S.
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setzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maße der ge
leisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt war, trat
plötzlich Heilung ein.
IV. Katharina . . . (Freud).
In den Ferien des Jahres 189* machte ich einen Ausflug in die
Hohen Tauern, um für eine Weile die Medizin und besonders die Neu-
rosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines Tages von
der Hauptstraße abwich, um einen abseits gelegenen Berg zu besteigen,
der als Aussichtspunkt und wegen seines gut gehaltenen Schutzhauses
gerühmt wurde. Nach anstrengender Wanderung oben angelangt,
gestärkt und ausgeruht, saß ich dann, in die Betrachtung einer ent-
zückenden Fernsicht versunken, so selbstvergessen da, daß ich es erst
nicht auf mich beziehen wollte, als ich die Frage hörte: „Ist der Herr
ein Doktor?“ Die Frage galt aber mir und kam von dem etwa 18jährigen
Mädchen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit bedient
hatte und von der Wirtin „Katharina“ gerufen worden war. Nach
ihrer Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine Magd, sondern
mußte wohl eine Tochter oder Verwandte der Wirtin sein.Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein
Doktor. Woher wissen Sie das?“„Der Herr hat sich ins Fremdenbuch eingeschrieben, und da
hab’ ich mir gedacht, wenn der Herr Doktor jetzt ein bißchen Zeit
hätte –, ich bin nämlich nervenkrank und war schon einmal bei einem
Doktor in L. . ., der hat’ mir auch etwas gegeben, aber gut ist mir
noch nicht geworden.“Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas anderes
konnte es sich bei dem großen und kräftigen Mädchen mit der ver-
grämten Miene kaum handeln. Es interessierte mich, daß Neurosen
in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten, ich fragte
also weiter.Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so wieder,
wie sie sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat, und lasse der Pa-
tientin ihren Dialekt.„An was leiden Sie denn?“
„Ich hab’ so Atemnot, nicht immer, aber manchmal packt’s
mich so, daß ich glaube, ich erstick’.“S.
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Das klang nun zunächst nicht nervös, aber es wurde mir gleich
wahrscheinlich, daß es nur eine ersetzende Bezeichnung für einen
Angstanfall sein sollte. Aus dem Empfindungskomplex der Angst
hob sie das eine Moment der Atembeen-
gung ungebührlich hervor.
„Setzen Sie sich her. Beschreiben Sie mir’s, wie ist denn so ein
Zustand von „Atemnot“?“
„Es kommt plötzlich über mich. Dann legt’s sich zuerst wie
ein Druck auf meine Augen, der Kopf wird so schwer und sausen tut’s,
nicht auszuhalten, und schwindlich bin ich, daß ich glaub’, ich fall’
um, und dann preßt’s mir die Brust zusammen, daß ich keinen
Atem krieg’.“
„Und im Halse spüren Sie nichts?“
„Den Hals schnürt’s mir zusammen, als ob ich ersticken sollt’?“
„Und tut es sonst noch was im Kopfe?“
„Ja, hämmern tut es zum Zerspringen.“
„Ja, und fürchten Sie sich gar nicht dabei?“
„Ich glaub’ immer, jetzt muß ich sterben, und ich bin sonst
kouragiert, ich geh’ überall allein hin, in den Keller und hinunter über
den ganzen Berg, aber wenn so ein Tag ist, an dem ich das hab’, dann
trau’ ich mich nirgends hin, ich glaub’ immer, es steht jemand hinter
mir und packt mich plötzlich an.“
Es war wirklich ein Angstanfall, und zwar eingeleitet von den
Zeichen der hysterischen Aura, oder besser gesagt, ein hysterischer
Anfall, dessen Inhalt Angst war. Sollte kein anderer Inhalt dabei sein?
„Denken Sie was, immer dasselbe, oder sehen Sie was vor sich,
wenn Sie den Anfall haben?
„Ja, so ein grausliches Gesicht seh ich immer dabei, das mich
so schrecklich anschaut, vor dem fürcht’ ich mich dann.“
Da bot sich vielleicht ein Weg, rasch zum Kerne der Sache vor
zudringen.
