Hat ganz nackt ein Traum in der Nacht mir zur Seite gezaubert;
    Bis zum lieblichen Licht hat sie mir alles gewährt.
    Nicht mehr werd’ ich nun knien vor der Grausamen; werde
    für mich nicht
    Forthin weinen; der Schlaf hat es mir alles gewährt.

    Als Gegenstück sei der griechische Schwank von dem weisen
    Richter genannt, „der einer Kurtisane das Spiegelbild ihres Lohnes
    empfahl, als sie von ihrem Liebhaber die Bezahlung forderte, weil er
    sie im Traume genossen hatte“ (v. d. Leyen, p. 98). Möglicherweise
    gehört in diesen Zusammenhang auch die Fabel von dem schönen
    Jüngling Endymion, den seine Geliebte Selene, so oft er von der
    Jagd ermüdet entschlummert war, liebend in zärtlicher Umarmung
    besuchte, und dem sein Vater Zeus auf seine Bitten ewigen Schlaf


    *Mitteilung von Winterstein im „Zbl. f. Ps.-A.“ II, 192.

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    und Jugend gewährte. Diese reizende Phantasie hat Wieland im
    „Musarion“ als erotischen Wunschtraum gefaßt:

    und wenn Endymion,
    (Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge,
    So schöne Träume gab) durch eine Million
    Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge
    Und träumt’, er schmaus’ am Göttertisch
    Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen

    Sprich, wer gestände unerrötend ein,
    Er wünsche sich Endymion zu sein?

    Nicht nur die wunschgerechte Fortsetzung des Wachdenkens
    im Schlafzustand ist den Dichtern bekannt, sondern auch die zweite
    bedeutsamere Traumquelle des infantilen Lebens. So sagt
    Dryden (The Cock and the Fox) vom Traum:

    „Sometimes forgotten things long coast behind
    Rush forward in the brain and come to mind.
    The nurse’s legends are for truth received,
    And the man dreams but what they boy believed.“

    Am schönsten hat Lenau diese Rückkehr des Träumers ins
    Jugendland als tröstende und wunscherfüllende Traummacht gepriesen:

    „Trägt aber uns der Schlaf mit weicher Hand
    Ins Zauberboot, das heimlich stößt vom Strand,
    Und lenkt das Boot im weiten Ozean,
    Der Traum herum, ein trunkner Steuermann,
    So sind wir nicht allein, denn bald gesellen
    Die Launen uns der unbeherrschten Wellen
    Mit Menschen mancherlei, vielleicht mit solchen,
    Die feindlich unser Innres tief verletzt,
    Bei deren Anblick sich das Herz entsetzt,
    Getroffen von des Hasses kalten Dolchen;
    An denen gerne wir vorüberdenken,
    Um tiefer nicht den Dolch ins Herz zu senken.
    Dann wieder bringen uns die Wellenfluchten,
    Wohin wir wachend nimmermehr gelangen,
    In der Vergangenheit geheimsten Buchten,
    Wo uns der Jugend Hoffnungen empfangen.
    Was aber hilft’s? Wir wachen auf – entschwunden
    Ist all das Glück, es schmerzen alte Wunden.
    Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
    Der ungestörten Einsamkeit.“

    E. T. A. Hoffmann, der dem Traum und ähnlichen Zuständen
    größte Beachtung schenkte, schreibt im „Kater Murr“ (I, 1): „Ewig
    unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußt-
    sein! – Wäre es möglich, daß dies mit einem Ruck geschehen könnte,
    ich glaube, der Schreck darüber müßte uns töten. Wer hat nicht schon
    die Angst der ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum, be-
     

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    wußtlosem Schlaf, empfunden, wenn er sich selbst fühlend, sich auf
    sich selbst besinnen mußte! – Doch, um mich nicht weit zu verlieren,
    ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungs-
    zeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem Emporsprossen
    des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle
    Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort und es sind
    wirklich die süßen, wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
    sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten,
    und die noch in uns forthallten.“

    Und Jean Paul sucht diese Traumregel, die Hebbel in die
    Formel faßt: „Alle Träume sind vielleicht nur Erinnerungen“, zu
    begründen: „Die weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche
    sich so viel nachherige eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer
    mehr als die Leere des vorherigen Tages.“ – „Der Traum setzt uns
    nach Herders schöner Bemerkung immer in Jugendstunden zurück;
    – ganz natürlich, weil die Enge der Jugend die tiefsten Fußtritte
    in dem Felsen der Erinnerung ließ, und weil eine ferne Vergangen-
    heit schon öfter und tiefer in den Geist eingegraben wird als eine
    ferne Zukunft.“

    Das diesem Infantilstreben zu Grunde liegende Problem der
    Regression hat Hebbel wenigstens geahnt: „Diejenigen Träume,
    welche etwas ganz Neues, wohl gar Phantastisches bringen, sind in
    meinen Augen bei weitem nicht so bedeutend als diejenigen, welche
    die ganze Gegenwart bis auf die leiseste Regung der Erinnerung töten
    und den Menschen in das Gefängnis eines längst vergangenen Zu-
    standes zurückschleppen. Denn bei jenen ist doch nur dasselbe Ver-
    mögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was mehr oder weniger
    annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man Phantasie zu
    nennen pflegt; bei diesen aber eine ganz eigentümliche, rätselhafte
    Kraft, die den Menschen im eigentlichsten Verstande sich selbst stiehlt
    und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblock einschließt.“
    (Tgb. 6. August 1838.)

    Und Nietzsche (Menschl. II, 27 ff.) hat es deutlich erkannt:
    „Im Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren
    Menschthums durch. … Der Traum bringt uns in ferne Zustände
    der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die
    Hand, sie besser zu verstehen.“

    Erfreulich ist auch, zu sehen, wie die Dichter gewisse hart-
    näckige Vorurteile, die jeder tieferen Traumerkenntnis im Wege stan-
    den, durch ihre kühne antithetische Auffassung zu tiefen Einsichten
    ummünzen. So führt Strindberg („Buch der Liebe“) die Meinung
    der Theosophen an, die lautet, wenn man die Dinge von der Astral-
    ebene anschaut, so zeigen sie sich verkehrt, und knüpft daran die
    Bemerkung: „Darum sind Träume oft umgekehrt zu deuten, durch
    Antiphrase und in Swedenborg ist eine Andeutung zu finden
    über diese pervertierte Art, die Dinge zu sehen.“ – Hebbel hat
    die scheinbare Unverständlichkeit der Traumbilder daraus erklärt, daß
    wir die Sprache des Traumes nicht verstünden, und auf seine Zusam-
    mensetzung aus einzelnen, den Buchstaben vergleichbaren Elementen,
    hingewiesen. („Tagebuch“ 1842): „Wahnsinnige, verrückte Träume, die

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    uns selbst im Traume doch vernünftig vorkommen: die Seele setzt
    mit einem Alphabet, das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren
    zusammen, wie ein Kind mit den 24 Buchstaben; es ist aber gar
    nicht gesagt, daß dies Alphabet an und für sich unsinnig ist.“

    Die Auffassung des Traumes als Schlafhüter, die gerade
    beim Erwachen infolge eines Reizes dem subjektiven Empfinden so
    sehr zu widersprechen scheint, hat bereits Jean Paul vertreten:
    „Sobald der Geist sogar zu stärkeren Angriffen von außen nur eine
    Traumgeschichte zu erfinden weiß, die jene motiviert und einwebt:
    so verlängert gerade der Traum den Schlaf.“

    Auch der uralte, wohl am tiefsten eingewurzelte Aberglaube von
    der divinatorischen Kraft des Traumes ist durch Hebbel im wahren
    Sinne des Wortes umgewertet worden: „Die Alten wollten aus dem
    Traum weissagen, was dem Menschen geschehen würde. Das war
    verkehrt! Weit eher läßt sich aus dem Traum weissagen, was er
    tun wird.“ Und in anderer Form:

    „Der Traum als Prophet.

    Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen?
    Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an.“

    Nach diesen Proben wird es uns nicht wundern zu erfahren, daß
    die Ausnahmemenschen, deren geistiges Leben in einem hohen Grade
    der Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung dient, im Verständnis des
    Traumes zu den tiefsten Einsichten gelangten. Ist die Konstatierung
    der Tagesanknüpfung und der Kindheitsreste nur eine – wenn auch
    scharfsichtige – Deskription des manifesten Trauminhaltes, so
    weisen einzelne feine Bemerkungen auf das Wirken latenter Traum
    faktoren und die ihnen entsprechende Dynamik des Trieblebens
    hin. Wenn Goethe einmal (12. März 1828) zu Eckermann sagt:
    „Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen ein-
    schlief; aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Ge-
    stalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am anderen
    Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen“, so kommt darin
    neben dem Wunschcharakter besonders der von der Traumarbeit be-
    wirkte Stimmungswechsel durch Affektverkehrung zur
    Geltung.

    Ganz Ähnliches berichtet Gottfried Keller in seinem Traum-
    buch (Baechtold I, 307): „Auffallend ist es mir, daß ich hauptsäch-
    lich, ja fast ausschließlich in traurigen Zeiten ... heitere und ein-
    fach liebliche Träume habe.“

    Mit voller Deutlichkeit ist die wunscherfüllende Tendenz
    des Traumes ausgedrückt in Lenaus „Savonarola“, wo der Dulder,
    nachdem er die Qualen der Folter erlitten hat, von Paradieswonnen
    träumt. Den gleichen Traumcharakter kennt E. T. A. Hoffmann,
    der noch die infantile Herkunft der tröstenden Traumbilder betont:
    „Wenn ich als ein Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der
    mühseligen Arbeit nachts auf dem harten Lager ruhte, dann kam
    der Traum und goß, mir in lindem Säuseln die heiße Stirn fächelnd,
    alle Seligkeit irgend eines glücklichen Moments, in dem mir die

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    ewige Macht die Wonne des Himmels ahnen ließ und dessen Be-
    wußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein Inneres“ („Doge und
    Dogaresse“).

    Die hier ausgesprochene Überzeugung von einer dem manifesten
    Inhalt oft entgegengesetzten Traumregung scheut auch nicht vor der
    äußersten Konsequenz der Anwendung auf den Angsttraum zu-
    rück, der mit unterdrückten erotischen Regungen in Be-
    ziehung gebracht wird. So sagt der nach einem genußreichen Leben
    asketisch gewordene Zacharias Werner:

    „Selbst in der sieben Hügel Schoß
    War das Gelüst mein Taggenoß,
    Mein Nachtgesell das Grauen!“

    In sehr hübscher symbolischer Einkleidung ist der Angsttraum
    eines Mädchens in einem Gedicht aus „Des Knaben Wunderhorn“ dar-
    gestellt*):

    Wenn ich den ganzen Tag
    Geführt hab’ meine Klag’,
    So gibt’s mir noch zu schaffen.
    Bei Nacht, wann ich soll schlafen
    Ein Traum mit großen Schrecken
    Tut mich gar oft aufwecken.

    Im Schlaf seh’ ich den Schein
    Des Allerliebsten mein,
    Mit einem starken Bogen,
    Darauf viel Pfeil’ gezogen,
    Damit will er mich heben
    Aus diesem schweren Leben.

    Zu solchem Schreckgesicht
    Kann ich stillschweigen nicht,
    Ich schrei mit lauter Stimmen:
    „O Knabe, laß dein Grimmen,
    Nicht wollst, weil ich tu’ schlafen,
    Jetzt brauchen deine Waffen!“

    Das dem Angsttraum zugeordnete Alpdrücken hat Shakespeare
    an der bereits erwähnten Stelle direkt auf den Sexualakt bezogen:

    This is the hag, when maids lie on their backs,
    That presses them, and learns them first to bear,
    Making them women of good carriage.
    (Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
    Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
    Als Weiber einst die Männer zu ertragen.)
    (Schlegel-Tieck.)


    *)Mitteilung von Winterstein im „Zbl. f. Ps.-A.“ II, 616.

    Freud, Traumdeutung, 5. Aufl.23

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    Ein moderner Lyriker endlich, J. R. Becher, hat direkt die
    psychoanalytische Auffassung des Angsttraumes in Verse gebracht
    (Gedichte, Berlin 1912):

    „Die Wünsche, die ich tags gedacht,
    Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte,
    werden die Ängste meiner Nacht.
    Sie glühen Wahn,
    den ich nicht fliehen kann,
    daß ich in Feuer rings und Flammen steh’,
    in der Geliebten meine Mutter seh’,
    meinen Vater wie einen Fraß der Hunde. . .

    Die in der Angsttheorie angedeutete dynamische Auffassung,
    wonach das Unbefriedigte, Unterdrückte im Seelenleben
    sich im Traum durchzusetzen sucht, hat ebenso häufig poetischen
    wie erkenntnismäßigen Ausdruck gefunden. In Schillers „Wallen-
    stein“ ist die stolze Gräfin Terzky überzeugt, daß des Feldherrn
    Unternehmens glücken müsse und erstickt alle trüben Ahnungen im
    Entstehen: „Aber,“ klagt sie, „wenn ich wachend sie bekämpft, sie
    fallen mein banges Herz in düstern Träumen an.“ Ähnlich heißt
    es in Grillparzers bekannten Versen:

    „Was die Brust im Wachen enget,
    aber treu verschließt der Mund,
    hat der Schlaf das Band gesprengt,
    tut es sich in Träumen kund“;

    die der Dichter an anderer Stelle im Sinne der Wunschtheorie ergänzt:

    „. . . Die Träume,
    Sie erschaffen nicht die Wünsche,
    Die vorhand’nen wecken sie;
    Und was jetzt verscheucht der Morgen,
    Lag als Keim in dir verborgen.“

    Gleiches findet sich wieder in Dichtungen moderner, der Psycho-
    analyse näherstehenden Autoren wie Artur Schnitzler:

    „Doch Träume sind Begierden ohne Mut,
    sind freche Wünsche, die das Licht des Tags
    zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele,
    daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.“
    („Der Schleier der Beatrice.“)

    oder Viktor Hardung:


    – – – – – Im Traum,
    Den wir doch zeugen aus geheimer Lust,
    Begehren, Angst, Verlangen ungestanden,
    Aus Süchten, unbekannt dem hellen Tag,
    Und unser eigen doch, wo wir sie leugnen.
    („Godiva*)“)

    *)Mitteilung im „Zbl. f. Ps.-A.“.

