S.
II. Die Technik des Witzes.
Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste
Witzbeispiel auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegen ge-
treten ist.In dem Stück der „Reisebilder“, welches „Die Bäder von
Lucca“ betitelt ist, führt H. Heine die köstliche Gestalt des
Lotteriekollekteurs und Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth
aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen
zum reichen Baron Rothschild berühmt und zuletzt sagt: Und
so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß
neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie
seines Gleichen, ganz famillionär.An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lach-
kräftigen Beispiel haben Heymans und Lipps die Ableitung
der komischen Wirkung des Witzes aus der „Verblüffung und
Erleuchtung“ (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage bei-
seite und stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede
des Hirsch-Hyacinth zu einem Witze macht? Es könnte nur
zweierlei sein; entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte Ge-
danke, der den Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der
Witz haftet an dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satze
gefunden hat. Auf welcher Seite sich uns der Witzcharakter
zeigt, dort wollen wir ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner
habhaft zu werden.Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen
sprachlichen Formen – in Worten also – zum Ausdruck ge-
bracht werden, die ihn gleich zutreffend wiedergeben mögen. In
der Rede des Hirsch-Hyacinth liegt uns nun eine bestimmte
Ausdrucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine be-
sonders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver-
ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst
getreulich in anderen Worten auszudrücken. Lipps hat dies
bereits getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen
erläutert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen
will, die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der
bekannten Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums
an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt.“ Wir verändernS.
9
nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen,
die sich vielleicht besser in die Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt:
„Rothschild behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz
familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stande bringt.“
„Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches
für den, der sie an sich erfährt,“ würden wir noch hinzusetzen.*)Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen
Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage,
welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witz
charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist
eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem
Hirsch-Hyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver
kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts
so großen Reichtums leicht begreiflich ist, aber wir würden uns
nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte nun jemand, der
bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters
nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an sich
witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der
Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die
Rede des Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngentreue
Übertragung derselben nach Lipps oder in unserer Fassung
mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, aber zum Lachen
bringen kann sie uns nicht.Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem
Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines
Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser
Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die
Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witzes bezeichnen kann und
was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muß,
da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung
durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller
Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die
sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer
(S. 72): „Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum
Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Paul’s er
innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus
spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung,
es sei der Krieger oder der Sätze.“
*)Derselbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäftigen, und
dort werden wir Anlaß finden, an der von Lipps gegebenen Übertragung
desselben, der sich die unserige anschließt, eine Korrektur vorzunehmen,
welche aber die hier nachfolgenden Erörterungen nicht zu stören vermag.S.
10
Worin besteht nun die „Technik“ dieses Witzes? Was ist
mit dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis
aus ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen?
Zweierlei, wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text
des Dichters lehrt. Erstens hat eine erhebliche Verkürzung
stattgefunden. Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Ge-
danken voll auszudrücken, an die Worte „R. behandelte mich
ganz wie seines Gleichen, ganz familiär“ einen Nach-
satz anfügen, der auf’s kürzeste eingeengt lautete: d. h. soweit
ein Millionär das zu stande bringt, und dann fühlen
wir erst noch das Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz.*)
Beim Dichter heißt es weit kürzer:„R. behandelte mich ganz wie seines Gleichen,
ganz famillionär.“ Die ganze Einschränkung, die der zweite
Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung
konstatiert, ist im Witze verloren gegangen.Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie
rekonstruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung
stattgefunden. Das Wort „familiär“ im witzlosen Ausdruck
des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famillionär“ um-
gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem
Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes.
Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem
„familiär“ des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem
„Millionär“ des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen
Bestandteil „Millionär“ aus dem zweiten Satze, infolgedessen den
ganzen zweiten Satz, und setzt uns auf diese Weise in den Stand,
den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten.
Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär“
und „Millionär“ zu beschreiben, und man wäre versucht, sich
seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu ver-
anschaulichen.**)FAMILIÄR
MILLIONÄR
FAMILLIONÄR
*)Ganz ähnliches gilt für die Übertragung von Lipps.
**)Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett ge-
druckt im Gegensatz zu den verschiedenen Typen der besonderen Be-
standteile beider Worte. Das zweite l, welches in der Aussprache kaum
zur Geltung kommt, dürfte natürlich übergangen werden. Es ist naheliegend,
daß die Übereinstimmung der beiden Worte in mehreren Silben der Witz-
technik den Anlaß zur Herstellung des Mischwortes bietet.S.
II
Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz
übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen,
die zunächst recht phantastisch erscheinen mag, aber nichts-
destoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis liefert:
„R. behandelte mich ganz familiär,
d. h. soweit ein Millionär es zu stande bringt.“Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf
diese Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend
einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum
Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben,
das Wort „Millionär“, welches sich gegen die Unterdrückung zu
sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepreßt,
mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes „familiär“
verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit,
das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird den Untergang
der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht
dann der Witz: „R. behandelte mich ganz famili-
är.“(mili)
(är)
Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns
ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also
die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdich-
tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem
Beispiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Mischwortes.
Dieses Mischwort „famillionär“, an sich unverständlich, in dem
Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn-
reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingenden
Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch
die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht
wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit
Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum
Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen
Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm
gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der Technik des
Witzes verbleiben.Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die
Einsicht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne,
veranlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele
gibt, die wie Heine’s „famillionär“ gebaut sind. Es gibt deren
nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine Gruppe,
die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen.
Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz
gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einemS.
12
„Millionarr“ spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige
Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähn-
lich wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken
zum Ausdruck bringt.Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die
Berliner heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt,
dessen Errichtung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel
Ungnade zugezogen hat, das „Forckenbecken“, und dieser
Bezeichnung ist der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort
„Brunnen“ erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Becken“
erfahren mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen
zusammenzutreffen. – Der böse Witz Europas hat einen der heute
lebenden Potentaten aus Leopold in Cleopold umgetauft
wegen seiner Anhänglichkeit an eine Dame mit dem Vornamen
Cléo, eine unzweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem
Aufwand eines einzigen Buchstaben eine ärgerliche Anspielung
immer frisch erhält. – Eigennamen verfallen überhaupt leicht
dieser Bearbeitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder,
namens Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab
die Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen,
während für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige
Bezeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem
und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. – Der
Witz pflegt darnach nicht viel zu fragen.Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger
Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt,
besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund,
der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Be-
suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind verheiratet? Ja,
lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz ist
vortrefflich; in dem Worte „Trauring“ kommen die beiden Kom-
ponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt und der
Satz: Traurig, aber wahr, zusammen.Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das
Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht existenz-
fähiges Gebilde ist, wie „famillionär“, sondern sich vollkommen
mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär“ ganz analog
ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge-
liefert. Ich erzählte einer Dame von den großen Verdiensten
eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte.
„Aber der Mann verdient doch ein Monument,“ meinte sie. „Mög-S.
13
lich, daß er es einmal bekommen wird,“ antwortete ich, „aber
momentan ist sein Erfolg sehr gering.“ „Monument“ und
Gegensätze.“ Die Dame vereinigt nun die
Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen monumentanen Erfolg.
Das vorzüglichste Witzbeispiel dieser Gruppe hat einen der
ersten Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer
wissenschaftlicher und öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt
im Staate bekleidet. Ich habe mir die Freiheit genommen, die
Witze, die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat
alle das gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Unter-
suchungen zu verwenden,*) vor allem darum, weil es schwer ge-
halten hätte, sich ein besseres zu verschaffen.Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers
aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang-
weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer Wiener
Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln durchweg
kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Napoleon zu
Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt, sobald
er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote Fadian,
der sich durch die Geschichte der Napoleoniden
zieht?Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf
ihn jenes Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch
Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen
vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz
mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten
Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einem
absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis-
zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem Goethe die Aus-
züge „Aus Ottiliens Tagebuche“ in den „Wahlverwandtschaften“
einleitet.**) Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also
ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige
*) Ob ich ein Recht dazu habe? Ich bin wenigstens nicht durch eine
Indiskretion zur Kenntnis dieser Witze gekommen, die in dieser Stadt
(Wien) allgemein bekannt sind und in jedermanns Munde gefunden werden.
Eine Anzahl derselben hat Ed. Hanslick in der „Neuen freien Presse“ und
in seiner Autobiographie der Öffentlichkeit übergeben. Für die bei münd-
licher Tradition kaum vermeidlichen Entstellungen, die etwa die anderen
betroffen hätten, bitte ich um Entschuldigung.**) „Wir hören von einer besonderen Einrichtung in der englischen
Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis
zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch
das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles auf-S.
14
Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß! Diese
Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich
Goethe’s ist kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns
zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung
zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs-
und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar
vom ersten Range.*)Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über
den langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis
in den Wahlverwandtschaften, muß sich aus Gründen, die ich
hier noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache
Weise hergestellt haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde
es versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende
Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der be-
ständigen Widerkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise
Reminiszenz an die bekannte Stelle der Wahlverwandt-
schaften geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es
zieht sich wie ein roter Faden“ zitiert wird. Der „rote
Faden“ des Gleichnisses übte nun eine verändernde Wirkung auf den
Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes,
daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. Es mag
nun gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist es, der
die langweiligen Feuilletons über Napoleon
schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider
Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der
in der Gleichheit des Elements „rot“ den ersten Stützpunkt ge-
funden hatte, assimilierte sich das „langweilig“ dem „Faden“
und verwandelte sich in „fad“, und nun konnten die beiden Kom-
ponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem
diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich
allein vorhandene schmähende Urteil.„Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt.
Der rote Faden, der sich durch
[alles hindurchzieht.
Ist das nicht der rote Fadian der sich durch die Ge-
[schichte der N. zieht?“
zulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie der
Krone gehören. Eben so zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden
der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze be-
zeichnet.“ (20. Band der Sophien-Ausgabe, S. 212.)*)Wie wenig diese regelmäßig zu wiederholende Beobachtung mit
der Behauptung stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, brauche ich
nur anzudeuten.S.
15
Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Dar-
stellung werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich
diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten her
analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge,
die Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann
nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der Verdichtung
ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits an-
statt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durch-
dringung der Bestandteile beider Komponenten. „Roter Fadian“
wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in
unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde
über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz
zu zerstören droht, ohne ihn über die Quelle dieses Vergnügens
aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten.
Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung
ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug aus-
gedehnt haben.Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet
darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen
Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer
Mischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des
Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz
bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen.
„Ich bin tête-à-bête mit ihm gefahren.“ Nichts
leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann
nur heißen: Ich bin tête-à-tête mit dem X. gefahren, und der
X. ist ein dummes Vieh.Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zu-
sammengezogen: Ich bin tête-à-tête mit dem dummen
Vieh von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz
stellt sich erst her, wenn das „dumme Vieh“ weggelassen wird
und zum Ersatz dafür das eine tête seint in b verwandelt, mit
welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vieh“ doch
wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser Gruppe
von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter
Modifikation und ahnt, daß der Witz um so besser sein
wird, je geringfügiger die Ersatzmodifikation ausfällt.Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik
eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über
eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist:
Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen.S.
