S.
II. Krankengeschichten.
Beobachtung I. Frl. Anna O . . . (Breuer).
Frl. Anna O . . . , zur Zeit der Erkrankung (1880) 21 Jahre alt,
erscheint als neuropathisch mäßig stark belastet durch einige in der
großen Familie vorgekommene Psychosen; die Eltern sind nervös
gesund. Sie selbst früher stets gesund, ohne irgend ein Nervosum
während der Entwicklungsperiode; von bedeutender Intelligenz, er
staunlich scharfsinniger Kombination und scharfsichtiger Intuition;
ein kräftiger Intellekt, der auch solide geistige Nahrung verdaut hätte
und sie brauchte, nach Verlassen der Schule aber nicht erhielt. Reiche
poetische und phantastische Begabung, kontrolliert durch sehr scharfen
und kritischen Verstand. Dieser letztere machte sie auch völlig
unsuggestibel; nur Argumente, nie Behauptungen hatten Einfluß
auf sie. Ihr Wille war energisch, zäh und ausdauernd; manchmal
zum Eigensinn gesteigert, der sein Ziel nur aus Güte, um anderer
willen, aufgab.Zu den wesentlichsten Zügen des Charakters gehörte mitleidige
Güte; die Pflege und Besorgung einiger Armen und Kranken leistete
ihr selbst in ihrer Krankheit ausgezeichnete Dienste, da sie dadurch
einen starken Trieb befriedigen konnte. – Ihre Stimmungen hatten
immer eine leichte Tendenz zum Übermaße, der Lustigkeit und der
Trauer; daher auch einige Launenhaftigkeit. Das sexuale Element war
erstaunlich unentwickelt; die Kranke, deren Leben mir durchsichtig
wurde, wie selten das eines Menschen einem andern, hatte nie eine
Liebe gehabt und in all den massenhaften Halluzinationen ihrer Krank-
heit tauchte niemals dieses Element des Seelenlebens empor.Dieses Mädchen von überfließender geistiger Vitalität führte
in der puritanisch gesinnten Familie ein höchst monotones Leben,
das sie sich in einer für ihre Krankheit wahrscheinlich maßgebendenS.
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Weise verschönerte. Sie pflegte systematisch das Wachträumen, das
sie ihr „Privattheater“ nannte. Während alle sie anwesend glaubten,
lebte sie im Geiste Märchen durch, war aber, angerufen, immer präsent,
so daß niemand davon wußte. Neben den Beschäftigungen der Häus-
lichkeit, die sie tadellos versorgte, ging diese geistige Tätigkeit fast
fortlaufend einher. Ich werde dann zu berichten haben, wie un-
mittelbar diese gewohnheitsmäßige Träumerei der Gesunden in
Krankheit überging.Der Krankheitsverlauf zerfällt in mehrere gut getrennte Phasen;
es sind:A) Die latente Inkubation. Mitte Juli 1880 bis etwa 10. Dezember.
In diese Phase, die sich in den meisten Fällen unserer Kenntnis
entzieht, gewährte die Eigenart dieses Falles so vollständigen
Einblick, daß ich schon deshalb sein pathologisches Interesse
nicht gering anschlage. Ich werde diesen Teil der Geschichte
später darlegen.B) Die manifeste Erkrankung; eine eigentümliche Psychose, Para-
phasie, Strabismus convergens, schwere Sehstörungen, Kontraktur-
lähmungen, vollständig in der rechten oberen, beiden unteren
Extremitäten, unvollständig in der linken oberen Extremität,
Parese der Nackenmuskulatur. Allmähliche Reduktion der Kon-
traktur auf die rechtseitigen Extremitäten. Einige Besserung,
unterbrochen durch ein schweres psychisches Trauma (Tod des
Vaters) im April, auf welchesC) eine Periode andauernden Somnambulismus folgt, der dann mit
normaleren Zuständen alterniert; Fortbestand einer Reihe von
Dauersymptomen bis Dezember 1881.D) Allmähliche Abwicklung der Zustände und Phänomene bis
Juni 1882.Im Juli 1880 erkrankte der Vater der Patientin, den sie leiden-
schaftlich liebte, an einem peripleuritischen Abszesse, der nicht ausheilte
und dem er im April 1881 erlag. Während der ersten Monate dieser
Erkrankung widmete sich Anna der Krankenpflege mit der ganzen
Energie ihres Wesens, und es nahm niemand sehr wunder, daß sie
dabei allmählich stark herabkam. Niemand, vielleicht auch die Kranke
selbst nicht, wußte, was in ihr vorging; allmählich aber wurde ihr
Zustand von Schwäche, Anämie, Ekel vor Nahrung so schlimm, daß
sie zu ihrem größten Schmerze von der Pflege des Kranken entfernt
wurde. Den unmittelbaren Anlaß bot ein höchst intensiver Husten,S.
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wegen dessen ich sie zum ersten Male untersuchte. Es war eine typische
Tussis nervosa. Bald wurde ein auffallendes Ruhebedürfnis in den
Nachmittagsstunden deutlich, an welches sich abends ein schlafähn-
licher Zustand und dann starke Aufregung anschloß.Anfangs Dezember entstand Strabismus convergens. Ein Augen-
arzt erklärte diesen (irrigerweise) durch Parese des einen Abduzens.
Am 11. Dezember wurde Patientin bettlägerig und blieb es bis
1. April.In rascher Folge entwickelte sich, anscheinend ganz frisch,
eine Reihe schwerer Störungen.Linksseitiger Hinterkopfschmerz; Strabismus convergens (Diplo-
pie) durch Aufregung bedeutend gesteigert; Klage über Herüberstürzen
der Wand (Obliquusaffektion). Schwer analysierbare Sehstörungen;
Parese der vorderen Halsmuskeln, so daß der Kopf schließlich nur
dadurch bewegt wurde, daß Patientin ihn nach rückwärts zwischen die
gehobenen Schultern preßte und sich mit dem ganzen Rücken be-
wegte. Kontraktur und Anästhesie der rechten oberen, nach einiger
Zeit der rechten unteren Extremität; auch diese völlig gestreckt,
adduziert und nach innen rotiert; später tritt dieselbe Affektion an der
linken unteren Extremität und zuletzt am linken Arme auf, an welchem
aber die Finger einigermaßen beweglich blieben. Auch die Schulter-
gelenke beiderseits waren nicht völlig rigide. Das Maximum der
Kontraktur betrifft die Muskeln des Oberarmes, wie auch später, als
die Anästhesie genauer geprüft werden konnte, die Gegend des Ell-
bogens sich als am stärksten unempfindlich erwies. Im Beginne der
Krankheit blieb die Anästhesieprüfung ungenügend, wegen des aus
Angstgefühlen entspringenden Widerstandes der Patientin.In diesem Zustande übernahm ich die Kranke in meine Be-
handlung und konnte mich alsbald von der schweren psychischen
Alteration überzeugen, die da vorlag. Es bestanden zwei ganz getrennte
Bewußtseinszustände, die sehr oft und unvermittelt abwechselten und
sich im Laufe der Krankheit immer schärfer schieden. In dem einen
kannte sie ihre Umgebung, war traurig und ängstlich, aber relativ
normal; im andern halluzinierte sie, war „ungezogen“, d. h. schimpfte,
warf die Kissen nach den Leuten, soweit und wenn die Kontraktur
dergleichen erlaubte, riß mit den beweglichen Fingern die Knöpfe
von Decken und Wäsche u. dgl. mehr. War während dieser Phase
etwas im Zimmer verändert worden, jemand gekommen oder hinaus-
gegangen, so klagte sie dann, ihr fehle Zeit, und bemerkte die LückeS.
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im Ablaufe ihrer bewußten Vorstellungen. Da man ihr das, wenn
möglich, ableugnete, auf ihre Klage, sie werde verrückt, sie zu be-
ruhigen suchte, folgten auf jedes Polterschleudern u. dgl. dann noch
die Klagen, was man ihr antue, in welcher Unordnung man sie lasse usw.Diese Absenzen waren schon beobachtet worden, als sie noch
außer Bett war; sie blieb dann mitten im Sprechen stecken, wiederholte
die letzten Worte, um nach kurzer Zeit weiter fortzufahren. Nach und
nach nahm dies die geschilderten Dimensionen an und während der
Akme der Krankheit, als die Kontraktur auch die linke Seite ergriffen
hatte, war sie am Tage nur für ganz kurze Zeiten halbwegs normal.
