"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
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    Die Beschreibung der infantilen Schlagephantasie wäre
    völlig unübersichtlich er geraten, wenn ich sie nicht,
    von wenigen Beziehungen abgesehen, auf die Ver--
    hältnisse bei weiblichen Personen eingeschränkt hätte.
    Ich wiederhole kurz die Ergebnisse: Die Schlagephantasie
    der kleinen Mädchen macht 3 drei Phasen durch,
    von denen die erste und letzte als bewußt erinnert
    werden, die mittlere unbewußt bleibt. Die beiden
    bewußten scheinen sadistisch, die mittlere, unbewußte,
    ist unzweifelhaft masochistischer Natur, ihr Inhalt ist, vom
    Vater geschlagen zu werden, an ihr hängt die libidi--
    nöse Ladung und das Schuldbewußtsein. Das geschlagene
    Kind ist in den beiden äußeren ersteren Phantasien
    stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die
    eigene Person, in der dritten, bewußten, Phase
    sind es weit überwiegend nur Knaben die ge--
    schlagen werden. Die schlagende Person ist von
    Anfang an der Vater, später ein Stellvertreter
    aus der Vaterreihe. Die unbewußte Phantasie der
    mittleren Phase hatte ursprünglich genitale Bedeutung,
    ist durch Verdrängung und Regression aus dem in--
    zestuösen Wunsch, vom Vater geliebt zu werden,
    hervorgegangen. In anscheinend lockerem Zusammen--
    hange schließt sich an, daß die Mädchen zwischen der
    zweiten und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln,
    indem sie sich zu Knaben phantasieren.
        In der Kenntnis der Schlagephantasien der Knaben
    bin ich, vielleicht nur durch die Ungunst des Materials,
    weniger weit gekommen. Ich habe begreiflicher Weise
    volle Analogie der Verhältnisse bei Knaben
    und Mädchen erwartet, wobei an die Stelle des
    Vaters in der Phantasie die Mutter hätte treten
    müssen. Die Erwartung schien sich auch zu bestätigen,
    denn die für entsprechend gehaltene Phantasie
    des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter
    (später von einer Ersatzperson) geschlagen zu werden.
        Allein diese Phantasie, in welcher die eigene
    Person als Objekt festgehalten war, unterschied
    sich von der zweiten Phase bei Mädchen dadurch,
    daß sie bewußt werden konnte. Wollte man sie
    aber darum eher der dritten Phase beim Mädchen
    gleichstellen, so blieb als neuer Unterschied, daß
    die eigene Person nicht durch viele, unbestimmte,
    fremde, am wenigsten durch viele Mädchen ersetzt
    war. Die Erwartung eines vollen Parallelismus

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    hatte sich also getäuscht.
        Mein männliches Material umfaßte nur wenige Fälle
    bei denen mit infantiler Schlagephantasie ohne sonstige grobe Schädigung
    der Sexualtätigkeit, dagegen eine größere Anzahl von
    Personen, die als richtige Masochisten im Sinne der sexuellen
    Perversion bezeichnet werden mußten. Es waren ent--
    weder solche, die ihre Sexualbefriedigung ausschließlich
    in Onanie bei masochistischen Phantasien fanden,
    oder denen es gelungen war, Masochismus und Genital--
    betätigung so zu verkoppeln, daß sie bei masochistischen
    Veranstaltungen und unter ebensolchen Bedingungen
    Erektion und Ejakulation erzielten oder zur Aus--
    führung eines normalen Coitus befähigt wurden.
    Dazu kam der seltenere Fall, daß ein Masochist in der
    Ausübung seines perversen Tun durch unerträglich
    stark auftretende Zwangsvorstellungen gestört
    wurde. Befriedigte Perverse haben nun selten
    Grund die Analyse aufzusuchen; für die drei ange--
    führten Gruppen von Masochisten können sich
    aber starke Motive ergeben, die sie zum Analytiker
    führen. Der masochistische Onanist findet sich absolut
    impotent wenn er es endlich doch den Coitus
    mit dem Weibe versucht, und wer bisher mit
    Hilfe einer masochistischen Vorstellung oder Ver--
    anstaltung den Coitus zu Stande gebracht hat, kann
    plötzlich die Entdeckung machen, daß dies ihm
    bequeme Bündnis versagt hat, indem das Genitale
    auf den masochistischen Anreiz nicht mehr reagiert.
