II. Krankengeschichten1895-005/1895/2
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    II. Krankengeschichten.

    Beobachtung I. Frl. Anna O . . . (Breuer).

    Frl. Anna O . . ., zur Zeit der Erkrankung (1880) 21 Jahre
    alt, erscheint als neuropathisch mässig stark belastet durch einige in
    der grossen Familie vorgekommenen Psychosen; die Eltern sind nervös
    gesund. Sie selbst früher stets gesund, ohne irgend ein Nervosum
    während der Entwicklungsperiode; von bedeutender Intelligenz, er-
    staunlich scharfsinniger Combination und scharfsichtiger Intuition;
    ein kräftiger Intellect, der auch solide geistige Nahrung verdaut hätte
    und sie brauchte, nach Verlassen der Schule aber nicht erhielt.
    Reiche poetische und phantastische Begabung, controlirt durch sehr
    scharfen und kritischen Verstand. Dieser letztere machte sie auch
    völlig unsuggestibel; nur Argumente, nie Behauptungen hatten
    Einfluss auf sie. Ihr Wille war energisch, zäh und ausdauernd; manch-
    mal zum Eigensinn gesteigert, der sein Ziel nur aus Güte, um
    Anderer willen, aufgab.

    Zu den wesentlichsten Zügen des Charakters gehörte mitleidige
    Güte; die Pflege und Besorgung einiger Armen und Kranken leistete
    ihr selbst in ihrer Krankheit ausgezeichnete Dienste, da sie dadurch
    einen starken Trieb befriedigen konnte. – Ihre Stimmungen hatten
    immer eine leichte Tendenz zum Uebermaass, der Lustigkeit und der
    Trauer; daher auch einige Launenhaftigkeit. Das sexuale Element
    war erstaunlich unentwickelt; die Kranke, deren Leben mir durch-
    sichtig wurde, wie selten das eines Menschen einem andern, hatte nie
    eine Liebe gehabt und in all den massenhaften Hallucinationen ihrer
    Krankheit tauchte niemals dieses Element des Seelenlebens empor.

    Dieses Mädchen von überfliessender geistiger Vitalität führte
    in der puritanisch gesinnten Familie ein höchst monotones Leben,
    dass sie sich in einer für ihre Krankheit wahrscheinlich maassgebenden
    Weise verschönerte. Sie pflegte systematisch das Wachträumen, das
    sie ihr „Privattheater“ nannte. Während alle sie anwesend glaubten,
    lebte sie im Geiste Märchen durch, war aber angerufen immer

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    präsent, so dass niemand davon wusste. Neben den Beschäftigungen
    der Häuslichkeit, die sie tadellos versorgte, ging diese geistige
    Thätigkeit fast fortlaufend einher. Ich werde dann zu berichten haben,
    wie unmittelbar diese gewohnheitsmässige Träumerei der Gesunden
    in Krankheit übergieng.
    Der Krankheitsverlauf zerfällt in mehrere gut getrennte Phasen;
    es sind:

    A) die latente Incubation. Mitte Juli 1880 bis etwa 10. December.
    In diese Phase, die sich in den meisten Fällen unserer Kenntnis
    entzieht, gewährte die Eigenart dieses Falles so vollständigen
    Einblick, dass ich schon deshalb sein pathologisches Interesse
    nicht gering anschlage. Ich werde diesen Theil der Geschichte
    später darlegen.

    B) die manifeste Erkrankung; eine eigenthümliche Psychose, Para-
    phasie, Strabismus convergens, schwere Sehstörungen, Contractur-
    lähmungen, vollständig in der rechten obern, beiden untern
    Extremitäten, unvollständig in der linken obern Extremität, Parese
    der Nackenmusculatur. Allmähliche Reduction der Contractur auf
    die rechtseitigen Extremitäten. Einige Besserung, unterbrochen
    durch ein schweres psychisches Trauma (Tod des Vaters) im
    April, auf welche

    C) eine Periode andauernden Somnambulismus folgt, der dann mit
    normaleren Zuständen alternirt; Fortbestand einer Reihe von
    Dauersymptomen bis December 1880.

    D) Allmähliche Abwicklung der Zustände und Phänomene bis
    Juni 1882.

    Im Juli 1880 erkrankte der Vater der Patientin, den sie leiden-
    schaftlich liebte, an einem peripleuritischen Abscess, der nicht aus-
    heilte und dem er im April 1881 erlag. Während der ersten Monate
    dieser Erkrankung widmete sich Anna der Krankenpflege mit der
    ganzen Energie ihres Wesens, und es nahm niemand sehr Wunder,
    dass sie dabei allmählich stark herabkam. Niemand, vielleicht auch
    die Kranke selbst nicht, wusste, was in ihr vorgieng; allmählich aber
    wurde ihr Zustand von Schwäche, Anämie, Ekel vor Nahrung so
    schlimm, dass sie zu ihrem grössten Schmerze von der Pflege des
    Kranken entfernt wurde. Den unmittelbaren Anlass bot ein höchst
    intensiver Husten, wegen dessen ich sie zum erstenmale untersuchte.
    Es war eine typische Tussis nervosa. Bald wurde ein auffallendes

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    Ruhebedürfniss in den Nachmittagsstunden deutlich, an welches sich
    abends ein schlafähnlicher Zustand und dann starke Aufregung anschloss.

    Anfangs December entstand Strabismus convergens. Ein Augen-
    arzt erklärte diesen (irrigerweise) durch Parese des einen Abducens.
    Am 11. December wurde Patientin bettlägerig und blieb es bis
    1. April.

    In rascher Folge entwickelte sich, anscheinend ganz frisch,
    eine Reihe schwerer Störungen.

    Linksseitiger Hinterkopf-Schmerz; Strabismus convergens (Diplopie)
    durch Aufregung bedeutend gesteigert; Klage über Herüberstürzen
    der Wand (Obliquus-Affection). Schwer analysirbare Sehstörungen;
    Parese der vordern Halsmuskeln, so dass der Kopf schliesslich nur
    dadurch bewegt wurde, dass Patientin ihn nach rückwärts zwischen die
    gehobenen Schultern presste und sich mit dem ganzen Rücken
    bewegte. Contractur und Anästhesie der rechten obern, nach einiger
    Zeit der rechten untern Extremität; auch diese völlig gestreckt,
    adducirt und nach innen rotirt; später tritt dieselbe Affection an der
    linken untern Extremität und zuletzt am linken Arm auf, an welchem
    aber die Finger einigermaassen beweglich blieben. Auch die Schulter-
    gelenke beiderseits waren nicht völlig rigide. Das Maximum der
    Contractur betrifft die Muskeln des Oberarms, wie auch später, als
    die Anästhesie genauer geprüft werden konnte, die Gegend des Ell-
    bogens sich als am stärksten unempfindlich erwies. Im Beginne der
    Krankheit blieb die Anästhesieprüfung ungenügend, wegen des aus
    Angstgefühlen entspringenden Widerstandes der Patientin.

    In diesem Zustande übernahm ich die Kranke in meine Be-
    handlung und konnte mich alsbald von der schweren psychischen
    Alteration überzeugen, die da vorlag. Es bestanden zwei ganz getrennte
    Bewusstseinszustände, die sehr oft und unvermittelt abwechselten und
    sich im Laufe der Krankheit immer schärfer schieden. In dem einen
    kannte sie ihre Umgebung, war traurig und ängstlich, aber relativ
    normal; im andern hallucinirte sie, war „ungezogen“, d. h. schimpfte,
    warf die Kissen nach den Leuten, soweit und wenn die Contractur
    dergleichen erlaubte, riss mit den beweglichen Fingern die Knöpfe
    von Decken und Wäsche und dgl. mehr. War während dieser Phase
    etwas im Zimmer verändert worden, jemand gekommen oder hinaus-
    gegangen, so klagte sie dann, ihr fehle Zeit, und bemerkte die Lücke
    im Ablauf ihrer bewussten Vorstellungen. Da man ihr das, wenn
    möglich, ableugnete, auf ihre Klage, sie werde verrückt, sie zu

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    beruhigen suchte, folgten auf jedes Polsterschleudern und dgl. dann
    noch die Klagen, was man ihr anthue, in welcher Unordnung man
    sie lasse u. s. f.

