• S.

    ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VI
    „DIE TRAUMARBEIT“

    1

    Zur Verdichtung im Traum:

        Hinweise auf die Verdichtung im Traum finden sich bei zahl-
    reichen Autoren. Du P r e l äußert an einer Stelle (p. 85), es
    sei absolut sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungs-
    reihe stattgefunden habe.

    2

    Zum Treppensteigen im „schönen“ Traum:

        Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an
    die im Abschnitt über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der
    Stiegenträume.

    3

    Zur Bemerkung über den witzigen Anschein der Träume:

        Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des
    Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905
    veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum
    Unbewußten“ geschehen ist (Ges. Schriften, Bd. IX).

    4

    Einschaltung eines anderen Traumes mit Wortneubildung:

        6) M a r c i n o w s k i: „Heute früh erlebte ich zwischen
    Traum und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im
    Ablauf einer Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken
    stützte ich gewissermaßen über ein Wort, das ich halb wie
                                                                                    &

  • S.
    52 Ergänzungen zur Traumdeutung

    geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es lautet:
    ,erzefilisch1 und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes
    Zusammenhanges völlig isoliert in mein bewußtes Erinnern hin-
    überglitt; er lautete: „Das wirkt erzefilisch auf die Geschlechts-
    empfindung.“ Ich wußte sofort, daß es eigentlich ,erzieherisch‘
    heißen solle, schwankte auch einigemal hin und her, ob es nicht
    richtiger ,erzifilisch‘ hieße. Dabei fiel mir das Wort Syphilis ein,
    und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren
    beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hinein-
    käme, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend-
    welche Berührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel
    mir ein ,erzihlerisch‘, das e erklärend, und zu gleicher Zeit
    erklärend, daß ich gestern abend von unserer Erzieherin ver-
    anlaßt wurde, über das Problem der Prostitution zu sprechen,
    und ich hatte ihr dabei tatsächlich, um ,erzieherisch‘ auf ihr
    nicht ganz normal entwickeltes Empfindungsleben einzuwirken,
    das Buch von Hesse ,Über die Prostitution‘ gegeben, nachdem ich
    ihr mancherlei über das Problem erzählt hatte. Und nun wurde
    mir auf einmal klar, daß das Wort ,Syphilis‘ nicht im wörtlichen
    Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung
    natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der
    Übersetzung ganz logisch: ,Durch meine Erzählung habe
    ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren
    Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung,
    daß es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.‘ Erze-
    filisch = erzäh — (erzieh —) (erzefilisch).“

    5

    Wortneubildung und Verdichtung:

       Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders
    dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzu-
    zeigen. Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl
    von Beispielen nicht den Schluß ziehen, daß solches Material

  • S.
    Zu Abschnitt VI 53

    selten oder gar nur ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es
    ist vielmehr sehr häufig, allein die Abhängigkeit der Traum-
    deutung von der psychoanalytischen Behandlung hat die Folge,
    daß die wenigsten Beispiele angemerkt und mitgeteilt werden,
    und daß die mitgeteilten Analysen meist nur für den Kenner
    der Neurosenpathologie verständlich sind. So ein Traum von
    Dr. v. Karpinska (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse II,
    1914), der die sinnlose Wortbildung „Svingnum elvi“ enthält.
    Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich
    nicht bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigent-
    lichen Bedeutung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen
    zusammenfaßt, zu denen es sich wie ein „sinnloses“ Wort ver-
    hält. Dies ist in dem Traum von der „Kategorie“ eines zehn-
    jährigen Knaben der Fall, den V. Tausk (Zur Psychologie der
    Kindersexualität, Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse I, 1913)
    mitteilt. „Kategorie“ bedeutet hier das weibliche Genitale
    und „kategorieren“ soviel wie urinieren.

    6

    Zur Herkunft der Traumreden:

        Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne
    mit übrigens intakten und hochentwickelten intellektuellen Funk-
    tionen fand ich unlängst die einzige Ausnahme von dieser Regel.
    Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, stammten nicht von
    gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen
    dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im
    Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein kamen.

    7

    Die Traumentstellung bei Popper-Lynkeus:

        Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur
    als den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte
    ich hier das letzte Stück jener Erzählung „Träumen wie Wachen“

  • S.
    54 Ergänzungen zur Traumdeutung

    aus den „Phantasien eines Realisten“ von Lynkeus
    (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter
    meiner Lehre wiederfinde:

        „Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat,
        niemals Unsinn zu träumen.“ — — — — — — —

        „Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen,
        beruht auf deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtig-
        keit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die moralische Klarheit deiner
        Natur, die mir alles an dir verständlich macht.“

        „Wenn ich es aber recht bedenke,“ erwiderte der andere, „so
        glaube ich beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen,
        und gar niemand träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den
        man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen kann,
        der also kein Fiebertraum ist, hat i m m e r Sinn und es kann
        auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Wider-
        spruch steht, könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren.
        Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, benimmt
        dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide
        gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen.
        Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das
        Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu
        denen nur ein Unverständiger sagen würde: ‚Das ist widersinnig!
        Denn das ist nicht möglich!‘“

        „Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte,
        so wie du das eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der
        Freund.

        „Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei
        einiger Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer
        gelingen. — Warum es meistens nicht gelingt? Es scheint bei
        Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas
        Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit
        in eurem Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint
        Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 55

        Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann
    gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er
    wacht oder träumt.“

    8

        Zur Synthese von Träumen:

        Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume
    seither in dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905 (Ges.
    Schriften, Bd. VIII) gegeben. Als die vollständigste Deutung eines
    längeren Traumes muß die Analyse von O. R a n k, „Ein Traum,
    der sich selbst deutet“, anerkannt werden.

    9

        Zu den „Kollateralen“:

        Ich habe diesen Namen später fallen lassen und die entsprechende Stelle
    folgender Art abgeändert:

        Dem anderen Teil ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzu-
    schreiben. Man legt auch keinen Wert auf die Behauptung, daß
    alle diese Gedanken an der Traumbildung beteiligt gewesen seien,
    vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden, welche an
    Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten des
    Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt
    alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis
    zu den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die
    vermittelnden und annähernden Assoziationen, durch welche man
    während der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungs-
    wege gekommen ist.

    10

        Zur Bedeutung der Teilung eines Traumes in zwei Stücke:

        Sicherlich gilt dies für die in eine Pollution auslaufende
    Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis
    sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt.

    11

        Zur Darstellung von Gegensätzen:

        Aus einer Arbeit von K. A b e l, Der Gegensinn der Urworte,

  • S.
    56 Ergänzungen zur Traumdeutung

        1884 (siehe mein Referat im Jahrbuch f. PsA. II, 1910 [Ges.
    Schriften, Bd. X]), erfuhr ich die überraschende, auch von anderen
    Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen
    sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum.
    Sie haben anfänglich nur ein Wort für die beiden Gegensätze
    an den Enden einer Qualitäten- oder Tätigkeitsreihe (starkschwach,
    altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte Bezeich-
    nungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte
    Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. A b e l weist diese
    Verhältnisse im großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt
    aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den semi-
    tischen und indogermanischen Sprachen auf.

    12

        Zur Darstellung des „Gleichwie“:

        Vergleiche die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung
        zum Traumdeuter (s. oben Ergänzung 2 auf S. 16).

    13

        Zur Bildung von Mischpersonen:

        Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer solchen
        Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traumes der
        einen Person zugeschrieben und die andere — in der Regel
        wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin.
        Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch dabei
        (S t e k e l). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem
        Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches
        nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen
        Zeichens bestimmt ist.

    14

        Zum Egoismus der Träume vgl. die Korrektur 37 zu Abschn. V (S. 47).

    15

        Zum Vorkommen des eigenen Ichs im Traume:

        Daß das eigene Ich in einem Traume mehrmals vorkommt

  • S.
    Zu Abschnitt VI 57

    oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grunde nicht
    verwunderlicher, als daß es in einem bewußten Gedanken mehr-
    mals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen
    enthalten ist. Z. B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für
    gesundes Kind ich war.

    16

    Ein Beispiel einer „Mischräumlichkeit“:

        Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
    keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinations-
    zimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau
    kennen gelernt hat.

    17

    Ein Beispiel einer phantastischen Mischperson:

        In einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Misch-
    gebilde vor, das aus der Person eines Arztes und aus einem
    Pferde zusammengesetzt war und überdies ein Nachthemd
    anhaltte. Das Gemeinsame dieser drei Bestandteile ergab sich aus
    der Analyse, nachdem das Nachthemd als Anspielung auf den
    Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt war. Es
    handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer geschlecht-
    lichen Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau öfters in
    das militärische Gestüt mitgenommen worden, wo sie Gelegen-
    heit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — Neugierde aus-
    giebig zu befriedigen.

    18

    Zur Umkehrung im Traum:

        Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig die Umkehrung
    gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo-
    sexuellen Regungen eingegeben werden.

    19

    Weiteres über die Umkehrung im Traum:

        Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines

  • S.
    58 Ergänzungen zur Traumdeutung

    der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Dar-
    stellungsmittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der
    Wunscherfüllung gegen ein bestimmtes Element der Traum-
    gedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es doch umgekehrt
    gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Reaktion des
    Ichs gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders
    wertvoll wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem
    sie ein Maß von Entstellung des Darzustellenden zustande bringt,
    welches das Verständnis des Traumes zunächst geradezu lähmt.
    Man darf darum, wenn ein Traum seinen Sinn hartnäckig ver-
    weigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung mit bestimmten
    Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf nicht selten
    alles sofort klar wird.

        Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
    übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin,
    den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedanken-
    ganges zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende des-
    selben die Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des
    Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel
    der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe der
    Traumdeutung ratlos gegenüber.1

        Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst,
    wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung,

    1) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
    hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
    Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
    im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
    Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
    liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
    Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
    ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
    armung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
    Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und
    spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi-
    dorus: „Bei der Auslegung von Traumgeschichten muß man sie einmal vom
    Anfang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge
    fassen . . .“

  • S.
    Zu Abschnitt VI 59

    nach verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. ver-
    birgt sich im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die
    Erinnerung an den infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten
    Vater hinter folgendem Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm,
    weil er so spät nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang
    der psychoanalytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen,
    daß es zunächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater
    und sodann, daß ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu
    bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater
    überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem
    Todeswunsch gegen den Vater identisch ist (vgl. Ges. Schriften II,
    S. 256 u. dieser Bd. S. 45). Der Träumer hatte sich nämlich
    als kleiner Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters
    eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person zuschulden
    kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden:
    Na wart’, bis der Vater zurückkommt!

    20

    Zur Darstellung des Trauminhalts durch formale Charaktere des
    Traumes:

        Die Form des Traumes oder des Träumens wird
    in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung
    des verdeckten Inhaltes verwendet.

        Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen
    zu demselben, dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der
    raffiniertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich
    verraten. So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum
    verwicht, und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das
    Belauschen einer Person ergibt, die sich nach der Defäkation
    reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche Mitteilung
    verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deutlichen Traum, der
    ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt:
    Er befindet sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der

  • S.
    60 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine
    ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu
    gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum,
    da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, der
    mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht
    sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften
    Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.

        Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt
    durch die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes
    bereits gegeben ist. Die „Lücken“ sind die Genitalöffnungen der
    zu Bette gehenden Frauen: „da fehlt etwas“ beschreibt den
    Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in jenen
    jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu sehen,
    und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem
    Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.

        In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz
    eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in
    das Volksgartenrestaurant . . ., dann kommt eine dunkle Stelle,
    eine Unterbrechung . . ., dann befinde ich mich in einem Bor-
    dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine in Hemd
    und Höschen.

        Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie
    er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gele-
    genheit, mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung
    zwischen ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner
    Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin
    ein Mann und du ein Weib“. Im angegebenen Restaurant war
    er nur einmal in Begleitung der Schwester seines Schwagers,
    eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein ander-
    mal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum
    Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester,
    seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester seines
    Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei der

  • S.
    Zu Abschnitt VI 61

    Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht,
    vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.

       Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle“, „Unter-
    brechung“ im Traume, und behauptete, daß er in knabenhafter
    Wißbegierde einigemal, allerdings nur selten, das Genitale seiner
    um einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage
    später stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume
    angedeutete Untat ein.

       Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu
    dem nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke,
    deren Gruppierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf
    als ein Stück Mitteilung aus den latenten Traumgedanken auf-
    gefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen, die aus mehreren
    Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben
    Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht ver-
    gessen, daß diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume
    dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem
    Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser
    homologen Träume ist dann häufig der entstelltere, schüchterne,
    der nachfolgende ist dreister und deutlicher.

       Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und
    von den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er
    findet sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5
    und 6) ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der
    König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: „Nach diesem
    ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach,
    was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber all-
    mählich wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren
    Traum, der mich noch mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt
    hat.“ Nach Anhören der Traumerzählung sagt Josef: „Dein Traum,
    o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher, allein beide
    Gesichte haben nur eine Bedeutung.“

       Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“

  • S.
    62 Ergänzungen zur Traumdeutung

    erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens
    von ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in
    Abänderungen weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser
    Traumerzählungen, „daß der Schlußgedanke einer langen Reihe
    von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten Bild
    der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt
    den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder
    erneute symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen
    ins Harmlose usw.“ (l. c. p. 87). Scherner hatte diese Eigen-
    tümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie
    im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als ein
    besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phantasie
    in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen
    Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn
    des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
    des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß
    sich erschöpft hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes
    Organ oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der
    Traum, seinen organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende
    erreicht — — — —.“

        Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat
    Otto Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“,
    geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens
    setzte sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer
    Nacht zusammen, von denen der zweite mit einer Pollution
    abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne
    durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die
    Beiträge der Träumerin, und die Fülle der Beziehungen zwischen
    den beiden Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß
    der erste Traum in schüchterner Darstellung dasselbe zum
    Ausdruck brachte wie der zweite, so daß dieser, der Pollutions-
    traum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte.
    Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die

  • S.
    Zu Abschnitt VI 65

    Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens
    überhaupt.

    21

    Über die Kritik „Das ist ja nur ein Traum“ und über den „Traum
    im Traum“:

       Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils-
    äußerung: „Das ist ja nur ein Traum“ bedeute, und welcher
    psychischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer
    Stelle (s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Ent-
    wertung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende,
    interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein
    gewisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird,
    das Rätsel des „Traumes im Traume“, hat W. STEKEL durch
    die Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne
    gelöst. Das „Geträumte“ des Traumes soll wiederum entwertet,
    seiner Realität beraubt werden; was nach dem Erwachen aus
    dem „Traum im Traume“ weiter geträumt wird, das will der
    Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten Realität setzen.
    Man darf also annehmen, daß das „GETRÄUMTE“ die Dar-
    stellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende
    Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer
    Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in
    einen „Traum im Traume“ ist also gleichzusetzen dem Wunsche,
    daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen.
    Mit anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit von der
    Traumarbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies
    die entschiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit,
    die stärkste BEJAHUNG derselben. Die Traumarbeit verwendet
    das Träumen selbst als eine Form der Ablehnung und bezeugt
    damit die Einsicht, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist.

    22

    Note zur Wortzweideutigkeit:
    Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905

  • S.
    64 Ergänzungen zur Traumdeutung

    (Ges. Schriften, Bd. IX), und die „Wortbrücken“ in den Lösungen
    neurotischer Symptome.

