Die Traumdeutung1900-001/1921
  • S.

    VI.

    Die Traumarbeit.

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
    ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani-
    festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum-
    deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten,
    ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt
    zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt
    gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die
    Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein:
    der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder
    die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
    Trauminhalt, entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt
    darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge-
    geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes
    zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren,
    durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.
    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar-
    stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder
    besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung
    der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen
    und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und
    Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns ohne
    weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der Traum-
    inhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen
    einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. Man
    würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach
    ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte.
    Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen
    Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann
    eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophirt ist u. dgl. Ich
    könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und
    deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht
    auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht
    laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das
    Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen
    Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die
    richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn
    ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
    Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine
    Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Be-
    ziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zu-
    sammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten

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    und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilder-
    rätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum-
    deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische
    Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig
    und wertlos.

    a) Die Verdichtungsarbeit.

    Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
    Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß-
    artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp,
    armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reich-
    haltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine
    halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind,
    bedarf das Sechs-, Acht-, Zwölffache an Schriftraum. Die Relation
    ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es
    kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt
    man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans
    Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält,
    während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume versteckte
    Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen müssen, daß
    man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet
    zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos
    erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer
    Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist
    also – streng genommen – unbestimmbar. Man könnte gegen die
    Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und
    Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige
    Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung statt,
    einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht
    bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir
    sehr vieles, die ganze Nacht hindurch, geträumt und dann das meiste
    wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern,
    wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den
    Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben voll-
    ständig erinnern könnten. Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man
    kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am
    getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Er-
    wachen zu erinnern versucht, und daß seine Erinnerung gegen den
    Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum anderen Teil
    aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel
    mehr geträumt, als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer
    Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll.
    Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies
    von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie
    wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen
    erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich
    ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen,
    so bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu einer neuen Reihe von
    Traumgedanken versperrt. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende
    Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sich gleichfalls

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    nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse
    der erhalten gebliebenen kennen*.

    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
    Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt,
    wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man
    denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu
    den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese Ge-
    danken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen und
    hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr während
    des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die an der
    Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt
    beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während der Ana-
    lyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich jedesmal
    überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen Gedan-
    ken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise
    verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschlie-
    Bungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer
    liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse
    aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon
    bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch
    eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traum-
    bildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf
    einen Gedanken, der im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung
    unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Gedanken-
    kette zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von
    der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen
    Verdichtungsleistung erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht
    vollständig mitgeteilt habe.

    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
    des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle
    die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander
    durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von
    verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich
    meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen
    Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
    Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt,
    und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, welchen
    wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in
    uns wahrnehmen.

    Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung
    beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun
    zu Stande?

    Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken
    nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume
    vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf
    dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine getreu-
     

    * Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei zahlreichen
    Autoren. Du Prel äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut sicher, daß
    ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden habe.

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    liche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der Traum-
    gedanken, sondern eine höchst unvollständige und lü-
    kenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden werden,
    eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr und fragen
    uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traumgedanken in
    den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen bestimmen die Aus-
    wahl derselben?

    Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
    Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die
    gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
    dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird
    für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den
    auf S. 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine
    (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das
    Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeschla-
    gene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein getrock-
    netes Spezimen der Pflanze beigebunden.

    Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
    Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages;
    in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
    Monographie über die Gattung „Zyklamen“ gesehen. Die
    Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
    Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind.
    Die „botanische Monographie“ erweist sofort ihre Beziehung zu der
    Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Ko-
    kain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und
    zu gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits
    zu meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der
    Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person
    des Dr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene
    Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen
    Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen.
    Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die
    Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber in
    differenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische Mono-
    graphie“ des Traumes als ein mittleres Gemeinsames zwischen
    beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck un-
    verändert übernommen, mit dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch
    ausgiebigste Assoziationsverbindungen verknüpft.

    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische
    Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“
    und „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen
    tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo-
    tanisch“ gehören die Erinnerungen an die Person des Professors
    Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora
    heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den ver-
    gessenen Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das
    Laboratorium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe
    Gespräch gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der

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    Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblings-
    blumen meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei
    Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert „bo-
    tanisch“ an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Uni-
    versitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema,
    das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherz-
    haft sogenannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von
    den vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti-
    schocke“ steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine
    Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen
    Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein
    wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedan-
    kengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem
    Gespräche mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht worden
    sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der
    wie im „Weber-Meisterstück

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
    Die Fäden ungesehen fließen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

    „Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
    an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
    Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
    daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den Traum-
    inhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traum-
    gedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also Kno-
    tenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traumgedanken zu-
    sammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung vieldeutig
    sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende Tatsache
    auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente des
    Trauminhaltes erweist sich als überdeterminiert, als mehrfach
    in den Traumgedanken vertreten.

    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des
    Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die far-
    bige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 120) auf
    ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und
    auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer-
    dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen
    Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an
    das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung
    besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen
    Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des
    Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert,
    sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch
    mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt
    der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traum-
    gedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt
    also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von

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    solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der
    nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa
    wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, sondern
    die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Be-
    arbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten Elemente
    sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl
    durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer ich einer ähn-
    lichen Zerglederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen Grund-
    sätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der
    Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von ihnen in Bezug
    auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.

    Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
    und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
    sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be-
    ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her,
    den ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) be-
    handelte. Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt
    finde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise
    zu überschreiben:

    II. „Ein schöner Traum.“

    Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in
    der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (was
    nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird Theater ge-
    spielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Ende
    heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt
    zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterre-
    räume verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes.
    Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die
    unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht herunter kön-
    nen. Sein Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über
    den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.)
    Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein-
    geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er
    allein über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die
    Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig, daß
    er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr ge-
    sellt sich zu ihm und schimpft über den König von
    Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach
    dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
    keit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben
    können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen,
    welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.

    Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Be-
    schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Sym-
    ptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde
    damals im Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein-
    lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen be-
     

  • S.

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    VI. Die Traumarbeit.

    reits diese dem Traume eigentümliche Sensation der Ge-
    hemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, daß sie als ein alle-
    zeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen
    Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes, welches
    beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der
    Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes
    an die bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho“ von A. Dau-
    det. Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, an-
    fänglich wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet
    sie auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf
    des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend
    mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger
    Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden*). Ob-
    wohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis
    mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, gewann
    ich doch nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch
    war es ja in der „Sappho“ umgekehrt wie im Traume; in letzterem
    war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman
    diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen
    wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Er-
    staunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum
    Inhalt des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das
    Stück hieß: „Rund um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines
    Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver-
    hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die
    Höhe kommt“, endlich aber immer mehr „herunter kommt“.
    Das Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, er-
    innert, welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe“, und auf
    dessen Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege
    zu sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau-
    spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
    hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht.
    Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver-
    brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen.
    Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh,
    daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe“ (übrigens auch
    eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: „Wie kann man aber
    da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr-
    wirtshaus.“

    An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung
    eines Zitats:

    „Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste.“

    Der Wirt im Uhlandschen Gedichte ist aber ein Apfelbaum.

    Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenketten fort:


    *)Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die im
    Abschnitt über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.

  • S.

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    Faust (mit der Jungen tanzend):

    Einst hatt' ich einen schönen Traum;

    Da sah ich einen Apfelbaum,

    Zwei schöne Äpfel glänzten dran,

    Sie reizten mich, ich stieg hinan.

    Die Schöne.

    Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,

    Und schon vom Paradiese her.

    Von Freuden fühl' ich mich bewegt,

    Daß auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel-
    baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand
    auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen
    Träumer gefesselt hatte.

    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
    anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
    zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme
    des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist
    der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme
    sowohl als die „Sappho“ Daudets erscheinen als Anspielung auf
    die vor kurzem verlassene Geliebte.

    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
    und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine
    Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat,
    wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient
    sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum-
    inhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen.
    Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei
    uns von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen und
    Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man
    „heruntergekommen“ gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben,
    daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die
    Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum-
    gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor,
    wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Trau-
    mes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie
    in der „Sappho“. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung ge-
    meint ist: In der „Sappho“ trägt der Mann das zu ihm in sexuellen
    Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich
    also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser
    Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder
    auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des
    Traumes trifft es also, die „Sappho“ und die Amme in der näm-
    lichen Andeutung darzustellen.

    Wie der Name „Sappho“ vom Dichter nicht ohne Beziehung
    auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des
    Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf
    Phantasien sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als

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    198

    unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose
    stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen
    Vorgänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum-
    deutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedanken-
    inhalt und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirk-
    liche und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier – und nicht
    nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde
    als der Träume – zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be-
    deutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts
    anderes als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren“
    eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die
    Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, be-
    zieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen
    Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen
    Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche
    Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind
    Gültige, an die Seite gestellt werden sollte*.

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
    Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines
    anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer
    Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen
    entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über-
    reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie an-
    fangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traum-
    deutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial
    in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.

    III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Mai-
    käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben
    muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die
    Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten Fenster
    hinaus, der andere aber wird vom Fensterflügel zer-
    quetscht, während sie das Fenster schließt, wie irgend
    jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels).

    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
    schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
    merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie ver-
    säumt es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am
    Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze
    in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres ge-
    schildert. Das sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe.
    Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie
    weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Ge- gend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte
    sich eine Schmetterlingssammlung an und verlangte von ihr Arsenik

    * Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen
    Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme
    in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 142 er-
    wähnte Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner
    Amme nicht besser ausgenutzt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Trau-
    mes ist.

  • S.

    199

    zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nacht-
    falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum-
    flog; ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung
    aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zar-
    terem Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen;
    heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken,
    sie ist sehr gutmütig geworden.

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen an-
    deren Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er
    in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber
    eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles.
    Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der
    adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten
    nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen
    Wünschen geplagt wird?

    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung
    anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikaferplage. Die Kinder
    wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat
    damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß
    und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat
    auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie
    den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war
    es aber keineswegs.

    Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt
    und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
    so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als
    Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
    Verehrers*.

    Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes
    Buch von Maupassant in die Hand bekommen**. Der Arsenik,
    den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
    dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.

    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
    „Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
    Doch geb’ ich dir die Freiheit nicht.“

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens***:
    „Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt —“
    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
    Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl-
    reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un-
    bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine
    „Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser


    *Dies ist der eigentliche Traumerreger.

    **Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie
    selbst hatte in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

    ***Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dich-
    ters: Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    200

    Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er-
    zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in
    ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichte-
    perativ erschreckt wurde: ,Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie
    einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle
    sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser
    Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der
    Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf,“ besagte soviel als
    „Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis.“ Die Arsenikpillen
    des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es war der Patientin
    aber auch bekannt, daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kantha-
    riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sogenannte
    spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandteil des
    Trauminhaltes.

    Das Fensteröffnen und -schließen ist eine der ständigen Dif-
    ferenzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann
    aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie
    in diesen Tagen zu klagen gehabt hat.

    In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die
    Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
    gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
    augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Ana-
    lyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum
    mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Über-
    determinierung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich wähle
    hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Bei-
    spiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traum-
    bildung sich mehr als nur eines Mittels bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die
    mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also
    zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie
    beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
    Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin
    vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma
    einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um
    meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung die-
    ses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit
    diesem verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen
    Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich
    die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume
    gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die
    wir in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes unter-
    suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen An-
    lagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung
    meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mund-
    öffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von
    mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine
    eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem
    Halse entdeckte, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe
    von noch anderen Personen zusammengetragen.

  • S.

    201

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich
    hinter der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit
    allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur
    Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten
    Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug
    für Zug an diese Personen erinnert.

    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise
    für die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier
    oder mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art
    ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des
    Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik
    und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten
    Bruders; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt deter-
    miniert, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist.
    Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier
    aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe
    nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt
    und dafür das Erinnerungsbild eines jeden um gewisse Züge ver-
    kürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem
    Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufein-
    ander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten,
    die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde
    undeutlich werden. Im Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug
    aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Phy-
    siognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung
    auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Be-
    ziehung zum Ergrauen.

    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
    Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der
    Anlaß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.

    Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraume ist gleichfalls
    mehrfach determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleich-
    klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir
    in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.

    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
    Erwähnung von „Propylen“ im Traume. In den Traumgedanken
    war nicht „Propylen“, sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
    meinen, daß hier bei der Traumbildung eine einfache Verschiebung
    Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient
    den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum-
    analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro-
    pylen“ noch einen Moment haltmacht, so fällt mir der Gleichklang
    mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die Propyläen befinden sich
    aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt
    habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken
    Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propy-
    len folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird.
    Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und
    anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschieden-
     

  • S.

    202

    sten Wertigkeit wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt
    werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der
    Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen
    in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen.

    Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
    der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen
    duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines
    Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir Recht geben würde, und
    dem ich so viel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der
    Sexualvorgänge, verdanke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er-
    regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe
    bestimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den
    Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungs-
    gruppe „Wilhelm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto be-
    lebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits
    erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich
    ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die
    ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug
    den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei
    Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der
    Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt,
    gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unverwandelt
    in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der
    Gruppe „Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den
    dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine
    doppelte Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von
    Amylen liegt für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise
    „Wilhelm“ kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In
    Propylen–Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen.
    Wie durch einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann
    in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames
    geschaffen worden, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir
    greifen so mit Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durch-
    dringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser
    Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit
    von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe
    Liegenden vorgenommen worden.

    Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits, einige
    Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
    gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum-
    gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten
    (Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren
    Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu
    die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir
    uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum-
    bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt
    mit der Feststellung der Traumverdichtung als einer bemerkens-
    werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt.

  • S.

    203

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn
    sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden
    vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren
    dann dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und
    also auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und
    seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als
    mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte,
    in welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem
    Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken
    abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der
    sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahrhaft
    norekdaler Stil.“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir
    anfänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den
    Superlativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war;
    aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel
    mir das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei
    bekannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen
    letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen
    Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen.

    II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit,
    der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich
    mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das
    wird in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im
    Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine
    Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais-
    toll-Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Kon-
    versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter
    Mais verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete
    Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellan-
    figur, die einen Vogel darstellt), Miβ (die Engländerin ihrer Ver-
    wandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherz-
    haft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Ge-
    danken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wort-
    klumpens ab.

    III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an-
    geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf-
    folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um
    den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weg-
    gegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier-
    lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener
    holt den Mann wieder, und er sagt: Es ist doch merk-
    würdig, daß auch Leute, die sonst tutelnrein sind, solche
    Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.

    Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines
    der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge-
    kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers an-
    gereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit
    stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit
    seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser
    auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränkt

  • S.

    204

    wurde und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe
    störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so
    werden dann „einzelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfen-
    fallens verwendet. Das Wort „tut elrein“ zerlegt sich aber nach
    drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken
    vertretenen Materien: „Tut el“ = Kuratel, bedeutet Vormundschaft;
    Tut el (vielleicht „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weib-
    lichen Brust, und der Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silben
    des Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit dem
    Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der
    in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt*.

    IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs-
    reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste
    Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres
    ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise
    gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen un-
    serer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: Hietzing,
    Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae“ der alte Name,
    also „meine Freud“) und dem englischen Hearsay – Hören-
    sagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem in-
    differenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den
    „Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerge: „Sagter
    Hatergesagt“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum Namen
    Fließ gewinnt man „Vlissingen“, wirklich die Station der See-
    reise, die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf
    Besuch kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber
    Flushing, was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die
    Patienten mit „Errötensangst“ mahnt, die ich behandle, auch an eine
    rezente Publikation Bechterews über diese Neurose, die mir An-
    laß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat.

    V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge-
    sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort
    „Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen

    *Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahre
    Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt
    man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silber-
    pappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das ‚Pappeln‘ (Schwätzen) auf,
    und das Silber wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir
    den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß
    der Träumer oft zu witzig erscheine“. Das ist richtig, solange es nur auf den
    Träumer bezogen wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den
    Traumdeuter übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig An-
    spruch auf das Prädikat „witzig“ erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen,
    so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen psycholo-
    gischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und hängt mit
    der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig,
    weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt
    ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können sich überzeugen, daß die Träume
    meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) im selben und im
    höheren Grade machen als die meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß,
    die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905
    veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ ge-
    schehen ist (2. Aufl. 1912).

  • S.

    205

    produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich
    dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der
    Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet
    wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben.“ Das
    neugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht nur der Anforderung
    zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll
    auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem
    Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug-
    tuung zu geben.
    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto-
    didakt und Lasker, an den sich der Name Lassalle schließt.
    Die ersten dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen
    – Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände
    eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet
    ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie
    ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen
    Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkom-
    menen Talentes in einer der David’schen Novellen gemacht hatte,
    und unsre Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Be-
    gabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter
    der Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die
    sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung,
    daß gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden
    können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die
    Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes mit. Eine
    Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in Bezug auf das
    Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der
    zur Darstellung im Traume führen konnte. Dieser Weg leitete nach
    Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für
    die Besorgnis, am Weibe zu Grunde zu gehen, die den Kern meiner
    Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel Lasker
    und Lassalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser
    Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten*. Das „Cherchez
    la femme“, in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt
    mich in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder, der
    Alexander heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir den Namen
    abkürzen, fast wie eine Umstellung von Lasker klingt, und daß
    dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umweg-
    richtung über Breslau mitzuteilen.
    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent-
    hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines
    glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf fol-
    gendem Wege. In dem Künstlerroman L’oeuvre, der meinen Traum-
    gedanken inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich
    sich selbst und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert
    und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat
    er bei der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola

    *Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim
    Weibe erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen
    einer Dame.

  • S.

    206

    gibt umgekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das
    war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die
    Silbe Al, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte
    Silbe desselben Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So
    ähnlich entstand also auch mein Autodidasker.

    Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns
    beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende
    Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits-
    jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik
    im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine
    Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine
    Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen
    Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese,
    ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener-
    gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief
    ich den Arzt zu Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie
    andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge.
    Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
    „Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.“ Da
    ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen
    nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht
    meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die
    Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm,
    sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten
    Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen
    habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir ge-
    rade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen
    ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleich-
    terung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zu-
    gestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Ana-
    mnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm
    zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er Recht ge-
    habt habe und ich Unrecht.

    Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch-
    erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich Unrecht habe?
    Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte Unrecht haben mit meinen
    Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Be-
    fürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, Un-
    recht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrecht-
    behalten im Traume bezieht, ist von dem für die Traumgedanken
    wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative
    der organischen oder der funktionellen Schädigung durch das Weib,
    eigentlich durch das Sexualleben: Tabesparalyse oder Neurose, an welch
    letztere sich die Art des Unterganges von Lassalle lockerer anreiht.
    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
    Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Ana-
    logie und wegen meines Wunsches, Unrecht zu behalten, eine Rolle
    – auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu
    Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin –,
    sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an un-
     

  • S.

    207

    sere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die
    ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse per-
    sönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?“ – „Sechs.“
    – Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. – „Mädel, Buben?“
    – „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ – „Nun,
    geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen
    einem später Schwierigkeiten in der Erziehung.“ – Ich wendete ein,
    daß sie bis jetzt recht zahm geblieben wären; offenbar behagte mir
    diese zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig
    wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe.
    Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Er-
    leben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte von der
    Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über
    die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedan-
    ken aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner
    Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. N. mit den Bemer-
    kungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben Recht be-
    halten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der
    Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtun-
    gen Unrecht haben möge, verbirgt. Diese Phantasie dient unverän-
    dert der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder der Alternative.

    VI. Marcinowski: „Heute früh erlebte ich zwischen Traum
    und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer
    Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich ge-
    wissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie
    gedruckt vor mir sehe. Es lautet: ‚erzefilisch‘ und gehört zu einem
    Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig isoliert in mein be-
    wußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: ‚Das wirkt erzefilisch
    auf die Geschlechtsempfindung.‘ Ich wußte sofort, daß es eigent-
    lich ‚erzieherisch‘ heißen solle, schwankte auch einige Male hin und
    her, ob es nicht richtiger ‚erzifilisch‘ hieße. Dabei fiel mir das Wort
    ‚Syphilis‘ ein, und ich zerbrach mir noch im Halbschlaf zu analysie-
    ren beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkä-
    me, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend ‚welche Be-
    rührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ‚er-
    zieherisch‘, das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, daß
    ich gestern abend von unserer ‚Erzieherin‘ veranlaßt wurde, über
    das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei
    tatsächlich, um ‚erzieherisch‘ auf ihr nicht ganz normal entwickel-
    tes Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von Hesse ‚Über die Pro-
    stitution‘ gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem
    erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort
    ‚Syphilis‘ nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für
    Gift stand, in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz
    lautet also in der Übersetzung ganz logisch: ‚Durch meine Erzäh-
    lung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren
    Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, daß
    es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.‘ Erzefilisch =
    erzäh – (erzieh –) (erzifilisch).“

  • S.

    208

    Die Wortverbindungen des Traumes ähneln sehr den bei der Para-
    noia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen
    nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen
    Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Spra-
    chen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den Traum
    wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.

    Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders
    dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzuzeigen.
    Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl von Beispielen
    nicht den Schluß ziehen, daß solches Material selten oder gar nur
    ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es ist vielmehr sehr häufig,
    allein die Abhängigkeit der Traumdeutung von der psychoanalyti-
    schen Behandlung hat die Folge, daß die wenigsten Beispiele ange-
    merkt und mitgeteilt werden, und daß die mitgeteilten Analysen meist
    nur für den Kenner der Neurosenpathologie verständlich sind. So
    ein Traum von Dr. v. Karpinska (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse II,
    1914), der die sinnlose Wortbildung „Svingnum elvi“ enthält.
    Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich nicht
    bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigentlichen Bedeu-
    tung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen zusammenfaßt, zu
    denen es sich wie ein „sinnloses“ Wort verhält. Dies ist in dem
    Traum von der „Kategorie“ eines zehnjährigen Knaben der Fall, den
    V. Tausk (Zur Psychologie der Kindersexualität, Internat. Zeitschr.
    für Psych. I, 1913) mitteilt. „Kategorie“ bedeutet hier das weib-
    liche Genitale und „kategorieren“ soviel wie urinieren.

    Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als
    solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose
    Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab-
    stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder
    leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traumrede aus ver-
    schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei
    das sich gleich Gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders-
    deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An-
    spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel*.

    b) Die Verschiebungsarbeit.

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation
    mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum-
    verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente,
    welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor-
    drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen.
    Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus-
    sprechen: Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt
    ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist

    *Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens
    intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die
    einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen,
    stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern ent-
    sprachen dem unentstellten Wortlaute seiner Zwanggedanken, die ihm im Wachen
    nur abgeändert zum Bewußtsein kamen.

  • S.

    209

    gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als
    Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume
    von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offen-
    bar das Element „botanisch“; in den Traumgedanken handelt es sich
    um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden
    Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den
    Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen
    pflege, und das Element „botanisch“ findet in diesem Kerne der
    Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine
    Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte
    niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sappho-
    traume meines Patienten, ist das Auf-
    und Untersein zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber
    von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehen-
    den Personen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber
    in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen
    scheint. Ähnlich ist im Traume von den Maikäfern, welcher die Be-
    ziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar
    das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber
    in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen,
    also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Frem-
    dem umgestaltet. In dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde
    Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den
    Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt
    haben. Solche Träume machen dann mit gutem Rechte einen „ver-
    schobenen“ Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen
    zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung
    die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den
    sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen,
    in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedan-
    ken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu
    erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens
    finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen
    wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat,
    so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der
    siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein
    gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfah-
    rung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traum-
    gedanken für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in
    Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchst-
    wertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns
    unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit
    intensivem Interesse betonten Elemente nun so behandelt werden, als
    ob sie minderwertige wären, und an ihre Stelle treten im Traume
    andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minderwertig
    waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme die psychische In-
    tensität* der einzelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt

    *Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung
    ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert
    zu halten.

  • S.

    210

    nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige
    Determinierung derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig
    ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten,
    könnte man meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber
    durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird
    man nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen
    Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl
    anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche
    in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die
    am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von
    Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch
    kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten
    Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigen-
    schaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen.

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein-
    druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeter-
    minierung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon
    mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Über-
    determinierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil
    sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den
    Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an die-
    selben knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Ge-
    dankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder-
    finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber
    selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den
    Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die
    dem Kern des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche-
    Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck
    derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft-
    eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt
    und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse
    ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes
    oftmals nicht nur die Überdeterminierung, sondern überhaupt eine
    genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so
    zum Schlusse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für
    die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment
    der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch
    unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für
    das Eintreten der einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung-
    sein, denn wir können beobachten, daß sie mit einem gewissen Auf-
    wand hergestellt wird, wo sie sich aus dem Traummateríal nicht ohne
    Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine
    psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwer-
    tigen Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem
    Wege der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertig-
    keiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so
    zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver-
    schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele-
    mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von

  • S.

    211

    Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so
    supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er
    verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumverschie-
    bung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren
    Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben
    dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die
    sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen.
    Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne
    der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine
    Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die
    Traumentstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf
    die Zensur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Ge-
    dankenleben gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist
    eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit,
    cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die Traumverschiebung durch
    den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zu Stande
    kommt*).

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung
    und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen,
    welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor
    wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig
    können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge-
    langenden Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zen-

    *)Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den
    Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück
    jener Erzählung „Träumen wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Rea-
    listen“ von Lynkeus (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Haupt-
    charakter meiner Lehre wiederfinde:
    „Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn
    zu träumen.“
    „Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen
    Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist
    die moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht.“
    „Wenn ich es aber recht bedenke,“ erwiderte der andere, „so glaube ich
    beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume
    jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn
    nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann
    auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte
    sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durch-
    einander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts,
    denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen.
    Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viele
    kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen
    würde: ,Das ist widersinnig! Denn das ist nicht möglich!‘“
    „Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das
    eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der Freund.
    „Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk-
    samkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es meistens
    nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen,
    etwas Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem
    Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft
    ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durch-
    aus nicht so; ja, es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch,
    ob er wacht oder träumt.“

    14*

  • S.

    212

    sur des Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung
    aber wollen wir von nun-
    an als unzweifelhafte Tatsache bei der
    Traumdeutung in Rechnung ziehen.

    c) Die Darstellungsmittel des Traumes.

    Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und
    Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
    Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf
    gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung
    noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Ein-
    fluß auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben.
    Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem
    Wege halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge
    bei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir
    nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und
    ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen
    einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie
    ich es im Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt
    habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zu
    sammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekon-
    struiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben
    ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner
    eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen,
    weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende
    Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich
    daran verhindern. Bei der Analyse der Träume stören diese Rück-
    sichten weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und be-
    hielt ihren Wert, wenn sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe
    des Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es nicht an-
    ders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine voll-
    ständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Personen geben,
    die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur Patienten,
    Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies Stück Darstel-
    lung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich – an anderer
    Stelle – die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit führen-
    kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen ist*.

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthe-
    tisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende
    Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben
    bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er-
    setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für
    den Traum keine Zensur gäbe. Dem anderen Teil ist man gewohnt,
    geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch keinen Wert auf
    die Behauptung, daß alle diese Gedanken an der Traumbildung be-
    teiligt gewesen seien, vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden,


    *Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither
    in dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905, gegeben. Als die vollständigste
    Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O. Rank „Ein Traum, der
    sich selbst deutet“ anerkannt werden.