Aber auch in die Momente relativ klaren Bewußtseins griffen die
Störungen über; rapid-ester Stimmungswechsel in Extremen, ganz
vorübergehende Heiterkeit, sonst schwere Angstgefühle, hartnäckige
Opposition gegen alle therapeutischen Maßnahmen, ängstliche Hallu-
zinationen von schwarzen Schlangen, als welche ihre Haare, Schnüre
u. dgl. erscheinen. Dabei sprach sie sich immer zu, nicht so dumm zu
sein, es seien ja ihre Haare usw. In ganz klaren Momenten beklagte
sie die tiefe Finsternis ihres Kopfes, wie sie sie nicht denken könne, blind
und taub werde, zwei Ichs habe, ihr wirkliches und ein schlechtes, das
sie zu Schlimmem zwinge usw.Nachmittags lag sie in einer Somnolenz, die bis etwa eine Stunde
nach Sonnenuntergang dauerte, und dann erwacht, klagte sie, es
quäle sie etwas, oder vielmehr sie wiederholte immer den Infinitiv:
Quälen, quälen.Denn zugleich mit der Ausbildung der Kontrakturen war eine
tiefe, funktionelle Desorganisation der Sprache eingetreten. Zuerst
beobachtete man, daß ihr Worte fehlten, allmählich nahm das zu.
Dann verlor ihr Sprechen alle Grammatik, jede Syntax, die ganze
Konjugation des Verbums, sie gebrauchte schließlich nur falsch, meist
aus einem schwachen Particip-praeteriti gebildete Infinitive, keinen
Artikel. In weiterer Entwicklung fehlten ihr auch die Worte fast ganz,
sie suchte dieselben mühsam aus 4 oder 5 Sprachen zusammen und
war dabei kaum mehr verständlich. Bei Versuchen zu schreiben schrieb
sie (anfangs, bis die Kontraktur das völlig verhinderte) denselben
Jargon. Zwei Wochen lang bestand völliger Mutismus, bei fortwährenden
angestrengten Versuchen zu sprechen wurde kein Laut vorgebracht.
Hier wurde nun zuerst der psychische Mechanismus der Störung klar.
Sie hatte sich, wie ich wußte, über etwas sehr gekränkt und beschlossen,
nichts davon zu sagen. Als ich das erriet und sie zwang, davon zu reden,S.
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fiel die Hemmung weg, die vorher auch jede andere Äußerung un-
möglich gemacht hatte.Dies fiel zeitlich zusammen mit der wiederkehrenden Beweglich-
keit der linksseitigen Extremitäten, März 1881; die Paraphasie wich,
aber sie sprach jetzt nur Englisch, doch anscheinend, ohne es zu
wissen; zankte mit der Wärterin, die sie natürlich nicht verstand; erst
mehrere Monate später gelang mir, sie davon zu überzeugen, daß sie
Englisch rede. Doch verstand sie selbst noch ihre Deutsch sprechende
Umgebung. Nur in Momenten großer Angst versagte die Sprache voll-
ständig oder sie mischte die verschiedensten Idiome durcheinander. In
den allerbesten, freiesten Stunden sprach sie Französisch oder Italienisch.
Zwischen diesen Zeiten und denen, in welchen sie Englisch sprach,
bestand völlige Amnesie. Nun nahm auch der Strabismus ab und
erschien schließlich nur mehr bei heftiger Aufregung, der Kopf wurde
wieder getragen. Am 1. April verließ sie zum ersten Male das Bett.Da starb am 5. April der von ihr vergötterte Vater, den sie während
ihrer Krankheit nur sehr selten für kurze Zeit gesehen hatte. Es war
das schwerste psychische Trauma, das sie treffen konnte. Gewaltiger
Aufregung folgte ein tiefer Stupor etwa zwei Tage lang, aus dem sie
sich in sehr verändertem Zustand erhob. Zunächst war sie viel ruhiger
und das Angstgefühl wesentlich vermindert. Die Kontraktur des rechten
Armes und Beines dauerte fort, ebenso die, nicht tiefe, Anästhesie
dieser Glieder. Es bestand hochgradige Gesichtsfeldeinengung. Von
einem Blumenstrauße, der sie sehr erfreute, sah sie immer nur eine
Blume zugleich. Sie klagte, daß sie die Menschen nicht erkenne. Sonst
habe sie die Gesichter erkannt, ohne willkürlich dabei arbeiten zu
müssen; jetzt müsse sie bei solchem, sehr mühsamen „recognising
work“ sich sagen, die Nase sei so, die Haare so, folglich werde das der
und der sein. Alle Menschen wurden ihr wie Wachsfiguren, ohne Be-
ziehung auf sie. Sehr peinlich war ihr die Gegenwart einiger nahen
Verwandten, und dieser „negative Instinkt“ wuchs fortwährend. Trat
jemand ins Zimmer, den sie sonst gern gesehen hatte, so erkannte sie
ihn, war kurze Zeit präsent, dann versank sie wieder in ihr Brüten,
und der Mensch war ihr entschwunden. Nur mich kannte sie immer,
wenn ich eintrat, blieb auch immer präsent und munter, solange ich
mit ihr sprach, bis auf die immer ganz plötzlich dazwischen fahrenden
halluzinatorischen Absenzen.Sie sprach nun nur Englisch und verstand nicht, was man ihr
deutsch sagte. Ihre Umgebung mußte Englisch mit ihr sprechen; selbstS.
20 –
die Wärterin lernte sich einigermaßen so verständigen. Sie las aber
Französisch und Italienisch; sollte sie es vorlesen, so las sie mit staunen-
erregender Geläufigkeit, fließend, eine vortreffliche englische Über-
setzung des Gelesenen vom Blatte.Sie begann wieder zu schreiben, aber in eigentümlicher Weise;
sie schrieb mit der gelenken, linken Hand, aber Antiqua-Druckbuch-
staben, die sie sich aus ihrem Shakespeare zum Alphabet zusammen-
gesucht hatte.Hatte sie früher schon minimal Nahrung genommen, so ver-
weigerte sie jetzt das Essen vollständig, ließ sich aber von mir füttern,
so daß ihre Ernährung rasch zunahm. Nur Brot zu essen verweigerte
sie immer. Nach der Fütterung aber unterließ sie nie den Mund zu
waschen, und tat dies auch, wenn sie aus irgend einem Grunde nichts
gegessen hatte; ein Zeichen, wie abwesend sie dabei war.Die Somnolenz am Nachmittag und der tiefe Sopor um Sonnen-
untergang dauerten an. Hatte sie sich dann ausgesprochen (ich werde
später genauer hierauf eingehen müssen), so war sie klar, ruhig, heiter.Dieser relativ erträgliche Zustand dauerte nicht lange. Etwa
10 Tage nach ihres Vaters Tode wurde ein Consiliarius beigezogen, den
sie wie alle Fremden absolut ignorierte, als ich ihm alle ihre Sonder-
barkeiten demonstrierte. „That’s like an examination“ sagte sie lachend,
als ich sie einen französischen Text auf englisch vorlesen ließ. Der
fremde Arzt sprach drein, versuchte sich ihr bemerklich zu machen;
vergebens. Es war die richtige „negative Halluzination“, die seitdem
so oft experimentell hergestellt worden ist. Endlich gelang es ihm,
diese zu durchbrechen, indem er ihr Rauch ins Gesicht blies. Plötzlich
sah sie einen Fremden, stürzte zur Türe, den Schlüssel abzuziehen,
fiel bewußtlos zu Boden; dann folgte ein kurzer Zorn-- und dann ein
arger Angstanfall, den ich mit großer Mühe beruhigte. Unglücklicher-
weise mußte ich denselben Abend abreisen, und als ich nach mehreren
Tagen zurückkam, fand ich die Kranke sehr verschlimmert. Sie hatte
die ganze Zeit vollständig abstiniert, war voll Angstgefühlen, ihre
halluzinatorischen Absenzen erfüllt von Schreckgestalten, Toten-
köpfen und Gerippen. Da sie, diese Dinge durchlebend, sie teilweise
sprechend tragierte, kannte die Umgebung meist den Inhalt dieser
Halluzinationen. Nachmittags Somnolenz, um Sonnenuntergang die
tiefe Hypnose, für die sie den technischen Namen „clouds“ (Wolken)
gefunden hatte. Konnte sie dann die Halluzinationen des Tages er-
zählen, so erwachte sie klar, ruhig, heiter, setzte sich zur Arbeit, zeichneteS.