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    Ähnliche Gedanken haben Jean Paul und Hebbel geäußert;
    dieser im „Silvesternachtstraum“, wo es ganz allgemein heißt: „[Der
    Schlaf] verhilft auch den unterdrückten Elementen in der Menschen-
    natur, ja der Natur überhaupt, zu ihrem Rechte . . . . und wenn
    er sich an das Gesetz, das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht
    kehrt, wenn er unser gewöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und
    alle unsere Anschauungs- und Aneignungsformen durcheinander
    wirft, so geschieht das nur, weil er selbst der Ausdruck eines viel
    höheren Gesetzes ist.“ – Jener an einer Stelle, die speziell die aso-
    zialen, vom Kulturmenschen mit Mühe unterdrückten Regungen be-
    trifft: „. . . . das weite Geisterreich der Triebe und Neigungen
    steigt in der zwölften Stunde des Träumens herauf und spielt dicht
    verkörpert vor uns. Fürchterlich tief leuchtet der Traum in den
    uns gebauten Epikurs- und Augiasstall hinein, und wir sehen in
    der Nacht alle die wilden Grabtiere oder Abendwölfe ledig herum-
    streifen, die am Tage die Vernunft in Ketten hielt.“

    Die weitestgehende intuitive Vorwegnahme der psychoanalyti-
    schen Traumlehre aber müssen wir einem „Erleben und Erdichten“
    überschriebenen Abschnitt aus Nietzsches „Morgenröte“ zugestehen,
    wo der Traum als Mittel der halluzinatorischen Triebbefriedigung
    erkannt ist: „Vielleicht würde diese Grausamkeit des Zufalles (bei
    der Triebbefriedigung) noch greller in die Augen fallen, wenn alle
    Triebe es so gründlich nehmen wollten wie der Hunger: der sich
    nicht mit geträumter Speise zufrieden gibt; aber die meisten
    Triebe, namentlich die sogenannten moralischen, tun gerade dies, –
    wenn meine Vermutung erlaubt ist, daß unsere Träume eben
    den Wert und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade
    jenes zufällige Ausbleiben der ‚Nahrung‘ während des
    Tages zu kompensieren. . . . Diese Erdichtungen (des Trau-
    mes), welche unseren Trieben . . . . Spielraum und Entladung
    geben, – und jeder wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand
    haben, – sind Interpretationen unserer Nervenreize während des
    Schlafens, sehr freie, sehr willkürliche Interpretationen. . . . Daß
    dieser Text, der im allgemeinen doch für eine Nacht wie für die
    andere sehr ähnlich bleibt, so verschieden kommentiert wird, daß die
    dichtende Vernunft heute und gestern so verschiedene Ursachen
    für dieselben Nervenreize sich vorstellt: das hat darin seinen
    Grund, daß der Souffleur dieser Vernunft heute ein anderer war,
    als er gestern war, – ein anderer Trieb wollte sich befriedigen,
    betätigen, üben, erquicken, entladen, – gerade er war in seiner
    hohen Flut, und gestern war ein anderer darin.“*

    Alle diese Einsichten in das Wesen des Traumes, die sich uns
    zu einer der psychoanalytischen Auffassung nahestehenden Traum-
    theorie zusammenschlossen, sind eigentlich nur gelegentliche Abfalls-
    produkte der intuitiven Seelenkenntnis, die der Dichter in seinen
    Schöpfungen künstlerisch darstellt. Er ist zu diesem Wissen weder
    auf empirischem noch auf spekulativem Wege gekommen, und es

    *Diese Auffassung zeigt die wesentlichste Übereinstimmung mit der der
    typischen Träume.

  • S.

    356

    zeugt nur von der Echtheit und Unmittelbarkeit seiner Erfahrung,
    wenn in den poetischen Werken selbst die Träume eine praktische
    Verwendung finden, die ihrer geschilderten Schätzung und Würdigung
    durchaus entspricht.

    Vor allem fällt die Häufigkeit auf, mit der seit jeher die Volks-
    wie die Kunstdichtung den Traum im Dienste der Schilderung kom-
    plizierter Seelenzustände verwertet hat. Die Werke der schönen Lite-
    ratur – Epen, Romane, Dramen und Gedichte –, in denen Träume
    bedeutsam in die Handlung und das Seelenleben der Figuren ein-
    greifen, sind unzählbar. Von den homerischen Gedichten bis zum
    Nibelungenlied und den Kunstepen Miltons, Klopstocks, Wie-
    lands, Hebbels, Lenaus u. a., vom Roman gar nicht zu sprechen,
    der in manchen Richtungen, wie beispielsweise der weit in unsere
    moderne Literatur hineinreichenden romantischen, Traumerscheinun-
    gen zum unentbehrlichsten Requisit zählte. Ist doch bekannt, mit
    welcher Vorliebe Dichter wie Tieck, E. T. A. Hoffmann, Jean
    Paul ihre Personen träumen und diese Träume entscheidend auf
    den Gang der Handlung einwirken lassen. Selbst im Drama finden
    sich, wenn auch bei weitem seltener und bedeutungsloser, Träume
    verwertet, während anderseits die Einkleidung der ganzen Handlung
    in einen Traum sich gerade der Form des Schauspieles am ehesten
    anpaßt, wie die bekannten Stücke von Calderon, Shakespeare
    (Widerspenstige), Holberg (Jeppe paa Bierget), Grillparzer,
    Hauptmann (Schluck und Jau), Fulda (Schlaraffenland), in noch
    höherem Maße aber die modernen, von der wissenschaftlichen Traum-
    forschung nicht ganz unabhängigen Traumdichtungen von Strind-
    berg (Traumspiel), Paul Apel („Hans Sonnenstößers Höllenfahrt“),
    Franz Molnar („Das Märchen vom Wolf“), Streicher („Traum-
    land“) u. a. zeigen. Gelegentlich wird übrigens die Traumeinkleidung
    auch in den epischen Dichtungsformen mit Erfolg verwendet, wie
    beispielsweise in Dickens’ „Christmas Carol“ oder in dem einzig-
    artigen Werk des Zeichners Alfred Kubin („Die andere Seite“),
    dessen psychoanalytische Bedeutung Dr. Hanns Sachs (Wien) dar-
    gelegt hat („Imago“, I, 1912, p. 197). Endlich sind noch in der Lyrik,
    die in ihrem innersten Wesen dem Traum sehr nahe steht, derartige
    Einkleidungen immer sehr beliebt gewesen. Insbesondere Minne- und
    Meistergesang haben in Traumbildern geradezu geschwelgt und den
    Traum direkt als Wunscherfüller gepriesen. Am schönsten ist dies
    in manchen Liedern Walters von der Vogelweide, auf die be-
    reits Riklin hingewiesen hat. Die zahlreichen Traumgedichte des
    alten Hans Sachs würden eine eigene Bearbeitung erfordern; zur
    Charakterisierung sei nur die ergötzliche Darstellung angeführt, wie
    der Traum einem Krämer eine Dorfkirchweih mit glänzendem Erlös
    vorspiegelt in dem Moment, wo ihm spitzbübische Affen alles zer-
    stört und besudelt hatten*). Die Lyrik der Romantik und der ihr
    nahestehenden Richtungen ist hier noch besonders zu nennen: Heine,

    *)Über andere Traumgedichte Hans Sachsens vergleiche man die Literatur
    bei Hampe; zahlreiche Beispiele von Träumen in der epischen Literatur bei
    Nagele; für die Lyrik besonders Klaiber; eine interessante Zusammenstellung
    von „Träumen in Dichtungen“, „Kunstwart“ XX, 4.

  • S.

    357

    Chamisso, Mörike, Uhland, die Droste, Keller, Hebbel,
    Byron (The dream) und andere mehr haben Traumgedichte geschaf-
    fen; C. F. Meyers „Lethe“, Hebbels „Geburtsnachttraum“, Spit-
    telers Balladen „Der Vater“, „Das Begräbnis“, „Das Gastmahl“ und
    Ähnliches in des „Knaben Wunderhorn“ gehören zum Eindruckvollsten,
    was die Lyrik zu bieten hat.

