S.
ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT I:
„DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR DER
TRAUMPROBLEME“1
Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf
die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele
genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse,
daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammen-
hange ausschließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir
J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur
hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen
erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende
Aufgabe der „Traumdeutung“ erledigt haben.Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt
offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter-
tums zugrunde.1 Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in
Beziehung stünden und Offenbarungen von seiten der Götter und
Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume
eine für den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel,
ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschieden-
heit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es
1) Das Folgende nach Büchsenschütz’ sorgfältiger Darstellung (Traum und
Traumdeutung im Altertum. Berlin 1868).1* S.
4 Ergänzungen zur Traumdeutung
allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durch-
zuführen und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und
Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer
Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war
die Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der
Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzuräumen bereit
waren.2
Zu Aristoteles: Anstatt der Stelle „was wohl einen tiefen Sinn enthüllt,
wenn man davon die richtige Übersetzung trifft“:d. h. der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung,
sondern folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit
verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als
die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft.Weiter unten die Notiz:
Über die Beziehung des Traumes zu den Krankheiten handelt
der griechische Arzt H i p p o k r a t e s in einem Kapitel seines
berühmten Werkes.Der letzte Satz dieses Abschnittes ist in späteren Auflagen weggeblieben.
Es handelt sich übrigens nicht um eine, sondern um zwei Schriften des
Aristoteles.3
Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte,
p. 390) gibt eine solche Einteilung der Träume nach M a k r o-
b i u s und A r t e m i d o r o s wieder: „Man teilte die Träume
in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die Gegenwart (oder
Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos
sein; sie umfaßte die ἐ ν ύ π ν ι α, insomnia, die unmittelbar die
gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B. den
Hunger oder dessen Stillung, und die φ α ν τ ά σ μ α τ α, welche die
gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alp-
druck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend
für die Zukunft; zu ihr gehören: 1) die direkte Weissagung, dieS.
Zu Abschnitt I 5 man im Traume empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2) das Voraus-
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (ὅραμα, visio), 3) der sym-
bolische, der Auslegung bedürftige Traum (ὄνειρος, somnium).
Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.“Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die
Aufgabe einer „Traumdeutung“ im Zusammenhange. Da man
von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete,
aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen
konnte, ob nicht ein bestimmter unverständlicher Traum doch
Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu einer Bemühung
gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traumes durch
einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte.Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren
Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches
Werk uns für die verloren gegangenen Schriften des nämlichen
Inhaltes entschädigen muß.14
Zur zitierten Äußerung Burdachs:
J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne direkt von
Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes.5
Zur Abhängigkeit des Traumes vom Wachleben:
Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph
I. G. E. Maaß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die
Erfahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten
1) Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei Diepgen
und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard u. a. Über die
Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Amram, Löwinger sowie
neuestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Standpunktes, Lauer.
Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, F. Schwarz und der
Missionär Tfinkdji, der japanischen Miura und Iwaya, der chinesischen Secker,
der indischen Negelein.S.
6 Ergänzungen zur Traumdeutung von den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leiden-
schaften gerichtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leiden-
schaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen.
Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner Ein-
bildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes
der Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner
süßen Hoffnungen beschäftigt . . . Alle sinnlichen Begierden und
Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie
durch irgendeinen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus
den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum ent-
steht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vor-
handenen Traum einmischen.“ (Mitgeteilt von W i n t e r s t e i n
im „Zbl. für Psychoanalyse“.)6
Zum Traumgedächtnis:
V a s c h i d e behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß
man im Traume fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche
als im Wachen.7
Zur Hypermnesie des Traumes:
Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die
besondere Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauf-
folgenden Traum die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten
Erinnerung vollzieht, erzählt der M a r q u i s d’H e r v e y d e
S t. D e n i s (nach V a s c h i d e, p. 232): „Ich träumte einmal
von einer jungen Frau mit goldblondem Haar, die ich mit meiner
Schwester plaudern sah, während sie ihr eine Stickereiarbeit
zeigte. Im Traume kam sie mir sehr bekannt vor, ich meinte
sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach dem
Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann es
aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traume spreche ichS.
