"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
  • S.

    13
    Schuldbewußtsein. Alle die vielen unbestimmten Kinder,
    die vom Lehrer geschlagen werden, sind doch nur
    Ersetzungen der eigenen Person.
        Hier zeigt sich auch zum ersten Mal etwas wie eine
    Konstanz des Geschlechts bei den der Phantasie dienenden
    Personen. Die geschlagenen Kinder sind fast durchwegs
    Knaben, in den Phantasien der Knaben ebensowol
    wie in denen der Mädchen. Dieser Zug erklärt sich
    greifbarer Weise nicht aus einer etwaigen Konkur--
    renz der Geschlechter, denn sonst müßten ja in
    den Phantasien der Knaben vielmehr Mädchen
    geschlagen werden; er hat auch nichts mit dem Geschlecht
    des gehaßten Kindes der ersten Phase zu tun,
    sondern er weist auf einen komplizierteren Vor--
    gang bei den Mädchen hin. Wenn sie sich von
    der genital gemeinten inzestuösen Liebe zum
    Vater abwenden, brechen sie überhaupt leicht
    mit ihrer weiblichen Rolle, beleben ihren „Männ--
    lichkeitskomplex“ (V. Ophuijsen) und wollen von da
    an nur Buben sein. Daher sind auch ihre Prügel--
    knaben die sie vertreten Buben. In beiden
    Fällen von Tagträumen – der eine erhob sich beinahe
    zum Niveau einer Dichtung – waren die Helden
    immer nur junge Männer, ja Frauen kamen
    in diesen Schöpfungen überhaupt nicht vor und fanden
    erst nach vielen Jahren in Nebenrollen Aufnahme.
     

    V.

        Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert
    genug vorgetragen und bitte nur noch in Betracht
    zu ziehen, daß die oft erwähnten sechs Fälle nicht
    mein Material erschöpfen, sondern daß ich
    auch wie andere Analytiker über eine weit
    größere Anzahl von minder gut untersuchten
    Fällen verfüge. Diese Beobachtungen können nach
    mehreren Richtungen verwertet werden, zur Aufklärung
    über die Genese der Perversionen überhaupt, im be--
    sonderen des Masochismus und zur Würdigung der
    Rolle, welche der Geschlechtsunterschied in der Dynamik
    der Neurose spielt.
        Das augenfälligste Ergebnis einer solchen Diskussion
    betrifft die Entstehung der Perversionen. An der
    Auffassung die bei ihnen die konstitutionelle
    Verstärkung oder Voreiligkeit einer Sexual--
    komponente in den Vordergrund rückt, wird
    zwar nicht gerüttelt, aber damit ist nicht alles gesagt.
    Die Perversion steht nicht mehr isoliert im Sexual--
    leben des Kindes, sondern sie wird in den

  • S.

    14
    Zusammenhang der uns bekannten typischen, um nicht
    zu sagen: normalen – Entwicklungsvorgänge aufge--
    nommen. Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Ob--
    jektliebe des Kindes, zum Oedipuskomplex des--
    selben gebracht, tritt auf dem Boden dieses
    Komplexes zuerst hervor und nachdem er zusammen--
    gebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm übrig,
    als Erbe seiner libidinösen Ladung und belastet
    mit dem an ihm haftenden Schuldbewußtsein.
    Die abnorme Sexualkonstitution hat schließlich ihre
    Stärke darin gezeigt, daß sie den Oedipuskomplex
    in eine besondere Richtung gedrängt und ihn
    zu einer ungewöhnlichen Resterscheinung gezwungen
    hat.
        Die kindliche Perversion kann, wie bekannt, das
    Fundament für die Ausbildung einer gleichsinnigen
    durchs Leben bestehenden Perversion werden,
    die das ganze Sexualleben des Menschen aufzehrt,
    oder sie kann abgebrochen werden und im Hinter--
    grunde einer normalen Sexualentwicklung er--
    halten bleiben, der sie dann doch immer einen
    gewissen Energiebetrag entzieht. Der erstere
    Fall ist der bereits in voranalytischen Zeiten er--
    kannte, aber die Kluft zwischen beiden wird durch
    die Untersuchung analytische solcher ausgewachsener
    Perversionen nahezu ausgefüllt. Man findet
    nämlich häufig genug bei diesen Perversen,
    daß auch sie, gewöhnlich in der Pubertätszeit, einen
    Ansatz zur normalen Sexualtätigkeit gebildet
    haben. Aber der war nicht kräftig genug, wurde
    vor den ersten, nie ausbleibenden, Hinder--
    nissen aufgegeben und dann griff die Person
    endgültig auf die infantile Fixierung zurück.
        Es wäre natürlich wichtig zu wissen, ob man
    die Entstehung der infantilen Perver--
    sionen aus dem Oedipuskomplex ganz
    allgemein behaupten darf. Das kann
    ja ohne weitere Untersuchungen nicht
    entschieden werden, aber unmöglich
    erschiene es nicht. Wenn wir der Anam--
    nesen gedenken, die von den Perver--
    sionen Erwachsener gewonnen wurden,
    so merken wir doch, daß der maßgebende
    Eindruck, das erste Erlebnis, all dieser Perversen,
    Fetischisten u. dgl. fast niemals in Zeiten früher

