II. Krankengeschichten1895-005/1895/2
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    stellung aufheben, als ob sie gar nie angelangt wäre; es gelingt ihm
    aber nur, sie psychisch zu isoliren.

    In der Geschichte unserer Patientin entspricht der traumatische
    Moment jener Scene, die ihr der Director wegen des Küssens der
    Kinder machte. Diese Scene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche
    Wirkung, vielleicht dass Verstimmung und Empfindlichkeit damit be-
    gannen, ich weiss nichts darüber –; die hysterischen Symptome ent-
    standen erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre“ bezeichnen
    kann, und die man dadurch charakterisiren möchte, dass in ihnen zeit-
    weilig die beiden getrennten psychischen Gruppen zusammenfliessen,
    wie im erweiterten somnambulen Bewusstsein. Der erste dieser
    Momente, in denen die Conversion stattfand, war bei Miss Lucy R. die
    Scene bei Tische, als der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte.
    Hier spielte die traumatische Erinnerung mit und sie benahm sich so,
    als hätte sie nicht alles, was sich auf ihre Neigung zu ihrem Herrn
    bezog, von sich gethan. In anderen Krankengeschichten fallen diese
    verschiedenen Momente zusammen, die Conversion geschieht unmittel-
    bar unter der Einwirkung des Traumas.

    Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den
    Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend die
    Einheit des Bewusstseins wieder her, und die Conversion geht den
    nämlichen Weg, der sich ihr das erste Mal eröffnet hatte. Interessant
    ist es, dass das zuzweit entstandene Symptom das erste deckt, so dass
    letzteres nicht eher klar empfunden wird, als bis das erstere weg-
    geschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir auch die Umkehrung der
    Reihenfolge, der sich auch die Analyse fügen muss. In einer ganzen
    Reihe von Fällen ist es mir ähnlich ergangen; die später entstandenen
    Symptome deckten die ersten und erst das letzte, zu dem die Analyse
    vordrang, enthielt den Schlüssel zum Ganzen.

    Die Therapie bestand hier in dem Zwang, der die Vereinigung
    der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewusstsein durch-
    setzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maass der ge-
    leisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt war, trat
    plötzlich Heilung ein.

    IV. Katharina
     

    In den Ferien des Jahres 189? machte ich einen Ausflug in
    die Hohen Tauern, um für eine Weile die Medicin und besonders die
    Neurosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines Tages

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    von der Hauptstrasse abwich, um einen abseits gelegenen Berg zu be-
    steigen, der als Aussichtspunkt und wegen seines gut gehaltenen Schutz-
    hauses gerühmt wurde. Nach anstrengender Wanderung oben angelangt,
    gestärkt und ausgeruht sass ich dann, in die Betrachtung einer ent-
    zückenden Fernsicht versunken, so selbstvergessen da, dass ich es erst
    nicht auf mich beziehen wollte, als ich die Frage hörte: „Ist der Herr
    ein Doctor?“ Die Frage galt aber mir und kam von dem etwa 18jährigen
    Mädchen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit bedient
    hatte und von der Wirthin „Katharina“ gerufen worden war. Nach ihrer
    Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine Magd, sondern musste
    wohl eine Tochter oder Verwandte der Wirthin sein.

    Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein
    Doctor. Woher wissen Sie das?“

    „Der Herr hat sich in’s Fremdenbuch eingeschrieben, und da hab’
    ich mir gedacht, wenn der Herr Doctor jetzt ein bischen Zeit hätte —, 
    ich bin nämlich nervenkrank und war schon einmal bei einem Doctor in L…,
    der hat mir auch etwas gegeben, aber gut ist mir noch nicht geworden.“

    Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas
    anderes konnte es sich bei dem grossen und kräftigen Mädchen mit der
    vergrämten Miene kaum handeln. Es interessirte mich, dass Neurosen
    in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten, ich fragte
    also weiter.

    Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so
    wieder, wie sie sich meinem Gedächtniss eingeprägt hat, und lasse der
    Patientin ihren Dialect.

