S.
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Schuldbewußtsein. Alle die vielen unbestimmten Kinder,
die vom Lehrer geschlagen werden, sind doch nur
Ersetzungen der eigenen Person.
Hier zeigt sich auch zum ersten Mal etwas wie eine
Konstanz des Geschlechts bei den der Phantasie dienenden
Personen. Die geschlagenen Kinder sind fast durchwegs
Knaben, in den Phantasien der Knaben ebensowol
wie in denen der Mädchen. Dieser Zug erklärt sich
greifbarer Weise nicht aus einer etwaigen Konkur--
renz der Geschlechter, denn sonst müßten ja in
den Phantasien der Knaben vielmehr Mädchen
geschlagen werden; er hat auch nichts mit dem Geschlecht
des gehaßten Kindes der ersten Phase zu tun,
sondern er weist auf einen komplizierteren Vor--
gang bei den Mädchen hin. Wenn sie sich von
der genital gemeinten inzestuösen Liebe zum
Vater abwenden, brechen sie überhaupt leicht
mit ihrer weiblichen Rolle, beleben ihren „Männ--
lichkeitskomplex“ (V. Ophuijsen) und wollen von da
an nur Buben sein. Daher sind auch ihre Prügel--
knaben die sie vertreten Buben. In beiden
Fällen von Tagträumen – der eine erhob sich beinahe
zum Niveau einer Dichtung – waren die Helden
immer nur junge Männer, ja Frauen kamen
in diesen Schöpfungen überhaupt nicht vor und fanden
erst nach vielen Jahren in Nebenrollen Aufnahme.
V.
Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert
genug vorgetragen und bitte nur noch in Betracht
zu ziehen, daß die oft erwähnten sechs Fälle nicht
mein Material erschöpfen, sondern daß ich
auch wie andere Analytiker über eine weit
größere Anzahl von minder gut untersuchten
Fällen verfüge. Diese Beobachtungen können nach
mehreren Richtungen verwertet werden, zur Aufklärung
über die Genese der Perversionen überhaupt, im be--
sonderen des Masochismus und zur Würdigung der
Rolle, welche der Geschlechtsunterschied in der Dynamik
der Neurose spielt.
Das augenfälligste Ergebnis einer solchen Diskussion
betrifft die Entstehung der Perversionen. An der
Auffassung die bei ihnen die konstitutionelle
Verstärkung oder Voreiligkeit einer Sexual--
komponente in den Vordergrund rückt, wird
zwar nicht gerüttelt, aber damit ist nicht alles gesagt.
Die Perversion steht nicht mehr isoliert im Sexual--
leben des Kindes, sondern sie wird in denS.
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Zusammenhang der uns bekannten typischen, um nicht
zu sagen: normalen – Entwicklungsvorgänge aufge--
nommen. Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Ob--
jektliebe des Kindes, zum Oedipuskomplex des--
selben gebracht, tritt auf dem Boden dieses
Komplexes zuerst hervor und nachdem er zusammen--
gebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm übrig,
als Erbe seiner libidinösen Ladung und belastet
mit dem an ihm haftenden Schuldbewußtsein.
Die abnorme Sexualkonstitution hat schließlich ihre
Stärke darin gezeigt, daß sie den Oedipuskomplex
in eine besondere Richtung gedrängt und ihn
zu einer ungewöhnlichen Resterscheinung gezwungen
hat.
Die kindliche Perversion kann, wie bekannt, das
Fundament für die Ausbildung einer gleichsinnigen
durchs Leben bestehenden Perversion werden,
die das ganze Sexualleben des Menschen aufzehrt,
oder sie kann abgebrochen werden und im Hinter--
grunde einer normalen Sexualentwicklung er--
halten bleiben, der sie dann doch immer einen
gewissen Energiebetrag entzieht. Der erstere
Fall ist der bereits in voranalytischen Zeiten er--
kannte, aber die Kluft zwischen beiden wird durch
die Untersuchung analytische solcher ausgewachsener
Perversionen nahezu ausgefüllt. Man findet
nämlich häufig genug bei diesen Perversen,
daß auch sie, gewöhnlich in der Pubertätszeit, einen
Ansatz zur normalen Sexualtätigkeit gebildet
haben. Aber der war nicht kräftig genug, wurde
vor den ersten, nie ausbleibenden, Hinder--
nissen aufgegeben und dann griff die Person
endgültig auf die infantile Fixierung zurück.
