S.
14
seither wiederholt, daß er beim Wiwimachen nicht gesehen
werden will.“Ich bemerke hierzu nur, daß auch dieser Traum sich der
Regel fügt, die ich in der „Traumdeutung“ [p. 255, 2. Aufl.]
gegeben habe: Reden, die im Traume vorkommen, stammen
von gehörten oder selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen
Tage ab.Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der
Vater noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (41/2 Jahre) sieht
wieder zu, wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt
an zu lachen. Man fragt ihn: „Warum lachst du?“Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna.“ –
„Warum?“ – „Weil der Wiwimacher so schön ist.“„Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher
kam ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß
er den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Genitale
in solcher Weise anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen.“II. Krankengeschichte und Analyse.
„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein
Stückchen Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Kranken-
geschichte. Wie Sie daraus lesen, hat sich bei ihm in den
letzten Tagen eine nervöse Störung entwickelt, die mich und
meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein Mittel zu ihrer Be-
seitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Erlaubnis, Sie
morgen … zu besuchen, habe Ihnen aber … das ver-
fügbare Material schriftlich aufgezeichnet.“„Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat
wohl den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich
nicht anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein
Pferd beißen werde, scheint irgendwie damit zusammen-
zuhängen, daß er durch einen großen Penis geschreckt ist –
den großen Penis des Pferdes hat er, wie Sie aus einer frü-
heren Aufzeichnung wissen, schon zeitig bemerkt, und er hat
damals den Schluß gezogen, daß die Mama, weil sie so groß
ist, einen Wiwimacher haben müsse wie ein Pferd.“S.
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„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er
irgendwo einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze
nur an die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er
schon jetzt anfängt Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der
Furcht auf die Gasse zu gehen und der abendlichen Verstim-
mung ist er übrigens ganz der alte, lustig, heiter.“Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die
ersten Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern
zunächst uns das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar
nicht unsere Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen“;
dies kann erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke
von ihm geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in
Schwebe und nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Auf-
merksamkeit hin.Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jänner-
tagen dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:„Hans (43/4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt
der Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen
hab’, hab’ ich gedacht, du bist fort und ich hab’ keine Mammi
zum Schmeicheln (= liebkosen).“„Also ein Angsttraum.“
„Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden
bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt
und machte einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber
keine Mammi hab’, wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe
den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen
elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama
ins Bett genommen.“„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und
sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt
hat: „Er hat aber ein liebes Pischl1).“ [Tante M. hatte vor
4 Wochen bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie meine Frau
den Knaben badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner
Frau. Hans hat es gehört und suchte es zu verwerten.]“1)Pischl = Genitale. Liebkostmgen der Kindergenitalien in Worten
oder auch Tätlichkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch
der Eltern selbst, gehören zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen
die Psychoanalysen voll sind.S.
16
„Am 7. Jänner geht er mit dem Kindermädchen wie gewöhnlich in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinenund verlangt, daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mitder Mammi „schmeicheln“. Zu Hause befragt, weshalb er nichtweiter gehen wollte und geweint hat, will er es nicht sagen.Bis zum Abend ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommter sichtlich Angst, weint und ist von der Mama nicht fortzubringen; er will wieder schmeicheln. Dann wird er wieder heiterund schläft gut.“„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazierengehen, um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn, wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen,will nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch,hat aber auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrtvon Schönbrunn sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter:„Ich hab’ mich gefürchtet, daß mich ein Pferd beißenwird.“ (Tatsächlich wurde er in Schönbrunn unruhig, als er einPferd sah.) Abends soll er wieder einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln.Man beruhigt ihn. Er sagt weinend: „Ich weiß, ich werdemorgen wieder spazieren gehen müssen,“ und später: „Das Pferdwird ins Zimmer kommen.“Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleichtdie Hand zum Wiwimacher?“ Darauf sagt er: „Ja, jeden Abend,wenn ich im Bette bin.“ Am nächsten Tage, 9. Jänner, wirder vor dem Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben. Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hatsie doch für kurze Zeit hingegeben.“Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wirmerken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinanderzu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung vollkommen ausreichend und kein anderer Zeitpunkt istdem Verständnisse so güns-
wie ein solches, leider meist vernachlässigtes oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störungsetzt mit ängstlich-zärtlichen Gedanken und dann mit einemAngsttraum ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter zu verlieren,so daß er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit fürdie Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies dasS.
17
Grundphänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch zur
Bestätigung der beiden Verführungsversuche, die er gegen die
Mutter unternimmt, von denen der erste noch in den Sommer
fällt, der zweite, knapp vor dem Ausbruche der Straßenangst,
einfach eine Empfehlung seines Genitales enthält. Diese gestei-
gerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die in Angst umschlägt,
die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. Wir wissen noch
nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht
erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden
Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir
noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin er-
fahren. Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende
Angst ist zunächst wie jede Kinderangst objektlos, Angst noch
und nicht Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich
fürchtet, und wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem
Mädchen nicht sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er
es eben noch nicht. Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama
auf der Straße fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er
nicht von der Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtig-
keit den ersten Sinn seiner Abneigung gegen die Straße.Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem
Schlafengehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zärt-
lich getönten Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung
eine Phobie vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar
vor den Pferden noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche
Zustand würde dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubett-
gehen an Straße und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen
durchsichtig, daß er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor-
dem Zubettgehen die Libido, deren Objekt die Mutter ist, und
deren Ziel etwa sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, ver-
stärkt überfällt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die
Mutter sich durch solche Stimmungen in Gmunden bewegen
ließ, ihn in ihr Bett zu nehmen, und er möchte dasselbe hier
in Wien erreichen. Nebenbei vergessen wir nicht daran, daß er
in Gmunden zeitweise mit der Mutter allein war, da der Vater
nicht die ganzen Ferien dort verbringen konnte; ferner daß
sich dort seine Zärtlichkeit auf eine Reihe von Gespielen,
Freunde, Freundinnen, verteilt hatte, die ihm hier abgingen,S.
18
so-
daß die Libido wieder ungeteilt zur Mutter zurückkehren
konnte.Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie
ist nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht
auch für etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung
verwandeln, wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der
Angst nützt diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn
die Sehnsucht befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in
Libido zurückzuverwandeln; die Libido wird durch irgend etwas
in der Verdrängung zurückgehalten1). Dies zeigt sich bei Hans
auf dem nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht.
Er ist jetzt mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte
Sehnsucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt
sich ja doch zum Spaziergange bewegen, während er das Dienst-
mädchen zum Umkehren gezwungen hat; auch ist die Straße
nicht der richtige Ort fürs „Schmeimcheln“, oder was der kleine
Verliebte sonst möchte. Aber die Angst hat die Probe bestan-
den und muß jetzt ein Objekt finden. Auf diesem Spaziergange
äußert er zunächst die Furcht, daß ihn ein Pferd beißen werde.
Woher das Material dieser Phobie stammt? Wahrscheinlich
aus jenen noch unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung
beigetragen haben und die Libido zur Mutter im verdrängten
Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des Falles, dessen
weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um die Lösung
zu finden. Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich verläßlich
sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die Pferde wegen
ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse beobachtet, daß
er angenommen, die Mama müsse einen Wiwimacher haben wie
ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das Pferd sei nur ein
Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, daß Hans am
Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins Zimmer kom-
men? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes, wird man
sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, sowenig wie der
Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts verstehen.
Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen.1)Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Emp-
findung von dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht
mehr durch die Zuführung des ersehnten Objektes aufzuheben ist.S.
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Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem
andern Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede
Nacht vor dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis
beschäftigt. Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles
klar. Das Kind masturbiert, daher also die Angst. Gemach!
Daß das Kind sich masturbatorische Lustgefühle erzeugt, er-
klärt uns seine Angst keineswegs, macht sie vielmehr erst recht
rätselhaft. Angstzustände werden nicht durch Masturbation,
überhaupt nicht durch Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei
dürfen wir annehmen, daß unser Hans, der jetzt 43/4 Jahre alt
ist, sich dieses Vergnügen gewiß schon seit einem Jahre [vgl.
p. 3] allabendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich
gerade jetzt im Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Verdrän-
gung und Angstbildung besser paßt.Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen
wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen
Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und
allzu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen,
den Ausbruch der Neurose herbeigeführt; wir könnten ihr eben-
sowohl den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Ab-
weisung seiner Werbungen [„das ist eine Schweinerei“] den
Eintritt der Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine
Schicksalsrolle und hat einen schweren Stand.Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen
solle, das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts.
Die Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr
ins Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher
der Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich
jetzt vor den Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich
mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu
beschäftigen, und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner
schlug ich dem Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung
zu betreten. Da wir nach der Vorgeschichte des Kleinen anneh-
men durften, seine Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher
der Mama zu sehen, so solle er ihm dieses Ziel durch die Mit-
teilung entziehen, daß die Mama und alle anderen weiblichen
Wesen, wie er ja von der Hanna wissen könne, – einen Wiwi-
macher überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei beiS.
20
passender Gelegenheit im Anschlusse an irgend eine Frage oder
Äußerung von Hans zu erteilen.
Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die
Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird
bald ihre Erklärung finden.„Der Aufklärung1) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans
ohne besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den
Stadtpark spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden ver-
wandelt sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen.
Er sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte
ich mich.“„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett
fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht
zu bewegen ist auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon.
Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz2), weil an
diesem Tage wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind, und
er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert
er sich einmal, aus dem Garten heraus spazieren zu gehen, weil
ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche,
die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar
auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er
zum Haustor kommt, rasch wieder um.“„Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum
Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu er-
klären, daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen;
in Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die
Finger hinhält, beißt es.“ (Es fällt mir auf, daß er sagt: die
Finger anstatt: die Hand.) Er erzählt dann folgende Geschichte,
die ich hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi hat
wegfahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor
ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen
sollte. [Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem1)Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der
Frauen.2)Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen.
S.
21
Nachbarhause wohnte.] Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestan-
den und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu be-
rühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger-
zum weißen Pferd, sonst beißt es dich.“ Ich sage darauf:-
„Du, mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern-
ein Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll.“Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.“
Ich: „Vielleicht doch,“ worauf er mir lebhaft beweisen-
will, daß es wirklich ein weißes Pferd war1).“„Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet:-
„Weißt du was? Die Dummheit“ – so nennt er seine Phobie –-
„wird schwächer werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt-
ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen-
bist, weil du krank warst.“Er: „O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die-
Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht.“Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin,-
der Onanieabgewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des-
gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht-
an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente.„Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten,-
das sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim-
Zimmerreinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd“-
und hält sie immer am Rock, „Hüoh“ rufend. Am 10. März-
etwa sagt er zu diesem Kindermädchen: „Wenn Sie das oder-
[Das meint, zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch-
zu erkennen.]Sie: „No, was ist da dran? So werd’ ich mir denken, ich-
hab kein Geld auf Kleider.“Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch-
den Wiwimacher.“Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und
1)Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine-
wirkliche Begebenheit erzählt hat. – Die Juckempfindungen an der Eichel,-
welche die Kinder zur Berührung veranlassen, werden übrigens in der-
Regel so beschrieben: Es beißt mich.S.
22
wie es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer morali-
sierenden Tendenz verdeckt!„Am 13. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn du
nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dumm-
heit schon schwächer werden.“Hans: „Aber ich geb’ die Hand nicht mehr zum Wiwi-
macher.“Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben.“
Hans: „Ja, das schon, aber ‚möchten‘ ist nicht ‚tun‘, und
‚tun‘ ist nicht ‚möchten‘. (!!)Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute
einen Sack zum Schlafen.“„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar,
sagt aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes
sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den Sack haben
werde, wird die Dummheit weg sein.“ Er fürchtet sich tatsäch-
lich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich ruhig
vorüberfahren.“„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen,
mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich
geht er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige
Wagen fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß
der liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat.“ Auf dem
Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher
hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die
Mammi hat keinen, die Anna nicht usw.“Hans: „Hast du einen Wiwimacher?
Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?“
Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl
Wiwi, wenn sie keinen Wiwimacher haben?“Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast
du noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?“„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten
usw. Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint
sich vor Pferden zu fürchten.“„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach
Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten
Tage wird er von der Mama in die Stadt mitgenommen, hatS.