    „An was leiden Sie denn?“

    „Ich hab’ so Athemnoth; nicht immer, aber manchmal packt’s mich
    so, dass ich glaube, ich erstick’.“

    Das klang nun zunächst nicht nervös, aber es wurde mir gleich
    wahrscheinlich, dass es nur eine ersetzende Bezeichnung für einen
    Angstanfall sein sollte. Aus dem Empfindungscomplex der Angst hob
    sie das eine Moment der Athemb-
    beengung ungebührlich hervor.

    „Setzen Sie sich her. Beschreiben Sie mir’s, wie ist denn so ein
    Zustand von „Athemnoth“?“

    „Es kommt plötzlich über mich. Dann legt’s sich zuerst wie ein
    Druck auf meine Augen, der Kopf wird so schwer und sausen thut’s,
    nicht auszuhalten, und schwindlich bin ich, dass ich glaub’, ich fall’
    um, und dann presst’s mir die Brust zusammen, dass ich keinen
    Athem krieg’.“

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    „Und im Hals spüren Sie nichts?“

    „Den Hals schnürt’s mir zusammen, als ob ich ersticken sollt?“

    „Und thut es sonst noch was im Kopf?“

    „Ja, hämmern thut es zum Zerspringen.“

    „Ja, und fürchten Sie sich gar nicht dabei?“

    „Ich glaub’ immer, jetzt muss ich sterben, und ich bin sonst
    couragirt, ich geh’ überall allein hin, in den Keller und hinunter
    über den ganzen Berg, aber wenn so ein Tag ist, an dem ich das hab’,
    dann trau’ ich mich nirgends hin, ich glaub’ immer, es steht jemand
    hinter mir und packt mich plötzlich an.“

    Es war wirklich ein Angstanfall, und zwar eingeleitet von den
    Zeichen der hysterischen Aura, oder besser gesagt, ein hysterischer
    Anfall, dessen Inhalt Angst war. Sollte kein anderer Inhalt dabei sein?

    „Denken Sie was, immer dasselbe, oder sehen Sie was vor sich,
    wenn Sie den Anfall haben?“

    „Ja, so ein grausliches Gesicht seh ich immer dabei, das mich
    so schrecklich anschaut, vor dem fürcht’ ich mich dann.“

    Da bot sich vielleicht ein Weg, rasch zum Kern der Sache vor-
    zudringen.

    „Erkennen Sie das Gesicht; ich mein’, ist das ein Gesicht, was
    Sie einmal wirklich gesehen haben?“ – „Nein.“

    „Wissen Sie, woher Sie die Anfälle haben?“ „Nein.“ – „Wann
    haben Sie die denn zuerst bekommen?“ – „Zuerst vor zwei Jahren,
    wie ich noch mit der Tant’ auf dem anderen Berg war, sie hat dort
    früher das Schutzhaus gehabt, jetzt sind wir seit 1½ Jahren hier, aber
    es kommt immer wieder.“

    Sollte ich hier einen Versuch der Analyse machen? Die Hypnose
    zwar wagte ich nicht in diese Höhen zu verpflanzen, aber vielleicht
    gelingt es im einfachen Gespräch. Ich musste glücklich rathen. Angst
    bei jungen Mädchen hatte ich so oft als Folge des Grausens erkannt,
    das ein virginales Gemüth befällt, wenn sich zuerst die Welt der
    Sexualität vor ihm aufthut.1)


    1)Ich will den Fall hier anführen, in welchem ich dies causale Verhältniss
    zuerst erkannte. Ich behandelte eine junge Frau an einer complicirten Neurose, die
    wieder einmal nicht zugeben wollte, dass sie sich ihr Leiden in ihrem ehelichen
    Leben geholt hatte. Sie wandte ein, dass sie schon als Mädchen an Anfällen von
    Angst gelitten habe, die in Ohnmacht ausgingen. Ich blieb standhaft. Als wir
    besser bekannt geworden waren, sagte sie mir plötzlich eines Tages: „Jetzt will
    ich Ihnen auch berichten, woher meine Angstzustände als junges Mädchen gekommen

