S.
III. Die Tendenzen des Witzes.
Als ich zu Ende des vorigen Abschnittes den Heine’schen
Vergleich des katholischen Priesters mit einem Angestellten einer
Großhandlung und des protestantischen mit einem selbständigen
Kleinhändler niederschrieb, verspürte ich eine Hemmung, die mich
bestimmen wollte, dieses Gleichnis nicht zu verwenden. Ich sagte
mir, daß sich unter meinen Lesern wahrscheinlich einige befinden
würden, denen nicht nur die Religion, sondern auch deren Regie
und Personal ehrwürdig sind; diese Leser würden sich nur über
den Vergleich entrüsten und in einen Affektzustand geraten, der
ihnen jedes Interesse für die Unterscheidung raubt, ob das Gleichnis
an sich oder nur infolge irgend welcher Zutaten witzig erscheint.
Bei anderen Gleichnissen, z. B. dem benachbarten von dem an
genehmen Mondlicht, welches eine gewisse Philosophie auf die
Gegenstände wirft, wäre eine solche für unsere Untersuchung
störende Beeinflussung eines Teiles der Leser nicht zu besorgen.
Der frommgläubigste Mann bliebe in der Ver-
fassung, sich ein Urteil über unser Problem zu bilden.Es ist leicht, den Charakter des Witzes zu erraten, mit welchem
die Verschiedenheit der Reaktion auf den Witz beim Hörer zu
sammenhängt. Der Witz ist das eine Mal Selbstzweck und dient
keiner besonderen Absicht, das andere Mal stellt er sich in den
Dienst einer solchen Absicht; er wird tendenziös. Nur der
jenige Witz, welcher eine Tendenz hat, läuft Gefahr auf Personen
zu stoßen, die ihn nicht anhören wollen.Der nicht tendenziöse Witz ist von Th. Vischer als „abstrakter“ Witz bezeichnet worden; ich ziehe es vor, ihn „harmlosen“ Witz zu nennen.
Da wir vorhin den Witz nach dem Material, an dem seine
Technik angreift, in Wort- und Gedankenwitz unterschieden haben,
obliegt es uns, die Beziehung dieser Einteilung zur neu vorge-
brachten zu untersuchen. Wort- und Gedankenwitz einerseits, ab-
strakter und tendenziöser Witz anderseits stehen nun in keiner
Relation der Beeinflussung zu einander; es sind zwei von einander
völlig unabhängige Einteilungen der witzigen Produktionen. Viel
leicht könnte jemand den Eindruck empfangen haben, als seien
die harmlosen Witze vorwiegend Wortwitze, während die kom-S.
74
pliziertere Technik des Gedankenwitzes meist von starken Ten-
denzen in Dienst genommen wird; allein es gibt harmlose Witze,
die mit Wortspiel und Gleichklang arbeiten, und ebenso harmlose,
die sich aller Mittel des Gedankenwitzes bedienen. Nicht minder
leicht zu zeigen ist, daß der tendenziöse Witz der Technik nach
nichts anderes als ein Wortwitz zu sein braucht. So z. B. sind
Witze, die mit Eigennamen „spielen“, häufig von beleidigender,
verletzender Tendenz, sie gehören selbstredend zu den Wortwitzen.
Die harmlosesten aller Witze sind aber auch wieder Wortwitze,
z. B. die neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreime, in denen
die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz
eigentümlichen Modifikation die Technik darstellt:„Und weil er Geld in Menge hatte,
lag stets er in der Hängematte.“Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohl-
gefallen an dieser Art von sonst anspruchslosen Reimen das näm-
liche ist, an dem wir den Witz erkennen.
Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen
findet man reichlich unter den Lichtenberg’schen Ver-
gleichungen, von denen wir einige bereits kennen gelernt haben.
Ich füge einige weitere hinzu:„Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen
geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten
wieder bekommen.“„Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß
vor allen Dingen ein guter Grund gelegt werden,
und da weiß ich keinen festeren, als wenn man
über jede Schicht pro gleich eine Schicht kontra
aufträgt.“„Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt
ihn aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm,
der vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und der
fünfte begräbt ihn.“ (Gleichnis mit Unifizierung.)„Er glaubte nicht allein keine Gespenster,
sondern er fürchtete sich nicht einmal davor.“Der
Witz liegt hier ausschließlich an der widersinnigen Darstellung,
die das gewöhnlich für geringer Geschätzte in den Komparativ
setzt, das für bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt.