    Besonders reizvoll wird es für den Psychoanalytiker, sich davon
    zu überzeugen, wie die als Dichtung oder in der Dichtung dargestellten
    Träume nach den empirisch ermittelten Gesetzen gebaut sind und
    sich der psychologischen Betrachtung wie wirklich erlebte Träume
    darbieten. Ja, manche Regeln sind als Nebenprodukt philologischer
    Forschung unmittelbar aus dem Studium der gedichteten Träume
    erschlossen worden. So zeigt Mentz an den französischen Volksepen,
    „wie Träume, welche von einer Person in derselben Nacht
    geträumt werden, immer zusammengehören und ein Gan-
    zes, Einheitliches darstellen“ (p. 45). Oder Jaehde findet in
    den englisch-schottischen Volksballaden, in denen Träume aus zwei
    zeitlich aufeinanderfolgenden Bildern bestehen, daß „das erste nur
    symbolisch und unklar andeutet, was das zweite klar und
    unverhüllt erkennen läßt“. Dies bezieht sich, wie wir wissen*,
    insbesondere auf die Symbolik, die ja dem Dichter als poetisches
    Ausdrucksmittel geläufig ist. So hat Ovid im 3. Buche der „Amores“
    als 5. Elegie in ausführlicher Weise einen Traum geschildert, in dem
    die Hitze als Liebesglut, die Kuh als Geliebte, der Stier als der liebes-
    begierige Träumer gedeutet wird**. Eine andere, uns gleichfalls aus
    dem Traumstudium geläufige Sexualsymbolik verwendet Byron im
    VI. Gesange des „Don Juan“, wo der Held als Frau verkleidet das
    Lager der Dudu teilt, die aus einem symbolisch dargestellten Sexual-
    traum, der sich an den Sündenfallmythos anlehnt, mit Angst er-
    wacht***. Daß gelegentlich einem Dichter die eigentliche Bedeutung
    gewisser typischer Symbole ganz klar werden konnte, beweist die
    Schilderung der eleusinischen Mysterien in der XII. römischen Elegie
    Goethes†, wo es heißt:

    „Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise
    Seltner Gestalten; im Traum schien er zu wallen; denn hier
    Wanden sich Schlangen am Boden umher, verschlossenes
    Kästchen,
    Reich mit Ähren umkränzt, trugen hier Mädchen vorbei:

    Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,
    Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
    Und was war das Geheimnis, als daß Demeter, die große,
    Sich gefällig einmal auch einem Helden bequem t,
    Als sie dem Saon einst, dem rüstigen König der Kreter,

    *Vgl. oben S. 229.

    **Näheres in der Mitteilung Abrahams im „Zentralblatt für Psycho-
    analyse“ II, p. 160.

    ***Den Text hat Rosenstein ebenda p. 161 mitgeteilt.

    †Vgl. die Mitteilung von Winterstein, ebenda p. 291 f.

  • S.

    358

    Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt,
    Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der Göttin
    Schwoll von Ähren und reich drückte der Acker die Saat.“

    Wie ein moderner Autor den typischen Geburtstraum in voll-
    korrekten Symbolen darzustellen weiß, möge schließlich ein
    Beispiel aus allerneuester Zeit illustrieren:

    In Moritz Heimanns Tragödie „Der Feind und der Bruder“*)
    erzählt eine junge Frau ihren Traum, der von einer älteren, die
    bereits Mutter war, als Schwangerschafts- respektive Geburtstraum ge-
    deutet wird; wir dürfen dies als intuitive Bestätigung der typischen
    psychoanalytisch eruierten Symbolik von Wasser (Geburtswasser) und
    Kästchen – hier Glocke – (Mutterleib) ansehen:

    Pallas.

    Vergangne Nacht sah ich im Meer mich schwimmen;
    und vor mir schwamm auf der lichtblinden Bahn
    ein schimmerndes Gebilde, eine Glocke
    von rosenfarbnem Blut, ätherisch leuchtend,
    daß sie zu klingen schien, – da regte sich,
    an einem Fels empört, das glatte Wasser,
    und jäh zerschlug der Sturz der Nereïde
    dort vor mir die Gestaltung, daß sie riß
    und ich davon in meinem Weiberleib –
    sieh: hier – den heißen Stich des Schmerzes so empfing –

    Maddalena.

    Erwachtest du? Pallas.

    Noch nicht. Es hob mich nur
    aus tiefem Traum zu minder tiefem Traum,
    und wieder schwamm ich, und vor mir, fast schon
    am Horizont, doch immer sichtbar, schwebten
    zwei Glocken, eine wie die andre, zart
    und feurig doch, und zogen her vor mir
    bis in den uferlosen luft’gen Gischt
    von Licht, darin ich dann erwachte, müd
    und mit dem wunderlichen Schmerz, der jetzt
    beim Steigen wieder mich erinnerte
    an meinen Traum und an – ich weiß nicht was.

    Maddalena.
    Wo saß der süße Schmerz?
    (Sie legt eine Hand auf Pallas Brust.)

    Und fühlst du etwa
    auch schon die zarten Brüstchen leise tickend
    sich dir entfremden, einem andern zu?
    Zwei wird zu eins; und daß die Rechnung stimme,
    wird danach eins zu zwei, du junge Frau.


    *)Berlin, S. Fischer, 1911.

  • S.

    359

    Detaillierte Untersuchungen über die in poetischer Darstellung
    verwendeten Träume sind leider erst vereinzelt unternommen worden,
    doch haben sie bereits wertvolle Einblicke in die dichterische Seelen-
    kenntnis und das Wesen der künstlerischen Schöpfung gewährt. Es
    ist erfreulich, daß die erste derartige auf psychoanalytischer Grund-
    lage ruhende Studie von einem Literarhistoriker herrührt, der die
    Bedeutung der analytischen Traumpsychologie frühzeitig erkannte
    und erfolgreich für sein Fachgebiet zu verwerten suchte. Es stand
    ihm allerdings das denkbar günstigste Material zu Gebote: „die
    Träume in Gottfried Kellers ‚Grünem Heinrich‘.“ Aus der kleinen
    Schrift von Ottokar Fischer, die im einzelnen eine Reihe von Be-
    stätigungen der psychoanalytischen Traumlehre liefert, sei nur eine
    Stelle zur Probe angeführt:

    „Dem Träumenden gibt sich, ihm selber unbewußt und un-
    erwartet, ein gutes Stück seiner Ideenwelt und nicht zuletzt der
    eigentliche Inhalt seiner verborgenen, selbst uneingestandenen Wün-
    sche kund. Im Traum erst bemächtigt sich Heinrichs grenzenloses
    Heimweh, da er im Wachen nicht Zeit gefunden hat, sich den Ge-
    fühlen hinzugeben. Im Traum erst tritt alles das in den Vordergrund,
    was bei Tage übertönt und nicht beachtet wurde, und was sich in
    seiner wahren Gestalt darstellen mußte als Vorwurf, Schmerz oder
    Sehnsucht. Ja, Sehnsuchtsträume sind so gut wie alle im ‚Grünen
    Heinrich‘ geschilderten Träume.“

    „Der Roman ist aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Mutter
    und Sohn. Im Mittelpunkte von Heinrichs Träumen befindet sich
    der Gedanke an die Mutter, Sehnsucht nach ihr, Sorge um sie und
    doch Scham, sich zu dergleichen Gefühlsdüseleien zu bekennen. Wieder
    trifft die allgemeine Bemerkung zu, in den Träumen stellen sich
    Ideen ein, die im Wachen unwirsch bei Seite geschoben wurden.
    Heinrich macht sich in der Tat eines argen Vergehens schuldig, in
    dem er an die Mutter nicht schreibt, ja, er will an sie kaum denken
    und ist sich selber seiner wahren Gefühle ihr gegenüber gar nicht
    bewußt. Erst der Schlaf klärt ihn über das eigene Empfinden auf“
    (p. 17 ff.).

