S.
ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VI
„DIE TRAUMARBEIT“1
Zur Verdichtung im Traum:
Hinweise auf die Verdichtung im Traum finden sich bei zahl-
reichen Autoren. Du P r e l äußert an einer Stelle (p. 85), es
sei absolut sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungs-
reihe stattgefunden habe.2
Zum Treppensteigen im „schönen“ Traum:
Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an
die im Abschnitt über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der
Stiegenträume.3
Zur Bemerkung über den witzigen Anschein der Träume:
Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des
Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905
veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum
Unbewußten“ geschehen ist (Ges. Schriften, Bd. IX).4
Einschaltung eines anderen Traumes mit Wortneubildung:
6) M a r c i n o w s k i: „Heute früh erlebte ich zwischen
Traum und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im
Ablauf einer Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken
stützte ich gewissermaßen über ein Wort, das ich halb wie
&S.
52 Ergänzungen zur Traumdeutung geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es lautet:
,erzefilisch1 und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes
Zusammenhanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hin-
überglitt; er lautete: „Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechts-
empfindung.“ Ich wußte sofort, daß es eigentlich ,erzieherisch‘
heißen solle, schwankte auch einigemal hin und her, ob es nicht
richtiger ,erzifilisch‘ hieße. Dabei fiel mir das Wort Syphilis ein,
und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hinein-
käme, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend-
welche Berührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel
mir ein ,erzihlerisch‘, das e erklärend, und zu gleicher Zeit
erklärend, daß ich gestern abend von unserer Erzieherin ver-
anlaßt wurde, über das Problem der Prostitution zu sprechen,
und ich hatte ihr dabei tatsächlich, um ,erzieherisch‘ auf ihr
nicht ganz normal entwickeltes Empfindungsleben einzuwirken,
das Buch von Hesse ,Über die Prostitution‘ gegeben, nachdem ich
ihr mancherlei über das Problem erzählt hatte. Und nun wurde
mir auf einmal klar, daß das Wort ,Syphilis‘ nicht im wörtlichen
Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung
natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der
Übersetzung ganz logisch: ,Durch meine Erzählung habe
ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren
Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung,
daß es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.‘ Erze-
filisch = erzäh — (erzieh —) (erzefilisch).“5
Wortneubildung und Verdichtung:
Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders
dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzu-
zeigen. Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl
von Beispielen nicht den Schluß ziehen, daß solches MaterialS.
Zu Abschnitt VI 53 selten oder gar nur ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es
ist vielmehr sehr häufig, allein die Abhängigkeit der Traum-
deutung von der psychoanalytischen Behandlung hat die Folge,
daß die wenigsten Beispiele angemerkt und mitgeteilt werden,
und daß die mitgeteilten Analysen meist nur für den Kenner
der Neurosenpathologie verständlich sind. So ein Traum von
Dr. v. Karpinska (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse II,
1914), der die sinnlose Wortbildung „Svingnum elvi“ enthält.
Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich
nicht bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigent-
lichen Bedeutung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen
zusammenfaßt, zu denen es sich wie ein „sinnloses“ Wort ver-
hält. Dies ist in dem Traum von der „Kategorie“ eines zehn-
jährigen Knaben der Fall, den V. Tausk (Zur Psychologie der
Kindersexualität, Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse I, 1913)
mitteilt. „Kategorie“ bedeutet hier das weibliche Genitale
und „kategorieren“ soviel wie urinieren.6
Zur Herkunft der Traumreden:
Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne
mit übrigens intakten und hochentwickelten intellektuellen Funk-
tionen fand ich unlängst die einzige Ausnahme von dieser Regel.
Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, stammten nicht von
gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen
dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im
Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein kamen.7
Die Traumentstellung bei Popper-Lynkeus:
Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur
als den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte
ich hier das letzte Stück jener Erzählung „Träumen wie Wachen“S.
54 Ergänzungen zur Traumdeutung aus den „Phantasien eines Realisten“ von Lynkeus
(Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter
meiner Lehre wiederfinde:„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat,
niemals Unsinn zu träumen.“ — — — — — — —„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen,
beruht auf deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtig-
keit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die moralische Klarheit deiner
Natur, die mir alles an dir verständlich macht.“„Wenn ich es aber recht bedenke,“ erwiderte der andere, „so
glaube ich beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen,
und gar niemand träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den
man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen kann,
der also kein Fiebertraum ist, hat i m m e r Sinn und es kann
auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Wider-
spruch steht, könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren.
Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, benimmt
dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide
gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen.
Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das
Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu
denen nur ein Unverständiger sagen würde: ‚Das ist widersinnig!
Denn das ist nicht möglich!‘“„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte,
so wie du das eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der
Freund.„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei
einiger Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer
gelingen. — Warum es meistens nicht gelingt? Es scheint bei
Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit
in eurem Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint
Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein.S.
Zu Abschnitt VI 55
Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann
gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er
wacht oder träumt.“8
Zur Synthese von Träumen:
Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume
seither in dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905 (Ges.
Schriften, Bd. VIII) gegeben. Als die vollständigste Deutung eines
längeren Traumes muß die Analyse von O. R a n k, „Ein Traum,
der sich selbst deutet“, anerkannt werden.9
Zu den „Kollateralen“:
Ich habe diesen Namen später fallen lassen und die entsprechende Stelle
folgender Art abgeändert:Dem anderen Teil ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzu-
schreiben. Man legt auch keinen Wert auf die Behauptung, daß
alle diese Gedanken an der Traumbildung beteiligt gewesen seien,
vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden, welche an
Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten des
Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt
alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis
zu den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die
vermittelnden und annähernden Assoziationen, durch welche man
während der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungs-
wege gekommen ist.10
Zur Bedeutung der Teilung eines Traumes in zwei Stücke:
Sicherlich gilt dies für die in eine Pollution auslaufende
Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis
sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt.11
Zur Darstellung von Gegensätzen:
Aus einer Arbeit von K. A b e l, Der Gegensinn der Urworte,
S.
56 Ergänzungen zur Traumdeutung 1884 (siehe mein Referat im Jahrbuch f. PsA. II, 1910 [Ges.
Schriften, Bd. X]), erfuhr ich die überraschende, auch von anderen
Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen
sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum.
Sie haben anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze
an den Enden einer Qualitäten- oder Tätigkeitsreihe (starkschwach,
altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte Bezeich-
nungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte
Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. A b e l weist diese
Verhältnisse im großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt
aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den semi-
tischen und indogermanischen Sprachen auf.12
Zur Darstellung des „Gleichwie“:
Vergleiche die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung
zum Traumdeuter (s. oben Ergänzung 2 auf S. 16).13
Zur Bildung von Mischpersonen:
Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer solchen
Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traumes der
einen Person zugeschrieben und die andere — in der Regel
wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin.
Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch dabei
(S t e k e l). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem
Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen
Zeichens bestimmt ist.14
Zum Egoismus der Träume vgl. die Korrektur 37 zu Abschn. V (S. 47).
15
Zum Vorkommen des eigenen Ichs im Traume:
Daß das eigene Ich in einem Traume mehrmals vorkommt
S.
Zu Abschnitt VI 57
oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grunde nicht
verwunderlicher, als daß es in einem bewußten Gedanken mehr-
mals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen
enthalten ist. Z. B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für
gesundes Kind ich war.16
Ein Beispiel einer „Mischräumlichkeit“:
Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinations-
zimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau
kennen gelernt hat.17
Ein Beispiel einer phantastischen Mischperson:
In einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Misch-
gebilde vor, das aus der Person eines Arztes und aus einem
Pferde zusammengesetzt war und überdies ein Nachthemd
anhaltte. Das Gemeinsame dieser drei Bestandteile ergab sich aus
der Analyse, nachdem das Nachthemd als Anspielung auf den
Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt war. Es
handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer geschlecht-
lichen Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau öfters in
das militärische Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegen-
heit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — Neugierde aus-
giebig zu befriedigen.18
Zur Umkehrung im Traum:
Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig die Umkehrung
gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo-
sexuellen Regungen eingegeben werden.19
Weiteres über die Umkehrung im Traum:
Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines
S.
58 Ergänzungen zur Traumdeutung der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Dar-
stellungsmittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der
Wunscherfüllung gegen ein bestimmtes Element der Traum-
gedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es doch umgekehrt
gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Reaktion des
Ichs gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders
wertvoll wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem
sie ein Maß von Entstellung des Darzustellenden zustande bringt,
welches das Verständnis des Traumes zunächst geradezu lähmt.
Man darf darum, wenn ein Traum seinen Sinn hartnäckig ver-
weigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung mit bestimmten
Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht selten
alles sofort klar wird.Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin,
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedanken-
ganges zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende des-
selben die Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des
Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel
der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe der
Traumdeutung ratlos gegenüber.1Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst,
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung,1) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
armung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und
spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi-
dorus: „Bei der Auslegung von Traumgeschichten muß man sie einmal vom
Anfang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge
fassen . . .“S.
Zu Abschnitt VI 59
nach verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. ver-
birgt sich im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die
Erinnerung an den infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten
Vater hinter folgendem Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm,
weil er so spät nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang
der psychoanalytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen,
daß es zunächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater
und sodann, daß ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu
bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater
überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem
Todeswunsch gegen den Vater identisch ist (vgl. Ges. Schriften II,
S. 256 u. dieser Bd. S. 45). Der Träumer hatte sich nämlich
als kleiner Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters
eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person zuschulden
kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden:
Na wart’, bis der Vater zurückkommt!20
Zur Darstellung des Trauminhalts durch formale Charaktere des
Traumes:Die Form des Traumes oder des Träumens wird
in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung
des verdeckten Inhaltes verwendet.Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen
zu demselben, dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der
raffiniertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich
verraten. So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum
verwicht, und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das
Belauschen einer Person ergibt, die sich nach der Defäkation
reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche Mitteilung
verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der
ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt:
Er befindet sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in derS.
60 Ergänzungen zur Traumdeutung Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine
ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu
gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum,
da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, der
mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht
sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften
Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt
durch die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes
bereits gegeben ist. Die „Lücken“ sind die Genitalöffnungen der
zu Bette gehenden Frauen: „da fehlt etwas“ beschreibt den
Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in jenen
jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu sehen,
und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem
Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in
das Volksgartenrestaurant . . ., dann kommt eine dunkle Stelle,
eine Unterbrechung . . ., dann befinde ich mich in einem Bor-
dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine in Hemd
und Höschen.Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie
er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gele-
genheit, mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung
zwischen ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner
Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin
ein Mann und du ein Weib“. Im angegebenen Restaurant war
er nur einmal in Begleitung der Schwester seines Schwagers,
eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein ander-
mal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum
Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester,
seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester seines
Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei derS.
Zu Abschnitt VI 61 Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht,
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle“, „Unter-
brechung“ im Traume, und behauptete, daß er in knabenhafter
Wißbegierde einigemal, allerdings nur selten, das Genitale seiner
um einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage
später stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume
angedeutete Untat ein.Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu
dem nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke,
deren Gruppierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf
als ein Stück Mitteilung aus den latenten Traumgedanken auf-
gefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen, die aus mehreren
Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben
Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht ver-
gessen, daß diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume
dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem
Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser
homologen Träume ist dann häufig der entstelltere, schüchterne,
der nachfolgende ist dreister und deutlicher.Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und
von den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er
findet sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5
und 6) ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der
König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: „Nach diesem
ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach,
was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber all-
mählich wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren
Traum, der mich noch mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt
hat.“ Nach Anhören der Traumerzählung sagt Josef: „Dein Traum,
o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher, allein beide
Gesichte haben nur eine Bedeutung.“Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“
S.
62 Ergänzungen zur Traumdeutung erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens
von ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in
Abänderungen weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser
Traumerzählungen, „daß der Schlußgedanke einer langen Reihe
von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten Bild
der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt
den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder
erneute symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen
ins Harmlose usw.“ (l. c. p. 87). Scherner hatte diese Eigen-
tümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie
im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als ein
besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phantasie
in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn
des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß
sich erschöpft hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes
Organ oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der
Traum, seinen organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende
erreicht — — — —.“Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat
Otto Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“,
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens
setzte sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer
Nacht zusammen, von denen der zweite mit einer Pollution
abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne
durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die
Beiträge der Träumerin, und die Fülle der Beziehungen zwischen
den beiden Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß
der erste Traum in schüchterner Darstellung dasselbe zum
Ausdruck brachte wie der zweite, so daß dieser, der Pollutions-
traum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte.
Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht dieS.
Zu Abschnitt VI 65 Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens
überhaupt.21
Über die Kritik „Das ist ja nur ein Traum“ und über den „Traum
im Traum“:Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils-
äußerung: „Das ist ja nur ein Traum“ bedeute, und welcher
psychischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer
Stelle (s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Ent-
wertung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende,
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein
gewisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird,
das Rätsel des „Traumes im Traume“, hat W. STEKEL durch
die Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne
gelöst. Das „Geträumte“ des Traumes soll wiederum entwertet,
seiner Realität beraubt werden; was nach dem Erwachen aus
dem „Traum im Traume“ weiter geträumt wird, das will der
Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten Realität setzen.
Man darf also annehmen, daß das „GETRÄUMTE“ die Dar-
stellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende
Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer
Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in
einen „Traum im Traume“ ist also gleichzusetzen dem Wunsche,
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen.
Mit anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit von der
Traumarbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies
die entschiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit,
die stärkste BEJAHUNG derselben. Die Traumarbeit verwendet
das Träumen selbst als eine Form der Ablehnung und bezeugt
damit die Einsicht, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist.22
Note zur Wortzweideutigkeit:
Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905S.
64 Ergänzungen zur Traumdeutung (Ges. Schriften, Bd. IX), und die „Wortbrücken“ in den Lösungen
neurotischer Symptome.23
Zur Würdigung der Zweideutigkeit bei der Traumdeutung:
Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traum-
elementes zweifelhaft, ob es:a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll
(Gegensatzrelation);b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
c) symbolisch oder ob
d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.
Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung
der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt verstanden
zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten
zumutet, als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.24
Der Name des Komponisten:
Hugo Wolf.
25
Einschaltung über die von Silberer direkt beobachtete Darstellung
von Gedanken durch Traumbilder:Herbert Silberer hat einen guten Weg gezeigt, wie man
die bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der
Gedanken in Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment
der Traumarbeit isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande
der Ermüdung und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auf-
erlegte, so ereignete es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke
entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in dem er nun den
Ersatz des Gedankens erkennen konnte. Silberer nennt diesen
Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen „autosymbolischen“. Ich
gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit von Silberer wieder,
auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten
Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen werde.S.
Zu Abschnitt VI 65 „Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem
Aufsätze eine holprige Stelle auszubessern.
Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatthobeln.“„Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser meta-
physischer Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu ver-
gegenwärtigen. Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir,
daß man sich auf der Suche nach den Daseinsgründen zu immer
höheren Bewußtseinsformen oder Daseinsschichten durcharbeitet.
Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte,
wie um ein Stück davon zu nehmen.
Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das
„Durcharbeiten‘, von dem die Rede ist . . . Die Erklärung des
Symbolgrundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und
da das Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft,
welches ich mit einem langen, biegsamen Messer verrichte, was
einige Sorgfalt erheischt. Insbesondere ist das reinliche Heraus-
heben der geschnittenen Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten
verbunden; das Messer muß behutsam u n t e r die betreffenden
Stücke geschoben werden (das langsame ‚Durcharbeiten‘, um zu
den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr Symbolik
in dem Bild. Die Torte des Symbols war nämlich eine Dobos-
Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende Messer durch
verschiedene S c h i c h t e n zu dringen hat (die Schichten des
Bewußtseins und Denkens).“„Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den
Faden. Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber
erkennen, daß mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen heraus-
gefallen sind.“
26
Zur Deutung „Kraut und Rüben“:
Diese Darstellung ist mir wirklich nicht wieder begegnet, so
daß ich an der Berechtigung der Deutung irre geworden bin.Freud, III.
5 S.
66 Ergänzungen zur Traumdeutung 27
Note zur symbolischen Verwendung der Küche, der Pflanzen u. dgl.:
Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden
von Ed. F u c h s’, „Illustr. Sittengeschichte“ (Privatdrucke bei
A. Langen, München).28
Dieser kurze Abschnitt ist in späteren Auflagen weggeblieben.
Der vorstehende, wegen seiner symbolischen Elemente hervor-
gehobene Traum ist ein „biographischer“ zu nennen. Solche
Träume kommen in den Psychoanalysen häufig vor, aber viel-
leicht nur selten außerhalb derselben.
ZUSATZKAPITEL A
Die Darstellung durch Symbole im Traume —
Weitere typische TräumeDie Analyse des letzten biographischen Traumes steht als
Beweis dafür, daß ich die Symbolik im Traume von Anfang an
erkannt habe. Zur vollen Würdigung ihres Umfangs und ihrer
Bedeutung gelangte ich aber erst allmählich durch vermehrte
Erfahrung und unter dem Einfluß der Arbeiten W. S t e k e l s,1
über die eine Äußerung hier am Platze ist.Dieser Autor, der der Psychoanalyse vielleicht ebensoviel
geschadet als genützt hat, brachte eine große Anzahl von unver-
muteten Symbolübersetzungen vor, die anfänglich nicht geglaubt
wurden, später aber größtenteils Bestätigung fanden und ange-
nommen werden mußten. S t e k e l s Verdienst wird durch die
Bemerkung nicht geschmälert, daß die skeptische Zurückhaltung
der anderen nicht ungerechtfertigt war. Denn die Beispiele, auf
welche er seine Deutungen stützte, waren häufig nicht über-1) W. S t e k e l, Die Sprache des Traumes, 1911.
S.
Zu Abschnitt VI 67 zeugend und er hatte sich einer Methode bedient, die als wissen-
schaftlich unzuverlässig zu verwerfen ist. Stekel fand seine
Symboldeutungen auf dem Wege der Intuition, kraft eines ihm
eigenen Vermögens, die Symbole unmittelbar zu verstehen. Eine
solche Kunst ist aber nicht allgemein vorauszusetzen, ihre
Leistungsfähigkeit ist jeder Kritik entzogen und ihre Ergebnisse
haben daher auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch. Es ist ähnlich,
als wollte man die Diagnose der Infektionskrankheiten auf die
Geruchseindrücke am Krankenbette gründen, obwohl es unzweifel-
haft Kliniker gab, denen der bei den meisten verkümmerte
Geruchssinn mehr leistete als anderen und die wirklich imstande
waren, einen Abdominaltyphus nach dem Geruch zu diagnosti-
zieren.Die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalyse hat uns
Patienten auffinden lassen, die ein solches unmittelbares Ver-
ständnis der Traumsymbolik in überraschender Weise an den
Tag legten. Häufig waren es an Dementia praecox Leidende, so
daß eine Zeitlang die Neigung bestand, alle Träumer mit solchem
Symbolverständnis dieser Affektion zu verdächtigen. Allein das
trifft nicht zu, es handelt sich um eine persönliche Begabung
oder Eigentümlichkeit ohne ersichtliche pathologische Bedeutung.Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik
für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut
gemacht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele
dieser Symbole wie die „Sigel“ der Stenographie mit ein für
allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der
Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu
entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht
dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen,
speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen,
Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden
Witzen eines Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden.Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung weit über-
5*
S.
68 Ergänzungen zur Traumdeutung schreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht werden
und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols
knüpfen.1 Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß
die Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen
gehört, daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden,
die Symboldarstellung unterschiedslos mit den anderen Arten
indirekter Darstellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unter-
scheidenden Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu können.
In einer Reihe von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem
Symbol und dem Eigentlichen, für welches es eintritt, offen-
kundig, in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols
erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den
letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie
weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. Was heute
symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten durch
begriffliche und sprachliche Identität vereint.2 Die Symbolbeziehung
scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei kann
man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl
von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits
Schubert (1814) behauptet hat.3 Eine Anzahl von Symbolen1) Vgl. die Arbeiten von B l e u l e r und seinen Züricher Schülern, M a e d e r,
A b r a h a m u. a., über Symbolik, und die nichttärztlichen Autoren, auf welche sie
sich beziehen (K l e i n p a u l u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegenstand
geboten worden ist, findet sich in der Schrift von O. R a n k und H. S a c h s, Die
Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I. Ferner
E. J o n e s, Die Theorie der Symbolik, Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, V, 1919.
2) Diese Auffassung würde eine außerordentliche Unterstützung in einer von
Dr. Hans S p e r b e r vorgetragenen Lehre finden. S p e r b e r (Über den Einfluß
sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache, I m a g o I, 1912)
meint, daß die Urworte sämtlich sexuelle Dinge bezeichneten und dann diese sexuelle
Bedeutung verloren, indem sie auf andere Dinge und Tätigkeiten übergingen, die
mit den sexuellen verglichen wurden.
3) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnträumen unga-
rischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen“ für „urinieren“
fremd ist (F e r e n c z i; vgl. auch S. 84). In den Träumen von Franzosen und anderen
Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese
Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer“ Analoges kennen.S.
Zu Abschnitt VI 69 ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber
in der Gegenwart fortlaufend neu gebildet (z. B. das Luftschiff,
der Zeppelin).Der Traum bedient sich nun dieser Symbolik zur verkleideten
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast
regelmäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der
eigentümlichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk
bleiben. Ein Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht
symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu deuten
sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexual-
symbol zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird.
Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur
Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol entscheiden,
das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedanken-
material aufweist, also eine individuelle Motivierung neben der
typisch gültigen gestattet.Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben,
— selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht
möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien, — so
ist doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch
die Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert,
sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung nach
den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen
Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur
Willkür des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde
und in den verwilderten Deutungen von Stekel wieder aufzu-
leben scheint, ist aus Motiven wissenschaftlicher Kritik aus-
geschlossen. Somit nötigen uns die im Trauminhalt vorhandenen,
symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer kombinierten
Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des TräumersS.
70 Ergänzungen zur Traumdeutung stützt, andererseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der
Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durch-
sichtigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den
Vorwurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften.
Die Unsicherheiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes
noch anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen
Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung fortschreitend
gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen sie gerade
von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben
sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen
Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal richtige Auf-
fassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole ver-
bindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen
zuzulassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach
sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen dar-
zustellen.Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich
an: Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen
wirklich zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prin-
zessin ist er selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird
aber auch großen Männern zugestanden, darum erscheint in
manchen Träumen z. B. G o e t h e als Vatersymbol. (H i t s c h-
m a n n.) — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baum-
stämme, Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspannens
wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche,
Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht
recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile (des
Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, Kästen,
Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen,
Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume
sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen
Eingänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nichtS.
Zu Abschnitt VI 71 irre.1 Das Interesse, ob das Zimmer „offen“ oder „verschlossen“
ist, wird in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den
Traum Doras im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“.) Welcher
Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich
gesagt zu werden; die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat
Uhland im Lied vom „Grafen Eberstein“ zur anmutigsten
Zote gedient. — Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern
zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H.
Sachs an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe
(Gegensatz) verwendet. — Eine interessante Beziehung zur infantilen
Sexualforschung ergibt sich, wenn der Träumer von zwei Zimmern
träumt, die früher eines waren, oder ein ihm bekanntes Zimmer
einer Wohnung im Traume in zwei geteilt sieht oder das Umgekehrte.
In der Kindheit hat man das weibliche Genitale (den
Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile Kloakentheorie)
und erst später erfahren, daß diese Körperregion zwei
gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. — Stiegen, Leitern,
Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts
als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes.2
— Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von1) „Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom
Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner
Überraschung: 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede stehenden
Mädchen angeknüpft und auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem Schlafzimmer
gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im Verdacht
habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den Vorschlag, sich mit ihr in
einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit hatte dieses Zimmer
die Nummer 14, während im Traum das Weib diese Nummer trägt. Ein deutlicherer
Beleg für die Identifizierung von Frau und Zimmer läßt sich kaum denken.“ (Ernest
Jones, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl. Artemidorus, „Symbolik
der Träume“ [übersetzt von F. S. Krauß, Wien 1881, p. 110]: „So z. B.
bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche im Hause ist.“)
2) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen Chancen
der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, 1910 [Ges. Schriften,
Bd. VI]), geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten
doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster
Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles
dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen
von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konntenS.
72 Ergänzungen zur Traumdeutung Häusern, an denen man sich — häufig unter starker Angst
herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wieder-
holen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Empor-
klettern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die
„glatten“ Mauern sind Männer; an den „Vorsprüngen“ der
Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. —
Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl
des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt.
„Holz“ scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen
ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name
der Insel M a d e i r a bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da
„Tisch und Bett“ die Ehe ausmachen, wird im Traum häufig
der erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der
sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. —
Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit
Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser
Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der
Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis,
wohl nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den
Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem
Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigent-
lichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist.1 Personen, diebald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol
darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden; in rhyth-
mischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und
kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der
Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, der Sprach-
gebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen“ ohne weiteres als Ersatz-
bezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann
ist ein „Steiger“, „nachsteigen“. Im Französischen heißt die Stufe der Treppe la
marche; „un vieux marcheur“ deckt sich ganz mit unserem „ein alter Steiger“.
1 Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675, die Zeichnung einer 19jährigen Manischen: ein
Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen entgegenspendet.
Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige“ (Anthropophyteia VI, 334): In eine Badestube
trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen
vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorder-
teil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, bin ohne Krawatte.“S.
Zu Abschnitt VI 73 dies Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen
Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von
ihnen. — Alle komplizierten Maschinen und Apparate der
Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien — in der Regel
männliche, — in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik so
unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar ist
es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ-
lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver,
Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Träume,
besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen,
unschwer als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski
hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer
ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vor-
kommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten.
Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und
latenter Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie,
arglos betrachtet, Pläne, Landkarten u. dgl. zu bringen scheinen,
enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als Dar-
stellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und
ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständnis des
Traumes. (Vgl. hiezu Pfisters Arbeiten über Kryptographie und
Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneu-
bildungen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller
Bedeutung denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume oft
nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt
sind, ihr Genitale liebkosendals ihr „Kleines“ zu bezeichnen.
Den „kleinen Bruder“ hat Stekel richtig als den Penis erkannt.
Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind
häufig Traumdarstellungen der Onanie. — Zur symbolischen
Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit,
das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. Als Ver-
wahrung gegen die Kastration ist es aufzufassen, wenn eines der
gebräuchlichen Penissymbole im Traume in Doppel- oder Mehr-S.
74 Ergänzungen zur Traumdeutung zahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse im Traume —
eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst — hat
dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum Bd. II, S. 13.) — Von den
Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbole ver-
wendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle:
der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genitalbehaarung
wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männlichen
Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Vertreter
von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; mit
Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität.— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine
Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche
Verwendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht
genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch
Beispiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch:
„Die Sprache des Traumes“, enthalten die reichste Sammlung
von Symbolauflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind
und sich bei der Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B.
in dem Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die mangelhafte
Kritik des Verfassers und seine Neigung zu Verallgemeinerungen
um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen zweifel-
haft oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten
Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf
die Hervorhebung weniger Beispiele.Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch
aufzufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des
Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homo-
sexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit
einer Dirne usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell
moralischen Standpunkt des Träumers“ (l. c. p. 466). Die Ver-
wandten überhaupt spielen im Traume meistens die Rolle von
Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser Bedeutung nur denS.