Zu Abschnitt I 7 nun die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das
Vergnügen gehabt, sie irgendwo zu treffen. „Gewiß,“ antwortet
die Dame, „erinnern Sie sich nur an das Seebad von Pornic.“
Sofort wachte ich wieder auf und weiß mich nun mit aller
Sicherheit an die Einzelheiten zu besinnen, mit denen dieses
anmutige Traumgesicht verknüpft war.“Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet:
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine
Melodie, die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später
fand er dieselbe in einer alten Sammlung von Musikstücken auf-
gezeichnet, die vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch
immer nicht erinnert.8
Zur Aufdeckung der Herkunft unerkannter Traumelemente:
Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der
Abfassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten
Kirchturmes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern
konnte. Ich erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller
Sicherheit, auf einer kleinen Station zwischen Salzburg und
Reichenhall. Es war in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre,
und ich hatte die Strecke im Jahre 1886 zum erstenmal befahren.
In späteren Jahren, als ich mich bereits intensiv mit dem Studium
der Träume beschäftigte, wurde das häufig wiederkehrende Traum-
bild einer gewissen merkwürdigen Lokalität mir geradezu lästig.
Ich sah in bestimmter örtlicher Beziehung zu meiner Person, zu
meiner Linken, einen dunklen Raum, aus dem mehrere groteske
Sandsteinfiguren hervorleuchteten. Ein Schimmer von Erinnerung,
dem ich nicht recht glauben wollte, sagte mir, es sei ein Ein-
gang in einen Bierkeller; es gelang mir aber weder aufzuklären,
was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher es stamme.S.
8 Ergänzungen zur Traumdeutung Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu meinem
Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können. Mein
erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefriedigend
geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna
d e l l’ A r e n a nicht besichtigen können und machte mitten auf
der dahin führenden Straße Kehrt, als man mir mitteilte, das
Kirchlein sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten
Besuche, zwölf Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen
und suchte vor allem den Weg zur Madonna dell’ Arena auf.
An der zu ihr führenden Straße, linker Hand von meiner Weg-
richtung, wahrscheinlich an der Stelle, wo ich 1895 umgekehrt
war, entdeckte ich die Lokalität, die ich so oft im Traume
gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sandsteinfiguren. Es
war in der Tat der Eingang in einen Restaurationsgarten.9
Die Bemerkung „der gegenwärtig in Wien lehrt“ wurde später, wohl
mit Recht, gestrichen, umso mehr, als der Betreffende gestorben war.10
Zur Wiederkehr von Erinnerungen im Traum:
Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten
harmlose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume
wiederholt werden, etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen
zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen betont der Träumer
selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den der
„Wirklichkeit“. „Ich habe das alles am Tage wirklich getan.“11
Zum Traum von Simon:
Riesenhafte Personen im Traume lassen annehmen, daß es sich
um eine Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.Die obige Deutung auf eine Reminiszenz an Gullivers Reisen
ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie eine Deutung nichtS.
Zu Abschnitt I 9 sein soll. Der Traumdeuter soll nicht seinen eigenen Witz spielen
lassen und die Anlehnung an die Einfälle des Träumers hintan-
setzen.12
Zur ärztlichen Verwertung der Träume:
Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei
H i p p o k r a t e s) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung
im Altertum gedenken.Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich
Genesung suchende Kranken aufzusuchen pflegten. Der Kranke
ging in den Tempel des Apollo oder des Äskulap, dort wurde
er verschiedenen Zeremonien unterworfen, gebadet, gerieben,
geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im
Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief ein und
träumte von Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in
Symbolen und Bildern gezeigt wurden, welche dann die Priester
deuteten.Weiteres über die Heilträume der Griechen bei L e h m a n n
I, 74, B o u c h é - L e c l e r c q, Hermann, Gottesd. Altert. d.