    Beschränkt sich diese Untersuchung auf den Nachweis, daß
    die allgemeinen Traumgesetze auch in den erdichteten oder dichte-
    risch verwerteten Träumen wirksam und aufzuzeigen sind, so be-
    müht sich eine andere, gleichfalls von keinem Arzt unternommene
    Arbeit, an einem einzelnen Beispiel die analytische Deutungstechnik
    im Detail anzuwenden. Mit ihrem ganzen Rüstzeug versehen, hat
    Dr. Alfred Robitsek an der „Analyse von Egmonts Traum“ ge-
    zeigt, daß der vom Dichter seinem Helden beigelegte Traum sich der
    Analyse gegenüber nach jeder Richtung hin wie ein wirklich geträumter
    erweist. Durch Zerlegung in seine Elemente und die Heranziehung der
    zugehörigen Partien der Dichtung gelang es, „die Anknüpfungen an
    Wachgedanken und ‚Tagesreste‘ nachzuweisen, seine Symbolik zu deu-
    ten, hinter dem manifesten den latenten Inhalt zu zeigen, den Cha-
    rakter der Wunscherfüllung im allgemeinen und einzelnen zu finden“.
    Der Autor konnte sich dabei wie bei seinen Schlußfolgerungen auf
    eine paradigmatische Untersuchung stützen: auf die bereits (S. 68

  • S.

    360

    Anmkg.) erwähnte Analyse des Wahns und der Träume in W. Jenſens,
    „Gradiva“, welche gestattet hatte, die vom Dichter zur Schil-
    derung des Seelenzustandes seines Helden eingeflochtenen Traumbilder
    in die ihnen zu Grunde liegenden Gedanken zu übersetzen und in
    den Zusammenhang des seelischen Geschehens einzufügen. Die daraus
    gefolgerte intuitive Einsicht des Dichters in die Mechanismen der
    Traumbildung nötigt zu dem Schluß, daß er bei seiner Produktion
    aus derselben Quelle schöpft, die der Analytiker mit seiner mühseligen
    Technik erschließen muß, nämlich aus dem Unbewußten*.

    Wir stehen hier wieder vor dem interessanten Problem, von
    dem wir ausgegangen waren, der Verwandtschaft des poetischen
    Schaffens mit der Traumproduktion. Frühzeitig schon müssen die
    Menschen hier einen Zusammenhang beobachtet haben, welchen die
    Alten in ihrer naiven Weise so auffaßten, daß irgendwie bevorzugten
    Sterblichen von einem Gott die Dichtergabe im Traume verliehen
    worden sei: Von den großen Epikern Homer und Hesiod glaubten
    sie dies und erzählten es auch von ihrem ursprünglichsten Dramatiker
    Aischylos. Auch in aufgeklärteren Zeitaltern konnte man sich
    ähnlichen Eindrücken nicht ganz entziehen, besonders da die Dichter
    selbst an solche Quellen ihrer Inspiration glaubten, wie wir es bei
    spielsweise von Pindar u. a. wissen**. Daß wir in dem Glauben
    vom Ursprung der Dichtkunst aus dem Traum „ein altes indoger-
    manisches Motiv“ (Henzen) vor uns haben, zeigt sich in dem zähen
    Festhalten an der in verschiedener dichterischer Einkleidung immer
    wieder auftauchenden Idee. Als Beispiel sei auf Hans Sachsens
    „Dichterweihe“ verwiesen und in der daran anknüpfenden „Zueignung“
    von Goethe hat man einen letzten Ausläufer dieses Themas erkannt.
    Es ist auch kein Zufall, wenn Richard Wagner gerade seinem
    Hans Sachs die bekannten Verse in den Mund legt:

    „Mein Freund, das grad' ist Dichters Werk,
    daß er sein Träumen deut' und merk'.
    Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
    wird ihm im Traume aufgetan:
    All' Dichtkunst und Poeterei
    ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
    Was gilt's, es gab der Traum euch ein,
    wie heut' ihr sollet Sieger sein?“
    (Meistersinger, III. Akt.)

    Ähnliches hat Hebbel ausgesprochen in dem epigrammatischen
    Gedicht „Traum und Poesie“, wo es heißt:

    *In dem mir unzugänglich gebliebenen erzählenden Gedicht „Faira“ sagt
    Jensen über die Träume:

    „Oft ist das Leben Traum mit wachem Blick,
    Doch Traum ist Leben der gefangenen Seele,
    ein stummer Götterbote Wanaheims,
    des Lichtpalastes tief am Meeresgrund,
    drin nichts sich vor kristallner Wandung birgt.“
    („Sonnenwende“, Berlin 1882.)

    **Man vgl. auch die Erzählung Bedas von dem Dichter Caedmon (Beda
    historia eccl. ed. Holder lib. IV, cap. 24).

  • S.

    361

    „Träume und Dichtergebilde sind eng miteinander verschwistert,
    Beide lösen sich ab oder ergänzen sich still-
    und in einzelnen Tagebuchnotizen:

    „Mein Gedanke, daß Traum und Poesie identisch sind, bestätigt
    sich mehr und mehr.“
    „Der Zustand dichterischer Begeisterung (wie tief empfind’ ich’s
    in diesem Augenblick) ist ein Traumzustand, so müssen andere Men-
    schen sich ihn denken. Es bereitet sich in des Dichters
    Seele vor, was er selbst nicht weiß.“

    Derartige Beobachtungen und Bekenntnisse sind bei den Dich-
    tern nicht vereinzelt. Wir wissen unter anderem von Goethe, daß
    er viele seiner Gedichte „instinktmäßig und traumartig niederzu-
    schreiben sich getrieben fühlte“ und Paul Heyse sagt in seinen
    Jugenderinnerungen, persönliche Erfahrungen verallgemeinernd: „Nun
    vollzieht sich freilich der letzte Teil aller künstlerischen Erfindun-
    gen in einer geheimnisvollen unbewußten Erregung, die mit dem eigent-
    lichen Traumzustand nahe verwandt ist.“

    Häufig sind es auch ganz spezielle Erlebnisse, welche zur
    Konstatierung dieser Beziehungen geführt haben. Dichtern, die ihren
    Träumen besondere Aufmerksamkeit schenkten, wie Hebbel oder
    Gottfried Keller, ist eine gewisse Abhängigkeit der poetischen Pro-
    duktion von ihrem Traumleben aufgefallen. Am 6. November 1843
    schreibt jener in Paris: „Als ich noch dichterische Werke ausführte,
    träumte ich dichterisch, nun nicht mehr.“ Nachdem er eine Reihe
    seltsamer Träume angeführt hat, fährt er in einem Gedichte fort:

    „Damals aber konnt’ ich noch keine Tragödien dichten,
    Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus.
    Wären die Träume vielleicht nur unvollkommene Gedichte?
    Ist ein gutes Gedicht ein vollkommener Traum?“

    Bei Keller ist ganz deutlich zu sehen, wie er eine rein subjektive,
    dem Tagebuch (15. Jänner 1848) anvertraute Beobachtung dem ihm
    am nächsten stehenden Helden, dem „Grünen Heinrich“ zuschreibt:
    „Wenn ich am Tage nichts arbeite, so schafft die Phantasie im Schlafe
    auf eigene Faust, aber das neckische, liebe Gespenst nimmt seine
    Schöpfungen mit sich hinweg und verwischt sorgfältig alle Spuren
    seines spukhaften Wirkens.“ (Tagebuch bei Baechtold I, 308.)

