Die Traumdeutung 1900-001/1930
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    VI

    Die Traumarbeit

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu erledigen,
    knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen manifesten Traum-
    inhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traumdeutung zu gewinnen,
    oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, ihr Urteil über den Traum
    durch den Hinweis auf den Trauminhalt zu begründen. Nur wir allein
    stehen einem anderen Sachverhalt gegenüber; für uns schiebt sich zwischen
    den Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches
    Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt
    oder die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
    Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt darum
    auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben, hat, die
    Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhalts zu den latenten
    Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche Vorgänge
    aus den letzteren der erstere geworden ist.

    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen
    desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt,
    der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in
    eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch
    die Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die
    Traumgedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren
    haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren
    Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind.
    Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach
    ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte. Ich
    habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen Dach
    ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann eine laufende
    Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich könnte nun in die
    Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für un-
    sinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das Dach eines Hauses, und
    eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist die Person größer als
    das Haus, und wenn das Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen
    sich die einzelnen Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vor-
    kommen. Die richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst
    dann, wenn ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine
    solchen Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine

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    Silbe oder ein Wort zu ersetzen, das nach irgendwelcher Beziehung
    durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammenfinden,
    sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und sinnreichsten
    Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist nun der Traum, und
    unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler
    begangen, den Rebus als zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als
    solche erschien er ihnen unsinnig und wertlos.

    A

    Die Verdichtungsarbeit

    Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Traum-
    inhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine großartige Ver-
    dichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig,
    lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der Traum-
    gedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die Analyse,
    in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölf-
    fache an Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd;
    sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In
    der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression,
    indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige
    Material hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traum
    versteckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen müssen,
    daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet
    zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint,
    bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch
    denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist also – streng
    genommen – unbestimmbar. Man könnte gegen die Behauptung, daß aus
    dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß
    zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials
    bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für den
    ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Emp-
    findung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch geträumt und dann
    das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen
    erinnern, wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl
    den Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig
    erinnern könnten. Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich
    nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten repro-
    duziert wird, wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern ver-
    sucht, und daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und
    mehr lückenhaft wird. Zum andern Teil aber läßt sich erkennen, daß die
    Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man reproduzieren kann,
    sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert
    werden soll. Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird

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    überdies von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie
    wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen erhalten
    gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes
    Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns
    hiedurch etwa der Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken ver-
    sperrt. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die
    untergegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken be-
    zogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten gebliebenen
    kennen1)).

    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die Analyse
    zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, wird sich bei
    manchem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man denn all das, was
    einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu den Traumgedanken rechnen
    darf, d. h. annehmen darf, all diese Gedanken seien schon während des
    Schlafzustandes tätig gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt?
    Ob nicht vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen
    entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem
    Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst
    während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
    jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen
    Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise
    verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschließungen,
    Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer liegender
    Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse aufgedeckten
    Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon bei der Traumbildung
    tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch eine Kette solcher Ge-
    danken, die außer Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durch
    gearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im
    Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch
    nicht anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man ver-
    gleiche hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der
    als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint, wenn
    gleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.

    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während des
    Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle die Traum-
    gedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander durchlaufen, oder
    werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von verschiedenen Zentren
    aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich meine, es liegt noch keine
    Nötigung vor, sich von dem psychischen Zustand bei der Traumbildung eine
    plastische Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur nicht, daß es sich um
    unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer sein
    kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten,
    Nachdenken in uns wahrnehmen.

    1)Hinweise auf die Verdichtung im Traum finden sich bei zahlreichen Autoren.
    Du Prel äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut sicher, daß ein Verdichtungs-
    prozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden habe.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl. 13

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    Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung
    beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun
    zustande?

    Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken nur
    die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traum vertreten
    sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf dem Wege der
    Auslassung, indem der Traum nicht eine getreuliche Übersetzung oder
    eine Projektion Punkt für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst
    unvollständige und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist,
    wie wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zu-
    nächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus
    den Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen
    bestimmen die Auswahl derselben?

    Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine Auf-
    merksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die gesuchten
    Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu dessen Bildung
    eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird für diese Unter-
    suchung das günstigste Material sein. Ich wähle

    I

    den auf S. 117 mitgeteilten Traum von der botanischen Mono-
    graphie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine (unbestimmt ge-
    lassene) Pflanzenart geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben
    eine eingeschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein getrocknetes
    Spezimen der Pflanze beigebunden.

    Das augenfälligste Element dieses Traums ist die botanische Mono-
    graphie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; in einem
    Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine Monographie
    über die Gattung „Zyklamen“ gesehen. Die Erwähnung dieser
    Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die Monographie und ihre Be-
    ziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die „botanische Monographie“
    erweist sofort ihre Beziehung zu der Arbeit über Kokain, die ich
    einmal geschrieben habe; vom Kokain aus geht die Gedankenverbindung
    einerseits zur Festschrift und zu gewissen Vorgängen in einem Universitäts-
    laboratorium, anderseits zu meinem Freund, dem Augenarzt Dr. König-
    stein, der an der Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat.
    An die Person des Dr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das unter-
    brochene Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die viel-
    fältigen Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen.
    Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die Mono-
    graphie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter
    Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes
    als ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des
    Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit dem
    psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen
    verknüpft.

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    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische Mono-
    graphie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“ und „Mono-
    graphie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer und tiefer
    in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „botanisch“ gehören die
    Erinnerungen an die Person des Professors Gärtner, an seine blühende
    Frau, an meine Patientin, die Flora heißt, und an die Dame, von der
    ich die Geschichte mit den vergessenen Blumen erzählt habe. Gärtner
    führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit König-
    stein; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen.
    Von der Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblings-
    blumen meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag
    flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert „botanisch“
    an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, und
    ein neues, in jenem Gespräch angeschlagenes Thema, das meiner Lieb-
    habereien knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so genannten
    Lieblingsblume, der Artischocke, an die von den vergessenen Blumen
    ausgehende Gedankenkette an; hinter „Artischocke“ steckt die Erinnerung
    an Italien einerseits und an eine Kinderszene anderseits, mit der ich meine
    seither intim gewordenen Beziehungen zu Büchern eröffnet habe.
    „Botanisch“ ist also ein wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum
    zahlreiche Gedankengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann,
    in jenem Gespräch mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht
    worden sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in
    der wie im Weber-Meisterstück

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
    Die Fäden ungesehen fließen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

    „Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
    an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
    Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, daß
    die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den Trauminhalt
    Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traumgedanken die
    ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also Knotenpunkte dar-
    stellen, in denen sehr viele der Traumgedanken zusammentreffen, weil sie
    mit Bezug auf die Traumdeutung vieldeutig sind. Man kann die dieser
    Erklärung zugrunde liegende Tatsache auch anders aussprechen und dann
    sagen: Jedes der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als überdeter-
    miniert, als mehrfach in den Traumgedanken vertreten.

    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des Traumes
    auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die farbige Tafel,
    die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 119) auf ein neues Thema,

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    die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und auf ein bereits im Traum
    vertretenes, meine Liebhabereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in
    der ich ein Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar
    der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese
    Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung
    zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente
    des Traums sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert,
    sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traum durch mehrere
    Elemente vertreten. Von einem Element des Traums führt der Asso-
    ziationsweg zu mehreren Traumgedanken, von einem Traumgedanken zu
    mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht so, daß
    der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen eine Abkürzung
    für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste Traumgedanke eine
    nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung Volks-
    vertreter gewählt werden, sondern die ganze Masse der Traumgedanken
    unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und best-
    unterstützten Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt heraus-
    heben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum
    immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die
    räumlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen
    Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von ihnen in
    bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.

    Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt und
    Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches sich durch
    besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Beziehungen aus-
    zeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den ich wegen Angst
    in geschlossenen Räumen behandle. Es wird sich bald ergeben, weshalb
    ich mich veranlaßt finde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistung in
    folgender Weise zu überschreiben:

    II

    „Ein schöner Traum“

    Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in der sich ein bescheidenes
    Einkehrwirtshaus befindet (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben
    wird Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Ende heißt
    es, man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil
    des Personals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer in die des ersten
    Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die unten noch
    nicht fertig sind, so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben, er
    unten, und er ärgert sich über den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese
    Partie ist unklar.) Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein-
    geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein über die Anhöhe,
    welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig,
    daß er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und

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    Ein „schöner“ Traum.

    schimpft über den König von Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel
    leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach dem Er-
    wachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklichkeit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben können.
    Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stück beginnen, welches vom
    Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.

    Die geträumte und wahrscheinlich im Traum verspürte Beschwerde,
    das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der Patient
    vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Verein mit anderen
    Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch vorgetäuschte) Tuber-
    kulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem Traum eigentümliche Sensation
    der Gehemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, daß
    sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgendwelcher anderen
    Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt,
    wie das Steigen anfänglich schwer war und am Ende der Anhöhe leicht wurde,
    erinnerte mich bei der Erzählung des Traums an die bekannte meisterhafte
    Introduktion der „Sappho“ von Alphonse Daudet. Dort trägt ein junger
    Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich wie federleicht; aber je
    weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen Armen, und diese Szene
    ist vorbildlich für den Verlauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung
    Daudet die Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen
    von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden1).
    Obwohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit
    einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch
    nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der
    Sappho umgekehrt wie im Traum; in letzterem war das Steigen an-
    fänglich schwer und späterhin leicht; im Roman diente es der Symbolik nur,
    wenn das, was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende als eine schwere
    Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme
    sehr wohl zum Inhalte des Stückes, das er am Abend vorher im Theater ge-
    sehen. Das Stück hieß „Rund um Wien“ und behandelte den Lebenslauf
    eines Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver-
    hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe
    kommt“, endlich aber immer mehr „herunterkommt“. Das Stück
    hatte ihn auch an ein anderes vor Jahren gespieltes erinnert, welches den
    Titel trug „Von Stufe zu Stufe“ und auf dessen Ankündigung eine aus mehreren
    Stufen bestehende Stiege zu sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schauspielerin ge-
    wohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Verhältnis unterhalten.
    Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. Allein, als er der Dame zuliebe
    einen Teil des Sommers in Wien verbrachte, war er in einem kleinen Hotel
    in der Nähe abgestiegen. Beim Verlassen des Hotels sagte er dem
    Kutscher: Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe!

    1)Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die im Ab-
    schnitt über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.

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    (Übrigens auch eine seiner Phobien.) Der Kutscher darauf: Wie kann man
    aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr-
    wirtshaus.

    An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung eines
    Zitates:

    „Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste.“

    Der Wirt im Uhlandschen Gedicht ist aber ein Apfelbaum.
    Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:

    Faust (mit der Jungen tanzend)
    Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
    Da sah ich einen Apfelbaum,
    Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
    Sie reizten mich, ich stieg hinan.

    Die Schöne
    Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
    Und schon vom Paradiese her.
    Von Freuden fühl ich mich bewegt,
    Daß auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfelbaum
    und den Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch obenan unter
    den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen Träumer gefesselt hatte.

    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund anzu-
    nehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit zurückgehe.
    Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme des jetzt bald dreißig-
    jährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der Busen der Amme tatsäch-
    lich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl als die Sappho Daudets
    erscheinen als Anspielung auf die vor kurzem verlassene Geliebte.

    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, und
    zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine Umkehrung-
    des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie mir bekannt
    ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie erhalten. Der Träumer
    vermied bei der Reproduktion des Trauminhaltes zu sagen: Der Bruder sei
    oben, er selbst „parterre“ gewesen. Es wäre eine zu deutliche Äußerung ge-
    worden, denn man sagt bei uns von einer Person, sie ist „parterre“,
    wenn sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Über-
    tragung, wie man „heruntergekommen“ gebraucht. Es muß nun
    einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traum etwas umgekehrt
    dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen
    Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor,
    wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes,
    wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der
    Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist: In der
    Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen stehende
    Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also umgekehrt um ein

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    Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich nur in der Kindheit er-
    eignen kann, bezieht es sich wieder auf die Amme, die schwer an dem Säug-
    ling trägt. Der Schluß des Traumes trifft es also, die Sappho und die
    Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.

    Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung auf eine
    lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes, in
    denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf Phantasien sexuellen
    Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte Gelüste nicht
    außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß es Phantasien und
    nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die so im Traum dar-
    gestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns
    nur einen Gedankeninhalt und überläßt es uns, dessen Realitätswert fest-
    zustellen. Wirkliche und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier – und
    nicht nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der
    Träume – zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, wie wir
    bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts anderes als der in die Kind-
    heitsszene durch „Zurückphantasieren“ eingetragene Vertreter aller späteren
    Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den König
    von Italien schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines rezenten und
    an sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Per-
    sonen niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung,
    welche Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind
    gültige, an die Seite gestellt werden sollte1).

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der Traum-
    bildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines anderen Traumes
    mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer Behandlung stehenden
    Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen entsprechend, an denen die
    Kranke litt, enthielten ihre Träume überreichlich sexuelles Gedankenmaterial,
    dessen Kenntnisnahme sie anfangs ebensosehr überraschte wie erschreckte.
    Da ich die Traumdeutung nicht bis zum Ende führen kann, scheint das Traum-
    material in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.

    III

    „Der Käfertraum“

    Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Maikäfer in einer Schachtel
    hat, denen sie die Freiheit geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die
    Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten Fenster hinaus,
    der andere aber wird vom Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster
    schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels).

    1)Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen Situation
    wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in diesem Fall
    die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 142 erwähnte Bedauern des jungen
    Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenützt zu
    haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.

  • S.

    200

    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter schläft
    im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend aufmerksam, daß eine
    Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt es aber sie herauszuholen
    und bedauert das arme Tierchen am Morgen. In ihrer Abendlektüre war
    erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen
    des Tieres geschildert. Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traum-
    anlässe. Das Thema von der GrausamkeitgegenTiere beschäftigt
    sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend im
    Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine Schmetter-
    lingssammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur Tötung der Schmetter-
    linge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter mit der Nadel durch den
    Leib noch lange im Zimmer herum flog; ein andermal fanden sich einige
    Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe
    Kind pflegte in noch zarterem Alter Käfern und Schmetterlingen die
    Flügel auszureißen; heute würde sie vor all diesen grausamen Hand-
    lungen zurückschrecken; sie ist so gutmütig geworden.

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
    Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er in
    Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles
    und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der
    Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig fühlt
    und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht ansehen.
    Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen geplagt wird?

    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlung anlegte,
    litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder wüteten
    gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat damals einen
    Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß und die Leiber dann
    verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat auch im Mai geheiratet. Drei
    Tage nach der Hochzeit schrieb sie den Eltern einen Brief nach Hause, wie
    glücklich sie sei. Sie war es aber keineswegs.

    Am Abend vor dem Traum hatte sie in alten Briefen gekramt und ver-
    schiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, so einen höchst
    lächerlichen Brief eines Klavierleh-
    rers, der ihr als Mädchen den Hof gemacht
    hatte, auch den eines aristokratischen Verehrers1).

    Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes Buch
    von Maupassant in die Hand bekommen2). Das Arsenik, das
    ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die dem
    Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.

    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:

    „Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
    Doch geb ich dir die Freiheit nicht.“


    1)Dies der eigentliche Traumerreger.

    2)Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst
    hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

  • S.

    201

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Kätchens1):

    „Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt –.“

    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die Furcht,
    daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahlreichen Phan-
    -
    tasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren unbewußten Gedanken
    während der Analyse eine Klage über seine „Greisenhaftigkeit“ gefunden.
    Der Wunschgedanke, welchen dieser Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am
    besten erraten, wenn ich erzähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traum plötzlich
    mitten in ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten
    Imperativ erschreckt wurde: ‚Häng’ dich auf.‘ Es ergab sich, daß sie
    einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich
    eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der
    in dieser Schrecken erregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder-
    -
    kehrte. ‚Häng’ dich auf‘ besagte so viel als ‚Verschaff dir eine Erektion
    um jeden Preis‘. Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im Nabob gehören
    hieher; es war der Patientin aber auch bekannt, daß man das stärkste
    Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zerquetschen von Käfern be-
    -
    reitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestand-
    teil des Trauminhalts.

    Das Fenster öffnen und schließen ist eine der ständigen Diffe-
    -
    renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, der Mann aerophob.
    Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen
    zu klagen hatte.

    In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die Schrift
    hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traumgedanken
    wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren augenfällig zu
    machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse bis zum Ende
    geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit ausführlicher mit-
    -
    geteilter Analyse einzugehen, um die Überdeterminierung des Traum-
    inhalts an ihm zu erweisen. Ich wähle hiefür den Traum von Irmas
    Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos erkennen, daß die Ver-
    -
    dichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr als nur eines Mittels
    bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die mit
    den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also zunächst
    sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie beim Fenster
    untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere Person hergenommen,
    von jener Dame, mit der ich meine Patientin vertauschen möchte, wie
    die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma einen diphtheritischen Belag
    erkennen läßt, bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert
    wird, gelangt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem,
    durch die Namensgleichheit mit ihm verknüpft, die Person einer durch

    1)Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesilea desselben Dichters:
    Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    202

    Intoxikation verlorenen Patientin sich verbirgt. Im weiteren Verlauf des
    Traums wandelt sich die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß
    ihr im Traum gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der
    Kinder, die wir in der öffentlichen Ordination des Kinder-Kranken-
    instituts untersuchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer
    geistigen Anlagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vor-
    stellung meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim
    Mundöffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal
    von mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine
    eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Hals
    entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch
    anderen Personen zusammengetragen.

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerate, treten im Traum nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter
    der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit allerdings
    widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Vertreterin
    dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Personen, indem
    ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für Zug an diese Personen
    erinnert.

    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für
    die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
    mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist der
    Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des Dr. M.,
    spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und sein Leiden
    sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders; ein einziger Zug,
    das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem er in der Realität
    beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R.
    meines Onkeltraums. Hier aber ist das Traumbild noch auf andere Weise
    bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit den Zügen
    des anderen vereinigt und dafür das Erinnerungsbild jedes einen um
    gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen,
    nach welchem Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide
    Bilder aufeinander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt her-
    vortreten, die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im
    Bilde undeutlich werden. Im Onkeltraum hebt sich so als verstärkter Zug
    aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Physio-
    gnomie der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung auf
    meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum
    Ergrauen.

    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der Haupt-
    arbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der Anlaß ergeben,
    sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.

    Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraum ist gleichfalls mehrfach
    determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleichklang mit Diph-
    therie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den Orient
    geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.

  • S.

    203

    Sammelpersonen und Mischbildungen.

    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
    Erwähnung von „Propylen“ im Traum. In den Traumgedanken war
    nicht „Propylen“ sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
    meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung Platz
    gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient den Zwecken
    der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traumanalyse zeigt. Wenn
    meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Propylen“ noch einen Moment
    haltmacht, so fällt mir der Gleichklang mit dem Worte „Propyläen“
    ein. Die Propyläen befinden sich aber nicht nur in Athen,
    sondern auch in München. In dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem
    Traum meinen damals schwerkranken Freund aufgesucht, dessen Er-
    wähnung durch das bald auf Propylen folgende Trimethylamin
    des Traumes unverkennbar wird.

    Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und anders-
    wo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten Wertig-
    keit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden, und gebe
    der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung von Amylen
    in den Traumgedanken durch Propylen in dem Trauminhalt gleichsam
    plastisch vorzustellen.

    Hier befindet sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, der
    mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen duftenden
    Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines Berliner
    Freundes, der mich versteht, mir Recht geben würde, und dem ich soviel
    wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der Sexualvorgänge, ver-
    danke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders erregen
    soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe bestimmt;
    das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Trauminhalt
    prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wilhelm“ wird
    geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die Elemente in ihr
    hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto anklingen. In
    diesem ganzen Traum rekurriere ich ja von einer Person, die mein Miß-
    fallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen
    kann, rufe ich Zug für Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So
    erweckt das Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen
    aus dem Kreis der Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her
    unterstützt, gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unver-
    wandelt in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung
    der Gruppe „Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den
    dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
    Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen liegt
    für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise „Wilhelm“ kommt ihm
    München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-Propyläen treffen
    beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch einen Kompromiß gelingt
    dieses mittlere Element dann in den Trauminhalt. Es ist hier ein mitt-
    leres Gemeinsames geschaffen worden, welches mehrfache Determinierung
    zuläßt. Wir greifen so mit Händen, daß die mehrfache Determinierung

  • S.

    204

    das Durchdringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke
    dieser Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksam-
    keit von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation Nahe-
    liegenden vorgenommen worden.

    Das Studium des Injektionstraums gestattet uns bereits einige Über-
    sicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu gewinnen.
    Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traumgedanken vor-
    kommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten (Sammelpersonen,
    Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren Gemeinsamen als Einzel-
    heiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu die Verdichtung dient und
    wodurch sie gefordert wird, werden wir uns erst fragen, wenn wir die
    psychischen Vorgänge bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen
    wollen. Begnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der Traumverdich-
    tung als einer bemerkenswerten Relation zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt.

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traums, wenn sie
    Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden vom
    Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann die
    selben Zusammensetzungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt-
    same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume.

    1) Als mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz
    überschickte, in welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit
    nach meinem Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Aus-
    drücken abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz,
    der sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahrhaft
    norekdaler Stil.“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir
    anfänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den Super-
    lativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war; aber woher
    es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungetüm
    in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei bekannten Schau-
    spielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen letztes Opus ich im
    Traum also kritisierte, hatte ich vorher einen Zeitungsaufsatz über
    Ibsen gelesen.

    2) Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, der
    in eine unsinnige Wortkombina-
    tion ausläuft. Sie befindet sich mit ihrem
    Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das wird in einen
    allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im Traum der dunkle
    Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine Art Polenta. Die Analyse
    zerlegt das Wort in Mais–toll–mannstoll–Olmütz, welche
    Stücke sich sämtlich als Rest einer Konversation bei Tisch mit ihren
    Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais verbergen sich außer der
    Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläumsausstellung die Worte:
    Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die einen Vogel darstellt),
    Miβ (die Engländerin ihrer Verwandten war nach Olmütz gereist),
    mies = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten jüdischen Jargon, und
    eine lange Kette von Gedanken und Anknüpfungen ging von jeder der
    Silben des Wortklumpens ab.

  • S.

    205

    Wort- und Namenverdichtungen.

    3) Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends angeläutet
    hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauffolgenden
    Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um den Zimmertelegraphen
    zu richten. Nachdem er weggegangen ist, läutet es noch immer, nicht kon-
    tinuierlich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener holt den Mann
    wieder, und der sagt: Es ist doch merkwürdig, daß auch Leute, die sonst
    tutelrein sind, solche Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.

    Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines der
    Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur gekommen,
    indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers angereiht hat, das,
    an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stellvertretender
    Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem Vater wohnte,
    schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf den Boden, so
    daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränkt wurde, und das kon-
    tinuierliche Läuten den Vater im Schlaf störte. Da das kon-
    tinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so werden dann „ein-
    zelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfenfallens ver-
    wendet. Das Wort „tutelrein“ zerlegt sich aber nach drei Richtungen
    und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken vertretenen Materien:
    „Tutel“ = Kuratel bedeutet Vormundschaft; Tutel (vielleicht
    „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust und der
    Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silben des Zimmertelegraphen
    um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit dem Naßmachen des Fuß-
    bodens viel zu tun hat und überdies an einen der in der Familie des
    Träumers vertretenen Namen anklingt1).

    4) In einem längeren wüsten Traum von mir, der eine Schiffsreise
    zum scheinbaren Mittelpunkt hat, kommt es vor, daß die nächste Station
    Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres ist der Name
    meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise gewesen ist. Hear-
    sing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen unserer Wiener Lokal-
    strecke, die so häufig auf ing ausgehen: Hietzing, Liesing,
    Mödling (Medelitz, meae deliciae der alte Name, also „meine

    1)Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahre
    Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt
    man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappeln
    (Schätzchen) stehen, gebietet Schweigen, dann hört das ‚Pappeln‘ (Schwätzen) auf, und das Silber
    wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht,
    daß die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oft zu witzig
    erscheine“. Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogen wird, involviert
    einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifen soll. In der
    wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“ erheben; wenn
    meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigen-
    tümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und
    hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird
    witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt
    ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können sich überzeugen, daß Träume meiner
    Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) im selben und im höheren Grade
    machen wie die meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes
    mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz
    und eine Beziehung zum Unbewußten“ geschehen ist (Ges. Schriften, Bd. IX).

  • S.

    206

    Freud“) und dem englischen Hearsay = Hörensagen, was auf Verleum-
    dung deutet und die Beziehung zu dem indifferenten Traumerreger des
    Tages herstellt, einem Gedicht in den „Fliegenden Blättern“ von einem
    verleumderischen Zwerg, „Sagter Hatergesagt“. Durch Beziehung der
    Endsilbe „ing“ zum Namen Fließ gewinnt man „Vlissingen“,
    wirklich die Station der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn er von
    England zu uns auf Besuch kommt. Der englische Name von Vlis-
    singen lautet aber Flushing, was in englischer Sprache Erröten
    bedeutet und an die Patienten mit „Errötensangst“ mahnt, die ich be-
    handle, auch an eine rezente Publikation Bechterews über diese
    Neurose, die mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat.

    5)Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei gesonderten
    Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort „Autodidasker“,
    das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen produzierten, kurzen
    und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich dem Professor N., wenn
    ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der Patient, über dessen Zustand
    ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet wirklich nur an einer Neurose, ganz
    wie Sie vermutet haben.“ Das neugebildete „Autodidasker“ hat
    nun nicht nur der Anforderung zu genügen, daß es komprimierten Sinn
    enthält oder vertritt, es soll auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange
    mit meinem aus dem Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Pro-
    fessor N. jene Genugtuung zu geben.

    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto-
    didakt und Lasker, an den sich der Name Lassalle schließt.
    Die ersten dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen –
    Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines
    bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist, und
    der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie ich (J. J.
    David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen Eindruck,
    den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkommenen Talents in
    einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, und unsere Unter-
    haltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die wir an
    unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft des eben
    Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder bezog, und
    ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Gefahren durch
    die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht ging mein
    Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau auf und ver-
    wob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter gegen meinen
    Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken
    einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traum führen konnte. Dieser
    Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet
    hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zugrunde zu gehen, die den Kern meiner
    Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel Lasker und
    Lassalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser Beein-
    flussung zum Unheil darzustellen gestatteten1). Das „Cherchez la femme“,

    1)Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weib
    erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.

  • S.

    207

    in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt mich in
    anderem Sinn auf meinen noch unverheirateten Bruder, der Alexan-
    der heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir den Namen abkürzen,
    fast wie eine Umstellung von Lasker klingt, und daß dieses Moment
    mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umwegsrichtung über
    Breslau mitzuteilen.

    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält aber
    noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glücklichen
    Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem Weg: In dem
    Künstlerroman „L’oeuvre“, der meinen Traumgedanken inhaltlich nahe-
    liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes
    Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen
    Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensverwandlung fol-
    genden Weg eingeschlagen: Zola gibt umgekehrt (wie die Kinder so
    gerne zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt;
    darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die auch den Namen Alexander
    einleitet, durch die dritte Silbe desselben Namens sand, und so kam
    Sandoz zustande. So ähnlich entstand also auch mein Autodidas-
    ker.

    Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns beiden
    gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende Weise in den
    Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeitsjahrs bekam ich einen
    Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im Stiche ließ. Es war ein schweres
    organisches Leiden, vielleicht eine Rückenmarksveränderung, anzunehmen,
    aber nicht zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend
    gewesen und hätte allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die
    sexuelle Anamnese, ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken
    so energisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief
    ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie andere
    auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. Er hörte meine
    Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann: „Beobachten Sie den Mann
    weiter, es wird Neurose sein.“ Da ich weiß, daß er meine Ansichten über
    die Ätiologie der Neurosen nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück,
    verbarg aber nicht meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem
    Kranken die Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet
    ihm, sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten
    Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen habe;
    er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade das Stück
    sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich zur Annahme
    einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung, aber auch gleich-
    zeitig eine Beschämung; ich mußte mir zugestehen, daß mein Consiliarius,
    durch die Berücksichtigung der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte.
    Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen,
    daß er recht gehabt habe und ich unrecht.

    Gerade das tue ich nun im Traum. Aber was für Wunscherfüllung
    soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? Gerade das ist
    mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen Befürchtungen,

  • S.

    208

    respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen ich in den
    Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf
    welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem
    für die Traumgedanken wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. Die
    selbe Alternative der organischen oder der funktionellen Schädigung durch
    das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabes-Paralyse oder Neurose,
    an welch letztere sich die Art des Untergangs von Lassalle lockerer anreiht.
    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger Deutung
    ganz durchsichtigen) Traum nicht nur wegen dieser Analogie und wegen
    meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle – auch nicht wegen seiner
    nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und zur Familie unserer dorthin
    verheirateten Freundin – sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit,
    die sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung
    die ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen
    Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?“ – „Sechs.“ – Eine Gebärde
    von Respekt und Bedenklichkeit. – „Mädel, Buben?“ – „Drei und
    drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ – „Nun geben Sie acht,
    mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später Schwierig-
    keiten in der Erziehung.“ – Ich wendete ein, daß sie bis jetzt recht zahm
    geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite Diagnose über die Zukunft
    meiner Buben ebensowenig wie die früher gefällte, daß mein Patient nur
    eine Neurose habe. Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität,
    durch das Erleben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte
    von der Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über
    die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken
    aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau
    rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die
    Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang
    in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines Wunsches,
    daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge, verbirgt. Dieselbe
    Phantasie dient unverändert der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder
    der Alternative.

    6)Marcinowski: „Heute früh erlebte ich zwischen Traum und
    Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer Fülle von
    kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich gewissermaßen über
    ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es
    lautet: ‚erzefilisch‘ und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes Zusammen-
    hanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete:
    ‚Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechtsempfindung.‘ Ich wußte sofort, daß es
    eigentlich ‚erzieherisch‘ heißen solle, schwankte auch einigemal hin und her,
    ob es nicht richtiger ‚erzifilisch‘ hieße. Dabei fiel mir das Wort Syphilis ein,
    und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren beginnend, den
    Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, da ich weder persönlich
    noch von Berufs wegen irgendwelche Berührungspunkte mit dieser Krankheit
    habe. Dann fiel mir ein ‚erzieherisch‘, das e erklärend, und zu gleicher Zeit
    erklärend, daß ich gestern abend von unserer ‚Erzieherin‘ veranlaßt wurde,
    über das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei tat-

  • S.

    209

    sächlich, um ‚erzieherisch‘ auf ihr nicht ganz normal entwickeltes Emp-
    findungsleben einzuwirken, das Buch von Hesse, Über die Prostitution,
    gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem erzählt hatte. Und
    nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort ‚Syphilis‘ nicht im wörtlichen
    Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung natürlich zum
    Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der Übersetzung ganz logisch:
    ‚Durch meine Erzählung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch
    auf deren Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung,
    daß es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.‘ Erze-
    filisch = erzäh-
    (erzieh –) (erzefilisch).“

    Die Wortverbindungen des Traumes ähneln sehr den bei der Paranoia
    bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen nicht ver-
    mißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen Zeiten die Worte
    tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Sprachen und artifizielle
    Wortfügungen erfinden, sind für den Traum wie für die Psychoneurosen hier
    die gemeinsame Quelle.

    Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders dazu
    geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzuzeigen. Man möge
    aus der hier verwendeten geringen Auswahl von Beispielen nicht den Schluß
    ziehen, daß solches Material selten oder gar nur ausnahmsweise zur Beobachtung
    kommt. Es ist vielmehr sehr häufig, allein die Abhängigkeit der Traum-
    deutung von der psychoanalytischen Behandlung hat die Folge, daß die
    wenigsten Beispiele angemerkt und mitgeteilt werden, und daß die mit
    geteilten Analysen meist nur für den Kenner der Neuropathologie ver-
    ständlich sind. So ein Traum von Dr. v. Karpinska (Internat. Zeitschr. f.
    Psychoanalyse II, 1914), der die sinnlose Wortbildung „Svingnum elvi“ enthält.
    Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich nicht bedeutungs-
    loses Wort erscheint, das aber, seiner eigentlichen Bedeutung entfremdet,
    verschiedene andere Bedeutungen zusammenfaßt, zu denen es sich wie ein
    „sinnloses“ Wort verhält. Dies ist in dem Traum von der „Kategorie“ eines
    zehnjährigen Knaben der Fall, den V. Tausk (Zur Psychologie der Kinder-
    sexualität, Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse I, 1913) mitteilt. „Kate-
    gorie“ bedeutet hier das weibliche Genitale und „kategorieren“ soviel
    wie urinieren.

    Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich als solche
    von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose Regel, daß
    Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial abstammt. Der Wort-
    laut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder leise im Ausdruck ver-
    schoben; häufig ist die Traumrede aus verschiedenen Redeerinnerungen zu-
    sammengestückelt; der Wortlaut dabei das sich Gleichgebliebene, der Sinn
    womöglich mehr- oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient nicht
    selten als bloße Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede
    vorfiel1).


    1)Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne mit übrigens
    intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen fand ich unlängst die
    einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen,

  • S.

    210

    VI. Die Traumarbeit.

    B

    Die Verschiebungsarbeit

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation mußte
    uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traumverdichtung
    sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, welche im Traum
    inhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervordrängen, in den Traum
    gedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu kann
    man auch die Umkehrung dieses Satzes aussprechen. Was in den Traum
    gedanken offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht
    vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam anders zentriert, sein Inhalt
    um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So
    z. B. ist im Traum von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Traum-
    inhalts offenbar das Element „botanisch“; in den Traumgedanken handelt
    es sich um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden
    Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf,
    daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und das
    Element „botanisch“ findet in diesem Kern der Traumgedanken überhaupt
    keine Stelle, wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit locker damit ver-
    bunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz unter meinen Lieblings-
    studien. In dem Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und Nieder-
    steigen, Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht; der Traum
    handelt aber von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden
    Personen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in
    ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint.
    Ähnlich ist im Traum von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der
    Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausam-
    keit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung
    und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zusammenhang gerissen
    und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In dem Onkeltraum wiederum
    scheint der blonde Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinn-
    beziehung zu den Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken
    erkannt haben. Solche Träume machen dann mit gutem Recht einen „ver-
    schobenen“ Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt
    dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die ein-
    zelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den
    Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem
    Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedanken und Traum-
    inhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn wir
    bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, daß eine Vor-
    stellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und für das Bewußtsein
    besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis


    stammten nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen
    den unentstellten Wortlauten seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur ab-
    geändert zum Bewußtsein kamen.

  • S.

    211

    dafür anzusehen, daß der siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische
    Wertigkeit (ein gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die
    Erfahrung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traum-
    gedanken für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht
    kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente
    der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
    Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse betonten
    Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären, und an
    ihre Stelle treten im Traum andere Elemente, die in den Traumgedanken
    sicherlich minderwertig waren. Es macht zunächst den Eindruck, als
    käme die psychische Intensität1) der einzelnen Vorstellungen für die Traum-
    auswahl überhaupt nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder minder
    vielseitige Determinierung derselben. Nicht was in den Traumgedanken
    wichtig ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten
    könnte man meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch
    diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht
    glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determinierung
    und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als gleichsinnig
    wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traumgedanken die wich-
    tigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten in ihnen wiederkehrenden
    sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken aus-
    strahlen. Und doch kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig
    unterstützten Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere
    Eigenschaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen.

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Eindruck
    verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeterminierung des
    Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher Leser dieser
    Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung der Traumelemente
    sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbstverständlicher ist. Man geht
    ja bei der Analyse von den Traumelementen aus und verzeichnet alle Ein-
    fälle, die sich an dieselben knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so
    gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig
    wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber
    selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Ge-
    danken, welche die Analyse zutage fördert, finden sich viele, die dem Kern
    des Traumes ferner stehen und die sich wie künstliche Einschaltungen zu
    einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt sich leicht;
    gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene und gesuchte Ver-
    bindung, zwischen Trauminhalt und Traumgedanken her, und wenn diese
    Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile
    des Trauminhalts oftmals nicht nur die Überdeterminierung, sondern über-
    haupt eine genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir
    werden so zum Schlusse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die
    für die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment

    1)Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist
    natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.

  • S.

    212

    der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch un-
    bekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten
    der einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können
    beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie
    sich aus dem Traummateríal nicht ohne Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine psychische
    Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen Elemente ihrer
    Intensität entkleidet, und anderseits auf dem Wege der Überdeter-
    minierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten schafft, die dann in den
    Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der Traumbildung
    eine Übertragung und Verschiebung der psychischen Intensi-
    täten der einzelnen Elemente stattgefunden, als deren Folge die Text-
    verschiedenheit von Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vor-
    gang, den wir so supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traum-
    arbeit: er verdient den Namen der Traumverschiebung. Traum-
    verschiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister,
    deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben
    dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die sich
    in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. Der Erfolg
    dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kern der Traumgedanken
    nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine Entstellung des Traum-
    wunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber ist uns
    bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt, welche die
    eine psychische Instanz im Gedankenleben gegen eine andere ausübt. Die
    Traumverschiebung ist eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Ent-
    stellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die Traumver-
    schiebung durch den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr,
    zustande kommt1).

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung und
    Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, welches der
    übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor wird, das würden wir
    späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig können wir als eine zweite
    Bedingung, der die in den Traum gelangenden Elemente genügen müssen,
    angeben, daß sie der Zensur des Widerstandes entzogen seien. Die
    Traumverschiebung aber wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache
    bei der Traumdeutung in Rechnung ziehen.

    1)Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den
    Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück
    jener Erzählung „Träume wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Realisten“
    von Lynkeus (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner
    Lehre wiederfinde:
    „Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn zu
    träumen.“
    „Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen
    Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die
    moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht.“
    „Wenn ich es aber recht bedenke,-
    nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals

  • S.