Gr. § 41, Privataltert. § 38, 16, B ö t t i n g e r in Sprengels
Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff., W. L l o y d, Magnetism
and Mesmerism in antiquity, London, 1877, D ö l l i n g e r,
Heidentum und Judentum, p. 130.13
Zu Mourly Vold:
Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten
Traumprotokolle dieses Forschers siehe unten.14
Zu den hypnagogischen Halluzinationen:
H. S i l b e r e r hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich
selbst abstrakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in
anschaulich-plastische Bilder umsetzen, die das nämliche aus-S.
10 Ergänzungen zur Traumdeutung drücken wollen. (Jahrbuch von Bleuler-Freud, Band I,
1909.)Ich werde auf diese Befunde in anderem Zusammenhange
zurückkommen.15
Zur Abwendung von der Außenwelt:
Man vergleiche hiezu das „Désintérêt“, in dem Claparède
(1905) den Mechanismus des Einschlafens findet.16
Zu Maurys Alliterationsträumen:
An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von
Worten mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute
erfüllt sind, zugänglich werden.17
Im Anschluß an die Würdigung des Traumes bei Havelock Ellis:
J. Sully (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes
in einer noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden
Weise. Seine Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn
wir hinzunehmen, daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe
von der verhüllten Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now
our dreams are a means of conserving these successive personali-
ties. When asleep we go back to the old ways of
looking at things and of feeling about them, to
impulses and activities which long ago dominated
us.“18
Andere Beurteilungen der Inkohärenz:
Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches
von d’Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in
folgender Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert.
„L’image du rêve est la copie de l’idée. Le principal est l’idée;
la vision n’est qu’accessoire. Ceci établi, il faut savoir suivre laS.
Zu Abschnitt I 11 marche des idées, il faut savoir analyser le tissu des rêves; l’in-
cohérence devient alors compréhensible, les conceptions les plus
fantasques deviennent des faits simples et parfaitement logiques“
(p. 146). Und (p. 147): „Les rêves les plus bizarres trouvent
même une explication des plus logiques quand on sait les analyser.“J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähn-
liche Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor,
Wolf D a v i d s o n, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt
worden ist (p. 136): „Die sonderbaren Sprünge unserer Vor-
stellungen im Traume haben alle ihren Grund in dem Gesetze
der Assoziation, nur daß diese Verbindung manchmal sehr dunkel
in der Seele vorgeht, so daß wir oft einen Sprung der Vorstellung
zu beobachten glauben, wo doch keiner ist.19
Zur Einschätzung des Traumes:
Der geistreiche Mystiker Du P r e l, einer der wenigen
Autoren, denen ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen
dieses Buches abbitten möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern
der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, soweit sie den Men-
schen betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59).20
Zur Diskussion über die scheinbare Dauer der Träume:
Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme
in der Pariser Dissertation der Tobowolska (1900).21
Zur geistigen Überleistung im Traume:
Vgl. die Kritik bei H. Ellis, World of Dreams, p. 268.
22
Zur ethischen Würdigung des Traumlebens:
Im Gegensatz hiezu meint Pl a t o, diejenigen seien die besten,
denen das, was andere wachend tun, nur im Traume einfalle.S.
12 Ergänzungen zur Traumdeutung 23
Ebendazu:
Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige
Inquisition zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio
sanctissimae Inquisitionis des Thomas C a r e ñ a, Lyoner Ausgabe,
1659, ist folgende Stelle: „Spricht jemand im Traum Ketzereien
aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, was unter Tags jemand beschäftigt hat.“ (Dr.