16
Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der
einen Achillesferse, die man ja auch beim Helden zu-
gestehen muß, deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also
vier Füße hat aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im
Witz verdichteten Gedanken gelautet:„Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervor-
ragender Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist
doch eher ein Vieh als ein Mensch.“*)Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich
in einem Familienkreise im statu nascendi zu hören bekam. Von
zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der
andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem
Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter
zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das
Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung be-
deuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe greift
diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf allen
Vieren zurück.Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur
Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht.
Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches
Plaidoyer für die eigene Sache. Überhaupt muß ihr nicht glauben,
daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule
besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel
dümmer, als ich bin.Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifi-
kation zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der
von einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit be-
hauptete, sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es
war ein jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der durch
seine Abstammung, Erziehung und seine persönlichen Eigen-
schaften berufen schien, dereinst die Führung einer großen Partei
zu übernehmen und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen.
Aber die Zeiten änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig,
und nun ließ sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer
prädestinierte Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste
reduzierte Fassung, durch die man diesen Witz ersetzen könnte,*)Eine der Komplikationen der Technik dieses Beispiels liegt darin,
daß die Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung
ersetzt, als Anspielung auf diese letztere zu bezeichnen ist, da sie
erst über einen Schlußprozeß zu ihr hinführt. Über ein anderes Moment,
welches hier die Technik kompliziert, s. u.S.
17
Verdichtung mit Modifikation.
würde lauten: Der Mann hat eine große Zukunft vor
sich gehabt, mit der ist es aber jetzt aus. Anstatt des
„gehabt“ und des Nachsatzes die kleine Veränderung im Haupt-
satze, daß das „vor“ durch ein „hinter“, sein Gegenteil,
abgelöst wird.*)Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im
Falle eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne
anderes Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die
öffentliche Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest be-
gabten, der je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen.
Als er aber das Amt niedergelegt und sich auf seine landwirt-
schaftlichen Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm:Er ist wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor
dem Pflug zurückgekehrt.Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum
Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder
ein. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur – der Ochs.Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es
auch, wenn ein witziger Schriftsteller von einem sog. Revolver-
journalisten mitteilt, er sei mit dem Orientexpreßzug in
eines der Balkanländer gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort
die beiden anderen „Orientexpreßzug“ und „Erpressung“
zusammen. Infolge des Zusammenhanges macht sich das Element
„Erpressung“ nur als Modifikation des vom Verbum geforderten
„Orientexpreßzuges“ geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er
einen Druckfehler vorspiegelt, noch ein anderes Interesse.Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere
vermehren, aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um
die Charaktere der Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung
mit Modifikation, sicher zu erfassen. Vergleichen wir nun die
zweite Gruppe mit der ersten, deren Technik in Verdichtung mit
Mischwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter-
schiede nicht wesentliche und die Übergänge fließend sind. Die
Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen sich dem Be-
griff der Ersatzbildung, und wenn wir wollen, können wir die
*)An der Technik dieses Witzes wirkt noch ein anderes Moment
mit, welches ich mir später anzuführen aufspare. Es betrifft den inhalt-
lichen Charakter der Modifikation (Darstellung durch das Gegenteil, Wi-
dersinn). Die Witztechnik ist durch nichts behindert, sich mehrerer Mittel
gleichzeitig zu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen lernen
können.Freud, Der Witz. 2
S.
18
II. Die Technik des Witzes.
Mischwortbildung auch als Modifikation des Grundwortes durch das
zweite Element beschreiben.
Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns
fragen, mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich
unser erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit
dem der Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt
(s. o. S. 5). Die Kürze ist nun nicht an sich witzig, sonst wäre
jeder Lakonismus ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von
besonderer Art sein. Wir erinnern uns, daß Lipps versucht
hat, die Besonderheit der Wit-
zkürzung näher zu beschreiben
(s. S. 5). Hier hat nun unsere Untersuchung eingesetzt und
nachgewiesen, daß die Kürze des Witzes oftmals das Ergebnis
eines besonderen Vorganges ist, der im Wortlaut des Witzes eine
zweite Spur, die Ersatzbildung, hinterlassen hat. Bei der An-
wendung des Reduktionsverfahrens, welches den eigentümlichen
Verdichtungsvorgang rückgängig zu machen beabsichtigt, finden
wir aber auch, daß der Witz nur an dem wörtlichen Ausdruck
hängt, welcher durch den Verdichtungsvorgang hergestellt wird.
Natürlich wendet sich jetzt unser volles Interesse diesem sonder-
baren und bisher fast nicht gewürdigten Vorgang zu. Wir können
auch noch gar nicht verstehen, wie aus ihm all das Wertvolle
des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz uns bringt, entstehen
kann.Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des
Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des
seelischen Geschehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf
einem einzigen und scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre
1900 habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel
(„Die Traumdeutung“) besagt, den Versuch macht, das Rätselhafte
des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seeli-
scher Leistung hinzustellen. Ich finde dort Anlaß, den manifesten,
oft sonderbaren Trauminhalt in Gegensatz zu bringen
zu den latenten, aber völlig korrekten Traumgedanken,
von denen er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der
Vorgänge ein, welche aus den latenten Traumgedanken den Traum
machen, sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung
beteiligt sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne
ich die Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit
habe ich einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem
der Witztechnik die größte Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Ver-
kürzung führt und Ersatzbildungen vom gleichen Charakter schafft.S.
19
Die Verdichtung in der Traumarbeit aufzufinden.
Jedem werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Misch-
gebilde von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die
in den Träumen auftreten; ja, der Traum bildet auch solche von
Worten, die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. B. Auto-
didasker = Autodidakt + Lasker“ („Die Traumdeutung“, S. 206).
Andere Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Ver-
dichtungsarbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern
Bilder, die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis
auf eine Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt,
also Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N.
Wir können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen
psychischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen
Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der
Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für
die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen,
aus einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Auf-
klärung des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese
Arbeit einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik
erst bei einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben,
so daß wir nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung
wir uns überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns
also von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur
Witztechnik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung
gleichsam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht später
wieder aufnehmen werden.
Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang
der Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar
ist, so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik
bezeichnet werden kann.Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge be-
sonderer Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen
Lehrer meiner jungen Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen
Witz zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm
gehört hatten, kam eines Tages lachend in das Institut und gab
bereitwilliger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren
Stimmung. „Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen. In
einem Pariser Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein
Verwandter des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen
Namen trug. Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber
so ungeschickt, daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der
ihn eingeführt, als Kritik äußerte: „Vous m’avez fait connaîtreS.
20
II Die Technik des Witzes.
un jeune homme roux et sot, mais non pas un Rousseau.“
Und er lachte von neuem.Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz,
und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt,
etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallenstein’s Lager, die
bekanntlich der Manier des Abraham a Santa Clara nach
gebildet ist:„Läßt sich nennen den Wallenstein,
ja freilich ist er uns allen ein Stein
des Anstoßes und Ärgernisses.“*)Welches ist aber die Technik dieses Witzes?
Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht
hoffen allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall
versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung
vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren
Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver-
wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen
Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer
Junge, ein roux et sot.“ Ich habe da allerdings einen Zusatz,
eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch
hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich-
klang von Rousseau. Damit ist nun erwiesen, daß die Ver-
dichtung mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes
keinen Anteil hat.Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich
belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name
Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B.
anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame,
die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz ein
gebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu
suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung schwanken;
ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin,
daß ein und dasselbe Wort – der Name – in zweifacher
Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine
Silben zerteilt wie in einer Scharade.Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer
Technik mit diesem identisch sind.(Nach Th. Fischer und K. Fischer.) Als in Berlin einmal
die Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Auf-*)Daß dieser Witz infolge eines anderen Moments doch einer
höheren Einschätzung würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden.S.
21
führung des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz
machte sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen: Antik?
Oh, nee.In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch.
Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er
sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß
keine andere Antwort hören als: Ona, nie.In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen,
dieselbe Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal
verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben
zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen
Sinn ergeben.*)Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines
Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfallen läßt, war
der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik,
der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber
aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die
neu aufgefundene Technik kaum auf dieses eine Mittel beschränkt
sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über-
sehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie man dasselbe Wort oder
dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in einem
Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten als
technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es scheint so zu
sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen.
Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen
und nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die*)Die Güte dieser Witze beruht darauf, daß gleichzeitig ein anderes
Mittel der Technik von weit höherer Ordnung zur Anwendung gekommen
ist (s. u.). – An dieser Stelle kann ich übrigens auch auf eine Be-
ziehung des Witzes zum Rätsel aufmerksam machen. Der Philosoph Fr.
Brentano hat eine Gattung von Rätseln gedichtet, in denen eine kleine
Anzahl von Silben zu erraten ist, die zu einem Worte vereinigt oder so
oder anders zusammengefaßt, einen anderen Sinn ergeben, z. B.:
... ließ mich das Platanenblatt ahnen.oder:
wie du dem Inder hast verschrieben, in der Hast verschrieben?Die zu erratenden Silben werden im Zusammenhang des Satzes durch
das entsprechend oft zu wiederholende Füllwort dal... ersetzt. Ein Kollege
des Philosophen übte eine geistreiche Rache, als er von der Verlobung
des in reiferen Jahren stehenden Mannes hörte, indem er fragte: Daldaldal
daldaldal? (Brentano brennt-a-no?)Was macht den Unterschied zwischen diesen Daldal-Rätseln und den
obenstehenden Witzen? Daß in ersteren die Technik als Bedingung ange-
geben ist und der Wortlaut erraten werden soll, während in den Witzen
der Wortlaut mitgeteilt und die Technik versteckt ist.S.
22
Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener
Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt worden, desto besser
ist in technischer Hinsicht der Witz.D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, II. Bd., S. 42):
„Das Ehepaar X. lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der
Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich
dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder
soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel
verdient haben.“Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen
Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient – sich etwas zurückgelegt,
sich etwas zurückgelegt – viel verdient; es ist eigentlich nichts
als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom
Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter-
scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze
Technik dieses Witzes.Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn
man die „mehrfache Verwendung des gleichen Mate-
rials“ dahin ausdehnt, daß das Wort – oder die Worte – an
denen der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere
Mal mit einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe.Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.:
Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist,
eine gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat,“
meint er, „Ihr Antisemitismus war mir bekannt, Ihr Anti-
semitismus ist mir neu.“Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modi-
fikation bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Bei-
spiel erinnert an die anderen Modifikationswitze des Herrn N.
(s. S. 15), aber zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Ver-
dichtung; es ist im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden
soll. „Ich weiß, daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert
mich also, daß gerade Sie über Juden schimpfen.“Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes
ist auch der bekannte Ausruf: Traduttore – Traditore!Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden
Worte ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendig-
keit, die den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt.Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist
bei diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen
gleicht.S.