    Wir sind gewohnt, den psychisch Impotenten, die sich in unsere
    Behandlung begeben, zuversichtlich Herstellung zu
    versprechen, aber wir sollten auch in dieser Pro--
    gnose zurückhaltender sein, solange uns die
    Dynamik der Störung unbekannt ist. Es ist eine
    böse Überraschung wenn uns die Analyse
    als Ursache der „bloß psychischen“ Impotenz eine exqui--
    site, vielleicht längst eingewurzelte, masochistische
    Einstellung aufdeckt enthüllt.
        Bei diesen masochistischen Männern macht man nun eine
    Entdeckung welche uns mahnt, die Analogie mit
    den Verhältnissen beim Weibe vorerst nicht weiter zu
    verfolgen, sondern den Sachverhalt selbständig
    zu beurteilen. Es stellt sich nämlich heraus, daß
    sie in den masochistischen Phantasien wie bei den

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    Veranstaltungen zur Realisierung derselben regel--
    mäßig sich in die Rolle von Weibern versetzen,
    daß also ihr Masochismus mit einer weib femininen
    Einstellung zusammenfällt. Dies ist aus den
    Einzelheiten der Phantasien leicht nachzuweisen;
    viele Patienten wissen es aber auch und äußern
    es als eine subjektive Gewißheit. Daran wird
    nichts geändert, wenn der spielerische Aufputz
    der masochistischen Szene an der Fiktion eines un--
    artigen Knaben, Pagen oder Lehrlings, der gestraft
    werden soll, festhält. Die züchtigenden Personen
    sind aber in den Phantasien wie in den Ver--
    anstaltungen jedesmal Frauen. Das ist verwirrend
    genug; man möchte auch wissen, ob schon der
    Masochismus der infantilen Schlagephantasie
    auf solcher femininen Einstellung beruht.
        Lassen wir darum die schwer aufzuklärenden Verhält--
    nisse des Masochismus der Erwachsenen beiseite und
    wenden uns zu den infantilen Schlagephantasien
    der Mä Knab beim männlichen Geschlecht. Hier gestattet
    uns die Analyse der frühesten Kinderzeit wiederum
    einen überraschenden Fund zu machen. Die bewußte
    oder bewußtseinsfähige Phantasie des Inhalts, von
    der Mutter geschlagen zu werden, ist nicht primär.
    Sie hat ein Vorstadium, das regelmäßig unbewußt
    ist und das den Inhalt hat: Ich werde vom Vater ge--
    schlagen. Dieses Vorstadium entspricht also wirklich
    der zweiten Phase der Phantasie beim Mädchen. Die
    bekannte und bewußte Phantasie: Ich werde von der
    Mutter geschlagen, steht an der Stelle der dritten
    Phase beim Mädchen, in der, wie erwähnt, unbekannte
    Knaben die geschlagenen Objekte sind. Ein erstes
    der ersten Phase beim Mädchen vergleichbares
    Vorstadium sadistischer Natur konnte ich beim
    Knaben nicht nachweisen, aber ich will hier keine
    endgiltige Ablehnung aussprechen, denn ich sehe die
    Möglichkeit komplizierterer Typen wol ein.
        Das Geschlagenwerden der männlichen Phantasie,
    wie ich sie kurz und hoffentlich nicht mißverständlich nennen
    werde, ist gleichfalls ein durch Regression erniedrigtes
    Geliebtwerden im genitalen Sinne. Die unbewußte
    männliche Phantasie hat also ursprünglich nicht gelautet,
    ich werde vom Vater geschlagen, wie wir es vorhin

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    vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich werde vom
    Vater geliebt. Sie ist durch die bekannten Prozesse
    umgewandelt worden in die bewußte Phantasie: Ich
    werde von der der Mutter geschlagen. Die Schlage--
    phantasie des Knaben ist also von Anfang an eine
    passive, wirklich aus der femininen Einstellung
    zum Vater hervorgegangen. Sie entspringt auch
    ebenso wie die weibliche (die des Mädchens) dem Oe--
    dipuskomplex und ist der von uns erwartete Parallelis--
    mus zwischen beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer
    Art aufzugeben. In beiden Fällen leitet sich die Schlage--
    phantasie von der inzestuösen Bindung an den
    Vater ab.