Mit Verzicht auf diese witzige Einkleidung ließe es: es ist viel
leichter, sich mit dem Verstand über die Gespensterfurcht hinweg-
zusetzen, als sich ihrer bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren.
Dies ist gar nicht mehr witzig, wohl aber eine richtige und nochS.
75
zu wenig gewürdigte psychologische Erkenntnis, die nämliche,
der Lessing in den bekannten Worten Ausdruck gibt:
„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“
Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um
ein immerhin mögliches Mißverständnis wegzuräumen. „Harm-
loser“ oder „abstrakter“ Witz soll nämlich keineswegs gleich
bedeutend sein mit „gehaltlosem“ Witz, sondern eben nur den
Gegensatz zu den später zu besprechenden „tendenziösen“ Witzen
bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein harmloser, d. i.
tendenzenloser Witz auch sehr gehaltvoll sein, etwas Wertvolles aus-
sagen. Der Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig
und ist der Gehalt des Gedankens, der hier durch eine besondere
Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhr-
macher ein besonderes gutes Werk auch mit einem kostbaren Ge-
häuse ausstatten pflegen, mag es auch beim Witz vorkommen,
daß die besten Witzleistungen gerade zur Einkleidung der gehalt-
vollsten Gedanken benützt werden.Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedanken-
gehalt und witziger Einkleidung beim Gedankenwitz achten, so ge-
langen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in
unserem Urteil über Witze aufzuklären vermag. Es stellt sich
nämlich, was doch überraschend ist, heraus, daß wir unser Wohl-
gefallen an einem Witz nach dem summierten Eindruck von Gehalt
und Witzleistung abgeben und uns durch den einen Faktor über
das Ausmaß des anderen geradezu täuschen lassen. Erst die
Reduktion des Witzes klärt uns die Urteilstäuschung auf.Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn
wir hören: „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was
man nicht wünscht erfahren zu haben“; – so sind wir ver-
blüfft, glauben eine neue Wahrheit zu vernehmen, und es
dauert eine Weile, bis wir in dieser Verkleidung die Platt-
heit: „Durch Schaden wird man klug“ (K. Fischer) erkennen.
Die treffliche Witzleistung, die „Erfahrung“ nahezu allein durch
die Anwendung des Wortes „erfahren“ zu definieren, täuscht uns
so, daß wir den Gehalt des Satzes überschätzen. Ebenso ergeht
es uns bei dem Lichtenberg’schen Unifizierungswitz von
„Januarius“ (S. 51), der uns weiter nichts zu sagen hat, als was
wir längst wissen, daß Neujahrswünsche so selten in Erfüllung
gehen wie andere Wünsche und in vielen ähnlichen Fällen.Das Gegenteilige erfahren wir bei anderen Witzen, in denen
offenbar das Treffende und Richtige des Gedankens uns gefangen-
nimmt, so daß wir den Satz einen glänzenden Witz heißen, währendS.
76
III. Die Tendenzen des Witzes.
nur der Gedanke glänzend, die Witzleistung oft schwächlich ist.