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    Ich sagte also: „Wenn Sie’s nicht wissen, will ich Ihnen sagen,
    wovon ich denke, dass Sie Ihre Anfälle bekommen haben. Sie haben
    einmal, damals vor zwei Jahren, etwas gesehen oder gehört, was Sie sehr
    genirt hat, was Sie lieber nicht möchten gesehen haben.“

    Sie darauf: „Jesses ja, ich hab’ ja den Onkel bei dem Mädel
    erwischt, bei der Francisca, meiner Cousine!“

    „Was ist das für eine Geschichte mit dem Mädel? Wollen Sie
    mir die nicht erzählen?“

    „Einem Doctor darf man ja alles sagen. Also wissen Sie, der Onkel,
    er war der Mann von meiner Tant’, die Sie da gesehen haben, hat
    damals mit der Tant’ das Wirthshaus auf dem **kogel gehabt; jetzt
    sind sie geschieden, und ich bin Schuld daran, dass sie geschieden
    sind, weil’s durch mich aufgekommen ist, dass er’s mit der Francisca hält.“

    „Ja, wie sind Sie zu der Entdeckung gekommen?“

    „Das war so. Vor zwei Jahren sind einmal ein paar Herren herauf-
    gekommen und haben zu essen verlangt. Die Tant’ war nicht zu Haus’,
    und die Francisca war nirgends zu finden, die immer gekocht hat. Der
    Onkel war auch nicht zu finden. Wir suchen sie überall, da sagt der
    Bub, der Alois, mein Cousin: ‚Am End’ ist die Francisca beim Vatern‘.
    Da haben wir beide gelacht, aber gedacht haben wir uns nichts
    Schlechtes dabei. Wir gehen zum Zimmer, wo der Onkel gewohnt hat,
    das ist zugesperrt. Das war mir aber auffällig. Sagt der Alois: Am
    Gang ist ein Fenster, da kann man hineinschauen in’s Zimmer. Wir
    gehen auf den Gang. Aber der Alois mag nicht zum Fenster, er sagt,
    er fürcht’ sich. ‚Da sag’ ich: Du dummer Bub, ich geh hin, ich fürcht’
    mich gar nicht‘. Ich habe auch gar nichts Arges im Sinne gehabt.
    Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber da seh ich
    den Onkel und die Francisca, und er liegt auf ihr.“

    „Nun?“

    „Ich bin gleich weg vom Fenster, hab’ mich an die Mauer ange-
    lehnt, hab’ die Athemnoth bekommen, die ich seitdem hab’, die Sinne
    sind mir vergangen, die Augen hat es mir zugedrückt und im Kopf
    hat es gehämmert und gebraust.“

    „Haben Sie’s gleich am selben Tag der Tante gesagt?“

    „O nein, ich hab nichts gesagt.“


    sind. Ich habe damals in einem Zimmer neben dem meiner Eltern geschlafen, die
    Thür war offen und ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Da habe ich denn
    einigemale gesehen, wie der Vater zur Mutter in’s Bett gegangen ist und habe
    etwas gehört, was mich sehr aufgeregt hat. Darauf bekam ich dann meine Anfälle.“