        Ich weiß daß die Übersichtlichkeit dieser Beschreibung
    durch die in ihr enthaltenen Komplikationen
    durch eine geringe Anzahl von Elementen sehr
    gestört wird und will darum die Übereinstim--
    mungen wie die Verschiedenheiten in den
    Phantasien der beiden Geschlechter durch
    eine kurze Darstellung hervorheben.
    Es wird der Übersichtlichkeit dienen wenn ich hier die
    anderen Übereinstimmungen und Verschiedenheiten
    zwischen den Schlagephantasien der beiden Geschlechter anfüge.
    Beim Mädchen geht die unbewußte masochistische Phantasie
    von der normalen Oedipuseinstellung aus; beim Knaben
    von der verkehrten, die den Vater zum Liebesobjekt
    nimmt. Beim Mädchen hat die Phantasie eine Vorstufe (die
    erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner indiffer--
    enten Bedeutung auftritt und eine eifersüchtig gehaßte
    Person betrifft; beides entfällt beim Knaben, doch könnte
    gerade diese Differenz durch glücklichere Beobachtung
    beseitigt werden. Beim Übergang zur ersetzenden bewußten
    Phantasie hält das Mädchen die Person des Vaters
    und somit das Geschlecht der schlagenden Person fest;
    es ändert aber die geschlagene Person und ihr Geschlecht,
    so daß am Ende ein Mann männliche Kinder schlägt;
    der Knabe ändert im Gegenteile Person und Geschlecht
    des Schlagenden indem er Vater durch Mutter
    ersetzt und behält seine Person bei, so daß am Ende
    die schlagende und die geschlagene Person verschiedenen
    Geschlechts sind. Beim Mädchen wird die ursprünglich
    masochistische (passive) Situation durch die Verdrängung
    in eine sadistische umgewandelt, deren sexueller Char--
    akter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie
    masochistisch und erhält in Folge der Geschlechtsdifferenz
    zwischen schlagender und geschlagener Person mehr Ähnlichkeit

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    mit der ursprünglichen genital gemeinten Phantasie. Der
    Knabe entzieht sich durch die Verdrängung und
    Umarbeitung seiner unbewußten Phantasie seiner
    Homosexualität. Das Merkwürdige an seiner
    späteren bewußten Phantasie ist, daß sie feminine
    Einstellung ohne homosexuelle Objektwahl zum
    Inhalt hat. Das Mädchen dagegen entläuft bei
    dem gleichen Vorgang dem Anspruch des Liebeslebens
    überhaupt, phantasiert sich zum Manne, ohne selbst
    männlich aktiv zu werden, und wohnt dem Akt,
    welcher einen sexuellen ersetzt, nur mehr als
    Zuschauer bei.
        Wir sind berechtigt anzunehmen, daß durch die Ver--
    drängung der ursprünglichen unbewußten Phantasie
    nicht allzuviel geändert wird. Alles fürs Bewußtsein
    Verdrängte und Ersetzte bleibt im Unbewußten
    erhalten und wirkungsfähig. Anders ist es mit dem
    Effekt der Regression auf eine frühere Stufe
    der Sexualorganisation. Von dieser dürfen wir glauben,
    daß sie auch die Verhältnisse im Unbewußten
    ändert, so daß nach der Verdrängung im Unbewußten
    bei beiden Geschlechtern zwar nicht die (passive) Phantasie,
    vom Vater geliebt zu werden, aber doch die
    masochistische, von ihm geschlagen zu werden bestehen
    bleibt. Es fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, daß die
    Verdrängung ihre Absicht nur sehr unvollkommen
    erreicht hat. Der Knabe der ja der homosexuellen
    Objektwahl entfliehen wollte, hat es und sein Geschlecht
    nicht gewandelt hat, fühlt sich doch in seinen
    bewußten Phantasien als Weib und stattet die
    schlagenden Frauen mit männlichen Attributen
    und Eigenschaften aus. Das Mädchen, das selbst sein
    Geschlecht aufgegeben und im Ganzen gründlichere Ver--
    drängungsarbeit geleistet hat, wird kann aber doch den
    Vater nicht los, getraut sich nicht selbst zu schlagen,
    und weil es selbst zum Buben geworden ist, läßt es
    hauptsächlich Buben geschlagen werden.