    213

    C

    Die Darstellungsmittel des Traums

    Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und Traum-
    verschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten Gedankenmaterials
    in den manifesten Trauminhalt als wirksam aufgefunden haben, werden wir
    bei der Fortführung dieser Untersuchung noch zwei weiteren Bedingungen
    begegnen, die unzweifelhaften Einfluß auf die Auswahl des in den Traum ge-
    langenden Materials üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin,
    daß wir auf unserem Wege haltmachen scheinen, einen ersten Blick auf
    die Vorgänge bei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle
    mir nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre
    Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen einzelnen
    Traum zum Muster nehme, seine Deutung entwickle, wie ich es in Abschnitt II
    bei dem Traum von Irmas Injektion gezeigt habe, dann aber die Traum-
    gedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammenstelle, und nun die Bildung
    des Traums aus ihnen rekonstruiere, also die Analyse der Träume durch eine
    Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen
    zu meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht auf-
    nehmen, weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende
    Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich
    daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten
    weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert,
    wenn sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte.
    Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu überzeugen,
    vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich nur von Träumen
    solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da
    aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies Stück
    Darstellung des Traums einen Aufschub erfahren, bis ich – an anderer Stelle
    Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacher-
    zählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar
    nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht
    zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt
    werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide
    gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft
    im Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phan-
    tasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen würde: „Das ist widersinnig! Denn
    das ist nicht möglich!“

    „Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das
    eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der Freund.

    „Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam-
    keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es meistens nicht
    gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas
    Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen, die
    schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar
    ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es
    kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder
    träumt.“

  • S.

    214

    – die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß
    der Anschluß an unser Thema herzustellen ist1)).

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthetisch
    herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende Material von
    verschiedenartigem Wert ist. Den einen Teil desselben bilden die wesentlichen
    Traumgedanken, die also den Traum voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz
    hinreichen würden, wenn es für den Traum keine Zensur gäbe. Dem anderen
    Teil ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch
    keinen Wert auf die Behauptung, daß alle diese Gedanken an der Traum-
    bildung beteiligt gewesen seien, vielmehr können sich Einfälle unter ihnen
    finden, welche an Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten
    des Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt alle die
    Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu den latenten Traum-
    gedanken geführt haben, aber ebenso die vermittelnden und annähernden
    Assoziationen, durch welche man während der Deutungsarbeit zur Kenntnis
    dieser Verbindungswege gekommen ist.

    Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen Traum-
    gedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von Gedanken und Er-
    innerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen Eigenschaften der uns
    aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. Nicht selten sind es Gedanken-
    züge, die von mehr als einem Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte
    nicht entbehren; fast regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein
    kontradiktorisches Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.

    Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natürlich in
    den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden Vorder-
    und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedingungen, Be-
    weisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse dieser Traumgedanken
    der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt
    und zusammengeschoben werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die
    Frage, was aus den logischen Banden wird, welche bishin das Gefüge ge-
    bildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traum das „Wenn, weil,
    gleichwie, obgleich, entweder–oder“ und alle anderen Präpositionen, ohne
    die wir Satz und Rede nicht verstehen können?

    Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese logischen
    Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Darstellung zur Ver-
    fügung. Zumeist läßt er all diese Präpositionen unberücksichtigt und über-
    nimmt nur den sachlichen Inhalt der Traumgedanken zur Bearbeitung. Der
    Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zusammenhang wieder herzustellen,
    den die Traumarbeit vernichtet hat.

    Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum gearbeitet
    ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähnlichen Be-
    schränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei und Plastik
    im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen kann, und auch hier

    1)Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither in
    dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905 (Ges. Schriften, Bd. VIII) gegeben.
    Als die vollständigste Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O. Rank,
    „Ein Traum, der sich selbst deutet“, anerkannt werden.

  • S.

    215

    liegt der Grund des Unvermögens in dem Material, durch dessen Bearbeitung
    die beiden Künste etwas zum Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei
    zur Kenntnis der für sie gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war,
    bemühte sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der
    gemalten Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen,
    welche als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler
    verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den Traum den
    Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. Es gibt ja Träume,
    in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen vor sich gehen, begründet
    und widersprochen, gewitzelt und verglichen wird wie im wachen Denken.
    Allein auch hier trügt der Schein; wenn man auf die Deutung solcher Träume
    eingeht, erfährt man, daß das alles Traummaterial ist, nicht Darstel-
    lung intellektueller Arbeit im Traum. Der Inhalt der Traumgedanken
    ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht die Be-
    ziehungen der Traumgedanken zueinander, in deren Feststellung das
    Denken besteht. Ich werde hierfür Beispiele erbringen. Am leichtesten ist
    es aber zu konstatieren, daß alle Reden, die in Träumen vorkommen, und
    die ausdrücklich als solche bezeichnet werden, unveränderte oder nur wenig
    modifizierte Nachbildungen von Reden sind, die sich ebenso in den Erinne-
    rungen des Traummaterials vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung
    auf ein in den Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes
    ein ganz anderer.

    Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denkarbeit,
    die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, ihren Anteil
    an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors werde ich zu Ende
    dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich dann ergeben, daß diese
    Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken, sondern durch den in gewissem
    Sinne bereits fertigen Traum hervorgerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwischen
    den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht finden.
    Wo sich z. B. Widerspruch im Traum findet, da ist es entweder Widerspruch
    gegen den Traum oder Widerspruch aus dem Inhalt eines der Traumgedanken;
    einem Widerspruch zwischen den Traumgedanken entspricht der Wider-
    spruch im Traum nur in höchst indirekt vermittelter Weise.

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die Redeabsicht
    der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Verwarnung u. dgl. anders
    zum Ausdruck zu bringen als durch den flatternden Zettel, so hat sich auch
    für den Traum die Möglichkeit ergeben, einzelnen der logischen Relationen
    zwischen seinen Traumgedanken durch eine zugehörige Modifikation der
    eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die
    Erfahrung machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung
    verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das logische Ge-
    füge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer dasselbe möglichst
    vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger
    weit von dem ihm zur Bearbeitung vorliegenden Text. Ähnlich wechselnd
    benimmt sich der Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traum-

  • S.

    216

    gedanken, wenn ein solches im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traum
    von Irmas Injektion).

    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer darstell-
    baren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde versuchen, sie
    einzeln aufzuzählen.

    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zusammen-
    hang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im ganzen gerecht,
    daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als Situation oder Vorgang
    vereinigt. Er gibt logischen Zusammenhang wieder als Gleichzeitig-
    keit; er verfährt darin ähnlich wie der Maler, der alle Philosophen oder
    Dichter zum Bild einer Schule von Athen oder des Parnaß zusammen-
    stellt, die niemals in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen ge-
    wesen sind, wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft
    bilden.

    Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft er
    zwei Elemente nahe bei einander zeigt, bürgt er für einen besonders innigen
    Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traumgedanken. Es
    ist wie in unserem Schriftsystem. ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben
    in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b nach einer freien Lücke
    läßt a als den letzten Buchstaben des einen Worts und b als den ersten eines
    anderen Worts erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen
    nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials,
    sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammen-
    hange stehen.

    Die Kausalbeziehungen darzustellen hat der Traum zwei Verfahren,
    die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere Darstellungsweise,
    wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies so und so war, mußte dies
    und jenes geschehen, besteht darin, den Nebensatz als Vortraum zu bringen
    und dann den Hauptsatz als Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet
    habe, kann die Zeitfolge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem
    Hauptsatz der breiter ausgeführte Teil des Traumes.

    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat mir
    einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin vollständig mit-
    teilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und einem sehr weit-
    läufigen Traumstück, das im hohen Grade zentriert war und etwa über-
    schrieben werden konnte: Durch die Blume. Der Vortraum lautete so: Sie
    geht in die Küche zu den beiden Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden
    „mit dem bißl Essen“. Dabei sieht sie sehr viel grobes Küchengeschirr zum
    Abtropfen umgestürzt in der Küche stehen, und zwar in Haufen aufeinander
    gestellt. Die beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei wie in einen
    Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den Hof reicht.

    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt von hoch-
    herab, über eigentümlich gebildete Geländer, und freut sich, daß ihr Kleid dabei
    nirgends hängen bleibt usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
    Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer Mutter
    gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen Ge-
    schirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der andere Teil des

  • S.

    217

    Zusammenhang, Kausalbeziehung.

    Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der sich viel mit Dienst-
    mädchen zu schaffen machte und dann bei einer Überschwemmung – das
    Haus stand nahe am Ufer des Flusses – sich eine tödliche Erkrankung holte.
    Der Gedanke, der sich hinter diesem Vortraum verbirgt, heißt also: Weil
    ich aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen
    stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt
    ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher Abkunft.
    Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war mein Lebens-
    lauf so und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traums in zwei ungleiche
    Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den Gedanken der
    beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden Träumen dasselbe Material
    von verschiedenen Gesichtspunkten aus dargestellt würde; sicherlich gilt
    dies für die in eine Pollution auslaufende Traumreihe einer Nacht, in welcher
    das somatische Bedürfnis sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck
    erzwingt. Oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren im Traum-
    material hervorgegangen und überschneiden einander im Inhalt, so daß in
    dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und
    umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die Spaltung
    in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung
    zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungsweise des Kausalverhält-
    nisses findet Anwendung bei minder umfangreichem Material und besteht
    darin, daß ein Bild im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in
    ein anderes verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich
    gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht
    wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere gekommen.
    Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf
    dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Verursachung dargestellt durch
    ein Nacheinander, einmal durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das
    andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes.
    In den allermeisten Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht
    dargestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche
    Nacheinander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder–Oder“ kann der Traum überhaupt nicht
    ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt in einen Zu-
    sammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür enthält der Traum
    von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken heißt es offenbar: Ich
    bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas Schmerzen; die Schuld liegt
    entweder an ihrem Sträuben gegen die Annahme der Lösung, oder daran,
    daß sie unter ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern
    kann, oder ihre Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern orga-
    nischer Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschließen-
    den Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch eine
    vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder–Oder habe ich dann
    nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traumgedanken ein-
    gesetzt.

  • S.

    218

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein Entweder–
    Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten oder ein Wohnzimmer
    usw., da kommt in den Traumgedanken nicht etwa eine Alternative, sondern
    ein „und“, eine einfache Anreihung, vor. Mit Entweder–Oder beschreiben
    wir zumeist einen noch auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an
    einem Traumelemente. Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen
    Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleichzusetzen und durch
    „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit vergeblich
    auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes gewartet habe, daß ich
    ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse mitteilt. Ich sehe sie in
    blauem Druck auf den Papierstreifen des Telegramms; das erste Wort ist
    verschwommen, etwa via,
    oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno,
    oder sogar (Casa).

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich an
    unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen Ärger
    aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir geheim gehalten; jedes der
    Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Wort läßt sich bei der Analyse
    als selbständiger und gleichberechtigter Ausgangspunkt der Gedankenver-
    kettung erkennen.

    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von einer
    bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagzettel – etwa wie die das
    Rauchverbot verkündenden Zettel in den Wartesälen der Eisenbahnen –
    auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken
    oder
    Man bittet, ein Auge zuzudrücken
    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
    Man bittet, die Auge(n) zuzudrücken.

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt in
    der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell möglichst
    einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über solche Ver-
    anstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren aber mit
    solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie meinten, man werde
    sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher bittet der eine Wort-
    laut des Traumes „ein Auge zuzudrücken“, d. h. Nachsicht zu üben. Die
    Bedeutung der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder–Oder be-
    schrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht
    gelungen, einen einheitlichen, aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traum-
    gedanken herzustellen. So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon
    im Trauminhalt voneinander.

    In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei gleich
    große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von
    Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg vernachlässigt,
    das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren. Gegensätze werden

  • S.

    219

    mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen oder in einem
    dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch die Freiheit, ein beliebiges Ele-
    ment durch seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst
    von keinem eines Gegenteils fähigen Element weiß, ob es in den Traum-
    gedanken positiv oder negativ enthalten ist1). In dem einen der letzter-
    wähnten Träume, dessen Vordersatz wir bereits gedeutet haben („weil ich
    von solcher Abkunft bin“), steigt die Träumerin über ein Geländer herab
    und hält dabei einen blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem
    Bilde einfällt, wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä
    Verkündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weiß-
    gekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während die
    Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im
    Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist
    aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede einzelne einer Kamelie
    gleicht. Am Ende ihres Weges, heißt es im Traum weiter, sind die Blüten
    schon ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die
    Periode. Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie
    von einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Kamelien-
    dame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode
    aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten“ in den
    Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld dar und
    auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher die Freude aus-
    drückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen
    Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedanken-
    gang durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle
    Reinheit habe zuschulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). Wir
    können bei der Analyse des Traums deutlich die beiden Gedankengänge
    unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle
    tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren
    gleiche aber gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente
    Darstellung gefunden haben.

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mechanis-
    mus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zugute. Es ist dies die Relation
    der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das „Gleichwie“, die im
    Traume wie keine andere mit mannigfachen Mitteln dargestellt werden kann2).
    Die im Traummaterial vorhandenen Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“

    1)Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1884 (siehe
    mein Referat im Jahrbuch f. PsA. II, 1910 [Ges. Schriften, Bd. X]), erfuhr ich die
    überraschende, auch von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten
    Sprachen sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben
    anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten-
    oder Tätigkeitsreihe (stark–schwach, alt–jung, fern–nah, binden–trennen) und bilden ge-
    sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte Modi-
    fikationen des gemeinsamen Urworts. Abel weist diese Verhältnisse im großen Aus-
    maße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch
    in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf.

    2)Vergleiche die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung zum Traum-
    deuter (s. oben S. 68).

  • S.

    220

    sind ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein unbeträcht-
    liches Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen,
    wenn die vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge-
    langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der
    Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.
    Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird vom
    Traum ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu einer Einheit,
    welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden oder neu gebildet
    wird. Den ersten Fall kann man als Identifizierung, den zweiten als
    Mischbildung benennen. Die Identifizierung kommt zur Anwendung, wo-
    es sich um Personen handelt; die Mischbildung, wo Dinge das Material der
    Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von Personen herge-
    stellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.

    Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein Gemein-
    sames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung gelangt, während
    die zweite oder die anderen Personen für den Traum unterdrückt scheinen.
    Diese eine deckende Person geht aber im Traum in alle die Beziehungen und
    Situationen ein, welche sich von ihr oder von den gedeckten Personen ab-
    leiten. Bei der Mischbildung, die sich auf Personen erstreckt, sind bereits
    im Traumbild Züge, die den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam
    sind, vorhanden, so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
    Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf verschiedenen
    Wegen zustande gebracht werden. Entweder die Traumperson hat von der
    einen ihrer Beziehungspersonen den Namen – wir wissen dann in einer Art,
    die dem Wissen im Wachen ganz analog ist, daß diese oder jene Person ge-
    meint ist – während die visuellen Züge der anderen Person angehören; oder
    das Traumbild selbst ist aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf
    beide verteilen, zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der
    Anteil der zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die
    man ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder
    die Situation, in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kenn-
    zeichnung beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und
    Mischpersonbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen,
    daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene
    des Traums der einen Person zugeschrieben und die andere – in der Regel
    wichtigere – tritt als sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin. Der Träumer
    erzählt etwa: Meine Mutter war auch dabei (Stekel). Ein solches Element
    des Trauminhalts ist dann einem Determinativum in der Hieroglyphen-
    schrift zu vergleichen, welches nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung
    eines anderen Zeichens bestimmt ist.

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen recht-
    fertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder fehlen. In der
    Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung eben dazu, die Dar-
    stellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt zu wiederholen: A ist
    mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich im Traum eine Mischperson aus
    A und B, oder stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche uns B-
    charakterisiert. Die so gewonnene Traumperson tritt mir im Traum in irgend-

  • S.

    221

    welcher neuen Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstande, daß sie sowohl
    A als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende
    Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, nämlich
    das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele ich oft eine ganz
    außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; ich kann mir die direkte
    Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, die mit einer Person zusammen-
    hängen, ersparen, wenn ich zu dieser Person eine andere gefunden habe, die
    auf einen Teil dieser Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht
    zu verstehen, inwiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch dazu
    dienen kann, die Widerstandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit
    unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in
    jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver-
    knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Beziehungen
    zu dem beanstandeten Material hat, aber nur zu einem Teil desselben. Die
    Berührung in jenen nicht zensurfreien Punkte gibt mir jetzt das Recht, eine
    Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten hin durch indifferente Züge
    charakterisiert ist. Diese Misch- oder Identifizierungsperson ist nun als
    zensurfrei zur Aufnahme in den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch
    Anwendung der Traumverdichtung den Anforderungen der Traumzensur
    genügt.

    Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen dargestellt
    ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen verhüllten Gemein-
    samen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur unmöglich gemacht
    wird. Es hat hier gewissermaßen zugunsten der Darstellbarkeit eine Ver-
    schiebung in betreff des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß mir die
    Mischperson mit einem indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird,
    soll ich ein anderes keineswegs indifferentes Gemeinsame in den Traumge-
    danken erschließen.

    Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im Traum
    verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden Personen Ge-
    meinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen Gemeinsamkeit,
    drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemeinsamkeit zum Aus-
    druck zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Gemeinsamkeit zwischen
    zwei Personen häufig mit einem Vertauschen derselben zusammenfällt, so
    ist auch diese Relation im Traum durch Identifizierung ausgedrückt. Ich
    wünsche im Traume von Irmas Injektion, diese Patientin mit einer anderen
    zu vertauschen, wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge,
    wie es die eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er
    mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position untersucht
    wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkel-
    traum ist diese Vertauschung zum Mittelpunkt des Traums gemacht; ich
    identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen nicht besser
    als er behandle und beurteile.

    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, daß
    jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch1).

    1)Vgl. hiezu die Bemerkung S. 187.

  • S.

    222

    Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person vorkommt,
    da darf ich ruhig annehmen, daß mein Ich durch Identifizierung hinter jener
    Person versteckt ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein
    Ich im Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet,
    daß hinter dem Ich eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt.
    Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser
    Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es
    gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt,
    die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich enthüllen.
    Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen gewisse
    Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die Zensur erhoben hat. Ich
    kann also mein Ich in einem Traum mehrfach darstellen, das eine Mal direkt,
    das andere Mal vermittels der Identifizierung mit fremden Personen. Mit
    mehreren solchen Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedanken-
    material verdichten1). Daß das eigene Ich in einem Traume mehrmals vor-
    kommt oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grunde nicht
    verwunderlicher, als daß es in einem bewußten Gedanken mehrmals und an
    verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen enthalten ist. Z. B. im
    Satze: Wenn ich daran denke, was für gesundes Kind ich war.

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auflösung der
    Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlichkeiten, da hier die
    Störung durch das im Traume übermächtige Ich entfällt. In einem meiner
    Romträume (S. 135) heißt der Ort, an dem ich mich befinde, Rom; ich er-
    staune aber über die Menge von deutschen Plakaten an einer Straßenecke.
    Letzteres ist eine Wunscherfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der
    Wunsch selbst mag aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode
    der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein
    Zusammentreffen mit meinem Freunde in Aussicht genommen; die Identi-
    fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Gemein-
    samkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für
    diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.

    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter den
    Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge verleihen,
    indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt werden, welche
    niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. Der psychische Vor-
    gang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar der nämliche, wie wenn
    wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder nachbilden.
    Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen Schöpfung im
    Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes selbst das Maßgebende-
    ist, während die Mischbildung des Traumes durch ein Moment, welches
    außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken,
    determiniert wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfacher-
    Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden nur die

    1)Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Personen
    ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die Person, die im
    Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die verbirgt
    mein Ich.

  • S.

    223

    Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Darstellung ist von
    einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes Objekt gelte. Eine
    sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen wie des anderen Objektes
    zu einem neuen Bilde und bedient sich dabei geschickt der etwa in der Realität
    gegebenen Ähnlichkeiten zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann
    gänzlich absurd ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen,
    je nachdem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen.
    Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu
    disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit
    einem deutlicheren Kern zu schaffen, an den sich undeutlichere Bestim-
    mungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht
    gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas
    wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man sich die Bildung eines
    Begriffes aus individuellen Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, könnte
    man zu ähnlichen Darstellungen in einer Zeichnung gelangen.
    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden; einige
    Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits mitgeteilt;
    ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traum auf S. 216, welcher den
    Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“ oder „verblümt“ beschreibt,
    trägt das Traum-Ich einen blühenden Zweig in der Hand, der, wie wir er-
    fahren haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der
    Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirsch-
    blüten; die Blüten selbst, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu
    das Ganze noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das
    Gemeinsame an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den
    Traumgedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke
    zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte, sich
    gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren Jahren
    ein Kamelienstock; das Exotische ist eine Anspielung auf einen vielgereisten
    Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um ihre Gunst werben
    wollte. Eine andere Patientin schafft sich im Traum ein Mittelding aus
    Badekabinen im Seebad, ländlichen Aborthäuschen und den Boden-
    kammern unserer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen
    ist die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam;
    es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen,
    daß (in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Ent-
    blößung war. Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
    keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer und
    dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen gelernt hat.
    Ein Mädchen träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit
    Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß dessen Beine von den
    schwarzen Kaviarperlen übersät sind. Die Elemente „Ansteckung“
    im moralischen Sinn und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit,
    der die Beine mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät er-
    scheinen ließ, haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff
    vereinigt, dessen „was sie von ihrem Bruder bekommen hat“. Teile
    des menschlichen Körpers werden in diesem Traum behandelt wie Objekte,

  • S.

    224

    wie auch in sonstigen Träumen. In einem von Ferenczi mitgeteilten
    Traume kam ein Mischgebilde vor, das aus der Person eines Arztes und aus
    einem Pferde zusammengesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte.
    Das Gemeinsame dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nach-
    dem das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer
    Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen um Objekte
    ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau
    öfters in das militärische Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegenheit
    hatte, ihre — damals noch ungehemmte — Neugierde ausgiebig zu befriedigen.
    Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die Relation
    des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken. Ich gehe daran,
    dieser Behauptung zum ersten Male zu widersprechen. Ein Teil der Fälle,
    die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung
    einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit der
    Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden werden
    kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil
    der Gegensätze in den Traumgedanken, der etwa unter die Kategorie „Um-
    gekehrt, im Gegenteile“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traum
    auf folgende merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Um-
    gekehrt“ gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine
    Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe-
    liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleichsam nach-
    träglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren als zu
    beschreiben. Im schönen Traum von „Auf und nieder“ (S. 196) ist die
    Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das Vorbild in den Traum-
    gedanken, nämlich die Introduktionsszene der Sappho Daudets; es geht
    im Traume anfangs schwer, später leicht, während in der Szene das Steigen
    anfangs leicht, später immer schwerer wird. Auch das „Oben“ und „Unten“
    in bezug auf den Bruder ist im Traum verkehrt dargestellt. Dies deutet
    auf eine Relation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken
    des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden
    haben, daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme
    getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trägt. Auch
    mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M. (1) unten) enthält ein
    solches „Umgekehrt“, das erst redressiert werden muß, ehe man auf die
    Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traum hat Goethe einen jungen
    Mann, Herrn M. angegriffen; in der Realität, wie sie die Traumgedanken
    enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten
    jungen Autor angegriffen worden. Im Traum rechne ich vom Sterbedatum
    Goethes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahr des
    Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial maßgebend ist,
    ergibt sich als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll,
    als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht
    verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen
    von Umkehrung scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche
    Wendung („einem die Kehrseite zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung
    in bezug auf den Bruder im Sapphotraum). Es ist ferner bemerkenswert,
     

  • S.

    225

    wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen gebraucht wird, die von ver-
    drängten homosexuellen Regungen eingegeben sind.

    Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines der
    beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungsmittel der
    Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein be-
    stimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es
    doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Reaktion
    des Ichs gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders wertvoll
    wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Ent-
    stellung des Darzustellenden zustande bringt, welches das Verständnis des
    Traumes zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen
    Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung mit
    bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht selten
    alles sofort klar wird.

    Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu übersehen.
    Eine häufige Technik der Traumstellung besteht darin, den Ausgang
    der Begebenheit oder den Schluß des Gedankengangs zu Eingang des Traums
    darzustellen und am Ende desselben die Voraussetzungen des Schlusses oder
    die Ursachen des Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses technische
    Mittel der Traumstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traum-
    deutung ratlos gegenüber1).

    Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, wenn
    man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach verschiedenen
    Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich im Traume eines jungen
    Zwangsneurotikers die Erinnerung an den infantilen Todeswunsch gegen den
    gefürchteten Vater hinter folgendem Wortlaut: Sein Vater schimpft mit
    ihm, weil er so spät nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang der psycho-
    analytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zunächst
    lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß ihm der Vater
    auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte es vor-
    gezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was
    mit dem Todeswunsch gegen den Vater identisch ist (siehe S. 175). Der
    Träumer hatte sich nämlich als kleiner Knabe während einer längeren Ab-
    wesenheit des Vaters eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person
    zuschulden kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden: ,Na
    wart‘, bis der Vater zurückkommt!

    1)Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
    hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
    Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
    im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
    Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
    liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
    Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
    ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
    armung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
    Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und
    spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung Artemidorus: „Bei
    der Auslegung von Traumgeschichten muß man sie einmal vom Anfang gegen das
    Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge fassen.“

  • S.

    226

    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
    weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum selbst zum Aus-
    gangspunkt und stellt sich die Frage, was gewisse formale Charaktere der
    Traumdarstellung in bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen
    formalen Charakteren, die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor allem
    die Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde
    und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume unter-
    einander verglichen. Die Unterschiede in der Intensität des einzelnen Traum-
    gebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die man
    – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der Realität zu stellen,
    bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als charakteristisch
    für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem der Grade der Undeutlich-
    keit, die wir gelegentlich an den Objekten der Realität wahrnehmen, voll-
    kommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich bezeichnen wir überdies den Ein-
    druck, den wir von einem undeutlichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“,
    während wir von den deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch
    längere Zeit der Wahrnehmung Stand gehalten haben. Es fragt sich nun,
    durch welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der
    Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhalts hervorgerufen werden.

    Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzu-
    treten, die
    sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traums auch
    wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, wird man
    wahrscheinlich voraus-
    setzen, daß diese oder die von ihnen abgeleiteten
    Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität hervorstechen,
    oder umgekehrt, daß, was im Traum ganz besonders lebhaft ausfällt, auf
    solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung
    hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente des
    Traums, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während des Schlafes
    (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen stammen,
    durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht für die
    Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren.

    Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche
    Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe
    zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Elemente in den Traum-
    gedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit zu-
    sammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen als die bedeutsamsten,
    welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun wissen wir zwar,
    daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den
    Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden
    nächsten Abkömmlinge im Traum einen höheren Intensitätsgrad aufbringen,
    ohne daß sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch
    diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traum
    und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat mit der
    Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet zwischen Traum-
    material und Traum tatsächlich eine völlige „Umwertung aller psy-
    chischen Werte“ statt. Gerade in einem flüchtig hingehauchten, durch
    kräftigere Bilder verdeckten Element des Traums kann man oft einzig

  • S.

    227

    und allein einen direkten Abkömmling dessen entdecken, was in den Traum-
    gedanken übermäßig dominierte.

    Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders determiniert,
    und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. Zunächst ist es
    leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv dargestellt sind, durch
    welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die Analyse,
    daß von den lebhaftesten Elementen des Traums auch die meisten Ge-
    dankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die bestdeterminierten
    sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn wir den letzten, empirisch ge-
    wonnenen Satz in nachstehender Form aussprechen: Die größte Intensität
    zeigen jene Elemente des Traums, für deren Bildung die ausgiebigste Ver-
    dichtungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann erwarten,
    daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung auch in einer ein-
    zigen Formel ausgedrückt werden können.

    Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der größeren
    und geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen Traumelemente,
    möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Problem schützen, welches
    sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer Träume oder Traumabschnitte
    bezieht. Dort ist der Gegensatz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier
    Verworrenheit. Es ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die
    steigenden und fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten.
    Eine Partie des Traums, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive
    Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven Ele-
    menten zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die Skala vom an-
    scheinend Klaren bis zum Undeutlich-Verworrenen bietet, weit komplizierter
    als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; ja ersteres
    entzieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch der Erörterung.
    In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck
    von Klarheit oder Undeutlichkeit, den man von einem Traum empfängt,
    überhaupt nichts für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traum-
    material als ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an
    einen Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos
    und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine
    neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus der
    Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als „Phanta-
    sien während des Schlafens“ bezeichnet werden durften. Nähere Prüfung
    ergab, daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge
    zeigte wie jeder andere; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien
    auch wieder fallen1). Der reduzierte Inhalt des Traums war aber, daß ich
    meinem Freunde eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität
    vortrug, und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verant-
    worten, daß uns diese Theorie (die übrigens im Traum nicht mitgeteilt wurde)
    klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen
    Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des
    Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste wache

    1)Ich weiß heute nicht, ob mit Recht.

  • S.

    228

    Denken über und übermittelte mir als Urteil über den Traum jenes Stück
    des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im Traum ihr nicht gelungen
    war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin,
    die einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen
    wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und endlich unter wieder-
    holten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im
    Traum mehrere Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als
    ob sie nicht gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich ihr
    Vater sei oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren
    Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich
    alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen
    mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, „wer
    eigentlich der Vater (des Kindes) sei“1). Die Unklarheit, die der Traum zeigte,
    war also auch hier ein Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück
    dieses Inhalts war in der Form des Traumes dargestellt worden. Die Form
    des Traumes oder des Träumens wird in ganz überraschender
    Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten Inhaltes verwendet.

    Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu dem-
    selben, dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffiniertesten
    Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. wenn
    ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt, und die Analyse eine
    infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, die sich nach
    der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche Mit-
    teilung verdient: Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der ihn
    an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befindet
    sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt
    in einen Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter ent-
    kleiden, um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken
    im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, der
    mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht sich ver-
    gebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phantasie zu er-
    innern, auf die der Traum offenbar anspielt. Aber man wird endlich auf-
    merksam, daß der gesuchte Inhalt durch die Äußerung über die undeutliche
    Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die „Lücken“ sind die Genital-
    öffnungen der zu Bette gehenden Frauen; „da fehlt etwas“ beschreibt den
    Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren
    vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu sehen, und war noch geneigt,
    an der infantilen Sexualtheorie, die dem Weibe ein männliches Glied zu-
    schreibt, festzuhalten.

    In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz eines
    anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in das Volksgarten-
    restaurant…, dann kommt eine dunkle Stelle, eine Unterbrechung…,
    dann befinde ich mich in einem Bordellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen
    sehe, eine in Hemd und Höschen.


    1)Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver-
    stimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.

  • S.

    229

    Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie er selbst
    zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, mit ihr zu
    sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen ihnen vor, in der „man
    sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man sagen würde:
    Ich bin ein Mann und du ein Weib“. Im angegebenen Restaurant war er
    nur einmal in Begleitung der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens,
    das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Ge-
    sellschaft von drei Damen bis zum Eingange in dieses Restaurant. Die Damen
    waren seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester
    seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei der Schwester-
    reihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht, vielleicht zwei- oder
    dreimal in seinem Leben.

    Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle“, „Unterbrechung“
    im Traume, und behauptete, daß er in knabenhafter Wißbegierde einigemal,
    allerdings nur selten, das Genitale seiner um einige Jahre jüngeren Schwester
    inspiziert habe. Einige Tage später stellte sich die bewußte Erinnerung an
    die vom Traume angedeutete Untat ein.

    Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem näm-
    lichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppierung und
    Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den latenten
    Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen, die aus
    mehreren Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben
    Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß
    diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten,
    die nämlichen Regungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen.
    Der zeitlich vorangehende dieser homologen Träume ist dann häufig der
    entstelltere, schüchternere, der nachfolgende ist dreister und deutlicher.

    Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von den
    Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich bei Josephus
    (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführlicher als in der Bibel
    berichtet. Nachdem der König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: „Nach
    diesem ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach,
    was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder
    ein und hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr
    in Furcht und Verwirrung gesetzt hat.“ Nach Anhören der Traumerzählung
    sagt Josef: „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein zwei-
    facher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung.“

    Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“ erzählt,
    wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von ihren
    Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen weitergeführt
    wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß der Schlußgedanke
    einer langen Reihe von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten
    Bild der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt den
    Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder erneute symbolische
    Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen ins Harmlose usw.“ (Zentr. f.
    Psychoanalyse I, 1910, p. 87). Scherner hat diese Eigentümlichkeit der
    Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine

  • S.

    230

    Lehre von den Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich
    aber beobachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreizen aus-
    gehenden symbolischen Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie
    bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des
    Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich erschöpft
    hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes Organ oder dessen Funktion
    in Nacktheit hinstellt, womit der Traum, seinen organischen Anlaß selbst
    bezeichnend, das Ende erreicht – – –.“
    Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat Otto
    Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“, geliefert. Der
    von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte sich aus zwei auch
    zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, von denen der zweite
    mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins
    einzelne durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die Bei-
    träge der Träumerin, und die Fülle der Beziehungen zwischen den beiden
    Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner
    Darstellung dasselbe zum Ausdruck brachte wie der zweite, so daß dieser,
    der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte.
    Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die Bedeutung
    der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens überhaupt.
    In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traums auf Sicherheit
    oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, kommt man aber nach
    meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen. Ich werde späterhin den bisher
    nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung aufzudecken haben, von dessen
    Einwirkung diese Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.
    In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation und
    Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit folgenden Worten
    beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es gleichzeitig ein anderer
    Ort und dort ereignete sich dies und jenes.“ Was in solcher Weise die Haupt-
    handlung des Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder fortgesetzt
    werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein
    eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird
    im Traum durch Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn – wann).
    Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation der ge-
    hemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will gehen und kommt
    nicht von der Stelle, will etwas herrichten und stößt fortwährend auf Hinder-
    nisse. Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen, und man kann ihn
    nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie
    versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitions-
    träumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht.
    Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlaf bestehe motorische
    Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerkbar macht. Wir
    dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht beständig von solchen ge-
    hemmten Bewegungen?, und wir dürfen erwarten, daß diese im Schlaf jeder-
    zeit hervorzurufende Sensation irgendwelchen Zwecken der Darstellung diene
    und nur durch das im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Dar-
    stellung erweckt werde.

  • S.

    231

    Das Nichts-zu-Stande-
    bringen tritt im Traum nicht immer als Sensation,
    sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf. Ich halte einen solchen
    Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeutung dieses Traumrequi-
    sits aufzuklären. Ich werde verkürzt einen Traum mitteilen, in dem ich der
    Unredlichkeit beschuldigt erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer
    Privatheilan-
    stalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint, um
    mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im Traum weiß ich, daß etwas vermißt
    wird, und daß die Untersuchung wegen des Verdachts erfolgt, daß ich mir das
    Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu
    nehmen ist und ärztliche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner
    Unschuld und meiner Konsiliarfunk-
    tion in diesem Hause gehe ich ruhig mit
    dem Diener. An einer Türe empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf
    mich deutend: Den haben Sie mitgebracht, der ist ja ein anständiger Mensch.
    Ich gehe dann ohne Diener in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen,
    der mich an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erinnert. An einem
    Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der allen Grund hätte, sich um
    mich zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt dann, daß ich jetzt
    gehen kann. Da finde ich meinen Hut nicht und kann doch nicht gehen.

    Es ist offenbar die Wunscherfül-
    lung des Traums, daß ich als ehrlicher
    Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traumgedan-
    ken muß also
    allerlei Material vorhanden sein, das den Widerspruch dagegen enthält.
    Daß ich gehen darf, ist das Zeichen meiner Absolution; wenn also der Traum
    am Ende ein Ereignis bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl
    nahe zu schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider-
    spruchs sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, bedeutet
    also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichts-zu-Stande-
    bringen des
    Traums ist ein Ausdruck des Widerspruches, ein „Nein“, wonach
    also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, daß der Traum das Nein
    nicht auszudrücken vermag1).

    In anderen Träumen, welche das Nichts-zu-Stande-
    kommen der Be-
    wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist der-
    selbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshem-
    mung kräftiger
    ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die Sensation
    der Bewegungshem-
    mung stellt also einen Willenskonflikt dar. Wir
    werden später hören, daß gerade die motorische Lähmung im Schlaf zu
    den fundamentalen Bedingungen des psychischen Vorgangs während des
    Träumens gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist

    1)Eine Beziehung zu einem Kindheitser-
    lebnis ergibt sich in der vollständigen
    Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr
    kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn er seine Schuldig-
    keit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll soviel wirres schwarzes Haar
    mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter für einen kleinen Mohren
    erklärte.) – Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehrsinnig verwertetes Tages-
    erlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen hatte ihn versteckt. –
    Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich hinter diesem Traume:
    Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich darf noch nicht gehen. –
    Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume von Goethe und dem
    Paralytiker (s. u.).

  • S.

    232

    nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlaf
    diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so
    überaus geeignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein“, das
    sich ihm entgegengesetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
    auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe
    steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist ein
    libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vorbewußten
    gehemmt wird1). Wo also im Traume die Sensation der Hemmung mit
    Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln, das einmal
    fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle Regung.

    Was die häufig während eines Traums auftauchende Urteilsäußerung:
    „Das ist ja nur ein Traum“ bedeute, und welcher psychischen Macht sie
    zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle (s. u.) erörtern. Ich nehme
    hier vorweg, daß sie zur Entwertung des Geträumten dienen soll. Das in
    der Nähe liegende interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird,
    wenn ein gewisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird,
    das Rätsel des „Traumes im Traume“, hat W. Stekel durch die Analyse
    einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Geträumte“
    des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität beraubt werden; was
    nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume“ weiter geträumt wird,
    das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten Realität setzen.
    Man darf also annehmen, daß das „Geträumte“ die Darstellung der
    Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende Traum im Gegenteil
    die Darstellung des bloß vom Träumer Gewünschten enthält. Der Ein-
    schluß eines gewissen Inhalts in einen „Traum im Traume“ ist also
    gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte
    geschehen sollen. Mit anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit
    von der Traumarbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies
    die entschiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, die stärkste
    Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst
    als eine Form der Ablehnung und bezeugt damit die Einsicht, daß der
    Traum eine Wunscherfüllung ist.

