A. Analytischer Teil1905-003/1905/M1
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    II. Die Technik des Witzes.

    Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste
    Witzbeispiel auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegen ge-
    treten ist.

    In dem Stück der „Reisebilder“, welches „Die Bäder von
    Lucca“ betitelt ist, führt H. Heine die köstliche Gestalt des
    Lotteriekollekteurs und Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth
    aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen
    zum reichen Baron Rothschild berühmt und zuletzt sagt: Und
    so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß
    neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie
    seines Gleichen, ganz famillionär.

    An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lach-
    kräftigen Beispiel haben Heymans und Lipps die Ableitung
    der komischen Wirkung des Witzes aus der „Verblüffung und
    Erleuchtung“ (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage bei-
    seite und stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede
    des Hirsch-Hyacinth zu einem Witze macht? Es könnte nur
    zweierlei sein; entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte Ge-
    danke, der den Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der
    Witz haftet an dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satze
    gefunden hat. Auf welcher Seite sich uns der Witzcharakter
    zeigt, dort wollen wir ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner
    habhaft zu werden.

    Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen
    sprachlichen Formen – in Worten also – zum Ausdruck ge-
    bracht werden, die ihn gleich zutreffend wiedergeben mögen. In
    der Rede des Hirsch-Hyacinth liegt uns nun eine bestimmte
    Ausdrucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine be-
    sonders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver-
    ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst
    getreulich in anderen Worten auszudrücken. Lipps hat dies
    bereits getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen
    erläutert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen
    will, die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der
    bekannten Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums
    an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt.“ Wir verändern

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    nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen,
    die sich vielleicht besser in die Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt:
    „Rothschild behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz
    familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stande bringt.“
    „Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches
    für den, der sie an sich erfährt,“ würden wir noch hinzusetzen.*)

    Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen
    Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage,
    welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witz
    charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist
    eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem
    Hirsch-Hyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver
    kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts
    so großen Reichtums leicht begreiflich ist, aber wir würden uns
    nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte nun jemand, der
    bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters
    nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an sich
    witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der
    Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die
    Rede des Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngentreue
    Übertragung derselben nach Lipps oder in unserer Fassung
    mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, aber zum Lachen
    bringen kann sie uns nicht.

    Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem
    Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines
    Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser
    Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die
    Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witzes bezeichnen kann und
    was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muß,
    da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung
    durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller
    Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die
    sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer
    (S. 72): „Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum
    Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Paul’s er
    innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus
    spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung,
    es sei der Krieger oder der Sätze.“


    *)Derselbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäftigen, und
    dort werden wir Anlaß finden, an der von Lipps gegebenen Übertragung
    desselben, der sich die unserige anschließt, eine Korrektur vorzunehmen,
    welche aber die hier nachfolgenden Erörterungen nicht zu stören vermag.

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    Worin besteht nun die „Technik“ dieses Witzes? Was ist
    mit dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis
    aus ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen?
    Zweierlei, wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text
    des Dichters lehrt. Erstens hat eine erhebliche Verkürzung
    stattgefunden. Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Ge-
    danken voll auszudrücken, an die Worte „R. behandelte mich
    ganz wie seines Gleichen, ganz familiär“ einen Nach-
    satz anfügen, der auf’s kürzeste eingeengt lautete: d. h. soweit
    ein Millionär das zu stande bringt, und dann fühlen
    wir erst noch das Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz.*)
    Beim Dichter heißt es weit kürzer:

    „R. behandelte mich ganz wie seines Gleichen,
    ganz famillionär.“ Die ganze Einschränkung, die der zweite
    Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung
    konstatiert, ist im Witze verloren gegangen.

    Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie
    rekonstruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung
    stattgefunden. Das Wort „familiär“ im witzlosen Ausdruck
    des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famillionär“ um-
    gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem
    Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes.
    Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem
    „familiär“ des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem
    „Millionär“ des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen
    Bestandteil „Millionär“ aus dem zweiten Satze, infolgedessen den
    ganzen zweiten Satz, und setzt uns auf diese Weise in den Stand,
    den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten.
    Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär“
    und „Millionär“ zu beschreiben, und man wäre versucht, sich
    seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu ver-
    anschaulichen.**)

    FAMILIÄR
    MILLIONÄR


    FAMILLIONÄR

    *)Ganz ähnliches gilt für die Übertragung von Lipps.

    **)Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett ge-
    druckt im Gegensatz zu den verschiedenen Typen der besonderen Be-
    standteile beider Worte. Das zweite l, welches in der Aussprache kaum
    zur Geltung kommt, dürfte natürlich übergangen werden. Es ist naheliegend,
    daß die Übereinstimmung der beiden Worte in mehreren Silben der Witz-
    technik den Anlaß zur Herstellung des Mischwortes bietet.

  • S.

    II

    Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz
    übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen,
    die zunächst recht phantastisch erscheinen mag, aber nichts-
    destoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis liefert:
    „R. behandelte mich ganz familiär,
    d. h. soweit ein Millionär es zu stande bringt.“

    Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf
    diese Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend
    einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum
    Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben,
    das Wort „Millionär“, welches sich gegen die Unterdrückung zu
    sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepreßt,
    mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes „familiär“
    verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit,
    das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird den Untergang
    der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht
    dann der Witz: „R. behandelte mich ganz famili-
    är.“

    (mili)

    (är)

    Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns
    ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also
    die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdich-
    tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem
    Beispiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Mischwortes.
    Dieses Mischwort „famillionär“, an sich unverständlich, in dem
    Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn-
    reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingenden
    Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch
    die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht
    wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit
    Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum
    Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen
    Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm
    gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der Technik des
    Witzes verbleiben.

    Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die
    Einsicht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne,
    veranlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele
    gibt, die wie Heine’s „famillionär“ gebaut sind. Es gibt deren
    nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine Gruppe,
    die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen.
    Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz
    gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einem

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    „Millionarr“ spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige
    Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähn-
    lich wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken
    zum Ausdruck bringt.

    Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die
    Berliner heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt,
    dessen Errichtung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel
    Ungnade zugezogen hat, das „Forckenbecken“, und dieser
    Bezeichnung ist der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort
    „Brunnen“ erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Becken“
    erfahren mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen
    zusammenzutreffen. – Der böse Witz Europas hat einen der heute
    lebenden Potentaten aus Leopold in Cleopold umgetauft
    wegen seiner Anhänglichkeit an eine Dame mit dem Vornamen
    Cléo, eine unzweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem
    Aufwand eines einzigen Buchstaben eine ärgerliche Anspielung
    immer frisch erhält. – Eigennamen verfallen überhaupt leicht
    dieser Bearbeitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder,
    namens Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab
    die Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen,
    während für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige
    Bezeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem
    und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. – Der
    Witz pflegt darnach nicht viel zu fragen.

    Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger
    Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt,
    besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund,
    der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Be-
    suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind verheiratet? Ja,
    lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz ist
    vortrefflich; in dem Worte „Trauring“ kommen die beiden Kom-
    ponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt und der
    Satz: Traurig, aber wahr, zusammen.

    Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das
    Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht existenz-
    fähiges Gebilde ist, wie „famillionär“, sondern sich vollkommen
    mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.

    Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär“ ganz analog
    ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge-
    liefert. Ich erzählte einer Dame von den großen Verdiensten
    eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte.
    „Aber der Mann verdient doch ein Monument,“ meinte sie. „Mög-

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    lich, daß er es einmal bekommen wird,“ antwortete ich, „aber
    momentan ist sein Erfolg sehr gering.“ „Monument“ und
    Gegensätze.“ Die Dame vereinigt nun die
    Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen monumentanen Erfolg.
    Das vorzüglichste Witzbeispiel dieser Gruppe hat einen der
    ersten Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer
    wissenschaftlicher und öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt
    im Staate bekleidet. Ich habe mir die Freiheit genommen, die
    Witze, die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat
    alle das gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Unter-
    suchungen zu verwenden,*) vor allem darum, weil es schwer ge-
    halten hätte, sich ein besseres zu verschaffen.

    Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers
    aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang-
    weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer Wiener
    Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln durchweg
    kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Napoleon zu
    Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt, sobald
    er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote Fadian,
    der sich durch die Geschichte der Napoleoniden
    zieht?

    Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf
    ihn jenes Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch
    Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen
    vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz
    mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten
    Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einem
    absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis-
    zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem Goethe die Aus-
    züge „Aus Ottiliens Tagebuche“ in den „Wahlverwandtschaften“
    einleitet.**) Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also
    ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige


    *) Ob ich ein Recht dazu habe? Ich bin wenigstens nicht durch eine
    Indiskretion zur Kenntnis dieser Witze gekommen, die in dieser Stadt
    (Wien) allgemein bekannt sind und in jedermanns Munde gefunden werden.
    Eine Anzahl derselben hat Ed. Hanslick in der „Neuen freien Presse“ und
    in seiner Autobiographie der Öffentlichkeit übergeben. Für die bei münd-
    licher Tradition kaum vermeidlichen Entstellungen, die etwa die anderen
    betroffen hätten, bitte ich um Entschuldigung.

    **) „Wir hören von einer besonderen Einrichtung in der englischen
    Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis
    zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch
    das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles auf-

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    Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß! Diese
    Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich
    Goethe’s ist kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns
    zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung
    zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs-
    und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar
    vom ersten Range.*)

    Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über
    den langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis
    in den Wahlverwandtschaften, muß sich aus Gründen, die ich
    hier noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache
    Weise hergestellt haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde
    es versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende
    Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der be-
    ständigen Widerkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise
    Reminiszenz an die bekannte Stelle der Wahlverwandt-
    schaften geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es
    zieht sich wie ein roter Faden“ zitiert wird. Der „rote
    Faden“ des Gleichnisses übte nun eine verändernde Wirkung auf den
    Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes,
    daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. Es mag
    nun gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist es, der
    die langweiligen Feuilletons über Napoleon
    schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider
    Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der
    in der Gleichheit des Elements „rot“ den ersten Stützpunkt ge-
    funden hatte, assimilierte sich das „langweilig“ dem „Faden“
    und verwandelte sich in „fad“, und nun konnten die beiden Kom-
    ponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem
    diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich
    allein vorhandene schmähende Urteil.

    „Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt.
    Der rote Faden, der sich durch
    [alles hindurchzieht.


    Ist das nicht der rote Fadian der sich durch die Ge-
    [schichte der N. zieht?“
    zulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie der
    Krone gehören. Eben so zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden
    der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze be-
    zeichnet.“ (20. Band der Sophien-Ausgabe, S. 212.)

    *)Wie wenig diese regelmäßig zu wiederholende Beobachtung mit
    der Behauptung stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, brauche ich
    nur anzudeuten.

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    Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Dar-
    stellung werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich
    diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten her
    analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge,
    die Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann
    nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der Verdichtung
    ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits an-
    statt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durch-
    dringung der Bestandteile beider Komponenten. „Roter Fadian“
    wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in
    unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.

    Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde
    über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz
    zu zerstören droht, ohne ihn über die Quelle dieses Vergnügens
    aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten.
    Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung
    ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug aus-
    gedehnt haben.

    Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet
    darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen
    Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer
    Mischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des
    Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz
    bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen.
    „Ich bin tête-à-bête mit ihm gefahren.“ Nichts
    leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann
    nur heißen: Ich bin tête-à-tête mit dem X. gefahren, und der
    X. ist ein dummes Vieh.

    Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zu-
    sammengezogen: Ich bin tête-à-tête mit dem dummen
    Vieh von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz
    stellt sich erst her, wenn das „dumme Vieh“ weggelassen wird
    und zum Ersatz dafür das eine tête seint in b verwandelt, mit
    welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vieh“ doch
    wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser Gruppe
    von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter
    Modifikation und ahnt, daß der Witz um so besser sein
    wird, je geringfügiger die Ersatzmodifikation ausfällt.

    Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik
    eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über
    eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist:
    Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen.

  • S.