  • S.

    15
    als das sechste Jahr verlegt wird. Um diese Zeit ist die
    letzte Herrschaft des Oedipuskomplexes aber bereits abgelaufen;
    das erinnerte, in so rätselhafter Weise wirksame
    Erlebnis könnte sehr wol die Erbschaft desselben ver--
    treten haben. Die Beziehungen zwischen ihm und dem
    nun verdrängten Komplex müßten dunkel bleiben,
    solange nicht die Analyse in die Zeit hinter dem
    ersten, „pathogenen“ Eindruck Licht getragen hat. Man
    erwäge nun, wie wenig Wert z. B. die Behauptung
    einer angeborenen Homosexualität hat, die sich auf
    die Mitteilung stützt, die betreffende Person
    habe schon vom 8ten oder vom 6ten Jahr an
    nur Zuneigung zum gleichen Geschlecht verspürt.
        Wenn aber die Ableitung der Perversionen
    aus dem Oedipuskomplex allgemein durchführbar
    ist, dann hat unsere Würdigung desselben eine
    neue Bekräftigung erfahren. Wir meinen ja,
    der Oedipuskomplex sei der eigentliche Kern
    der Neurose, die infantile Sexualität, die in ihm
    gipfelt, die wirkliche Bedingung der Neurose, und
    was von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle
    die Disposition zur späteren neurotischen Erkran--
    kung des Erwachsenen dar. Die Schlagephantasie
    und andere analoge perverse Fixierungen wären
    dann auch nur Niederschläge des Oedipuskomplexes,
    gleichsam Narben nach dem abgelaufenen
    Prozeß, gerade so wie die berüchtigte „Minder--
    wertigkeit“ einer solchen narzißtischen Narbe
    entspricht. Ich muß in dieser Auffassung Marcinowski,
    der sie kürzlich in glücklicher Weise vertreten hat
    (Die erotischen Quellen der Minderwertigkeits--
    gefühle, Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IV. 1918) unein--
    geschränkt beistimmen. Dieser Kleinheitswahn der
    Neurotiker ist bekanntlich auch nur ein
    partieller und mit der Existenz von Selbstüber--
    schätzung aus anderen Quellen vollkommen ver--
    träglich. Über die Herkunft des Oedipuskomplexes
    selbst, und über das dem Menschen wahrscheinlich
    allein unter allen Tieren zugemessene Schicksal,
    das Sexualleben zweimal beginnen zu müssen, zuerst
    wie alle anderen Geschöpfe von früher Kindheit an
    und dann nach langer Unterbrechung in der
    Pubertätszeit von Neuem, über all das, was

  • S.