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oder schrieb die Nacht durch, völlig vernünftig; ging gegen 4 Uhr zu
Bett, und am Morgen begann dieselbe Szene wieder, wie tags zuvor.
Der Gegensatz zwischen der unzurechnungsfähigen, von Halluzinationen
gehetzten Kranken am Tage und dem geistig völlig klaren Mädchen
bei Nacht war höchst merkwürdig.Trotz dieser nächtlichen Euphorie verschlechterte sich der
psychische Zustand doch immer mehr; es traten intensive Selbstmord-
impulse auf, die den Aufenthalt in einem 3. Stockwerke untunlich
erscheinen ließen. Die Kranke wurde darum gegen ihren Willen in
ein Landhaus in der Nähe von Wien gebracht (7. Juni 1881). Diese
Entfernung vom Hause, die sie perhorreszierte, hatte ich nie angedroht,
sie selbst aber im stillen erwartet und gefürchtet. Es wurde nun auch
bei diesem Anlasse wieder klar, wie dominierend der Angstaffekt die
psychische Störung beherrschte. Wie nach des Vaters Tod ein Ruhe-
zustand eingetreten war, so beruhigte sie sich auch jetzt, als das Ge-
fürchtete geschehen war. Allerdings nicht, ohne daß die Transferierung
unmittelbar von drei Tagen und Nächten gefolgt gewesen wäre, ab-
solut ohne Schlaf und Nahrung, voll von (im Garten allerdings un-
gefährlichen) Selbstmordversuchen, Fensterzerschlagen u. dgl., Hallu-
zinationen ohne Absenz, die sie von den anderen ganz wohl unterschied.
Dann beruhigte sie sich, nahm Nahrung von der Wärterin und sogar
abends Chloral.Bevor ich den weiteren Verlauf schildere, muß ich noch einmal
zurückgreifen und eine Eigentümlichkeit des Falles darstellen, die
ich bisher nur flüchtig gestreift habe.Es wurde schon bemerkt, daß im ganzen bisherigen Verlaufe
täglich nachmittags eine Somnolenz die Kranke befiel, die um Sonnen-
untergang in tieferen Schlaf überging (clouds). (Es ist wohl plausibel,
diese Periodizität einfach aus den Umständen der Krankenpflege ab-
zuleiten, die ihr durch Monate obgelegen hatte. Nachts wachte sie
beim Kranken oder lag lauschend und angsterfüllt bis morgens wach
in ihrem Bette; nachmittags legte sie sich für einige Zeit zur Ruhe,
wie es ja meistens von der Pflegerin geschieht, und dieser Typus der
Nachtwache und des Nachmittagsschlafes wurde wohl dann in ihre
eigene Krankheit hinüber verschleppt und bestand fort, als an Stelle
des Schlafes schon lange ein hypnotischer Zustand getreten war.)
Hatte der Sopor etwa eine Stunde gedauert, so wurde sie unruhig,
wälzte sich hin und her und rief immer wieder: „Quälen, quälen“,
immer mit geschlossenen Augen. Anderseits war bemerkt worden,S.
22
daß sie in ihren Absenzen während des Tages offenbar immer irgend
eine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren Beschaffenheit
einzelne gemurmelte Worte Aufschluß gaben. Nun geschah es, zuerst
zufällig, dann absichtlich, daß jemand von der Umgebung ein solches
Stichwort fallen ließ, während Patientin über das „Quälen“ klagte;
alsbald fiel sie ein und begann eine Situation auszumalen oder eine
Geschichte zu erzählen, anfangs stockend in ihrem paraphrasischen
Jargon, je weiter, desto fließender, bis sie zuletzt ganz korrektes Deutsch
sprach. (In der ersten Zeit, bevor sie völlig ins Englischsprechen
geraten war.) Die Geschichten, immer traurig, waren teilweise sehr
hübsch, in der Art von Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ und wahr-
scheinlich auch nach diesem Muster gebildet; meist war Ausgangs-
oder Mittelpunkt die Situation eines bei einem Kranken in Angst
sitzenden Mädchens; doch kamen auch ganz andere Motive zur Ver-
arbeitung. – Einige Momente nach Vollendung der Erzählung er-
wachte sie, war offenbar beruhigt oder, wie sie es nannte, „gehäglich“
(behaglich). Nachts wurde sie dann wieder unruhiger und am Morgen,
nach zweistündigem Schlafe, war sie offenbar wieder in einem andern
Vorstellungskreise. – Konnte sie mir in der Abendhypnose einmal
die Geschichte nicht erzählen, so fehlte die abendliche Beruhigung, und
am andern Tage mußten zwei erzählt werden, um diese zu bewirken.Das Wesentliche der beschriebenen Erscheinung, die Häufung
und Verdichtung ihrer Absenzen zur abendlichen Autohypnose, die
Wirksamkeit der phantastischen Produkte als psychischer Reiz und
die Erleichterung und Behebung des Reizzustandes durch die Aus-
sprache in der Hypnose, blieben durch die ganzen anderthalb Jahre
der Beobachtung konstant.Nach dem Tode des Vaters wurden die Geschichten natürlich
noch tragischer, aber erst mit der Verschlimmerung ihres psychischen
Zustandes, welche der erzählten gewaltsamen Durchbrechung ihres
Somnambulismus folgte, verloren die abendlichen Referate den Cha-
rakter mehr minder freier poetischer Schöpfung und wandelten sich
in Reihen furchtbarer, schreckhafter Halluzinationen, die man tags
über schon aus dem Benehmen der Kranken hatte erschließen können.
Ich habe aber schon geschildert, wie vollständig die Befreiung ihrer
Psyche war, nachdem sie, von Angst und Grauen geschüttelt, alle
diese Schreckbilder reproduziert und ausgesprochen hatte.Auf dem Lande, wo ich die Kranke nicht täglich besuchen konnte,
entwickelte sich die Sache in folgender Weise: Ich kam abends, wennS.
23
ich sie in ihrer Hypnose wußte, und nahm ihr den ganzen Vorrat von
Phantasmen ab, den sie seit meinem letzten Besuch angehäuft hatte.
Das mußte ganz vollständig geschehen, wenn der gute Erfolg erreicht
werden sollte. Dann war sie ganz beruhigt, den nächsten Tag liebens-
würdig, fügsam, fleißig, selbst heiter; den zweiten immer mehr launisch,
störrig, unangenehm, was am dritten noch weiter zunahm. In dieser
Stimmung, auch in der Hypnose, war sie nicht immer leicht zum Aus-
sprechen zu bewegen, für welche Prozedur sie den guten, ernsthaften
Namen „talking cure“ (Redekur) und den humoristischen „chimney-
sweeping“ (Kaminfegen) erfunden hatte. Sie wußte, daß sie nach der
Aussprache all ihre Störrigkeit und „Energie“ verloren haben werde,
und wenn sie nun schon (nach längerer Pause) in böser Laune war, so
weigerte sie das Reden, das ich ihr mit Drängen und Bitten und einigen
Kunstgriffen, wie dem Vorsprechen einer stereotypen Eingangsformel
ihrer Geschichten, abzwingen mußte. Immer aber sprach sie erst, nach-
dem sie sich durch sorgfältige Betastung meiner Hände von meiner
Identität überzeugt hatte. In den Nächten, wo die Beruhigung durch
Aussprache nicht erfolgte, mußte man sich mit Choral helfen. Ich hatte
es früher einigemal versucht, mußte aber 5 Gramm geben, und dem
Schlafe ging ein stundenlanger Rausch vorher, der in meiner Gegen-
wart heiter war, in meiner Abwesenheit aber als höchst unangenehmer
ängstlicher Aufregungszustand auftrat. (Beiläufig bemerkt, änderte
dieser schwere Rausch nichts an der Kontraktur.) Ich hatte die Nar-
cotica vermeiden können, weil die Aussprache mindestens Beruhigung,
wenn auch nicht Schlaf brachte. Auf dem Lande waren die Nächte
zwischen den hypnotischen Erleichterungen so unerträglich, daß man
doch zum Choral seine Zuflucht nehmen mußte; allmählich brauchte
sie auch weniger davon.Der dauernde Somnambulismus blieb verschwunden; dagegen
bestand der Wechsel zweier Bewußtseinszustände fort. Mitten im
Gespräche halluzinierte sie, lief weg, versuchte auf einen Baum zu
steigen u. dgl. Hielt man sie fest, so sprach sie nach kürzester Zeit
im ununterbrochenen Satze wieder fort, ohne von dem Dazwischenliegen-
den zu wissen. Aber in der Hypnose erschienen dann all diese Hallu-
zinationen im Referate.Im ganzen besserte sich der Zustand; die Ernährung war gut
möglich, sie ließ sich von der Wärterin das Essen in den Mund führen,
nur Brot verlangte sie, refusierte es aber, sowie es die Lippen berührte;
die Kontrakturparese des Beines nahm wesentlich ab; auch gewannS.
