S.
[Transkription CD]
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ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT VII
„ZUR PSYCHOLOGIE DER TRAUMVORGÄNGE“1
Zur Mutmaßung Spittas:
Das Gleiche bei Foucault und Tannery.2
Zur Detminierung:
Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. 1. Aufl., 1901 u. 1904.
10. Aufl. 1994. (Ges. Schriften, Bd. IV).3
Das Mißtrauen der Psychoanalyse:
Der hier so peremptorisch aufgestellte Satz: „Was immer die
Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand“, könnte leicht
mißverstanden werden. Er hat natürlich nur die Bedeutung einer
technischen Regel, einer Mahnung für den Analytiker. Es soll
nicht in Abrede gestellt werden, daß sich während einer Analyse
verschiedene Vorfälle ereignen können, die man der Absicht des
Analysierten nicht zur Last legen kann. Es kann der Vater des
Patienten sterben, ohne daß dieser ihn umgebracht hätte, es kann
auch ein Krieg ausbrechen, der der Analyse ein Ende macht.
Aber hinter der offenkundigen Übertreibung jenes Satzes steckt
doch ein neuer und guter Sinn. Wenn auch das störende EreignisS.
152
real und vom Patienten unabhängig ist, so hängt es doch oftmals
nur von diesem ab, wieviel störende Wirkung ihm eingeräumt wird,
und der Widerstand zeigt sich unverkennbar in der bereitwilligen
und übermäßigen Ausnützung einer solchen Gelegenheit.4
Zur tendenziösen Natur des Zweifelns und Vergessens:
Als Beispiel für die Bedeutung von Zweifel und Unsicherheit
im Traum bei gleichzeitigem Einschrumpfen des Trauminhaltes
auf ein einzelnes Element entnehme ich meinen „Vorlesungen
zur Einführung in die Psychoanalyse“ (1916) folgenden Traum,
dessen Analyse nach kurzem zeitlichen Aufschub doch gelungen
ist:„Eine skeptische Patientin hat einen längeren Traum, in dem
es vorkommt, daß ihr gewisse Personen von meinem Buche über
den ‚Witz‛ erzählen und es sehr loben. Dann wird etwas erwähnt
von einem ‚Kanal‛, vielleicht ein anderes Buch, in dem
Kanal vorkommt, oder sonst etwas mit Kanal . . .
sie weiß es nicht . . . es ist ganz unklar.Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß das
Element ‚Kanal‛ sich der Deutung entziehen wird, weil es selbst
so unbestimmt ist. Sie haben mit der vermuteten Schwierigkeit
recht, aber es ist nicht darum schwer, weil es undeutlich ist,
sondern es ist undeutlich aus einem anderen Grunde, demselben,
der auch die Deutung schwer macht. Der Träumerin fällt zu
Kanal nichts ein; ich weiß natürlich auch nichts zu sagen. Eine
Weile später, in Wahrheit am nächsten Tage, erzählt sie, es sei
ihr etwas eingefallen, was vielleicht dazu gehört. Auch ein
Witz nämlich, den sie erzählen gehört hat. Auf einem Schiff
zwischen Dover und Calais unterhält sich ein bekannter Schrift-
steller mit einem Engländer, welcher in einem gewissen Zu-
sammenhange den Satz zitiert: Du sublime au ridicule il n’y a
qu’un pas. Der Schriftsteller antwortet: Qui, le pas de Calais,S.
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womit er sagen will, daß er Frankreich großartig und England
lächerlich findet. Der Pas de Calais ist aber doch ein Kanal,
der Ärmelkanal nämlich, Canal la Manche. Ob ich meine, daß
dieser Einfall etwas mit dem Traum zu tun hat? Gewiß, meine
ich, er gibt wirklich die Lösung des rätselhaften Traumelements.
Oder wollen Sie bezweifeln, daß dieser Witz bereits vor dem
Traum als das Unbewußte des Elements ‚Kanal‛ vorhanden war,
können Sie annehmen, daß er nachträglich hinzugefunden wurde?
Der Einfall bezeugt nämlich die Skepsis, die sich bei ihr hinter
aufdringlicher Bewunderung verbirgt, und der Widerstand ist wohl
der gemeinsame Grund für beides, sowohl, daß ihr der Einfall so
zögernd gekommen, als auch dafür, daß das entsprechende Traum-
element so unbestimmt ausgefallen ist. Blicken Sie hier auf das
Verhältnis des Traumelements zu seinem Unbewußten. Es ist wie
ein Stückchen dieses Unbewußten, wie eine Anspielung darauf;
durch seine Isolierung ist es ganz unverständlich geworden.“5
Zu den Sprachirrtümern im Traum:
Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in
Träumen nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen
zugeschoben. Maury (p.14.5) träumte einmal zur Zeit, da er
Englisch lernte, daß er einer anderen Person die Mitteilung, er
habe sie gestern besucht, mit den Worten machte: I called for
you yesterday. Der andere erwiderte richtig: Es heißt: I called
on you yesterday.6
Zum nachträglichen Erinnern vergessener Träume:
E. Jones beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall,
daß während der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben
Nacht erinnert wird, der bis dahin vergessen war, ja nicht ein-
mal vermutet wurde.S.