        Ich weiß, daß die hier beschriebenen Unterschiede
    im Verhalten der Schlagephantasie bei beiden
    Geschlechtern nicht genügend aufgeklärt sind, unter--
    lasse aber den Versuch, diese Komplikationen
    durch Verfolgung ihrer Abhängigkeit von anderen
    Momenten zu entwirren, weil ich selbst das
    Material der Beobachtung nicht für erschöpfend
    halte. Soweit es aber vorliegt, möchte ich es zur
    Prüfung zweier Theorien benützen, die, einander

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    einander entgegengesetzt, beide die Beziehung der Ver--
    drängung zum Geschlechtscharakter behandeln und
    dieselbe, jede in ihrem Sinne als eine sehr innige
    darstellen. Ich schicke voraus, daß ich beide immer
    für unzutreffend und irreführend gehalten
    habe.
        Die erste dieser Theorien ist anonym; sie wurde mir
    vor vielen Jahren von einem damals befreundeten
    Kollegen vorgetragen. Ihre großzügige Einfachheit
    wirkt so bestechend, daß man sich nur verwundert
    kann, fragen muß, warum sie seither nicht in der
    Literatur nur durch vereinzelte Andeutungen
    vertreten findet. Sie lehnt sich an die bisexuelle
    Konstitution der menschlichen Individuen und
    behauptet, bei jedem Einzelnen sei der Kampf der
    Geschlechtscharaktere das Motiv der Verdrängung.
    Das stärker ausgebildete, in der Person vorherrschende
    Geschlecht habe die seelische Vertretung des unter--
    legenen Geschlechts ins Unbewußte verdrängt.
    Der Kern des Unbewußten das Verdrängte
    sei also bei jedem Menschen das in ihm vorhandene
    Gegengeschlechtliche. Das kann einen greifbaren Sinn
    wol nur dann geben, wenn wir das Geschlecht eines
    Menschen durch die Ausbildung seiner Genitalien
    bestimmt sein lassen, sonst wird ja das stärkere Ge--
    schlecht unsicher eines Menschen, unsicher und wir laufen
    Gefahr, das, was uns als Anhaltspunkt dienen
    soll, selbst wieder aus deren Ergebnis der Untersuchung
    abzuleiten. Kurz zusammengefaßt: beim Manne ist
    das unbewußte Verdrängte auf weibliche Trieb--
    regungen zurückzuführen; umgekehrt so beim
    Weibe.
        Die zweite Theorie ist neuerer Herkunft; sie stimmt mit
    der ersteren darin überein, daß sie wiederum
    den Kampf der beiden Geschlechter als entscheidend
    für die Verdrängung hinstellt. Im übrigen muß
    sie mit der ersteren in Gegensatz geraten; sie
    beruft sich denn auch nicht auf biologische sondern auf soziologische
    Stützen. Diese von Alf. Adler ausgesprochene Theorie
    des „männlichen Protests“ hat zum Inhalt, daß jedes
    Individuum sich sträubt auf der minderwertigen
    weiblichen Linie zu verbleiben und zu der allein
    befriedigenden männlichen Linie hindrängt. Aus
    diesem männlichen Protest erklärt Adler ganz allge--
    mein die Charakter- wie die Neurosenbildung.