  • S.

    213

    welche an Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten
    des Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt
    alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu
    den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die vermit-
    telnden und annähernden Assoziationen, durch welche man während
    der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungswege gekommen ist.

    Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
    Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von
    Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit
    allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedanken-
    gänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem
    Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast
    regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches
    Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.

    Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür-
    lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie
    bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen,
    Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze
    Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unter-
    liegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben
    werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den
    logischen Banden wird, welche bis-hin das Gefüge gebildet hatten.
    Welche Darstellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie,
    obgleich, entweder – oder“ und alle anderen Konjunktionen, ohne
    die wir Satz und Rede nicht verstehen können?

    Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
    logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar-
    stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un-
    berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum-
    gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen,
    den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver-
    nichtet hat.

    Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge-
    arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer
    ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste
    Malerei und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be-
    dienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem
    Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum
    Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für
    sie gültigen Gesetze des Ausdruckes gekommen war, bemühte sie sich
    noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten
    Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche
    als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler
    verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den
    Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet.
    Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen
    vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen
    wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein;
    wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man,

  • S.

    214

    daß dies alles Traummater-
    ial ist, nicht Darstellung in-
    tellektueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traum-
    gedanken ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben,
    nicht die Beziehungen der Traumgedanken zueinander,
    in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele
    erbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden,
    die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet
    werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von
    Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummaterials
    vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den
    Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ist ein
    ganz anderer.

    Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk-
    arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgebilden wiederholt,
    ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Fak-
    tors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es
    wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traum-
    gedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum
    hervorgerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen
    zwischen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung
    nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es
    entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem
    Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen den
    Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst
    indirekt vermittelter Weise.

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
    Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver-
    warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den
    flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit
    ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum-
    gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen
    Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung
    machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung
    verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das
    logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer
    dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich
    hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor-
    liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens
    auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches
    im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas Injektion).

    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
    darstellbaren Relationen im Traummateríal anzudeuten? Ich werde
    versuchen, sie einzeln aufzuzählen.

    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
    sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im
    ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als
    Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen-
    hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich
    wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer

  • S.

    215

    Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals
    in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind,
    wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.
    Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So
    oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen be-
    sonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in
    den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab be-
    deutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen wer-
    den sollen, a und b nach einer freien Lücke läßt a als den letzten
    Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines anderen
    Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht
    aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummateriais,
    sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in innigerem
    Zusammenhang stehen.
    Die Kausalbeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei
    Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
    Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies
    so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den
    Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als
    Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit-
    folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der
    breiter ausgeführte Teil des Traumes.
    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat
    mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll-
    ständig mitteilen werde (s. u. Symbolik). Er bestand aus einem kurzen
    Vorspiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade
    zentriert war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume.
    Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den beiden
    Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“. Dabei sieht sie sehr viel grobes
    Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche
    stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die
    beiden Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei
    wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in
    den Hof reicht.
    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
    von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
    und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen
    bleibt usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche Haus
    der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer
    Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der
    einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der
    zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der
    sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer
    Überschwemmung – das Haus stand nahe am Ufer des Flusses –
    sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich hinter
    diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem Hause,
    aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. Der
    Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt ihn
    in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher

  • S.

    216

    Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin,
    war mein Lebenslauf so und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei un-
    gleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den
    Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden
    Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus
    dargestellt würde; sicherlich gilt dies für die in eine Pollution aus-
    laufende Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis
    sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die
    beiden Träume sind aus gesonderten Zentren im Traummaterial hervor-
    gegangen und überschneiden einander im Inhalt, so daß in dem einen
    Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und
    umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die
    Spaltung in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kau-
    sale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungs-
    weise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei minder umfang-
    reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume, sei es
    einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes verwandelt. Nur wo
    wir diese Verwandlung im Traume vor sich gehen sehen, wird der
    kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht wo wir bloß mer-
    ken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere gekommen. Ich sagte,
    die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf das
    selbe hinaus; in beiden Fällen wird die Verursachung dargestellt
    durch ein Nacheinander, einmal durch das Aufeinanderfolgen der
    Träume, das andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines
    Bildes in ein anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die-
    Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das
    auch im Traumvorgang unvermeidliche Nacheinander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder – Oder“ kann der Traum überhaupt
    nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt
    in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür
    enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken
    heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas
    Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen
    die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen
    sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre
    Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer
    Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschlie-
    ßenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traum-
    wunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder –
    Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang
    der Traumgedanken eingesetzt.

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein
    Entweder – Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten
    oder ein Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken nicht
    etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache Anreihung,
    vor. Mit Entweder – Oder beschreiben wir zumeist einen noch auf-
    lösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement.
    Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der
    scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch

  • S.

    217

    „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver-
    geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes gewartet
    habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse mit-
    teilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des Tele-
    grammes; das erste Wort ist verschwommen,

    etwa via,
    oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno.
    oder sogar (Casa).

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt und mich
    an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen
    Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir geheim
    gehalten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten
    Worte läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberech-
    tigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.

    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von
    einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagzettel – etwa
    wie die das Rauchverbot verkündenden Zettel in den Wartesälen der
    Eisenbahnen –, auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken.
    oder
    Man bittet, ein Auge zuzudrücken,
    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
    Man bittet, dieein Auge(n) zuzudrücken.

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt
    in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell
    möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über
    solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren
    aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie mein-
    ten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher
    bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken“, d. h.
    Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die wir
    mit einem Entweder – Oder beschrieben, ist hier besonders leicht
    zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen,
    aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen.
    So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt
    voneinander.

    In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei
    gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kate-
    gorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg
    vernachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren.
    Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusam-
    mengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
    die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
    darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
    Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ ent-
     

  • S.

    218

    halten ist*. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder-
    satz wir bereits gedeutet haben (,,weil ich von solcher Abkunft bin“),
    steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen
    blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt,
    wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Ver-
    kündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die
    weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, wäh-br>rend die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der
    blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle
    Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von
    denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges,
    heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen;
    dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist
    der nämliche Zweig, der getragen wird, wie eine Lilie und wie von
    einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die
    Kamelien-dame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur
    Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig (,,des
    Mädchens Blüten“ in den Liedern von der Müllerin bei Goethe)
    stellt die sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der näm-
    liche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen,
    unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an
    der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang
    durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle
    Reinheit habe zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich).
    Wir können bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Ge-
    dankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich,
    der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks
    zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch
    die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben.

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Me-
    chanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist
    dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das
    „Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen
    Mitteln dargestellt werden kann**. Die im Traummaterial vorhandenen
    Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“ sind ja die ersten Stützpunkte
    der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum-
    arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die
    vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge-
    langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der
    Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.

    *Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1884 (siehe
    mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die überraschende, auch
    von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen sich
    in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfänglich
    nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten- oder
    Tätigkeitsreihe (stark-schwach, alt-jung, fern-nah, binden-trennen) und bilden ge-
    sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte
    Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese Verhältnisse im
    großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben
    Entwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf.

    **Vgl. die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung zum Traum-
    deuter (S. 68, Anmkg.**).

  • S.

    219

    Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird
    vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu
    einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefun-
    den oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als I d e n t i-
    fizierung, den zweiten als M i s c h b i l d u n g benennen. Die Identi-
    fizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt;
    die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch
    werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten
    werden oft wie Personen behandelt.

    Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
    Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
    gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
    unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im
    Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von
    ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung,
    die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die
    den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden,
    so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
    Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver-
    schiedenen Wegen zu Stande gebracht werden. Entweder die Traum-
    person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen –
    wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog
    ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen
    Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist
    aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen,
    zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der
    zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man
    ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation,
    in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung
    beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch-
    personbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen,
    daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die
    Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere
    – in der Regel wichtigere – tritt als sonst unbeteiligte Anwesende
    daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch
    dabei (Stekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem
    Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches
    nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens
    bestimmt ist.

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
    rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder
    fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung
    eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt
    zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich
    im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor
    in einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so
    gewonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen
    Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als
    auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende
    Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist,

  • S.

    220

    nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele
    ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;
    ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse,
    die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser
    Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Bezie-
    hungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, in-
    wiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann,
    die Widerstandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so
    harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in
    jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person
    verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls
    Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber nur zu einem
    Teile desselben. Die Berührung in jenen nicht zensurfreien Punkte
    gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden
    Seiten hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch-
    und Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in
    den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-
    verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.

    Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar-
    gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen
    verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die
    Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gun-
    sten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen
    stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten
    Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs
    indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen.

    Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im
    Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden
    Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen
    Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemein-
    samkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Ge-
    meinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Vertauschen
    derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im Traume durch
    Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von Irmas In-
    jektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche
    also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine ist;
    der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person
    zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie
    ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkel-
    traume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des Traumes gemacht;
    ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen
    nicht besser als er behandle und beurteile.

    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
    habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
    absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur
    eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein
    Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf
    mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint,
    lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich
    eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum

  • S.

    221

    soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person
    anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt
    auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt,
    die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent-
    hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierun-
    gen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die
    Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr-
    fach darstellen, das einmal direkt, das anderemal vermittels der
    Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi-
    fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver-
    dichten*.

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf-
    lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich-
    keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich
    entfällt. In einem meiner Romträume (S. 135) heißt der Ort, an
    dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von
    deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch-
    erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag
    aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend-
    zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zusam-
    mentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Identifizie-
    rung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Ge-
    meinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als
    in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.

    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter
    den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge
    verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt
    werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
    Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar
    der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen
    uns vorstellen und nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß
    bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein-
    druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch-
    bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer
    Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert
    wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger
    Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden
    nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar-
    stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
    Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen
    wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich
    dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten
    zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd
    ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nach-
    dem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen.

    *Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden
    Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel:
    Die Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender
    verspüre, die verbirgt mein Ich.

  • S.

    222

    Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen,
    gar zu disparat, so genügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch-
    gebilde mit einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeut-
    lichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist
    hier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken
    einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder.
    Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahr-
    nehmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstel-
    lungen in einer Zeichnung gelangen.
    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebil-
    den; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen
    bereits mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume
    auf S. 215, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“
    oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden
    Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Un-
    schuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch-
    die Art, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die
    Blüten selbst, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das
    Ganze noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das
    Gemeinsame an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus
    den Traumgedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an
    Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder
    werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die
    Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist
    eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit
    einer Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere
    Patientin schafft sich im Traume ein Mittelding aus Badekabinen
    im Seebade, ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkammern
    unserer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist
    die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam;
    es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem dritten Element
    schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schau-
    platz von Entblößung war. Ein Träumer schafft sich eine Misch-
    lokalität aus zwei Örtlichkeiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus
    meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er
    zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt, nach-
    dem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren,
    von diesem Bruder, daß dessen Beine von den schwarzen Kaviar-
    perlen übersät sind. Die Elemente „Ansteckung“ im moralischen
    Sinne und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit, der
    die Beine mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät er-
    scheinen ließ, haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem-
    neuen Begriff vereinigt, dessen „was sie von ihrem Bruder
    bekommen hat“. Teile des menschlichen Körpers werden in diesem
    Traume behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In
    einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor,
    das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen-
    gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein-
    same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem
    das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer-

  • S.

    223

    Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen
    um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind von
    ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen wor-
    den, wo sie Gelegenheit hatte, ihre – damals noch ungehemmte –
    Neugierde ausgiebig zu befriedigen.
    Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die
    Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken.
    Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen.
    Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen,
    findet seine Darstellung einfach durch Identifizie-
    rung, wie wir ge-
    sehen haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstel-
    lung ein Vertauschen,
    an die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wieder-
    holt Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum-
    gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen-
    teil“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende
    merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
    gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An-
    wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe
    liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes – gleichsam
    nachträglich – umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu
    illustrieren als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und
    Nieder“ (S. 195) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt
    wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktions-
    szene der „Sappho“ Daudets; es geht im Traume anfangs schwer,
    später leicht, während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später
    immer schwerer wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in Bezug auf
    den Bruder ist im Traume verkehrt dargestellt. Dies deutet auf eine
    Relation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken
    des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir darin ge-
    funden haben, daß in der Kindheitsphan-
    tasie des Träumers er von
    seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die
    Geliebte trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen
    Herrn M. (s. unten) enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert-
    werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann.
    Im Traume hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen;
    in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein be-
    deutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten-jungen Autor
    angegriffen worden. Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre-
    des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial-maß-
    gebend ist, ergibt sich als der Widerspruch-dagegen, daß Goethe
    behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt
    der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der Schwäch-
    sinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung
    scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche-Wendung
    („einem die Kehrseite zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung
    in Bezug auf den Bruder im „Sappho“-Traum). Es ist ferner be-
    merkenswert, wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen be-
    nötigt wird, die von verdrängten homosexuellen-Regungen eingegeben
    werden.

  • S.

    224

    Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines
    der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs-
    mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung
    gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver-
    schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste
    Ausdruck für die Reaktion des Ichs gegen ein peinliches Stück Er-
    innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im
    Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Dar-
    zustellenden zu Stande bringt, welches das Verständnis des Traumes
    zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen
    Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
    mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf
    nicht selten alles sofort klar wird.

    Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
    übersehen. Eine häufige Technik der Traumstellung besteht darin,
    den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges
    zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die
    Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nach-
    zutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumstellung
    gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen-
    über.*

    Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst,
    wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach
    verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich
    im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den
    infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem
    Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät
    nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang der psychoana-
    lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu-
    nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß
    ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause
    kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach
    Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater
    identisch ist (v. S. 176). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner
    Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle
    Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen und
    war mit der Drohung gestraft worden: Na wart’, bis der Vater zu-
    rückkommt!

    *Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
    hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
    Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
    im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
    Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während
    sie liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene
    erlebt. Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körper-
    zuckungen ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme
    für die Umarmung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl,
    hebt das Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde,
    und spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi-
    dorus: „Bei der Auslegung von Traumgeschichten muß man sie einmal vom An-
    fang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins
    Auge fassen. . . .“

  • S.

    225

    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traumselbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisseformale Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns imTraume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in dersinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung,die man –-
    wiewohl ohne Gewähr –geneigt ist, über die der Realitätzu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man alscharakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinemder Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objektender Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlichbezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeutlichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir von dendeutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeitder Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durchwelche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in derLebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufenwerden.

    Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumesauch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können,wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnenabgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensitäthervorstechen; oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonderslebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar seinwird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nichtrichtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge vonrealen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vorden anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmungder Traumbilder verloren.

    Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechendenElemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensitätmit psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sindkeine anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente derZensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aberes könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlingeim Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß siedarum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch dieseErwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traumund Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hatmit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findetzwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „UmFreud, Traumdeutung, 5. Aufl. 15

  • S.

    226

    wertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade in einem
    flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element
    des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömm-
    ling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte.
    Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter-
    miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente.
    Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv
    dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt.
    Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen
    des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die leb-
    haftesten gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Än-
    derung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch gewonnenen Satz
    in nachstehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene
    Elemente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdich-
    tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann er-
    warten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung
    auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.
    Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
    größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
    Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Pro-
    blem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer
    Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegensatz von
    Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist aller-
    dings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und fallenden
    Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie des Trau-
    mes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Elemente; ein
    unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven Elementen
    zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die Skala vom an-
    scheinend Klaren bis zum Undeutlich-Verworrenen bietet, weit kom-
    plizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente;
    ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch
    der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne Über-
    raschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit, den
    man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts für das Traum-
    gefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein Bestandteil
    desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum, der mir
    nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar er-
    schien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine
    neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus
    der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als
    „Phantasien während des Schlafens“ bezeichnet werden durften. Nähere
    Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge
    in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich ließ darum die Kate-
    gorie der Traumphantasien auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt
    des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde eine schwierige und
    lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, und die wunscher-
    füllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese
    Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) klar und
    lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum
    gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des

  • S.

    227

    Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste
    wache Denken über und übermittelte mir als Urteil über den Traum
    jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im Traume
    ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte
    ich einmal bei einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen
    Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, „weil er so undeutlich
    und verworren sei“, und endlich unter wiederholten Protesten gegen
    die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere
    Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie
    nicht gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich
    ihr Vater sei, oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes
    mit ihren Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß
    es sich um die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens
    handle, welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun
    Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes)
    sei“*. Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier ein
    Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses Inhaltes
    war in der Form des Traumes dargestellt worden. Die Form des
    Traumes oder des Träumens wird in ganz überraschen-
    der Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten In-
    haltes verwendet.

    Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu
    demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffi-
    niertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten.
    So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt,
    und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer
    Person ergibt, die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem
    anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann
    hat einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phan-
    tasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befindet sich abends in einem
    Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in einen
    Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden,
    um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken
    im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im
    Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte.
    Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knaben-
    haften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.
    Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch
    die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben
    ist. Die „Lücken“ sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden
    Frauen; „da fehlt etwas“ beschreibt den Hauptcharakter des weib-
    lichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde,
    ein weibliches Genitale zu sehen, und war noch geneigt, an der infan-
    tilen Sexualtheorie, die dem Weibe ein männliches Glied zuschreibt,
    festzuhalten.

    In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz
    eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in


    *Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver-
    stimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.

  • S.

    228

    das Volksgartenrestaurant... dann kommt eine dunkle Stelle,
    eine Unterbrechung... dann befinde ich mich in einem Bor-
    dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine
    in Hemd und Höschen.

    Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie
    er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit,
    mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen
    ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit
    erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin ein Mann und du ein
    Weib“. Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in Begleitung
    der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen
    gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Gesellschaft von
    drei Damen bis zum Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren
    seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester
    seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei
    der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht,
    vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.

    Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle“, „Unter-
    brechung“ im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter Wiß-
    begierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um
    einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später
    stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete
    Untat ein.

    Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem
    nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Grup-
    pierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück
    Mitteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei
    der Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen,
    oder überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man
    auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und
    aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Re-
    gungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich
    vorangehende dieser homologen Träume ist dann häufig der ent-
    stelltere, schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher.

    Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von
    den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich
    bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführ-
    licher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum
    erzählt hat, sagt er: „Nach diesem ersten Traumgesicht wachte ich
    beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl bedeuten möge,
    schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte nun einen
    noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht und Ver-
    wirrung gesetzt hat.“ Nach Anhören der Traumerzählung sagt Josef:
    „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher,
    allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung.“

    Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“
    erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von
    ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen
    weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß
    der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das

  • S.

    229

    enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht
    worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich
    weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver-
    schiebungen, Wendungen ins Harmlose usw.“ (l. c. p. 87). Scherner
    hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und
    beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als
    „in besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phan-
    tasie in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen
    Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des
    Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des Reiz-
    objektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich er-
    schöpft hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes Organ
    oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen
    organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht – – –.“

    Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat
    Otto Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“
    geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte
    sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zu-
    sammen, von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser
    Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung
    unter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin, und die
    Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten ermöglichte
    es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner Darstellung das
    selbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so daß dieser, der Pol-
    lutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte.
    Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die Be-
    deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens überhaupt.

    In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
    Sicherheit oder Zweifel im Traummateríal umdeuten zu können,
    kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich
    werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum-
    bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten-
    skala des Traumes wesentlich abhängt.

    In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
    und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol-
    genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es
    gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.“
    Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht,
    die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich
    im Traummateríal als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke
    heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch
    Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn – wann).

    Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation
    der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will
    gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und
    stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in
    Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die
    Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt usw. Wir
    sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen
    begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht.

  • S.

    230

    VI. Die Traumarbeit.

    Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe
    motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerkbar
    macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht beständig
    von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen erwarten, daß
    diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welchen
    Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial
    gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.
    Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als
    Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf.
    Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die
    Bedeutung dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt
    einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt er-
    scheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privat-
    heilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Die-
    ner erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen.
    Im Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß
    die Untersuchung wegen des Verdachtes erfolgt, daß
    ich mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt,
    daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt-
    liche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein
    meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in
    diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer
    Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf
    mich deutend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist
    ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener
    in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der
    mich an ein Inferno mit seinen höllischen Strafauf-
    gaben erinnert. An einem Apparat sehe ich einen Kol-
    legen eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich
    zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt
    dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen
    Hut nicht und kann doch nicht gehen.
    Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als
    ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum-
    gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den
    Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen
    meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
    bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
    schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider-
    spruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde,
    bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzu-
    standebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches,
    ein „Nein“, wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist,
    daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag*).

    *)Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollstän-
    digen Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine Schuldigkeit
    getan, der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr,
    wenn er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll
    so viel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge
    Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) – Daß ich den Hut nicht finde, ist

  • S.

    231

    In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Be
    wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist
    derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung
    kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich wider
    setzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Wil-
    lenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die mo-
    torische Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen
    des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf
    die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes
    als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als
    gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus ge-
    eignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein“, das sich ihm
    entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
    auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe
    steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist
    ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor-bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
    Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen
    handeln, das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle
    Regung.

    Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils-
    äußerung: „Daß ist ja nur ein Traum“ bedeute, und welcher psy-
    chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle
    (s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer-
    tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende,
    interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein ge-wisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird, das
    Rätsel des „Traumes im Traume“ hat W. Stekel durch die Analyse
    einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Ge-
    träumte des Traumes“ soll wiederum entwertet, seiner Realität be-raubt werden; was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume“
    weiter geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der
    ausgelöschten Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Ge-träumte“ die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung,
    der fortsetzende Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom
    Träumer Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes
    in einen „Traum im Traume“ ist also gleichzusetzen dem Wunsche,
    daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. Mit
    anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit von der Traum-arbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies die ent-schiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, die stärkste
    Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst
    als eine Form der Ablehnung und bezeugt damit die Einsicht, daß
    der Traum eine Wunscherfüllung ist.

    ein mehrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stuben-mädchen hatte ihn versteckt. – Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken
    verbirgt sich hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange
    nicht getan; ich darf noch nicht gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz
    vorher erfolgten Traume von Goethe und dem Paralytiker (s. u.).

  • S.

    232

    d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.

    Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie
    der Traum die Relation zwischen den Traumgedanken darstellt,
    griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche
    Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum-
    bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Rela-
    tion zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während
    gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine
    psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebun-
    gen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer
    bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend-
    wie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht,
    indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Ge-
    meinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von
    einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung
    getan. Aus den Analysen erfährt man aber, daß eine solche besteht,
    und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen
    Ausdruckes für den betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt
    sich beidemal um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber
    der gleiche Vorgang findet in verschiedenen Sphären statt, und das
    Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch
    ein anderes substituiert wird, während im anderen Falle ein Element
    seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht.
    Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
    Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern
    ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab-
    surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver-
    schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser
    und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen
    und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht
    dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum
    darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der
    abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten
    bereiten würde wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der
    Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen
    der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen.
    Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedanke in
    eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem
    neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher
    die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf,
    und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten
    Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfungs-
    reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes
    Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die geson-
    derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus-
    druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch
    passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich
    geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen
    feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucks-

  • S.

    233

    Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.

    möglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von vorn-
    herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht
    in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Be-
    dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken
    und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die
    besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu
    finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch
    gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben,
    der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt.

    In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
    verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
    finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
    Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der
    Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche
    dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das Wort,
    als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prä-
    destinierte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangs-vorstellungen, Pho-
    bien) benutzen die Vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und
    Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie der Traum*). Daß
    die Traumverstellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofi-
    tiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideu-
    tiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; und der Ersatz
    der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält
    unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob
    die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne
    zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener Redens-
    arten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im all-
    gemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft,
    ob es:

    a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegen-
    satzrelation);
    b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
    c) symbolisch oder ob
    d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.

    Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung
    der Traumarbeit, die ja ni c h t b e a b s i c h t i g t, verstanden zu
    werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als
    etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.

    Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zwei-
    deutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich be-
    reits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf“ im Injektions-
    traume; „Ich kann noch nicht gehen“ im letzten Traume, S. 230
    usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die
    Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere Rolle spielt.
    Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Sym-
    bolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf bestimmen; bei
    der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung

    *)Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 (2. Aufl. 1912),
    und die „Wortbrücken“ in den Lösungen neurotischer Symptome

  • S.

    234

    vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher Ver-
    kleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch fest-
    stehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Ein-
    fall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch
    unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise
    auflösen.

    Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in
    der Oper. Es ist eine Wagner-Vorstellung, die bis 3/4 Uhr
    morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen
    Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben
    von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an
    einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben
    ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge
    Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht,
    ganz offen, etwa wie man einen Hut von der Hochzeits-
    reise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet sich
    ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, die
    mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch oben
    ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er läuft
    beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furcht-
    bar und leitet von diesem Posten aus das unten um die
    Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst
    sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer Loge.
    Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein
    großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Motivie-
    rung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern
    werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa
    als ob die Logen während der langen Vorstellung ge-
    heizt werden müßten.)

    Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
    Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der
    Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die
    Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine
    Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be-
    ziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig
    zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker
    gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter-
    brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett
    wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie
    an Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen
    Mitglieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als
    ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
    Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
    hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (An-
    spielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere
    Schicksal desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem die
    beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.

    Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
    konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den

  • S.

    235

    Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben
    Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten.

    „Kein Feuer, keine Kohle
    Kann brennen so heiß,
    Als wie heimliche Liebe,
    Von der niemand was weiß.“

    Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
    jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die
    Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange
    dauern wird“. Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht
    gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung;
    im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen, ihn für
    zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet“. Die Deutung
    „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Erwähnung des
    Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch die dieser
    letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen
    heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte
    der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens ein
    „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und
    dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.

    Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
    Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung des Traum-
    gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die
    Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentümlichen
    psychischen Material, dessen sich der Traum bedient, also
    zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Nebenanknüp-
    fungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt
    werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traum-
    arbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in
    eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die un-
    gewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
    psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende
    macht. Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form
    kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen
    und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht
    vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke
    des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver-
    ändert haben.

    Herbert Silberer hat einen guten Weg gezeigt, wie man die
    bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in
    Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit
    isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung
    und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete
    es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür
    ein Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen
    konnte. Silberer nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen
    „autosymbolischen“. Ich gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit
    von Silberer wieder, auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften

  • S.

    236

    der beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen
    werde.

    „Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem
    Aufsätze eine holprige Stelle auszubessern.
    Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln.

    „Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer
    Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen.
    Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf
    der Suche nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseins-
    formen oder Daseinsschichten durcharbeitet.

    Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte,
    wie um ein Stück davon zu nehmen.

    Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das „Durch-
    arbeiten“, von dem die Rede ist. – Die Erklärung des Symbol-
    grundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da das
    Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich
    mit einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt er-
    heischt. Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen
    Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß
    behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden (das
    langsame „Durcharbeiten“, um zu den Gründen zu gelangen). Es
    liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Sym-
    bols war nämlich eine Dobos-Torte, also eine Torte, bei welcher das
    schneidende Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hat
    (die Schichten des Bewußtseins und Denkens).

    Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden.
    Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß
    mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
    Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausge-
    fallen sind.“

    Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
    Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll-
    kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
    überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet wer-
    den sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder
    mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von
    „Kraut und Rüben“, also „Durcheinander“ und bedeutet demnach
    „Unordnung“. Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur
    ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat
    sich eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund
    allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten
    Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen,
    den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam.

    Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die
    Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles
    leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur-
    freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im
    unbewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um-

  • S.

    237

    wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung
    auch bewußt werden dürfen, und von denen alle Phantasien der
    Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Ver-
    ständnis für die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern
    ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung
    mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein eigen-
    tümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir
    gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regel-
    mäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht,
    deren Gegenstand die Genitalien des anderen, aber doch auch die des
    eigenen Geschlechtes, für den heranwachsenden Jüngling oder für die
    Jungfrau werden. Wie aber Scherner und Volkelt ganz zutref-
    fend hervorheben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungs-
    kreis,
    der zur Symbolisierung der Leiblichkeit verwendet wird – im Traume
    so wenig wie im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne
    Patienten, die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers
    und der Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das
    Gebiet der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfei-
    ler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor
    an eine der Körperöffnungen („Loch“), die jede Wasserleitung an
    den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird der Vor-
    stellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck sexu-
    eller Bilder gewählt*; im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der
    Niederschlag von Phantasie-
    vergleichungen ältester Zeiten, reichlich
    vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der „Samen“, der „Garten“
    des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielun-
    gen
    an die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die
    intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die
    Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver-
    gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Un-
    auffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen
    guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein
    rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn
    die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange beim Neurotiker
    eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall wo die Neurose
    sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die Wege, die einst in
    alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat, und von
    deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachge-
    brauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.

    Ich füge hier den angekündigten Blumentraum meiner Patientin
    ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der
    schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
    mehr gefallen.

    a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd-
    chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“, und sieht dabei so viel umgestürztes
    Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in


    *Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden von Ed.
    Fuchs’ „illustr. Sittengeschichte“ (Privatdrucke bei A. Langen, München).

  • S.

    238

    Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden
    Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie
    in einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den
    Hof reicht*.

    b) Haupttraum**: Sie steigt von hoch herab*** über
    eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Karos
    vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua-
    draten bestehen†. Es ist eigentlich nicht zum Steigen
    eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für
    den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nir-
    gends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig
    bleibt††. Dabei trägt sie einen großen Ast in der Hand†††,
    eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten
    besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet§. Dabei ist
    die Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie ge-
    füllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wach-
    sen. Während des Herabgehens hat sie zuerst einen,
    dann plötzlich zwei, später wieder einen§§. Wie sie un-
    ten anlangt, sind die unteren Blüten schon ziemlich
    abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen Haus-
    knecht, der einen eben solchen Baum, sie möchte sagen
    – kämmt, d. h. mit einem Holze dicke Haarbüschel, die
    wie Moos von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter
    haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und auf
    die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute
    sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob
    man sich auch einen nehmen kann§§§. Im Garten steht
    ein junger Mann (von ihr bekannter Persönlichkeit, ein Frem-
    der), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man
    solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne‡.
    Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt,
    was ihm einfällt, ob man sie denn so umfangen darf.
    Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt**‡. Er er-
    klärt sich dann bereit, mit ihr in den anderen Garten
    zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt
    ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir


    * Zur Deutung dieses als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 215.

    ** Ihr Lebenslauf.

    *** Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.

    † Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren
    Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.

    †† Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß
    sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.

    ††† Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.

    § Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 218: Unschuld, Periode, Ka-
    meliendame.

    §§ Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen.

    §§§ Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.

    ‡ Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen.

    **‡ Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

  • S.

    239

    ohnedies drei Meter – (später sagt sie: Quadratmeter) oder
    drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Bereit-
    willigkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er
    die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen,
    oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, einen
    Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden hat.
    Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht*.

    Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber
    dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver-
    hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine
    besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit
    anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli-
    sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten
    sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch
    wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung
    besser genügen.

    e) Die Darstellung durch Symbole im Traume.

    Weitere typische Träume.

    Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik
    für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht
    hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole
    wie die „Sigel“ der Stenographie mit ein für allemal festgelegter
    Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der Versuchung, ein neues
    Traumbuch nach der Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu ist zu
    bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an,
    sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im
    Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit
    und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im
    Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung
    weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht
    werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
    erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen**.
    Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß die Dar-
    stellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört,
    daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symbol-
    darstellung unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Dar-
    stellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merk-
    male in begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe
    von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigent-

    *Ein analoger „biographischer“ Traum ist der unter den Beispielen zur
    Traumsymbolik als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank ausführlich mit-
    geteilte „Traum, der sich selbst deutet“; einen anderen, der „verkehrt“ gelesen
    werden muß, siehe bei Stekel p. 486.

    **Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Maeder,
    Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie
    sich beziehen (Kleinpaul u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegen-
    stand geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von O. Rank und H. Sachs,
    Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I.

  • S.

    240

    lichen, für welches es eintritt, offenkundig; in anderen ist es ver-
    steckt; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft. Gerade diese
    Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen
    können; sie weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist.
    Was heute symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten
    durch begriffliche und sprachliche Identität vereint. Die Symbol-
    beziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei
    kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl
    von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits Schubert-
    bert (1814) behauptet hat*. Eine Anzahl von Symbolen ist so alt
    wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegen-
    wart fortlaufend neugebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin).

    Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten
    Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten
    Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regel-
    mäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentüm-
    lichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein
    Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern
    in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein; andere Male kann ein
    Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen,
    alles mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein
    so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere
    Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol
    entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen
    Gedankenmaterial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben
    der typisch gültigen gestattet.

    Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner
    die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben
    – selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht
    möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien –, so ist
    doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch die
    Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, sondern auch
    erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Ein-
    fällen des Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des
    Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur Willkür des Traum-
    deuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten
    Deutungen von Stekel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven
    wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im
    Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer
    kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen
    des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständ-
    nis des Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der
    Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsich-
    tigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der

    *So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnträumen
    ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen“ für
    „urinieren“ fremd ist (Ferenczi; vgl. auch S. 251). In den Träumen von Fran-
    zosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der
    Frau, obwohl diese Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer“ Analoges kennen.

  • S.

    241

    Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicher-
    heiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften,
    rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die
    durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum
    anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traum-
    symbole ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie
    in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal rich-
    tige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole
    verbindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen zuzu-
    lassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach sehr ab-
    weichende Gedankenbildungen und Wunschregungen darzustellen.

    Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an:
    Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich
    zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er
    selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch gro-
    ßen Männern zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z. B.
    Goethe als Vatersymbol. (Hitschmann.) – Alle in die Länge
    reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der Erektion
    vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen Waf-
    fen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten.
    Ein häufiges, nicht recht verständliches Symbol desselben ist die
    Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). – Dosen, Schachteln,
    Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höh-
    len, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. – Zimmer im Traume
    sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Ein-
    gänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht irre*).
    Das Interesse, ob das Zimmer „offen“ oder „verschlossen“ ist, wird
    in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras
    im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“.) Welcher Schlüssel das Zim-
    mer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden;
    die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhland im Lied vom
    „Grafen Eberstein“ zur anmutigsten Zote gedient. – Der Traum,
    durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems-
    traum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt
    hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. – Eine inter-
    essante Beziehung zur infantilen Sexualforschung ergibt sich, wenn
    der Träumer von zwei Zimmern träumt, die früher eines waren, oder
    ein ihm bekanntes Zimmer einer Wohnung im Traume in zwei geteilt
    sieht, oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man das weibliche

    *)„Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er be-
    gegne jemand vom Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe;
    sie antwortet zu seiner Überraschung: 14. Tatsächlich hat er Beziehungen
    zu dem in Rede stehenden Mädchen angeknüpft und auch mehrmals Zusammen-
    künfte mit ihr in seinem Schlafzimmer gehabt. Sie befürchtete begreiflicher-
    weise, daß die Wirtin sie im Verdacht habe, und machte ihm am Tage vor
    dem Traum den Vorschlag, sich mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer
    zu treffen. In Wirklichkeit hatte dieses Zimmer die Nummer 14, während
    im Traum das Weib diese Nummer trägt. Ein deutlicherer Beleg für die
    Identifizierung von Frau und Zimmer läßt sich kaum denken. (Ernest Jones,
    Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl.
    Artemidorus, „Symbolik der Träume“ [übersetzt von F. S. Krauß, Wien
    1881, p. 110]: „So z. B. bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche
    im Hause ist.“)

    Freud. Traumdeutung, 5. Aufl.

  • S.

    242

    Genitale (den Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile
    Kloakentheorie) und erst später erfahren, daß diese Körperregion zwei
    gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. – Stiegen, Leitern,
    Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts
    als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes*. –
    Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen
    man sich – häufig unter starker Angst – herabläßt, entsprechen
    aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrschein-
    lich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an
    Eltern und Pflegepersonen. Die „glatten“ Mauern sind Männer; an
    den „Vorsprüngen“ der Häuser hält man sich nicht selten in der
    Traumangst fest. – Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleich-
    falls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbun-
    gen aufhebt. „Holz“ scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Be-
    ziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materia) zu sein. Der
    Name der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da
    „Tisch und Bett“ die Ehe ausmachen, wird im Traume häufig der
    erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der sexuelle
    Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. – Von Klei-
    dungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als
    Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei
    es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser Symbolverwendung
    dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer findet man
    häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum,
    weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist,
    sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann,
    eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur
    verwehrt ist**. Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben
    im Leben oft großen Luxus mit Krawaten und besitzen förmliche
     

    *Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen
    Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2,
    1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns fern-
    stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir
    überschätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häu-
    figster Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts
    Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem
    Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt
    und konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres
    Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf-
    zufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man
    auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein.
    So findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen
    wir nicht, den Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen“
    oft weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man
    pflegt zu sagen, der Mann ist ein „Steiger“, „nachsteigen“. Im Französischen
    heißt die Stufe der Treppe la marche; „un vieux marcheur“ deckt sich ganz mit
    unserem „ein alter Steiger“.

    **Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675 die Zeichnung einer 19jährigen Manischen:
    ein Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen entgegen-
    wendet. Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige“ (Anthrop. VI, 334): In eine
    Badestube trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das
    Hemd anzulegen vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den
    Hals mit dem Vorderteil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, bin
    ohne Krawatte.“

  • S.

    243

    Sammlungen von ihnen. – Alle komplizierten Maschinerien und Ap-
    parate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien –
    in der Regel männliche –, in deren Beschreibung sich die Traumsym-
    bolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar
    ist es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ-
    lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver,
    Dolch, Säbel usw. – Ebenso sind viele Landschaften der Träume,
    besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer
    als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski hat eine
    Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume
    durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Land-
    schaften und Räumlichkeiten darstellen sollten. Diese Zeichnungen ma-
    chen den Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume
    sehr anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne, Landkarten
    u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren
    Untersuchung als Darstellungen des menschlichen Körpers, der Geni-
    talien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständ-
    nis des Traumes. (Vgl. hiezu Pfisters Arbeiten über Kryptographie
    und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildun-
    gen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung
    denken. – Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als
    Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale
    liebkosen-
    d als ihr „Kleines“ zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde
    spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen
    der Onanie. – Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient
    der Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall
    und das Köpfen. Als Verwahrung gegen die Kastration ist es auf-
    zufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume
    in Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der
    Eidechse im Traume – eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz
    nachwächst – hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum
    S. 7.) – Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genital-
    symbole verwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese
    Rolle: der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genital-
    behaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männ-
    lichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Ver-
    treter von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister;
    mit Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität.
    – Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales
    ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine Be-
    ziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Ver-
    wendung rechtfertigt. – Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht
    genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch Bei-
    spiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: „Die
    Sprache des Traumes“, enthalten die reichste Sammlung von Symbol-
    auflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der
    Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über
    die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und
    seine Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber
    andere seiner Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei

  • S.

    244

    dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich
    beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele.
    Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch auf
    zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rech-
    tes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexuali-
    tät, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne
    usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen
    Standpunkt des Träumers“ (l. c. p. 466). Die Verwandten überhaupt
    spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier
    kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere
    Schwester bestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des „Kleinen“
    reicht. Dagegen erkennt man an gesicherten Beispielen die Schwe-
    stern als Symbole der Brüste, die Brüder als solche der großen
    Hemisphären. Das Nichteinholen eines Wagens löst Stekel als
    das Bedauern über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 179). Das
    Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt
    wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber häufig als un-
    verkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in
    Träumen vorkommenden Zahlen hat Stekel fixierte Symbolbedeutun-
    gen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen weder genügend
    sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im ein-
    zelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Drei-
    zahl ist übrigens ein mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen
    Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel aufstellt,
    bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole.
    „Wo gäbe es ein Symbol, das – wenn es die Phantasie nur einiger-
    maßen erlaubt – nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht
    werden könnte!“ Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von
    der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie er-
    laubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht über-
    flüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine
    Satz Stekels vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit
    zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männ-
    liche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vor-
    wiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen,
    und noch andere, von denen nur die männliche oder nur die weibliche
    Bedeutung bekannt ist. Lange, feste Gegenstände und Waffen als
    Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten,
    Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, gestattet eben
    die Phantasie nicht.

    Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten
    Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archai-
    schen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien
    unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zu-
    gesprochen wird.

    Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körperteile
    vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder den Fuß,
    die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr, selbst das
    Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers – Schleim, Tränen,
    Harn, Sperma usw. – können im Traum für einander gesetzt werden.

  • S.

    245

    Diese im Ganzen richtige Aufstellung von W. Stekel hat eine be-
    rechtigte kritische Einschränkung durch Bemerkungen von R. Reit-
    ler erfahren. (Int. Zeitschr. für Psych. I, 1913.) Es handelt sich
    im wesentlichen um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des
    Samens durch ein indifferentes.

    Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen ge-
    nügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.* Eine
    weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich in meinen
    „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1916/17“ versucht.

    Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher
    Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich
    es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der
    Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche
    auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich
    aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole für
    die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumüber-
    setzung auf Symbolübersetzung einzuschränken, und die Technik der
    Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben. Die beiden Tech-
    niken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie
    theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Ver-
    fahren, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung
    beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als
    Hilfsmittel hinzutritt.

    1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen
    Genitales)**.

    (Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungs-
    angst agoraphobischen Frau.)

    „Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen
    Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben
    aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung
    hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere.
    Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem
    Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir
    alle nichts anhaben.“

    Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann,
    sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem
    emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten-
    teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber
    man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!“ Absichtlich enthalte
    ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen
    der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer

    *Bei aller Verschiedenheit der Schernerschen Auffassung von der Traum-
    symbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben, daß Scherner
    als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte,
    und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes,
    vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben.

    **Aus „Nachträge zur Traumdeutung“. Zentralblatt für Psychoanalyse I,
    Nr. 5/6, 1911.

  • S.

    246

    Determinierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort:
    Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht
    sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen
    zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien
    vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letz-
    tere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten
    Malen auf anderes Material gestützt, geben können.
    Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach
    dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück
    und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts
    hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen,
    und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den
    Mut zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hode
    tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei.
    Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze
    Deutung von ihr akzeptiert.
    Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin
    diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen
    Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weib-
    liches Genitale stehen kann*).

    2. Das Kleine ist das Genitale – das Überfahren
    ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres.

    (Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.)

    „Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein
    gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und
    sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie
    überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein
    unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht
    sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile
    sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine
    allein hat gehen lassen.“ Analyse. Die vollständige Deutung des
    Traumes ist hier

  • S.

    247

    ob man nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte
    man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten Töchter-
    chens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer Richtung.
    Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von
    rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen
    und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rück-
    wärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange
    deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine
    (sie hat eine vierjährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht
    der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben,
    als ob sie kein Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem
    einleitenden Satz des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine
    weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das
    Allein-
    gehen auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung
    haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen
    ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht
    der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.

    Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem an-
    deren Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder
    identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören,
    daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung
    mit dem Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine“ das
    Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration,
    die nichts anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede
    sein kann, und somit zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind
    onan-
    iert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt
    hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später ver-
    loren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals
    früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die in-
    fantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben
    hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, fin-
    det sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote,
    daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel
    antwortet: Nein, immer so g’west.

    Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum,
    bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich grollt
    sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.

    Daß das „Überfahrenwerden“ sexuellen Verkehr symbolisiert,
    würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl-
    reichen anderen Quellen sicher wüßte.

    3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen,
    Schächte.

    (Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten Mannes.)

    „Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß
    der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen klei-
    neren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der
    aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das

  • S.

    248

    alles ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen
    sie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet
    liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon a b r e i ß e n, sieht
    sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt
    ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er
    sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe
    in einen S c h a c h t hinunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind,
    etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine län-
    gere Plattform und dann beginnt ein neuer S c h a c h t.4)

    Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht-
    günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt
    der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da
    an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selb-
    ständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon
    davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man
    darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das – vom Kind
    regelmäßig zum Genitale gerechnete – Gesäß, der kleinere Vorbau
    der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist,
    d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe,
    diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird.
    Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden
    hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn
    etwa konditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf-
    klärung gebeten hätte.“ Die Fortsetzung dieses Gedankens werden
    wir bald an anderer Stelle finden.

    Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster
    Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal
    des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech“ für
    das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst
    etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das
    Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten
    Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen
    Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum-
    gedankens lauten: „Wenn ich ihn gefragt hätte, würde er mich be-
    trogen haben, wie er seine Kunden betrügt.“ Für das A b r e i ß e n,
    welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt
    der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies
    ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben S. 238), sondern stimmt
    auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen-
    teil ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann
    allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater
    zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den
    Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung
    der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Auf-
    steigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich
    aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentralblatt für
    Psychoanalyse, I, 1, 1910; siehe oben S. 242 Note).

    Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt-
    form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch.

  • S.

    249

    Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hem-
    mungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder
    aufnehmen zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher,
    und dem Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sich schon in
    der zweiten Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend
    mache, auf welches das Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vor-
    gehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man
    eine Beziehung auf die Mutter annehmen kann.

    4. Das männliche Genitale durch Personen, das weib-
    liche durch eine Landschaft symbolisiert.

    (Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mit
    geteilt von B. Dattner.)

    ... Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie
    habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit
    zwei „Pülchern“ einträchtig in eine Kirche* gegangen, zu der meh-
    rere Stufen** emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg*** ge-
    wesen und oben ein dichter Wald†. Der Wachmann sei mit einem
    Helm, Ringkragen und Mantel†† versehen gewesen. Er habe einen
    braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem
    Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen
    um die Lenden gehabt†††. Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg
    geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen
    gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges
    ein ordentlicher Wald geworden sei.

    5. Kastrationsträume bei Kindern.

    a) Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die
    Wiederkehr des Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, er-
    wacht eines Morgens verstört und aufgeregt und wiederholt immer-
    fort die Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem Teller ge-
    tragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem Teller getragen.

    b) Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student er-
    innert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden Traum
    gehabt hat. Er geht zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu
    lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen Zügen auf ihn zu
    und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau erkennt er als die Mutter.

    6. Zur Harnsymbolik.

    Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe
    von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidi-
     

    *Oder Kapelle = Vagina.

    **Symbol des Koitus.

    ***Mons veneris.

    †Crines pubis.

    ††Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines Fach-
    mannes phallischer Natur.

    †††Die beiden Hälften des Hodensackes.

  • S.

    250

    busz“)1) aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der
    Traumtheorie erkannt hat. O. Rank hat das nebenstehende als
    „Traum der französischen Bonne“ überschriebene Blatt bereits
    in seiner Arbeit über die Symbolschichtung im Wecktraum usw.
    (p. 99) verwertet.

    Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge
    des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben
    die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den
    Reiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis
    geäußert und verlangt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum
    vertauscht aber die Situation im Schlafzimmer mit der eines Spazier-
    ganges. Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßen-
    ecke gestellt, er uriniert und – sie darf weiterschlafen. Der Weck-
    reiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe, der sich nicht be-
    achtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das Erwachen
    und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren
    Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie
    nicht zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die
    Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende
    Knabe liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er be-
    reits einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes
    Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis
    und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von
    einem mutwilligen Künstler verbildlicht.

    7. Ein Stiegentraum.

    (Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.)

    Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 281 f., Anmkg.) an-
    geführte Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähn-
    lich durchsichtigen Pollutionstraum:
    „Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen
    Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen.
    Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weib-
    liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich
    es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der
    Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte.
    Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale
    an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts
    zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes
    sah ich links oben mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde
    hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem
    einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers
    mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk
    bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf
    stand, daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe
    mich dann höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz
    im Bette liegen und) erwache durch die Empfindung der Nässe, welche
    von der erfolgten Pollution herrührt.“

  • S.

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    Bita

  • S.

    252

    Deutung: Der Träumer war am Abend des
    Ladens eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit
    einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive
    wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm
    besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des
    Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war.

    Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem
    böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt hatte,
    ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden“. Der
    Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor-
    kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem
    Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo
    zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß
    der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der
    Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den boshaften
    Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf
    der Kellerstiege gewachsen“.

    Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Traum-
    inhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert
    werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler
    Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das
    Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil
    seiner Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be-
    wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In
    diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter-
    anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntergerutscht, wobei
    er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun eben-
    falls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach
    eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt,
    sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunterfliegt“ oder rutscht.
    Mit Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes
    den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. – In diesem Stiegen-
    haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch
    mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei
    er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.

    Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe
    Zentralblatt f. Ps.-A., Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegen-
    steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird
    der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein
    Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand
    erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das
    Hinuntereilen – rutschen – über die Stiege), deren sadistischer
    Einschlag auf Grund der Raufspiele in der Verfolgung und Über-
    wältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregung stei-
    gert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume
    durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der
    Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den
    wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der über-
    starken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung
    nicht, welche die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung

  • S.

    253

    führt zum Orgasmus und damit wird die ganze Stiegensymbolik als
    Vertretung des Koitus entlarvt. – Wenn Freud als einen der Gründe
    für die sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen
    Charakter beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum beson-
    ders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des
    Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder-
    reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element
    gewesen war.

    Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen
    von ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs-
    bilder“ gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein
    großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein
    großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Daß auch
    billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Prostituierten-
    komplex, wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen
    Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den
    Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus er-
    zeugt).

    Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben
    auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt,
    scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit
    zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett-
    nässen zum Vorbild zu haben.“

    8. Ein modifizierter Stiegentraum.

    Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Absti-
    nenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder-
    holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die
    Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger
    schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beein-
    flussung provoziert folgenden Traum:

    „Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavier-
    spiel vernachlässige, die Etüden von Moscheles sowie den Gradus
    ad Parnassum von Clementi nicht übt.“

    Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die
    Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte.
    Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der
    Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde.

    9. Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der
    Wiederholung.

    Ein jetzt 35jähriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum,
    den er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem
    das Testament des Vaters hinterlegt war, – er hatte
    den Vater im Alter von drei Jahren verloren –, brachte zwei
    große Kaiserbirnen, von denen er eine zum Essen be-
    kam. Die andere lag auf dem Fensterbrett des Wohn-
    zimmers. Er erwachte mit der Überzeugung von der Realität des

  • S.

    254

    Geträumten und verlangte hartnäckig von der Mutter die zweite
    Birne; sie liege doch auf dem Fensterbrett. Die Mutter lachte darüber.

    Analyse.
    Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie er
    sich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrach-
    te. Das Fensterbrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will ihm dazu
    nicht einfallen; etwa noch, daß die Mutter kürzlich ihm einen Traum
    erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe sitzen, fragt sich,
    wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen nicht fort, sondern der
    eine fliegt zu ihrem Mund und saugt aus ihm.

    Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Recht,
    die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden Birnen
    – pommes ou poires – sind die Brüste der Mutter, die ihn genährt
    hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog den Bal-
    konen im Häusertraum (vgl. S. 242). Sein Wirklichkeitsgefühl nach
    dem Erwachen hat Recht, denn die Mutter hat ihn wirklich gesäugt,
    sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus, und die Mutterbrust
    wäre noch immer zu haben. Der Traum ist zu übersetzen: Mutter,
    gib (zeig’) mir die Brust wieder, an der ich früher einmal getrunken
    habe. Das „früher“ wird durch das Essen der einen Birne dargestellt,
    das „wieder“ durch das Verlangen nach der anderen. Die zeitliche
    Wiederholung eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zah-
    lenmäßigen Vermehrung eines Objektes.

    Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im
    Traume eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht Aus-
    nahme, sondern Regel. Man darf sagen, der Träumer verfügt über
    die Symbolik von allem Anfang an.

    Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum-
    lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbeein-
    flußte Erinnerung einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist zwi-
    schen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie, ihren
    um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen beiden
    stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem Spazier-
    gang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als die älteste
    auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine:
    Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat ein Würst-
    chen, ich hab’ ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich
    hab’ auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend zugehört
    und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer scharfen Zu-
    rechtweisung reagiert.

    Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik
    eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete:

    10. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder“*.

    „Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig – zuletzt auch
    von Havelock Ellis** – vorgebrachter Einwand lautet, daß die
    Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei,
    aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die

    *Alfred Robitsek im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340.

    **„TheWorldofDreams“, London 1911, p. 168.

  • S.

    255

    Psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem
    Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative
    Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei
    Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe
    wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik.
    Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel ein-
    fachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die
    neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden
    Zensur und der hieraus resultierenden weitergehenden Traumstel-
    lung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in fol-
    gendem mitgeteilte Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache.
    Er stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem
    und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich,
    daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegen-
    stellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan
    folgenden Traum:

    „I arrange the centre of a table with flowers for a
    birth-
    day.“ (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für
    einen Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume
    wie in ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe
    ein Glücksgefühl empfunden.

    „Die ,populäre‘ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich
    zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der
    Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und
    das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie
    sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt;
    die Hochzeit liegt also längst hinter ihr.

    „Ich mache sie darauf aufmerksam, daß „the centre of a table“
    ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber na-
    türlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die
    Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu
    den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück-
    haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an
    der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er-
    möglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien,
    antwortete sie zunächst: „expensive flowers; one has to pay
    for them“ (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien
    „lilies of the valley, violets and pinks or carnations“
    gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nel-
    ken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner
    populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte
    diese Annahme, indem ihr zu „Lilie“ „purity“ (Reinheit) einfiel.
    „Valley“, das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird
    das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
    Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer
    kostbaren Jungfräulichkeit – expensive flowers, one has to pay for
    them – verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann
    ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung „expensive
    flowers etc.“ hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumen-
    symbole eine andere Bedeutung.

  • S.

    256

    „Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ‚violets‘
    suchte ich mir – recht kühn, wie ich meinte – mit einer unbe-
    wußten Beziehung zum französischen ‚viol‘ zu erklären. Zu meiner
    Überraschung assoziierte die Träumerin ‚violate‘, das englische
    Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlichkeit von
    violet und violate – in der englischen Aussprache unterscheiden
    sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe
    – wird vom Traume benutzt, um ‚durch die Blume‘ den Gedanken
    an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses Wort benutzt die
    Blumensymbolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens
    zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken,
    über welche die Wege zum Unbewußten führen. Das ‚one has to pay
    for them‘ bedeutet hier das Leben, mit dem sie das Weib- und Mutter-
    werden bezahlen muß.