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    „Warum sind Sie denn so erschrocken, wie Sie die Beiden beisammen
    gefunden haben? Haben Sie denn etwas verstanden? Haben Sie sich
    etwas gedacht, was da geschieht?“
    „O nein, ich hab’ damals gar nichts verstanden, ich war erst
    16 Jahre alt. Ich weiss nicht, worüber ich so erschrocken bin.“
    „Fräulein Katharin’, wenn Sie sich jetzt erinnern könnten, was
    damals in Ihnen vorgegangen ist, wie Sie den ersten Anfall bekommen
    haben, was Sie sich dabei gedacht haben, dann wäre Ihnen geholfen.“
    „Ja, wenn ich könnt’, ich bin aber so erschrocken gewesen, dass
    ich alles vergessen hab’.“
    (In die Sprache unserer „vorläufigen Mittheilung“ übersetzt,
    heisst das: Der Affect schafft selbst den hypnoiden Zustand, dessen
    Producte dann ausser associativem Verkehr mit dem Ichbewusstsein
    stehen.)
    „Sagen Sie, Fräulein, ist der Kopf, den Sie immer bei der Athemnoth sehen, vielleicht der Kopf von der Francisca, wie Sie ihn damals
    gesehen haben?“
    „O nein, der war doch nicht so grauslich, und dann ist es ja ein
    Männerkopf.“
    „Oder vielleicht vom Onkel?“
    „Ich hab’ sein Gesicht gar nicht so deutlich gesehen, es war zu
    finster im Zimmer und warum sollt’ er denn damals ein so schreck-
    liches Gesicht gemacht haben?“
    „Sie haben Recht.“ (Da schien nun plötzlich der Weg verlegt.
    Vielleicht findet sich in der weiteren Erzählung etwas.)
    „Und was ist dann weiter geschehen?“
    „Nun, die zwei müssen Geräusch gehört haben. Sie sind bald
    herausgekommen. Mir war die ganze Zeit recht schlecht, ich hab’ immer
    nachdenken müssen, dann ist zwei Tage später ein Sonntag gewesen,
    da hat’s viel zu thun gegeben, ich hab’ den ganzen Tag gearbeitet
    und am Montag früh, da hab’ ich wieder den Schwindel gehabt und
    hab’ erbrochen und bin zu Bett geblieben und hab’ drei Tage fort
    und fort gebrochen.“
    Wir hatten oft die hysterische Symptomatologie mit einer Bilder-
    schrift verglichen, die wir nach Entdeckung einiger bilinguer Fälle zu
    lesen verstünden. In diesem Alphabet bedeutet Erbrechen Ekel. Ich sagte
    ihr also: „Wenn Sie drei Tage später erbrochen haben, so glaub’ ich,
    Sie haben sich damals, wie Sie in’s Zimmer hineingeschaut haben,
    geekelt.“

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    „Ja, geekelt werd’ ich mich schon haben,“ sagt sie nachdenklich.
    „Aber wovor denn?“

    „Sie haben vielleicht etwas Nacktes gesehen? Wie waren denn
    die beiden Personen im Zimmer?“

    „Es war zu finster, um was zu sehen, und die waren ja beide
    angezogen (in Kleidern). Ja, wenn ich nur wüsst’, wovor ich mich
    damals geekelt hab’.“

    Das wusste ich nur auch nicht. Aber ich forderte sie auf, weiter
    zu erzählen, was ihr einfiele, in der sicheren Erwartung, es werde ihr
    gerade das einfallen, was ich zur Aufklärung des Falles brauchte.

    Sie berichtet nun, dass sie endlich der Tante, die sie verändert
    fand und dahinter ein Geheimniss vermuthete, ihre Entdeckung mit
    theilte, dass es darauf sehr verdriessliche Scenen zwischen Onkel und
    Tante gab, die Kinder Dinge zu hören bekamen, die ihnen über
    manches die Augen öffneten, und die sie besser nicht hätten hören
    sollen, bis die Tante sich entschloss, mit ihren Kindern und der Nichte
    die andere Wirthschaft hier zu übernehmen und den Onkel mit der
    unterdess gravid gewordenen Francisca allein zu lassen. Dann aber
    lässt sie zu meinem Erstaunen diesen Faden fallen und beginnt zwei
    Reihen von älteren Geschichten zu erzählen, die um 2–3 Jahre hinter
    dem traumatischen Moment zurückreichen. Die erste Reihe enthält
    Anlässe, bei denen derselbe Onkel ihr selbst sexuell nachgestellt, als
    sie erst 14 Jahre alt war. Wie sie einmal mit ihm im Winter eine
    Partie in’s Thal gemacht und dort im Wirtshaus übernachtet. Er blieb
    trinkend und kartenspielend in der Stube sitzen, sie wurde schläfrig
    und begab sich frühzeitig in das für Beide bestimmte Zimmer im
    Stock. Sie schlief nicht fest, als er hinaufkam, dann schlief sie wieder
    ein und plötzlich erwachte sie und „spürte seinen Körper“ im Bett.
    Sie sprang auf, machte ihm Vorwürfe. „Was treiben’s denn, Onkel?
    Warum bleiben’s nicht in Ihrem Bett?“ Er versuchte sie zu beschwatzen
    ; „Geh, dumme Gredel, sei still, du weisst ja nicht, wie gut das is.“ –
    „Ich mag Ihr Gutes nicht, nit einmal schlafen lassen’s einen“. Sie bleibt
    bei der Thür stehen, bereit, auf den Gang hinaus zu flüchten, bis er
    ablässt und selbst einschläft. Dann legt sie sich in ihr Bett und schläft
    bis zum Morgen. Aus der Art der Abwehr, die sie berichtet, scheint
    sich zu ergeben, dass sie den Angriff nicht klar als einen sexuellen
    erkannte; darnach gefragt, ob sie denn gewusst, was er mit ihr vor
    gehabt, antwortete sie: Damals nicht, es sei ihr viel später klar