Zu Abschnitt VI 75 Sohn, die Tochter, die jüngere S c h w e s t e r bestätigen, soweit also
das Anwendungsgebiet des „Kleinen“ reicht. Dagegen erkennt
man an gesicherten Beispielen die S c h w e s t e r n als Symbole
der Brüste, die B r ü d e r als solche der großen Hemisphären. Das
Nichteinholen eines Wagens löst S t e k e l als das Bedauern
über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das
Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man
gedrückt wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber
häufig als unverkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch
den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat S t e k e l
fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese
Auflösungen weder genügend sichergestellt noch allgemein gültig,
wenngleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahr-
scheinlich anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein
mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine
der Verallgemeinerungen, welche S t e k e l aufstellt, bezieht sich
auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. „Wo gäbe
es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einigermaßen
erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht
werden könnte!“ Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel
von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie
erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht
überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der
allgemeine Satz S t e k e l s vor der Anerkennung einer größeren
Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso
häufig für das männliche wie für das weibliche Genitale stehen,
gibt es solche, die vorwiegend oder fast ausschließlich eines der
Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von denen nur die
männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist. Lange,
feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Geni-
tales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.)
als Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbe-S.
76 Ergänzungen zur Traumdeutung wußten Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden,
einen archaischen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschieden-
heit der Genitalien unbekannt ist und beiden Geschlechtern das
nämlicheGenitale zugesprochen wird. Man kann aber auch zur
irrigen Annahme eines bisexuellen Sexualsymbols verleitet werden,
wenn man daran vergißt, daß in manchen Träumen eine allge-
meine Geschlechtsverkehrung vorgenommen wird, so daß das
Männliche durch Weibliches dargestellt wird und umgekehrt.
Solche Träume drücken z. B. den Wunsch einer Frau aus,
lieber ein Mann zu sein.Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körper-
teile vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder
den Fuß, die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr,
selbst das Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers — Schleim,
Tränen, Harn, Sperma usw. — können im Traum für einander
gesetzt werden. Diese im Ganzen richtige Aufstellung von
W. Stekel hat eine berechtigte kritische Einschränkung durch
Bemerkungen von R. Reitler erfahren (Internationale Zeit-
schrift f. Psychoanalyse I, 1913). Es handelt sich im wesentlichen
um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des Samens durch
ein indifferentes.Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen
genügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.1
Eine weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich
in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“,
(1916/17) versucht.Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich1) Bei aller Verschiedenheit der Schernerschen Auffassung von der Traum-
symbolik und der hier entwickelten muß ich doch hervorheben, daß Scherner
als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte,
und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, vor
rund fünfzig Jahren (1861) veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben.S.
Zu Abschnitt VI 77
der Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine
solche auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte
ich aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole
für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der
Traumübersetzung auf Symbolübersetzung einzuschränken und
die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzu-
geben. Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander
ergänzen; praktisch wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang
dem zuerst beschriebenen Verfahren, das den Äußerungen des
Träumers die entscheidende Bedeutung beilegt, während die von
uns vorgenommene Symbolübersetzung als Hilfsmittel hinzutritt.1) Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen
Genitales)1(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst agora-
phobischen Frau)„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen
Strohfut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung
hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere.
Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir
alle nichts anhaben.“Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren
kann, sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale
mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herab-
hängenden Seitenteilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist
vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: „Unter die Haube
kommen!“ Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details
über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl
gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung
den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen1) Aus „Nachträge zur Traumdeutung“, Zentralblatt für Psychoanalyse I, Nr. 5/6,
1911.S.
78 Ergänzungen zur Traumdeutung Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den
Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen,
da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien vom Gehen
ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letztere Auf-
klärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten Malen,
auf anderes Material gestützt, geben können.Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes
zurück und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile
nach abwärts hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich
beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile
und findet dann den Mut, zu fragen, was es bedeute, daß bei
ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es
bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des
Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein
weibliches Genitale stehen kann.12) Das Kleine ist das Genitale — das Überfahren-
werden ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin)
„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein
gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie
überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein
unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht
sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile
1 Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl.
f. PsA. III, 1912, p. 95). Von Stekel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impo-
tenten) Mann symbolisiert.S.
Zu Abschnitt VI 79 sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine
allein hat gehen lassen.Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist hier
nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen
und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll ver-
standen werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis
der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen.— Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu
deuten ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheil-
anstalt weg, in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die
Mutter holte sie von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahn-
hof und überreichte ihr einen Strauß Blumen zum Abschied; es
war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin dieser Huldigung
sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer
Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während
ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste
Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man
nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade mußte
man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten
Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer
nackt von rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunter-
schiede zu sprechen und hebt hervor, daß man beim Manne die
Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim Weibe aber
nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, daß das
Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vor-
wurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein
Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz
des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit
sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen
auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung, haben
(coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen ihrenS.
80 Ergänzungen zur Traumdeutung
Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht der
Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem
anderen Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem
Bruder identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel,
mußte oft hören, daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu
dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es dann besonders
klar, daß das „Kleine“ das Genitale bedeutet. Die Mutter droht
ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung
für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die
Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre
Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis
des männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß sie
nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben
haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile Sexual-
theorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervor-
gehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet
sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote,
daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel
antwortet: Nein, immer so g’west.Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales, im ersten Traum,
bezieht sich auch also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich
grollt sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.Daß das „Überfahrenwerden“ sexuellen Verkehr symbolisiert,
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus
zahlreichen anderen Quellen sicher wüßte.3) Darstellung des Genitales durch Gebäude,
Stiegen, Schachte(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.)
„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einenS.
Zu Abschnitt VI 81 kleineren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht
ist, der aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn,
wozu das alles ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm
aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große
Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein
großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher um,
ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht
es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich
ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine
Treppe in einen Schacht hinunter, dessen Wände weich
ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses
Schachtes ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer
Schacht. . .“Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen
Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und
sich von da an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete
er fast selbständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale,
der Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu
klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde
sei das — vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete —
Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn
der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung
der Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so
daß er der fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des
Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, muß man den
Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn etwa konditionell
nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung gebeten
hätte.“ Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir bald an
anderer Stelle finden.Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in
erster Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem
Geschäftslokal des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ichFreud, III 6 S.
82 Ergänzungen zur Traumdeutung das „Blech“ für das andere Material, mit dem der Vater handelt,
eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des Traumes zu
ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten
und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der
Gewinn zum Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher
dürfte die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten:
„(Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich betrogen
haben, wie er seine Kunden betrügt.“ Für das Abreißen,
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient,
gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die
Onanie. Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe Bd. II.
S. 342), sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis
der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt ist (man darf es
ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, daß die
onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben wird,
wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht
deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung
der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das
Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will,
setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung
im Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1, 1910; siehe oben S. 71,
Note).Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere
Plattform folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst
biographisch. Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr
infolge von Hemmungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit
Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der Traum wird
aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es plau-
sibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der
Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches das
Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die erste als
Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Beziehung
auf die Mutter annehmen kann.S.
Zu Abschnitt VI 85
4) Das männliche Genitale durch Personen, das weib-
liche durch eine Landschaft symbolisiert(Traum einer Frau „„ dem Volke, dem. Mann W.chmmn in, miigctuill von B.
Dunner.)„. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrachen und sie habe
angstvoll nach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit
zwei ,Pülehern‘ einlrächtig in eine Kirche‘ gegangen, zu der
mehrere“ Stufen emparführten; hinter der Kirche sei ein Berg3
gewesen und oben ein dichter Wald.‘ Der Wachmann sei mit einem
Helm, Ringkragen und Mantel5 versehen gewesen. Er habe einen
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem
Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebunniene Schürzen
um die Lenden gehabt.s Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg
geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrü'pp verwachsen
gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges
ein ordentlicher Wald geworden sei.“5) Kastrationstränme bei Kindern
a) „Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die
Wiederkehr des Vaters aus dern Felde sichtlich unbequem ist,
erwacht eines Morgens verstärt und aufgeregt und wiederholt
immerfort die Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem
Teller getragen? Heute nach! hat Papi seinen Kopf auf einem
Teller getragen.“17) „Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student
erinnert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden
Traum gehabt hat: Er geht zum Friseur, um sich die Haare
schneiden zu lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen;) Oder Knpelle = Veginl.
„ Symbol des mim.
5) Mans veneris.
4) Crinel puhis.
5) Dämonen in Münch: und Knpuzen sind ml. der Aufklärung einen Fachmann
phaflischer Nnmr.5) Die heiden Hilan des Hademlckel.
S.
84 Ergänzungen zur Traumdeutung Zügen auf ihn zu und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau
erkennt er als die Mutter.“6) Zur Harnsymbolik
Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt
(„Fidibusz“)
aufgefunden
und in ihrer Brauchbar-
keit zur Illustration der
Traumtheorie erkannt hat.
O. Rank hat das neben-
stehende als „Traum
der französischen
Bonne“ überschriebene
Blatt bereits in seiner
Arbeit über die Symbol-
schichtung im Wecktraum
usw. (p. 99) verwertet.Erst das letzte Bild,
welches das Erwachen der
Bonne infolge des Ge-
schreies des Kindes ent-
hält, zeigt uns, daß die
früheren sieben die Phasen
eines Traumes darstellen.Das erste Bild anerkennt
den Reiz, der zum Er-
wachen führen sollte. DerKnabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt die entsprechende
Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im Schlaf-
zimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den
Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und —
sie darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärktS.
Zu Abschnitt VI 85 sich; der Knabe, der sich nicht beachtet findet, brüllt immer
kräftiger. Je dringender er das Erwachen und die Hilfeleistung
seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren Traum seine Ver-
sicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht zu erwachen
brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimensionen
des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe
liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er bereits
einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes
Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlaf-
bedürfnis und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geist-
reichster Weise von einem mutwilligen Künstler verbildlicht.7) Ein Stieg
entraum
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank)Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 106 angeführte)
Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich
durchsichtigen Pollutionstraum:„Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen.
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene
weibliche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht,
ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten
auf der Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft)
koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein
Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren
seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des
Sexualaktes sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei
kleine Gemälde hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen
darstellten. Auf dem einen kleineren stand unten an Stelle der
Namenssignatur des Malers mein eigener Vorname, als wäre es
für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann hing noch ein
Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder auch
zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann höchst undeutlich soS.
86 Ergänzungen zur Traumdeutung wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen) und erwache
durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten Pollu-
tion herrührt.“Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Warte-
zeit einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche
Motive wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen
Bildchen, das ihm besonders gefallen hatte, trat er näher und sah
nach dem Namen des Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war.Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt
hatte, ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht
worden“. Der Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht
alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienst-
mädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer
Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine
Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus
auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherz-
hafter Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei
geäußert: das Kind sei wirklich „auf der Kellerstiege gewachsen“.Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im
Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres
reproduziert werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes
Stück infantiler Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung
gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem
er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und wo er ins-
besondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den Sexual-
problemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig
gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des
Geländers hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt
hatte. Im Traume eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die
Stiege hinunter, so rasch, daß er nach eigener deutlicher Angabe
die einzelnen Stufen gar nicht berührt, sondern, wie man zuS.
Zu Abschnitt VI 87
sagen pflegt, „h i n u n t e r f l i e g t“ oder rutscht. Mit Bezug auf das
infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den Moment
der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegenhaus
und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch
mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben,
wobei er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im
Traume geschieht.Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe
„Zentralblatt f. PsA.“, Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
Stiegensteigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symboli-
sieren, so wird der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft
ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser
Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle Erregung (im Traume
dargestellt durch das Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege),
deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der
Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die
libidinöse Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion
(dargestellt im Traume durch das Fassen des Kindes und seine
Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum
rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter
völlig undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Erregung
genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe
des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus
und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des
Koitus entlarvt. — Wenn F r e u d als einen der Gründe für die
sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter
beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders
deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des
Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder-
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element
gewesen war.Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen
von ihrer realen Bedeutung, auch in symbolischem Sinne alsS.
88 Ergänzungen zur Traumdeutung „Weibsbilder“ gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich
um ein großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im
Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen
vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung stehen,
führt zum Prostituiertenkomplex, wie andererseits der Vorname
des Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei
ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen
(auf der Stiege geboren = im Koitus erzeugt).Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt,
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kind-
heit zurückzuweisen und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von
Bettnässen zum Vorbild zu haben.&
S.
Zu Abschnitt VI 89
das Testament des Vaters hinterlegt war, — er hatte den Vater
im Alter von drei Jahren verloren, — brachte zwei große Kaiser-
birnen, von denen er eine zum Essen bekam. Die andere lag auf
dem Fensterbrett des Wohnzimmers. Er erwachte mit der Über-
zeugung von der Realität des Geträumten und verlangte hart-
näckig von der Mutter die zweite Birne; sie liege doch auf dem
Fensterbrett. Die Mutter lachte darüber.Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie
er sich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte.
Das Fensterbrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will
ihm dazu nicht einfallen; etwa noch, daß die Mutter kürzlich
ihm einen Traum erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe
sitzen, fragt sich, wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen
nicht fort, sondern der eine fliegt zu ihrem Munde und saugt
aus ihm.Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Recht,
die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden
Birnen — pommes ou poires — sind die Brüste der Mutter, die
ihn genährt hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog
den Balkonen im Häusertraum (vgl. S. 71). Sein Wirklichkeits-
gefühl nach dem Erwachen hat recht, denn die Mutter hat ihn
wirklich gesäugt, sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus,
und die Mutterbrust wäre noch immer zu haben. Der Traum
ist zu übersetzen: Mutter, gib (zeig') mir die Brust wieder, an
der ich früher einmal getrunken habe. Das „früher“ wird durch
das Essen der einen Birne dargestellt, das „wieder“ durch das
Verlangen nach der anderen. Die zeitliche Wiederholung
eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zahlenmäßigen
Vermehrung eines Objektes.Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im
Traume eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht
Ausnahme, sondern Regel. Man darf sagen, der Träumer verfügt
über die Symbolik von allem Anfang an.S.
90 Ergänzungen zur Traumdeutung Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum-
lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbe-
influßte Erinnerung einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist
zwischen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie,
ihren um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen
beiden stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem
Spaziergang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als
die älteste auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt
die Cousine: Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat
ein Würstchen, ich hab’ ein Portemonnaie. Antwort der Cousine:
Ja, ich hab’ auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend
zugehört und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer
scharfen Zurechtweisung reagiert.Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete:10) „Zur Frage der Symbolik in den Träumen
Gesunder“1„Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt
auch von Havelock E l l i s2 — vorgebrachter Einwand lautet,
daß die Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen
Psyche sei, aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe.