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    Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der
    einen Achillesferse, die man ja auch beim Helden zu-
    gestehen muß, deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also
    vier Füße hat aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im
    Witz verdichteten Gedanken gelautet:

    „Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervor-
    ragender Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist
    doch eher ein Vieh als ein Mensch.“*)

    Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich
    in einem Familienkreise im statu nascendi zu hören bekam. Von
    zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der
    andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem
    Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter
    zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das
    Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung be-
    deuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe greift
    diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf allen
    Vieren zurück.

    Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur
    Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht.
    Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches
    Plaidoyer für die eigene Sache. Überhaupt muß ihr nicht glauben,
    daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule
    besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel
    dümmer, als ich bin.

    Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifi-
    kation zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der
    von einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit be-
    hauptete, sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es
    war ein jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der durch
    seine Abstammung, Erziehung und seine persönlichen Eigen-
    schaften berufen schien, dereinst die Führung einer großen Partei
    zu übernehmen und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen.
    Aber die Zeiten änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig,
    und nun ließ sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer
    prädestinierte Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste
    reduzierte Fassung, durch die man diesen Witz ersetzen könnte,

    *)Eine der Komplikationen der Technik dieses Beispiels liegt darin,
    daß die Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung
    ersetzt, als Anspielung auf diese letztere zu bezeichnen ist, da sie
    erst über einen Schlußprozeß zu ihr hinführt. Über ein anderes Moment,
    welches hier die Technik kompliziert, s. u.

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    Verdichtung mit Modifikation.

    würde lauten: Der Mann hat eine große Zukunft vor
    sich gehabt, mit der ist es aber jetzt aus. Anstatt des
    „gehabt“ und des Nachsatzes die kleine Veränderung im Haupt-
    satze, daß das „vor“ durch ein „hinter“, sein Gegenteil,
    abgelöst wird.*)

    Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im
    Falle eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne
    anderes Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die
    öffentliche Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest be-
    gabten, der je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen.
    Als er aber das Amt niedergelegt und sich auf seine landwirt-
    schaftlichen Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm:

    Er ist wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor
    dem Pflug zurückgekehrt.

    Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum
    Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder
    ein. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur – der Ochs.

    Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es
    auch, wenn ein witziger Schriftsteller von einem sog. Revolver-
    journalisten mitteilt, er sei mit dem Orientexpreßzug in
    eines der Balkanländer gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort
    die beiden anderen „Orientexpreßzug“ und „Erpressung“
    zusammen. Infolge des Zusammenhanges macht sich das Element
    „Erpressung“ nur als Modifikation des vom Verbum geforderten
    „Orientexpreßzuges“ geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er
    einen Druckfehler vorspiegelt, noch ein anderes Interesse.

    Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere
    vermehren, aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um
    die Charaktere der Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung
    mit Modifikation, sicher zu erfassen. Vergleichen wir nun die
    zweite Gruppe mit der ersten, deren Technik in Verdichtung mit
    Mischwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter-
    schiede nicht wesentliche und die Übergänge fließend sind. Die
    Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen sich dem Be-
    griff der Ersatzbildung, und wenn wir wollen, können wir die


    *)An der Technik dieses Witzes wirkt noch ein anderes Moment
    mit, welches ich mir später anzuführen aufspare. Es betrifft den inhalt-
    lichen Charakter der Modifikation (Darstellung durch das Gegenteil, Wi-
    dersinn). Die Witztechnik ist durch nichts behindert, sich mehrerer Mittel
    gleichzeitig zu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen lernen
    können.

    Freud, Der Witz. 2

  • S.

    18

    II. Die Technik des Witzes.

    Mischwortbildung auch als Modifikation des Grundwortes durch das
    zweite Element beschreiben.


    Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns
    fragen, mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich
    unser erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit
    dem der Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt
    (s. o. S. 5). Die Kürze ist nun nicht an sich witzig, sonst wäre
    jeder Lakonismus ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von
    besonderer Art sein. Wir erinnern uns, daß Lipps versucht
    hat, die Besonderheit der Wit-
    zkürzung näher zu beschreiben
    (s. S. 5). Hier hat nun unsere Untersuchung eingesetzt und
    nachgewiesen, daß die Kürze des Witzes oftmals das Ergebnis
    eines besonderen Vorganges ist, der im Wortlaut des Witzes eine
    zweite Spur, die Ersatzbildung, hinterlassen hat. Bei der An-
    wendung des Reduktionsverfahrens, welches den eigentümlichen
    Verdichtungsvorgang rückgängig zu machen beabsichtigt, finden
    wir aber auch, daß der Witz nur an dem wörtlichen Ausdruck
    hängt, welcher durch den Verdichtungsvorgang hergestellt wird.
    Natürlich wendet sich jetzt unser volles Interesse diesem sonder-
    baren und bisher fast nicht gewürdigten Vorgang zu. Wir können
    auch noch gar nicht verstehen, wie aus ihm all das Wertvolle
    des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz uns bringt, entstehen
    kann.

    Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des
    Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des
    seelischen Geschehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf
    einem einzigen und scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre
    1900 habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel
    („Die Traumdeutung“) besagt, den Versuch macht, das Rätselhafte
    des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seeli-
    scher Leistung hinzustellen. Ich finde dort Anlaß, den manifesten,
    oft sonderbaren Trauminhalt in Gegensatz zu bringen
    zu den latenten, aber völlig korrekten Traumgedanken,
    von denen er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der
    Vorgänge ein, welche aus den latenten Traumgedanken den Traum
    machen, sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung
    beteiligt sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne
    ich die Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit
    habe ich einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem
    der Witztechnik die größte Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Ver-
    kürzung führt und Ersatzbildungen vom gleichen Charakter schafft.

  • S.

    19

    Die Verdichtung in der Traumarbeit aufzufinden.

    Jedem werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Misch-
    gebilde von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die
    in den Träumen auftreten; ja, der Traum bildet auch solche von
    Worten, die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. B. Auto-
    didasker = Autodidakt + Lasker“ („Die Traumdeutung“, S. 206).
    Andere Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Ver-
    dichtungsarbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern
    Bilder, die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis
    auf eine Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt,
    also Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N.
    Wir können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen
    psychischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen
    Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der
    Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für
    die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen,
    aus einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Auf-
    klärung des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese
    Arbeit einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik
    erst bei einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben,
    so daß wir nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung
    wir uns überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns
    also von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur
    Witztechnik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung
    gleichsam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht später
    wieder aufnehmen werden.


    Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang
    der Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar
    ist, so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik
    bezeichnet werden kann.

    Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge be-
    sonderer Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen
    Lehrer meiner jungen Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen
    Witz zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm
    gehört hatten, kam eines Tages lachend in das Institut und gab
    bereitwilliger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren
    Stimmung. „Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen. In
    einem Pariser Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein
    Verwandter des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen
    Namen trug. Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber
    so ungeschickt, daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der
    ihn eingeführt, als Kritik äußerte: „Vous m’avez fait connaître

  • S.

    20

    II Die Technik des Witzes.

    un jeune homme roux et sot, mais non pas un Rousseau.“
    Und er lachte von neuem.

    Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz,
    und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt,
    etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallenstein’s Lager, die
    bekanntlich der Manier des Abraham a Santa Clara nach
    gebildet ist:

    „Läßt sich nennen den Wallenstein,
    ja freilich ist er uns allen ein Stein
    des Anstoßes und Ärgernisses.“*)

    Welches ist aber die Technik dieses Witzes?

    Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht
    hoffen allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall
    versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung
    vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren
    Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver-
    wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen
    Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer
    Junge, ein roux et sot.“ Ich habe da allerdings einen Zusatz,
    eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch
    hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich-
    klang von Rousseau. Damit ist nun erwiesen, daß die Ver-
    dichtung mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes
    keinen Anteil hat.

    Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich
    belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name
    Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B.
    anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame,
    die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz ein
    gebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu
    suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung schwanken;
    ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin,
    daß ein und dasselbe Wort – der Name – in zweifacher
    Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine
    Silben zerteilt wie in einer Scharade.

    Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer
    Technik mit diesem identisch sind.

    (Nach Th. Fischer und K. Fischer.) Als in Berlin einmal
    die Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Auf-

    *)Daß dieser Witz infolge eines anderen Moments doch einer
    höheren Einschätzung würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden.

  • S.

    21

    führung des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz
    machte sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen: Antik?
    Oh, nee.

    In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch.
    Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er
    sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß
    keine andere Antwort hören als: Ona, nie.

    In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen,
    dieselbe Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal
    verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben
    zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen
    Sinn ergeben.*)

    Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines
    Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfallen läßt, war
    der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik,
    der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber
    aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die
    neu aufgefundene Technik kaum auf dieses eine Mittel beschränkt
    sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über-
    sehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie man dasselbe Wort oder
    dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in einem
    Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten als
    technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es scheint so zu
    sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen.
    Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen
    und nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die

    *)Die Güte dieser Witze beruht darauf, daß gleichzeitig ein anderes
    Mittel der Technik von weit höherer Ordnung zur Anwendung gekommen
    ist (s. u.). – An dieser Stelle kann ich übrigens auch auf eine Be-
    ziehung des Witzes zum Rätsel aufmerksam machen. Der Philosoph Fr.
    Brentano hat eine Gattung von Rätseln gedichtet, in denen eine kleine
    Anzahl von Silben zu erraten ist, die zu einem Worte vereinigt oder so
    oder anders zusammengefaßt, einen anderen Sinn ergeben, z. B.:
    ... ließ mich das Platanenblatt ahnen.

    oder:
    wie du dem Inder hast verschrieben, in der Hast verschrieben?

    Die zu erratenden Silben werden im Zusammenhang des Satzes durch
    das entsprechend oft zu wiederholende Füllwort dal... ersetzt. Ein Kollege
    des Philosophen übte eine geistreiche Rache, als er von der Verlobung
    des in reiferen Jahren stehenden Mannes hörte, indem er fragte: Daldaldal
    daldaldal? (Brentano brennt-a-no?)

    Was macht den Unterschied zwischen diesen Daldal-Rätseln und den
    obenstehenden Witzen? Daß in ersteren die Technik als Bedingung ange-
    geben ist und der Wortlaut erraten werden soll, während in den Witzen
    der Wortlaut mitgeteilt und die Technik versteckt ist.

  • S.

    22

    Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener
    Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt worden, desto besser
    ist in technischer Hinsicht der Witz.

    D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, II. Bd., S. 42):
    „Das Ehepaar X. lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der
    Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich
    dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder
    soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel
    verdient haben.“

    Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen
    Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient – sich etwas zurückgelegt,
    sich etwas zurückgelegt – viel verdient; es ist eigentlich nichts
    als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom
    Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter-
    scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze
    Technik dieses Witzes.

    Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn
    man die „mehrfache Verwendung des gleichen Mate-
    rials“ dahin ausdehnt, daß das Wort – oder die Worte – an
    denen der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere
    Mal mit einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe.

    Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.:

    Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist,
    eine gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat,“
    meint er, „Ihr Antisemitismus war mir bekannt, Ihr Anti-
    semitismus ist mir neu.“

    Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modi-
    fikation bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Bei-
    spiel erinnert an die anderen Modifikationswitze des Herrn N.
    (s. S. 15), aber zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Ver-
    dichtung; es ist im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden
    soll. „Ich weiß, daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert
    mich also, daß gerade Sie über Juden schimpfen.“

    Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes
    ist auch der bekannte Ausruf: Traduttore – Traditore!

    Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden
    Worte ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendig-
    keit, die den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt.

    Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist
    bei diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen
    gleicht.

  • S.

    23

    Hier ein Witz, der sich bei einem rechtwissenschaftlichen
    Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des
    Corpus juris übersetzen. „Labeo ait“... Ich falle, sagt er
    ... Sie fallen, sag' ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung
    ist zu Ende. Wer den Namen des großen Rechtsgelehrten für
    eine, zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich
    nichts besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Ver-
    wendung fast der nämlichen Worte, welche die Unwissenheit des
    Geprüften bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der
    Witz ist außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit“, deren
    Technik, wie sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten
    nicht viel absteht.

    Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei
    anfangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen
    die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich
    in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von
    Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht,
    unter denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder
    bekommen müssen.

    „Wie geht's?“ fragt der Blinde den Lahmen. „Wie Sie
    sehen,“ antwortete der Lahme dem Blinden.

    Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne
    voll und leer genommen werden können, und zwar in mehr
    als nur einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge
    desselben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Be-
    deutung, das andere sich zu einer abgeblaßten End- oder Anhänge-
    silbe entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauten.
    Der Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten
    Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kann die
    Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials Nutzen
    ziehen.

    Schleiermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der
    uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist:
    Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifersucht,
    was Leiden schafft.

    Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als
    Witz. Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei
    der Analyse anderer Witze irre machen können, so lange wir
    jeden von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wort-
    laut ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine
    recht ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im
    Unsinn“, „verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ ist

  • S.

    24

    II. Die Technik des Witzes.

    keine Rede. Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten
    Anstrengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den
    Worten und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von
    einer Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im
    Gegenteil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es
    ein Witz, selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger
    Charakter ist gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der
    Witz verschwindet, nämlich daß hier dieselben Worte eine mehr
    fache Verwendung erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man
    diesen Witz jener Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte
    einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie
    Rousseau, Antigone), oder jener anderen, in der die volle
    und die abgeblaßte Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannig-
    faltigkeit herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes
    Moment für die Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier
    ein ungewohnter Zusammenhang hergestellt, eine Art Unifizie-
    rung vorgenommen worden, indem die Eifersucht durch ihren
    eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst definiert ist. Auch
    dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik des Witzes.
    Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend sein,
    einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben.

    Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen
    Verwendung“ desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken
    wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder
    „Wortspiel“ vor uns haben, die als Technik des Witzes längst
    allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die
    Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der leichtesten
    Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir
    können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß
    wir an den nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks
    doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den
    „spielerischen“ Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns
    unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung“.

    Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man
    auch als Doppelsinn zu einer neuen dritten Gruppe ver
    einigen kann, lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die
    freilich nicht durch wesentliche Unterscheidungen von einander
    gesondert sind, ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der
    zweiten. Da gibt es zunächst a) die Fälle von Doppelsinn eines
    Namens und seiner dinglichen Bedeutung, z. B. „Drück
    dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol“ (bei Sha-
    kespeare).

  • S.

    25

    „Mehr Hof als Freiung,“ sagte ein witziger Wiener mit Be-
    ziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert
    wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“
    und „Freiung“ sind zwei aneinander stoßende Plätze im Innern
    der Stadt Wien.

    Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche
    Macbeth, sondern hier herrscht Banko“ (Banquo).

    Wo der unveränderte Namen nicht brauchbar – man könnte
    sagen: nicht mißbrauchbar – ist, kann man mittels einer der
    uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm
    gewinnen:

    „Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurück-
    gewiesen?“ fragte man in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort
    lautete: „Elsa’s (Elsaß) wegen.“

    b) Den Doppelsinn der sachlichen und metapho-
    rischen Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die
    Witztechnik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold
    bekannter ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur
    Schnitzler: „Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter
    geworden bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen
    den Spiegel vorgehalten.“ Der Spiegel, den der Vater des
    Dichters, der berühmte Arzt Dr. Schnitzler, gehandhabt, war
    der Kehlkopfspiegel; nach einem bekannten Ausspruch
    Hamlet’s ist es der Zweck des Schauspieles, also auch des
    Dichters, der es schafft, „der Natur gleichsam den Spiegel vor-
    zuhalten, der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes
    Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck
    seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).

    c) Den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, der
    sozusagen ideale Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort
    wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben-
    bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter-
    ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname,
    mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im
    Gefüge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Um-
    stände zweierlei Sinn aussagen.

    Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:

    (Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen
    des letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter
    der Orléans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals „C’est le
    premier vol de l’aigle. „Vol“ heißt Flug, aber auch Raub.

  • S.

    26

    Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von
    dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen;
    bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz
    zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“
    dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten
    Bonmot: „Le roi n’est pas sujet.“ „Sujet“ heißt ja auch
    Untertan.

    Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu
    dem ihm begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau ge-
    fällt mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich
    dieser zuzustimmen.

    Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau,
    er hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten
    ausgedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehe-
    lichen Abneigung finden kann.

    Von einer satyrischen Komödie sagte Heine: „Diese Satyren
    wäre nicht so bissig geworden, wenn der Dichter mehr zu beißen
    gehabt hätte.“ Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem
    und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem
    läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten?

    Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Hey-
    mans, Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis
    desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
    fassung und Ein-
    desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
    fassung und Ein-
    desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
    fassung und Ein-
    desselben verhindert wird.*) Die richtige Fassung und Ein-
    fassung und Ein-

  • S.

    27

    kleidung fand ich unlängst in einer sonst wenig brauchbaren
    Sammlung von Witzen.*)

    „Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie
    hatten kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir
    sagte: „Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden,
    Sie könnten mir 100 Dukaten pumpen.“ „Je nun,“ erwiderte
    Rothschild, „darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur
    unter der Bedingung, daß Sie einen Witz machen.“ „Darauf
    soll’s mir ebenfalls nicht ankommen,“ versetzte Saphir. „Gut,
    so kommen Sie morgen auf mein Bureau.“ Saphir stellte sich
    pünktlich ein. „Ach,“ sagte Rothschild, als er den Ein-
    tretenden gewahrte, „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten.“
    „Nein,“ erwiderte dieser, „Sie kommen um Ihre 100 Du-
    katen, da es mir bis zum jüngsten Tage nicht einfallen wird,
    sie wieder zu bezahlen.“

    „Was stellen diese Statuen vor?“ fragt ein Fremder einen
    einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern
    auf einem öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „ent-
    weder das rechte oder das linke Bein.“**)

    Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen-
    blicke nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse und unter den
    Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben.“

    Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung,
    wenn wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz an-
    schließen: „Der Unterschied zwischen ordentlichen und
    außerordentlichen Professoren besteht

  • S.

    28

    ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei korrelative
    Begriffe durch einander, wenn auch negativ, zu definieren, was eine
    kunstvolle Verschränkung ergibt. Endlich kann man den Gesichts-
    punkt der Unifizierung auch hier hervorheben, die Herstellung
    eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der
    Aussage, als man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte.

    Heine in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr
    kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner
    in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn
    auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu
    Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf
    meine Stubentür zu schreiben.“

    Der „Wiener Spaziergänger“ D. Spitzer fand für einen
    sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische,
    aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:
    „Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne Krone.“
    (Letzteres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand ver-
    knüpft war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleich-
    sam aus Eisen! Die verschiedenenen, aber nicht sehr auffällig mit-
    einander kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ er-
    möglichen diese „mehrfache Verwendung“.

    Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen
    Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 25 er-
    wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfußhandels den
    Witz zu Schulden kommen:
    „Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt
    nicht an ihre Unschuld.“

    Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppelsinn der Witz auf-
    gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen
    Sinn mit dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderen
    aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung
    ist. Nun gibt es sehr viele derartiger Beispiele von Doppelsinn,
    und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz
    besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese
    Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeiten“ reservieren.

    Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes
    ist der auf Seite 22 mitgeteilte von D. Spitzer:
    „Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient
    und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen
    wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei
    viel verdient haben.“

  • S.

    29

    Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit
    Zweideutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied in’s Auge,
    der für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von
    der „Unschuld“ liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen
    ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unter-
    scheiden, ob die sexuelle oder die nicht sexuelle Bedeutung des
    Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in
    dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale,
    Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“, der bei weitem auf-
    dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn,
    der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum
    scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in
    dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet
    ist, z. B. Heine's Charakterschilderung einer gefälligen Dame:
    „Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser.“ Es klingt
    wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.*)
    Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des
    Doppelsinnes uns nicht gleich nahe liegen, auch bei Witzen ohne
    sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der
    an sich gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch den Zusammen-
    hang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B.
    c'est le premier vol de l'aigle); alle diese Fälle schlage ich vor
    als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichnen.

    Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener
    Techniken des Witzes kennen gelernt, daß ich fürchten muß, wir
    könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir
    darum eine Zusammenstellung derselben:
    I. Die Verdichtung:
    a) mit Mischwortbildung,
    b) mit Modifikation.
    II. Die Verwendung des nämlichen Materials:
    c) Ganzes und Teile,
    d) Umordnung,
    e) leichte Modifikation,
    f) dieselben Worte voll und leer.


    *)Vergl. hiezu K. Fischer (S. 85), der für solche doppelsinnige Witze,
    in denen die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergrunde
    stehen, sondern die eine hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit“
    beansprucht, den ich oben anders verwendet habe. Solche Namengebung
    ist Sache des Übereinkommens, der Sprachgebrauch hat keine sichere
    Entscheidung getroffen.

  • S.

    30

    III. Doppelsinn:

    g) Name und Sachbedeutung,
    h) metaphorische und sachliche Bedeutung,
    i) eigentl. Doppelsinn (Wortspiel),
    k) Zweideutigkeit,
    l) Doppelsinn mit Anspielung.

    Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß-
    mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit
    den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte
    uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkenntnis
    des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser er-
    leichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache im
    Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die
    Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden
    also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit
    zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter
    einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen
    ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel-
    sinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung
    des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um-
    fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des
    gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi-
    fikation (c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht
    ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es
    zwischen der Technik der ersten Gruppe – Verdichtung mit Ersatz-
    bildung – und jener der beiden anderen, mehrfache Verwendung
    des nämlichen Materials?

    Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt’ ich meinen. Die
    Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall
    der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver-
    dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über-
    geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger
    ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint
    alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt
    (Thrift, Horatio, Thrift!).

    Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen
    Beispielen. „C’est le premier vol de l’aigle.“ Das ist der erste
    Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet
    zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch
    „Raub“. Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß der
    ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen gelassen

  • S.

    31

    worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen Ersatz
    überflüssig, oder eben so richtig: Das Wort vol enthält den Ersatz
    für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz darum
    einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben ist die
    Wohltat des Doppelsinnes.

    Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne
    Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung
    des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „eisern“ nicht
    gefunden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit
    ist es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Be-
    lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus.“

    Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis,
    unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt nun
    die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau – roux et sot,
    Antigone – antik? o – nee, in denen wir zuerst die Verdichtung
    vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die Technik
    der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials aufzustellen?
    Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht durch-
    kommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten Begriff
    der „Ersparnis“ vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit. Was
    wie in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen, ist leicht
    zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein Urteil
    zu bilden; beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im Bei-
    spiel der Leidenschaft – Eifersucht ersparen wir es uns, eine
    Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft
    und – Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die
    Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analy-
    sierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem
    Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten,“ da
    wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden;
    der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig,
    aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Ver-
    wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört
    gewiß zum „Sparen“, ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander-
    folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter
    aufgefaßt sehen will:

    „Das Gebackne
    Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“

    Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemein-
    sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen,
    woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn
    des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum

  • S.

    32

    II. Die Technik des Witzes.

    gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein,
    daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu
    sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er-
    sparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig.
    Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch
    bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften,
    und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein
    Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere
    Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der
    Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit
    nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der
    Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem
    finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche
    die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie er-
    innern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn sie,
    um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die
    Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige Heller wohl-
    feiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik?
    Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos er-
    geben hätten; anstatt dessen muß er sich die Mühe geben, das
    eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide Gedanken deckt; ja
    er muß oft erst den Ausdruck des einen Gedankens in eine nicht
    gebräuchliche Form umwandeln, bis diese ihm den Anhalt zur
    Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben kann. Wäre
    es nicht einfacher, leichter und eigentlich sparsamer gewesen, die
    beiden Gedanken so auszudrücken, wie es sich eben trifft, auch
    wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zu stande kommt?
    Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Auf-
    wand an intellektueller Leistung mehr als aufgehoben? Und wer
    macht dabei die Ersparung, wem kommt sie zu gute?

    Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den
    Zweifel selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirk-
    lich bereits alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich vor-
    sichtiger, neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unter-
    ziehen.

    Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten
    Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns dabei vielleicht
    durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen
    Witzen zu teil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin
    Kalauer (Calembourgs) genannt werden und für die niedrigste
    Abart des Wortwitzes gelten, wahrscheinlich weil sie am „billig-

  • S.

    Kalauer.                        33

    sten“ sind, mit leichtester Mühe gemacht werden können. Und
    wirklich stellen sie den mindesten Anspruch an die Technik des
    Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten. Wenn bei
    letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum
    meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck finden sollen,
    so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die beiden
    Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit
    aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit
    ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die Gemeinsamkeit
    einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher,
    nicht ganz treffend, „Klangwitze“ benannter Beispiele findet sich
    in der Predigt des Kapuziners in Wallenstein's Lager:

        „Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
        Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,

        Frißt den Ochsen lieber als den Oxenstirn‘,

        Der Rheinstrom ist geworden zu einem Peinstrom,
        Die Klöster sind ausgenommene Nester,
        Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer,

        Und alle die gesegneten deutschen Länder
        Sind verwandelt worden in Elender.“

        Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des
    Wortes: z. B. Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter,
    der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern
    zu besingen, sagt Hevesi (Almanaccando, Reisen in Italien,
    S. 87): Da er die Caesaren nicht auszurotten vermag, merzt
    er wenigstens die Caesuren aus.
        Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden,
    hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich
    schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fällt.
    Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit
    vor seiner Dame als „indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann
    die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen . . . .
    Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie der Kalkuten-
    braten, den ich gestern Mittag gegessen.“ Offenbar liegt der
    Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht
    mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel,
    dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen
    Kalkutta stammt oder stammen soll.
        K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerk-
    samkeit geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf ge-

    Freud, Der Witz. 3
  • S.

    34 II. Die Technik des Witzes.

    trennt wissen (S. 78). „Das Calembour ist das schlechte Wort-
    spiel, denn es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als
    Klang.“ Das Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes
    in das Wort selbst ein.“ Anderseits zählt er auch Witze wie
    „famillionär“, Antigone (antik? o nee) usw. zu den Klangwitzen.
    Ich sehe keine Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel
    ist das Wort für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser
    oder jener Sinn verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch
    hier wieder keine scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“
    mit Mißachtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt
    behandelt, so scheinen diese Wertungen durch andere als tech-
    nische Gesichtspunkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf,
    welcher Art die Witze sind, die man als „Kalauer“ zu hören be-
    kommt. Es gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie
    in aufgeräumter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie
    gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner
    Freunde, sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernst-
    haften Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt
    dergleichen auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die
    er einst so in Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer
    Ausdruck gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der Ka-Lauer,“
    und als man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung,
    daß man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides
    sind aber vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung.
    (Ich liege hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.)

    Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten
    über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer
    uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen
    kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehr-
    sinnige Verwendung des nämlichen Materials aufgegeben ist,
    so fällt doch der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten,
    auf die Übereinstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte,
    und somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent-
    lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht.

    Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche
    Anknüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.
    Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in
    einem Pariser Salon mit dem Dichter Soulié befunden und unter-
    halten habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in
    den Saal, die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas
    vergleicht, und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn

  • S.

    Die Verschiebung. 35

    mit größter Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt
    Soulié zu Heine, „wie dort das neunzehnte Jahrhundert das
    goldene Kalb anbetet.“ Mit einem Blick auf den Gegenstand der
    Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend: „O, der muß
    schon älter sein“ (K. Fischer, S. 82).

    Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes
    gelegen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann
    z. B. das Wort „goldenes Kalb“ den Mammon und auch den
    Götzendienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten
    das Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um
    nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel
    Geld und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die Probe
    machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben
    wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulié sagen:
    „Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen,
    bloß weil er reich ist,“ und das ist freilich gar nicht mehr witzig.
    Heine’s Antwort wird dann auch unmöglich.

    Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um
    den etwa witzigen Vergleich Soulié’s, sondern um die Antwort
    Heine’s handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir
    kein Recht an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe
    bleibt als Voraussetzung für die Worte Heine’s bestehen und
    die Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese
    Worte: „O, der muß schon älter sein,“ ausführen, können wir
    sie nur etwa so ersetzen: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist
    schon ein ausgewachsener Ochs.“ Für den Witz Heine’s er-
    übrigte also, daß er das „goldene Kalb“ nicht mehr metaphorisch,
    sondern persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst be-
    zogen hätte. Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der
    Meinung Soulié’s enthalten war!

    Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduk-
    tion den Witz Heine’s nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen
    Wesentliches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß
    Soulié sagt: „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahr-
    hundert das goldene Kalb anbetet!“ und Heine zur Antwort
    gibt: „O, das ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs.“ Und
    in dieser reduzierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine
    andere Reduktion der Worte Heine’s ist aber nicht möglich.
    Schade daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische
    Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung
    kommen. verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem

    3*

  • S.

    36                                II. Die Technik des Witzes.

    wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren
    glauben.
        Es sei einer der „Badewitze“, welche die Badescheu der Juden
    in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief
    von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft,
    sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu
    bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses
    würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen aber gerade
    die Judenwitze am besten.
        „Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen.
    „Hast du genommen ein Bad?“ fragt der eine. „Wieso?“
    fragt der andere dagegen, „fehlt ein’s?“
        Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man
    nicht gerade in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik
    nachzuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich
    in diese Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches Miß-
    verständnis,“ drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses
    Witzes? —, Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen.
    Für den einen ist „nehmen“ das farblos gewordene Hilfswort; für
    den anderen das Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also
    ein Fall von „voll“ und „leer“ nehmen desselben Wortes (Gruppe
    II, f.). Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen“ durch
    den gleichwertigen einfacheren „gebadet“, so fällt der Witz weg.
    Die Antwort paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum
    am Ausdruck „genommen ein Bad“.
        Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die
    Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt
    nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage:
    „Wieso? Fehlt ein’s?“ Und diese Antwort ist ihres Witzes durch
    keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört
    läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in der
    Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bades bedeutsamer
    ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen“. Aber wir sehen
    auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel suchen.
        Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk
    jüdisch ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch
    dieses Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum
    Glück nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen ver-
    hindert haben.
        „Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten
    unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am
    selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer

  • S.

    Die Verschiebung. 37

    Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe: „Wie,
    Sie leihen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich
    Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?“
    „Ich verstehe Sie nicht,“ antwortet der Beschuldigte, „wenn ich
    kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise,
    wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise.
    Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit
    Mayonnaise?“

    Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken.
    Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise“ kann nicht
    die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache
    Verwendung“ desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge-
    forderte wirkliche Wiederholung des Identischen. Wir dürfen vor
    dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur
    Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte,
    den Charakter des Witzes zu bestreiten.

    Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des
    Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der
    Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die
    Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß
    er das ihm geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet hat,
    und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent-
    lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Ant-
    wort; der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs
    gerade an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt,
    sondern mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen über-
    haupt nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken.
    Diesen einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte
    Bonvivant unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf miß-
    verstanden hätte, auf etwas anderes.

    Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von
    dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre?
    Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des
    psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden
    früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach-
    zuweisen.

    Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in
    der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Soulié macht Heine
    darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr-
    hundert das „goldene Kalb“ anbetet, gerade so wie einst das Volk
    der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine
    etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende

  • S.

    38 II. Die Technik des Witzes.

    haben an ihr nichts geändert,“ oder irgend etwas anderes Bei-
    pflichtendes. H e i n e lenkt aber in seiner Antwort von dem
    angeregten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er
    bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb“
    fähig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen
    Bestandteil der Phrase, das „Kalb“, auf und antwortet, als ob
    auf dieses der Akzent in der Rede Soulié’s gefallen wäre: „O,
    das ist kein Kalb mehr usw.*)
    Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses
    Beispiel fordert eine graphische Darstellung heraus.
    Der Erste fragt: „Hast du genommen ein B a d?“ Der Akzent
    ruht auf dem Element Bad.
    Der Zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast
    du genommen ein Bad?“
    Der Wortlaut „genommen ein Bad?“ soll nur diese Ver-
    schiebung des Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du ge-
    badet?“ so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige
    Antwort wäre dann: „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht,
    was das ist.“ Die Technik des Witzes aber liegt in der Ver-
    schiebung des Akzents von „Baden“ auf „nehmen“.**)
    Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise“ als dem
    reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver-
    schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die
    hier aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage
    vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche
    an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des
    psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema
    ist. Sodann obliegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis
    die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser
    Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver-
    schiebungswitz im hohen Grade unabhängig vom wörtlichen Aus-
    druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange.
    Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte

    *) Die Antwort H e i n e’s ist eine Kombination von zwei Witztechniken,
    einer Ablenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Das ist ein
    Ochs.
    **) Das Wort „nehmen“ eignet sich infolge seiner vielseitigen Gebrauchs-
    fähigkeit sehr gut für die Herstellung von Wortspielen von denen ich ein
    reines Beispiel zum Gegensatz gegen den obenstehenden Verschiebungs-
    witz mitteilen will: „Ein bekannter Börsenspekulant und Bankdirektor geht
    mit einem Freunde über die Ringstraße spazieren. Vor einem Kaffee-
    haus macht er diesem den Vorschlag: „Gehen wir hinein und n e h m e n
    wir etwas.“ Der Freund hält ihn zurück: „Aber Herr Hofrat, es sind doch
    Leute darin.“

  • S.

    39

    Die Verschiebung.

    bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur
    möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Fein-
    schmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem er
    in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte Fassung
    würde dann lauten: „Was mir schmeckt, kann ich mir nicht ver-
    sagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist mir gleichgültig.
    Da haben Sie die Erklärung, warum ich gerade heute Lachs mit
    Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld geliehen haben.“ — Das
    wäre aber kein Witz, sondern ein Zynismus.

    Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach
    sehr nahestehenden zu vergleichen:
    „Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer
    kleinen Stadt durch Lektionen geben. Sein Laster wird aber all-
    mählich bekannt und er verliert infolgedessen die meisten seiner
    Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu
    mahnen. „Sehen Sie, Sie könnten die schönsten Lektionen in
    der Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also
    tun Sie’s doch.“ — „Wie kommen Sie mir vor?“ ist die entrüstete
    Antwort. „Ich geb’ Lektionen, damit ich trinken kann;
    soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen
    bekomme!“

    Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns
    bei „Lachs mit Mayonnaise“ aufgefallen ist, aber er ist kein Ver-
    schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus,
    der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden — „Das Trinken
    ist mir ja die Hauptsache.“ Die Technik dieses Witzes ist eigent-
    lich recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären,
    sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger
    genommen, in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation
    zwischen dem Trinken und den Lektionengeben oder -bekommen.
    Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck
    nicht mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa
    so: „Was ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das
    Trinken die Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind
    für mich doch nur ein Mittel, um weiter trinken zu können.“ Der
    Witz haftete also wirklich am Ausdruck.

    Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut
    (Hast du genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung
    desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik
    ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppel-
    sinn (von der Unterart f.) und Verschiebung. Der Wortlaut der
    Frage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurch

  • S.

    40 II. Die Technik des Witzes.

    zu stande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller be-
    absichtigten sondern an den Nebensinn ankniipft. Wir sind dem-
    gemäß im stande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel-
    sinn im Ausdruck bestehen låBt und doch den Witz aufhebt,
    indem wir bloB die Verschiebung riickgångig machen:

    „Hast du genommen ein Bad?" — „Was soll ich genommen
    haben? Ein Bad? Was ist das?" Das ist aber kein Witz mehr,
    sondern eine gehåssige oder scherzhafte Ubertreibung.

    Eine ganz åhnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heine-
    schen Witz über das „goldene Kalb“. Er ermöglicht der Antwort
    die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im
    Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den
    Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede Soulié's
    und die Antwort Heine's etwa lauten: „Es erinnert doch lebhaft
    an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier
    den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwürmt." Und Heine:
    „Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht
    das Argste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen
    seines Reichtums seine Dummheit verzeiht.“ Damit wire bei
    Erhaltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.

