S.
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Die Beschreibung der infantilen Schlagephantasie wäre
völlig unübersichtlichergeraten, wenn ich sie nicht,
von wenigen Beziehungen abgesehen, auf die Ver--
hältnisse bei weiblichen Personen eingeschränkt hätte.
Ich wiederhole kurz die Ergebnisse: Die Schlagephantasie
der kleinen Mädchen macht3drei Phasen durch,
von denen die erste und letzte als bewußt erinnert
werden, die mittlere unbewußt bleibt. Die beiden
bewußten scheinen sadistisch, die mittlere, unbewußte,
ist unzweifelhaft masochistischer Natur, ihr Inhalt ist, vom
Vater geschlagen zu werden, an ihr hängt die libidi--
nöse Ladung und das Schuldbewußtsein. Das geschlagene
Kind ist in den beidenäußerenersteren Phantasien
stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die
eigene Person, in der dritten, bewußten, Phase
sind es weit überwiegend nur Knaben die ge--
schlagen werden. Die schlagende Person ist von
Anfang an der Vater, später ein Stellvertreter
aus der Vaterreihe. Die unbewußte Phantasie der
mittleren Phase hatte ursprünglich genitale Bedeutung,
ist durch Verdrängung und Regression aus dem in--
zestuösen Wunsch, vom Vater geliebt zu werden,
hervorgegangen. In anscheinend lockerem Zusammen--
hange schließt sich an, daß die Mädchen zwischen der
zweiten und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln,
indem sie sich zu Knaben phantasieren.
In der Kenntnis der Schlagephantasien der Knaben
bin ich, vielleicht nur durch die Ungunst des Materials,
weniger weit gekommen. Ich habe begreiflicher Weise
volle Analogie der Verhältnisse bei Knaben
und Mädchen erwartet, wobei an die Stelle des
Vaters in der Phantasie die Mutter hätte treten
müssen. Die Erwartung schien sich auch zu bestätigen,
denn die für entsprechend gehaltene Phantasie
des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter
(später von einer Ersatzperson) geschlagen zu werden.
Allein diese Phantasie, in welcher die eigene
Person als Objekt festgehalten war, unterschied
sich von der zweiten Phase bei Mädchen dadurch,
daß sie bewußt werden konnte. Wollte man sie
aber darum eher der dritten Phase beim Mädchen
gleichstellen, so blieb als neuer Unterschied, daß
die eigene Person nicht durch viele, unbestimmte,
fremde, am wenigsten durch viele Mädchen ersetzt
war. Die Erwartung eines vollen ParallelismusS.
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hatte sich also getäuscht.
Mein männliches Material umfaßte nur wenige Fällebeidenenmit infantiler Schlagephantasie ohne sonstige grobe Schädigung
der Sexualtätigkeit, dagegen eine größere Anzahl von
Personen, die als richtige Masochisten im Sinne der sexuellen
Perversion bezeichnet werden mußten. Es waren ent--
weder solche, die ihre Sexualbefriedigung ausschließlich
in Onanie bei masochistischen Phantasien fanden,
oder denen es gelungen war, Masochismus und Genital--
betätigung so zu verkoppeln, daß sie bei masochistischen
Veranstaltungen und unter ebensolchen Bedingungen
Erektion und Ejakulation erzielten oder zur Aus--
führung eines normalen Coitus befähigt wurden.
Dazu kam der seltenere Fall, daß ein Masochist in der
Ausübung seines perversen Tun durch unerträglich
stark auftretende Zwangsvorstellungen gestört
wurde. Befriedigte Perverse haben nun selten
Grund die Analyse aufzusuchen; für die drei ange--
führten Gruppen von Masochisten können sich
aber starke Motive ergeben, die sie zum Analytiker
führen. Der masochistische Onanist findet sich absolut
impotent wenn eresendlich doch den Coitus
mit dem Weibe versucht, und wer bisher mit
Hilfe einer masochistischen Vorstellung oder Ver--
anstaltung den Coitus zu Stande gebracht hat, kann
plötzlich die Entdeckung machen, daß dies ihm
bequeme Bündnis versagt hat, indem das Genitale
auf den masochistischen Anreiz nicht mehr reagiert.