    „Bei ‚pinks‘, die sie dann ‚carnations‘ nennt, fällt mir die
    Beziehung dieses Wortes zum ‚Fleischlichen‘ auf. Ihr Einfall dazu
    lautete aber ‚colour‘ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die
    Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in
    großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht
    sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei
    ihr nicht ‚colour‘, sondern ‚inkarnation‘ (Fleischwerdung) ein-
    gefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch ‚colour‘
    als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von car-
    nation – Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert.
    Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am
    größten war, entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am
    durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei
    diesem phallischen Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese
    Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel-
    bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen
    Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt,
    um den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk aus-
    zudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein
    reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das ‚expensive flowers, one
    has to pay for them‘ eine – wohl wirklich finanzielle – Bedeutung
    haben. – Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das jung-
    fräulich-weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die
    gewaltsame Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle
    Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen
    Sexualorgane durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen sym-
    bolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht über-
    haupt diese unbewußte Bedeutung.

    „Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl
    die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam,
    stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der
    latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht
    warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt
    brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die
    sadistische Libidokomponente zum Ausdruck. –

  • S.

    257

    „In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ‚I arrange etc.‘
    eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben.

    „Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer
    körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um
    so mehr wird die Kostbarkeit des ‚centre‘ (sie nennt es ein ander-
    mal ‚a centre piece of flowers‘), ihre Jungfräulichkeit, hervor-
    gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum
    Symbol beitragen. – Beachtenswert ist die Konzentration des Trau-
    mes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol.

    „Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ‚I decorate
    the flowers with green crinkled paper.‘ (Ich verziere die
    Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei
    ‚fancy paper‘ (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen
    Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ‚to hide untidy things,
    whatever was to be seen, which was not pretty to the eye;
    there is a gap, a little space in the flowers.‘ Also: ‚um un-
    saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein
    Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.‘ ‚The paper looks
    like velvet or moss‘ (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‘).
    Zu ‚decorate‘ assoziiert sie ‚decorum‘, wie ich es erwartet hatte.
    Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ‚hope‘ (Hoff-
    nung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. – In diesem Teile des
    Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern
    es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht
    sich schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich
    schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt,
    Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines pubis
    handelt.

    „Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Den-
    ken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnen-
    liebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ‚für einen Geburts-
    tag zugerichtet‘, d. h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, viel-
    leicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie ge-
    steht sich ihre körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch
    Überschätzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham ent-
    schuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind
    zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd
    sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen Traumes –
    das Glücksgefühl – zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre
    Befriedigung gefunden haben.“

    Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht
    gerade „Träume von Ahnungslosen“ den Sinn der Symbole und die
    Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f. Psych. IV,
    1916/17.)

    Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per-
    sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein Gegen-
    stand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen Gliedes
    eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste

  • S.

    258

    als phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die „unendliche Ver-
    längerung“ einer Reitgerte kann nicht leicht anderes als die Erektion
    bedeuten. Überdies gibt dieser Traum ein schönes Beispiel dafür, wie
    ernsthafte und dem Sexuellen fernabliegende Gedanken durch infan-
    til-sexuelles Material zur Darstellung gebracht werden.

    11. Ein Traum Bismarcks.

    (Von Dr. Hanns Sachs.)

    „In seinen „Gedanken und Erinnerungen“ teilt Bismarck (Bd. II
    der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am 18. Dezember
    1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält folgende Stelle:
    „Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Trau-
    mes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte,
    aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir
    träumte und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und an-
    deren Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts
    Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd-
    sich weigerte und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz un-
    möglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen
    die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich
    lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen brei-
    ten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen,
    preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Ge-
    danke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser
    Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm.“

    „Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte: im ersten
    Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann im zweiten
    auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige Lage, in der sich
    Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kenntliche Traum-
    darstellung
    der kritischen Situation des Staatsmannes, die er am Abend vor dem
    Traume, über die Probleme seiner Politik nachdenkend, besonders bitter
    empfunden haben mochte. Mit der zur Darstellung gelangten gleich-
    nisweisen Wendung schildert Bismarck selbst in der oben wieder-
    gegebenen Briefstelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie
    war ihm also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben
    wir wohl auch ein schönes Beispiel von Silberers „funktionalem-
    Phänomen“ vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei
    jeder von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche-
    Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der Beschäf-
    tigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind sehr tref-
    fend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch rückwärts
    kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben oder Zurück-
    treten zu denken, kommt im Traume durch die Worte „Umkehren
    oder absitzen . . . unmöglich“ zum Ausdruck. In seiner Eigenschaft
    als stets angestrengt Tätiger, der sich für fremdes Wohl plagt, lag
    es für Bismarck nahe, sich mit einem Pferde zu vergleichen, und
    er hat dies auch bei verschiedenen Gelegenheiten getan, z. B. in seinem
    bekannten Ausspruch: „Ein wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen.“

  • S.

    259

    So ausgelegt bedeuten die Worte, daß „das Pferd sich weigerte“,
    nichts anderes, als daß der Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich
    von den Sorgen der Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt,
    daß er im Begriffe stehe, sich von den Fesseln des Realitätsprinzips
    durch Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann
    im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird dann auch hier schon
    präjudiziert durch das Wort „Alpenpfad“. Bismarck wußte damals
    wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen – nämlich
    in Gastein – zubringen werde; der Traum, der ihn dahin versetzte,
    befreite ihn also mit einem Schlage von allen lästigen Staats-
    geschäften.

    „Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf dop-
    pelte Weise – unverhüllt und greifbar, daneben noch symbolisch –
    als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Verschwinden des hem-
    menden Felsens, an dessen Stelle ein breiter Weg – also der gesuchte
    Ausweg in bequemster Form – erscheint, unverhüllt durch den An-
    blick der vorrückenden preußischen Truppen. Man braucht zur Er-
    klärung dieser prophetischen Vision durchaus nicht mystische Zusam-
    menhänge zu konstruieren; die Freudsche Wunscherfüllungstheorie
    genügt vollständig. Bismarck ersehnte schon damals als den besten
    Ausgang aus den inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg
    mit Österreich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also
    in Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum da-
    durch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert. Indi-
    viduell bedeutsam ist es nur, daß der Träumer, mit dem wir uns hier
    beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte, sondern
    auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem Kenner der
    psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß, ist die Reitgerte,
    die „unendlich lang“ wird. Gerte, Stock, Lanze und Ähnliches sind
    uns als phallische Symbole geläufig; wenn aber diese Gerte noch
    die auffallendste Eigenschaft des Phallus, die Ausdehnungsfähigkeit-
    besitzt, so kann kaum ein Zweifel bestehen. Die Übertreibung des
    Phänomens durch die Verlängerung ins „Unendliche“ scheint auf die
    infantile Übersetzung zu deuten. Das in-die-Hand-Nehmen der Gerte
    ist eine deutliche Anspielung auf die Masturbation, wobei natürlich
    nicht an die aktuellen Verhältnisse des Träumers, sondern an weit
    zurückliegende Kinderlust zu denken ist. Sehr wertvoll ist hier die
    von Dr. Stekel gefundene Deutung, nach der links im Traume
    das Unrecht, das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen-
    ein Verbot betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwi-
    schen dieser tiefsten infantilen Schicht und der obersten, die sich
    mit den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch
    eine Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung
    steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer Not
    durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung Gottes als
    Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, nämlich wie Moses
    für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen Wasser schlägt.
    Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen wir bei dem aus
    einem bibelgläubigen, protestantischen Hause hervorgegangenen Bis-
    marck ohne weiteres annehmen. Mit dem Anführer Moses, dem das

  • S.

    260

    Volk, das er befreien will, mit Auflehnung, Haß und Undank lohnt,
    konnte sich Bismarck in der Konfliktszeit unschwer vergleichen.
    Dadurch wäre also die Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben.
    Anderseits enthält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die
    Masturbationsphantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot
    Gottes greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn
    der Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das
    gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des – im Traume
    unzweideutig phallischen – Stockes, das Erzeugen von Flüssigkeit
    durch das Schlagen damit und die Todesdrohung – damit haben wir
    alle Hauptmomente der infantilen Masturbation beisammen. Inter-
    essant ist die Bearbeitung, die jene beiden heterogenen Bilder, von
    denen eines aus der Psyche des genialen Staatsmannes, das andere
    aus den Regungen der primitiven Kinderseele stammt, durch Ver-
    mittlung der Bibelstelle zusammengeschweißt hat, wobei es ihr ge-
    lungen ist, alle peinlichen Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen
    des Stockes eine verbotene, aufrührerische Handlung ist, wird nur
    sehr durch die linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet.
    Im manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um
    recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heimlichkeit
    abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an Moses, daß er
    das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, wird die eine sehr
    deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel und Waldland), die
    andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt. Das Wasser ist wahr-
    scheinlich der sekundären Bearbeitung, welche die Vereinheitlichung
    dieser Szene mit der vorigen erfolgreich anstrebte, zum Opfer gefallen,
    statt dessen stürzt der Fels selber.

    „Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, in der das
    Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das Kind
    wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten nichts von
    dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser Wunsch durch das
    Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem König sogleich zu mel-
    den, ersetzt. Diese Umkehrung schließt sich aber ausgezeichnet und
    ganz unauffällig der in der obersten Schicht der Traumgedanken und
    in einem Teile des manifesten Trauminhaltes enthaltenen Siegesphan-
    tasie an. Ein solcher Sieges- und Eroberungstraum ist oft der Deck-
    mantel eines erotischen Eroberungswunsches; einzelne Züge des Trau-
    mes, wie z. B., daß dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt
    wird, nach Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter
    Weg erscheint, dürften dahin deuten, doch reichen sie nicht hin,
    um daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und
    Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel
    einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige wurde
    überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinausragt, das als
    schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge davon ist, daß jede
    Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte. Es ist ein Ideal-
    fall von gelungener Wunscherfüllung ohne Zensurverletzung, so daß
    wir begreifen können, daß der Träumer aus solchem Traume froh
    und gestärkt erwachte.“

  • S.

    261

    Ich schließe mit dem

    12. Traum eines Chemikers,

    eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohn-
    heiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.
    Vorbericht. Am Tage vor dem Traume hat er einem Stu-
    denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei
    welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut
    reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der näm-
    lichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand
    verbrannte.

    Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die
    Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium
    substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung,
    sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich
    schon auf, meine Kniee werden weich. Dann greift er hin, fühlt an
    seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus
    dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. – Ja
    doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich
    den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor
    der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt
    und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyl.

    II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um ½12 Uhr
    beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein,
    wacht aber erst um ½12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät;
    bis du hinkommst, ist es ½1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die
    ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die Mutter
    und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich dann:
    Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort.

    Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine
    Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der
    Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student,
    dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte
    ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz un-
    berührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge:
    Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein;
    – er ist so gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine
    Synthese –; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber
    ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den
    Erfolg erscheinen!

    Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge-
    macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine
    im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf
    in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will;
    er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit
    dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen

  • S.

    262

    Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den
    im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib
    das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht. Er ist
    feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit
    der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die
    Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent-
    sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. – Das Rendezvous war
    wirklich für ½1)2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen
    und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu
    bleiben, entspricht seinem Widerstande.

    Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese
    Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem
    zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber
    als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und
    erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Prévost ge-
    lesen, und in diesem war im Kapitel: Les exclus de l’amour aller-
    dings von den „Schlemiliés“ die Rede, bei deren Schilderung er sich
    sagte: Das ist mein Fall. – Schlemihlerei wäre es auch gewesen,
    wenn er das Rendezvous versäumt hätte.

    Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte
    experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter
    hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten
    Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen
    großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den
    Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen Sexualverkehr zu
    träumen, so führte der Traum diese Aufträge aus, indem er an Stelle
    des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen Traumdeutung
    bekannten Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der Suggestion,
    vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen, im Traume
    diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf
    ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen.“ Der
    Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung
    niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Einschätzung
    dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche Tatsache ge-
    stört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch Selbstmord endete.
    Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine vorläufige Mit-
    teilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse“.


    Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben,
    können wir in der S. 189 abgebrochenen Behandlung der typischen
    Träume fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im
    Groben in zwei Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal
    den gleichen Sinn haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen
    oder ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er-
    fahren müssen. Von den typischen Träumen der ersten Art habe ich
    den Prüfungstraum bereits eingehender behandelt.
    Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume
    vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen ange-
    reiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung.

  • S.

    263

    Es sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angst
    regung, die Angst zu sterben. „Ab-
    reisen“ ist eines der häufigsten
    und am besten zu begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann
    tröstend: Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungs-
    traum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts
    geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen
    rührt daher, daß die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des
    Trostes geknüpft ist.

    Der Sinn der „Zahnreizträume“, die ich bei meinen Pa-
    tienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen,
    weil sich zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig
    allzu große Widerstände entgegenstellten.

    Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß
    bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit
    die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume
    analysieren. von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum“ ist. Beide
    rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker,
    aber im Leben gehemmter Homosexualität:

    Er befindet sich bei einer „Fidelio“-Vorstellung im
    Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen Per-
    sönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben möchte.
    Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das Parkett
    bis ans Ende, greift sich dann in den Mund und zieht
    sich zwei Zähne aus.

    Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen“
    würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio“ handelt, liegt
    das Dichterwort nahe:

    „Wer ein holdes Weib errungen –“

    Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu
    den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse
    besser:

    „Wem der große Wurf gelungen,
    Eines Freundes Freund zu sein.“

    Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf“, der aber nicht
    allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die pein-
    liche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft
    schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen“ wurde, und die
    Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem
    er die „Fidelio“-Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt
    sich daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis
    an, daß er einst nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus
    Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat.

    Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts-
    professoren behandeln ihn an meiner Statt. Der eine tut
    irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst vor einer
    Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange
    gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne ver-
    liert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden.

  • S.

    264

    Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft.
    Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm
    bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus-
    geführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit
    Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem
    Vorhilde der ihm einst vertrauten Pubertätsananie vor.

    Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
    Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus-
    zieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich wer-
    den*. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz“ zu dieser
    Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Ver-
    legung von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexual-
    verdrängung steht, und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sen-
    sationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollen,
    wenigstens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden
    können.

    Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der
    Symbolik des unbewußten Denkens die Genitalien durch das Ange-
    sicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er
    „Hinterbacken“ als Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen“
    neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase
    wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Be-
    haarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Ge-
    bilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und
    gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung
    macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke
    der Sexualverdrängung geeignet.

    Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz-
    traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln
    kann, voll durchsichtig geworden ist**. Ich gebe so viel, als ich zur
    Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich
    muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen
    Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert eine unfeine
    Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen
    oder sich einen herunterreißen***. Ich weiß nicht zu sagen, woher
    diese Redeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde
    liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn“ sehr
    gut fügen†.

    *Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration
    zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur; Stekel). Es ist
    zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie
    solche z. B. Coriat (Zentralbl. f. Ps.-A. III, 440) mitgeteilt hat.

    **Nach einer Mitteilung von C. G. Jung haben die Zahnreizträume bei
    Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung
    hiefür erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt
    darin, daß es sich in beiden Fällen (Kastration – Geburt) um die Ablösung eines
    Teiles vom Körperganzen handelt.

    ***Vgl. hierzu den „biographischen“ Traum auf S. 238.

    †Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben auf
    den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen aber solche
    Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann,
    schalte ich hier einen, von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Zahnreiz-
    traum“ ein:

  • S.

    265

    Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in
    denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten
    diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie
    wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material
    an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle.

    Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält,
    muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder-
    zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die


    „Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich seit
    einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren be-
    ginnt, der folgende Bericht zugekommen:

    „Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen
    rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet so
    lange herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt
    er ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leich-
    tigkeit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich
    solle mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigent-
    lich behandelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn
    (wie mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schich-
    ten zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neu-
    gierig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage.
    Der Arzt erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des
    auffallend weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument
    zermalmt (pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammen-
    hängt, und daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht heraus-
    gehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Ge-
    burt eines Kindes. – Ich merke dann (wie ich glaube im Halb-
    schlaf), daß dieser Traum von einer Pollution begleitet war,
    die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle des
    Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim
    Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein.

    Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen
    Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoff-
    nung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend-
    wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück-
    lassend und bloß mit dem Überrock bekleidet mich beeilte, einen
    abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten
    Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo be-
    reits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere
    des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen Stel-
    lung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien
    versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch ein großes
    Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch un-
    sere Zug hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich
    schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.“

    Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Er-
    lebnisse und Gedanken des Vortages:

    I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe
    zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers,
    der im Traume angebohrt wird, und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit
    schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war
    ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte,
    einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von
    dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen
    eben durchbrechenden ‚Weisheitszahn‘. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine
    darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen gestellt.

    II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegen-
    über meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf

  • S.

    266

    für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher
    Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme
    ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge-
    spielt, indem er es auf den Knieen schaukelte und das Bein plötzlich
    streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un-
    terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan-
    gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck
    und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die


    sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone
    fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen
    besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt
    habe, daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich
    bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in
    der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu
    vor der notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob
    unter Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese
    bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all
    diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes
    mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von einem
    ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu be-
    richten, der behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat,
    so bekommt sie einen Buben.

    III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud
    in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der
    Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und
    das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich
    las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung
    nach und fand dort unter anderem die im folgenden wiedergegebenen Ausführun-
    gen, deren Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Ein-
    wirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreiz-
    träumen, daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts-
    zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe‘ (p. 193). Ferner: ‚Ich meine, daß
    auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein
    anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Auf-
    klärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zahn-
    reiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige
    Verlegung von unten nach oben (im vorliegenden Traume vom Unter-
    kiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht
    und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die
    sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien
    Körperstellen realisiert werden können‘ (p. 194). ‚Aber ich muß auch auf einen
    anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In un-
    seren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt:
    sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen‘ (p. 195). Dieser Ausdruck
    war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig und
    von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits-
    material, das diesem Traume zu Grunde liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch,
    daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in
    einen oberen Schneidezahn verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner
    Kinderzeit erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht
    und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen
    seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die
    bei mir die ersten bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).

    Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung, wonach die
    Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen haben
    (Traumdeutung S. 194 Anmkg.), sowie der Volksglaube von der Bedeutung des
    Zahnschmerzes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Be-
    deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu er-
     

  • S.

    267

    Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die Hände weg,
    die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die
    Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln
    und Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im
    Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man-
    chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduk-
    tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit aus-
    führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs-
     


    innere ich mich eines früheren Traumes, wo mir, bald nachdem ich aus der Be-
    handlung eines Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben einge-
    setzten Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten-
    aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr
    ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als
    Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder
    Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich
    glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahnschmerz-
    bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.“

    So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, auch einwand-
    freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als etwa den Hin-
    weis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles, der über die Wort-
    brücken: Zahn-(ziehen-Zug; reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwie-
    rigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum Ge-
    schlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein-
    und herausfahren) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher)
    darstellt.

    Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant.
    Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammen-
    hang, daß die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch
    genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur-
    batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Rei-
    zungen zu Stande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische
    Befriedigung nicht wie sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte er-
    folgt, sondern objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höch-
    stens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt.

    Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender:
    „Es liegt der Einwand nahe, daß die Freudsche Auffassung hier ganz überflüssiger-
    weise geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortages
    allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen.
    Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der
    Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen
    beunruhigte Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar
    zur Beseitigung des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der
    Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürch-
    teten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den
    weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernst-
    haft vertreten wollen, daß die Lektüre des Freudschen Aufklärungen den Zu-
    sammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Traume hergestellt
    oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer
    selbst eingestanden hat („sich einen ausreißen“) längst vorgebildet gewesen wäre.
    Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame belebt
    haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre
    der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische Bedeutung der
    Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen,
    ob dies für alle derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das
    wenigstens für seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln-
    mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches;
    nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser Freudschen Auf-
    fassung zu überzeugen.“

  • S.

    268

    spielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden*. Um es
    mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken-
    den Worte zu sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches
    die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen
    Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,
    ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug
    in Zwist und Weinen ausgegangen.

    Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der
    Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
    von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen
    und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus
    der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich be-
    zieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.

    Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende
    Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der
    allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbeton-
    ten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten
    Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst
    typischer Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr
    häufig zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe
    schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen
    und scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit
    sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er
    ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen
    ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Be-
    deutung der Sehnsucht: ‚Wenn ich ein Vöglein wär’‘; andere wurden
    so nächtlicherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so ge-
    nannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor-
    stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei
    Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns
    auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer
    jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.

    Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus-
    gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind,
    da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be-
    schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft
    imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)

    Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder
    Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls
    die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. II,
    p. 791). Er nennt die Erotik das „wichtigste Motiv zum Schwebe-
     


    *Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich weiß
    aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem Moment,
    wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl in den
    Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, doch
    als Lustgefühl bezeichnen muß.“ – Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß
    die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim
    Klettern aufgetreten sind. – Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicher-
    heit, daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der
    Kinderjahre wurzeln.

  • S.

    269

    traum“, beruft sich auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, wel-
    ches diese Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher
    Träume mit Erektionen oder Pollutionen.

    Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter.
    Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast
    regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, wel-
    ches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt.
    Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft;
    fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann auf
    gehoben und geliebkost; wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen
    waren, von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen.

    Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem
    Behagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer gewesen
    und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer
    Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die
    Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen
    oder dem anderen Beispiele erfahren.

    Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der
    Kinderstube Recht, welches die Kinder nicht „zündeln“ heißt, damit
    sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich
    auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder-
    jahre zu Grunde. In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ 1905*
    habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer-
    traumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin
    gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre
    sich dieses infantile Material verwenden läßt.

    Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen“ Träumen
    anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr
    des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern
    versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom
    Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt-
    lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor
    dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere
    (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen,
    die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden
    charakteristisch sind u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit
    diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe
    an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht aus-
    schließlich auf typische Träume beziehen.

    I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt,
    desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume
    Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum
    Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom
    manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt,
    kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt,
    den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näcke in seinen
    Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese
    Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Über-

    *Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.

  • S.

    270

    einstimmung mit unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein
    anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren
    müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten*, von
    keinem anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche,
    die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei
    der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals ver-
    gessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben.
    An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen
    können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine
    unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h.
    der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegen-
    gesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu
    deuten seien, wie W. Stekel** und Alf. Adler*** behaupten,
    scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verall-
    gemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem
    den Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt,
    welche andere als – im weitesten Sinne – erotische Bedürfnisse
    befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw.
    Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die
    Todesklausel zu finden sei“ (Stekel), daß jeder Traum ein „Fort-
    schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie“ erkennen lasse
    (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen
    weit zu überschreiten. – Die Behauptung, daß alle Träume
    eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Li-
    teratur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traumdeutung“
    fremd. Sie ist in fünf Auflagen dieses Buches nicht zu finden und
    steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben.
    Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe ero-
    tische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle be-
    hauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten.
    Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner
    Richtung etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der
    Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter
    Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen se-
    xuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer er-
    zählt: Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas
    zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore ge-
    schlossen sind.

    Meine Frau führt mich das Stück der
    Straße bis zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein,
    und dann schlüpfe ich rasch und-
    leicht in das Innere
    eines schräg aufsteigenden Hofes.

    Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller-
    dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume,
    das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Sym-
    bolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Dar-
     

    *Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905, 3. Aufl. 1915.

    **Die Sprache des Traumes, 1911.

    ***Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, Fort-
    schritte der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psycho-
    analyse I, 1910/11.

  • S.

    271

    stellung eines Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden
    stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge,
    schräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des
    Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk-
    lichkeit nur die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem
    solchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am
    Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers ein-
    getreten ist, welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck
    gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung
    nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen
    ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und
    weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin.

    Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes,
    mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be-
    komme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum
    nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen
    anderen, unkenntlichen und indifferenten, Traum auf, der sich bei dem
    Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies
    ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich wiederum ein Ödipustraum
    ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual-
    verkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind als die
    aufrichtigen*).

    Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen
    im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein-
    mal. Dieses „Déjà vu“ hat aber im Traum eine besondere Bedeutung.
    Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in der
    Tat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten,
    daß man „dort schon einmal war“. Ein einziges Mal brachte mich
    ein Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Ver-
     

    *)Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich
    in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit aus-
    führlicher Deutung O. Rank ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte Ödipus-
    träume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Rank (Internat.
    Zeitschrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume“
    und Augensymbolik von Eder, Ferenczi, Reitler. Die Blendung in der Ödipus-
    Sage wie anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens
    auch die symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl.
    O. Rank, Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlecht-
    lichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges
    Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Ebenso
    bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde
    die Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculum matri
    tulerit), was Brutus als Hinweis auf die Mutter-Erde auffaßte (terram osculo
    contigit, scilicet quod ea communia mater omnium mortalium esset. Livius I,
    LXI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren
    aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht fol-
    gendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner
    eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun, er würde heimkommen nach
    Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im Vaterlande sterben in seinen
    alten Tagen.“ Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine richtige psycho-
    logische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, die sich von der
    Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere Zuversicht
    zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht selten
    als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.

  • S.

    272

    legenheit, in dem es hieß, er besuche eine Wohnung, in der er schon
    zweimal gewesen sei. Gerade dieser Patient hatte mir aber längere
    Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt,
    er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit
    dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen.

    Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind,
    oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser
    zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das
    Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im fol-
    genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der
    Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines
    Koitus zwischen den Eltern benutzt.

    Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem
    ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch dieses
    sieht er zuerst leere Landschaft und dann komponiert
    er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und
    die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker dar,
    der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die
    schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die da
    bei ist, die blauschwarzen Schollen machen einen schönen
    Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogik
    aufgeschlagen… und wundert sich, daß den sexuel-
    len Gefühlen (des Kindes) darin soviel Aufmerksam-
    keit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.“

    Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson-
    deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:

    In ihrem Sommeraufenthalt am **)See stürzt sie sich
    ins dunkle Wasser, dort, wo sich der blasse Mond im
    Wasser spiegelt.

    Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung ge-
    langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache
    umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, – aus dem Wasser
    herauskommen. d. h.: geboren werden*). Die Lokalität, aus der man
    geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von
    „la lune“ im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße
    Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll
    es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommer-
    aufenthalt „geboren zu werden“? Ich befrage die Träumerin, die ohne
    zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren?
    So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem
    Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel-
    leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst
    Mutter zu werden**).


    *)Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe Rank: Der
    Mythos von der Geburt des Helden, 1909.

    **)Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben
    im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die
    Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu
    werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fort-

  • S.

    273

    Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung
    einer Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und
    beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige
    zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat
    er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie
    nur noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der
    Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene ver-
    wandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Ho-
    tels. Ihr Gatte verließ sie, und sie ‚trat in ein Ge-
    spräch mit‘ einem Fremden.“

    „Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei
    der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An-
    knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste
    Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den
    Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes
    aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels Umkehrung als Eintritt
    des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die
    Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele
    hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert
    die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen,
    welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt
    hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt
    eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem
    Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und
    kleidete und schließlich in ihr Haus führte.“

    „Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche
    das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen
    Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes ent-
    spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie.
    Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen
    in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind
    in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde
    liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf
    und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung).
    In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken
    verläßt sie ihren Gatten.“ (Übersetzt von O. Rank.)

    Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jun-
    gen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle
    des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins
    Wasser (Geburtsweg – Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fuß-
    boden auf und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz ge-
    kleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen
    entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie
    von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte.

    Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts-
    träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume.

    leben nach dem Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheim-
    lichen Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das
    erste Angsterlebnis und somit Quelle und Vorbild des Angst-
    affektes.

    Freud, Traumdeutung, 6. Aufl.

  • S.

    274

    Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schich-
    tung der Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungs-
    wandel des Symbols seit der Kindheit.

    Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir S. 166
    abgebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender Reize
    für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen zu Stande
    gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunscherfüllungstendenz
    und den Bequemlichkeitscharakter ganz offen, sondern sehr häufig
    auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da nicht selten ein Reiz
    zum Erwachen führt, dessen Befriedigung in symbolischer
    Einkleidung im Traume bereits vergeblich versucht
    worden war. Dies gilt für die Pollutionsträume wie für die durch
    Harn und Stuhldrang ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der
    Pollutionsträume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als typisch
    erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu ent-
    larven, sondern vermag uns auch zu überzeugen, daß manche schein-
    bar harmlose Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer
    grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen
    Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft
    genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwachen
    führt.

    Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtig
    und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates vertrat die
    Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man von
    Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner hat die Man-
    nigfaltigkeit der Harnreizsymbolik studiert und auch bereits behaup-
    tet, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung der Geschlechts-
    sphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt. . . . . Der Harn-
    reiztraum ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes zugleich“.

    O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die „Sym-
    bolschichtung im Wecktraum“ ich hier gefolgt bin, hat es sehr wahr-
    scheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harnreizträumen“
    eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst
    auf dem Wege der Regression in der infantilen Form der Urethral-
    erotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich sind dann jene Fälle,
    in denen der so hergestellte Harnreiz zum Erwachen und zur Blasen-
    entleerung führt, worauf aber trotzdem der Traum fortgesetzt wird
    und sein Bedürfnis nun in unverhüllten erotischen Bildern äußert*).

    In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die
    dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker-
    psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und Kot**).


    *)„Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen
    Traume zu Grunde liegen, erscheinen im „rezenten“ Sinne in exquisit sexueller
    Bedeutung: Wasser = Urin = Sperma = Geburtswasser; Schiff = „schiffen“ (uri-
    nieren) = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus = Gravi-
    dität; schwimmen = Urinfülle = Aufenthalt des Ungeborenen; regen = Uri-
    nieren = Befruchtungssymbol; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus
    dem Bett = Geschlechtlich verkehren („fahren“, Hochzeitsreise); Urinieren =
    sexuelle Entleerung (Pollution)“. (Rank l. c.)

    **)Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung etc.;
    Dattner, Intern. Zeitschr. f. Psych. I, 1913; Reik, Intern. Zeitschr. III, 1915.

  • S.

    275

    „So träumt z. B. eine Frau zur Zeit, da sie wegen einer Darm-
    störung in ärztlicher Behandlung steht, von einem Schatzgräber,
    der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort
    aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein zweiter Teil des Traumes hat
    zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, einem kleinen Mäderl, das sich
    beschmutzt hat, den Hintern abwischt.“

    Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von „Ret-
    tungen“ an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleich-
    bedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modi-
    fiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen
    solchen Traum bei Pfister: Ein Fall von psychoanalytischer Seel-
    sorge und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) – Über das
    Symbol des „Rettens“ vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen
    der psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1,
    1910, sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen
    besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A.,
    Bd. II, 1910*.

    Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen
    man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich
    den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan-
    tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind
    aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit
    es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg-
    sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält.
    Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die
    Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können.
    Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohl eher
    weiblichen Personen im weißen Nachtgewande entsprechen.

    f) Beispiele von Darstellungen. – Rechnen und Reden
    im Traume.

    Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
    Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
    Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu-
    sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be-
    weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare
    Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor-
    stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine
    Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen
    Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig;
    aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und
    eine auch nur wenig vertiefte Traumdeudeutung wird bald so umfang-
    reich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie
    dienen soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen,
    wenn ich nun allerlei Aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung
    auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.


    *Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. Ps.-A. I, 1910,
    p. 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburts-
    rettungsphantasie“ in Traum und Dichtung (Intern. Zeitschr. f. Psych. II, 1914).

  • S.

    276

    Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
    ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame
    heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter wie
    zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und
    eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich.
    Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse
    schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel-
    haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches
    Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und
    nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen überhaupt
    sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes
    als „mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Samm-
    lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses ein-
    fachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.

    Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit
    einem Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel
    hat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch
    die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte den
    Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine
    bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn
    schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm
    weniger. – Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des
    abstrakten Begriffes: „Kindereindrücke“, den die Träumerin in
    den Erklärungen zur Kur gehört hat.

    Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
    Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
    zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter
    draußen: ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das
    Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhaltes
    ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet
    „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken
    fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa
    durch „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig“,
    und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Dar-
    stellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden,
    Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „ü b e r“
    flüssig. – Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Ortho-
    graphie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade
    wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten ge-
    statten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und sehr
    eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt,
    daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und
    Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, und
    sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es
    sich um einen Kuß in Ehren handelt (Jahrb. II, p. 491). Die
    Ähren, die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen,
    dienen in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit
    Ehre. Ehrungen zur Darstellung einer ganzen Reihe von an-
    deren Gedanken.

  • S.

    277

    Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Dar-
    stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze
    Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge-
    meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge-
    braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere
    volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des
    Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß
    sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt
    sich der Kasten durch einen „Schrank“ und der Traumgedanke
    lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner
    Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem
    aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert
    sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau“ herausgibt,
    welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt.

    In einem Traum des „Grünen Heinrich“ wälzt sich ein über-
    mütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein
    süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig“ ist, „zu-
    sammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweins-
    borste eingebunden“. Der Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort
    die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich an
    genehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer sticht mich.

    Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitz-
    traum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, in der
    sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet.

    Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu
    sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu
    ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen.
    Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn
    der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte:

    1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an
    den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle
    heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein.

    2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle han-
    delnden Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie
    hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit
    handeln muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so
    ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Traum-
    inhalt nicht auf.

    Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch
    anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht
    die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende
    eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt ge-
    richteten Opernglas betrachten würde.

    3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks-
    weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge-
    wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben
    ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehen-
    den Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirk-
    lichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein In-
    dex, der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umge-

  • S.

    278

    kehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes führt zu Erin-
    nerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren, die
    auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen.

    4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen
    Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel
    gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung
    hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus. Ein
    Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können.

    5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das
    heißt: Er gibt ihr den Vorzug.

    6. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser
    gegenüber. Er bringt sich in Gegensatz zum Vater.

    7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines
    Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstel-
    lung eines Ehebruches u. dgl.

    8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebens-
    zeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um ⅙ Uhr früh bei einem
    Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen
    Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders.

    9. Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume:
    Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander
    sind. – Die Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft,
    für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene
    Person darstellen, und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumati-
    schen Ereignisse ihrer Kindheit seien um soviel voneinander entfernt.
    (3½ und 4¾ J.)

    10. Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho-
    analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und alle
    die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume ausdrücken
    müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer
    Fahrt, meist im Automobil, als einem neuartigen und kompli-
    zierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnelligkeit des Automobils
    kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rechnung. Soll das
    „Unbewußte“ als Element der Wachgedanken im Traume Dar-
    stellung finden, so ersetzt es sich ganz zweckmäßigerweise durch
    „unterirdische“ Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Be-
    ziehung zur analytischen Kur, den Frauenleib oder den Mutterleib
    bedeutet hatten. „Unten“ im Traume bezieht sich sehr häufig auf
    die Genitalien, das gegensätzliche „oben“ auf Gesicht, Mund
    oder Brust. Mit wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in
    der Regel leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch
    die anderer Personen, von denen der Träumer sich fürchtet, also mit
    einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche
    die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit
    zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch-
    teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man könnte
    sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich ge-
    fürchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch die Neu-
    rose selbst, die „kranke Person“, wird oft vom Träumer abgespalten
    und als selbständige Person im Traume veranschaulicht.

  • S.

    279

    11. (H. Sachs.) „Aus der ‚Traumdeutung‘ wissen wir, daß die
    Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Rede
    wendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den
    Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze
    machen und, den Doppelsinn als ‚Weiche‘ benutzend, statt der ersten,
    in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den
    manifesten Trauminhalt aufnehmen.

    „Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume ge-
    schehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen
    rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.

    Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des-
    halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während
    der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur
    meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zei-
    tungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem
    Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen. Der Traum lautete:

    „Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu
    kleben; er geht aber nicht auf die Seite, was mir großen
    Schmerz verursacht.“

    Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des
    Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang,
    meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ‚Hüter
    des Schlafes‘ die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben,
    durch die Darstellung der Worte ‚er geht aber nicht auf die Seite‘
    vorgetäuscht.“

    Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur visu-
    ellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen Mittel,
    ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen mögen, und
    setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött aller jener aus,
    die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht selbst geübt haben.
    An solchen Beispielen ist besonders das Buch von Stekel, „Die
    Sprache des Traumes“ reich, doch vermeide ich es, von dort die Be-
    lege zu entnehmen, weil die Kritiklosigkeit und technische Willkür
    des Autors auch den nicht in Vorurteilen Befangenen unsicher macht.

    12. Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben im
    Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. Ps.-A., II, 1914):

    a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen
    Lüsterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. – Das heißt,
    er erklärt diese Frau für lüstern.

    b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, von
    weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse bekleidet.
    Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein
    Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht.

    c) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blasel (einen 80jährigen
    Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem Divan
    liegen. Dann springt er über Tische und Stühle, zieht seinen
    Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt mit dem Degen
    in der Luft herum, als kämpfe er gegen einen eingebildeten
    Feind.

  • S.

    280

    Deutung. Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden.
    Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan und wenn sie sich im
    Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre und
    ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor.

    13. Die „große Leistung“ im Traume.
    Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette
    liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: Da
    will ich doch lieber ... (in der Analyse ergänzt er, nach einer Er-
    innerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem Bett
    hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holzleiste
    gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter, indem er
    sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern
    in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und
    auch die Geburt befördert.

    Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine
    große „Leistung“, durch welche er sich aus seiner unbehaglichen
    Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen
    Einstellung herausreißt. ... Das absurde Detail, daß die Holzleiste
    nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, findet seine Er-
    klärung, indem der Träumer erinnert, daß die Verdoppelung im Ver-
    ein mit der Zerstörung eine Anspielung auf die Kastration enthält.
    Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im trotzigen Wunsch-
    gegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen dar. Die
    „Leiste“ ist ja auch eine den Genitalien naheliegende Körperregion.
    Er fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrations-
    drohung, welche ihn in die weibliche Einstellung gebracht hat*).

    14. In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist ein
    Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß natür-
    lich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous me trom-
    pez“, antwortet der Träumer. (trompe = Rüssel.)

    Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
    sprödem Material, wie etwa Eigennamen sind, durch gezwungene
    Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
    hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich
    fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was
    wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume
    noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
    „Staniol“, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius
    meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
    Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wis-
    senschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirk-
    lich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer
    Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.

    Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder-
    barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens-
    wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame
    erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt ge-
    träumt habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Pa-


    *)Intern. Zeitschr. f. Psych. II, 1914.

  • S.

    281

    pierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir
    nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die
    Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem
    betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei
    allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des
    aufgesetzten Hutes.
    Worin die Traumarbeit besteht, und wie sie mit ihrem Material,
    den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an
    den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vor-
    kommen. Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als be-
    sonders verheißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art
    aus meiner Sammlung heraussuchen.
    I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
    Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt
    ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust
    du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir
    durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrer-
    seits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter
    in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine
    Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb.
    In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch
    die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin
    nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein
    weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese
    Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be-
    handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun
    der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen
    bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen
    durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstunden).
    Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden
    im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer
    Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money“, Zeit hat Geld-
    wert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die
    Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
    Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie
    des Lehrjahres im Institut verkleinert.
    II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
    anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren
    verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte,
    Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt
    mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts
    ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und
    ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
    nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.
    Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe-
    renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden,
    indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken,

  • S.

    282

    daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. ist. Woher die 3, die bei den
    Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung,
    daß die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist als sie.
    Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der
    Zug im Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten
    kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine
    Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat.
    Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theater-
    vorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere
    Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen
    hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine
    Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich
    so sehr zu beeilen.

    Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen:
    „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht
    nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L.
    sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und
    zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge-
    wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei
    solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!“
    Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen
    in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert
    haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel-
    lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so
    deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be-
    sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden
    hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein
    absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei
    Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im
    Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des
    Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll:
    Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz neben-
    sächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene
    3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion
    des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die
    Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Ge-
    ringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten
    Gedanken der Träumerin.

    III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
    vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
    Er sitzt bei B... (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
    und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali
    nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen:
    Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren.
    – Ah, dann sind Sie 28 Jahre alt.

    Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
    schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
    des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
    nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen,
    deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen

  • S.

    283

    können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige
    Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete,
    nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich
    sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
    Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung.
    1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht
    unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen,
    die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs
    jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Türe zu öffnen
    pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die
    Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge-
    setzten“ Herrn.

    IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De-
    terminierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, ver-
    danke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:

    „Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten,
    träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung
    ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen
    die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere
    Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der
    Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile
    eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über
    die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab
    ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der
    Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate,
    um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun
    zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektors-
    rang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er
    selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings-
    wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun
    wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amte
    scheiden“.

    Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu-
    sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
    nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den Traum-
    gedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht darstellbares
    Material dienen können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie
    behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material
    zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie
    auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Reden.

    Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
    Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag,
    die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt
    uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich

    *Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei Jung, Marcinowski
    u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber
    vom Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones,
    „Über unbewußte Zahlenbehandlung“ (Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1912, p. 241 f.).

  • S.

    284

    geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat
    und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur
    aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück
    aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen-
    gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der
    Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung
    hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten,
    bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn ab-
    gewonnen*). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum-
    rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde-
    mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus-
    gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum-
    rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken
    verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zusam-
    mengehalten werden.

    In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
    für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der
    Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die
    nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine
    akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind
    einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor-
    kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das in-
    different gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre
    eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben.
    Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt,
    unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder
    gehörte Rede.

    Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
    bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
    Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt-
    traum“ auf S. 128, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu

    *)In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich
    kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen
    unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr
    Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die
    Analyse zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen miß-
    bräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme Weise“ Das bedeutet für ihr
    Unbewußtes: Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „O du selige, o du fröh-
    liche“ ist der Anfang eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weih-
    nachtszeit“ fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Ent-
    stellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Ein-
    fall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein
    Gedicht heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte:
    „Nächtlich am Busento lispeln . . .?“
    Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
    „Nächtlich am Busen“ begnügt.
    Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik
    nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustra-
    tionen zu deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“,
    zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war.
    „Und des frisch erkämpften Weibes
    Freut sich der Atrid und strickt“.
    (Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
    Seine Arme hochbeglückt).

  • S.

    285

    haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren,
    während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harm-
    los zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend
    welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen:
    Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun
    von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum
    genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in
    die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt,
    aber dieselbe auch verraten hätte.

    Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
    ergeben:

    Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden.
    Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine
    deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und
    fragt: „Na, hat's geschmeckt?“ Der eine antwortet: Na,
    nöt gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre.

    Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht
    nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven,
    aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche
    alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt
    ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammen-
    gesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab,
    er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden Sie
    noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt
    dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner Frau
    wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit
    der Nachbarin als auch über die Qualität der gekosteten Speise.
    „Das kann ich nicht sehen“, das auch im Traume nicht als eigent-
    liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen
    Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß
    er diese zu schauen nicht begehrt.

    Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge-
    stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel-
    punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wür-
    digung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr
    klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium ge-
    gangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür
    dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren
    Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an
    seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund
    Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich
    begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit meinem
    (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin,
    wo sie einander wie an einem kleinen Tische gegenüber-
    sitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn.
    Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: In drei-
    viertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das
    ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich
    Fl. an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen

  • S.

    286

    ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwür-
    digen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P.
    (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben
    ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non
    vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter mei-
    nem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen
    werden krankhaft blau – und endlich löst er sich auf.
    Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß
    auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant
    war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche
    Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß
    sie durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.

    Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt
    rätselhaften Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst,
    daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst
    bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum
    selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und
    die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich „für mein
    Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich
    bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was ich nämlich im
    Traume tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz
    aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte
    Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn,
    zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes
    zur Deutung herauszugreifen.

    Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P.
    durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk-
    würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene
    ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war
    Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den
    Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät
    ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünkt-
    lich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg
    und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das über-
    wältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er
    mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im Traume, der
    zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an
    die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen
    Meisters erinnern kann und ihn im Zorne gesehen hat, wird sich
    in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen
    können.

    Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
    zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich be-
    sann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern
    als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann
    wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser-
    Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu
    lesen:

    Saluti patriae vixit
    non diu sed totus.

  • S.

    287

    Aus dieser Inschrift hatte ich herausge-
    klaubt, was zu der einen feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was
    heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja
    gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige
    Tage nach der Enthüllung des Fleischl-Denkmals in den Arkaden
    der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal
    Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern
    erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissen-
    schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be-
    gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren.
    So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß
    mit dem Vornamen Josef*).

    Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
    nicht berechtigt, das non vixit, das ich brauche, durch non vixit,
    das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt,
    zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch
    seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf
    achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche
    Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die
    erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen
    Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um
    die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denk-
    mal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat
    (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich
    ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet,
    bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur
    eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier ent-
    gegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den An-
    spruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht
    stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser
    tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shake-
    speares Julius Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um
    ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr'
    ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das
    nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem
    Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus
    im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateral-
    verbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf-
    finden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein Freund
    Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine
    Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines
    Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach
    Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die von mir
    gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus
    spiele, vertreten**).


    *)Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zu-
    spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten
    Weg von der Kaiser Josef-Straße in die Währingerstraße zu machen hatte.

    **)Dazu noch Cäsar-Kaiser.

  • S.

    288

    Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
    gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge-
    dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar
    als 14jähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr älteren
    Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, – auch so
    ein Revenant – denn es war der Gespiele meiner ersten Kinder-
    jahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten
    dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander ge-
    liebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie
    ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im
    Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seit-
    her sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite
    seines in meiner unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten
    Wesens wiederbelebten. Er muß mich zeitweilig sehr schlecht be-
    handelt haben, und ich muß Mut bewiesen haben gegen meinen Ty-
    rannen, denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Recht-
    fertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich verteidigte,
    als mich der Vater – sein Großvater – zur Rede stellte: „Warum
    schlägst du den John?“ Sie lautete in der Sprache des noch nicht
    Zweijährigen: „Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge-
    (sch)lagt hat.“ Diese Kinderszene muß es sein, die non vixit zum
    ja das Schlagen – Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es
    nicht, sich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität
    so wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir
    vielfach überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder-
    gespielen abgeben könnte, geht sicherlich auf die komplizierte in-
    fantile Beziehung zu John zurück.
    Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im
    Traume.

    Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das
    Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die
    Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt,
    und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität
    der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot,
    um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu-
    zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.
    Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
    Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in
    den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume,
    die – wie man zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
    I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
    verloren:

    Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er
    ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung
    erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm ist
    der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn

  • S.

    289

    dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem
    Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er wun-
    dert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da
    er doch schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die
    Augen sind so klar.

    Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich
    diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während
    er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon
    seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des Traums wacht
    diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen
    Traum noch selbst träumend verwundert. Die Analyse lehrt aber,
    daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen Erklärungen zu greifen.
    Der Träumer hatte bei einem Künstler eine Büste des Vaters be-
    stellt, die er zwei Tage vor dem Traume in Augenschein genommen
    hat. Diese ist es, die ihm verunglückt vorkommt. Der Bild-
    hauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten
    Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle
    Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch
    der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich
    daß er zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe
    ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Auf-
    bau dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohn-
    heit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie
    ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob
    er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen wollte. –
    Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, wie das
    Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die Augen
    schwärzte (die Augen sind so klar). – An der Stelle, wo der
    Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn er
    nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau.
    Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, deutet
    auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte
    sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus der
    Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie
    eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis zum
    Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnen-
    gen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war
    ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen.
    Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
    Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
    Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
    gewohnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich
    wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver-
    meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung
    urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität
    ist ein zugelassener oder gewollter.

    II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen
    Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):
    Der Vater hat nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch ge-

  • S.

    290

    einigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Men-
    schenmenge wie im Reichstage; eine Person, die auf
    einem oder auf zwei Stühlen steht, andere um ihn her-
    um. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette
    Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß
    diese Verheißung doch wahr geworden ist.

    Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
    Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen
    Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
    Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume
    gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be-
    deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle
    Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den
    Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die
    Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Öster-
    reichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem
    Reichstage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des „Moriamur
    pro rege nostro“*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der
    Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei
    Stühlen, also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt; – hier ver-
    mittelt die Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß
    er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Um-
    stehenden wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatur-
    steigerung, seine Wangen glühten rot und röter… unwillkürlich
    setzen wir fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns
    alle bändigt, das Gemeine.

    Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß
    wir gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „post-
    mortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach
    seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war
    die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge-
    wesen. An diese knüpfen sich allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer
    meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor,
    bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft
    antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver-
    wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge-
    bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche
    fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl-
    entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglücklich
    darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater
    stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen,
    der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein
    und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das
    nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten?

    *)Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge-
    funden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und bis
    dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der
    Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl
    sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißig-
    jährigen Krieges.

  • S.

    291

    Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, daß eine völlig
    zulässige Redensart, bei welcher wir gewohnt sind, über die Absur-
    dität hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein
    mag, im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir
    den Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein
    gewollter, absichtlich hervorgerufener ist*.

    III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traum-
    arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material
    gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume,
    den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferial-
    reise eingegeben hat. Ich fahre in einem Einspänner und
    gebe Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der
    Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen
    fahren“, sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht,
    als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als
    wäre ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man


    *Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auf-
    treten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung
    hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis
    für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume
    eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn
    der Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der
    Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten
    Situation. So träumt z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe
    hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geld-
    ausgabe, der Großvater sei wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm.
    Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem
    besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der
    Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, oder die Be-
    friedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat.

    Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen
    findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung,
    der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allerundenk-
    barste hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man
    sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem keinen Unter-
    schied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit
    gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden
    unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am Leben und sprach mit
    ihm wie sonst, aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben
    und wußte es nur nicht. Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er
    war doch gestorben“ einsetzt: infolge des Wunsches des Träumers und
    zu „er wußte es nicht“ ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte.
    Der Sohn hatte während der Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht,
    d. h. den eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch
    endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde
    selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch
    Er-
    weckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen
    Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegensätz-
    lichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte dieser Traum
    so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien des
    seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Ps.-A. III, 1911.)

    Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung überhaupt schwie-
    rige Aufgaben, deren Lösung nicht immer befriedigend gelingt. Den Grund hiefür
    mag man in der besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche
    das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr gewöhnlich, daß
    in solchen Träumen der Verstorbene zunächst als lebend behandelt wird, daß es

  • S.

    292

    sonst mit der Bahn fährt. Zu dieser verwor-
    renen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende Auf-
    klärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich nach Dorn-
    bach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den
    Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter,
    bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige
    spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt
    sich eine Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich
    später noch zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung,
    daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird,
    daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt. Graf
    Thun lenkt ja auch den Staatswagen von Österreich. Der nächste
    Satz im Traume bezieht sich aber auf meinen Bruder, den ich also
    mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die
    gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann
    ich mit Ihnen nicht fahren“), und diese Absage war eine Art Be-
    strafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen
    zu übermüden pflege (was unverändert in den Traum gelangt),
    indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an
    einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum
    Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation
    Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf
    zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger
    bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der
    Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekom-
    men, daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man
    sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war es umgekehrt
    (und „Umgekehrt ist auch gefahren“9)); ich hatte meinem
    Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit der Stadtbahn fährst, kannst
    du auch in meiner Gesellschaft in der Westbahn fahren. Die ganze
    Traumverwirrung richte ich dadurch an, daß ich anstatt „Stadtbahn“
    – „Wagen“ in den Traum einsetze, was allerdings zur Zusammen-
    ziehung des Kutschers mit dem Bruder gute Dienste leistet. Dann
    bekomme ich etwas Unsinniges heraus, was bei der Erklärung kaum
    entwirrbar scheint, und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren
    Rede von mir („Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht
    fahren“) herstellt. Da ich aber Stadtbahn und Einspännerwagen über-
     


    dann plötzlich heißt, er sei tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch
    wieder lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser Wechsel
    von Tod und Leben die Gleichgültigkeit des Träumers darstellen soll („Es
    ist mir dasselbe, ob er lebt oder gestorben ist“). Natürlich ist diese Gleich-
    gültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven,
    oft gegensätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen, und
    wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für andere Träume, in
    denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende Regel orientierend gewirkt:
    Wenn im Traume nicht daran gemahnt wird, daß der Tote – tot ist, so stellt
    sich der Träumer dem Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Die
    plötzlich im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber der ist
    ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemeinschaft und lehnt
    die Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber ich gestehe den Eindruck zu,
    daß die Traumdeutung Träumen dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Ge-
    heimnisse entlockt hat.

  • S.

    293

    haupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze rätselhafte
    Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben.

    In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
    Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zuge-
    lassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vor-
    liegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität
    und etwas Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil
    ich in den Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Dar-
    stellung verlangt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und
    geistreichen Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes
    als „Haushälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich
    nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren,
    machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu
    finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit
    „Nachkommen“ und „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Ein jeder hat’s,
    Im Grabe ruht’s.

    (Vorfahren.)

    Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte
    identisch mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Nicht jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s.

    (Nachkommen.)

    Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren
    sah, in die „Figaro“-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen
    Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren
    zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
    Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht
    mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher
    einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte, konnte
    die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung ein-
    beziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet:
    Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein.
    Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen
    dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt
    löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß
    ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
    vorgefahren.

    Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
    gedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt:
    Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der
    unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde
    wird somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den
    Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung

  • S.

    294

    zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der
    motorischen Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist
    aber nicht mit einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll
    die Disposition der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit
    dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht
    liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wie
    derum ein Stück des latenten Inhaltes in eine manifeste
    Form*.

    Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
    Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana-
    lyse gedeutete Traum von der Wagner vorstellung, die bis morgens
    3/4 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert
    wird usw. (siehe S. 234), will offenbar besagen: Das ist eine ver-
    drehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer’s verdient,
    den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s,
    womit sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint.

    Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zu-
    nächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keines-
    wegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöp-
    fung absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität,
    die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervor-
    gerufen; die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind
    veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters
    scharf zu achten; aber die Pietät, mit der die Person des Vaters
    besonders nach seinem Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft
    die Zensur, welche die Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden
    abdrängt.

    IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:

    Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner
    Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine Un-
    terbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines An-
    falles bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber
    lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
    schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf
    dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über-
    raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal
    betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden
    mußte. Es war, als er für das Haus T.... gearbeitet.

    Du hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf
    hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren
    bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt.

    *Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Ge-
    danken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähn-
    lich verfährt Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayernkönigs verspotten
    will. Er tut es in noch schlechteren:
     

    Herr Ludwig ist ein großer Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll oh!“

     

  • S.

    295

    Absurdität drückt Spott und Hohn aus.

    Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absur-
    ditäten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen
    uns als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen
    Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Ver-
    wunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Po-
    lemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist,
    die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint
    unseren Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu
    widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur
    eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen
    geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vor-
    schein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen an-
    dere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es
    hier umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer,
    und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge-
    heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mit-
    spielt, daß nicht er in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen
    Sachverhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich,
    nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un-
    antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer
    meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
    ins fünfte J a h r fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
    deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege
    eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr
    erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital);
    und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen,
    geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß-
    helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
    Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren
    sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller
    vorwärts-komme, der von der Behandlung dieses Patienten her
    sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der
    das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art
    sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind
    vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,
    wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr
    erleichtert worden ist?

    Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
    Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der
    Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht wer-
    den. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw.
    das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert
    getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen-
    mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor-
    nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies,
    und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen
    Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater
    verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung
    anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur,
    daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen

  • S.

    296

    darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein-
    mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, ent-
    hält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
    Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
    große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge-
    folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
    der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum
    erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren
    einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be-
    rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und
    an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte
    einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der
    männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Todkranken
    besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be-
    schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen,
    ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“
    So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen
    zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich
    aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater
    verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden
    Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
    zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken,
    der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines
    Professors oder Hofrates wäre, dann wäre ich freilich rascher
    vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater
    zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität
    des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir
    von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe-
    renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll
    aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier
    bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die
    Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die
    Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ,
    und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes
    Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen
    vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was
    sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich
    keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit ge-
    nug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch
    nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu Stande bringen.“
    Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch
    anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt
    darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
    Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich
    habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige
    Tage vorher zum Professor ernannt worden war.

    V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Ge-
    ringeren als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen

  • S.

    297

    worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer
    Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich
    vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tisch-
    gesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter
    dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche
    mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrschein-
    lich vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist
    1832 gestorben; da sein Angriff auf M. natürlich früher
    erfolgt sein muß, so war Herr M. damals ein ganz jun-
    ger Mann. Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre
    alt war. Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir
    gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze Be-
    rechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem
    bekannten Aufsatze von Goethe „Natur“ enthalten.

    Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
    dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch-
    gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
    Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer
    Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig;
    es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke
    ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf
    dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach
    seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be-
    rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen;
    Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon,
    daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material
    des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir
    befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine
    höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte
    Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die
    ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt
    hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte
    den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be-
    dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin
    brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem
    Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen
    Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden.
    Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
    einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der
    mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die
    Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes
    schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung
    des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es
    vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder-
    gebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und daß der Unglück-
    liche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenig-
    stens nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kran-
    ken, als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.

  • S.

    298

    Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch
    meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist
    man es selbst“, hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den
    zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch
    Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be-
    deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich
    mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche
    mir die zeitlichen Verhältnisse … ein wenig aufzu-
    klären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
    Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken
    sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und
    Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber
    doch umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im
    Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen
    hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch
    heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich
    vom Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Para-
    lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ.

    Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum
    von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß
    ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines
    Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze.
    Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus.
    Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver-
    schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz
    an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie
    für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich
    kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit
    der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und
    nun darf ich das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ er-
    setzen. „Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren.“ Daß „mea
    res agitur“, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen,
    unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag
    dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich
    schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft
    drängte.

    VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen
    Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er ego-
    istisch ist. Ich erwähnte auf S. 186 einen kurzen Traum, daß Pro-
    fessor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop …“ und gab an, das
    sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele.
    Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und un-
    verständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet:

    Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist
    es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht.
    Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach an-
    tiker Art (die Porta romana in Siena, wie ich noch
    im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brun-
    nens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche
    Person – Wärterin, Nonne – bringt die zwei Knaben

  • S.

    299

    heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin.
    Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das
    Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die den
    Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von
    ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote Nase aus. Der
    Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber ihr zum Ab-
    schied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns bei-
    den (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich habe
    die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet.
    Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf,
    die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto“
    angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der
    Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie
    so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zu
    gehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.
    „An den Wassern Babels saßen wir und weinten.“ –
    Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom
    muß ich im Traume (vgl. S. 135) mir irgend einen Ersatz aus be-
    kannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena
    sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es
    das Manicomio, die Irrenanstalt, sei. Kurz vor dem Traume hatte ich
    gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung
    an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.
    Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man
    nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf
    Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.
    Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
    gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von
    einem Verbum „goiser“ und läßt sich am besten durch „anbefohlene
    Leiden, Verhängnis“, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes
    im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“.
    Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Auf-
    merksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die
    kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug
    gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständ-
    nis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt;
    der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar
    fürs Volk, „noble Passionen“: darin liegt eine scherzhafte Anspielung
    an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe,
    daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen
    wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus-
    haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
    Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen-
    ungesalzen und Geseres–Ungeseres fehlt es aber noch an einem
    vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und un-
    gesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten
    die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen,
    und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur
    Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen,
    der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er-

  • S.

    300

    innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der
    uns fremden Stadt Breslau herumspazier-
    ten, mein Freund aus Berlin
    und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge-
    wisse-
    Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse,
    und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine
    später im Leben mehr Scharfblick-
    bei der Auswahl der Personen,
    von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in
    die Augen: Dr. Herodes, Sprechstun-
    de. . . Ich meinte: Hoffent-
    lich ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir
    unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi-
    lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung
    begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie
    der Kyklop. . .“ Das führt nun zur Rede des Professors im Vor-
    traume: „Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt-
    quelle für das Geseres geführt worden.“ Vor vielen Jahren, als
    dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger-
    Denker ist,
    noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffek-
    tion,
    die der Arzt für besorgniser-
    regend erklärte. Er meinte, solange sie
    einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch
    auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden
    heilte auf dem einen Auge schadlos-
    ab; kurz darauf stellten sich aber
    die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent-
    setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land-
    aufenthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere
    Seite. „Was machen Sie für Geseres?“ herrschte er die Mutter
    an. „Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch
    auf der anderen gut werden.“ Und so ward es auch.

    Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die Schul-
    bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er-
    lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum-
    meines
    Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte-
    in den
    Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung
    knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank-
    soll aber
    auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsich-
    tig und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter
    Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um
    die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körper-
    lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein.
    Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit-
    gerade
    dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen
    Seite hin sein Abschiedswort-
    gesprochen, ruft es nach der an-
    deren hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht-
    her-
    zustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung-
    der bi-
    lateralen Symmetrie!

    So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
    scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten
    und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe-
    aufzu-
    setzen. Der Hörer, für den die untersagte-
    Rede bestimmt war, duldete
    sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln-
    konnte, daß das Unliebsame-
    offenbar etwas Närrisches-
    sei. Ganz so

  • S.

    301

    wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz,
    der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man vom
    Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedin-
    gen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich
    bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so
    kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden*).“
    Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
    aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens
    nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen –, und daß die
    Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden
    Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott
    und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegen. Es liegt
    mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das
    Zusammenwirken der drei erwähnten Momente – und eines vierten
    noch zu erwähnenden – erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als
    eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr
    vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im
    Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit
    einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen
    Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren
    Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung
    über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche
    gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein-
    wendungen, die sich aus solchen Vorkommnissen ableiten, an aus-
    gewählten Beispielen erledigen.

    Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor-
    findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traum-
    arbeit aufzufassen, sondern gehört dem Material der
    Traumgedanken an und ist von dorther als fertiges
    Gebilde in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich
    kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen,
    die man nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, von
    den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns her-
    vorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist
    in die Deutung des Traumes einzufügen.

    I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt.
    Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar
    ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen und weiß nicht, ob es
    der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum-
    stück, in dem ein „Misttrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinne-
    rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz-
    haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre

    *)Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen
    Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert,
    auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traum-
    situation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüch?, ist übrigens durch
    die Rückbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang ent-
    stellt. Der Sinn ist, daß ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen
    Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

  • S.

    302

    nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse.
    Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit
    Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
    der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn
    man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den
    Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
    Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem
    es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum-
    darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
    Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil
    über den ganzen Traum vertreten sein.

    II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum,
    der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach
    dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der Traum
    wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein
    Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von dem
    er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen*.

    III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser
    und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee,
    daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume ge-
    sehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er
    zeigt mir einen Weg, der durch eine Ecke in eine Re-
    stauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich
    nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde
    in einer kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe
    hin und treffe schon vorher eine undeutliche Person
    mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit
    mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen gestan-
    den bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie
    sie dort gelassen hat.

    Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich
    damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was
    es bedeute: Ich habe schon davon geträumt**. Die Analyse
    lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi-
    gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den
    Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in
    meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit
    der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin,
    die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer
    Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können
    den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las
    ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A..y (woraus
    ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner


    *Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich
    dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung
    entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes
    und wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt.

    **Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten
    Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.

    303

    Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden
    sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war
    mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen
    Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes
    ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem
    Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten
    Knaben.

    IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus
    dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort-
    dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete:
    „Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette
    Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß
    es doch wahr geworden ist.“ (Dazu eine vergessene
    Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in
    diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Kna-
    ben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit
    gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem
    Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der
    Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden,
    wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch befriedigt
    schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie die unter-
    drückte Größenſucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf die Kin-
    der überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der Wege
    ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung
    derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses
    Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß
    ihm damals der nämliche – beim Kinde und beim Sterbenden leicht
    verzeihliche – Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.
    Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch
    des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen.

    V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver-
    bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen,
    heraussuchen soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden,
    daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in
    anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe,
    der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils-
    akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält-
    nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
    aufzuklären. Steht das nicht einer kritischen Regung gegen den
    Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
    literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel
    vor, daß er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie das Er-
    gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben“ wäre ein Bei-
    spiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traume.

    Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese
    scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute
    eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum-

  • S.

    304

    deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver
    mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen
    Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich mich an die
    Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des
    Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung
    eines Urteils, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden
    Sätze sträubt. Die Einschaltung „die mir unwahrscheinlich
    vorkommt“, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir
    plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der
    Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, er-
    widert: Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Aus-
    ruf „Natur, Natur“ etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir
    viel plausibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung
    gehabt hat. Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber
    nicht im Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die
    von den Traumgedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt
    eignet sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der
    Traumgedanken.

    Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise
    in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen-
    hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich
    nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts
    anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen,
    in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben
    hatte.

    Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes
    kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung
    der Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume herge-
    stellten Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesent-
    lichen Schein beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der
    Zurückführung unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat,
    das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll.
    Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träu-
    men eine psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zu-
    sammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene
    Material einer sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben
    hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei
    der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden.

    VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den
    bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der
    Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge-
    heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was
    mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz in
    die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem An-
    fall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren;
    also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die Wunsch-
    erfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende
    Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum,
    das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist
    nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu deter-
    minieren.

  • S.

    305

    minieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der Kollege sich
    beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu heiraten
    gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, er-
    innert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an einen Uni-
    versitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges Na-
    tional aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. – Patres? Dar-
    auf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung,
    und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen
    des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht
    jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes
    nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material
    in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues.
    Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher-
    lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein
    als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches
    Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In
    jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den
    Traumgedanken dar*.

    Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das
    Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner
    Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner
    an meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische
    Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich
    arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner
    Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich
    „fertig“ werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine
    Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig, trotz des Auf-
    schubs. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen
    Kritikern trotzig entgegenhalte. „Und wenn ihr es auch nicht glauben
    wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch
    zum Schluß. Es ist schon oft so gegangen.“

    Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze,
    denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen
    kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte
    ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im
    Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn
    erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, zweitens ist
    mein Vater, auf den sie sich beziehen kann, schon tot. Beides
    ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich auch völlig mit den
    wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen Zuschrift
    in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse
    (S. 295 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und
    hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem
    noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so
    werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine tadellose Wider-
    legung einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traum-

    *Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben
    über die Darstellung der logischen Relationen (S. 213). Letztere beschreiben das
    allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten
    und sorgfältigsten Leistungen derselben.

  • S.

    306

    gedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die Ana-
    lyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine freie
    Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den
    Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen
    in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen + und –,
    ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese Glei-
    chung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operations-
    zeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann
    beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf fol-
    gendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich zu denken, daß
    manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf-
    lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt
    geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So
    muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebens-
    jahre, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im
    Gemütsleben der später Kranken zurücklassen und – obwohl von
    der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben – die erste und
    unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können.
    Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pfle-
    gen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich be-
    reit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie
    noch nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte
    nach meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden,
    welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen
    Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S. 177 f.) Und doch ist
    nach meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke
    zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters
    in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklär-
    bare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm
    so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß,
    daß meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gül-
    tigkeit man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunsch-
    erfüllung, wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Be-
    ständigung ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung ein-
    wandfreier Schlüsse verwendet wird.

    VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird
    eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich
    ausgesprochen.

    Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge-
    stellt haben: sonderbar genug bezieht sie sich auf
    Präparation meines eigenen Untergestells, Becken
    und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal,
    doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne
    Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und macht die
    Arbeit bei mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht
    bald die obere, bald die untere Ansicht desselben, was
    sich vermengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen
    ich noch im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu
    sehen. Auch mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt wer-
    den, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier

  • S.

    307

    glich*. Dann war ich wieder im Besitze meiner Beine
    und machte einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus
    Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem
    Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und
    ihn durch einen Gang passieren ließ, der am Ende ab-
    geknickt, schließlich weiter ins Freie führte**. Schließ-
    lich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine
    Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer
    Strecke trug er mich mit Rücksicht auf meine müden
    Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am Rande
    hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen unter ihnen,
    wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem
    schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter
    steter Verwunderung, daß ich es nach der Präpara-
    tion so gut kann. Endlich kamen wir zu einem kleinen
    Holzhaus, das in ein offenes Fenster ausging. Dort
    setzte mich der Führer ab und legte zwei bereitste-
    hende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den
    Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu über-
    schreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine
    Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber
    zwei erwachsene Männer auf Holzbänken liegen, die an
    den Wänden der Hütte waren, und wie zwei Kinder
    schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, son-
    dern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten.
    Ich erwache mit Gedankenschreck.

    Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus-
    giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor-
    stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse
    dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang
    entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver-
    wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar
    genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist
    ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit
    assistiert. „Leih’ mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She“ von
    Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von ver-
    stecktem Sinne“, will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib-
    liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte –––“. Da unterbricht sie
    mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes? – „Nein, meine
    eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ – „Also
    wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die,
    wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas
    anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund
    mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es
    mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich so viel
    vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu
    schicken. „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben

    *Staniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 280.

    **Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
    Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

    20*

  • S.

    308

    doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die mir im
    Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume
    verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht
    hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es
    sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich
    zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an
    die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt
    zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in
    mir nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von Rider Haggard
    geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben
    Autors, „Heart of the world“, geht das Urteil „sonderbar genug“,
    und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen
    Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen
    wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über-
    schreiten ist, stammen aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das
    Holzhaus aus „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau
    die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen,
    in „She“ um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je
    Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem
    Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich
    entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie
    weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She“ endet das
    Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die
    Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod
    findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traum-
    gedanken geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg,
    also das Grab. Auch in der Darstellung dieses unerwünschtesten
    aller Gedanken durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr
    Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe,
    aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale
    Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette
    von zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere
    des Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt.
    Der Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen
    sollst, so sei es das Etruskergrab“, und mit dieser Unterschiebung
    verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte.
    Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt beglei-
    tende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch
    den Affekt selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf,
    nachdem sich noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht
    die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine
    neuerliche Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Iden-
    tität einer Person durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren fest-
    gehalten wird.

    VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
    gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Er-
    lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und
    beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen
    den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der
    Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse

  • S.

    309

    besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der
    Südbahnstrecke und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten“
    ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien – ein natur-
    historisches Museum –, daß hier ein Ort ist, wo sich
    tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
    Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die Gegenreforma-
    tion in Österreich! – Als ob es ein Ort in Steiermark
    oder Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines
    Museum, in dem die Reste oder Erwerbungen dieser
    Männer aufbewahrt werden. Ich möchte aussteigen,
    verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem
    Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe
    so einladend hin. – Ich habe gezögert aus Zweifel,
    ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch im-
    mer. – Ich bin plötzlich in einem anderen Coupé, in
    dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem
    Rücken direkt an die Lehne stößt*). Ich wundere mich
    darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustand umgestiegen
    sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches Geschwister-
    paar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell an
    der Wand. Ich sehe „Wealth of nations“, „Matter and
    Motion“ (von Maxwell), dick und in braune Leinwand
    gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach einem
    Buche von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es sind
    die Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden.
    Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend
    ins Gespräch mengen – – –. Ich wache, am ganzen Körper
    schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält
    in Marburg.

    Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
    die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister-
    paare auf ein gewisses Werk: It is from..., korrigiere
    mich aber: It is by... Der Mann bemerkt zur Schwester:
    Er hat es ja richtig gesagt.

    Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
    unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der
    Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten
    oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die
    Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich
    nicht im steirischen, geboren ist**). Nun reiste ich diesmal, obwohl
    erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war
    überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame an-
    getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart be-
     

    *)Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge
    dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

    **)Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren,
    wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder
    einer jener Irrtümer (vgl. S. 137), die sich als Ersatz für eine absichtliche Ver-
    fälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“ versucht habe.

  • S.

    310

    saßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über
    den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde
    nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen
    die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegen-
    über am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen;
    die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das
    Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den
    Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im all-
    seitig abgeschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reise-
    erfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Beneh-
    men Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als
    der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte,
    tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein
    Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit miß-
    vergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls
    weiblicher Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er
    saß regungslos da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme
    ich fürchterliche Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten;
    man würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen
    sich hinter den abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte ver-
    bergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der
    zweite Wunsch geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt
    so oft die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Ver-
    änderung genommen wird, so daß es nicht im geringsten auffällig ge-
    wesen wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch
    eine angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber
    tritt der Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanstän-
    dete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötz-
    lich in ein anderes Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern,
    umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte
    im schlafenden Zustand den Wagen verlassen haben, ein
    seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des Neuro-
    pathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Personen, die Eisen-
    bahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne durch irgend
    ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten, bis sie an irgend
    einer Station der Reise voll zu sich kommen und dann die Lücke
    in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall von „Auto-
    matisme ambulatoire“ erkläre ich also noch im Traume den
    meinigen.

    Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
    Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum-
    arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neu-
    rose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer
    Stelle von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne,
    der kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer
    Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt,
    die er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall
    von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zu-
    erst wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet,
    sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie ver-
     

  • S.

    311

    schwunden seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden
    Blicke, so blieb ihm die peinliche Empfindung und die Möglichkeit
    in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter anderem
    eine Kainsphantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“.
    Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das
    Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen
    seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zei-
    tung beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen
    waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe
    legen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit
    Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile
    gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den
    Sinn fuhr, daß er sein Haus im bewußtlosen Zustand ver-
    lassen und so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon
    zu wissen. Von da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel
    der alten Haushälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch
    nicht auf sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen.

    Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt-
    losen Zustand umgestiegen bin –, er ist aus dem Material der Traum-
    gedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume
    offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu iden-
    tifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende
    Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vor-
    her die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, begleitete mich
    in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen; wir hatten
    ein Coupé für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch offen und
    hatten uns, solange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten. Ich
    wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit
    in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen
    waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir
    etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich
    auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
    ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich be-
    nehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten
    nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phan-
    tasie aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind,
    wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer
    der Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus
    vertrieben wird.

    Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
    würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent-
    nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung
    eines Vorbildes aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an-
    gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung,
    gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt
    verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen
    Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir
    unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht
    regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo
    sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traum-

  • S.

    312

    elemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir emp-
    finden es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäuße-
    rungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit
    den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedan-
    ken aufdeckt.

    h) Die Affekte im Traume.

    Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns aufmerk-
    sam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die ge-
    ringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den
    Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume vor
    Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht
    ist real“, und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume freue. Nach
    dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt
    keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher
    Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungsinhalte erhebt
    der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter die wirk-
    lichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen
    diese Einreihung nun im Wachen nicht zu Stande, weil wir einen
    Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der Ver-
    knüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung
    der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser
    waches Urteil irre.

    An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor-
    stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir
    als notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell
    äußerte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen
    Werten entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen-
    teiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt
    auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten
    scheint. Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekel-
    haften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder Ab-
    scheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose, und
    freue mich über kindische Dinge.

    Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und
    so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir
    vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden
    mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht
    mehr. Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver-
    schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während
    die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß
    der durch die Traumstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum
    erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
    Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine
    frühere Stelle eingesetzt hat*).


    *Wenn ich nicht sehr irre, so zeigt der erste Traum, den ich von meinem
    20 Monate alten Enkel erfahren konnte, den Tatbestand, daß es der Traumarbeit-
    gelungen ist, ihren Stoff in eine Wunscherfüllung zu verwandeln, während der
    dazugehörige Affekt sich auch im Schlafzustand unverändert durchsetzt. Das
    Kind ruft in der Nacht, vor dem Tage, an dem sein Vater ins Feld abrücken-

  • S.

    313

    An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
    Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil,
    der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann.
    Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den
    Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner
    Qualität nach; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro-
    tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wun-
    dert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder
    der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein
    so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den
    Vorstellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit – für das
    Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen
    Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen.
    Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie
    im Gegenteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm
    gehörige, durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Vor-
    aussetzung ist dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt
    nicht diejenige unauflösbare organische Einheit bilden, als welche
    wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke an-
    einander gelötet sein können, so daß sie durch Analyse voneinander
    lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß dies in der Tat der Fall ist.

    Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
    bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt,
    der Affektentbindung erzwingen sollte.

    I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen
    einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann
    muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will
    auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine,
    die französische Lehrerin ist, schon oben usw.

    Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
    Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden:
    Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen sol-
    chen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre eng-
    lische Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Be-
    kannter hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also
    die drei Löwen, warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? – Sie
    hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen
    zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner
    Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stim-
    mung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen
    fängt, aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und
    siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst
    lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten,

    soll, heftig schluchzend: Papa, Papa–Bebi. Das kann nur heißen: Papa und
    Bebi bleiben beisammen, während das Weinen den bevorstehenden Abschied an-
    erkennt. Das Kind war damals sehr wohl im stande, den Begriff der Trennung
    auszudrücken. „Fort“ (durch ein eigentümlich betontes, lange gezogenes o o o h
    ersetzt) war eines seiner ersten Worte gewesen, und es hatte mehrere Monate vor
    diesem ersten Traum mit all seinen Spielsachen „fort“ aufgeführt, was auf die
    früh gelungene Selbstüberwindung, die Mutter fortgehen zu lassen, zurückging.

  • S.

    314

    der gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines
    Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich
    wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war schon
    oben. Das ganze Material wird verständlich, wenn man erfährt,
    daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres
    Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die
    Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl
    er ein sehr „großes Tier“ ist und in der Hauptstadt ihres Landes
    die Rolle eines „Löwen der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe
    ist also vergleichbar dem Löwen im Sommernachtstraume, der sich
    als Schnock, der Schreiner, demaskiert, und so sind alle Traumlöwen,
    vor denen man sich nicht fürchtet.

    II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens
    heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg
    liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz
    und keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum
    nicht. Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann
    wiederzusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt
    sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar
    kein Anlaß.

    In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens
    noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu
    ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des
    Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner
    zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume
    untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente
    hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s bei den Urteilsakten des
    Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken ein
    bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen solchen; aber
    der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material verschoben
    sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der
    Gegensätzlichkeit.

    Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele,
    das ich für mich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

    III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt
    am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, der ins
    Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich stehe
    mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, vor dem
    sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben.
    Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der Be
    satzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen
    von feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegs
    zustand befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen;
    er erteilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten
    Falle zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet
    sich mit den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn
    das Bombardement beginnt, soll der große Saal ge
    räumt werden. Er atmet schwer und will sich entfernen;
    ich halte ihn zurück und frage, auf welche Weise ich
    ihm nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll.

  • S.

    315

    Der Traum vom „Frühstücksschiff“.

    Darauf sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf
    tot um. Ich habe ihn wohl mit den Fragen überflüs-
    sigerweise angestrengt. Nach seinem Tode, der mir
    weiter keinen Eindruck macht, Gedanken, ob die Witwe
    im Schlosse bleiben wird, ob ich dem Oberkommando
    den Tod anzeigen und als der nächste im Befehl die
    Leitung des Schlosses übernehmen soll. Ich stehe nun
    am Fenster und mustere die vorbeifahrenden Schiffe;
    es sind Kauffahrer, die auf dem dunklen Wasser rapid
    vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen, andere
    mit bauschiger Decke (die ganz ähnlich ist wie die Bahnhofs-
    bauten im [nicht erzählten] Vortraume). Dann steht mein Bru-
    der neben mir, und wir schauen beide aus dem Fenster
    auf den Kanal. Bei einem Schiffe erschrecken wir und
    rufen: Da kommt das Kriegsschiff. Es zeigt sich aber,
    daß nur dieselben Schiffe zurückkehren, die ich schon
    kenne. Nun kommt ein kleines Schiff, komisch abge-
    schnitten, so daß es mitten in seiner Breite endigt;
    auf Deck sieht man eigentümliche becher- oder dosen-
    artige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das
    ist das Frühstücksschiff.

    Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des
    Wassers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen
    einen hochgespannten, düsteren Eindruck.

    Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
    an die A d r i a zusammengetragen, (Miramare, Duino, Venedig, Aqui-
    leja). Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit
    meinem Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch
    in frischer Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und
    Spanien und an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner
    in Amerika lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen
    dieses Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle
    bleibt ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervor-
    gehoben, daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht;
    an einer anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube,
    erschrecke ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des
    Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in diesem gut ge-
    bauten Traume so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch ver-
    mieden ist. Es ist ja kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs
    erschrecken sollte, und es ist wohl angebracht, daß ich als Kom-
    mandant des Schlosses bei dem Anblicke des Kriegsschiffes er-
    schrecke. Nun weist aber die Analyse nach, daß Herr P. nur ein
    Ersatzmann für mein eigenes Ich ist (im Traume bin ich sein Er-
    satzmann). Ich bin der Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die Traum-
    gedanken handeln von der Zukunft der Meinigen nach meinem vor-
    zeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet sich in den
    Traumgedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des
    Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt
    werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traum-
    gedanken, aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten

  • S.