    An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt
    machen, daß uns vorgehalten werde, diese heikeln Unterscheidungen
    suchen auseinander zu reißen, was doch zusammengehôre. Gibt
    nicht jeder Doppelsinn AnlaB zu einer Verschiebung, zu einer
    Ablenkung des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen?
    Und wir sollten damit einverstanden sein, daB ,,Doppelsinn“ und
    „Verschiebung“ als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen
    der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen
    Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat mit
    unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim
    Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung
    fáhiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von
    einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa —
    mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann.
    Beim Verschiebungswitz aber enthält. der Witz selbst einen Ge-
    dankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die
    Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt
    hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwendig ist. Sollte
    uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den
    Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben
    greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir aber jenem
    Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam ge-

    |

  • S.

    Verschiebung und Doppelsinn.                        41

    macht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des
    Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei
    der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen
    dürfen. Nur die ersteren sind der Gegenstand unserer gegen-
    wärtigen Untersuchung.*) **)

        Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie
    sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch
    die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist
    folgender Witz:
        „Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd:
    „Wenn Sie dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh auf-
    setzen, sind Sie um 1/27 Uhr in Preßburg.“ — „Was mach' ich
    in Preßburg um 1/27 Uhr früh?“

        Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler er-
    wähnt die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in
    der Absicht, die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe
    zu beweisen. Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des
    Tieres, das er weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß
    auf die Daten des zur Probe gewählten Beispieles ein. Die
    Reduktion dieses Witzes ist dann nicht schwer zu geben.
        Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik
    recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel-
    sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der
    Ausflucht eines Schadchen (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört
    also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird.
        „Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater
    des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung
    stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerker-
    strafe abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadchen Vor-
    würfe. „Nun,“ meint dieser, „was habe ich Ihnen gesagt? Ist
    denn das e i n L e b e n?“

        Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben“ und die Ver-
    schiebung besteht darin, daß der Schadchen sich von dem ge-
    meinen Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod“


        *) Über die letzteren siehe die späteren Abschnitte.
        **) Vielleicht sind hier einige Worte zur weiteren Klärung nicht über-
    flüssig: Die Verschiebung findet regelmäßig statt zwischen einer Rede und
    einer Antwort, welche den Gedankengang nach anderer Richtung fortsetzt,
    als er in der Rede begonnen wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von
    Doppelsinn zu sondern, geht am schönsten aus den Beispielen hervor, in
    denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut der Rede einen
    Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht beabsichtigt ist, aber der Antwort
    den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiele.)

  • S.

    42

    II. Die Technik des Witzes.

    bildet, auf den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das
    ist kein Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung
    nachträglich für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung
    gerade hier recht fern liegt. Soweit wäre die Technik ähnlich
    wie im Witz vom „goldenen Kalb“ und im „Badewitz“. Aber es
    ist hier noch ein anderes Moment zu beachten, welches durch
    seine Vordringlichkeit das Verständnis der Technik stört. Man
    könnte sagen, dieser Witz sei ein „charakterisierender“, er bemüht
    sich die für den Heiratsvermittler charakteristische Mischung von
    verlogener Dreistigkeit und schlagfertigem Witz durch ein Bei-
    spiel zu illustrieren. Wir werden hören, daß dies nur die Schau-
    seite, die Fassade, des Witzes ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht
    ist eine andere. Wir schieben es auch auf, eine Reduktion von
    ihm zu versuchen.*)

    Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden
    Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir
    in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines
    „Verschiebungswitzes“ zu erkennen vermögen. „Ein Schnorrer
    trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter-
    stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm
    Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich
    will Ihnen etwas dazu geben,“ meint der Reiche; „aber müssen
    Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?“
    – „Herr Baron,“ lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine
    Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“ – Gewiß, ein richtiger Stand-
    punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort
    ist gegeben vom Standpunkt eines reichen Mannes. Der Schnorrer
    benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das er für seine
    Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die näm-
    liche Person an.


    Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel
    „Lachs mit Mayonnaise“ an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schau-
    seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit
    zu bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren,
    daß diese Logik einen Denkfehler, nämlich eine Verschiebung des
    Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir,
    wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an
    andere Witze gemahnt werden, die ganz im Gegenteil etwas
    Widersinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau

    *)Siehe unten Abschnitt III, S. 88.

  • S.

    43

    Der Unsinn als technisches Mittel.

    stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser
    Witze bestehen mag.

    Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen
    Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz.

    „Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein
    intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den
    Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt
    ihn beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich
    will dir einen Rat geben: Kauf’ dir eine Kanon’ und mach’
    dich selbständig.“

    Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offen-
    barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein
    einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen,
    gleichsam „etablieren“. Es kann uns aber keinen Moment zweifel-
    haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein
    witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch wird also der
    Unsinn zum Witz?

    Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Aus den in der
    Einleitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wir
    erraten, daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und
    daß dieser Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der
    Sinn in unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier,
    welcher dem Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt
    sich nur dumm, um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich
    benimmt. Er kopiert den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat
    geben, der genau so dumm ist wie du.“ Er geht auf Itzig’s
    Dummheit ein und bringt sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur
    Grundlage eines Vorschlags macht, der Itzig’s Wünschen ent-
    sprechen muß, denn besäße Itzig eine eigene Kanone und betriebe
    das Kriegshandwerk auf eigene Rechnung, wie kämen ihm da
    seine Intelligenz und sein Ehrgeiz zu statten! Wie würde er die
    Kanone im Stande halten und sich mit ihrem Mechanismus ver-
    traut machen, um die Konkurrenz mit anderen Kanonenbesitzern
    zu bestehen!

    Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem
    kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinn-
    witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen.

    „Niemals geboren zu werden, wäre das beste
    für die sterblichen Menschenkinder.“ „Aber,“
    setzen die Weisen der „Fliegenden Blätter“ hinzu, „unter
    100.000 Menschen passiert dies kaum einem.“

  • S.

    44

    Der moderne Zusatz zum alten Weisheitsspruch ist ein klarer
    Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum“ noch
    dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein-
    schränkung an den ersten Satz an, kann uns also die Augen
    darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit
    auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden
    ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes
    und kein Bestes. Den Unsinn im Witze dient also hier zur Auf-
    deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel
    vom Artilleristen Itzig.

    Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch
    seinen Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum
    verdienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns
    im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deut-
    lich erläutert:

    „Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem
    Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre
    Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet
    sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe.
    Der kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. Wo
    hat sie denn geschlafen? fragt endlich der Vater. – Im Zimmer
    mit meinem Sohn. – Aber wie kannst du sie im selben Zimmer
    mit meinem Sohn schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten
    habe, sie zu behüten? – Es war doch eine spanische Wand
    zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das
    Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand. –
    Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist? –
    Außer das, meint der andere nachdenklich. So wäre es
    möglich.“

    Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringem
    Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde
    offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen.
    Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus
    zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen
    Mannes leben muß? Als ob es einem Fremden möglich wäre, unter
    solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens einzustehen!
    Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch hier nur
    die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die Reduktion
    haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den Witz selbst
    beseitigt. Das Element „Dummheit“ selbst sind wir nicht los
    geworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen Sinn
    reduzierten Satzes eine andere Stelle.

  • S.

    45

    Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der
    Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß,
    du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es
    ist eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es
    beim Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben,
    wo jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim
    Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken.“

    Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirk-
    lich in der Anbringung von etwas Dummem, Unsinnigem, dessen
    Sinn die Veranschaulichung, Darstellung von etwas anderem
    Dummen und Unsinnigen ist.

    Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik
    jedesmal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches
    im bejahenden Sinne antwortet:

    „Als dem Phokion einmal nach einer Rede Beifall ge-
    klatscht wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was
    habe ich denn Dummes gesagt?“

    Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald
    ihren Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesen dummem
    Volk so gefallen konnte? Ich müßte mich ja eigentlich des Bei-
    falls schämen; wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst
    nicht sehr gescheit gewesen sein.“

    Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daß der
    Widersinn sehr häufig in der Witztechnik gebraucht wird, ohne
    dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen.

    „Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmuten-
    des Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur
    Geburt seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vor-
    gerücktem Alter beschieden wurde. „Ja,“ erwidert er den Glück
    Wünschenden, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zu
    stande bringen können.“ – Diese Antwort erscheint ganz
    besonders sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein
    Segen Gottes recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand.
    Aber bald fällt uns ein, daß diese Antwort doch einen Sinn hat,
    und zwar einen obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der
    glückliche Vater sich dumm stellen will, um etwas anderes oder
    andere Personen als dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinn-
    lose Antwort wirkt auf uns überraschend, verblüffend, wie wir
    mit den Autoren sagen wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren
    die ganze Wirkung solcher Witze aus dem Wechsel von „Ver-
    blüffung und Erleuchtung“ ableiten. Darüber wollen wir uns
    später ein Urteil zu bilden versuchen; wir begnügen uns hervor-

  • S.

    46

    zuheben, daß die Technik dieses Witzes in der Anbringung von
    solchem Verblüffen, Unsinnigen besteht.

    Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dummheitswitzen
    nimmt ein Witz von Lichtenberg ein.

    „Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der
    Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären,
    wo sie die Augen hätten.“ Sich über etwas Selbstverständ-
    liches zu wundern, etwas was eigentlich nur die Aus-
    einandersetzung einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dumm-
    heit. Es mahnt an einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei
    Michelet (Das Weib), der nach meiner Erinnerung etwa so
    lautet: Wie schön ist es doch von der Natur eingerichtet, daß
    das Kind, sobald es zur Welt kommt, eine Mutter vorfindet, die
    bereit ist, sich seiner anzunehmen! Der Satz von Michelet ist
    eine wirkliche Dummheit, aber der Lichtenberg’sche ist ein
    Witz, der sich der Dummheit zu irgend einem Zwecke bedient,
    hinter dem etwas steckt. Was? Das können wir freilich in diesem
    Moment nicht angeben.


    Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er-
    fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen
    Denken, der Verschiebungen und des Widersinnes, als
    technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient.
    Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk-
    fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen
    sich einige Beispiele von dieser Art angeben:

    „Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine
    Torte geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an
    ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will
    sich entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält
    ihn zurück. „Was wollen Sie von mir?“ – Sie sollen den Likör
    bezahlen. – „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“ –
    Die haben Sie ja auch nicht bezahlt. – „Die habe ich ja
    auch nicht gegessen.“

    Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur
    Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits
    kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde
    zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des
    Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt
    zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von-
    einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver-
    hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen

  • S.

    47

    und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann
    nimmt er den Likör und den ist er schuldig zu bezahlen. Man
    kann sagen, der Kunde wende die Relation „dafür“ doppelsinnig
    an; richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Ver-
    bindung her, die sachlich nicht stichhältig ist.

    Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be-
    kenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung
    der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein,
    daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind.
    Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen in’s Schwanken
    geraten, ob das betreffende Beispiel ein Witz genannt werden
    darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote,
    ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat; der Sprachgebrauch
    ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be-
    rechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts
    anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung“, welche wir
    dahin interpretieren dürfen, daß sich in unsern Urteilen die
    Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer
    Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichende Be-
    gründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung“ nicht
    ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir
    nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als
    einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlechtweg.
    Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.

    Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den so-
    zusagen komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter
    Witz. Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:
    „Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mädchen
    gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger-
    mutter gefällt mir nicht,“ sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme
    Person.“ – „Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie
    wollen die Tochter. – „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und
    schön von Gesicht gerade auch nicht.“ – Das macht nichts; ist
    sie nicht jung und schön, wird sie Ihnen um so eher treu bleiben.
    – „Geld ist auch nicht viel da.“ – Wer spricht vom Geld?
    Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau. –
    „Aber sie hat ja auch einen Buckel!“ – Nun, was wollen Sie?
    „Gar keinen Fehler soll sie haben!“

    Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr
    junges, unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine ab-
    stoßende Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung
    versehen ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Ver-

  • S.