23
auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause
und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen
6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er:
„Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben.
Da hab’ ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und
sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab’ der Grete1),
meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab’ ihr
vom Wiwimacher weggegeben.“ Auf meinen Einwand, es kann
nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: „Sie war
im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwimacher
gesehen hab’.“Das Ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem
Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun
läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi
den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch.“Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens,
daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf
ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten
keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird.
Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie
an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater
fürs erste den Glauben zu versagen.
Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor!
Anbei folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein
ganz interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie
Montag in der Ordination aufzusuchen und womöglich Hans
mitbringen – vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab’ ihn heute
gefragt: „Willst Du Montag mit mir zu dem Professor gehen,
der dir die Dummheit wegnehmen kann?“
Er: „Nein.“
Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.“ – Darauf
hat er bereitwillig und freudig zugestimmt.“1)Grete ist eines der Gmundener Mäderl, von der Hans gerade jetzt
phantasiert; er spricht und spielt mit ihr.S.
24
„Sonntag, 22. März. Um das Sonntagsprogramm zu erwei-
tern, schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren
und erst mittags von dort nach Lainz. Er hat auch nicht bloß-
den Weg von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt
zu Fuß zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing
nach Schönbrunn und von dort wieder zur Dampftramway-
station Hietzing, was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde
kommen, eiligst wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zumute
ist. Mit dem Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama.“„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst
furchtlos angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich
die Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Ele-
fanten nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet
sich vor allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen
sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den
Pelikan, was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen
seiner Größe.“„Ich sage ihm daraufhin: „Weißt du, warum du dich vor
den großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen
Wiwimacher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen
Wiwimacher.“Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren
den Wiwimacher gesehen1).“Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein
großes Tier.“Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der
Wagen vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Haupt-
zollamt.“Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in
Gmunden in einen Stall gegangen….“Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden
die Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall
gegangen.“Ich: „– und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du
einmal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber1)Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig, p. 4.
Wahrscheinlich beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung.S.
25
davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben
große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher.“Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der
Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja
angewachsen.“„Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen
scheint die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors
Haustor, wohin man ihn nach dem Essen führt.“Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation
und gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu
korrigieren. Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst
hat, weil er an deren großen Wiwimacher denken muß, aber
man kann eigentlich nicht sagen, daß er sich vor dem großen
Wiwimacher selbst fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war
ihm früher entschieden lustbetont, und er versuchte mit allem
Eifer, sich dessen Anblick zu verschaffen. Dies Vergnügen ist
ihm seither verleidet worden durch die allgemeine Verkehr-
ung von Lust in Unlust, die – auf noch nicht aufgeklärte Weise –
seine ganze Sexualforschung betroffen hat, und was uns deut-
licher ist, durch gewisse Erfahrungen und Erwägungen, die zu
peinlichen Ergebnissen führten. Aus seiner Tröstung: Der Wiwi-
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde, läßt sich
schließen, daß er bei seinen Beobachtungen beständig verglichen
hat und von der Größe seines eigenen Wiwimachers sehr un-
befriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern ihn die
großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm sind.
Weil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht klar
bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche Empfin-
dung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf der
ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn
einmal ein Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle
anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung,
je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstel-
lungen ins Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst
verwandeln.Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewach-
sen,“ läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was
er nicht aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht aus-S.
26
gesprochen hat. Ich ergänze da ein Stück nach meinen Erfah-
rungen aus den Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Ein-
schaltung wird nicht als eine gewaltsame und willkürliche be-
urteilt werden. „Er ist ja angewachsen“: wenn das zum Trutze
und Troste gedacht ist, so läßt es an die alte Drohung der
Mutter denken, sie werde ihm den Wiwimacher abschneiden
lassen, wenn er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese
Drohung blieb damals, als er 31/2 Jahre alt war, wirkungslos.
Er antwortete ungerührt, dann werde er aber mit dem Popo
Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische Verhalten, wenn
die Drohung mit der Kastration jetzt nachträglich zur Wir-
kung käme, und er jetzt, 11/4 Jahre später, unter der Angst
stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man kann
solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen
in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo
das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich
kenne Fälle, in denen der „nachträgliche Gehorsam“ der
Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung
der Krankheitssymptome hat.Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß
Frauen wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschüt-
ternd auf sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastra-
tionskomplex gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen
sie, und darum blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mittei-
lung aus: Soll es also wirklich lebende Wesen geben, die keinen
Wiwimacher besitzen? Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich,
daß man ihm den Wiwimacher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe
machen könnte!1)„In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans da-
durch, daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und
zu uns ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett1)Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen, um
darzutun, wieviel Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die
ich hier dem kleinen Hans zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste
unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört
der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis – er meint, ein Stück des
Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu
verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbe-S.
27
von unserem Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb,
ob er sich vielleicht gefürchtet habe. Er sagt: „Nein, ich werde
es morgen sagen,“ schläft in unserem Bette ein und wird dann
in seines zurückgetragen.“„Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu er-
fahren, weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es
entwickelt sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den
ich sofort stenographisch festlege:Er: In der Nacht war eine große und eine zer-
wutzelte Giraffe im Zimmer, und die große hat ge-
schrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen
hab’. Dann hat sie aufgehört zu schreien, und dann
hab’ ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“
Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie
war das?“Er: „Ja.“ (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen
und sagt mir:) „So war sie zerwutzelt.“
Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf-
gesetzt? Wie?„Er zeigt mir’s wieder, setzt sich auf die Erde.“
Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?“
Er: „Das weiß ich selber nicht.“
Ich: „Hast du dich gefürchtet?“
Er: „Nein, bestimmt nicht.“
Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?“
Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab’ mir’s gedacht – das
Ganze hab’ ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon
früher.“Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du
weißt ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann
wie ein Stück Papier.“wußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge
Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Charakter“ sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerkten
Kapitel den Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft bedacht
und mit den nämlichen Schmähungen überhäuft. Weininger stand als
Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexe; die Beziehung
zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Ge-
meinsame.S.
28
Er: „Ich weiß’ ja. Ich hab’s halt geglaubt. Es gibt’s ja
eh net auf der Welt1). Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf
dem Fußboden, und ich hab’ sie weggenommen, mit den Händen
genommen.“Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen
nehmen?“Er: „Die zerwutzelte hab’ ich mit der Hand genommen.“
Ich: „Wo war die große unterdessen?“
Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden.“
Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?“
Er: „Ich hab sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis
die große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum
Schreien aufgehört hat, hab ich mich draufgesetzt.“Ich: „Weshalb hat die große geschrien?“
Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab’.“ (Be-
merkt, daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du
das auf?“)“Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die
,Dummheit‘ wegnehmen kann.“Er: „Aha, da hast du’s doch auch aufgeschrieben, daß sich
die Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem
Professor.“Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst,
daß man eine Giraffe zerwutzeln kann.“Er: „Sag’ ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird
er nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe
ist, kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben
wir gleich, ich weiß es selber nicht.“Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „Sag’ mir halt schnell, woran du jetzt denkst.“
Er (humoristisch): „An einen Himbersaft.“
Ich: „Was noch?“
Er: „Ein Gewehr zum Totschießen.2)“
Seine Wünsche.
1)Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie.
2)Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische Technik
der Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann
doch im Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden.S.
29
Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?“
Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.“
„Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange ge-
beten, ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen
bin. Ich hab’s aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor
der Mammi geschämt hab’.“
Ich: „Weshalb?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag
inquiriert, bis er ihr die Giraffengeschichte erzählt hat.“
Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der
Giraffenphantasie.
„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis
(der lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive
ihr Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist.“
„Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er
ein Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette
hängen.“
„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich
fast jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans
kommt in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es
dann nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett
zu nehmen. Daraufhin fange ich immer an sie zu warnen, sie
möge ihn nicht zu sich nehmen („die große hat geschrien, weil
ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab’“), und sie erwidert
hie und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine
Minute sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze
Zeit bei ihr. („Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien
und dann hab’ ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“)
„Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Ehe-
szene ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama
bekommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist des-
halb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung
der Pferdefurcht.“
Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzu-
zufügen: Das „Draufsetzen“ ist wahrscheinlich Hansens Dar-
stellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutz-
phantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichenS.
30
Widerstand ank-
nüpft. „Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt
mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir.“ Es läßt sich
also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die
Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwimacher
mit dem des Vaters nicht messen kann.Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung
seiner Deutung.„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In
der Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft:
„Adieu, große Giraffe.“ Hans fragt: „Warum Giraffe?“ Darauf
ich: „Die Mammi ist die große Giraffe,“ worauf Hans sagt:
„Nicht wahr, und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?“
„Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie,
worauf er sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich
sei die große Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwi
macher erinnert, sagt er: „Die Mammi hat auch einen Hals wie
eine Giraffe, das hab ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals
gewaschen hat1).“„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und
sagt: Du, heut hab’ ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste?
Ich bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und
dann sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben
wir dann dem Wachmanne beim Eingange des Gartens gesagt,
und der hat uns zusammengepackt.“ Das zweite hat er vergessen.“
„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen
gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt,
so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert,
daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter
dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, an
ständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte,
es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein
Wachmann kommen, der einen fortführt. Am Eingange von
Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal
gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.“1)Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und
Mutter, nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Ver-
tretung des Penis erblicken will. Wahrscheinlich hat diese Symbolik recht,
aber von Hans kann man wahrlich nicht mehr verlangen.S.
31
„Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der
am selben Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen
Gelüste, Verbotenes zu tun. „Du, heut früh hab’ ich mir wieder
etwas gedacht.“ „Was?“ „Ich bin mit dir in der Eisenbahn ge-
fahren und wir haben ein Fenster zerschlagen und der Wach-
mann hat uns mitgenommen.“Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt,
daß es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen;
er ist auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für ver-
boten an sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der
Phantasie ausführt, ist jedesmal der Vater dabei und wird mit
ihm eingesperrt. Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätsel-
hafte Verbotene mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewalt-
tätiges wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das
Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, ersetzt.An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn
in meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps
schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so liebens-
würdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner erinnerte,
weiß ich nicht, aber er benahm sich tadellos, wie ein ganz ver-
nünftiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die Konsul-
tation war kurz. Der Vater knüpfte daran an, daß trotz aller
Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich noch nicht ge-
mindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß die Be-
ziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte,
und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter
wenig ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß
ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben,
und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus,
was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden
so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angst-
pferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung
durch den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater
entgehen konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde
Augengläser tragen, was er verneinte, dann ob sein Vater Augen-
gläser trage, was er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob
er mit dem Schwarzen um den „Mund“ den Schnurrbart meine,
und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, ebenS.
32
weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm
der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater
habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen.
Lange, ehe er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß
ein kleiner Hans kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte,
daß er sich darum vor dem Vater fürchten müßte, und hätte
es seinem Vater erzählt. „Warum glaubst du denn, daß ich
böse auf dich bin,“ unterbrach mich hier der Vater, „habe ich
dich denn je geschimpft oder geschlagen?“ O ja, du hast mich
geschlagen,“ verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?“
„Heute vormittag“ mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte
sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den
Bauch gestoßen, worauf er ihm wie reflektorisch einen Schlag
mit der Hand gegeben. Es war bemerkenswert, daß er dieses
Detail nicht in den Zusammenhang der Neurose aufgenommen
hatte; er verstand es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen
Disposition des Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung
des Bedürfnisses, sich dafür eine Bestrafung zu holen1).Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht
denn der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vor
her wissen kann?“ Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kinder-
mund außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht durch meine
scherzhaften Prahlereien selbst provoziert hätte. Ich erhielt von
dieser Konsultation an fast täglich Berichte über die Ver-
änderungen im Befinden des kleinen Patienten. Es stand nicht
zu erwarten, daß er durch meine Mitteilung mit einem Schlage
angstfrei werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die
Möglichkeit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vor-
zubringen und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an
ein Programm aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen
konnte.„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung
festzustellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für
längere Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde
kamen, mit allen Zeichen des Schreckens zurück ins Haus rannte,1)Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in
deutlicherer und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen
Schlag auf die Hand gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte.S.