    Diese Absencen waren schon beobachtet worden, als sie noch
    ausser Bett war; sie blieb dann mitten im Sprechen stecken, wieder-
    holte die letzten Worte, um nach kurzer Zeit weiter fortzufahren.
    Nach und nach nahm dies die geschilderten Dimensionen an und
    während der Acme der Krankheit, als die Contractur auch die linke
    Seite ergriffen hatte, war sie am Tag nur für ganz kurze Zeiten
    halbwegs normal. Aber auch in die Momente relativ klaren Bewusst-
    seins griffen die Störungen über; rapidester Stimmungswechsel in
    Extremen, ganz vorübergehende Heiterkeit, sonst schwere Angstgefühle,
    hartnäckige Opposition gegen alle therapeutischen Maassnahmen,
    ängstliche Hallucinationen von schwarzen Schlangen, als welche ihre
    Haare, Schnüre und dgl. erscheinen. Dabei sprach sie sich immer zu,
    nicht so dumm zu sein, es seien ja ihre Haare u. s. w. In ganz
    klaren Momenten beklagte sie die tiefe Finsterniss ihres Kopfes, wie
    sie nicht denken könne, blind und taub werde, zwei Ichs habe,
    ihr wirkliches und ein schlechtes, dass sie zu schlimmem zwinge u. s. w.

    Nachmittags lag sie in einer Somnolenz, die bis etwa eine
    Stunde nach Sonnenuntergang dauerte, und dann erwacht, klagte sie,
    es quäle sie etwas, oder vielmehr sie wiederholte immer den Infinitiv:
    Quälen, quälen.

    Denn zugleich mit der Ausbildung der Contracturen war eine
    tiefe, functionelle Desorganisation der Sprache eingetreten. Zuerst
    beobachtete man, dass ihr Worte fehlten, allmählich nahm das zu.
    Dann verlor ihr Sprechen alle Grammatik, jede Syntax, die ganze Con-
    jugation des Verbums, sie gebrauchte schliesslich nur falsch, meist
    aus einem schwachen Particip-praeteriti gebildete Infinitive, keinen
    Artikel. In weiterer Entwicklung fehlten ihr auch die Worte fast ganz,
    sie suchte dieselben mühsam aus 4 oder 5 Sprachen zusammen und
    war dabei kaum mehr verständlich. Bei Versuchen zu schreiben
    schrieb sie (anfangs, bis die Contractur das völlig verhinderte) den
    selben Jargon. Zwei Wochen lang bestand völliger Mutismus, bei
    fortwährenden angestrengten Versuchen zu sprechen wurde kein Laut
    vorgebracht. Hier wurde nun zuerst der psychische Mechanismus der
    Störung klar. Sie hatte sich, wie ich wusste, über etwas sehr gekränkt
    und beschlossen, nichts davon zu sagen. Als ich das errieth und sie

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    zwang, davon zu reden, fiel die Hemmung weg, die vorher auch jede
    andere Aeusserung unmöglich gemacht hatte.

    Dies fiel zeitlich zusammen mit der wiederkehrenden Beweglichkeit
    der linksseitigen Extremitäten, März 1881; die Paraphasie wich, aber
    sie sprach jetzt nur englisch, doch anscheinend, ohne es zu wissen;
    zankte mit der Wärterin, die sie natürlich nicht verstand; erst mehrere
    Monate später gelang mir, sie davon zu überzeugen, dass sie englisch
    rede. Doch verstand sie selbst noch ihre deutsch sprechende Umgebung.
    Nur in Momenten grosser Angst versagte die Sprache vollständig oder
    sie mischte die verschiedensten Idiome durcheinander. In den aller
    besten, freiesten Stunden sprach sie französisch oder italienisch.
    Zwischen diesen Zeiten und denen, in welchen sie englisch sprach,
    bestand völlige Amnesie. Nun nahm auch der Strabismus ab und
    erschien schliesslich nur mehr bei heftiger Aufregung, der Kopf wurde
    wieder getragen. Am 1. April verliess sie zum erstenmale das Bett.

    Da starb am 5. April der von ihr vergötterte Vater, den sie
    während ihrer Krankheit nur sehr selten für kurze Zeit gesehen hatte.
    Es war das schwerste psychische Trauma, das sie treffen konnte.
    Gewaltiger Aufregung folgte ein tiefer Stupor etwa zwei Tage lang,
    aus dem sie sich in sehr verändertem Zustande erhob. Zunächst war
    sie viel ruhiger und das Angstgefühl wesentlich vermindert. Die
    Contractur des rechten Armes und Beines dauerte fort, ebenso die
    nicht tiefe, Anästhesie dieser Glieder. Es bestand hochgradige Gesichts-
    feldeinengung. Von einem Blumenstrauss, der sie sehr erfreute, sah
    sie immer nur eine Blume zugleich. Sie klagte, dass sie die Menschen
    nicht erkenne. Sonst habe sie die Gesichter erkannt, ohne willkürlich
    dabei arbeiten zu müssen; jetzt müsse sie bei solchem, sehr mühsamem
    „recognising work“ sich sagen, die Nase sei so, die Haare so,
    folglich werde das der und der sein. Alle Menschen wurden ihr wie
    Wachsfiguren, ohne Beziehung auf sie. Sehr peinlich war ihr die
    Gegenwart einiger nahen Verwandten, und dieser „negative Instinct“
    wuchs fortwährend. Trat jemand ins Zimmer, den sie sonst gern
    gesehen hatte, so erkannte sie ihn, war kurze Zeit präsent, dann
    versank sie wieder in ihr Brüten, und der Mensch war ihr entschwunden.
    Nur mich kannte sie immer, wenn ich eintrat, blieb auch immer
    präsent und munter, solange ich mit ihr sprach, bis auf die immer
    ganz plötzlich dazwischen fahrenden hallucinatori-
    schen Absencen.

    Sie sprach nun nur englisch und verstand nicht, was man ihr
    deutsch sagte. Ihre Umgebung musste englisch mit ihr sprechen; selbst

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    die Wärterin lernte sich einigermaassen so verständigen. Sie las aber
    französisch und italienisch; sollte sie es vorlesen, so las sie mit
    staunenerregender Geläufigkeit, fliessend, eine vortreffliche englische
    Uebersetzung des Gelesenen vom Blatte.

    Sie begann wieder zu schreiben, aber in eigenthümlicher Weise;
    sie schrieb mit der, gelenkten, linken Hand, aber Antiqua-Druckbuch-
    staben, die sie sich aus ihrem Shakespeare zum Alphabet zusammen
    gesucht hatte.

    Hatte sie früher schon minimal Nahrung genommen, so ver-
    weigerte sie jetzt das Essen vollständig, liess sich aber von mir
    füttern, so dass ihre Ernährung rasch zunahm. Nur Brod zu essen
    verweigerte sie immer. Nach der Fütterung aber unterliess sie nie
    den Mund zu waschen, und that dies auch, wenn sie aus irgend
    einem Grunde nichts gegessen hatte; ein Zeichen, wie abwesend sie
    dabei war.

    Die Somnolenz am Nachmittag und der tiefe Sopor um Sonnen-
    untergang dauerten an. Hatte sie sich dann ausgesprochen (ich werde
    später genauer hierauf eingehen müssen) so war sie klar, ruhig, heiter.

    Dieser relativ erträgliche Zustand dauerte nicht lange. Etwa
    10 Tage nach ihres Vaters Tod wurde ein Consiliarius beigezogen,
    den sie wie alle Fremden absolut ignorirte, als ich ihm all ihre
    Sonderbarkeiten demonstrirte. „That’s like an examination“ sagte sie
    lachend, als ich sie einen französischen Text auf englisch vorlesen
    liess. Der fremde Arzt sprach drein, versuchte sich ihr bemerklich zu
    machen; vergebens. Es war die richtige „negative Hallucination“, die
    seitdem so oft experimentell hergestellt worden ist. Endlich gelang es
    ihm, diese zu durchbrechen, indem er ihr Rauch ins Gesicht blies.
    Plötzlich sah sie einen Fremden, stürzte zur Thüre, den Schlüssel
    abzuziehen, fiel bewusstlos zu Boden; dann folgte ein kurzer Zorn-
    und dann ein arger Angstanfall, den ich mit grosser Mühe beruhigte.
    Unglücklicherweise musste ich denselben Abend abreisen, und als ich
    nach mehreren Tagen zurückkam, fand ich die Kranke sehr ver-
    schlimmert. Sie hatte die ganze Zeit vollständig abstinirt, war voll
    Angstgefühlen, ihre hallucinatorischen Absencen erfüllt von Schreckge-
    stalten, Todtenköpfen und Gerippen. Da sie, diese Dinge durchlebend,
    theilweise sprechend tragirte, kannte die Umgebung meist den Inhalt
    dieser Hallucinationen. Nachmittags Somnolenz, um Sonnenuntergang
    die tiefe Hypnose, für die sie den technischen Namen „clouds“
    (Wolken) gefunden hatte. Konnte sie dann die Hallucinationen des

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    Tages erzählen, so erwachte sie klar, ruhig, heiter, setzte sich zur
    Arbeit, zeichnete oder schrieb die Nacht durch, völlig vernünftig;
    ging gegen 4 Uhr zu Bett, und am Morgen begann dieselbe Scene
    wieder, wie Tags zuvor. Der Gegensatz zwischen der unzurechnungs-
    fähigen, von Hallucinationen gehetzten Kranken am Tag und dem
    geistig völlig klaren Mädchen bei Nacht war höchst merkwürdig.