    23

    Zur Würdigung der Zweideutigkeit bei der Traumdeutung:

        Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traum-
    elementes zweifelhaft, ob es:

        a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll
            (Gegensatzrelation);

        b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);

        c) symbolisch oder ob

        d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.

        Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung
    der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt verstanden
    zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten
    zumutet, als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.

    24

    Der Name des Komponisten:

        Hugo Wolf.

    25

    Einschaltung über die von Silberer direkt beobachtete Darstellung
    von Gedanken durch Traumbilder:

        Herbert Silberer hat einen guten Weg gezeigt, wie man
    die bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der
    Gedanken in Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment
    der Traumarbeit isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande
    der Ermüdung und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auf-
    erlegte, so ereignete es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke
    entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in dem er nun den
    Ersatz des Gedankens erkennen konnte. Silberer nennt diesen
    Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen „autosymbolischen“. Ich
    gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit von Silberer wieder,
    auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten
    Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen werde.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 65

    „Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem
    Aufsätze eine holprige Stelle auszubessern.
        Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatthobeln.“

    „Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser meta-
    physischer Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu ver-
    gegenwärtigen. Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir,
    daß man sich auf der Suche nach den Daseinsgründen zu immer
    höheren Bewußtseinsformen oder Daseinsschichten durcharbeitet.
        Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte,
    wie um ein Stück davon zu nehmen.
        Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das
    „Durcharbeiten‘, von dem die Rede ist . . . Die Erklärung des
    Symbolgrundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und
    da das Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft,
    welches ich mit einem langen, biegsamen Messer verrichte, was
    einige Sorgfalt erheischt. Insbesondere ist das reinliche Heraus-
    heben der geschnittenen Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten
    verbunden; das Messer muß behutsam u n t e r die betreffenden
    Stücke geschoben werden (das langsame ‚Durcharbeiten‘, um zu
    den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr Symbolik
    in dem Bild. Die Torte des Symbols war nämlich eine Dobos-
    Torte, also eine Torte, bei welcher das schneidende Messer durch
    verschiedene S c h i c h t e n zu dringen hat (die Schichten des
    Bewußtseins und Denkens).“

    „Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den
    Faden. Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber
    erkennen, daß mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
        Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen heraus-
    gefallen sind.“


    26

    Zur Deutung „Kraut und Rüben“:

    Diese Darstellung ist mir wirklich nicht wieder begegnet, so
    daß ich an der Berechtigung der Deutung irre geworden bin.

        Freud, III.

    5
  • S.
    66 Ergänzungen zur Traumdeutung

    27

         Note zur symbolischen Verwendung der Küche, der Pflanzen u. dgl.:
         Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden
    von Ed. F u c h s’, „Illustr. Sittengeschichte“ (Privatdrucke bei
    A. Langen, München).

    28

         Dieser kurze Abschnitt ist in späteren Auflagen weggeblieben.

         Der vorstehende, wegen seiner symbolischen Elemente hervor-
    gehobene Traum ist ein „biographischer“ zu nennen. Solche
    Träume kommen in den Psychoanalysen häufig vor, aber viel-
    leicht nur selten außerhalb derselben.


    ZUSATZKAPITEL A

    Die Darstellung durch Symbole im Traume —
    Weitere typische Träume

         Die Analyse des letzten biographischen Traumes steht als
    Beweis dafür, daß ich die Symbolik im Traume von Anfang an
    erkannt habe. Zur vollen Würdigung ihres Umfangs und ihrer
    Bedeutung gelangte ich aber erst allmählich durch vermehrte
    Erfahrung und unter dem Einfluß der Arbeiten W. S t e k e l s,1
    über die eine Äußerung hier am Platze ist.

         Dieser Autor, der der Psychoanalyse vielleicht ebensoviel
    geschadet als genützt hat, brachte eine große Anzahl von unver-
    muteten Symbolübersetzungen vor, die anfänglich nicht geglaubt
    wurden, später aber größtenteils Bestätigung fanden und ange-
    nommen werden mußten. S t e k e l s Verdienst wird durch die
    Bemerkung nicht geschmälert, daß die skeptische Zurückhaltung
    der anderen nicht ungerechtfertigt war. Denn die Beispiele, auf
    welche er seine Deutungen stützte, waren häufig nicht über-

         1) W. S t e k e l, Die Sprache des Traumes, 1911.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 67

    zeugend und er hatte sich einer Methode bedient, die als wissen-
    schaftlich unzuverlässig zu verwerfen ist. Stekel fand seine
    Symboldeutungen auf dem Wege der Intuition, kraft eines ihm
    eigenen Vermögens, die Symbole unmittelbar zu verstehen. Eine
    solche Kunst ist aber nicht allgemein vorauszusetzen, ihre
    Leistungsfähigkeit ist jeder Kritik entzogen und ihre Ergebnisse
    haben daher auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch. Es ist ähnlich,
    als wollte man die Diagnose der Infektionskrankheiten auf die
    Geruchseindrücke am Krankenbette gründen, obwohl es unzweifel-
    haft Kliniker gab, denen der bei den meisten verkümmerte
    Geruchssinn mehr leistete als anderen und die wirklich imstande
    waren, einen Abdominaltyphus nach dem Geruch zu diagnosti-
    zieren.

        Die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalyse hat uns
    Patienten auffinden lassen, die ein solches unmittelbares Ver-
    ständnis der Traumsymbolik in überraschender Weise an den
    Tag legten. Häufig waren es an Dementia praecox Leidende, so
    daß eine Zeitlang die Neigung bestand, alle Träumer mit solchem
    Symbolverständnis dieser Affektion zu verdächtigen. Allein das
    trifft nicht zu, es handelt sich um eine persönliche Begabung
    oder Eigentümlichkeit ohne ersichtliche pathologische Bedeutung.

        Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik
    für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut
    gemacht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele
    dieser Symbole wie die „Sigel“ der Stenographie mit ein für
    allemal festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der
    Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu
    entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht
    dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen,
    speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen,
    Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden
    Witzen eines Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden.

        Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung weit über-
     

    5*

  • S.
    68 Ergänzungen zur Traumdeutung

    schreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht werden
    und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme
    erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols
    knüpfen.1 Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß
    die Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen
    gehört, daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden,
    die Symboldarstellung unterschiedslos mit den anderen Arten
    indirekter Darstellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unter-
    scheidenden Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu können.
    In einer Reihe von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem
    Symbol und dem Eigentlichen, für welches es eintritt, offen-
    kundig, in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols
    erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den
    letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie
    weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. Was heute
    symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten durch
    begriffliche und sprachliche Identität vereint.2 Die Symbolbeziehung
    scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei kann
    man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl
    von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits
    Schubert (1814) behauptet hat.3 Eine Anzahl von Symbolen

    1) Vgl. die Arbeiten von B l e u l e r und seinen Züricher Schülern, M a e d e r,
    A b r a h a m u. a., über Symbolik, und die nichttärztlichen Autoren, auf welche sie
    sich beziehen (K l e i n p a u l u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegenstand
    geboten worden ist, findet sich in der Schrift von O. R a n k und H. S a c h s, Die
    Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I. Ferner
    E. J o n e s, Die Theorie der Symbolik, Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, V, 1919.
    2) Diese Auffassung würde eine außerordentliche Unterstützung in einer von
    Dr. Hans S p e r b e r vorgetragenen Lehre finden. S p e r b e r (Über den Einfluß
    sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache, I m a g o I, 1912)
    meint, daß die Urworte sämtlich sexuelle Dinge bezeichneten und dann diese sexuelle
    Bedeutung verloren, indem sie auf andere Dinge und Tätigkeiten übergingen, die
    mit den sexuellen verglichen wurden.
    3) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnträumen unga-
    rischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen“ für „urinieren“
    fremd ist (F e r e n c z i; vgl. auch S. 84). In den Träumen von Franzosen und anderen
    Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese
    Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer“ Analoges kennen.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 69

    ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber
    in der Gegenwart fortlaufend neu gebildet (z. B. das Luftschiff,
    der Zeppelin).

        Der Traum bedient sich nun dieser Symbolik zur verkleideten
    Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten
    Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast
    regelmäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der
    eigentümlichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk
    bleiben. Ein Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht
    symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu deuten
    sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem
    Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexual-
    symbol zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird.
    Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur
    Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol entscheiden,
    das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedanken-
    material aufweist, also eine individuelle Motivierung neben der
    typisch gültigen gestattet.

        Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner
    die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben,
    — selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht
    möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien, — so
    ist doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch
    die Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert,
    sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung nach
    den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die symbolischen
    Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur
    Willkür des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde
    und in den verwilderten Deutungen von Stekel wieder aufzu-
    leben scheint, ist aus Motiven wissenschaftlicher Kritik aus-
    geschlossen. Somit nötigen uns die im Trauminhalt vorhandenen,
    symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer kombinierten
    Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des Träumers

  • S.
    70 Ergänzungen zur Traumdeutung

    stützt, andererseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
    Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der
    Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durch-
    sichtigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den
    Vorwurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften.
    Die Unsicherheiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes
    noch anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen
    Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung fortschreitend
    gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen sie gerade
    von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben
    sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen
    Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal richtige Auf-
    fassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole ver-
    bindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen
    zuzulassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach
    sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen dar-
    zustellen.

         Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich
    an: Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen
    wirklich zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prin-
    zessin ist er selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird
    aber auch großen Männern zugestanden, darum erscheint in
    manchen Träumen z. B. G o e t h e als Vatersymbol. (H i t s c h-
    m a n n.) — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baum-
    stämme, Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspannens
    wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche,
    Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht
    recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile (des
    Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, Kästen,
    Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen,
    Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume
    sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen
    Eingänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht

  • S.
    Zu Abschnitt VI 71

    irre.1 Das Interesse, ob das Zimmer „offen“ oder „verschlossen“
    ist, wird in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den
    Traum Doras im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“.) Welcher
    Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich
    gesagt zu werden; die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat
    Uhland im Lied vom „Grafen Eberstein“ zur anmutigsten
    Zote gedient. — Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern
    zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H.
    Sachs an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe
    (Gegensatz) verwendet. — Eine interessante Beziehung zur infantilen
    Sexualforschung ergibt sich, wenn der Träumer von zwei Zimmern
    träumt, die früher eines waren, oder ein ihm bekanntes Zimmer
    einer Wohnung im Traume in zwei geteilt sieht oder das Umgekehrte.
    In der Kindheit hat man das weibliche Genitale (den
    Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile Kloakentheorie)
    und erst später erfahren, daß diese Körperregion zwei
    gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. — Stiegen, Leitern,
    Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts
    als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes.2
    — Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von

    1) „Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom
    Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner
    Überraschung: 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede stehenden
    Mädchen angeknüpft und auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem Schlafzimmer
    gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im Verdacht
    habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den Vorschlag, sich mit ihr in
    einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit hatte dieses Zimmer
    die Nummer 14, während im Traum das Weib diese Nummer trägt. Ein deutlicherer
    Beleg für die Identifizierung von Frau und Zimmer läßt sich kaum denken.“ (Ernest
    Jones, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl. Artemidorus, „Symbolik
    der Träume“ [übersetzt von F. S. Krauß, Wien 1881, p. 110]: „So z. B.
    bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche im Hause ist.“)
    2) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen Chancen
    der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, 1910 [Ges. Schriften,
    Bd. VI]), geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner
    stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten
    doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster
    Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles
    dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen
    von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konnten

  • S.
    72 Ergänzungen zur Traumdeutung

         Häusern, an denen man sich — häufig unter starker Angst
    herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wieder-
    holen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Empor-
    klettern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die
    „glatten“ Mauern sind Männer; an den „Vorsprüngen“ der
    Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. —
    Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl
    des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt.
    „Holz“ scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen
    ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name
    der Insel M a d e i r a bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da
    „Tisch und Bett“ die Ehe ausmachen, wird im Traum häufig
    der erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der
    sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. —
    Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit
    Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso
    der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser
    Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der
    Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis,
    wohl nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den
    Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem
    Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigent-
    lichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist.1 Personen, die

    bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol
    darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden; in rhyth-
    mischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und
    kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der
    Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, der Sprach-
    gebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen“ ohne weiteres als Ersatz-
    bezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann
    ist ein „Steiger“, „nachsteigen“. Im Französischen heißt die Stufe der Treppe la
    marche; „un vieux marcheur“ deckt sich ganz mit unserem „ein alter Steiger“.
         1 Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675, die Zeichnung einer 19jährigen Manischen: ein
    Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen entgegenspendet.
    Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige“ (Anthropophyteia VI, 334): In eine Badestube
    trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen
    vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorder-
    teil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, bin ohne Krawatte.“

  • S.
    Zu Abschnitt VI 73

    dies Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen
    Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von
    ihnen. — Alle komplizierten Maschinen und Apparate der
    Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien — in der Regel
    männliche, — in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik so
    unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar ist
    es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ-
    lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver,
    Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Träume,
    besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen,
    unschwer als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski
    hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer
    ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vor-
    kommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten.
    Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und
    latenter Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie,
    arglos betrachtet, Pläne, Landkarten u. dgl. zu bringen scheinen,
    enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als Dar-
    stellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und
    ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständnis des
    Traumes. (Vgl. hiezu Pfisters Arbeiten über Kryptographie und
    Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneu-
    bildungen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller
    Bedeutung denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume oft
    nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt
    sind, ihr Genitale liebkosend als ihr „Kleines“ zu bezeichnen.
    Den „kleinen Bruder“ hat Stekel richtig als den Penis erkannt.
    Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind
    häufig Traumdarstellungen der Onanie. — Zur symbolischen
    Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit,
    das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. Als Ver-
    wahrung gegen die Kastration ist es aufzufassen, wenn eines der
    gebräuchlichen Penissymbole im Traume in Doppel- oder Mehr-

  • S.
    74 Ergänzungen zur Traumdeutung

    zahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse im Traume —
    eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst — hat
    dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum Bd. II, S. 13.) — Von den
    Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbole ver-
    wendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle:
    der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genitalbehaarung
    wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männlichen
    Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Vertreter
    von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; mit
    Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität.

         — Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales
    ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine
    Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche
    Verwendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht
    genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch
    Beispiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch:
    „Die Sprache des Traumes“, enthalten die reichste Sammlung
    von Symbolauflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind
    und sich bei der Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B.
    in dem Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die mangelhafte
    Kritik des Verfassers und seine Neigung zu Verallgemeinerungen
    um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen zweifel-
    haft oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten
    Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf
    die Hervorhebung weniger Beispiele.

         Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch
    aufzufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des
    Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homo-
    sexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit
    einer Dirne usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell
    moralischen Standpunkt des Träumers“ (l. c. p. 466). Die Ver-
    wandten überhaupt spielen im Traume meistens die Rolle von
    Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser Bedeutung nur den

  • S.
    Zu Abschnitt VI 75

       Sohn, die Tochter, die jüngere S c h w e s t e r bestätigen, soweit also
    das Anwendungsgebiet des „Kleinen“ reicht. Dagegen erkennt
    man an gesicherten Beispielen die S c h w e s t e r n als Symbole
    der Brüste, die B r ü d e r als solche der großen Hemisphären. Das
    Nichteinholen eines Wagens löst S t e k e l als das Bedauern
    über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das
    Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man
    gedrückt wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber
    häufig als unverkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch
    den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat S t e k e l
    fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese
    Auflösungen weder genügend sichergestellt noch allgemein gültig,
    wenngleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahr-
    scheinlich anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein
    mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine
    der Verallgemeinerungen, welche S t e k e l aufstellt, bezieht sich
    auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. „Wo gäbe
    es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einigermaßen
    erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht
    werden könnte!“ Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel
    von der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie
    erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht
    überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der
    allgemeine Satz S t e k e l s vor der Anerkennung einer größeren
    Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso
    häufig für das männliche wie für das weibliche Genitale stehen,
    gibt es solche, die vorwiegend oder fast ausschließlich eines der
    Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von denen nur die
    männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist. Lange,
    feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Geni-
    tales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.)
    als Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
    Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbe-

  • S.
    76 Ergänzungen zur Traumdeutung

    wußten Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden,
    einen archaischen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschieden-
    heit der Genitalien unbekannt ist und beiden Geschlechtern das
    nämliche Genitale zugesprochen wird. Man kann aber auch zur
    irrigen Annahme eines bisexuellen Sexualsymbols verleitet werden,
    wenn man daran vergißt, daß in manchen Träumen eine allge-
    meine Geschlechtsverkehrung vorgenommen wird, so daß das
    Männliche durch Weibliches dargestellt wird und umgekehrt.
    Solche Träume drücken z. B. den Wunsch einer Frau aus,
    lieber ein Mann zu sein.

        Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körper-
    teile vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder
    den Fuß, die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr,
    selbst das Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers — Schleim,
    Tränen, Harn, Sperma usw. — können im Traum für einander
    gesetzt werden. Diese im Ganzen richtige Aufstellung von
    W. Stekel hat eine berechtigte kritische Einschränkung durch
    Bemerkungen von R. Reitler erfahren (Internationale Zeit-
    schrift f. Psychoanalyse I, 1913). Es handelt sich im wesentlichen
    um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des Samens durch
    ein indifferentes.

        Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen
    genügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.1
    Eine weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich
    in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“,
    (1916/17) versucht.

        Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher
    Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich
    es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich

    1) Bei aller Verschiedenheit der Schernerschen Auffassung von der Traum-
    symbolik und der hier entwickelten muß ich doch hervorheben, daß Scherner
    als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte,
    und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, vor
    rund fünfzig Jahren (1861) veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 77

    der Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine
    solche auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte
    ich aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole
    für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der
    Traumübersetzung auf Symbolübersetzung einzuschränken und
    die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzu-
    geben. Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander
    ergänzen; praktisch wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang
    dem zuerst beschriebenen Verfahren, das den Äußerungen des
    Träumers die entscheidende Bedeutung beilegt, während die von
    uns vorgenommene Symbolübersetzung als Hilfsmittel hinzutritt.

    1) Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen
    Genitales)1

    (Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst agora-
    phobischen Frau)

    „Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen
    Strohfut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben
    aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung
    hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere.
    Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem
    Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir
    alle nichts anhaben.“

        Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren
    kann, sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale
    mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herab-
    hängenden Seitenteilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist
    vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: „Unter die Haube
    kommen!“ Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details
    über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl
    gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung
    den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen

    1) Aus „Nachträge zur Traumdeutung“, Zentralblatt für Psychoanalyse I, Nr. 5/6,
    1911.

  • S.
    78 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den
    Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen,
    da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien vom Gehen
    ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letztere Auf-
    klärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten Malen,
    auf anderes Material gestützt, geben können.

        Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach
    dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes
    zurück und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile
    nach abwärts hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich
    beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile
    und findet dann den Mut, zu fragen, was es bedeute, daß bei
    ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es
    bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des
    Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.

        Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin
    diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen
    Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein
    weibliches Genitale stehen kann.1

      2) Das Kleine ist das Genitale — das Überfahren-
    werden ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres

          (Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin)

    „Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein
    gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und
    sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie
    überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein
    unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht
    sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile


    1 Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl.
    f. PsA. III, 1912, p. 95). Von Stekel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum
    mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impo-
    tenten) Mann symbolisiert.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 79

    sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine
    allein hat gehen lassen.

        Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist hier
    nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen
    und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll ver-
    standen werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis
    der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen.

        — Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu
    deuten ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheil-
    anstalt weg, in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die
    Mutter holte sie von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahn-
    hof und überreichte ihr einen Strauß Blumen zum Abschied; es
    war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin dieser Huldigung
    sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer
    Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während
    ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste
    Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man
    nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade mußte
    man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten
    Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
    Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer
    nackt von rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunter-
    schiede zu sprechen und hebt hervor, daß man beim Manne die
    Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim Weibe aber
    nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, daß das
    Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige
    Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vor-
    wurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein
    Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz
    des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit
    sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen
    auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung, haben
    (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen ihren

  • S.
    80 Ergänzungen zur Traumdeutung

       Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht der
    Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.

       Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem
       anderen Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem
       Bruder identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel,
       mußte oft hören, daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu
       dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es dann besonders
       klar, daß das „Kleine“ das Genitale bedeutet. Die Mutter droht
       ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung
       für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die
       Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre
       Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis
       des männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß sie
       nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben
       haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile Sexual-
       theorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervor-
       gehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet
       sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote,
       daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel
       antwortet: Nein, immer so g’west.

       Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales, im ersten Traum,
       bezieht sich auch also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich
       grollt sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.

       Daß das „Überfahrenwerden“ sexuellen Verkehr symbolisiert,
       würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus
       zahlreichen anderen Quellen sicher wüßte.

          3) Darstellung des Genitales durch Gebäude,
                Stiegen, Schachte

                (Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.)

    „Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß
    der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen

  • S.
    Zu Abschnitt VI 81

    kleineren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht
    ist, der aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn,
    wozu das alles ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm
    aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große
    Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein
    großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher um,
    ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht
    es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich
    ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine
    Treppe in einen Schacht hinunter, dessen Wände weich
    ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses
    Schachtes ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer
    Schacht. . .“

        Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht
    günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen
    Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und
    sich von da an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete
    er fast selbständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale,
    der Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu
    klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde
    sei das — vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete —
    Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn
    der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung
    der Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so
    daß er der fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des
    Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, muß man den
    Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn etwa konditionell
    nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung gebeten
    hätte.“ Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir bald an
    anderer Stelle finden.

        Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in
    erster Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem
    Geschäftslokal des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich

    Freud, III 6
  • S.
    82 Ergänzungen zur Traumdeutung

    das „Blech“ für das andere Material, mit dem der Vater handelt,
    eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des Traumes zu
    ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten
    und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der
    Gewinn zum Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher
    dürfte die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten:
    „(Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich betrogen
    haben, wie er seine Kunden betrügt.“ Für das Abreißen,
    welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient,
    gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die
    Onanie. Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe Bd. II.
    S. 342), sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis
    der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt ist (man darf es
    ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, daß die
    onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben wird,
    wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht
    deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung
    der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das
    Aufsteigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will,
    setze ich aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung
    im Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1, 1910; siehe oben S. 71,
    Note).

        Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere
    Plattform folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst
    biographisch. Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr
    infolge von Hemmungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit
    Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. Der Traum wird
    aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß es plau-
    sibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der
    Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches das
    Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die erste als
    Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Beziehung
    auf die Mutter annehmen kann.

  • S.

    Zu Abschnitt VI 85

    4) Das männliche Genitale durch Personen, das weib-
    liche durch eine Landschaft symbolisiert

    (Traum einer Frau „„ dem Volke, dem. Mann W.chmmn in, miigctuill von B.
    Dunner.)

    „. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrachen und sie habe
    angstvoll nach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit
    zwei ,Pülehern‘ einlrächtig in eine Kirche‘ gegangen, zu der
    mehrere“ Stufen emparführten; hinter der Kirche sei ein Berg3
    gewesen und oben ein dichter Wald.‘ Der Wachmann sei mit einem
    Helm, Ringkragen und Mantel5 versehen gewesen. Er habe einen
    braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem
    Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebunniene Schürzen
    um die Lenden gehabt.s Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg
    geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrü'pp verwachsen
    gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges
    ein ordentlicher Wald geworden sei.“

    5) Kastrationstränme bei Kindern

    a) „Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die
    Wiederkehr des Vaters aus dern Felde sichtlich unbequem ist,
    erwacht eines Morgens verstärt und aufgeregt und wiederholt
    immerfort die Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem
    Teller getragen? Heute nach! hat Papi seinen Kopf auf einem
    Teller getragen.“

    17) „Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student
    erinnert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden
    Traum gehabt hat: Er geht zum Friseur, um sich die Haare
    schneiden zu lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen

    ;) Oder Knpelle = Veginl.

    „ Symbol des mim.

    5) Mans veneris.

    4) Crinel puhis.

    5) Dämonen in Münch: und Knpuzen sind ml. der Aufklärung einen Fachmann
    phaflischer Nnmr.

    5) Die heiden Hilan des Hademlckel.

  • S.
    84 Ergänzungen zur Traumdeutung

    Zügen auf ihn zu und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau
    erkennt er als die Mutter.“

    6) Zur Harnsymbolik

       Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe
    von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt
    („Fidibusz“)
    aufgefunden
    und in ihrer Brauchbar-
    keit zur Illustration der
    Traumtheorie erkannt hat.
    O. Rank hat das neben-
    stehende als „Traum
    der französischen
    Bonne“ überschriebene
    Blatt bereits in seiner
    Arbeit über die Symbol-
    schichtung im Wecktraum
    usw. (p. 99) verwertet.

       Erst das letzte Bild,
    welches das Erwachen der
    Bonne infolge des Ge-
    schreies des Kindes ent-
    hält, zeigt uns, daß die
    früheren sieben die Phasen
    eines Traumes darstellen.

       Das erste Bild anerkennt
    den Reiz, der zum Er-
    wachen führen sollte. Der

       Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt die entsprechende
    Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im Schlaf-
    zimmer mit der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den
    Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt, er uriniert und —
    sie darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt

  • S.
    Zu Abschnitt VI 85

    sich; der Knabe, der sich nicht beachtet findet, brüllt immer
    kräftiger. Je dringender er das Erwachen und die Hilfeleistung
    seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren Traum seine Ver-
    sicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht zu erwachen
    brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimensionen
    des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe
    liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er bereits
    einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes
    Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlaf-
    bedürfnis und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geist-
    reichster Weise von einem mutwilligen Künstler verbildlicht.

    7) Ein Stiegentraum
    (Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank)

       Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 106 angeführte)
    Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich
    durchsichtigen Pollutionstraum:

    „Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen
    Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen.
    Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene
    weibliche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht,
    ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten
    auf der Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft)
    koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein
    Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren
    seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des
    Sexualaktes sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei
    kleine Gemälde hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen
    darstellten. Auf dem einen kleineren stand unten an Stelle der
    Namenssignatur des Malers mein eigener Vorname, als wäre es
    für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann hing noch ein
    Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß billigere Bilder auch
    zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann höchst undeutlich so

  • S.
    86 Ergänzungen zur Traumdeutung

    wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen) und erwache
    durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten Pollu-
    tion herrührt.“

            Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im
    Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Warte-
    zeit einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche
    Motive wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen
    Bildchen, das ihm besonders gefallen hatte, trat er näher und sah
    nach dem Namen des Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war.

            Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem
    böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt
    hatte, ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht
    worden“. Der Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht
    alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienst-
    mädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer
    Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine
    Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den Koitus
    auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherz-
    hafter Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei
    geäußert: das Kind sei wirklich „auf der Kellerstiege gewachsen“.

            Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im
    Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres
    reproduziert werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes
    Stück infantiler Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung
    gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem
    er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und wo er ins-
    besondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den Sexual-
    problemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig
    gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des
    Geländers hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt
    hatte. Im Traume eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die
    Stiege hinunter, so rasch, daß er nach eigener deutlicher Angabe
    die einzelnen Stufen gar nicht berührt, sondern, wie man zu

  • S.
    Zu Abschnitt VI 87

    sagen pflegt, „h i n u n t e r f l i e g t“ oder rutscht. Mit Bezug auf das
    infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den Moment
    der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegenhaus
    und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch
    mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben,
    wobei er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im
    Traume geschieht.

       Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe
    „Zentralblatt f. PsA.“, Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das
    Stiegensteigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symboli-
    sieren, so wird der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft
    ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser
    Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle Erregung (im Traume
    dargestellt durch das Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege),
    deren sadistischer Einschlag auf Grund der Raufspiele in der
    Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die
    libidinöse Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion
    (dargestellt im Traume durch das Fassen des Kindes und seine
    Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum
    rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter
    völlig undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Erregung
    genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe
    des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus
    und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des
    Koitus entlarvt. — Wenn F r e u d als einen der Gründe für die
    sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter
    beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders
    deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des
    Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder-
    reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element
    gewesen war.

       Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen
    von ihrer realen Bedeutung, auch in symbolischem Sinne als

  • S.
    88 Ergänzungen zur Traumdeutung

          „Weibsbilder“ gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich
    um ein großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im
    Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen
    vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung stehen,
    führt zum Prostituiertenkomplex, wie andererseits der Vorname
    des Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei
    ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen
    (auf der Stiege geboren = im Koitus erzeugt).

          Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben
    auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt,
    scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kind-
    heit zurückzuweisen und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von
    Bettnässen zum Vorbild zu haben.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   &

  • S.
    Zu Abschnitt VI 89

    das Testament des Vaters hinterlegt war, — er hatte den Vater
    im Alter von drei Jahren verloren, — brachte zwei große Kaiser-
    birnen, von denen er eine zum Essen bekam. Die andere lag auf
    dem Fensterbrett des Wohnzimmers. Er erwachte mit der Über-
    zeugung von der Realität des Geträumten und verlangte hart-
    näckig von der Mutter die zweite Birne; sie liege doch auf dem
    Fensterbrett. Die Mutter lachte darüber.

        Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie
    er sich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte.
    Das Fensterbrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will
    ihm dazu nicht einfallen; etwa noch, daß die Mutter kürzlich
    ihm einen Traum erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe
    sitzen, fragt sich, wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen
    nicht fort, sondern der eine fliegt zu ihrem Munde und saugt
    aus ihm.

        Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Recht,
    die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden
    Birnen — pommes ou poires — sind die Brüste der Mutter, die
    ihn genährt hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog
    den Balkonen im Häusertraum (vgl. S. 71). Sein Wirklichkeits-
    gefühl nach dem Erwachen hat recht, denn die Mutter hat ihn
    wirklich gesäugt, sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus,
    und die Mutterbrust wäre noch immer zu haben. Der Traum
    ist zu übersetzen: Mutter, gib (zeig') mir die Brust wieder, an
    der ich früher einmal getrunken habe. Das „früher“ wird durch
    das Essen der einen Birne dargestellt, das „wieder“ durch das
    Verlangen nach der anderen. Die zeitliche Wiederholung
    eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zahlenmäßigen
    Vermehrung eines Objektes.

        Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im
    Traume eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht
    Ausnahme, sondern Regel. Man darf sagen, der Träumer verfügt
    über die Symbolik von allem Anfang an.

  • S.
    90 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum-
    lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbe-
    influßte Erinnerung einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist
    zwischen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie,
    ihren um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen
    beiden stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem
    Spaziergang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als
    die älteste auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt
    die Cousine: Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat
    ein Würstchen, ich hab’ ein Portemonnaie. Antwort der Cousine:
    Ja, ich hab’ auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend
    zugehört und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer
    scharfen Zurechtweisung reagiert.

        Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik
    eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete:

    10) „Zur Frage der Symbolik in den Träumen
    Gesunder“1

    „Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt
    auch von Havelock E l l i s2 — vorgebrachter Einwand lautet,
    daß die Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen
    Psyche sei, aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe.
    Während nun die psychoanalytische Forschung zwischen normalem
    und neurotischem Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen,
    sondern nur quantitative Unterschiede kennt, zeigt die Analyse
    der Träume, in denen ja bei Gesunden und Kranken in gleicher
    Weise die verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle Identität
    der Mechanismen wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume
    Gesunder enthalten oft eine viel einfachere, durchsichtigere und
    mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer Personen, in
    denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus

    1) Alfred R o b i t s e k im Zentralblatt f. PsA. II, 1911, p. 340.

    2) „The World of Dreams“, London 1911, p. 168.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 91

    resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält,
    dunkel und schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte
    Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von
    einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurück-
    haltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich, daß sie
    verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegenstellen,
    die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan folgen-
    den Traum:

    „I arrange the centre of a table with flowers for a birthday.“

       (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburts-
    tag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem
    Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein
    Glücksgefühl empfunden.

       „Die ,populäre‘ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich
    zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche:
    der Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst
    und das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar,
    indem sie sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines
    Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also längst hinter ihr.

       „Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a
    table‘ ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier
    aber natürlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorg-
    fältig, ihr die Bedeutung der Symbole zu suggerieren, und fragte
    sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes in den
    Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse
    einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit,
    die der Ernst des Gespräches ermöglichte. — Auf meine Frage,
    was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst:
    ,expensive flowers; one has to pay for them‘ (teuere Blumen, für
    die man zahlen muß), dann, es seien ,lilies of the valley, violets
    and pinks or carnations‘ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich: Lilien
    vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort
    Lilie in diesem Traume in seiner populären Bedeutung als

  • S.
    92 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese Annahme, indem
    ihr zu ‚Lilie‘ ‚purity‘ (Reinheit) einfiel. ‚Valley‘, das Tal, ist ein
    häufiges weibliches Traumsymbol; so wird das zufällige Zusammen-
    treffen der beiden Symbole in dem englischen Namen für Mai-
    glöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren
    Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has to pay for them
    — verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann
    ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung expen-
    sive flowers etc.‘ hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei
    Blumensymbole eine andere Bedeutung.
        „Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ‚violets‘
    suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer
    unbewußten Beziehung zum französischen ‚viol‘ zu erklären. Zu
    meiner Überraschung assoziierte die Träumerin ‚violate‘, das eng-
    lische Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlich-
    keit von violet und violate — in der englischen Aussprache
    unterscheiden sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der
    letzten Silbe — wird vom Traume benutzt, um ‚durch die Blume‘
    den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses
    Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen maso-
    chistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein
    schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege
    zum Unbewußten führen. Das ‚one has to pay for them‘ bedeutet
    hier das Leben, mit dem sie das Weib- und Mutterwerden
    bezahlen muß.
        „Bei ‚pinks‘, die sie dann ‚carnations‘ nennt, fällt mir die
    Beziehung dieses Wortes zum ‚Fleischlichen‘ auf. Ihr Einfall dazu
    lautete aber ‚colour‘ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die
    Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und
    in großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches
    gesteht sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit
    gesagt, es sei ihr nicht ‚colour‘, sondern ‚incarnation‘ (Fleisch-
    werdung) eingefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens

  • S.
    Zu Abschnitt VI 93

    ist auch ,colour‘ als Einfall nicht entlegen, sondern durch die
    Bedeutung von carnation — Fleischfarbe, also durch den
    Komplex determiniert. Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der
    Widerstand an dieser Stelle am größten war, entsprechend dem
    Umstand, daß die Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der
    Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen
    Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese Blumen
    häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel-
    bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phalli-
    schen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes
    wird benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und
    Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit
    und erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das
    ,expensive flowers, one has to pay for them‘ eine — wohl wirk-
    liche, finanzielle — Bedeutung haben. — Die Blumensymbolik
    des Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das männ-
    liche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration.
    Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle Blumensymbolik, die
    ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane
    durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das
    Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht überhaupt diese
    unbewußte Bedeutung.

        „Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl
    die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam,
    stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert.
    Der latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde
    ich nicht warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen,
    Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt
    auch die sadistische Libidokomponente zum Ausdruck.

        „In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ,I arrange
    etc.‘ eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben.

        „Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer
    körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um

  • S.
    94 Ergänzungen zur Traumdeutung

    so mehr wird die Kostbarkeit des ,centre‘ (sie nennt es ein ander-
    mal ,a centre piece of flowers‘), ihre Jungfräulichkeit, hervor-
    gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element
    zum Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration
    des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol.
    „Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,I decorate
    the flowers with green crinkled paper.‘ (Ich verziere die Blumen
    mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ,fancy
    paper‘ (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumen-
    töpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide untidy things, whatever
    was to be seen, which was not pretty to the eye; there is a gap,
    a little space in the flowers.‘ Also: ,um unsaubere Dinge zu ver-
    bergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein Spalt, ein kleiner
    Zwischenraum in den Blumen.‘ ,The paper looks like velvet or
    moss‘ (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‘). Zu ,decorate‘
    assoziiert sie ,decorum‘, wie ich es erwartet hatte. Die grüne
    Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope‘ (Hoffnung),
    wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des
    Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne,
    sondern es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur
    Geltung. Sie macht sich schön für ihn, gesteht sich körperliche
    Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu korrigieren sucht.
    Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich
    um die crines pubis handelt.
            „Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache
    Denken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der
    Sinnenliebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen
    Geburtstag zugerichtet‘, d. h. koitiert; die Furcht vor der Deflora-
    tion, vielleicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Aus-
    druck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel ein, über-
    kompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer Jung-
    fräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit
    damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle

  • S.
    Zu Abschnitt VI 95

    Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Aus-
    druck. Der Affekt des einfachen Traumes — das Glücksgefühl
    — zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre Befriedigung
    gefunden haben.“

    Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie
    leicht gerade „Träume von Ahnungslosen“ den Sinn der Symbole
    und die Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f.
    PsA. IV, 1916/17.)

    Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per-
    sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein
    Gegenstand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen
    Gliedes eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs
    deutlichste als phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die
    „unendliche Verlängerung“ einer Reitgerte kann nicht leicht
    anderes als die Erektion bedeuten. Überdies gibt dieser Traum
    ein schönes Beispiel dafür, wie ernsthafte und dem Sexuellen
    fernabliegende Gedanken durch infantil-sexuelles Material zur
    Darstellung gebracht werden.

    11) Ein Traum Bismarcks

    (Von Dr. Hanns Sachs)

    „In seinen ‚Gedanken und Erinnerungen‘ teilt Bismarck
    (Bd. II der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am
    18. Dezember 1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief
    enthält folgende Stelle: ‚Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich
    zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den
    schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge
    keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte und ich erzählte es
    sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf
    einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der
    Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd sich weigerte und Umkehr
    und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich
    mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand

  • S.
    96 Ergänzungen zur Traumdeutung

    und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand
    stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit
    dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische
    Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Gedanke,
    wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser
    Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm.““

          „Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte: im
    ersten Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann
    im zweiten auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige
    Lage, in der sich Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kennt-
    liche Traumdarstellung der kritischen Situation des Staatsmannes,
    die er am Abend vor dem Traume, über die Probleme seiner
    Politik nachdenkend, besonders bitter empfunden haben mochte.
    Mit der zur Darstellung gelangten gleichnisweisen Wendung
    schildert Bismarck selbst in der oben wiedergegebenen Brief-
    stelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie war ihm
    also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben wir wohl
    auch ein schönes Beispiel von Silberers ,funktionalem Phänomen‘
    vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei jeder
    von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche
    Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der
    Beschäftigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind
    sehr treffend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch
    rückwärts kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben
    oder Zurücktreten zu denken, kommt im Traume durch die
    Worte ,Umkehren oder absitzen . . . unmöglich‘ zum Ausdruck.

          In seiner Eigenschaft als stets angestrengt Tätiger, der sich für
    fremdes Wohl plagt, lag es für Bismarck nahe, sich mit einem
    Pferde zu vergleichen, und er hat dies auch bei verschiedenen
    Gelegenheiten getan, z. B. in seinem bekannten Ausspruch: ,Ein
    wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen.‘ So ausgelegt bedeuten die
    Worte, daß ,das Pferd sich weigerte‘, nichts anderes, als daß der
    Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich von den Sorgen der

  • S.
    Zu Abschnitt VI 97

       Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt, daß er im
    Begriffe stehe, sich von den Fesseln des Realitätsprinzips durch
    Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann
    im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird dann auch hier
    schon präludiert durch das Wort ‚Alpenpfad‘. Bismarck wußte
    damals wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen
    — nämlich in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn
    dahin versetzte, befreite ihn also mit einem Schlage von allen
    lästigen Staatsgeschäften.

       „Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf
    doppelte Weise — unverhüllt und greifbar, daneben noch sym-
    bolisch — als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Ver-
    schwinden des hemmenden Felsens, an dessen Stelle ein breiter
    Weg — also der gesuchte Ausweg in bequemster Form —
    erscheint, unverhüllt durch den Anblick der vorrückenden preußi-
    schen Truppen. Man braucht zur Erklärung dieser prophetischen
    Vision durchaus nicht mystische Zusammenhänge zu konstruieren;
    die Freudsche Wunscherfüllungstheorie genügt vollständig.
    Bismarck ersehnte schon damals als den besten Ausgang aus den
    inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg mit Öster-
    reich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also in
    Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum
    dadurch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert.

       Individuell bedeutsam ist nur, daß der Träumer, mit dem wir
    uns hier beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte,
    sondern auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem
    Kenner der psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß,
    ist die Reitgerte, die ‚unendlich lang‘ wird. Gerte, Stock, Lanze
    und Ähnliches sind uns als phallische Symbole geläufig; wenn
    aber diese Gerte noch die auffallendste Eigenschaft des Phallus,
    die Ausdehnungsfähigkeit besitzt, so kann kaum ein Zweifel
    bestehen. Die Übertreibung des Phänomens durch die Verlängerung
    ins ‚Unendliche‘ scheint auf die infantile Überbesetzung zu deuten.

       Freud, III

  • S.
    98 Ergänzungen zur Traumdeutung

         Das In-die-Hand-nehmen der Gerte ist eine deutliche Anspielung
    auf die Masturbation, wobei natürlich nicht an die aktuellen Ver-
    hältnisse des Träumers, sondern an weit zurückliegende Kinder-
    lust zu denken ist. Sehr wertvoll ist hier die von Dr. Stekel
    gefundene Deutung, nach der l i n k s im Traume das Unrecht,
    das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen ein Verbot
    betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwischen
    dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich mit
    den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch eine
    Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung
    steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer
    Not durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung
    Gottes als Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, näm-
    lich wie Moses für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen
    Wasser schlägt. Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen
    wir bei dem aus einem bibelgläubigen, protestantischen Hause
    hervorgegangenen B i s m a r c k ohne weiteres annehmen. Mit
    dem Anführer Moses, dem das Volk, das er befreien will, mit
    Auflehnung, Haß und Undank lohnt, konnte sich B i s m a r c k in
    der Konfliktszeit unschwer vergleichen. Dadurch wäre also die
    Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. Anderseits ent-
    hält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die Masturbations-
    phantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot Gottes
    greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn der
    Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das
    gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im
    Traume unzweideutig phallischen — S t o c k e s, das Erzeugen von
    Flüssigkeit durch das Schlagen damit und die Todesdrohung —
    damit haben wir alle Hauptmomente der infantilen Masturbation
    beisammen. Interessant ist die Bearbeitung, die jene beiden hete-
    rogenen Bilder, von denen eines aus der Psyche des genialen
    Staatsmannes, das andere aus den Regungen der primitiven Kinder-
    seele stammt, durch Vermittlung der Bibelstelle zusammen-

  • S.
    Zu Abschnitt VI 99

    geschweißt hat, wobei es ihr gelungen ist, alle peinlichen
    Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen des Stockes eine ver-
    botene, aufrührerische Handlung ist, wird nur mehr durch die
    linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet. Im
    manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um
    recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heim-
    lichkeit abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an
    Moses, daß er das verheißene Land sehen, nicht betreten werde,
    wird die eine sehr deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel
    und Waldland), die andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt.
    Das Wasser ist wahrscheinlich der sekundären Bearbeitung, welche
    die Vereinheitlichung dieser Szene mit der vorigen erfolgreich
    anstrebte, zum Opfer gefallen, statt dessen stürzt der Fels selber.

            „Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, in der
    das Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das
    Kind wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten
    nichts von dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser
    Wunsch durch das Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem
    König sogleich zu melden, ersetzt. Diese Umkehrung schließt
    sich aber ausgezeichnet und ganz unauffällig der in der obersten
    Schicht der Traumgedanken und in einem Teile des manifesten
    Trauminhaltes enthaltenen Siegesphantasie an. Ein solcher Sieges-
    und Eroberungstraum ist oft der Deckmantel eines erotischen
    Eroberungswunsches; einzelne Züge des Traumes, wie z. B., daß
    dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt wird, nach
    Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter Weg
    erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, um
    daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und
    Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel
    einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige
    wurde überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinaus-
    ragt, das als schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge
    davon ist, daß jede Entbindung von Angst hintertrieben werden

    7*

  • S.
    100 Ergänzungen zur Traumdeutung

    konnte. Es ist ein Idealfall von gelungener Wunscherfüllung ohne
    Zensurverletzung, so daß wir begreifen können, daß der Träumer
    aus solchem Traum froh und gestärkt erwachte.“

        Ich schließe mit dem

    12) Traum eines Chemikers,

        eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen
    Gewohnheiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.

        V o r b e r i c h t . Am Tage vor dem Traume hat er einem
        Studenten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben,
        bei welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in
        absolut reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es
        bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein
        Arbeiter die Hand verbrannte.

        T r a u m : I) Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die
            Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium
            substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung,
            sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße
            lösen sich schon auf, meine Knie werden weich. Dann greift
            er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht
            wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder:
            Das kann nicht sein. — Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei
            erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir
            erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des
            Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wieder-
            holt sich beständig: Phenyl, Phenyl.

        II) Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um 1/212 Uhr
            beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein,
            wacht aber erst um 1/212 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu
            spät; bis du hinkommst, ist es 1/21 Uhr. Im nächsten Moment sieht er
            die ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die
            Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich
            dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 101

        Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine
    Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in
    der Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der
    Student, dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter
    Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magne-
    sium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob
    ihm gar nichts daran läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser
    Student muß er selbst sein; — er ist so gleichgültig gegen seine
    Analyse, wie jener für seine Synthese; — das Er im
    Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekelhaft muß
    er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg erscheinen!
        Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese)
    gemacht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die
    Beine im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends.
        Er traf in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er
    erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal auf-
    schrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte
    er ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis
    oberhalb der Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In
    dieser Situation ist also das Weib das Magnesium in der Retorte,
    mit dem es endlich geht. Er ist feminin gegen mich, wie er
    viril gegen das Weib ist. Geht es mit der Dame, so geht es
    auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die Wahrnehmungen
    an seinen Knien deuten auf die Onanie und entsprechen seiner
    Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war wirklich
    für 1/212 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen und
    bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu
    bleiben, entspricht seinem Widerstande.
        Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese
    Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr
    bequem zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl

  • S.
    102 Ergänzungen zur Traumdeutung

    Buch von Prévost gelesen, und in diesem war im Kapitel:
    Les exclus de l’amour, allerdings von den „Schlemiliés“ die
    Rede, bei deren Schilderung er sich sagte: Das ist mein Fall. —
    Schlemihlerei wäre es auch gewesen, wenn er das Rendezvous
    versäumt hätte.

        Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte
    experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter
    hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnoti-
    sierten Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt,
    der einen großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die
    Suggestion den Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen
    Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum diese Aufträge
    aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus der psycho-
    analytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So z. B.
    erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit
    einer Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer
    schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf ein Zettel klebte,
    bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen.“ Der Träumerin
    war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung
    niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Ein-
    schätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglück-
    liche Tatsache gestört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch
    Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß
    eine vorläufige Mitteilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse“.

        Ähnliche Ergebnisse hat 1923 G. Roffenstein veröffent-
    licht. Besonders interessant erscheinen aber Versuche, die Betl-
    heim und Hartmann angestellt haben, weil bei ihnen die
    Hypnose ausgeschaltet war. Diese Autoren („Über Fehlreaktionen
    bei der Korsakoffschen Psychose“, Archiv für Psychiatrie,
    Bd. 72, 1924) haben Kranken mit solcher Verworrenheit
    Geschichten grob sexuellen Inhalts erzählt und die Entstellungen
    beachtet, welche bei der Reproduktion des Erzählten auftraten.
    Es zeigte sich, daß dabei die aus der Traumdeutung bekannten

  • S.
    Zu Abschnitt VI 103

    Symbole zum Vorschein kamen (Stiegen steigen, stechen und
    schießen als Symbole des Koitus, Messer und Zigarette als Penis-
    symbole). Ein besonderer Wert wird dem Erscheinen des Symbols
    der Stiege beigelegt, weil, wie die Autoren mit Recht bemerken,
    „eine derartige Symbolisierung einem bewußten Entstellungs-
    wunsch unerreichbar wäre.“

        Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben,
    können wir in der oben S. 50 abgebrochenen Behandlung
    der typischen Träume fortfahren. Ich halte es für gerecht-
    fertigt, diese Träume im groben in zwei Klassen einzuteilen, in
    solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben, und
    zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhalts
    doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von
    den typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungs-
    traum bereits eingehender behandelt.

        Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume
    vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen
    angereiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese
    Annäherung. Es sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf
    empfundene Angstregung, die Angst zu sterben. „Abreisen“ ist
    eines der häufigsten und am besten zu begründenden Todes-
    symbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du wirst
    nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte:
    Fürchte nichts; es wird dir auch diesmals nichts geschehen. Die
    Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt
    daher, daß die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des
    Trostes geknüpft ist.

        Der Sinn der „Zahnreizträume“, die ich bei meinen
    Patienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit ent-
    gangen, weil sich zu meiner Überraschung der Deutung der-
    selben regelmäßig allzu große Widerstände entgegenstellten.

        Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß
    bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts-

  • S.
    104 Ergänzungen zur Traumdeutung

    zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher
    Träume analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum“
    ist. Beide rühren von derselben Person her, einem jungen Manne
    mit starker, aber im Leben gehemmter Homosexualität:

        Er befindet sich bei einer „Fidelio“-Vorstellung im Parkett der
    Oper, neben L., einer ihm sympathischen Persönlichkeit, deren
    Freundschaft er gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg
    hinweg über das Parkett bis ans Ende, greift sich dann in den
    Mund und zieht sich zwei Zähne aus.

        Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen“
    würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio“ handelt,
    liegt das Dichterwort nahe:

    „Wer ein holdes Weib errungen —“

        Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu
    den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere
    Verse besser:

    „Wem der große Wurf gelungen,
    Eines Freundes Freund zu sein . . .“

        Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf“, der aber nicht
    allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die
    peinliche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freund-
    schaft schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen“ wurde,
    und die Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen
    Manne, neben dem er die „Fidelio“-Vorstellung genießt, wieder-
    holen. Und nun schließt sich daran das für den feinsinnigen
    Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst nach einer
    Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal
    hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat.

        Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitätsprofessoren
    behandeln ihn an meiner Statt. Der eine tut irgend etwas an
    seinem Gliede; er hat Angst vor einer Operation. Der andere stößt
    mit einer eisernen Stange gegen seinen Mund, so daß er ein oder
    zwei Zähne verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 105

        Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft.
    Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem
    ihm bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen
    Koitus ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen
    Verkehr mit Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr
    nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertäts
    onanie vor.

        Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
    Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn
    auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich
    werden.1 Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz“
    zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf
    die so häufige Verlegung von unten nach oben aufmerksam, die
    im Dienste der Sexualverdrängung steht, und vermöge welcher
    in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an
    den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien
    Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher
    Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten
    Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der
    Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er „Hinterbacken“ als
    Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen“ neben den
    Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase wird
    in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die
    Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein
    Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne,
    und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und
    Abweichung macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung
    unter dem Drucke der Sexualverdrängung geeignet.

        Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraumes
    als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln


    1) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration zu
    deuten (ähnlich wie das Haarschneiden durch den Friseur; S t e k e l). Es ist zu unter
    scheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie solche z. B.
    Coriat (Zentralbl. f. PsA. III, 440) mitgeteilt hat.

  • S.
    106 Ergänzungen zur Traumdeutung

    kann, voll durchsichtig geworden ist.1 Ich gebe so viel, als ich
    zur Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen.
    Aber ich muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck
    enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert
    eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich
    einen ausreißen oder sich einen herunterreißen.2 Ich weiß nicht
    zu sagen, woher diese Redeweisen stammen, welche Verbild-
    lichung ihnen zugrunde liegt, aber zur ersteren von den beiden
    würde sich der „Zahn“ sehr gut fügen.

    Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volks-
    glauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die
    Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im oben
    angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich
    hier einen von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Zahn-
    reiztraum“ ein:

    „Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen,
    der sich seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung
    lebhafter zu interessieren beginnt, der folgende Bericht zu-
    gekommen:
    „Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen
    rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet solange
    herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er
    ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtig-
    keit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle
    mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich
    behandelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie
    mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten
    zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neugierig


    1) Nach einer Mitteilung von C. G. Jung haben die Zahnreizträume bei Frauen
    die Bedeutung von Geburtsträumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung hiefür
    erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt darin, daß
    es sich in beiden Fällen (Kastration — Geburt) um die Ablösung eines Teiles vom
    Körperganzen handelt.

    2) Vgl. hiezu den „biographischen“ Traum in Bd. II, S. 341.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 107

    näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt
    erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des auffallend
    weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument zermalmt
    (pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammenhängt, und
    daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht herausgehen;
    bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Geburt eines
    Kindes.

        Ich merke dann (wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser
    Traum von einer Pollution begleitet war, die ich aber nicht mit
    Sicherheit an eine bestimmte Stelle des Traumes einzureihen
    weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim Herausziehen des
    Zahnes eingetreten zu sein.

        Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen
    Vorgang, der damit abschloß, daß ich, Hut und Rock in der
    Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend-
    wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück-
    lassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich beeilte, einen
    abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im
    letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen,
    wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das
    Innere des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen
    Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien
    versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen
    Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren
    Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue
    wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.‘

        Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich
    folgende Erlebnisse und Gedanken des Vortages:

        I) Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behand-
    lung und habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen
    in dem Zahn des Unterkiefers, der im Traume angebohrt wird,
    und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit schon länger herum-
    arbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war ich

  • S.
    108 Ergänzungen zur Traumdeutung

    neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir
    nahegelegt hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im
    selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich der
    Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben
    durchbrechenden ‚Weisheitszahn‘. Ich hatte bei der Gelegenheit
    auch eine darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen
    gestellt.

        II) Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer
    Dame gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen
    entschuldigen zu müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht,
    sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänzlich
    abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augen-
    zähnen besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderer-
    seits eine Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des
    Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) leichter
    gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in
    der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung,
    welche ihre Scheu vor der notwendigen Operation nur vermehrt
    habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen Backen- oder
    Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese bekannt sei.
    Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all
    diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des
    richtigen Kernes mancher volkstümlichen Anschauungen zu ver-
    säumen. Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach sehr
    alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der
    behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen
    hat, so bekommt sie einen Buben.

        III) Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die
    von Freud in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mit-
    geteilte typische Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz,
    da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und das männliche
    Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich
    las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der

  • S.
    Zu Abschnitt VI 109

        Traumdeutung nach und fand dort unter anderem die im fol-
    genden wiedergegebenen Ausführungen, deren Einfluß auf meinen
    Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Einwirkung der
    beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahn-
    reizträumen, ,daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste
    der Pubertätszeit die Triebkraft dieser Träume abgebe‘
    (p. 193). Ferner: ,Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen
    des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer
    den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung
    verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der
    Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier
    auf die so häufige Verlegung von unten nach oben (im
    vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer)
    aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht und
    vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Inten-
    tionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens
    an anderen einwandfreien Körperstellen realisiert werden können‘
    (p. 194). ,Aber ich muß auch auf einen anderen im sprachlichen
    Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren
    Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den mastur-
    batorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen herunter-
    reißen‘ (p. 193). Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend
    als Bezeichnung für die Onanie geläufig und von hier aus wird
    der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits-
    material, das diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich
    erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der
    Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn
    verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit
    erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn
    leicht und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir
    heute noch in allen seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist,
    fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten bewußten
    Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).

  • S.
    110 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung,
    wonach die Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von
    Geburtsträumen haben (Traumdeutung S. 194 Anmkg.),
    sowie der Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei
    Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Be-
    deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume ver-
    anlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes, wo mir,
    bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes entlassen
    worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen
    herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten-
    aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte,
    im Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hin-
    blick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen
    Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder Form ökonomisch
    nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich glaube,
    daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahn-
    schmerzes bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder
    wachrief.1

        So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube,
    auch einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzu-
    zufügen habe als etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn
    des zweiten Traumteiles, der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen-
    Zug; reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten
    vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum
    Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen
    Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren desselben
    (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.

        Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen
    interessant. Erstens ist es beweisend für den von F r e u d auf-
    gedeckten Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim
    Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution,
    in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur-
    batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme

    1) Vgl. S. 194.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 111

    mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu kommt, daß in
    diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht, wie sonst, an
    einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern
    objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und
    höchstens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt)
    erkennen läßt.

        Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint,
    ist folgender: „Es liegt der Einwand nahe, daß die F r e u d sche
    Auffassung hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden
    suche, da doch die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen
    hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen.
    Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die
    Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch
    nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte Schläfer diesen Traum
    produziere; wenn man durchaus wolle, sogar zur Beseitigung des
    schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Ent-
    fernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertonung
    der gefürchteten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird
    man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständnissen in dieser
    Richtung die Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß
    die Lektüre der F r e u d schen Aufklärungen den Zusammenhang
    von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt
    oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht,
    wie der Träumer selbst eingestanden hat (,sich einen ausreißen‘),
    längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusam-
    hang neben dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag,
    ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre
    der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische
    Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und
    den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume
    zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für seine
    eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte.
    Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines

  • S.
    112 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Wunsches, nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit
    dieser Freudschen Auffassung zu überzeugen.“

        Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in
    denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was
    bedeuten diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie
    bedeuten, wie wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes,
    nur das Material an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal
    aus derselben Quelle.

        Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält,
    muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder-
    zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen,
    die für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher
    Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er, die
    Arme ausstreckend, durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit
    ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein
    plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er
    ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann

    und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn
    etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich
    nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume
    die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei
    schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche
    Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann
    gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die Erinnerung
    von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der
    hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher Kunststücke,
    die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht selten sind

        bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle
    Empfindungen wachgerufen worden. Um es mit einem bei uns
    gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu
    sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches die Träume
    vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust-
    gefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,

  • S.
    Zu Abschnitt VI 113

    ist auch das Hetzen der Kinder in Wirklichkeit häufig genug in
    Zwist und Weinen ausgegangen.

        Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der
    Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
    von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen
    und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst
    aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich
    bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.1

        Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende
    Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung
    der allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist
    lustbetonten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die
    verschiedensten Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen,
    Deutungen von selbst typischer Natur bei anderen. Eine meiner
    Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über die
    Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu
    berühren. Sie war sehr klein gewachsen und scheute jede
    Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt.
    Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre
    Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen
    ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die
    Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär'; andere
    wurden so nächtlicherweise zu Engeln, in der Entbehrung, bei
    Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens
    mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der
    Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat.
    Wir werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser
    oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.

        Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus-
    gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume
    sind, da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unaus-

    1) Der Absatz über die Bewegungsträume ist des Zusammenhanges halber hier
    wiederholt. Vgl. Bd. II, S. 274.

    Freud, III.

    8

  • S.
    114 Ergänzungen zur Traumdeutung

       gesetzt beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der
    Schwerkraft imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen
    der Antike.)

       Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder
    Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleich-
    falls die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume ver-
    tritt (Über den Traum, Bd. II, p. 791). Er nennt die Erotik das
    „wichtigste Motiv zum Schwebetraum“, beruft sich auf das starke
    Vibrationsgefühl im Körper, welches diese Träume begleitet, und
    auf die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder
    Pollutionen.

       Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter.
    Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie
    fast regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzep-
    tieren, welches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung
    umschreibt. Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir
    noch nicht erschöpft; fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen
    und wurden dann aufgehoben und geliebkost; wenn sie nachts
    aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in ihr
    Bett genommen.

       Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem
    Behagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer
    gewesen und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie
    seit langer Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Dar-
    stellung sich die Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden
    wir bald an dem einen oder dem anderen Beispiele erfahren.

       Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der
    Kinderstube recht, welches die Kinder nicht „zündeln“ heißt,
    damit sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt
    nämlich auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna
    der Kinderjahre zugrunde. In dem „Bruchstück einer Hysterie-
    analyse“ (1905)1 habe ich die vollständige Analyse und Synthese

       1) Ges. Schriften, Bd. VIII.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 115

    eines solchen Feuertraumes im Zusammenhange mit der Kranken-
    geschichte der Träumerin gegeben und gezeigt, zur Darstellung
    welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses infantile Material
    verwenden läßt.

            Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen“ Träumen
    anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wieder-
    kehr des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen
    Träumern versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge
    Gassen, vom Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die
    Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaß-
    regeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die von Ver-
    folgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung
    mit Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den mani-
    festen Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind
    u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material
    beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe an ihrer
    Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht ausschließ-
    lich auf typische Träume beziehen.

            Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt,
    desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der
    Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische
    Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume ana-
    lysiert, d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten
    Traumgedanken vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden,
    nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren
    (wie z. B. N ä c k e in seinen Arbeiten über sexuelle Träume).
    Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Über-
    raschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit unseren
    Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat
    seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren müssen wie der
    Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten,1 von keinem

    1) Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905. 5. Aufl. 1922
    (Ges. Schriften, Bd. V).

    8*

  • S.
    116 Ergänzungen zur Traumdeutung

    anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche,
    die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei
    der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals
    vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit
    übertreiben.