E h n i g e r, S. U r b a n, Schweiz.)24
Zum Wert des Traumes für die Selbsterkenntnis:
J. E. Erdmann äußert: „Mir hat nie ein Traum offenbart,
was von einem Menschen zu halten sei, allein was ich von ihm
halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich
bereits einigemal aus einem Traume gelernt zu meiner eigenen
großen Überraschung.“ Und ähnlich meint J. H. F i c h t e: „Der
Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel unserer
Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeobachtung
des Wachens erfahren.“25
Über das psychisch Unterdrückte:
Ganz ähnlich äußert sich der Dichter Anatole F r a n c e (Lys
rouge): Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux
de ce que nous avons négligé dans la veille. Le rêve est souvent
la revanche des choses qu’on méprise ou le reproche des êtres
abandonnés.26
Zum Thema: Traum und Geisteskrankheiten:
Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind:
F é r é, I d e l e r, L a s é g u e, P i c h o n, R é g i s, V e s p a,
G i e ß l e r, K a z o d o w s k y, P a c h a n t o n i u. a.S.
Zu Abschnitt I 13 27
Zusatz 1909:
Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten
Erscheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe.
Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin
nichstdestoweniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die
mich überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes
in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden
Einleitung erschöpft; eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich
außerordentliche Bemühung gekostet und — sehr wenig Nutzen
oder Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum
von neun Jahren hat weder an tatsächlichem Material noch an
Gesichtspunkten für die Auffassung des Traumes Neues oder
Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den meisten seither
veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unberücksichtigt
geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei den
sogenannten „Traumforschern“ gefunden, die von der dem wissen-
schaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen,
hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben, „L e s s a v a n t s n e
s o n t p a s c u r i e u x,“ meint der Spötter A n a t o l e F r a n c e. Wenn
es in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich
wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen
dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen,
die sich in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so
voll von Unverstand und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern
mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch
einmal zu lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Auf-
forderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben, und anderer
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die BestätigungS.
14 Ergänzungen zur Traumdeutung
meiner Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in
den Zusammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites
Literaturverzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffent-
lichungen seit dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen.
Das reichhaltige Buch von Sante de Sanctis über die
Träume, dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins
Deutsche zuteil geworden ist, hat sich mit meiner „Traum-
deutung“ zeitlich gekreuzt, so daß ich von ihm ebensowenig
Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor von mir. Ich
mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit überaus
arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer
Philosoph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Ent-
deckung der biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und
28 Tagen), die von Wilh. Fließ herrührt, auf das psychische
Geschehen auszudehnen, hat in einer phantasievollen Schrift1 mit
diesem Schlüssel unter anderem auch das Rätsel der Träume
lösen wollen. Die Bedeutung der Träume wäre dabei zu kurz
gekommen; das Inhaltsmaterial derselben würde sich durch das
Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener
Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum ersten- oder
n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors ließ
mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr
ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem
Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beob-
achtungen zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir
aber ein überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem
erfreulicher war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auf-
fassung des Traumes zu finden, die sich mit dem Kern der1) H. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.
S.
Zu Abschnitt I 15 meinigen völlig deckt. Die Zeitverhältnisse schließen die Mög-
lichkeit aus, daß jene Äußerung durch die Lektüre meines Buches
beeinflußt worden sei; ich muß also in ihr die einzige in der
Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch,
in dem sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das
Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter dem Titel
„Phantasien eines Realisten“ von L y n k e u s veröffentlicht
worden.Zusatz 1914:
Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 nieder-
geschrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings
geändert; mein Beitrag zur „Traumdeutung“ wird in der Literatur
nicht mehr übersehen. Allein die neue Situation macht mir die
Fortsetzung des vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die
„Traumdeutung“ hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und
Probleme gebracht, die nun von den Autoren in verschiedenster
Weise erörtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht
darstellen, ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf
welche die Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten
Literatur wertvoll erschien, habe ich darum im Zusammenhange
meiner nun folgenden Ausführungen gewürdigt.
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Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung1900-001/1925.3
1900-001/1925/1