    Trotz dieser nächtlichen Euphorie verschlechterte sich der psychi-
    sche Zustand doch immer mehr; es traten intensive Selbstmordimpulse
    auf, die den Aufenthalt in einem 3. Stockwerk unthunlich er-
    liessen. Die Kranke wurde darum gegen ihren Willen in ein Landhaus
    in der Nähe von Wien gebracht (7. Juni 1881). Diese Entfernung vom
    Hause, die sie perhorrescirt hatte, ich nie angedroht, sie selbst aber
    im stillen erwartet und gefürchtet. Es wurde nun auch bei diesem
    Anlass wieder klar, wie dominirend der Angstaffect die psychische
    Störung beherrschte. Wie nach des Vaters Tod ein Ruhezustand ein-
    getreten war, so beruhigte sie sich auch jetzt, als das Gefürchtete
    geschehen war. Allerdings nicht, ohne dass die Transferirung unmittelbar
    von drei Tagen und Nächten gefolgt gewesen wäre, absolut ohne
    Schlaf und Nahrung, voll von (im Garten allerdings ungefährlichen)
    Selbstmordversuchen, Fensterzerschlagen und dgl., Hallucinationen
    ohne Absence, die sie von den andern ganz wohl unterschied. Dann
    beruhigte sie sich, nahm Nahrung von der Wärterin und sogar
    Abends Chloral.

    Bevor ich den weiteren Verlauf schildere, muss ich noch einmal
    zurückgreifen und eine Eigenthümlichkeit des Falles darstellen, die
    ich bisher nur flüchtig gestreift habe.

    Es wurde schon bemerkt, dass im ganzen bisherigen Verlaufe
    täglich Nachmittags eine Somnolenz die Kranke befiel, die um Sonnen-
    untergang in tieferen Schlaf überging (clouds). (Es ist wohl plausibel,
    diese Periodicität einfach aus den Umständen der Krankenpflege ab-
    zuleiten, die ihr durch Monate obgelegen hatte. Nachts wachte sie
    beim Kranken oder lag lauschend und angsterfüllt bis Morgens wach
    in ihrem Bette; Nachmittag legte sie sich für einige Zeit zur Ruhe,
    wie es ja meistens von der Pflegerin geschieht, und dieser Typus der
    Nachtwache und des Nachmittagsschlafes wurde wohl dann in ihre
    eigene Krankheit hinüber verschleppt und bestand fort, als an Stelle
    des Schlafes schon lange ein hypnotischer Zustand getreten war).
    Hatte der Sopor etwa eine Stunde gedauert, so wurde sie unruhig,
    wälzte sich hin und her und rief immer wieder: „Quälen, quälen“

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    immer mit geschlossenen Augen. Andrerseits war bemerkt worden,
    dass sie in ihren Absencen während des Tages offenbar immer irgend
    eine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren Beschaffenheit
    einzelne gemurmelte Worte Aufschluss gaben. Nun geschah es, zuerst
    zufällig, dann absichtlich, dass jemand von der Umgebung ein solches
    Stichwort fallen liess, während Patientin über das „Quälen“ klagte;
    alsbald fiel sie ein und begann eine Situation auszumalen oder eine
    Geschichte zu erzählen, anfangs stockend in ihrem paraphrasischen
    Jargon, je weiter, desto fliessender, bis sie zuletzt ganz correctes
    Deutsch sprach. (In der ersten Zeit, bevor sie völlig ins Englisch-
    sprechen gerathen war.) Die Geschichten, immer traurig, waren theil-
    weise sehr hübsch, in der Art von Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“
    und wahrscheinlich auch nach diesem Muster gebildet; meist war
    Ausgangs-
    oder Mittelpunkt die Situation eines bei einem Kranken
    in Angst sitzenden Mädchens; doch kamen auch ganz andere Motive
    zur Verarbeitung. – Einige Momente nach Vollendung der Erzählung
    erwachte sie, war offenbar beruhigt oder, wie sie es nannte, „gehäglich“
    (behaglich). Nachts wurde sie dann wieder unruhiger und am Morgen,
    nach zweistündigem Schlafe war sie offenbar wieder in einem anderen
    Vorstellungskreis. – Konnte sie mir in der Abendhypnose einmal
    die Geschichte nicht erzählen, so fehlte die abendliche Beruhigung,
    und am anderen Tag mussten zwei erzählt werden, um diese zu
    bewirken.

    Das Wesentliche der beschriebenen Erscheinung, die Häufung
    und Verdichtung ihrer Absencen zur abendlichen Autohypnose, die Wirk-
    samkeit der phantastischen Producte als psychischer Reiz und die
    Erleichterung und Behebung des Reizzustandes durch die Aussprache
    in der Hypnose, blieben durch die ganzen anderthalb Jahre der Be-
    obachtung constant.

    Nach dem Tode des Vaters wurden die Geschichten natürlich
    noch tragischer, aber erst mit der Verschlimmerung ihres psychischen
    Zustandes, welche der erzählten gewaltsamen Durchbrechung ihres
    Somnambulismus folgte, verloren die abendlichen Referate den Charakter
    mehr minder freier poetischer Schöpfung und wandelten sich in Reihen
    furchtbarer, schreckhafter Hallucinationen, die man Tags über, schon
    aus dem Benehmen der Kranken hatte erschliessen können. Ich habe
    aber schon geschildert, wie vollständig die Befreiung ihrer Psyche
    war, nachdem sie, von Angst und Grauen geschüttelt, all diese Schreck-
    bilder reproducirt und ausgesprochen hatte.

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    Auf dem Lande, wo ich die Kranke nicht täglich besuchen
    konnte, entwickelte sich die Sache in folgender Weise. Ich kam
    Abends, wenn ich sie in ihrer Hypnose wusste, und nahm ihr den
    ganzen Vorrath von Phantasmen ab, den sie seit meinem letzten
    Besuch angehäuft hatte. Das musste ganz vollständig geschehen, wenn
    der gute Erfolg erreicht werden sollte. Dann war sie ganz beruhigt,
    den nächsten Tag liebenswürdig, fügsam, fleissig, selbst heiter;
    den zweiten immer mehr launisch, störrig, unangenehm, was am
    dritten noch weiter zunahm. In dieser Stimmung, auch in der Hypnose,
    war sie nicht immer leicht zum Aussprechen zu bewegen, für welche
    Procedur sie den guten, ernsthaften Namen „talking cure“ (Redecur)
    und den humoristischen „chimney-
    sweeping“ (Kaminfegen) erfunden
    hatte. Sie wusste, dass sie nach der Aussprache all ihre Störrigkeit
    und „Energie“ verloren haben werde, und wenn sie nun schon (nach
    längerer Pause) in böser Laune war, so weigerte sie das Reden, das
    ich ihr mit Drängen und Bitten und einigen Kunstgriffen, wie dem
    Vorsprechen einer stereotypen Eingangsformel ihrer Geschichten, ab-
    zwingen musste. Immer aber sprach sie erst, nachdem sie sich durch
    sorgfältige Betastung meiner Hände von meiner Identität überzeugt
    hatte. In den Nächten, wo die Beruhigung durch Aussprache nicht
    erfolgte, musste man sich mit Chloral helfen. Ich hatte es früher
    einigemal versucht, musste aber 5 Gramm geben, und dem Schlafe
    ging ein stundenlanger Rausch vorher, der in meiner Gegenwart
    heiter war, in meiner Abwesenheit aber als höchst unangenehmer
    ängstlicher Aufregungszustand auftrat. (Beiläufig bemerkt, änderte
    dieser schwere Rausch nichts an der Contractur). Ich hatte die
    Narcotica vermeiden können, weil die Aussprache mindestens Be-
    ruhigung, wenn auch nicht Schlaf brachte. Auf dem Lande waren die
    Nächte zwischen den hypnotischen Erleichterungen so unerträglich,
    dass man doch zum Chloral seine Zuflucht nehmen musste; allmählig
    brauchte sie auch weniger davon.