    48

    II. Die Technik des Witzes.

    hältnisse. Der Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser
    Fehler anzugeben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit
    ihm versöhnen könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel
    nimmt er dann als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem
    Menschen hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein
    von Logik vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist, und der
    den Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter
    Fehler, über die man hinwegsehen konnte, und einen,
    über den man nicht hinweg kommt; es ist nicht zu heiraten. Der
    Vermittler tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht
    beseitigt wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung
    erübrigt, das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf,
    jeden Faktor vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur
    Summe zusammenzusetzen.

    Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis-
    mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung ein Witz
    zu heißen man aber anzweifeln könnte.

    „A. hat von B. einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach
    der Rückgabe von B. verklagt, weil der Kessel nun ein großes
    Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung
    lautet: „Erstens habe ich von B. überhaupt keinen
    Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits
    ein Loch, als ich ihn von B. übernahm; drittens
    habe ich den Kessel ganz zurückgegeben.“ Jede
    einzelne Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber
    schließen sie einander aus. A. behandelt isoliert, was im Zusammen-
    hange betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit
    den Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen: A. setzt das
    „und“ an die Stelle, an der nur ein „entweder – oder“ möglich ist.
    Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats-
    vermittlergeschichte:

    „Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres
    Bein hat und hinkt. Der Schadchen widerspricht ihm. „Sie haben
    Unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden,
    geraden Gliedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag
    sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm
    ist für’s ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung,
    die Doktorrechnung! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen
    das nicht passieren; da haben Sie eine fertige Sach.“

    Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand
    wird dem bereits „fertigen Unglück“ gar noch einen Vorzug vor
    dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedanken-

  • S.

    49

    Sophistische Denkfehler.

    gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten Bei-
    spiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons nicht
    völlig entkleiden mag.

    „Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet
    mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und
    äußert, von den besorgten Schülern befragt: „Eben jetzt ist der
    große Rabbi L. in Lemberg gestorben.“ Die Gemeinde legt Trauer
    um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden
    nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi ge-
    storben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie haben
    ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich als
    ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu jener
    Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch
    verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift
    die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser
    Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von
    Eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben
    gesehen hat. Der Mann lebt noch heute.“ „Macht nichts,“ er-
    widert der Schüler, „der Kü*) von Krakau bis nach
    Lemberg war doch großartig.“

    Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denk-
    fehler unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung
    wird gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast
    der Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau-
    von Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante tele-
    pathische Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber
    darauf kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch möglich
    gewesen, daß der Rabbi in Krakau in jenem Moment gestorben
    wäre, in dem der Lemberger Rabbi seinen Tod verkündete, und
    dem Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter
    der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten
    Bewunderung dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est“
    bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Bei-
    spiel von der Realität abgesehen wird zu Gunsten der Möglichkeit,
    so mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die
    Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden kann,
    als das bei weitem Bedeutsamere in’s Auge zu fassen, wogegen
    die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten soll.

    Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich
    eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als


    *)Kück von gucken, also Blick, Fernblick.

    Freud, Der Witz.4

  • S.

    50

    einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur
    eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser
    neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchengeschichten
    angehören:
    „Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen
    Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie
    ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. —
    Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat
    sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat!
    bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. —
    Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver-
    mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. — Aber ein Höcker!
    bekräftigt wieder das Echo.“ Die anderen Geschichten sind ganz
    analog, obwohl sinnreicher.

    „Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un-
    angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm
    flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. „Wozu haben Sie mich
    hieher gebracht?“ fragt er ihn vorwurfsvoll. „Sie ist häßlich und
    alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen . . .
    — Sie können laut sprechen, wirft der Vermittler ein, taub ist
    sie auch.“

    „Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch
    im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Erscheinen
    der Familie warten, macht der Vermittler auf einen Glasschrank
    aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte zur Schau
    gestellt sind. „Da schauen Sie hin, an diesen Sachen können
    Sie sehen, wie reich diese Leute sind.“ — „Aber,“ fragt der miß-
    trauische junge Mann, „wäre es denn nicht möglich, daß diese
    schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammengeborgt sind
    und den Eindruck des Reichtums zu machen?“ — „Was fällt
    Ihnen ein?“ antwortet der Vermittler abweisend. „Wer wird
    denn den Leuten was borgen!“

    In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person,
    die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt
    diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort,
    wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider-
    läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation
    anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach-
    gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er
    mitgenommen wurde, um den Bewerber zu Gunsten der vorge-
    schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe
    gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut

  • S.

    51

    durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch
    ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern
    sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf-
    zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß
    er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt,
    wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der
    dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den
    jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen, soweit
    hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte Recht zu
    behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung umstoßen
    muß. Überall siegt der Automatismus über die zweckmäßige Ab-
    änderung des Denkens und Äußerns.

    Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken,
    wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit
    dem gleichen Recht als „komisch“ bezeichnet werden können, wie
    wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des psychischen
    Automatismus gehört zur Technik des Komischen wie jede Ent-
    larvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier plötzlich vor das
    Problem der Beziehung des Witzes zur Komik gestellt, das wir
    zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind diese Geschichten
    etwa nur „komisch“ und nicht auch „witzig“? Arbeitet hier die
    Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und wiederum, worin
    besteht der besondere Charakter des Witzigen?

    Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztunter-
    suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An-
    bringung von „Denkfehlern“ besteht, sind aber genötigt zuzu-
    gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr in’s Dunkel
    als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung
    nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des
    Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs-
    punkt für weitere Einsichten werden kann.

    Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Unter-
    suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik
    erinnert uns vor allem an Bekanntes.

    Etwa ein Witz von Lichtenberg:
    „Der Januar ist der Monat, da man seinen
    guten Freunden Wünsche darbringt, und die übri-
    gen die, worin sie nicht erfüllt werden.“

    Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit
    wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein-
    druck von ihnen erst durch Häufung verstärken.

  • S.

    52

    „Dasmenschliche Leben zerfällt
    in der ersten wünscht man die zweite herbei, und
    in der zweiten wünscht man die erste zurück.“

    „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt,
    was man nicht zu erfahren wünscht“ (beide bei K.
    Fischer).

    Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine
    früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch die
    „mehrfache Verwendung desselben Materials“ auszeichnet. Das
    letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf-
    zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es
    hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. „Die Erfahrung“
    wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener
    Stelle die Eifersucht (vgl. S. 23). Auch ich würde mich gegen
    diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen Bei-
    spielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist ein
    anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehrfache
    Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn
    Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier
    neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen von
    Vorstellungen zu einander, und Definitionen durch einander oder
    durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte diesen
    Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Verdichtung
    durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. So
    werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine
    zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben: in
    der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die erste
    zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Beziehungen
    zu einander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der Ähnlichkeit
    der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der Worte, welche
    uns eben an die mehrfache Verwendung des nämlichen Materials
    mahnen konnte (herbei – wünschen). In dem Witz von Lich-
    tenberg sind der Januar und die ihm gegenüber gestellten
    Monate durch eine wiederum modifizierte Beziehung zu etwas
    Drittem charakterisiert; dies sind die Glückwünsche, die man in
    dem einen Monat empfängt, und die sich in den anderen nicht
    erfüllen. Der Unterschied von der mehrfachen Verwendung des
    gleichen Materials, die sich ja dem Doppelsinn annähert, ist hier
    recht deutlich.*)


    *)Ich will mich der früher erwähnten Eigentümlichkeit Negativrelation
    des Witzes zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was das andere zur Schau

  • S.

    53

    Ein schönes Beispiel von Unifizierungs-
    witz, das der Erläuterung
    nicht bedarf, ist folgendes:

    „Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine
    Ode an die Nachwelt (à la posterité); Voltaire fand, daß der
    Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach-
    welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird
    nicht an seine Adresse gelangen.“ (Nach K. Fischer.)

    Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß
    es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag-
    fertigen Witzen zu Grunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja
    im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des
    Spießes“, im „Bezahlen mit gleicher Münze“, also in Herstellung
    einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff.

    Z. B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat:

    „Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?“

    stellt, bedienen, um die „Unifizierung“ besser, als obige Beispiele es
    gestalten, zu beschreiben. Viele der Rätsel, mit deren Produktion sich der
    Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner Erblindung vertrieb, zeichnen
    sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen beson-
    deren Reiz verleiht. Man nehme z. B. das schöne Rätsel Nr. 203 (Rätsel-
    büchlein von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage, Jahreszahl nicht angegeben

    „Die beiden Ersten finden ihre Ruhestätte
    Im Paar der Andern, und das Ganze macht ihr Bette.“

    Von den beiden Silbenpaaren, die zu erraten sind, ist nichts ange-
    geben als eine Beziehung zu einander, und vom Ganzen nur eine solche
    zum ersten Paar. (Die Auflösung lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei
    Beispiele von Beschreibung durch Relation zu dem nämlichen oder wenig
    modifizierten Dritten:

    Nr. 170. „Die erste Silb' hat Zähn' und Haare,
    Die zweite Zähne in den Haaren.
    Wer auf den Zähnen nicht hat Haare,
    Vom Ganzen kaufe keine Ware.“ (Roßkamm.)


    Nr. 168. „Die erste Silbe frißt,
    Die andere Silbe ißt,
    Die dritte wird gefressen,
    Das Ganze wird gegessen. (Sauerkraut.)

    Die vollendetste Unifizierung findet sich in einem Rätsel von Schleier-
    macher, das man nicht anders als witzig heißen kann:

    „Von der Letzten umschlungen
    Schwebt das vollendete Ganze
    Zu den zwei Ersten empor.“ (Galgenstrick.)

    Die größte Mehrzahl aller Silbenrätsel ist der Unifizierung bar, d. h.
    das Merkmal, aus dem die eine Silbe erraten werden soll, ist ganz unab-
    hängig von dem für die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem An-
    haltspunkt für's selbständige Erraten des Ganzen.

  • S.

    54

    Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen
    Semmeln unter den Nagel geraten.“ (Nach Überhorst, Das
    Komische, II, 1900.)

    „Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und
    bemerkt in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen
    Person auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu
    fragen: „Hat seine Mutter wohl einmal in der Resi-
    denz gedient?“ – „Nein, Durchlaucht,“ lautet die Antwort,
    „aber mein Vater.“

    Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazier-
    ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be-
    schäftigt ist. „Kann er meinen Schimmel blau färben?“
    ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl,
    Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!“

    Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche“ – die eine un-
    sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be-
    antwortet – wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, das
    ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet hätte:
    „Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden
    nicht vertragen.“

    Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders
    interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch
    das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang;
    wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz-
    reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im Allgemeinen
    werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in
    Studenten, Professoren, Philister und Vieh,“ so ver-
    stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der durch
    den Zusatz Heine’s noch unterstrichen wird: „welche vier Stände
    doch nichts weniger als scharf geschieden sind.“ Oder, wenn er
    von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel und
    Geographie“ ausstehen mußte, so will diese Anreihung,-
    durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehr-
    gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch
    die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben-
    gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen.

    Bei Lipps finden wir unter den Beispielen von „witziger
    Aufzählung“ („Koordination“) als nächst verwandt dem Heine-
    schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh“ den Vers:
    „Miteiner Gabel und mit Müh’ zogihn die Mutter
    aus der Brüh’“; als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die
    Gabel, setzt Lipps erläuternd hinzu. Wir empfangen aber den

  • S.

    55

    Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr
    komisch, während die Heine’sche Anreihung ein unzweifelhafter
    Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele
    erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik
    und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen.


    Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir be-
    merkt, daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der
    Färber antworten würde: Nein, ich fürchte, der Schimmel wird
    das Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: Ja, Durch-
    lauch, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung
    des eigentlich hingehörigen „Nein“ durch ein „Ja“ liegt ein neues
    technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen
    Beispielen verfolgen wollen.

    Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer benachbarter Witz
    ist einfacher: Friedrich der Große hört von einem Prediger in
    Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt
    den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann
    Geister beschwören?“ Die Antwort war: „Zu Befehl,
    Majestät, aber sie kommen nicht.“ Hier ist es nun
    ganz augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem
    bestand, als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein“ durch
    sein Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das
    „Ja“ ein „aber“ geknüpft werden, so daß „ja“ und „aber“ dem
    Sinne von „nein“ gleichkommen.

    Diese Darstellung durch’s Gegenteil, wie wir sie
    nennen wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen.
    In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor: Heine:
    „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von
    Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben-
    falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober-
    fläche ihres Körpers einige weiße Flecken.“

    Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Überein-
    stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können
    freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in
    Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:

    Lichtenberg: Der große Geist.
    „Er hatte die Eigenschaften der größten Män-
    ner in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie
    Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu
    nesteln wie Caesar, konnte Kaffee trinken wie Leib-
    nitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehnstuhl

  • S.

    56

    saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber wie
    Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken;
    seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein
    Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer-
    vantes.“

    Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das
    Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte
    gänzlich verzichtet ist, hat J. v. Falke von einer Reise nach
    Irland heimgebracht. „Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen
    wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell-
    schaft von Alt und Jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute-
    rungen begleitet. „This is the Duke of Wellington and
    his horse,“ worauf ein junges Fräulein die Frage stellt „Which
    is the Duke of Wellington and which is his horse?“
    „Just, as you like, my pretty child,“ lautet die Antwort,
    „you pay the money and you have the choice.“
    (Welches ist der Herzog von W. und welches ist sein Pferd? –
    Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie zahlen Ihr Geld
    und Sie haben die Wal.) (Lebenserinnerungen, S. 271.)

    Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Un-
    -
    verschämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten
    wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinander zu kennen.
    (Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld!
    Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen
    Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt
    eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es
    muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington
    sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der
    den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür
    bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in
    welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht,
    dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte,
    die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt
    man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache
    ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Ge-
    wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von
    Darstellung durch’s Gegenteil; indem er dies aber bei einem
    Anlaß tut, wo man ganz anders von ihm verlangt, so daß er
    mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der
    Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung.
    Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden
    Mittel.

  • S.

    57

    Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe,
    die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird
    das „Ja“, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein
    „Nein“ ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten „Ja“ infolge
    seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle.
    Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über-
    bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:

    „Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar;
    Doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.“

    Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch
    Lichtenberg:
    „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
    als Eure Schulweisheit sich träumen läßt,“ hatte
    Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß
    diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht
    alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann.
    Er fügt also das noch fehlende hinzu: „Aber es gibt auch
    vieles in der Schulweisheit, das sich weder im
    Himmel noch auf Erden findet.“ Seine Darstellung hebt
    zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet
    gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt
    ein zweiter und noch größerer Vorwurf.

    Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung,
    sind zwei Judenwitze allerdings von grobem Kaliber.

    „Zwei Juden sprechen über das Baden. „Ich nehme jedes
    Jahr ein Bad,“ sagt der eine, „ob ich es nötig habe
    oder nicht.“

    Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung
    seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt.

    „Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. Ich
    kann dir sagen, was du gestern gegessen hast. –
    Nun, sag’. – Also Linsen. – Gefehlt, vorgestern!“

    Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung
    durch’s Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender:

    „Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische
    Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation
    eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen
    seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo,
    mein lieber Geheimrat.“ Nach vollendeter Operation tritt
    der Professor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „Be-
    fehlen Majestät auch das andere Bein?“

  • S.

    58

    Was der Professor sich während des königlichen Beifalls
    gedacht haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aus
    sprechen: „Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich
    dem armen Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag
    und nur wegen des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch
    wirklich andere Gründe für diese Operation.“ Aber dann geht er
    vor den König hin und sagt: „Ich habe keine anderen Gründe
    für eine Operation als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete
    Beifall hat mich so beseeligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl
    erwarte, um auch das gesunde Bein zu amputieren.“ Es gelingt
    ihm so sich verständlich zu machen, indem er das Gegenteil von
    dem aussagt, was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses
    Gegenteil ist eine unglaubwürdige Überbietung.

    Die Darstellung durch’s Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei-
    spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel
    der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über-
    sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist.
    Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf
    dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam
    umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft:

    „Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann –“
    so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner Worte
    entgegenschreien wird:

    „Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!“

    Oder wenn der „Simplizissimus“ eine Samm-
    lung unerhörter Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gefühls-
    menschen“ überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durch’s
    Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie“, nicht mehr Witz. Der
    Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durch’s
    Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi-
    schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die
    Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es
    muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht
    aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider-
    sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz
    beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwer fallen, die beiden
    festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen
    haben, miteinander vereint zu denken.

    Wenn die Darstellung durch’s Gegenteil zu den technischen
    Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege,

  • S.

    59

    daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch
    Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die
    Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren,
    daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen
    Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart
    dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch
    „Verwandtes“ setzen: durch Zusammengehöriges oder Zu-
    sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charak-
    ter den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern.

    Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupellosen
    Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht ge-
    wagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben und
    nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft auf-
    zudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweckmäßiges
    Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler der Stadt,
    dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen.
    Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst ge-
    zeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten
    Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, auf welcher die
    beiden Portraits neben einander aufgehängt waren, um ihm sein
    bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit
    an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde,
    und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen beiden Bildern
    deutend: „And where is the Saviour?“ (Und wo bleibt der
    Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.)

    Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um
    die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden
    kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Dar-
    stellung“ zu stande? Durch eine Reihe leicht sich einstellen-
    der Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der
    Darstellung des Witzes an nach rückwärts.

    Die Frage: Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands?
    läßt uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der beiden
    Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick ge-
    mahnt worden ist, welcher aber als hier fehlendes Element das
    Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern
    zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen
    den beiden Schächern. Das Fehlende wird vom Witz hervor-
    gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergegangenen
    Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin be-
    stehen, daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder von

  • S.

    60

    Schächern sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen
    konnte, war also: Ihr seid ein paar Hallunken; ausführlicher:
    Was kümmern mich eure Bilder? Ihr seid ein paar Hallunken,
    das weiß ich. Und er hat es schließlich über einige Assoziationen
    und Schlußfolgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den
    der Anspielung bezeichnen.

    Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits be-
    gegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei
    Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die
    eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vordergrund
    steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während die
    andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesen Fall
    als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer
    ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir an-
    gemerkt, daß deren Technik keine einfache sei und erkennen
    nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl.
    etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück-
    gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei
    der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was
    Menschenhände alles vermögen, S. 45.)

    In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die An-
    spielung frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren
    Charakter die Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange
    Verbundenes. Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zu-
    sammenhang von mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht
    in der Fülle zu verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten
    Variationen und diese nur an wenigen Beispielen erörtern.

    Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer
    Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort-
    witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte
    an einander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wortverbin-
    dungen u. dgl.

    Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: „Neue
    Bäder heilen gut“, der uns sofort an das Sprichwort erinnert:
    Neue Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb
    Worte, das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat.
    Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach-
    bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch
    Lichtenberg’s wird so zur Anspielung auf das Sprichwort.
    Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht
    gerade heraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch

  • S.

    61

    noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich
    gleich bleibende Thermalwasser.

    Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg
    technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Moden
    alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monden“
    (i. e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib-
    fehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es
    hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechseln-
    den Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu
    verwenden.

    Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine
    einzige leichte Modifikation bestehen. Diese Technik
    läuft also wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von
    Witzen rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie
    nach den Vorgängen bei der Witzarbeit besser von einander zu
    trennen.

    Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die
    große, aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte
    Sängerin Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den
    Titel eines aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen
    Theaterstückes zu einer Anspielung auf ihre Mißgestalt verwendete:
    „Die Reise um die Wilt in 80 Tagen.“

    Oder: „Jede Klafter eine Königin,“ eine Modifikation
    des bekannten Shakespeare’schen „Jeder Zoll ein König“
    und eine Anspielung auf dieses Zitat auf eine vornehme und über-
    lebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel Ernst-
    haftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr zu
    den Verdichtungen mit Modifikation (S. 15) als Ersatzbildung
    stellen würde. (Vgl. tête-à-bête.)

    Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele
    eigensinnigen Person sagte ein Freund: „Er hat ein Ideal
    vor dem Kopf.“ „Ein Brett vor dem Kopf haben,“
    ist die geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt
    und deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier
    kann man die Technik als Verdichtung mit Modifikation be-
    schreiben.

    Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation
    und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation
    auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dichteritis.
    Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtheritis stellt auch
    das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin.

  • S.

    62

    Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen
    mit geringen Abänderungskosten:
    „Mein Unglaubensgenosse Spinoza“ sagt Heine. „Wir
    von Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fron-
    knechte“ usw. – beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter
    ausgeführtes Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf
    solche Titulatur mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten
    auf die unmodifizierte.

    Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Aus-
    lassung, der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar.
    Eigentlich wird bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich
    die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur
    darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke
    teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So
    kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Aus-
    lassung zur eigentlichen Anspielung zurück.

    Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel:
    In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der
    sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche
    Mißhandlungen von Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als
    einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet
    wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X. das hört, bekommt
    er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes ge-
    hört zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn,
    denn eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge
    davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn
    vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt er
    einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden,
    daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also
    die technischen Mittel dieses Witzes.

    Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucher-
    kerzchen im Preise steigen.“ Diese Lücke ist leicht aus-
    zufüllen. Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die
    nun als Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt.
    Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause!
    „Schon wieder ein Jahr vergangen! seufzt der eine.“
    Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die
    Auslassung zur Anspielung gehört.

    Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehen-
    dem Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz
    ist. Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch

  • S.

    63

    herausgegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merk-
    würdiger Sinnspruch verzeichnet stand:
    „Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt
    sich dann doch einen Komfortabel.“
    Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das
    „dann doch“ kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein
    Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wird es aber hier
    mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein-
    gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment
    verschieben.

    Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen, ent-
    halten Heine’s „Bäder von Lucca“, die von dieser Form des
    Witzes die kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken
    (gegen den Grafen Platen) machen. Lange zuvor, ehe der
    Leser diese Verwendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema,
    das sich zur direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch
    Anspielungen aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B.
    in den Wortverdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu
    korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und
    ich habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie
    sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein
    „Antipodex“, „Venus Urinia“ – die dicke Gudel vom Dreck-
    wall in Hamburg – u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten,
    von denen der Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur
    von dem unartigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint,
    bald aber ihre symbolische Beziehung zur polemischen Absicht
    enthüllt und sich somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. End-
    lich bricht der Angriff auf Platen los und nun sprudeln und
    quellen die Anspielungen auf das bereits bekannt gewordene Thema
    der Männerliebe des Grafen aus jedem der Sätze, die Heine
    gegen das Talent und den Charakter seines Gegners richtet, z. B.:
    „Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch
    den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß
    ihm Gewalt anzutun; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt
    ihm, er muß auch diesem jungen beharrlich nachlaufen, und er
    weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen
    Rundung sich nie edel aussprechen.“
    „Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hin-
    länglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand ge-
    steckt, so daß nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter
    Vogel hätte besser getan, wenn er den Steiß in den Sand ver-
    steckt und uns den Kopf gezeigt hätte.“

  • S.

    64

    II. Die Technik des Witzes.

    Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am
    leichtesten zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten
    der kurzlebigen Witzproduktionen zu Grunde, die wir in unsere
    Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab-
    lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung
    nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an
    jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung
    der Witztechnik irre zu machen. Auch die Anspielung ist nicht
    etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die
    auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die
    „witzige“ Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das
    wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet.

    Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar-
    stellung“ bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß
    man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der
    Darstellung durch’s Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden
    Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für
    welche „indirekte Darstellung“ der umfassendste Namen
    wäre. Denkfehler – Unifizierung – indirekte Dar-
    stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die
    uns bekannt gewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen
    ließen.

    Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben
    wir nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu er-
    kennen, die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige
    Beispiele belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein
    Kleines oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst einen ganzen
    Charakter durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu
    bringen. Die Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird
    durch die Erwägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem
    Darzustellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus
    ihm ableiten läßt, z. B.:

    „Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich
    recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die
    Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort
    nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur.
    Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und
    richtet plötzlich an den Juden die Frage: Ich bitte Sie, wann haben
    wir Jomkipur? (Versöhnungstag.) Aesoi, sagt der Jude und legt
    die Füße wieder auf die Bank, ehe er Antwort gibt.“

  • S.

    65

    Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch
    ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir
    nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemein-
    same übrig behalten haben.

    Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:

    „Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei
    ihrer Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht
    gekommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im
    Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau
    Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mondieu, que
    je souffre!“ Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab:
    Es ist nichts, spielen wir weiter. Eine Weile später hört man
    die Kreißende wieder: „Mein Gott, mein Gott, was für
    Schmerzen!“ – Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?
    fragt der Baron. – Nein, nein, es ist noch nicht Zeit. – Endlich
    hört man aus dem Nebenzimmer ein unverkennbares: „Ai, waih,
    waih geschrieen“; da wirft der Arzt die Karten weg und
    sagt: Es ist Zeit.“

    Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die
    ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige
    Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung
    abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem
    Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der
    gebärenden vornehmen Frau.


    Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der
    Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns solange aufgespart,
    weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder
    Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben
    haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin
    eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegen-
    den Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu-
    zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser
    Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen
    unserer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material
    empfinde ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als
    bei den Gleichniswitzen. Die Empfindung, welche mir – und
    wahrscheinlich einer großen Anzahl Anderer unter den nämlichen
    Bedingunger wie mir – zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies
    darf man für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene
    wesentliche Charakter des Witzes entdeckt ist; diese Empfindung

    Freud, Der Witz.

  • S.

    66

    läßt mich bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche.
    Wenn ich den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz
    erklärt habe, so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken,
    daß das Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität
    ist, als welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der
    Umstand, daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das ex-
    plosionsartige Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich
    ein guter Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel
    wie sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effekt-
    vollsten Beispiele der Gattung einschränke.

    Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von
    Gleichnissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs
    machen, ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durch-
    gehenden Zärtlichkeit in Ottilien’s Tagebuch mit dem roten Faden
    der englischen Marine (s. S. 13) ist ein solcher; auch ein anderes,
    das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen
    Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver-
    sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit
    welchem Ferd. Lassalle eine seiner berühmten Verteidigungs-
    reden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein
    Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem
    Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenschaft und die Arbeiter“,
    dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege
    findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das
    Springen einer Retorte dem in seine wissenschaft-
    lichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem
    leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der Ma-
    terie, setzt er, sowie die Störung beseitigt ist, ruhig
    seine Forschungen und Arbeiten fort.“

    Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen Gleichnissen
    findet man in den Schriften Lichtenberg’s (II. B. der Göttinger
    Ausgabe, 1853); von dort will ich auch das Material für unsere
    Untersuchung entnehmen.

    „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahr-
    heit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem
    den Bart zu sengen.“

    Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt
    man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern
    von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der
    Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst
    gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es
    immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach-

  • S.

    67

    gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die
    Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird
    ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben,
    da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus
    ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter
    Redensarten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt,
    es findet seine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des näm-
    lichen Materials (S. 23). Es könnte sehr wohl sein, daß der
    witzige Eindruck des Lichtenberg’schen Satzes nur von der
    Anlehnung an diese Witztechnik herrührt.

    Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen
    witzigen Vergleich desselben Autors gelten können:

    „Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein
    großer Leuchter. . . . Er war Professor der Philosophie.“

    Einen Gelehrten ein großes Licht, ein „lumen mundi“, zu
    heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ur-
    sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt
    den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem
    man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcher Art einen
    zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der zweite
    Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes zu
    enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein
    Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel.
    Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde
    erscheint folgender Vergleich als witzig:

    „Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder-
    krankheit an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger
    befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben,
    und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie
    gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von
    Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch
    eigene Urteile zu makulieren; es hilft aber nicht immer.“

    Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten
    ist zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht
    der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, ge-
    traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort-
    geführt; es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen
    Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder
    durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche
    Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir
    wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein
    Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zu-

  • S.

    68

    sammenhanges. Der Charakter der Unifizierung wird aber da-
    durch nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein
    erstes Gleichnis besteht.

    Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht,
    den unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes
    Moment zu schieben, welches wiederum mit der Natur des
    Gleichnisses an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen,
    die eine auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende
    Vereinigung enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis
    des Vergleiches erzeigen. Die Mehrzahl der Lichtenberg’schen
    Beispiele gehören dieser Gruppe an.
    „Es ist Schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten
    Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie gegessen
    haben.“ „Die gelehrten Eingeweide,“ das ist eine verblüffende,
    eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die Ver-
    gleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige Eindruck dieses
    Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter dieser
    Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der uns
    gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch Wider-
    sinn.

    Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von
    Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung
    auch zu einem anderen Witz verwendet:
    „Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war
    also gänzlich für gelehrte Stallfütterung.“
    Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung,
    welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des
    Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors:
    „Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon-
    stitution, da kann ich etwas aushalten.“
    „Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside,
    die er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich
    mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt.“
    Die „moralische Backside“, das ist die auffällige Attribuierung,
    die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber
    eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort-
    spiel („Not“) und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zu-
    sammenstellung („Die Hosen des guten Anstandes“), die vielleicht
    selbst an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß
    sie die Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig.
    Es darf uns dann nicht Wunder nehmen, wenn wir vom Ganzen
    den Eindruck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen, wir be--

  • S.

    69

    ginnen zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen
    Charakter, welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer
    Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten
    Anstandes“ erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden
    Vers von Heine:

    „Bis mir endlich alle Knöpfe rissen
    an der Hose der Geduld.“

    Es ist unverkennbar, daß diese beiden letzten Vergleichen
    einen Charakter an sich tragen, den man nicht an allen guten,
    d. h. zutreffenden Gleichnissen wiederfinden kann. Sie sind in
    hohem Grade „herabziehend“, könnte man sagen, sie stellen
    ein Ding hoher Kategorie, ein Abstraktum (hier: den guten An-
    stand, die Geduld) mit einem Ding sehr konkreter Natur und
    selbst niedriger Art (der Hose) zusammen. Ob diese Eigentüm-
    lichkeit etwas mit dem Witz zu schaffen hat, werden wir noch
    in einem anderen Zusammenhange in Erwägung ziehen müssen.
    Versuchen wir hier ein anderes Beispiel, in dem der herabziehende
    Charakter ganz besonders deutlich ist, zu analysieren. Der Kommis
    Weinberl in Nestroy’s Posse „Einen Jux will er sich
    machen“, der sich ausmalt, wie er einmal als solider alter
    Handelsherr seiner Jugendtage gedenken wird, sagt: „Wenn so
    im traulichen Gespräch das Eis aufgehackt wird vor dem
    Magazin der Erinnerung, wann die Gewölbtür der
    Vorzeit wieder aufg’sperrt und die Pudel der Phan-
    tasie voll an’graumt wird mit Waren von ehemals.“
    Das sind sicherlich Vergleichen von Abstrakten mit sehr
    gewöhnlichen konkreten Dingen, aber der Witz hängt – aus-
    schließlich oder nur zum Teile – an dem Umstand, daß ein
    Kommis sich dieser Vergleichen bedient, die aus dem Bereiche
    seiner alltäglichen Tätigkeit genommen sind. Das Abstrakte aber
    in Beziehung zu diesem Gewöhnlichen, das ihn sonst ausfüllt, zu
    bringen, ist ein Akt von Unifizierung.

    Kehren wir zu den Lichtenberg’schen Vergleichen zurück.
    „Die Bewegungsgründe,*) woraus man etwas tut,
    könnten so wie die 32 Winde geordnet und ihre
    Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B.
    Brot–Brot–Ruhm, oder Ruhm–Ruhm–Brot.“

    Wie so häufig bei den Lichtenberg’schen Witzen ist auch
    hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen
    so vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen
    hiedurch irre geführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch

    *)Wir würden heute: Beweggründe, Motive sagen.

  • S.

    70

    etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir
    wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz
    zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß
    alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über die
    sonderbare Kombination „Brot–Ruhm“ hervorgeht. Also als
    Witz eine Darstellung durch Widersinn.
    Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung
    kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt
    werden:

    Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau – Ein
    einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der
    Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung
    noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine
    Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere
    Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be-
    ziehungen.

    Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft
    sie uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer
    der uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige
    andere Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch
    an und für sich witzig sein kann.

    Lichtenberg’s Charakteristik gewisser Oden:
    „Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhm’s unsterbliche
    Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei
    der Verfasser die Worte, und der Leser den Sinn
    stellen.“

    „Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein an
    genehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen
    gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.“

    Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Kodex
    palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs-
    schrift eines Kirchenvatertextes die halb erlosche-
    nen Verse eines altgriechischen Liebesdichters
    hervorlauschen.“

    Oder die fortgesetzte Vergleichung mit starker herabsetzen-
    der Tendenz, in den „Bädern von Lucca“.

    „Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis,
    der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das
    große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Be-
    schäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie
    jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen
    hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt –

  • S.

    71

    nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr
    dessen Erhaltung, da er bei einigem etwaigen Bankerott seinen
    Lebensunter-
    halt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin-
    gegen ist überall selbst Prinzipal, und treibt die Religionsge-
    schäfte
    für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein
    katholischer Gewerbgenosse, sondern nur einen Kleinhandel;
    und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig
    sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmen,
    die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein-
    händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid
    gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus
    in Rom, das viele tausend Buchhalter und Pacht-
    knechte besoldet
    und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.“

    Angesichts dieser, wie vieler anderer Beispiele können wir
    doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an
    sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Kompli-
    kation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre.
    Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter
    des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis
    als Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des
    Vergleichens haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis
    unter die Arten der „indirekten Dar-
    stellung“ aufnehmen, deren
    sich die Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt
    lassen, das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher
    behandelten Mitteln des Witzes entgegen getreten ist. Es muß
    wohl auch seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Ent-
    scheidung, ob etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr
    Schwierigkeiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.

    Einen Grund aber uns zu beklagen, daß diese erste Unter-
    suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke
    in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang,
    den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben
    bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten,
    wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch
    einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das
    Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen.

    Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des
    Witzes unserer Untersuchung entgangen ist? Das soll nicht, aber
    wir können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über-
    zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel
    der Witzarbeit kennen gelernt haben, zum mindesten so viel, als
    zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen Vor-
     

  • S.

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    ganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig noch
    aus; hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen Anzeige
    gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung des
    Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der
    Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik
    des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung
    hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vorgänge
    aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die
    Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler,
    der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durch’s
    Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit
    wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be-
    fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die Fortsetzung
    unserer Wachgedanken zu erkennen; die Verwendung von Wider-
    sinn und Absurdität im Traum hat ihn die Würde eines psychi-
    schen Produkts gekostet und hat die Autoren verleitet, Zerfall
    der geistiger Tätigkeiten, Sistierung von Kritik, Moral und Logik
    als Bedingungen der Traumbildung anzunehmen. Die Darstellung
    durch’s Gegenteil ist im Traum so gebräuchlich, daß selbst die
    populären, gänzlich irre gehenden, Traumdeutungsbücher mit ihr
    zu rechnen pflegen; die indirekte Darstellung, der Ersatz des
    Traumgedankens durch eine Anspielung, ein Kleines, eine dem
    Gleichnis analoge Symbolik, ist gerade das, was die Ausdrucks-
    weise des Traumes von der unseres wachen Denkens unter-
    scheidet.*) Eine so weitgehende Übereinstimmung wie die
    zwischen den Mitteln der Witzarbeit und denen der Traumarbeit
    wird kaum eine zufällige sein können. Diese Übereinstimmung
    ausführlich nachzuweisen und ihrer Begründung nachzuspüren,
    wird eine unserer späteren Aufgaben werden.


    *)Vrgl. meine „Traumdeutung“, Abschnitt VI, Traumarbeit.