    16
    mit seinem „archaischen Erbe“ zusammenhängt, habe ich
    mich an anderer Stelle geäußert und gedenke
    ich hier nicht einzugehen.
        Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion
    unserer Schlagephantasien nur spärliche Beiträge. Es
    scheint sich zunächst zu bestätigen, daß der Masochismus
    keine primäre Triebäußerung ist, sondern aus einer
    Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person,
    also durch Regression vom Objekt aufs Ich entsteht. (Vgl.
    Triebe und Triebschicksale in Sammlg. kl. Schriften IV.
    Folge 1918). Triebe mit passivem Ziel sind, zumal beim
    Weibe, von Anfang zuzugeben, aber die Passivität
    ist noch nicht das Ganze des Masochismus; es gehört
    noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer
    Trieberfüllung so befremdlich ist. Die Umwandlung
    des Sadismus in Masochismus scheint durch den
    Einfluß des am Verdrängungsakt beteiligten Schuld--
    bewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung äußert
    sich also hier in dreierlei Wirkungen; sie macht
    die Erfolge der Genitalorganisation unbewußt,
    nötigt diese selbst zur Regression auf die frühere
    sadistisch anale Stufe und verwandelt deren
    Sadismus in den passiven, in gewissem Sinne wieder--
    um narzißtischen Masochismus. Der mittlere
    dieser drei Erfolge wird durch die in diesen
    Fällen anzunehmende Schwäche der Genital--
    organisation ermöglicht; der dritte wird notwendig,
    weil das Schuldbewußtsein am Sadismus ähnlichen
    Anstoß nimmt, wie an der genital gefaßten
    inzestuösen Objektwahl. Woher das Schuld--
    bewußtsein selbst stammt, sagen wiederum die Analysen
    nicht. Es scheint von der neuen Phase, in die das
    Kind eintritt, mitgebracht zu werden, und wenn
    es von da an verbleibt, einer ähnlichen Narben--
    bildung, wie es das Minderwertigkeitsgefühl
    ist, zu entsprechen. Nach unserer bisher noch
    unsicheren Orientierung in der Struktur des
    Ichs, würden wir es jener Instanz zuteilen,
    die sich als kritisches Gewissen dem übrigen Ich
    entgegen stellt, im Traum das Silberer'sche funktio--
    nale Phänomen erzeugt und sich im Beachtungswahn
    vom Ich ablöst.

  • S.

    17
        Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Kenntnis nehmen,
    daß die Analyse der hier behandelten kindlichen
    Perversion auch ein altes Rätsel lösen hilft, welches
    allerdings die außerhalb der Analyse Stehenden
    immer mehr gequält hat als die Analytiker selbst.
    Aber noch kürzlich hat selbst E. Bleuler als merkwürdig
    und unerklärlich anerkannt, daß von den
    Neurotikern die Onanie zum Mittelpunkt
    ihres Schuldbewußtseins gemacht werde. Wir haben
    von jeher angenommen, daß dies Schuldbewußtsein
    die frühkindliche und nicht die Pubertätsonanie
    meine, und daß es zum größten Teil nicht auf
    den onanistischen Akt, sondern auf die ihm zu
    Grunde liegende, wenn auch unbewußte Phan--
    tasie – aus dem Oedipuskomplex also – zu be--
    ziehen sei.
        Ich habe bereits ausgeführt, welche Bedeutung die dritte,
    scheinbar sadistische Phase der Schlagephantasie als
    Träger der zur Onanie drängenden Erregung gewinnt,
    und zu welcher teils gleichsinnig fortsetzender,
    teils kompensatorisch aufhebender Phantasietätig--
    keit sie anzuregen pflegt. Doch ist die zweite,
    unbewußte und masochistische Phase, die Phantasie,
    selbst vom Vater geschlagen zu werden, die
    ungleich wichtigere. Nicht nur, daß sie ja durch
    Vermittlung der sie ersetzenden fortwirkt;
    es sind auch Wirkungen auf den Charakter
    nachzuweisen, welche sich unmittelbar von ihrer
    unbewußten Fassung ableiten. Menschen, die
    eine solche Phantasie bei sich tragen, entwickeln
    eine besondere Empfindlichkeit und Reizbarkeit
    gegen Personen, die sie in die Vaterreihe ein--
    fügen können; sie lassen sich leicht von ihnen
    kränken und bringen so die Verwirklichung
    der phantasierten Situation, daß sie vom
    Vater geschlagen werden, zu ihrem Leid und
    Schaden zu Stande. Ich würde nicht verwundert
    sein, wenn es einmal gelänge, dieselbe Phan--
    tasie als Grundlage des paranoischen Querul--
    antenwahns nachzuweisen.