Während nun die psychoanalytische Forschung zwischen normalem
und neurotischem Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen,
sondern nur quantitative Unterschiede kennt, zeigt die Analyse
der Träume, in denen ja bei Gesunden und Kranken in gleicher
Weise die verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle Identität
der Mechanismen wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume
Gesunder enthalten oft eine viel einfachere, durchsichtigere und
mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer Personen, in
denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus1) Alfred R o b i t s e k im Zentralblatt f. PsA. II, 1911, p. 340.
2) „The World of Dreams“, London 1911, p. 168.
S.
Zu Abschnitt VI 91
resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält,
dunkel und schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte
Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von
einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurück-
haltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich, daß sie
verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegenstellen,
die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan folgen-
den Traum:„I arrange the centre of a table with flowers for a birthday.“
(Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburts-
tag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem
Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein
Glücksgefühl empfunden.„Die ,populäre‘ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche:
der Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst
und das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar,
indem sie sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines
Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also längst hinter ihr.„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a
table‘ ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier
aber natürlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorg-
fältig, ihr die Bedeutung der Symbole zu suggerieren, und fragte
sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes in den
Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse
einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit,
die der Ernst des Gespräches ermöglichte. — Auf meine Frage,
was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst:
,expensive flowers; one has to pay for them‘ (teuere Blumen, für
die man zahlen muß), dann, es seien ,lilies of the valley, violets
and pinks or carnations‘ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich: Lilien
vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort
Lilie in diesem Traume in seiner populären Bedeutung alsS.
92 Ergänzungen zur Traumdeutung Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese Annahme, indem
ihr zu ‚Lilie‘ ‚purity‘ (Reinheit) einfiel. ‚Valley‘, das Tal, ist ein
häufiges weibliches Traumsymbol; so wird das zufällige Zusammen-
treffen der beiden Symbole in dem englischen Namen für Mai-
glöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren
Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has to pay for them
— verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann
ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung expen-
sive flowers etc.‘ hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei
Blumensymbole eine andere Bedeutung.
„Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ‚violets‘
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer
unbewußten Beziehung zum französischen ‚viol‘ zu erklären. Zu
meiner Überraschung assoziierte die Träumerin ‚violate‘, das eng-
lische Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlich-
keit von violet und violate — in der englischen Aussprache
unterscheiden sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der
letzten Silbe — wird vom Traume benutzt, um ‚durch die Blume‘
den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses
Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen maso-
chistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein
schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege
zum Unbewußten führen. Das ‚one has to pay for them‘ bedeutet
hier das Leben, mit dem sie das Weib- und Mutterwerden
bezahlen muß.
„Bei ‚pinks‘, die sie dann ‚carnations‘ nennt, fällt mir die
Beziehung dieses Wortes zum ‚Fleischlichen‘ auf. Ihr Einfall dazu
lautete aber ‚colour‘ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und
in großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches
gesteht sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit
gesagt, es sei ihr nicht ‚colour‘, sondern ‚incarnation‘ (Fleisch-
werdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigensS.
Zu Abschnitt VI 93
ist auch ,colour‘ als Einfall nicht entlegen, sondern durch die
Bedeutung von carnation — Fleischfarbe, also durch den
Komplex determiniert. Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der
Widerstand an dieser Stelle am größten war, entsprechend dem
Umstand, daß die Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der
Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen
Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese Blumen
häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel-
bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phalli-
schen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes
wird benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und
Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit
und erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das
,expensive flowers, one has to pay for them‘ eine — wohl wirk-
liche, finanzielle — Bedeutung haben. — Die Blumensymbolik
des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das männ-
liche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration.
Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle Blumensymbolik, die
ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane
durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das
Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht überhaupt diese
unbewußte Bedeutung.„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam,
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert.
Der latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde
ich nicht warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen,
Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt
auch die sadistische Libidokomponente zum Ausdruck.„In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ,I arrange
etc.‘ eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben.„Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; umS.
94 Ergänzungen zur Traumdeutung so mehr wird die Kostbarkeit des ,centre‘ (sie nennt es ein ander-
mal ,a centre piece of flowers‘), ihre Jungfräulichkeit, hervor-
gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element
zum Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration
des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol.
„Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,I decorate
the flowers with green crinkled paper.‘ (Ich verziere die Blumen
mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ,fancy
paper‘ (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumen-
töpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide untidy things, whatever
was to be seen, which was not pretty to the eye; there is a gap,
a little space in the flowers.‘ Also: ,um unsaubere Dinge zu ver-
bergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt, ein kleiner
Zwischenraum in den Blumen.‘ ,The paper looks like velvet or
moss‘ (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‘). Zu ,decorate‘
assoziiert sie ,decorum‘, wie ich es erwartet hatte. Die grüne
Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope‘ (Hoffnung),
wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne,
sondern es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur
Geltung. Sie macht sich schön für ihn, gesteht sich körperliche
Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu korrigieren sucht.
Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich
um die crines pubis handelt.
„Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache
Denken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der
Sinnenliebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen
Geburtstag zugerichtet‘, d. h. koitiert; die Furcht vor der Deflora-
tion, vielleicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Aus-
druck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel ein, über-
kompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer Jung-
fräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit
damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielleS.
Zu Abschnitt VI 95 Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Aus-
druck. Der Affekt des einfachen Traumes — das Glücksgefühl
— zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre Befriedigung
gefunden haben.“Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie
leicht gerade „Träume von Ahnungslosen“ den Sinn der Symbole
und die Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f.
PsA. IV, 1916/17.)Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per-
sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein
Gegenstand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen
Gliedes eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs
deutlichste als phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die
„unendliche Verlängerung“ einer Reitgerte kann nicht leicht
anderes als die Erektion bedeuten. Überdies gibt dieser Traum
ein schönes Beispiel dafür, wie ernsthafte und dem Sexuellen
fernabliegende Gedanken durch infantil-sexuelles Material zur
Darstellung gebracht werden.11) Ein Traum Bismarcks
(Von Dr. Hanns Sachs)
„In seinen ‚Gedanken und Erinnerungen‘ teilt Bismarck
(Bd. II der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am
18. Dezember 1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief
enthält folgende Stelle: ‚Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich
zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den
schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge
keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte und ich erzählte es
sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf
einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der
Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd sich weigerte und Umkehr
und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich
mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte FelswandS.
96 Ergänzungen zur Traumdeutung und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand
stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit
dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische
Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Gedanke,
wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser
Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm.““„Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte: im
ersten Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann
im zweiten auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige
Lage, in der sich Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kennt-
liche Traumdarstellung der kritischen Situation des Staatsmannes,
die er am Abend vor dem Traume, über die Probleme seiner
Politik nachdenkend, besonders bitter empfunden haben mochte.
Mit der zur Darstellung gelangten gleichnisweisen Wendung
schildert Bismarck selbst in der oben wiedergegebenen Brief-
stelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie war ihm
also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben wir wohl
auch ein schönes Beispiel von Silberers ,funktionalem Phänomen‘
vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei jeder
von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche
Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der
Beschäftigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind
sehr treffend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch
rückwärts kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben
oder Zurücktreten zu denken, kommt im Traume durch die
Worte ,Umkehren oder absitzen . . . unmöglich‘ zum Ausdruck.In seiner Eigenschaft als stets angestrengt Tätiger, der sich für
fremdes Wohl plagt, lag es für Bismarck nahe, sich mit einem
Pferde zu vergleichen, und er hat dies auch bei verschiedenen
Gelegenheiten getan, z. B. in seinem bekannten Ausspruch: ,Ein
wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen.‘ So ausgelegt bedeuten die
Worte, daß ,das Pferd sich weigerte‘, nichts anderes, als daß der
Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich von den Sorgen derS.
Zu Abschnitt VI 97 Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt, daß er im
Begriffe stehe, sich von den Fesseln des Realitätsprinzips durch
Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann
im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird dann auch hier
schon präludiert durch das Wort ‚Alpenpfad‘. Bismarck wußte
damals wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen
— nämlich in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn
dahin versetzte, befreite ihn also mit einem Schlage von allen
lästigen Staatsgeschäften.„Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf
doppelte Weise — unverhüllt und greifbar, daneben noch sym-
bolisch — als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Ver-
schwinden des hemmenden Felsens, an dessen Stelle ein breiter
Weg — also der gesuchte Ausweg in bequemster Form —
erscheint, unverhüllt durch den Anblick der vorrückenden preußi-
schen Truppen. Man braucht zur Erklärung dieser prophetischen
Vision durchaus nicht mystische Zusammenhänge zu konstruieren;
die Freudsche Wunscherfüllungstheorie genügt vollständig.
Bismarck ersehnte schon damals als den besten Ausgang aus den
inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg mit Öster-
reich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also in
Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum
dadurch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert.Individuell bedeutsam ist nur, daß der Träumer, mit dem wir
uns hier beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte,
sondern auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem
Kenner der psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß,
ist die Reitgerte, die ‚unendlich lang‘ wird. Gerte, Stock, Lanze
und Ähnliches sind uns als phallische Symbole geläufig; wenn
aber diese Gerte noch die auffallendste Eigenschaft des Phallus,
die Ausdehnungsfähigkeit besitzt, so kann kaum ein Zweifel
bestehen. Die Übertreibung des Phänomens durch die Verlängerung
ins ‚Unendliche‘ scheint auf die infantile Überbesetzung zu deuten.Freud, III
S.
98 Ergänzungen zur Traumdeutung
Das In-die-Hand-nehmen der Gerte ist eine deutliche Anspielung
auf die Masturbation, wobei natürlich nicht an die aktuellen Ver-
hältnisse des Träumers, sondern an weit zurückliegende Kinder-
lust zu denken ist. Sehr wertvoll ist hier die von Dr. Stekel
gefundene Deutung, nach der l i n k s im Traume das Unrecht,
das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen ein Verbot
betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwischen
dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich mit
den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch eine
Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung
steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer
Not durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung
Gottes als Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, näm-
lich wie Moses für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen
Wasser schlägt. Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen
wir bei dem aus einem bibelgläubigen, protestantischen Hause
hervorgegangenen B i s m a r c k ohne weiteres annehmen. Mit
dem Anführer Moses, dem das Volk, das er befreien will, mit
Auflehnung, Haß und Undank lohnt, konnte sich B i s m a r c k in
der Konfliktszeit unschwer vergleichen. Dadurch wäre also die
Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. Anderseits ent-
hält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die Masturbations-
phantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot Gottes
greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn der
Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das
gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im
Traume unzweideutig phallischen — S t o c k e s, das Erzeugen von
Flüssigkeit durch das Schlagen damit und die Todesdrohung —
damit haben wir alle Hauptmomente der infantilen Masturbation
beisammen. Interessant ist die Bearbeitung, die jene beiden hete-
rogenen Bilder, von denen eines aus der Psyche des genialen
Staatsmannes, das andere aus den Regungen der primitiven Kinder-
seele stammt, durch Vermittlung der Bibelstelle zusammen-S.
Zu Abschnitt VI 99
geschweißt hat, wobei es ihr gelungen ist, alle peinlichen
Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen des Stockes eine ver-
botene, aufrührerische Handlung ist, wird nur mehr durch die
linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet. Im
manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um
recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heim-
lichkeit abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an
Moses, daß er das verheißene Land sehen, nicht betreten werde,
wird die eine sehr deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel
und Waldland), die andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt.
Das Wasser ist wahrscheinlich der sekundären Bearbeitung, welche
die Vereinheitlichung dieser Szene mit der vorigen erfolgreich
anstrebte, zum Opfer gefallen, statt dessen stürzt der Fels selber.„Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, in der
das Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das
Kind wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten
nichts von dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser
Wunsch durch das Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem
König sogleich zu melden, ersetzt. Diese Umkehrung schließt
sich aber ausgezeichnet und ganz unauffällig der in der obersten
Schicht der Traumgedanken und in einem Teile des manifesten
Trauminhaltes enthaltenen Siegesphantasie an. Ein solcher Sieges-
und Eroberungstraum ist oft der Deckmantel eines erotischen
Eroberungswunsches; einzelne Züge des Traumes, wie z. B., daß
dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt wird, nach
Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter Weg
erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, um
daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und
Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel
einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige
wurde überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinaus-
ragt, das als schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge
davon ist, daß jede Entbindung von Angst hintertrieben werden7*
S.
100 Ergänzungen zur Traumdeutung konnte. Es ist ein Idealfall von gelungener Wunscherfüllung ohne
Zensurverletzung, so daß wir begreifen können, daß der Träumer
aus solchem Traum froh und gestärkt erwachte.“Ich schließe mit dem
12) Traum eines Chemikers,
eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen
Gewohnheiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.V o r b e r i c h t . Am Tage vor dem Traume hat er einem
Studenten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben,
bei welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in
absolut reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es
bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein
Arbeiter die Hand verbrannte.T r a u m : I) Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung,
sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße
lösen sich schon auf, meine Knie werden weich. Dann greift
er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht
wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder:
Das kann nicht sein. — Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei
erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir
erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des
Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wieder-
holt sich beständig: Phenyl, Phenyl.II) Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um 1/212 Uhr
beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein,
wacht aber erst um 1/212 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu
spät; bis du hinkommst, ist es 1/21 Uhr. Im nächsten Moment sieht er
die ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die
Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich
dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort.S.
Zu Abschnitt VI 101 Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine
Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in
der Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der
Student, dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter
Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magne-
sium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob
ihm gar nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser
Student muß er selbst sein; — er ist so gleichgültig gegen seine
Analyse, wie jener für seine Synthese; — das Er im
Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekelhaft muß
er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg erscheinen!
Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese)
gemacht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die
Beine im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends.
Er traf in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er
erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal auf-
schrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte
er ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis
oberhalb der Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In
dieser Situation ist also das Weib das Magnesium in der Retorte,
mit dem es endlich geht. Er ist feminin gegen mich, wie er
viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht es
auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die Wahrnehmungen
an seinen Knien deuten auf die Onanie und entsprechen seiner
Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war wirklich
für 1/212 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen und
bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu
bleiben, entspricht seinem Widerstande.
Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese
Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr
bequem zu gebrauchen: Benzyl, AzetylS.
102 Ergänzungen zur Traumdeutung Buch von Prévost gelesen, und in diesem war im Kapitel:
Les exclus de l’amour, allerdings von den „Schlemiliés“ die
Rede, bei deren Schilderung er sich sagte: Das ist mein Fall. —
Schlemihlerei wäre es auch gewesen, wenn er das Rendezvous
versäumt hätte.Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter
hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnoti-
sierten Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt,
der einen großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die
Suggestion den Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen
Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum diese Aufträge
aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der psycho-
analytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B.
erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit
einer Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer
schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf ein Zettel klebte,
bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen.“ Der Träumerin
war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung
niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Ein-
schätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglück-
liche Tatsache gestört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch
Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß
eine vorläufige Mitteilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse“.Ähnliche Ergebnisse hat 1923 G. Roffenstein veröffent-
licht. Besonders interessant erscheinen aber Versuche, die Betl-
heim und Hartmann angestellt haben, weil bei ihnen die
Hypnose ausgeschaltet war. Diese Autoren („Über Fehlreaktionen
bei der Korsakoffschen Psychose“, Archiv für Psychiatrie,
Bd. 72, 1924) haben Kranken mit solcher Verworrenheit
Geschichten grob sexuellen Inhalts erzählt und die Entstellungen
beachtet, welche bei der Reproduktion des Erzählten auftraten.
Es zeigte sich, daß dabei die aus der Traumdeutung bekanntenS.
Zu Abschnitt VI 103 Symbole zum Vorschein kamen (Stiegen steigen, stechen und
schießen als Symbole des Koitus, Messer und Zigarette als Penis-
symbole). Ein besonderer Wert wird dem Erscheinen des Symbols
der Stiege beigelegt, weil, wie die Autoren mit Recht bemerken,
„eine derartige Symbolisierung einem bewußten Entstellungs-
wunsch unerreichbar wäre.“Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben,
können wir in der oben S. 50 abgebrochenen Behandlung
der typischen Träume fortfahren. Ich halte es für gerecht-
fertigt, diese Träume im groben in zwei Klassen einzuteilen, in
solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben, und
zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhalts
doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von
den typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungs-
traum bereits eingehender behandelt.Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume
vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen
angereiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese
Annäherung. Es sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf
empfundene Angstregung, die Angst zu sterben. „Abreisen“ ist
eines der häufigsten und am besten zu begründenden Todes-
symbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du wirst
nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte:
Fürchte nichts; es wird dir auch diesmals nichts geschehen. Die
Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt
daher, daß die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des
Trostes geknüpft ist.Der Sinn der „Zahnreizträume“, die ich bei meinen
Patienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit ent-
gangen, weil sich zu meiner Überraschung der Deutung der-
selben regelmäßig allzu große Widerstände entgegenstellten.Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts-S.
104 Ergänzungen zur Traumdeutung zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher
Träume analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum“
ist. Beide rühren von derselben Person her, einem jungen Manne
mit starker, aber im Leben gehemmter Homosexualität:Er befindet sich bei einer „Fidelio“-Vorstellung im Parkett der
Oper, neben L., einer ihm sympathischen Persönlichkeit, deren
Freundschaft er gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg
hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift sich dann in den
Mund und zieht sich zwei Zähne aus.Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen“
würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio“ handelt,
liegt das Dichterwort nahe:„Wer ein holdes Weib errungen —“
Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere
Verse besser:„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein . . .“Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf“, der aber nicht
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die
peinliche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freund-
schaft schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen“ wurde,
und die Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen
Manne, neben dem er die „Fidelio“-Vorstellung genießt, wieder-
holen. Und nun schließt sich daran das für den feinsinnigen
Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer
Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal
hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat.Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitätsprofessoren
behandeln ihn an meiner Statt. Der eine tut irgend etwas an
seinem Gliede; er hat Angst vor einer Operation. Der andere stößt
mit einer eisernen Stange gegen seinen Mund, so daß er ein oder
zwei Zähne verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden.S.
Zu Abschnitt VI 105 Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft.
Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem
ihm bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen
Koitus ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen
Verkehr mit Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr
nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertäts
onanie vor.Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn
auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich
werden.1 Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz“
zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf
die so häufige Verlegung von unten nach oben aufmerksam, die
im Dienste der Sexualverdrängung steht, und vermöge welcher
in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an
den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien
Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher
Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten
Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der
Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er „Hinterbacken“ als
Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen“ neben den
Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase wird
in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die
Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein
Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne,
und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und
Abweichung macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung
unter dem Drucke der Sexualverdrängung geeignet.Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraumes
als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln
1) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration zu
deuten (ähnlich wie das Haarschneiden durch den Friseur; S t e k e l). Es ist zu unter
scheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie solche z. B.
Coriat (Zentralbl. f. PsA. III, 440) mitgeteilt hat.S.
106 Ergänzungen zur Traumdeutung kann, voll durchsichtig geworden ist.1 Ich gebe so viel, als ich
zur Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen.
Aber ich muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck
enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert
eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich
einen ausreißen oder sich einen herunterreißen.2 Ich weiß nicht
zu sagen, woher diese Redeweisen stammen, welche Verbild-
lichung ihnen zugrunde liegt, aber zur ersteren von den beiden
würde sich der „Zahn“ sehr gut fügen.Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volks-
glauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die
Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im oben
angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich
hier einen von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Zahn-
reiztraum“ ein:„Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen,
der sich seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung
lebhafter zu interessieren beginnt, der folgende Bericht zu-
gekommen:
„Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet solange
herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er
ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtig-
keit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle
mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich
behandelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie
mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten
zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neugierig
1) Nach einer Mitteilung von C. G. Jung haben die Zahnreizträume bei Frauen
die Bedeutung von Geburtsträumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung hiefür
erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt darin, daß
es sich in beiden Fällen (Kastration — Geburt) um die Ablösung eines Teiles vom
Körperganzen handelt.2) Vgl. hiezu den „biographischen“ Traum in Bd. II, S. 341.
S.
Zu Abschnitt VI 107
näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt
erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des auffallend
weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument zermalmt
(pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammenhängt, und
daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht herausgehen;
bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Geburt eines
Kindes.Ich merke dann (wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser
Traum von einer Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit
Sicherheit an eine bestimmte Stelle des Traumes einzureihen
weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim Herausziehen des
Zahnes eingetreten zu sein.Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen
Vorgang, der damit abschloß, daß ich, Hut und Rock in der
Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend-
wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück-
lassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich beeilte, einen
abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im
letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen,
wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das
Innere des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen
Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien
versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen
Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren
Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue
wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.‘Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich
folgende Erlebnisse und Gedanken des Vortages:I) Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behand-
lung und habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen
in dem Zahn des Unterkiefers, der im Traume angebohrt wird,
und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit schon länger herum-
arbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war ichS.
108 Ergänzungen zur Traumdeutung neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir
nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im
selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der
Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben
durchbrechenden ‚Weisheitszahn‘. Ich hatte bei der Gelegenheit
auch eine darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen
gestellt.II) Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer
Dame gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen
entschuldigen zu müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht,
sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänzlich
abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augen-
zähnen besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderer-
seits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des
Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter
gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in
der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung,
welche ihre Scheu vor der notwendigen Operation nur vermehrt
habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen Backen- oder
Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese bekannt sei.
Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all
diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des
richtigen Kernes mancher volkstümlichen Anschauungen zu ver-
säumen. Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach sehr
alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der
behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen
hat, so bekommt sie einen Buben.III) Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die
von Freud in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mit-
geteilte typische Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz,
da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und das männliche
Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich
las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in derS.
Zu Abschnitt VI 109 Traumdeutung nach und fand dort unter anderem die im fol-
genden wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf meinen
Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der
beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahn-
reizträumen, ,daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste
der Pubertätszeit die Triebkraft dieser Träume abgebe‘
(p. 193). Ferner: ,Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen
des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer
den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung
verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der
Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier
auf die so häufige Verlegung von unten nach oben (im
vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer)
aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht und
vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Inten-
tionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens
an anderen einwandfreien Körperstellen realisiert werden können‘
(p. 194). ,Aber ich muß auch auf einen anderen im sprachlichen
Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren
Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den mastur-
batorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen herunter-
reißen‘ (p. 193). Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend
als Bezeichnung für die Onanie geläufig und von hier aus wird
der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits-
material, das diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich
erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der
Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn
verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit
erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn
leicht und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir
heute noch in allen seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist,
fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten bewußten
Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).S.
110 Ergänzungen zur Traumdeutung Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung,
wonach die Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von
Geburtsträumen haben (Traumdeutung S. 194 Anmkg.),
sowie der Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei
Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Be-
deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume ver-
anlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes, wo mir,
bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes entlassen
worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen
herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten-
aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte,
im Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hin-
blick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen
Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder Form ökonomisch
nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich glaube,
daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahn-
schmerzes bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder
wachrief.1So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube,
auch einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzu-
zufügen habe als etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn
des zweiten Traumteiles, der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen-
Zug; reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten
vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum
Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen
Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren desselben
(Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen
interessant. Erstens ist es beweisend für den von F r e u d auf-
gedeckten Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim
Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution,
in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur-
batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme1) Vgl. S. 194.
S.
Zu Abschnitt VI 111 mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu kommt, daß in
diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht, wie sonst, an
einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern
objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und
höchstens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt)
erkennen läßt.Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint,
ist folgender: „Es liegt der Einwand nahe, daß die F r e u d sche
Auffassung hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden
suche, da doch die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen
hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen.
Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die
Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch
nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer diesen Traum
produziere; wenn man durchaus wolle, sogar zur Beseitigung des
schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Ent-
fernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertonung
der gefürchteten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird
man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständnissen in dieser
Richtung die Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß
die Lektüre der F r e u d schen Aufklärungen den Zusammenhang
von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt
oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht,
wie der Träumer selbst eingestanden hat (,sich einen ausreißen‘),
längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusam-
hang neben dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag,
ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre
der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische
Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und
den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume
zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für seine
eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte.
Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung einesS.
112 Ergänzungen zur Traumdeutung Wunsches, nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit
dieser Freudschen Auffassung zu überzeugen.“Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was
bedeuten diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie
bedeuten, wie wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes,
nur das Material an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal
aus derselben Quelle.Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält,
muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder-
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen,
die für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er, die
Arme ausstreckend, durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit
ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein
plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er
ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dannund verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn
etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich
nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume
die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei
schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche
Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann
gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die Erinnerung
von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der
hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher Kunststücke,
die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten sindbei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle
Empfindungen wachgerufen worden. Um es mit einem bei uns
gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu
sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches die Träume
vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust-
gefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,S.
Zu Abschnitt VI 113
ist auch das Hetzen der Kinder in Wirklichkeit häufig genug in
Zwist und Weinen ausgegangen.Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst
aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich
bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.1Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende
Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung
der allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist
lustbetonten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die
verschiedensten Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen,
Deutungen von selbst typischer Natur bei anderen. Eine meiner
Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über die
Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu
berühren. Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede
Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt.
Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre
Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die
Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär'; andere
wurden so nächtlicherweise zu Engeln, in der Entbehrung, bei
Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens
mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der
Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat.
Wir werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser
oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus-
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume
sind, da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unaus-1) Der Absatz über die Bewegungsträume ist des Zusammenhanges halber hier
wiederholt. Vgl. Bd. II, S. 274.Freud, III.
8
S.
114 Ergänzungen zur Traumdeutung gesetzt beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der
Schwerkraft imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen
der Antike.)Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleich-
falls die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume ver-
tritt (Über den Traum, Bd. II, p. 791). Er nennt die Erotik das
„wichtigste Motiv zum Schwebetraum“, beruft sich auf das starke
Vibrationsgefühl im Körper, welches diese Träume begleitet, und
auf die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder
Pollutionen.Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter.
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie
fast regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzep-
tieren, welches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung
umschreibt. Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir
noch nicht erschöpft; fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen
und wurden dann aufgehoben und geliebkost; wenn sie nachts
aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in ihr
Bett genommen.Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem
Behagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer
gewesen und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie
seit langer Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Dar-
stellung sich die Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden
wir bald an dem einen oder dem anderen Beispiele erfahren.Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der
Kinderstube recht, welches die Kinder nicht „zündeln“ heißt,
damit sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt
nämlich auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna
der Kinderjahre zugrunde. In dem „Bruchstück einer Hysterie-
analyse“ (1905)1 habe ich die vollständige Analyse und Synthese1) Ges. Schriften, Bd. VIII.
S.
Zu Abschnitt VI 115 eines solchen Feuertraumes im Zusammenhange mit der Kranken-
geschichte der Träumerin gegeben und gezeigt, zur Darstellung
welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses infantile Material
verwenden läßt.Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen“ Träumen
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wieder-
kehr des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen
Träumern versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge
Gassen, vom Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die
Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaß-
regeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die von Ver-
folgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung
mit Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den mani-
festen Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind
u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material
beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe an ihrer
Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht ausschließ-
lich auf typische Träume beziehen.Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt,
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der
Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische
Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume ana-
lysiert, d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten
Traumgedanken vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden,
nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren
(wie z. B. N ä c k e in seinen Arbeiten über sexuelle Träume).
Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Über-
raschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit unseren
Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat
seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren müssen wie der
Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten,1 von keinem1) Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905. 5. Aufl. 1922
(Ges. Schriften, Bd. V).8*
S.