154
7
Ein anderer Beweis für die Abhängigkeit der Traumvergessens vom
Widerstande:
Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen
Beweis dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr
vom Widerstand als von der Fremdheit zwischen dem Wach-
und dem Schlafzustand, wie die Autoren meinen, abhängt. Es
ereignet sich mir wie anderen Analytikern und den in solcher
Behandlung stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch
einen Traum aus dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten,
unmittelbar darauf im vollen Besitze unserer Denktätigkeit den
Traum zu deuten beginnen. Ich habe in solchen Fällen oftmals
nicht geruht, bis ich das volle Verständnis des Traumes gewonnen
hatte, und doch konnte es geschehen, daß ich nach dem Erwachen
die Deutungsarbeit ebenso vollständig vergessen hatte wie den
Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß ich geträumt und daß ich
den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger hatte der Traum das
Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Vergessenheit gerissen,
als es der geistigen Tätigkeit gelungen war, den Traum für die
Erinnerung zu halten. Zwischen dieser Deutungsarbeit und dem
Wachdenken besteht aber nicht jene psychische Kluft, durch
welche die Autoren das Traumvergessen ausschließend erklären
wollen. – Wenn Morton Prince gegen meine Erklärung des
Traumvergessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der Amnesie
für abgespaltene seelische Zustände (dissociated states), und die Un-
möglichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere
Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste
Absicht wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen
Beschreibungen solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch
gemacht hat, die dynamische Erklärung für diese Phänomene zu
finden. Er hätte sonst entdecken müssen, daß die Verdrängung (resp.
der durch sie geschaffene Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser
Abspaltungen wie der Amnesie für ihren psychischen Inhalt ist.S.
155
8
Die Bedeutung von aus der Kinderzeit bewahrten Träumen:
Träume, die in den ersten Kindheitsjahren vorgefallen sind und
sich nicht selten in voller sinnlicher Frische durch Dezennien
im Gedächtnis erhalten haben, gelangen fast immer zu einer
großen Bedeutung für das Verständnis der Entwicklung und
der Neurose des Träumers. Ihre Analyse schützt den Arzt gegen
Irrtümer und Unsicherheiten, die ihn auch theoretisch verwirren
könnten.9
Ablehnung irriger Behauptungen über die Traumdeutung:
Andererseits kann ich aber der Behauptung nicht beipflichten,
die zuerst von H. Silberer aufgestellt worden ist, daß jeder
Traum – oder auch nur zahlreiche, und gewisse Gruppen von
Träumen – zwei verschiedene Deutungen erfordern, die sogar
in fester Beziehung zu einander stehen. Die eine dieser Deutungen,
die Silberer die psychoanalytische nennt, gibt dem
Traume einen beliebigen, zumeist infantil‑sexuellen Sinn; die
andere, bedeutsamere, von ihm die anagogische geheißen,
zeigt die ernsthafteren, oft tiefsinnigen, Gedanken auf, welche
die Traumarbeit als Stoff übernommen hat. Silberer hat diese
Behauptung nicht durch Mitteilung einer Reihe von Träumen,
die er nach beiden Richtungen analysiert hätte, erwiesen. Ich
muß dagegen einwenden, daß eine solche Tatsache nicht besteht.
Die meisten Träume verlangen doch keine Überdeutung und
sind insbesondere einer anagogischen Deutung nicht fähig. Die
Mitwirkung einer Tendenz, welche die grundlegenden Verhältnisse
der Traumbildung verschleiern und das Interesse von ihren Trieb-
wurzeln ablenken möchte, ist bei der Silbererschen Theorie
ebensowenig zu verkennen wie bei anderen theoretischen Be-
mühungen der letzten Jahre. Für eine Anzahl von Fällen konnte
ich die Angaben von Silberer bestätigen; die Analyse zeigteS.
156
mir dann, daß die Traumarbeit die Aufgabe vorgefunden hatte,
eine Reihe von sehr abstrakten und einer direkten Darstellung
unfähigen Gedanken aus dem Wachleben in einen Traum zu
verwandeln. Sie suchte diese Aufgabe zu lösen, indem sie sich
eines anderen Gedankenmaterials bemächtigte, welches in lockerer,
oft allegorisch zu nennender Beziehung zu den abstrakten
Gedanken stand und dabei der Darstellung geringere Schwierig-
keiten bereitete. Die abstrakte Deutung eines so entstandenen
Traumes wird vom Träumer unmittelbar gegeben; die richtige
Deutung des unterschobenen Materials muß mit den bekannten
technischen Mitteln gesucht werden.10
Zur Frage des Denkens ohne Zielvorstellungen:
Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht werden, daß
Ed. v. Hartmann in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte
die nämliche Anschauung vertritt: „Gelegentlich der Erörterung
der Rolle des Unbewußten im küntlerischen Schaffen (Philos. d.