    Der dauernde Somnambulismus blieb verschwunden; dagegen
    bestand der Wechsel zweier Bewusstseinszustände fort. Mitten im Ge-
    spräch hallucinirte sie, lief weg, versuchte auf einen Baum zu steigen
    und dgl. Hielt man sie fest, so sprach sie nach kürzester Zeit im unter-
    brochen Satze wieder fort, ohne von dem dazwischen liegenden zu wissen.
    Aber in der Hypnose erschienen dann all diese Hallucinationen im Referate.

    Im ganzen besserte sich der Zustand; die Ernährung war gut
    möglich, sie liess sich von der Wärterin das Essen in den Mund

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    führen, nur Brod verlangte sie, refusirte es aber, sowie es die Lippen
    berührte; die Contractur-Parese des Beines nahm wesentlich ab; auch
    gewann sie richtige Beurtheilung und grosse Anhänglichkeit für den
    Arzt, der sie besuchte, meinen Freund Dr. B. Grosse Hilfe gewährte
    ein Neufundländer, den sie bekommen hatte und leidenschaftlich liebte.
    Dabei war es prächtig anzusehen, wie einmal, als dieser Liebling eine
    Katze angriff, das schwächliche Mädchen die Peitsche in die linke
    Hand nahm und das riesige Thier damit behandelte, um sein Opfer
    zu retten. Später besorgte sie einige arme Kranke, was ihr sehr
    nützlich war.

    Den deutlichsten Beweis für die pathogene, reizende Wirkung
    der in den Absencen, ihrer „condition seconde“ producirten Vorstellungs-
    complexe und für ihre Erledigung durch die Aussprache in Hypnose er-
    hielt ich bei meiner Rückkehr von einer mehrwöchentlichen Ferialreise.
    Während dieser war keine „talking cure“ vorgenommen worden, da
    die Kranke nicht zu bewegen war, jemand anderem als mir zu erzählen,
    auch nicht Dr. B., dem sie sonst herzlich zugethan worden war. Ich
    fand sie in einem traurigen moralischen Zustand, träge, unfügsam,
    launisch, selbst boshaft. Bei den abendlichen Erzählungen stellte sich
    heraus, dass ihre phantastisch-poetische Ader offenbar im Versiegen
    begriffen war; es wurden immer mehr und mehr Referate über ihre
    Hallucinationen und über das, was sie etwa in den verflossenen Tagen
    geärgert; phantastisch eingekleidet, aber mehr nur durch feststehende
    phantastische Formeln ausgedrückt, als zu Poëmen ausgebaut. Ein
    erträglicher Zustand wurde aber erst erreicht, als ich Patientin für
    eine Woche in die Stadt hereinkommen liess und ihr nun Abend für
    Abend 3–5 Geschichten abrang. Als ich damit fertig war, war alles
    aufgearbeitet, was sich in den Wochen meiner Abwesenheit aufgehäuft
    hatte. Nun erst stellte sich jener Rhythmus ihres psychischen Be-
    findens wieder her, dass sie am Tag nach einer Aussprache liebens-
    würdig und heiter, am zweiten reizbarer und unangenehmer und am
    dritten recht „zuwider“ war. Ihr moralischer Zustand war eine Function
    der seit der letzten Aussprache verflossenen Zeit, weil jedes spontane
    Product ihrer Phantasie und jede von dem kranken Theil ihrer
    Psyche aufgefasste Begebenheit, als psychischer Reiz solange fort-
    wirkte, bis es in der Hypnose erzählt, hiemit aber auch die Wirksamkeit
    völlig beseitigt war.

    Als Patientin im Herbst wieder in die Stadt kam (in eine andere
    Wohnung als die, in der sie erkrankt war), war der Zustand erträglich,

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    sowohl körperlich als geistig, indem recht wenig, eigentlich nur ein-
    greifendere Erlebnisse, krankhaft zu psychischen Reizen verarbeitet
    wurde. Ich hoffte eine fortlaufend zunehmende Besserung, wenn durch
    regelmäßige Aussprache die dauernde Belastung ihrer Psyche mit
    neuen Reizen verhindert wurde. Zunächst wurde ich enttäuscht. Im
    December verschlimmerte sich ihr psychischer Zustand wesentlich, sie
    war wieder aufgeregt, traurig verstimmt, reizbar und hatte kaum
    mehr „ganz gute Tage“, auch wenn nichts Nachweisbares in ihr
    „steckte“. Ende December, in der Weihnachtszeit, war sie besonders
    unruhig und erzählte dann durch die ganze Woche Abends nichts
    Neues, sondern die Phantasmen, die sie unter der Herrschaft starker
    Angstaffecte in der Festzeit 1880 Tag für Tag ausgearbeitet hatte.
    Nach Beendigung der Serie grosse Erleichterung.

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    Es hatte sich nun gejährt, dass sie vom Vater getrennt, bett-
    lägerig geworden war, und von da an klärte und systemisirte sich der
    Zustand in sehr eigenthümlicher Weise. Die beiden Bewusstseins-
    zustände, die alternirend bestanden, immer so, dass vom Morgen an
    mit vorschreitendem Tage die Absencen, d. h. das Auftreten der
    condition seconde immer häufiger ward und Nachts nur diese allein
    bestand, – die beiden Zustände differirten nicht bloss wie früher
    darin, dass sie in dem einen (ersten) normal und im zweiten alienirt
    war, sondern sie lebte im ersten wie wir andern im Winter 81–82;
    im zweiten Zustand aber im Winter 80–81 und alles später Vor-
    gefallene war darin völlig vergessen. Nur das Bewusstsein davon, dass der
    Vater gestorben sei, schien meist doch zu bestehen. Die Rückversetzung
    in das vorhergegangene Jahr geschah so intensiv, dass sie in der
    neuen Wohnung ihr früheres Zimmer hallucinirte und, wenn sie zur
    Thüre gehen wollte, an den Ofen anrannte, der nun zum Fenster so
    stand wie in der alten Wohnung die Zimmerthüre. Der Umschlag aus
    einem Zustand in den andern erfolgte spontan, konnte aber mit der
    grössten Leichtigkeit hervorgerufen werden durch irgend einen Sinnes-
    eindruck, der lebhaft an das frühere Jahr erinnerte. Es genügte, ihr
    eine Orange vorzuhalten, (ihre Hauptnahrung während der ersten Zeit
    ihrer Erkrankung), um sie aus dem Jahr 1882 ins Jahr 1881 hinüber-
    zuwerfen. Diese Rückversetzung in vergangene Zeit erfolgte aber nicht
    in allgemeiner und unbestimmter Weise, sondern sie durchlebte Tag für
    Tag den vorhergegangenen Winter. Ich hätte das nur vermuthen
    können, wenn sie nicht täglich in der Abendhypnose sich das ab-
    gesprochen hätte, was 1881 an diesem Tag sie erregt hatte, und

  • S.

    26

    wenn nicht ein geheimes Tagebuch der Mutter aus dem Jahre 1881
    die unverbrüchliche Richtigkeit der zu Grunde liegenden Thatsachen
    bewiesen hätte. Dieses Wiedererleben des verflossenen Jahres
    dauerte fort bis zum definitiven Abschluß der Krankheit im Juni 1882.

    Dabei war es sehr interessant zu sehen, wie auch diese wieder-
    auflebenden psychischen Reize aus dem zweiten Zustand in den ersten,
    normaleren herüberwirkten. Es kam vor, daß die Kranke mir am
    Morgen lachend sagte, sie wisse nicht, was sie habe, sie sei böse auf
    mich; dank dem Tagebuch wußte ich, um was es sich handelte und
    was auch richtig in der Abendhypnose wieder durchgemacht wurde.
    Ich hatte Patientin im Jahre 1881 an diesem Abend sehr geärgert.
    Oder sie sagte, es sei was mit ihren Augen los, sie sehe die Farben
    falsch; sie wisse, daß ihr Kleid braun sei, und doch sehe sie es blau.
    Es zeigte sich alsbald, daß sie alle Farben der Prüfungspapiere
    richtig und scharf unterschied, und daß die Störung nur an dem
    Stoff ihres Kleides hafte. Der Grund war, daß sie sich 1881 in diesen
    Tagen sehr mit einem Schlafrock für den Vater beschäftigt hatte, an
    dem derselbe Stoff, aber blau, verwendet war. Auch war dabei
    oft ein Vorwirken dieser auftauchenden Erinnerungen deutlich, indem
    die Störung des normalen Zustandes schon früher eintrat, während
    die Erinnerung erst allmählich für die condition seconde erwachte.