Wir sind gewohnt, den psychisch Impotenten, die sich in unsere
Behandlung begeben, zuversichtlich Herstellung zu
versprechen, aber wir sollten auch in dieser Pro--
gnose zurückhaltender sein, solange uns die
Dynamik der Störung unbekannt ist. Es ist eine
böse Überraschung wenn uns die Analyse
als Ursache der „bloß psychischen“ Impotenz eine exqui--
site, vielleicht längst eingewurzelte, masochistische
Einstellungaufdecktenthüllt.
Bei diesen masochistischen Männern macht man nun eine
Entdeckung welche uns mahnt, die Analogie mit
den Verhältnissen beim Weibe vorerst nicht weiter zu
verfolgen, sondern den Sachverhalt selbständig
zu beurteilen. Es stellt sich nämlich heraus, daß
sie in den masochistischen Phantasien wie bei denS.
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Veranstaltungen zur Realisierung derselben regel--
mäßig sich in die Rolle von Weibern versetzen,
daß also ihr Masochismus mit einerweibfemininen
Einstellung zusammenfällt. Dies ist aus den
Einzelheiten der Phantasien leicht nachzuweisen;
viele Patienten wissen es aber auch und äußern
es als eine subjektive Gewißheit. Daran wird
nichts geändert, wenn der spielerische Aufputz
der masochistischen Szene an der Fiktion eines un--
artigen Knaben, Pagen oder Lehrlings, der gestraft
werden soll, festhält. Die züchtigenden Personen
sind aber in den Phantasien wie in den Ver--
anstaltungen jedesmal Frauen. Das ist verwirrend
genug; man möchte auch wissen, ob schon der
Masochismus der infantilen Schlagephantasie
auf solcher femininen Einstellung beruht.
Lassen wir darum die schwer aufzuklärenden Verhält--
nisse des Masochismus der Erwachsenen beiseite und
wenden uns zu den infantilen SchlagephantasienderMäKnabbeim männlichen Geschlecht. Hier gestattet
uns die Analyse der frühesten Kinderzeit wiederum
einen überraschenden Fund zu machen. Die bewußte
oder bewußtseinsfähige Phantasie des Inhalts, von
der Mutter geschlagen zu werden, ist nicht primär.
Sie hat ein Vorstadium, das regelmäßig unbewußt
ist und das den Inhalt hat: Ich werde vom Vater ge--
schlagen. Dieses Vorstadium entspricht also wirklich
der zweiten Phase der Phantasie beim Mädchen. Die
bekannte und bewußte Phantasie: Ich werde von der
Mutter geschlagen, steht an der Stelle der dritten
Phase beim Mädchen, in der, wie erwähnt, unbekannte
Knaben die geschlagenen Objekte sind. Einerstes
der ersten Phase beim Mädchen vergleichbares
Vorstadium sadistischer Natur konnte ich beim
Knaben nicht nachweisen, aber ich will hier keine
endgiltige Ablehnung aussprechen, denn ich sehe die
Möglichkeit komplizierterer Typen wol ein.
Das Geschlagenwerden der männlichen Phantasie,
wie ich sie kurz und hoffentlich nicht mißverständlich nennen
werde, ist gleichfalls ein durch Regression erniedrigtes
Geliebtwerden im genitalen Sinne. Die unbewußte
männliche Phantasie hat also ursprünglich nicht gelautet,
ich werde vom Vater geschlagen, wie wir es vorhinS.