„Erkennen Sie das Gesicht, ich mein’, ist das ein Gesicht, was
Sie einmal wirklich gesehen haben?“ – „Nein.“
„Wissen Sie, woher Sie die Anfälle haben?“ „Nein.“ – „Wann
haben Sie die denn zuerst bekommen?“ – „Zuerst vor zwei Jahren,
wie ich noch mit der Tant’ auf dem andern Berg war, sie hat dort
früher das Schutzhaus gehabt, jetzt sind wir seit 1½ Jahren hier,
aber es kommt immer wieder.“
Sollte ich hier einen Versuch der Analyse machen? Die Hypnose
zwar wagte ich nicht in diese Höhen zu verpflanzen, aber vielleichtS.
109
gelingt es im einfachen Gespräche. Ich mußte glücklich raten. Angst
bei jungen Mädchen hatte ich so oft als Folge des Grauſens erkannt,
das ein virginales Gemüt befällt, wenn sich zuerst die Welt der
Sexualität vor ihm auftut1).Ich sagte also: „Wenn Sie’s nicht wissen, will ich Ihnen sagen,
wovon ich denke, daß Sie Ihre Anfälle bekommen haben. Sie haben
einmal, damals vor zwei Jahren, etwas gesehen oder gehört, was Sie
sehr geniert hat, was Sie lieber nicht möchten gesehen haben.“Sie darauf: „Jesses ja, ich hab’ ja den Onkel bei dem Mädel
erwischt, bei der Franziska, meiner Cousine!““„Was ist das für eine Geschichte mit dem Mädel? Wollen Sie
mir die nicht erzählen?“„Einem Doktor darf man ja alles sagen. Also wissen Sie, der
Onkel, er war der Mann von meiner Tant’, die Sie da gesehen haben,
hat damals mit der Tant’, das Wirtshaus auf dem **kogel gehabt,
jetzt sind sie geschieden, und ich bin schuld daran, daß sie geschieden
sind, weil’s durch mich aufgekommen ist, daß er’s mit der Franziska hält.““„Ja, wie sind Sie zu der Entdeckung gekommen?
„Das war so. Vor zwei Jahren sind einmal ein paar Herren herauf-
gekommen und haben zu essen verlangt. Die Tant’ war nicht zu Haus’
und die Franziska war nirgends zu finden, die immer gekocht hat.
Der Onkel war auch nicht zu finden. Wir suchen sie überall, da sagt
der Bub, der Alois, mein Cousin: „Am End’ ist die Franziska beim
Vatern.“ Da haben wir beide gelacht, aber gedacht haben wir uns
nichts Schlechtes dabei. Wir gehen zum Zimmer, wo der Onkel gewohnt
hat, das ist zugesperrt. Das war mir aber auffällig. Sagt der Alois:
Am Gang ist ein Fenster, da kann man hineinschauen ins Zimmer.‘
Wir gehen auf den Gang. Aber der Alois mag nicht zum Fenster, er
1)Ich will den Fall hier anführen, in welchem ich dies kausale Verhältnis
zuerst erkannte. Ich behandelte eine junge Frau an einer komplizierten Neurose,
die wieder einmal nicht zugeben wollte, daß sie sich ihr Leiden in ihrem ehelichen
Leben geholt hatte. Sie wandte ein, daß sie schon als Mädchen an Anfällen von
Angst gelitten habe, die in Ohnmacht ausgingen. Ich blieb standhaft. Als wir
besser bekannt geworden waren, sagte sie mir plötzlich eines Tages: „Jetzt will
ich Ihnen auch berichten, woher meine Angstzustände als junges Mädchen ge-
kommen sind. Ich habe damals in einem Zimmer neben dem meine-
Eltern
geschlafen, die Türe war offen und ein Nachtlicht brannte auf dem Tische. Da habe
ich denn einige Male gesehen, wie der Vater zur Mutter ins Bett gegangen ist,
und habe etwas gehört, was mich sehr aufgeregt hat. Darauf bekam ich dann
meine Anfälle.“S.