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    geworden. Sie hätte sich gesträubt, weil es ihr unangenehm war, im
    Schlaf gestört zu werden, und „weil sich das nicht gehört hat“.

    Ich mußte diese Begebenheit ausführlich berichten, weil sie
    für das Verständniss alles Späteren eine grosse Bedeutung besitzt. –
    Sie erzählt dann noch andere Erlebnisse aus etwas späterer Zeit, wie
    sie sich seiner abermals in einem Wirthshaus zu erwehren hatte, als
    er vollbetrunken war, udgl. mehr. Auf meine Frage, ob sie bei diesen
    Anlässen etwas Aehnliches verspürt wie die spätere Athemnoth, antwortet
    sie mit Bestimmtheit, dass sie dabei jedesmal den Druck auf die
    Augen und auf die Brust bekam, aber lange nicht so stark wie bei
    der Scene der Entdeckung.

    Unmittelbar nach Abschluss dieser Reihe von Erinnerungen
    beginnt sie eine zweite zu erzählen, in welcher es sich um Gelegen-
    heiten handelt, wo sie auf etwas zwischen dem Onkel und der Francisca
    aufmerksam wurde. Wie sie einmal, die ganze Familie, die Nacht auf
    einem Heuboden in Kleidern verbracht und sie in Folge eines
    Geräusches plötzlich aufwachte; sie glaubte zu bemerken, dass der
    Onkel, der zwischen ihr und der Francisca gelegen war, wegrückte und
    die Francisca sich gerade legte. Wie sie ein anderes Mal in einem
    Wirthshaus des Dorfes N… übernachteten, sie und der Onkel in dem
    einen Zimmer, die Francisca in einem anderen nebenan. In der Nacht
    erwachte sie plötzlich und sah eine lange weisse Gestalt bei der Thür,
    im Begriff, die Klinke niederzudrücken: „Jesses, Onkel, sein Sie’s?
    Was wollen’s bei der Thür?“ – „Sei still, ich hab’ nur was gesucht.“
    – „Da geht man ja bei der anderen Thür heraus.“ – „Ich hab
    mich halt verirrt u. s. w.

    Ich frage sie, ob sie damals einen Argwohn gehabt. „Nein, gedacht
    hab’ ich mir gar nichts dabei, es ist mir nur immer aufgefallen, aber
    ich hab’ nichts weiter daraus gemacht.“ – Ob sie bei diesen Gelegen-
    heiten auch die Angst bekommen? – Sie glaubt, ja, aber diesmal
    ist sie dessen nicht so sicher.