    D

    Die Rücksicht auf Darstellbarkeit

    Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie der
    Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, griffen dabei
    aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche Veränderung das
    Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir
    wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile
    entblößt, einer Kompression unterliegt, während gleichzeitig Intensitäts-
    verschiebungen zwischen seinen Elementen eine psychische Umwertung

    1)Dieser Satz hält neueren Einsichten nicht mehr Stand.

  • S.

    233

    dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir berücksichtigt
    haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten Vorstellung durch
    eine andere ihr in der Assoziation irgendwie nahestehende, und sie
    wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt
    zweier Elemente ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme
    in den Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben
    wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt man aber,
    daß eine solche besteht, und daß sie sich in einer Vertauschung des
    sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden Gedanken kund
    gibt. Es handelt sich beide Male um Verschiebung längs einer Assoziations-
    kette, aber der gleiche Vorgang findet in verschiedenen psychischen Sphären
    statt, und das Ergebnis dieser Verschiebung ist das eine Mal, daß ein
    Element durch ein anderes substituiert wird, während im anderen Falle
    ein Element seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht.
    Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden Ver-
    schiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern ist auch
    besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absurdität, mit dem
    der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Verschiebung erfolgt in der
    Regel nach der Richtung, daß ein farbloser und abstrakter Ausdruck des
    Traumgedankens gegen einen bildlichen und konkreten eingetauscht wird.
    Der Vorteil, und somit die Absicht dieses Ersatzes, liegt auf der Hand.
    Das Bildliche ist für den Traum darstellungsfähig, läßt sich in
    eine Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung
    ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde wie etwa ein politischer Leit-
    artikel einer Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit,
    auch die Interessen der Verdichtung und der Zensur können bei diesem
    Tausche gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückt unbrauchbare Traum-
    gedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen
    diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher
    die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf, und
    die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten Termini sind
    in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfungsreicher als die
    begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes Stück der Zwischen-
    arbeit bei der Traumbildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf
    möglichst knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu reduzieren
    sucht, auf solche Weise, durch passende sprachliche Umformung der ein-
    zelnen Gedanken vor sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa
    aus anderen Gründen feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf
    die Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken, und dies vielleicht von
    vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht
    in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingungen
    gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken, und ihr Aus-
    druck muß den Gleichklang mit der ersten Reimzeile finden. Die besten
    Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht den Reim zu finden nicht
    merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch gegenseitige
    Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter
    Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt.

  • S.

    234

    In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traumver-
    dichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung finden läßt,
    welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken Ausdruck ge-
    stattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der Traumarbeit dienstbar
    gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche dem Worte bei der Traum-
    bildung zufällt, nicht wundern. Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher
    Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit, und die Neu-
    rosen (Zwangs-
    vorstellungen, Phobien) benützen die Vorteile, die das Wort
    so zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie
    der Traum1). Daß die Traumstellung bei der Verschiebung des Aus-
    drucks mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein
    zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird, und der Ersatz der
    alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält unser Ver-
    ständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob die von ihm
    gebrauchten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne zu deuten sind,
    direkt oder durch Vermittlung eingeschobener Redensarten auf das Traum-
    material bezogen werden sollen. Es ist im allgemeinen bei der Deutung
    eines jeden Traumelements zweifelhaft, ob es:
    a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatz-
    relation);
    b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
    c) symbolisch oder ob
    d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.

    Trotz dieser Vielseitigkeit darf man sagen, daß die Darstellung der
    Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt verstanden zu werden,
    dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet, als etwa die alten
    Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.

    Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
    des Ausdrucks zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere an-
    geführt („Der Mund geht gut auf“ im Injektionstraum; „Ich kann doch
    nicht gehen“ im letzten Traum S. 231 usw.). Ich werde nun einen Traum
    mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens
    eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der
    Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer scharf bestimmen; bei
    der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung
    vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher
    Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch feststehende
    Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Einfall zur rechten
    Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch unabhängig von den
    Angaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.

    Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in der Oper. Es
    ist eine Wagner-Vorstellung, die bis ¾ Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett
    und Parterre stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben
    von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an einem solchen Tische mit
    seiner jungen Frau; neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die

    1)Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 (Ges. Schriften
    Bd. IX), und die „Wortbrücken“ in den Lösungen neurotischer Symptome.

  • S.

    235

    junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, ganz offen, etwa
    wie man einen Hut von der Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts
    befindet sich ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, die von einem eisernen
    Gitter umgeben ist. Dort hoch oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters;
    er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar und leitet von
    diesem Posten aus das unten um die Basis des Turms angeordnete Orchester.
    Sie selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer Loge. Ihre jüngere
    Schwester will ihr aus dem Parkett ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit
    der Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern werde,
    und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa als ob die Logen während der
    langen Vorstellung geheizt werden müßten.)

    Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
    Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der Dirigent
    das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die Schwester
    hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine Analyse ver-
    langt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Beziehungen der Träumerin,
    gelang es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich wußte, daß sie
    viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig
    durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. Ich entschloß mich also,
    den Turm im Parkett wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der
    Mann, den sie an Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte,
    die übrigen Mitglieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm
    ist als ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit
    seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
    hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (Anspielung
    auf den Namen des Unglücklichen)1) herumläuft, das spätere Schicksal
    desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem die beiden Ge-
    danken zusammentreffen können.

    Nachdem so die Darstellungsweise des Traums aufgedeckt war, konnte
    man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den Kohlen,
    die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben Schlüssel auf-
    zulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten.

    „Kein Feuer, keine Kohle
    kann brennen so heiß
    als wie heimliche Liebe,
    von der niemand was weiß.“

    Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die jüngere
    Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die Kohle hinauf,
    „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange dauern wird“.
    Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht gesagt; in einer Erzählung
    würden wir ergänzen: die Vorstellung; im Traume dürfen wir den Satz
    für sich ins Auge fassen, ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis
    sie heiratet“. Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch
    die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch
    die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze
    zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der

    1)Hugo Wolf.

  • S.

    236

    Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens
    ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und
    dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.

    Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
    Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traumgedanken
    in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die Rücksicht
    auf die Darstellbarkeit in dem eigentümlichen psy-
    chischen Material, dessen sich der Traum bedient, also
    zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Nebenanknüpfungen
    an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt werden, welche
    eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traumarbeit scheut nicht die
    Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in eine andere sprachliche Form
    umzugießen, sei diese auch die ungewöhnlichere, wenn sie nur die Dar-
    stellung ermöglicht und so der psychologischen Bedrängnis des einge-
    klemmten Denkens ein Ende macht. Diese Umleerung des Gedankeninhalts
    in eine andere Form kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Ver-
    dichtungsarbeit stellen und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen,
    die sonst nicht vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst
    zum Zwecke des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck
    verändert haben.

    Herbert Silberer1) hat einen guten Weg gezeigt, wie man die
    bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in
    Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit
    isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung und
    Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete es sich
    ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat,
    in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen konnte. Silberer
    nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen „autosymbolischen“. Ich
    gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit von Silberer wieder, auf
    welche ich wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten Phänomene
    noch an anderer Stelle zurückkommen werde.

    „Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatze
    eine holprige Stelle auszubessern.
    Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatthobeln.“

    „Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer
    Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. Dieser
    Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf der Suche
    nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseinsformen oder Da-
    seinsschichten durcharbeitet.

    Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, wie um
    ein Stück davon zu nehmen.

    Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das ‚Durcharbeiten‘,
    von dem die Rede ist… Die Erklärung des Symbolgrundes ist die folgende:
    Es fällt mir bei Tisch hie und da das Zerschneiden und Vorlegen einer
    Torte zu, ein Geschäft, welches ich mit einem langen, biegsamen Messer

    1)Jahrb. v. Bleuler-Freud I, 1909.

  • S.

    237

    verrichte, was einige Sorgfalt erheischt. Insbesondere ist das reinliche Heraus-
    heben der geschnittenen Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden;
    das Messer muß behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden
    (das langsame „Durcharbeiten“, um zu den Gründen zu gelangen). Es
    liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Symbols war
    nämlich eine Dobos-Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende
    Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hat (die Schichten
    des Bewußtseins und Denkens).“

    „Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden.
    Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß mir
    der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
    Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausgefallen sind.“

    Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und Sprich-
    wörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es vollkommen der
    Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art überaus häufig für
    Darstellung der Traumgedanken verwendet werden sollten. Was bedeuten
    z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit anderem Gemüse angefüllt
    ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut und Rüben“, also „Durch-
    einander“, und bedeutet demnach „Unordnung“. Ich habe mich gewundert,
    daß mir dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet worden ist1). Nur
    für wenige Materien hat sich eine allgemein gültige Traumsymbolik heraus-
    gebildet, auf Grund allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen.
    Ein gutes Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psycho-
    neurosen, den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam.

    Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die Traum-
    arbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles leistet.
    Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensurfreien Darstellbar-
    keit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im unbewußten Denken bereits
    gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Umwandlungen des verdrängten
    Materials, die als Witz und Anspielung auch bewußt werden dürfen, und
    mit denen alle Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich
    dann plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen Scherners,
    deren richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasie-
    beschäftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein
    eigentümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt,
    daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vor-
    kommnis ist und auf sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
    Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechts für den
    heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie aber
    Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das Haus
    nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der Leiblich-
    keit verwendet wird – im Traume so wenig wie im unbewußten Phanta-
    sieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die allerdings die architektonische
    Symbolik des Körpers und der Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse

    1)Diese Darstellung ist mir wirklich nicht wieder begegnet, so daß ich an der
    Berechtigung der Deutung irre geworden bin.

  • S.

    238

    VI. Die Traumarbeit.

    weit über das Gebiet der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben,
    denen Pfeiler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes
    Tor an eine der Körperöffnungen („Loch“), die jede Wasserleitung an
    den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gerne wird der Vor-
    stellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck sexueller
    Bilder gewählt1); im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der Nieder-
    schlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet
    (der „Weinberg“ des Herrn, der „Samen“, der „Garten“ des Mädchens
    im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen
    der Küche lassen sich die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des
    Sexuallebens denken und träumen, und die Symptomatik der Hysterie
    wird geradezu undeutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik
    hinter dem Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck
    verbergen kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische
    Kinder kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und
    Nudeln erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der
    Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und
    überall, wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
    Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen
    hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprach-
    gebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.

    Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin ein,
    in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist unterstreiche. Der schöne Traum
    wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht mehr gefallen.

    a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mädchen und tadelt
    sie, daß sie nicht fertig werden „mit dem bissel Essen“, und sieht dabei soviel
    umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in Haufen zu-
    sammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden Mädchen gehen Wasser holen,
    und müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof
    reicht2).

    b) Haupttraum3): Sie steigt von hoch herab4) über eigentümliche Geländer
    oder Zäune, die zu großen Carreaus vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen
    Quadraten bestehen5). Es ist eigentlich nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat
    immer Sorge, daß sie Platz für den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid
    dabei nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig bleibt6). Dabei
    trägt sie einen großen Ast in der Hand7), eigentlich wie einen Baum, der dick


    1)Reichliches Belegmaterial hiezu in den Ergänzungsbänden von Ed.
    Fuchs, „Illustr. Sittengeschichte“ (Privatdrucke bei A. Langen, München).

    2)Zur Deutung dieses als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 216.

    3)Ihr Lebenslauf.

    4)Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.

    5)Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstande ihrer späteren
    Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.

    6)Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß sie
    sich im Schlafe zu entblößen pflegte.

    7)Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.

  • S.

    239

    Ein Beispiel von sexueller Symbolik.

    mit roten Blüten besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet1). Dabei ist die Idee
    Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie gefüllte Kamelien, die freilich
    nicht auf Bäumen wachsen. Während des Herabgehens hat sie zuerst einen,
    dann plötzlich zwei, später wieder einen2). Wie sie unten anlangt, sind die
    unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt,
    einen Hausknecht, der einen ebensolchen Baum, sie möchte sagen – kämmt,
    d. h. mit einem Holz dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herabhängen,
    rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und
    auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon
    nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen
    kann3). Im Garten steht ein junger Mann (von ihr bekannter Persönlichkeit,
    ein Fremder), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man solche Äste in
    ihren eigenen Garten umsetzen könne4). Er umfängt sie, worauf sie sich
    sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn so umfangen darf. Er
    sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt5). Er erklärt sich dann bereit, mit
    ihr in den anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und
    sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir ohnedies drei Meter
    – (später sagt sie: Quadratmeter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob
    er für seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er die Absicht
    habe, sich in ihrem Garten zu entschädigen oder als wollte er irgendein
    Gesetz betrügen, einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden hat.
    Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.

    Der vorstehende, wegen seiner symbolischen Elemente hervorgehobene
    Traum ist ein „biographischer“ zu nennen. Solche Träume kommen in
    den Psychoanalysen häufig vor, aber vielleicht nur selten außerhalb
    derselben6).

    Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber dessen
    Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Verhältnisse führen.
    Alles leitet zum gleichen Schluß, daß man keine besondere symbolisierende
    Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit anzunehmen braucht, sondern
    daß der Traum sich solcher Symbolisierungen, welche im unbewußten Denken
    bereits fertig enthalten sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit,
    zumeist auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traum-
    bildung besser genügen.


    1) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 219: Unschuld, Periode,
    Kameliendame.

    2) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen.

    3) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.

    4) Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung an den Familiennamen.

    5) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

    6) Ein analoger „biographischer“ Traum ist der unter den Beispielen zur
    Traumsymbolik als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank ausführlich mitgeteilte
    „Traum, der sich selbst deutet“; einen anderen, der „verkehrt“ gelesen werden muß,
    siehe bei Stekel p. 486.

  • S.

    240

    E

    Die Darstellung durch Symbole im Traume – Weitere
    typische Träume

    Die Analyse des letzten biographischen Traums steht als Beweis
    dafür, daß ich die Symbolik im Traume von Anfang an erkannt habe.
    Zur vollen Würdigung ihres Umfangs und ihrer Bedeutung gelangte ich
    aber erst allmählich durch vermehrte Erfahrung und unter dem Einfluß
    der Arbeiten W. Stekels1), über die eine Äußerung hier am Platze ist.

    Dieser Autor, der der Psychoanalyse vielleicht ebensoviel geschadet
    als genützt hat, brachte eine große Anzahl von unvermuteten Symbol-
    übersetzungen vor, die anfänglich nicht geglaubt wurden, später aber größten-
    teils Bestätigung fanden und angenommen werden mußten. Stekels Ver-
    dienst wird durch die Bemerkung nicht geschmälert, daß die skeptische
    Zurückhaltung der anderen nicht ungerechtfertigt war. Denn die Beispiele,
    auf welche er seine Deutungen stützte, waren häufig nicht überzeugend
    und er hatte sich einer Methode bedient, die als wissenschaftlich unzu-
    verlässig zu verwerfen ist. Stekel fand seine Symboldeutungen auf dem
    Wege der Intuition, kraft eines ihm eigenen Vermögens, die Symbole
    unmittelbar zu verstehen. Eine solche Kunst ist aber nicht allgemein vor-
    auszusetzen, ihre Leistungsfähigkeit ist jeder Kritik entzogen und ihre
    Ergebnisse haben daher auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch. Es ist
    ähnlich, als wollte man die Diagnose der Infektionskrankheiten auf die
    Geruchseindrücke am Krankenbette gründen, obwohl es unzweifelhaft
    Kliniker gab, denen der bei den meisten verkümmerte Geruchssinn mehr
    leistete als anderen und die wirklich imstande waren, einen Abdominal-
    typhus nach dem Geruch zu diagnostizieren.

    Die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalyse hat uns Patienten auf-
    finden lassen, die ein solches unmittelbares Verständnis der Traumsymbolik
    in überraschender Weise an den Tag legten. Häufig waren es an Dementia
    praecox Leidende, so daß eine Zeitlang die Neigung bestand, alle Träumer
    mit solchem Symbolverständnis dieser Affektion zu verdächtigen. Allein das
    trifft nicht zu, es handelt sich um eine persönliche Begabung oder Eigen-
    tümlichkeit ohne ersichtliche pathologische Bedeutung.

    Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für
    die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht hat, muß
    man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole wie die „Sigel“
    der Stenographie mit ein für allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und
    sieht sich vor der Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffrier-
    methode zu entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht
    dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell
    des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in
    der Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes voll-
    ständiger als im Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der
    Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols


    1)W. Stekel, Die Sprache des Traumes, 1911.

  • S.

    241

    gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
    erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen1). Wir
    wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß die Darstellung durch
    ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, daß wir aber durch
    allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symboldarstellung unterschiedslos
    mit den anderen Arten indirekter Darstellung zusammenzuwerfen, ohne
    noch diese unterscheidenden Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu
    können. In einer Reihe von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol
    und dem Eigentlichen, für welches es eintritt, offenkundig, in anderen ist es
    versteckt; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft. Gerade diese
    Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können;
    sie weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. Was heute
    symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten durch begriff-
    liche und sprachliche Identität vereint2). Die Symbolbeziehung scheint ein
    Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei kann man beobachten, daß
    die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl von Fällen über die Sprachgemein-
    schaft hinausreicht, wie bereits Schubert (1814) behauptet hat3). Eine
    Anzahl von Symbolen ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt, andere
    werden aber in der Gegenwart fortlaufend neu gebildet (z. B. das Luft-
    schiff, der Zeppelin).

    Der Traum bedient sich nun dieser Symbolik zur verkleideten Dar-
    stellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Symbolen sind
    nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig das nämliche
    bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen Plastizität des psy-
    chischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol kann oft genug im
    Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu
    deuten sein, andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem Erinne-
    rungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexualsymbol zu ver-
    wenden, was nicht allgemein so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung
    eines Inhalts mehrere Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich
    für jenes Symbol entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem
    sonstigen Gedankenmaterial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben
    der typisch gültigen gestattet.

    1)Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern, Maeder,
    Abraham u. a., über Symbolik, und die nichtärztlichen Autoren, auf welche sie
    sich beziehen (Kleinpaul u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegenstand
    geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von O. Rank und H. Sachs, Die
    Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I. – Ferner
    E. Jones, Die Theorie der Symbolik, Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, V. 1919.

    2)Diese Auffassung würde eine außerordentliche Unterstützung in einer von
    Dr. Hans Sperber vorgetragenen Lehre finden. Sperber (Über den Einfluß sexueller
    Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache, Imago I, 1912) meint, daß
    die Urworte sämtlich sexuelle Dinge bezeichneten und dann diese sexuelle Bedeutung
    verloren, indem sie auf andere Dinge und Tätigkeiten übergingen, die mit den sexuellen
    Verglichen wurden.

    3)So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnträumen
    ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen“ für
    „urinieren“ fremd ist (Ferenczi; vgl. auch S. 251). In den Träumen von Franzosen
    und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau,
    obwohl diese Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer“ Analoges kennen.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl.

  • S.

    242

    Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner die
    Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben, – selbst
    H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht möglich, daß unsere
    Träume von Symbolik erfüllt seien, – so ist doch zuzugeben, daß die Auf-
    gabe einer Traumdeutung durch die Existenz der Symbole im Traume
    nicht nur erleichtert, sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung
    nach den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen
    Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur Willkür
    des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten
    Deutungen von Stekel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven wissen-
    schaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im Trauminhalt
    vorhandenen, symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer kombinierten
    Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des Träumers stützt,
    anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des Deuters einsetzt.
    Kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole und sorgfältiges Studium
    derselben an besonders durchsichtigen Traumbeispielen müssen zusammen-
    treffen, um den Vorwurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu
    entkräften. Die Unsicherheiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes
    noch anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her,
    die durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum
    anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traum-
    symbole ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der
    chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal richtige Auffassung
    ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole verbindet sich dann
    die Eignung des Traumes, Überdeutungen zuzulassen, in einem Inhalt ver-
    schiedene, oft ihrer Natur nach sehr abweichende Gedankenbildungen und
    Wunschregungen darzustellen.

    Nach diesen Einschränkungen und Verwarnungen führe ich an: Der
    Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich zumeist die
    Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. Dieselbe
    hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch großen Männern zuge-
    standen, darum erscheint in manchen Träumen z. B. Goethe als Vater-
    symbol. (Hitschmann.) – Alle in die Länge reichenden Objekte,
    Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspannens
    wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche, Piken,
    wollen das männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht recht verständ-
    liches Symbol desselben ist die Nagelfeile (des Reibens und Schabens
    wegen?). – Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem
    Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. –
    Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer ver-
    schiedenen Eingänge und Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade
    nicht irre1). Das Interesse, ob das Zimmer „offen“ oder „verschlossen“

    1)„Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom Dienst-
    personal und frage sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner Überraschung:
    14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede stehenden Mädchen angeknüpft und
    auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem Schlafzimmer gehabt. Sie befürchtete
    begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im Verdacht habe, und machte ihm am Tage vor dem

  • S.

    243

    ist, wird in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum
    Doras im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“.) Welcher Schlüssel das
    Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die
    Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhland im Lied vom „Grafen
    Eberstein“ zur anmutigsten Zote gedient. – Der Traum, durch eine Flucht
    von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell-
    oder Haremstraum. Er wird aber,
    wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe
    (Gegensatz) verwendet. – Eine interessante Beziehung zur infantilen Sexual-
    forschung ergibt sich, wenn der Träumer von zwei Zimmern träumt, die
    früher eines waren, oder ein ihm bekanntes Zimmer einer Wohnung im
    Traume in zwei geteilt sieht oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man
    das weibliche Genitale (den Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die
    infantile Kloakentheorie) und erst später erfahren, daß diese Körper-
    region zwei gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. – Stiegen,
    Leitern, Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl auf-
    wärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes1).
    – Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen
    man sich – häufig unter starker Angst – herabläßt, entsprechen auf
    rechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrscheinlich die
    Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an Eltern und
    Pflegepersonen. Die „glatten“ Mauern sind Männer; an den „Vorsprüngen“
    der Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. – Tische,
    gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes
    wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. „Holz“ scheint überhaupt
    nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes
    (Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira bedeutet im Portugie-
    sischen: Holz. Da „Tisch und Bett“ die Ehe ausmachen, wird im Traum

    Traum den Vorschlag, sich mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer zu treffen.
    In Wirklichkeit hatte dieses Zimmer die Nummer 14, während im Traum das Weib
    diese Nummer trägt. Ein deutlicherer Beleg für die Identifizierung von Frau und
    Zimmer läßt sich kaum denken.“ (Ernest Jones, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse
    II, 1914.) (Vgl. Artemidorus, „Symbolik der Träume“ [übersetzt von F. S. Krauß,
    Wien, 1881, p. 110]: „So z. B. bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche
    im Hause ist.“)

    1)Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen Chancen
    der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, 1910 [Ges. Schriften
    Bd. VI]), geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner
    stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir über-
    schätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster
    Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles
    dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen
    von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konnten
    bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol
    darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden; in rhyth-
    mischen Absätzen unter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und
    kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der
    Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, den Sprach-
    gebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen“ ohne weiteres als Ersatz-
    bezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann
    ist ein „Steiger“, „nachsteigen“. Im Französischen heißt die Stufe der Treppe la
    marche; „un vieux marcheur“ deckt sich ganz mit unserem „ein alter Steiger“.

  • S.

    244

    häufig der erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der
    sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. – Von
    Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als Genitale,
    und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei es dahingestellt
    bleibt, welcher Anteil an dieser Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt.
    In Träumen der Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des
    Penis, wohl nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den
    Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem Wohl-
    gefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols
    von der Natur verwehrt ist1). Personen, die dies Symbol im Traume ver-
    wenden, treiben im Leben oft großen Luxus mit Krawatten und besitzen
    förmliche Sammlungen von ihnen. – Alle komplizierten Maschinerien und
    Apparate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien –
    in der Regel männliche, – in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik
    so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar ist es auch,
    daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männlichen Gliedes
    verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver, Dolch, Säbel usw. –
    Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken
    oder mit bewaldeten Bergen, unschwer als Genitalbeschreibungen zu er-
    kennen. Marcinowski hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in
    denen die Träumer ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die
    darin vorkommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten.
    Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und latenter
    Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie, arglos betrachtet,
    Pläne, Landkarten u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer ein-
    dringlicheren Untersuchung als Darstellungen des menschlichen Körpers,
    der Genitalien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Ver-
    ständnis des Traumes. (Vgl. hiezu Pfisters Arbeiten über Kryptographie
    und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildungen
    an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. –
    Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja
    Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale liebkosen-
    d als ihr „Kleines“
    zu bezeichnen. Den „kleinen Bruder“ hat Stekel richtig als den Penis
    erkannt. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind
    häufig Traumdarstellungen der Onanie. – Zur symbolischen Darstellung der
    Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der
    Zahnausfall und das Köpfen. Als Verwahrung gegen die Kastration ist
    es aufzufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume
    in Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse
    im Traume – eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst –
    hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. oben den Eidechsentraum S. 8.) – Von


    1)Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675, die Zeichnung einer 19jährigen Manischen: ein
    Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen entgegentwendet. Dazu
    die Geschichte „Der Schamhaftige“ (Anthropophyteia VI, 334): In eine Badestube
    trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen
    vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorder-
    teil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, bin ohne Krawatte.“

  • S.

    Typische Symbole. . 245

    den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbolc verwendet
    werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle: der Fisch, die
    Schnecke, die Katze, die Maus (der Genilalbehaarung wegen), vor ellem
    aber das hedeutsamste Symbol des männlichen Gliedes, die Schlange. Kleine
    Tiere, Ungeziefer, sind die Vertreter von kleinen Kindern, 2. B. der un—
    erwünschten Geschwister; mit Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleich-
    zusetzen der Gravidität. _ Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männ-
    lichen Genitales ist das Luitschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine
    Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Ver-
    wendung rechtterligt — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht ge—
    nügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch Beispielö'
    belegt. Die Schriiten von Stck-el, besonders sein Buch: „Die Sprache des
    Traumes“, enthalten die reichste Sammlung von Symbolauflösungen, alle
    zum Teil schartsinnig erraten sind und sich bei der Nachprüiung als richtig
    erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die
    mangelhafte Kritik des Verfassers und seine Neigung zu Verallgemeincrungeu
    um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen zweifelhait oder
    unverwcndbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend
    amuratcn ist. Ich beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger
    Beispiele.

    Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch au£v
    zutassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rech&s‚
    der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexualität, Inzest,
    Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Birne usvm darstellen.
    Immer gewertet von dem individuell moralischen Smndpunkt des Träumers“
    ll. c. p. 466). Die Verwandten überhaupt spielen im Traume meistens
    die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser Bedeutung
    nur den Sohn, die Tochter, die jüngere Schwester bestätigen, soweit also
    das Anwendungsgebiet des „Kleinen“ reicht. Dagegen erkennt man an
    gesicherten Beispielen die Schwestern als Symbole der Brüste, die
    Brüder als solche der großen Hemisphären. Das Nichteinbolen
    eines Wagens löst Stekel als das Bedauem über eine nicht einzuholendo
    Altersdifierenz (p. 479). Das Gepäck, mit dem man reist, sei die Sünden
    last, von der man gedrückt wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist
    sich aber häufig als unverkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch
    den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat Stekel fixierte Symbol—
    bedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen weder genügend
    sichergestellt auch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im einzelnen
    Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Dreimhl ist
    übrigens ein mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen Genitalcs.
    Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel auistellt, bezieht sich auf
    die doppelsinnige Bedeutung der Genimlsymbole. „Wo gäbe es ein Symbol,
    das — wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt — nicht männlich
    und weiblich zugleich gebraucht werden könntel“ Der eingeschobene Satz
    nimmt allerdings viel von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn
    die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für
    nicht überflüssig, auszusprechcn, dell nach meinen Erfahrungen der allge-

  • S.

    246

    VI. Die Traumarbeit.

    meine Satz Stekels vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit
    zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männliche wie
    für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder fast
    ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von
    denen nur die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist.
    Lange, feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Genitales
    zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als Symbole
    des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.

    Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten
    Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen
    Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien unbe-
    kannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zugesprochen
    wird. Man kann aber auch zur irrigen Annahme eines bisexuellen Sexual-
    symbols verleitet werden, wenn man daran vergißt, daß in manchen Träumen
    eine allgemeine Geschlechtsverkehrung vorgenommen wird, so daß das
    Männliche durch Weibliches dargestellt wird und umgekehrt. Solche Träume
    drücken z. B. den Wunsch einer Frau aus, lieber ein Mann zu sein.

    Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körperteile ver-
    treten werden, das männliche Glied durch die Hand oder den Fuß, die
    weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr, selbst das Auge.
    Die Sekrete des menschlichen Körpers – Schleim, Tränen, Harn, Sperma
    usw. – können im Traum für einander gesetzt werden. Diese im Ganzen
    richtige Aufstellung von W. Stekel hat eine berechtigte kritische Ein-
    schränkung durch Bemerkungen von R. Reitler erfahren (Internationale
    Zeitschrift f. Psychoanalyse I, 1913). Es handelt sich im wesentlichen um
    Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des Samens durch ein in-
    differentes.

    Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen genügen,
    um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen1). Eine weit aus-
    führlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich in meinen „Vor-
    lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, (1916/17) versucht.

    Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher Symbole
    in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich es wird, zur
    Deutung des Traums zu gelangen, wenn man sich der Traumsymbolik
    verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch in vielen Fällen
    aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich aber nachdrücklich davor warnen,
    die Bedeutung der Symbole für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa
    die Arbeit der Traumübersetzung auf Symbolübersetzung einzuschränken
    und die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben.
    Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch
    wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Ver-
    fahren, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung


    1)Bei aller Verschiedenheit der Schernerschen Auffassung von der Traum-
    symbolik und der hier entwickelten muß ich doch hervorheben, daß Scherner als
    der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte, und
    daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, vor langen
    Jahren (1861) veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben.

  • S.

    247

    Sexuelle Symbolik in Träumen.

    beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als Hilfs
    mittel hinzutritt.

    1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen Genitales)1)
    (Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst agora
    phobischen Frau)

    „Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut von
    eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen
    Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend), und zwar so,
    daß der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in sicherer Stimmung,
    und wie ich an einem Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr
    könnt mir alle nichts anhaben.“

    Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage
    ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem emporgerichteten
    Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen. Daß der Hut
    ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: „Unter
    die Haube kommen!“ Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes
    Details über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl
    gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung den Weg
    weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem
    Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h.
    nichts von ihnen zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungs
    phantasien vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese
    letztere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten Malen,
    auf anderes Material gestützt, geben können.

    Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser
    Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Huts zurück und will
    nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts hingen. Ich bin
    des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie
    schweigt eine Weile und findet dann den Mut, zu fragen, was es bedeute,
    daß bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es bei
    allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt
    und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.

    Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen
    Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte
    ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen kann2).

    2. Das Kleine ist das Genitale – das Überfahrenwerden ist ein
    Symbol des Geschlechtsverkehres
    (Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin)

    „Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein gehen muß.
    Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und sieht ihre Kleine direkt

    1)Aus „Nachträge zur Traumdeutung“, Zentralblatt für Psychoanalyse I,
    Nr. 5/6, 1911.

    2)Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl.
    f. PsA. III, 1912, p. 95). Von Stekel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum
    mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impo-
    tenten) Mann symbolisiert.

  • S.

    248

    VI. Die Traumarbeit.

    auf den Schienenweg zugehen, so daß sie überfahren werden muß. Man hört
    die Knochen krachen (dabei ein unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches
    Entsetzen). Dann sieht sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht
    hinten die Teile sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die
    Kleine allein hat gehen lassen.

    Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist hier nicht leicht
    zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen und kann nur im
    Zusammenhange mit diesen anderen voll verstanden werden. Es ist eben
    nicht leicht, das für den Erweis der Symbolik benötigte Material genügend
    isoliert zu bekommen. – Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahn-
    fahrt historisch zu deuten ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nerven-
    heilanstalt weg, in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte
    sie von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen
    Strauß Blumen zum Abschied; es war ihr unangenehm, daß die Mutter
    Zeugin dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als
    Störerin ihrer Liebesbestrebungen, welch Rolle der strengen Frau während
    ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. – Der nächste Einfall bezieht
    sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht die Teile von hinten sieht.
    In der Traumfassade müßte man natürlich an die Teile des überfahrenen und
    zermalmten Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
    Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt
    von rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen
    und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rückwärts
    sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie
    nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vier-
    jährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vorwurf,
    daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale hätte, und
    findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes wieder: Die
    Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer
    Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße keinen Mann, keine
    sexuelle Beziehung, haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht.
    Nach allen ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht
    der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.

    Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen
    Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. Sie
    war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr ein Bub
    verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es
    dann besonders klar, daß das „Kleine“ das Genitale bedeutet. Die Mutter
    droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung für
    das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die Identifizierung,
    daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom
    Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr
    später verloren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traums
    damals früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile
    Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervorgehen.
    Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine

  • S.

    249

    Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub das Mädel
    fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel antwortet: Nein, immer so g’west.
    Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales, im ersten Traum, bezieht
    sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich grollt sie der Mutter,
    daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.
    Daß das „Überfahrenwerden“ sexuellen Verkehr symbolisiert, würde
    aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahlreichen anderen
    Quellen sicher wüßte.

    3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, Schachte
    (Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes)

    „Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der Prater
    ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen kleineren Vorbau, an dem
    ein Fesselballon angebracht ist, der aber ziemlich schlaff scheint. Sein
    Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm aber.
    Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet
    liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht sich aber
    vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es doch
    nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres davon nehmen. Aus
    diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht hinunter, dessen Wände
    weich ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes
    ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer Schacht…“
    Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht günstigen
    Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt der Analyse über
    haupt keine Widerstände machen und sich von da an fast unzugänglich
    erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbständig. Die Rotunde, sagte er,
    ist mein Genitale, der Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit
    ich zu klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde
    sei das – vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete – Gesäß, der
    kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das
    alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe,
    diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. Da eine
    solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, muß
    man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn etwa konditionell
    nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung gebeten hätte.“ Die
    Fortsetzung dieses Gedankens werden wir bald an anderer Stelle finden.
    Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster Linie
    symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal des Vaters.
    Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech“ für das andere Material,
    mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des
    Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten
    und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der Gewinn zum
    Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung
    des obigen Traumgedankens lauten: „(Wenn ich ihn gefragt hätte), würde
    er mich betrogen haben, wie er seine Kunden betrügt.“ Für das Abreißen,

  • S.

    250

    welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt der
    Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies ist uns
    nicht nur längst bekannt (siehe oben, S. 239), sondern stimmt auch sehr
    gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt
    ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, daß
    die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben wird, wie die Be-
    fragung in der ersten Traumszene. Den Schacht deutet er sofort unter Be-
    rufung auf die weiche Polsterung der Wände als Vagina. Daß das Herab-
    steigen wie sonst das Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben
    will, setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentral-
    blatt für Psychoanalyse I, 1, 1910; siehe oben S. 243 Note).

    Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Plattform
    folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. Er hat
    eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen aufgegeben
    und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der
    Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es plausibel
    erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der Einfluß eines
    anderen Themas geltend mache, auf welches das Geschäft des Vaters, sein
    betrügerisches Vorgehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina deuten,
    so daß man eine Beziehung auf die Mutter annehmen kann.

    4. Das männliche Genitale durch Personen, das weibliche durch
    eine Landschaft symbolisiert

    (Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mitgeteilt von
    B. Dattner)

    „… Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe angst-
    voll nach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit zwei ‚Pülchern‘
    einträchtig in eine Kirche1) gegangen, zu der mehrere Stufen2) emporführten;
    hinter der Kirche sei ein Berg3) gewesen und oben ein dichter Wald4). Der
    Wachmann sei mit einem Helm, Ringkragen und Mantel5) versehen gewesen.
    Er habe einen braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich
    mit dem Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen
    um die Lenden gehabt6). Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg geführt. Dieser
    sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter
    wurde und auf der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.“

    5. Kastrationsträume bei Kindern

    a) „Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die Wiederkehr
    des Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, erwacht eines Morgens verstört

    1)Oder Kapelle = Vagina.

    2)Symbol des Koitus.

    3)Mons veneris.

    4)Crines pubis.

    5)Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines Fach-
    mannes phallischer Natur.

    6)Die beiden Hälften des Hodensackes.

  • S.

    251

    und aufgeregt und wiederholt immerfort die Frage: Warum hat Papi seinen
    Kopf auf einem Teller getragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem
    Teller getragen.“

    b) „Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student erinnert,
    daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden Traum gehabt hat: Er
    geht zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu lassen. Da kommt eine
    große Frau mit strengen Zügen auf ihn zu und schlägt ihm den Kopf ab. Die
    Frau erkennt er als die Mutter.“

    6. Zur Harnsymbolik

    Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe von
    Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidibusz“) auf-
    gefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der Traumtheorie
    erkannt hat. O. Rank hat das nebenstehende als „Traum der französi-
    schen Bonne“ überschriebene Blatt bereits in seiner Arbeit über die
    Symbolschichtung im Wecktraum usw. (p. 99) verwertet.

    Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge des
    Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben die Phasen
    eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den Reiz, der zum
    Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und ver-
    langt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die
    Situation im Schlafzimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild
    hat sie den Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und
    – sie darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt sich;
    der Knabe, der sich nicht beachtet findet, brüllt immer kräftiger. Je drin-
    gender er das Erwachen und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto
    mehr steigert deren Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und
    daß sie nicht zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die
    Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe
    liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er bereits einen Kahn,
    dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes Dampfschiff! Der
    Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis und dem unermüdlichen
    Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von einem mutwilligen Künstler
    verbildlicht.