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vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich werde vom
Vater geliebt. Sie ist durch die bekannten Prozesse
umgewandelt worden in die bewußte Phantasie: Ich
werde vonderder Mutter geschlagen. Die Schlage--
phantasie des Knaben ist also von Anfang an eine
passive, wirklich aus der femininen Einstellung
zum Vater hervorgegangen. Sie entspringt auch
ebenso wie die weibliche (die des Mädchens) dem Oe--
dipuskomplex und ist der von uns erwartete Parallelis--
mus zwischen beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer
Art aufzugeben. In beiden Fällen leitet sich die Schlage--
phantasie von der inzestuösen Bindung an den
Vater ab.
IchweißdaßdieÜbersichtlichkeitdieserBeschreibungdurchdieinihrenthaltenenKomplikationendurcheinegeringeAnzahlvonElementensehrgestörtwirdundwilldarumdieÜbereinstim--mungenwiedieVerschiedenheitenindenPhantasienderbeidenGeschlechterdurcheinekurzeDarstellunghervorheben.
Es wird der Übersichtlichkeit dienen wenn ich hier die
anderen Übereinstimmungen und Verschiedenheiten
zwischen den Schlagephantasien der beiden Geschlechter anfüge.
Beim Mädchen geht die unbewußte masochistische Phantasie
vondernormalen Oedipuseinstellung aus; beim Knaben
von der verkehrten, die den Vater zum Liebesobjekt
nimmt. Beim Mädchen hat die Phantasie eine Vorstufe (die
erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner indiffer--
enten Bedeutung auftritt und eine eifersüchtig gehaßte
Person betrifft; beides entfällt beim Knaben, doch könnte
gerade diese Differenz durch glücklichere Beobachtung
beseitigt werden. Beim Übergang zur ersetzenden bewußten
Phantasie hält das Mädchen die Person des Vaters
und somit das Geschlecht der schlagenden Person fest;
es ändert aber die geschlagene Person und ihr Geschlecht,
so daß am Ende ein Mann männliche Kinder schlägt;
der Knabe ändert im Gegenteile Person und Geschlecht
des Schlagenden indem er Vater durch Mutter
ersetzt und behält seine Person bei, so daß am Ende
die schlagende und die geschlagene Person verschiedenen
Geschlechts sind. Beim Mädchen wird die ursprünglich
masochistische (passive) Situation durch die Verdrängung
in eine sadistische umgewandelt, deren sexueller Char--
akter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie
masochistisch und erhält in Folge der Geschlechtsdifferenz
zwischen schlagender und geschlagener Person mehr ÄhnlichkeitS.
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mit der ursprünglichen genital gemeinten Phantasie. Der
Knabe entzieht sich durch die Verdrängung und
Umarbeitung seiner unbewußten Phantasie seiner
Homosexualität. Das Merkwürdige an seiner
späteren bewußten Phantasie ist, daß sie feminine
Einstellung ohne homosexuelle Objektwahl zum
Inhalt hat. Das Mädchen dagegen entläuft bei
dem gleichen Vorgang dem Anspruch des Liebeslebens
überhaupt, phantasiert sich zum Manne, ohne selbst
männlich aktiv zu werden, und wohnt dem Akt,
welcher einen sexuellen ersetzt, nur mehr als
Zuschauer bei.
Wir sind berechtigt anzunehmen, daß durch die Ver--
drängung der ursprünglichen unbewußten Phantasie
nicht allzuviel geändert wird. Alles fürs Bewußtsein
Verdrängte und Ersetzte bleibt im Unbewußten
erhalten und wirkungsfähig. Anders ist es mit dem
Effekt der Regression auf eine frühere Stufe
der Sexualorganisation. Von dieser dürfen wir glauben,
daß sie auch die Verhältnisse im Unbewußten
ändert, so daß nach der Verdrängung im Unbewußten
bei beiden Geschlechtern zwar nicht die (passive) Phantasie,
vom Vater geliebt zu werden, aber doch die
masochistische, von ihm geschlagen zu werden bestehen
bleibt. Es fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, daß die
Verdrängung ihre Absicht nur sehr unvollkommen
erreicht hat. Der Knabe der ja der homosexuellen
Objektwahl entfliehen wollte,hatesund sein Geschlecht
nicht gewandelt hat, fühlt sich doch in seinen
bewußten Phantasien als Weib und stattet die
schlagenden Frauen mit männlichen Attributen
und Eigenschaften aus. Das Mädchen, das selbst sein
Geschlecht aufgegeben und im Ganzen gründlichere Ver--
drängungsarbeit geleistet hat,wirdkannaberdoch den
Vater nicht los, getraut sich nicht selbst zu schlagen,
und weil es selbst zum Buben geworden ist, läßt es
hauptsächlich Buben geschlagen werden.