    War die Abendhypnose schon hiedurch reichlich belastet, da
    nicht bloss die Phantasmen frischer Production, sondern auch die
    Erlebnisse und die „vexations“ von 1881 abgesprochen werden mußten,
    (die Phantasmen von 1881 hatte ich glücklicherweise schon damals
    abgenommen), so nahm die von Patientin und Arzt zu leistende
    Arbeitssumme noch enorm zu durch eine dritte Reihe von Einzel-
    störungen, die ebenfalls auf diese Weise erledigt werden mußten,
    die psychischen Ereignisse der Krankheitsincubation von Juli
    bis December 1880, welche die gesammten hysterischen Phänomene
    erzeugt hatten und mit deren Aussprache die Symptome verschwanden.

    Als das erstemal durch ein zufälliges, unprovocirtes Aussprechen
    in der Abendhypnose eine Störung verschwand, die schon länger
    bestanden hatte, war ich sehr überrascht. Es war im Sommer eine
    Zeit intensiver Hitze gewesen, und Patientin hatte sehr arg durch
    Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr
    plötzlich unmöglich geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas
    Wasser in die Hand, aber so wie es die Lippen berührte, stiess sie
    es weg wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese

  • S.

    27

    paar Secunden in einer Absence. Sie lebte nur von Obst, Melonen
    und dgl., um den qualvollen Durſt zu mildern. Als das etwa 6 Wochen
    gedauert hatte, raiſonnirte sie einmal in der Hypnoſe über ihre
    engliſche Geſellſchafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit
    allen Zeichen des Abſcheus, wie sie auf deren Zimmer gekommen
    sei, und da deren kleiner Hund, das ekelhafte Thier, aus einem Glas
    getrunken habe. Sie habe nichts geſagt, denn sie wolle höflich sein.
    Nachdem sie ihrem stecken gebliebenen Aerger noch energiſch Aus-
    druck gegeben, verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine
    groſse Menge Waſſer und erwachte aus der Hypnoſe mit dem Glas
    an den Lippen. Die Störung war damit für immer verſchwunden.
    Ebenſo ſchwanden ſonderbare hartnäckige Marotten, nachdem das
    Erlebniſs erzählt, war, welches dazu den Anlaſs gegeben hatte. Ein
    groſser Schritt war aber geſchehen, als auf dieſelbe Weiſe als erſtes
    der Dauersymptome die Contractur des rechten Beines geſchwunden
    war, die allerdings ſchon vorher ſehr abgenommen hatte. Aus dieſen
    Erfahrungen, daſs die hyſteriſchen Phänomene bei dieſer Kranken
    verſchwanden, sobald in der Hypnoſe das Ereigniſs reproducirt war,
    welches das Symptom veranlaſst hatte, – daraus entwickelte ſich
    eine therapeutiſche techniſche Procedur, die an logiſcher Consequenz
    und systematischer Durchführung nichts zu wünſchen lieſs. Jedes
    einzelne Symptom dieſes verwickelten Krankheitsbildes wurde für ſich
    vorgenommen; die ſämmtlichen Anläſse, bei denen es aufgetreten war,
    in umgekehrter Reihenfolge erzählt, beginnend mit den Tagen, bevor
    Patientin bettlägerig geworden, nach rückwärts bis zu der Veranlaſſung
    des erſtmaligen Auftretens. War dieſes erzählt, ſo war das Symptom
    damit für immer behoben.

    So wurden die Contracturparesen und Anästhesien, die ver-
    ſchiedenſten Seh- und Hörſtörungen, Neuralgien, Huſten, Zittern und
    dgl. und ſchlieſslich auch die Sprachſtörungen „wegerzählt“. Als
    Sehſtörungen wurden z. B. einzeln erledigt: der Strabismus conv.
    mit Doppeltſehen; Ablenkung beider Augen nach rechts, ſo daſs die
    zugreifende Hand immer links neben das Object greift; Geſichtsfeld-
    einſchränkung; centrale Amblyopie; Makropsie; Sehen eines Todten-
    kopfs an Stelle des Vaters; Unfähigkeit zu leſen. Dieſer Analyse
    entzogen blieben nur einzelne Phänomene, die ſich während des
    Krankenlagers entwickelt hatten, wie die Ausbreitung der Contractur-
    pareſe auf die linke Seite, und die wahrſcheinlich auch wirklich keine
    directe psychiſche Veranlaſſung hatten.

  • S.

    28

    Es erwies sich als ganz unthunlich, die Sache abzukürzen, indem
    man direct die erste Veranlassung der Symptome in ihre Erinnerung
    zu evociren suchte. Sie fand sie nicht, wurde verwirrt, und es ging
    noch langsamer, als wenn man sie ruhig und sicher den aufgenommenen
    Erinnerungsfaden nach rückwärts abhaspeln liess. Da das aber in der
    Abendhypnose zu langsam gieng, weil die Kranke von der „Aussprache“
    der zwei andern Serien angestrengt und zerstreut war, auch wohl die
    Erinnerungen Zeit brauchten, um in voller Lebhaftigkeit sich zu ent-
    wickeln, so bildete sich die folgende Procedur heraus. Ich suchte sie
    am Morgen auf, hypnotisirte sie (es waren sehr einfache Hypnose-
    proceduren empirisch gefunden worden) und fragte sie nun unter
    Concentration ihrer Gedanken auf das eben behandelte Symptom um
    die Gelegenheiten, bei denen es aufgetreten war. Patientin bezeichnete
    nun in rascher Folge mit kurzen Schlagworten diese äusseren Ver-
    anlassungen, die ich notirte. In der Abendhypnose erzählte sie dann,
    unterstützt durch die notirte Reihenfolge, ziemlich ausführlich die
    Begebenheiten. Mit welcher, in jedem Sinn, erschöpfenden Gründ-
    lichkeit das geschah, mag ein Beispiel zeigen. Es war immer vor-
    gekommen, dass Patientin nicht hörte, wenn man sie ansprach. Dieses
    vorübergehende Nichthören differenzirte sich in folgender Weise:
     

    a) Nicht hören, dass jemand eintrat, in Zerstreutheit. 108 einzeln
    detaillirte Fälle davon; Angabe der Personen und Umstände, oft
    des Datums; als erster, dass sie ihren Vater nicht eintreten
    gehört.

    b) Nicht verstehen, wenn mehrere Personen sprechen, 27mal, das
    erstemal wieder der Vater und ein Bekannter.

    c) Nicht hören, wenn allein, direct angesprochen 50mal. Ursprung,
    dass sie um Wein angesprochen.

    d) Taubwerden durch Schütteln (im Wagen oder dgl.) 15mal;
    Ursprung, dass ihr junger Bruder sie im Streit geschüttelt, als
    er sie Nachts an der Thür des Krankenzimmers lauschend
    ertappte.

    e) Taubwerden vor Schreck über ein Geräusch, 37mal; Ursprung
    ein Erstickungsanfall des Vaters durch Verschlucken.

    f) Taubwerden in tiefer Absence, 12mal.

    g) Taubwerden durch langes Horchen und Lauschen, so dass sie
    dann angesprochen nicht hörte, 54mal.

    Natürlich sind all diese Vorgänge grossentheils identisch, indem
    sie sich auf die Zerstreutheit – Absence oder auf Schreckaffect

  • S.

    29

    zurückführen lassen. Sie waren aber in der Erinnerung der Kranken
    so deutlich getrennt, dass, wenn sie sich einmal in der Reihenfolge
    irrte, die richtige Ordnung corrigirend hergestellt werden musste,
    sonst stockte das Referat. Die erzählten Begebenheiten liessen in
    ihrer Interesse-
    und Bedeutungslosigkeit und bei der Präcision der
    Erzählung den Verdacht nicht aufkommen, sie seien erfunden. Viele
    dieser Vorfälle, als rein innere Erlebnisse, entzogen sich der Controle.
    An andere oder die begleitenden Umstände erinnerte sich die Um-
    gebung der Kranken.