24
sie richtige Beurteilung und große Anhänglichkeit für den Arzt, der
sie besuchte, meinen Freund Dr. B. Große Hilfe gewährte ein Neu-
foundländer, den sie bekommen hatte und leidenschaftlich liebte.
Dabei war es prächtig anzusehen, wie einmal, als dieser Liebling eine
Katze angriff, das schwächliche Mädchen die Peitsche in die linke
Hand nahm und das riesige Tier damit behandelte, um sein Opfer
zu retten. Später besorgte sie einige arme Kranke, was ihr sehr
nützlich war.Den deutlichsten Beweis für die pathogene, reizende Wirkung
der in den Absenzen, ihrer „condition seconde“ produzierten Vor-
stellungskomplexe und für ihre Erledigung durch die Aussprache in
Hypnose erhielt ich bei meiner Rückkehr von einer mehrwöchentlichen
Ferialreise. Während dieser war keine „talking cure“ vorgenommen
worden, da die Kranke nicht zu bewegen war, jemand anderem als
mir zu erzählen, auch nicht Dr. B., dem sie sonst herzlich zugetan
geworden war. Ich fand sie in einem traurigen moralischen Zustande,
träge, unfügsam, launisch, selbst boshaft. Bei den abendlichen Erzählun-
gen stellte sich heraus, daß ihre phantastisch-poetische Ader offenbar
im Versiegen begriffen war; es wurden immer mehr und mehr Referate
über ihre Halluzinationen und über das, was sie etwa in den verflossenen
Tagen geärgert; phantastisch eingekleidet, aber mehr nur durch fest-
stehende phantastische Formeln ausgedrückt, als zu Poemen ausgebaut.
Ein erträglicher Zustand wurde aber erst erreicht, als ich Patientin
für eine Woche in die Stadt hereinkommen ließ und ihr nun Abend
für Abend 3–5 Geschichten abrang. Als ich damit fertig war, war
alles aufgearbeitet, was sich in den Wochen meiner Abwesenheit auf-
gehäuft hatte. Nun erst stellte sich jener Rhythmus ihres psychi-
schen Befindens wieder her, daß sie am Tage nach einer Aussprache
liebenswürdig und heiter, am zweiten reizbarer und unangenehmer
und am dritten recht „zuwider“ war. Ihr moralischer Zustand war
eine Funktion der seit der letzten Aussprache verflossenen Zeit, weil
jedes spontane Produkt ihrer Phantasie und jede von dem kranken
Teil ihrer Psyche aufgefaßte Begebenheit als psychischer Reiz so lange
fortwirkte, bis es in der Hypnose erzählt, hiermit aber auch die Wirk-
samkeit völlig beseitigt war.Als Patientin im Herbste wieder in die Stadt kam (in eine andere
Wohnung als die, in der sie erkrankt war), war der Zustand erträglich,
sowohl körperlich als geistig, indem recht wenig, eigentlich nur ein-
greifendere Erlebnisse, krankhaft zu psychischen Reizen verarbeitetS.
25
wurden. Ich hoffte eine fortlaufend zunehmende Besserung, wenn durch
regelmäßige Aussprache die dauernde Belastung ihrer Psyche mit
neuen Reizen verhindert wurde. Zunächst wurde ich enttäuscht. Im
Dezember verschlimmerte sich ihr psychischer Zustand wesentlich, sie
war wieder aufgeregt, traurig verstimmt, reizbar und hatte kaum
mehr „ganz gute Tage“, auch wenn nichts Nachweisbares in ihr
„steckte“. Ende Dezember, in der Weihnachtszeit, war sie besonders
unruhig und erzählte dann durch die ganze Woche abends nichts Neues,
sondern die Phantasmen, die sie unter der Herrschaft starker Angst
effekte-
in der Festzeit 1880 Tag für Tag ausgearbeitet hatte. Nach
Beendigung der Serie große Erleichterung.Es hatte sich nun gejährt, daß sie vom Vater getrennt, bett-
lägerig geworden war, und von da an klärte und systemisierte sich der
Zustand in sehr eigentümlicher Weise. Die beiden Bewußtseinszustände,
die alternierend bestanden, immer so, daß vom Morgen an mit vor-
schreitendem Tage die Absenzen, d. h. das Auftreten der condition
seconde immer häufiger ward und abends nur diese allein bestand,
– die beiden Zustände differierten nicht bloß wie früher darin, daß
sie in dem einen (ersten) normal und im zweiten alieniert war, sondern
sie lebte im ersten wie wir anderen im Winter 1881–82, im zweiten
Zustand aber im Winter 1880–81 und alles später Vorgefallene war
darin völlig vergessen. Nur das Bewußtsein davon, daß der Vater
gestorben sei, schien meist doch zu bestehen. Die Rückversetzung
in das vorhergegangene Jahr geschah so intensiv, daß sie in der neuen
Wohnung ihr früheres Zimmer halluzinierte und, wenn sie zur Türe
gehen wollte, an den Ofen anrannte, der zum Fenster so stand wie in
der alten Wohnung die Zimmertür. Der Umschlag aus einem Zustand in
den andern erfolgte spontan, konnte aber auch mit der größten Leichtig-
keit hervorgerufen werden durch irgend einen Sinneseindruck, der
lebhaft an das frühere Jahr erinnerte. Es genügte, ihr eine Orange
vorzuhalten (ihre Hauptnahrung während der ersten Zeit ihrer Er-
krankung), um sie aus dem Jahre 1882 ins Jahr 1881 hinüberzuwerfen.
Diese Rückversetzung in vergangene Zeit erfolgte aber nicht in all-
gemeiner, unbestimmter Weise, sondern sie durchlebte Tag für Tag
den vorhergegangenen Winter. Ich hätte das nur vermuten können,
wenn sie nicht täglich in der Abendhypnose sich das abgesprochen
hätte, was 1881 an diesem Tage sie erregt hatte, und wenn nicht ein
geheimes Tagebuch der Mutter aus dem Jahre 1881 die unverbrüchliche
Richtigkeit der zugrunde liegenden Tatsachen bewiesen hätte. DiesesS.
26
Wiedererleben des verflossenen Jahres dauerte fort bis zum de-
finitiven Abschluß der Krankheit im Juni 1882.Dabei war es sehr interessant zu sehen, wie auch diese wieder-
auflebenden psychischen Reize aus dem zweiten Zustande in den ersten,
normaleren herüberwirkten. Es kam vor, daß die Kranke mir am
Morgen lachend sagte, sie wisse nicht, was sie habe, sie sei böse auf
mich; dank dem Tagebuche wußte ich, um was es sich handelte und
was auch richtig in der Abendhypnose wieder durchgemacht wurde.
Ich hatte Patientin im Jahre 1881 an diesem Abende sehr geärgert.