    7. Ein Stiegentraum

    (Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank)

    „Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 266 angeführte) Zahn-
    reiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich durchsichtigen
    Pollutionstraum:

    „Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen,
    das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende
    der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche Person?) das Kind
    auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich
    befand ich mich mitten auf der Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der
    Luft) koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein

  • S.

    252

    Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts
    zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah ich

    links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen, Landschaften,
    die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren stand unten an
    Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener Vorname, als wäre es für

  • S.

    253

    mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden
    Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich
    sehe mich dann höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette
    liegen) und erwache durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten
    Pollution herrührt.“

    Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden
    eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit einige der aus-
    gestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie die Traumbilder
    darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders gefallen hatte,
    trat er näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm jedoch völlig
    unbekannt war.

    Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen
    Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt hatte, ihr außereheliches
    Kind sei „auf der Stiege gemacht worden“. Der Träumer hatte sich nach
    dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und erfahren,
    daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung
    ihrer Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit
    gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen
    hatte. Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den bos-
    haften Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf
    der Kellerstiege gewachsen“.

    Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Traum-
    inhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert werden.
    Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler Erinnerung, das
    ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das
    jenes Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht
    und wo er insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den Sexual-
    problemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt
    und war dabei unter anderem auch rittlings längs des Geländers hinunter-
    gerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er
    nun ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er
    nach eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt,
    sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunterfliegt“ oder rutscht. Mit
    Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den
    Moment der sexuellen Erregung darzustellen. – In diesem Stiegenhaus
    und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch mit den
    Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei er sich in
    ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.

    Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe „Zentral-
    blatt f. PsA.“, Heft 1, p. 2f.), daß die Stiege und das Stiegensteigen im
    Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum völlig
    durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution,
    zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle Erregung
    (im Traume dargestellt durch das Hinuntereilen – rutschen – über die
    Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der Ver-
    folgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Er-
    regung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume

  • S.

    254

    durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der Stiege).
    Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten
    Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Er-
    regung genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe des
    Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus und damit
    wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus entlarvt. –
    Wenn Freud als einen der Gründe für die sexuelle Verwertung des Stiegen-
    symbols den rhythmischen Charakter beider Aktionen hervorhebt, so scheint
    dieser Traum besonders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher
    Angabe des Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder-
    reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element ge-
    wesen war.

    Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer
    realen Bedeutung, auch in symbolischem Sinne als „Weibsbilder“ gelten,
    was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines Bild
    handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein kleines
    Mädchen vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung stehen,
    führt zum Prostituiertenkomplex, wie andererseits der Vorname des Träumers
    auf den kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt,
    auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus
    erzeugt).

    Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf
    dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über
    die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit zurückzuweisen
    und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bettnässen zum Vorbild zu
    haben.“

    8. Ein modifizierter Stiegentraum

    Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Abstinente-
    dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wiederholt vom Treppen-
    steigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die Bemerkung, daß mäßige
    Masturbation ihm wahrscheinlich weniger schädlich wäre als seine erzwungene
    Enthaltsamkeit. Diese Beeinflussung provoziert folgenden Traum:
    „Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavierspiel ver-
    nachlässige, die Etüden von Moscheles sowie den Gradus ad Parnassum von
    Clementi nicht übt.“

    Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die Klaviatur
    selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte.

    Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der Dar-
    stellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde.

    9. Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der Wiederholung

    Ein jetzt 35jähriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum, den
    er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem das Testament des
    Vaters hinterlegt war, – er hatte den Vater im Alter von drei Jahren ver-

  • S.

    255

    loren, – brachte zwei große Kaiserbirnen, von denen er eine zum Essen bekam.
    Die andere lag auf dem Fensterbrett des Wohnzimmers. Er erwachte mit der
    Überzeugung von der Realität des Geträumten und verlangte hartnäckig
    von der Mutter die zweite Birne; sie liege doch auf dem Fensterbrett. Die
    Mutter lachte darüber.

    Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie er sich zu
    erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte. Das Fensterbrett war
    so, wie er es im Traume sah. Anderes will ihm dazu nicht einfallen; etwa
    noch, daß die Mutter kürzlich ihm einen Traum erzählt. Sie hat zwei Vögel
    auf ihrem Kopfe sitzen, fragt sich, wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen
    nicht fort, sondern der eine fliegt zu ihrem Munde und saugt aus ihm.

    Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Recht, die Deutung
    durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden Birnen – pommes ou
    poires – sind die Brüste der Mutter, die ihn genährt hat; das Fensterbrett
    der Vorsprung des Busens, analog den Balkonen im Häusertraum (vgl. S. 243).
    Sein Wirklichkeitsgefühl nach dem Erwachen hat recht, denn die Mutter
    hat ihn wirklich gesäugt, sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus,
    und die Mutterbrust wäre noch immer zu haben. Der Traum ist zu über-
    setzen: Mutter, gib (zeig’) mir die Brust wieder, an der ich früher einmal
    getrunken habe. Das „früher“ wird durch das Essen der einen Birne dar-
    gestellt, das „wieder“ durch das Verlangen nach der anderen. Die zeitliche
    Wiederholung eines Akts wird im Traum regelmäßig zur zahlenmäßigen
    Vermehrung eines Objektes.

    Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im Traume
    eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht Ausnahme, sondern
    Regel. Man darf sagen, der Träumer verfügt über die Symbolik von allem
    Anfang an.

    Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traumlebens, der
    symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbeeinflußte Erinnerung
    einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist zwischen drei und vier Jahre
    alt. Das Kindsmädchen treibt sie, ihren um elf Monate jüngeren Bruder und
    eine im Alter zwischen beiden stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort
    vor dem Spaziergang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als die
    älteste auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine: Hast
    du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat ein Würstchen, ich hab’ ein
    Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich hab’ auch ein Portemonnaie.
    Das Kindsmädchen hat lachend zugehört und erzählt die Unterhaltung der Mama,
    die mit einer scharfen Zurechtweisung reagiert.

    Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik eine
    Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete:

    10. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder1)“

    „Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig – zuletzt auch von
    Havelock Ellis2) – vorgebrachter Einwand lautet, daß die Traumsymbolik

    1) Alfred Robitsek im Zentralblatt f. PsA. II, 1911, p. 340.

    2) „The World of Dreams“, London 1911, p. 168.

  • S.

    256

    vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber keineswegs für die
    normale Gültigkeit habe. Während nun die psychoanalytische Forschung
    zwischen normalem und neurotischem Seelenleben überhaupt keine prin-
    zipiellen, sondern nur quantitative Unterschiede kennt, zeigt die Analyse
    der Träume, in denen ja bei Gesunden und Kranken in gleicher Weise die
    verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen
    wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine
    viel einfachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die
    neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur
    und der hieraus resultierenden weitergehenden Traumstellung häufig
    gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte
    Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von einem nicht
    neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurückhaltendem Wesen; im
    Laufe des Gespräches erfahre ich, daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat
    Hindernisse entgegenstellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt
    mir spontan folgenden Traum:

    „I arrange the centre of a table with flowers for a birthday.“ (Ich richte
    die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburtstag her.) Auf Fragen
    gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit
    nicht besitzt) und habe ein Glücksgefühl empfunden.

    „Die ‚populäre‘ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu
    übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch
    mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale;
    sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit dem
    Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also
    längst hinter ihr.

    „Ich mache sie darauf aufmerksam, daß the centre of a table ein
    ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natürlich nicht
    direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Bedeutung der Symbole
    zu suggerieren, und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes
    in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse
    einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, die der
    Ernst des Gespräches ermöglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen
    es gewesen seien, antwortete sie zunächst: ‚expensive flowers; one has to
    pay for them‘ (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien ‚lilies
    of the valley, violets and pinks or carnations‘ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich:
    Lilien vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie
    in diesem Traume in seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol
    erscheine; sie bestätigte diese Annahme, indem ihr zu ‚Lilie‘ ‚purity‘ (Rein-
    heit) einfiel. ‚Valley‘, das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol;
    so wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
    Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren
    Jungfräulichkeit – expensive flowers, one has to pay for them – verwendet
    und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren Wert zu würdigen
    wissen werde. Die Bemerkung expensive flowers etc. hat, wie sich zeigen wird,
    bei jedem der drei Blumensymbole eine andere Bedeutung.

  • S.

    257

    „Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ‚violets‘ suchte ich
    mir – recht kühn, wie ich meinte – mit einer unbewußten Beziehung zum
    französischen ‚viol‘ zu erklären. Zu meiner Überraschung assoziierte die
    Träumerin ‚violate‘, das englische Wort für vergewaltigen. Die zufällige
    große Wortähnlichkeit von violet und violate – in der englischen Aussprache
    unterscheiden sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten
    Silbe – wird vom Traume benutzt, um ‚durch die Blume‘ den Gedanken
    an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses Wort benutzt die Blumen-
    symbolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens zum
    Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche
    die Wege zum Unbewußten führen. Das ‚one has to pay for them‘ bedeutet
    hier das Leben, mit dem sie das Weib– und Mutterwerden bezahlen muß.

    „Bei ‚pinks‘, die sie dann ‚carnations‘ nennt, fällt mir die Beziehung
    dieses Wortes zum ‚Fleischlichen‘ auf. Ihr Einfall dazu lautete aber ‚colour‘
    (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die Blumen seien, welche ihr von
    ihrem Verlobten häufig und in großen Mengen geschenkt werden.
    Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht
    die Wahrheit gesagt, es sei ihr nicht ‚colour‘, sondern ‚incarnation‘ (Fleisch-
    werdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch
    ‚colour‘ als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von carnation
    – Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. Diese Unauf-
    richtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am größten war, ent-
    sprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der
    Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen Thema
    am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese Blumen häufige Geschenke
    des Verlobten seien, ist neben der Doppelbedeutung von carnation ein
    weiterer Hinweis auf ihren phallischen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des
    Blumengeschenkes wird benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk
    und Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und
    erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das ‚expensive
    flowers, one has to pay for them‘ eine – wohl wirkliche, finanzielle – Bedeutung
    haben. Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das jungfräulich-
    weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die gewalt-
    same Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle Blumensymbolik,
    die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane durch
    die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das Blumenschenken
    unter Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewußte Bedeutung.“

    „Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die
    Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt ihn
    dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der latente Gedanke
    könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten, sondern die
    Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; darauf deutet ja
    auch das violate. So kommt auch die sadistische Libidokomponente zum
    Ausdruck.

    „In einer tieferen Schicht des Traumes dürfte das ‚I arrange etc.‘ eine
    autoerotische, also infantile Bedeutung haben.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl.

  • S.

    258

    VI. Die Traumarbeit.

    „Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer körper-
    lichen Dürftigkeit; sie sieht sich flach wie einen Tisch; um so mehr wird
    die Kostbarkeit des ,centre‘ (sie nennt es ein andermal ,a centre piece of flowers‘),
    ihre Jungfräulichkeit, hervorgehoben. Auch das Horizontale des Tisches
    dürfte ein Element zum Symbol beitragen. – Beachtenswert ist die Kon-
    zentration des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol.

    „Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,I decorate the flowers
    with green crinkled paper.‘ (Ich verziere die Blumen mit grünem, gekräuseltem
    Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ,fancy paper‘ (Phantasiepapier), mit dem
    man die gewöhnlichen Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide
    untidy things, whatever was to be seen, which was not pretty to the eye; there
    is a gap, a little space in the flowers.‘ Also: ,um unsaubere Dinge zu ver-
    bergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt, ein kleiner Zwischenraum
    in den Blumen.‘ ,The paper looks like velvet or moss‘ (,das Papier sieht wie
    Samt oder Moos aus‘). Zu ,decorate‘ assoziiert sie ,decorum‘, wie ich es er-
    wartet hatte. Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope‘
    (Hoffnung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. – In diesem Teile des
    Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern es
    kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht sich
    schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich schämt und
    die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher
    Hinweis, daß es sich um die crines pubis handelt.

    „Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken
    des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnenliebe und
    ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen Geburtstag zugerichtet‘,
    d. h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch das lustbetonte
    Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel
    ein, überkompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer Jung-
    fräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit,
    daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der
    Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen
    Traumes – das Glücksgefühl – zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe
    ihre Befriedigung gefunden haben.“

    Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht gerade
    „Träume von Ahnungslosen“ den Sinn der Symbole und die Bedeutung der
    Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f. PsA. IV, 1916/17.)

    Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Persönlichkeit
    unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein Gegenstand, der sich auch
    sonst zur Vertretung des männlichen Gliedes eignen würde, durch eine
    hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste als phallisches Symbol gekenn-
    zeichnet wird. Die „unendliche Verlängerung“ einer Reitgerte kann nicht
    leicht anderes als die Erektion bedeuten. Überdies gibt dieser Traum ein
    schönes Beispiel dafür, wie ernsthafte und dem Sexuellen fernabliegende
    Gedanken durch infantil-sexuelles Material zur Darstellung gebracht werden.

  • S.

    259

    11) Ein Traum Bismarcks

    (Von Dr. Hanns Sachs)

    „In seinen ,Gedanken und Erinnerungen‘ teilt Bismarck (Bd. II der
    Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am 18. Dezember 1881 an
    Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält folgende Stelle: ,Eurer Majestät
    Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr
    1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches
    Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte und ich erzählte es sofort
    am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem schmalen
    Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmäler, so
    daß das Pferd sich weigerte und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an
    Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen
    die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die
    Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem
    Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit
    Fahnen und in mir noch im Traum der Gedanke, wie ich das schleunig Eurer
    Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich und ich erwachte froh
    und gestärkt aus ihm.“
    „Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte: im ersten Teil
    gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann im zweiten auf wunderbare
    Weise erlöst wird. Die schwierige Lage, in der sich Roß und Reiter befinden,
    ist eine leicht kenntliche Traumdarstellung der kritischen Situation des
    Staatsmannes, die er am Abend vor dem Traume, über die Probleme seiner
    Politik nachdenkend, besonders bitter empfunden haben mochte. Mit der
    zur Darstellung gelangten gleichnisweisen Wendung schildert Bismarck
    selbst in der oben wiedergegebenen Briefstelle die Trostlosigkeit seiner da-
    maligen Position; sie war ihm also durchaus geläufig und naheliegend. Nebst-
    dem haben wir wohl auch ein schönes Beispiel von Silberers ,funktionalem
    Phänomen‘ vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei jeder
    von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche Hindernisse
    stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der Beschäftigung mit den Pro-
    blemen losreißen kann und darf, sind sehr treffend durch den Reiter gegeben,
    der weder vorwärts noch rückwärts kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an
    ein Nachgeben oder Zurücktreten zu denken, kommt im Traume durch die
    Worte ,Umkehren oder absitzen . . . unmöglich‘ zum Ausdruck. In seiner
    Eigenschaft als stets angestrengt Tätiger, der sich für fremdes Wohl plagt,
    lag es für Bismarck nahe, sich mit einem Pferde zu vergleichen, und er hat
    dies auch bei verschiedenen Gelegenheiten getan, z. B. in seinem bekannten
    Ausspruch: ,Ein wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen‘. So ausgelegt be-
    deuten die Worte, daß „das Pferd sich weigerte“, nichts anderes, als daß der
    Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich von den Sorgen der Gegenwart
    abzuwenden, oder anders ausgedrückt, daß er im Begriffe stehe, sich von
    den Fesseln des Realitätsprinzips durch Schlaf und Traum zu befreien. Der
    Wunscherfüllung, die dann im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird
    dann auch hier schon präludiert durch das Wort ,Alpenpfad‘. Bismarck
    wußte damals wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen –

  • S.

    260

    nämlich in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn dahin versetzte,
    befreite ihn also mit einem Schlage von allen lästigen Staatsgeschäften.

    „Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf doppelte Weise
    — unverhüllt und greifbar, daneben noch symbolisch — als erfüllt darge-
    stellt. Symbolisch durch das Verschwinden des hemmenden Felsens, an
    dessen Stelle ein breiter Weg — also der gesuchte Ausweg in bequemster
    Form — erscheint, unverhüllt durch den Anblick der vorrückenden preußi-
    schen Truppen. Man braucht zur Erklärung dieser prophetischen Vision
    durchaus nicht mystische Zusammenhänge zu konstruieren; die Freudsche
    Wunscherfüllungstheorie genügt vollständig. Bismarck ersehnte schon
    damals als den besten Ausgang aus den inneren Konflikten Preußens einen
    siegreichen Krieg mit Österreich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen,
    also in Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum dadurch
    diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert. Individuell bedeutfam
    ist nur, daß der Träumer, mit dem wir uns hier beschäftigen, sich mit
    der Traumerfüllung nicht begnügte, sondern auch die reale zu erzwingen
    wußte. Ein Zug, der jedem Kenner der psychoanalytischen Deutungstechnik
    auffallen muß, ist die Reitgerte, die ,unendlich lang‘ wird. Gerte, Stock,
    Lanze und Ähnliches sind uns als phallische Symbole geläufig; wenn aber
    diese Gerte noch die auffallendste Eigenschaft des Phallus, die Ausdehnungs-
    fähigkeit besitzt, so kann kaum ein Zweifel bestehen. Die Übertreibung des
    Phänomens durch die Verlängerung ins „Unendliche“ scheint auf die infantile
    Überbesetzung zu deuten. Das In-die-Hand-nehmen der Gerte ist eine deut-
    liche Anspielung auf die Masturbation, wobei natürlich nicht an die aktuellen
    Verhältnisse des Träumers, sondern an weit zurückliegende Kinderlust zu
    denken ist. Sehr wertvoll ist hier die von Dr. Stekel gefundene Deutung,
    nach der links im Traume das Unrecht, das Verbotene, die Sünde bedeutet,
    was auf die gegen ein Verbot betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar
    wäre. Zwischen dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich
    mit den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch eine Mittel-
    schicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung steht. Der ganze
    Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer Not durch das Schlagen auf
    den Fels mit der Heranziehung Gottes als Helfer erinnert auffällig an eine
    biblische Szene, nämlich wie Moses für die dürstenden Kinder Israels aus
    dem Felsen Wasser schlägt. Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle
    dürfen wir bei dem aus einem bibelgläubigen, protestantischen Hause hervor-
    gegangenen Bismarck ohne weiteres annehmen. Mit dem Anführer Moses,
    dem das Volk ,das er befreien will, mit Auflehnung, Haß und Undank lohnt,
    konnte sich Bismarck in der Konfliktszeit unschwer vergleichen. Dadurch
    wäre also die Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. Anderseits
    enthält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die Masturbations-
    phantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot Gottes greift Moses
    zum Stock und für diese Übertretung straft ihn der Herr, indem er ihm ver-
    kündet, daß er sterben müsse, ohne das gelobte Land zu betreten. Das ver-
    botene Ergreifen des — im Traume unzweideutig phallischen — Stockes,
    das Erzeugen von Flüssigkeit durch das Schlagen damit und die Todes-
    drohung — damit haben wir alle Hauptmomente der infantilen Masturbation

  • S.

    261

    beisammen. Interessant ist die Bearbeitung, die jene beiden heterogenen
    Bilder, von denen eines aus der Psyche des genialen Staatsmannes, das andere
    aus den Regungen der primitiven Kinderseele stammt, durch Vermittlung
    der Bibelstelle zusammengeschweißt hat, wobei es ihr gelungen ist, alle pein-
    lichen Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen des Stockes eine verbotene,
    aufrührerische Handlung ist, wird nur mehr durch die linke Hand, mit der
    es geschieht, symbolisch angedeutet. Im manifesten Trauminhalt wird aber
    dabei Gott angerufen, wie um recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot
    oder eine Heimlichkeit abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes
    an Moses, daß er das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, wird die
    eine sehr deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel und Waldland),
    die andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt. Das Wasser ist wahrschein-
    lich der sekundären Bearbeitung, welche die Vereinheitlichung dieser Szene
    mit der vorigen erfolgreich anstrebte, zum Opfer gefallen, statt dessen stürzt
    der Fels selber.“

    „Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, in der das Verbots-
    motiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das Kind wünscht, die
    Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten nichts von dem Geschehenen
    erfahren. Im Traume ist dieser Wunsch durch das Gegenteil, den Wunsch,
    das Vorgefallene dem König sogleich zu melden, ersetzt. Diese Umkehrung
    schließt sich aber ausgezeichnet und ganz unauffällig der in der obersten
    Schicht der Traumgedanken und in einem Teile des manifesten Traum-
    inhaltes enthaltenen Siegesphantasie an. Ein solcher Sieges- und Eroberungs-
    traum ist oft der Deckmantel eines erotischen Eroberungswunsches; einzelne
    Züge des Traumes, wie z. B., daß dem Eindringenden ein Widerstand entgegen-
    gesetzt wird, nach Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter
    Weg erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, um daraus
    eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und Wunschschichtung
    zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel einer durchaus gelungenen
    Traumstellung. Das Anstößige wurde überarbeitet, daß es nirgends über
    das Gewebe hinausragt, das als schützende Decke darübergebreitet ist. Die
    Folge davon ist, daß jede Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte.
    Es ist ein Idealfall von gelungener Wunscherfüllung ohne Zensurverletzung,
    so daß wir begreifen können, daß der Träumer aus solchem Traum froh und
    gestärkt erwachte.“

    Ich schließe mit dem

    12) Traum eines Chemikers,

    eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten
    gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.

    Vorbericht. Am Tage vor dem Traume hat er einem Studenten Auf-
    schluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei welcher Magnesium
    unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut reinem Äther aufzulösen ist.
    Zwei Tage vorher gab es bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei der
    sich ein Arbeiter die Hand verbrannte.

  • S.

    262

    VI. Die Traumarbeit.

    Traum: I) Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Apparatur
    besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. Er ist nun
    in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer: Es ist das Richtige,
    es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine Knie werden weich. Dann greift
    er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine
    aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. – Ja doch, es
    ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil
    er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des Traumes,
    ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wiederholt sich beständig: Phenyl,
    Phenyl.

    II) Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um ½12 Uhr beim
    Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, wacht aber erst um
    ½12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; bis du hinkommst, ist es ½1 Uhr.
    Im nächsten Moment sieht er die ganze Familie um den Tisch versammelt, be-
    sonders deutlich die Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er
    sagt sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort.

    Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Beziehung zur
    Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht vor der erwarteten
    Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er die Auskunft gab, ist ein
    besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das
    Magnesium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar
    nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er
    selbst sein; – er ist so gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine
    Synthese; – das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. Wie
    ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg erscheinen!

    Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) gemacht wird.
    Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine im Traume erinnern
    an einen Eindruck von gestern abends. Er traf in der Tanzstunde mit einer
    Dame zusammen, die er erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß sie
    einmal aufschrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte
    er ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der
    Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das
    Weib das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht. Er ist feminin
    gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht
    es auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die Wahrnehmungen an seinen
    Knieen deuten auf die Onanie und entsprechen seiner Müdigkeit vom Tage
    vorher. – Das Rendezvous war wirklich für ½12 Uhr verabredet. Sein
    Wunsch, es zu verschlafen und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei
    der Onanie) zu bleiben, entspricht seinem Widerstande.

    Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese Radikale
    auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem zu gebrauchen:
    Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber als ich ihm das Radikal:
    Schlemiehlvorschlage, lacht er sehr und erzählt, daß er während des Sommers
    ein Buch von Prévost gelesen, und in diesem war im Kapitel: Les exclus
    de l’amour, allerdings von den „Schlemiliés“ die Rede, bei deren Schilde-
    rung er sich sagte: Das ist mein Fall. – Schlemiehlerei wäre es auch gewesen,
    wenn er das Rendezvous versäumt hätte.

  • S.

    263

    Experimentelle Bestätigung der Traumsymbolik.

    Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte experi-
    mentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter hat 1912 über
    Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten Personen Träume durch
    einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen großen Teil des Trauminhalts
    festlegte. Wenn die Suggestion den Auftrag brachte, vom normalen oder
    abnormen Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum diese Aufträge
    aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen
    Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der
    Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen,
    im Traume diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der Hand,
    worauf ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen.“ Der
    Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung
    niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Einschätzung dieser
    bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche Tatsache gestört, daß
    Dr. Schrötter bald nachher durch Selbstmord endete. Von seinen Traum-
    experimenten berichtet bloß eine vorläufige Mitteilung im „Zentralblatt für
    Psychoanalyse“.

    Ähnliche Ergebnisse hat 1923 G. Roffenstein veröffentlicht. Be-
    sonders interessant erscheinen aber Versuche, die Betlheim und Hart-
    mann angestellt haben, weil bei ihnen die Hypnose ausgeschaltet war. Diese
    Autoren („Über Fehlreaktionen bei der Korsakoffschen Psychose“, Archiv
    für Psychiatrie, Bd. 72, 1924) haben Kranken mit solcher Verworrenheit
    Geschichten grob sexuellen Inhalts erzählt und die Entstellungen beachtet,
    welche bei der Reproduktion des Erzählten auftraten. Es zeigte sich, daß
    dabei die aus der Traumdeutung bekannten Symbole zum Vorschein kamen
    (Stiegen steigen, stechen und schießen als Symbole des Koitus, Messer und
    Zigarette als Penissymbole). Ein besonderer Wert wird dem Erscheinen des
    Symbols der Stiege beigelegt, weil, wie die Autoren mit Recht bemerken,
    „eine derartige Symbolisierung einem bewußten Entstellungswunsch un-
    erreichbar wäre.“

    Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, können
    wir in der oben S. 190 abgebrochenen Behandlung der typischen Träume
    fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im groben in zwei
    Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben,
    und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhalts doch
    die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von den typischen
    Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungstraum bereits eingehender
    behandelt.

    Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume vom Nicht-
    erreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht zu werden.
    Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es sind Trostträume
    gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstregung, die Angst zu sterben.
    „Abreisen“ ist eines der häufigsten und am besten zu begründenden Todes-
    symbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du wirst nicht sterben
    (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird
    dir auch diesmal nichts geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider

  • S.

    264

    Arten von Träumen rührt daher, daß die Angstempfindung gerade an den
    Ausdruck des Trostes geknüpft ist.
    Der Sinn der „Zahnreizträume“, die ich bei meinen Patienten oft
    genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich zu meiner
    Überraschung der Deutung derselben regelmäßig allzu große Widerstände
    entgegenstellten.
    Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß bei Männern
    nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die Triebkraft dieser
    Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume analysieren, von denen einer
    gleichzeitig ein „Flugtraum“ ist. Beide rühren von derselben Person her,
    einem jungen Manne mit starker, aber im Leben gehemmter Homosexualität:
    Er befindet sich bei einer „Fidelio“-Vorstellung im Parkett der Oper, neben
    L., einer ihm sympathischen Persönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben
    möchte. Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift
    sich dann in den Mund und zieht sich zwei Zähne aus.
    Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen“ würde.
    Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio“ handelt, liegt das Dichterwort
    nahe:

    „Wer ein holdes Weib errungen –“

    Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu den
    Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse besser:

    „Wem der g r o ß e Wurf gelungen,
    Eines Freundes Freund zu sein…“

    Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf“, der aber nicht allein
    Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die peinliche Über-
    legung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft schon so oft Unglück
    gehabt hat, „hinausgeworfen“ wurde, und die Furcht, dieses Schicksal könnte
    sich bei dem jungen Manne, neben dem er die „Fidelio“-Vorstellung genießt,
    wiederholen. Und nun schließt sich daran das für den feinsinnigen Träumer
    beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer Abweisung von Seite
    eines Freundes aus Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung
    onaniert hat.
    Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitätsprofessoren behandeln
    ihn an meiner Statt. Der eine tut irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst
    vor einer Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange gegen seinen
    Mund, so daß er ein oder zwei Zähne verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern
    gebunden.
    Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die sei-
    denen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm bekannten
    Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus ausgeführt, auch
    nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit Männern gesucht hat,
    stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten
    Pubertätsonanie vor.
    Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahn-
    reiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn auszieht und

  • S.

    265

    ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden1). Rätselhaft
    mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz“ zu dieser Bedeutung gelangen
    kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von unten nach oben
    aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht, und vermöge
    welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an
    den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien
    Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher Verlegung
    ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten Denkens die Genitalien
    durch das Angesicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit,
    indem er „Hinterbacken“ als Homologe der Wangen anerkennt, „Scham-
    -
    lippen“ neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die
    Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Be-
    -
    haarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Gebilde
    steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und gerade dies
    Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung macht die Zähne
    für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der Sexualverdrängung
    geeignet.

    Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraums
    als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln kann, voll durch-
    -
    sichtig geworden ist2). Ich gebe so viel, als ich zur Erklärung weiß, und muß
    einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich muß auch auf einen anderen im
    sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren
    Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt:
    sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen3). Ich weiß nicht zu
    sagen, woher diese Redeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu-
    -
    grunde liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn“ sehr
    gut fügen.

    Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben
    auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen
    aber solche Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn
    zugestehen kann, schalte ich hier einen von Otto Rank zur Verfügung ge-
    -
    stellten „Zahnreiztraum“ ein:

    „Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der
    sich seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu
    interessieren beginnt, der folgende Bericht zugekommen:

    „Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen rückwärtigen
    Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet solange herum, bis der Zahn un-
    -
    brauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn mit der Zange und zieht ihn mit


    1) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration
    zu deuten (ähnlich wie das Haarschneiden durch den Friseur; Stekel). Es ist zu
    unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie solche
    z. B. Coriat (Zentralbl. f. PsA. III, 440) mitgeteilt hat.

    2) Nach einer Mitteilung von C. G. Jung haben die Zahnreizträume bei
    Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung
    hiefür erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt
    darin, daß es sich in beiden Fällen (Kastration – Geburt) um die Ablösung eines
    Teiles vom Körperganzen handelt.

    3) Vgl. hiezu den „biographischen“ Traum auf S. 239.

  • S.

    266

    einer spielenden Leichtigkeit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt,
    ich solle mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich be-
    handelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun scheint,
    ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe mich vom
    Operationsstuhl, trete neugierig näher und stelle interessiert eine medizinische
    Frage. Der Arzt erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des auffallend
    weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument zermalmt (pulverisiert),
    daß das mit der Pubertät zusammenhängt, und daß die Zähne nur vor der
    Pubertät so leicht herausgehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment
    die Geburt eines Kindes.

    Ich merke dann (wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von
    einer Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit Sicherheit an eine be-
    stimmte Stelle des Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir
    noch beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein.

    Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen Vorgang,
    der damit abschloß, daß ich, Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir
    die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo (möglicherweise in der Garderobe
    des Zahnarztes) zurücklassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich
    beeilte, einen abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten
    Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo bereits jemand
    stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere des Wagens gelangen, sondern
    mußte in einer unbequemen Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg
    zu befreien versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen
    Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug hin-
    durchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch
    ein Waggonfenster hinein.“

    Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende
    Erlebnisse und Gedanken des Vortages:

    I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung
    und habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des
    Unterkiefers, der im Traume angebohrt wird, und an dem der Arzt auch in
    Wirklichkeit schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag
    des Traumtages war ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen,
    der mir nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im selben
    Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren
    dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden ‚Weisheitszahn‘.
    Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage an sein
    ärztliches Gewissen gestellt.

    II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame
    gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen,
    worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen,
    deren Krone fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre
    bei den Augenzähnen besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr
    andererseits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des Ober-
    kiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter gehe. Diese Be-
    kannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose ein falscher Zahn
    gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu vor der notwendigen

  • S.

    267

    Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen
    Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese bekannt sei.
    Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all diesen
    Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes
    mancher volkstümlichen Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf
    von einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volks-
    glauben zu berichten, der behauptet: Wenn eine Schwangere Zahn-
    schmerzen hat, so bekommt sie einen Buben.

    III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von
    Freud in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193f.) mitgeteilte typische
    Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volks-
    spruch der Zahn und das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung
    gebracht werden. Ich las also am Abend desselben Tages die betreffende
    Stelle in der Traumdeutung nach und fand dort unter anderem die im folgenden
    wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf meinen Traum ebenso
    leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse.
    Freud schreibt von den Zahnreizträumen „daß bei Männern nichts anderes
    als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die Triebkraft dieser Träume
    abgebe“ (p. 193). Ferner: „Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen
    des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den
    Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich
    werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zahnreiz zu dieser Be-
    deutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von
    unten nach oben (im vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer in den
    Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht und
    vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die
    sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien
    Körperstellen realisiert werden können“ (p. 194). „Aber ich muß auch auf
    einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hin-
    weisen. In unseren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den mastur-
    batorischen Akt: ,sich einen ausreißen‘ oder ,sich einen herunterreißen‘
    (p. 193). Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung
    für die Onanie geläufig und von hier aus wird der geübte Traumdeuter un-
    schwer den Zugang zum Kindheitsmaterial, das diesem Traume zugrunde
    liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im
    Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn
    verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit erinnert,
    wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht und schmerzlos
    selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen seinen Einzel-
    heiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit in die bei mir die
    ersten bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).

    Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung, wonach
    die Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von Geburts-
    träumen haben (Traumdeutung S. 194 Anmkg.), sowie der Volksglaube
    von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren haben die Gegen-
    überstellung der weiblichen Bedeutung gegenüber der männlichen (Pubertät)
    im Traume veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes,

  • S.

    268

    VI. Die Traumarbeit.

    wo mir, bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes entlassen
    worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen heraus-
    fielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kostenaufwandes, den
    ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr ärgerte.
    Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als
    Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in
    jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen)
    und ich glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des
    Zahnschmerzes bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder
    wachrief.“

    So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, auch
    einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als
    etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles;
    der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen–Zug; reißen–reisen) den allem
    Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers
    von der Masturbation zum Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die
    Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die
    Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.

    Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen inter-
    essant. Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammen-
    hang, daß die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt.
    Sind wir doch genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie auf-
    treten mag, als eine masturbatorische Befriedigung anzusehen, welche ohne
    Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu kommt, daß
    in diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht, wie sonst, an einem,
    wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern objektlos, wenn man
    so sagen darf, rein autoerotisch ist und höchstens einen leisen homo-
    sexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt.

    Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist
    folgender: „Es liegt der Einwand nahe, daß die Freudsche Auffassung
    hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden suche, da doch
    die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt
    des Traumes verständlich zu machen. Der Besuch beim Zahnarzt, das
    Gespräch mit der Dame und die Lektüre der Traumdeutung erklärten
    hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer
    diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar zur Beseitigung
    des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Entfernung
    des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürchteten
    Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den weitest-
    gehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernst-
    haft vertreten wollen, daß die Lektüre der Freudschen Aufklärungen
    den Zusammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer
    hergestellt oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht,
    wie der Träumer selbst eingestanden hat (,sich einen ausreißen‘), längst
    vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem
    Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des
    Träumers, daß er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen

  • S.

    269

    Gründen an diese typische Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht
    glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle der
    artigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für
    seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte.
    Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches,
    nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser F r e u dschen
    Auffassung zu überzeugen.“

    Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in denen man
    fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten diese Träume?
    Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie wir hören werden, in
    jedem Falle etwas anderes, nur das Material an Sensationen, das sie ent-
    halten, stammt allemal aus derselben Quelle.
    Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, muß
    man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit wieder-
    holen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für das Kind
    eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht schon
    ein Kind fliegen lassen, indem er, die Arme ausstreckend, durchs Zimmer
    mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm gespielt, indem er es auf den Knien
    schaukelte und das Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich
    tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen
    dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas
    Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren
    die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die Hände weg,
    die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die Vor-
    liebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und Wippen
    ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird
    die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann
    der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher Kunststücke, die
    sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten sind bei diesen an
    sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen
    worden. Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen
    deckenden Worte zu sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches
    die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen
    Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,
    ist auch das Hetzen der Kinder in Wirklichkeit häufig genug in Zwist
    und Weinen ausgegangen.
    Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der Zustand
    unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen von der Be-
    wegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen und Fallen her-
    vorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung repro-
    duziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also Trauminhalt
    sind und nicht Traumquellen1).
    Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende Material
    von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der allermännig-

    1)Der Absatz über die Bewegungsträume ist des Zusammenhanges halber hier
    wiederholt. Vgl. S. 187.

  • S.

    270

    faltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbetonten Träume vom
    Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten Deutungen, ganz spezielle
    bei einigen Personen, Deutungen von selbst typischer Natur bei anderen.
    Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über
    die Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu berühren.
    Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede Beschmutzung, die der
    Verkehr mit Menschen mit sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide
    Wünsche, indem er ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in
    höhere Regionen ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliege-
    traum die Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär’; andere
    wurden so nächtlicherweise zu Engeln, in der Entbehrung, bei Tage
    so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor-
    stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern
    meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht ver-
    wundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer jedesmal sehr stolz
    auf sein Fliegenkönnen ist.

    Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung ausge-
    sprochen, daß ein guter Teil dieser Fliegeträume Erektionsträume sind, da
    das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt beschäftigende
    Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft imponieren muß.
    (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)

    Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder Deutung
    abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls die erotische
    Deutung der Fliege– (Schwebe–) Träume vertritt (Über den Traum, Ges.
    Schr. Bd. III.). Er nennt die Erotik das „wichtigste Motiv zum Schwebe-
    traum“, beruft sich auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, welches
    diese Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher Träume
    mit Erektionen oder Pollutionen.

    Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. Ihre
    Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast regelmäßig
    die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, welches die Nach-
    giebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. Die infantilen Quellen
    des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft; fast alle Kinder sind
    gelegentlich gefallen und wurden dann aufgehoben und geliebkost; wenn
    sie nachts aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in ihr
    Bett genommen.

    Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem Be-
    hagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer gewesen und
    wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer Zeit zu
    verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die Träume vom
    Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen oder dem anderen
    Beispiele erfahren.

    Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der Kinder-
    stube recht, welches die Kinder nicht „zündeln“ heißt, damit sie nicht
    nächtlicherweise das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich auch ihnen die
    Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinderjahre zugrunde. In dem

  • S.

    271

    „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ (1905)1) habe ich die vollständige Ana-
    lyse und Synthese eines solchen Feuertraumes im Zusammenhange mit
    der Krankengeschichte der Träumerin gegeben und gezeigt, zur Dar-
    stellung welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses infantile Material
    verwenden läßt.

    Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen“ Träumen an-
    führen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr des
    gleichen manifesten Trauminhalts bei verschiedenen Träumern versteht,
    so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom Gehen durch eine
    ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch
    die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die
    von Verfolgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung
    mit Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den manifesten
    Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind u. dgl. Eine Unter-
    suchung, die sich speziell mit diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr
    dankenswert. Ich habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die
    sich aber nicht ausschließlich auf typische Träume beziehen.

    Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, desto
    bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume Er-
    wachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum Aus-
    druck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom manifesten
    Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, kann sich ein
    Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt
    zu registrieren (wie z. B. Näcke in seinen Arbeiten über sexuelle Träume).
    Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Überraschendes
    bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der
    Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel
    Unterdrückung erfahren müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen
    Komponenten2), von keinem anderen erübrigen so viele und so starke
    unbewußte Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken.
    Man darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals
    vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben.

    An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen
    können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine unab-
    weisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. der
    normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegengesetzte
    Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu deuten seien,
    wie W. Stekel3) und Alf. Adler4) behaupten, scheint mir eine ebenso
    unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche ich nicht
    vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht wegzuschaffen,

    1)Ges. Schriften, Bd. VIII.

    2)Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905, 6. Aufl. 1926
    (Ges. Schriften, Bd. V).

    3)Die Sprache des Traumes, 1911.

    4)Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, Fort-
    schritte der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psycho-
    analyse I, 1910/11.

  • S.

    272

    daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als – im weitesten Sinne –
    erotische Bedürfnisse befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequem-
    lichkeitsträume usw. Auch die ähnlichen Aufstellungen „daß hinter jedem
    Traum die Todesklausel zu finden sei“ (Stekel), daß jeder Traum ein
    „Fortschreiten von der weiblichen zur männlichen Linie“ erkennen lasse
    (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen weit
    zu überschreiten. – Die Behauptung, daß alle Träume eine sexuelle
    Deutung erfordern, gegen welche in der Literatur unermüdlich pole-
    misiert wird, ist meiner „Traumdeutung“ fremd. Sie ist in sieben Auflagen
    dieses Buches nicht zu finden und steht in greifbarem Widerspruch zu
    anderem Inhalt desselben.

    Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe erotische
    Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet und
    könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch viele in-
    different scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung etwas Be-
    sonderes anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf unzweifelhaft
    sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B.
    bei nachfolgendem Traume einen sexuellen Wunsch von der Deutungsarbeit
    vermuten? Der Träumer erzählt: „Zwischen zwei stattlichen Palästen steht
    etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen sind. Meine
    Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem Häuschen hin, drückt die Tür
    ein, und dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg aufsteigen-
    den Hofes.“

    Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird allerdings
    sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, das
    Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Symbolik ge-
    hört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Darstellung eines
    Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen Hinter-
    backen des weiblichen Körpers) finden. Der enge, schräg aufsteigende Gang
    ist natürlich die Scheide; die der Frau des Träumers zugeschobene Hilfe-
    leistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die Rücksicht auf
    die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche besorgt, und
    eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein junges Mädchen in den
    Haushalt des Träumers eingetreten ist, welches sein Wohlgefallen erregt
    und ihm den Eindruck gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige
    Annäherung nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei
    Palästen ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen
    und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin.

    Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, mit
    der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so bekomme ich
    zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum nicht erinnern.
    Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen anderen, unkenntlichen
    und indifferenten Traum auf, der sich bei dem Betreffenden häufig wieder-
    holt hat, und die Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhalts,
    nämlich wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die ver-
     

  • S.

    273

    kappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein Vielfaches
    häufiger sind als die aufrichtigen1).

    Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen im
    Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon einmal. Dieses
    „Déjà vu“ hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. Diese Örtlichkeit
    ist dann immer das Genitale der Mutter; in der Tat kann man von keiner
    anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man „dort schon einmal
    war“. Ein einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die Mit-
    teilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche eine
    Wohnung, in der er schon zweimal gewesen sei. Gerade dieser Patient
    hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebens-
    jahre erzählt, er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die
    Gelegenheit dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden ein-
    zuführen.

    Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, oft
    das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser zum
    Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen
    im Mutterleibe und den Geburtsakt zugrunde. Im folgenden gebe ich
    den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der Phantasie schon die
    intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern
    benutzt.

    1)Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich in
    Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht (s. unten); ein anderes mit
    ausführlicher Deutung O. Rank ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte Ödipus-
    träume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Rank (Internat. Zeit-
    schrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume“ und
    Augensymbolik von Eder, Ferenczi, Reitler. Die Blendung in der Ödipus-
    sage wie anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens
    auch die symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd (Vgl.
    O. Rank, Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlecht-
    lichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vor-
    zeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter-
    Erde) auslegten. Ebenso
    notariert ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die
    Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit),
    was Brutus als Hinweis auf die Mutter-
    Erde auffaßte (terram osculo contigit,
    scilicet quod ea communis mater omnium mortalium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu
    den Traum des Hippias bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren aber führte Hippias
    nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht
    gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem
    Traume schloß er nun, er würde heimkommen nach Athen und seine Herrschaft
    wieder erhalten und im Vaterlande sterben in seinen alten Tagen.“ Diese Mythen
    und Deutungen weisen auf eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe
    gefunden, daß die Personen, die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet
    wissen, im Leben jene besondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen
    Optimismus bekunden, die nicht selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen
    Erfolg erzwingen.

    Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.
    Ein Mann träumt: Er hat ein geheimes Verhältnis mit einer Dame, die ein anderer
    heiraten will. Er ist besorgt, daß dieser andere das Verhältnis entdecken könnte, so daß
    aus der Heirat nichts würde, und benimmt sich darum sehr zärtlich gegen den Mann;
    er schmiegt sich an ihn an und küßt ihn. – Die Tatsachen im Leben des Träumers
    berühren den Inhalt dieses Traumes nur in einem Punkte. Er unterhält ein geheimes

  • S.

    274

    „Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster ist wie im
    Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst leere Landschaft und dann kom-
    poniert er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und die Leere aus-
    füllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der vom Instrument tief aufgewühlt wird,
    und die schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die blau-
    schwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck. Dann kommt er weiter,
    sieht eine Pädagogik aufgeschlagen . . . und wundert sich, daß den sexuellen
    Gefühlen (des Kindes) darin so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei
    er an mich denken muß.“

    Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer besonderen
    Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:

    In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich ins dunkle Wasser,
    dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt.

    Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung gelangt man,
    wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache umkehrt, also
    anstatt: sich ins Wasser stürzen, – aus dem Wasser herauskommen, d. h.:
    geboren werden1). Die Lokalität, aus der man geboren wird, erkennt man,
    wenn man an den mutwilligen Sinn von „la lune“ im Französischen denkt.
    Der blasse Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen
    zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht,
    in ihrem Sommeraufenthalt „geboren zu werden“? Ich befrage die Träumerin,
    die ohne zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie n e u g e-
    boren? So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an
    jenem Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel-
    leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst Mutter
    zu werden2).

    Verhältnis mit einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äußerung ihres Mannes,
    mit dem er befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt, daß dieser etwas
    gemerkt haben könnte. Aber in der Wirklichkeit spielt noch etwas anderes mit, dessen
    Erwähnung im Traume vermieden wird und das doch allein den Schlüssel zum
    Verständnis des Traumes gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches
    Leiden bedroht. Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes vorbe-
    reitet, und unser Träumer beschäftigt sich bewußt mit dem Vorsatze, nach dem
    Hinscheiden des Mannes die junge Witwe zur Frau zu nehmen. Durch diese äußere
    Situation findet sich der Träumer in die Konstellation des Ödipustraumes versetzt;
    sein Wunsch kann den Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein
    Traum gibt diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des
    Verheiratetseins mit dem anderen setzt er ein, daß ein anderer sie erst heiraten will,
    was seiner eigenen geheimen Absicht entspricht, und die feindseligen Wünsche gegen
    den Mann verbergen sich hinter demonstrativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinne-
    rung an seinen kindlichen Verkehr mit dem Vater stammen.

    1)Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe Rank: Der
    Geburt des Helden, 1909.

    2)Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben
    im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die Auf-
    klärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu werden,
    als auch die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fortleben nach dem
    Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der
    Geburtsakt ist übrigens das erste Angst-
    erlebnis und somit Quelle und Vorbild des Angstaffekts.

  • S.

    275

    Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung einer
    Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und beaufsichtigte einen
    kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein schien, während er ins Wasser watete.
    Dies tat er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf
    sehen konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene
    verwandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte verließ sie
    und sie trat in ein Gespräch mit einem Fremden.“

    „Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der
    Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung
    intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste Teil des Traumes
    war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den Träumen wie in der
    Mythologie wird die Entbindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser ge-
    wöhnlich mittels Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt;
    neben vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris, Moses und
    Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des
    Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an die Empfindung der
    Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft
    kennen gelernt hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben
    erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem
    Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und kleidete
    und schließlich in ihr Haus führte.“

    „Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche
    das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen Traum-
    gedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes entspricht dem
    latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. Außer der früher
    erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte des
    Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind in das Wasser und
    dann baumelt sein Kopf; in den zugrunde liegenden Traumgedanken tauchen
    erst die Kindesbewegungen auf und dann verläßt das Kind das Wasser
    (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie;
    in den Traumgedanken verläßt sie ihren Gatten.“ (Übersetzt von O. Rank.)

    Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jungen,
    ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle des
    Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins Wasser
    (Geburtsweg – Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fußboden auf
    und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf,
    das beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der
    jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütter-
    lichen Verhältnisse gestanden hatte.

    Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts-
    träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. Der
    erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schichtung der
    Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungswandel des
    Symbols seit der Kindheit.

    Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir (S. 165) ab-
    gebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender Reize für
    die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen zustande gekommen

  • S.

    276

    VI. Die Traumarbeit.

    sind, zeigen uns nicht nur die Wunscherfüllungstendenz und den Bequem
    lichkeitscharakter ganz offen, sondern sehr häufig auch eine völlig durch
    sichtige Symbolik, da nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, dessen
    Befriedigung in symbolischer Einkleidung im Traume
    bereits vergeblich versucht worden war. Dies gilt für die
    Pollutionsträume wie für die durch Harn- und Stuhldrang ausgelösten.
    Der eigentümliche Charakter der Pollutionsträume gestattet uns nicht nur,
    gewisse, bereits als typisch erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexual-
    symbole direkt zu entlarven, sondern vermag uns auch zu überzeugen, daß
    manche scheinbar harmlose Traumsituation auch nur das symbolische Vor-
    spiel einer grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ
    seltenen Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie
    oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwachen führt.

    Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtig
    und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates vertrat die Auf-
    fassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man von Fontänen
    und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner hat die Mannigfaltigkeit
    der Harnreizsymbolik studiert und auch bereits behauptet, daß „der stärkere
    Harnreiz stets in die Reizung der Geschlechtssphäre und deren symbolische
    Gebilde umschlägt … Der Harnreiztraum ist oft der Repräsentant des
    Geschlechtstraumes zugleich.“

    O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die „Symbol-
    schichtung im Wecktraum“ ich hier gefolgt bin, hat es sehr wahrscheinlich
    gemacht, daß eine große Anzahl von „Harnreizträumen“ eigentlich durch
    sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst auf dem Wege der
    Regression in der infantilen Form der Urethralerotik zu befriedigen sucht.
    Besonders lehrreich sind dann jene Fälle, in denen der so hergestellte
    Harnreiz zum Erwachen und zur Blasenentleerung führt, worauf aber trotz-
    dem der Traum fortgesetzt wird und sein Bedürfnis nun in unverhüllten
    erotischen Bildern äußert1).

    In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die dazu
    gehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völkerpsychologisch
    reichlich belegten Zusammenhang von Gold und Kot2). „So träumt
    z. B. eine Frau zur Zeit, da sie wegen einer Darmstörung in ärztlicher
    Behandlung steht, von einem Schatzgräber, der in der Nähe einer kleinen
    Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort aussieht, einen Schatz vergräbt.
    Ein zweiter Teil des Traumes hat zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, einem
    kleinen Mäderl, das sich beschmutzt hat, den Hintern abwischt.“

    1)„Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen
    Traume zugrunde liegen, erscheinen im ‚rezenten‘ Sinne in exquisit sexueller
    Bedeutung: Wasser = Urin = Sperma = Geburtswasser; Schiff = ‚schiffen‘ (urinieren)
    = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus = Gravidität; schwimmen
    = Urinfülle = Aufenthalt des Ungeborenen; Regen = Urinieren = Befruchtungs-
    symbol; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus dem Bett = Geschlechtlich
    verkehren (,fahren‘ Hochzeitsreise); Urinieren = sexuelle Entleerung (Pollution)“.
    (Rank l. c.)

    2)Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung usw.
    Dattner, Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1913; Reik, Internat. Zeitschr. III, 1915.

  • S.

    277

    Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von
    „Rettungen“ an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleich-
    bedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modifiziert
    aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen solchen
    Traum bei Pfister: Ein Fall von psychoanalytischer Seelsorge und Seelen-
    heilung, Evangelische Freiheit, 1909.) – Über das Symbol des „Rettens“
    vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen
    Therapie. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 1910 (Ges. Schriften, Bd. VI)
    sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen besonderen
    Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. PsA., Bd. II, 1910 (Ges.
    Schriften, Bd. V)1).

    Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen man
    sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich den Schlafen-
    den heimsuchen, entstammen einer und derselben infantilen Reminiszenz.
    Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind aus dem Schlafe geweckt
    haben, um es auf den Topf zu setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder
    die die Decke gehoben haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während
    des Schlafens die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angst-
    träume habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszie-
    rung bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster
    werden wohl eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande ent-
    sprechen.

    F

    Beispiele – Rechnen und Reden im Traum

    Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden Momente
    an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner Traumsammlung
    einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zusammenwirken der drei
    uns bekannten Momente erläutern, teils Beweise für frei hingestellte Be-
    hauptungen nachtragen oder unabweisbare Folgerungen aus ihnen aus-
    führen können. Es ist mir ja in der vorstehenden Darstellung der Traum-
    arbeit recht schwer geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu erweisen.
    Die Beispiele für die einzelnen Sätze sind nur im Zusammenhang einer
    Traumdeutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhang gerissen, büßen sie
    ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung
    wird bald so umfangreich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren
    Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag
    entschuldigen, wenn ich nun allerlei aneinander reihe, was nur durch
    die Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammen-
    gehalten wird.

    1)Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. PsA., I, 1910,
    p. 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburts-
    rettungsphantasie“ in Traum und Dichtung (Internat. Zeitschr. f. PsA., II, 1914).

  • S.

    278

    Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von un-
    gewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame heißt
    es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter wie zum Fensterputzen und hat
    einen Schimpansen und eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei
    sich. Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse schmiegt sich an
    die letztere an, und das ist sehr ekelhaft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch
    ein höchst einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wört-
    lich nahm und nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen
    überhaupt sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes
    als „mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Sammlung wird alsbald
    weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei der
    Traumarbeit bringen.

    Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem Kind,
    das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von diesem Kinde hat sie gehört,
    daß es durch die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel,
    sagt der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form bringen, allein das würde
    dem Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. –
    Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffs:
    „Kindereindrücke“, den die Träumerin in den Erklärungen zur
    Kur gehört hat.

    Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden Beispiel
    ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug zum Hilmteich
    bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter draußen; ein armseliges Hotel, von
    den Wänden tropft das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des
    Inhalts ist minder direkt im Traum, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet
    „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken
    fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa durch
    „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig“, und dann durch
    eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Darstellung gebracht. Wasser
    draußen, Wasser innen an den Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den
    Betten, alles flüssig und „ü b e r“flüssig. Daß zu Zwecken der Darstellung
    im Traume die Orthographie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird
    uns nicht gerade wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Frei-
    heiten gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und
    sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt,
    daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und Korn-
    ähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, und sie
    will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es sich um einen
    Kuß in Ehren handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht ab-
    gerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum als
    solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen zur Darstellung
    einer ganzen Reihe von anderen Gedanken.

    Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Darstellung
    seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze Reihe von
    Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret gemeint waren und
    gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum
    braucht diesen Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben

  • S.

    279

    oder in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen.
    Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem Kasten steckt;
    bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen „Schrank“
    und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser Bruder sich „ein-
    schränken“ solle, an seiner Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt
    auf einen Berg, von dem aus er eine ganz außerordentlich weite Aus-
    sicht hat. Er identifiziert sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rund-
    schau“ herausgibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten
    beschäftigt.

    In einem Traum des „Grünen Heinrich“ wälzt sich ein über-
    mütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein süßer
    Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig“ ist, „zusammen in rote
    Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden“. Der
    Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort die Deutung dieser Traum-
    darstellung, denn das Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es ruft:
    Der Hafer sticht mich.

    Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitz-traum
    macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, in der sich kaum
    ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet.

    Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu sammeln
    und nach den ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu ordnen. Manche dieser
    Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man hat den Eindruck, daß
    man sie niemals selbst erraten hätte, wenn der Träumer sie nicht mit-
    zuteilen wüßte:

    1) Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den er sich
    aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen: Es fällt
    mir nicht im Traume ein.

    2) Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handelnden Per-
    sonen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, daß es sich um
    eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln muß, denn damals
    sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen. Ihre
    eigene Person trat in diesem Trauminhalt nicht auf.

    Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch anders
    ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht die betreffenden
    Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines langen Weges
    oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten Opernglas be-
    trachten würde.

    3) Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucksweise
    geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in gewissem Zusammen-
    hange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein Zug ankomme. Dann werde
    aber der Perron an den stehenden Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung
    des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index,
    der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle.
    Die Analyse desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in
    denen Männer dargestellt waren, die auf dem Kopfe standen und auf den
    Händen gingen.

  • S.

    280

    4) Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen Traum,
    der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel gibt ihm im Auto-
    mobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung hinzu, die ich nie gefunden
    hätte, das heiße: Autoerotismus. Ein Scherz im Wachen hätte
    ebenso lauten können.

    5) Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das heißt: Er
    gibt ihr den Vorzug.

    6) Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser gegenüber:
    Er bringt sich in Gegensatz zum Vater.

    7) Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines Knochenbruches.
    Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstellung eines Ehebruches
    u. dgl.

    8) Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebenszeiten
    der Kindheit. So bedeutet z. B. um ¼6 Uhr früh bei einem Träumer das
    Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt
    eines jüngeren Bruders.

    9) Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume: Eine
    Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander sind. – Die
    Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, für die das zuträfe.
    Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß
    der Traum sie mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit
    seien um soviel voneinander entfernt. (3½ und 4¾ Jahre.)

    10) Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psychoanalytischer
    Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und alle die Gedanken und
    Erwartungen, die sie erregt, im Traume ausdrücken müssen. Das für die
    Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer Fahrt, meist im Automobil,
    als einem neuartigen und komplizierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnellig-
    keit des Automobils kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rech-
    nung. Soll das „Unbewußte“ als Element der Wachgedanken im
    Traume Darstellung finden, so ersetzt es sich ganz zweckmäßigerweise durch
    „unterirdische“ Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Be-
    ziehung zur analytischen Kur, den Frauenleib oder den Mutterleib bedeutet
    hatten. „Unten“ im Traume bezieht sich sehr häufig auf die Genitalien,
    das gegensätzliche „oben“ auf Gesicht, Mund oder Brust. Mit wilden
    Tieren symbolisiert die Traumarbeit in der Regel leidenschaftliche Triebe,
    sowohl die des Träumers als auch die anderer Personen, vor denen der Träumer
    sich fürchtet, also mit einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen
    selbst, welche die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht
    weit zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürchteten
    Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man könnte sagen,
    die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich gefürchteten, durch
    Verdrängung bekämpften Libido. Auch die Neurose selbst, die „kranke
    Person“, wird oft vom Träumer abgespalten und als selbständige Person im
    Traume veranschaulicht.

    11) (H. Sachs.) „Aus der ‚Traumdeutung‘ wissen wir, daß die
    Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Redewendung
    sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den Umstand, daß der

  • S.

    281

    darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze machen und, den Doppel-
    sinn als ‚Weiche‘ benutzend, statt der ersten, in den Traumgedanken vor-
    kommenden, Bedeutung die zweite in den manifesten Trauminhalt auf-
    nehmen.

    Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume geschehen,
    und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen rezenten Tages-
    eindrücke als Darstellungsmaterial.

    Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und deshalb
    am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während der
    Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur meine
    Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte
    in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem Ausschnitt den
    passenden Platz anzuweisen. Der Traum lautete:
    „Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu kleben; er geht aber
    nicht auf die Seite, was mir großen Schmerz verursacht.“

    Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des Traums
    als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, meinem
    Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ‚Hüter des Schlafes‘
    die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, durch die Darstellung
    der Worte ‚er geht aber nicht auf die Seite‘ vorgetäuscht.“

    Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur visuellen
    Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen Mittel, ob sie der
    Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen mögen, und setzt sich dadurch
    dem Zweifel wie dem Gespött aller jener aus, die von Traumdeutung nur
    gehört und sie nicht selbst geübt haben. An solchen Beispielen ist be-
    sonders das Buch von Stekel, „Die Sprache des Traumes“ reich, doch
    vermeide ich es, von dort die Belege zu entnehmen, weil die Kritik-
    losigkeit und technische Willkür des Autors auch den nicht in Vorurteilen
    Befangenen unsicher machen.

    12) Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben im Dienste
    der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. PsA., II, 1914):
    a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen Lüsterkleid,
    das über dem Gesäß straff anliegt. – Das heißt, er erklärt diese Frau
    für lüstern.
    b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, von weißem
    Licht umflossen und mit einer weißen Bluse bekleidet.
    Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein Weiß
    die ersten Intimitäten ausgetauscht.
    c) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blasel (einen 80jährigen Wiener
    Schauspieler) in voller Rüstung auf dem Diwan liegen. Dann springt
    er über Tische und Stühle, zieht seinen Degen, sieht sich dabei im Spiegel
    und fuchtelt mit dem Degen in der Luft herum, als kämpfe er gegen einen
    eingebildeten Feind.

    Deutung: Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden. Sie liegt
    bei der Analyse auf dem Diwan, und wenn sie sich im Spiegel sieht, dann
    kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre und ihrer Krankheit noch sehr
    rüstig vor.

  • S.

    282

    13. Die „große Leistung“ im Traume.
    Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette liegend.
    Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: Da will ich doch lieber
    (in der Analyse ergänzt er, nach einer Erinnerung an eine Pflegeperson:
    Steine klopfen). Hinter seinem Bett hängt eine Landkarte, deren unterer Rand
    durch eine Holzleiste gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter,
    indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern
    in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und auch die
    Geburt befördert.

    Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine große
    „Leistung“, durch welche er sich aus seiner unbehaglichen Situation (in
    der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen Einstellung heraus-
    reißt ... Das absurde Detail, daß die Holzleiste nicht nur bricht, sondern
    der Länge nach splittert, findet seine Erklärung, indem der Träumer er-
    innert, daß die Verdoppelung im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung
    auf die Kastration enthält. Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im
    trotzigen Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen
    dar. Die „Leiste“ ist ja auch eine den Genitalien nahe liegende Körper-
    region. Er fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrations-
    drohung, welche ihn in die weibliche Einstellung gebracht hat1).

    14. In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist ein Traum
    zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß natürlich fragen, wie
    ich zu dieser Darstellung komme. „Vous me trompez“, antwortet der Träumer
    (trompe = Rüssel).

    Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr sprödem
    Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene Verwertung
    sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume hat mir der alte Brücke
    eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus,
    was wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch später
    mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: „Stanniol“, und
    nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius meine, den eine von mir
    in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Abhandlung über das Nerven-
    system der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche Aufgabe, die mir mein
    Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das Nervensystem eines Fisches,
    des Ammocoetes. Letzterer Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht
    zu gebrauchen.

    Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonderbarem
    Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkenswert ist
    und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame erzählt: Ich
    kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt habe, der liebe
    Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut
    pflegte man mir nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht
    auf die Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem
    betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei all-
    -
     

    1)Internat. Zeitschr. f. PsA., II., 1914.

  • S.

    283

    wissend, so bedeutet der Traum, ich weiß alles auch trotz des aufgesetzten
    Hutes.

    Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, den
    Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an den Zahlen
    und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. Geträumte Zahlen
    gelten überdies dem Aberglauben als besonders verheißungsvoll. Ich werde
    also einige Beispiele solcher Art aus meiner Sammlung heraussuchen.

    1. Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:

    Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt ihr 3 fl. 65 kr. aus
    der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust du? Es kostet ja nur 21 kr.

    Dieses
    Stückchen Traum war mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere
    Aufklärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre
    Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte und die
    meine Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
    In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch die
    Kur. Am Tage vor dem Traum hatte ihr die Institutsvorsteherin nahe
    gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein weiteres
    Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese Anregung dahin
    fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Behandlung um ein Jahr ver-
    längern könnte. Darauf bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich
    365 Tagen, die drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur
    lassen sich ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungs-
    stunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden
    im Traum Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer Sinn
    zum Ausdruck käme, denn „Time is money“, Zeit hat Geldwert. 365 Kreuzer
    sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die Kleinheit der im Traum
    erscheinenden Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der Wunsch
    hat die Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im Institut verkleinert.

    2. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem anderen
    Traum. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren verheiratete
    Dame erfährt, daß ihr ein fast gleichalterige Bekannte, Elise L., sich eben
    verlobt hat. Daraufhin träumt sie:

    Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater,
    eine Seite des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und
    ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte Sitze be-
    kommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die konnten sie ja nicht nehmen. Sie
    meint, es wäre auch kein Unglück gewesen.

    Woher rühren die 1 fl. 50 k.? Aus einem eigentlich indifferenten Anlaß
    des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 150 fl. zum Geschenk
    bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck
    dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl. 100 mal mehr ist als 1 fl. 50 kr.
    Woher die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die
    eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist
    als sie. Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der
    Zug im Traum, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Der
    selbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit, die ihrem
    Manne guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich vorgenommen,
    zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und

  • S.

    284

    war so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie
    Verkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie,
    daß die eine Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt,
    sich so sehr zu beeilen.

    Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: „Ein
    Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht nötig gehabt,
    mich so zu beeilen. An dem Beispiele der Elise L. sehe ich, daß ich noch
    immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen hundertmal besseren
    (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen
    der Schwägerin). Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift)
    kaufen können!“ Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traum
    die Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert
    haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit
    des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß diese Traum-
    gedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders hohes Maß von innerpsychischem
    Widerstand zu überwinden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß
    in diesem Traum ein absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei
    Personen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität
    im Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Traum-
    inhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein Unsinn
    war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung
    der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im
    Alter) ist dann geschickt zur Produktion des für den Traum erforderlichen
    Unsinns verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50
    entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unter-
    drückten Gedanken der Träumerin.

    3. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor,
    die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: Er sitzt bei B…
    (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) und sagt: Es war ein Unsinn,
    daß Sie mir die Mali nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie
    alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah, dann sind Sie 28 Jahre
    alt.

    Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht ge-
    rechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers
    an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa nicht anders aufklären läßt.
    Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken kein Frauenzimmer,
    das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordi-
    nationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame,
    der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus
    höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
    Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren Rechnung. 1882 war
    aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht unterlassen
    können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, die er bei mir
    traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen Mädchen,
    die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen pflegten, und als er die Mädchen
    wenig zutraulich fand, sich die Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für
    einen älteren „gesetzten“ Herrn.

  • S.

    285

    Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determinierung
    oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, verdanke ich mitsamt
    seiner Deutung Herrn B. Dattner:

    „Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt,
    er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt
    ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen die Nummer 22 und 62
    oder 20 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier daraufgewesen. Schon die
    Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen,
    daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hatten gestern im
    Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab
    ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der Träumer hat
    erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, um eine 90%ige Pension
    zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst die Erfüllung eines langgehegten
    Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem
    Kragen ist er selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings-
    wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62jährige
    Inspektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden1).“

    Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zusammen-
    halten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt nicht, weder
    richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den Traumgedanken vor-
    kommen und als Anspielungen auf ein nicht darstellbares Material dienen
    können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die
    Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material zum Ausdruck ihrer Ab-
    sichten wie alle anderen Vorstellungen, wie auch die Namen und die als
    Wortvorstellungen kenntlichen Reden.

    Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. So viel
    von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, die an sich
    sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt uns jedesmal, daß
    der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten
    Reden den Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich mit
    ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen
    und zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, sondern
    auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende
    Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser
    Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken
    hatten, beiseite gelassen, und dem Wortlaut einen völlig neuen Sinn ab-
    gewonnen2). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede

    1)Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei Jung, Marcinowski
    und anderen. Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die
    aber vom Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones,
    „Über unbewußte Zahlenbehandlung“ (Zentralbl. f. PsA., II, 1912, S. 241f.).

    2)In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich kenne
    eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen unwill-
    kürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr Seelenleben
    verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse zeigt
    dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich ver-
    wendet hat. „Leise, leise, fromme Weise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes:
    Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „O du selige, o du fröhliche“ ist der

  • S.

    286

    deutliche, kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemittel dienen
    und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir ausgelassene Buchstaben
    und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede hat so den Aufbau eines
    Brecciengesteines, in dem größere Brocken verschiedenen Materials durch eine
    erhärtete Zwischenmasse zusammengehalten werden.

    In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur für jene
    Reden im Traum, die etwas vom sinnlichen Charakter der Rede haben und
    als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die nicht gleichsam als gehört
    oder als gesagt empfunden werden (keine akustische oder motorische Mit-
    betonung im Traum haben), sind einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen
    Denktätigkeit vorkommen und unverändert in viele Träume übergehen.
    Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die
    Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben.
    Alles aber, was im Traum als Rede irgendwie auffällig hervortritt, unterwirft
    sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder gehörte Rede.

    Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir bereits bei
    der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen Zwecken mitgeteilt
    worden sind. So in dem „harmlosen Markttraum“ auf S. 127, in dem die Rede:
    Das ist nicht mehr zu haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer
    zu identifizieren, während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich
    nicht, das nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum
    harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgendwelche
    Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne ich
    nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser Rede das
    indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen, um mit ihm
    auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traum
    zugrunde lag, sehr wohl gepaßt, aber dieselbe auch verraten hätte.

    Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche ergeben:

    Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. Er sagt: Da geh’ ich
    weg, das kann ich nicht sehen. (Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei
    Fleischhauerbuben und fragt: Na hat’s geschmeckt? Der eine antwortet: Na,
    nit gut war’s. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre.

    Anfang eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weihnachtszeit“ fortsetzt,
    macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Entstellungsmechanismus kann
    sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird
    einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in
    jungen Jahren lernen mußte:

    „Nächtlich am Busento lispeln . . .?“

    Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:

    „N ä c h t l i c h a m B u s e n“ begnügt.

    Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik nicht
    verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustrationen zu
    deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“, zu dem
    das Zitat vorzeitig abgeschlossen war:

    „Und des frisch erkämpften Weibes
    Freut sich der Atrid und strickt.“
    Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
    Seine Arme hochbeglückt.

  • S.

    287

    Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht nach
    dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, aber
    keineswegs a p p e t i t l i c h e n Nachbarsleuten. Die gastfreundliche alte Dame
    befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt ihn (man gebraucht
    dafür scherzhaft unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeut-
    sames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr.
    „Aber gehn S’ weg, das werden Sie noch vertragen“ oder so ähnlich.
    Er muß also kosten und rühmt dann das Gebotene vor ihr. „Das ist
    aber gut.“ Mit seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über
    die Aufdringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der ge-
    kosteten Speise. „Das kann ich nicht sehen“, das auch im Traum nicht
    als eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körper-
    lichen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß
    er diese zu schauen nicht begehrt.

    Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes gestalten,
    den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittelpunkt bildet, schon
    an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdigung der Affekte im Traume
    aufklären werde. Ich träumte sehr klar: Ich bin nachts ins Brückesche Labo-
    ratorium gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (ver-
    storbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden eintritt und sich nach
    einigen Worten an seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein
    Freund Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihn auf
    der Straße im Gespräch mit meinem (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit
    ihnen irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen Tisch gegenübersitzen,
    ich an der schmalen Seite des Tischchens vorne. Fl. erzählt von seiner Schwester
    und sagt: In dreiviertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die
    Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an mich und fragt mich,
    wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merk-
    würdigen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar nichts wissen
    kann, weil er) gar nicht am Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend:
    Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke wird
    er bleich, verschwommen, seine Augen werden krankhaft blau – und endlich
    löst er sich auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst
    Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war, und finde es ganz wohl mög-
    lich, daß eine solche Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie
    durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.

    Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt rätselhaften
    Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst, daß ich meinen Irrtum,
    Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst bemerke, den unbefangenen
    Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum selbst für verstorben erklärt, die
    Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir
    bereitet, – daß ich „für mein Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel
    mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was
    ich nämlich im Traum tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem
    Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte
    Sinn des Traumes zuschanden geworden. So begnüge ich mich denn, zuerst

  • S.

    288

    hier und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traums zur Deutung
    herauszugreifen.

    Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch
    einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und un-
    heimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die unverkennbare
    Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demonstrator am physiolo-
    gischen Institut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und Brücke hatte
    erfahren, daß ich einige Male zu spät ins Schülerlaboratorium gekommen
    war. Da kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab.
    Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht auf
    die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchterlichen blauen Augen,
    mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im
    Traum, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich
    an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters
    erinnern kann und ihn je im Zorn gesehen hat, wird sich in die Affekte
    des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können.
    Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ abzuleiten,
    mit dem ich im Traum jene Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese zwei
    Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als gesehene so hohe
    Deutlichkeit im Traum besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie
    stammten. Auf dem Postament des Kaiser-Josef-Denkmals in der Wiener
    Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:

    Saluti patriae vixit
    non diu sed totus1).

    Aus dieser Inschrift habe ich herausgeklaubt, was zu der einen, feind-
    seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was heißen
    sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar nicht. Und
    nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der Enthüllung
    des Fleischldenkmals in den Arkaden der Universität geträumt worden
    war, wobei ich das Denkmal Brückes wiedergesehen hatte und (im
    Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter
    und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen
    Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen ver-
    loren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traum; mein Freund P. hieß
    mit dem Vornamen Josef2).

    Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht
    berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, das mir die Er-
    innerung an das Josefsmonument zur Verfügung stellt, zu ersetzen. Ein
    anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag ermög-
    licht haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der Traumszene

    1)Die Inschrift lautet richtig: Saluti publicae vixit
    non diu sed totus.
    Das Motiv der Fehlleistung: patriae für publicae hat Wittels wahrscheinlich
    zutreffend erraten.

    2)Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zuspät-
    kommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten Weg
    von der Kaiser-Josef-Straße in die Währinger Straße zu machen hatte.

  • S.

    289

    eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammen-
    treffen, die erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in
    den nämlichen Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich
    um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal;
    aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am Ende
    des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich habe da einen
    Satz von ganz besonderem Klang gebildet, bei dem mich ein Vorbild beeinflußt
    haben muß. Wo findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein solches Neben-
    einanderstellen zweier entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person,
    die beide den Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander
    nicht stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief
    einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares
    „Julius Cäsar“: „Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er
    glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er
    herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche Satzbau
    und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den ich aufgedeckt
    habe? Ich spiele also den Brutus im Traum. Wenn ich nur von dieser über-
    raschenden Kollateralverbindung noch eine andere bestätigende Spur im
    Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, dies könnte folgende sein: Mein
    Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine
    Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens
    niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar
    benannt und könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf
    den Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten1).

    Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus gespielt.
    Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten vor einem
    Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als vierzehnjähriger Knabe
    im Verein mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England
    zu uns gekommen war, – auch so ein Revenant – denn es war der
    Gespielte meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis
    zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten
    einander geliebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat,
    wie ich schon einmal angedeutet, über all meine späteren Gefühle im Verkehr
    mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele
    Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner un-
    bewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. Er
    muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß Mut be-
    wiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in späteren Jahren
    oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich
    verteidigte, als mich der Vater – sein Großvater – zur Rede stellte: Warum
    schlägst du John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen:
    Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinder-
    szene muß es sein, die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in der Sprache
    späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen – Wichsen; die Traumarbeit
    verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der

    1)Dazu noch Cäsar-Kaiser.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl.

  • S.

    290

    Realität so wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der
    mir vielfach überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder-
    gespielen abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte infantile Be-
    ziehung zu John zurück.

    Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    G

    Absurde Träume – Die intellektuellen Leistungen
    im Traum

    Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Element
    der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Untersuchung
    nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt und was es etwa
    bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume den Gegnern
    der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im Traum nichts anderes
    als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten Geistestätigkeit
    zu sehen.

    Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des Traum-
    inhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in den Sinn des
    Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, die – wie man
    zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.

    Der Traum eines Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren verloren:
    Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er ist mit dem Nacht-
    zug gefahren, da ist eine Entgleisung erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen,
    und ihm ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn dann auf
    dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem Augenbrauenrand links, die vertikal
    verläuft. Er wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da er doch
    schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die Augen sind so klar.

    Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich diesen
    Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während er sich
    den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon seit Jahren
    im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des Traumes wacht diese Erinnerung
    auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen Traum noch selbst träumend
    verwundert. Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist,
    nach solchen Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler
    eine Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
    Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt vor-
    kommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm
    vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der pietät-
    volle Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch der
    dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich daß er zu
    schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe ausgefallen
    ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Aufbau dieses Traumes
    beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen
    oder Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen

  • S.

    291

    die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde,
    zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war unser Träumer
    zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater
    die Augen schwärzte (die Augen sind so klar). – An der Stelle,
    wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn
    er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau. Daß
    diese Furche im Traum durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite
    Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen
    photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte,
    als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über die
    Stirne der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen reichte. Da konnte
    er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag
    vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische Platte mit deren
    Abbild gesprungen.

    Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer Nachlässig-
    keit des sprachlichen Ausdrucks, der die Büste und die Photographie
    von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle gewöhnt so zu
    reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich wäre der Anschein
    der Absurdität in diesem Traume leicht zu vermeiden gewesen. Wenn man
    schon nach einer einzigen Erfahrung urteilen dürfte, so möchte man sagen,
    dieser Anschein von Absurdität ist ein zugelassener oder gewollter.

    II

    Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen:
    (Ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren.)
    Der Vater hat nach seinem Tode eine politische Rolle bei den Magyaren
    gespielt, sie politisch geeinigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe:
    eine Menschenmenge wie im Reichstag; eine Person, die auf einem oder auf
    zwei Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere mich daran, daß er auf
    dem Totenbette Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese Ver-
    heißung doch wahr geworden ist.

    Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die Ungarn
    durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen Zustand ge-
    rieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman Széll sie befreite.
    Der geringfügige Umstand, daß die im Traum gesehene Szene aus so kleinen
    Bildern besteht, ist nicht ohne Bedeutung für die Aufklärung dieses Ele-
    ments. Die gewöhnliche visuelle Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt
    Bilder, die uns etwa den Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traum-
    bild ist aber die Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte
    Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichs-
    tage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des „Moriamur pro rege
    nostro“.1) Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater von der

    1)Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt gefunden
    habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dessen
    Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer
    bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner
    Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges.

  • S.

    292

    VI. Die Traumarbeit.

    Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen, also als Stuhl
    richter. (Er hat sie geeinigt: – hier vermittelt die Redensart: Wir
    werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf dem Totenbette Gari-
    baldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden wirklich alle bemerkt. Er
    hatte postmortale Temperatursteigerung, seine Wangen glühten rot
    und röter... unwillkürlich setzen wir fort: Und hinter ihm, in wesenlosem
    Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

    Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
    gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „postmor-
    tale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach seinem
    Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war die völlige
    Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen gewesen. An diese
    knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer meiner Altersgenossen,
    der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, bei welchem Anlaß ich
    ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft antrug, erzählte mir einmal
    höhnend von dem Schmerz einer Verwandten, deren Vater auf der Straße
    gestorben und nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei der
    Entkleidung der Leiche fand, daß im Moment des Todes oder post-
    mortal eine Stuhlentleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war
    so tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinne-
    rung an den Vater stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsch vor-
    gedrungen, der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode
    rein und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte
    das nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr
    Anschein ist nur dadurch zustande gekommen, daß eine völlig zulässige
    Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität hinweg-
    zusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im Traume
    getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck nicht
    abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, absichtlich her-
    vorgerufener ist.

    Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend
    auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Ver-
    wunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen
    unser Unverständnis für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch ist
    die Aufklärung dieser Träume eine sehr naheliegende. Wie oft kommen
    wir in die Lage, uns zu denken: Wenn der Vater noch leben würde,
    was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders
    darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So
    träumt z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe
    hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer be-
    deutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben und fordere
    Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten,
    der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann doch schon
    gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene
    das nicht zu erleben brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts
    mehr dreinzureden hat.

  • S.

    293

    Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten An-
    gehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der
    äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den
    man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen möchte. Träume dieser
    Art erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, daß der Traum zwischen
    Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein
    Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod
    schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: Der
    Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber (das Merk-
    würdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht. Man versteht
    diesen Traum, wenn man nach „er war doch gestorben“ einsetzt: infolge
    des Wunsches des Träumers und zu „er wußte es nicht“
    ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während
    der Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich
    erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual
    ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch
    des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich bei-
    getragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung
    der frühesten infantilen Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen
    Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegen-
    sätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte
    dieser Traum so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu: Formulierungen über die
    zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Jahrbuch f. PsA., III, 1911.
    Ges. Schriften, Bd. V.)

    Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung über-
    haupt schwierige Aufgaben, deren Lösung nicht immer befriedigend ge-
    lingt. Den Grund hiefür mag man in der besonders stark ausgeprägten
    Gefühlsambivalenz suchen, welche das Verhältnis des Träumers zum Toten
    beherrscht. Es ist sehr gewöhnlich, daß in solchen Träumen der Verstorbene
    zunächst als lebend behandelt wird, daß es dann plötzlich heißt, er sei
    tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch wieder lebt. Das
    wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser Wechsel von Tod
    und Leben die Gleichgültigkeit des Träumers darstellen soll („Es
    ist mir dasselbe, ob er lebt oder gestorben ist“). Natürlich ist diese
    Gleichgültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sie soll die sehr inten-
    siven, oft gegensätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen
    helfen, und wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für
    andere Träume, in denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende Regel
    orientierend gewirkt: Wenn im Traume nicht daran gemahnt wird, daß
    der Tote – tot ist, so stellt sich der Träumer dem Toten gleich, er träumt
    von seinem eigenen Tod. Die plötzlich im Traume auftretende Besinnung
    oder Verwunderung: Aber, der ist ja längst gestorben, ist eine Verwahrung
    gegen diese Gemeinschaft und lehnt die Todesbedeutung für den Träumer
    ab. Aber ich gestehe den Eindruck zu, daß die Traumdeutung Träumen
    dieses Inhalts noch lange nicht alle ihre Geheimnisse entlockt hat.

  • S.

    294

    III

    In dem Beispiel, das ich jetzt ausführe, kann ich die Traumarbeit dabei
    ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der in dem Material gar kein Anlaß ist, ab-
    sichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir die Begegnung mit
    dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise eingegeben hat. „Ich fahre in
    einem Einspänner und gebe Auftrag, zu einem Bahnhof zu fahren. ,Auf der
    Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren‘, sage ich, nachdem
    er einen Einwand gemacht, als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre
    ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt.“
    Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende
    Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich
    nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den
    Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es
    merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen
    nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung
    zu den Aristokraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde.
    Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie
    dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutschers
    setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von Österreich.
    Der nächste Satz im Traum bezieht sich aber auf meinen Bruder, den ich
    also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die ge-
    meinsame Italienfahrt abgesagt („Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit
    Ihnen nicht fahren“), und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine
    sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege
    (was unverändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Orts-
    veränderung, zuviel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte
    mich an diesem Abend zum Bahnhof begleitet, war aber kurz vorher bei der
    Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach
    Parkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile
    länger bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der
    Westbahn nach Parkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekommen,
    daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man sonst
    mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war es umgekehrt (und
    „Umgekehrt ist auch gefahren“); ich hatte meinem Bruder
    gesagt: Die Strecke, die du mit der Stadtbahn fährst, kannst du auch in
    meiner Gesellschaft in der Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung
    richte ich dadurch an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ – „Wagen“ in den
    Traum einsetze, was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem
    Bruder gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges
    heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe einen
    Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf der Bahnstrecke selbst
    kann ich mit Ihnen nicht fahren“) herstellt. Da ich aber Stadtbahn und Ein-
    spännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze
    rätselhafte Geschichte im Traum absichtlich so gestaltet haben.

    In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die Absurdität
    im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen oder geschaffen

  • S.

    295

    wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden Falle ist folgende:
    Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas Unverständliches in
    Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den Traumgedanken ein ge-
    wisses Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abende bei
    jener gastfreundlichen und geistreichen Dame, die in einer anderen Szene
    des nämlichen Traumes als „Haushälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel
    gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft be-
    kannt waren, machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung
    zu finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit
    „Nachkommen“ und „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Ein jeder hat’s,
    Im Grabe ruht’s. (Vorfahren.)

    Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte identisch
    mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Nicht jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s. (Nachkommen.)

    Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren sah,
    in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen Herren darin
    findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren zu werden (Nach-
    kommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu Zwischengedanken
    für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht mit Kutschern verwechseln
    kann, und man dem Kutscher früher einmal in unseren Landen „Herr
    Schwager“ zu sagen pflegte, konnte die Verdichtungsarbeit meinen Bruder
    in dieselbe Darstellung einbeziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter
    gewirkt hat, lautet: Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren
    stolz zu sein. Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahn-
    herr. Wegen dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traum.
    Jetzt löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle,
    daß ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
    vorgefahren.

    Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
    gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt: Das
    ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der unbe-
    wußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird somit
    eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Widerspruch darstellt,
    wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen Hemmungsempfindung.
    Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem einfachen „Nein“
    zu übersetzen, sondern soll die Disposition der Traumgedanken wieder-
    geben, gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur
    in dieser Absicht liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie ver-

  • S.

    296

    VI. Die Traumarbeit.

    wandelt hier wiederum ein Stück des latenten Inhalts in eine
    manifeste Form1).

    Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher Be-
    deutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Analyse ge-
    deutete Traum von der Wagner-Vorstellung, die bis morgens ¾8 Uhr
    dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert wird usw.
    (siehe S. ...), will offenbar besagen: Das ist eine verdrehte Welt und
    eine verrückte Gesellschaft. Wer's verdient, den trifft es nicht, und wer
    sich nichts daraus macht, der hat's, womit sie ihr Schicksal im Vergleich
    zu dem ihrer Cousine meint. – Daß sich uns als Beispiele für die Ab-
    surdität der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben,
    ist auch keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die
    Schöpfung absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität,
    die der Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen;
    die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt,
    zu seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten;
    aber die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem
    Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die
    Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.

    IV

    Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:
    Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburtsstadt, betreffend
    die Zahlungskosten für eine Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen
    eines Anfalls bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber lustig, denn
    erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, zweitens ist mein Vater, auf den es
    sich beziehen kann, schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf dem
    Bette liegt und erzähle es ihm. Zu meiner Überraschung erinnert er sich, daß
    er damals 1851 einmal betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden
    mußte. Es war, als er für das Haus T... gearbeitet. Du hast also auch ge-
    trunken, frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856
    geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt.

    Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten
    zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen
    einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in den Traum-
    gedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren wir
    aber, daß in diesem Traum die Polemik offen betrieben, und der Vater
    als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespötts gemacht
    wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur


    1)Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
    indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt
    Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es in
    noch schlechteren:

    Herr Ludwig ist ein großer Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll, oh!“

  • S.

    297

    Absurdität drückt Spott und Hohn aus.

    bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß
    hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit
    mit einer anderen geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung
    zum Vorschein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen
    andere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es
    hier umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer und
    der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person
    beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in
    Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus der Ver-
    anlassung des Traums. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte,
    ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich abfällig
    und verwundert darüber, daß einer meiner Patienten die psychoanalytische
    Arbeit bei mir jetzt schon ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden
    Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß
    dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht
    mehr erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im
    Spitale); und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen
    begannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer
    Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
    Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren sich
    nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller vor-
    wärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her sich
    dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller
    machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art sonst überhaupt
    unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind vier bis fünf Jahre
    gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal wenn dem Kranken die Existenz
    während der Behandlung so sehr erleichtert worden ist?

    Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teile
    dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken
    ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der
    Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw. das Thema, aus
    dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die Um-
    stände, unter denen ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung mitge-
    teilt habe. Er will mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen,
    die der alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Be-
    nehmen eines anderen, einer neuen Person, bringen. Ich merke hier,
    daß der Traum darum den Vater verspotten darf, weil dieser in den
    Traumgedanken in voller Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird.
    Es liegt im Wesen jeder Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen
    das, was unwahr ist, eher sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz,
    daß er sich erinnert, einmal betrunken und darum eingesperrt
    gewesen zu sein, enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den
    Vater bezieht. Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer
    als der große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung
    gefolgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
    der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum er-
    innert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal

  • S.

    298

    der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu berauschen, und
    habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und an ein zweites
    Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten
    literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die
    er leugnete, und als ich ihn als Totkranken besuchte und nach seinem
    Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner Zustände und
    schloß mit den Worten: „Sie wissen, ich war immer einer der schönsten
    Fälle von männlicher Hysterie“. So hatte er zu meiner Genugtuung und zu
    meinem Erstaunen zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig ge-
    sträubt. Daß ich aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen
    Vater verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden
    Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
    zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken,
    der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines
    Professors oder Hofrats, wäre, dann wäre ich freilich rascher vorwärts
    gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und
    Professor. Die gröbste und störendste Absurdität des Traumes liegt in
    der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir von 1856 gar nicht ver-
    schieden vorkommt, als würde die Differenz von fünf Jahren
    gar nichts bedeuten. Gerade das soll aber aus den Traumgedanken
    zum Ausdruck gebracht werden. Vier bis fünf Jahre, das ist der
    Zeitraum, während dessen ich die Unterstützung des eingangs erwähnten
    Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher ich meine Braut
    auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken
    gern ausgenütztes Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich
    jetzt meinen vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse.
    „Was sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist
    für mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich
    habe Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr
    auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zustande bringen.“
    Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders,
    und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch
    mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders
    gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen,
    darunter einen, der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor
    ernannt worden war.

    V

    Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren als von
    Goethe in einem Aufsatze angegriffen worden, wie wir alle meinen, mit un-
    gerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich
    vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tischgesellschaft; seine
    Verehrung für Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht ge-
    litten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich
    vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff

  • S.

    299

    auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war Herr M. damals ein ganz
    junger Mann. Es kommt mir plausibel vor, daß er achtzehn Jahre alt war.
    Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und so
    versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem
    bekannten Aufsatz von Goethe „Natur“ enthalten.

    Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn dieses
    Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tischgesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen Bruder zu unter-
    suchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer Geistesstörung
    bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; es ereignete sich bei diesem
    Besuch das Peinliche, daß der Kranke ohne jeden Anlaß im Gespräch
    den Bruder durch Anspielung auf dessen Jugendstreiche bloßstellte.
    Den Kranken hatte ich nach seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wieder-
    holt zu kleinen Berechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung
    klar zu legen; Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke
    schon, daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker (Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.). Anderes Material
    des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter
    Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst ungnädige, eine
    „vernichtende“ Kritik über das letzte Buch meines Freundes Fl.
    in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die ein recht jugendlicher und
    wenig urteilsfähiger Referent verfaßt hatte. Ich glaubte, ein Recht zur
    Einmengung zu haben, und stellte den Redakteur zur Rede, der die Auf-
    nahme der Kritik lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht versprechen
    wollte. Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und
    hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere per-
    sönlichen Beziehungen unter diesem Vorfall nicht leiden
    würden. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Er-
    zählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders,
    der mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die
    Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes schönen
    Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung des Er-
    krankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es vor, an den
    sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Mindergebildeten bei uns von
    der „Natur“ reden, und daß der Unglückliche sich später an den Genitalien
    verstümmelte, schien mir wenigstens nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre
    war das Alter dieses Kranken, als sich jener Tobsuchtsanfall einstellte.

    Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch meines
    Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist man es selbst“,
    hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch Goethes Lebensdauer auf
    ein Vielfaches einer für die Biologie bedeutsamen Zahl zurückführt, so
    ist es leicht einzusehen, daß ich mich im Traume an die Stelle meines
    Freundes setze. (Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse
    … ein wenig aufzuklären.) Ich benehme mich aber wie ein
    Paralytiker und der Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die
    Traumgedanken sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Ver-

  • S.

    300

    rückte, und Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht
    aber doch umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im
    Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat,
    was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute den
    unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom Sterbe-
    jahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker von seinem
    Geburtsjahre an rechnen ließ.

    Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum von anderen
    als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß ich rechtfertigen,
    daß ich in diesem Traume die Sache meines Freundes zu der meinigen mache
    und mich an seine Stelle setze. Meine kritische Überzeugung im Wachen
    reicht hiefür nicht aus. Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen
    Kranken und die verschiedenartige Deutung seines Ausrufs „Natur“
    auf den Gegensatz an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen
    Ätiologie für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe.
    Ich kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der
    Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun darf ich
    das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ ersetzen. „Ja, Ihr habt
    recht, wir zwei sind die Narren.“ Daß „mea res agitur“, daran mahnt mich
    energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich schönen Aufsatzes
    von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes in einer populären Vor-
    lesung war es, der mich schwankenden Abiturienten zum Studium der Natur-
    wissenschaft drängte.

    VI

    Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume,
    in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. Ich
    erwähnte auf S. ???? einen kurzen Traum, daß Professor M. sagt: „Mein
    Sohn, der Myop???“ und gab an, das sei nur ein Vortraum zu
    einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist der fehlende Haupt-
    traum, der uns eine absurde und unverständliche Wortbildung zur Auf-
    klärung bietet:

    Wegen irgendwelcher Vorgänge in der Stadt Rom ist es notwendig, die
    Kinder zu flüchten, was auch geschieht. Die Szene ist dann vor einem Tore,
    Doppeltor nach antiker Art (die Porta romana in Siena, wie ich noch im Traume
    weiß). Ich sitze auf dem Rand eines Brunnens und bin sehr betrübt, weine
    fast. Eine weibliche Person – Wärterin, Nonne – bringt die zwei Knaben
    heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. Der Ältere der beiden
    ist deutlich mein Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau,
    die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von ihm. Sie zeichnet
    sich durch eine rote Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber,
    ihr zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns beiden
    (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich habe die Idee, daß letz-
    teres einen Vorzug bedeutet.

    Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, die
    durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto“ angeregt

  • S.

    301

    „Geseres und Ungeseres“.

    wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der Kinder, denen man
    ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie
    freizügig werden können, sind in den zugehörigen Traumgedanken leicht
    zu erkennen.

    „An den Wassern Babelssaßen wir und weinten.“ –
    Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom muß
    ich im Traume (vgl. S. 134) mir irgendeinen Ersatz aus bekannten Örtlichkeiten
    suchen. Nahe der Porta Romana von Siena sahen wir ein großes, hell er-
    leuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es das Manicomio, die Irrenanstalt sei.
    Kurz vor dem Traume hatte ich gehört, daß ein Glaubensgenosse seine müh-
    selig erworbene Anstellung an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben
    müssen.

    Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man nach
    der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wiedersehen,
    und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.

    Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schriftgelehrten
    geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem Verbum goiser
    und läßt sich am besten durch „anbefohlene Leiden, Verhängnis“ wieder-
    geben. Nach der Verwendung des Wortes im Jargon sollte man meinen, es
    bedeute „Klagen und Jammern“. Ungeseres ist meine eigenste Wort-
    bildung und zieht meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber
    auch zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß
    Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und
    damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim
    Kaviar statt; der ungesalzene wird höher geschätzt als der ge-
    salzene. Kaviar fürs Volk, „noble Passionen“: darin liegt eine scherz-
    hafte Anspielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von
    der ich hoffe, daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht
    nehmen wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus-
    haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom Traume
    wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen–unge-
    salzen und Geseres–Ungeseres fehlt es aber noch an einem
    vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und unge-
    säuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten die
    Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, und essen zur
    Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann
    ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses
    Stückes der Analyse gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den letzten
    Ostertagen in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau herumspazierten,
    mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den
    Weg in eine gewisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn
    nicht wisse, und äußerte dann zu meinem Freunde: „Hoffentlich beweist
    die Kleine später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen,
    von denen sie sich leiten läßt.“ Kurz darauf fiel mir ein Schild in die Augen:
    „Dr. Herodes, Sprechstunde …“ Ich meinte: „Hoffentlich ist der Kollege
    nicht gerade Kinderarzt.“ Mein Freund hatte mir unterdessen seine Ansichten
    über die biologische Bedeutung der bilateralen Symmetrie ent-
     

  • S.

    302

    wickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen: „Wenn wir das eine Auge
    mitten auf der Stirne trügen wie der Z y k l o p.“ Das führt nun zur
    Rede des Professors im Vortraum: M e i n S o h n, der M y o p. Und nun
    bin ich zur Hauptquelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen
    Jahren, als dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker
    ist, noch auf der S c h u l b a n k saß, erkrankte er an einer Augenaffektion,
    die der Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie ein-
    seitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das
    andere A u g e übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf
    dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen
    für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter ließ
    sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthalts kommen. Der
    Schlag sich aber jetzt auf die andere Seite. „Was machen
    Sie für Geseres?“ herrschte er die Mutter an. „Ist es auf der einen
    Seite gut geworden, so wird es auch auf der anderen gut werden.“ Und
    so ward es auch.

    Und nun die Beziehung zu mir und den Meinigen. Die S c h u l-
    bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt,
    ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten über-
    gegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund lege.
    Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist
    nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Kon-
    struktion das Kind davor schützen, kurzsichtig und einseitig zu
    werden. Daher im Traum M y o p (dahinter Z y k l o p) und die Erörte-
    rungen über B i l a t e r a l i t ä t. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine
    mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitigkeit die der intellek-
    tuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es nicht, daß die Traum-
    szene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge widerspricht? Nachdem das
    Kind nach der einen Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft
    es nach der anderen hin das Gegenteil davon, wie um das Gleich-
    gewicht herzustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung der
    bilateralen Symmetrie!

    So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten erscheint.
    Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten und es nicht
    gefahrlos sagen konnten, gerne die Narrenkappe aufzusetzen. Der Hörer,
    für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei
    lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame
    offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum,
    verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen muß,
    und darum kann man auch vom Traume aussagen, was H a m l e t, wobei
    er die eigentlichen Bedingungen durch witzig- unverständliche ersetzt, von
    sich behauptet: „Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind
    aus Süden, so kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden1).“

    1)Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz,
    daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung getrennt, auf dem
    Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß
    ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung

  • S.

    303

    Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin auf-
    gelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens nicht
    von den Träumen geistesgesunder Menschen – und daß die Traumarbeit
    absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden Elementen produziert,
    wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung
    in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt mir nun daran zu zeigen, daß
    die Traumarbeit überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten
    Momente – und eines vierten noch zu erwähnenden – erschöpft ist,
    daß sie sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traumgedanken unter
    Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage,
    ob die Seele im Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder
    nur mit einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen
    Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt
    geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung über ein
    einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche gemacht und
    Argumentationen angestellt werden, muß ich die Einwendungen, die aus
    solchen Vorkommnissen sich ableiten, an ausgewählten Beispielen erledigen.

    Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vorfindet,
    ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit aufzu-
    fassen, sondern gehört dem Material der Traumgedanken
    an und ist von dorther als fertiges Gebilde in den mani-
    festen Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen Satz zunächst noch
    überbieten. Auch von den Urteilen, die man nach dem Erwachen
    über den erinnerten Traum fällt, den Empfindungen, die die Reproduktion
    dieses Traumes in uns hervorruft, gehört ein guter Teil dem latenten
    Trauminhalt an und ist in die Deutung des Traumes einzufügen.

    I) Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine
    Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zuunklar ist. Sie
    hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, obesderMann
    oderderVater war. Dann folgt ein zweites Traumstück, in dem ein
    „Misttrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinnerung sich anschließt. Als
    junge Hausfrau äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten,
    der im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung eines neuen
    Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zu
    geschickt, das aber mit Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum
    dient der Darstellung der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist ge-
    wachsen“. Wenn man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich
    in den Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
    Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem es
    unklar war, wereigentlichderVater sei. Die Traum-
    darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der Elemente
    der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil über den ganzen
    Traum vertreten sein.

    auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist,
    daß ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß ge-
    boten hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

  • S.

    304

    VI. Die Traumarbeit.

    II) Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, der
    ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach dem Er-
    wachen: D a s m u ß i c h d e m D o k t o r e r z ä h l e n. Der Traum wird
    analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein Verhältnis, das
    er während der Behandlung begonnen, und von dem er sich vorgenommen
    hatte, mir n i c h t s z u e r z ä h l e n1).

    III) Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und Gärten vorkommen,
    ins Spital. Dabei die Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume
    gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir einen Weg, der
    durch eine Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage
    ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer kleinen
    Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe schon vorher eine undeut-
    liche Person mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme,
    nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen
    meine Frau, daß sie sie dort gelassen.

    Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich
    damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es
    bedeutet: Ich habe schon davon geträumt2). Die Analyse lehrt
    mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum
    latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den Traum gehört.
    Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in meiner Ehe
    Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit der ich ein
    Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, die mich dann
    sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos
    geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch
    eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung
    die Todesanzeige einer Frau Dona A...y (woraus ich Doni mache),
    die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner Frau, daß die Ver-
    storbene von derselben Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei
    unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war mir aufgefallen, denn ich
    hatte ihn kurz vorher in einem englischen Romane zum erstenmal ge-
    funden. Der andere Anlaß des Traums ergibt sich aus dem Datum des-
    selben; es war die Nacht vor dem Geburtstage meines ältesten, wie es
    scheint, dichterisch begabten Knaben.

    IV) Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus dem
    absurden Traum, daß der Vater nach seinem Tode eine politische Rolle bei
    den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fortdauer der Emp-
    findung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: „I c h e r i n n e r e m i c h
    d a r a n, daß er auf dem Totenbett Garibaldi so ähnlich gesehen, und f r e u e
    m i c h d a r ü b e r, daß es doch wahr geworden ist3). (Dazu eine vergessene


    1)Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: D a s m u ß
    i c h d e m D o k t o r e r z ä h l e n, bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung
    entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traums
    und wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt.

    2)Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten
    Jahrgängen der „Revue philosophique“ angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.

    305

    Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese Traum-
    lücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem ich den
    Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe, die mich
    in den Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalte in England, mächtig
    angezogen. Ich hatte das Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade
    diesen Namen zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit
    ihm hoch befriedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken,
    wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf
    die Kinder überträgt; ja man wird gerne glauben, daß dies einer der Wege
    ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung derselben
    vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses Traumes auf-
    genommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß ihm damals der
    nämlich – beim Kind und beim Sterbenden leicht verzeihliche – Unfall
    widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. Vergleiche hiezu die An-
    spielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch des Traumes: Vor seinen
    Kindern groß und rein dazustehen.

    V) Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traum selbst verbleiben,
    sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, heraussuchen
    soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden, daß ich mich hierfür
    solcher Träume bedienen darf, die bereits in anderer Absicht mitgeteilt
    worden sind. Der Traum von Goethe, der Herrn M. angegriffen hat,
    scheint eine ganze Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. Ich suche
    mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahr-
    scheinlich vorkommen, ein wenig aufzuklären. Sieht
    das nicht einer kritischen Regung gegen den Unsinn gleich, daß Goethe
    einen jungen Mann meiner Bekanntschaft literarisch angegriffen haben
    soll? „Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war.“
    Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer allerdings schwachsinnigen
    Berechnung; und „Ich weiß nicht sicher, welches Jahr wir
    schreiben“, wäre ein Beispiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traum.
    Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traums, daß diese schein-
    bar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute eine andere
    Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traumdeutung unentbehrlich
    werden und gleichzeitig jede Absurdität vermieden wird. Mit dem Satze:
    „Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse ein wenig
    aufzuklären“, setze ich mich an die Stelle meines Freundes, der
    wirklich die zeitlichen Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der Satz
    verliert hiemit die Bedeutung eines Urteils, welches sich gegen den Unsinn
    der vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung „die mir unwahr-
    scheinlich vorkommt“ gehört zusammen mit dem späteren „Es
    kommt mir plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten
    habe ich der Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte,
    erwidert: „Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Aus-
    ruf ‚Natur, Natur‘ etwas mit Goethe zu tun hatte: es ist mir viel
    plausibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“
    Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traum, sondern
    in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traumgedanken erinnert
    wird.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl.

  • S.

    306

    und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich dieses Urteil an wie
    irgendein anderes Bruchstück der Traumgedanken.

    Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in Ver-
    bindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhangs, aus
    dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich, daß „ich nicht sicher
    bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts anderes als meine
    Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen Examen sich
    dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.

    Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann man
    sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der Deutungs-
    arbeit mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten Zusammenhang
    der Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und
    jedes Traumelement für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der Traum
    ist ein Konglomerat, das für die Zwecke der Untersuchung wieder zer-
    bröckelt werden soll. Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht,
    daß sich in den Träumen eine psychische Kraft äußert, welche diesen
    scheinbaren Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit ge-
    wonnene Material einer sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir
    haben hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der
    bei der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden.

    VI) Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den bereits
    mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traum von der Zuschrift des
    Gemeinderats frage ich: Bald darauf hast du geheiratet?
    Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir un-
    mittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz in die
    Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem Anfall im
    Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; also das stimmt.
    Wir wissen, daß dieser Schluß durch die Wunscherfüllung verfälscht ist,
    daß der in den Traumgedanken herrschende Satz lautet: vier oder
    fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist nicht zu
    rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach
    Form aus den Traumgedanken anders zu determinieren: Es ist der Patient,
    über dessen Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Be-
    endigung der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im
    Traume verkehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und
    damit an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein voll-
    ständiges Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren, wann? 1856. – Patre?
    Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, und
    wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen des Vaters
    Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal gestattet
    hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes nur die Wieder-
    holung des Schlußziehens, das als ein Stück Material in den Traum-
    gedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. Wenn im Traum-
    inhalte ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicherlich aus den Traum-
    gedanken; in diesen mag er aber enthalten sein als ein Stück des erinnerten
    Materials oder er kann als logisches Band eine Reihe von Traumgedanken

  • S.

    307

    Schlüsse im Traum.

    miteinander verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen
    Schluß aus den Traumgedanken dar1).

    Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das Verhör
    des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch
    abgefaßten) Index des Universitätsstudenten. Ferner an meinen Studien-
    gang. Die f ü n f J a h r e, die für das medizinische Studium vorgesehen sind,
    waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete unbekümmert in weitere
    Jahre hinein, und im Kreise meiner Bekannten hielt man mich für ver-
    bummelt, zweifelte man, daß ich „fertig“ werden würde. Da entschloß
    ich mich s c h n e l l, meine Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig:
    t r o t z d e s A u f s c h u b s. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die
    ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. „Und wenn ihr es auch nicht
    glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch fertig, ich komme
    doch zum S c h l u ß. Es ist schon oft so gegangen.“

    Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, denen
    man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen kann. Und
    diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte ebensowohl dem
    wachen Denken angehören. Ich mache mich im Traume über
    die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn erstens war
    ich 1851 noch nicht auf der Welt, zweitens ist mein Vater
    auf den es sich beziehen kann, schon tot. Beides ist nicht
    nur an sich richtig, sondern deckt sich auch völlig mit den wirklichen
    Argumenten, die sich im Falle einer derartigen Zuschrift in Anwendung
    bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse (S. 296), das dieser
    Traum auf dem Boden von tief erbitterten und hohngestränkten Traum-
    gedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur
    als recht starke annehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die
    Traumarbeit eine tadellose Widerlegung einer unsinnigen
    Zumutung nach dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu
    schaffen allen Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit
    hier doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß
    Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist,
    als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein m und m
    ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese Gleichung
    abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operationszeichen wie die
    Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander.
    Die beiden Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen.
    Es ist mir peinlich zu denken, daß manche der Voraussetzungen, die ich
    meiner psychologischen Auflösung der Psychoneurosen zugrunde lege, wenn
    sie erst bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen
    werden. So muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten
    Lebensjahr, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im
    Gemütsleben der später Kranken zurücklassen und – obwohl von der

    1)Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben
    über die Darstellung der logischen Relationen (S. 214). Letztere beschreiben das
    allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und
    sorgfältigsten Leistungen derselben.

  • S.

    308

    Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben – die erste und unterste
    Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten,
    denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neuge-
    wonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären, nach
    Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, d a s i e n o c h n i c h t a m L e b e n
    w a r e n. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner Erwartung die Auf-
    deckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei weiblichen Kranken d e r
    V a t e r in den frühesten sexuellen Regungen spielt. (Vgl. die Auseinander-
    setzung S. 177.) Und doch ist nach meiner gut begründeten Überzeugung
    beides wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen
    der Tod des Vaters in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere
    sonst unerklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an
    die ihm so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß,
    daß meine beiden Behauptungen auf S c h l ü s s e n beruhen, deren Gültig-
    keit man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung,
    wenn gerade das Material d i e s e r S c h l ü s s e, deren Beanständigung ich
    fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung e i n w a n d f r e i e r S c h l ü s s e
    verwendet wird.

    VII) In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird eingangs
    die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.
    „Der alte Brücke muß mir irgendeine Aufgabe gestellt haben; sonderbar
    genug bezieht sie sich auf Präparation meines eigenen Untergestells, Becken
    und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne den Mangel am
    Körper zu spüren, auch ohne Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und macht die
    Arbeit mit mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die obere, bald
    die untere Ansicht desselben, was sich vermengt. Dicke, fleischrote Knollen
    (bei denen ich noch im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch
    mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem
    Silberpapier glich1). Dann war ich wieder im Besitz meiner Beine und machte
    einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen. Der
    Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und
    ihn durch einen Gang passieren ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich weiter
    ins Freie führte2). Schließlich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der
    meine Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er
    mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war sumpfig; wir
    gingen am Rand hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie
    Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich
    selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, daß ich es nach der Präparation
    so gut kann. Endlich kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes
    Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei bereit stehende
    Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom
    Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine
    Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer
    auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und wie zwei

    1)Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 282.

    2)Die Örtlichkeit im Flur meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
    Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

  • S.

    309

    Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die Kinder
    den Übergang ermöglichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck.

    Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Ausgiebigkeit
    der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vorstellen können,
    welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse dieses Traumes ein-
    nehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang entlehne ich dem Traume
    aber bloß das eine Beispiel für die Verwunderung im Traum, die sich in der
    Einschaltung „sonderbar genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß
    des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im
    Traum der Arbeit assistiert. „Leih mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr
    „She“ von Rider Haggard an. „Ein sonderbares Buch, aber voll von
    verstecktem Sinn“, will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weibliche,
    die Unsterblichkeit unserer Affekte. – –“ Da unterbricht sie mich: „Das
    kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes?“ – – „Nein, meine eigenen un-
    sterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ – – „Also wann erscheinen
    denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, wie du versprichst, auch
    für uns lesbar sein werden?“ fragt sie etwas anzüglich. Ich merke jetzt,
    daß mich ein anderer durch ihren Mund mahnen läßt und verstumme. Ich
    denke an die Überwindung, die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den
    Traum, in der ich soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in
    die Öffentlichkeit zu schicken. „Das Beste, was du wissen kannst, darfst
    du den Buben doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die
    mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume
    verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht hiezu;
    schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es sich, daß ich
    einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich zur Veröffentlichung
    zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an die Unterredung mit Louise N.
    anspinnen, greifen zu tief, um bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung
    über das Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von
    Rider Haggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites
    desselben Autors, „Heart of the world“, geht das Urteil „sonderbar genug“
    und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen
    Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen wird,
    der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist,
    stammen aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus
    „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau die Führerin, in
    beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, in She um einen aben-
    teuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine
    sind nach einer Notiz, die ich bei dem Traume finde, reale Sensation jener
    Tage gewesen. Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und
    die zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch tragen?
    In der „She“ endet das Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und
    den anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer
    den Tod findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traum-
    gedanken geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das
    Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken
    durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet.

  • S.

    310

    VI. Die Traumarbeit.

    Ich war nämlich schon einmal in einem Grab, aber es war ein ausgeräumtes
    Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken
    an den Wänden, auf denen die Skelette von zwei Erwachsenen gelagert
    waren. Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus, nur ist
    Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon
    im Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab,“ und mit dieser Unter-
    schiebung verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte.
    Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt begleitende Vor-
    stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt selbst.
    So wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf, nachdem sich noch die
    Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder erreichen werden,
    was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche Anspielung an den sonder-
    baren Roman, in dem die Identität einer Person durch eine Generationsreihe
    von zweitausend Jahren festgehalten wird.

    VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich gleich-
    falls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Erlebte, aber
    verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und beinahe geist-
    reichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den ganzen Traum
    der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum nicht noch zwei
    andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der Nacht
    vom 18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im Schlaf:
    „Hollthurn, zehn Minuten“ ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien –
    ein naturhistorisches Museum – daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere Männer
    erfolglos gegen die Übermacht ihres Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die
    Gegenreformation in Österreich! – Als ob es ein Ort in Steiermark oder Tirol
    wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum, in dem die Reste oder
    Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich möchte aussteigen, ver-
    zögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie kauern auf dem
    Boden und halten die Körbe so einladend hin. – Ich habe gezögert aus Zweifel,
    ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch immer. – Ich bin plötzlich
    in einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man
    mit dem Rücken direkt an die Lehne stößt1). Ich wundere mich darüber, aber
    ich kann ja im schlafenden Zustande umgestiegen sein. Mehrere
    Leute, darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher deutlich
    auf einem Gestell an der Wand. Ich sehe „Wealth of nations“, „Matter and
    Motion“ (von Maxwell), dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann
    fragt die Schwester nach einem Buch von Schiller, ob sie das vergessen hat.
    Es sind die Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden. Ich möchte mich
    da bestätigend oder unterstützend ins Gespräch mengen – – – –. Ich wache,
    am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der
    Zug hält in Marburg.

    Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das die Er-
    innerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwisterpaare auf ein gewisses


    1)Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge dem
    Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

  • S.

    311

    Ein Erklärungsversuch im Traum.

    Werk: It is from . . ., korrigiere mich aber: It is by . . . Der Mann bemerkt
    zur Schwester: Er hat es ja richtig gesagt.

    Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl un-
    vollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der Marburg
    lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten oder vielleicht
    bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die Erwähnung Schillers
    im Traum (der ja in Marburg, wenngleich nicht im steirischen, geboren ist)1).
    Nun reiste ich diesmal, obwohl erster Klasse, unter sehr unangenehmen Ver-
    hältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und
    eine Dame angetroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart
    besaßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den
    Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde nicht er-
    widert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen die Fahrt-
    richtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber am Fenster
    vor meinen Augen mit einem Schirm zu belegen; die Türe wurde sofort ge-
    schlossen, demonstrative Reden über das Öffnen der Fenster gewechselt.
    Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger bald an. Es war eine heiße
    Nacht und die Luft im allseitig geschlossenen Coupé bald zum Ersticken.
    Nach meinen Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes
    Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als
    der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte, tönte
    es aus dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat
    Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten Zügen,
    im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit; der Mann
    kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich versuchte zu
    schlafen. Im Traum nehme ich fürchterliche Rache an meinen unliebens-
    würdigen Reisegefährten; man würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen
    und Demütigungen sich hinter den abgerissenen Brocken der ersten Traum-
    hälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der
    zweite Wunsch geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft
    die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen
    wird, daß es nicht im geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald
    meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung
    ersetzt hätte. Hier aber tritt ein Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel
    der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie
    kam ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern,
    umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte im
    schlafenden Zustande den Wagen verlassen haben, ein seltenes
    Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des Neuropathologen Beispiele
    liefert. Wir wissen von Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmer-
    zustand unternehmen, ohne durch irgendein Anzeichen ihren abnormen
    Zustand zu verraten, bis sie an irgendeiner Station der Reise voll zu sich

    1)Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren,
    wie jeder deutsche Gymnasiast weiß und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder
    einer jener Irrtümer (vgl. oben S. 136), die sich als Ersatz für eine absichtliche
    Verfälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der
    „Psychopathologie des Alltagslebens“ versucht habe.