23
Hier ein Witz, der sich bei einem rechtwissenschaftlichen
Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des
Corpus juris übersetzen. „Labeo ait“... Ich falle, sagt er
... Sie fallen, sag' ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung
ist zu Ende. Wer den Namen des großen Rechtsgelehrten für
eine, zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich
nichts besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Ver-
wendung fast der nämlichen Worte, welche die Unwissenheit des
Geprüften bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der
Witz ist außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit“, deren
Technik, wie sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten
nicht viel absteht.Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei
anfangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen
die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich
in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von
Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht,
unter denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder
bekommen müssen.„Wie geht's?“ fragt der Blinde den Lahmen. „Wie Sie
sehen,“ antwortete der Lahme dem Blinden.Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne
voll und leer genommen werden können, und zwar in mehr
als nur einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge
desselben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Be-
deutung, das andere sich zu einer abgeblaßten End- oder Anhänge-
silbe entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauten.
Der Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten
Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kann die
Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials Nutzen
ziehen.Schleiermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der
uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist:
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifersucht,
was Leiden schafft.Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als
Witz. Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei
der Analyse anderer Witze irre machen können, so lange wir
jeden von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wort-
laut ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine
recht ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im
Unsinn“, „verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ istS.
24
II. Die Technik des Witzes.
keine Rede. Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten
Anstrengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den
Worten und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von
einer Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im
Gegenteil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es
ein Witz, selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger
Charakter ist gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der
Witz verschwindet, nämlich daß hier dieselben Worte eine mehr
fache Verwendung erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man
diesen Witz jener Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte
einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie
Rousseau, Antigone), oder jener anderen, in der die volle
und die abgeblaßte Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannig-
faltigkeit herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes
Moment für die Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier
ein ungewohnter Zusammenhang hergestellt, eine Art Unifizie-
rung vorgenommen worden, indem die Eifersucht durch ihren
eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst definiert ist. Auch
dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik des Witzes.
Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend sein,
einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben.Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen
Verwendung“ desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken
wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder
„Wortspiel“ vor uns haben, die als Technik des Witzes längst
allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die
Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der leichtesten
Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir
können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß
wir an den nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks
doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den
„spielerischen“ Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns
unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung“.Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man
auch als Doppelsinn zu einer neuen dritten Gruppe ver
einigen kann, lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die
freilich nicht durch wesentliche Unterscheidungen von einander
gesondert sind, ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der
zweiten. Da gibt es zunächst a) die Fälle von Doppelsinn eines
Namens und seiner dinglichen Bedeutung, z. B. „Drück
dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol“ (bei Sha-
kespeare).S.
25
„Mehr Hof als Freiung,“ sagte ein witziger Wiener mit Be-
ziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert
wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“
und „Freiung“ sind zwei aneinander stoßende Plätze im Innern
der Stadt Wien.Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche
Macbeth, sondern hier herrscht Banko“ (Banquo).Wo der unveränderte Namen nicht brauchbar – man könnte
sagen: nicht mißbrauchbar – ist, kann man mittels einer der
uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm
gewinnen:„Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurück-
gewiesen?“ fragte man in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort
lautete: „Elsa’s (Elsaß) wegen.“b) Den Doppelsinn der sachlichen und metapho-
rischen Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die
Witztechnik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold
bekannter ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur
Schnitzler: „Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter
geworden bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen
den Spiegel vorgehalten.“ Der Spiegel, den der Vater des
Dichters, der berühmte Arzt Dr. Schnitzler, gehandhabt, war
der Kehlkopfspiegel; nach einem bekannten Ausspruch
Hamlet’s ist es der Zweck des Schauspieles, also auch des
Dichters, der es schafft, „der Natur gleichsam den Spiegel vor-
zuhalten, der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes
Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck
seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).c) Den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, der
sozusagen ideale Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort
wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben-
bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter-
ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname,
mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im
Gefüge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Um-
stände zweierlei Sinn aussagen.Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:
(Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen
des letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter
der Orléans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals „C’est le
premier vol de l’aigle. „Vol“ heißt Flug, aber auch Raub.S.
26
Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von
dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen;
bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz
zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“
dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten
Bonmot: „Le roi n’est pas sujet.“ „Sujet“ heißt ja auch
Untertan.Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu
dem ihm begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau ge-
fällt mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich
dieser zuzustimmen.Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau,
er hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten
ausgedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehe-
lichen Abneigung finden kann.Von einer satyrischen Komödie sagte Heine: „Diese Satyren
wäre nicht so bissig geworden, wenn der Dichter mehr zu beißen
gehabt hätte.“ Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem
und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem
läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten?Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Hey-
mans, Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis
desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
fassung und Ein-
desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
fassung und Ein-
desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
fassung und Ein-
desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
fassung und Ein-S.
27
kleidung fand ich unlängst in einer sonst wenig brauchbaren
Sammlung von Witzen.*)„Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie
hatten kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir
sagte: „Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden,
Sie könnten mir 100 Dukaten pumpen.“ „Je nun,“ erwiderte
Rothschild, „darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur
unter der Bedingung, daß Sie einen Witz machen.“ „Darauf
soll’s mir ebenfalls nicht ankommen,“ versetzte Saphir. „Gut,
so kommen Sie morgen auf mein Bureau.“ Saphir stellte sich
pünktlich ein. „Ach,“ sagte Rothschild, als er den Ein-
tretenden gewahrte, „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten.“
„Nein,“ erwiderte dieser, „Sie kommen um Ihre 100 Du-
katen, da es mir bis zum jüngsten Tage nicht einfallen wird,
sie wieder zu bezahlen.“„Was stellen diese Statuen vor?“ fragt ein Fremder einen
einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern
auf einem öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „ent-
weder das rechte oder das linke Bein.“**)Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen-
blicke nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse und unter den
Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben.“Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung,
wenn wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz an-
schließen: „Der Unterschied zwischen ordentlichen und
außerordentlichen Professoren bestehtS.
28
ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei korrelative
Begriffe durch einander, wenn auch negativ, zu definieren, was eine
kunstvolle Verschränkung ergibt. Endlich kann man den Gesichts-
punkt der Unifizierung auch hier hervorheben, die Herstellung
eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der
Aussage, als man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte.Heine in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr
kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner
in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn
auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu
Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf
meine Stubentür zu schreiben.“Der „Wiener Spaziergänger“ D. Spitzer fand für einen
sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische,
aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:
„Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne Krone.“
(Letzteres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand ver-
knüpft war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleich-
sam aus Eisen! Die verschiedenenen, aber nicht sehr auffällig mit-
einander kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ er-
möglichen diese „mehrfache Verwendung“.Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen
Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 25 er-
wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfußhandels den
Witz zu Schulden kommen:
„Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt
nicht an ihre Unschuld.“Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppelsinn der Witz auf-
gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen
Sinn mit dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderen
aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung
ist. Nun gibt es sehr viele derartiger Beispiele von Doppelsinn,
und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz
besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese
Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeiten“ reservieren.Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes
ist der auf Seite 22 mitgeteilte von D. Spitzer:
„Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient
und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen
wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei
viel verdient haben.“S.
29
Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit
Zweideutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied in’s Auge,
der für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von
der „Unschuld“ liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen
ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unter-
scheiden, ob die sexuelle oder die nicht sexuelle Bedeutung des
Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in
dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale,
Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“, der bei weitem auf-
dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn,
der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum
scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in
dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet
ist, z. B. Heine's Charakterschilderung einer gefälligen Dame:
„Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser.“ Es klingt
wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.*)
Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des
Doppelsinnes uns nicht gleich nahe liegen, auch bei Witzen ohne
sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der
an sich gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch den Zusammen-
hang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B.
c'est le premier vol de l'aigle); alle diese Fälle schlage ich vor
als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichnen.Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener
Techniken des Witzes kennen gelernt, daß ich fürchten muß, wir
könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir
darum eine Zusammenstellung derselben:
I. Die Verdichtung:
a) mit Mischwortbildung,
b) mit Modifikation.
II. Die Verwendung des nämlichen Materials:
c) Ganzes und Teile,
d) Umordnung,
e) leichte Modifikation,
f) dieselben Worte voll und leer.
*)Vergl. hiezu K. Fischer (S. 85), der für solche doppelsinnige Witze,
in denen die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergrunde
stehen, sondern die eine hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit“
beansprucht, den ich oben anders verwendet habe. Solche Namengebung
ist Sache des Übereinkommens, der Sprachgebrauch hat keine sichere
Entscheidung getroffen.S.
30
III. Doppelsinn:
g) Name und Sachbedeutung,
h) metaphorische und sachliche Bedeutung,
i) eigentl. Doppelsinn (Wortspiel),
k) Zweideutigkeit,
l) Doppelsinn mit Anspielung.Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß-
mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit
den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte
uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkenntnis
des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser er-
leichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache im
Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die
Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden
also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit
zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter
einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen
ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel-
sinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung
des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um-
fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des
gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi-
fikation (c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht
ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es
zwischen der Technik der ersten Gruppe – Verdichtung mit Ersatz-
bildung – und jener der beiden anderen, mehrfache Verwendung
des nämlichen Materials?Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt’ ich meinen. Die
Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall
der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver-
dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über-
geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger
ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint
alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt
(Thrift, Horatio, Thrift!).Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen
Beispielen. „C’est le premier vol de l’aigle.“ Das ist der erste
Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet
zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch
„Raub“. Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß der
ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen gelassenS.
31
worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen Ersatz
überflüssig, oder eben so richtig: Das Wort vol enthält den Ersatz
für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz darum
einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben ist die
Wohltat des Doppelsinnes.Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne
Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung
des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „eisern“ nicht
gefunden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit
ist es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Be-
lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus.“Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis,
unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt nun
die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau – roux et sot,
Antigone – antik? o – nee, in denen wir zuerst die Verdichtung
vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die Technik
der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials aufzustellen?
Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht durch-
kommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten Begriff
der „Ersparnis“ vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit. Was
wie in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen, ist leicht
zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein Urteil
zu bilden; beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im Bei-
spiel der Leidenschaft – Eifersucht ersparen wir es uns, eine
Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft
und – Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die
Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analy-
sierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem
Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten,“ da
wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden;
der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig,
aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Ver-
wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört
gewiß zum „Sparen“, ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander-
folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter
aufgefaßt sehen will:„Das Gebackne
Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemein-
sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen,
woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn
des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel RaumS.
32
II. Die Technik des Witzes.
gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein,
daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu
sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er-
sparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig.
Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch
bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften,
und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein
Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere
Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der
Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit
nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der
Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem
finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche
die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie er-
innern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn sie,
um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die
Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige Heller wohl-
feiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik?
Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos er-
geben hätten; anstatt dessen muß er sich die Mühe geben, das
eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide Gedanken deckt; ja
er muß oft erst den Ausdruck des einen Gedankens in eine nicht
gebräuchliche Form umwandeln, bis diese ihm den Anhalt zur
Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben kann. Wäre
es nicht einfacher, leichter und eigentlich sparsamer gewesen, die
beiden Gedanken so auszudrücken, wie es sich eben trifft, auch
wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zu stande kommt?
Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Auf-
wand an intellektueller Leistung mehr als aufgehoben? Und wer
macht dabei die Ersparung, wem kommt sie zu gute?Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den
Zweifel selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirk-
lich bereits alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich vor-
sichtiger, neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unter-
ziehen.Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten
Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns dabei vielleicht
durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen
Witzen zu teil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin
Kalauer (Calembourgs) genannt werden und für die niedrigste
Abart des Wortwitzes gelten, wahrscheinlich weil sie am „billig-S.