Gerade bei den Lichtenberg’schen Witzen ist der Gedanken-
kern häufig weit wertvoller als die Witzeinkleidung, auf welche
wir dann die Schätzung vom ersteren her unberechtigter Weise
ausdehnen. So ist z. B. die Bemerkung über die „Fackel der
Wahrheit“ (S. 66) ein kaum witziger Vergleich, aber sie ist so
treffend, daß wir den Satz als einen besonders witzigen hervor-
heben möchten.Die Lichtenberg’schen Witze sind vor allem durch ihren
Gedankeninhalt und ihre Treffsicherheit hervorragend. Goethe
hat mit Recht von diesem Autor gesagt, daß seine witzigen und
scherzhaften Einfälle geradezu Probleme verbergen, richtiger: an
die Lösung von Problemen streifen. Wenn er z. B. als witzigen
Einfall aufzeichnet:„Er las immer Agamemnon anstatt an-
genommen, so sehr hatte er den Homer gelesen“ (technisch: Dummheit + Wort-
gleichklang), so hat er damit nichts weniger als das Geheimnis
des Verlesens selbst aufgedeckt.*) Ähnlich ist der Witz, dessen
Technik (S. 46) uns wohl recht unbefriedigend erschienen ist:„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an
der Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten
wären, wo sie die Augen hätten.“ Die Dummheit, die
hier zur Schau getragen wird, ist nur eine scheinbare; in Wirk-
lichkeit steckt hinter dieser einfältigen Bemerkung das große
Problem der Teleologie im tierischen Aufbau; es ist gar nicht
so selbstverständlich, daß die Lidspalte sich dort öffnet, wo die
Hornhaut freiliegt, bis die Entwicklungsgeschichte uns dieses Zu-
sammentreffen aufklärt.Wir wollen es im Gedächtnis behalten, daß wir von einem
witzigen Satz einen Gesamteindruck empfangen, in dem wir den
Anteil des Gedankeninhalts von dem Anteil der Witzarbeit nicht
zu sondern vermögen; vielleicht findet sich später hierzu eine noch
bedeutsamere Parallele.
Für unsere theoretische Aufklärung über das Wesen des
Witzes müssen uns die harmlosen Witze wertvoller sein als die
tendenziösen, die gehaltlosen wertvoller als die tiefsinnigen. Harm-
lose und gehaltlose Wortspiele etwa werden uns das Problem des
Witzes in seiner reinsten Form entgegenbringen, weil wir bei ihnen
der Gefahr der Verwirrung durch die Tendenz und der Urteils-*)Vgl. meine „Psychopathologie d. Alltagslebens“. Berlin, S. Karger, 1904.
S.
77
täuschung durch den guten Sinn entgehen. An solchem Material
kann unsere Erkenntnis einen neuen Fortschritt machen.Ich wähle ein möglichst harmloses Beispiel von Wortwitz:
„Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die An-
kündigung eines Besuches erhält, klagt: Ach wie schade, gerade
wenn man am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen
lassen.“*)Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob ich diesen Witz für
einen tendenzlosen auszugeben das Recht habe, ersetze ich ihn
durch einen anderen, herzlich einfältigen, der von solcher Ein-
wendung frei sein dürfte.„In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum
Schluß der Mahlzeit die Roulard genannte Mehlspeise gereicht,
deren Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt.
Zu Hause gemacht? fragt darum einer der Gäste, und der Haus-
herr antwortet: Ja gewiß, ein Home-
Roulard“ (Home-Rule).Wir wollen diesmal nicht die Technik des Witzes untersuchen,
sondern gedenken unsere Aufmerksamkeit einem anderen, dem
wichtigsten Momente zwar, zuzuwenden. Das Anhören dieses im-
provisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein – von mir klar
erinnertes – Vergnügen und machte uns lachen. In diesem wie
in ungezählten anderen Fällen kann die Lustempfindung des
Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gedankeninhalt
des Witzes herrühren; es bleibt nichts übrig als diese Lust-
empfindung mit der Technik des Witzes in Zusammenhang zu
bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel
des Witzes – die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Dar-
stellung usw. – haben also das Vermögen, beim Hörer eine
Lustempfindung hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht ein-
sehen können, wie ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf
so leichte Art gewinnen wir den zweiten Satz zur Aufklärung des
Witzes; der erste lautete (S. 9), daß der Charakter des Witzes
an der Ausdrucksform hängt. Besinnen wir uns noch, daß der
zweite Satz uns eigentlich nichts Neues gelehrt hat. Er isoliert
nur, was bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung
enthalten war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu
reduzieren, d. h. mit sorgfältiger Erhaltung des Sinnes dessen
Ausdruck durch einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht
nur der Witzcharakter, sondern auch der Lacheffekt, also das
Vergnügen am Witze, aufgehoben.*)R. Kleinpaul, Die Rätsel der Sprache, 1890.
S.