    „Seit ich nämlich die Phantasie und ihr ungewohntes Gestal-
    tungsvermögen nicht mehr am Tage beschäftigte, regten sich ihre
    Werkleute während des Schlafes mit selbständigem Gebaren und schu-
    fen mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetüm-
    mel.“ (D. Gr. H. 4, 102.)

    Andere Male tritt an Stelle dieses vikariierenden Verhältnisses
    von Traum und Dichtung ein förderndes oder gar eine Identität.
    Hieher gehören die zahlreichen Fälle, in denen einzelne im Traum
    aufgetauchte Verse und Reime oder ganze Gedichte sich als poetisch
    wertvoll erwiesen haben sollen, wie in dem bekannten Beispiel von
    Coleridges „Kubla Khan“, dessen Sicherheit H. Ellis jedoch
    neuerdings bezweifelt hat (Welt d. Tr., p. 269). Andere Dichter haben

  • S.

    362

    wieder Geträumtes zum dichterischen Schaffen ver
    wertet oder in poetische Form gebracht. So sind Uhlands Gedichte „Die Harfe“
    und „Die Klage“ nach Träumen gedichtet, Hebbels „Traum“ (,,ein
    wirklicher“) und manches Lied von Mörike, Keller u. a. Auch
    Erzähler wie Stevenson, Ebers, Lynkeus (Jos. Popper) haben
    zugegeben, daß sie einzelne Stoffe oder Motive ihren Träumen ver
    danken. Ja selbst höhere künstlerische Leistungen, als im Wach
    leben möglich sein sollen, werden dem Traum zugeschrieben; das
    berühmteste Beispiel dieser Art, Tartinis Teufelssonate, wird aller
    dings auch bezweifelt (Ellis l. c. p. 269), und derartige poetische
    Darstellungen, wie E. T. A. Hoffmanns „Musiker Kreisler“, kom
    men als Beweis kaum in Betracht.

    Es ist begreiflich, daß diese nahe, oft für Wesensgleichheit
    gehaltene Verwandtschaft von Traum und Kunst dazu anregte, auf
    Grund mancher Einsichten in das eine Phänomen die Rätsel des
    anderen zu erschließen. Besonders den Romantikern unter den Dich
    tern und Philosophen mußte dies sehr nahe liegen. Bereits 1796 hat
    Tieck (in seiner Vorrede zu Shakespeares „Sturm“) ein förm
    liches Programm einer solchen Ästhetik entworfen, aus dem folgende
    Stelle angeführt sei: „Shakespeare, der so oft in seinen Stücken ver
    rät, wie vertraut er mit den leiseten Regungen der menschlichen
    Seele sei, beobachtete sich wahrscheinlich in seinen Träumen, und
    wandte die hier gemachten Erfahrungen auf seine Gedichte an. Der
    Psychologe und der Dichter können ganz ohne Zweifel ihre Erfahrun
    gen sehr erweitern, wenn sie dem Gange der Träume nachforschen.“

    Schopenhauer, der in Anlehnung an die Weltbetrachtung der
    Inder einem extremen „Traumidealismus“ huldigte, hat ähnliche An
    schauungen auch in bezug auf die Kunst vertreten. An einer Stelle
    des Nachlasses, wo er „über die Dichtkunst“ handelt (Reclam Bd. 4,
    p. 391 u. ff.), heißt es: „Daher sage ich, die Größe des Dante be
    steht darin, daß, während andere Dichter die Wahrheit der wirklichen
    Welt haben, so hat er die Wahrheit des Traumes: er läßt uns
    unerhörte Dinge gerade so sehen, wie wir dergleichen im Traume
    sehen, und sie täuschen uns eben so. Es ist, als ob er jeden Gesang
    die Nacht über geträumt und am Morgen aufgeschrieben hätte. So sehr
    hat alles die Wahrheit des Traumes. ... Überhaupt, um sich von
    dem Wirken des Genius im echten Dichter, von der Unabhängigkeit
    dieses Wirkens von aller Reflexion einen Begriff zu machen, be
    trachte man sein eigenes poetisches Wirken im Traum: „... wie
    weit übersteigen solche Schilderungen alles, was wir mit Absicht
    und aus Reflexion vermöchten: wenn Sie einmal aus einem recht
    lebhaften und ausführlichen dramatischen Traume erwachen, so gehen
    Sie ihn durch und bewundern Ihr eignes poetisches Genie. Daher
    man sagen kann: ein großer Dichter, z. B. Shakespeare, ist ein
    Mensch, der wachend tun kann, was wir alle im Traum.“

    Ähnlich heißt es bei Jean Paul: „Die Phantasie kann im
    Traume am schönsten ihren hängenden Garten aufspannen und über
    blümen, und sie nimmt darein besonders die aus den liegenden so
    oft vertriebenen Weiber auf. Der Traum ist unwillkürliche

  • S.

    363

    Dichtkunst* und zeigt, daß der Dichter mit dem körperlichen
    Gehirn mehr arbeitet als ein anderer Mensch. … Der echte
    Dichter ist ebenso im Schreiben nur der Zuhörer, nicht der Sprach-
    lehrer seiner Charaktere … er schaut sie wie im Traume lebendig
    an und dann hört er sie.“

    Und Nietzsche preist in seinem Jugendwerk: „Die Geburt der
    Tragödie aus dem Geiste der Musik“ den Traum als eine der Quellen
    der Kunst: „Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins,
    so verhält sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Welt des
    Traumes; er sieht genau und gerne zu: denn aus diesen Bildern
    deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für das
    Leben. Nicht nur etwa die angenehmen und freundlichen Bilder sind
    es, die er mit jener Allverständigkeit an sich erfährt: auch das Ernste,
    Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen Hemmungen, die Neckereien
    des Zufalles, die bänglichen Erwartungen, kurz die ganze „göttliche
    Komödie“ des Lebens, mit dem Inferno zieht an ihm vorbei, nicht
    nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in diesen
    Szenen – und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des
    Scheines; und vielleicht erinnert sich mancher, gleich mir, in den
    Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermutigend
    und mit Erfolg zugerufen zu haben: „Es ist ein Traum! Ich will ihn
    weiter träumen!“** Wie man mir auch von Personen erzählt hat,
    die die Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr
    aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im Stande waren: Tat-
    sachen, welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes
    Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust
    und freudiger Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.“

    Die Ähnlichkeiten zwischen Traum und Dichtung wurden dann
    besonders von idealistischen Ästhetikern wie Vischer und Volkelt
    studiert. So sagt Vischer, „daß alle die Gestalten, die die großen
    Dichter geschaffen, von einem Traumhauch umwittert sind“. „Was
    nicht Traumcharakter hat, ist nicht schön, nicht vollendet, nicht
    poetisch, nicht wahrhaft künstlerisch.“

    Neuerdings hat Artur Bonus die Bedeutung des Traumes für
    das Verständnis der künstlerischen Technik betont und den Traum
    als das denkbar günstigste Mittel bezeichnet, um sich über das eigent-
    liche Wesen des künstlerischen Schaffens zu verständigen. Den am
    weitesten gehenden Versuch, die Psychologie der Traumvorgänge
    zur Erklärung der ästhetischen Grundphänomene zu verwerten, hat
    Artur Drews in einer 1901 erschienenen Abhandlung: „Das ästhe-
    tische Verhalten und der Traum“ unternommen. Er geht von dem


    *Kant nennt in der „Anthropologie“ den Traum eine unwillkürliche Dicht-
    kunst.