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sagt, er fürcht sich. Da sag’ ich: „Du dummer Bub, ich geh hin, ich
fürcht’ mich gar nicht.‘ Ich habe auch gar nichts ‘Arges im Sinne
gehabt. Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber da
seh ich den Onkel und die Franziska, und er liegt auf ihr.“„Nun?“
„Ich! bin gleich weg vom Fenster, hab’ mich an die Mauer an-
gelehnt, hab’ die Atemnot bekommen, die ich seitdem hab’, die Sinne
sind mir vergangen, die Augen hat es mir zugedrückt und im Kopfe
hat es gehämmert und gebraust.“„Haben Sie’s gleich am selben Tage der Tante gesagt?“
„O nein, ich hab nichts gesagt.“
„Warum sind Sie denn so erschrocken, wie Sie die beiden bei-
sammen gefunden haben? Haben Sie denn etwas verstanden? Haben
Sie sich etwas gedacht, was da geschieht?“„O nein,! ich hab’ damals gar nichts verstanden, ich war erst
16 Jahre alt. Ich weiß nicht, worüber ich so erschrocken bin.“„Fräulein Katharin’, wenn Sie sich jetzt erinnern könnten, was
damals in Ihnen vorgegangen ist, wie Sie den ersten Anfall bekommen
haben, was Sie sich dabei gedacht haben, dann wäre Ihnen geholfen.“„Ja, wenn ich könnt’, ich bin aber so erschrocken gewesen, daß
ich alles vergessen hab’.“(In die Sprache unserer „vorläufigen Mitteilung“ übersetzt,
heißt das: Der Affekt schafft selbst den hypnoiden Zustand, dessen
Produkte dann außer assoziativem Verkehre mit dem Ichbewußtsein
stehen.)„Sagen Sie, Fräulein, ist der Kopf, den Sie immer bei der Atem-
not sehen, vielleicht der Kopf von der Franziska, wie Sie ihn damals
gesehen haben?“O nein, der war doch nicht so grauslich, und dann ist es ja ein
Männerkopf.“„Oder vielleicht vom Onkel?“
„Ich hab’ sein Gesicht gar nicht so deutlich gesehen, es war zu
finster im Zimmer und warum sollt’ er denn damals ein so schreckliches
Gesicht gemacht haben?“„Sie haben recht.“ (Da schien nun plötzlich der Weg verlegt.
Vielleicht findet sich in der weiteren Erzählung etwas.)„Und was ist dann weiter geschehen?“
„Nun, die zwei müssen Geräusch gehört haben. Sie sind bald
herausgekommen. Mir war die ganze Zeit recht schlecht, ich hab’ immerS.
S.
112
Sie sprang auf, machte ihm Vorwürfe. „Was treibens denn, Onkel?
Warum bleibens nicht in Ihrem Bette?“ Er versuchte sie zu be-
schwatzen: „Geh’ dumme Gredel, sei still, du weißt ja nicht, wie gut
das is.“ – „Ich mag Ihr Gutes nicht, nit einmal schlafen lassen’s einen.“
Sie bleibt bei der Türe stehen, bereit, auf den Gang hinaus zu flüchten,
bis er abläßt und selbst einschläft. Dann legt sie sich in ihr Bett und
schläft bis zum Morgen. Aus der Art der Abwehr, die sie berichtet,
scheint sich zu ergeben, daß sie den Angriff nicht klar als einen
sexuellen erkannte; danach gefragt, ob sie denn gewußt, was er mit
ihr vorgehabt, antwortete sie: Damals nicht, es sei ihr viel später
klar geworden. Sie hätte sich gesträubt, weil es ihr unangenehm war,
im Schlafe gestört zu werden, und „weil sich das nicht gehört hat“.Ich mußte diese Begebenheit ausführlich berichten, weil sie
für das Verständnis alles Späteren eine große Bedeutung besitzt. –
Sie erzählt dann noch andere Erlebnisse aus etwas späterer Zeit, wie
sie sich seiner abermals in einem Wirtshause zu erwehren hatte, als
er vollbetrunken war, u. dgl. mehr. Auf meine Frage, ob sie bei diesen
Anlässen etwas Ähnliches verspürt wie die spätere Atemnot, antwortet
sie mit Bestimmtheit, daß sie dabei jedesmal den Druck auf die Augen
und auf die Brust bekam, aber lange nicht so stark wie bei der Szene
der Entdeckung.Unmittelbar nach Abschluß dieser Reihe von Erinnerungen
beginnt sie eine zweite zu erzählen, in welcher es sich um Gelegen-