116 Ergänzungen zur Traumdeutung anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche,
die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei
der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals
vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit
übertreiben.An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung fest-
stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem
sie eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homo-
sexuelle, d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumen-
den Person entgegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle
Träume bisexuell zu deuten seien, wie W. Stekel1 und Alf.
Adler2 behaupten, scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie
unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche ich nicht vertreten
möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht wegzu-
schaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als —
im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse befriedigen, die
Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. Auch die
ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die Todes-
klausel zu finden sei“ (Stekel), daß jeder Traum ein „Fort-
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie“ erkennen
lasse (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung
Zulässigen weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle
Träume eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche
in der Literatur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traum-
deutung“ fremd. Sie ist in sieben Auflagen dieses Buches nicht
zu finden und steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt
desselben.Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe
erotische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer
Stelle behauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele
1) Die Sprache des Traumes, 1911.
2) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, Fortschritte
der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psychoanalyse I,
1910/11.S.
Zu Abschnitt VI 117
erhärten. Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen
man nach keiner Richtung etwas Besonderes anmerken würde, führen
sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen
oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem
Traume einen sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten?Der Träumer erzählt: Zwischen zwei stattlichen Palästen steht
etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen
sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem
Häuschen hin, drückt die Tür ein, und dann schlüpfe ich rasch
und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes.Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird
allerdings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in
enge Räume, das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten
sexuellen Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem
Traume eine Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts
(zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen
Körpers) finden. Der enge, schräg aufsteigende Gang ist natürlich
die Scheide; die der Frau des Träumers zugeschobene Hilfe-
leistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die Rück-
sicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche
besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein
junges Mädchen in den Haushalt des Träumers eingetreten ist,
welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht
hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung nicht
zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen ist
von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen
und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende
Mädchen hin.Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes,
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so
bekomme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen
Traum nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung
an einen anderen, unkenntlichen und indifferenten Traum auf,S.
118 Ergänzungen zur Traumdeutung der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt hat, und die
Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich
wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die
verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein
Vielfaches häufiger sind als die aufrichtigen.1
1) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich in Nr. 1
des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht (s. unten); ein anderes mit ausführ-
licher Deutung O. R a n k ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte Ödipusträume,
in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe R a n k (Internat. Zeitschrift für
Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume“ und Augen-
symbolik von E d e r, F e r e n c z i, R e i t l e r. Die Blendung in der Ödipussage wie
anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens auch die
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O. R a n k,
Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlechtlichen Verkehre
mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für die
Besitzergreifung der Erde (Mutter-E r d e) auslegten. Ebenso bekannt ist das den
Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms
zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hin-
weis auf die Mutter-E r d e auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communis
mater omnium mortalium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu den Traum des H i p p i a s
bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem
er in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem
Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun,
er würde heimkommen nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im
Vaterlande sterben in seinen alten Tagen.“ Diese Mythen und Deutungen weisen auf
eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen,
die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere
Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.
Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes. Ein
Mann träumt: Er hat ein geheimes Verhältnis mit einer Dame, die ein anderer heiraten
will. Er ist besorgt, daß dieser andere das Verhältnis entdecken könnte, so daß aus der Heirat
nichts würde, und benimmt sich darum sehr zärtlich gegen den Mann; er schmiegt sich an
ihn an und küßt ihn. — Die Tatsachen im Leben des Träumers berühren den Inhalt
dieses Traumes nur in einem Punkte. Er unterhält ein geheimes Verhältnis mit
einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äußerung ihres Mannes, mit dem er
befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt, daß dieser etwas gemerkt haben
könnte. Aber in der Wirklichkeit spielt noch etwas anderes, dessen Erwähnung im
Traume vermieden wird und das doch allein den Schlüssel zum Verständnis des
Traumes gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches Leiden bedroht.
Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes vorbereitet, und unser
Träumer beschäftigt sich bewußt mit dem Vorsatze, nach dem Hinscheiden des
Mannes die junge Witwe zur Frau zu nehmen. Durch diese äußere Situation findet
sich der Träumer in die Konstellation des Ödipustraumes versetzt; sein Wunsch
kann den Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein Traum gibt
diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des VerheiratetseinsS.
Zu Abschnitt VI 119 Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon
einmal. Dieses „Déjà vu“ hat aber im Traum eine besondere
Bedeutung. Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der
Mutter; in der Tat kann man von keiner anderen mit solcher
Sicherheit behaupten, daß man „dort schon einmal war“. Ein
einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die Mit-
teilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche
eine Wohnung, in der er schon zweimal gewesen sei. Gerade
dieser Patient hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit
aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal
das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit dazu mißbraucht,
den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen.Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind,
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im
Wasser zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterin-
leben, das Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu-
grunde. Im folgenden gebe ich den Traum eines jungen Mannes
wieder, der in der Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit
zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern benutzt.„Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster
ist wie im Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst leere
Landschaft und dann komponiert er ein Bild hinein, welches dann
auch sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen
Acker dar, der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die
schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die
blauschwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck. Dann
kommt er weiter, sieht eine Pädagogik aufgeschlagen . . . und
wundert sich, daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin so
viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.“mit dem anderen setzt er ein, daß ein anderer sie erst heiraten will, was seiner
eigenen geheimen Absicht entspricht, und die feindseligen Wünsche gegen den
Mann verbergen sich hinter demonstrativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinnerung
an seinen kindlichen Verkehr mit dem Vater stammen.S.
120 Ergänzungen zur Traumdeutung Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer
besonderen Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich ins dunkle
Wasser, dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt.Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung
gelangt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte
Tatsache umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus
dem Wasser herauskommen, d. h.: geboren werden.1 Die Lokalität,
aus der man geboren wird, erkennt man, wenn man an den mut-
willigen Sinn von „la lune“ im Französischen denkt. Der blasse
Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen
zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin
sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt „geboren zu werden“?
Ich befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin
ich nicht durch die Kur wie neugeboren? So wird dieser
Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem Sommerorte
fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält vielleicht auch
eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst Mutter
zu werden.2Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung
einer Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein
schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er so weit, bis das
Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen
konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und nieder bewegte.
Die Szene verwandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Hotels.
1) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe R a n k: Der Mythus
von der Geburt des Helden, 1909.2) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben im
Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die Aufklärung
für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu werden, als auch
die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode,
welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der Geburt
darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das erste Angsterlebnis
und somit Quelle und Vorbild des Angstaffektes.S.
Zu Abschnitt VI 121 Ihr Gatte verließ sie und sie trat in ein Gespräch mit einem
Fremden.“„Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres
bei der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten
und Anknüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person.
Der erste Teil des Traumes war eine offenkundige Geburts-
phantasie. In den Träumen wie in der Mythologie wird die Ent-
bindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels
Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt; neben
vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris, Moses und
Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und Nieder-
tauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an
die Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer
einzigen Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an
den ins Wasser steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in
welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem Wasser heraus-
zog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und kleidete und
schließlich in ihr Haus führte.“„Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar,
welche das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der ver-
borgenen Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte
des Traumes entspricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte,
der Geburtsphantasie. Außer der früher erwähnten Umkehrung
greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte des Traumes Platz.
In der ersten Hälfte geht das Kind in das Wasser und dann
baumelt sein Kopf; in den zugrunde liegenden Traumgedanken
tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann verläßt das
Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten
Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken verläßt sie
ihren Gatten.“ (Übersetzt von O. Rank.)Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer
jungen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von
einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischerS.
122 Ergänzungen zur Traumdeutung Kanal direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt
eine Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen
bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund
gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der
Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Ver-
hältnis gestanden hatte.Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die
Geburtsträume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harn-
reizträume. Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dar-
gestellt; die Schichtung der Bedeutung in diesen Träumen ent-
spricht einem Bedeutungswandel des Symbols seit der Kindheit.Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir (Bd. II,
S. 242) abgebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender
Reize für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen
zustande gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunsch-
erfüllungstendenz und den Bequemlichkeitscharakter ganz offen,
sondern sehr häufig auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da
nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, dessen Befriedi-
gung in symbolischer Einkleidung im Traume
bereits vergeblich versucht worden war. Dies gilt
für die Pollutionsträume wie für die durch Harn- und Stuhldrang
ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der Pollutionsträume
gestattet uns nicht nur, gewisse, bereits als typisch erkannte, aber
doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu entlarven, sondern
vermag uns auch zu überzeugen, daß manche scheinbar harmlose
Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer grob
sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen
Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie
oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum
Erwachen führt.Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durch-
sichtig und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates ver-
trat die Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wennS.
Zu Abschnitt VI 123 man von Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner
hat die Mannigfaltigkeit der Harnreizsymbolik studiert und auch
bereits behauptet, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung
der Geschlechtssphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt ...
Der Harnreiztraum ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes
zugleich.“O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die
„Symbolschichtung im Wecktraum“ ich hier gefolgt bin, hat es
sehr wahrscheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harn-
reizträumen“ eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden,
der sich zunächst auf dem Wege der Regression in der infantilen
Form der Urethralerotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich
sind dann jene Fälle, in denen der so hergestellte Harnreiz zum
Erwachen und zur Blasenentleerung führt, worauf aber trotzdem
der Traum fortgesetzt wird und sein Bedürfnis nun in unver-
hüllten erotischen Bildern äußert.1In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die
dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker-
psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und
Kot.2 „So träumt z. B. eine Frau zur Zeit, da sie wegen einer
Darmstörung in ärztlicher Behandlung steht, von einem
Schatzgräber, der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie
ein ländlicher Abort aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein
zweiter Teil des Traumes hat zum Inhalt, wie sie ihrem Kind,
einem kleinen Mäderl, das sich beschmutzt hat, den
Hintern abwischt.“
1) „Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen
Traume zugrunde liegen, erscheinen im ‚rezenten‘ Sinne in exquisit sexueller
Bedeutung: Wasser = Urin = Sperma = Geburtswasser; Schiff = ‚schiffen‘ (uri-
nieren) = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus = Gravidität;
schwimmen = Urinfülle = Aufenthalt des Ungeborenen; Regen = Urinieren = Be-
fruchtungssymbol; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus dem Bett = Ge-
schlechtlich verkehren (‚fahren‘, Hochzeitsreise); Urinieren = sexuelle Entleerung
(Pollution)“. (Rank l. c.)
2) Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung usw.
Dattner, Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1913; Reik, Internat. Zeitschr. III, 1915.S.
124 Ergänzungen zur Traumdeutung Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von
„Rettungen“ an. Retten, besonders aus dem Wasser retten,
ist gleichbedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt
wird, modifiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann
ist. (Siehe einen solchen Traum bei Pfister: Ein Fall von
psychoanalytischer Seelsorge und Seelenheilung. Evangelische Frei-
heit, 1909.) — Über das Symbol des „Rettens“ vgl. meinen Vor-
trag: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.
Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 1910 (Ges. Schriften, Bd. VI),
sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen
besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. PsA.,
Bd. II, 1910 (Ges. Schriften, Bd. V).1Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegent-
lich den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben
infantilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das
Kind aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu
setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben
haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während des Schlafens
die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angstträume
habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszie-
rung bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die
Gespenster werden wohl eher weiblichen Personen im weißen
Nachtgewande entsprechen.29
Zur Ausnützung der Worte in der Traumdarstellung:
Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie
weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade
wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten
gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten1) Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. PsA., I, 1910,
p. 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburtsrettungs-
phantasie“ in Traum und Dichtung (Internat. Zeitschr. f. PsA., II, 1914).S.
Zu Abschnitt VI 125 und sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens
wird erzählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie
schöne Gerste- und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund
kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen.
Die Analyse zeigt, daß es sich um einen Kuß in Ehren
handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen,
sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum
als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen
zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken.
Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die
Darstellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über
eine ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich
und konkret gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten,
abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum braucht diesen
Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder
in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen.
Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem Kasten
steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen
„Schrank“ und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser
Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner Statt nämlich.
Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem aus er
eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau“ heraus-
gibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten
beschäftigt.
In einem Traum des „Grünen Heinrich“ wälzt sich ein
übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn
aber „ein süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig“
ist, „zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen
Schweinsborste eingebunden“. Der Dichter (oder der Träumer)
gibt uns sofort die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das
Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer
sticht mich.S.
126 Ergänzungen zur Traumdeutung Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wort-
witztraum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur,
in der sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wort-
spiel findet.30
Beispiele von Darstellungen:
Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man
hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte,
wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte:1) Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an
den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein.2) Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle
handelnden Personen besonders groß waren. Das will heißen,
setzt sie hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner
frühen Kindheit handeln muß, denn damals sind mir natürlich
alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person
trat in diesem Trauminhalt nicht auf.Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man
sieht die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt
am Ende eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem
verkehrt gerichteten Opernglas betrachten würde.3) Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Aus-
drucksweise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt,
träumt in gewissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof
gehe, wie eben ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron
an den stehenden Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung
des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes
als ein Index, der daran mahnt, daß etwas anderes im Traum-S.
Zu Abschnitt VI 127
inhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes
führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen Männer dar-
gestellt waren, die auf dem Kopfe standen und auf den Händen
gingen.4) Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem
kurzen Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert.
Sein Onkel gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittalbar
die Deutung hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße:
Autoerotismus. Ein Scherz im Wachen hätte ebenso lauten
können.5) Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das
heißt: Er gibt ihr den Vorzug.6) Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser
gegenüber: Er bringt sich in Gegensatz zum Vater.7) Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstelluug
eines Ehebruches u. dgl.8) Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig
Lebenszeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um ¹/₄6 Uhr früh
bei einem Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den
bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders.9) Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume:
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¹/₄ Jahre aus-
einander sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer
Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide
Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß der Traum sie
mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien
um soviel voneinander entfernt. (3¹/₂ und 4³/₄ Jahre.)S.