    Nachdem sie diese beiden Reihen von Erzählungen beendigt,
    hält sie inne. Sie ist wie verwandelt, das mürrische, leidende Gesicht
    hat sich belebt, die Augen sehen frisch drein, sie ist erleichtert
    und gehoben. Mir aber ist unterdess das Verständniss ihres Falles
    aufgegangen; was sie mir zuletzt anscheinend planlos erzählt hat,
    erklärt vortrefflich ihr Benehmen bei der Scene der Entdeckung. Sie
    trug damals zwei Reihen von Erlebnissen mit sich, die sie erinnerte
    aber nicht verstand, zu keinem Schluss verwertete; beim Anblick des

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    coitirenden Paares stellte sie sofort die Verbindung des neuen Ein-
    drucks mit diesen beiden Reihen von Reminiscenzen her, begann zu
    verstehen und gleichzeitig abzuwehren. Dann folgte eine kurze Periode
    der Ausarbeitung, „der Incubation“, und darauf stellten sich die
    Symptome der Conversion, das Erbrechen, als Ersatz für den moralischen
    und physischen Ekel ein. Das Räthsel war damit gelöst, sie hatte sich
    nicht vor dem Anblick der Beiden geekelt, sondern vor einer Erinne-
    rung, die ihr jener Anblick geweckt hatte, und alles erwogen, konnte
    dies nur die Erinnerung an den nächtlichen Ueberfall sein, als sie
    „den Körper des Onkels spürte“.
    Ich sagte ihr also, nachdem sie ihre Beichte beendigt hatte:
    „Jetzt weiss ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie Sie
    in’s Zimmer hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht: jetzt thut
    er mit ihr, was er damals bei Nacht und die anderen Male mit mir
    hat thun wollen. Davor haben Sie sich geekelt, weil Sie sich an die
    Empfindung erinnert haben, wie Sie in der Nacht aufgewacht sind
    und seinen Körper gespürt haben.“
    Sie antwortet: „Das kann schon sein, dass ich mich davor geekelt,
    und dass ich damals das gedacht hab‘.“
    „Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes
    Mädchen und wissen allerlei –“
    „Ja jetzt, freilich.“
    „Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht eigentlich
    von seinem Körper verspürt?“
    Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen
    und wie überführt, wie einer, der zugeben muss, dass man jetzt auf
    den Grund der Dinge gekommen ist, über den sich nicht mehr viel
    sagen lässt. Ich kann mir denken, welches die Tastempfindung war,
    die sie später deuten gelernt hat; ihre Miene scheint mir auch zu
    sagen, dass sie von mir voraussetzt, ich denke mir das Richtige, aber
    ich kann nicht weiter in sie dringen; ich bin ihr ohnehin Dank dafür
    schuldig, dass sie soviel leichter mit sich reden lässt als die prüden
    Damen in meiner Stadtpraxis, für die alle naturalia turpia sind.
    Somit wäre der Fall geklärt; aber halt, die im Anfall wieder-
    kehrende Hallucination des Kopfes, der ihr Schrecken einjagt, woher
    kommt die? Ich frage sie jetzt darnach. Als hätte auch sie in diesem
    Gespräch ihr Verständniss erweitert, antwortet sie prompt: „Ja, das
    weiss ich jetzt schon, der Kopf ist der Kopf vom Onkel, ich erkenn’s
    jetzt, aber nicht aus der Zeit. Später, wie dann alle die Streitigkeiten

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    losgegangen sind, da hat der Onkel eine unsinnige Wuth auf mich
    bekommen; er hat immer gesagt, ich bin Schuld an allem; hätt’ ich
    nicht geplauscht, so wär’s nie zur Scheidung gekommen; er hat mir
    immer gedroht, er thut mir was an; wenn er mich von Weitem gesehen
    hat, hat sich sein Gesicht vor Wuth verzogen, und er ist mit der
    gehobenen Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm davon
    gelaufen und hab’ immer die größte Angst gehabt, er packt mich
    irgendwo unversehens. Das Gesicht, was ich jetzt immer sehe, ist sein
    Gesicht, wie er in der Wuth war.“

    Diese Auskunft erinnert mich daran, dass ja das erste Symptom
    der Hysterie, das Erbrechen, vergangen ist; der Angstanfall ist geblieben
    und hat sich mit neuem Inhalt gefüllt. Demnach handelt es sich um
    eine zum guten Theile abreagirte Hysterie. Sie hat ja auch wirklich ihre
    Entdeckung bald hernach der Tante mitgetheilt.