       An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung fest-
    stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem
    sie eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homo-
    sexuelle, d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumen-
    den Person entgegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle
    Träume bisexuell zu deuten seien, wie W. Stekel1 und Alf.
    Adler2 behaupten, scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie
    unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche ich nicht vertreten
    möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht wegzu-
    schaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als —
    im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse befriedigen, die
    Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. Auch die
    ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die Todes-
    klausel zu finden sei“ (Stekel), daß jeder Traum ein „Fort-
    schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie“ erkennen
    lasse (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung
    Zulässigen weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle
    Träume eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche
    in der Literatur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traum-
    deutung“ fremd. Sie ist in sieben Auflagen dieses Buches nicht
    zu finden und steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt
    desselben.

       Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe
    erotische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer
    Stelle behauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele


    1) Die Sprache des Traumes, 1911.
    2) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, Fortschritte
    der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psychoanalyse I,
    1910/11.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 117

    erhärten. Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen
    man nach keiner Richtung etwas Besonderes anmerken würde, führen
    sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen
    oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem
    Traume einen sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten?

        Der Träumer erzählt: Zwischen zwei stattlichen Palästen steht
    etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen
    sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem
    Häuschen hin, drückt die Tür ein, und dann schlüpfe ich rasch
    und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes.

        Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird
    allerdings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in
    enge Räume, das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten
    sexuellen Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem
    Traume eine Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts
    (zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen
    Körpers) finden. Der enge, schräg aufsteigende Gang ist natürlich
    die Scheide; die der Frau des Träumers zugeschobene Hilfe-
    leistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur die Rück-
    sicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche
    besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein
    junges Mädchen in den Haushalt des Träumers eingetreten ist,
    welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht
    hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung nicht
    zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen ist
    von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen
    und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende
    Mädchen hin.

        Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes,
    mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so
    bekomme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen
    Traum nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung
    an einen anderen, unkenntlichen und indifferenten Traum auf,

  • S.
    118 Ergänzungen zur Traumdeutung

    der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt hat, und die
    Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich
    wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die
    verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein
    Vielfaches häufiger sind als die aufrichtigen.1


    1) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich in Nr. 1
    des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht (s. unten); ein anderes mit ausführ-
    licher Deutung O. R a n k ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte Ödipusträume,
    in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe R a n k (Internat. Zeitschrift für
    Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume“ und Augen-
    symbolik von E d e r, F e r e n c z i, R e i t l e r. Die Blendung in der Ödipussage wie
    anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens auch die
    symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O. R a n k,
    Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlechtlichen Verkehre
    mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für die
    Besitzergreifung der Erde (Mutter-E r d e) auslegten. Ebenso bekannt ist das den
    Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms
    zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hin-
    weis auf die Mutter-E r d e auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communis
    mater omnium mortalium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu den Traum des H i p p i a s
    bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem
    er in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem
    Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun,
    er würde heimkommen nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im
    Vaterlande sterben in seinen alten Tagen.“ Diese Mythen und Deutungen weisen auf
    eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen,
    die sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere
    Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht
    selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.
            Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes. Ein
    Mann träumt: Er hat ein geheimes Verhältnis mit einer Dame, die ein anderer heiraten
    will. Er ist besorgt, daß dieser andere das Verhältnis entdecken könnte, so daß aus der Heirat
    nichts würde, und benimmt sich darum sehr zärtlich gegen den Mann; er schmiegt sich an
    ihn an und küßt ihn. — Die Tatsachen im Leben des Träumers berühren den Inhalt
    dieses Traumes nur in einem Punkte. Er unterhält ein geheimes Verhältnis mit
    einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äußerung ihres Mannes, mit dem er
    befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt, daß dieser etwas gemerkt haben
    könnte. Aber in der Wirklichkeit spielt noch etwas anderes, dessen Erwähnung im
    Traume vermieden wird und das doch allein den Schlüssel zum Verständnis des
    Traumes gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches Leiden bedroht.
    Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes vorbereitet, und unser
    Träumer beschäftigt sich bewußt mit dem Vorsatze, nach dem Hinscheiden des
    Mannes die junge Witwe zur Frau zu nehmen. Durch diese äußere Situation findet
    sich der Träumer in die Konstellation des Ödipustraumes versetzt; sein Wunsch
    kann den Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein Traum gibt
    diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des Verheiratetseins

  • S.
    Zu Abschnitt VI 119

        Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen
    im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon
    einmal. Dieses „Déjà vu“ hat aber im Traum eine besondere
    Bedeutung. Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der
    Mutter; in der Tat kann man von keiner anderen mit solcher
    Sicherheit behaupten, daß man „dort schon einmal war“. Ein
    einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die Mit-
    teilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche
    eine Wohnung, in der er schon zweimal gewesen sei. Gerade
    dieser Patient hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit
    aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal
    das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit dazu mißbraucht,
    den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen.

        Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind,
    oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im
    Wasser zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterin-
    leben, das Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu-
    grunde. Im folgenden gebe ich den Traum eines jungen Mannes
    wieder, der in der Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit
    zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern benutzt.

    „Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster
    ist wie im Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst leere
    Landschaft und dann komponiert er ein Bild hinein, welches dann
    auch sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen
    Acker dar, der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die
    schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die
    blauschwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck. Dann
    kommt er weiter, sieht eine Pädagogik aufgeschlagen . . . und
    wundert sich, daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin so
    viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.“

    mit dem anderen setzt er ein, daß ein anderer sie erst heiraten will, was seiner
    eigenen geheimen Absicht entspricht, und die feindseligen Wünsche gegen den
    Mann verbergen sich hinter demonstrativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinnerung
    an seinen kindlichen Verkehr mit dem Vater stammen.

  • S.
    120 Ergänzungen zur Traumdeutung

         Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer
    besonderen Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:

         In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich ins dunkle
    Wasser, dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt.

         Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung
    gelangt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte
    Tatsache umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus
    dem Wasser herauskommen, d. h.: geboren werden.1 Die Lokalität,
    aus der man geboren wird, erkennt man, wenn man an den mut-
    willigen Sinn von „la lune“ im Französischen denkt. Der blasse
    Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen
    zu sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin
    sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt „geboren zu werden“?
    Ich befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin
    ich nicht durch die Kur wie neugeboren? So wird dieser
    Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem Sommerorte
    fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält vielleicht auch
    eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst Mutter
    zu werden.2

         Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung
    einer Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und
    beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein
    schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er so weit, bis das
    Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen
    konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und nieder bewegte.
    Die Szene verwandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Hotels.


    1) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe R a n k: Der Mythus
        von der Geburt des Helden, 1909.

    2) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben im
        Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die Aufklärung
        für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu werden, als auch
        die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode,
        welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der Geburt
        darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das erste Angsterlebnis
        und somit Quelle und Vorbild des Angstaffektes.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 121

    Ihr Gatte verließ sie und sie trat in ein Gespräch mit einem
    Fremden.“

       „Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres
    bei der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten
    und Anknüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person.
    Der erste Teil des Traumes war eine offenkundige Geburts-
    phantasie. In den Träumen wie in der Mythologie wird die Ent-
    bindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels
    Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt; neben
    vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris, Moses und
    Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und Nieder-
    tauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an
    die Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer
    einzigen Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an
    den ins Wasser steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in
    welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem Wasser heraus-
    zog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und kleidete und
    schließlich in ihr Haus führte.“

       „Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar,
    welche das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der ver-
    borgenen Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte
    des Traumes entspricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte,
    der Geburtsphantasie. Außer der früher erwähnten Umkehrung
    greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte des Traumes Platz.
    In der ersten Hälfte geht das Kind in das Wasser und dann
    baumelt sein Kopf; in den zugrunde liegenden Traumgedanken
    tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann verläßt das
    Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten
    Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken verläßt sie
    ihren Gatten.“ (Übersetzt von O. Rank.)

       Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer
    jungen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von
    einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer

  • S.
    122 Ergänzungen zur Traumdeutung

    Kanal direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt
    eine Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen
    bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund
    gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der
    Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Ver-
    hältnis gestanden hatte.

        Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die
    Geburtsträume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harn-
    reizträume. Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dar-
    gestellt; die Schichtung der Bedeutung in diesen Träumen ent-
    spricht einem Bedeutungswandel des Symbols seit der Kindheit.

        Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir (Bd. II,
    S. 242) abgebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender
    Reize für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen
    zustande gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunsch-
    erfüllungstendenz und den Bequemlichkeitscharakter ganz offen,
    sondern sehr häufig auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da
    nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, dessen Befriedi-
    gung in symbolischer Einkleidung im Traume
    bereits vergeblich versucht worden war. Dies gilt
    für die Pollutionsträume wie für die durch Harn- und Stuhldrang
    ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der Pollutionsträume
    gestattet uns nicht nur, gewisse, bereits als typisch erkannte, aber
    doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu entlarven, sondern
    vermag uns auch zu überzeugen, daß manche scheinbar harmlose
    Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer grob
    sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen
    Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie
    oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum
    Erwachen führt.

        Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durch-
    sichtig und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates ver-
    trat die Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn

  • S.
    Zu Abschnitt VI 123

    man von Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner
    hat die Mannigfaltigkeit der Harnreizsymbolik studiert und auch
    bereits behauptet, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung
    der Geschlechtssphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt ...
    Der Harnreiztraum ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes
    zugleich.“

        O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die
    „Symbolschichtung im Wecktraum“ ich hier gefolgt bin, hat es
    sehr wahrscheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harn-
    reizträumen“ eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden,
    der sich zunächst auf dem Wege der Regression in der infantilen
    Form der Urethralerotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich
    sind dann jene Fälle, in denen der so hergestellte Harnreiz zum
    Erwachen und zur Blasenentleerung führt, worauf aber trotzdem
    der Traum fortgesetzt wird und sein Bedürfnis nun in unver-
    hüllten erotischen Bildern äußert.1

        In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die
    dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker-
    psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und
    Kot.2 „So träumt z. B. eine Frau zur Zeit, da sie wegen einer
    Darmstörung in ärztlicher Behandlung steht, von einem
    Schatzgräber, der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie
    ein ländlicher Abort aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein
    zweiter Teil des Traumes hat zum Inhalt, wie sie ihrem Kind,
    einem kleinen Mäderl, das sich beschmutzt hat, den
    Hintern abwischt.“


    1) „Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen
    Traume zugrunde liegen, erscheinen im ‚rezenten‘ Sinne in exquisit sexueller
    Bedeutung: Wasser = Urin = Sperma = Geburtswasser; Schiff = ‚schiffen‘ (uri-
    nieren) = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus = Gravidität;
    schwimmen = Urinfülle = Aufenthalt des Ungeborenen; Regen = Urinieren = Be-
    fruchtungssymbol; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus dem Bett = Ge-
    schlechtlich verkehren (‚fahren‘, Hochzeitsreise); Urinieren = sexuelle Entleerung
    (Pollution)“. (Rank l. c.)
    2) Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung usw.
    Dattner, Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1913; Reik, Internat. Zeitschr. III, 1915.

  • S.
    124 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von
    „Rettungen“ an. Retten, besonders aus dem Wasser retten,
    ist gleichbedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt
    wird, modifiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann
    ist. (Siehe einen solchen Traum bei Pfister: Ein Fall von
    psychoanalytischer Seelsorge und Seelenheilung. Evangelische Frei-
    heit, 1909.) — Über das Symbol des „Rettens“ vgl. meinen Vor-
    trag: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.
    Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 1910 (Ges. Schriften, Bd. VI),
    sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen
    besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. PsA.,
    Bd. II, 1910 (Ges. Schriften, Bd. V).1

        Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen
    man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegent-
    lich den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben
    infantilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das
    Kind aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu
    setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben
    haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während des Schlafens
    die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser Angstträume
    habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszie-
    rung bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die
    Gespenster werden wohl eher weiblichen Personen im weißen
    Nachtgewande entsprechen.

    29

    Zur Ausnützung der Worte in der Traumdarstellung:

        Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie
    weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade
    wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten
    gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten

    1) Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. PsA., I, 1910,
    p. 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburtsrettungs-
    phantasie“ in Traum und Dichtung (Internat. Zeitschr. f. PsA., II, 1914).

  • S.
    Zu Abschnitt VI 125

    und sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens
    wird erzählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie
    schöne Gerste- und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund
    kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen.
    Die Analyse zeigt, daß es sich um einen Kuß in Ehren
    handelt (Jahrb. II, p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen,
    sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem Traum
    als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen
    zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken.
        Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die
    Darstellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über
    eine ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich
    und konkret gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten,
    abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum braucht diesen
    Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder
    in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen.
        Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem Kasten
    steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen
    „Schrank“ und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser
    Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner Statt nämlich.
    Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem aus er
    eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert
    sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau“ heraus-
    gibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten
    beschäftigt.
        In einem Traum des „Grünen Heinrich“ wälzt sich ein
    übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn
    aber „ein süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig“
    ist, „zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen
    Schweinsborste eingebunden“. Der Dichter (oder der Träumer)
    gibt uns sofort die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das
    Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer
    sticht mich.

  • S.
    126 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wort-
    witztraum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur,
    in der sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wort-
    spiel findet.

    30

    Beispiele von Darstellungen:

        Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man
    hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte,
    wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte:

            1) Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an
    den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle
    heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein.

            2) Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle
    handelnden Personen besonders groß waren. Das will heißen,
    setzt sie hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner
    frühen Kindheit handeln muß, denn damals sind mir natürlich
    alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person
    trat in diesem Trauminhalt nicht auf.

        Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch
    anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man
    sieht die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt
    am Ende eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem
    verkehrt gerichteten Opernglas betrachten würde.

            3) Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Aus-
    drucksweise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt,
    träumt in gewissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof
    gehe, wie eben ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron
    an den stehenden Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung
    des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes
    als ein Index, der daran mahnt, daß etwas anderes im Traum-

  • S.
    Zu Abschnitt VI 127

    inhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes
    führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen Männer dar-
    gestellt waren, die auf dem Kopfe standen und auf den Händen
    gingen.

        4) Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem
    kurzen Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert.
    Sein Onkel gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittalbar
    die Deutung hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße:
    Autoerotismus. Ein Scherz im Wachen hätte ebenso lauten
    können.

        5) Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das
    heißt: Er gibt ihr den Vorzug.

        6) Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser
    gegenüber: Er bringt sich in Gegensatz zum Vater.

        7) Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines
    Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstelluug
    eines Ehebruches u. dgl.

        8) Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig
    Lebenszeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um ¹/₄6 Uhr früh
    bei einem Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den
    bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders.

        9) Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume:
    Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1¹/₄ Jahre aus-
    einander sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer
    Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide
    Kinder ihre eigene Person darstellen, und daß der Traum sie
    mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien
    um soviel voneinander entfernt. (3¹/₂ und 4³/₄ Jahre.)