Unbew. Bd. I, Abschn. B, Kap. V) hat Eduard v. Hartmann das
Gesetz der von unbewußten Zielvorstellungen geleiteten Ideen-
assoziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch
der Tragweite dieses Gesetzes bewußt zu sein. Ihm ist es darum
zu tun, zu erweisen, daß ‚jede Kombination sinnlicher Vor-
stellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall anheimgestellt wird,
sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der Hilfe des
Unbewußten bedarf‛ und daß das bewußte Interesse an einer
bestimmten Gedankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte
ist, unter den unzähligen möglichen Vorstellungen die zweck-
entsprechende herauszufinden. ‚Es ist das Unbewußte, welches
den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt für die
Ideenassoziation beim abstrakten Denken, als
sinnlichen Vorstellen oder künstlerischemKombi-
uieren und beim witzigen Einfall. Daher ist eine EinschränkungS.
157
der Ideenassoziation auf die hervorrufende und die
hervorgerufene Vorstellung im Sinne der reinen Assoziations-
psychologie nicht aufrechtzuerhalten. Eine solche Einschränkung
wäre ‚nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn Zustände im
menschlichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht
nur von jedem bewußten Zweck, sondern auch von der Herr-
schaft oder Mitwirkung jedes unbewußten Interesses, jeder
Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum jemals vorkommender
Zustand, denn auch, wenn man seine Gedankenfolge
anscheinend völlig dem Zufall anheimgibt, oder
wenn man sich ganz den un willkürlichen Träumen
der Phantasie überläßt, so walten doch immer zu der
einen Stunde andere Hauptinteressen, maßgebende
Gefühle und Stimmungen im Gemüt als zu der
anderen, und diese werden allemal einen Einfluß
auf die Ideenassoziation üben‛. (Philos. d. Unbew.‚
11. Aufl., I., 246.) Bei halbunbewußten Träumen kommen immer
nur solche Vorstellungen, die dem augenblicklichen (unbewußten)
Hauptinteresse entsprechen (a. a. O.). Die Hervorhebung des Ein-
flusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedanken-
folge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse auch
vom Standpunkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus
gerechtfertigt erscheinen.“ (N. E. Pohorilles in Internat. Zeitschr.
f. ärztl. PsA. I, 1913, p. 605 f.) – Du Prel schließt aus der
Tatsache, daß ein Name, auf den wir uns vergeblich besinnen,
uns oft plötzlich wieder unvermittelt einf'ällt, es gebe ein unbe-
wußtes und dennoch zielgerichtetes Denken, dessen Resultat als-
dann ins Bewußtsein tritt (Philos. d. Mystik, p. 107).11
Zur „freien Assoziation“:
Vgl. hiezu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die
C. G. Jung durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat.
(„Zur Psychologie der Dementia praecox“, 1907.)S.
158
12
Zur Rechgfertigung der Eillfallstechnik in der Psychoanalyse:
Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden
Sätze haben später durch die „diagnostischen Assoziationsstudien“
Jungs und seiner Schüler eine experimentelle Rechtfertigung
und Verwertung erfahren.13
Zur Bedingtheit des Bewußtseins:
Ich habe später gemeint, das Bewußtsein entstehe geradezu
an Stelle der Erinnerungsspur. (Siehe zuletzt: Notiz über den
Wunderblock, 1925, Ges. Schriften, Bd. VI.)14
Zum Schema der psychischen Systeme:
Die weitere Ausführung dieses linear aufgerollten Schemas wird
mit der Annahme zu rechnen haben, daß das auf Vbw folgende
System dasjenige ist, dem wir das Bewußtsein zuschreiben müssen,
daß also W = Bw.15
Zur Regression:
Die erste Andeutung des Moments der Regression findet sich
bereits bei Albertus Magnus. Die Imaginetio, heißt es bei ihm,
baut aus den aufbewahrten Bildern der sinnfeilligen Objekte den
Traum auf. Der Prozeß vollzieht sich umgekehrt wie im Wachen
(nach Diepgen, p. 14.). – Hobbes sagt (im Leviathan, 1651):
„In sum, our dreams are the reverse of our waiting imaginatiaos,
the motion, when we are awake, beginning at one end, and when
we dream at another.“ (Nach H. Ellis, p. 112.)16
Regression und Verdrängung:
In einer Darstellung der Lehre von der Verdrängung wäre
auszuführen, daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweierS.