33
bleibt er diesmal eine Stunde vor dem Haustore, auch wenn
Wagen vorüberfahren, was bei uns ziemlich häufig vorkommt.
Hie und da läuft er, wenn er von ferne einen Wagen kommen
sieht, ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich anders
besinnen würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst ver-
handen und der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu ver-
kennen.“„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen,
werden wir auch in den Stadtpark gehen.“„Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während
er die letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz
auf diese Enthaltung schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn
heute gekommen?“Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht
mehr kommen.“Ich: „Du kommst 'also zu mir, weil du dich fürchtest?“
Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn
ich nicht bei dir im Bette bin, da fürcht' ich mich. Bis ich mich
nicht mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr.“Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du
früh in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?“Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab' die
Mammi gern, und ich fürcht' mich deshalb, wenn ich dich
gern hab'?“Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit.
Er gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der
Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle
bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den Vorwurf, daß
er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in Angst auslaufen
mußte, nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater versteht ihn
noch nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unter-
haltung die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen
gegen ihn, die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte.
Das Folgende, das ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich
bedeutsamer für die Aufklärung des Vaters als für den kleinen
Patienten.„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner
Bedeutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er
Freud, Neurosenlehre. III. 3S.
34
mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser
unterdrückte feindliche Wunsch wird zur Angst um den Vater,
und er kommt früh zu mir, um zu sehen, ob ich fort bin. Ich
habe das leider in diesem Momente noch nicht verstanden und
sage ihm:„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du
kommst zu mir.“
Hans: „Wenn du weg bist, fürcht’ ich mich, daß du nicht
nach Hause kommst.“
Ich: Hab’ ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach
Hause komme?“
Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir
gesagt, daß sie nicht mehr kommt.“ (Wahrscheinlich war er
schlimm, und sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.)
Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst.“
Hans: „Ja.“
Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh’ weg, weil du schlimm
warst, deshalb kommst du zu mir.“
„Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans
sagt: Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn“ anstatt „lauf“
sagt, fällt mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich,
das Pferd rennt dir davon.“ Wozu er lacht.“Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt
gefügt ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater.
Die erstere stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater, die
andere von dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier reaktions-
weise übertrieben wird, mit der Feindseligkeit.Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang
eines wichtigen Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut,
vom Hause aber nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der
Angst auf der Hälfte des Weges umkehrt, ist motiviert durch
die Furcht, die Eltern nicht zu Hause zu treffen, weil sie weg-
gegangen sind. Er klebt am Hause aus Liebe zur Mutter, er
fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feindlichen Wünschen gegen
mich, dann wäre er der Vater.“„Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach Wien
weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater.
Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an das Erlebnis inS.
35
Gmunden anknüpft, als ein Pferd das Gepäck der Lizzi auf den
Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte Wunsch, ich solle auf
den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter allein („das
Pferd soll wegfahren“), wird dann zur Angst vor dem Wegfahren
der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst,
als wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegen-
den Hauptzollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Be-
wegung setzen.“„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den
Vater) konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich
nicht böse bin, weil er die Mama so gerne hat.“„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er
geht wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen
fahren, nur bei einzelnen Wagen hat er Angst und läuft in den
Hausflur. Er erklärt mir auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen;
d. h.: durch die Analyse sind bereits einige weiße Pferde als
‚Vatti‘ erkannt worden, die beißen nicht mehr, allein es bleiben
noch andere zum Beißen.“„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: „Gegen-
über ist das Lagerhaus des Verzehrungssteueramtes mit einer
Verladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren,
um Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter
diesen Hofraum. Vis-à-vis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor
des Hofraumes. (Fig. 2.) Ich bemerke schon seit einigen Tagen,Fig. 2.
daß Hans sich besonders fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe
heraus- oder hineinfahren, wobei sie eine Schwenkung machen
müssen. Ich habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet,
worauf er sagt: „Ich fürcht‘ mich, daß die Pferde um-
S.
36
fallen, wenn der Wagen umwendet (A).“ Ebensowohl fürchtet
er sich, wenn Wagen, die bei der Verladungsrampe stehen, sich
plötzlich in Bewegung setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet
sich ferner (C) vor großen Lastpferden mehr als vor kleinen
Pferden, vor bäuerischen Pferden mehr als vor eleganten (wie
z. B. Fiaker-
)Pferden. Auch fürchtet er sich mehr, wenn ein
Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn die Pferde langsam
dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natürlich erst in den
letzten Tagen deutlich hervorgetreten.“Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der
Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen
und wagt es sich zu zeigen.„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und
wird in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du
früh ins Zimmer kommst, wird die Pferdeangst nicht besser
werden.“ Er trotzt aber und antwortet: „Ich werde doch kommen,
auch wenn ich mich fürchte.“ Er will sich also den Besuch bei
der Mama nicht verbieten lassen.“„Nach dem Frühstücke sollen wir hinuntergehen. Hans freut
sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem
Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen,
wo er oft genug Gassenbuben spielen sah. Ich sage ihm, es
werde mich freuen, wenn er hinübergehen werde, und benütze
die Gelegenheit, um zu fragen, weshalb er sich so fürchte, wenn
die beladenen Wagen sich an der Verladungsrampe in Bewegung
setzen (B).“Hans: „Ich fürcht’ mich, wenn ich am Wagen steh’ und
der Wagen geschwind wegfährt, und ich steh’ drauf und ich
will dort auf das Brett gehen (die Verladungsrampe) und ich
fahre mit dem Wagen weg.“Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich
nicht? Weshalb nicht?“Hans: „Wenn der Wagen steht, geh’ ich geschwind auf
den Wagen und geh auf das Brett.“„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungs-
rampe zu klettern, und fürchtet sich, daß der Wagen davon-
fährt, wenn er auf dem Wagen oben ist.)“S.
37
Lagerhaus
Verladungsrampe
Wagen
Hansens geplanter Weg
Fig. 3.
Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach
Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?“Hans: „O nein; ich kann ja immer noch zur Mama
kommen, mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann
ihm ja auch die Hausnummer sagen.“Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?“
Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird’s aber
wissen. Glaubst du, daß er es wissen wird?“Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?“
Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab’ ich
so gern wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab’ wollen
hingehen? Weil ich hab’ wollen Gepäck aufladen und einladen
und auf dem Gepäcke dort hab’ ich wollen herumklettern. Da
mag ich so gerne herumklettern. Weißt du, von wem ich das
Herumklettern gelernt habe? Buben haben auf dem Gepäcke
geklettert und das hab’ ich auch gesehen und das will ich
auch machen.“„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans
sich auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte
über die Gasse in den Hofraum wecken in ihm zu große Wider-
stände, weil im Hofe fortwährend Wagen fahren.“Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte
Spiel Hansens mit den beladenen Wagen in eine symbolische,
ersetzende Beziehung zu einem andern Wunsche geraten sein
muß, von dem er noch nichts geäußert hat. Aber dieser Wunsch
ließe sich, wenn es nicht zu kühn schiene, schon jetzt kon-
struieren.„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurück-
gekehrt frage ich Hans:S.
38
„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am
meisten?“Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist nicht wahr.“
Hans: „Am meisten fücht’ ich mich vor den Pferden, die
am Munde so etwas haben.“Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?“
Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt
seinen Mund mit der Hand zu).“Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?“
Hans (lacht): „O nein.“
Ich: „Haben das alle?“
Hans: „Nein, nur einige.“
Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?“
Hans: „So etwas Schwarzes.“ – „Ich glaube, es ist in der
Realität das dicke Riemenzeug der Lastpferde über der Schnauze.“Fig. 4.
„Auch vor einem Möbelwagen fürcht’ ich mich am meisten.“
Ich: „Warum.“
Hans: „Ich glaub’, wenn die Möbelpferde einen schweren
Wagen ziehen, fallen sie um.“Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also nicht?“
Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Post
wagen fürcht’ ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen
kommt, fürcht’ ich mich am meisten.“Ich: „Warum, weil er so groß ist?“
Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd
umgefallen ist.“Ich: „Wann?“
S.
39
Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin
trotz der „Dummheit“, wie ich die Weste gekauft hab.“
„[Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.]“
Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd um-
gefallen ist?“Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden
beim Stellwagen umfallen.“Ich: „Bei jedem Stellwagen?“
Hans: „Ja! Und auch ‚beim Möbelwagen. Beim Möbel-
wagen nicht so oft.“Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?“
Hans: „Nein, ich hab’ sie erst gekriegt. Wie das Pferd
vom Möbelwagen umgefallen ist, hab’ ich mich so sehr er-
schrocken, wirklich! Wie ich gegangen bin, hab’ ich sie gekriegt.“Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast,
ein Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich
gefürchtet, daß ein Pferd umfallen wird.“Hans: „Umfallen und beißen wird1).“
Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?“
Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat
(legt sich auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor).
Ich hab’ mich erschrocken, weil es einen ‚Krawall‘ ge-
macht hat mit den Füßen.“Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?“
Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause,
dann eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der
Mammi und dann nach Hause am Abend; da sind wir durch
den Stadtpark durchgegangen.“„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß
unmittelbar nachher die Angst ausgebrochen ist).“Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Woher weißt du das?“
1)Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt.
Der Zusammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd
(der Vater) ihn beißen werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater)
umfallen möge.S.
40
Hans: „Weil ich’s gesehen hab’ (lacht). Nein, es war gar
nicht tot.“Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist.“
Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab’s nur im Spasse ge-
sagt.“ (Seine Miene war aber damals ernst.)“„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur
noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen
anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe.“„Auf dem Rückwege von Lainz noch einige Fragen:
Ich: „Wie das Stellwagenpferd gefallen ist, was für Farbe
hat es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?“Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz.“
Ich: „War es groß oder klein?“
Hans: „Groß.“
Ich: „Dick oder dünn?“
Hans: „Dick, sehr groß und dick.“
Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, an den Vatti
gedacht?“Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich.“
Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht
haben; aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man
gerne nach ihrem neuen Objekte benennen möchte, aus der
Nähe kennen zu lernen. Wir erfahren so, wie diffus sie eigent-
lich ist. Sie geht auf Pferde und auf Wagen, darauf, daß Pferde
fallen, und daß sie beißen, auf Pferde besonderer Beschaffen-
heit, auf Wagen, die schwer beladen sind. Verraten wir gleich,
daß alle diese Eigentümlichkeiten daher rühren, daß die Angst
ursprünglich gar nicht den Pferden gilt, sondern sekundär auf
sie transponiert wurde und sich nun an den Stellen des Pferde-
komplexes fixierte, die sich zu gewissen Übertragungen geeignet
zeigten. Ein wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters
müssen wir besonders anerkennen. Wir haben den aktuellen
Anlaß erfahren, nach welchem die Phobie ausbrach. Dies war,
als der Knabe ein großes schweres Pferd fallen sah, und
wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes scheint die
vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den Wunsch ver-
spürte, der Vater möge so fallen und – tot sein. Die ernste
Miene bei der Erzählung galt wohl diesem unbewußten Sinne.S.
41
Ob nicht noch anderer Sinn sich dahinter verbirgt? Und was
soll das Krawallmachen mit den Beinen bedeuten?
„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt
herum, fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal
bindet er sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt
läuft er auf mich zu und beißt mich.“„Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener, als
er es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung,
da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er
ist das Pferd, er heißt den Vater, übrigens identifiziert er sich
dabei mit dem Vater.“„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent-
schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern
ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht
mehr fürchtet?“„6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause.
Ich frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze
am Munde“ sieht; er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das
Schwarze eigentlich ausschaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen.
Meine erste Vermutung, er meine die dicken Lederriemen des Ge-
schirres bei den Lastpferden, bestätigt sich also nicht. Ich frage,
ob das „Schwarze“ an einen Schnurrbart erinnert; er sagt: nur
durch die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt
also nicht.“„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis
zum Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne
Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vor-
fährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins Haus, da das
Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn, weshalb er sich
fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil es so gemacht habe
(stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach doch keinen
solchen Krawall mit den Füßen!“ Vergleiche dazu die Äußerung
über das gefallene Stellwagenpferd.“„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbel-
wagens. Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleich-
gültig: „Sieht so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stell-S.