  • S.

    312

    kommen und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen
    solchen Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also noch im Traume
    den meinigen.

    Die Analyse gestattet, eine andere Auflösung zu geben. Der Erklärungs-
    versuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traumarbeit zuschreiben
    müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose eines meiner Patienten
    kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle von einem hochgebildeten
    und im Leben weichherzigen Manne, der kurz nach dem Tode seiner Eltern
    begann, sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vor-
    sichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte.
    Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht.
    Zuerst wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet,
    sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden
    seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blick, so blieb ihm
    die peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte ihn
    beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie dahinter, denn
    „alle Menschen sind Brüder“. Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe
    zu erledigen, gab er das Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben ein-
    gekerkert zwischen seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch
    die Zeitung beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen
    waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen,
    daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine
    Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese Anklagen,
    bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein Haus
    im bewußtlosen Zustand verlassen und so den Mord begangen haben
    könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß er die Haustür ab,
    übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und verbot ihr eindringlich,
    denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen.

    Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußtlosen
    Zustande umgestiegen bin, – er ist aus dem Material der Traumgedanken
    fertig in den Traume eingetragen worden und soll im Traume offenbar dazu
    dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identifizieren. Die Erinnerung
    an ihn wurde in mir durch naheliegende Assoziation geweckt. Mit diesem
    Manne hatte ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er
    war geheilt, begleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich
    beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch
    offen und hatten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten. Ich
    wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in
    sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen waren.
    Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir etwas Analoges
    eingestehen. Die zweite Szene des Traums löst sich auch wirklich in eine
    übermütige Phantasie auf, daß meine beiden ältlichen Reisegefährten sich
    darum so abweisend gegen mich benehmen, weil ich sie durch mein Kommen
    an dem beabsichtigten nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert
    habe. Diese Phantasie aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der
    das Kind, wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlaf-

  • S.

    313

    zimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus
    vertrieben wird.

    Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie würden
    alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten entnommen haben,
    daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung eines Vorbilds aus
    den Traumgedanken ist. Zumeist eine übel angebrachte, in unpassendem Zu-
    sammenhange eingefügte Wiederholung, gelegentlich aber, wie in unseren
    letzten Beispielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst den
    Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen kann.
    Von hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zu-
    wenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint,
    die aber, wo sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traum-
    elemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden es
    aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu beschäftigen,
    die im Traum auftreten, und dieselben mit den Affekten zu vergleichen,
    welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.

    H

    Die Affekte im Traume

    Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns aufmerksam
    gemacht, daß die Affektäußerungen des Traums nicht die geringschätzige
    Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den Trauminhalt ab-
    zuschütten pflegen: „Wenn ich mich im Traume vor Räubern fürchte, so
    sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht ist real“, und ebenso geht es,
    wenn ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung
    ist der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen den im
    Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer als mit seinem
    Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch,
    unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir
    bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zustande, weil wir einen Affekt
    nicht anders psychisch zu würdigen verstehen, als in der Verknüpfung mit
    einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung der Art und der
    Intensität nach nicht zueinander, so wird unser waches Urteil irre.

    An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vorstellungs-
    inhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als notwendig im
    wachen Denken erwarten würden. Strümpell äußerte, im Traume seien
    die Vorstellungen von ihren psychischen Werten entblößt. Es fehlt im
    Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vorkommen, daß intensive Affekt-
    äußerung bei einem Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen
    Anlaß zu bieten scheint. Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen,
    ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu;
    hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose und freue mich über
    kindische Dinge.

  • S.

    314

    VI. Die Traumarbeit.

    Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so voll-
    ständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom manifesten
    Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit seiner Erklärung
    nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. Die Analyse lehrt
    uns, daß die Vorstellungsinhalte Verschiebungen und Er-
    setzungen erfahren haben, während die Affekte unverrückt
    geblieben sind. Kein Wunder, daß der durch die Traumstellung ver-
    änderte Vorstellungsinhalt zum erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr
    paßt; aber auch keine Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen
    Inhalt an seine frühere Stelle eingesetzt hat1).

    An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der Wider-
    standszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil, der uns
    allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. Deutlicher noch
    als beim Traum enthüllt sich dies Verhältnis bei den Psychoneurosen. Der
    Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine Intensität
    ist ja durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern.
    Wenn der Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr
    fürchten muß, oder der Mann mit Zwangs-
    vorstellungen, daß ihm aus einer
    Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem
    sie den Vorstellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit – für das
    Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen Vor-
    stellungsinhalt zum Ausgangspunkt ihrer Denkarbeit machen. Die Psycho-
    analyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegenteile den
    Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, durch eine Ersetzung
    verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei, daß Affektent-
    bindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare organische
    Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern daß
    beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß sie durch Analyse von-
    einander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß dies in der Tat der
    Fall ist.

    Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das scheinbare
    Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalte aufklärt, der Affekt-
    entbindung erzwingen sollte.

    I

    Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer lacht, fürchtet
    sich aber nicht vor ihnen. Dann muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn

    1)Wenn ich nicht sehr irre, so zeigt der erste Traum, den ich von meinem
    20 Monate alten Enkel erfahren konnte, den Tatbestand, daß es der Traumarbeit
    gelungen ist, ihren Stoff in eine Wunscherfüllung zu verwandeln, während der
    dazugehörige Affekt sich auch im Schlafzustand unverändert durchsetzt. Das Kind
    ruft in der Nacht vor dem Tage, an dem sein Vater ins Feld abrücken soll, heftig
    schluchzend: Papa, Papa–Bebi. Das kann nur heißen: Papa und Bebi bleiben
    beisammen, während das Weinen den bevorstehenden Abschied anerkennt. Das
    Kind war damals sehr wohl imstande, den Begriff der Trennung auszudrücken.
    „Fort“ (durch ein eigentümlich betontes, lange gezogenes oooh ersetzt) war eines
    seiner ersten Worte gewesen, und es hatte mehrere Monate vor diesem ersten
    Traum mit all seinen Spielsachen „fort“ aufgeführt, was auf die früh gelungene
    Selbstüberwindung, die Mutter fortgehen zu lassen, zurückging.

  • S.

    315

    sie will auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die französische
    Lehrerin ist, schon oben usw.
    Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente Anlaß
    zum Traum ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden: Die Mähne
    ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen solchen Bart, der
    wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre englische Sprachlehrerin
    heißt Miß Lyons (Lions – Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen
    von Loewe zugeschickt. Das sind also die drei Löwen; warum sollte sie
    sich vor ihnen fürchten? – Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein
    Neger, der die anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt
    wird und zu seiner Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in über-
    mütigster Stimmung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man
    Löwen fängt, aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und
    siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige,
    aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird,
    warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe,
    und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen,
    aber sein Vordermannwarschonoben. Das ganze Material wird verständlich,
    wenn man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten
    ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die
    Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl
    er ein sehr „großes Tier“ ist und in der Hauptstadt ihres Landes die
    Rolle eines „Löwen der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe ist
    also vergleichbar dem Löwen im Sommernachtstraum, der sich als Schnock,
    der Schreiner, demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen man
    sich nicht fürchtet.

    II

    Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran,
    das den kleinen Sohn der Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, dabei
    aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer verspürte.
    Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum verhüllte nur ihren
    Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der Affekt mußte auf den
    Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur
    Trauer gar kein Anlaß.

    In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch in
    Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalte, welcher den zu ihm passenden
    ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes weiter. Der
    Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vorstellung, und findet
    sich irgendwo anders im Traume untergebracht, wo er in die neue Anordnung
    der Traumelemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s bei den
    Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken
    ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen solchen; aber der
    Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material verschoben sein.
    Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit.

    Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele,
    das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

  • S.

    316

    III

    Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt am Meer, sondern an
    einem schmalen Kanal, der ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur.
    Ich stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, vor dem sich Mauer-
    vorsprünge wie Festungszinnen erheben. Ich bin etwa als freiwilliger Marine-
    offizier der Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von feindlichen
    Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustande befinden. Herr P. hat die Absicht,
    wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle zu
    geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit den Kindern im gefährdeten
    Schlosse. Wenn das Bombardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden.
    Er atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn zurück und frage,
    auf welche Weise ich ihm nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf
    sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe ihn wohl mit den
    Fragen überflüssigerweise angestrengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen
    Eindruck macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich dem
    Oberkommando den Tod anzeigen und als der nächste im Befehl die Leitung
    des Schlosses übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere die vorbei-
    fahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf dem dunklen Wasser rapid
    vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die
    ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vortraum).
    Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen beide aus dem Fenster auf
    den Kanal. Bei einem Schiff erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegs-
    schiff. Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurückkehren, die ich schon
    kenne. Nun kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten
    in seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentümliche becher- oder dosen-
    artige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das ist das Frühstücksschiff.

    Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Wassers, der
    braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen hochgespannten,
    düsteren Eindruck.

    Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen an die
    Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). Eine
    kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem Bruder,
    wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer Erinnerung.
    Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und an ihn ge-
    knüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten
    spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses Traums treten Affektwirkungen
    hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender Affekt aus, es wird
    ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des Gouverneurs keinen
    Eindruck macht; an einer anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen
    glaube, erschrecke ich und verspüre im Schlaf alle Sensationen des
    Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten
    Traum so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist
    ja kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, und
    es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei dem
    Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die Analyse nach,
    daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes Ich ist (im Traum bin

  • S.

    317

    ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die
    Traumgedanken handeln von der Zukunft der Meinigen nach meinem vor-
    zeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet sich in den Traum-
    gedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des Kriegsschiffes
    gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt werden. Umgekehrt
    zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken, aus der das Kriegs-
    schiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt ist. Es war
    ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem zauberhaft schönen Tag
    an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schauten auf
    die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es
    wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten,
    und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein Kind: „Da kommt das
    englische Kriegsschiff!“ Im Traume erschrecke ich bei den
    nämlichsten Worten; wir sehen wieder, daß Rede im Traum von Rede
    im Leben abstammt. Daß auch das Element „englisch“ in dieser
    Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde ich alsbald
    zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken und Trauminhalt
    Fröhlichkeit in Schreck und brauche nur anzudeuten, daß ich mit dieser
    Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhalts zum Ausdruck
    bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traumarbeit freisteht, den
    Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den Traumgedanken zu lösen und
    beliebig anderswo im Trauminhalte einzufügen.
    Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Frühstücks-
    schiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene Situation
    so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu unterziehen. Wenn ich
    das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt mir nachträglich auf, daß es
    schwarz war und durch sein Abschneiden in seiner größten Breite an diesem
    Ende eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem Gegenstand erzielte, der uns
    in den Museen etruskischer Städte interessant geworden war. Es war dies
    eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge
    wie Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer
    modernen Service für den Frühstückstisch. Auf Befragen erfuhren
    wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke- und
    Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns im Scherz, es wäre nicht übel,
    so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet also –
    schwarze Toilette, Trauer, und spielt direkt auf einen Todesfall
    an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt an den „Nachen“ vom
    Stamme νέκυς, wie mein sprachgelehrter Freund mir mitgeteilt, auf den in
    Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meer zur Bestattung überlassen wurde.
    Hieran reiht sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren.

    „Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.“

    Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruch, das Frühstücksschiff ist ja
    wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name „Frühstücks“schiff?
    Hier kommt nun das „Englische“ zur Verwendung, das wir bei den Kriegs-
    schiffen erübrigt haben. Frühstück = breakfast, Fastenbrecher. Das
    Brechen gehört wieder zum Schiffbruch, das Fasten schließt
    sich der schwarzen Toilette an.

  • S.

    318

    An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
    neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der heitersten
    Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja mißtrauend, hatten
    wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine Flasche des vorzüglich-
    sten Istrianer Weins in Aquileja eingekauft, und während der kleine Post-
    dampfer durch den Kanal delle Mee langsam in die öde Lagunenstrecke nach
    Grado fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagie-
    re, in heiterster Laune
    auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie selten eines zuvor.
    Das war also das „Frühstücksschiff“, und gerade hinter dieser
    Reminiszenz frohesten Lebensgenusses verbirgt der Traum die betrübend-
    sten
    Gedanken an eine unbekannte und unheimliche Zukunft.

    Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre Ent-
    bindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei der Traum-
    bildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesentlichste Ver-
    änderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken zum manifesten
    Traum erleiden. Vergleicht man die Affekte in den Traumgedanken mit
    denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo sich im Traume ein
    Affekt findet, da findet er sich auch in den Traumgedanken, aber nicht
    umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das psychische
    Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen ist. Wenn ich die
    Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe ich, wie in ihnen regel-
    mäßig die intensivsten Seelenregun-
    gen nach Geltung ringen, zumeist im
    Kampfe mit anderen, die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf
    den Traum zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden
    intensiveren Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der In-
    halt, sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau
    des Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird
    eine Unterdrü-
    ckung der Affekte zustande gebracht. Man nehme
    z. B. den Traum von der botanischen Monogra-
    phie. Ihm entspricht im
    Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, so zu
    handeln, wie ich handle, mein Leben so einzu-
    richten, wie es mir einzig
    und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegan-
    gene Traum klingt gleich-
    gültig: Ich habe eine Monogra-
    phie geschrieben, sie liegt vor mir, ist mit
    farbigen Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplare
    beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt nichts
    mehr vom Toben der Schlacht.

    Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können lebhafte
    Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der unbestreit-
    baren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent erscheinen,
    während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe Ergriffenheit ver-
    setzen kann.

    Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung während
    der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das sorgfältigste Ein-
    dringen in die Theorie der Affekte und in den Mechanismus der Ver-
    drängung voraussetzen. Ich will nur zwei Gedanken hier eine Erwähnung
    gönnen. Die Affektentbindung bin ich – aus anderen Gründen – genötigt,

  • S.

    319

    Ablösung und Unterdrückung der Affekte.

    mir als einen zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang
    vorzustellen, analog den motorischen und sekretorischen Innervationsvor-
    gängen. Wie nun im Schlafzustande die Aussendung motorischer Impulse
    gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale
    Erweckung von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes
    erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufs der Traum-
    gedanken zustande kommen, wären also an und für sich schwache Regungen
    und darum die in den Traum gelangenden auch nicht stärker. Nach diesem
    Gedankengange wäre die „Unterdrückung der Affekte“ überhaupt kein
    Erfolg der Traumarbeit, sondern eine Folge des Schlafzustandes. Es mag
    so sein, aber es kann unmöglich alles sein. Wir müssen auch daran denken,
    daß jeder zusammengesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis
    eines Widerstreits psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die
    wunschbildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
    Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im unbewußten
    Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontradiktorischen Gegen-
    teil zusammengespannt war. Da alle diese Gedankenzüge affektfähig sind, so
    werden wir im ganzen und groben kaum irre gehen, wenn wir die Affekt-
    unterdrückung auffassen als Folge der Hemmung, welche die Gegensätze
    gegeneinander und die Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen
    übt. Die Affekthemmung wäre dann der zweite Erfolg der
    Traumzensur, wie die Traumentstellung deren erster war.

    Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente Empfin-
    dungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in den Traum-
    gedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen Traum zu
    erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen wird:

    IV

    Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im Freien, eine sehr lange
    Bank, an deren Ende ein großes Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt
    mit Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische. Hinter der Bank
    ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein,
    die Kotpatzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob am Ende
    noch etwas übrig bliebe.

    Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?

    Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses Traumes
    die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt hatten. Mir
    fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den Herkules reinigt.
    Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das Gebüsch gehören nach Aussee,
    wo jetzt meine Kinder weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der Neurosen
    aufgedeckt und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt.
    Die Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung
    eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht
    hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
    Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung fähig.
    So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine Reminiszenz an das

  • S.

    320

    schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten bekanntlich die W. C. nicht
    anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl, der alles rein abspült, ist eine
    unverkennbare Größenanspielung. So löscht Gulliver bei den Liliputanern
    den großen Brand; er zieht sich dadurch allerdings das Mißfallen der
    allerkleinsten Königin zu. Aber auch Gargantua, der Übermensch bei
    Meister Rabelais, nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er
    auf Notre-Dame reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den
    Garnierschen Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern
    vor dem Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis,
    daß ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
    Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf den
    Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufelsfratzen dort herum-
    zuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so rasch verschwindet, das ist
    das Motto: Afflavit et dissipati sunt, mit dem ich einmal den Abschnitt über
    Therapie der Hysterie überschreiben werde.

    Und nun die wirksame Veranlassung des Traums. Es war ein heißer
    Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abendstunden meine
    Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit den Perversionen
    gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, mißfiel mir so gründlich, kam
    mir alles Werts entkleidet vor. Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen
    an meiner schweren Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im
    menschlichen Schmutz, nach meinen Kindern und dann nach den Schön-
    heiten Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café, um
    dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust
    hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um
    die Erlaubnis, dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an
    meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wieviel
    er bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß
    ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neurosenlehre
    gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine Stimmung paßte
    schlecht zu seinem Lobgesang; ich kämpfte mit dem Ekel, ging früher
    heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor dem Schlafengehen im
    Rabelais und las eine Novelle von C. F. Meyer „Die Leiden eines
    Knaben“.

    Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle
    von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vgl. den
    Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung von Ekel
    und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als sie fast sämtliches
    Material für den Trauminhalt beistellen durfte. Aber in der Nacht wurde
    die ihr gegensätzliche Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger
    Selbstbetonung rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich
    so gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie der
    Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung
    resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige
    Hemmung der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.

  • S.

    321

    Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht er-
    möglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte, aber
    mit Lust betonte Gedankenzug des Größenwahns zu dem des Ekels hin-
    zugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dargestellt werden;
    das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur dann den Eintritt in
    den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer Wunsch-
    erfüllung leiht.

    Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken noch
    etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkt herab-
    zudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil verkehren. Wir
    haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß jedes Element des
    Traums für die Deutung auch sein Gegenteil darstellen kann, ebensowohl
    wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, ob das eine oder das andere
    zu setzen ist; erst der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung
    dieses Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt;
    die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr häufig nach
    dem Prinzip des Kontrasts. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch
    die innige assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die
    Vorstellung eines Dings an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede andere
    Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber auch häufig das
    Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja in nichts
    anderen als in der Ersetzung eines unliebsamen Dings durch sein Gegen-
    teil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die Affekte der
    Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist
    wahrscheinlich, daß diese Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur
    bewerkstelligt wird. Affektunterdrückung wie Affektverkeh-
    rung dienen ja auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie
    zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich
    mündlich mit der Person verkehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen
    muß, während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wichtiger,
    daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, als daß ich die
    Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu ihr in nicht un-
    höflichen Worten, begleite diese aber mit einem Blick oder einer Geberde
    des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung, die ich bei dieser
    Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich ihr meine Verachtung ohne
    Schonung ins Gesicht geworfen hätte. Die Zensur heißt mich also vor
    allem meine Affekte unterdrücken, und wenn ich ein Meister in der Ver-
    stellung bin, werde ich den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln,
    wo ich zürnen und mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

    Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affektverkehrung
    im Traum im Dienste der Traumzensur. Im Traum „von des Onkels
    Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen Freund R., während
    und weil die Traumgedanken ihn einen Schwachkopf schelten. Aus diesem
    Beispiele von Verkehrung der Affekte haben wir uns den ersten Hinweis
    auf die Existenz einer Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig
    anzunehmen, daß die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von
    neuem schafft; sie findet ihn gewöhnlich im Materiale der Traumgedanken

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl.

  • S.

    322

    bereitliegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr-
    motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzterwähnten
    Onkeltraum stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich aus infantiler
    Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahelegt), denn das Verhältnis
    Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur meiner frühesten Kinder-
    erlebnisse (vgl. die Analyse S. 289) bei mir die Quelle aller Freund-
    schaften und alles Hasses geworden.

    Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Affektverkehrung gibt ein
    von Ferenczi berichteter Traum1):

    „Ein älterer Herr wird bei Nacht
    von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber wurde, daß er im Schlafe
    so laut und unbändig lachte. Der Mann erzählte später, folgenden Traum
    gehabt zu haben: Ich lag in meinem Bette, ein bekannter Herr trat ein, ich
    wollte das Licht aufdrehen, konnte es aber nicht, versuchte es immer wieder,
    – vergebens. Daraufhin stieg meine Frau aus dem Bette, um mir zu helfen, aber
    auch sie vermochte nichts auszurichten; weil sie sich aber vor dem Herrn wegen
    ihres Negligés genierte, gab sie es schließlich auf und legte sich wieder ins Bett;
    all dies war so komisch, daß ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau
    sagte: ‚Was lachst du, was lachst du?‘, ich aber lachte nur weiter, bis ich erwachte.
    – Tags darauf war der Herr äußerst niedergeschlagen, hatte Kopfschmerzen,
    – vom vielen Lachen, das mich erschüttert hat, meinte er.“

    „Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus. Der
    ‚bekannte Herr‘, der Eintritt, ist in den latenten Traumgedanken das am
    Vortage geweckte Bild des Todes als des ‚großen Unbekannten‘. Der alte
    Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte am Vortage Grund, ans Sterben
    zu denken. Das unbändige Lachen vertritt die Stelle des Weinens und
    Schluchzens bei der Idee, daß er sterben muß. Es ist das Lebenslicht,
    das er nicht mehr aufdrehen kann. Dieser traurige Gedanke mag sich an vor
    kurzem beabsichtigte, aber mißlungene Beischlafversuche angeknüpft haben,
    bei denen ihm auch die Hilfe seiner Frau im Negligé nichts half; er
    merkte, daß es mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit verstand es,
    die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens in eine komische Szene und
    das Schluchzen in Lachen umzuwandeln.“

    Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als „heuch-
    lerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie der Wunsch-
    erfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie aufmerksam,
    als Frau Dr. M. Hilferding in der „Wiener Psychoanalytischen Ver-
    einigung“ den in Nachstehendem abgedruckten Traumbericht Roseggers
    zur Diskussion brachte.

    Rosegger (in „Waldheimat“ II. Band) erzählt in der Geschichte
    „Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden
    Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt,
    ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein den
    Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre geschleppt,
    wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können.“

    1)Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916.

  • S.

    323

    „Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig
    und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut
    eines Philisters entsprungener Welt-
    und Himmelsstürmer hat anderes zu
    tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte Bursche
    kaum gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über
    alles nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein
    wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn – wenn ich
    überhaupt träumte – allemal der Schneidergesell’ war und daß ich solcher
    gestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der
    Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß und nähte
    und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich nicht mehr dorthin
    gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen Dingen zu befassen habe;
    doch hatte ich stets Ferien, war stets auf der Sommerfrische und so saß
    ich zur Aushilfe beim Lehrmeister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich
    bedauerte den Verlust der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher
    zu beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter,
    wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge
    gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede.
    Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunklen Werkstatt so dasaß,
    nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu machen.
    Einmal tat ich’s sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und
    nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte.“
    „Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte!
    Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum sich wieder
    einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu werfen und laut aus
    zurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen…
    Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.“
    „So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war es
    einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, bei jenem
    Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich mein Meister
    ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. ‚Möcht’ nur wissen,
    wo du deine Gedanken hast!‘ sagte er und sah mich etwas finster an.
    Ich dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister
    bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann
    davonging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der Meister
    einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf der Bank Platz
    zu machen. Ich rückte in den Winkel und nähte. An demselben Tage wurde
    auch noch ein Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor
    neunzehn Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom
    Wirtshause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein
    Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir:
    ‚Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst gehen, du
    bist fremd gemacht.‘ – So übermächtig war hierüber mein Schreck,
    daß ich erwachte.“
    „Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein in
    mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im stilvollen
    Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigantische Dante,

  • S.

    324

    der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe – die Herrlichen,
    die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her klangen die hellen Stim-
    men der erwachenden und mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir
    war zumute, als hätte ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und
    poesie
    reiche, helldurchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche
    menschliche Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden.
    Und doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister nicht
    zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.“

    „Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der
    Meister ‚fremd gemacht‘ hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr
    von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in ihrer
    Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so langen Schatten
    in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.“

    In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
    Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der Wunsch-
    erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während der
    Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen unerfreu-
    lichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von ähnlicher Art
    haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung über solche Träume
    zu geben. Ich habe als junger Doktor lange Zeit im chemischen Institut
    gearbeitet, ohne es in den dort erforderten Künsten zu etwas bringen zu
    können, und denke darum im Wachen niemals gern an diese unfruchtbare
    und eigentlich beschämende Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir
    ein wiederkehrender Traum geworden, den ich im Laboratorium arbeite,
    Analysen mache, Verschiedenes erlebe usw.; diese Träume sind ähnlich
    unbehaglich wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der
    Deutung eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „A n a l y s e“
    aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin ja seither
    „A n a l y

  • S.

    325

    sondern bloß ein sprachliches Entgegenkommen für die Auffassung, welcher
    das Zusammenfallen von Gegensätzen fremdartig erscheint. Genaueres Ein-
    gehen auf einzelne dieser Träume läßt aber noch anderes erkennen. In
    dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Laboratoriumsträume hatte ich
    gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und erfolgloseste Jahr
    meiner ärztlichen Laufbahn versetzte; ich hatte noch keine Stellung und
    wußte nicht, wie ich mein Leben erhalten sollte, aber dabei fand sich
    plötzlich, daß ich die Wahl zwischen mehreren Frauen hatte, die ich
    heiraten sollte! Ich war also wieder jung und vor allem, sie war wieder jung,
    die Frau, die alle diese schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war
    einer der unablässig nagenden Wünsche des alternden Mannes als der un-
    bewußte Traumerreger verraten. Der in anderen psychischen Schichten
    tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der Selbstkritik hatte zwar
    den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte
    ihn allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich auch manchmal im
    Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine harte Zeit;
    aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung1).

    Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig
    gefunden und als heuchlerisch erkannt habe, hat zum Inhalt die Ver-
    söhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen Beziehungen längst
    erloschen sind. Die Analyse deckt dann regelmäßig einen Anlaß auf, der
    mich auffordern könnte, den letzten Rest von Rücksicht auf diese ehe-
    maligen Freunde beiseite zu setzen und sie wie Fremde oder wie Feinde
    zu behandeln. Der Traum aber gefällt sich darin, die gegensätzliche Relation
    auszumalen.

    Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf man
    oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und für un-
    wesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhalts von der Mitteilung
    ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel auf, die bei
    exakter Wiedergabe des Trauminhalts bald zu lösen wären.

    O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen
    Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen Streich“ ein
    ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der Schneider,
    der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, träumt eines
    Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von seinem Handwerk; diese,
    mißtrauisch geworden, bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die
    das aus dem Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers
    versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den
    Traum zu korrigieren.

    Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Verkehrs-
    vorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traumgedanken die
    des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Synthesen vollständig analy-
    sierter Träume gut überblicken. Ich will hier noch einige Beispiele der

    1)Seitdem die Psychoanalyse die Person in ein Ich und ein Über-Ich zerlegt
    hat (Massenpsychologie und Ich-Analyse 1921, Ges. Schriften Bd. VI) ist es leicht,
    in diesen Strafträumen Wunscherfüllungen des Über-Ichs zu erkennen.

  • S.

    326

    VI. Die Traumarbeit.

    Affektregung im Traume behandeln, die etwa einige der besprochenen
    Fälle als realisiert erweisen.

    V

    In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
    Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich im
    Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist nun Wunsch-
    erfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet die Selbst-
    analyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des Traumbuches
    vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, daß ich den Druck
    des bereitliegenden Manuskripts um mehr als ein Jahr aufgeschoben habe.
    Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich über diese abhaltende Emp-
    findung hinaussetzen möge, darum verspüre ich im Traume kein Grauen.
    Das „Grauen“ im anderen Sinne möchte ich auch gerne vermissen;
    es graut bei mir schon ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich
    gleichfalls, nicht länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlusse
    des Traums der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den
    Kindern überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu
    kommen.

    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in die
    nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese Befriedigung
    das eine Mal motiviert durch die Erwartung, ich werde jetzt erfahren,
    was es heißt, „ich habe schon davon geträumt“, und bezieht sich eigentlich
    auf die Geburt der ersten Kinder, das andere Mal durch die Überzeugung,
    es werde jetzt eintreffen, „was sich durch ein Vorzeichen angekündigt hat“,
    und diese Befriedigung ist die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn
    begrüßt hat. Es sind hier im Traume die Affekte verblieben, die in den
    Traumgedanken herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz
    einfach zu. Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
    daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug aus
    einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und deren Affekt
    sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich nicht durch den gleich-
    artigen, gerne zugelassenen Befriedigungsaffekt aus der erlaubten Quelle
    decken, sich gleichsam hinter ihm einschleichen würde. Ich kann dies
    leider nicht an dem Traumbeispiel selbst erweisen, aber ein Beispiel aus
    anderer Sphäre wird meine Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden
    Fall: Es gäbe in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir
    eine lebhafte Regung zustande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
    widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem Wesen
    nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu äußern, und nach-
    dem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unterdrücke ich meine Be-
    friedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen und Gedanken des
    Bedauerns. Jedermann wird sich schon in solcher Lage befunden haben.
    Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte Person sich durch eine Über-
    schreitung eine wohlverdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich
    meiner Befriedigung darüber freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten
    Strafe getroffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit

  • S.

    327

    vielen anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen,
    daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat
    einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der
    inneren Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den geänderten
    Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in der
    Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder Angehörige einer
    ungern gesehenen Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung
    entspricht dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Ver-
    schulden vermehrt um das bisher effektlose Übelwollen, das sich gegen sie
    richtet. Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie
    werden aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedi-
    gung, welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung
    in ihrem Inneren bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität
    nach zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkt
    beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des zweiten
    Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen sich leicht mehr
    Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beabsichtigte.

    Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige Anlässe
    bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, quantitativ über
    das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, soweit er überhaupt
    eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Überschuß rührt aber aus
    unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten Affektquellen her, die mit
    dem realen Anlaß eine assoziative Verbindung herstellen können, und für
    deren Affektentbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle
    die erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht,
    daß wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden seelischen
    Instanz nicht ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins
    Auge fassen dürfen. Ebensowiel Beachtung verdienen die Fälle, in denen
    die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Verstärkung,
    einen pathologischen Effekt zustande bringen. Diese andeutenden Bemer-
    kungen über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis der
    Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die sich im
    Traume kundgibt, und die natürlich alsbald an ihrer Stelle in den Traum-
    gedanken aufzufinden ist, ist durch diesen Nachweis allein nicht immer
    vollständig aufgeklärt. In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle
    in den Traumgedanken aufzusuchen haben, auf welcher der Druck der
    Zensur lastet, und die unter diesem Drucke nicht Befriedigung, sondern
    den gegenteiligen Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit
    der ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungs-
    affekt der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Be-
    friedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte
    im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als über-
    determiniert in bezug auf das Material der Traumgedanken; Affekt-
    quellen, die den nämlichen Affekt liefern können, treten
    bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zusammen1).

    1)Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der tendenziösen
    Witze erklärt.

  • S.

    328

    Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält man durch
    die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“ den Mittelpunkt bildet
    (vgl. S. 287). In diesem Traum sind die Affektäußerungen von verschiedener
    Qualität an zwei Stellen des manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feind-
    selige und peinliche Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen
    Affekten ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
    mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traums bin ich ungemein
    erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen als absurd erkannte
    Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch
    beseitigen kann.

    Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. Sie
    ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes hinein.
    Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. bezeichnet habe)
    die Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation unterziehen werde,
    und daß in Wien lebende Verwandte mir die weiteren Auskünfte über sein
    Befinden geben würden. Diese ersten Nachrichten nach der Operation lauteten
    nicht erfreulich und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm
    gereist, aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden
    behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken
    erfahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete. Seine
    einzige Schwester, die ich nie gekannt, war, wie ich wußte, in jungen Jahren
    nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traum: Fl. erzählt von seiner Schwester
    und sagt: in drei Viertel Stunden war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben,
    daß seine eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich
    auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und zu spät
    komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte1). Dieser Vorwurf
    wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkt des Traumes geworden,
    hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der der verehrte Meister meiner
    Studentenjahre Brücke mir mit einem fürchterlichen Blicke seiner blauen
    Augen den Vorwurf macht. Was diese Ablenkung der Szene zustande gebracht,
    wird sich bald ergeben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reprodu-
    zieren, wie ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen Augen,
    aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die offenbar das
    Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben des Freundes, der
    Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine Beschämung (er ist unauf-
    fällig [zu mir] nach Wien gekommen), mein Bedürfnis, mich durch meine
    Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles setzt den Gefühlssturm zu-
    sammen, der im Schlaf deutlich verspürt, in jener Region der Traumge-
    danken tobt.

    An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was auf
    mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den ungünstigen Nach-
    richten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich auch die Mahnung,
    von der ganzen Angelegenheit mit niemandem zu sprechen, die mich be-
     

    1)Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
    non vivit anstatt non vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht
    mehr.“ Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf non vivit zielt, ist
    S. 288 angegeben worden.

  • S.

    329

    leidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in meine Verschwiegenheit
    zur Voraussetzung hatte. Ich wußte zwar, daß dieser Auftrag nicht von
    meinem Freunde ausging, sondern einer Ungeschicklichkeit oder Über-
    ängstlichkeit des vermittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von dem
    versteckten Vorwurf sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz unbe-
    rechtigt war. Andere Vorwürfe als solche, an denen „etwas daran ist“,
    haften bekanntlich nicht, haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
    Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte
    ich zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so
    nennen wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über
    den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören
    bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen
    denen ich damals den Unfriedenstifter machte, war Professor Fleischl,
    der andere kann durch den Vornamen Josef, den auch mein im Traume
    auftretender Freund und Gegner P. führte, ersetzt werden.
    Von dem Vorwurf, daß ich nichts für mich zu behalten vermöge,
    zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage Fl.s,
    wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe.
    Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den Vorwurf des
    Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich im Brückeschen
    Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite Person in der Ver-
    nichtungszene des Traums durch einen Josef ersetzte, lasse ich diese
    Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen, daß ich zu spät komme,
    sondern auch den von der Verdrängung stärker betroffenen, daß ich kein
    Geheimnis bewahre. Die Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des Traumes,
    sowie deren Motive, werden hier augenfällig.
    Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung, nichts
    zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe fließenden Quellen
    und schwillt so zu einem Strom feindseliger Regungen gegen in Wirklich-
    keit geliebte Personen an. Die Quelle, welche die Verstärkung liefert, fließt
    im Infantilen. Ich habe schon erzählt, daß meine warmen Freundschaften
    wie meine Feindschaften mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit
    einem um ein Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Über-
    legene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich
    miteinander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer
    Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle meine Freunde
    sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten Gestalt, die „früh sich
    einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants. Mein Neffe selbst kam in
    den Jünglingsjahren wieder, und damals führten wir Cäsar und Brutus mit-
    einander auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter Feind waren mir immer
    notwendige Erfordernisse meines Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer
    von neuem zu verschaffen, und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal
    so weit her, daß Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen,
    natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung,
    wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag.
    Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein rezenter
    Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann, um sich durch

  • S.

    330

    ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte ich hier nicht verfolgen.
    Es gehört der Psychologie des unbewußten Denkens an und fände seine Stelle
    in einer psychologischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere
    Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt,
    oder eine solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die
    beiden Kinder geraten in Streit miteinander um ein Objekt, – welches, lassen
    wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung ein
    ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er sei früher ge-
    kommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei, Macht
    geht vor Recht; nach den Andeutungen des Traums könnte ich gewußt
    haben, daß ich im Unrecht bin (den Irrtum selbst bemerkend); ich bleibe
    aber diesmal der Stärkere, behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt
    zum Vater, respektive Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich
    mit den mir durch die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe
    ihn gelagt, weil er mich gelagt hat, so ist diese Erinnerung oder wahr-
    scheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des Traums –
    ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie – aufdrängt, ein Mittel
    stück der Traumgedanken, das die in den Traumgedanken waltenden Affekt-
    regungen, wie eine Brunnenschale die zugeleiteten Gewässer, sammelt. Von
    hier aus fließen die Traumgedanken in folgenden Wegen: Es geschieht dir
    ganz recht, daß du mir den Platz hast räumen müssen; warum hast du mich
    vom Platze verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon
    einen anderen verschaffen, mit dem ich spiele usw. Dann eröffnen sich die
    Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung einmünden.
    Ein solches „Ote-toi que je m’y mette“ mußte ich seinerzeit meinem verstorbenen
    Freunde Josef zum Vorwurf machen. Er war in meine Fußstapfen als
    Aspirant im Brückeschen Laboratorium getreten, aber dort war das Avance-
    ment langwierig. Keiner der beiden Assistenten rückte von der Stelle, die
    Jugend wurde ungeduldig. Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt
    wußte, und den kein intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab
    seiner Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein
    schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer
    dem Sinn: durch eine Beförderung, auch eine anstößige Nebendeutung zu-
    lassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche Wunsch,
    eine freigewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter gewesen; wo
    immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung gibt, ist ja der Weg
    für der Unterdrückung bedürftige Wünsche eröffnet. Shakespeares Prinz
    Hal kann sich nicht einmal am Bett des kranken Vaters der Versuchung
    entziehen, einmal zu probieren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum
    straft, wie begreiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern
    an ihm1).