159
ihn beeinflussenden Momente in die Verdrängung gerät. Er wird
von der einen Seite (der Zensur des Bw) weggestoßen, von der
anderen (dem Ubw) angezogen, also ähnlich wie man auf die
Spitze der großen Pyramide gelangt. (Vgl. den Aufsatz „Die Ver-
drängung“, Ges. Schriften, Bd. V.)17
Weiterer über die Regression:
Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in
der Theorie der neurotischen Symptombildung eine nicht minder
wichtige Rolle wie in der des Tranmes spielt. Wir unterscheiden
dann eine dreifache Art der Regression: a) eine topische im
Sinne des hier entwickelten Schemas der φ‑Systeme, b) eine
zeitliche, insofern es sich um ein Rückgreifen auf ältere
psychische Bildungen handelt, und c) eine formale, wenn
primitive Ausdrucks‑ und Darstellungsweisen die gewohnten
ersetzen. Alle drei Arten von Regression sind aber im Grunde
eines und treffen in den meisten Fällen zusammen, denn das
zeitlich ältere ist zugleich das formal primitive und in der
psychischen Topik dem Wahrnehmungsende nähere.Wir können auch das Thema der Regression im Traume nicht
verlassen, ohne einem Eindruck Worte zu leihen, der sich uns
bereits wiederholt aufgedrängt hat, und der nach einer Vertiefung
in das Studium der Psychoneurosen neuerdings verstärkt zurück-
kehren wird: Das Träumen sei im ganzen ein Stück Regression
zu den frühesten Verhältnissen des Träumers, ein Wiederbeleben
seiner Kindheit, der in ihr herrschend gewesenen Triebregungen
und verfügbar gewesenen Ausdrucksweisen. Hinter dieser indivi-
duellen Kindheit wird uns dann ein Einblick in die phylogene-
tische Kindheit, in die Entwicklung des Menschengeschlechts,
versprochen, von der die des einzelnen tatsächlich eine abgekürzte,
durch die zufälligen Lebensumstände beeinflußte Wiederholung
ist. Wir ahnen, wie treffend die Worte Fr. Nietzsches sind,S.
160
daß sich im Traume „ein uraltes Stück Menschtum fortübt, zu
dem man auf direktem Wege kaum mehr gelangen kann“, und
werden zur Erwartung veranlaßt, durch die Analyse der Träume
zur Kenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen zu
kommen, das seelisch Angebotene in ihm zu erkennen. Es scheint,
daß Traum und Neurose uns mehr von den seelischen Alter-
tümern bewahrt haben, als wir vermuten konnten, so daß
die Psychoanalyse einen hohen Rang unter den Wissenschaften
beanspruchen darf, die sich bemühen, die ältesten und dunkelsten
Phasen des Menschheitsbeginnes zu rekonstruieren.18
Weiteres über den Schlafzustand:
Ein weiteres Eindringen in die Kenntnis der Verhältnisse des
Schlafzustandes und der Bedingungen der Halluzination habe ich
in dem Aufsatz „Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre“
(Int. Zschr. f. PsA. IV, 1916/18, Ges. Schriften, Bd. V) versucht.19
Die Verarbeitung unlustvollen Materials und die Strafträume:
Vielleicht ist es zweckmäßig, dieselbe Frage auch in der Form
einer Untersuchung zu behandeln, wie sich der Traum benirnmt,
wenn ihm in den Traumgedanken ein Material geboten wird,
das einer Wunscherfüllung durchwegs widerspricht, also begründete
Sorgen, schmerzliche Erwägungen, peinliche Einsichten. Die
Mannigfaltigkeit der möglichen Erfolge läßt sich dann folgender
Art gliedern: a) Es gelingt der Traumarbeit, alle peinlichen Vor-
stellungen durch gegenteilige zu ersetzen und die dazugehörigen
unlustigen Affekte zu unterdrücken. Das ergibt dann einen reinen
Befriedigungstraum, eine greifbare „Wunscherfüllung“, an der
weiter nichts zu erörtern scheint. b) Die peinlichen Vorstellungen
gelangen, mehr oder weniger abgeändert, aber doch gut kenntlich,
in den manifesten Trauminhalt. Dies ist der Fall, der die ZweifelS.