Es wäre natürlich wichtig zu wissen, ob man
die Entstehung der infantilen Perver--
sionen aus dem Oedipuskomplex ganz
allgemein behaupten darf. Das kann
ja ohne weitere Untersuchungen nicht
entschieden werden, aber unmöglich
erschiene es nicht. Wenn wir der Anam--
nesen gedenken, die von den Perver--
sionen Erwachsener gewonnen wurden,
so merken wir doch, daß der maßgebende
Eindruck, das erste Erlebnis, all dieser Perversen,
Fetischisten u. dgl. fast niemals in Zeiten früherS.
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als das sechste Jahr verlegt wird. Um diese Zeit ist dieletzteHerrschaft des Oedipuskomplexes aber bereits abgelaufen;
das erinnerte, in so rätselhafter Weise wirksame
Erlebnis könnte sehr wol die Erbschaft desselben ver--
treten haben. Die Beziehungen zwischen ihm und dem
nun verdrängten Komplex müßten dunkel bleiben,
solange nicht die Analyse in die Zeit hinter dem
ersten, „pathogenen“ Eindruck Licht getragen hat. Man
erwäge nun, wie wenig Wert z. B. die Behauptung
einer angeborenen Homosexualität hat, die sich auf
die Mitteilung stützt, die betreffende Person
habe schon vom 8ten oder vom 6ten Jahr an
nur Zuneigung zum gleichen Geschlecht verspürt.
Wenn aber die Ableitung der Perversionen
aus dem Oedipuskomplex allgemein durchführbar
ist, dann hat unsere Würdigung desselben eine
neue Bekräftigung erfahren. Wir meinen ja,
der Oedipuskomplex sei der eigentliche Kern
der Neurose, die infantile Sexualität, die in ihm
gipfelt, die wirkliche Bedingung der Neurose, und
was von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle
die Disposition zur späteren neurotischen Erkran--
kung des Erwachsenen dar. Die Schlagephantasie
und andere analoge perverse Fixierungen wären
dann auch nur Niederschläge des Oedipuskomplexes,
gleichsam Narben nach dem abgelaufenen
Prozeß, gerade so wie die berüchtigte „Minder--
wertigkeit“ einer solchen narzißtischen Narbe
entspricht. Ich muß in dieser Auffassung Marcinowski,
der sie kürzlich in glücklicher Weise vertreten hat
(Die erotischen Quellen der Minderwertigkeits--
gefühle, Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IV. 1918) unein--
geschränkt beistimmen. Dieser Kleinheitswahn der
Neurotiker ist bekanntlich auch nur ein
partieller und mit der Existenz von Selbstüber--
schätzung aus anderen Quellen vollkommen ver--
träglich. Über die Herkunft des Oedipuskomplexes
selbst, und über das dem Menschen wahrscheinlich
allein unter allen Tieren zugemessene Schicksal,
das Sexualleben zweimal beginnen zu müssen, zuerst
wie alle anderen Geschöpfe von früher Kindheit an
und dann nach langer Unterbrechung in der
Pubertätszeit von Neuem, über all das, wasS.
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mit seinem „archaischen Erbe“ zusammenhängt, habe ich
mich an anderer Stelle geäußert und gedenke
ich hier nicht einzugehen.
Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion
unserer Schlagephantasien nur spärliche Beiträge. Es
scheint sich zunächst zu bestätigen, daß der Masochismus
keine primäre Triebäußerung ist, sondern aus einer
Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person,
also durch Regression vom Objekt aufs Ich entsteht. (Vgl.
Triebe und Triebschicksale in Sammlg. kl. Schriften IV.