Kalauer. 33
sten“ sind, mit leichtester Mühe gemacht werden können. Und
wirklich stellen sie den mindesten Anspruch an die Technik des
Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten. Wenn bei
letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum
meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck finden sollen,
so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die beiden
Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit
aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit
ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die Gemeinsamkeit
einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher,
nicht ganz treffend, „Klangwitze“ benannter Beispiele findet sich
in der Predigt des Kapuziners in Wallenstein's Lager:„Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,Frißt den Ochsen lieber als den Oxenstirn‘,
Der Rheinstrom ist geworden zu einem Peinstrom,
Die Klöster sind ausgenommene Nester,
Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer,Und alle die gesegneten deutschen Länder
Sind verwandelt worden in Elender.“Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des
Wortes: z. B. Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter,
der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern
zu besingen, sagt Hevesi (Almanaccando, Reisen in Italien,
S. 87): Da er die Caesaren nicht auszurotten vermag, merzt
er wenigstens die Caesuren aus.
Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden,
hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich
schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fällt.
Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit
vor seiner Dame als „indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann
die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen . . . .
Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie der Kalkuten-
braten, den ich gestern Mittag gegessen.“ Offenbar liegt der
Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht
mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel,
dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen
Kalkutta stammt oder stammen soll.
K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerk-
samkeit geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf ge-Freud, Der Witz. 3 S.
34 II. Die Technik des Witzes.
trennt wissen (S. 78). „Das Calembour ist das schlechte Wort-
spiel, denn es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als
Klang.“ Das Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes
in das Wort selbst ein.“ Anderseits zählt er auch Witze wie
„famillionär“, Antigone (antik? o nee) usw. zu den Klangwitzen.
Ich sehe keine Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel
ist das Wort für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser
oder jener Sinn verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch
hier wieder keine scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“
mit Mißachtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt
behandelt, so scheinen diese Wertungen durch andere als tech-
nische Gesichtspunkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf,
welcher Art die Witze sind, die man als „Kalauer“ zu hören be-
kommt. Es gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie
in aufgeräumter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie
gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner
Freunde, sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernst-
haften Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt
dergleichen auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die
er einst so in Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer
Ausdruck gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der Ka-Lauer,“
und als man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung,
daß man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides
sind aber vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung.
(Ich liege hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.)Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten
über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer
uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen
kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehr-
sinnige Verwendung des nämlichen Materials aufgegeben ist,
so fällt doch der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten,
auf die Übereinstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte,
und somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent-
lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht.Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche
Anknüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.
Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in
einem Pariser Salon mit dem Dichter Soulié befunden und unter-
halten habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in
den Saal, die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas
vergleicht, und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihnS.
Die Verschiebung. 35
mit größter Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt
Soulié zu Heine, „wie dort das neunzehnte Jahrhundert das
goldene Kalb anbetet.“ Mit einem Blick auf den Gegenstand der
Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend: „O, der muß
schon älter sein“ (K. Fischer, S. 82).Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes
gelegen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann
z. B. das Wort „goldenes Kalb“ den Mammon und auch den
Götzendienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten
das Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um
nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel
Geld und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die Probe
machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben
wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulié sagen:
„Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen,
bloß weil er reich ist,“ und das ist freilich gar nicht mehr witzig.
Heine’s Antwort wird dann auch unmöglich.Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um
den etwa witzigen Vergleich Soulié’s, sondern um die Antwort
Heine’s handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir
kein Recht an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe
bleibt als Voraussetzung für die Worte Heine’s bestehen und
die Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese
Worte: „O, der muß schon älter sein,“ ausführen, können wir
sie nur etwa so ersetzen: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist
schon ein ausgewachsener Ochs.“ Für den Witz Heine’s er-
übrigte also, daß er das „goldene Kalb“ nicht mehr metaphorisch,
sondern persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst be-
zogen hätte. Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der
Meinung Soulié’s enthalten war!Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduk-
tion den Witz Heine’s nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen
Wesentliches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß
Soulié sagt: „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahr-
hundert das goldene Kalb anbetet!“ und Heine zur Antwort
gibt: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs.“ Und
in dieser reduzierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine
andere Reduktion der Worte Heine’s ist aber nicht möglich.
Schade daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische
Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung
kommen. verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem3*
S.
36 II. Die Technik des Witzes.
wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren
glauben.
Es sei einer der „Badewitze“, welche die Badescheu der Juden
in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief
von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft,
sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu
bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses
würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen aber gerade
die Judenwitze am besten.
„Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen.
„Hast du genommen ein Bad?“ fragt der eine. „Wieso?“
fragt der andere dagegen, „fehlt ein’s?“
Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man
nicht gerade in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik
nachzuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich
in diese Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches Miß-
verständnis,“ drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses
Witzes? —, Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen.
Für den einen ist „nehmen“ das farblos gewordene Hilfswort; für
den anderen das Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also
ein Fall von „voll“ und „leer“ nehmen desselben Wortes (Gruppe
II, f.). Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen“ durch
den gleichwertigen einfacheren „gebadet“, so fällt der Witz weg.
Die Antwort paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum
am Ausdruck „genommen ein Bad“.
Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die
Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt
nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage:
„Wieso? Fehlt ein’s?“ Und diese Antwort ist ihres Witzes durch
keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört
läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in der
Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bades bedeutsamer
ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen“. Aber wir sehen
auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel suchen.
Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk
jüdisch ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch
dieses Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum
Glück nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen ver-
hindert haben.
„Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten
unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am
selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einerS.
Die Verschiebung. 37
Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe: „Wie,
Sie leihen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich
Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?“
„Ich verstehe Sie nicht,“ antwortet der Beschuldigte, „wenn ich
kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise,
wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise.
Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit
Mayonnaise?“Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken.
Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise“ kann nicht
die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache
Verwendung“ desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge-
forderte wirkliche Wiederholung des Identischen. Wir dürfen vor
dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur
Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte,
den Charakter des Witzes zu bestreiten.Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des
Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der
Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die
Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß
er das ihm geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet hat,
und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent-
lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Ant-
wort; der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs
gerade an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt,
sondern mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen über-
haupt nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken.
Diesen einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte
Bonvivant unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf miß-
verstanden hätte, auf etwas anderes.Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von
dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre?
Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des
psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden
früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach-
zuweisen.Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in
der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Soulié macht Heine
darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr-
hundert das „goldene Kalb“ anbetet, gerade so wie einst das Volk
der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine
etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die JahrtausendeS.
38 II. Die Technik des Witzes.
haben an ihr nichts geändert,“ oder irgend etwas anderes Bei-
pflichtendes. H e i n e lenkt aber in seiner Antwort von dem
angeregten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er
bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb“
fähig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen
Bestandteil der Phrase, das „Kalb“, auf und antwortet, als ob
auf dieses der Akzent in der Rede Soulié’s gefallen wäre: „O,
das ist kein Kalb mehr usw.*)
Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses
Beispiel fordert eine graphische Darstellung heraus.
Der Erste fragt: „Hast du genommen ein B a d?“ Der Akzent
ruht auf dem Element Bad.
Der Zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast
du genommen ein Bad?“
Der Wortlaut „genommen ein Bad?“ soll nur diese Ver-
schiebung des Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du ge-
badet?“ so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige
Antwort wäre dann: „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht,
was das ist.“ Die Technik des Witzes aber liegt in der Ver-
schiebung des Akzents von „Baden“ auf „nehmen“.**)
Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise“ als dem
reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver-
schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die
hier aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage
vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche
an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des
psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema
ist. Sodann obliegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis
die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser
Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver-
schiebungswitz im hohen Grade unabhängig vom wörtlichen Aus-
druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange.
Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte*) Die Antwort H e i n e’s ist eine Kombination von zwei Witztechniken,
einer Ablenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Das ist ein
Ochs.
**) Das Wort „nehmen“ eignet sich infolge seiner vielseitigen Gebrauchs-
fähigkeit sehr gut für die Herstellung von Wortspielen von denen ich ein
reines Beispiel zum Gegensatz gegen den obenstehenden Verschiebungs-
witz mitteilen will: „Ein bekannter Börsenspekulant und Bankdirektor geht
mit einem Freunde über die Ringstraße spazieren. Vor einem Kaffee-
haus macht er diesem den Vorschlag: „Gehen wir hinein und n e h m e n
wir etwas.“ Der Freund hält ihn zurück: „Aber Herr Hofrat, es sind doch
Leute darin.“S.
39
Die Verschiebung.
bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur
möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Fein-
schmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem er
in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte Fassung
würde dann lauten: „Was mir schmeckt, kann ich mir nicht ver-
sagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist mir gleichgültig.
Da haben Sie die Erklärung, warum ich gerade heute Lachs mit
Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld geliehen haben.“ — Das
wäre aber kein Witz, sondern ein Zynismus.Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach
sehr nahestehenden zu vergleichen:
„Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer
kleinen Stadt durch Lektionen geben. Sein Laster wird aber all-
mählich bekannt und er verliert infolgedessen die meisten seiner
Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu
mahnen. „Sehen Sie, Sie könnten die schönsten Lektionen in
der Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also
tun Sie’s doch.“ — „Wie kommen Sie mir vor?“ ist die entrüstete
Antwort. „Ich geb’ Lektionen, damit ich trinken kann;
soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen
bekomme!“Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns
bei „Lachs mit Mayonnaise“ aufgefallen ist, aber er ist kein Ver-
schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus,
der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden — „Das Trinken
ist mir ja die Hauptsache.“ Die Technik dieses Witzes ist eigent-
lich recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären,
sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger
genommen, in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation
zwischen dem Trinken und den Lektionengeben oder -bekommen.
Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck
nicht mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa
so: „Was ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das
Trinken die Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind
für mich doch nur ein Mittel, um weiter trinken zu können.“ Der
Witz haftete also wirklich am Ausdruck.Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut
(Hast du genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung
desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik
ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppel-
sinn (von der Unterart f.) und Verschiebung. Der Wortlaut der
Frage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurchS.
40 II. Die Technik des Witzes.
zu stande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller be-
absichtigten sondern an den Nebensinn ankniipft. Wir sind dem-
gemäß im stande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel-
sinn im Ausdruck bestehen låBt und doch den Witz aufhebt,
indem wir bloB die Verschiebung riickgångig machen:„Hast du genommen ein Bad?" — „Was soll ich genommen
haben? Ein Bad? Was ist das?" Das ist aber kein Witz mehr,
sondern eine gehåssige oder scherzhafte Ubertreibung.Eine ganz åhnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heine-
schen Witz über das „goldene Kalb“. Er ermöglicht der Antwort
die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im
Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den
Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede Soulié's
und die Antwort Heine's etwa lauten: „Es erinnert doch lebhaft
an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier
den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwürmt." Und Heine:
„Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht
das Argste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen
seines Reichtums seine Dummheit verzeiht.“ Damit wire bei
Erhaltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt
machen, daß uns vorgehalten werde, diese heikeln Unterscheidungen
suchen auseinander zu reißen, was doch zusammengehôre. Gibt
nicht jeder Doppelsinn AnlaB zu einer Verschiebung, zu einer
Ablenkung des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen?