161
an der Wunschtheorie des Traumes weckt und weiterer Unter-
suchung bedarf. Solche Träume peinlichen Inhalts können entweder
indifferent empfunden werden oder auch den ganzen peinlichen
Affekt mitbringen, der durch ihren Vorstellungsinhalt gerecht-
fertigt scheint, oder selbst unter Angstentwicklung zum Erwachen
führen.Die Analyse weist dann nach, daß auch diese Unlustträume
Wunscherfüllungen sind. Ein unbewußter und verdrängter Wunsch,
dessen Erfüllung vom Ich des Träumers nicht anders als peinlich
empfunden werden könnte, hat sich der Gelegenheit bedient, die
ihm durch das Besetztbleiben der peinlichen Tagesreste geboten
wird, hat ihnen seine Unterstützung geliehen und sie durch diese
traumfähig gemacht. Aber während im Falle a der unbewußte
Wunsch mit dem bewußten zusammenfiel, wird im Falle b der
Zwiespalt zwischen dem Unbewußten und dem Bewußten – dem
Verdrängten und dem Ich – bloßgelegt, und die Situation des
Märchens von den drei Wünschen, welche die Fee dem Ehepaar
freigibt, verwirklicht (s. unten S. 168). Die Befriedigung über die
Erfüllung des verdrängten Wunsches kann so groß ausfallen, daß
sie den an den Tagesresten hängenden peinlichen Affekten das
Gleichgewicht hält; der Traum ist dann in seinem Gefühlston
indifferent, obwohl er einerseits die Erfüllung eines Wunsches,
anderseits die einer Befürchtung ist. Oder es kann geschehen,
daß das schlafende Ich einen noch ausgiebigeren Anteil an der
Traumbildung nimmt, daß es auf die zustande gekommene Be-
friedigung des verdrängten Wunsches mit einer heftigen Empörung
reagiert und selbst dem Traume unter Angst ein Ende macht.
Es ist also nicht schwer zu erkennen, daß die Unlust – und die
Angstträume im Sinne der Theorie ebensosehr Wunscherflillungen
sind wie die glatten Befriedigungsträume.Unlustträume können auch „Strafträume“ sein. Es ist zu-
zugeben, daß man durch ihre Anerkennung zur Theorie des
Traumes in gewissem Sinne etwas Neues hinzufügt. Was durchS.
162
sie erfüllt wird, ist gleichfalls ein unbewußter Wunsch, der nach
einer Bestrafung des Träumers für eine verdrängte unerlaubte
Wunschregung. Insofern fügen sich die Träume der hier vertretenen
Forderung, daß die Triebkraft zur Traumbildung von einem dem
Unbewußten angehörigen Wunsche beigestellt werden müßte.
Eine feinere psychologische Zergliederung läßt aber den Unter-
schied von den anderen Wunschträumen erkennen. In den Fällen
der Gruppe b gehörte der unbewußte, traumbildende Wunsch
dem Verdrängten an, bei den Strafträumen ist es gleichfalls ein
unbewußter Wunsch, den wir aber nicht dem Verdrängten, sondern
dem „Ich“ zurechnen müssen. Die Strafträume weisen also auf
die Möglichkeit einer noch weiter gehenden Beteiligung des Ichs
an der Traumbildung hin. Der Mechanismus der Traumbildung
wird überhaupt weit durchsichtiger, wenn man anstatt des Gegen-
satzes von „Bewußt“ und „Unbewuß“ den von „Ich“ und
„Verdrängt“ einsetzt. Dies kann nicht ohne Rücksicht auf die
Vorgänge bei der Psychoneurose geschehen und ist darum in
diesem Buche nicht durchgeführt worden. Ich bemerke nur, daß
die Strafträurne nicht allgemein an die Bedingung peinlicher
Tagesreste geknüpft sind. Sie entstehen vielmehr am leichtesten
unter der gegensätzlichen Voraussetzung, daß die Tagesreste
Gedanken befriedigender Natur sind, die aber unerlaubte Befriedi-
gungen ausdrücken. Von diesen Gedanken gelangt dann nichts in
den manifesten Traum als ihr direkter Gegensatz, ähnlich wie
es in den Träumen der Gruppe a der Fall war. Der wesentliche
Charakter der Strafträume bliebe also, daß bei ihnen nicht der
unbewußte Wunsch aus dem Verdrängten (dem System Ubw)
zum Traumbildner wird, sondern der gegen ihn reagierende,
dem Ich angehörige, wenn auch unhewußte (d. h. vorbewußte)
Strafwunsch.Ich will einiges von dem hier Vorgebrachten an einem eigenen
Traum erläutern, vor allem die Art, wie die Traumarbeit mit
einem Tagesrest peinlicher Erwartungen verfährt:S.
163
„Undeutlicher Anfang. Ich sage meiner Frau, ich habe eine
Nachricht für sie, etwas ganz Besonderes. Sie erschrickt und will
nichts hören. Ich versichere ihr, im Gegenteil, etwas, was sie sehr
freuen wird, und beginne zu erzählen, daß das Offizierskorps
unseres Sohnes eine Summe Geldes geschickt hat (5000 K?), . . .
etwas von Anerkennung . . . Verteilung . . . Dabei bin ich mit ihr
in ein kleines Zimmer gegangen, wie eine Vorratskammer, um etwas
herauszusuchen. Plötzlich sehe ich meinen Sohn erscheinen, er ist
nicht in Uniform, sondern eher im enganliegenden Spartkostüm
(wie ein Seehund?), mit kleiner Kappe. Er steigt auf einen Korb,
der sich seitlich neben einem Kasten befindet, wie um etwas auf
diesen Kasten zu legen. Ich rufe ihn an; keine Antwort. Mir scheint, er hat
das Gesicht oder die Stirn verbunden, er richtet sich etwas im Munde,
schiebt sich etwas ein. Auch haben seine Haare einen grauen Schimmer.