12
wagen aus?“ Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage. Er sagt
dann: „Na natürlich, sonst würde ich mich nicht so vor einem
Möbelwagen fürchten.“„7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am
Munde“ der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das
Merkwürdige ist, daß seit 3 Tagen kein Pferd vorüberkommt,
an dem er diesen „Maulkorb“ konstatieren kann; ich selbst
habe bei keinem Spaziergange ein solches Pferd gesehen, ob
zwar Hans beteuert, daß es solche gebe. Ich vermute, daß ihn
wirklich eine Art von Kopfzäumung der Pferde – das dicke
Riemenzeug um den Mund etwa – an einen Schnurrbart er-
innert hat, und daß mit meiner Andeutung auch diese Furcht
verschwunden ist.“„Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines
Aktionskreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unter-
nimmt sogar das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs
Trottoir vis-a-vis hinüberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist,
hängt mit der Stellwagenszene zusammen, deren Sinn mir aller-
dings noch nicht klar ist.“„9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich
mit entblößtem Oberkörper wasche.“Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!“
Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd.“
Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend).
Oder ist es vielleicht der schwarze Maulkorb?“„Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim
Professor war, und sage: „Der will einiges wissen,“ worauf
Hans: „Da bin ich aber neugierig.“„Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit
den Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht wahr,
wenn ich einen „Zurn“ habe oder wenn ich Lumpf machen
soll und lieber spielen will. [Im Zorne hat er allerdings die
Gewohnheit, mit den Füßen Krawall zu machen, d. h.: aufzu-
stampfen. – „Lumpf machen“ bedeutet auf die große Seite
gehen. Als Hans klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe
aufstehend: „Schau den Lumpf.“ (Er meinte: Strumpf wegen
der Form und der Farbe). Diese Bezeichnung ist geblieben bis
heute. – In ganz frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetztS.
43
werden sollte und sich weigerte, das Spiel stehen zu lassen,
stampfte er wütend mit den Füßen auf, zappelte und warf sich
eventuell auch auf den Boden.“„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen
sollst und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.“
Er: „Du, ich muß Wiwi machen“ – und geht hinaus,
wohl als Bestätigung.“Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich
gerichtet, woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim ge-
fallenen Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich hatte
vorgebracht, daß dies wohl seine eigene Reaktion bei zurück-
gehaltenem Harndrange gewesen sein könnte. Das bestätigt nun
Hans durch das Wiederauftreten des Harndranges im Gespräche
und fügt noch andere Bedeutungen des Krawallmachens mit
den Füßen hinzu.„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein
Kohlenwagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich
mich auch stark. Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie
ein Stellwagen.“ Hans: „Ja, und weil er so schwer beladen ist
und die Pferde haben soviel zu ziehen und können leicht fallen.
Wenn ein Wagen leer ist, fürcht’ ich mich nicht.“ Tatsächlich
versetzt ihn, wie schon früher konstatiert, nur Schwerfuhrwerk
in Angst.“Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die
Analyse macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich,
wird dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder
Psychoanalyse solche dunkle Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald
auf ein von uns nicht in Erwartung gezogenes Gebiet.
„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau,
die verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Dar-
unter ist eine gelbe Frauenunterhose. Hans sagt einige Male:
„Pfui!“, wirft sich auf die Erde und spuckt aus. Meine Frau
sagt, er habe das schon einige Male getan, sowie er die Hose
gesehen habe.“„Ich frage: „Warum sagst du pfui?“
Hans: „Wegen der Hose““S.
44
Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an
Wiwi oder an Lumpf erinnert?“Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder
schwarz.“ – Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf,
wenn man Käse ißt? [Das hatte ich einmal gesagt, als er mich
fragte, wozu ich Käse esse.]“Ich: „Ja.“
Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf
machen? Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen.“„Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse her-
umsprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt,
macht man leicht Lumpf?“ – Seit jeher macht sein Stuhlgang
Schwierigkeiten, Kindermeth und Klystiere werden häufig ge-
braucht. Einmal war seine habituelle Verstopfung so stark, daß
meine Frau Dr. L. um Rat fragte. Dieser meinte, Hans werde
überfüttert, was ja auch stimmte, und empfahl mäßigere Kost,
was den Zustand auch sofort behob. In der letzten Zeit trat
Verstopfung wieder häufiger auf.“„Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor
wieder schreiben“, und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe
Hose gesehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei’ ich, hab’
mich niedergeworfen, hab’ die Augen zugemacht und hab’ nicht
geschaut.“Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei
der schwarzen Hose1) habe ich auch so etwas gemacht. Die
schwarze ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie.“ [Sich
unterbrechend.] „Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor
schreiben kann, bin ich immer so froh.“Ich: „Weshalb hast du pfui gesagt? Hast du dich geekelt?“
Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab’. Ich hab’ geglaubt,
ich muß Lumpf machen.“Ich: „Warum?“
Hans: „Ich weiß nicht.“
Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?“
1)Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer schwarzen
Reformhose für Radfahrpartien.“S.
45
Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da
war – bei der Mama – sie hat sie erst vom Kaufen nach
Hause gebracht.“ [Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.]“Ich: „Hast du dich auch geekelt?“
Hans: „Ja.“Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?“
Hans: „Nein.“Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?“
Hans: „Die gelbe hab ich‘ schon einmal gesehen, wie sie
sie gekauft hat [Widerspruch! Wie die Mama die gelbe ge-
kauft hat, hat er sie zum erstenmal gesehen]. Dis schwarze hat
sie heute auch an [richtig!], weil ich gesehen hab‘ wie sie in
der Früh sie sich ausgezogen hat.“Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose
ausgezogen?“Ich: „In der Früh‘, wie sie weggegangen ist, hat sie sich
die schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat
sie sich noch einmal die schwarze angezogen.“„Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt.
Sie sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen
natürlich nicht die Hose gewechselt.“„Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die
Mammi hat sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie
weggegangen ist, hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen
ist, hat sie sie noch einmal angezogen. Die Mammi sagt aber,
das ist nicht wahr.“Hans: „Mir scheint, ich hab‘ vielleicht vergessen, daß sie
sie nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß‘ mich endlich in Ruh‘.“Zur Erläuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun:
Hans heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daß er nun
über diese Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er
die Maske ab und wird grob gegen seinen Vater. Es handelt
sich um Dinge, die ihm früher viel Lust bereitet haben, und
deren er sich jetzt nach eingetretener Verdrängung sehr schämt,
zu ekeln vorgibt. Er lügt geradezu, um dem beobachteten Hosen-
wechsel der Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in
Wirklichkeit gehört das An-
und Ausziehen der Hose in denS.
46
„Lumpf“-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es
hier ankommt, und was Hans verbergen will.„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn
sie sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt“ so
lange, bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder.“Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust,
die Mama beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken.„Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig und wie er
fortwährend gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: „Du,
wer ist eigentlich ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?“Hans: (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd.“
„Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah,
Angst hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte ich,
um ihn zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die
springen halt wie die jungen Buben. Du springst ja auch und
bist ein Bub.“ Seither, wenn er Pferde springen sieht, sagt er:
„Das ist wahr, das sind junge Pferde!“„Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast ge-
dankenlos: „Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl
gespielt?“Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab’ ich die
Dummheit gekriegt.“Ich: „Wer war das Pferdl?“
Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher.“
Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?“
Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich
schnell gelaufen, sogar gerannt1).“Ich: „Stellwagen habt ihr nie gespielt?“
Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen.
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne
Wagen gehen und der Wagen kann ja zu Hause sein.“Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?“
Hans: „Sehr oft. Der Fritzl [wie bekannt auch ein Haus-
herrnkind] ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzl
Kutscher, und der Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal
ist er auf einen Stein getreten und hat geblutet.“Ich: „Ist er vielleicht gefallen?“
1)„Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckchen.“
S.
47
Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein Wasser hinein-
gegeben und dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben1).“
Ich: „Warst du oft Pferd?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt.“
Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd“
und „wegen dem Pferd“ [er betont das „wegen“], und so hab’
ich vielleicht, weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd“,
hab’ ich vielleicht die Dummheit gekriegt2).“
Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden.
Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Was?“
Hans: „Ich hab’s vergessen.“
Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?“
Hans: „O nein, ich hab’ mich gar nicht gefürchtet.“
Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein-
Pferd …“
Hans: (unterbrechend) „Wiwimacht? Nein!“
„Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an-
und will wissen, was das „wegen dem Pferde“ bedeutet habe.
Hans weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere-
Kinder vor dem Haustore gestanden sind und „wegen dem
Pferde, wegen dem Pferd“ gesagt haben. Er selbst war dabei.
Wie ich dringender werde, erklärt er, sie hätten gar nicht-
„wegen dem Pferde“ gesagt, er habe sich falsch erinnert.“1)Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl
damals gefallen ist.2)Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die
Dummheit gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muß ja
wohl so zugehen, die Theorie fordert es, daß dasselbe einmal Gegenstand
einer hohen Lust war, was heute das Objekt der Phobie ist. Und dann er-
gänze ich für ihn, was das Kind ja nicht zu sagen weiß, daß das Wörtchen
„wegen“ der Ausbreitung der Phobie vom Pferde auf die Wagen [oder
wie Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: Wagen] den Weg er-
öffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher das Kind
die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeutungsvoll ihm darum
Wortgleichklänge sind.S.
48
„Ich: „Ihr war’t doch auch oft im Stalle, da habt ihr
gewiß vom Pferde gesprochen.“ – „Wir haben nicht ge-
sprochen.“ – „Wovon habt ihr gesprochen?“ – „Von nichts.“ –
„Soviel Kinder war’t ihr und ihr habt von nichts gesprochen?“ –
„Etwas haben wir schon gesprochen, aber nicht vom Pferde.“ –
„Was denn?“ – „Das weiß ich jetzt nicht mehr.“
„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu
groß sind1), und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?“
Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die
Olga getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papier-
ball geschenkt und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta
hätt’ mir den Ball nie zerrissen. Mit der Berta hab’ ich sehr
gern gespielt.“
Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der
Berta aussieht?“
Er: „Nein vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle
war, und da hab’ ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen.“
Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwi-
macher von der Berta und von der Mammi aus?“
Er: „Ja!“
„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat,
die Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht.“
Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus
nicht gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine
Garten ist, wo die Rettige sind, hab’ ich Wiwi gemacht, und
sie ist vor dem Haustore gestanden und hat hergeschaut.“
Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zu-
geschaut?“
Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen.“
Ich: „Und du warst neugierig?“
Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drinn war.“
„(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt,
und ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)“
Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?“1)Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüpfung,
die dem Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter
denen die analytische Bemühung fehlschlägt.S.
49
Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta
erlaubt hat. Es ist ja keine Schande.“
Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen.“
Er: „Ja, ich hab’ ihn aber nicht gesehen.“
Ich erinnere ihn an den Gmünder Traum: Was soll das
Pfand in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden
gewünscht, daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?“
Er: „Gesagt hab’ ich ihr nie.“
Ich: „Warum hast du’s ihr nie gesagt?“
Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab’. (Sich unter-
brechend.) Wenn ich alles dem Professor schreib’, wird die
Dummheit sehr bald vorüber sein, nicht wahr?“
Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich
Wiwi machen lassen soll?“
Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat.“
Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwi-
macher geben?“
Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war’s sehr lustig. In
dem kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner
Sandhaufen, dort spiel’ ich mit der Schaufel.“
„(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)“
Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen
bist, die Hand zum Wiwimacher gegeben?“
Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab’ ich so gut ge-
schlafen, daß ich gar nicht daran gedenkt hab’. Nur in der
–Gasse1) und jetzt hab’ ich’s getan.“
Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwi-
macher gegeben?“
Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr’s nie ge-
sagt hab’.“
Ich: „Wann hast du dir’s denn gewünscht?“
Er: „Einen Tag halt in Gmunden.“
Ich: „Nur einmal?“
Er: „Ja, öfters.“
Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie her-
geschaut; sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust.“1)In der früheren Wohnung vor dem Umzuge.
Freud, Neurosenlehre. III.
S.