  • S.
    128 Ergänzungen zur Traumdeutung

        IO) Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho-
    analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und
    alle die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume
    ausdrücken müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der
    Regel das einer Fahrt, meist im Automobil, als einem neu-
    artigen und komplizierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnellig-
    keit des Automobils kommt dann der Spott des Behandelten auf
    seine Rechnung. Soll das „Unbewußte“ als Element der
    Wachgedanken im Traume Darstellung finden, so ersetzt es sich
    ganz zweckmäßigerweise durch „unterirdische“ Lokalitäten,
    die andere Male, ganz ohne Beziehung zur analytischen Kur, den
    Frauenleib oder den Mutterleib bedeutet hatten. „Unten“ im
    Traume bezieht sich sehr häufig auf die Genitalien, das
    gegensätzliche „oben“ auf Gesicht, Mund oder Brust. Mit
    wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in der Regel
    leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch die
    anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit
    einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche
    die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit
    zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch-
    teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man
    könnte sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom
    Ich gefürchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch
    die Neurose selbst, die „kranke Person“, wird oft vom Träumer
    abgespalten und als selbständige Person im Traume veranschaulicht.

        II) (H. Sachs.) „Aus der ,Traumdeutung‘ wissen wir, daß
    die Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder
    eine Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich
    z. B. den Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig
    ist, zunutze machen und, den Doppelsinn als ‚Weiche‘ benutzend,
    statt der ersten, in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung
    die zweite in den manifesten Trauminhalt aufnehmen.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 129

         Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume
    geschehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu
    tauglichen rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.

         Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des-
    halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich,
    während der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich
    scheinbar nur meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit
    beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich
    bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen.
    Der Traum lautete:

    „Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu kleben; er
    geht aber nicht auf die Seite, was mir großen Schmerz ver-
    ursacht.“

         Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des
    Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch
    zwang, meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte
    mir als ‚Hüter des Schlafes‘ die Erfüllung meines Wunsches, im
    Bette zu bleiben, durch die Darstellung der Worte ‚er geht aber
    nicht auf die Seite‘ vorgetäuscht.“

         Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur
    visuellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen
    Mittel, ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen
    mögen, und setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött
    aller jener aus, die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht
    selbst geübt haben. An solchen Beispielen ist besonders das Buch
    von Stekel, „Die Sprache des Traumes“ reich, doch vermeide
    ich es, von dort die Belege zu entnehmen, weil die Kritiklosig-
    keit und technische Willkür des Autors auch den nicht in Vor-
    urteilen Befangenen unsicher macht.

    12) Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben
    im Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. PsA., II,
    1914):
    Freud, III

  • S.
    130 Ergänzungen zur Traumdeutung

    a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen
        Lüsterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das
        heißt, er erklärt diese Frau für lüstern.
    b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen,
        von weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse
        bekleidet.
        Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein
        Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht.
    c) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blas el (einen 80jäh-
        rigen Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem
        Divan liegen. Dann springt er über Tische und Stühle,
        zieht seinen Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt
        mit dem Degen in der Luft herum, als kämpfe er gegen
        einen eingebildeten Feind.
    Deutung: Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden.
        Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan, und wenn sie sich im
        Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre
        und ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor.

    13) Die „große Leistung“ im Traume.
        Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette
        liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus:
        Da will ich doch lieber . . . (in der Analyse ergänzt er, nach einer
        Erinnerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem
        Bett hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holz-
        leiste gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter,
        indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer
        bricht, sondern in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er
        sich erleichtert und auch die Geburt befördert.
        Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine
        große „Leistung“, durch welche er sich aus seiner unbehag-
        lichen Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner
        weiblichen Einstellung herausreißt . . . Das absurde Detail, daß

  • S.
    Zu Abschnitt VI 131

    die Holzleiste nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert,
    findet seine Erklärung, indem der Träumer erinnert, daß die
    Verdoppelung im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung auf
    die Kastration enthält. Der Traum stellt sehr häufig die Kastration
    im trotzigen Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei
    Penissymbolen dar. Die „Leiste“ ist ja auch eine den Genitalien
    naheliegende Körperregion. Er fügt dann die Deutung zusammen,
    er überwinde die Kastrationsdrohung, welche ihn in die weibliche
    Einstellung gebracht hat.1

        14) In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist
    ein Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß
    natürlich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous
    me trompez,“ antwortet der Träumer. (trompe = Rüssel.)

    31

    Ein sonderbarer Kindertraum:

        Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit
    sonderbarem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum
    bemerkenswert ist und sich durch die Analyse sehr leicht auf-
    klärt. Eine Dame erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als
    Kind wiederholt geträumt habe, der liebe Gott habe einen zu-
    gespitzten Papierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte
    man mir nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich
    nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wie-
    viel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich
    gehört habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich
    wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes.

    32

    Ein anderer Zahlentraum:

        Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determi-
    nierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist,
    verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:

    1) Internat. Zeitschr. f. PsA., II., 1914.

  • S.
    132 Ergänzungen zur Traumdeutung

        „Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten,
    träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunsch-
    erfüllung ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem
    Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls
    aber seien mehrere Zweier daraufgewesen. Schon die Zerteilung
    der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf
    schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben.
    Sie hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit ge-
    sprochen, fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit
    62 Jahren in Pension gegangen sei. Der Träumer hat erst
    22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, um eine
    90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst
    die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang,
    vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst,
    er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings-
    wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann
    nun wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem
    Amte scheiden.“1

    33

        Zur Zerstücklung von Reden:

        In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die
    Neurose. Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder
    oder Stücke von solchen unwillkürlich und widerwillig hört
    (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr Seelenleben verstehen
    zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse
    zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser
    Lizenzen mißbräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme
    Weise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes: Fromme W a i s e, und
    diese ist sie selbst. „O du selige, o du fröhliche“ ist der Anfang

    1) Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei J u n g, M a r c i n o w s k i u. a.
    Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber vom
    Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch J o n e s, „Über
    unbewußte Zahlenbehandlung“ (Zentralbl. f. PsA., II, 1912, p. 241 f.).

  • S.
    Zu Abschnitt VI 133

    eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weihnachts-
    zeit“ fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe
    Entstellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination
    im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten
    von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in jungen
    Jahren lernen mußte:

            „Nächtlich am Busento lispeln . . .?“

        Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:

            „Nächtlich am Busen“ begnügt.

        Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen
    Technik nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten
    einst unter ihren Illustrationen zu deutschen „Klassikern“ auch
    ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“, zu dem das Zitat vor-
    zeitig abgeschlossen war.

        „Und des frisch erkämpften Weibes
                Freut sich der Atrid und strickt.“
        Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
                Seine Arme hochbeglückt.

    34

    Zur Inschrift des Josefsdenkmals:
    Sie lautet richtig:

            Saluti p u b l i c a e vixit
            non d i u sed totus.

        Das Motiv der Fehlleistung: patriae für publicae hat Wittels
    wahrscheinlich zutreffend erraten.

    35

    Zu den absurden Träumen, besonders von Toten:

        Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie
    lebend auftreten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebühr-
    liche Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen
    erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum sehr auf-

  • S.
    134 Ergänzungen zur Traumdeutung

    fällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume eine
    sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage, uns zu
    denken: Wenn der Vater noch leben würde, was würde er dazu
    sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders darstellen als
    durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt
    z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe
    hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer
    bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben
    und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung
    gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen,
    daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der
    Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte,
    oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat.

       Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten
    Angehörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern
    dient der äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten
    Gedankens, den man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen
    möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man
    sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem
    keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen
    Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer
    gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum:
     

    Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst,
    aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte
    es nur nicht.

    Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er
    war doch gestorben“ einsetzt: infolge des Wunsches des
    Träumers und zu „er wußte es nicht“ ergänzt: daß der
    Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der
    Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den
    eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch
    endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem
    Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten
    Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das

     

  • S.
    Zu Abschnitt VI 135

         Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung der früh-
    infantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen
    Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der
    weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und
    dem Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen.
    (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi-
    schen Geschehens. Jahrbuch f. PsA., III, 1911. Ges. Schriften,
    Bd. V.)

         Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung
    überhaupt schwierige Aufgaben, deren Lösung nicht immer
    befriedigend gelingt. Den Grund hiefür mag man in der
    besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche
    das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr
    gewöhnlich, daß in solchen Träumen der Verstorbene zunächst
    als lebend behandelt wird, daß es dann plötzlich heißt, er sei
    tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch wieder
    lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser
    Wechsel von Tod und Leben die Gleichgültigkeit des
    Träumers darstellen soll („Es ist mir dasselbe, ob er lebt oder
    gestorben ist“). Natürlich ist diese Gleichgültigkeit keine reale,
    sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven, oft gegen-
    sätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen,
    und wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für
    andere Träume, in denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende
    Regel orientierend gewirkt: Wenn im Traume nicht daran gemahnt
    wird, daß der Tote — tot ist, so stellt sich der Träumer dem
    Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Die plötzlich
    im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber, der
    ist ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemein-
    schaft und lehnt die Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber
    ich gestehe den Eindruck zu, daß die Traumdeutung Träumen
    dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Geheimnisse ent-
    lockt hat.

  • S.
    136 Ergänzungen zur Traumdeutung

    36

    Das muß ich dem Doktor erzählen:

        Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz:
    Das muß ich dem Doktor erzählen, bei Träumen während der
    psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen
    Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten
    vom Vergessen des Traumes gefolgt.

    37

    Zu Marburg:

        Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Mar-
    bach geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie
    auch ich wußte. Es ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. oben
    S. 39), die sich als Ersatz für eine absichtliche Verfälschung an
    anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der
    „Psychopathologie des Alltagslebens“ versucht habe.

    38

    Affekte in einem Kindertraum:

        Wenn ich nicht sehr irre, so zeigt der erste Traum, den ich
    von meinem 20 Monate alten Enkel erfahren konnte, den Tat-
    bestand, daß es der Traumarbeit gelungen ist, ihren Stoff in eine
    Wunscherfüllung zu verwandeln, während der dazugehörige Affekt
    sich auch im Schlafzustand unverändert durchsetzt. Das Kind ruft
    in der Nacht vor dem Tage, an dem sein Vater ins Feld ab-
    rücken soll, heftig schluchzend: Papa, Papa—Bebi. Das kann
    nur heißen: Papa und Bebi bleiben beisammen, während das
    Weinen den bevorstehenden Abschied anerkennt. Das Kind war
    damals sehr wohl imstande, den Begriff der Trennung auszu-
    drücken. „Fort“ (durch ein eigentümlich betontes, lange gezo-
    genes o o o h ersetzt) war eines seiner ersten Worte gewesen,
    und es hatte mehrere Monate vor diesem ersten Traum mit
    all seinen Spielsachen „fort“ aufgeführt, was auf die früh

  • S.
    Zu Abschnitt VI 137

    gelungene Selbstüberwindung, die Mutter fortgehen zu lassen,
    zurückging.

       Flavit et dissipati sunt.
       Die Korrektur dieses Zitats siehe oben S. 39.

    39

    40

       Affektverkehrung und heuchlerische Träume:

       Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Affektverkehrung
    gibt ein von Ferenczi berichteter Traum:1 „Ein älterer Herr
    wird bei Nacht von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber
    wurde, daß er im Schlafe so laut und unbändig lachte. Der
    Mann erzählte später, folgenden Traum gehabt zu haben: Ich
    lag in meinem Bette, ein bekannter Herr trat ein, ich wollte das
    Licht aufdrehen, konnte es aber nicht, versuchte es immer wieder,
    — vergebens. Daraufhin stieg meine Frau aus dem Bette, um
    mir zu helfen, aber auch sie vermochte nichts auszurichten; weil
    sie sich aber vor dem Herrn wegen ihres Negligés genierte, gab
    sie es schließlich auf und legte sich wieder ins Bett; all dies war
    so komisch, daß ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau
    sagte: „Was lachst du, was lachst du?“, ich aber lachte nur weiter,
    bis ich erwachte. — Tags darauf war der Herr äußerst nieder-
    geschlagen, hatte Kopfschmerzen, — vom vielen Lachen, das
    mich erschüttert hat, meinte er.“

       „Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus.
    Der ‚bekannte Herr‘, der eintritt, ist in den latenten Traum-
    gedanken das am Vortage geweckte Bild des Todes als des ‚großen
    Unbekannten‘. Der alte Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte
    am Vortage Grund, ans Sterben zu denken. Das unbändige Lachen
    vertritt die Stelle des Weinens und Schluchzens bei der Idee, daß
    er sterben muß. Es ist das Lebenslicht, das er nicht mehr auf-
    drehen kann. Dieser traurige Gedanke mag sich an vor kurzem

    1) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916.

  • S.
    138 Ergänzungen zur Traumdeutung

    beabsichtigte, aber mißlungene Beischlafversuche angeknüpft haben,
    bei denen ihm auch die Hilfe seiner Frau im Negligé nichts half;
    er merkte, daß es mit ihm schon abwärts geht. Die Traumarbeit
    verstand es, die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens in
    eine komische Szene und das Schluchzen in Lachen um-
    zuwandeln.“

       Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
    „heuchlerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie
    der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde
    auf sie aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der
    „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ den in Nachstehendem
    abgedruckten Traumbericht Roseggers zur Diskussion brachte.

       Rosegger (in „Waldheimat“ II. Band) erzählt in der Geschichte
    „Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden
    Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht
    eingebüßt, ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und
    Literatendasein den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch
    die langen Jahre geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los
    werden zu können.“

       „Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so
    häufig und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte.
    Ein der Haut eines Philisters entsprungener Welt- und Himmels
    stürmer hat anderes zu tun. Aber auch an seine nächtlichen
    Träume wird der flotte Bursche kaum gedacht haben; erst später,
    als ich gewohnt worden war, über alles nachzudenken oder auch,
    als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu regen begann,
    fiel es mir auf, wieso ich denn — wenn ich überhaupt träumte
    — allemal der Schneidergesell’ war und daß ich solchergestalt
    schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der
    Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß
    und nähte und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich
    nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen
    Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war stets

  • S.
    Zu Abschnitt VI 139

    auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr-
    meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den
    Verlust der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu
    beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mit-
    unter, wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen
    wollte, eine Rüge gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch
    war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken
    in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit
    zu kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich's sogar,
    jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, und nächstens saß
    ich doch wieder bei ihm und nähte.“

        „Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen
    beglückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche
    Traum sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von
    mir zu werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich
    liege im Bette und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht
    saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.“

        „So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da
    war es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer
    arbeiteten, bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten
    war, daß sich mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen
    Arbeiten zeigte. „Möcht' nur wissen, wo du deine Gedanken hast!“
    sagte er und sah mich etwas finster an. Ich dachte, das Ver-
    nünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete,
    daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann
    davonging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der
    Meister einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf
    der Bank Platz zu machen. Ich rückte in den Winkel und nähte.