Ich denke: Sollte er so erschöpft sein? Und hat er falsche Zähne?
Ehe ich ihn wieder anrufen kann, erwache ich ohne Angst, aber
mit Herzklopfen. Meine Nachtuhr zeigt die Stunde 2½.“Die Mitteilung einer vollständigen Analyse ist auch diesmal
unmöglich. Ich beschränke mich auf die Hervorhebung einiger
entscheidender Punkte. Den Anlaß zum Traum hatten peinigende
Erwartungen des Tages gegeben; von dem an der Front Käm-
pfenden waren wieder einmal Nachrichten durch länger als eine
Woche ausgeblieben. Es ist leicht zu ersehen, daß im Traum-
inhalt die Überzeugung Ausdruck findet, daß er verwundet oder
gefallen ist. Zu Anfang des Traumes merkt man das energische
Bemühen, die peinlichen Gedanken durch ihr Gegenteil zu ersetzen.
Ich habe etwas Hocherfreuliches mitzuteilen, etwas von Geld-
sendung, Anerkennung, Verteilung. (Die Geldsumme stammt aus
einem erfreulichen Vorkommnis in der ärztlichen Praxis, will also
überhaupt vom Thema ablenken.) Aber diese Bemühung mißlingt.
Die Mutter ahnt etwas Schreckliches und will mich nicht anhören.
Die Verkleidungen sind auch zu dünn, überall schimmert die
Beziehung zu dem, was unterdrückt werden soll, durch. WennS.
164
der Sohn gefallen ist, werden seine Kameraden seine Habselig-
keiten zurückschicken; ich werde, was er hinterläßt, an die
Geschwister und andere zu verteilen haben; Anerkennungen
werden häufig dem Offizier nach seinem „Heldentod“ verliehen.
Der Traum geht also daran, direkt zum Ausdruck zu bringen,
was er zunächst verleugnen wollte, wobei sich die wunsch-
erfüllende Tendenz noch durch Entstellungen bemerkbar macht.
(Der Wechsel der Örtlichkeit im Traume ist wohl als Schwellen-
symbolik nach Silberer zu verstehen.) Wir ahnen freilich nicht,
was ihm die dazu erforderliche Triebkraft leiht. Der Sohn erscheint
aber nicht als einer der „fällt“, sondern als einer der „steigt“.
Er ist ja auch ein kühner Bergsteiger gewesen. Er ist nicht in
Uniform, sondern im Sportkostüm, d. h. an die Stelle des jetzt
gefürchteten Unfalles ist ein früherer getreten, den er im Sport
erlitten, als er auf einer Skitour fiel und sich den Oberschenkel
brach. Aber die Art, wie er kostümiert ist, so daß er einem Seehund
gleicht, erinnert sofort an einen Jüngeren, an unseren kleinen
drolligen Enkel; das graue Haar mahnt an dessen vom Kriege
arg hergenommenen Vater, unseren Schwiegersohn. Was soll das?
Aber genug damit; die Örtlichkeit eine Speisekammer, der Kasten,
von dem er sich etwas holen will (etwas darauflegen im Traum),
das sind unverkennbare Anspielungen an einen eigenen Unfall,
den ich mir zugezogen, als ich über zwei und noch nicht drei Jahre
alt war. Ich stieg in der Speisekammer auf einen Schemel, um
mir etwas Gutes zu holen, was auf einem Kasten oder Tisch
lag. Der Schemel kippte um und traf mich mit seiner Kante
hinter dem Unterkiefer. Ich hätte mir auch alle Zähne aus-
schlagen können. Eine Mahnung meldet sich dabei: Das geschieht
dir recht, wie eine feindselige Regung gegen den wackeren
Krieger. Die Vertiefung der Analyse läßt mich dann die versteckte
Regung finden, die sich an dem gefürchteten Unfall des Sohnes
befriedigen könnte. Es ist der Neid gegen die Jugend, den der
Gealterte im Leben gründlich erstickt zu haben glaubt, und esS.