    **Vgl. Hebbels Verse:

    „Den längsten Traum begleitet
    Ein heimliches Gefühl,
    Daß alles nichts bedeutet
    Und wär’ es noch so schwül.“

  • S.

    364

    auch psychoanalytisch* am ehesten zugänglichen Problem der wider-
    spruchsvollen Doppelstellung des Genießenden aus und führt dessen
    gleichzeitige Einstellung zum Kunstwerk als Wirklichkeit und
    als Schein auf die das Traumleben charakterisierende reale Spaltung
    unseres Bewußtseins in ein Ober-
    und Unterbewußtsein zurück. „Das
    Kunstwerk vermag nur dadurch jene suggestive Wirkung ausüben,
    daß es mit Umgehung des Oberbewußtseins sich gleichsam direkt
    an das Unterbewußtsein wendet.“ Das Oberbewußtsein aber kenn-
    zeichnet diesen anschaulichen, konkreten und sinnlichen Inhalt des
    Unterbewußtseins als Schein. So wird das ästhetische Verhalten „nur
    möglich, weil der Glaube an den Schein und die Durchschauung
    des Scheins in zwei getrennten Bewußtseinssphären existieren, die
    sich zur höheren Einheit des ästhetischen Bewußtseins aufheben.
    „Im Unterbewußtsein selbst ist das Ideale vom Realen nicht ver-
    schieden.“ „Diese ganze symbolisierende Tätigkeit, die heute immer
    allgemeiner als der Kern des ästhetischen Verhaltens anerkannt wird,
    ist nur die Tätigkeit des Traumbewußtseins, welche darin beruht,
    Symbole zu schaffen, seine eigenen subjektiven Zustände in ein ob-
    jektives Gewand zu kleiden und in Bilder, Gestalten und Vorgänge
    umzuwandeln.“ „Bei dieser Übereinstimmung zwischen dem Inhalt
    des Traumbewußtseins und dem ästhetischen Schein können wir in
    der Tat nicht zweifeln, daß das ästhetische Verhalten auf der Ent-
    fesselung des Traumbewußtseins beruht.“ – „Das Traumbewußtsein
    zeigt eine Herabminderung der Intelligenz ins Kindliche, Unent-
    wickelte, Rudimentäre, Naive“ und ähnlich läßt sich nach Drews
    „das ästhetische Verhalten mit seiner instinktiven Symbolisierungs-
    und Personifikationstendenz geradezu als ein zeitweiliger atavisti-
    scher Rückschlag in die Kindheitsanschauungen der Menschheit be-
    trachten, wo jeder Gegenstand lebendig erscheint“. Diesen letzten
    Gesichtspunkt hatte bereits Du Prel in seinen auf dem Traumstudium
    basierenden Untersuchungen „Zur Psychologie der Lyrik“ verwendet,
    die er als eine Art „paläontologischer Weltanschauung“ zu verstehen
    sucht. Erwähnenswert ist, daß er den uns aus der Traumarbeit be-
    kannt gewordenen „Verdichtungsprozeß von Vorstellungsreihen“ bei
    jeder Art künstlerischer Produktion findet und zum Wesen der In-
    tuition überhaupt rechnet**. Er fußt dabei auf der Anschauung,
    „daß das Denken auf einem unbewußten Verfahren beruht und hier
    das Schlußresultat desselben fertig ins Bewußtsein tritt. Dies ist
    besonders der Fall bei der echten künstlerischen Produktion und


    *Vgl. dazu Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die
    Geisteswissenschaften, Kap. V.

    **Auf Grund eines Ausspruches von Mozart über die Art seiner Produktion
    sieht Du Prel „das Geheimnis musikalischer Konzeption in der Verdichtung von
    Gehörsvorstellungen“ (Phil. d. Mystik, p. 89). Neuerdings hat Hans Thoma ver-
    sucht, auch das Schaffen des Malers aus einem dem Traumzustand verwandten
    „inneren“ Schauen zu verstehen: „… Es tritt hier das ein, was man beim
    künstlerischen Schaffen als das Unbewußte bezeichnet, das der Grund ist des
    großen Zaubers, den die Unerklärlichkeit der hohen Kunstwerke ausübt. Auch
    der Schaffende hat keine Erklärung, weil etwas mit ihm geschehen, das von
    einem geheimnisvollen Wirken der Natur aus sein Schaffen geleitet hat, daß er
    doch bei aller verstandesmäßigen Findigkeit in bezug auf sein Material und Hand-
    werk wie in einem Traumzustand schaffen konnte.“

  • S.

    365

    überhaupt bei jeder genialen Leistung, im kleinen aber immer dann,
    wenn zu Tage kommt, was man im Deutschen einen Einfall, im Fran-
    zösischen un aperçu nennt“.

    So beachtenswert diese Ergebnisse einer auf dem Studium des
    Traumes fußenden Psychologie des Kunstwerkes auch sind, und so
    nahe sie durch Berücksichtigung des Unbewußten an die psycho-
    analytische Auffassung heranrücken, so bleiben sie doch immer recht
    allgemein und entbehren überzeugender Detailnachweise. Erst mit
    Hilfe des analytischen Verständnisses der Traumarbeit und der Er-
    kenntnis des Unbewußten ist es möglich geworden, mit der Paralleli-
    sierung von Traum und Dichtung, die bisher eigentlich immer nur
    ein, wenn auch zutreffendes, Gleichnis geblieben war, Ernst zu machen.
    Unsere vertiefte Einsicht in die Mechanismen sowie in den Sinn und
    Gehalt der Traumbildungen gestattet auch ein besseres Erfassen des
    nahestehenden künstlerischen Schöpfungsprozesses. Dabei leisten die
    sogenannten Phantasien oder Tagträume als ein Zwischenreich zwi-
    schen der Welt des Traumes und der Poesie wertvolle Dienste. Diese
    Produkte des Wachzustandes, welche die Sprache selbst mit unseren
    nächtlichen Erzeugnissen in engste Beziehung bringt, zeigen manches
    deutlich, was im Traume oft nur entstellten Ausdruck finden kann.
    Sie verraten uns einzelne Charaktere der Phantasietätigkeit, die der
    Traum erst mühseligem Studium preisgibt und die auf die Mitmenschen
    berechnete Dichtung kaum mehr erkennen läßt. Dazu gehören vor
    allem die egozentrische Einstellung des Phantasierenden, ferner der
    Wunscherfüllungscharakter seiner Schöpfungen und ihre erotische
    Färbung. Diese Tagträume, die manche Dichter selbst als Vorstufen
    ihres poetischen Schaffens erkannt haben, entsprechen unentstellten
    Träumen wie die Dichtungen etwa nach verschiedener Richtung ideali-
    sierten entsprechen. Sie erleichtern uns den Rückschluß von der
    Psychologie des Träumers auf die Psychologie des Künstlers und
    lassen deutlich erkennen, daß die unbewußten Triebkräfte wie der
    psychische Inhalt in beiden Fällen dieselben sind und nur die als
    „sekundäre Bearbeitung“ gekennzeichnete Formgebung sich in wesent-
    lichen Punkten unterscheidet. Im Grunde aber schafft auch der
    Dichter sich in seinem Werke eine mannigfach entstellte und sym-
    bolisch eingekleidete Erfüllung seiner geheimsten Wünsche, auch er
    ermöglicht den in der Kinderzeit verdrängten, aber im Unbewußten
    mächtig fortwirkenden Triebregungen zeitweise Befriedigung und Ab-
    fuhr (Katharsis).