Ich weiß, daß die hier beschriebenen Unterschiede
im Verhalten der Schlagephantasie bei beiden
Geschlechtern nicht genügend aufgeklärt sind, unter--
lasse aber den Versuch, diese Komplikationen
durch Verfolgung ihrer Abhängigkeit von anderen
Momenten zu entwirren, weil ich selbst das
Material der Beobachtung nicht für erschöpfend
halte. Soweit es aber vorliegt, möchte ich es zur
Prüfung zweier Theorien benützen, die, einanderS.
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einander entgegengesetzt, beide die Beziehung der Ver--
drängung zum Geschlechtscharakter behandeln und
dieselbe, jede in ihrem Sinne als eine sehr innige
darstellen. Ich schicke voraus, daß ich beide immer
für unzutreffend und irreführend gehalten
habe.
Die erste dieser Theorien ist anonym; sie wurde mir
vor vielen Jahren von einem damals befreundeten
Kollegen vorgetragen. Ihre großzügige Einfachheit
wirkt so bestechend, daß man sich nur verwundertkann, fragen muß, warum sie seithernichtin der
Literatur nur durch vereinzelte Andeutungen
vertreten findet. Sie lehnt sich an die bisexuelle
Konstitution der menschlichen Individuen und
behauptet, bei jedem Einzelnen sei der Kampf der
Geschlechtscharaktere das Motiv der Verdrängung.
Das stärker ausgebildete, in der Person vorherrschende
Geschlecht habe die seelische Vertretung des unter--
legenen Geschlechts ins Unbewußte verdrängt.
Der Kern des Unbewußten das Verdrängte
sei also bei jedem Menschen das in ihm vorhandene
Gegengeschlechtliche. Das kann einen greifbaren Sinn
wol nur dann geben, wenn wir das Geschlecht eines
Menschen durch die Ausbildung seiner Genitalien
bestimmt sein lassen, sonst wird ja das stärkere Ge--
schlechtunsichereines Menschen, unsicher und wir laufen
Gefahr, das, was uns als Anhaltspunkt dienen
soll, selbst wieder ausderenErgebnisder Untersuchung
abzuleiten. Kurz zusammengefaßt: beim Manne ist
das unbewußte Verdrängte auf weibliche Trieb--
regungen zurückzuführen; umgekehrt so beim
Weibe.
Die zweite Theorie ist neuerer Herkunft; sie stimmt mit
der ersteren darin überein, daß sie wiederum
den Kampf der beiden Geschlechter als entscheidend
für die Verdrängung hinstellt. Im übrigen muß
sie mit der ersteren in Gegensatz geraten; sie
beruft sichdennauch nicht auf biologische sondern auf soziologische
Stützen. Diese von Alf. Adler ausgesprochene Theorie
des „männlichen Protests“ hat zum Inhalt, daß jedes
Individuum sich sträubt auf der minderwertigen
weiblichen Linie zu verbleiben und zu der allein
befriedigenden männlichen Linie hindrängt. Aus
diesem männlichen Protest erklärt Adler ganz allge--
mein die Charakter- wie die Neurosenbildung.S.