165
ist unverkennbar, daß gerade die Stärke der schmerzlichen
Ergriffenheit, wenn ein solches Unglück sich wirklich ereignete,
zu ihrer Linderung eine solche verdrängte Wunscherfüllung
aufspürt.20
Zur Einschränkung der vollen Regression:
Mit anderen Worten: es wird die Einsetzung einer „Realitäts-
prüfung“ als notwendig erkannt.21
Zur Vergleichung der Wunscherfüllung im Traum und im Wachleben:
Ich habe diesen Gedankengang an anderer Stelle (Formulierungen
über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Ges. Schriften,
Bd. V) weiter ausgeführt und als die beiden Prinzipien das Lust‑
und das Realitätsprinzip hingestellt.22
Zur Wunscherfüllung durch neurotische Symptome:
Korrekter gesagt: Ein Anteil des Symptoms entspricht der
unbewußten Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung
gegen dieselbe.23
Zum Verhältnis von Traum und Symptom:
Hughlings Jackson hatte geäußert: Findet das Wesen des
Traumes, und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen
kann, gefunden haben. (Find out all about dreams and you will
have found out all about insanity.)24
Zur Wunscherfüllung bei Hysterie:
Vgl. hiezu meine letzten Formulierungen der Entstehung
hysterischer Symptome in dem Aufsatz „Hysterische Phantasien
und ihre Beziehung zur Bisexualität“ 1908, Ges. Schriften, Bd. V.S.
166
25
Das Wissen um Schlafen und Träumen:
Dagegen gibt es Personen, bei denen die nächtliche Festhaltung
des Wissens, daß sie schlafen und träumen, ganz offenkundig
wird, und denen also eine bewußte Fähigkeit, des Traumleben
zu lenken, eigen scheint. Ein solcher Träumer ist z. B. mit der
Wendung, die ein Traum nimmt, unzufrieden, er bricht ihn,
ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn von neuem, um ihn
anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer Schriftsteller auf
Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren Ausgang gibt.
Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe, wenn ihn der
Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt hat: „Das
will ich nicht weiter träumen, um mich in einer Pollution zu
erschöpfen, sondern hebe es mir lieber für eine reale Situation
auf.“Der Marquis d’Hervey (Vaschide p. 159) behauptete, eine
solche Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er
ihren Ablauf nach Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm
beliebige Richtung geben konnte. Es scheint, daß bei ihm der
Wunsch zu schlafen einem anderen vorbewußten Wunsch Raum
gegönnt hatte, dem, seine Träume zu beobachten und sich an
ihnen zu ergötzen. Mit einem solchen Wunschvorsatz ist der
Schlaf ebensowohl verträglich wie mit einem Vorbehalt als
Bedingung des Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch bekannt,
daß das Interesse am Traum bei allen Menschen die Anzahl der
nach dem Erwachen erinnerten Träume erheblich steigert.Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt
Ferenczi: „Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade
beschäftigentlen Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine
Traumbild bei drohender Gefahr des Mißlingens der Wunsch-
erfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art der Lösung,
bis es ihm. endlich gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelen-
lebens kompromissuell befriedigende Wunscherfüllung zu schaffen.“S.
167
26
Zur Traumfunktion:
Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen
können? Ich kenne keine andere. A. Maeder hat zwar den
Versuch gemacht, andere, „sekundäre“, Funktionen für den Traum
in Anspruch zu nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung
aus, daß manche Träume Lösungsversuche von Konflikten ent-
halten, die späterhin wirklich durchgeführt werden, sich also wie
Vorübungen zu Wachtätigkeiten verhalten. Er brachte darum
das Träumen in Parallele zu dem Spielen der Tiere und der
Kinder, welches als vorübende Betätigung mitgebrachter Instinkte
und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzufassen
ist, und stellte eine fonction ludique des Träumens auf. Kurze
Zeit vor Maeder war die „vorausdenkende“ Funktion des Traumes
auch von Alf. Adler betont worden. (In einer von mir 1905
veröffentlichten Analyse wurde ein als Vorsatz aufzufassender
Traum jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.)Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese
„sekundäre“ Funktion des Traumes im Rahmen einer Traum-
deutung keine Anerkennung verdient. Das Vorausdenken, Fassen
von Vorsätzen, Entwerfen von Lösungsversuchen, die dann eventuell
im Wachleben verwirklicht werden können, dies und viel anderes
sind Leistungen der unbewußten und vorbewußten Tätigkeit des
Geistes, welche sich als „Tagesrest“ in den Schlafzustand fortsetzen
und dann mit einem unbewußten Wunsch (siehe Bd. II, S. 471 f.)
zur Traumbildung zusammentreten kann. Die vorausdenkende
Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des
vorbewußten Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die
Analyse der Träume oder auch anderer Phänomene verraten
werden kann. Nachdem man so lange den Traum mit seinem
manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt auch
davor hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu
verwechseln.S.
168
27
Zur Theorie des Angsttraumes:
„Ein zweites, weit Wichtigeres und tiefer reichendes Moment,
welches der Laie gleichfalls vernachlässigt, ist das folgende. Eine
Wunscherfüllung müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt sich
auch, wem? Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer
ist uns aber bekannt, daß er zu seinen Wünschen ein ganz
besonderes Verhältnis unterhält. Er verwirft sie, zensuriert sie,
kurz, er mag sie nicht. Eine Erfüllung derselben kann ihm also
keine Lust bringen, sondern nur das Gegenteil davon. Die
Erfahrung zeigt dann, daß dieses Gegenteil, was noch zu erklären
ist, in der Form der Angst auftritt. Der Träumer kann also in
seinem Verhältnis zu seinen Traumwünschen nur einer Summation
von zwei Personen gleichgestellt werden, die doch durch eine
starke Gemeinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller weiteren
Ausführungen biete ich Ihnen ein bekanntes Märchen, in welchem
Sie die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden: Eine gute
Fee verspricht einem armen Menschenpaer, Mann und Frau, die
Erfüllung ihrer drei ersten Wünsche. Sie sind selig und nehmen
sich vor, diese drei Wünsche sorgfältig auszuwählen. Die Frau
läßt sich aber durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten
Hütte verleiten, sich ein solches Paar Würstchen herzuwünschen.