    „Haben Sie der Tante auch die anderen Geschichten erzählt,
    wie er Ihnen nachgestellt hat?“

    „Ja, nicht gleich, aber später, wie schon von der Scheidung die
    Rede war. Da hat die Tant’ gesagt: Das heben wir uns auf; wenn er
    Schwierigkeiten vor Gericht macht, dann sagen wir auch das.“

    Ich kann verstehen, dass gerade aus der letzten Zeit, als die
    aufregenden Scenen im Hause sich häuften, als ihr Zustand aufhörte,
    das Interesse der Tante zu erwecken, die von dem Zwist vollauf in
    Anspruch genommen war, dass aus dieser Zeit der Häufung und
    Retention das Erinnerungssymbol verblieben ist.

    Ich hoffe, die Aussprache mit mir hat dem in seinem sexuellen
    Empfinden so frühzeitig verletzten Mädchen in etwas wohlgethan; ich
    habe sie nicht wiedergesehen.

    Epikrise.

    Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand in dieser
    Krankengeschichte weniger einen analysirten als einen durch Errrathen
    aufgelösten Fall von Hysterie erblicken will. Die Kranke gab zwar
    alles, was ich in ihren Bericht interpolirte, als wahrscheinlich zu; sie
    war aber doch nicht im Stande es als Erlebtes wiederzuerkennen. Ich
    meine, dazu hätte es der Hypnose bedurft. Wenn ich annehme, ich
    hätte richtig gerathen, und nun versuche, diesen Fall auf das Schema
    einer acquirirten Hysterie zu reduciren, wie es sich uns aus Fall III
    ergeben hat, so liegt es nahe, die zwei Reihen von erotischen Erleb-
    nissen mit traumatischen Momenten, die Scene bei der Entdeckung

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    des Paares mit einem auxiliären Moment zu vergleichen. Die Aehn-
    lichkeit liegt darin, dass in den ersteren ein Bewusstseinsinhalt geschaffen
    wurde, welcher, von der Denkthätigkeit des Ich ausgeschlossen, auf
    bewahrt blieb, während in der letzteren Scene ein neuer Eindruck die
    associative Vereinigung dieser abseits befindlichen Gruppe mit dem
    Ich erzwang. Andererseits finden sich auch Abweichungen, die nicht
    vernachlässigt werden können. Die Ursache der Isolirung ist nicht wie
    bei Fall III der Wille des Ich, sondern die Ignoranz des Ich, das
    mit sexuellen Erfahrungen noch nichts anzufangen weiss. In dieser
    Hinsicht ist der Fall Katharina ein typischer; man findet bei der
    Analyse jeder auf sexuelle Traumen begründeten Hysterie, dass
    Eindrücke aus der vorsexuellen Zeit, die auf das Kind wirkungslos
    geblieben sind, später als Erinnerungen traumatische Gewalt erhalten,
    wenn sich der Jungfrau oder Frau das Verständniss des sexuellen
    Lebens erschlossen hat. Die Abspaltung psychischer Gruppen ist
    sozusagen ein normaler Vorgang in der Entwicklung der Adolescenten,
    und es wird begreiflich, dass deren spätere Aufnahme in das Ich
    einen häufig genug ausgenützten Anlass zu psychischen Störungen gibt.
    Ferner möchte ich an dieser Stelle noch dem Zweifel Ausdruck geben,
    ob die Bewusstseinsspaltung durch Ignoranz wirklich von der durch
    bewusste Ablehnung verschieden ist, ob nicht auch die Adolescenten
    viel häufiger sexuelle Kenntniss besitzen, als man von ihnen vermeint,
    und als sie sich selbst zutrauen.
    Eine weitere Abweichung im psychischen Mechanismus dieses
    Falles liegt darin, dass die Scene der Entdeckung, welche wir als
    „auxiliäre“ bezeichnet haben, gleichzeitig auch den Namen einer
    „traumatischen“ verdient. Sie wirkt durch ihren eigenen Inhalt, nicht
    bloss durch die Erweckung der vorhergehenden traumatischen Erlebnisse,
    sie vereinigt die Charaktere eines „auxiliären“ und eines traumatischen
    Momentes. Ich sehe in diesem Zusammenfallen aber keinen Grund
    eine begriffliche Scheidung aufzugeben, welcher bei anderen Fällen
    auch eine zeitliche Scheidung entspricht. Eine andere Eigenthümlichkeit
    des Falles Katharina, die übrigens seit Langem bekannt ist, zeigt
    sich darin, dass die Conversion, die Erzeugung der hysterischen
    Phänomene nicht unmittelbar nach dem Trauma, sondern nach einem
    Intervall von Incubation vor sich geht. Charcot nannte dieses
    Intervall mit Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung.“
    Die Angst, an der Katharina in ihrer Anfällen leidet, ist eine
    hysterische, d. h. eine Reproduction jener Angst, die bei jedem der