78
Wir können hier nicht weiter gehen, ohne uns vorerst mit
unseren philosophischen Autoritäten auseinander zu setzen.Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen
und das Komische selbst in der Ästhetik abhandeln, charakterisieren
das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir dabei
nichts von und mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen,
um eines unserer großen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, son-
dern uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß der Vor-
stellung begnügen. „Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die
rein ästhetische, die nur in sich beruht, nur in sich ihren Zweck
hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt“ (K. Fischer, S. 68).Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten
K. Fischer’s, übersetzen vielleicht nur seinen Gedanken in unsere
Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit
doch keine zweck- oder ziellose genannt werden darf, da sie sich
unverkennbar das Ziel gesteckt hat, Lust beim Hörer hervorzurufen.
Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen im stande sind,
wobei eine Absicht nicht in Betracht kommt. Wenn wir unseren
seelischen Apparat gerade nicht zur Erfüllung einer der unentbehr-
lichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust
arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen.
Ich vermute, daß dies überhaupt die Bedingung ist, der alles
ästhetische Vorstellen unterliegt, aber ich verstehe zu wenig von
der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; vom Witz
jedoch kann ich auf Grund der beiden vorhin gewonnenen Ein-
sichten behaupten, daß er eine Tätigkeit ist, welche darauf abzielt,
Lust aus den seelischen Vorgängen – intellektuellen oder an-
deren – zu gewinnen. Es gibt gewiß noch andere Tätigkeiten,
die dasselbe bezwecken. Vielleicht unterscheiden sie sich darin,
aus welchem Gebiete seelischer Tätigkeit sie Lust schöpfen wollen,
vielleicht durch die Methode, deren sie sich dabei bedienen. Wir
können das gegenwärtig nicht entscheiden; wir halten aber daran
fest, daß nun die Witztechnik und die sie teilweise beherrschende
ersparende Tendenz (S. 31) in Beziehung gebracht sind zur Er-
zeugung von Lust.Ehe wir aber daran gehen, das Rätsel, wie die technischen
Mittel der Witzarbeit Lust beim Hörer erregen können, zu lösen,
wollen wir uns erinnern, daß wir zum Zwecke der Vereinfachung
und besseren Durchsichtigkeit die tendenziösen Witze ganz zur
Seite geschoben haben. Wir müssen doch aufzuklären suchen,
welches die Tendenzen des Witzes sind, und in welcher Weise
er diesen Tendenzen dient.S.
79
Wir werden vor allem durch eine Beobachtung gemahnt, den
tendenziösen Witz bei der Untersuchung nach der Herkunft der
Lust am Witze nicht beiseite zu lassen. Die Lustwirkung des
harmlosen Witzes ist zumeist eine mäßige; ein deutliches Wohl-
gefallen, ein leichtes Lächeln ist zumeist alles, was er beim Hörer
zu erreichen vermag, und von diesem Effekt ist etwa noch ein
Teil auf Rechnung seines Gedankeninhalts zu setzen, wie wir
an geeigneten Beispielen (S. 75) bemerkt haben. Fast niemals
erzielt der tendenziöse Witz jene plötzlichen Ausbrüche von Ge-
lächter, die den tendenziösen so unwiderstehlich machen. Da die
Technik bei beiden die nämliche sein kann, darf in uns die Ver-
mutung rege werden, daß der tendenziöse Witz kraft seiner Tendenz
über Quellen der Lust verfügen müsse, zu denen der harmlose
Witz keinen Zugang hat.Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo
der Witz nicht Selbstzweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in den
Dienst von nur zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung unter
einen Gesichtspunkt zulassen; er ist entweder feindseliger
Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder obszöner
Witz (welcher der Entblößung dient). Von vorne herein ist wieder
zu bemerken, daß die technische Art des Witzes – ob Wort- oder
Gedankenwitz – keine Relation zu diesen beiden Tendenzen hat.Weitläufiger ist es nun, darzulegen, auf welche Weise der
Witz diesen Tendenzen dient. Ich möchte bei dieser Untersuchung
nicht den feindseligen, sondern den entblößenden Witz voranstellen.