Und wir sollten damit einverstanden sein, daB ,,Doppelsinn“ und
„Verschiebung“ als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen
der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen
Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat mit
unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim
Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung
fáhiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von
einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa —
mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann.
Beim Verschiebungswitz aber enthält. der Witz selbst einen Ge-
dankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die
Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt
hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwendig ist. Sollte
uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den
Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben
greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir aber jenem
Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam ge-|
S.
Verschiebung und Doppelsinn. 41
macht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des
Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei
der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen
dürfen. Nur die ersteren sind der Gegenstand unserer gegen-
wärtigen Untersuchung.*) **)Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie
sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch
die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist
folgender Witz:
„Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd:
„Wenn Sie dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh auf-
setzen, sind Sie um 1/27 Uhr in Preßburg.“ — „Was mach' ich
in Preßburg um 1/27 Uhr früh?“Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler er-
wähnt die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in
der Absicht, die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe
zu beweisen. Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des
Tieres, das er weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß
auf die Daten des zur Probe gewählten Beispieles ein. Die
Reduktion dieses Witzes ist dann nicht schwer zu geben.
Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik
recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel-
sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der
Ausflucht eines Schadchen (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört
also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird.
„Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater
des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung
stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerker-
strafe abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadchen Vor-
würfe. „Nun,“ meint dieser, „was habe ich Ihnen gesagt? Ist
denn das e i n L e b e n?“Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben“ und die Ver-
schiebung besteht darin, daß der Schadchen sich von dem ge-
meinen Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod“
*) Über die letzteren siehe die späteren Abschnitte.
**) Vielleicht sind hier einige Worte zur weiteren Klärung nicht über-
flüssig: Die Verschiebung findet regelmäßig statt zwischen einer Rede und
einer Antwort, welche den Gedankengang nach anderer Richtung fortsetzt,
als er in der Rede begonnen wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von
Doppelsinn zu sondern, geht am schönsten aus den Beispielen hervor, in
denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut der Rede einen
Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht beabsichtigt ist, aber der Antwort
den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiele.)S.
42
II. Die Technik des Witzes.
bildet, auf den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das
ist kein Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung
nachträglich für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung
gerade hier recht fern liegt. Soweit wäre die Technik ähnlich
wie im Witz vom „goldenen Kalb“ und im „Badewitz“. Aber es
ist hier noch ein anderes Moment zu beachten, welches durch
seine Vordringlichkeit das Verständnis der Technik stört. Man
könnte sagen, dieser Witz sei ein „charakterisierender“, er bemüht
sich die für den Heiratsvermittler charakteristische Mischung von
verlogener Dreistigkeit und schlagfertigem Witz durch ein Bei-
spiel zu illustrieren. Wir werden hören, daß dies nur die Schau-
seite, die Fassade, des Witzes ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht
ist eine andere. Wir schieben es auch auf, eine Reduktion von
ihm zu versuchen.*)Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden
Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir
in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines
„Verschiebungswitzes“ zu erkennen vermögen. „Ein Schnorrer
trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter-
stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm
Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich
will Ihnen etwas dazu geben,“ meint der Reiche; „aber müssen
Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?“
– „Herr Baron,“ lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine
Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“ – Gewiß, ein richtiger Stand-
punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort
ist gegeben vom Standpunkt eines reichen Mannes. Der Schnorrer
benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das er für seine
Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die näm-
liche Person an.
Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel
„Lachs mit Mayonnaise“ an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schau-
seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit
zu bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren,
daß diese Logik einen Denkfehler, nämlich eine Verschiebung des
Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir,
wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an
andere Witze gemahnt werden, die ganz im Gegenteil etwas
Widersinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau*)Siehe unten Abschnitt III, S. 88.
S.
43
Der Unsinn als technisches Mittel.
stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser
Witze bestehen mag.Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen
Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz.„Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein
intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den
Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt
ihn beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich
will dir einen Rat geben: Kauf’ dir eine Kanon’ und mach’
dich selbständig.“Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offen-
barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein
einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen,
gleichsam „etablieren“. Es kann uns aber keinen Moment zweifel-
haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein
witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch wird also der
Unsinn zum Witz?Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Aus den in der
Einleitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wir
erraten, daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und
daß dieser Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der
Sinn in unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier,
welcher dem Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt
sich nur dumm, um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich
benimmt. Er kopiert den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat
geben, der genau so dumm ist wie du.“ Er geht auf Itzig’s
Dummheit ein und bringt sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur
Grundlage eines Vorschlags macht, der Itzig’s Wünschen ent-
sprechen muß, denn besäße Itzig eine eigene Kanone und betriebe
das Kriegshandwerk auf eigene Rechnung, wie kämen ihm da
seine Intelligenz und sein Ehrgeiz zu statten! Wie würde er die
Kanone im Stande halten und sich mit ihrem Mechanismus ver-
traut machen, um die Konkurrenz mit anderen Kanonenbesitzern
zu bestehen!Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem
kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinn-
witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen.„Niemals geboren zu werden, wäre das beste
für die sterblichen Menschenkinder.“ „Aber,“
setzen die Weisen der „Fliegenden Blätter“ hinzu, „unter
100.000 Menschen passiert dies kaum einem.“S.
44
Der moderne Zusatz zum alten Weisheitsspruch ist ein klarer
Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum“ noch
dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein-
schränkung an den ersten Satz an, kann uns also die Augen
darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit
auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden
ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes
und kein Bestes. Den Unsinn im Witze dient also hier zur Auf-
deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel
vom Artilleristen Itzig.Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch
seinen Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum
verdienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns
im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deut-
lich erläutert:„Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem
Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre
Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet
sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe.
Der kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. Wo
hat sie denn geschlafen? fragt endlich der Vater. – Im Zimmer
mit meinem Sohn. – Aber wie kannst du sie im selben Zimmer
mit meinem Sohn schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten
habe, sie zu behüten? – Es war doch eine spanische Wand
zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das
Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand. –
Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist? –
Außer das, meint der andere nachdenklich. So wäre es
möglich.“Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringem
Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde
offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen.
Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus
zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen
Mannes leben muß? Als ob es einem Fremden möglich wäre, unter
solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens einzustehen!
Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch hier nur
die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die Reduktion
haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den Witz selbst
beseitigt. Das Element „Dummheit“ selbst sind wir nicht los
geworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen Sinn
reduzierten Satzes eine andere Stelle.S.
45
Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der
Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß,
du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es
ist eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es
beim Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben,
wo jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim
Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken.“Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirk-
lich in der Anbringung von etwas Dummem, Unsinnigem, dessen
Sinn die Veranschaulichung, Darstellung von etwas anderem
Dummen und Unsinnigen ist.Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik
jedesmal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches
im bejahenden Sinne antwortet:„Als dem Phokion einmal nach einer Rede Beifall ge-
klatscht wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was
habe ich denn Dummes gesagt?“Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald
ihren Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesen dummem
Volk so gefallen konnte? Ich müßte mich ja eigentlich des Bei-
falls schämen; wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst
nicht sehr gescheit gewesen sein.“Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daß der
Widersinn sehr häufig in der Witztechnik gebraucht wird, ohne
dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen.„Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmuten-
des Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur
Geburt seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vor-
gerücktem Alter beschieden wurde. „Ja,“ erwidert er den Glück
Wünschenden, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zu
stande bringen können.“ – Diese Antwort erscheint ganz
besonders sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein
Segen Gottes recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand.
Aber bald fällt uns ein, daß diese Antwort doch einen Sinn hat,
und zwar einen obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der
glückliche Vater sich dumm stellen will, um etwas anderes oder
andere Personen als dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinn-
lose Antwort wirkt auf uns überraschend, verblüffend, wie wir
mit den Autoren sagen wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren
die ganze Wirkung solcher Witze aus dem Wechsel von „Ver-
blüffung und Erleuchtung“ ableiten. Darüber wollen wir uns
später ein Urteil zu bilden versuchen; wir begnügen uns hervor-S.
46
zuheben, daß die Technik dieses Witzes in der Anbringung von
solchem Verblüffen, Unsinnigen besteht.Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dummheitswitzen
nimmt ein Witz von Lichtenberg ein.„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären,
wo sie die Augen hätten.“ Sich über etwas Selbstverständ-
liches zu wundern, etwas was eigentlich nur die Aus-
einandersetzung einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dumm-
heit. Es mahnt an einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei
Michelet (Das Weib), der nach meiner Erinnerung etwa so
lautet: Wie schön ist es doch von der Natur eingerichtet, daß
das Kind, sobald es zur Welt kommt, eine Mutter vorfindet, die
bereit ist, sich seiner anzunehmen! Der Satz von Michelet ist
eine wirkliche Dummheit, aber der Lichtenberg’sche ist ein
Witz, der sich der Dummheit zu irgend einem Zwecke bedient,
hinter dem etwas steckt. Was? Das können wir freilich in diesem
Moment nicht angeben.
Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er-
fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen
Denken, der Verschiebungen und des Widersinnes, als
technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient.
Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk-
fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen
sich einige Beispiele von dieser Art angeben:„Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine
Torte geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an
ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will
sich entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält
ihn zurück. „Was wollen Sie von mir?“ – Sie sollen den Likör
bezahlen. – „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“ –
Die haben Sie ja auch nicht bezahlt. – „Die habe ich ja
auch nicht gegessen.“Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur
Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits
kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde
zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des
Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt
zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von-
einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver-
hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommenS.
47
und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann
nimmt er den Likör und den ist er schuldig zu bezahlen. Man
kann sagen, der Kunde wende die Relation „dafür“ doppelsinnig
an; richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Ver-
bindung her, die sachlich nicht stichhältig ist.Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be-
kenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung
der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein,
daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind.
Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen in’s Schwanken
geraten, ob das betreffende Beispiel ein Witz genannt werden
darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote,
ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat; der Sprachgebrauch
ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be-
rechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts
anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung“, welche wir
dahin interpretieren dürfen, daß sich in unsern Urteilen die
Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer
Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichende Be-
gründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung“ nicht
ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir
nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als
einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlechtweg.
Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den so-
zusagen komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter
Witz. Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:
„Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mädchen
gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger-
mutter gefällt mir nicht,“ sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme
Person.“ – „Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie
wollen die Tochter. – „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und
schön von Gesicht gerade auch nicht.“ – Das macht nichts; ist
sie nicht jung und schön, wird sie Ihnen um so eher treu bleiben.
– „Geld ist auch nicht viel da.“ – Wer spricht vom Geld?
Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau. –
„Aber sie hat ja auch einen Buckel!“ – Nun, was wollen Sie?
„Gar keinen Fehler soll sie haben!“Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr
junges, unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine ab-
stoßende Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung
versehen ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Ver-S.