50
Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher
aussieht.“
Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?“
Er: „Auf die Berta, auf die Olga.“
Ich: „Auf wen noch?“
Er: „Auf niemand andern.“
Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch.“
Er: „Auf die Mammi schon.“
Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt
doch, wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?“
Er: „Er wird aber wachsen, nicht1)?“
Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht aus-
schaun wie deiner.“
Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist],
nur größer.“
Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama
sich ausgezogen hat?“
Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den
Wiwimacher gesehen.“
Ich: „Bei der Mammi auch?“
Er: „Nein!“
Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der
Mammi gesehen hast.“
Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab’, wenn sie
sie gekauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose an-
zieht oder auszieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich, weil
die schwarze Hose doch schwarz ist wie ein Lumpf
und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub’ ich, ich muß
Wiwi machen. Wenn die Mammi die Hose trägt, dann seh’
ich sie nicht, dann hat sie doch die Kleider vor.“
Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?“
Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann
sieht sie aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe
herunter und sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist
sie ganz rein, zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht.1)Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher
wachsen wird.S.
51
Wenn sie gekauft ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft
ist, ist sie alt.“Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?“
Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein
Lumpf, nicht wahr? Ein bissel schwärzer ist sie1).“
Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Klosett?“
Er: „Sehr oft.“
Ich: „Da hast du dich geekelt?“
Er: „Ja . . . Nein!“
Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder
Lumpf macht?“
Er: „Sehr gerne.“
Ich: „Warum so gerne?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst.“
Er: „Ja das glaub ich’ auch.“
Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen?“(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosett
führen; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das
herabstürzende Spülwasser macht.)Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man
herunterzieht.“
Ich: „Da fürchtest du dich.“
Er: „Ja!“
Ich: „Und in unserem Klosett hier?“
Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du her-
unterläßt. Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann er-
schrecke ich auch.“„Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung
nicht fürchte,“ fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und
die Wasserpülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er mir:
„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn1)Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen
weiß, und wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß
die Hosen die Ekelerinnerung nur dann erwecken, wenn er sie für sich
sieht; sobald sie am Leibe der Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit
Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang, dann interessieren sie ihn in anderer
Weise.S.
52
das Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall
macht, bleib’ ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht,
geh’ ich lieber hinaus.“
Ich: „Weil du dich fürchtest?“
Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall
sehen, (korrigiert sich) hören, und da bleib’ ich lieber drin, daß
ich ihn fest hör’.“
Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?“
Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß. [Also das
selbe wie die schwarze Hose.]“
Ich: „Warum?“
Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall
hört sich so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Kra-
wall erinnert an Lumpf, ein kleiner an Wiwi [vgl. die schwarze
und die gelbe Hose].“
Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe
gehabt wie ein Lumpf?“ (Es war nach seiner Angabe schwarz).
Er (sehr betroffen): „Ja!“
Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu
viel und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen
sich äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig
und unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts,
wenn man ihn von diesem ablocken will. Sein Interesse ist
jetzt offenbar bei Lumpf und Wiwi, wir wissen nicht, weshalb.
Die Krawallgeschichte ist so wenig befriedigend aufgeklärt wie
die mit der gelben und schwarzen Hose. Ich vermute, sein
scharfes Ohr hat die Verschiedenheit der Geräusche, wenn ein
Mann oder ein Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse
hat das Material aber etwas künstlich in den Gegensatz der
beiden Bedürfnisse gepreßt. Dem Leser, der noch selbst keine
Analyse gemacht hat, kann ich nur den Rat geben, nicht alles
sogleich verstehen zu wollen, sondern allem, was kommt, eine
gewisse unparteiische Aufmerksamkeit zu schenken und das
Weitere abzuwarten.
„11. April. Heut früh kommt Hans wieder ins Zimmer
und wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen.“
„Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht:S.
53
„Ich bin in der Badewanne1), da kommt der
Schlosser und schraubt sie los2). Da nimmt er einen
großen Bohrer und stoßt mich in den Bauch.“Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im
Bette bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich
weg. Mit seinem großen Penis verdrängt er mich von der Mama.“Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten.
„Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht:
„Wir fahren im Zuge nach Gmunden. In der Station ziehen
wir die Kleider an, werden damit aber nicht fertig und der
Zug fährt mit uns davon.“„Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf
machen gesehen?“Hans: „Ja, sehr oft.“
Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?“
Hans: „Ja!“Ich: „An was erinnert dich der Krawall?“
Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt.“„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den
Füßen macht, ist wohl – ein Lumpf, der herabfällt und dabei
Geräusch macht. Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht
vor schwer beladenen Wagen ist überhaupt gleich der Furcht
– vor schwerbeladenem Bauche.“Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige
Sachverhalt.
„11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur
in Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die
Badeanstalt gehen muß.“ Er wurde in Gmunden nämlich, um
ihn warm zu baden, immer in die nahe gelegene Badeanstalt
geführt, wogegen er mit heftigem Weinen zu protestieren pflegte.
Auch in Wien schreit er immer, wenn er zum Baden in die
große Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß kniend oder
stehend gebadet werden.“Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch
selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbin-
dung1)„Hans wird von der Mama gebadet.“
2)„Um sie in Reparatur zu nehmen.“
S.
54
dung zwischen seinen beiden letzten Phantasien [vom Schlosser,
der die Badewanne abschraubt, und von der mißglückten Reise
nach Gmunden] her. Der Vater hatte mit Recht aus letzterer
eine Abneigung gegen Gmunden erschlossen. Übrigens wieder
eine gute Mahnung daran, daß man das aus dem Unbewußten
Auftauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern
des Nachkommenden zu verstehen hat.„Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet.“
Hans: „Weil ich hineinfall'.“
Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du
in der kleinen Badewanne gebadet worden bist?“
Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab' ich mich nicht
legen können, die war ja zu klein.“
Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast
du dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?“
Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab', und da kann
ich nicht hineinfallen. Ich fürcht' mich nur in der großen Bade-
wanne, daß ich hineinfall.“
Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich,
daß dich die Mammi ins Wasser werfen wird?“
Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle
ins Wasser mit dem Kopf.“
Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird
doch nicht die Hände weggeben.“
Hans: „Ich hab's halt geglaubt.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht.“
Ich: „Vielleicht, weil du schlimm warst und du geglaubt
hast, daß sie dich nicht mehr gerne hat?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna
gebadet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand
loslassen, damit die Hanna hineinfällt?“
Hans: „Ja.“
Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten.
12. April. „Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten
Klasse sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht:S.
55
„Pfui, da spei ich, bei den schwarzen Hosen und den schwarzen
Pferden spei ich auch, weil ich muß Lumpf machen.“Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes
gesehen, was dich erschreckt hat?“Hans: „Ja!“
Ich: „Was denn?“
Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze
Strümpfe.“Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn
du neugierig warst und hingeschaut hast.“Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab’ ich
nicht gesehen.“Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftor
vis-à-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht
aus wie ein Podl?“Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!“ Seitdem sagt er
immer, wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein
Lumpfi kommt.“ Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd,
sie klingt wie ein Kosewort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind
immer „Wumpfi“.„Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber
und sagt: „Pfui, ein Lumpf.“ Auch faschiertes Fleisch ißt er
sichtlich ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an einen
Lumpf erinnern.“„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon
gewesen und habe dann gesagt: „Ich hab’ gedacht, die Hanna
ist am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen.“ Ich hatte ihm
öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf dem Balkon ist, acht
geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer kommt, das von einem
sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt – mit großen
Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetz verkleinern lassen
mußte – konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch
Hansens ist sehr durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm
lieber wäre, wenn die Hanna nicht da wäre, was er bejaht.“„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er
hatte, wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das
neugeborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der Eltern
raubte, eine große Aversion, die auch jetzt noch nicht ganzS.
56
geschwunden und durch übergroße Zärtlichkeit nur zum Teil
überkompensiert ist1). Er äußerte sich öfter schon, der Storch
solle kein Kind mehr bringen, wir sollen ihm Geld geben, daß
er keines mehr aus der großen Kiste, worin die Kinder sind,
bringe. (Vgl. die Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein
Stellwagen wie eine große Kiste aus?) Die Hanna mache so-
viel Geschrei, das sei ihm lästig.“„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie
die Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette
gelegen, so lieb und brav.“ (Dieses Leb hat verdächtig falsch
geklungen!)“„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer
Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere
Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd
mit was Schwarzem am Munde“ und ich kann endlich konsta-
tieren, daß es ein Pferd mit einem Maulkorbe aus Leder ist.
Hans hat aber gar keine Angst vor diesem Pferde.“„Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster
und fragt: „Du, da ist ein Mann unten . . . einer, der be-
graben ist . . . oder gibt’s das nur am Friedhofe?“ Ihn be-
schäftigt also nicht nur das Rätsel des Lebens, sondern auch
das des Todes.“„Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen
und Hans sagt: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden
mitgefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind,
ist sie mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder
nicht? Wirklich, Vatti. Glaub’ mir. Wir haben eine große Kiste
gekriegt und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne
sitzen sie drin. (In die Kiste ist eine kleine Badewanne einge-
packt worden.) Ich hab’ sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann
mich gut erinnern2).“Ich: „Was kannst du dich erinnern?“
1)Wenn das Thema „Hanna“ das Thema „Lumpf“ direkt ablöst, so
leuchtet uns der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf“,
Kinder sind Lumpfe!2)Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und
Badewanne ihm das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem
sich die Kinder befinden. Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen!S.
57
Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil
ich’s nicht vergessen hab’. Mein Ehrenwort!“Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupé
mitgefahren.“Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit-
gefahren.“Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?“
Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!“
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Zu Hause am Boden.“
Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen1)?“
Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird
die Hanna auch in der Kiste fahren.“Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?“
Hans: „Man hat sie herausgenommen.“
Ich: „Die Mammi?“Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen
eingestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der
Kutscher hat ‚Hüöh‘ gesagt. Der Kutscher war am Bocke.
Warst du mit? Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß
es nicht, sie hat es schon wieder vergessen, aber nichts ihr-
sagen!“„Ich lasse mir alles wiederholen.“
Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen.“
Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können.“
Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben.“Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat
ja voriges Jahr noch gar nicht sitzen können.“Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen
‚Hüöh‘ und gepeitscht ‚Hüöh, hüöh‘ mit der Peitsche, die ich
früher gehabt hab’. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel ge-
habt und die Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spasse-
vielleicht.“
1)Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans an-
deuten, daß er dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des
Mythus ausgesetzt werden, von König Sargon von Agade an, ist nichts-
anderes.S.
58
Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es
ist kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem
Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zumuten, daß
ich glauben soll, der Storch habe die Hanna im Okto-
ber gebracht, wo ich doch den großen Leib der Mutter
schon im Sommer, wie wir nach Gmunden gefahren
sind, ‚bemerkt hab‘, so kann ich verlangen, daß du
mir meine Lüge glaubst. Was kann die Behauptung, daß
die Hanna schon im vorigen Sommer „in der Kiste“ nach
Gmunden mitgefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen
um die Gravidität der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser
Fahrt in der Kiste für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt,
entspricht einer häufigen Form des Auftauchens eines unbe-
wußten Gedankens aus der Vergangenheit, oder es hat spezielle
Gründe und drückt seine Angst aus, eine solche Gravidität zur
nächsten Sommerreise wiederholt zu sehen. Wir haben jetzt
auch erfahren, durch welchen Zusammenhang ihm die Reise
nach Gmunden verleidet war, was seine zweite Phantasie an-
deutete.„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt
eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist.“Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln“.
Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus
(die Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen
können. Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen
hat sie ja nicht können. (In einem Zuge fortfahrend.) Der
Storch ist bis im Gang gegangen auf der Stiegen und dann
hat er geklopft und da haben alle geschlafen und er hat den
richtigen Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat die
Hanna in dein1) Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen –
nein, der Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon
ganz Nacht, und dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett
gelegt, hat gar nicht gestrampelt, und dann hat er sich den
Hut genommen, und dann ist er wieder weggegangen. Nein,
Hut hat er nicht gehabt.“1)Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von
dem Geheimnis zu verraten.S.