Oder sie sagte, es sei was mit ihren Augen los, sie sehe die Farben
falsch; sie wisse, daß ihr Kleid braun sei, und doch sehe sie es blau.
Es zeigte sich alsbald, daß sie alle Farben der Prüfungspapiere richtig
und scharf unterschied und daß die Störung nur an dem Stoff ihres
Kleides hafte. Der Grund war, daß sie sich 1881 in diesen Tagen sehr
mit einem Schlafrocke für den Vater beschäftigt hatte, an dem derselbe
Stoff, aber blau, verwendet war. Auch war dabei oft ein Vorwirken
dieser auftauchenden Erinnerungen deutlich, indem die Störung des
normalen Zustandes schon früher eintrat, während die Erinnerung
erst allmählich für die condition seconde erwachte.War die Abendhypnose schon hierdurch reichlich belastet, da
nicht bloß die Phantasmen frischer Produktion, sondern auch die
Erlebnisse und die „vexations“ von 1881 abgesprochen werden mußten,
(die Phantasmen von 1881 hatte ich glücklicherweise schon damals
abgenommen), so nahm die von Patientin und Arzt zu leistende Arbeits-
summe noch enorm zu durch eine dritte Reihe von Einzelstörungen,
die ebenfalls auf diese Weise erledigt werden mußten, die psychischen
Ereignisse der Krankheitsinkubation von Juli bis Dezember
1880, welche die gesamten hysterischen Phänomene erzeugt hatten
und mit deren Aussprache die Symptome verschwanden.Als das erstemal durch ein zufälliges, unprovoziertes Aussprechen
in der Abendhypnose eine Störung verschwand, die schon länger
bestanden hatte, war ich sehr überrascht. Es war im Sommer eine
Zeit intensiver Hitze gewesen und Patientin hatte sehr arg durch
Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr
plötzlich unmöglich geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas
Wasser in die Hand, aber so wie es die Lippen berührte, stieß sie es
weg wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese paar
Sekunden in einer Absenz. Sie lebte nur von Obst, Melonen u. dgl.,
um den qualvollen Durst zu mildern. Als das etwa 6 Wochen gedauertS.
27
hatte, räsonierte sie einmal in der Hypnose über ihre englische
Gesellschafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit allen Zeichen
des Abscheues, wie sie auf deren Zimmer gekommen sei, und da deren
kleiner Hund, das ekelhafte Tier, aus einem Glase getrunken habe.
Sie habe nichts gesagt, denn sie wolle höflich sein. Nachdem sie ihrem
steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, verlangte
sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große Menge Wasser und
erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den Lippen. Die Störung
war damit für immer verschwunden. Ebenso schwanden sonderbare
hartnäckige Marotten, nachdem das Erlebnis erzählt war, welches
dazu den Anlaß gegeben hatte. Ein großer Schritt war aber geschehen,
als auf dieselbe Weise als erstes der Dauersymptome die Kontraktur
des rechten Beines geschwunden war, die allerdings schon vorher sehr
abgenommen hatte. Aus diesen Erfahrungen, daß die hysterischen
Phänomene bei dieser Kranken verschwanden, sobald in der Hypnose
das Ereignis reproduziert war, welches das Symptom veranlaßt hatte,
– daraus entwickelte sich eine therapeutisch-
technische Prozedur, die
an logischer Konsequenz und systematischer Durchführung nichts zu
wünschen ließ. Jedes einzelne Symptom dieses verwickelten Krank-
heitsbildes wurde für sich vorgenommen; die sämtlichen Anlässe, bei
denen es aufgetreten war, in umgekehrter Reihenfolge erzählt, be-
ginnend mit den Tagen, bevor Patientin bettlägerig geworden, nach
rückwärts bis zu der Veranlassung des erstmaligen Auftretens. War
dieses erzählt, so war das Symptom damit für immer behoben.So wurden die Kontrakturparesen und Anästhesien, die ver-
schiedensten Seh- und Hörstörungen, Neuralgien, Husten, Zittern
u. dgl. und schließlich auch die Sprachstörungen „wegerzählt“. Als
Sehstörungen wurden z. B. einzeln erledigt: der Strabismus conv.
mit Doppeltsehen; Ablenkung beider Augen nach rechts, so daß die
zugreifende Hand immer links neben das Objekt greift; Gesichtsfeld-
einschränkung; zentrale Amblyopie; Makropsie; Sehen eines Toten-
kopfes an Stelle des Vaters; Unfähigkeit zu lesen. Dieser Analyse
entzogen blieben nur einzelne Phänomene, die sich während des
Krankenlagers entwickelt hatten, wie die Ausbreitung der Kontraktur-
parese auf die linke Seite, und die wahrscheinlich auch wirklich keine
direkte psychische Veranlassung hatten.Es erwies sich als ganz untunlich, die Sache abzukürzen, indem
man direkt die erste Veranlassung der Symptome in ihre Erinnerung
zu evozieren suchte. Sie fand sie nicht, wurde verwirrt, und es gingS.
28
noch langsamer, als wenn man sie ruhig und sicher den aufgenommenen
Erinnerungsfaden nach rückwärts abhaspeln ließ. Da das aber in der
Abendhypnose zu langsam ging, weil die Kranke von der „Aussprache“
der zwei anderen Serien angestrengt und zerstreut war, auch wohl die
Erinnerungen Zeit brauchten, um in voller Lebhaftigkeit sich zu ent-
wickeln, so bildete sich die folgende Prozedur heraus. Ich suchte
sie am Morgen auf, hypnotisierte sie (es waren sehr einfache Hypnose-
prozeduren empirisch gefunden worden) und fragte sie nun unter
Konzentration ihrer Gedanken auf das eben behandelte Symptom um
die Gelegenheiten, bei denen es aufgetreten war. Patientin bezeichnete
nun in rascher Folge mit kurzen Schlagworten diese äußeren Ver-
anlassungen, die ich notierte. In der Abendhypnose erzählte sie dann,
unterstützt durch die notierte Reihenfolge, ziemlich ausführlich die
Begebenheiten. Mit welcher in jedem Sinne erschöpfenden Gründ-
lichkeit das geschah, mag ein Beispiel zeigen. Es war immer vor-
gekommen, daß Patientin nicht hörte, wenn man sie ansprach. Dieses
vorübergehende Nichthören differenzierte sich in folgender Weise:a) Nicht hören, daß jemand eintrat, in Zerstreutheit. 108 einzeln
detaillierte Fälle davon; Angabe der Personen und Umstände,
oft des Datums; als erster, daß sie ihren Vater nicht eintreten
gehört;b) nicht verstehen, wenn mehrere Personen sprechen, 27 mal, das
erstemal wieder der Vater und ein Bekannter;c) nicht hören, wenn allein, direkt angesprochen, 50 mal; Ursprung,
daß der Vater vergebens sie um Wein angesprochen;d) Taubwerden durch Schütteln (im Wagen o. dgl.) 15 mal; Ursprung,
daß ihr junger Bruder sie im Streite geschüttelt, als er sie nachts
an der Türe des Krankenzimmers lauschend ertappte;e) Taubwerden vor Schreck über ein Geräusch 37 mal; Ursprung
ein Erstickungsanfall des Vaters durch Verschlucken;f) Taubwerden in tiefer Absenz 12 mal;
g) Taubwerden durch langes Horchen und Lauschen, so daß sie
dann angesprochen nicht hörte, 54 mal.Natürlich sind all diese Vorgänge großenteils identisch, indem
sie sich auf die Zerstreutheit – Absenz oder auf Schreckaffekt zurück-
führen lassen. Sie waren aber in der Erinnerung der Kranken so deutlich
getrennt, daß, wenn sie sich einmal in der Reihenfolge irrte, die
richtige Ordnung korrigierend hergestellt werden mußte, sonst stockteS.