Dieser ist zwar weit seltener einer Untersuchung gewürdigt worden,
als hätte sich hier eine Abneigung vom Stofflichen auf’s Sachliche
übertragen, allein wir wollen uns hiedurch nicht beirren lassen,
da wir alsbald auf einen Grenzfall des Witzes stoßen werden,
der uns Aufklärung über mehr als einen dunklen Punkt zu bringen
verspricht.Man weiß, was unter der „Zote“ verstanden wird: Die be-
absichtigte Hervorhebung sexueller Tatsachen und Verhältnisse
durch die Rede. Indes diese Definition ist nicht stichhaltiger als
andere Definitionen. Ein Vortrag über die Anatomie der Sexual-
organe oder über die Physiologie der Zeugung braucht trotz dieser
Definition nicht einen einzigen Berührungspunkt mit der Zote
gemein zu haben. Es gehört noch dazu, daß die Zote an eine
bestimmte Person gerichtet werde, von der man sexuell erregt
wird, und die durch das Anhören der Zote von der Erregung
des Redenden Kenntnis bekommen und dadurch selbst sexuell
erregt werden soll. Anstatt dieser Erregung mag sie auch inS.
80
Scham oder Verlegenheit gebracht werden, was nur eine Reaktion
gegen ihre Erregung und auf diesem Umwege ein Eingeständnis
derselben bedeutet. Die Zote ist also ursprünglich an das Weib
gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen. Wenn
sich dann ein Mann in Männergesellschaft mit dem Erzählen oder
Anhören von Zoten vergnügt, so ist die ursprüngliche Situation,
die infolge sozialer Hemmnisse nicht verwirklicht werden kann,
dabei mitvorgestellt. Wer über die gehörte Zote lacht, lacht wie
ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression.Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt
mehr als das bei beiden Geschlechtern Besondere, nämlich noch
überdies das bei den Geschlechtern Gemeinsame, auf das die
Scham sich erstreckt, also das Exkrementelle in seinem ganzen
Umfang. Dies ist aber der Umfang, den das Sexuelle im Kindes-
alter hat, wo für die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert,
innerhalb deren Sexuelles und Exkrementelles schlecht oder gar
nicht gesondert werden.*) Überall im Gedankenbereich der Neu-
rosenpsychologie schließt das Sexuelle noch das Exkrementelle
ein, wird es im alten, infantilen, Sinne verstanden.Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten
Person, an die sie gerichtet ist. Durch das Aussprechen der
obszönen Worte zwingt sie die angegriffene Person zur Vorstellung
des betreffenden Körperteiles oder der Verrichtung und zeigt ihr,
daß der Angreifer selbst sich solches vorstellt. Es ist nicht zu
bezweifeln, daß die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, das
ursprüngliche Motiv der Zote ist.Es kann der Klärung nur förderlich sein, wenn wir hier bis
auf die Fundamente zurückgehen. Die Neigung, das Geschlechts-
besondere entblößt zu schauen, ist eine der ursprünglichen Kom-
ponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine Er-
setzung, geht auf eine als primär zu supponierende Lust, das
Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen
das Tasten auch hier abgelöst.*) Die Schau- oder Tastlibido ist
bei jedermann in zweifacher Art, aktiv und passiv, männlich und
weiblich, vorhanden, und bildet sich je nach dem Überwiegen des
Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung
überwiegend aus. Bei jungen Kindern kann man die Neigung
zur Selbstentblößung leicht beobachten. Wo der Keim dieser*)Siehe meine gleichzeitig erscheinenden „Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie“, 1905.**)Moll’s Kontrektationstrieb (Untersuchungen über die Libido
sexualis, 1898).S.
81
Neigung nicht das gewöhnliche Schicksal der Überlagerung und
Unterdrückung erfährt, da entwickelt er sich zu der als Exhibitions-
drang bekannten Perversion erwachsener Männer. Beim Weibe
wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch die
großartige Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit über-
lagert, aber nicht ohne daß ihr in der Kleidung ein Ausfalls-
pförtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und
Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbliebene
Maß von Exhibition ist, brauche ich nur anzudeuten.Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser Stre-
bung als Teil-
stück der Libido bestehen und dient zur Einleitung des Geschlechts-
aktes. Wenn diese Stre-
bung sich bei der ersten Annäherung an
das Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der
Rede bedienen. Erstens um sich dem Weibe anzuzeigen, und
zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das
Weib selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die
Neigung zur passiven Exhibition bei ihr erwecken kann. Diese
werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber in sie über. Wo
nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist
die obszöne Rede kurzlebig, sie weicht alsbald der sexuellen
Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes
nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen
desselben auftreten.Dann wird die sexuell erregende Rede als
Zote Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem Fortschreiten
bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hervorrufung
der Erregung und zieht Lust aus den Anzeichen derselben beim
Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch ihren Charakter
in dem nämlichen Sinne wie jede libidinöse Regung, der sich
ein Hindernis entgegenstellt; sie wird direkt feindselig, grausam,
ruft also die sadistische Komponente des Geschlechtstriebes gegen
das Hindernis zur Hilfe.Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die nächste Be-
dingung für die Ausbildung der Zote, allerdings eine solche, die
bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und weitere Bemühung
nicht aussichtslos erscheinen läßt. Der ideale Fall eines der-
artigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen
Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist
das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen.