    316

    Reminiszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir
    standen an einem zauberhaft schönen Tage an den Fenstern unseres
    Zimmers auf der Riva Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune,
    in der heute mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden
    englische Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten,
    und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein Kind: Da kommt das
    englische Kriegsschiff! Im Traume erschrecke ich bei den näm-
    lichen Worten; wir sehen wieder, daß Rede im Traume von Rede im
    Leben abstammt. Daß auch das Element „englisch“ in dieser Rede
    für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde ich alsbald
    zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken und Traum-
    inhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur anzudeuten, daß ich
    mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhaltes
    zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traum-
    arbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den
    Traumgedanken zu lösen und beliebig anderswo im Trauminhalt ein-
    zufügen.

    Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
    stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell fest-
    gehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse
    zu unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse,
    so fällt mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein
    Abschneiden in seiner größten Breite an diesem Ende eine weit-
    gehende Ähnlichkeit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den
    Museen etruskischer Städte interessant geworden war. Es war dies
    eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf
    der Dinge wie Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich
    einem unserer modernen Service für den Frühstückstisch. Auf
    Befragen erfuhren wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame
    mit den Schminke- und Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns
    im Scherze, es wäre nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzu-
    bringen. Das Traumobjekt bedeutet also – schwarze Toilette,
    Trauer und spielt direkt auf einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende
    mahnt das Traumobjekt an den „Nachen“ vom Stamme νέκυς, wie
    mein sprachgelehrter Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten
    die Leiche gelegt und dem Meere zur Bestattung überlassen wurde.
    Hieran reiht sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren.

    „Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.“

    Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruche, das Frühstücks-
    schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
    „Frühstücks“schiff? Hier kommt nun das „Englische“ zur Ver-
    wendung, das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück
    = breakfast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder zum
    Schiffbruche, das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an.
    An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
    neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der
    heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja
    mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine
    Flasche des vorzüglichen Istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und

  • S.

    317

    während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam
    in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein-
    zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein,
    das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh-
    stücksschiff“, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten
    Lebensgenusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an
    eine unbekannte und unheimliche Zukunft.

    Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
    Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei
    der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesent-
    lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken
    zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
    Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo
    sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum-
    gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen
    affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er
    hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe,
    so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen-
    regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die
    ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück,
    so finde ich ihn nicht selten farblos ohne jeden intensiveren Gefühls-
    ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch
    oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten
    gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine Unter-
    drückung der Affekte zu Stande gebracht. Man nehme z. B. den
    Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht im Denken
    ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit so zu han-
    deln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es mir einzig
    und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene Traum klingt
    gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben, sie liegt vor
    mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind
    jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes;
    man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.

    Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können
    lebhafte Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
    unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
    erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
    Ergriffenheit versetzen kann.

    Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung
    während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
    sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
    Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge-
    danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich
    – aus anderen Gründen – genötigt, mir als einen zentrifugalen,
    gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den
    motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im
    Schlafzustand die Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen-
    welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Erweckung
    von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes
    erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der

  • S.

    318

    Traumgedanken zu Stande kommen, wären also an und für sich
    schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch
    nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung
    der Affekte“ überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine
    Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
    alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammen-
    gesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wider-
    streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch-
    bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
    Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im un-
    bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra-
    diktatorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge-
    dankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großen
    kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als
    Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die
    Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die Affekt-
    hemmung wäre dann der zweite Erfolg der Traumzensur,
    wie die Traumstellung deren erster war.

    Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
    Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in
    den Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden
    kurzen Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis
    nehmen wird:

    IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im
    Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes
    Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit
    Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische.
    Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank;
    ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kotpatzen
    lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob
    am Ende noch etwas übrig bliebe.

    Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?

    Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
    Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt
    hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der A u g i a s s t a l l ein, den
    H e r k u l e s reinigt. Dieser H e r k u l e s bin ich. Die Anhöhe und das
    Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich
    habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch
    meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis
    auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels,
    das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie
    mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
    Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung
    fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine
    Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten
    bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,
    der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So
    löscht G u l l i v e r bei den L i l i p u t a n e r n den großen Brand; er zieht
    sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu.
    Aber auch G a r g a n t u a, der Übermensch bei Meister R a b e l a i s,

  • S.

    319

    Vermißter Affekt in einem Ekel-
    traum.

    nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame
    reitend, seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnier-
    schen Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem
    Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß
    ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
    Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf
    den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufelsfratzen
    dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so rasch ver-
    schwindet, das ist das Motto: Afflavit et dissipati sunt, mit
    dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über-
    schreiben werde.

    Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
    heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend-
    stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit
    den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, miß-
    fiel mir so gründlich, kam mir jedes Wertes entkleidet vor. Ich war
    müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte
    mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutze, nach
    meinen Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser
    Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café, um dort in freier Luft
    einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich
    verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die
    Erlaubnis dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an
    meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen.
    Wie viel er bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen
    ansehe, daß ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile der
    Neurosenlehre gereinigt, kurz, daß ich ein sehr großer Mann sei.
    Meine Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte
    mit dem Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte
    noch vor dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von
    C. F. Meyer „Die Leiden eines Knaben“.

    Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die No-
    velle von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu
    (vgl. den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung
    von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als
    sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte.
    Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von
    kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung rege und hob die
    erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in
    demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung
    den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte
    ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hem-
    mung der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.

    Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum
    nicht ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unter-
    drückte, aber mit Lust betonte Gedankenzug des Größenwahns zu
    dem des Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume
    nicht dargestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken
    kann nur dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine
    Einkleidung gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht.

  • S.

    320

    Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken
    noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Null-
    punkte herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver-
    kehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß
    jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar-
    stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein,
    ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang
    entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhaltes hat sich offen-
    bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren
    bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon-
    trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige
    assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor-
    stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede
    andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber auch
    häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung
    besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen
    Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen
    können also auch die Affekte der Traumgedanken im Traume ins
    Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese
    Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur bewerkstelligt wird.
    Affektunterdrückung wie Affektverkehrung dienen ja auch
    im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traumzensur
    gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich mündlich mit
    der Person verkehre, vor der ich mir Rücksichten auferlegen muß,
    während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wich-
    tiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, als
    daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu
    ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem Blicke
    oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung,
    die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich
    ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen hätte.
    Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unterdrücken,
    und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich den
    entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und mich
    zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

    Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt-
    verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume
    „von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen
    Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach-
    kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte
    haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum-
    zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die
    Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft;
    sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit-
    liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr-
    motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt-
    erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrschein-
    lich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt),
    denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur

  • S.

    321

    meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die Analyse S. 288 f.) bei mir
    die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.

    Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Affektverkehrung gibt
    ein von Ferenczi berichteter Traum*: Ein älterer Herr wird bei
    Nacht von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber wurde, daß er
    im Schlafe so laut und unbändig lachte. Der Mann erzählte später,
    folgenden Traum gehabt zu haben: „Ich lag in meinem Bette, ein
    bekannter Herr trat ein, ich wollte das Licht aufdrehen, konnte es
    aber nicht, versuchte es immer wieder – vergebens. Daraufhin stieg
    meine Frau aus dem Bette, um mir zu helfen, aber auch sie ver-
    mochte nichts auszurichten; weil sie sich aber vor dem Herrn wegen
    ihres Negligés genierte, gab sie es schließlich auf und legte sich
    wieder ins Bett; all dies war so komisch, daß ich darüber fürchter-
    lich lachen mußte. Die Frau sagte: ‚Was lachst du, was lachst du?‘
    ich aber lachte nur weiter, bis ich erwachte.“ – Tags darauf
    war der Herr äußerst niedergeschlagen, hatte Kopfschmerzen, – „vom
    vielen Lachen, das mich erschüttert hat“, meinte er.

    „Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus. Der
    „bekannte Herr“, der eintritt, ist in den latenten Traumgedanken
    das am Vortage geweckte Bild des Todes als des „großen Unbekann-
    ten“. Der alte Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte am Vortage
    Grund, ans Sterben zu denken. Das unbändige Lachen vertritt die
    Stelle des Weinens und Schluchzens bei der Idee, daß er sterben
    muß. Es ist das Lebenslicht, das er nicht mehr aufdrehen kann.
    Dieser traurige Gedanke mag sich an vor kurzem beabsichtigte, aber
    mißlungene Beischlafversuche angeknüpft haben, bei denen ihm auch
    die Hilfe seiner Frau im Negligé nichts half; er merkte, daß es
    mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit verstand es, die traurige
    Idee der Impotenz und des Sterbens in eine komische Szene und das
    Schluchzen in Lachen umzuwandeln“.

    Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
    „heuchlerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie
    der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie
    aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der „Wiener psycho-
    analytischen Vereinigung“ den im nachstehenden abgedruckten Traum-
    bericht Roseggers zur Diskussion brachte.

    Rosegger (in „Waldheimat“ II. Band) erzählt in der Geschichte
    „Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden
    Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt,
    ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein
    den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre
    geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können.“

    „Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so
    häufig und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein
    der Haut eines Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer
    hat anderes zu tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird
    der flotte Bursche kaum gedacht haben; erst später, als ich gewohnt
    worden war, über alles nachzudenken oder auch, als sich der Philister


    *Intern. Zeitschr. f. Psych. IV, 1916.
    Freud, Traumdeutung, 5. Aufl.

  • S.

    322

    VI. Die Traumarbeit.

    in mir wieder ein wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich
    denn – wenn ich überhaupt träumte – allemal der Schneidergesell’
    war und daß ich solchergestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehr-
    meister unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn
    ich so neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl bewußt, daß
    ich eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit
    anderen Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war
    stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr-
    meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust
    der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen
    gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas
    nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen
    lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede.
    Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so
    dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd
    zu machen. Einmal tat ich’s sogar, jedoch der Meister nahm keine
    Notiz davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte.“
    „Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen
    beglückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche
    Traum sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir
    zu werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im
    Bette und will schlafen. . . . Und in der nächsten Nacht saß ich doch
    wieder in der Schneiderwerkstatt.“
    „So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war
    es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten,
    bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich
    mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte.
    ‚Möcht’ nur wissen, wo du deine Gedanken hast!‘ sagte er und sah
    mich etwas finster an. Ich dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich
    jetzt aufstände, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit
    bei ihm sei, und wenn ich dann davonging. Aber ich tat es nicht.
    Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen Lehrling aufnahm und
    mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte in
    den Winkel und nähte. An demselben Tage wurde auch noch ein
    Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn
    Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirts-
    hause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein
    Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu
    mir: ‚Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst
    gehen, du bist fremd gemacht.‘ – So übermächtig war hierüber
    mein Schreck, daß ich erwachte.“
    „Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein
    in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im
    stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigan-
    tische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe
    – die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her
    klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und mit ihrer Mutter
    schäkernden Kinder. Mir war zu Mute, als hätte ich dieses idyllisch
    süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben,
    in welchem ich das beschauliche menschliche Glück so oft und tief

  • S.

    323

    empfand, von neuem wiedergefunden. Und doch wurmte es mich, daß
    ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, sondern
    von ihm abgedankt worden war.“
    „Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der
    Meister ,fremd gemacht‘ hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr
    von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in
    ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so
    langen Schatten in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.“
    In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
    Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der Wunsch-
    erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während
    der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen
    unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von
    ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung
    über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange
    Zeit im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten
    Künsten zu etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen
    niemals gern an diese unfruchtbare und eigentlich beschämende
    Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender
    Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache,
    Verschiedenes erlebe usw.; diese Träume sind ähnlich unbehaglich
    wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung
    eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „A n a l y s e“
    aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin ja
    seither „A n a l y t i k e r“ geworden, mache Analysen, die sehr gelobt
    werden, allerdings P s y c h o – A n a l y s e n. Ich verstand nun, wenn
    ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin,
    mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe,
    hält mir nächtlicherweile der Traum jene anderen mißglückten Ana-
    lysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Straf-
    träume des Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein
    gefeierter Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume
    möglich, sich in dem Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik
    in den Dienst der letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung
    anstatt einer unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen?
    Ich erwähnte schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierig-
    keiten macht. Wir können erschließen, daß zunächst eine übermütige
    Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes bildete, an ihrer Statt
    ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt.
    Man darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen-
    leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben darf.
    Ich könnte nichts dagegen haben, wenn man diese Art von Träu-
    men als S t r a f t r ä u m e von den W u n s c h e r f ü l l u n g s t r ä u m e n
    abtrennt. Ich würde darin keine Einschränkung der bisher vertretenen
    Theorie des Traumes erblicken, sondern bloß ein sprachliches Entgegen-
    kommen für die Auffassung, welcher das Zusammenfallen von Gegen-
    sätzen fremdartig erscheint. Genaueres Eingehen auf einzelne dieser
    Träume läßt aber noch anderes erkennen. In dem undeutlichen Bei-
    werk eines meiner Laboratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter,
    welches mich in das düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärzt-

  • S.

    324

    lichen Laufbahn versetzt; ich hatte noch keine Stellung und wußte
    nicht, wie ich mein Leben erhalten sollte, aber dabei fand sich plötz-
    lich, daß ich die Wahl zwischen mehreren Frauen hatte, die ich
    heiraten sollte! Ich war also wieder jung und vor allem, sie war
    wieder jung, die Frau, die alle diese schweren Jahre mit mir geteilt
    hatte. Somit war einer der unablässig nagenden Wünsche des altern-
    den Mannes als der unbewußte Traumerreger verraten. Der in an-
    deren psychischen Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit
    und der Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der
    tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich
    gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr
    gut heute, und es war einmal eine harte Zeit; aber es war doch
    schön damals; du warst ja noch so jung.
     

    Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig
    gefunden und als heuchlerisch erkannt habe, hat zum Inhalt die Ver-
    söhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen Beziehungen
    längst erloschen sind. Die Analyse deckt dann regelmäßig einen An-
    laß auf, der mich auffordern könnte, den letzten Rest von Rück-
    sicht auf diese ehemaligen Freunde beiseite zu setzen und sie wie
    Fremde oder wie Feinde zu behandeln. Der Traum aber gefällt sich
    darin, die gegensätzliche Relation auszumalen.
     

    Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf
    man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und
    für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der
    Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel
    auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen wären.
     

    O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen
    Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen Streich“
    ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der
    Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist,
    träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von seinem
    Handwerk; diese, mißtrauisch geworden, bestellt nun Bewaffnete für
    die nächste Nacht, die das aus dem Traum Gesprochene anhören und
    sich der Person des Träumers versichern sollen. Aber das Schneider-
    lein ist gewarnt und weiß jetzt den Traum zu korrigieren.
     

    Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver-
    kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traum-
    gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn-
    thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier
    noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die
    etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen.
     

    V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
    Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich
    im Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist nun
    Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet
    die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des
    Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, daß
    ich den Druck des bereitliegenden Manuskriptes um mehr als ein
    Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich
    über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver-

  • S.

    325

    spüre ich im Traume kein „Grauen“. Das „Grauen“ im anderen
    Sinne möchte ich auch gern vermissen; es graut bei mir schon ordent-
    lich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht länger
    zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlusse des Traumes der
    Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern über-
    lassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu kommen.
    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
    die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
    Befriedigung das einmal motiviert durch die Erwartung, ich werde
    jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon geträumt“, und
    bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere
    mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich
    durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist
    die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind
    hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
    herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu.
    Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
    daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug
    aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und
    deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich
    nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt
    aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein-
    schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel
    selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine
    Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe
    in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb-
    hafte Regung zu Stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
    widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem
    Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu
    äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter-
    drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerun-
    gen und Gedanken des Bedauerns. Jeder Mann wird sich in solcher
    Lage schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die ge-
    haßte Person sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Un-
    annehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung darüber
    freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe getroffen worden
    ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen, die
    unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, daß meine
    Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen
    Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der
    inneren Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den ge-
    änderten Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Diesen Fall
    trifft in der Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder
    Angehörige einer ungern gesehenen Minorität eine Schuld auf sich
    laden. Ihre Bestrafung entspricht dann gewöhnlich nicht ihrem Ver-
    schulden, sondern dem Verschulden vermehrt um das bisher effektlose
    Übelwollen, das sich gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei
    zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden aber an der Wahrnehmung
    derselben gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Auf-
    hebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem Innern

  • S.

    326

    VI. Die Traumarbeit.

    bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar
    berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkte
    beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des
    zweiten Punktes. Wenn einmal die Tür geöffnet ist, so drängen
    sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich einzulassen be-
    absichtigte.

    Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
    Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
    quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
    soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über-
    schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten
    Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver-
    bindung herstellen können, und für deren Affektentbindung die ein-
    spruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnunge
    eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der
    unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht aus-
    schließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge fassen
    dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen die
    beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver-
    stärkung einen pathologischen Effekt zu Stande bringen. Diese an-
    deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun
    zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine
    Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich als-
    bald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch
    diesen Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der
    Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken
    aufzusuchen haben, auf welche der Druck der Zensur lastet, und die
    unter diesem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen
    Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten
    Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der
    Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung
    aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte im
    Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als über-
    determiniert in Bezug auf das Material der Traumgedanken; Affekt-
    quellen, die den nämlichen Affekt liefern können, treten
    bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zusammen*).

    Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
    man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „N o n v i x i t“
    den Mittelpunkt bildet (vgl. S. 286). In diesem Traume sind die Affekt-
    äußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des manifesten
    Inhaltes zusammengedrängt. Feindselige und peinliche Regungen (im
    Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten ergriffen“) über-
    lagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund mit den
    beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich ungemein
    erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen als absurd
    erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die man durch
    den bloßen Wunsch beseitigen kann.

    *)Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der tendenziösen
    Witze erklärt.

  • S.

    327

    Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt.
    Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes
    hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. be-
    zeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation
    unterziehen werde, und daß in Wien lebende Verwandte mir die
    weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden. Diese ersten
    Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich und machten
    mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war
    gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das
    mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken er-
    fahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete.
    Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich wußte,
    in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume:
    Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in ¾ Stunden
    war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine eigene Natur
    nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich auf weit
    schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und zu spät
    komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte*). Dieser
    Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des Traumes
    geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der der ver-
    ehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem fürchter-
    lichen Blick seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was diese
    Ablenkung der Szene zu Stande gebracht, wird sich bald ergeben;
    die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren, wie ich sie
    erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen Augen, aber er
    gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die offenbar das
    Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben des Freundes,
    der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine Beschämung (er
    ist unauffällig [zu mir] nach Wien gekommen), mein Bedürfnis,
    mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles
    setzt den Gefühlssturm zusammen, der, im Schlafe deutlich verspürt,
    in jener Region der Traumgedanken tobt.

    An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was
    auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un-
    günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich
    auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu
    sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in
    meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wußte zwar,
    daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging, sondern einer
    Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des vermittelnden Boten
    entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich
    berührt, weil er – nicht ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe
    als solche, an denen „etwas daran ist“, haften bekanntlich nicht,
    haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freun-
    des, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen
    zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen
     

    *)Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebie-
    terisch nonvivit anstatt nonvixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er
    lebt nicht mehr.“ Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf „nonvivit“
    zielt, ist S. 287 angegeben worden.

  • S.

    328

    wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über
    den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu
    hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde,
    zwischen denen ich damals den Unfriedensstifter machte, war Professor Fleischl; der andere kann durch den Vornamen Josef, den
    auch mein im Traume auftretender Freund und Gegner P. führte,
    ersetzt werden.

    Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver-
    möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage
    Fls., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt
    habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den Vor-
    wurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich im
    Brückeschen Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite
    Person in der Vernichtungsszene des Traumes durch einen Josef
    ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen,
    daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Verdrängung
    stärker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bewahre. Die Verdich-
    tungs- und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren Motive wer-
    den hier augenfällig.

    Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung,
    nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
    fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger
    Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,
    welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon
    erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften
    mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein Jahr
    älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war, ich mich
    frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich miteinander
    lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer
    Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle meine
    Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten Gestalt,
    die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants. Mein
    Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten
    wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein
    gehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines
    Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen,
    und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß
    Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht
    mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung, wie
    es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag.

    Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
    rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann,
    um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte
    ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten
    Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf-
    klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum-
    deutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine solche
    phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die beiden Kin-
    der geraten in Streit miteinander um ein Objekt, – welches, lassen
    wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung

  • S.

    329

    ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er sei
    früher gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur
    Schlägerei. Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Trau-
    mes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irr-
    tum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, behaupte
    das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive Groß-
    vater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch die
    Erzählung des Vaters bekannten Worten: „Ich habe ihn gelagt,
    weil er mich gelagt hat“, so ist diese Erinnerung oder wahrschein-
    licher Phantasie, die sich mir während der Analyse des Traumes –
    ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie – aufdrängt, ein
    Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traumgedanken wal-
    tenden Affektregungen wie eine Brunnenschale die zugeleiteten Ge-
    wässer sammelt. Von hier aus fließen die Traumgedanken in folgen-
    den Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den Platz hast
    räumen müssen; warum hast du mich vom Platze verdrängen wollen?
    Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen anderen ver-
    schaffen, mit dem ich spiele usw. Dann eröffnen sich die Wege,
    auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung einmünden.
    Ein solches „ôte-toi que je m’y mette“ mußte ich seinerzeit meinem
    verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er war in meine
    Fußstapfen als Aspirant im Brücke’schen Laboratorium getreten,
    aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden Assi-
    stenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. Mein
    Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein intimes
    Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner Ungeduld ge-
    legentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer Kran-
    ker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem
    Sinne: durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebenbedeutung
    zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche
    Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter
    gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung
    gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er-
    öffnet. Shakespeare’s Prinz Hal kann sich nicht einmal am Bett
    des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren,
    wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich,
    diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm*).
    „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil
    er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume,
    darum ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich
    unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem
    anderen gesetzten Denkmals beigewohnt habe. Ein Teil meiner im
    Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe;
    es ist dir recht geschehen.
    Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
    Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so


    *)Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in
    meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen,
    kann ich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch
    der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.

    330

    gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
    mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des
    wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung
    stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: Es
    ist wirklich niemand unersetzlich: wie viele habe ich schon zu Grabe
    geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte
    den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen
    Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm
    reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue, wieder
    jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er,
    daß ich den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinder-
    szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß
    ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum
    aufgenommenen Affektes. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe,
    ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen
    Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris.“
    Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der
    eine bin.

    Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung
    dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich
    als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen
    man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die
    Revenants nur so lange bestehen, als man sie mag, und daß sie
    durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das, wofür
    mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind aber
    die aufeinanderfolgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes, ich
    bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer
    wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im
    Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand un-
    ersetzlich.

    Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht
    den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der rohe-
    sten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung
    nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Ge-
    dankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung
    ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der verbotenen infantilen
    Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich mir
    bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele
    teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch Auf-
    lösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt
    haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, als
    die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man nicht
    mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten werde.
    Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen Freunde
    gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinübernehmen, aber
    hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung aus infantiler
    Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich die heute
    berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich seinen
    Weg in die Darstellung gebahnt.

  • S.

    331

    Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen
    anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf.
    Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen
    bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester
    betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe
    übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen
    würde ihn den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.

    So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
    des latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach entgegen-
    gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich.
    Sieh, nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder.
    Und nun werden die assoziativen Bande zwischen den widerspruchs-
    vollen Bestandteilen der Traumgedanken enger angezogen durch den
    zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter meines Freundes den-
    selben Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin, die mit
    mir gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und Gegners.
    Ich habe den Namen „Pauline“ mit Befriedigung gehört, und um
    auf dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traume einen
    Josef durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich, den
    gleichen Anlaut in den Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von
    hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen
    eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der
    Mode des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure Per-
    sonen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu „Re-
    venants“. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns alle der
    einzige Zugang zur Unsterblichkeit?

    Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Be-
    merkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der
    Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung – was wir Stimmung
    heißen – als dominierendes Element enthalten sein und dann den
    Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen
    und Gedankengängen des Tages hervorgehen, sie kann somatische
    Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von ihr entsprechenden
    Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser Vorstellungsinhalt der
    Traumgedanken das eine Mal primär die Affektneigung bedingt, das
    andere Mal sekundär durch die somatisch zu erklärende Gefühls-
    disposition geweckt wird, bleibt für die Traumbildung gleichgültig.
    Dieselbe steht allemal unter der Einschränkung, daß sie nur dar-
    stellen kann, was Wunscherfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche
    ihre psychische Triebkraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene
    Stimmung wird dieselbe Behandlung erfahren wie die aktuell während
    des Schlafes auftauchende Sensation (vgl. S. 155), die entweder ver-
    nachlässigt oder im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet wird.
    Peinliche Stimmungen während des Schlafes werden zu Triebkräften
    des Traumes, indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum
    erfüllen soll. Das Material, an dem sie haften, wird so lange umge-
    arbeitet, bis es zum Ausdruck der Wunscherfüllung verwendbar ist.
    Je intensiver und je dominierender das Element der peinlichen Stim-
    mung in den Traumgedanken ist, desto sicherer werden die stärkst
    unterdrückten Wunschregungen die Gelegenheit, zur Darstellung zu

  • S.

    332

    kommen, benutzen, da sie durch die aktuelle Existenz der Unlust,
    die sie sonst aus Eigenem erzeugen müßten, den schwereren Teil der
    Arbeit für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden.
    Mit diesen Erörterungen streifen wir wieder das Problem der Angst-
    träume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung herausstellen
    werden.

    i) Die sekundäre Bearbeitung.

    Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei
    der Traumbildung beteiligten Momente gehen.

    Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin
    eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im
    Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so
    stößt man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig
    neuen Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im
    Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Traum-
    inhaltes selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traume
    sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich als
    übernommene und passend verwendete Teile des Traummateriais, wie
    ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art fügt
    sich aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu
    im Traummateriai nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traume
    nicht gar seltene Kritik: „Das ist ja nur ein Traum“? Das ist eine
    wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte.
    Gar nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens;
    noch häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich
    nach der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke:
    „Das ist ja nur ein Traum“ während des Traumes beabsichtigt aber
    dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde der schönen Helena
    von Offenbach besagen soll; er will die Bedeutung des eben Er-
    lebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er
    dient zur Einschläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen
    Moment alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung
    des Traumes – oder der Szene – zu verbieten. Es ist aber bequemer
    weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, „weil’s doch nur ein
    Traum ist“. Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist
    ja nur ein Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz
    schlafende Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum über-
    rumpelt fühlt. Es ist zu spät, ihn zu unterdrücken, somit begegnet
    sie mit jener Bemerkung der Angst oder der peinlichen Empfindung,
    welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des
    esprit d’escalier von Seite der psychischen Zensur.

    An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis
    dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken
    stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem
    wachen Denken nicht zu trennen ist, Beiträge zum Trauminhalt
    liefern kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise
    vor, oder kommt der sonst nur als Zensur tätigen psychischen Instanz
    ein regelmäßiger Anteil an der Traumbildung zu?

  • S.

    333

    Man muß sich ohne Schwanken für das Zweite entscheiden. Es
    ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir
    bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt
    erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben ver-
    schuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht erkenntlich; sie werden
    zaghaft berichtet, mit einem „als ob“ eingeleitet, haben an und für
    sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen
    angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhaltes,
    zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traumpartien
    dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis
    als die echten Abkömmlinge des Traummaterials; unterliegt der Traum
    dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Ver-
    mutung, daß unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das
    meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem als-
    baldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger
    Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß
    sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch muß
    ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren bezeichnen;
    zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material in den
    Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine eigene
    Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme
    in den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der Traum-
    bildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im
    äußersten Falle zu Neuschöpfungen; solange es noch möglich ist,
    verwertet sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann.

    Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist
    seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter
    boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken
    stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Be-
    mühung ist, daß der Traum den Anschein der Absurdität und Zu-
    sammenhanglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines verständ-
    lichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal
    vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu Stande, die
    für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt er-
    scheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
    dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es,
    wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß.
    Diese Träume haben die tiefstgehende Bearbeitung durch die dem
    wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen
    einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Be-
    deutung des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert man sie,
    so überzeugt man sich, daß hier die sekundäre Bearbeitung des
    Traumes am freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenig-
    sten von dessen Relationen beibehalten hat. Es sind das Träume, die
    sozusagen schon einmal gedeutet worden sind, ehe wir sie im Wachen
    der Deutung unterziehen. In anderen Träumen ist diese tendenziöse
    Bearbeitung nur ein Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammen-
    hang zu herrschen, dann wird der Traum unsinnig oder verworren,
    vielleicht um sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum An-
    schein des Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die

  • S.

    334

    Bearbeitung überhaupt versagt; wie stehen wie hilflos einem sinn-
    losen Haufen von Inhaltsbrocken gegenüber.

    Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die
    uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in Wirklich-
    keit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern;
    – ich möchte diesem vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch
    neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen.
    Sicherlich aber äußert sich auch ihr Einfluß, wie der der anderen,
    vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von bereits gebildetem
    psychischen Material in den Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall,
    in dem ihr die Arbeit, an den Traum gleichsam eine Fassade anzu-
    bauen, zum größeren Teil dadurch erspart bleibt, daß im Material der
    Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend,
    bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das
    ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie“ zu bezeichnen; ich
    gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als
    das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache*).
    Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den Psych-
    iatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden;
    M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint, viel-
    versprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblicke der
    Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allgemein
    bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet im Nabab von den Tag-
    träumen einer der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium
    der Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese
    Phantasien oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen
    Symptome – wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen – sind; nicht
    an den Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Er-
    innerungen aufgebauten Phantasien hängen erst die hysterischen
    Symptome. Das häufige Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt
    diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es aber solche bewußte
    Phantasien gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen
    ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom verdrängten Material unbewußt
    bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere dieser
    Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen
    derselbe Name zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduk-
    tionen tragen, der Name: Träume. Sie haben einen wesentlichen
    Teil ihrer Eigenschaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Unter-
    suchung hätte uns eigentlich den nächsten und besten Zugang zum
    Verständnis der Nachtträume eröffnen können.

    Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume
    basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse;
    wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur
    für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbau nachspürt, so wird
    man inne, wie das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt,
    das Material, aus dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, um-
    geordnet und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen
    zu den Kindheitserinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in dem

    *)rêve, petit roman – day-dream, story.

  • S.

    335

    selben Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken
    Ruinen, deren Quadern und Säulen das Material für den Bau in
    moderneren Formen hergegeben haben.
    In der „sekundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten
    traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben,
    finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der
    Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir
    könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus
    dem ihm dargebotenen Material etwas wie einen Tagtraum zu
    gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhang
    der Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit
    sich seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in
    den Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der
    Wiederholung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt ge-
    bliebenen, bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den
    Helden des Trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem
    Traume „Autodidasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die
    getreue Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über
    meinen Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplika-
    tion der Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu
    genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück
    des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum Trauminhalt
    hindurchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt wie
    jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im
    Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft
    Partien vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen
    Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser zu
    sammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben
    Traumes; ich weiß, dies sind unbewußte Phantasien, die im Zu-
    sammenhange in den Traum gelangen, aber ich habe es nie erreicht,
    eine solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen werden diese Phantasien
    wie alle anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammengeschoben,
    verdichtet, die eine durch die andere überlagert u. dgl.; es gibt aber
    Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt
    oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegen-
    gesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine ent-
    fernte Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es
    bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den Traum
    gedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche der
    Zensur und des Verdichtungszwanges zu bieten vermögen.
    Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin
    ich Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erheblichere Rolle
    spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses psychi-
    schen Elements weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des
    unbewußten Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich
    jedoch die „Phantasie“ auch in diesem Zusammenhange nicht, da sie
    häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich durch
    ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen Traum anführen, der
    aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander an einzelnen
    Stellen deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint, von denen

  • S.

    336

    die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung
    der ersten wird*.

    Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine
    sorgfältigen Aufzeichnungen besitze – ungefähr so: Der Träumer –
    ein unverheirateter junger Mann – sitzt in seinem, richtig gesehenen,
    Stammwirtshause; da erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen,
    darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu seinen Tisch-
    genossen: Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die rufen
    hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt ein jeder. Ein Gast
    ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer dahin. Er wird dann in
    ein enges Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit einem Kinde
    auf dem Arme findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr
    Müller. Ein Kommissär oder sonst eine Amtsperson blättert in einem
    Packe von Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller,
    Müller, Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit Ja be-
    antwortet. Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt,
    daß sie einen großen Bart bekommen hat.
    Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Ober-
    flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der
    Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das
    von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phan-
    tasie der Verheiratung sichtbar, und die Züge, die beiden ge-
    meinsam sein können, treten wieder wie bei einer Galtonschen
    Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des
    bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzu-
    suchen, der Unglaube der durch viele Erfahrungen gewitzigten Kneip-
    genossen, der Nachruf: Da geht (heiratet) wieder einer dahin, das
    sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge. Ebenso
    das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das Blättern in einem
    Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen wiederholt, entspricht
    einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den Hochzeits-
    feierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten Glückwunsch-
    telegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. In dem persön-
    lichen Auftreten der Braut in diesem Traume hat sogar die Heirats-
    phantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungsphantasie davon-
    getragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart zur Schau trägt,
    konnte ich durch eine Erkundigung – zu einer Analyse kam es
    nicht – aufklären. Der Träumer war Tags vorher mit einem Freunde,
    der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die Straße gegangen und
    hatte diesen Freund auf eine brünette Schönheit aufmerksam ge-
    macht, die ihnen entgegen kam. Der Freund aber hatte bemerkt: Ja,

    *Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung mehrerer
    Phantasien entstandenen Traumes habe ich im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“
    1905 analysiert. Übrigens habe ich die Bedeutung solcher Phantasien für die Traum-
    bildung unterschätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete,
    denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedankenkonflikte, zu Grunde
    liegen. Bei anderen Personen ist die volle Analogie des nächtlichen
    Traumes mit dem Tagtraume oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt
    häufig bei Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man kann
    sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische Bildungen die Tagtraum-
    phantasie die nächste Vorstufe ist.

  • S.

    337

    wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren Bärte bekämen wie
    ihre Väter.

    Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen,
    bei denen die Traumstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat.
    So mag die Rede: „Ich werde später zahlen“ auf das zu befürchtende
    Benehmen des Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar
    halten den Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der
    Heiratsphantasie hinzugeben. Eines dieser Bedenken, daß man mit
    der Heirat seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung zu
    einer Verhaftungsszene verkörpert.

    Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die
    Traumarbeit sich gern einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient,
    anstatt eine solche aus dem Material der Traumgedanken erst zu-
    sammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines
    der interessantesten Rätsel des Traumes. Ich habe auf S. 18 den Traum
    von Maury erzählt, der, von einem Brettchen im Genick getroffen,
    mit einem langen Traume, einem kompletten Roman aus den Zeiten
    der großen Revolution, erwacht. Da der Traum für zusammenhängend
    ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des Weckreizes an-
    gelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen konnte, so
    scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der ganze reiche
    Traum in dem kurzen Zeitraume zwischen dem Auffallen des Brettes
    auf Maurys Halswirbel und seinem durch diesen Schlag erzwungenen
    Erwachen komponiert worden und stattgefunden haben muß. Wir
    würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche
    Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der Traumarbeit eine
    bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes als Vorrecht zuzu-
    stehen.

    Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere
    Autoren (Le Lorrain, Egger u. a.) lebhaften Einspruch erhoben.
    Sie zweifeln teils die Exaktheit des Traumberichtes von Seite Maurys
    an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer wachen
    Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, was man der Traum-
    leistung ungeschmälert lassen kann. Die Diskussion rollt prinzipielle
    Fragen auf, deren Erledigung mir nicht nahe bevorzustehen scheint.
    Ich muß aber bekennen, daß die Argumentation, z. B. Eggers, gerade
    gegen den Guillotinentraum Maurys mir keinen überzeugenden Ein-
    druck gemacht hat. Ich würde folgende Erklärung dieses Traumes
    vorschlagen: Wäre es denn so sehr unwahrscheinlich, daß der Traum
    Maurys eine Phantasie darstellt, die in seinem Gedächtnis seit Jahren
    fertig aufbewahrt war und in dem Moment geweckt – ich möchte
    sagen: angespielt – wurde, da er den Weckreiz erkannte? Es ent-
    fällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange Geschichte
    mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeitraume, der hier
    dem Träumer zur Verfügung steht, zu komponieren; sie ist bereits
    komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken im Wachen getroffen,
    so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist ja gerade so,
    als ob man guillottiniert würde. Da er aber im Schlafe von dem
    Brette getroffen wird, so benutzt die Traumarbeit den anlangenden
    Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, als ob sie denken

    1)Freud, Traumdeutung, 5 Aufl.

  • S.

    338

    würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen): „Jetzt ist eine gute
    Gelegenheit, die Wunschphantasie wahr zu machen, die ich mir zu
    der und der Zeit bei der Lektüre gebildet habe.“ Daß der geträumte
    Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der Jüngling unter mächtig er-
    regenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir nicht bestreitbar.
    Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt – und zumal als Franzose
    und Kulturhistoriker – durch die Schilderungen aus der Zeit des
    Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der
    Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische
    ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur ver-
    hängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten
    hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die sich mit
    einem Handkuß von der Dame verabschieden, um unerschrocken das
    Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des
    Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener gewaltigen Individuali-
    täten zu versetzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer
    flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das
    Herz der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von Menschen
    aus Überzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europas
    anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines
    Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle eines
    der Girondisten oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys
    eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinne-
    rung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren Menschen-
    menge begleitet“.

    Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während
    des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn
    sie sozusagen „angetupft“ wird. Ich meine das folgendermaßen:
    Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand wie im „Don
    Juan“ dazu sagt: Das ist aus „Figaros Hochzeit“ von Mozart, so
    wogt es in mir mit einem Male von Erinnerungen, aus denen sich
    im nächsten Moment nichts Einzelnes zum Bewußtsein erheben kann.
    Das Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes
    gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nicht anders brauchte es im
    unbewußten Denken zu sein. Durch den Weckreiz wird die psychi-
    sche Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie
    eröffnet. Diese wird aber nicht noch im Schlafe durchlaufen, son-
    dern erst in der Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert man
    jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im Traume
    gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man
    wirklich etwas Geträumtes erinnert.

    Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich um fertige Phan-
    tasien handelt, die durch den Weckreiz als Ganzes in Erregung ge-
    bracht werden, noch für andere auf den Weckreiz eingestellte Träume
    verwenden, z. B. für den Schlachtentraum Napoleons vor der
    Explosion der Höllenmaschine. Unter den Träumen, welche Justine
    Tobowolska in ihrer Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im
    Traume gesammelt hat, erscheint mir jener der beweisendste, den
    Macario (1857) von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, be-

  • S.

    339

    Die angebliche Beschleunigung des Traumablaufs.

    richtet*. Dieser Mann wollte eines Abends der ersten Aufführung
    eines seiner Stücke beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er auf
    seinem Sitz hinter den Kulissen gerade in dem Momente einnickte,
    als sich der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle
    fünf Akte seines Stückes durch und beobachtete alle die verschieden-
    artigen Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den ein-
    zelnen Szenen äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte
    er dann ganz selig, wie sein Name unter den lebhaftesten Beifalls-
    bezeigungen verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte
    weder seinen Augen noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung war
    nicht über die ersten Verse der ersten Szene hinausgekommen; er
    konnte nicht länger als zwei Minuten geschlafen haben. Es ist wohl
    nicht zu gewagt, für diesen Traum zu behaupten, daß das Durch-
    arbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das Achten auf das
    Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen keiner Neuproduk-
    tion während des Schlafes zu entstammen braucht, sondern eine be-
    reits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen Sinne wieder-
    holen kann. Die Tobowolska hebt mit anderen Autoren als ge-
    meinsame Charaktere der Träume mit beschleunigtem Vorstellungs-
    ablauf hervor, daß sie besonders kohärent erscheinen, gar nicht wie
    andere Träume, und daß die Erinnerung an sie weit eher eine summa-
    rische als eine detaillierte ist. Dies wären aber gerade die Kenn-
    zeichen, welche solchen fertigen, durch die Traumarbeit angerührten
    Phantasien zukommen müßten, ein Schluß, welchen die Autoren
    allerdings nicht ziehen. Ich will nicht behaupten, daß alle Weck-
    träume diese Erklärung zulassen oder daß das Problem des be-
    schleunigten Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise über-
    haupt wegzuräumen ist.

    Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis
    dieser sekundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrig-
    Faktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich,
    daß die traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der
    Zwang der Zensur auszuweichen und die Rücksicht auf Darstellbar-
    keit in den psychischen Mitteln des Traumes, vorerst aus dem Material
    einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser dann nachträg-
    lich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer zweiten Instanz
    möglichst genügt? Das ist kaum wahrscheinlich. Man muß eher
    annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem Anfange
    an eine der Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll,
    und daß diese Bedingung ebenso wie die der Verdichtung, der
    Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig auf das große
    Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken.
    Unter den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzt-
    erkannte jedenfalls die, deren Anforderungen für den Traum am
    wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser psychi-
    schen Funktion, welche die sogenannte sekundäre Bearbeitung des
    Trauminhaltes vornimmt, mit der Arbeit unseres wachen Denkens
    ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung:


    *Tobowolska, p. 53.

  • S.

    340

    Unser waches (vorbewußtes) Denken benimmt sich gegen ein be-
    liebiges Wahrnehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage stehende
    Funktion gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem
    solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es
    unter die Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen.
    Wir gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler
    äffen uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit
    stützen. In dem Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke verständlich
    zusammenzusetzen, begehen wir oft die seltsamsten Irrtümer oder
    fälschen selbst die Wahrheit des uns vorliegenden Materials. Die
    hieher gehörigen Beweise sind zu sehr allgemein bekannt, um breiter
    Anführung zu bedürfen. Wir lesen über sinnstörende Druckfehler
    hinweg, indem wir das Richtige illusionieren. Ein Redakteur eines
    vielgelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt haben, er
    werde in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck ein-
    schalten lassen, „von vorn“ oder „von hinten“, ohne daß einer der
    Leser es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches
    Beispiel von falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der
    Zeitungslektüre aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen
    Kammer, in welcher Dupuy durch das beherzte Wort: La séance
    continue den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten
    in den Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der
    Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen.
    Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren einer
    erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er wohl eine
    Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament Sitte,
    jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern. Der
    andere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war
    in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches
    Schießen eine Anerkennung sei, die nur nach besonders gelungenen
    Reden erfolge.

    Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser nor-
    males Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch heran-
    tritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht
    und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbeiführt. Für
    unsere Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang
    im Traume, als seiner Herkunft nach verdächtig, in allen Fällen unbe-
    achtet zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den gleichen
    Weg des Rückganges zum Traummaterial einzuschlagen.

    Wir merken aber dabei, wovon die oben, S. 225, erwähnte
    Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
    wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an denen
    die sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren jene
    anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die ver-
    worrenen Traumpartien so häufig auch die minder lebhaft ausge-
    prägten sind, so dürfen wir den Schluß ziehen, daß die sekundäre
    Traumarbeit auch für einen Beitrag zur plastischen Intensität der
    einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen ist.

    Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich
    unter der Wirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein

  • S.

    341

    Würdigung der sekundären Bearbeitung.

    Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene
    rätselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden Blätter“ so lange
    ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz, des Kontrastes
    halber dem Dialekt angehörig und von möglichst skurriler Bedeutung,
    soll die Erwartung erweckt werden, daß er eine lateinische Inschrift
    enthalte. Zu diesem Zwecke werden die Buchstabenelemente der
    Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu an
    geordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zu Stande,
    an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns
    zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns
    mit dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der
    Inschrift über die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben
    hinwegtäuschen. Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen,
    müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift hinwegsetzen,
    die Buchstaben ins Auge fassen und sie unbekümmert um die ge-
    botene Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.

    Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit,
    welches von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung
    gewürdigt worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. Ellis
    dessen Leistung (Einleitung, p. 10):

    „Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das
    Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das Wach-
    bewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik u. dgl. legt.
    Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung, jede Anordnung
    genügt – ehe er eintritt, um vom Schauplatze Besitz zu ergreifen.“

    Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens
    wird besonders klar von Delacroix (p. 526) behauptet:

    „Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve;
    c’est le même travail de coordination logique que nous faisons sur
    nos sensations pendant la veille.“

    J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska:
     

    „Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’ef-
    force de faire le même travail de coordination logique qu’il fait
    pendant la veille sur les sensations. Il relie entre elles par un lien
    imaginaire toutes ces images décousues et bouche les écarts trop
    grands qui se trouvaient entre elles“ (p. 93).

    Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit1)
    noch während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt
    werden. So Paulhan (p. 547):

    „Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une cer-
    taine déformation, ou plutôt réformation du rêve dans le souvenir
    … La tendence systématisante de l’imagination pourrait fort bien
    achever après le réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil. De
    la sorte, la rapidité réelle de la pensée serait augmentée en apparence
    par les perfectionnements dus à l’imagination éveillée.“

    Leroy et Tobowolska (p. 592):

    „dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination
    se font non seulement à l’aide des données du rêve, mais encore
    à l’aide de celles de la veille. …“

  • S.

    342

    Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte
    Moment der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde,
    so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu haben,
    zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des Erwachens
    vollziehen, wie es Goblot und noch weitergehend Foucault an-
    nehmen, die dem Wachdenken die Fähigkeit zuschreiben, aus den
    im Schlaf auftauchenden Gedanken den Traum zu bilden.

    Leroy et Tobowolska sagen über diese Auffassung: „On
    a cru pouvoir placer le rêve au moment du reveil et ils ont attribué
    a la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec les
    images présentes dans la pensée du sommeil.“

    An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich die
    eines neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beobachtungen
    von H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat, wie an anderer
    Stelle erwähnt*), die Umsetzung von Gedanken in Bilder gleichsam
    in flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen von Müdigkeit und
    Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit nötigte. Dann entschwand
    ihm der bearbeitete Gedanke und an seiner Statt stellte sich eine
    Vision ein, welche sich als der Ersatz des meist abstrakten Gedankens
    erwies. (Siehe die Beispiele S. 236.) Bei diesen Versuchen ereignete
    es sich nun, daß das auftauchende, einem Traumelement gleichzu-
    setzende Bild etwas anderes darstellte als den der Bearbeitung har-
    renden Gedanken, nämlich die Ermüdung selbst, die Schwierigkeit
    oder Unlust zu dieser Arbeit, also den subjektiven Zustand und die
    Funktionsweise der sich mühenden Person anstatt des Gegenstandes
    ihrer Bemühung. Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig ein-
    tretenden Fall das „funktionale Phänomen“ zum Unterschiede von
    dem zu erwartenden „materialen“.

    „Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf
    meinem Sofa, zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem
    nachzudenken. Ich suche nämlich die Ansichten Kants und Schopen-
    -
    hauers über die Zeit zu vergleichen. Es gelingt mir infolge meiner
    Schlaftrunkenheit nicht, die Gedankengänge beider nebeneinander fest-
    zuhalten, was zum Vergleich nötig wäre. Nach mehreren vergeb-
    lichen Versuchen präge ich mir noch einmal die Kantische Ab-
    leitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf die Schopen-
    hauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke ich meine
    Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf Kant zurück-
    greifen will, zeigt es sich, daß er mir wieder entschwunden ist, ver-
    gebens bemühe ich mich, ihn von neuem hervorzuholen. Diese ver-
    gebliche Bemühung, die in meinem Kopf irgendwo verlegten Kant-
    Akten sogleich wiederzufinden, stellt sich mir nun bei geschlossenen
    Augen plötzlich wie im Traumbild als anschaulich-plastisches Sym-
    bol dar: Ich verlange eine Auskunft von einem mürrischen Sekretär,
    der, über einen Schreibtisch gebeugt, sich durch mein Drängen nicht
    stören läßt. Sich halb aufrichtend, blickt er mich unwillig und ab-
    weisend an“ (p. 314).

    *)Siehe Seite 235.

  • S.

    343

    Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf
    und Wachen beziehen:
    „Beispiel Nr. 2. – Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In
    einer gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen
    Traum nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend,
    fühle ich mich dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will je-
    doch in dem Dämmerzustand noch verbleiben.
    Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn
    aber alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben“ (p. 625).
    „Beispiel Nr. 6. – Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er
    will noch ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich will
    mich noch ein wenig dem Schlafe hingeben.
    Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit
    ihm (oder ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.“
    Das „funktionale“ Phänomen, die „Darstellung des Zuständ-
    lichen anstatt des Gegenständlichen“ beobachtete Silberer wesent-
    lich unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Auf-
    wachens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur der letztere Fall für die
    Traumdeutung in Betracht kommt. Silberer hat an guten Beispielen
    gezeigt, daß die Endstücke des manifesten Inhaltes vieler Träume,
    an die das Erwachen unmittelbar anschließt, nichts anderes dar-
    stellen als den Vorsatz oder den Vorgang des Erwachens selbst.
    Dieser Absicht dient: das Überschreiten einer Schwelle („Schwellen-
    symbolik“), das Verlassen eines Raumes, um einen anderen zu be-
    treten, das Abreisen, Heimkommen, die Trennung von einem Be-
    gleiter, das Eintauchen in Wasser und anderes. Ich kann allerdings
    die Bemerkung nicht unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbol
    zu beziehenden Elemente des Traumes in eigenen Träumen wie in
    denen der von mir analysierten Personen ungleich seltener angetroffen
    habe, als man nach den Mitteilungen von Silberer erwarten sollte.
    Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese
    „Schwellensymbolik“ auch für manche Elemente mitten im Zusammen-
    hange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen, wo es sich
    um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den Traum abzu-
    brechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für dieses Vor-
    kommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der Fall der Über-
    determinierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle, welche ihren ma-
    terialen Inhalt aus dem Gefüge der Traumgedanken bezieht, über-
    dies zur Darstellung von etwas Zuständlichem an der seelischen
    Tätigkeit verwendet wurde.
    Das sehr interessante funktionale Phänomen Silberers hat
    ohne Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt, in-
    dem die alte Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der Träume
    eine Anlehnung an dasselbe gefunden hat. Die Bevorzugung der „funk-
    tionalen Kategorie“ geht bei manchen so weit, daß sie vom funktio-
    nalen Phänomen sprechen, wo immer intellektuelle Tätigkeiten oder
    Gefühlsvorgänge im Inhalt der Traumgedanken vorkommen, obwohl
    dieses Material nicht mehr und nicht weniger Anrecht hat, als Tages-
    rest in den Traum einzugehen, als alles andere.

  • S.

    344

    Wir wollen anerkennen, daß die Silbererschen Phänomene
    einen zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wachdenkens
    darstellen, welcher allerdings minder konstant und bedeutsam ist als
    der erste, unter dem Namen „sekundäre Bearbeitung“ eingeführte.
    Es hatte sich gezeigt, daß ein Stück der bei Tage tätigen Aufmerk-
    samkeit auch während des Schlafzustandes dem Traume zugewendet
    bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich die Macht vorbehält, ihn
    zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen, in dieser wachgebliebenen
    seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, dem ein so starker ein-
    dämmender Einfluß auf die Gestaltung des Traumes zufällt. Was
    die Beobachtungen von Silberer dazugegeben, ist die Tatsache, daß
    unter Umständen eine Art von Selbstbeobachtung dabei mittätig ist
    und ihren Beitrag zum Trauminhalt liefert. Über die wahrscheinlichen
    Beziehungen dieser selbstbeobachtenden Instanz, die besonders bei
    philosophischen Köpfen vordringlich werden mag, zur endopsychischen
    Wahrnehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und zum Traum-
    zensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln*.

    Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über die
    Traumarbeit zu resumieren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob
    die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die
    Traumbildung verwende oder nur einen in seiner Leistung gehemmten
    Bruchteil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche
    Fragestellung überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu ver-
    werfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden
    bleiben, auf den uns die Frage drängt, so müssen wir beide einander
    scheinbar durch Gegensatz ausschließenden Auffassungen bejahen. Die
    seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in zwei Leistungen:
    die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung derselben
    zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind, völlig korrekt und mit
    allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet; sie ge-
    hören unserem nicht bewußt gewordenen (vorbewußten) Denken an,
    aus dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken
    hervorgehen. So viel an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein
    möge, diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung zum Traume
    und verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu werden.
    Hingegen ist jenes andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Ge-
    danken in den Trauminhalt verwandelt, dem Traumleben eigentümlich
    und für dasselbe charakteristisch. Diese eigentliche Traumarbeit ent-
    fernt sich nun von dem Vorbilde des wachen Denkens viel weiter, als
    selbst die entschiedensten Verkleinerer der psychischen Leistung bei
    der Traumbildung gemeint haben. Sie ist nicht etwa nachlässiger,
    inkorrekter, vergeßlicher, unvollständiger als das wache Denken; sie
    ist etwas davon qualitativ völlig Verschiedenes und darum zunächst
    nicht mit ihm vergleichbar. Sie denkt, rechnet, urteilt überhaupt
    nicht, sondern sie beschränkt sich darauf, umzuformen. Sie läßt sich
    erschöpfend beschreiben, wenn man die Bedingungen ins Auge faßt,
    denen ihr Erzeugnis zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum,

    *Zur Einführung des Narzismus. Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1914.
    (Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehren, Vierte Folge, 1918.)

  • S.

    345

    soll vor allem der Zensur entzogen werden und zu diesem Zwecke
    bedient sich die Traumarbeit der Verschiebung der psychischen
    Intensitäten bis zur Umwertung aller psychischen Werte; es sollen
    Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in dem Material visueller
    und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und aus
    dieser Anforderung erwächst für die Traumarbeit die Rücksicht
    auf Darstellbarkeit, der sie durch neue Verschiebungen entspricht.
    Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden,
    als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, und die-
    sem Zwecke dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den Bestand-
    teilen der Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die logischen
    Relationen des Gedankenmaterials entfällt wenig Rücksicht; sie finden
    schließlich in formalen Eigentümlichkeiten der Träume eine ver-
    steckte Darstellung. Die Affekte der Traumgedanken unterliegen ge-
    ringeren Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt. Sie werden
    in der Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von den Vor-
    stellungen abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit zusammengesetzt.
    Nur ein Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmaße inkonstante
    Überarbeitung durch das zum Teil geweckte Wachdenken, fügt sich
    etwa der Auffassung, welche die Autoren für die gesamte Tätigkeit
    der Traumbildung geltend machen wollten.