    Es geschah auch hier, was regelmässig zu beobachten war,
    während ein Symptom „abgesprochen“ wurde: dieses trat mit erhöhter
    Intensität auf, während es erzählt wurde. So war Patientin während der Ana-
    lyse des Nichthörens so taub, dass ich theilweise schriftlich mich mit
    ihr verständigen musste. Regelmässig war der erste Anlass irgend ein
    Schrecken, den sie bei der Pflege der Vaters erlebt, ein Uebersehen
    ihrerseits oder dgl.

    Nicht immer ging das Erinnern leicht von statten, und manch-
    mal musste die Kranke gewaltige Anstrengungen machen. So stockte
    einmal der ganze Fortgang eine zeitlang, weil eine Erinnerung nicht
    auftauchen wollte; es handelte sich um eine der Kranken sehr
    schreckliche Hallucination, sie hatte ihren Vater, den sie pflegte, mit
    einem Todtenkopfe gesehen. Sie und ihre Umgebung erinnerten, dass
    sie einmal, noch in scheinbarer Gesundheit, einen Besuch bei einer
    Verwandten gemacht, die Thür geöffnet habe und sogleich bewusstlos
    niedergefallen sei. Um nun das Hinderniss zu überwinden, ging sie jetzt
    wieder dorthin und stürzte wieder beim Eintritt ins Zimmer bewusst-
    los zu Boden. In der Abendhypnose war dann das Hinderniss über-
    wunden; sie hatte beim Eintritt in dem der Thür gegenüberstehenden
    Spiegel ihr bleiches Gesicht erblickt, aber nicht sich, sondern ihren
    Vater mit einem Todtenkopf gesehen. – Wir haben oft beobachtet,
    dass die Furcht vor einer Erinnerung, wie es hier geschehen, ihr
    Auftauchen hemmt, und dieses durch Patientin oder Arzt erzwungen
    werden muss.

    Wie stark die innere Logik der Zustände war, zeigte unter
    anderem folgendes. Patientin war, wie bemerkt, in dieser Zeit Nachts
    immer in ihrer „condition seconde“, also im Jahre 1881. Einmal
    erwachte sie in der Nacht, behauptete, sie sei wieder von Hause weg-
    gebracht worden, kam in einen schlimmen Aufregungszustand, der
    das ganze Haus alarmirte. Der Grund war einfach. Am vorhergehenden

  • S.

    30

    Abend war durch „talking cure“ ihre Sehstörung geschwunden und
    zwar auch für die condition seconde. Als sie nun Nachts erwachte,
    fand sie sich in einem ihr unbekannten Zimmer, denn die Familie
    hatte seit Frühjahr 1881 die Wohnung gewechselt. Diese recht un-
    angenehmen Zufälle wurden verhindert, da ich ihr (auf ihre Bitte)
    Abends immer die Augen schloss mit der Suggestion, sie könne sie
    nicht öffnen, bis ich selbst es am Morgen thun würde. Nur einmal
    wiederholte sich der Lärm, als Patientin im Traum geweint und er-
    wachend die Augen geöffnet hatte.

    Da sich diese mühevolle Analyse der Symptome auf die Sommer-
    monate 1880 bezog, während welcher sich die Erkrankung vorbereitete,
    gewann ich einen vollen Einblick in die Incubation und Pathoge-
    nese dieser Hysterie, die ich nun kurz darlegen will.

    Juli 1880 war der Vater der Kranken auf dem Lande an einem
    subpleuralen Abcess schwer erkrankt; Anna theilte sich mit der Mutter
    in die Pflege. Einmal wachte sie Nachts in grosser Angst um den
    hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg
    zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit
    entfernt, und Anna sass am Krankenbette, den rechten Arm über die
    Stuhllehne gelegt. Sie gerieth in einen Zustand von Wachträumen und
    sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken
    näherte, um ihn zu beissen. (Es ist sehr wahrscheinlich, dass auf der
    Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die
    das Mädchen früher schon erschrocken war, und die nun das Material
    der Hallucination abgaben.) Sie wollte das Thier abwehren, war aber
    wie gelähmt; der rechte Arm, über der Stuhllehne hängend, war „ein-
    geschlafen“, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn
    betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit
    Todtenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange
    mit dem gelähmten rechten Arm zu verjagen, und dadurch trat die
    Anästhesie und Lähmung derselben in Association mit der Schlangen-
    hallucination. – Als diese geschwunden war, wollte sie in ihrer
    Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner
    sprechen, bis sie endlich einen englischen Kindervers fand und
    nun auch in dieser Sprache fortdenken und beten konnte.

    Der Pfiff der Locomotive, die den erwarteten Arzt brachte, unter-
    brach den Spuk. Aber als sie andern Tags einen Reifen aus dem
    Gebüsch nehmen wollte, in das er beim Spiel geworfen worden war,
    rief ein gebogener Zweig die Schlangenhallucination wieder hervor,

  • S.

    31

    und zugleich damit wurde der rechte Arm steif gestreckt. Dieß
    wiederholte sich nun immer, so oft ein mehr oder weniger schlangen-
    ähnliches Object die Hallucination provocirte. Diese aber wie die
    Contractur traten nur in den kurzen Absencen auf, die von jener Nacht
    an immer häufiger wurden. (Stabil wurde die Contractur erst im
    December, als Patientin, vollständig niedergebrochen, das Bett nicht
    mehr verlassen konnte.) Bei einem Anlaß, den ich nicht notirt finde
    und nicht erinnere, trat zur Contractur des Armes die des rechten
    Beines.

    Nun war die Neigung zu autohypnotischen Absencen geschaffen.
    An dem auf jene Nacht folgenden Tage versank sie im Warten auf den
    Chirurgen in solche Abwesenheit, daß er schließlich im Zimmer
    stand, ohne daß sie ihn kommen gehört hätte. Das constante Angst-
    gefühl hinderte sie am Essen und producirte allmählich intensiven Ekel.
    Sonst aber entstanden alle einzelnen hysterischen Symptome im Affect.
    Es ist nicht ganz klar, ob dabei immer eine vollkommene momentane
    Absence eintrat, es ist aber wahrscheinlich, weil Patientin im Wachen
    von dem ganzen Zusammenhang nichts wußte.

    Manche Symptome aber scheinen nicht in der Absence, sondern
    nur im Affecte im wachen Zustande aufgetreten zu sein, wiederholten
    sich aber dann ebenso. So wurden die Sehstörungen sämmtlich auf
    einzelne, mehr minder klar determinirende Anlässe zurückgeführt,
    z. B. in der Art, daß Patientin, mit Thränen im Auge, am Kranken-
    bett sitzend, plötzlich vom Vater gefragt wurde, wie viel Uhr es sei,
    undeutlich sah, sich anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte und
    nun das Zifferblatt sehr groß erschien (Makropsie und Strabismus
    conv.); oder Anstrengungen machte, die Thränen zu unterdrücken, damit
    sie der Kranke nicht sehe.

    Ein Streit, in dem sie ihre Antwort unterdrückte, verursachte
    einen Glottiskrampf, der sich bei jeder ähnlichen Veranlassung
    wiederholte.

    Die Sprache versagte a) aus Angst, seit der ersten nächtlichen
    Hallucination, b) seit sie einmal wieder eine Aeußerung unterdrückte
    (active Hemmung), c) seit sie einmal ungerecht gescholten worden war,
    d) bei allen analogen Gelegenheiten (Kränkung). Husten trat das erstemal
    ein, als während der Krankenwache aus einem benachbarten Hause
    Tanzmusik herübertönte und der aufsteigende Wunsch, dort zu sein,
    ihr Selbstvorwürfe erweckte. Seitdem reagirte sie ihre ganze Krank-

  • S.

    32

    heitszeit hindurch auf jede stark rhythmírte Musik mit einer Tussis
    nervosa.

    Ich bedauere nicht allzusehr, dass die Unvollständigkeit meiner
    Notizen es unmöglich macht, hier sämmtliche Hysterica auf ihre
    Veranlassungen zurückzuführen. Patientin that es bei allen, mit der
    oben erwähnten Ausnahme, und jedes Symptom war, wie geschildert,
    nach der Erzählung des ersten Anlasses verschwunden.