– 29 –
das Referat. Die erzählten Begebenheiten ließen in ihrer Interesse-
und Bedeutungslosigkeit und bei der Präzision der Erzählung den
Verdacht nicht aufkommen, sie seien erfunden. Viele dieser Vorfälle
als rein innere Erlebnisse, entzogen sich der Kontrolle. An andere
oder die begleitenden Umstände erinnerte sich die Umgebung der
Kranken.Es geschah auch hier, was regelmäßig zu beobachten war, während
ein Symptom „abgesprochen“ wurde: dieses trat mit erhöhter Inten-
sität auf, während es erzählt wurde. So war Patientin während der
Analyse des Nichthörens so taub, daß ich teilweise schriftlich mich
mit ihr verständigen mußte. Regelmäßig war der erste Anlaß irgend ein
Schrecken, den sie bei der Pflege des Vaters erlebt, ein Übersehen
ihrerseits oder dgl.Nicht immer ging das Erinnern leicht von statten, und manchmal
mußte die Kranke gewaltige Anstrengungen machen. So stockte
einmal der ganze Fortgang eine Zeitlang, weil eine Erinnerung nicht
auftauchen wollte; es handelte sich um eine der Kranken sehr
schreckliche Halluzination, sie hatte ihren Vater, den sie pflegte, mit
einem Totenkopfe gesehen. Sie und ihre Umgebung erinnerten, daß
sie einmal, noch in scheinbarer Gesundheit, einen Besuch bei einer
Verwandten gemacht, die Türe geöffnet habe und sogleich bewußtlos
niedergefallen sei. Um nun das Hindernis zu überwinden, ging sie jetzt
wieder dorthin und stürzte wieder beim Eintritte ins Zimmer bewußtlos
zu Boden. In der Abendhypnose war dann das Hindernis überwunden;
sie hatte beim Eintritte in dem der Tür gegenüberstehenden
Spiegel ihr bleiches Gesicht erblickt, aber nicht sich, sondern ihren
Vater mit einem Totenkopfe gesehen. – Wir haben oft beobachtet,
daß die Furcht vor einer Erinnerung, wie es hier geschehen, ihr
Auftauchen hemmt und dieses durch Patientin oder Arzt erzwungen
werden muß.Wie stark die innere Logik der Zustände war, zeigte unter an-
derem folgendes: Patientin war, wie bemerkt, in dieser Zeit nachts
immer in ihrer „condition seconde“, also im Jahre 1881. Einmal er-
wachte sie in der Nacht, behauptete, sie sei wieder vom Hause weg-
gebracht worden, kam in einen schlimmen Aufregungszustand, der
das ganze Haus alarmierte. Der Grund war einfach. Am vorhergehenden
Abende war durch „talking cure“ ihre Sehstörung geschwunden, und
zwar auch für die condition seconde. Als sie nun nachts erwachte,
fand sie sich in einem ihr unbekannten Zimmer, denn die FamilieS.
30
hatte ja seit Frühjahr 1881 die Wohnung gewechselt. Diese recht un-
angenehmen Zufälle wurden verhindert, da ich ihr (auf ihre Bitte)
abends immer die Augen schloß mit der Suggestion, sie könne sie nicht
öffnen, bis ich selbst es am Morgen tun würde. Nur einmal wiederholte
sich der Lärm, als Patientin im Traume geweint und erwachend die
Augen geöffnet hatte.Da sich diese mühevolle Analyse der Symptome auf die Sommer-
monate 1880 bezog, während welcher sich die Erkrankung vorbereitete,
gewann ich einen vollen Einblick in die Inkubation und Pathoge-
nese dieser Hysterie, die ich nun kurz darlegen will.Juli 1880 war der Vater der Kranken auf dem Lande an einem
subpleuralen Abszesse schwer erkrankt; Anna teilte sich mit der Mutter
in die Pflege. Einmal wachte sie nachts in großer Angst um den hoch-
fiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg
zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit
entfernt, und Anna saß am Krankenbette, den rechten Arm über die
Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wachträumen und
sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken
näherte, um ihn zu beißen. (Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der
Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die
das Mädchen früher schon erschrocken war, und die nun das Material
der Halluzination abgaben.) Sie wollte das Tier abwehren, war aber
wie gelähmt; der rechte Arm, über die Stuhllehne hängend, war „ein-
geschlafen“, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn
betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit
Totenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange
mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die
Anästhesie und Lähmung derselben in Assoziation mit der Schlangen-
halluzination. – Als diese geschwunden war, wollte sie in ihrer
Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner sprechen,
bis sie endlich einen englischen Kindervers fand und nun auch in
dieser Sprache fortdenken und beten konnte.Der Pfiff der Lokomotive, die den erwarteten Arzt brachte,
unterbrach den Spuk. Als sie andern Tags einen Reifen aus dem
Gebüsche nehmen wollte, in das er beim Spiele geworfen worden war,
rief ein gebogener Zweig die Schlangenhalluzination wieder hervor
und zugleich damit wurde der rechte Arm steif gestreckt. Dies wieder-
holte sich nun immer, so oft ein mehr oder weniger schlangenähnliches
Objekt die Halluzination provozierte. Diese aber wie die KontrakturS.
31
traten nur in den kurzen Absenzen auf, die von jener Nacht an immer
häufiger wurden. (Stabil wurde die Kontraktur erst im Dezember,
als Patientin, vollständig niedergebrochen, das Bett nicht mehr ver-
lassen konnte.) Bei einem Anlasse, den ich nicht notiert finde und
dessen ich mich nicht erinnere, trat zur Kontraktur des Armes die des
rechten Beines.Nun war die Neigung zu autohypnotischen Absenzen geschaffen.
An dem auf jene Nacht folgenden Tage versank sie im Warten auf
den Chirurgen in solche Abwesenheit, daß er schließlich im Zimmer
stand, ohne daß sie ihn kommen gehört hätte. Das konstante Angst-
gefühl hinderte sie am Essen und produzierte allmählich intensiven
Ekel. Sonst aber entstanden alle einzelnen hysterischen Symptome
im Affekt. Es ist nicht ganz klar, ob dabei immer eine vollkom-
mene Absenz eintrat, es ist aber wahrscheinlich, weil Patientin
im Wachen von dem ganzen Zusammenhange nichts wußte.Manche Symptome aber scheinen nicht in der Absenz, sondern
nur im Affekte im wachen Zustande aufgetreten zu sein, wiederholten
sich aber dann ebenso. So wurden die Sehstörungen sämtlich auf
einzelne, mehr minder klar determinierende Anlässe zurückgeführt,
z. B. in der Art, daß Patientin, mit Tränen im Auge, am Krankenbette
sitzend, plötzlich vom Vater gefragt wurde, wieviel Uhr es sei, un-
deutlich sah, sich anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte und nun
das Zifferblatt sehr groß erschien (Makropsie und Strabismus conv.);
oder Anstrengungen machte, die Tränen zu unterdrücken, damit sie
der Kranke nicht sehe.Ein Streit, in dem sie ihre Antwort unterdrückte, verursachte
einen Glottiskrampf, der sich bei jeder ähnlichen Veranlassung
wiederholte.Die Sprache versagte a) aus Angst, seit der ersten nächtlichen
Halluzination; b) seit sie einmal wieder eine Äußerung unterdrückte
(aktive Hemmung); c) seit sie einmal ungerecht gescholten worden
war; d) bei allen analogen Gelegenheiten (Kränkung). Husten trat
das erstemal ein, als während der Krankenwache aus einem benach-
barten Hause Tanzmusik herübertönte und der aufsteigende Wunsch,
dort zu sein, ihr Selbstvorwürfe erweckte. Seitdem reagierte sie ihre
ganze Krankheitszeit hindurch auf jede stark rhythmierte Musik mit
einer Tussis nervosa.Ich bedauere nicht allzusehr, daß die Unvollständigkeit meiner
Notizen es unmöglich macht, hier sämtliche Hysterica auf ihre Ver-S.
32
anlassungen zurückzuführen. Patientin tat es bei allen, mit der oben
erwähnten Ausnahme, und jedes Symptom war, wie geschildert, nach
der Erzählung des ersten Anlasses verschwunden.Auf diese Weise schloß auch die ganze Hysterie ab. Die Kranke
hatte sich selbst den festen Vorsatz gebildet, am Jahrestag ihrer Trans-
ferierung auf das Land müsse sie mit allem fertig sein. Sie betrieb
darum anfangs Juni die „talking cure“ mit großer, aufregender Energie.