Dieser Dritte gelangt bald zur größten Bedeutung für die Ent-
wicklung der Zote; zunächst ist aber von der Anwesenheit des
Weibes nicht abzusehen. Beim Landvolk oder im Wirtshaus des
kleinen Mannes kann man beobachten, daß erst das HinzutretenS.
82
der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt;
auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, macht die
Anwesenheit eines weiblichen Wesens der Zote ein Ende; die
Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, die ursprünglich
ein sich schämendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein „unter
sich“ sind. So wird allmählich anstatt des Weibes der Zuschauer,
jetzt Zuhörer, die Instanz, für welche die Zote bestimmt ist, und
diese nähert sich durch solche Wandlung bereits dem Charakter
des Witzes.Unsere Aufmerksamkeit kann von dieser Stelle an von zwei
Momenten in Anspruch genommen werden, von der Rolle des
Dritten, des Zuhörers, und von den inhaltlichen Bedingungen der
Zote selbst.Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen,
außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der
feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine
dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen,
erfüllt. Die tiefere Begründung für diese Verhältnisse werden wir
später aufzusuchen haben, vorläufig halten wir uns an die Tat
sache, die sich ja darin bekundet, daß nicht, wer den Witz macht,
ihn auch belacht, also dessen Lustwirkung genießt, sondern der
untätige Zuhörer. In der nämlichen Relation befinden sich die
drei Personen bei der Zote. Man kann den Hergang so be-
schreiben: Der libidinöse Impuls des Ersten entfaltet, sowie er
die Befriedigung durch das Weib gehemmt findet, eine gegen
diese zweite Person feindselige Tendenz und ruft die ursprünglich
störende dritte Person zum Bundesgenossen auf. Durch die zotige
Rede des Ersten wird das Weib vor diesem Dritten entblößt, der
nun als Zuhörer – durch die mühelose Befriedigung seiner eigenen
Libido – bestochen wird.Es ist merkwürdig, daß solcher Zotenverkehr beim gemeinen
Volke so überaus beliebt und eine nie fehlende Betätigung heiterer
Stimmung ist. Beachtenswert ist aber auch, daß bei diesem kom-
plizierten Vorgang, der so viele Charaktere des tendenziösen Witzes
an sich trägt, an die Zote selbst keiner der formellen Ansprüche,
welche den Witz kennzeichnen, gestellt wird. Die unverhüllte
Nudität auszusprechen bereitet dem Ersten Vergnügen und macht
den Dritten lachen.Erst wenn wir zu höher gebildeter Gesellschaft aufsteigen,
tritt die formelle Witzbedingung hinzu. Die Zote wird witzig und
wird nur geduldet, wenn sie witzig ist. Das technische Mittel,
dessen sie sich zumeist bedient, ist die Anspielung, d. h. die Er-S.
83
Die Leistung des Witzes im Dienste der Tendenz.