heiten handelt, wo sie auf etwas zwischen dem Onkel und der Franziska
aufmerksam wurde. Wie sie einmal, die ganze Familie, die Nacht auf
einem Heuboden in Kleidern verbracht und sie infolge eines Geräusches
plötzlich aufwachte; sie glaubte zu bemerken, daß der Onkel, der
zwischen ihr und der Franziska gelegen war, wegrückte und die
Franziska sich gerade legte. Wie sie ein anderes Mal in einem Wirtshause
des Dorfes N . . übernachteten, sie und der Onkel in dem einen Zimmer,
die Franziska in einem andern nebenan. In der Nacht erwachte sie
plötzlich und sah eine lange weiße Gestalt bei der Türe, im Begriffe,
die Klinke niederzudrücken: „Jesses, Onkel, sein Sie’s? Was wollen’s
bei der Türe?“ – „Sei still, ich hab’ nur was gesucht.“ – „Da
geht man ja bei der andern Tür heraus.“ – „Ich hab’ mich halt
verirrt usw.Ich frage sie, ob sie damals einen Argwohn gehabt. „Nein, gedacht
hab’ ich mir gar nichts dabei, es ist mir nur immer aufgefallen, aber
ich hab’ nichts weiter daraus gemacht.“ – Ob sie bei diesen Gelegen-S.
113
heiten auch die Angst bekommen? – Sie glaubt, ja, aber diesmal
ist sie dessen nicht so sicher.Nachdem sie diese beiden Reihen von Erzählungen beendigt,
hält sie inne. Sie ist wie verwandelt, das mürrische, leidende Gesicht
hat sich belebt, die Augen sehen frisch drein, sie ist erleichtert und
gehoben. Mir aber ist unterdes das Verständnis ihres Falles aufgegangen;
was sie mir zuletzt anscheinend planlos erzählt hat, erklärt vortrefflich
ihr Benehmen bei der Szene der Entdeckung. Sie trug damals zwei
Reihen von Erlebnissen mit sich, die sie erinnerte, aber nicht verstand,
zu keinem Schlusse verwertete; beim Anblicke des koitierenden Paares
stellte sie sofort die Verbindung des neuen Eindruckes mit diesen
beiden Reihen von Reminiszenzen her, begann zu verstehen und
gleichzeitig abzuwehren. Dann folgte eine kurze Periode der Aus-
arbeitung, „der Inkubation“, und darauf stellten sich die Symptome der
Konversion, das Erbrechen als Ersatz für den moralischen und physischen
Ekel ein. Das Rätsel war damit gelöst, sie hatte sich nicht vor dem An-
blicke der beiden geekelt, sondern vor einer Erinnerung, die ihr jener An-
blick geweckt hatte, und alles erwogen, konnte dies nur die Erinnerung an
den nächtlichen Überfall sein, als sie „den Körper des Onkels spürte“.Ich sagte ihr also, nachdem sie ihre Beichte beendigt hatte: „Jetzt
weiß ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie Sie ins Zimmer
hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht: jetzt tut er mit ihr, was er
damals bei Nacht und die anderen Male mit mir hat tun wollen. Davor
haben Sie sich geekelt, weil Sie sich an die Empfindung erinnert haben, wie
Sie in der Nacht aufgewacht sind und seinen Körper gespürt haben.“Sie antwortet: „Das kann schon sein, daß ich mich davor geekelt
und daß ich damals das gedacht hab‘.“„Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes
Mädchen und wissen ‘allerlei –“„Ja jetzt, freilich.“
„Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht eigentlich
von seinem Körper verspürt?“Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen und
wie überführt, wie einer, der zugeben muß, daß man jetzt auf den
Grund der Dinge gekommen ist, über den sich nicht mehr viel sagen
läßt. Ich kann mir denken, welches die Tastempfindung war, die sie
später deuten gelernt hat; ihre Miene scheint mir auch zu sagen, daß
sie von mir voraussetzt, ich denke mir das Richtige, aber ich kann
nicht weiter in sie dringen; ich bin ihr ohnehin Dank dafür schuldig,
Breuer u. Freud, Studien. 2. Aufl.S.