Am letzten Tage reproduzierte sie mit der Nachhilfe, daß sie das Zimmer
so arrangierte, wie das Krankenzimmer ihres Vaters gewesen war,
die oben erzählte Angstalluzination, welche die Wurzel der ganzen
Erkrankung gewesen war und in der sie nur englisch hatte denken
und beten können; sprach unmittelbar darauf Deutsch und war nun
frei von all den unzähligen einzelnen Störungen, die sie früher dar-
geboten hatte. Dann verließ sie Wien für eine Reise, brauchte aber
doch noch längere Zeit, bis sie ganz ihr psychisches Gleichgewicht
gefunden hatte. Seitdem erfreut sie sich vollständiger Gesundheit.
Soviel nicht uninteressanter Einzelheiten ich auch unterdrückt
habe, ist doch die Krankengeschichte der Anna O… umfangreicher
geworden, als eine an sich nicht ungewöhnliche hysterische Erkrankung
zu verdienen scheint. Aber die Darstellung des Falles war unmöglich
ohne Eingehen ins Detail, und die Eigentümlichkeiten desselben scheinen
mir von einer Wichtigkeit, welche das ausführliche Referat entschuldigen
dürfte. Auch die Echinodermeier sind für die Embryologie nicht
deshalb so wichtig, weil etwa der Seeigel ein besonders interessantes
Tier wäre, sondern weil ihr Protoplasma durchsichtig ist und man
aus dem, was man an ihnen sehen kann, auf das schließt, was an den
Eiern mit trübem Plasma auch vorgehen dürfte.In der weitgehenden Durchsichtigkeit und Erklärbarkeit seiner
Pathogenese scheint mir vor allem das Interesse dieses Falles zu liegen.Als disponierend zur hysterischen Erkrankung finden wir bei
dem noch völlig gesunden Mädchen zwei psychische Eigentümlich-
keiten:1. den in monotonem Familienleben und ohne entsprechende
geistige Arbeit unverwendeten Überschuß von psychischer RegsamkeitS.
33
und Energie, der sich in fortwährendem Arbeiten der Phantasie
entladet und
2. das habituelle Wachträumen („Privattheater“) erzeugt, womit
der Grund gelegt wird zur Dissociation der geistigen Persönlichkeit.
Immerhin bleibt auch diese noch in den Grenzen des Normalen;
Träumerei, wie Meditation während einer mehr minder mechanischen
Beschäftigung bedingt an sich noch keine pathologische Spaltung
des Bewußtseins, weil jede Störung darin, jeder Anruf z. B., die nor-
male Einheit desselben wieder herstellt und wohl auch keine Amnesie
besteht. Doch wurde dadurch bei Anna O1) der Boden geschaffen,
auf dem in der geschilderten Weise der Angst- und Erwartungsaffekt
sich festsetzte, nachdem er einmal die habituelle Träumerei in eine
halluzinatorische Absenz umgeschaffen hatte. Es ist merkwürdig,
wie vollkommen in dieser ersten Manifestation der beginnenden Er-
krankung schon die Hauptzüge auftreten, welche dann durch fast
2 Jahre konstant bleiben: die Existenz eines zweiten Bewußtseins-
zustandes, der sich, zuerst als vorübergehende Absenz auftretend,
später zur double conscience organisiert; die Sprachhemmung, be-
dingt durch den Angstaffekt, mit der zufälligen Entladung durch
einen englischen Kindervers; später Paraphasie und Verlust der
Muttersprache, die durch vortreffliches Englisch ersetzt wird; end-
lich die zufällige Drucklähmung des rechten Armes, welche sich
später zur rechtseitigen Kontrakturparese und Anästhesie entwickelt.
Der Entstehungsmechanismus dieser letzteren Affektion entspricht
vollständig der Charcotschen Theorie von der traumatischen
Hysterie: hypnotischer Zustand, in welchem ein leichtes Trauma
erfolgt.Aber während bei den Kranken, an welchen Charcot die
hysterische Lähmung experimentell erzeugte, diese alsbald stabilisiert
bleibt und bei den durch ein schweres Schrecktrauma erschütterten
Trägern traumatischer Neurosen sich bald einstellt, leistete das Nerven-
system unseres jungen Mädchens noch durch 4 Monate erfolgreichen
Widerstand. Die Kontraktur, wie die anderen, allmählich sich dazu
gesellenden Störungen traten nur in den momentanen Absenzen in der
„condition seconde“ ein und ließen Patientin während des normalen
Zustandes im Vollbesitze ihres Körpers und ihrer Sinne, so daß weder
sie selbst etwas davon wußte, noch die Umgebung etwas sah, deren
Aufmerksamkeit allerdings auf den schwer kranken Vater konzentriert
und dadurch abgelenkt war.Breuer u. Freud, Studien. 2. Aufl3
S.
34
Indem aber seit jener ersten halluzinatorischen Autohypnose
sich die Absenzen mit völliger Amnesie und begleitenden hysterischen
Phänomenen häuften, vermehrten sich die Gelegenheiten zur Bildung
neuer solcher Symptome und befestigten sich die schon gebildeten
in häufiger Wiederholung. Dazu kam, daß allmählich jeder peinliche,
plötzliche Affekt ebenso wirkte wie die Absenz (wenn er nicht
doch vielleicht immer momentane Absenz erzeugte); zufällige Koin-
zidenzen bildeten pathologische Assoziationen, Sinnes- oder motorische
Störungen, die von da an mit dem Affekt zugleich wieder auftraten.
Aber noch immer nur momentan, vorübergehend; bevor Patientin
bettlägerig wurde, hatte sie bereits die ganze große Sammlung hysteri-
scher Phänomene entwickelt, ohne daß jemand davon wußte. Erst
da die Kranke, aufs äußerste geschwächt durch die Inanition, die
Schlaflosigkeit und den fortdauernden Angstaffekt, völlig nieder-
gebrochen war, als sie mehr Zeit in der „condition seconde“ sich befand,
als in normalem Zustande, griffen die hysterischen Phänomene auch
in diesen hinüber und verwandelten sich aus anfallweise auftretenden
Erscheinungen in Dauersymptome.Man muß nun die Frage aufwerfen, inwieweit die Angaben
der Kranken zuverlässig sind und die Phänomene wirklich die von
ihr bezeichnete Entstehungsart und Veranlassung gehabt haben. Was
die wichtigeren und grundlegenden Vorgänge betrifft, so steht die
Zuverlässigkeit des Berichtes für mich außer Frage. Auf das Ver-
schwinden der Symptome, nachdem sie „aberzählt“ waren, berufe ich
mich hiefür nicht; das wäre ganz wohl durch Suggestion zu erklären.
Aber ich habe die Kranke immer vollkommen wahrheitsgetreu und
zuverlässig gefunden; die erzählten Dinge hingen innig mit dem zu-
sammen, was ihr das heiligste war; alles, was einer Kontrollierung durch
andere Personen zugänglich war, bestätigte sich vollkommen. Auch das
begabteste Mädchen wäre wohl nicht imstande, ein System von An-
gaben auszubauen, dem eine so große innere Logik eigen wäre, wie es
bei der hier dargelegten Entwicklungsgeschichte ihrer Krankheit der
Fall ist. Das aber ist von vorneherein nicht abzuweisen, daß sie eben
in der Konsequenz dieser Logik manchem Symptom eine Veranlassung
zugeschoben hätte (im besten Glauben), die in Wirklichkeit nicht
bestand. Aber ich halte auch diese Vermutung nicht für richtig.
Gerade die Bedeutungslosigkeit so vieler Anlässe, das Irrationale so
vieler Zusammenhänge spricht für ihre Realität. Der Kranken war es
unverständlich, wieso Tanzmusik sie husten mache. Für eine will-S.