48
II. Die Technik des Witzes.
hältnisse. Der Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser
Fehler anzugeben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit
ihm versöhnen könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel
nimmt er dann als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem
Menschen hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein
von Logik vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist, und der
den Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter
Fehler, über die man hinwegsehen konnte, und einen,
über den man nicht hinweg kommt; es ist nicht zu heiraten. Der
Vermittler tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht
beseitigt wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung
erübrigt, das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf,
jeden Faktor vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur
Summe zusammenzusetzen.Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis-
mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung ein Witz
zu heißen man aber anzweifeln könnte.„A. hat von B. einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach
der Rückgabe von B. verklagt, weil der Kessel nun ein großes
Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung
lautet: „Erstens habe ich von B. überhaupt keinen
Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits
ein Loch, als ich ihn von B. übernahm; drittens
habe ich den Kessel ganz zurückgegeben.“ Jede
einzelne Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber
schließen sie einander aus. A. behandelt isoliert, was im Zusammen-
hange betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit
den Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen: A. setzt das
„und“ an die Stelle, an der nur ein „entweder – oder“ möglich ist.
Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats-
vermittlergeschichte:„Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres
Bein hat und hinkt. Der Schadchen widerspricht ihm. „Sie haben
Unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden,
geraden Gliedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag
sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm
ist für’s ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung,
die Doktorrechnung! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen
das nicht passieren; da haben Sie eine fertige Sach.“Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand
wird dem bereits „fertigen Unglück“ gar noch einen Vorzug vor
dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedanken-S.
49
Sophistische Denkfehler.
gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten Bei-
spiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons nicht
völlig entkleiden mag.„Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet
mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und
äußert, von den besorgten Schülern befragt: „Eben jetzt ist der
große Rabbi L. in Lemberg gestorben.“ Die Gemeinde legt Trauer
um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden
nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi ge-
storben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie haben
ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich als
ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu jener
Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch
verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift
die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser
Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von
Eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben
gesehen hat. Der Mann lebt noch heute.“ „Macht nichts,“ er-
widert der Schüler, „der Kü*) von Krakau bis nach
Lemberg war doch großartig.“Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denk-
fehler unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung
wird gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast
der Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau-
von Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante tele-
pathische Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber
darauf kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch möglich
gewesen, daß der Rabbi in Krakau in jenem Moment gestorben
wäre, in dem der Lemberger Rabbi seinen Tod verkündete, und
dem Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter
der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten
Bewunderung dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est“
bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Bei-
spiel von der Realität abgesehen wird zu Gunsten der Möglichkeit,
so mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die
Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden kann,
als das bei weitem Bedeutsamere in’s Auge zu fassen, wogegen
die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten soll.Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich
eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als
*)Kück von gucken, also Blick, Fernblick.
Freud, Der Witz.4
S.
50
einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur
eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser
neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchengeschichten
angehören:
„Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen
Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie
ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. —
Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat
sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat!
bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. —
Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver-
mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. — Aber ein Höcker!
bekräftigt wieder das Echo.“ Die anderen Geschichten sind ganz
analog, obwohl sinnreicher.„Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un-
angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm
flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. „Wozu haben Sie mich
hieher gebracht?“ fragt er ihn vorwurfsvoll. „Sie ist häßlich und
alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen . . .
— Sie können laut sprechen, wirft der Vermittler ein, taub ist
sie auch.“„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch
im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Erscheinen
der Familie warten, macht der Vermittler auf einen Glasschrank
aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte zur Schau
gestellt sind. „Da schauen Sie hin, an diesen Sachen können
Sie sehen, wie reich diese Leute sind.“ — „Aber,“ fragt der miß-
trauische junge Mann, „wäre es denn nicht möglich, daß diese
schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammengeborgt sind
und den Eindruck des Reichtums zu machen?“ — „Was fällt
Ihnen ein?“ antwortet der Vermittler abweisend. „Wer wird
denn den Leuten was borgen!“In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person,
die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt
diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort,
wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider-
läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation
anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach-
gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er
mitgenommen wurde, um den Bewerber zu Gunsten der vorge-
schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe
gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der BrautS.
51
durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch
ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern
sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf-
zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß
er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt,
wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der
dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den
jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen, soweit
hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte Recht zu
behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung umstoßen
muß. Überall siegt der Automatismus über die zweckmäßige Ab-
änderung des Denkens und Äußerns.Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken,
wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit
dem gleichen Recht als „komisch“ bezeichnet werden können, wie
wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des psychischen
Automatismus gehört zur Technik des Komischen wie jede Ent-
larvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier plötzlich vor das
Problem der Beziehung des Witzes zur Komik gestellt, das wir
zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind diese Geschichten
etwa nur „komisch“ und nicht auch „witzig“? Arbeitet hier die
Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und wiederum, worin
besteht der besondere Charakter des Witzigen?Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztunter-
suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An-
bringung von „Denkfehlern“ besteht, sind aber genötigt zuzu-
gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr in’s Dunkel
als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung
nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des
Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs-
punkt für weitere Einsichten werden kann.Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Unter-
suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik
erinnert uns vor allem an Bekanntes.Etwa ein Witz von Lichtenberg:
„Der Januar ist der Monat, da man seinen
guten Freunden Wünsche darbringt, und die übri-
gen die, worin sie nicht erfüllt werden.“Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit
wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein-
druck von ihnen erst durch Häufung verstärken.S.
52
„Dasmenschliche Leben zerfällt
in der ersten wünscht man die zweite herbei, und
in der zweiten wünscht man die erste zurück.“„Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt,
was man nicht zu erfahren wünscht“ (beide bei K.
Fischer).Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine
früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch die
„mehrfache Verwendung desselben Materials“ auszeichnet. Das
letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf-
zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es
hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. „Die Erfahrung“
wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener
Stelle die Eifersucht (vgl. S. 23). Auch ich würde mich gegen
diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen Bei-
spielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist ein
anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehrfache
Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn
Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier
neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen von
Vorstellungen zu einander, und Definitionen durch einander oder
durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte diesen
Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Verdichtung
durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. So
werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine
zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben: in
der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die erste
zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Beziehungen
zu einander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der Ähnlichkeit
der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der Worte, welche
uns eben an die mehrfache Verwendung des nämlichen Materials
mahnen konnte (herbei – wünschen). In dem Witz von Lich-
tenberg sind der Januar und die ihm gegenüber gestellten
Monate durch eine wiederum modifizierte Beziehung zu etwas
Drittem charakterisiert; dies sind die Glückwünsche, die man in
dem einen Monat empfängt, und die sich in den anderen nicht
erfüllen. Der Unterschied von der mehrfachen Verwendung des
gleichen Materials, die sich ja dem Doppelsinn annähert, ist hier
recht deutlich.*)
*)Ich will mich der früher erwähnten Eigentümlichkeit Negativrelation
des Witzes zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was das andere zur SchauS.
53
Ein schönes Beispiel von Unifizierungs-
witz, das der Erläuterung
nicht bedarf, ist folgendes:„Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine
Ode an die Nachwelt (à la posterité); Voltaire fand, daß der
Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach-
welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird
nicht an seine Adresse gelangen.“ (Nach K. Fischer.)Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß
es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag-
fertigen Witzen zu Grunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja
im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des
Spießes“, im „Bezahlen mit gleicher Münze“, also in Herstellung
einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff.Z. B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat:
„Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?“
stellt, bedienen, um die „Unifizierung“ besser, als obige Beispiele es
gestalten, zu beschreiben. Viele der Rätsel, mit deren Produktion sich der
Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner Erblindung vertrieb, zeichnen
sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen beson-
deren Reiz verleiht. Man nehme z. B. das schöne Rätsel Nr. 203 (Rätsel-
büchlein von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage, Jahreszahl nicht angegeben„Die beiden Ersten finden ihre Ruhestätte
Im Paar der Andern, und das Ganze macht ihr Bette.“Von den beiden Silbenpaaren, die zu erraten sind, ist nichts ange-
geben als eine Beziehung zu einander, und vom Ganzen nur eine solche
zum ersten Paar. (Die Auflösung lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei
Beispiele von Beschreibung durch Relation zu dem nämlichen oder wenig
modifizierten Dritten:Nr. 170. „Die erste Silb' hat Zähn' und Haare,
Die zweite Zähne in den Haaren.
Wer auf den Zähnen nicht hat Haare,
Vom Ganzen kaufe keine Ware.“ (Roßkamm.)
Nr. 168. „Die erste Silbe frißt,
Die andere Silbe ißt,
Die dritte wird gefressen,
Das Ganze wird gegessen. (Sauerkraut.)Die vollendetste Unifizierung findet sich in einem Rätsel von Schleier-
macher, das man nicht anders als witzig heißen kann:„Von der Letzten umschlungen
Schwebt das vollendete Ganze
Zu den zwei Ersten empor.“ (Galgenstrick.)Die größte Mehrzahl aller Silbenrätsel ist der Unifizierung bar, d. h.
das Merkmal, aus dem die eine Silbe erraten werden soll, ist ganz unab-
hängig von dem für die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem An-
haltspunkt für's selbständige Erraten des Ganzen.S.
54
Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen
Semmeln unter den Nagel geraten.“ (Nach Überhorst, Das
Komische, II, 1900.)„Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und
bemerkt in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen
Person auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu
fragen: „Hat seine Mutter wohl einmal in der Resi-
denz gedient?“ – „Nein, Durchlaucht,“ lautet die Antwort,
„aber mein Vater.“Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazier-
ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be-
schäftigt ist. „Kann er meinen Schimmel blau färben?“
ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl,
Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!“Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche“ – die eine un-
sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be-
antwortet – wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, das
ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet hätte:
„Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden
nicht vertragen.“Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders
interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch
das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang;
wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz-
reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im Allgemeinen
werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in
Studenten, Professoren, Philister und Vieh,“ so ver-
stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der durch
den Zusatz Heine’s noch unterstrichen wird: „welche vier Stände
doch nichts weniger als scharf geschieden sind.“ Oder, wenn er
von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel und
Geographie“ ausstehen mußte, so will diese Anreihung,-
durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehr-
gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch
die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben-
gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen.Bei Lipps finden wir unter den Beispielen von „witziger
Aufzählung“ („Koordination“) als nächst verwandt dem Heine-
schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh“ den Vers:
„Miteiner Gabel und mit Müh’ zogihn die Mutter
aus der Brüh’“; als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die
Gabel, setzt Lipps erläuternd hinzu. Wir empfangen aber denS.
55
Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr
komisch, während die Heine’sche Anreihung ein unzweifelhafter
Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele
erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik
und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen.
Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir be-
merkt, daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der
Färber antworten würde: Nein, ich fürchte, der Schimmel wird
das Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: Ja, Durch-
lauch, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung
des eigentlich hingehörigen „Nein“ durch ein „Ja“ liegt ein neues
technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen
Beispielen verfolgen wollen.Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer benachbarter Witz
ist einfacher: Friedrich der Große hört von einem Prediger in
Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt
den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann
Geister beschwören?“ Die Antwort war: „Zu Befehl,
Majestät, aber sie kommen nicht.“ Hier ist es nun
ganz augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem
bestand, als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein“ durch
sein Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das
„Ja“ ein „aber“ geknüpft werden, so daß „ja“ und „aber“ dem
Sinne von „nein“ gleichkommen.Diese Darstellung durch’s Gegenteil, wie wir sie
nennen wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen.
In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor: Heine:
„Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von
Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben-
falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober-
fläche ihres Körpers einige weiße Flecken.“Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Überein-
stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können
freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in
Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:Lichtenberg: Der große Geist.
„Er hatte die Eigenschaften der größten Män-
ner in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie
Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu
nesteln wie Caesar, konnte Kaffee trinken wie Leib-
nitz, und wenn er einmal recht in seinem LehnstuhlS.
56
saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber wie
Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken;
seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein
Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer-
vantes.“Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das
Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte
gänzlich verzichtet ist, hat J. v. Falke von einer Reise nach
Irland heimgebracht. „Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen
wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell-
schaft von Alt und Jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute-
rungen begleitet. „This is the Duke of Wellington and
his horse,“ worauf ein junges Fräulein die Frage stellt „Which
is the Duke of Wellington and which is his horse?“
„Just, as you like, my pretty child,“ lautet die Antwort,
„you pay the money and you have the choice.“
(Welches ist der Herzog von W. und welches ist sein Pferd? –
Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie zahlen Ihr Geld
und Sie haben die Wal.) (Lebenserinnerungen, S. 271.)Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Un-
-
verschämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten
wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinander zu kennen.
(Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld!
Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen
Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt
eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es
muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington
sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der
den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür
bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in
welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht,
dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte,
die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt
man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache
ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Ge-
wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von
Darstellung durch’s Gegenteil; indem er dies aber bei einem
Anlaß tut, wo man ganz anders von ihm verlangt, so daß er
mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der
Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung.
Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden
Mittel.S.
57
Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe,
die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird
das „Ja“, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein
„Nein“ ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten „Ja“ infolge
seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle.
Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über-
bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:„Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar;
Doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.“Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch
Lichtenberg:
„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
als Eure Schulweisheit sich träumen läßt,“ hatte
Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß
diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht
alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann.
Er fügt also das noch fehlende hinzu: „Aber es gibt auch
vieles in der Schulweisheit, das sich weder im
Himmel noch auf Erden findet.“ Seine Darstellung hebt
zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet
gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt
ein zweiter und noch größerer Vorwurf.Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung,
sind zwei Judenwitze allerdings von grobem Kaliber.„Zwei Juden sprechen über das Baden. „Ich nehme jedes
Jahr ein Bad,“ sagt der eine, „ob ich es nötig habe
oder nicht.“Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung
seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt.„Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. Ich
kann dir sagen, was du gestern gegessen hast. –
Nun, sag’. – Also Linsen. – Gefehlt, vorgestern!“Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung
durch’s Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender:„Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische
Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation
eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen
seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo,
mein lieber Geheimrat.“ Nach vollendeter Operation tritt
der Professor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „Be-
fehlen Majestät auch das andere Bein?“S.
58
Was der Professor sich während des königlichen Beifalls
gedacht haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aus
sprechen: „Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich
dem armen Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag
und nur wegen des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch
wirklich andere Gründe für diese Operation.“ Aber dann geht er
vor den König hin und sagt: „Ich habe keine anderen Gründe
für eine Operation als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete
Beifall hat mich so beseeligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl
erwarte, um auch das gesunde Bein zu amputieren.“ Es gelingt
ihm so sich verständlich zu machen, indem er das Gegenteil von
dem aussagt, was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses
Gegenteil ist eine unglaubwürdige Überbietung.Die Darstellung durch’s Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei-
spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel
der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über-
sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist.
Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf
dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam
umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft:„Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann –“
so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner Worte
entgegenschreien wird:„Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!“
Oder wenn der „Simplizissimus“ eine Samm-
lung unerhörter Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gefühls-
menschen“ überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durch’s
Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie“, nicht mehr Witz. Der
Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durch’s
Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi-
schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die
Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es
muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht
aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider-
sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz
beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwer fallen, die beiden
festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen
haben, miteinander vereint zu denken.Wenn die Darstellung durch’s Gegenteil zu den technischen
Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege,S.
59
daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch
Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die
Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren,
daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen
Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart
dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch
„Verwandtes“ setzen: durch Zusammengehöriges oder Zu-
sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charak-
ter den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern.Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupellosen
Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht ge-
wagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben und
nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft auf-
zudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweckmäßiges
Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler der Stadt,
dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen.
Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst ge-
zeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten
Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, auf welcher die
beiden Portraits neben einander aufgehängt waren, um ihm sein
bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit
an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde,
und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen beiden Bildern
deutend: „And where is the Saviour?“ (Und wo bleibt der
Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.)Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um
die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden
kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Dar-
stellung“ zu stande? Durch eine Reihe leicht sich einstellen-
der Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der
Darstellung des Witzes an nach rückwärts.Die Frage: Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands?
läßt uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der beiden
Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick ge-
mahnt worden ist, welcher aber als hier fehlendes Element das
Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern
zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen
den beiden Schächern. Das Fehlende wird vom Witz hervor-
gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergegangenen
Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin be-
stehen, daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder vonS.
60
Schächern sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen
konnte, war also: Ihr seid ein paar Hallunken; ausführlicher:
Was kümmern mich eure Bilder? Ihr seid ein paar Hallunken,
das weiß ich. Und er hat es schließlich über einige Assoziationen
und Schlußfolgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den
der Anspielung bezeichnen.Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits be-
gegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei
Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die
eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vordergrund
steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während die
andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesen Fall
als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer
ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir an-
gemerkt, daß deren Technik keine einfache sei und erkennen
nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl.
etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück-
gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei
der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was
Menschenhände alles vermögen, S. 45.)In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die An-
spielung frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren
Charakter die Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange
Verbundenes. Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zu-
sammenhang von mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht
in der Fülle zu verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten
Variationen und diese nur an wenigen Beispielen erörtern.Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer
Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort-
witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte
an einander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wortverbin-
dungen u. dgl.Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: „Neue
Bäder heilen gut“, der uns sofort an das Sprichwort erinnert:
Neue Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb
Worte, das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat.
Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach-
bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch
Lichtenberg’s wird so zur Anspielung auf das Sprichwort.
Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht
gerade heraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auchS.
61
noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich
gleich bleibende Thermalwasser.Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg
technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Moden
alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monden“
(i. e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib-
fehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es
hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechseln-
den Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu
verwenden.Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine
einzige leichte Modifikation bestehen. Diese Technik
läuft also wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von
Witzen rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie
nach den Vorgängen bei der Witzarbeit besser von einander zu
trennen.Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die
große, aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte
Sängerin Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den
Titel eines aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen
Theaterstückes zu einer Anspielung auf ihre Mißgestalt verwendete:
„Die Reise um die Wilt in 80 Tagen.“Oder: „Jede Klafter eine Königin,“ eine Modifikation
des bekannten Shakespeare’schen „Jeder Zoll ein König“
und eine Anspielung auf dieses Zitat auf eine vornehme und über-
lebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel Ernst-
haftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr zu
den Verdichtungen mit Modifikation (S. 15) als Ersatzbildung
stellen würde. (Vgl. tête-à-bête.)Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele
eigensinnigen Person sagte ein Freund: „Er hat ein Ideal
vor dem Kopf.“ „Ein Brett vor dem Kopf haben,“
ist die geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt
und deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier
kann man die Technik als Verdichtung mit Modifikation be-
schreiben.Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation
und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation
auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dichteritis.
Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtheritis stellt auch
das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin.S.
62
Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen
mit geringen Abänderungskosten:
„Mein Unglaubensgenosse Spinoza“ sagt Heine. „Wir
von Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fron-
knechte“ usw. – beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter
ausgeführtes Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf
solche Titulatur mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten
auf die unmodifizierte.Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Aus-
lassung, der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar.
Eigentlich wird bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich
die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur
darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke
teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So
kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Aus-
lassung zur eigentlichen Anspielung zurück.Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel:
In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der
sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche
Mißhandlungen von Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als
einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet
wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X. das hört, bekommt
er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes ge-
hört zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn,
denn eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge
davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn
vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt er
einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden,
daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also
die technischen Mittel dieses Witzes.Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucher-
kerzchen im Preise steigen.“ Diese Lücke ist leicht aus-
zufüllen. Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die
nun als Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt.
Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause!
„Schon wieder ein Jahr vergangen! seufzt der eine.“
Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die
Auslassung zur Anspielung gehört.Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehen-
dem Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz
ist. Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein ScherzbuchS.
63
herausgegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merk-
würdiger Sinnspruch verzeichnet stand:
„Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt
sich dann doch einen Komfortabel.“
Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das
„dann doch“ kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein
Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wird es aber hier
mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein-
gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment
verschieben.Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen, ent-
halten Heine’s „Bäder von Lucca“, die von dieser Form des
Witzes die kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken
(gegen den Grafen Platen) machen. Lange zuvor, ehe der
Leser diese Verwendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema,
das sich zur direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch
Anspielungen aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B.
in den Wortverdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu
korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und
ich habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie
sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein
„Antipodex“, „Venus Urinia“ – die dicke Gudel vom Dreck-
wall in Hamburg – u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten,
von denen der Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur
von dem unartigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint,
bald aber ihre symbolische Beziehung zur polemischen Absicht
enthüllt und sich somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. End-
lich bricht der Angriff auf Platen los und nun sprudeln und
quellen die Anspielungen auf das bereits bekannt gewordene Thema
der Männerliebe des Grafen aus jedem der Sätze, die Heine
gegen das Talent und den Charakter seines Gegners richtet, z. B.:
„Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch
den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß
ihm Gewalt anzutun; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt
ihm, er muß auch diesem jungen beharrlich nachlaufen, und er
weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen
Rundung sich nie edel aussprechen.“
„Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hin-
länglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand ge-
steckt, so daß nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter
Vogel hätte besser getan, wenn er den Steiß in den Sand ver-
steckt und uns den Kopf gezeigt hätte.“S.
64
II. Die Technik des Witzes.
Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am
leichtesten zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten
der kurzlebigen Witzproduktionen zu Grunde, die wir in unsere
Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab-
lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung
nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an
jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung
der Witztechnik irre zu machen. Auch die Anspielung ist nicht
etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die
auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die
„witzige“ Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das
wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet.Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar-
stellung“ bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß
man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der
Darstellung durch’s Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden
Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für
welche „indirekte Darstellung“ der umfassendste Namen
wäre. Denkfehler – Unifizierung – indirekte Dar-
stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die
uns bekannt gewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen
ließen.Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben
wir nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu er-
kennen, die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige
Beispiele belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein
Kleines oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst einen ganzen
Charakter durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu
bringen. Die Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird
durch die Erwägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem
Darzustellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus
ihm ableiten läßt, z. B.:„Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich
recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die
Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort
nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur.
Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und
richtet plötzlich an den Juden die Frage: Ich bitte Sie, wann haben
wir Jomkipur? (Versöhnungstag.) Aesoi, sagt der Jude und legt
die Füße wieder auf die Bank, ehe er Antwort gibt.“S.
65
Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch
ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir
nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemein-
same übrig behalten haben.Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:
„Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei
ihrer Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht
gekommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im
Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau
Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mondieu, que
je souffre!“ Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab:
Es ist nichts, spielen wir weiter. Eine Weile später hört man
die Kreißende wieder: „Mein Gott, mein Gott, was für
Schmerzen!“ – Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?
fragt der Baron. – Nein, nein, es ist noch nicht Zeit. – Endlich
hört man aus dem Nebenzimmer ein unverkennbares: „Ai, waih,
waih geschrieen“; da wirft der Arzt die Karten weg und
sagt: Es ist Zeit.“Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die
ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige
Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung
abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem
Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der
gebärenden vornehmen Frau.
Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der
Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns solange aufgespart,
weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder
Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben
haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin
eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegen-
den Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu-
zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser
Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen
unserer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material
empfinde ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als
bei den Gleichniswitzen. Die Empfindung, welche mir – und
wahrscheinlich einer großen Anzahl Anderer unter den nämlichen
Bedingunger wie mir – zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies
darf man für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene
wesentliche Charakter des Witzes entdeckt ist; diese EmpfindungFreud, Der Witz.
S.
66
läßt mich bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche.
Wenn ich den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz
erklärt habe, so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken,
daß das Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität
ist, als welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der
Umstand, daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das ex-
plosionsartige Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich
ein guter Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel
wie sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effekt-
vollsten Beispiele der Gattung einschränke.Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von
Gleichnissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs
machen, ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durch-
gehenden Zärtlichkeit in Ottilien’s Tagebuch mit dem roten Faden
der englischen Marine (s. S. 13) ist ein solcher; auch ein anderes,
das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen
Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver-
sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit
welchem Ferd. Lassalle eine seiner berühmten Verteidigungs-
reden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein
Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem
Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenschaft und die Arbeiter“,
dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege
findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das
Springen einer Retorte dem in seine wissenschaft-
lichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem
leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der Ma-
terie, setzt er, sowie die Störung beseitigt ist, ruhig
seine Forschungen und Arbeiten fort.“Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen Gleichnissen
findet man in den Schriften Lichtenberg’s (II. B. der Göttinger
Ausgabe, 1853); von dort will ich auch das Material für unsere
Untersuchung entnehmen.„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahr-
heit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem
den Bart zu sengen.“Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt
man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern
von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der
Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst
gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es
immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach-S.
67
gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die
Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird
ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben,
da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus
ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter
Redensarten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt,
es findet seine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des näm-
lichen Materials (S. 23). Es könnte sehr wohl sein, daß der
witzige Eindruck des Lichtenberg’schen Satzes nur von der
Anlehnung an diese Witztechnik herrührt.Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen
witzigen Vergleich desselben Autors gelten können:„Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein
großer Leuchter. . . . Er war Professor der Philosophie.“Einen Gelehrten ein großes Licht, ein „lumen mundi“, zu
heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ur-
sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt
den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem
man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcher Art einen
zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der zweite
Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes zu
enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein
Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel.
Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde
erscheint folgender Vergleich als witzig:„Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder-
krankheit an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger
befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben,
und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie
gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von
Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch
eigene Urteile zu makulieren; es hilft aber nicht immer.“Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten
ist zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht
der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, ge-
traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort-
geführt; es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen
Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder
durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche
Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir
wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein
Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zu-S.
68
sammenhanges. Der Charakter der Unifizierung wird aber da-
durch nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein
erstes Gleichnis besteht.Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht,
den unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes
Moment zu schieben, welches wiederum mit der Natur des
Gleichnisses an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen,
die eine auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende
Vereinigung enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis
des Vergleiches erzeigen. Die Mehrzahl der Lichtenberg’schen
Beispiele gehören dieser Gruppe an.
„Es ist Schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten
Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie gegessen
haben.“ „Die gelehrten Eingeweide,“ das ist eine verblüffende,
eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die Ver-
gleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige Eindruck dieses
Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter dieser
Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der uns
gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch Wider-
sinn.Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von
Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung
auch zu einem anderen Witz verwendet:
„Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war
also gänzlich für gelehrte Stallfütterung.“
Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung,
welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des
Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors:
„Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon-
stitution, da kann ich etwas aushalten.“
„Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside,
die er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich
mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt.“
Die „moralische Backside“, das ist die auffällige Attribuierung,
die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber
eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort-
spiel („Not“) und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zu-
sammenstellung („Die Hosen des guten Anstandes“), die vielleicht
selbst an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß
sie die Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig.
Es darf uns dann nicht Wunder nehmen, wenn wir vom Ganzen
den Eindruck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen, wir be--S.
69
ginnen zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen
Charakter, welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer
Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten
Anstandes“ erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden
Vers von Heine:„Bis mir endlich alle Knöpfe rissen
an der Hose der Geduld.“Es ist unverkennbar, daß diese beiden letzten Vergleichen
einen Charakter an sich tragen, den man nicht an allen guten,
d. h. zutreffenden Gleichnissen wiederfinden kann. Sie sind in
hohem Grade „herabziehend“, könnte man sagen, sie stellen
ein Ding hoher Kategorie, ein Abstraktum (hier: den guten An-
stand, die Geduld) mit einem Ding sehr konkreter Natur und
selbst niedriger Art (der Hose) zusammen. Ob diese Eigentüm-
lichkeit etwas mit dem Witz zu schaffen hat, werden wir noch
in einem anderen Zusammenhange in Erwägung ziehen müssen.
Versuchen wir hier ein anderes Beispiel, in dem der herabziehende
Charakter ganz besonders deutlich ist, zu analysieren. Der Kommis
Weinberl in Nestroy’s Posse „Einen Jux will er sich
machen“, der sich ausmalt, wie er einmal als solider alter
Handelsherr seiner Jugendtage gedenken wird, sagt: „Wenn so
im traulichen Gespräch das Eis aufgehackt wird vor dem
Magazin der Erinnerung, wann die Gewölbtür der
Vorzeit wieder aufg’sperrt und die Pudel der Phan-
tasie voll an’graumt wird mit Waren von ehemals.“
Das sind sicherlich Vergleichen von Abstrakten mit sehr
gewöhnlichen konkreten Dingen, aber der Witz hängt – aus-
schließlich oder nur zum Teile – an dem Umstand, daß ein
Kommis sich dieser Vergleichen bedient, die aus dem Bereiche
seiner alltäglichen Tätigkeit genommen sind. Das Abstrakte aber
in Beziehung zu diesem Gewöhnlichen, das ihn sonst ausfüllt, zu
bringen, ist ein Akt von Unifizierung.Kehren wir zu den Lichtenberg’schen Vergleichen zurück.
„Die Bewegungsgründe,*) woraus man etwas tut,
könnten so wie die 32 Winde geordnet und ihre
Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B.
Brot–Brot–Ruhm, oder Ruhm–Ruhm–Brot.“Wie so häufig bei den Lichtenberg’schen Witzen ist auch
hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen
so vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen
hiedurch irre geführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch*)Wir würden heute: Beweggründe, Motive sagen.
S.
70
etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir
wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz
zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß
alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über die
sonderbare Kombination „Brot–Ruhm“ hervorgeht. Also als
Witz eine Darstellung durch Widersinn.
Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung
kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt
werden:Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau – Ein
einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der
Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung
noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine
Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere
Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be-
ziehungen.Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft
sie uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer
der uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige
andere Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch
an und für sich witzig sein kann.Lichtenberg’s Charakteristik gewisser Oden:
„Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhm’s unsterbliche
Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei
der Verfasser die Worte, und der Leser den Sinn
stellen.“„Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein an
genehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen
gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.“Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Kodex
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs-
schrift eines Kirchenvatertextes die halb erlosche-
nen Verse eines altgriechischen Liebesdichters
hervorlauschen.“Oder die fortgesetzte Vergleichung mit starker herabsetzen-
der Tendenz, in den „Bädern von Lucca“.„Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis,
der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das
große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Be-
schäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie
jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen
hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt –S.
71
nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr
dessen Erhaltung, da er bei einigem etwaigen Bankerott seinen
Lebensunter-
halt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin-
gegen ist überall selbst Prinzipal, und treibt die Religionsge-
schäfte
für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein
katholischer Gewerbgenosse, sondern nur einen Kleinhandel;
und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig
sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmen,
die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein-
händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid
gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus
in Rom, das viele tausend Buchhalter und Pacht-
knechte besoldet
und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.“Angesichts dieser, wie vieler anderer Beispiele können wir
doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an
sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Kompli-
kation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre.
Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter
des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis
als Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des
Vergleichens haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis
unter die Arten der „indirekten Dar-
stellung“ aufnehmen, deren
sich die Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt
lassen, das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher
behandelten Mitteln des Witzes entgegen getreten ist. Es muß
wohl auch seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Ent-
scheidung, ob etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr
Schwierigkeiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.Einen Grund aber uns zu beklagen, daß diese erste Unter-
suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke
in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang,
den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben
bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten,
wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch
einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das
Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen.Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des
Witzes unserer Untersuchung entgangen ist? Das soll nicht, aber
wir können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über-
zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel
der Witzarbeit kennen gelernt haben, zum mindesten so viel, als
zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen Vor-
S.
72
ganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig noch
aus; hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen Anzeige
gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung des
Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der
Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik
des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung
hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vorgänge
aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die
Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler,
der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durch’s
Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit
wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be-
fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die Fortsetzung
unserer Wachgedanken zu erkennen; die Verwendung von Wider-
sinn und Absurdität im Traum hat ihn die Würde eines psychi-
schen Produkts gekostet und hat die Autoren verleitet, Zerfall
der geistiger Tätigkeiten, Sistierung von Kritik, Moral und Logik
als Bedingungen der Traumbildung anzunehmen. Die Darstellung
durch’s Gegenteil ist im Traum so gebräuchlich, daß selbst die
populären, gänzlich irre gehenden, Traumdeutungsbücher mit ihr
zu rechnen pflegen; die indirekte Darstellung, der Ersatz des
Traumgedankens durch eine Anspielung, ein Kleines, eine dem
Gleichnis analoge Symbolik, ist gerade das, was die Ausdrucks-
weise des Traumes von der unseres wachen Denkens unter-
scheidet.*) Eine so weitgehende Übereinstimmung wie die
zwischen den Mitteln der Witzarbeit und denen der Traumarbeit
wird kaum eine zufällige sein können. Diese Übereinstimmung
ausführlich nachzuweisen und ihrer Begründung nachzuspüren,
wird eine unserer späteren Aufgaben werden.
*)Vrgl. meine „Traumdeutung“, Abschnitt VI, Traumarbeit.
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A. Analytischer Teil1905-003/1905/M1
1905-003/1905/2