128 Ergänzungen zur Traumdeutung IO) Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho-
analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und
alle die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume
ausdrücken müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der
Regel das einer Fahrt, meist im Automobil, als einem neu-
artigen und komplizierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnellig-
keit des Automobils kommt dann der Spott des Behandelten auf
seine Rechnung. Soll das „Unbewußte“ als Element der
Wachgedanken im Traume Darstellung finden, so ersetzt es sich
ganz zweckmäßigerweise durch „unterirdische“ Lokalitäten,
die andere Male, ganz ohne Beziehung zur analytischen Kur, den
Frauenleib oder den Mutterleib bedeutet hatten. „Unten“ im
Traume bezieht sich sehr häufig auf die Genitalien, das
gegensätzliche „oben“ auf Gesicht, Mund oder Brust. Mit
wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in der Regel
leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch die
anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit
einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche
die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit
zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch-
teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man
könnte sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom
Ich gefürchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch
die Neurose selbst, die „kranke Person“, wird oft vom Träumer
abgespalten und als selbständige Person im Traume veranschaulicht.II) (H. Sachs.) „Aus der ,Traumdeutung‘ wissen wir, daß
die Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder
eine Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich
z. B. den Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig
ist, zunutze machen und, den Doppelsinn als ‚Weiche‘ benutzend,
statt der ersten, in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung
die zweite in den manifesten Trauminhalt aufnehmen.S.
Zu Abschnitt VI 129
Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume
geschehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu
tauglichen rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des-
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich,
während der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich
scheinbar nur meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit
beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich
bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen.
Der Traum lautete:„Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu kleben; er
geht aber nicht auf die Seite, was mir großen Schmerz ver-
ursacht.“Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch
zwang, meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte
mir als ‚Hüter des Schlafes‘ die Erfüllung meines Wunsches, im
Bette zu bleiben, durch die Darstellung der Worte ‚er geht aber
nicht auf die Seite‘ vorgetäuscht.“Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur
visuellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen
Mittel, ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen
mögen, und setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött
aller jener aus, die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht
selbst geübt haben. An solchen Beispielen ist besonders das Buch
von Stekel, „Die Sprache des Traumes“ reich, doch vermeide
ich es, von dort die Belege zu entnehmen, weil die Kritiklosig-
keit und technische Willkür des Autors auch den nicht in Vor-
urteilen Befangenen unsicher macht.12) Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben
im Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. PsA., II,
1914):
Freud, IIIS.
130 Ergänzungen zur Traumdeutung a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen
Lüsterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das
heißt, er erklärt diese Frau für lüstern.
b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen,
von weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse
bekleidet.
Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein
Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht.
c) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blas el (einen 80jäh-
rigen Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem
Divan liegen. Dann springt er über Tische und Stühle,
zieht seinen Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt
mit dem Degen in der Luft herum, als kämpfe er gegen
einen eingebildeten Feind.
Deutung: Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden.
Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan, und wenn sie sich im
Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre
und ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor.13) Die „große Leistung“ im Traume.
Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette
liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus:
Da will ich doch lieber . . . (in der Analyse ergänzt er, nach einer
Erinnerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem
Bett hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holz-
leiste gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter,
indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer
bricht, sondern in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er
sich erleichtert und auch die Geburt befördert.
Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine
große „Leistung“, durch welche er sich aus seiner unbehag-
lichen Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner
weiblichen Einstellung herausreißt . . . Das absurde Detail, daßS.
Zu Abschnitt VI 131 die Holzleiste nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert,
findet seine Erklärung, indem der Träumer erinnert, daß die
Verdoppelung im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung auf
die Kastration enthält. Der Traum stellt sehr häufig die Kastration
im trotzigen Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei
Penissymbolen dar. Die „Leiste“ ist ja auch eine den Genitalien
naheliegende Körperregion. Er fügt dann die Deutung zusammen,
er überwinde die Kastrationsdrohung, welche ihn in die weibliche
Einstellung gebracht hat.114) In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist
ein Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß
natürlich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous
me trompez,“ antwortet der Träumer. (trompe = Rüssel.)31
Ein sonderbarer Kindertraum:
Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit
sonderbarem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum
bemerkenswert ist und sich durch die Analyse sehr leicht auf-
klärt. Eine Dame erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als
Kind wiederholt geträumt habe, der liebe Gott habe einen zu-
gespitzten Papierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte
man mir nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich
nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wie-
viel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich
gehört habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich
wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes.32
Ein anderer Zahlentraum:
Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determi-
nierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist,
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:1) Internat. Zeitschr. f. PsA., II., 1914.
S.
132 Ergänzungen zur Traumdeutung „Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten,
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunsch-
erfüllung ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem
Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls
aber seien mehrere Zweier daraufgewesen. Schon die Zerteilung
der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf
schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben.
Sie hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit ge-
sprochen, fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit
62 Jahren in Pension gegangen sei. Der Träumer hat erst
22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, um eine
90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst
die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang,
vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst,
er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings-
wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann
nun wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem
Amte scheiden.“133
Zur Zerstücklung von Reden:
In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die
Neurose. Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder
oder Stücke von solchen unwillkürlich und widerwillig hört
(halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr Seelenleben verstehen
zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse
zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser
Lizenzen mißbräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme
Weise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes: Fromme W a i s e, und
diese ist sie selbst. „O du selige, o du fröhliche“ ist der Anfang1) Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei J u n g, M a r c i n o w s k i u. a.
Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber vom
Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch J o n e s, „Über
unbewußte Zahlenbehandlung“ (Zentralbl. f. PsA., II, 1912, p. 241 f.).S.
Zu Abschnitt VI 133 eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weihnachts-
zeit“ fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe
Entstellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination
im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten
von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in jungen
Jahren lernen mußte:„Nächtlich am Busento lispeln . . .?“
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
„Nächtlich am Busen“ begnügt.
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen
Technik nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten
einst unter ihren Illustrationen zu deutschen „Klassikern“ auch
ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“, zu dem das Zitat vor-
zeitig abgeschlossen war.„Und des frisch erkämpften Weibes
Freut sich der Atrid und strickt.“
Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
Seine Arme hochbeglückt.34
Zur Inschrift des Josefsdenkmals:
Sie lautet richtig:Saluti p u b l i c a e vixit
non d i u sed totus.Das Motiv der Fehlleistung: patriae für publicae hat Wittels
wahrscheinlich zutreffend erraten.35
Zu den absurden Träumen, besonders von Toten:
Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie
lebend auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebühr-
liche Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen
erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum sehr auf-S.
134 Ergänzungen zur Traumdeutung fällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume eine
sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage, uns zu
denken: Wenn der Vater noch leben würde, was würde er dazu
sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders darstellen als
durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt
z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe
hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer
bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben
und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung
gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen,
daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der
Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte,
oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat.Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten
Angehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern
dient der äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten
Gedankens, den man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen
möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man
sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem
keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen
Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer
gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum:
Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst,
aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte
es nur nicht.Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er
war doch gestorben“ einsetzt: infolge des Wunsches des
Träumers und zu „er wußte es nicht“ ergänzt: daß der
Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der
Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den
eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch
endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem
Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, dasS.
Zu Abschnitt VI 135 Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung der früh-
infantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen
Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der
weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und
dem Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen.
(Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi-
schen Geschehens. Jahrbuch f. PsA., III, 1911. Ges. Schriften,
Bd. V.)Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung
überhaupt schwierige Aufgaben, deren Lösung nicht immer
befriedigend gelingt. Den Grund hiefür mag man in der
besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche
das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr
gewöhnlich, daß in solchen Träumen der Verstorbene zunächst
als lebend behandelt wird, daß es dann plötzlich heißt, er sei
tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch wieder
lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser
Wechsel von Tod und Leben die Gleichgültigkeit des
Träumers darstellen soll („Es ist mir dasselbe, ob er lebt oder
gestorben ist“). Natürlich ist diese Gleichgültigkeit keine reale,
sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven, oft gegen-
sätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen,
und wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für
andere Träume, in denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende
Regel orientierend gewirkt: Wenn im Traume nicht daran gemahnt
wird, daß der Tote — tot ist, so stellt sich der Träumer dem
Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Die plötzlich
im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber, der
ist ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemein-
schaft und lehnt die Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber
ich gestehe den Eindruck zu, daß die Traumdeutung Träumen
dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Geheimnisse ent-
lockt hat.S.
136 Ergänzungen zur Traumdeutung
36
Das muß ich dem Doktor erzählen:
Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz:
Das muß ich dem Doktor erzählen, bei Träumen während der
psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen
Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten
vom Vergessen des Traumes gefolgt.37
Zu Marburg:
Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Mar-
bach geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie
auch ich wußte. Es ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. oben
S. 39), die sich als Ersatz für eine absichtliche Verfälschung an
anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der
„Psychopathologie des Alltagslebens“ versucht habe.38
Affekte in einem Kindertraum:
Wenn ich nicht sehr irre, so zeigt der erste Traum, den ich
von meinem 20 Monate alten Enkel erfahren konnte, den Tat-
bestand, daß es der Traumarbeit gelungen ist, ihren Stoff in eine
Wunscherfüllung zu verwandeln, während der dazugehörige Affekt
sich auch im Schlafzustand unverändert durchsetzt. Das Kind ruft
in der Nacht vor dem Tage, an dem sein Vater ins Feld ab-
rücken soll, heftig schluchzend: Papa, Papa—Bebi. Das kann
nur heißen: Papa und Bebi bleiben beisammen, während das
Weinen den bevorstehenden Abschied anerkennt. Das Kind war
damals sehr wohl imstande, den Begriff der Trennung auszu-
drücken. „Fort“ (durch ein eigentümlich betontes, lange gezo-
genes o o o h ersetzt) war eines seiner ersten Worte gewesen,
und es hatte mehrere Monate vor diesem ersten Traum mit
all seinen Spielsachen „fort“ aufgeführt, was auf die frühS.
Zu Abschnitt VI 137
gelungene Selbstüberwindung, die Mutter fortgehen zu lassen,
zurückging.Flavit et dissipati sunt.
Die Korrektur dieses Zitats siehe oben S. 39.39
40
Affektverkehrung und heuchlerische Träume:
Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Affektverkehrung
gibt ein von Ferenczi berichteter Traum:1 „Ein älterer Herr
wird bei Nacht von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber
wurde, daß er im Schlafe so laut und unbändig lachte. Der
Mann erzählte später, folgenden Traum gehabt zu haben: Ich
lag in meinem Bette, ein bekannter Herr trat ein, ich wollte das
Licht aufdrehen, konnte es aber nicht, versuchte es immer wieder,
— vergebens. Daraufhin stieg meine Frau aus dem Bette, um
mir zu helfen, aber auch sie vermochte nichts auszurichten; weil
sie sich aber vor dem Herrn wegen ihres Negligés genierte, gab
sie es schließlich auf und legte sich wieder ins Bett; all dies war
so komisch, daß ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau
sagte: „Was lachst du, was lachst du?“, ich aber lachte nur weiter,
bis ich erwachte. — Tags darauf war der Herr äußerst nieder-
geschlagen, hatte Kopfschmerzen, — vom vielen Lachen, das
mich erschüttert hat, meinte er.“„Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus.
Der ‚bekannte Herr‘, der eintritt, ist in den latenten Traum-
gedanken das am Vortage geweckte Bild des Todes als des ‚großen
Unbekannten‘. Der alte Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte
am Vortage Grund, ans Sterben zu denken. Das unbändige Lachen
vertritt die Stelle des Weinens und Schluchzens bei der Idee, daß
er sterben muß. Es ist das Lebenslicht, das er nicht mehr auf-
drehen kann. Dieser traurige Gedanke mag sich an vor kurzem1) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916.
S.
138 Ergänzungen zur Traumdeutung beabsichtigte, aber mißlungene Beischlafversuche angeknüpft haben,
bei denen ihm auch die Hilfe seiner Frau im Negligé nichts half;
er merkte, daß es mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit
verstand es, die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens in
eine komische Szene und das Schluchzen in Lachen um-
zuwandeln.“Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
„heuchlerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie
der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde
auf sie aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der
„Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ den in Nachstehendem
abgedruckten Traumbericht Roseggers zur Diskussion brachte.Rosegger (in „Waldheimat“ II. Band) erzählt in der Geschichte
„Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht
eingebüßt, ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und
Literatendasein den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch
die langen Jahre geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los
werden zu können.“„Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so
häufig und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte.
Ein der Haut eines Philisters entsprungener Welt- und Himmels
stürmer hat anderes zu tun. Aber auch an seine nächtlichen
Träume wird der flotte Bursche kaum gedacht haben; erst später,
als ich gewohnt worden war, über alles nachzudenken oder auch,
als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu regen begann,
fiel es mir auf, wieso ich denn — wenn ich überhaupt träumte
— allemal der Schneidergesell’ war und daß ich solchergestalt
schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der
Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß
und nähte und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich
nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen
Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war stetsS.
Zu Abschnitt VI 139 auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr-
meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den
Verlust der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu
beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mit-
unter, wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen
wollte, eine Rüge gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch
war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken
in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit
zu kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich's sogar,
jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und nächstens saß
ich doch wieder bei ihm und nähte.“„Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen
beglückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche
Traum sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von
mir zu werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich
liege im Bette und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht
saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.“„So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da
war es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer
arbeiteten, bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten
war, daß sich mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen
Arbeiten zeigte. „Möcht' nur wissen, wo du deine Gedanken hast!“
sagte er und sah mich etwas finster an. Ich dachte, das Ver-
nünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete,
daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann
davonging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der
Meister einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf
der Bank Platz zu machen. Ich rückte in den Winkel und nähte.An demselben Tage wurde auch noch ein Geselle aufgenommen,
bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn Jahren bei uns
gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause in
den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz
da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir:S.