35
kürliche Konstruktion ist das zu sinnlos. Ich allerdings konnte mir
denken, daß jeder Gewissenskrupel ihr notorisch Glottiskrampf ver-
ursachte und die motorischen Impulse, die das sehr tanzlustige
Mädchen empfand, diesen Glottiskrampf in eine tussis nervosa ver-
wandelten. Ich halte also die Angaben der Kranken für ganz zuverlässig
und wahrheitsgetreu.Wie weit ist nun die Vermutung berechtigt, daß auch bei anderen
Kranken die Entwicklung der Hysterie analog sei, daß Ähnliches
auch dort vorkomme, wo sich keine so deutlich geschiedene „condition
seconde“ organisiert? Ich möchte hierfür darauf hinweisen, daß diese
ganze Geschichte der Krankheitsentwicklung auch bei unserer Pa-
tientin vollständig unbekannt geblieben wäre, ihr selbst wie dem Arzte,
hätte sie nicht die Eigentümlichkeit gehabt, in der geschilderten Weise
sich in der Hypnose zu erinnern und das Erinnerte zu erzählen. Im
Wachen wußte sie von all dem nichts. Wie es sich bei anderen damit
verhält, ist also aus dem Krankenexamen der wachen Person nie zu
entnehmen, da sie mit bestem Willen keine Auskunft geben kann.
Und wie wenig die Umgebung von all den Vorgängen beobachten
konnte, habe ich schon oben bemerkt. – Wie es sich bei anderen
Kranken verhalte, konnte also nur durch ein ähnliches Verfahren
erkannt werden, wie es bei Anna O… die Autohypnosen an die Hand
gegeben hatten. Zunächst war nur die Vermutung berechtigt, ähn-
liche Vorgänge dürften häufiger sein, als unsere Unkenntnis des
pathogenen Mechanismus annehmen ließ.Als die Kranke bettlägerig geworden war und ihr Bewußtsein
fortwährend zwischen dem normalen und dem „zweiten“ Zustande
oszillierte, das Heer der einzeln entstandenen und bis dahin latenten
hysterischen Symptome sich als Dauersymptome manifestierte, gesellte
sich zu diesen noch eine Gruppe von Erscheinungen, die andern Ur-
sprungs scheinen, die Kontrakturlähmung der linksseitigen Extremitäten
und die Parese der Kopfheber. Ich trenne sie von den anderen Phäno-
menen ab, weil sie, nachdem sie einmal geschwunden waren, nie, auch
nicht anfalls- oder andeutungsweise, wieder erschienen, auch nicht
in der Abschluß- und Abheilungsphase, in der alle anderen Symptome
nach längerem Schlummer wieder auflebten. Dem entsprechend
kamen sie auch in den hypnotischen Analysen nie vor und wurden
sie nicht auf affektive oder phantastische Anlässe zurückgeführt. Ich
möchte darum glauben, daß sie nicht demselben psychischen Vorgang
ihr Dasein dankten, wie die anderen Symptome, sondern der sekundärenS.
36
Ausbreitung jenes unbekannten Zustandes, der die somatische Grund
lage der hysterischen Phänomene ist.Während des ganzen Krankheitsverlaufes bestanden die zwei
Bewußtseinszustände nebeneinander, der primäre, in welchem Pa-
tientin psychisch ganz normal war, und der „zweite“ Zustand, den wir
wohl mit dem Traume vergleichen können, entsprechend seinem
Reichtum an Phantasmen, Halluzinationen, den großen Lücken der
Erinnerung, der Hemmungs-
und Kontrolllelosigkeit der Einfälle. In
diesem zweiten Zustande war Patientin alieniert. Es scheint mir nun
guten Einblick in das Wesen mindestens einer Art von hysterischen
Psychosen zu gewähren, daß der psychische Zustand der Kranken
durchaus abhängig war von dem Hereinragen dieses zweiten Zustandes
in den normalen. Jede Abendhypnose lieferte den Beweis, daß die
Kranke völlig klar, geordnet, und in ihrem Empfinden und Wollen
normal war, wenn kein Produkt des zweiten Zustandes „im Unbewußten“
als Reiz wirkte; die eklatante Psychose bei jeder größeren Pause in
dieser Entlastungsprozedur bewies, in welchem Ausmaße eben diese
Produkte die psychischen Vorgänge des „normalen“ Zustandes be-
einflußten. Es ist schwer, dem Ausdrucke aus dem Wege zu gehen,
die Kranke sei in zwei Persönlichkeiten zerfallen, von denen die eine
psychisch normal und die andere geisteskrank war. Ich meine, daß
die scharfe Trennung der beiden Zustände bei unserer Kranken ein
Verhalten nur deutlich machte, das auch bei vielen anderen Hysterischen
Ursache so mancher Rätsel ist. Bei Anna O..– war besonders auffallend,
wie sehr die Produkte des „schlimmen Ichs“, wie die Kranke selbst
es nannte, ihren moralischen Habitus beeinflußten. Wären sie nicht
fortlaufend weggeschafft worden, so hätte man in ihr eine Hysterica
von der bösartigen Sorte gehabt, widerspenstig, träge, unliebens-
würdig, boshaft; während so, nach Entfernung dieser Reize, immer
wieder sogleich ihr wahrer Charakter zum Vorscheine kam, der von
all dem das Gegenteil war.Aber so scharf die beiden Zustände getrennt waren, es ragte
nicht bloß der „zweite Zustand“ in den ersten herein, sondern es saß,
wie Patientin sich ausdrückte, mindestens häufig auch bei ganz
schlimmen Zuständen in irgend einem Winkel ihres Gehirnes ein
scharfer und ruhiger Beobachter, der sich das tolle Zeug ansah.
Diese Fortexistenz klaren Denkens während des Vorwaltens der
Psychose gewann einen sehr merkwürdigen Ausdruck; als Patientin
nach Abschluß der hysterischen Phänomene in einer vorübergehendenS.
37
Depression war, brachte sie unter anderen kindischen Befürchtungen
und Selbstanklagen auch die vor, sie sei gar nicht krank und alles
sei nur simuliert gewesen. Ähnliches ist bekanntlich schon mehrfach
vorgekommen.Wenn nach Ablauf der Krankheit die beiden Bewußtseinszustände
wieder in einen zusammengeflossen sind, sehen sich die Patienten beim
Rückblicke als die eine ungeteilte Persönlichkeit, die von all dem
Unsinne gewußt hat, und meinen, sie hätten ihn hindern können,
wenn sie gewollt hätten, also hätten sie den Unfug absichtlich verübt.
– Diese Persistenz normalen Denkens während des zweiten Zustandes
dürfte übrigens quantitativ enorm geschwankt und großenteils auch
nicht bestanden haben.Die wunderbare Tatsache, daß vom Beginne bis zum Abschlusse
der Erkrankung alle aus dem zweiten Zustande stammenden Reize und
ihre Folgen durch das Aussprechen in der Hypnose dauernd beseitigt
wurden, habe ich bereits geschildert und dem nichts hinzuzusetzen,
als die Versicherung, daß es nicht etwa meine Erfindung war, die ich
der Patientin suggeriert hätte; sondern ich war aufs höchste davon
überrascht, und erst als eine Reihe spontaner Erledigungen erfolgt
waren, entwickelte sich mir daraus eine therapeutische Technik.Einige Worte verdient noch die schließliche Abheilung der
Hysterie. Sie erfolgte in der geschilderten Weise unter namhafter
Beunruhigung der Kranken und Verschlechterung ihres psychischen
Zustandes. Man hatte durchaus den Eindruck, es sei die Menge von
Produkten des zweiten Zustandes, die geschlummert haben, nun ins
Bewußtsein drängen, erinnert werden, wenn auch wieder zunächst in
der „condition seconde“, aber den normalen Zustand belasten und
beunruhigen. Es wird in Betracht zu ziehen sein, ob nicht auch in
anderen Fällen eine Psychose, mit welcher eine chronische Hysterie
abschließt, denselben Ursprung hat.
II. Frau Emmy v. N . . ., 40 Jahre, aus Livland (Freud).
Am 1. Mai 1889 wurde ich der Arzt einer etwa 40jährigen Dame,
deren Leiden wie deren Persönlichkeit mir so viel Interesse einflößten,
daß ich ihr einen großen Teil meiner Zeit widmete und mir ihre Her-
stellung zur Aufgabe machte. Sie war Hysterica, mit größter Leichtig-
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II. Krankengeschichten1895-005/1909/2
1895-005/1909/2a