Folge 1918). Triebe mit passivem Ziel sind, zumal beim
Weibe, von Anfang zuzugeben, aber die Passivität
ist noch nicht das Ganze des Masochismus; es gehört
noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer
Trieberfüllung so befremdlich ist. Die Umwandlung
des Sadismus in Masochismus scheint durch den
Einfluß des am Verdrängungsakt beteiligten Schuld--
bewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung äußert
sich also hier in dreierlei Wirkungen; sie macht
die Erfolge der Genitalorganisation unbewußt,
nötigt diese selbst zur Regression auf die frühere
sadistisch anale Stufe und verwandelt deren
Sadismus in den passiven, in gewissem Sinne wieder--
um narzißtischen Masochismus. Der mittlere
dieser drei Erfolge wird durch die in diesen
Fällen anzunehmende Schwäche der Genital--
organisation ermöglicht; der dritte wird notwendig,
weil das Schuldbewußtsein am Sadismus ähnlichen
Anstoß nimmt, wie an der genital gefaßten
inzestuösen Objektwahl. Woher das Schuld--
bewußtsein selbst stammt, sagen wiederum die Analysen
nicht. Es scheint von der neuen Phase, in die das
Kind eintritt, mitgebracht zu werden, und wenn
es von da an verbleibt, einer ähnlichen Narben--
bildung, wie es das Minderwertigkeitsgefühl
ist, zu entsprechen. Nach unserer bisher noch
unsicheren Orientierung in der Struktur des
Ichs, würden wir es jener Instanz zuteilen,
die sich als kritisches Gewissen dem übrigen Ich
entgegen stellt, im Traum das Silberer'sche funktio--
nale Phänomen erzeugt und sich im Beachtungswahn
vom Ich ablöst.S.
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Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Kenntnis nehmen,
daß die Analyse der hier behandelten kindlichen
Perversion auch ein altes Rätsel lösen hilft, welches
allerdings die außerhalb der Analyse Stehenden
immer mehr gequält hat als die Analytiker selbst.
Aber noch kürzlich hat selbst E. Bleuler als merkwürdig
und unerklärlich anerkannt, daß von den
Neurotikern die Onanie zum Mittelpunkt
ihres Schuldbewußtseins gemacht werde. Wir haben
von jeher angenommen, daß dies Schuldbewußtsein
die frühkindliche und nicht die Pubertätsonanie
meine, und daß es zum größten Teil nicht auf
den onanistischen Akt, sondern auf die ihm zu
Grunde liegende, wenn auch unbewußte Phan--
tasie – aus dem Oedipuskomplex also – zu be--
ziehen sei.
Ich habe bereits ausgeführt, welche Bedeutung die dritte,
scheinbar sadistische Phase der Schlagephantasie als
Träger der zur Onanie drängenden Erregung gewinnt,
und zu welcher teils gleichsinnig fortsetzender,
teils kompensatorisch aufhebender Phantasietätig--
keit sie anzuregen pflegt. Doch ist die zweite,
unbewußte und masochistische Phase, die Phantasie,
selbst vom Vater geschlagen zu werden, die
ungleich wichtigere. Nicht nur, daß sie ja durch
Vermittlung der sie ersetzenden fortwirkt;
es sind auch Wirkungen auf den Charakter
nachzuweisen, welche sich unmittelbar von ihrer
unbewußten Fassung ableiten. Menschen, die
eine solche Phantasie bei sich tragen, entwickeln
eine besondere Empfindlichkeit und Reizbarkeit
gegen Personen, die sie in die Vaterreihe ein--
fügen können; sie lassen sich leicht von ihnen
kränken und bringen so die Verwirklichung
der phantasierten Situation, daß sie vom
Vater geschlagen werden, zu ihrem Leid und
Schaden zu Stande. Ich würde nicht verwundert
sein, wenn es einmal gelänge, dieselbe Phan--
tasie als Grundlage des paranoischen Querul--
antenwahns nachzuweisen.
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"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01