140 Ergänzungen zur Traumdeutung „Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst
gehen, du bist fremd gemacht.‘ — So übermächtig war
hierüber mein Schreck, daß ich erwachte.“„Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein
in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich;
im stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der
gigantische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche
Goethe — die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Neben-
zimmer her klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und
mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zumute, als hätte
ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und poesieereiche, hell-
durchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche menschliche
Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden. Und
doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister
nicht zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.“„Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich
der Meister ‚fremd gemacht‘ hatte, genieße ich Ruhe, träume
nicht mehr von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneider-
zeit, die in ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die
doch einen so langen Schatten in meine späteren Lebensjahre
hereingeworfen hat.“In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der
Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tages-
leben, während der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich
überwundenen unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint.
Eigene Träume von ähnlicher Art haben mich in den Stand
gesetzt, einige Aufklärung über solche Träume zu geben. Ich
habe als junger Doktor lange Zeit im chemischen Institut gearbeitet,
ohne es in den dort erforderten Künsten zu etwas bringen zu
können, und denke darum im Wachen niemals gern an diese
unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens.
Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden,S.
Zu Abschnitt VI 141 daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, Verschiedenes
erlebe usw.; diese Träume sind ähnlich unbehaglich wie die
Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung eines
dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „A n a l y s e“
aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin
ja seither „Analytiker“ geworden, mache Analysen, die sehr gelobt
werden, allerdings P s y c h o a n a l y s e n. Ich verstand nun: wenn
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden
bin, mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht
habe, hält mir nächtlicherweile der Traum jene anderen miß-
glückten Analysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund
hatte; es sind Strafträume des Emporkömmlings, wie die des
Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter geworden war. Wie
wird es aber dem Traume möglich, sich in dem Konflikt zwischen
Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren zu stellen
und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten Wunsch-
erfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die
Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können
erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die
Grundlage des Traumes bildete, an ihrer Statt ist aber ihre
Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man
darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen-
leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben darf.
Ich könnte nichts dagegen haben, wenn man diese Art von Träumen
als S t r a f t r ä u m e von den W u n s c h e r f ü l l u n g s t r ä u m e n
abtrennte. Ich würde darin keine Einschränkung der bisher ver-
tretenen Theorie des Traumes erblicken, sondern bloß ein sprach-
liches Entgegenkommen für die Auffassung, welcher das Zusammen-
fallen von Gegensätzen fremdartig erscheint. Genaueres Eingehen
auf einzelne dieser Träume läßt aber noch anderes erkennen. In
dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Laboratoriumsträume
hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und
erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzte; ich hatteS.
142 Ergänzungen zur Traumdeutung noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben
erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl
zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war
also wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau,
die alle diese schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war
einer der unablässig nagenden Wünsche des alternden Mannes als
der unbewußte Traumerreger verraten. Der in anderen psychischen
Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der Selbst-
kritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer
wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich
gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja
sehr gut heute, und es war einmal eine harte Zeit; aber es war
doch schön damals; du warst ja noch so jung.Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig
gefunden und als heuchlerisch erkannt habe, hat zum Inhalt die
Versöhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen Be-
ziehungen längst erloschen sind. Die Analyse deckt dann regel-
mäßig einen Anlaß auf, der mich auffordern könnte, den letzten
Rest von Rücksicht auf diese ehemaligen Freunde beiseite zu
setzen und sie wie Fremde oder wie Feinde zu behandeln. Der
Traum aber gefällt sich darin, die gegensätzliche Relation aus-
zumalen.Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt,
darf man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene
und für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes
von der Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns
dann Rätsel auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes
bald zu lösen wären.O. R a n k machte mich auch aufmerksam, daß im G r i m m schen
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen
Streich“ ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt
wird. Der Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs
geworden ist, träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seinerS.
Zu Abschnitt VI 143 Gemahlin, von seinem Handwerk; diese, mißtrauisch geworden,
bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die das aus dem
Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers
versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß
jetzt den Traum zu korrigieren.Zum Zusammentreten der Affektquellen: Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der
tendenziösen Witze erklärt.Zu den Phantasien im Traum: Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung
mehrerer Phantasien entstandenen Traumes habe ich im „Bruch-
stück einer Hysterieanalyse“ 1905 analysiert. Übrigens habe ich
die Bedeutung solcher Phantasien für die Traumbildung unter-
schätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete,
denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedanken-
konflikte, zugrunde liegen. Bei anderen Personen ist die volle
Analogie des nächtlichen Traumes mit dem Tag-
traume oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig bei
Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man
kann sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische
Bildungen die Tagtraumphantasie die nächste Vorstufe ist.Zur scheinbaren Dauer des Traumes: Unter den Träumen, welche Justine Tobowolska in ihrer
Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt
hat, erscheint mir jener der beweisendste, den Macario (1857)
von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet.1 Dieser
Mann wollte eines Abends der ersten Aufführung eines seiner1) Tobowolska, p. 53.
S.
144 Ergänzungen zur Traumdeutung Stücke beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er auf seinem Sitz
hinter den Kulissen gerade in dem Momente einnickte, als sich
der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle fünf Akte
seines Stückes durch und beobachtete alle die verschiedenartigen
Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen
Szenen äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte er
dann ganz selig, wie sein Name unter den lebhaftesten Beifalls-
bezeigungen verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte
weder seinen Augen noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung
war nicht über die ersten Verse der ersten Szene hinausgekommen;
er konnte nicht länger als zwei Minuten geschlafen haben. Es
ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu behaupten, daß
das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das
Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen
keiner Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht
sondern eine bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen
Sinne wiederholen kann. Die Tobowolska hebt mit anderen
Autoren als gemeinsame Charaktere der Träume mit beschleunigtem
Vorstellungsablauf hervor, daß sie besonders kohärent erscheinen,
gar nicht wie andere Träume, und daß die Erinnerung an sie
weit eher eine summarische als eine detaillierte ist. Dies wären
aber gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch die
Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß
welchen die Autoren allerdings nicht ziehen.ZUSATZKAPITEL B:
Sekundäre Bearbeitung und funktionales
PhänomenDie sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit,
welches von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung
gewürdigt worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. Ellis
dessen Leistung (Einleitung, p. 10):S.
Zu Abschnitt VI 145
„Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das
Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das
Wachbewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik
u. dgl. legt. Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung,
jede Anordnung genügt — ehe er eintritt, um vom Schauplatze
Besitz zu ergreifen.“Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens
wird besonders klar von Delacroix (p. 526) behauptet:„Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve;
c’est le même travail de coordination logique que nous faisons
sur nos sensations pendant la veille.“J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska:
„Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’ef-
force de faire le même travail de coordination logique qu’il fait
pendant la veille sur les sensations. Il relie entre elles par un lien
imaginaire toutes ces images décousues et bouche les écarts trop
grands qui se trouvaient entre elles“ (p. 93).Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit
noch während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt
werden. So Paulhan (p. 547):„Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une cer-
taine déformation, ou plutôt reformation du rêve dans le souvenir
... La tendence systématiſante de l’imagination pourrait fort bien
achever après le réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil.
De la sorte, la rapidité réelle de la pensée serait augmentée en
apparence par les perfectionnements dus à l’imagination éveillée.“Leroy et Tobowolska (p. 592):
„dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination
se font non seulement à l’aide des données du rêve, mais encore
à l’aide de celles de la veille . . .“Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte
Moment der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde,
so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zuFreud, III.
&
S.
146 Ergänzungen zur Traumdeutung haben, zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des
Erwachens vollziehen, wie es Goblot und noch weitergehend
Foucault annehmen, die dem Wachdenken die Fähigkeit zu-
schreiben, aus den im Schlaf auftauchenden Gedanken den Traum
zu bilden.Leroy et Tobowolska sagen über diese Auffassung: „On
a cru pouvoir placer le rêve au moment du reveil et ils ont
attribué à la pensée de la veille la fonction de construire le rêve
avec les images présentes dans la pensée du sommeil.“An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich
die eines neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beob-
achtungen von H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat,
wie an anderer Stelle erwähnt,1 die Umsetzung von Gedanken in
Bilder gleichsam in flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen
von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit
nötigte. Dann entschwand ihm der bearbeitete Gedanke und an
seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche sich als der Ersatz
des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die Beispiele S. 65.)
Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das auftauchende,
einem Traumelement gleichzusetzende Bild etwas anderes darstellte
als den der Bearbeitung harrenden Gedanken, nämlich die Er-
müdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit,
also den subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich
mühenden Person anstatt des Gegenstandes ihrer Bemühung.
Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig eintretenden Fall
das „funktionale Phänomen“ zum Unterschiede von dem zu
erwartenden „materialen“.„Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem
Sofa, zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nach-
zudenken. Ich suche nämlich die Ansichten Kants und Schopen-
hauers über die Zeit zu vergleichen. Es gelingt mir infolge
meiner Schlaftrunkenheit nicht, die Gedankengänge beider neben-1) Siehe Seite 64.
S.
Zu Abschnitt VI 147 einander festzuhalten, was zum Vergleich nötig wäre. Nach
mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch einmal die
Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf
die Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke
ich meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf
Kant zurückgreifen will, zeigt es sich, daß er mir wieder ent-
schwunden ist, vergebens bemühe ich mich, ihn von neuem
hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die in meinem Kopf
irgendwo verlegten Kant-Akten sogleich wiederzufinden, stellt
sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traum-
bild als anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine
Auskunft von einem mürrischen Sekretär, der, über einen Schreib-
tisch gebeugt, sich durch mein Drängen nicht stören läßt. Sich
halb aufrichtend, blickt er mich unwillig und abweisend an.“
(Jahrb. I. p. 514.)Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf
und Wachen beziehen:„Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In
einer gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen
Traum nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend,
fühle ich mich dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will
jedoch in dem Dämmerzustand noch verbleiben.
Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn
aber alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben.“
(Jahrb. III. p. 625.)„Beispiel Nr. 6. — Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er
will noch ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich
will mich noch ein wenig dem Schlafe hingeben.
Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit
ihm (oder ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.“Das „funktionale“ Phänomen, die „Darstellung des Zuständlichen
anstatt des Gegenständlichen“, beobachtete Silberer wesentlich
unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Auf-10*
S.
148 Ergänzungen zur Traumdeutung wachsens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur der letztere Fall
für die Traumdeutung in Betracht kommt. Silberer hat an
guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des manifesten
Inhaltes vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar an-
schließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den
Vorgang des Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Über-
schreiten einer Schwelle („Schwellensymbolik“), das Verlassen
eines Raumes, um einen anderen zu betreten, das Abreisen,
Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter, das Eintauchen
in Wasser und anderes. Ich kann allerdings die Bemerkung nicht
unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbolik zu beziehenden
Elemente des Traumes in eigenen Träumen wie in denen der
von mir analysierten Personen ungleich seltener angetroffen
habe, als man nach den Mitteilungen von Silberer erwarten
sollte.Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese
„Schwellensymbolik“ auch für manche Elemente mitten im Zu-
sammenhange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen,
wo es sich um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den
Traum abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für
dieses Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der
Fall der Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle,
welche ihren materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traum-
gedanken bezieht, überdies zur Darstellung von etwas Zuständ-
lichem an der seelischen Tätigkeit verwendet wurde.Das sehr interessante funktionale Phänomen Silberers hat
ohne Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt,
indem die alte Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der
Träume eine Anlehnung an dasselbe gefunden hat. Die Bevor-
zugung der „funktionalen Kategorie“ geht bei manchen so weit,
daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo immer intel-
lektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der Traum-
gedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr undS.
Zu Abschnitt VI 149
nicht weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum ein-
zugehen, als alles andere.Wir wollen anerkennen, daß die Silbererschen Phänomene
einen zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wach-
denkens darstellen, welcher allerdings minder konstant und bedeutsam
ist als der erste, unter dem Namen „sekundäre Bearbeitung“ ein-
geführte. Es hatte sich gezeigt, daß ein Stück der bei Tage tätigen
Aufmerksamkeit auch während des Schlafzustandes dem Traume
zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich die Macht
vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen, in
dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen,
dem ein so starker eindämmender Einfluß auf die Gestaltung des
Traumes zufällt. Was die Beobachtungen von Silberer dazu-
geben, ist die Tatsache, daß unter Umständen eine Art von
Selbstbeobachtung dabei mittätig ist und ihren Beitrag zum
Trauminhalt liefert. Über die wahrscheinlichen Beziehungen dieser
selbstbeobachtenden Instanz, die besonders bei philosophischen
Köpfen vordringlich werden mag, zur endopsychischen Wahr-
nehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und zum Traum-
zensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln.144
Traumgedanken und Traumarbeit:
Ich fand es früher einmal so außerordentlich schwierig, die
Leser an die Unterscheidung von manifestem Trauminhalt und
latenten Traumgedanken zu gewöhnen. Immer wieder wurden
Argumente und Einwendungen aus dem ungedeuteten Traum,
wie ihn die Erinnerung bewahrt hat, geschöpft und die Forderung
der Traumdeutung überhört. Nun da sich wenigstens die Ana-
lytiker damit befreundet haben, für den manifesten Traum seinen
durch Deutung gefundenen Sinn einzusetzen, machen sich viele1) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1914. (Ges.
Schriften, Bd. VI.)S.
150 Ergänzungen zur Traumdeutung von ihnen einer anderen Verwechslung schuldig, an der sie ebenso
hartnäckig festhalten. Sie suchen das Wesen des Traumes in
diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied
zwischen latenten Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum
ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres
Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermög-
licht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt,
und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner
Besonderheit. Ich sage dies zur Würdigung der berüchtigten
„prospektiven Tendenz“ des Traumes. Daß der Traum sich mit
den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vorliegenden Auf-
gaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes
Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hiezu, daß diese
Arbeit auch im Vorbewußten vor sich gehen kann, was uns ja
bereits bekannt ist.45
Hier folgten von der vierten Auflage (1914) an zwei Beiträge
von Dr. Otto Rank „Traum und Dichtung“ und „Traum und
Mythus“, denen die Aufnahme in eine Sammlung meiner Schriften
natürlich versagt bleiben muß.
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Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung1900-001/1925.3
1900-001/1925/6