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    Leider sind die beiden, doch gewiß auseinander zu haltenden
    Vorgänge bei Adler so wenig scharf geschieden und wird
    die Tatsache der Verdrängung überhaupt so wenig ge--
    würdigt, daß man sich der Gefahr eines Mißverständ--
    nisses aussetzt, wenn man die Lehre vom männlichen
    Protest auf die Verdrängung anzuwenden versucht.
    Ich meine, dieser Versuch müßte ergeben, daß der
    männliche Protest, das Abrückenwollen von der
    weiblichen Linie, in allen Fällen das Motiv der
    Verdrängung ist. Das Verdrängende wäre also stets
    eine männliche, das Verdrängte eine weibliche
    Triebregung. Aber auch das Symptom wäre Ergebnis
    einer weiblichen Regung, denn wir können den
    Charakter des Symptoms, daß es ein Ersatz des Ver--
    drängten sei, der sich der Verdrängung zum
    Trotze durchgesetzt hat, nicht aufgeben.
        Erproben wir nun die beiden Theorien, denen sozusagen
    die Sexualisierung des Verdrängungsvorganges gemein--
    sam ist, an dem Beispiel der hier studierten Schlage--
    phantasie. Die ursprüngliche Phantasie: Ich werde
    vom Vater geschlagen, entspricht beim Mädchen Knaben einer
    femininen Einstellung, ist also eine Äußerung seiner
    gegengeschlechtlichen Anlage. Wenn sie der Verdräng--
    ung erliegt, so scheint die erstere Theorie Recht
    behalten zu sollen, die ja die Regel aufgestellt hat,
    das Gegengeschlechtliche deckt sich mit dem Verdrängten.
    Es entspricht freilich unseren Erwartungen wenig, wenn
    das, was sich nach erfolgter Verdrängung heraus--
    stellt, die bewußte Phantasie, doch wiederum
    die feminine Einstellung, nur diesmal zur Mutter,
    aufweist. Aber wir wollen nicht auf Zweifel eingehen,
    wo die Entscheidung so nahe bevorsteht. Die ur--
    sprüngliche Phantasie der Mädchen: Ich werde vom
    Vater geschlagen (d. h. geliebt) entspricht doch gewiß
    dem bei ihnen vorherrschenden, manifesten Geschlecht
    als feminine Einstellung; sie sollte also der Theorie zufolge
    der Verdrängung entgehen, brauchte nicht unbewußt
    zu werden. In Wirklichkeit wird sie es doch und
    erfährt eine Ersetzung durch eine bewußte Phantasie,
    welche den manifesten Geschlechtscharakter ver--
    leugnet. Diese Theorie ist also für das Verständnis
    der Schlagephantasien unbrauchbar und durch sie wider--
    legt. Man könnte einwenden, es seien eben weibische
    Knaben und männische Mädchen, bei denen diese
    Schlagephantasien vorkommen und diese Schicksale

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    erfahren oder es sei ein Zug von Weiblichkeit beim Knaben
    und von Männlichkeit beim Mädchen dafür verantwort--
    lich zu machen; beim Knaben für die Entstehung der passiven
    Phantasie, beim Mädchen für deren Verdrängung.
    Wir würden dieser Auffassung wahrscheinlich zu--
    stimmen, aber die behauptete Beziehung zwischen mani--
    festem Geschlechtscharakter und Auswahl des zur
    Verdrängung Bestimmten wäre darum nicht minder
    unhaltbar. Wir sehen im Grunde nur, daß bei
    männlichen und weiblichen Individuen sowohl männ--
    liche als weibliche Triebregungen vorkommen
    und ebenso durch Verdrängung unbewußt werden
    können.