    Auf diese Weise schloss auch die ganze Hysterie ab. Die Kranke
    hatte sich selbst den festen Vorsatz gebildet, am Jahrestag ihrer
    Transferirung auf das Land müsse sie mit allem fertig sein. Sie
    betrieb darum Anfangs Juni die „talking cure“ mit grosser, aufregender
    Energie. Am letzten Tage reproducirte sie mit der Nachhilfe, dass sie das
    Zimmer so arrangirte, wie das Krankenzimmer ihres Vaters gewesen
    war, die oben erzählte Angsthullucination, welche die Wurzel der
    ganzen Erkrankung gewesen war, und in der sie nur englisch hatte
    denken und beten können; sprach unmittelbar darauf deutsch und
    war nun frei von all den unzähligen einzelnen Störungen, die sie
    früher dargeboten hatte. Dann verliess sie Wien für eine Reise,
    brauchte aber doch noch längere Zeit, bis sie ganz ihr psychisches
    Gleichgewicht gefunden hatte. Seitdem erfreut sie sieh vollständiger
    Gesundheit.

    So viel nicht uninteressanter Einzelheiten ich auch unterdrückt
    habe, ist doch die Krankengeschichte der Anna O… umfangreicher
    geworden, als eine an sich nicht ungewöhnliche hysterische Erkrankung
    zu verdienen scheint. Aber die Darstellung des Falles war unmöglich
    ohne Eingehen ins Detail, und die Eigenthümlichkeiten desselben
    scheinen mir von einer Wichtigkeit, welche das ausführliche Referat
    entschuldigen dürfte. Auch die Echinodermeneneier sind für die Embryo
    logie nicht deshalb so wichtig, weil etwa der Seeigel ein besonders
    interessantes Thier wäre, sondern weil ihr Protoplasma durchsichtig
    ist, und man aus dem, was man an ihnen sehen kann, auf das schliesst,
    was an den Eiern mit trübem Plasma auch vorgehen dürfte.

    In der weitgehenden Durchsichtigkeit und Erklärbarkeit seiner
    Pathogenese scheint mir vor allem das Interesse dieses Falles zu liegen.

    Als disponirend zur hysterischen Erkrankung finden wir bei
    dem noch völlig gesunden Mädchen zwei psychische Eigenthümlich-
    keiten:

  • S.

    33

    1. den in monotonem Familienleben und ohne entsprechende
    geistige Arbeit unverwendeten Ueberschuss von psychischer Reg-
    samkeit und Energie, der sich in fortwährendem Arbeiten der Phan-
    tasie entladet und

    2. das habituelle Wachträumen („Privattheater“) erzeugt, womit
    der Grund gelegt wird zur Dissociation der geistigen Persönlichkeit.
    Immerhin bleibt auch diese noch in den Grenzen des Normalen;
    Träumerei, wie Meditation während einen mehr minder mechanischen
    Beschäftigung bedingt an sich noch keine pathologische Spaltung
    des Bewusstseins, weil jede Störung darin, jeder Anruf z. B., die
    normale Einheit desselben wieder herstellt und wohl auch keine
    Amnesie besteht. Doch wurde dadurch bei Anna O. der Boden ge-
    schaffen, auf dem in der geschilderten Weise der Angst- und Er-
    wartungsaffect sich festsetzte, nachdem er einmal die habituelle Träumerei
    in eine halluciniratorische Absence ungeschaffen hatte. Es ist merkwürdig,
    wie vollkommen in dieser ersten Manifestation der beginnenden Er-
    krankung schon die Hauptzüge auftreten, welche dann durch fast
    2 Jahre constant bleiben: die Existenz eines 2. Bewusstseinszustandes,
    der sich, zuerst als vorübergehende Absence auftretend, später zur
    double conscience organisirt; die Sprachhemmung, bedingt durch den
    Angstaffect, mit der zufälligen Entladung durch einen englischen
    Kindervers; später Paraphasie und Verlust der Muttersprache, die
    durch vortreffliches Englisch ersetzt wird; endlich die zufällige Druck-
    lähmung des rechten Armes, welche sich später zur rechtseitigen
    Contracturparese und Anästhesie entwickelt. Der Entstehungsmechanismus
    dieser letztern Affection entspricht vollständig der Charcot’schen
    Theorie von der traumatischen Hysterie: hypnotischer Zustand, in
    welchem ein leichtes Trauma erfolgt.

    Aber während bei den Kranken, an welchen Charcot die hysterische
    Lähmung experimentell erzeugte, diese alsbald stabilisirt bleibt, und
    bei den durch ein schweres Schreck-Trauma erschütterten Trägern
    traumatischer Neurosen sich bald einstellt, leistete das Nervensystem
    unseres jungen Mädchens noch durch 4 Monate erfolgreichen Wider-
    stand. Die Contractur, wie die andern, allmählich sich dazu gesellenden
    Störungen traten nur in den momentanen Absencen, in der „condition
    seconde“ ein und liessen Patientin während des normalen Zustandes
    im Vollbesitze ihres Körpers und ihrer Sinne, so dass weder sie selbst
    etwas davon wusste, noch die Umgebung etwas sah, deren Aufmerk-

  • S.

    34

    samkeit allerdings auf den schwer kranken Vater concentrirt und da
    durch abgelenkt war.

    Indem aber seit jener ersten hallucinatoriſchen Autohypnoſe sich
    die Absencen mit völliger Amnesie und begleitenden hysterischen
    Phänomenen häuften, vermehrten sich die Gelegenheiten zur Bildung
    neuer solcher Symptome und befestigten sich die schon gebildeten
    in häufiger Wiederholung. Dazu kam, daß allmählich jeder peinliche,
    plötzliche Affect ebenso so wirkte wie die Absence (wenn er nicht
    doch vielleicht immer momentane Absence erzeugte); zufällige Coïn-
    cidenzen bildeten pathologische Aſſociationen, Sinnes- oder motorische
    Störungen, die von da an mit dem Affect zugleich wieder auftraten.
    Aber noch immer nur momentan, vorübergehend; bevor Patientin bett-
    lägerig wurde, hatte sie bereits die ganze große Sammlung hysterischer
    Phänomene entwickelt, ohne daß jemand davon wußte. Erst da die
    Kranke, auf’s äußerste geschwächt durch die Inanition, die Schlaf-
    losigkeit und den fortdauernden Angſtaffect, völlig niedergebrochen war,
    als sie mehr Zeit in der „condition seconde“ sich befand, als in
    normalem Zustande, griffen die hysterischen Phänomene auch in diesen
    hinüber und verwandelten sich aus anfallsweise auftretenden Er-
    scheinungen in Dauersymptome.

    Man muß nun die Frage aufwerfen, in wie weit die Angaben
    der Kranken zuverlässig sind, und die Phänomene wirklich die von
    ihr bezeichnete Entstehungsart und Veranlassung gehabt haben. Was
    die wichtigeren und grundlegenden Vorgänge betrifft, so steht die Zu-
    verlässigkeit des Berichtes für mich außer Frage. Auf das Verschwinden
    der Symptome, nachdem sie „aberzählt“ waren, berufe ich mich hiefür
    nicht; das wäre ganz wohl durch Suggestion zu erklären. Aber ich
    habe die Kranke immer vollkommen wahrheitsgetreu und zuverlässig
    gefunden; die erzählten Dinge hingen innig mit dem zusammen, was
    ihr das Heiligste war; alles, was einer Controlirung durch andere
    Personen zugänglich war, bestätigte sich vollkommen. Auch das
    begabteste Mädchen wäre wohl nicht im Stande, ein System von Angaben
    auszubauen, dem eine so große innere Logik eigen wäre, wie es bei
    der hier dargelegten Entwicklungsgeschichte ihrer Krankheit der Fall
    ist. Das aber ist von vorne herein nicht abzuweisen, daß sie eben in
    der Consequenz dieser Logik manchem Symptom eine Veranlassung
    zugeschoben hätte (im besten Glauben), die in Wirklichkeit nicht
    bestand. Aber ich halte auch diese Vermuthung nicht für richtig.
    Gerade die Bedeutungslosigkeit so vieler Anläſſe, das Irrationale so

  • S.

    35

    vieler Zusammenhänge spricht für ihre Realität. Der Kranken war es
    unverständlich, wieso Tanzmusik sie husten mache. Für eine will-
    kürliche Construction ist das zu sinnlos. Ich allerdings konnte mir
    denken, dass jeder Gewissensskrupel ihr notorisch Glottiskrampf ver-
    ursachte, und die motorischen Impulse, die das sehr tanzlustige Mädchen
    empfand, diesen Glottiskrampf in eine tussis nervosa verwandelten.
    Ich halte also die Angaben der Kranken für ganz zuverlässig und
    wahrheitsgetreu.