114
daß sie soviel leichter mit sich reden läßt als die prüden Damen in
meiner Stadtpraxis, für die alle naturalia turpia sind.Somit wäre der Fall geklärt; aber halt, die im Anfalle wieder-
kehrende Halluzination des Kopfes, der ihr Schrecken einjagt, woher
kommt die? Ich frage sie jetzt danach. Als hätte auch sie in diesem
Gespräche ihr Verständnis erweitert, antwortet sie prompt: „Ja, das
weiß ich jetzt schon, der Kopf ist der Kopf vom Onkel, ich erkenn’s
jetzt, aber nicht aus der Zeit. Später, wie dann alle die Streitigkeiten
losgegangen sind, da hat der Onkel eine unsinnige Wut auf mich
bekommen; er hat immer gesagt, ich bin schuld an allem; hätt’ ich
nicht geplauscht, so wär’s nie zur Scheidung gekommen; er hat mir
immer gedroht, er tut mir was an; wenn er mich von weitem gesehen
hat, hat sich sein Gesicht vor Wut verzogen, und er ist mit der ge-
hobenen Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm davon-
gelaufen und hab’ immer die größte Angst gehabt, er packt mich
irgendwo unversehens. Das Gesicht, was ich jetzt immer sehe, ist sein
Gesicht, wie er in der Wut war.“Diese Auskunft erinnert mich daran, daß ja das erste Symptom
der Hysterie, das Erbrechen, vergangen ist, der Angstanfall ist ge-
blieben und hat sich mit neuem Inhalte gefüllt. Demnach handelt es
sich um eine zum guten Teile abreagierte Hysterie. Sie hat ja auch
wirklich ihre Entdeckung bald hernach der Tante mitgeteilt.„Haben Sie der Tante auch die anderen Geschichten erzählt,
wie er Ihnen nachgestellt hat?“
„Ja, nicht gleich, aber später, wie schon von der Scheidung die
Rede war. Da hat die Tant’ gesagt: Das heben wir uns auf, wenn er
Schwierigkeiten vor Gericht macht, dann sagen wir auch das.“Ich kann verstehen, daß gerade aus der letzten Zeit, als die auf-
regenden Szenen im Hause sich häuften, als ihr Zustand aufhörte das
Interesse der Tante zu erwecken, die von dem Zwiste vollauf in
Anspruch genommen war, daß aus dieser Zeit der Häufung und Re-
tention das Erinnerungssymbol verblieben ist.Ich hoffe, die Aussprache mit mir hat dem in seinem sexuellen
Empfinden so frühzeitig verletzten Mädchen in etwas wohlgetan; ich
habe sie nicht wiedergesehen.Epikrise.
Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand in dieser
Krankengeschichte weniger einen analysierten als einen durch ErratenS.
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aufgelösten Fall von Hysterie erblicken will. Die Kranke gab zwar
alles, was ich in ihren Bericht interpolierte als wahrscheinlich zu; sie
war aber doch nicht imstande, es als Erlebtes wiederzuerkennen. Ich
meine, dazu hätte es der Hypnose bedurft. Wenn ich annehme, ich
hätte richtig geraten, und nun versuche, diesen Fall auf das Schema
einer akquirierten Hysterie zu reduzieren, wie es sich uns aus
Fall III ergeben hat, so liegt es nahe, die zwei Reihen von erotischen
Erlebnissen mit traumatischen Momenten, die Szene bei der Entdeckung
des Paares mit einem auxiliären Momente zu vergleichen. Die Ähnlich-
keit liegt darin, daß in den ersteren ein Bewußtseinsinhalt geschaffen
wurde, welcher, von der Denktätigkeit des Ich ausgeschlossen, auf
bewahrt blieb, während in der letzteren Szene ein neuer Eindruck die
assoziative Vereinigung dieser abseits befindlichen Gruppe mit dem
Ich erzwang. Anderseits finden sich auch Abweichungen, die nicht
vernachlässigt werden können. Die Ursache der Isolierung ist nicht
wie bei Fall III der Wille des Ich, sondern die Ignoranz des Ich, das
mit sexuellen Erfahrungen noch nichts anzufangen weiß. In dieser
Hinsicht ist der Fall Katharina ein typischer; man findet bei der
Analyse jeder auf sexuelle Traumen begründeten Hysterie, daß Ein-
drücke aus der vorsexuellen Zeit, die auf das Kind wirkungslos ge-
blieben sind, später als Erinnerungen traumatische Gewalt erhalten,
wenn sich der Jungfrau oder Frau das Verständnis des sexuellen
Lebens erschlossen hat. Die Abspaltung psychischer Gruppen ist
sozusagen ein normaler Vorgang in der Entwicklung der Adoleszenten,
und es wird begreiflich, daß deren spätere Aufnahme in das Ich einen
häufig genug ausgenützten Anlaß zu psychischen Störungen gibt.