        Sehr viel besser scheint sich die Theorie des männlichen
    Protestes gegen die Probe an den Schlagephantasien
    zu behaupten. Beim Knaben wie beim Mädchen
    entspricht die Schlagephantasie einer femininen
    Einstellung, also einem Verweilen auf der weib--
    lichen Linie, und beide Geschlechter beeilen sich
    durch Verdrängung der passiven Phantasie von
    dieser Einstellung loszukommen. Allerdings scheint
    der männliche Protest nur beim Mädchen vollen
    Erfolg zu erzielen, hier stellt sich ein geradezu
    ideales Beispiel für das Wirken des männlichen
    Protests her. Beim Knaben ist der Erfolg nicht voll
    befriedigend, die weibliche Linie wird nicht aufgegeben,
    der Knabe ist in seiner bewußten masochistischen
    Phantasie gewiß nicht „oben“. Es entspricht also der aus
    der Theorie abgeleiteten Erwartung, wenn wir in
    dieser Phantasie ein Symptom erkennen, das durch Miß--
    glücken des männlichen Protests entstanden ist.
    Es stört uns freilich, daß die aus der Verdrängung
    hervorgegangene Phantasie des Mädchens ebenfalls
    Wert und Bedeutung eines Symptoms hat. Hier,
    wo der männliche Protest seine Absicht voll durchge--
    setzt hat, müßte doch die Bedingung für die
    Symptombildung entfallen sein.
        Ehe wir noch aus dieser Schwierigkeit die Vermutung
    schöpfen, daß die ganze Betrachtungsweise des männlichen
    Protests den Problemen der Neurosen und Perversionen
    unangemessen und in ihrer Anwendung auf sie unfrucht--
    bar sei, werden wir unseren Blick von den passiven
    Schlagephantasien weg zu anderen Triebäußerungen
    des kindlichen Sexuallebens richten, die gleichfalls
    der Verdrängung unterliegen. (Kann doch niemand

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    daran zweifeln, daß es auch Wünsche und Phantasien
    giebt, die von vorn herein die männliche Linie einhalten
    und Ausdruck männlicher Triebregungen sind, z. B. sadist--
    ische Gelüste oder Impulse oder die aus dem normalen
    Oedipuskomplex hervorgehenden Gelüste des Knaben
    gegen seine Mutter. Es ist ebensowenig zweifelhaft
    daß auch diese von der Verdrängung befallen werden;
    wenn der männliche Protest die Verdrängung der
    passiven, später masochistischen Phantasien gut erklärt
    haben sollte, so wird er eben dadurch für
    den entgegengesetzten Fall der aktiven Phantasien
    völlig unbrauchbar. Das heißt: die Lehre vom männ--
    lichen Protest ist mit der Tatsache der Verdräng--
    ung überhaupt unvereinbar. Nur wer bereit
    ist, alle psychologischen Erwerbungen von sich zu
    werfen, die seit der ersten kathartischen Kur
    Breuers und durch sie gemacht worden sind, kann
    erwarten, daß dem Prinzip des männlichen Protests
    in der Aufklärung der Neurosen und Perversionen
    eine Bedeutung zukommen wird.
        Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie
    hält fest daran, daß die Motive der Verdräng--
    ung nicht sexualisiert werden dürfen. Den Kern
    des seelisch Unbewußten bildet die archaische
    Erbschaft des Menschen, und dem Verdrängungs--
    prozeß verfällt, was immer davon beim Fortschritt
    zu späteren Entwicklungsphasen als unbrauchbar,
    als mit dem Neuen unvereinbar und ihm schädlich
    zurückgelassen werden soll. Diese Auswahl gelingt
    bei einer Gruppe von Trieben besser als bei
    der anderen. Letztere, die Sexualtriebe, vermögen
    es, kraft besonderer Verhältnisse, die schon oftmals
    aufgezeigt worden sind, die Absicht der Verdräng--
    ung zu vereiteln und sich die Vertretung durch
    störende Ersatzbildungen zu erzwingen. Daher
    ist die der Verdrängung unterliegende infantile
    Sexualität das Hauptmotiv die Haupttriebkraft
    der Krank Symptombildung und das wesentliche
    Stück ihres Inhalts, der Oedipuskomplex der
    Kernkomplex der Neurose. Ich hoffe in dieser Mit--
    teilung die Erwartung rege gemacht zu haben,
    daß auch die sexuellen Abirrungen des kindlichen
    wie des reifen Alters von dem nämlichen
    Komplex abzweigen.