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Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien die nicht
offenkundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder
Szenen aus der Lektüre hinwiesen, wollte die
Forschung gern mehr erfahren. Wer war das geschlagene
Kind? Das phantasierende selbst oder ein fremdes?
War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein
anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein
Erwachsener? Und wer dann? Oder phantasierte das
Kind, daß es selbst ein anderes schlüge? Auf
alle diese Fragen kam keine aufklärende Aus--
kunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß
nichts mehr darüber: ein Kind wird geschlagen.
Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes
hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis.
Manchmal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder:
Nur Mädel; öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: das
ist gleichgiltig. Das, worauf es dem Fragenden ankam,
eine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht
des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes
stellte sich niemals heraus. Gelegentlich einmal kam
noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt
der Phantasie heraus: Das kleine Kind wird auf den
nackten Popo geschlagen.
Unter diesen Umständen konnte man vorerst
nicht einmal entscheiden, ob die an der Schlage--
phantasie haftende Lust als eine sadistische oder
als eine masochistische zu bezeichnen sei.II.
Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter
vielleicht bei zufälligen Anlässen auftauchenden und
zur autoerotischen Befriedigung festgehaltenen
Phantasie kann nach unseren bisherigen Einsichten
nur lauten, daß es sich hiebei um einen primären
Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten
der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwick--
lung vorangeeilt, habe sich vorzeitig selbständig
gemacht, sich fixiert und dadurch den späteren Ent--
wicklungsvorgängen entzogen, damit aber ein
Zeugnis für eine besondere, anomale Konstitution
der Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche
infantile Perversion nicht fürs Leben zu ver--
bleiben braucht; sie kann noch später der Ver--
drängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung
ersetzt oder durch eine Sublimierung umgewandelt
werden. (Vielleicht ist es aber so, daß die SublimierungS.
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aus einem besonderen Prozeß hervorgeht, welcher durch
die Verdrängung hintangehalten würde.) Werden
diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält sich die Perversion
im reifen Leben und wo wir beim Erwachsenen
eine sexuelle Abirrung – Perversion, Fetischismus,
Inversion – vorfinden, da erwarten wir mit
Recht, ein solches fixierendes Ereignis der Kinder--
zeit durch anamnestische Erforschung aufzudecken.
Ja lange vor der Zeit der Psychoanalyse haben
Beobachter wie Binet die sonderbaren sexuellen
Abirrungen der Reifezeit auf solche Eindrücke
gerade der nämlichen Kinderjahre von 5 oder 6 an,
zurückführen können. Man war hiebei aller--
dings auf eine Schranke unseres Verständnisses
gestoßen, denn den fixierenden Eindrücken
fehlte jede traumatische Kraft, sie waren zumeist
banal und für andere Individuen nicht aufregend;
man konnte nicht sagen, warum sich das Sexual--
streben gerade an sie fixiert hatte. Aber man
konnteglaubenihre Bedeutung darin suchen, daß sie eben der vor--
eiligen und sprungbereiten Sexualkomponente den,
wenn auch zufälligen, Anlaß zur Anheftung geboten hatten
und man mußte ja darauf vorbereitet sein, daß
die Kette der Kausalverknüpfung irgendwo ein
vorläufiges Ende finden werde. Gerade die mit--
gebrachte Konstitution schien allen Anforder--
ungen an einen solchen Haltepunkt zu entsprechen.
Wenn die frühzeitig losgerissene Sexualkomponente
die sadistische ist, so bilden wir auf Grund anderswo
gewonnener Einsicht die Erwartung, daß durch spätere
Verdrängung derselben eine Disposition zur Zwangs--
neurose geschaffen werde. Man kann nicht sagen daß
dieser Erwartung durch das Ergebnis der Untersuchung
widersprochen wird. Unter den 6 Fällen, auf deren
eingehendem Studium diese kleine Mitteilung auf--
gebaut ist (4 Frauen, 2 Männer) befanden sich zwei
Fälle von Zwangsneurose, ein allerschwerster, lebens--
zerstörender, und ein mittelschwerer, der Beeinflussung
gut zugänglicher, und ein dritter, der wenigstens ein--
zelne deutliche Züge der Zwangsneurose aufwies.
Ein vierter Fall war freilich eine glatte Hysterie
mit Schmerzen und Hemmungen, und ein fünfter, der
die Analyse bloß wegen Unschlüssigkeiten im Leben
aufsuchte, wäre von grober klinischer Diagnostik
überhaupt nicht klassifiziert oder als „Psychastheniker“
abgetan worden. Man darf in dieser StatistikS.
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keine Enttäuschung erblicken, denn erstens wissen wir, daß
nicht jegliche Disposition sich zur Affektion weiterentwickeln
muß, und zweitens darf es uns genügen zu erklären,
was vorhanden ist und dürfen wir uns der Aufgabe,
auch verstehen zu lassen warum etwas nicht zu Stande
gekommen ist, im Allgemeinen entziehen.
So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwär--
tigen Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien
eindringen lassen. Eine Ahnung, daß das Problem
hiemit nicht erledigt ist, regt sich allerdings beim
analysierenden Arzte, wenn er sich eingestehen muß,
daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen
Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten
Platz in deren Gefüge einnehmen, aber man pflegt, wie
ich aus eigener Erfahrung weiß, über solche Eindrücke
gern hinwegzugehen.III.
Streng genommen – und warum sollte man dies nicht
so streng als möglich nehmen? – verdient die Aner--
kennung als korrekte Psychoanalyse nur die analyt--
ische Bemühung, der es gelungen ist, die Amnesie
zu beheben, welche dem Erwachsenen die Kenntnis
seines Kinderlebens vomStartAnfang (d. h. etwa vom
zweiten bis zum fünften Jahr) an verhüllt. Man kann das unter Analytikern
nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder--
holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzu--
setzen, sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Er--
folge in kürzerer Zeit und mit geringerer Mühe
erzielen. Aber gegenwärtig ist die theoretische Erkenntnis
noch ungleich wichtigerfür unsfür jeden von uns als dergrobepraktische
therapeutische Erfolg, und wer die Kinderanalyse
vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten
Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer Erleb--
nisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der
frühesten nicht bedingt, aber die späteren Lebensein--
drücke sprechen in der Analyse laut genug durch
den Mund des Kranken, für das Anrecht der Kindheit
muß erst der Arzt die Stimme erheben.
Die Kinderzeit zwischen 2 und 4 oder 5 Jahren ist die--
jenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen
Faktoren von den Erlebnissen zuerst geweckt
und an gewisse Komplexe gebunden werden. Die
hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst
zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte
also wol sein, daß sie eine Vorgeschichte haben,
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"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01