59
Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor
vielleicht?“Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause
gegangen und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause
haben nicht mehr geschlafen. Aber erzähl’ das nicht der Mammi
und der Tini (der Köchin). Das ist Geheimnis!“Ich: „Hast du die Hanna gerne?“
Hans: „O ja, sehr gerne.“
Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die
Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der
Welt ist?“Hans: „Mir wär’ lieber, daß sie nicht auf die Welt ge-
kommen wär’.“Ich: „Warum?“
Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann
das Schreien nicht aushalten.“Ich: „Du schreist ja selbst.“
Hans: „Die Hanna schreit ja auch.“
Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?“
Hans: „Weil sie so stark schreit.“
Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht.“
Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann
schreit sie.“Ich: „Hast du sie einmal gehaut?“
Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann
schreit sie.“Ich: „Das hast du nicht gerne?“
Hans: „Nein … Warum? Weil sie so einen Krawall
macht mit dem Schreien.“Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt
wär’, hast du sie ja gar nicht gern.“Hanns: „Hm, hm (zustimmend).“
Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie
badet, wenn sie die Hände weggeben möcht’, dann möchte sie
ins Wasser fallen …“Hans (ergänzt): – „und sterben.“
Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein
braver Bub’ wünscht das doch nicht.“S.
60
Hans: „Aber denken darf er’s.“
Ich: Das ist aber nicht gut.“
Hans: „Wenn er’s denken tut, ist es doch gut, damit
man’s dem Professor schreibt1).“„Später sag’ ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer
sein wird und sprechen können, wirst du sie schon lieber
haben.“Hans: „O nein. Ich hab’ sie ja lieb. Wenn sie im Herbst
groß sein wird, werd’ ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark
gehen und werd’ ihr alles erklären.“„Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will,
unterbricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß
es nicht so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht.“Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch
wie sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch
auf der Welt.“Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht.“
Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie
gehabt.“Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?“
Hans: „Na, von ihm.“
Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?“
Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste.“
Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?“
Hans: „Rot. Rot angestrichen.“ (Blut?)
Ich: „Wer hat dir’s denn gesagt?“
Hans: „Die Mammi – ich hab’ mir’s gedacht – im Buche-
steht’s.“Ich: „In welchem Buche?“
Hans: „Im Bilderbuche.“ (Ich lasse mir sein erstes Bilder-
buch bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet
auf einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist
auf demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird.
In die Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht
findet.)Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?“
1)Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen
ein besseres Verständnis der Psychoanalyse.S.
61
Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel.
Weißt, der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm
beißt.“ (Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn.)
Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna ge-
bracht hat?“
Hans: „Du, da hab’ ich doch noch geschlafen. In der
Früh kann kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht.
Weißt warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal,
wenn früh ist, ist ein Mädel da!1)“
Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der
Storch gemacht hat?“
Hans: „O ja!“
Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?“
Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig.“
Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie
dir aber nicht gefallen.“
Hans: „O sehr!“
Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie klein war sie?“
Hans: „Wie ein junger Storch.“
Ich: „Wie was noch? Wie ein Lumpf vielleicht?“
Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissel kleiner,
wie die Hanna wirklich.“
Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des
Kleinen sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der
Geburt des Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber ich
hatte versäumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein Kind ein
„Lumpf“ für die infantile Sexualtheorie sei, so daß Hans den
Exkrementalkomplex passieren werde. Aus dieser meiner Nach-1)Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen
Gespräch ist der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vor-
schein gekommen, der mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen
Vater verknüpft war. Jetzt ist er ruhiger geworden und antwortet mit
offiziellen Gedanken, in denen er sich für die vielen mit der Storchhypo-
these verbundenen Schwierigkeiten Erklärungen zurecht gemacht hat.S.
62
lässigkeit entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. Jetzt
nach erfolgter Klärung versuchte der Vater, Hans über diesen
wichtigen Punkt ein zweites Mal zu vernehmen.„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte
Geschichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna
ist in der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die
Mammi im Coupé und die Hanna ist im Lastzuge mit der
Kiste gefahren, und dann, wie wir in Gmunden waren, haben
ich und die Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs
Pferd gesetzt. Der Kutscher war am Bocke und die Hanna
hat die vorige (vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd
gepeitscht und hat immer gesagt: „Hüoh,“ und das war immer
lustig, und der Kutscher hat auch gepeitscht. – Der Kutscher
hat gar nicht gepeitscht, weil die Hanna die Peitsche gehabt
hat. – Der Kutscher hat die Zügel gehabt – auch die Zügel
hat die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen
von der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklich-
keit und Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden
haben wir die Hanna vom Pferde heruntergehoben, und sie ist
allein über die Stiege gegangen.“ (Als Hanna voriges Jahr in
Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr früher, worauf
sich offenbar Hans’ Phantasie bezieht, waren bei der Ankunft
in Gmunden 5 Monate der Gravidität verstrichen.]Ich: „Das vorige Jahr war ja die Hanna schon da.“
Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein
Jahr vorher, wie sie bei uns auf der Welt war . . .“
Ich: „Bei uns war sie schon?“
Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir
Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient.“
Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna
noch gar nicht auf der Welt.“
Hans: „Ja da war sie auf der Welt. Wie sie erst in
der Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon
,Anna‘ sagen.“ (Das kann sie erst seit 4 Monaten.)
Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns.“
Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche.“
Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?“S.
63
Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war
doch da, du weißt es doch.“Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?“
Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist.
Schon sehr lange.“Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie
in Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können.“
Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon.“
Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden.“
Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich
kann mich sehr gut erinnern. Frag’ nur die Mammi, die wird
dir’s schon sagen.“Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das
erstmal war, hat sie gehen und reiten können und
später hat man sie tragen müssen. – Nein, später ist sie
erst geritten und voriges Jahr hat man sie tragen müssen.
Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden
hat sie nicht gehen können.“Hans: „Ja, schreib’s nur auf. Ich kann mich ganz gut er-
innern. – Warum lachst du?“Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt,
daß die Hanna nur einmal in Gmunden war.“
Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf
dem Pferde geritten … und das zweimal (wird offenbar
unsicher).“Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?“
Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner.“
Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner
gefahren.“Hans: „So war’s halt ein Fiaker.“
Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?“
Hans: „Man hat ihr ein Butterbrot und Hering und
Rettig (ein Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und da weil
die Hanna gefahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert
und hat 50mal gegessen.“Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?“
Hans: „Nein!“S.
64
Ich: „Was hat sie denn gemacht?“
Hans: „Ganz ruhig drin gesessen.“
Ich: „Hat sie nicht gestoßen?“
Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich
nicht einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie aus-
getrunken – bis in der Früh war alles weg und den Mist hat
sie in der Kiste gelassen, die Blätter von den zwei Rettigen
und ein Messer zum Rettigschneiden; sie hat alles zusammen-
geputzt wie ein Has, in einer Minute und sie war fertig. Das
war eine Hetz’. Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren in
der Kiste, ich hab’ in der Kiste geschlafen die ganze Nacht
(wir sind vor 2 Jahren tatsächlich in der Nacht nach Gmunden
gefahren) und die Mammi ist im Coupé gefahren. Immer haben
wir gegessen auch im Wagen, das war eine Gaude. – Sie ist
gar nicht am Pferde geritten (er ist jetzt unsicher geworden,
weil er weiß, daß wir im Zweispänner gefahren sind) . . . sie
ist im Wagen gesessen. Das ist das Richtige, aber ganz allein
bin ich und die Hanna gefahren . . . die Mammi ist auf dem
Pferde geritten, die Karolin’ (unser Mädchen vom vorigen Jahre)
auf dem andern . . . Du, was ich dir da erzähl’, ist nicht
einmal wahr.“Ich: „Was ist nicht wahr?“
Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die
Kiste1) und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd’ halt
in die Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts dran, ist gar
keine Schand’. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist es schon!“
„Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen
ist, wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut
genommen hat.Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?“
Hans: „In der Tasche.“
Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?“
Hans: „Im Schnabel.“
Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab’ noch keinen
Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat.“
Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie
kommt denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht1)Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht.
S.
65
wahr, ich hab’ mich nur geirrt, der Storch läutet an und je-
mand macht auf.“
Ich: „Wie läutet er denn?“
Hans: „Auf der Glocke.“
Ich: „Wie macht er das?“
Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit-
dem Schnabel an.“
Ich: Und er hat die Tür wieder zugemacht?
Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht. Die
war ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht.“
Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?“
Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In
Schönbrunn vielleicht.“
Ich: „Ich hab’ in Schönbrunn keine Kiste gesehen.“
Hans: „Die wird halt weiter weg sein. – Weißt, wie der
Storch die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel – die
Kiste hat auch einen Schlüssel – er nimmt den Schnabel und
eins (eine Schnabelhälfte) läßt er auf und sperrt so auf (de-
monstriert es mir am Schreibtischschlosse). Das ist ja auch
ein Henkel.“
Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchen-
kiste aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Und ein Möbelwagen?“
Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort
für unartige Kinder) auch.“
„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplan-
ten Vorsatz ausgeführt und ist in den Hof vis-à-vis hinübergegangen.
Heute wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Ein-
fahrtstore ein Wagen an der Ausladerampe stand. Er sagte
mir: „Wenn dort ein Wagen steht, so fürcht’ ich mich, daß
ich die Pferde necken werde und sie fallen um und machen
mit den Füßen Krawall.“
Ich: „Wie neckt man denn Pferde?“
Freud. Neurosenlehre. III.S.
66
Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man
sie, wenn man hühü schreit!“1)
Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?“
Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich’s
tu, aber wahr ist es nicht.“
Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?“
Hans: „Nein!“
Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?“
Hans: „O ja, sehr gerne!“
Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi
die Hanna? Das hast du ja auch gerne.“
Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie
schlägt. (So hab’ ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor
dem Peitschen der Pferde zu mäßigen.) Ich hab’s einmal wirk
lich getan. Ich hab’ einmal die Peitsche gehabt und hab’ das
Pferd gepeitscht und es ist umgefallen und hat mit den Füßen
Krawall gemacht.“
Ich: „Wann?“
Hans: „In Gmunden.“
Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?“
Hans: „Es war außer’m Wagen.“
Ich: „Wo war’s denn?“
Hans: „Ich hab’s halt gehalten, daß es nicht davonrennen
soll.“ (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich.)“
Ich: „Wo war das?“
Hans: „Beim Brunnen.“
Ich: „Wer hat’s dir erlaubt? Hat’s der Kutscher dort
stehen lassen?“
Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle.“
Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?“
Hans: „Ich hab’s hingeführt.“
Ich: „Woher? Aus dem Stalle?“1) „Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die
Pferde schlugen und hü schrien.“S.
67
Hans: „Ich hab’s herausgeführt, weil ich es hab’ wollen
peitschen.“
Ich: „War im Stalle niemand?“
Hans: „O ja, der Loisl (der Kutscher in Gmunden).“
Ich: „Hat er dir’s erlaubt?“
Hans: „Ich hab’ mit ihm lieb geredet und er hat gesagt,
ich darf es tun.“
Ich: „Was hast du ihm gesagt?“
Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und
schreien. Er hat gesagt, ja.“
Ich: „Hast du’s viel gepeitscht?“
Hans: „Was ich dir da erzählt, ist gar nicht wahr.“
Ich: „Was ist davon wahr?“
Hans: „Nix ist davon wahr, das hab’ ich dir nur im
Spasse erzählt.“
Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Gewünscht hast du dir’s.“
Hans: „O, gewünscht schon, gedacht hab’ ich mir’s.“
Ich: „In Gmunden?“
Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab’ ich mir’s schon
gedacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh
im Bette.“
Ich: „Warum hast du mir’s nie erzählt?“
Hans: „Ich hab’ nicht d’ran gedacht.“
Ich: „Du hast dir’s gedacht, weil du auf die Straßen ge-
sehen hast.“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die
Mammi, die Hanna oder mich?“
Ich: „Die Mammi.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Ich möcht’ sie halt schlagen.“
Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi
schlägt?“
Hans: „Ich hab’s noch nie gesehen, in meinem Leben nie.“
Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest
du das tun?“S.