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Leider sind die beiden, doch gewiß auseinander zu haltenden
Vorgänge bei Adler so wenig scharf geschieden und wird
die Tatsache der Verdrängung überhaupt so wenig ge--
würdigt, daß man sich der Gefahr eines Mißverständ--
nisses aussetzt, wenn man die Lehre vom männlichen
Protest auf die Verdrängung anzuwenden versucht.
Ich meine, dieser Versuch müßte ergeben, daß der
männliche Protest, das Abrückenwollen von der
weiblichen Linie, in allen Fällen das Motiv der
Verdrängung ist. Das Verdrängende wäre also stets
eine männliche, das Verdrängte eine weibliche
Triebregung. Aber auch das Symptom wäre Ergebnis
einer weiblichen Regung, denn wir können den
Charakter des Symptoms, daß es ein Ersatz des Ver--
drängten sei, der sich der Verdrängung zum
Trotze durchgesetzt hat, nicht aufgeben.
Erproben wir nun die beiden Theorien, denen sozusagen
die Sexualisierung des Verdrängungsvorganges gemein--
sam ist, an dem Beispiel der hier studierten Schlage--
phantasie. Die ursprüngliche Phantasie: Ich werde
vom Vater geschlagen, entspricht beimMädchenKnaben einer
femininen Einstellung, ist also eine Äußerung seiner
gegengeschlechtlichen Anlage. Wenn sie der Verdräng--
ung erliegt, so scheint die erstere Theorie Recht
behalten zu sollen, die ja die Regel aufgestellt hat,
das Gegengeschlechtliche deckt sich mit dem Verdrängten.
Es entspricht freilich unseren Erwartungen wenig, wenn
das, was sich nach erfolgter Verdrängung heraus--
stellt, die bewußte Phantasie, doch wiederum
die feminine Einstellung, nur diesmal zur Mutter,
aufweist. Aber wir wollen nicht auf Zweifel eingehen,
wo die Entscheidung so nahe bevorsteht. Die ur--
sprüngliche Phantasie der Mädchen: Ich werde vom
Vater geschlagen (d. h. geliebt) entspricht doch gewiß
dem bei ihnen vorherrschenden, manifesten Geschlecht
als feminine Einstellung; sie sollte also der Theorie zufolge
der Verdrängung entgehen, brauchte nicht unbewußt
zu werden. In Wirklichkeit wird sie es doch und
erfährt eine Ersetzung durch eine bewußte Phantasie,
welche den manifesten Geschlechtscharakter ver--
leugnet. Diese Theorie ist also für das Verständnis
der Schlagephantasien unbrauchbar und durch sie wider--
legt. Man könnte einwenden, es seien eben weibische
Knaben und männische Mädchen, bei denen diese
Schlagephantasien vorkommen und diese SchicksaleS.
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erfahren oder es sei ein Zug von Weiblichkeit beim Knaben
und von Männlichkeit beim Mädchen dafür verantwort--
lich zu machen; beim Knaben für die Entstehung der passiven
Phantasie, beim Mädchen für deren Verdrängung.
Wir würden dieser Auffassung wahrscheinlich zu--
stimmen, aber die behauptete Beziehung zwischen mani--
festem Geschlechtscharakter und Auswahl des zur
Verdrängung Bestimmten wäre darum nicht minder
unhaltbar. Wir sehen im Grunde nur, daß bei
männlichen und weiblichen Individuen sowohl männ--
liche als weibliche Triebregungen vorkommen
und ebenso durch Verdrängung unbewußt werden
können.