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    sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier den Vorgang auch
    zu erläutern, den ich in einer ungemein grossen Anzahl von Fällen
    als regelmässig zutreffend erkannt habe, dass die Ahnung sexueller
    Beziehungen bei virginalen Personen einen Angstaffekt hervorruft.

    V. Fräulein Elisabeth v. R -
    - (Freud).

    Im Herbste 1892 forderte ein befreundeter College mich auf,
    eine junge Dame zu untersuchen, die seit länger als zwei Jahren an
    Schmerzen in den Beinen leide und schlecht gehe. Er fügte der Ein-
    ladung bei, dass er den Fall für eine Hysterie halte, wenngleich von
    den gewöhnlichen Zeichen der Neurose nichts zu finden sei. Er kenne
    die Familie ein wenig und wisse, dass die letzten Jahre derselben
    viel Unglück und wenig Erfreuliches gebracht hätten. Zuerst sei der
    Vater der Patientin gestorben, dann habe die Mutter sich einer ernsten
    Operation an den Augen unterziehen müssen, und bald darauf sei eine
    verheirathete Schwester der Kranken nach einer Entbindung einem alten
    Herzleiden erlegen. An allem Kummer und aller Krankenpflege habe
    unsere Patientin den grössten Antheil gehabt.

    Ich gelangte nicht viel weiter im Verständniss des Falles, nach-
    dem ich das 24jährige Fräulein zum ersten Male gesehen hatte. Sie
    schien intelligent und psychisch normal und trug das Leiden, welches
    ihr Verkehr und Genuss verkümmerte, mit heiterer Miene, mit der
    „belle indifference“ der Hysterischen, musste ich denken. Sie gieng mit
    vorgebeugtem Oberkörper, doch ohne Stütze, ihr Gang entsprach keiner
    als pathologisch bekannten Gangart, war übrigens keineswegs auffällig
    schlecht. Es lag eben nur vor, dass sie über grosse Schmerzen beim
    Gehen, über rasch auftretende Ermüdung dabei und im Stehen klagte
    und nach kurzer Zeit die Ruhe aufsuchte, in der die Schmerzen
    geringer waren, aber keineswegs fehlten. Der Schmerz war unbe-
    stimmter Natur, man konnte etwa entnehmen: eine schmerzhafte
    Müdigkeit. Eine ziemlich grosse, schlecht abgegrenzte Stelle an der
    Vorderfläche des rechten Oberschenkels wurde als der Herd der
    Schmerzen angegeben, von dem dieselben am häufigsten ausgiengen und
    wo sie ihre grösste Intensität erreichten. Dort war auch Haut und
    Muskulatur ganz besonders empfindlich gegen Drücken und Kneipen.
    Nadelstiche wurden eher etwas gleichgiltig hingenommen. Nicht bloss
    an dieser Stelle, sondern so ziemlich im ganzen Umfang beider Beine
    war dieselbe Hyperalgesie der Haut und der Muskeln nachweisbar.
    Die Muskeln waren vielleicht noch schmerzhafter als die Haut; unver-