68
Hans: „Mit dem Pracker.“ (Mit dem Pracker droht die
Mama öfter ihn zu schlagen.)„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen.“
„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbel
wagen, Kohlenwagen seien Storchkistenwagen.“Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung
unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem
Thema sein.„21. April. Heute früh erzählt Hans, er habe sich gedacht:
„Ein Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama
nach Hauptzollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von
der Brücke und der zweite Zug war schon in St. Veit. Wie
du heruntergekommen bist, war der Zug schon da und da sind
wir eingestiegen.“„Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigeperron
zu kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron
sieht man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die
Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl
gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den ich versäumt habe,
davon-
gefahren, dann ist aus Unter-St. Veit ein zweiter Zug ge-
kommen, mit dem ich nachgefahren bin. Ein Stück dieser Aus-
reißerphantasie hat er entstellt, so daß er schließlich sagt: Wir
sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren.“„Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten unge-
deuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel Zeit
verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzuziehen, und der
Zug wäre davongefahren.“„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus,
als ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts
Außergewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat.
Er sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so stolz sind, daß
sie umfallen.“ (Die Pferde wurden vom Kutscher scharf am
Zügel gehalten, so daß sie in kurzem Schritte gingen, die Köpfe
hochhaltend – sie hatten wirklich einen „stolzen“ Gang.)“„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei.“
Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm.“
Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?“S.
69
Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie
seinerzeit Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut
fließen und wenigstens kann ich mit der Mammi ein bißchen
allein sein. Wenn du in die Wohnung heraufkommst, kann ich
geschwind weglaufen von der Mammi, daß du’s nicht siehst.“
Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine ange-
stoßen hat?“Er: „Ja, der Fritzl.“
Ich: Wie der Fritzl hingefallen ist, was hast du dir gedacht?1)“
Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst.“
Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?“
Er: „Ja!“
Ich: „Weshalb schimpf ich denn eigentlich?“
Er: „Das weiß ich nicht.“ (!!)
Ich: „Warum?“
Er: „Weil du eifern tust.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr!“Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das
muß wahr sein.“„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins
Bett kommen, große in ihrem eigenen Bette schlafen, hat ihm
also nicht sehr imponiert.“„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken“,
i. e. schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama,
sondern auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur vor-
geschoben, weil er mir das andere nicht eingestehen wollte. In den letzten
Tagen ist er von besonderer Zärtlichkeit gegen mich.“Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich“ so leicht
erwirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch
Hansens, das Pferd zu „necken“, doppelt gefügt ist, zusammen-
gesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf die Mutter
und einem klaren Rachedrange gegen den Vater. Der letztere
konnte nicht eher reproduziert werden, als bis im Zusammen-
hange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe ge-
kommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten1)„Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat.“
S.
70
Gedanken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der
Weg der Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose
wiederholen.„22. April. Heute früh ha sich Hans wieder etwas ge-
dacht: „Ein Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der
Kondukteur ist gekommen und hat den Buben ganz nackt aus-
gezogen und bis in der Früh dort stehen lassen und in der
Früh hat der Bub dem Kondukteur 50.000 Gulden gegeben,
damit er mit dem Wagerl fahren darf.“„Vis-à-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock-
geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassen-
buben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm gesagt,
das dürfe man nicht; sonst käme der Kondukteur. Ein zweites
Element der Phantasie ist der verdrängte Nacktheitswunsch.]“Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie
„im Zeichen des Verkehres“ schafft und konsequenterweise vom
Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So
gesellt sich ja auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die
Eisenbahnangst hinzu.„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag
mit einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte.
Er hat durch die Öffnung, in der einmal das kleine
Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines Taschenmes-
ser hineingesteckt und ihr dann die Füße voneinander-
gerissen, um das Messer herausfallen zu lassen. Dem
Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe
zeigend: „Schau, hier ist der Wiwimacher!“Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe
gespielt?“Er: „Ich hab’ die Füße auseinandergerissen, weißt warum?
Weil ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das
hab’ ich hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab’
ich die Füß’ auseinandergerissen und dort ist es hinausgegangen.“Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen?
Damit du den Wiwimacher sehen kannst?“Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab ich ihn auch sehen
können.“S.
71
Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?
Er: „Ich weiß es nicht.“
Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?“
„Er bringt es mir.“
Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?“
Er: „Nein, ich hab’ mir gar nichts gedacht, aber der Storch-
hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt – oder wer.“
Ich: „Wann?“
Er: „Einmal. Ich hab’s gehört, oder hab’ ich’s gar nicht
gehört, oder hab’ ich mich verredet?“
Ich: „Was heißt verredet?“
Er: „Es ist nicht wahr.“
Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissel wahr.“
Er: „No ja, ein bißchen.“
Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht,
kommen die Hendl auf die Welt?“
Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt
die Hendl wachsen, – nein, der liebe Gott.“
„Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den
Eiern wieder Hendl kommen.“
„Hans lacht.“
Ich: „Warum lachst du?“
Er: „Weil mir’s gefällt, was du mir da erzählst.“
„Er sagt, er habe das bereits gesehen.“
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Bei dir!“
Ich: „Wo hab’ ich ein Ei gelegt?“
Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und
auf einmal ist ein Hendl aufgesprungen. Du hast einmal ein
Ei gelegt, das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir’s
die Mammi gesagt hat.“
Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist?“
Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab schon ein-
mal ein Ei gelegt, da ist ein Hendl aufgesprungen.“
Ich: „Wo?“
Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein,
gekniet und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und
auf einmal in der Früh hab’ ich gesagt: Sucht’s, Kinder, gesternS.
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hab’ ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut und
auf einmal haben sie ein Ei gesehen und aus dem ist ein kleiner
Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi weiß es nicht
und die Karolin’ weiß es nicht, weil niemand zugeschaut hat
und auf einmal hab’ ich ein Ei gelegt und auf einmal war’s da.
Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus dem Ei? Wenn
man es stehen läßt? Muß man das essen?“
„Ich erkläre ihm das.“
Hans: „No ja, lassen’s wir bei der Henne, dann wächst
ein Hendl. Packen wir’s in die Kiste und lassen wirs nach
Gmunden fahren.“
Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen
Griffe an sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten
Aufklärungen zögerten, und in einer glänzenden Symptomhand
lung mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt
vor.“ Was er dem Dienstmädchen über den Sinn seines Spieles
mit der Puppe gesagt, war nicht aufrichtig; dem Vater gegen
über weist er es direkt ab, daß er nur den Wiwimacher sehen
wollte. Nachdem ihm der Vater gleichsam als Abschlags
zahlung die Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat,
vereinigen sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein
Besserwissen zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen
letzten Worten zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt
der Schwester steigert.Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?“
Hans: „Ich hab’ ihr Grete gesagt.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab’.“
Ich: „Wie hast du dich gespielt?“
Hans: „Ich hab’ sie halt so gepflegt wie ein wirkliches
Kind.“Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?“
Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber
die Mammi darf keines kriegen, ich mag’s nicht.“
„Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet
durch ein drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden.“
Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind.“
Hans: „Ich krieg’ ein Mäderl.“S.
73
Ich: „Wo kriegst du es denn her?“
Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl her-
aus und das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei
kommt dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus
der Hanna kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine
Hanna heraus.“
Ich: „Du möchtest gerne eine Mäderl haben.“
Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg’ ich eins, das wird
auch Hanna heißen.“
Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl be-
kommen?“
Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag.“
Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen.“
Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl
kriegt einen Buben1).“
Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen
nur Frauen, Mammis.“
Hans: „Warum denn ich nicht?“
Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat.“
Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst
schon eins kriegen, nur warten.“
Ich: „Da kann ich lang warten.“
Hans: „Ich gehör’ doch dir.“
Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht.
Du gehörst dann der Mammi und mir.“
Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?“
Ich: „Der Mammi.“
Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der
Mammi?“
Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir.“
Hans: „No also!“
Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Ver-
ständnisse der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Geni-
tale unentdeckt ist.
„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau so
weit aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann,
...“1)Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne-
.S.
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was große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf“
in die Welt gesetzt werden.“„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine
sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und
nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores
nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren Spaziergänge zu
bewegen ist, verrät den Rest von Angst.“„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den
Bauch, was er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn,
ob er eine Ziege ist.“„Er sagt: „Ja, ein Wieder (Widder).“ – „Wo er einen
Widder gesehen hat?“Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt.“ [Der
Fritzl hat ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.]“Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat
es gemacht?“Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi [eine Lehrerin, die
im Hause wohnte] hat immer die Hanna auf das Lamperl ge-
setzt, da hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht
stoßen können. Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es
Hörner hat. Der Fritzl tut’s halt an der Schnur führen und an
einen Baum anbinden. Er bindet’s immer an einen Baum an.“Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?“
Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat
mich einmal hingegeben … ich bin einmal hingegangen und
hab’s nicht gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinauf-
gesprungen. Das war so lustig – erschrocken bin ich nicht.“„Das ist gewiß unwahr.“
Ich: „Hast du den Vatti gern?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Vielleicht auch nicht?“
Hans: (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem
Momente fällt das Pferdl um. Er schreit: „Das Pferdl ist um-
gefallen! Siehst du, wie’s Krawall macht!“)“Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi
gern hat.“Hans: „Nein.“
S.
75
Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi
mir einen Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist.“
Hans: „Das schon.“
Ich: „Du möchtest halt gern der Vatti sein.“
Hans: „O ja.“
Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti
wärst.“
Hans: „Und du der Hans?“
„Da möcht’ ich dich jeden Sonntag nach Lainz fahren,
nein, auch jeden Wochentag. Wenn ich der Vatti wär’, wär’ ich
gar brav.“
Ich: „Was möchtest du aber mit der Mammi machen?“
Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen.“
Ich: „Was sonst noch?“
Hans: „Nix.“
Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?
Hans: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?“
Hans: „In Gmunden nicht [das ist nicht wahr). In
Gmunden hab’ ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab’ ich
in Gmunden gehabt und auch Kinder.“
Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl
bekommen hat?“
Hans: „O ja. Es ist mit einem Wagen hergekommen.
[Das hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt. Auch ein
Stoß gegen die Storchentheorie] und eine andere Kuh hat es aus
dem Podl herausgedrückt.“ [Das ist bereits die Frucht der
Aufklärung, die er mit der „Wagerltheorie“ in Einklang
bringen will.]“
Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl
gekommen ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle war.“
„Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh
gesehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahr-
scheinlich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen
sei. Er gibt es schließlich zu: „Es hat mir’s wahrscheinlich die
Berta gesagt oder nein – oder vielleicht der Hausherr. Er
war dabei und es war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr,S.
76
wie ich’s dir sage, oder mir scheint, es hat mir’s niemand ge-
sagt, ich hab’ mir’s in der Nacht gedacht.“„Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weg-
geführt; daher die Verwechslung.“Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat’s-
gebracht?“Hans: „Das hab’ ich mir nicht denken wollen.“
Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast
du dir gedacht?“Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab’ ich mir’s ge-
dacht. – Du, Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Haus-
herr) dabei, wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist1)?“Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?“
Hans: „Ich glaub’ schon… Vatti, hast du schon öfter
gesehen, wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?“Ich: „Ich hab’s schon öfter gesehen, auf der Straße in
Gmunden2).“Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und du hast dir gedacht, du bist der Vatti?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?“
Hans: „Du weißt ja alles, ich hab’ nichts gewußt.“
Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht,
wenn der Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl
gestoßen hat, wenn es den Vatti stoßen möcht’. Kannst du dich
an das Begräbnis in Gmunden erinnern?“ [Das erste Begräbnis,
das Hans sah. Er erinnert sich öfter daran, eine zweifellose
Deckerinnerung.]“Hans: „Ja, was war da?“
Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht’,
wärst du der Vatti.“
1)Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen
mißtrauisch zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als
der Vater.2)Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde
der Pferde hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich end-
lich hat verifizieren lassen.S.
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Hans: „Ja.“
Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?“
Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen,
vor Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn
sie aber leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll auf-
geladen hat, da fürcht’ ich mich, und wenn’s zwei Pferde sind
und voll aufgeladen haben, da fürcht’ ich mich nicht.“
Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin so
viel Leute sind?“
Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist.“
Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat,
nicht auch voll aufgeladen?“
Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein,
wenn sie wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen
wird, bis wieder eins drin sein wird.“
Ich: „Das möchtest du halt gern.“
Hans: „Ja.“
Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi
noch ein Kind bekommen soll.“
Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die
Mammi hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will’s der liebe
Gott auch nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird
sie keins bekommen.“ [Hans hat natürlich gestern auch gefragt,
ob in der Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein,
wenn der liebe Gott nicht will, wird’s in ihr auch nicht wachsen.]
Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht
will, wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe
Gott nicht will.“
„Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe,
worauf er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß
besser.“ – Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte
die Konkordanz her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle,
wolle auch der liebe Gott nicht.1)“1) Ce que femme veut Dieu veut. Aber Hans hat hier in seinem
Scharfsinne wieder ein sehr ernsthaftes Problem entdeckt.S.
78
Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll
ein Kind bekommen?“
Hans: „Aber haben will ich’s nicht.“
Ich: „Aber du wünschest es?“
Hans: „Wünschen schon.“
Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern
der Vatti sein möchst.“
Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschicht‘?“
Ich: „Welch Geschicht‘?“
Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Ge-
schicht‘ dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht‘?“
Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi ver-
heiratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart
haben und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll.“
Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde
ich nur eins kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi
verheiratet sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der
liebe Gott auch nicht, wenn ich geheiratet hab‘.“
Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?“
Hans: „O ja.“
Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie
noch durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die
Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird.
„Am Abende desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett
gelegt wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach‘? Jetzt
sprech‘ ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im
Bett. Immer sind meine Kinder bei mir im Bett. Kannst du
mir sagen, wie das ist?“ – Da er schon sehr schläfrig ist, ver-
spreche ich ihm, wir werden das morgen aufschreiben, und er
schläft ein.“„Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans
seit seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern“
phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw.1)“1)Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug von
Sehnsucht nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Er-
lebnisse als Kind bei der Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in
aktiver Rolle, wobei er selbst die Mutter spielen muß.S.
79
„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer
von seinen Kindern spricht.“Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben
mag, aber ich wünsch’ mir’s nie, haben mag ich sie
nicht1).“Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga
usw. sind deine Kinder?“Hans: „Ja, der Franzl, der Fritzl und der Paul (sein Ge-
spiele in Lainz) auch und die Lodi.“ „Ein fingierter Name.
Sein Lieblingskind, von dem er am öftesten spricht. – Ich be-
tone hier, daß die Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit
einigen Tagen, seit dem Datum der letzten Aufklärung (24. April)
besteht.“Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?“
Hans: „Nein.“
Ich: „Gibt’s eine Lodi?“
Hans: „Ja, ich kenn’ sie schon.“
Ich: „Welche denn?“
Hans: „Die da, die ich hab’.“
Ich: „Wie sieht sie denn aus?“
Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare … ich
hab’ sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie
ich in die Stadt gegangen bin.“„Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies
erfunden ist2).“Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?“
Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi.“
Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?“
Hans: „Bei mir hab’ ich sie schlafen lassen, Mädeln und
Buben.“Ich: „Jeden Tag?“
1)Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und
Wirklichkeit – wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind
ist, da würden ihn andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter
und braucht Kinder, mit denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wieder-
holen kann.2)Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in
Gmunden zum Ideal erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen
und Haaren der Mutter nachgebildet ist.S.
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Hans: „Na freilich.“
Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?“
Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen
sind, habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in
den Kinderwagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab’
ich sie am Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren
noch Kinder und ich hab’ sie in die andere Kiste gelegt.“
Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden ge-
standen?“
Hans: „Ja.“
Hans: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die
Hanna schon auf der Welt?“
Hans: „Ja, schon lange.“
Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die
Kinder bekommen?“
Hans: „No, von mir1).“
Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß
die Kinder von einem kommen.“
Hans: „Ich hab’ mir gedacht, der Storch hat sie gebracht.“
(Offenbar Lüge und Ausflucht2).)
Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch
schon, daß ein Bub keine Kinder haben kann.“
Hans: „No ja, ich glaub’s aber doch.“
„Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So
heißt doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?“
Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner
Name ist es doch.“
Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?“
Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi3) . . . , weil ich so
gern Wurst essen tu, Salami auch.“
Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lumpf aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie sieht denn ein Lumpf aus?“
1)Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Autoerotismus
antworten.2)Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder.
3)Saffalodi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante
immer Soffilodi sagt, das mag er gehört haben.“S.
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Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen
und Schnurrbart) wie das und das.“Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lumpf
gekommen ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?“Hans (lachend): „Ja, in der ¿¿gasse schon und auch hier.“
Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen
sind? Der Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und
wenn das schwarze Pferd umgefallen ist, war es so . . .“Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt.“
Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen
Krawall gemacht hat?“Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und
lieber spielen, dann mach’ ich so mit den Füßen Krawall.“ (Er
stampft mit den Füßen auf.)„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder
ungern Kinder bekommt.“„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf-
und abladen, wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten
als Spielzeug. Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interes-
sierte ihn am meisten das Auf- und Abladen der Wagen. Er
erschrak auch am heftigsten, wenn ein Wagen aufgeladen hatte
und fortfahren sollte. „Die Pferde werden fallen“1). Die Türen
des Hauptzollamtschuppens nannte er „Loch“ (das erste, zweite,
dritte . . . Loch). Jetzt sagt er „Podlloch“.„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in
der Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben,
wenn er sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins
Haus hinein, bleibt immer auf der Straße. Bekanntlich hat das
Kranksein damit begonnen, daß er auf dem Spaziergange wei-
nend umkehrte, und als man ihn ein zweites Mal zwang, spa-
zieren zu gehen, nur bis zur Stadtbahnstation „Hauptzollamt“
ging, von der aus man unsere Wohnung noch sieht. Bei der
Entbindung der Frau war er natürlich von ihr getrennt, und1)Heißt man es nicht „niederkommen“, wenn eine Frau entbindet?
Freud, Neurosenlehre. III.S.
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die jetzige Angst, die ihn hindert, 'die Nähe des Hauses auf
zugeben, ist noch die damalige Sehnsucht.“
„30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kin-
dern spielt, sage ich ihm: „Wieso, leben denn deine Kinder
noch? Du weißt ja, daß ein Bub keine Kinder bekommen kann.“
Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt
bin ich der Vatti.“
Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?“
Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti.“
Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der
Mammi verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen.“
Hans: „Ja, das möcht' ich und die Lainzerin (meine
Mutter) ist dann die Großmammi.“
Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glück-
lichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist.
Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe
Glück, das er für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater
und verheiratet auch ihn mit der eigenen Mutter.
„Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt
was? Schreiben wir was für den Professor auf.“
Ich: „Was denn?“
Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf
dem Klosett. Zuerst hab' ich Lumpf gemacht und Wiwi und
sie haben zugeschaut. Dann hab' ich sie aufs Klosett gesetzt
und sie haben Wiwi und Lumpf gemacht und ich hab' ihnen
den Podl mit Papier ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so
gerne Kinder haben möcht', dann möcht' ich ihnen alles tun,
sie aufs Klosett führen, ihnen den Podl abputzen, halt alles,
was man mit Kindern tut.“Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl
kaum angehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte
Lust bei Hans in Abrede zu stellen.„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadt-
park. Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst,S.
83
immerhin genug, die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr
stolz auf seine Leistung, und ich muß mit ihm nach der Jause
noch einmal in den Stadtpark gehen. Auf dem Wege treffen
wir einen Stellwagen, den er mir zeigt: „Schau, einen Storchen-
kistenwagen!“ Wenn er, wie geplant ist, morgen mit mir wieder
in den Stadtpark geht, kann man die Krankheit wohl als ge-
heilt ansehen.“„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab’ mir heute
was gedacht.“ Zuerst hat er’s vergessen, später erzählt er unter
beträchtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur ge-
kommen und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl
weggenommen und hat mir dann einen andern gegeben
und dann den Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl
sehen und ich hab’ mich umdrehen müssen, und er hat ihn weg-
genommen und dann hat er gesagt: Laß den Wiwimacher sehen.“Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und
zweifelt keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung.Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen
größeren Podl gegeben.“Hans: „Ja.“
Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gern der Vatti sein
möchtest?“Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht’ ich auch
haben und solche Haare.“ (Deutet auf die Haare an meiner Brust„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie
Der Installateur ist gekommen und hat die Badewanne abge-
schraubt und hat mir dann einen Bohrer in den Bauch einge-
setzt, rekapituliert sich demnach: Die große Badewanne be-
deutet den „Podl“, der Bohrer oder Schraubenzieher, wie damals
schon gedeutet, den Wiwimacher1). Es sind identische Phanta-
sie.“1)Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer“ nicht ohne Be-
ziehung auf das Wort „geboren“, „Geburt“ gewählt worden ist. Das Kind
würde so zwischen „gebohrt“ und „geboren“ keinen Unterschied machen.
Ich akzeptiere diese mir von einem kundigen Kollegen mitgeteilte Ver-
mutung, weiß aber nicht zu sagen, ob hier ein tieferer allgemeiner Zu-
sammenhang oder die Ausnützung eines dem Deutschen eigentümlichen
Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha), der Menschen-
schöpfer, ist etymologisch der „Bohrer“. Vgl. Abraham, Traum und Mythus
4. Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“, 1908.S.
84
sien. Es eröffnet sich auch ein neuer Zugang zu Hansens Furcht
vor der großen Badewanne, die übrigens auch bereits abgenom-
men hat. Es ist ihm unlieb, daß sein „Podl“ zu klein ist für
die große Wanne.“In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das
Wort, um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Aus-
druck zu geben.
Nachtrag des Vaters eine Woche später:
„Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Krankengeschichte
Hansens noch durch folgendes ergänzen:„1. Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht
so vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans
ging allerdings spazieren, aber nur gezwungen und mit großer
Angst. Einmal ging er mit mir bis zur Station „Hauptzollamt“,
von wo man noch die Wohnung sieht, und war nicht weiter zu
bringen.“„2. ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt
Hans bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch
ihm geläufige Wortvertauschung.“„3. Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes
Zimmer separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.“„4. Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in
Furcht, sondern in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen
beziehen sich meist darauf, woraus die Dinge verfertigt sind
(Tramways, Maschinen usw.), wer die Dinge macht usw. Cha-
rakteristisch für die meisten Fragen ist, daß Hans fragt, obzwar
er sich die Antwort bereits selbst gegeben hat. Er will sich
nur vergewissern. Als er mich einmal mit Fragen zu sehr er-
müdet hatte und ich ihm sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir
auf alles antworten kann, was du fragst?“, meinte er: „No, ich
hab’ geglaubt, weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das
auch weißt.“„5. Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch:
„Damals, wie ich die Dummheit gehabt hab’.“„6. Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf
zerbricht, was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch
die Mutter das Kind zur Welt bringt. Man kann das aus denS.
85
Fragen schließen, wie: „Nicht wahr, ich gehör’ auch dir“
(Er meint, nicht nur der Mutter.) Das: wieso er mir gehört,
ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten Beweis,
daß er, wie Sie meinen, einen Coitus der Eltern belauscht
hätte.“„7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die
Heftigkeit der Angst aufmerksam gemacht werden, da man
sonst sagen würde: „Hätte man ihn nur ordentlich durch-
geprügelt, so wäre er schon spazieren gegangen.“Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie
Hansens war auch die vom Kastrationskomplex stammende
Angst überwunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende
gewendet. Ja, der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den
Penis ab, aber nur um einen größeren dafür zu gehen. Im
übrigen mag unser kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung
machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder
Stufe ein ungelöster Rest bleibt.III. Epikrise.
Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung
von der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch
nicht fünfjährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit
sie die Behauptungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhand-
lungen zur Sexualtheorie“, 1905, aufgestellt habe; zweitens, was
sie zum Verständnis der so häufigen Krankheitsform zu leisten
vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Aufklärung des kind-
lichen Seelenlebens und zur Kritik unserer Erziehungsabsichten
abgewinnen läßt.I.
Mein Eindruck geht dahin, daß das Bild des kindlichen
Sexuallebens, wie es aus der Beobachtung des kleinen Hans
hervortritt, in sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung
steht, die ich in meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen
Untersuchungen an Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich
daran- gehe, die Einzelheiten dieser Übereinstimmung zu ver-
folgen, werde ich zwei Einwendungen erledigen müssen, welche
sich gegen die Verwertung dieser Analyse erheben. Die erste
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Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben1909-002/1921
1909-002/1921/2