        An demselben Tage wurde auch noch ein Geselle aufgenommen,
    bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn Jahren bei uns
    gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause in
    den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz
    da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir:

  • S.
    140 Ergänzungen zur Traumdeutung

        „Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst
    gehen, du bist fremd gemacht.‘ — So übermächtig war
    hierüber mein Schreck, daß ich erwachte.“

        „Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein
    in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich;
    im stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der
    gigantische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche
    Goethe — die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Neben-
    zimmer her klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und
    mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zumute, als hätte
    ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und poesieereiche, hell-
    durchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche menschliche
    Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden. Und
    doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister
    nicht zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.“

        „Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich
    der Meister ‚fremd gemacht‘ hatte, genieße ich Ruhe, träume
    nicht mehr von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneider-
    zeit, die in ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die
    doch einen so langen Schatten in meine späteren Lebensjahre
    hereingeworfen hat.“

        In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
    Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der
    Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tages-
    leben, während der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich
    überwundenen unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint.
    Eigene Träume von ähnlicher Art haben mich in den Stand
    gesetzt, einige Aufklärung über solche Träume zu geben. Ich
    habe als junger Doktor lange Zeit im chemischen Institut gearbeitet,
    ohne es in den dort erforderten Künsten zu etwas bringen zu
    können, und denke darum im Wachen niemals gern an diese
    unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens.
    Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden,

  • S.
    Zu Abschnitt VI 141

    daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, Verschiedenes
    erlebe usw.; diese Träume sind ähnlich unbehaglich wie die
    Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung eines
    dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „A n a l y s e“
    aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin
    ja seither „Analytiker“ geworden, mache Analysen, die sehr gelobt
    werden, allerdings P s y c h o a n a l y s e n. Ich verstand nun: wenn
    ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden
    bin, mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht
    habe, hält mir nächtlicherweile der Traum jene anderen miß-
    glückten Analysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund
    hatte; es sind Strafträume des Emporkömmlings, wie die des
    Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter geworden war. Wie
    wird es aber dem Traume möglich, sich in dem Konflikt zwischen
    Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren zu stellen
    und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten Wunsch-
    erfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die
    Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können
    erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die
    Grundlage des Traumes bildete, an ihrer Statt ist aber ihre
    Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man
    darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen-
    leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben darf.
    Ich könnte nichts dagegen haben, wenn man diese Art von Träumen
    als S t r a f t r ä u m e von den W u n s c h e r f ü l l u n g s t r ä u m e n
    abtrennte. Ich würde darin keine Einschränkung der bisher ver-
    tretenen Theorie des Traumes erblicken, sondern bloß ein sprach-
    liches Entgegenkommen für die Auffassung, welcher das Zusammen-
    fallen von Gegensätzen fremdartig erscheint. Genaueres Eingehen
    auf einzelne dieser Träume läßt aber noch anderes erkennen. In
    dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Laboratoriumsträume
    hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und
    erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzte; ich hatte

  • S.
    142 Ergänzungen zur Traumdeutung

    noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben
    erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl
    zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war
    also wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau,
    die alle diese schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war
    einer der unablässig nagenden Wünsche des alternden Mannes als
    der unbewußte Traumerreger verraten. Der in anderen psychischen
    Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der Selbst-
    kritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der tiefer
    wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich
    gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja
    sehr gut heute, und es war einmal eine harte Zeit; aber es war
    doch schön damals; du warst ja noch so jung.

       Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig
    gefunden und als heuchlerisch erkannt habe, hat zum Inhalt die
    Versöhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen Be-
    ziehungen längst erloschen sind. Die Analyse deckt dann regel-
    mäßig einen Anlaß auf, der mich auffordern könnte, den letzten
    Rest von Rücksicht auf diese ehemaligen Freunde beiseite zu
    setzen und sie wie Fremde oder wie Feinde zu behandeln. Der
    Traum aber gefällt sich darin, die gegensätzliche Relation aus-
    zumalen.

       Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt,
    darf man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene
    und für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes
    von der Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns
    dann Rätsel auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes
    bald zu lösen wären.

       O. R a n k machte mich auch aufmerksam, daß im G r i m m schen
    Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen
    Streich“ ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt
    wird. Der Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs
    geworden ist, träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner

  • S.
    Zu Abschnitt VI 143

         Gemahlin, von seinem Handwerk; diese, mißtrauisch geworden,
    bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die das aus dem
    Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers
    versichern sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß
    jetzt den Traum zu korrigieren.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

    Zum Zusammentreten der Affektquellen:  

         Analog habe ich die außerordentlich starke Lustwirkung der
    tendenziösen Witze erklärt.

    Zu den Phantasien im Traum:  

         Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung
    mehrerer Phantasien entstandenen Traumes habe ich im „Bruch-
    stück einer Hysterieanalyse“ 1905 analysiert. Übrigens habe ich
    die Bedeutung solcher Phantasien für die Traumbildung unter-
    schätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete,
    denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedanken-
    konflikte, zugrunde liegen. Bei anderen Personen ist die volle
    Analogie des nächtlichen Traumes mit dem Tag-
    traume oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig bei
    Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man
    kann sich dann leicht überzeugen, daß für beide psychische
    Bildungen die Tagtraumphantasie die nächste Vorstufe ist.

    Zur scheinbaren Dauer des Traumes:  

         Unter den Träumen, welche Justine Tobowolska in ihrer
    Dissertation über die scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt
    hat, erscheint mir jener der beweisendste, den Macario (1857)
    von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet.1 Dieser
    Mann wollte eines Abends der ersten Aufführung eines seiner

    1) Tobowolska, p. 53.

  • S.
    144 Ergänzungen zur Traumdeutung

        Stücke beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er auf seinem Sitz
    hinter den Kulissen gerade in dem Momente einnickte, als sich
    der Vorhang hob. In seinem Schlaf machte er nun alle fünf Akte
    seines Stückes durch und beobachtete alle die verschiedenartigen
    Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen
    Szenen äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte er
    dann ganz selig, wie sein Name unter den lebhaftesten Beifalls-
    bezeigungen verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte
    weder seinen Augen noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung
    war nicht über die ersten Verse der ersten Szene hinausgekommen;
    er konnte nicht länger als zwei Minuten geschlafen haben. Es
    ist wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu behaupten, daß
    das Durcharbeiten der fünf Akte des Bühnenstückes und das
    Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen
    keiner Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht
    sondern eine bereits vollzogene Phantasiearbeit in dem angegebenen
    Sinne wiederholen kann. Die Tobowolska hebt mit anderen
    Autoren als gemeinsame Charaktere der Träume mit beschleunigtem
    Vorstellungsablauf hervor, daß sie besonders kohärent erscheinen,
    gar nicht wie andere Träume, und daß die Erinnerung an sie
    weit eher eine summarische als eine detaillierte ist. Dies wären
    aber gerade die Kennzeichen, welche solchen fertigen, durch die
    Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein Schluß
    welchen die Autoren allerdings nicht ziehen.

    ZUSATZKAPITEL B:

    Sekundäre Bearbeitung und funktionales
    Phänomen

        Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit,
    welches von den meisten Autoren bemerkt und in seiner Bedeutung
    gewürdigt worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert H. Ellis
    dessen Leistung (Einleitung, p. 10):

  • S.
    Zu Abschnitt VI 145

         „Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das
         Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier kommt unser Meister, das
         Wachbewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik
         u. dgl. legt. Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung,
         jede Anordnung genügt — ehe er eintritt, um vom Schauplatze
         Besitz zu ergreifen.“

         Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens
         wird besonders klar von Delacroix (p. 526) behauptet:

    „Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve;
    c’est le même travail de coordination logique que nous faisons
    sur nos sensations pendant la veille.“

         J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska:

    „Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’ef-
    force de faire le même travail de coordination logique qu’il fait
    pendant la veille sur les sensations. Il relie entre elles par un lien
    imaginaire toutes ces images décousues et bouche les écarts trop
    grands qui se trouvaient entre elles“ (p. 93).

         Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit
         noch während des Träumens beginnen und im Wachen fortgesetzt
         werden. So Paulhan (p. 547):

    „Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une cer-
    taine déformation, ou plutôt reformation du rêve dans le souvenir
    ... La tendence systématiſante de l’imagination pourrait fort bien
    achever après le réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil.
    De la sorte, la rapidité réelle de la pensée serait augmentée en
    apparence par les perfectionnements dus à l’imagination éveillée.“

         Leroy et Tobowolska (p. 592):

    „dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination
    se font non seulement à l’aide des données du rêve, mais encore
    à l’aide de celles de la veille . . .“

         Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte
         Moment der Traumbildung in seiner Bedeutung überschätzt wurde,
         so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu

         Freud, III.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                &

  • S.
    146 Ergänzungen zur Traumdeutung

    haben, zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des
    Erwachens vollziehen, wie es Goblot und noch weitergehend
    Foucault annehmen, die dem Wachdenken die Fähigkeit zu-
    schreiben, aus den im Schlaf auftauchenden Gedanken den Traum
    zu bilden.

        Leroy et Tobowolska sagen über diese Auffassung: „On
    a cru pouvoir placer le rêve au moment du reveil et ils ont
    attribué à la pensée de la veille la fonction de construire le rêve
    avec les images présentes dans la pensée du sommeil.“

        An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich
    die eines neuen Beitrages zur Traumarbeit, den feinsinnige Beob-
    achtungen von H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat,
    wie an anderer Stelle erwähnt,1 die Umsetzung von Gedanken in
    Bilder gleichsam in flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen
    von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu geistiger Tätigkeit
    nötigte. Dann entschwand ihm der bearbeitete Gedanke und an
    seiner Statt stellte sich eine Vision ein, welche sich als der Ersatz
    des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die Beispiele S. 65.)
    Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das auftauchende,
    einem Traumelement gleichzusetzende Bild etwas anderes darstellte
    als den der Bearbeitung harrenden Gedanken, nämlich die Er-
    müdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit,
    also den subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich
    mühenden Person anstatt des Gegenstandes ihrer Bemühung.
    Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig eintretenden Fall
    das „funktionale Phänomen“ zum Unterschiede von dem zu
    erwartenden „materialen“.

        „Z. B.: Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem
    Sofa, zwinge mich aber, über ein philosophisches Problem nach-
    zudenken. Ich suche nämlich die Ansichten Kants und Schopen-
    hauers über die Zeit zu vergleichen. Es gelingt mir infolge
    meiner Schlaftrunkenheit nicht, die Gedankengänge beider neben-

    1) Siehe Seite 64.

  • S.
    Zu Abschnitt VI 147

    einander festzuhalten, was zum Vergleich nötig wäre. Nach
    mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch einmal die
    Kantische Ableitung mit aller Willenskraft ein, um sie dann auf
    die Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden. Hierauf lenke
    ich meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf
    Kant zurückgreifen will, zeigt es sich, daß er mir wieder ent-
    schwunden ist, vergebens bemühe ich mich, ihn von neuem
    hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die in meinem Kopf
    irgendwo verlegten Kant-Akten sogleich wiederzufinden, stellt
    sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie im Traum-
    bild als anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine
    Auskunft von einem mürrischen Sekretär, der, über einen Schreib-
    tisch gebeugt, sich durch mein Drängen nicht stören läßt. Sich
    halb aufrichtend, blickt er mich unwillig und abweisend an.“
    (Jahrb. I. p. 514.)

    Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf
    und Wachen beziehen:

    „Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In
    einer gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen
    Traum nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend,
    fühle ich mich dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will
    jedoch in dem Dämmerzustand noch verbleiben.
    Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn
    aber alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben.“
    (Jahrb. III. p. 625.)

    „Beispiel Nr. 6. — Bedingungen wie im Beispiele Nr. 4. (Er
    will noch ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich
    will mich noch ein wenig dem Schlafe hingeben.
    Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit
    ihm (oder ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen.“

    Das „funktionale“ Phänomen, die „Darstellung des Zuständlichen
    anstatt des Gegenständlichen“, beobachtete Silberer wesentlich
    unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Auf-

    10*

  • S.
    148 Ergänzungen zur Traumdeutung

    wachsens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur der letztere Fall
    für die Traumdeutung in Betracht kommt. Silberer hat an
    guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des manifesten
    Inhaltes vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar an-
    schließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den
    Vorgang des Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Über-
    schreiten einer Schwelle („Schwellensymbolik“), das Verlassen
    eines Raumes, um einen anderen zu betreten, das Abreisen,
    Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter, das Eintauchen
    in Wasser und anderes. Ich kann allerdings die Bemerkung nicht
    unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbolik zu beziehenden
    Elemente des Traumes in eigenen Träumen wie in denen der
    von mir analysierten Personen ungleich seltener angetroffen
    habe, als man nach den Mitteilungen von Silberer erwarten
    sollte.

        Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese
    „Schwellensymbolik“ auch für manche Elemente mitten im Zu-
    sammenhange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen,
    wo es sich um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den
    Traum abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für
    dieses Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der
    Fall der Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle,
    welche ihren materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traum-
    gedanken bezieht, überdies zur Darstellung von etwas Zuständ-
    lichem an der seelischen Tätigkeit verwendet wurde.

        Das sehr interessante funktionale Phänomen Silberers hat
    ohne Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt,
    indem die alte Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der
    Träume eine Anlehnung an dasselbe gefunden hat. Die Bevor-
    zugung der „funktionalen Kategorie“ geht bei manchen so weit,
    daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo immer intel-
    lektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der Traum-
    gedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr und

  • S.
    Zu Abschnitt VI 149

    nicht weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum ein-
    zugehen, als alles andere.

       Wir wollen anerkennen, daß die Silbererschen Phänomene
    einen zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wach-
    denkens darstellen, welcher allerdings minder konstant und bedeutsam
    ist als der erste, unter dem Namen „sekundäre Bearbeitung“ ein-
    geführte. Es hatte sich gezeigt, daß ein Stück der bei Tage tätigen
    Aufmerksamkeit auch während des Schlafzustandes dem Traume
    zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich die Macht
    vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahe gelegen, in
    dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen,
    dem ein so starker eindämmender Einfluß auf die Gestaltung des
    Traumes zufällt. Was die Beobachtungen von Silberer dazu-
    geben, ist die Tatsache, daß unter Umständen eine Art von
    Selbstbeobachtung dabei mittätig ist und ihren Beitrag zum
    Trauminhalt liefert. Über die wahrscheinlichen Beziehungen dieser
    selbstbeobachtenden Instanz, die besonders bei philosophischen
    Köpfen vordringlich werden mag, zur endopsychischen Wahr-
    nehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und zum Traum-
    zensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln.1

    44

    Traumgedanken und Traumarbeit:

       Ich fand es früher einmal so außerordentlich schwierig, die
    Leser an die Unterscheidung von manifestem Trauminhalt und
    latenten Traumgedanken zu gewöhnen. Immer wieder wurden
    Argumente und Einwendungen aus dem ungedeuteten Traum,
    wie ihn die Erinnerung bewahrt hat, geschöpft und die Forderung
    der Traumdeutung überhört. Nun da sich wenigstens die Ana-
    lytiker damit befreundet haben, für den manifesten Traum seinen
    durch Deutung gefundenen Sinn einzusetzen, machen sich viele

    1) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1914. (Ges.
    Schriften, Bd. VI.)

  • S.
    150 Ergänzungen zur Traumdeutung

    von ihnen einer anderen Verwechslung schuldig, an der sie ebenso
    hartnäckig festhalten. Sie suchen das Wesen des Traumes in
    diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied
    zwischen latenten Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum
    ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres
    Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermög-
    licht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt,
    und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner
    Besonderheit. Ich sage dies zur Würdigung der berüchtigten
    „prospektiven Tendenz“ des Traumes. Daß der Traum sich mit
    den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vorliegenden Auf-
    gaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes
    Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hiezu, daß diese
    Arbeit auch im Vorbewußten vor sich gehen kann, was uns ja
    bereits bekannt ist.

    45

       Hier folgten von der vierten Auflage (1914) an zwei Beiträge
    von Dr. Otto Rank „Traum und Dichtung“ und „Traum und
    Mythus“, denen die Aufnahme in eine Sammlung meiner Schriften
    natürlich versagt bleiben muß.