    Wie weit ist nun die Vermuthung berechtigt, dass auch bei
    andern Kranken die Entwicklung der Hysterie analog sei, dass Aehnliches
    auch dort vorkomme, wo sich keine so deutlich geschiedene „condition
    seconde“ organisirt? Ich möchte hiefür darauf hinweisen, dass diese
    ganze Geschichte der Krankheitsentwicklung auch bei unserer Patientin
    vollständig unbekannt geblieben wäre, ihr selbst wie dem Arzte, hätte
    sie nicht die Eigenthümlichkeit gehabt, in der geschilderten Weise,
    sich in der Hypnose zu erinnern und das Erinnerte zu erzählen. Im
    Wachen wusste sie von all dem nichts. Wie es sich bei Andern damit
    verhält, ist also aus dem Krankenexamen der wachen Person nie zu
    entnehmen, da sie mit bestem Willen keine Auskunft geben kann.
    Und wie wenig die Umgebung von all den Vorgängen beobachten
    konnte, habe ich schon oben bemerkt. – Wie es sich bei andern
    Kranken verhalte, konnte also nur durch ein ähnliches Verfahren
    erkannt werden, wie es bei Anna O., die Autohypnosen an die Hand
    gegeben hatten. Zunächst war nur die Vermuthung berechtigt, ähn-
    liche Vorgänge dürften häufiger sein, als unsere Unkenntniss des
    pathogenen Mechanismus annehmen liess.

    Als die Kranke bettlägerig geworden war und ihr Bewusstsein
    fortwährend zwischen dem normalen und dem „zweiten“ Zustand
    oscillirte, das Heer der einzeln entstandenen und bis dahin latenten
    hysterischen Symptome sich als Dauersymptome manifestirte, gesellte
    sich zu diesen noch eine Gruppe von Erscheinungen, die andern
    Ursprungs scheinen, die Contracturlähmung der linkseitigen Extre-
    mitäten und die Parese der Kopfheber. Ich trenne sie von den andern
    Phänomenen ab, weil sie, nachdem sie einmal geschwunden waren,
    nie, auch nicht anfalls- oder andeutungsweise, wieder erschienen, auch
    nicht in der Abschluss- und Abheilungsphase, in der alle andern
    Symptome nach längerem Schlummer wieder auflebten. Dem entspre-
    chend kamen sie auch in den hypnotischen Analysen nie vor und wurden
    sie nicht auf affective oder phantastische Anlässe zurückgeführt. Ich

  • S.

    36

    möchte darum glauben, daß sie nicht demselben psychischen Vorgang
    ihr Dasein dankten wie die andern Symptome, sondern der secundären
    Ausbreitung jenes unbekannten Zustandes, der die somatische Grund-
    lage der hysterischen Phänomene ist.

    Während des ganzen Krankheitsverlaufes bestanden die zwei
    Bewußtseinszustände neben einander, der primäre, in welchem Patientin
    psychisch ganz normal war, und der „zweite“ Zustand, den wir wohl
    mit dem Traum vergleichen können, entsprechend seinem Reichthum
    an Phantasmen, Hallucinationen, den großen Lücken der Erinnerung,
    der Hemmungs-
    und Controſelosigkeit der Einfälle. In diesem zweiten
    Zustand war Patientin alienirt. Es scheint mir nun guten Einblick in
    das Wesen mindestens einer Art von hysterischen Psychosen zu
    gewähren, daß der psychische Zustand der Kranken durchaus abhängig
    war von dem Hereinragen dieses zweiten Zustandes in den normalen.
    Jede Abendhypnose lieferte den Beweis, daß die Kranke völlig klar,
    geordnet, und in ihrem Empfinden und Wollen normal war, wenn kein
    Product des zweiten Zustandes „im Unbewußten“ als Reiz wirkte;
    die eclatante Psychose bei jeder größern Pause in dieser Entlastungs-
    procedur bewies, in welchem Ausmaasse eben diese Producte die
    psychischen Vorgänge des „normalen“ Zustandes beeinflussten. Es ist
    schwer, dem Ausdruck aus dem Wege zu gehen, die Kranke sei in
    zwei Persönlichkeiten zerfallen, von denen die eine psychisch normal
    und die andere geisteskrank war. Ich meine, dass die scharfe Trennung
    der beiden Zustände bei unserer Kranken ein Verhalten nur deutlich
    machte, das auch bei vielen andern Hysterischen Ursache so mancher
    Räthsel ist. Bei Anna O… war besonders auffallend, wie sehr die
    Producte des „schlimmen Ichs“, wie die Kranke selbst es nannte,
    ihren moralischen Habitus beeinflussten. Wären sie nicht fortlaufend
    weggeschafft worden, so hätte man in ihr eine Hysterica von der bös-
    artigen Sorte gehabt, widerspenstig, träge, unliebenswürdig, boshaft;
    während so, nach Entfernung dieser Reize, immer wieder sogleich
    ihr wahrer Charakter zum Vorschein kam, der von all dem das Gegen-
    theil war.

    Aber so scharf die beiden Zustände getrennt waren, es ragte
    nicht bloss der „zweite Zustand“ in den ersten herein, sondern es sass,
    wie Patientin sich ausdrückte, mindestens häufig auch bei ganz
    schlimmen Zuständen in irgend einem Winkel ihres Gehirns ein
    scharfer und ruhiger Beobachter, der sich das tolle Zeug ansah.
    Diese Fortexistenz klaren Denkens während des Vorwaltens der

  • S.

    37

    Psychose gewann einen sehr merkwürdigen Ausdruck; als Patientin
    nach Abschluss der hysterischen Phänomene in einer vorübergehenden
    Depression war, brachte sie unter andern kindischen Befürchtungen
    und Selbstanklagen auch die vor, sie sei gar nicht krank, und alles
    sei nur simulirt gewesen. Aehnliches ist bekanntlich schon mehrfach
    vorgekommen.

    Wenn nach Ablauf der Krankheit die beiden Bewusstseinszustände
    wieder in einen zusammengeflossen sind, sehen sich die Patienten beim
    Rückblick als die eine ungetheilte Persönlichkeit, die von all dem
    Unsinn gewusst hat, und meinen, sie hätten ihn hindern können, wenn
    sie gewollt hätten, also hätten sie den Unfug absichtlich verübt. –
    Diese Persistenz normalen Denkens während des zweiten Zustandes
    dürfte übrigens quantitativ enorm geschwankt und grossentheils auch
    nicht bestanden haben.

    Die wunderbare Thatsache, dass vom Beginn bis zum Abschluss
    der Erkrankung alle aus dem zweiten Zustand stammenden Reize und
    ihre Folgen durch das Aussprechen in der Hypnose dauernd beseitigt
    wurden, habe ich bereits geschildert und dem nichts hinzuzusetzen,
    als die Versicherung, dass es nicht etwa meine Erfindung war, die ich
    der Patientin suggerirt hätte; sondern ich war auf’s höchste davon
    überrascht, und erst als eine Reihe spontaner Erledigungen erfolgt
    waren, entwickelte sich mir daraus eine therapeutische Technik.

    Einige Worte verdient noch die schliessliche Abheilung der
    Hysterie. Sie erfolgte in der geschilderten Weise unter namhafter
    Beunruhigung der Kranken und Verschlechterung ihres psychischen
    Zustandes. Man hatte durchaus den Eindruck, es sei die Menge von
    Producten des zweiten Zustandes, die geschlummert haben, nun ins
    Bewusstsein drängen; erinnert werden, wenn auch wieder zunächst in
    der „condition seconde“, aber den normalen Zustand belasten und
    beunruhigen. Es wird in Betracht zu ziehen sein, ob nicht auch in
    andern Fällen eine Psychose, mit welcher eine chronische Hysterie
    abschliesst, denselben Ursprung hat.


    II. Frau Emmy v. N..., 40 Jahre, aus Livland (Freud).

    Am 1. Mai 1889 wurde ich der Arzt einer etwa 40jährigen Dame,
    deren Leiden wie deren Persönlichkeit mir soviel Interesse einflössten, dass
    ich ihr einen grossen Theil meiner Zeit widmete und mir ihre Herstellung