Sehr viel besser scheint sich die Theorie des männlichen
Protestes gegen die Probe an den Schlagephantasien
zu behaupten. Beim Knaben wie beim Mädchen
entspricht die Schlagephantasie einer femininen
Einstellung, also einem Verweilen auf der weib--
lichen Linie, und beide Geschlechter beeilen sich
durch Verdrängung der passiven Phantasie von
dieser Einstellung loszukommen. Allerdings scheint
der männliche Protest nur beim Mädchen vollen
Erfolg zu erzielen, hier stellt sich ein geradezu
ideales Beispiel für das Wirken des männlichen
Protests her. Beim Knaben ist der Erfolg nicht voll
befriedigend, die weibliche Linie wird nicht aufgegeben,
der Knabe ist in seiner bewußten masochistischen
Phantasie gewiß nicht „oben“. Es entspricht also der aus
der Theorie abgeleiteten Erwartung, wenn wir in
dieser Phantasie ein Symptom erkennen, das durch Miß--
glücken des männlichen Protests entstanden ist.
Es stört uns freilich, daß die aus der Verdrängung
hervorgegangene Phantasie des Mädchens ebenfalls
Wert und Bedeutung eines Symptoms hat. Hier,
wo der männliche Protest seine Absicht voll durchge--
setzt hat, müßte doch die Bedingung für die
Symptombildung entfallen sein.
Ehe wir noch aus dieser Schwierigkeit die Vermutung
schöpfen, daß die ganze Betrachtungsweise des männlichen
Protests den Problemen der Neurosen und Perversionen
unangemessen und in ihrer Anwendung auf sie unfrucht--
bar sei, werden wir unseren Blick von den passiven
Schlagephantasien weg zu anderen Triebäußerungen
des kindlichen Sexuallebens richten, die gleichfalls
der Verdrängung unterliegen. (Kann doch niemandS.
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daran zweifeln, daß es auch Wünsche und Phantasien
giebt, die von vorn herein die männliche Linie einhalten
und Ausdruck männlicher Triebregungen sind, z. B. sadist--
ische Gelüste oderImpulseoder die aus dem normalen
Oedipuskomplex hervorgehenden Gelüste des Knaben
gegen seine Mutter. Es ist ebensowenig zweifelhaft
daß auch diese von der Verdrängung befallen werden;
wenn der männliche Protest die Verdrängung der
passiven, später masochistischen Phantasien gut erklärt
haben sollte, so wird er eben dadurch für
den entgegengesetzten Fall der aktiven Phantasien
völlig unbrauchbar. Das heißt: die Lehre vom männ--
lichen Protest ist mit der Tatsache der Verdräng--
ung überhaupt unvereinbar. Nur wer bereit
ist, alle psychologischen Erwerbungen von sich zu
werfen, die seit der ersten kathartischen Kur
Breuers und durch sie gemacht worden sind, kann
erwarten, daß dem Prinzip des männlichen Protests
in der Aufklärung der Neurosen und Perversionen
eine Bedeutung zukommen wird.
Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie
hält fest daran, daß die Motive der Verdräng--
ung nicht sexualisiert werden dürfen. Den Kern
des seelisch Unbewußten bildet die archaische
Erbschaft des Menschen, und dem Verdrängungs--
prozeß verfällt, was immer davon beim Fortschritt
zu späteren Entwicklungsphasen als unbrauchbar,
als mit dem Neuen unvereinbar und ihm schädlich
zurückgelassen werden soll. Diese Auswahl gelingt
bei einer Gruppe von Trieben besser als bei
der anderen. Letztere, die Sexualtriebe, vermögen
es, kraft besonderer Verhältnisse, die schon oftmals
aufgezeigt worden sind, die Absicht der Verdräng--
ung zu vereiteln und sich die Vertretung durch
störende Ersatzbildungen zu erzwingen. Daher
ist die der Verdrängung unterliegende infantile
Sexualitätdas Hauptmotivdie Haupttriebkraft
derKrankSymptombildung und das wesentliche
Stück ihres Inhalts, der Oedipuskomplex der
Kernkomplex der Neurose. Ich hoffe in dieser Mit--
teilung die Erwartung rege gemacht zu haben,
daß auch die sexuellen Abirrungen des kindlichen
wie des reifen Alters von dem nämlichen
Komplex abzweigen.
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"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01