    „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil er nicht
    erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, darum ist er selbst

    1)Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in
    meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen,
    kann sich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch
    der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.

    331

    hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich unmittelbar, nachdem
    ich in der Universität der Enthüllung des dem anderen gesetzten Denkmals
    beigewohnt habe. Ein Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung deutet
    sich also: Gerechte Strafe; es ist dir recht geschehen.

    Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger Mann
    die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so gesprochen, als
    ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht mehr bestehen könne. Es
    regte sich in ihm die Auflehnung des wahrhaften Menschen, dem man den
    Schmerz durch Übertreibung stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die
    Traumgedanken an: Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe
    ich schon zum Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt,
    ich behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte,
    meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu
    ihm reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue, wieder
    jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er, daß ich
    den Platz behaupte wie damals in der phantasierten Kinderszene. Diese
    aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß ich den Platz
    behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum aufgenommenen Affekts.
    Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, ich äußere das mit dem naiven
    Egoismus der Anekdote zwischen Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt,
    übersiedle ich nach Paris.“ Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich,
    daß nicht ich der eine bin.

    Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung dazu
    gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich als den einzigen
    Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen man das Leben teilt.
    Ich finde es also ganz begreiflich, daß die Revenants nur so lange bestehen,
    als man sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden können.
    Das ist also das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants
    sind aber die aufeinanderfolgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes;
    ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer wieder
    ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im Begriffe bin,
    wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich.

    Wo bleibt Hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht den
    energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der rohesten Selbst-
    sucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung nicht in schwere
    Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Gedankenzüge über die näm-
    lichen Personen gleichfalls in Befriedigung ausgehen und mit ihrem Affekt
    jenen aus der verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht
    von Gedanken habe ich mir bei jener feierlichen Denkmalenthüllung gesagt:
    Ich habe so viele teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen
    durch Auflösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt
    haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, als die
    anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man nicht mehr leicht
    neue Freundschaften schließt, für immer festhalten werde. Die Befriedigung,
    daß ich diesen Ersatz für die verlorenen Freunde gefunden habe, darf ich
    ungestört in den Traum hinübernehmen, aber hinter ihr schleicht sich die
    feindselige Befriedigung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärt-

  • S.

    332

    lichkeit hilft sicherlich die heute berechtigte verstär-
    ken; aber auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt.

    Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen anderen
    Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf. Mein Freund
    hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen bekommen. Ich weiß,
    wie sehr er seine früh verlorene Schwester betrauert hat, und schreibe ihm,
    auf dieses Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester emp-
    funden; dieses kleine Mädchen würde ihm den unersetzlichen Verlust endlich
    vergessen machen.

    So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken des latenten
    Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegengesetzten Richtungen
    auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. Sieh’, nur Revenants;
    alles was man verloren hat, kommt wieder. Und nun werden die assoziativen
    Bande zwischen den widerspruchsvollen Bestandteilen der Traumgedanken
    enger angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter meines
    Freundes denselben Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin,
    die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und Gegners.
    Ich habe den Namen „Pauline“ mit Befriedigung gehört, und um auf dieses
    Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traum einen Josef durch einen
    anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen Anlaut in den
    Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft dann ein Ge-
    dankenfaden zur Namengebung bei meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf,
    daß ihre Namen nicht nach der Mode des Tages gewählt, sondern durch das
    Andenken an teure Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen
    die Kinder zu „Revenants“. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für
    uns alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit?

    Über die Affekte des Traums werde ich nur noch wenige Bemerkungen
    von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der Seele des Schlafen-
    den kann eine Affektneigung – was wir Stimmung heißen – als dominieren-
    des Element enthalten sein und dann den Traum mitbestimmen. Diese
    Stimmung kann aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages her-
    vorgehen, sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von
    ihr entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser Vorstellungs-
    inhalt der Traumgedanken das eine Mal primär die Affektneigung bedingt,
    das andere Mal sekundär durch die somatisch zu erklärende Gefühlsdisposition
    geweckt wird, bleibt für die Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht alle
    Male unter der Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was Wunsch-
    erfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Triebkraft ent-
    lehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe Behandlung
    erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende Sensation (vgl.
    S. 154), die entweder vernachlässigt wird oder im Sinne einer Wunscherfüllung
    umgedeutet. Peinliche Stimmungen während des Schlafes werden zu Trieb-
    kräften des Traumes, indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum
    erfüllen soll. Das Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet,
    bis es zum Ausdruck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver
    und je dominierender das Element der peinlichen Stimmung in den Traum-
    gedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunsch-

  • S.

    333

    regungen die Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benützen, da sie durch
    die aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus eigenem erzeugen müßten,
    den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits
    erledigt finden, und mit diesen Erörterungen streifen wir wieder das Problem
    der Angstträume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung heraus-
    stellen werden.

    I

    Die sekundäre Bearbeitung

    Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der Traum-
    bildung beteiligten Momente gehen.

    Setzt man die Untersuchung des Trauminhalts in der vorhin einge-
    leiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im Trauminhalt
    auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so stößt man auch auf
    Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen Annahme bedarf. Ich
    erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume wundert, ärgert, sträubt, und
    zwar gegen ein Stück des Trauminhalts selbst. Dies meisten dieser Regungen
    von Kritik im Traum sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet, sondern
    erweisen sich als übernommene und passend verwendete Teile des Traum-
    materials, wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art
    fügt sich aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu
    im Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traum nicht
    gar seltene Kritik: „Das ist ja nur ein Traum“? Die ist eine wirkliche Kritik
    des Traums, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar nicht selten ist sie
    auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch häufiger geht ihr selbst ein
    peinliches Gefühl vorher, das sich nach der Konstatierung des Traumzu-
    standes beruhigt. Der Gedanke: „Das ist ja nur ein Traum“ während des
    Traumes beabsichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde
    der schönen Helena von Offenbach besagen soll; er will die Bedeutung des
    eben Erlebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er
    dient zur Einschläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment
    alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des Traums –
    oder der Szene – zu verbieten. Es ist aber bequemer, weiter zu schlafen und
    den Traum zu dulden, „weil’s doch nur ein Traum ist“. Ich stelle mir vor,
    daß die verächtliche Kritik: Es ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt,
    wenn die niemals ganz schlafende Zensur sich durch den bereits zugelassenen
    Traum überrumpelt fühlt. Es ist zu spät, ihn zu unterdrücken, somit begegnet
    sie mit jener Bemerkung der Angst, oder der peinlichen Empfindung, welche
    sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit d’escalier
    von seiten der psychischen Zensur.

    An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis dafür,
    daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken stammt,
    sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem wachen Denken
    nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern kann. Es fragt

  • S.

    334

    sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor, oder kommt der sonst
    nur als Zensur tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der
    Traumbildung zu?

    Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. Es ist un-
    zweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir bisher nur in
    Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalte erkannten, auch Ein-
    schaltungen und Vermehrungen desselben verschuldet. Diese Einschaltungen
    sind oft leicht kenntlich; sie werden zaghaft berichtet, mit einem „als ob“
    eingeleitet, haben an und für sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und
    sind stets an Stellen angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des
    Trauminhalts, zur Anbahnung eines Zusammenhangs zwischen zwei Traum-
    partien dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis
    als die echten Abkömmlinge des Traummaterials; unterliegt der Traum dem
    Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Vermutung, daß
    unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das meiste davon vergessen
    und nur Bruchstücke behalten, auf dem alsbaldigen Ausfall gerade dieser
    Kittgedanken beruht. Bei vollständiger Analyse verraten sich diese Ein-
    schaltungen manchmal dadurch, daß sich zu ihnen kein Material in den Traum-
    gedanken findet. Doch muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den
    selteneren bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf
    Material in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch
    seine eigene Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Auf-
    nahme in den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der Traum-
    bildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im äußersten
    Falle zu Neuschöpfungen; solange es noch möglich ist, verwertet sie, was
    sie Tauglich-es im Traummaterial auswählen kann.

    Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist seine
    Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter boshaft vom
    Philosophen behauptet: mit ihren Fetzen und Flicken stopft sie die Lücken
    im Aufbau des Traums. Die Folge ihrer Bemühung ist, daß der Traum
    den Anschein der Absurdität und Zusammenhangslosigkeit verliert und sich
    dem Vorbilde eines verständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Be-
    mühung ist nicht jedesmal vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so
    Träume zustande, die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch
    und korrekt erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation
    aus, führen dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen
    es, wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß.
    Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem wachen
    Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen einen Sinn
    zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung des Traums
    auch am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so überzeugt man sich,
    daß hier die sekundäre Bearbeitung des Traums am freiesten mit dem
    Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten
    hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet worden
    sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung unterziehen. In anderen Träumen
    ist diese tendenziöse Bearbeitung nur ein Stück weit gelungen; so weit
    scheint Zusammenhang zu herrschen, dann wird der Traum unsinnig oder

  • S.

    335

    verworren, vielleicht um sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum
    Anschein des Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bear-
    -beitung überhaupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen
    von Inhaltsbrocken gegenüber.

    Ich möchte dieser vierten den Traum gestaltenden Macht, die uns
    ja bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in Wirklichkeit die einzige
    uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern; – ich möchte
    diesem vierten Momente also die Fähigkeit, schöpferisch neue Beiträge zum
    Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert
    sich auch ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung
    und Auswahl von bereits gebildetem psychischen Material in den Traum-
    -gedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, an den Traum
    gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren Teil dadurch erspart
    bleibt, daß im Material der Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner
    Verwendung harrend, bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der
    Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie“ zu
    bezeichnen; ich gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn
    ich sofort als das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft
    mache1). Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den
    Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden;
    M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint, viel-
    -versprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblick der Dichter
    ist die Bedeutung des Tagtraums nicht entgangen; allgemein bekannt ist
    die Schilderung, die A. Daudet im „Nabab“ von den Tagträumen einer
    der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der Psychoneurosen
    führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien oder Tagträume
    die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome – wenigstens einer
    ganzen Reihe von ihnen – sind; nicht an den Erinnerungen selbst, sondern
    an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten Phantasien hängen erst
    die hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewußter Tages-
    -phantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es aber be-
    -wußte solche Phantasien gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor,
    die wegen ihres Inhalts und ihrer Abkunft vom verdrängten Material un-
    -bewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere
    dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen
    derselbe Name zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen
    tragen, der Name: Träume. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigen-
    -schaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns
    eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der Nacht-
    -träume eröffnen können.

    Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume basieren
    sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse; wie die Träume
    erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur für ihre Schöpfungen.
    Wenn man ihrem Aufbau nachspürt, so wird man inne, wie das Wunsch-
    -motiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus dem sie gebaut

    1)rêve, petit roman – day-dream, story.

  • S.

    336

    sind, durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem neuen Ganzen
    zusammengefügt hat. Sie stehen zu den Kindheitserinnerungen, auf die sie
    zurückgehen, etwa in demselben Verhältnis wie manche Barockpaläste
    Roms zu den antiken Ruinen, deren Quadern und Säulen das Material für
    den Bau in modernen Formen hergegeben haben.

    In der „sekundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten traum-
    bildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben, finden
    wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der Tagträume
    ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir könnten ohne weiteres
    sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem ihm dargebotenen Material
    etwas wie einen Tagtraum zu gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum
    bereits im Zusammenhange der Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser
    Faktor der Traumarbeit sich seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin
    wirken, daß er in den Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur
    in der Wiederholung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt ge-
    bliebenen, bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden
    des Trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem Traume „Auto-
    didasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue Wiederholung
    einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen Verkehr mit dem
    Professor N. Es rührt aus der Komplikation der Bedingungen her, denen
    der Traum bei seinem Entstehen zu genügen hat, daß häufiger die vorgefundene
    Phantasie nur ein Stück des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr
    zum Trauminhalt hin durchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie
    behandelt wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber
    oft im Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft
    Partien vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen Eindruck
    hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser zusammenhängend
    und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben Traums; ich weiß, dies
    sind unbewußte Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum gelangen,
    aber ich habe es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen
    werden diese Phantasien wie alle anderen Bestandteile der Traumgedanken
    zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch die andere überlagert u. dgl.;
    es gibt aber Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt
    oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegengesetzten
    Fall, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte Anspielung
    an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt offenbar auch für
    das Schicksal der Phantasien in den Traumgedanken maßgebend, welche
    Vorteile sie gegen die Ansprüche der Zensur und des Verdichtungszwanges
    zu bieten vermögen.

    Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich
    Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erhebliche Rolle spielen,
    möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses psychischen Elements
    weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten Denkens
    erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die „Phantasie“ auch
    in diesem Zusammenhange nicht, da sie häufig voll in den Traum gelangt
    und noch häufiger deutlich durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen
    Traum anführen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander

  • S.
    Phantasien im Traum. 337

    an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint,
    von denen die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung
    der ersteren wird1).

            Der Traum lautet — es ist der einzige, über den ich keine sorgfältigen
    Aufzeichnungen besitze — ungefähr so: Der Träumer — ein unverheirateter
    junger Mann — sitzt in seinem, richtig gesehenen, Stammwirtshause; da
    erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen, darunter eine, die ihn verhaften
    will. Er sagt zu seinen Tischgenossen: Ich zahle später, ich komme wieder
    zurück. Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt ein
    jeder. Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer dahin. Er wird
    dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit einem Kinde
    auf dem Arm findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr Müller.
    Ein Kommissär, oder sonst eine Amtsperson, blättert in einem Packe von
    Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller, Müller. Endlich
    stellt er an ihn eine Frage, die er mit ja beantwortet. Er sieht sich dann
    nach der Frauensperson um und merkt, daß sie einen großen Bart be-
    kommen hat.

            Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Oberflächliche
    ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der Traumarbeit
    eine leichte Umformung erfahren hat, die Phantasie der Verheiratung
    sichtbar, und die Züge, die beiden gemeinsam sein können, treten wieder
    wie bei einer Galtonschen Mischphotographie besonders deutlich hervor.
    Das Versprechen des bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stamm-
    tische wieder aufzusuchen, der Unglaube der durch viele Erfahrungen ge-
    witzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht (heiratet) wieder einer dahin,
    das sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge. Ebenso
    das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das Blättern in einem Stoß von
    Papieren, wobei man denselben Namen wiederholt, entspricht einem unter-
    geordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den Hochzeitsfeierlichkeiten, dem
    Vorlesen der stoßweise angelangten Glückwunschtelegramme, die ja alle
    auf denselben Namen lauten. In dem persönlichen Auftreten der Braut in
    diesem Traum hat sogar die Heiratsphantasie den Sieg über die deckende
    Verhaftungsphantasie davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen
    Bart zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung — zu einer Analyse
    kam es nicht — aufklären. Der Träumer war tags vorher mit einem Freunde,
    der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die Straße gegangen und hatte diesen
    Freund auf eine brünette Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen ent-

            1) Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung mehrerer
    Phantasien entstandenen Traums habe ich im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“,
    1905 analysiert. Übrigens habe ich die Bedeutung solcher Phantasien für die
    Traumbildung unterschätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume be-
    arbeitete, denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedankenkonflikte,
    zugrunde liegen. Bei anderen Personen ist die volle Analogie des nächtlichen
    Traumes mit dem Tagtraume oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig
    bei Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man kann sich
    dann leicht überzeugen, daß für beide psychische Bildungen die Tagtraumphantasie
    die nächste Vorstufe ist.

    Freud, Die Traumdeutung, 8. Aufl. 22
  • S.
    338 VI. Die Traumarbeit.

    gegenkam. Der Freund aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur
    nicht mit den Jahren Bärte bekämen wie ihre Väter.

        Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, bei denen
    die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat. So mag die Rede:
    „Ich werde später zahlen“ auf das zu befürchtende Benehmen des Schwieger-
    vaters in betreff der Mitgift zielen. Offenbar halten den Träumer allerlei
    Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie hinzugeben. Eines
    dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit verliert, hat sich
    in der Umwandlung zu einer Verhaftungsszene verkörpert.

        Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die Traumarbeit
    sich gerne einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient, anstatt eine solche
    erst aus dem Material der Traumgedanken zusammenzusetzen, so lösen wir
    mit dieser Einsicht vielleicht eines der interessantesten Rätsel des Traumes.
    Ich habe auf S. 19 den Traum von Maury erzählt, der, von einem Brettchen
    im Genick getroffen, mit einem langen Traum, einem kompletten Roman
    aus den Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der Traum für zusammen-
    hängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des Weckreizes an-
    gelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen konnte, so scheint
    nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der ganze reiche Traum in dem
    kurzen Zeitraume zwischen dem Auffallen des Brettes auf Maurys Hals-
    wirbel und seinem durch diesen Schlag erzwungenen Erwachen komponiert
    worden und stattgefunden haben muß. Wir würden uns nicht getrauen, der
    Denkarbeit im Wachen eine solche Raschheit zuzuschreiben, und gelangten
    so dazu, der Traumarbeit eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufs
    als Vorrecht zuzugestehen.

        Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere Autoren
    (Le Lorrain, Egger u. a.) lebhaften Einspruch erhoben. Sie zweifeln teils
    die Exaktheit des Traumberichts von seiten Maurys an, teils versuchen sie
    darzutun, daß die Raschheit unserer wachen Denkleistungen nicht hinter
    dem zurückbleibt, was man der Traumleistung ungeschmälert lassen kann.
    Die Diskussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht
    nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die Argumentation,
    z. B. Eggers, gerade gegen den Guillotinentraum Maurys mir keinen über-
    zeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde folgende Erklärung dieses
    Traumes vorschlagen: Wäre es denn so sehr unwahrscheinlich, daß der Traum
    Maury s eine Phantasie darstellt, die in seinem Gedächtnis seit Jahren fertig
    aufbewahrt war und in dem Momente geweckt — ich möchte sagen: ange-
    spielt — wurde, da er den Weckreiz erkannte? Es entfällt dann zunächst
    die ganze Schwierigkeit, eine so lange Geschichte mit all ihren Einzelheiten
    in dem überaus kurzen Zeitraum, der hier dem Träumer zur Verfügung steht
    zu komponieren; sie war bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken
    im Wachen getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das
    ist ja gerade so, als ob man guillottiniert würde. Da er aber im Schlaf von dem
    Brette getroffen wird, so benutzt die Traumarbeit den anlangenden Reiz
    rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, als ob sie denken würde (dies
    ist durchaus figürlich zu nehmen): „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Wunsch-
    phantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei der Lektüre

  • S.
    Die angebliche Beschleunigung des Traumablaufs. 339

    gebildet habe.“ Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der
    Jüngling unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint
    mir nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt — und zumal
    als Franzose und Kulturhistoriker — durch die Schilderungen aus der Zeit
    des Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der Nation,
    zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische ihres Witzes und
    die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur verhängnisvollen Abberufung fest-
    hielt? Wie verlockend, sich da mitten hinein zu phantasieren als einer der
    jungen Männer, die sich mit einem Handkuß von der Dame verabschieden,
    um unerschrocken das Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das Haupt-
    motiv des Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener gewaltigen Indivi-
    dualitäten zu versetzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer
    flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das Herz
    der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von Menschen aus Über-
    zeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europas anbahnen, dabei
    selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines Tages unter das Messer
    der Guillotine legen, etwa in die Rolle der Girondisten oder des Heros Danton?
    Daß die Phantasie Maury’s eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint
    der in der Erinnerung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren
    Menschenmenge begleitet“.

    Diese ganze, seit langem fertige Phantasie braucht aber während des
    Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn sie sozusagen
    „angetupft“ wird. Ich meine das folgendermaßen: Wenn ein paar Takte an-
    geschlagen werden und jemand wie im „Don Juan“ dazu sagt: Das ist aus
    „Figaros Hochzeit“ von Mozart, so wogt es in mir mit einem Male von Er-
    innerungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts einzelnes zum Bewußt-
    sein erheben kann. Das Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus
    ein Ganzes gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nicht anders brauchte es
    im unbewußten Denken zu sein. Durch den Weckreiz wird die psychische
    Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet.
    Diese wird aber nicht noch im Schlaf durchlaufen, sondern erst in der Er-
    innerung des Erwachten. Erwacht, erinnert man jetzt in ihren Einzelheiten
    die Phantasie, an die als Ganzes im Traum gerührt wurde. Man hat dabei
    kein Mittel zur Versicherung, daß man wirklich etwas Geträumtes erinnert.
    Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich um fertige Phantasien handelt, die
    durch den Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für andere
    auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für den Schlachten-
    traum Napoleons vor der Explosion der Höllenmaschine. Unter den Träumen
    welche Justine Tobowolska in ihrer Dissertation über die scheinbare Zeit-
    dauer im Traume gesammelt hat, erscheint mir jener der beweisendste, den
    Macario (1857) von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet1).
    Dieser Mann wollte eines Abends der ersten Aufführung eines seiner Stücke
    beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er auf seinem Sitz hinter den Kulissen
    gerade in dem Momente einnickte, als sich der Vorhang hob. In seinem
    Schlaf machte er nun alle fünf Akte seines Stückes durch und beobachtete

    1) Tobowolska, p. 53.

    22*

  • S.
    340 VI. Die Traumarbeit.

    alle die verschiedenartigen Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei
    den einzelnen Szenen äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte
    er dann ganz selig, wie sein Name unter den lebhaftesten Beifallsbezeigungen
    verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte weder seinen Augen
    noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung war nicht über die ersten Verse
    der ersten Szene hinausgekommen; er konnte nicht länger als zwei Minuten
    geschlafen haben. Es ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu be-
    haupten, daß das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstücks und das
    Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen keiner
    Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht, sondern eine
    bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen Sinne wiederholen
    kann. Die Tobowolska hebt mit anderen Autoren als gemeinsame Charaktere
    der Träume mit beschleunigtem Vorstellungsablauf hervor, daß sie besonders
    kohärent erscheinen, gar nicht wie andere Träume, und daß die Erinnerung
    an sie weit eher eine summarische als eine detaillierte ist. Dies wären aber
    gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch die Traumarbeit
    angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß, welchen die Autoren
    allerdings nicht ziehen. Ich will nicht behaupten, daß alle Weckträume
    diese Erklärung zulassen, oder daß das Problem des beschleunigten Vor-
    stellungsablaufs im Traume auf diese Weise überhaupt wegzuräumen ist.

        Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis dieser sekundären
    Bearbeitung des Trauminhalts zu den übrigen Faktoren der Traumarbeit
    bekümmere. Geht es etwa so vor sich, daß die traumbildenden Faktoren,
    das Verdichtungsbestreben, der Zwang, der Zensur auszuweichen, und die
    Rücksicht auf Darstellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst
    aus dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser dann
    nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer zweiten Instanz
    möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich. Man muß eher annehmen,
    daß die Anforderungen dieser Instanz von allem Anfang an eine der Bedingungen
    abgeben, denen der Traum genügen soll, und daß diese Bedingung ebenso wie
    die der Verdichtung, der Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleich-
    zeitig auf das große Material der Traumgedanken induzierend und auswählend
    einwirken. Unter den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzt-
    erkannte jedenfalls die, deren Anforderungen für den Traum am wenigsten
    zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion, welche
    die sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit
    der Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
    aus folgender Erwägung: Unser waches (vorbewußtes) Denken benimmt sich
    gegen ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage
    stehende Funktion gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem
    solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter die
    Erwartung eines intelligibeln Zusammenhangs zu bringen. Wir gehen darin
    eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler äffen uns, indem sie sich
    auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen. In dem Bestreben, die
    gebotenen Sinneseindrücke verständlich zusammenzusetzen, begehen wir oft
    die seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit des uns vorliegen-
    den Materials. Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr allgemein bekannt,

  • S.
    Würdigung der sekundären Bearbeitung. 341

    um breiter Anführung zu bedürfen. Wir lesen über sinnstörende Druckfehler
    hinweg, indem wir das Richtige illusionieren. Ein Redakteur eines viel-
    gelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt haben, er werde in
    jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck einschalten lassen, „von
    vorne“ oder „von hinten“, ohne daß einer der Leser es bemerken würde.
    Er gewann die Wette. Ein komisches Beispiel von falschem Zusammenhange
    ist mir vor Jahren bei der Zeitungslektüre aufgefallen. Nach jener Sitzung
    der französischen Kammer, in welcher Dupuy durch das beherzte Wort:
    La séance continue den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten
    in den Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der Galerie als
    Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen. Unter ihnen
    befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren einer erzählte, unmittelbar
    nach Schluß einer Rede habe er wohl eine Detonation vernommen, aber
    gemeint, es sei im Parlament Sitte, jedesmal, wenn ein Redner geendigt,
    einen Schuß abzufeuern. Der andere, der wahrscheinlich schon mehrere
    Redner angehört hatte, war in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der Ab-
    änderung, daß solches Schießen eine Anerkennung sei, die nur nach besonders
    gelungenen Reden erfolge.

       Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser normales
    Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch herantritt, er müsse
    verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht und dadurch das volle
    Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere Deutung bleibt es Vor-
    schrift, den scheinbaren Zusammenhang im Traum, als seiner Herkunft nach
    verdächtig, in allen Fällen unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie vom
    Verworrenen den gleichen Weg des Rückgangs zum Traummaterial ein-
    zuschlagen.

       Wir merken aber dabei, wovon die oben, S. 226, erwähnte Qualitäten-
    skala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit wesentlich abhängt.
    Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an denen die sekundäre Bearbeitung
    etwas ausrichten konnte, verworren jene anderen, wo die Kraft dieser Leistung
    versagt hat. Da die verworrenen Traumpartien so häufig auch die minder
    lebhaft ausgeprägten sind, so dürfen wir den Schluß ziehen, daß die sekundäre
    Traumarbeit auch für einen Beitrag zur plastischen Intensität der einzelnen
    Traumgebilde verantwortlich zu machen ist.

       Soll ich für die definitive Gestaltung des Traums, wie sie sich unter
    der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein Vergleichsobjekt
    suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene rätselhaften Inschriften, mit
    denen die „Fliegenden Blätter“ so lange ihre Leser unterhalten haben. Für
    einen gewissen Satz, des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von
    möglichst skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er
    eine lateinische Inschrift enthalte. Zu diesem Zwecke werden die Buchstaben-
    elemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu
    angeordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zustande, an
    anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns zu haben,
    und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns mit dem Anscheine
    von verwitterten Partien oder von Lücken der Inschrift über die Sinnlosigkeit
    der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen. Wenn wir dem Scherze

  • S.
    342 VI. Die Traumarbeit.

    nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift
    hinwegsetzen, die Buchstaben ins Auge fassen und sie unbekümmert um die
    gebotene Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.

            Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit, welches
    von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung gewürdigt worden
    ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. Ellis dessen Leistung (Ein-
    leitung, p. 10):
            „Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das Schlaf-
    bewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das Wachbewußtsein,
    der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik u. dgl. legt. Schnell! Faß
    die Dinge an, bringe sie in Ordnung, jede Anordnung genügt – ehe er ein-
    tritt, um vom Schauplatze Besitz zu ergreifen.“

            Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens wird
    besonders klar von Delacroix (p. 526) behauptet:
            „Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve; c’est le
    même travail de coordination logique que nous faisons sur nos sensations
    pendant la veille.“

            J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska:
            „Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’efforce de
    faire le même travail de coordination logique qu’il fait pendant la veille sur les
    sensations. Il relie entre elles par un lien imaginaire toutes ces images décousues
    et bouche les écarts trop grands qui se trouvaient entre elles“ (p. 93).

            Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit noch
    während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt werden. So
    Paulhan (p. 547):
            „Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une certaine déformation,
    ou plutôt reformation du rêve dans le souvenir . . . La tendence systématisante
    de l’imagination pourrait fort bien achever après le réveil ce qu’elle a ébauché
    pendant le sommeil. De la sorte, la rapidité réelle de la pensée serait augmentée
    en apparence par les perfectionnements dus à l’imagination éveillée.“
            Leroy et Tobowolska (p. 592):
            „dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination se font non
    seulement à l’aide des données du rêve, mais encore à l’aide de celles de la veille . . .“

            Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte
    Moment der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde,
    so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu haben,
    zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des Erwachens vollziehen,
    wie es Goblot und noch weitergehend Foucault annehmen, die dem Wach-
    denken die Fähigkeit zuschreiben, aus den im Schlaf auftauchenden Gedanken
    den Traum zu bilden.

            Leroy et Tobowolska sagen über diese Auffassung: „On a cru
    pouvoir placer le rêve au moment du réveil et ils ont attribué à la pensée de la
    veille la fonction de construire le rêve avec les images présentes dans la pensée
    du sommeil.“

            An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich die eines
    neuen Beitrags zur Traumarbeit, den feinsinnige Beobachtungen von

  • S.
    Das „funktionale Phänomen“. 343

       H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat, wie an anderer Stelle erwähnt1),
    die Umsetzung von Gedanken in Bilder gleichsam in flagranti erhascht,
    indem er sich in Zuständen von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu geistiger
    Tätigkeit nötigte. Dann entschwand ihm der bearbeitete Gedanke und
    an seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche sich als der Ersatz des
    meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die Beispiele S. 236.) Bei diesen
    Versuchen ereignete es sich nun, daß das auftauchende, einem Traum-
    element gleichzusetzende Bild etwas anderes darstellte als den der Be-
    arbeitung harrenden Gedanken, nämlich die Ermüdung selbst, die Schwie-
    rigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit, also den subjektiven Zustand und die
    Funktionsweise der sich mühenden Person anstatt des Gegenstands ihrer
    Bemühung. Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig eintretenden Fall
    das „funktionale Phänomen“ zum Unterschiede von dem zu erwartenden
    „materialen“.

       „Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem Sofa,
    zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nachzudenken. Ich
    suche nämlich die Ansichten Kants und Schopenhauers über die Zeit zu
    vergleichen. Es gelingt mir infolge meiner Schlaftrunkenheit nicht, die
    Gedankengänge beider nebeneinander festzuhalten, was zum Vergleich
    nötig wäre. Nach mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch einmal
    die Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf die
    Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke ich meine
    Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf Kant zurückgreifen will,
    zeigt es sich, daß er mir wieder entschwunden ist, vergebens bemühe ich
    mich, ihn von neuem hervorzuhohlen. Diese vergebliche Bemühung, die in
    meinem Kopf irgendwo verlegten Kant-Akten sogleich wiederzufinden,
    stellt sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traumbild
    als anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine Auskunft von einem
    mürrischen Sekretär, der, über einen Schreibtisch gebeugt, sich durch mein
    Drängen nicht stören läßt. Sich halb aufrichtend, blickt er mich unwillig und
    abweisend an.“ (Jahrb. I, p. 514.)

       Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf und
    Wachen beziehen:

    „Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In einer
    gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen Traum nach-
    denkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend, fühle ich mich dem
    Wachbewußtsein näher kommend, ich will jedoch in dem Dämmerzustand
    noch verbleiben.
    Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn aber als-
    bald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben.“ (Jahrb. III, p. 625.)

    „Beispiel Nr. 6. — Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er will noch
    ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich will mich noch ein wenig
    dem Schlafe hingeben.
    Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit ihm (oder
    ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.“

    1) Siehe Seite 236.

  • S.
    344 VI. Die Traumarbeit.

    Das „funktionale“ Phänomen, die „Darstellung des Zuständlichen
    anstatt des Gegenständlichen“, beobachtete Silberer wesentlich unter
    den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Aufwachens. Es ist leicht
    zu verstehen, daß nur der letztere Fall für die Traumdeutung in Betracht
    kommt. Silberer hat an guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des
    manifesten Inhalts vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar an-
    schließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den Vorgang des
    Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Überschreiten einer Schwelle
    („Schwellensymbolik“), das Verlassen eines Raums, um einen anderen zu
    betreten, das Abreisen, Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter,
    das Eintauchen in Wasser und anderes. Ich kann allerdings die Bemerkung
    nicht unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbolik zu beziehenden
    Elemente des Traumes in eigenen Träumen wie in denen der von mir ana-
    lysierten Personen ungleich seltener angetroffen habe, als man nach den
    Mitteilungen von Silberer erwarten sollte.

            Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese „Schwellen-
    symbolik“ auch für manche Elemente mitten im Zusammenhange eines
    Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen, wo es sich um Schwankungen
    der Schlaftiefe und Neigung, den Traum abzubrechen, handelte. Doch sind
    gesicherte Beispiele für dieses Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger
    scheint der Fall der Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle,
    welche ihren materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traumgedanken bezieht,
    überdies zur Darstellung von etwas Zuständlichem an der seelischen Tätigkeit
    verwendet wurde.

            Das sehr interessante funktionale Phänomen Silberers hat ohne Ver-
    schulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt, indem die alte
    Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der Träume eine Anlehnung
    an dasselbe gefunden hat. Die Bevorzugung der „funktionalen Kategorie“
    geht bei manchen so weit, daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen,
    wo immer intellektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der
    Traumgedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr und nicht
    weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum einzugehen, als alles andere.

            Wir wollen anerkennen, daß die Silbererschen Phänomene einen
    zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wachdenkens darstellen,
    welcher allerdings minder konstant und bedeutsam ist als der erste, unter
    dem Namen „sekundäre Bearbeitung“ eingeführte. Es hatte sich gezeigt,
    daß ein Stück der bei Tage tätigen Aufmerksamkeit auch während des Schlaf-
    zustandes dem Traume zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich
    die Macht vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen, in dieser
    wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, dem ein so
    starker eindämmender Einfluß auf die Gestaltung des Traumes zufällt. Was
    die Beobachtungen von Silberer dazugeben, ist die Tatsache, daß unter
    Umständen eine Art von Selbstbeobachtung dabei mittätig ist und ihren
    Beitrag zum Trauminhalt liefert. Über die wahrscheinlichen Beziehungen
    dieser selbstbeobachtenden Instanz, die besonders bei philosophischen Köpfen
    vordringlich werden mag, zur endopsychischen Wahrnehmung, zum Be-

  • S.
    Das unbewußte Denken und die Traumarbeit. 345

    achtungswahn, zum Gewissen und zum Traumzensor geziemt es sich, an
    anderer Stelle zu handeln1).

         Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über die Traum-
    arbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob die Seele alle
    ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die Traumbildung ver-
    wende, oder nur einen in seiner Leistung gehemmten Bruchteil derselben.
    Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche Fragestellung überhaupt
    als den Verhältnissen inadäquat zu verwerfen. Sollen wir aber bei der
    Antwort auf demselben Boden bleiben, auf den uns die Frage drängt, so
    müssen wir beide, einander scheinbar durch Gegensatz ausschließende Auf-
    fassungen bejahen. Die seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich
    in zwei Leistungen: die Herstellung der Traumgedanken und die Um-
    wandlung derselben zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig
    korrekt und mit allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet;
    sie gehören unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus dem durch
    eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken hervorgehen. So viel
    an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge, diese Rätsel haben
    doch keine besondere Beziehung zum Traume und verdienen nicht, unter
    den Traumproblemen behandelt zu werden2). Hingegen ist jenes andere
    Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken in den Trauminhalt ver-
    wandelt, dem Traumleben eigentümlich und für dasselbe charakteristisch.
    Diese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von dem Vorbild des wachen
    Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten Verkleinerer der psy-
    chischen Leistung bei der Traumbildung gemeint haben. Sie ist nicht etwa
    nachlässiger, inkorrekter, vergeblicher, unvollständiger als das wache
    Denken; sie ist etwas davon qualitativ völlig Verschiedenes und darum
    zunächst nicht mit ihm vergleichbar. Sie denkt, rechnet, urteilt überhaupt
    nicht, sondern sie beschränkt sich darauf umzuformen. Sie läßt sich er-
    schöpfend beschreiben, wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr

    1) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1914. (Ges.
    Schriften, Bd. VI.)

    2) Ich fand es früher einmal so außerordentlich schwierig, die Leser an die
    Unterscheidung von manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken zu ge-
    wohnen. Immer wieder wurden Argumente und Einwendungen aus dem unge-
    deuteten Traum, wie ihn die Erinnerung bewahrt hat, geschöpft und die Forderung
    der Traumdeutung überhört. Nun da sich wenigstens die Analytiker damit be-
    freundet haben, für den manifesten Traum seinen durch Deutung gefundenen
    Sinn einzusetzen, machen sich viele von ihnen einer anderen Verwechslung schuldig,
    an der sie ebenso hartnäckig festhalten. Sie suchen das Wesen des Traums in
    diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied zwischen latenten
    Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum ist im Grunde nichts anderes als
    eine besondere Form unseres Denkens, die durch die Bedingungen des Schlaf-
    zustandes ermöglicht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, und
    sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner Besonderheit. Ich
    sage dies zur Würdigung der berüchtigten „prospektiven Tendenz“ des Traums.
    Daß der Traum sich mit den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vor-
    liegenden Aufgaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes
    Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hierzu, daß diese Arbeit auch im Vor-
    bewußten vor sich gehen kann, was uns ja bereits bekannt ist.

  • S.
    346 VI. Die Traumarbeit.

        Erzeugnis zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem der
    Zensur entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sich die Traum-
    arbeit der Verschiebung der psychischen Intensitäten bis zur
    Umwertung aller psychischen Werte; es sollen Gedanken ausschließlich oder
    vorwiegend in dem Material visueller und akustischer Erinnerungsspuren
    wiedergegeben werden, und aus dieser Anforderung erwächst für die Traum-
    arbeit die Rücksicht auf Darstellbarkeit, der sie durch neue Ver-
    schiebungen entspricht. Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten
    hergestellt werden, als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung
    stehen, und diesem Zwecke dient die ausgiebige Verdichtung, die mit
    den Bestandteilen der Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die logischen
    Relationen des Gedankenmaterials entfällt wenig Rücksicht; sie finden
    schließlich in formalen Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte
    Darstellung. Die Affekte der Traumgedanken unterliegen geringeren Ver-
    änderungen als deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der Regel unter-
    drückt; wo sie erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach
    ihrer Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit,
    die in ihrem Ausmaß inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte
    Wachdenken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die Autoren für die
    gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen wollten.