    Dies läßt sich aber aus den Träumen, als einem ähnlichen Vor-
    gang, nicht bloß erschließen, sondern gewisse Traumbilder gestatten,
    diese allgemein menschlichen Triebregungen aufzuzeigen und ihre
    Wandlungen bis zum Kunstwerk im einzelnen zu verfolgen. Es
    sind dies die sogenannten „typischen Träume“, die uns bereits über
    einzelne psychische Traumquellen entscheidende Aufschlüsse gegeben
    haben.

    So hat der (S. 167 ff.) ausführlich erörterte Nacktheitstraum An-
    laß gegeben, sich mit ähnlichen Gestaltungen der dichterischen Phan-
    tasie zu beschäftigen und in ihnen die gleichen von der psychischen

  • S.

    366

    Zensur gehemmten Triebregungen wirksam zu zeigen*. Die im Text
    bereits erörterte Erzählung Andersens wie die Nausikaa-
    Episode aus der Odyssee konnten als gesetzmäßige Typen einer großen
    Gruppe von Phantasieschöpfungen eingeordnet werden, die sich als
    verschieden weitgehende und mannigfach eingekleidete Verdrängungs-
    produkte der infantilen Zeigelust erwiesen, welche in den Exhibitions-
    träumen so charakteristischen Ausdruck findet. Als solche typische
    Gestaltungen verdrängter exhibitionistischer Regungen ergaben sich
    die auch mythisch nachweisbaren dichterischen Motive der Kleider-
    pracht (Monna Vanna), der Fesselung (Odyssee), der körperlichen
    Entstellung (Armer Heinrich), der Unsichtbarkeit (Lady Godiva),
    die in entsprechenden Traumsituationen (Kleidungsdefekt, Hemmung
    usw.) ihr Vorbild und in gewissen neurotischen Symptomen (Urticaria)
    oder Phantasien sowie einzelnen Perversionen (Kleiderfetischismus
    usw.) gut verstandene Gegenstücke finden. Alle diese Gestaltungen
    des Nacktheitsmotivs beziehen ihre Triebkraft vorwiegend aus der
    namentlich den Eltern geltenden Sexualneugierde des Kindes, wobei
    die Regungen, welche eine Befriedigung der verbotenen Gelüste an
    streben, in gleicher Weise Ausdruck finden wie die hemmenden, ver-
    drängenden Strebungen des kulturell eingestellten Ich. Während aber
    die Sage die entsprechende Traumsituation veräußerlicht, gleichsam
    materialisiert, scheint die Dichtung ihre Verinnerlichung und Verfei-
    nerung anzustreben.

    Die Heranziehung der typischen Träume zum Verständnis an-
    derer weitverbreiteter Dichtungsstoffe steht zum guten Teil noch
    aus, weil einerseits das Traumleben in dieser Hinsicht analytisch
    noch nicht genügend erforscht ist, andererseits das vielfach überarbeitete
    Material der Dichtung nicht immer – wenn auch manchmal – Rück-
    schlüsse gestattet. Jedenfalls scheint es auffällig und der Hervor-
    hebung wert, daß die wenigen bis jetzt unternommenen und zu er-
    wartenden Versuche die erotischen Quellen der poetischen Schöpfung
    ins hellste Licht rücken.

    Dies ist insbesondere bei der bedeutsamsten dieser Gruppen der
    Fall, die wir als Repräsentanten des sogenannten Ödipus-Komplexes
    kennen gelernt haben. Sophokles’ Tragödie vom König Ödipus,
    deren psychologisches Verständnis uns die Traumdeutung ermöglicht
    hat, stellt nur einen besonders deutlichen Ausdruck jener Neigungen
    dar, die sich beim Kinde im Verhältnis zu den Eltern regen, sobald
    es im Vater den störenden Konkurrenten um die Liebe und Zärtlich-
    keit der Mutter erblickt. Eine auf das Prinzip der Sekularverdrängung
    im Seelenleben der Menschheit gestützte Untersuchung der dichte-
    rischen Phantasiebildung vermag zu zeigen, daß mehr oder minder
    verhüllte, entstellte oder abgeschwächte Darstellungen desselben Ur-
    konfliktes sich durch die Weltliteratur ziehen und die Dichter immer
    wieder aufs neue zur Bearbeitung locken. O. Rank hat an einem
    großen Material die Bedeutung der Inzestphantasie für das dichterische
    Schaffen, aber auch für das Seelenleben des Künstlers und das psy-
    chologische Verständnis seiner Werke aufgezeigt und dabei die Ubiqui-
     

    *Vgl. Rank: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. „Imago“ II, 1913.

  • S.

    367

    tät des Inzestmotivs bei den bedeutendsten Dichtern der Weltliteratur
    festgestellt. Im einzelnen ist noch mancherlei zu verfolgen und auf
    zuklären, insbesondere die Zusammenhänge mit dem persönlichen
    Lebensschicksal des Dichters, wie auch die Probleme der künstleri-
    schen Formgebung und technischen Gestaltung in jedem Einzelfalle
    einer speziellen Erörterung bedürfen. Dem Thema des „Hamlet“
    hat Ernest Jones eine ausführliche Untersuchung gewidmet. Auf
    eine reiche Kenntnis der einschlägigen Literatur gestützt, versuchte
    er dem Problem von den verschiedensten Seiten näherzukommen,
    um schließlich seine Lösung, übereinstimmend mit der bei den typi-
    schen Träumen gegebenen Deutung (p. 179), in der Inzestphantasie
    zu finden*. Jones hat seine Untersuchung aber nicht auf die
    Hauptpersonen des Dramas beschränkt, sondern gezeigt, wie auch
    die anderen Gestalten im Zusammenhang dieser Auffassung ihren
    guten psychologischen Sinn erhalten, wie sie sich als dramatische Ab-
    spaltungen und Verdoppelungen der seelischen Einheit erweisen, die
    wir im Ich des Dichters zu suchen haben. Der bereitliegende Einwand,
    daß es sich hier, ähnlich wie beim Ödipus, nur um die dramatische
    Gestaltung eines altüberlieferten mythischen Stoffes handelt, dessen
    Inhalt dem Dichter gegeben sei, bietet der Psychoanalyse willkomme-
    nen Anlaß, darauf hinzuweisen, daß auch die Schöpfungen der Volks-
    phantasie den gleichen Gesetzen unterliegen wie die individuellen
    Leistungen eines einzelnen und daß ja der Dichter je nach der Vor-
    herrschaft seiner Komplexe nicht nur die Wahl unter den vor-
    liegenden Stoffen hat, sondern auch noch die Nötigung empfindet, das
    Thema in seinem Sinne um- und auszugestalten. Wie die Ödipus-
    Sage selbst, auf der so viele dichterische Bearbeitungen fußen, als
    universeller Ausdruck jener primitiven Urregungen aus der Kind-
    heit des Menschengeschlechtes anzusehen ist, so läßt sich auch der
    Hamlet-Stoff in seinen mythologischen Überlieferungen als eine etwas
    entstellte Reaktion auf die gleichen seelischen Kämpfe verstehen,
    die den Dichter dann dazu drängen, sich dieses bereitstehenden Ge-
    fäßes zur Ablagerung seiner analogen psychischen Konflikte zu be-
    dienen.


    *Das Buch von Erich Wulffen: „Shakespeares Hamlet ein Sexualproblem“
    (Berlin 1913) kommt als mißverständliche Verflachung der psychoanalytischen
    Auffassung hier nicht in Betracht.