Ferner möchte ich an dieser Stelle noch dem Zweifel Ausdruck geben,
ob die Bewußtseinsspaltung durch Ignoranz wirklich von der durch
bewußte Ablehnung verschieden ist, ob nicht auch die Adoleszenten
viel häufiger sexuelle Kenntnis besitzen, als man von ihnen vermeint,
und als sie sich selbst zutrauen.Eine weitere Abweichung im psychischen Mechanismus dieses
Falles liegt darin, daß die Szene der Entdeckung, welche wir als
„auxiliäre“ bezeichnet haben, gleichzeitig auch den Namen einer
„traumatischen“ verdient. Sie wirkt durch ihren eigenen Inhalt, nicht
bloß durch die Erweckung der vorhergehenden traumatischen Er-
lebnisse, sie vereinigt die Charaktere eines „auxiliären“ und eines
traumatischen Momentes. Ich sehe in diesem Zusammenfallen aber
keinen Grund, eine begriffliche Scheidung aufzugeben, welcher beiS.
116
anderen Fällen auch eine zeitliche Scheidung entspricht. Eine andere
Eigentümlichkeit des Falles Katharina, die übrigens seit langem be-
kannt ist, zeigt sich darin, daß die Konversion, die Erzeugung der
hysterischen Phänomene nicht unmittelbar nach dem Trauma, sondern
nach einem Intervalle von Inkubation vor sich geht. Charcot nannte
dies Intervall mit Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung.“Die Angst, an der Katharina in ihren Anfällen leidet, ist eine
hysterische, d. h. eine Reproduktion jener Angst, die bei jedem der
sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier den Vorgang auch
zu erläutern, den ich in einer ungemein großen Anzahl von Fällen als
regelmäßig zutreffend erkannt habe, daß die Ahnung sexueller Be-
ziehungen bei virginalen Personen einen Angstaffekt hervorruft.
V. Fräulein Elisabeth v. R . . . (Freud).
Im Herbste 1892 forderte ein befreundeter Kollege mich auf,
eine junge Dame zu untersuchen, die seit länger als zwei Jahren an
Schmerzen in den Beinen leide und schlecht gehe. Er fügte der Ein-
ladung bei, daß er den Fall für eine Hysterie halte, wenngleich von
den gewöhnlichen Zeichen der Neurose nichts zu finden sei. Er kenne
die Familie ein wenig und wisse, daß die letzten Jahre derselben viel
Unglück und wenig Erfreuliches gebracht hätten. Zuerst sei der Vater
der Patientin gestorben, dann habe die Mutter sich einer ernsten
Operation an den Augen unterziehen müssen, und bald darauf sei eine
verheiratete Schwester der Kranken nach einer Entbindung einem
alten Herzleiden erlegen. An allem Kummer und aller Krankenpflege
habe unsere Patientin den größten Anteil gehabt.Ich gelangte nicht viel weiter im Verständnisse des Falles, nachdem
ich das 24jährige Fräulein zum ersten Male gesehen hatte. Sie schien
intelligent und psychisch normal und trug das Leiden, welches ihr
Verkehr und Genuß verkümmerte, mit heiterer Miene, mit der „belle in-
difference“ der Hysterischen, mußte ich denken. Sie ging mit vor-
gebeugtem Oberkörper, doch ohne Stütze, ihr Gang entsprach keiner
als pathologisch bekannten Gangart, war übrigens keineswegs auf-
fällig schlecht. Es lag eben nur vor, daß sie über große Schmerzen
beim Gehen, über rasch auftretende Ermüdung dabei und im Stehen
klagte und nach kurzer Zeit die Ruhe aufsuchte, in der die Schmerzen
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II. Krankengeschichten1895-005/1909/2
1895-005/1909/2d