Flugs sind sie auch da.; das ist die erste Wunscherl'üllung. Nun
wird der Mann böse und wünscht in seiner Erbitterung, daß die
Würste der Frau an der Nase hängen mögen. Das vollzieht sich
auch und die Würste sind von ihrem neuen Standort nicht
wegzuhringen; das ist nun die zweite Wunscherfüllung, aber der
Wunsch ist der des Mannes; der Frau ist diese Wunscherfüllung
sehr unangenehm. Sie wissen, wie es im Märchen weitergeht.
Da die beiden im Grunde doch eines sind, Mann und Frau, muß
der dritte Wunsch lauten, daß die Würstchen von der Nase der
Frau weggehen mögen. Wir könnten dieses Märchen noch mehr-
mals in anderem Zusammenhange verwerten; hier diene es unsS.
169
nur als Illustration der Möglichkeit, daß die Wunscherfflllung
des einen zur Unlust für den anderen führen kann, wenn die
beiden miteinander nicht einig sind.“ (Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse, XIV, Ges. Schriften, Bd. VII.)28
Zu den Angstträumen der Kinder:
Dieses Material ist seither von der psychoanalytischen Literatur
in reichlichem Ausmaß heigestellt werden.29
Einschaltung in die Überschau der Übereinstimmungen mit den Autoren:
Die Behauptung von Sully, „der Traum bringe unsere früheren
sukzessive entwickelten Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art,
die Dinge anzusehen, Impulse und Reaktionsweisen, die uns vor
langen Zeiten beherrscht haben“, konnten wir im vollen Umfange
zu der unsrigen machen.30
Flectere si nequeo Superos Acheronta movebo:
Nach diesem Vers Vergils, der das Streben der verdrängten
Triebregungsn andeuten soll, habe ich den Satz hingestellt:
Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur
Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.31
Zusatz zur Anmerkung:
Diese und weitere Aufsätze über Vergessen, Versprechen, Ver-
greifen usw. sind seither als „Psychopathologie des Alltagslebens“
gesammelt erschienen (1904, 10. Aufl. 1924. Ges. Schriften,
Bd. X.)32
Zum Ersatz einer topischen Voritellung durch eine dynamische:
Diese Auffassung erfuhr eine Ausgestaltung und Abänderung,
nachdem man als den wesentlichen Charakter einer vorbewußtenS.
170
Vorstellung die Verbindung mit Wortvorstellungsresten erkannt
hatte (Das Unbewußte 1915, Ges. Schriften, Bd. V).33
Zur Rechtfertigung der Annahme des Unbewußten:
Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der
aus dem Studium des Traumes den nämlichen Schluß über das
Verhältnis der bewußten zur unbewußten Tätigkeit gezogen hat.Du Prel sagt: „Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar
eine Voruntersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch
seien. Gerade diese Vorfrage nun wird vom Traume verneint,
welcher zeigt, daß der Begriff der Seele über den des Bewußtseins
hinausragt, wie etwa die Anziehungskraft eines Gestims über seine
Leuchtsphäre“ (Philos. d. Mystik, p. 47).„Es ist eine Wahrheit, die man nicht ausdrücklich genug
hervorheben kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von
gleicher Ausdehnung sind“ (p. 506).34
Der Traum als Form des Ausdrucks von im Wachen unterdrückten
Regungen:
Vgl. hiezu den (oben S. 18) mitgeteilten Traum (Σα-τυρος)
Alexanders des Großen bei der Belagerung von Tyrus.36
Zur Frage der psychischen Realität:
Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und
wahrsten Ausdruck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen,
daß die psychische Realität eine besondere Existenzform
ist, welche mit der materiellen Realität nicht verwechselt
werden soll. Es erscheint dann ungerechtfertigt, wenn die
Menschen sich sträuben, die Verantwortung für die Immoralität
ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung derS.
171
Funktionsweise des seelischen Apparats und die Einsicht in die
Beziehung zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das
ethisch Anstößige unseres Traum‑ und Phantasielebens meist zum
Verschwinden gebracht.„Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität)
kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen
und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das
wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben,
dann als Infusionstierchen wiederfinden.“ (H. Sachs.)
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Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung1900-001/1925.3
1900-001/1925/7