setzung durch ein Kleines, ein im entfernten Zusammenhang Be-
findliches, welches der Hörer in seinem Vorstellen zur vollen und
direkten Obszönität rekonstruiert. Je größer das Mißverhältnis
zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr
im Hörer mit Notwendigkeit Angeregten ist, desto feiner wird
der Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesell-
schaft hinauf wagen. Außer der groben und der feinen Anspielung
stehen der witzigen Zote, wie leicht an Beispielen gezeigt werden
kann, alle anderen Mittel des Wort- und Gedankenwitzes zur
Verfügung.Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner
Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes
(des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes
Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust
aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lust-
quelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts
anderes als die der höheren Bildungs- und Gesellschaftsstufe ent-
sprechend gesteigerte Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte
Sexuelle zu ertragen. Das in der Ausgangssituation als anwesend
gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beibehalten, oder
ihr Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer ein-
schüchternd fort. Man kann beobachten, wie Männer höherer
Stände durch die Gesellschaft niedrig stehender Mädchen sofort
veranlaßt werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken
zu lassen.Die Macht, welche dem Weibe und in geringerem Maße auch
dem Manne den Genuß der unverhüllten Obszönität erschwert
oder unmöglich macht, heißen wir die „Verdrängung“ und er-
kennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten
Krankheitsfällen ganze Komplexe von Regungen mitsamt deren
Abkömmlingen vom Bewußtsein fern hält, und sich als ein Haupt-
faktor der Verursachung bei den sog. Psychoneurosen heraus-
gestellt hat. Wir gestehen der Kultur und höheren Erziehung
und nehmen an, daß unter diesen Bedingungen eine Veränderung
der psychischen Organisation zu stande kommt, die auch als ererbte
Anlage mitgebracht werden kann, der zufolge sonst angenehm
Empfundenes nun als unannehmbar erscheint und mit allen psychi-
schen Kräften abgelehnt wird. Durch die Verdrängungsarbeit der
Kultur gehen primäre, jetzt aber von der Zensur in uns verworfene,
Genußmöglichkeiten verloren. Der Psyche des Menschen wird
aber alles Verzichten so sehr schwer, und so finden wir, daß derS.
84
III. Die Tendenzen des Witzes.
tendenziöse Witz ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgängig zu
machen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Wenn wir über einen
feinen obszönen Witz lachen, so lachen wir über das nämliche,
was den Bauer bei einer groben Zote lachen macht; die Lust
stammt in beiden Fällen aus der nämlichen Quelle; über die grobe
Zote zu lachen, brächten wir aber nicht zu stande, wir würden
uns schämen, oder sie erschiene uns ekelhaft; wir können erst
lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat.Es scheint sich uns also zu bestätigen, was wir Eingangs
vermutet haben, daß der tendenziöse Witz über andere Quellen
der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie
an die Technik geknüpft ist. Wir können auch von neuem hervor-
heben, daß wir beim tendenziösen Witz außer stande sind, durch
unsere Empfindung zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust aus
den Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz her-
rührt. Wir wissen also streng genommen nicht,
worüber wir lachen. Bei allen obszönen Witzen unterliegen
wir grellen Urteilstäuschungen über die „Güte“ des Witzes, soweit
dieselbe von formalen Bedingungen abhängt; die Technik dieser
Witze ist oft recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer.
Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im
Dienst der feindseligen Tendenz die nämliche ist.Von vorne herein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen.
Die feindseligen Impulse gegen unsere Nebenmenschen unterliegen
seit unserer individuellen Kindheit wie seit den Kinderzeiten
menschlicher Kultur den nämlichen Einschränkungen, der näm-
lichen fortschreitenden Verdrängung, wie unsere sexuellen Stre-
bungen. Wir haben es noch nicht soweit gebracht, daß wir unsere
Feinde zu lieben vermöchten oder ihnen nach dem Backenstreich
auf die rechte Backe die linke hinhielten; auch tragen alle Moral-
vorschriften der Beschränkung im tätigen Haß noch heute die
deutlichsten Anzeichen an sich, daß sie ursprünglich für eine
kleine Gemeinschaft von Stammesgenossen gelten sollten. So wie
wir uns alle als Angehörige eines Volkes fühlen dürfen, gestatten
wir uns, von den meisten dieser Beschränkungen gegen ein fremdes
Volk abzusehen. Aber innerhalb unseres eigenen Kreises haben
wir doch Fortschritte in der Beherrschung feindseliger Regungen
gemacht; wie es Lichtenberg drastisch ausdrückt: Wo man
jetzt sagt: Entschuldigen Sie, da schlug man einem früher um’s
Ohr. Die gewalttätige Feindseligkeit, vom Gesetz verboten, ist
durch die Invektive in Worten abgelöst worden, und die bessereS.
85
Kenntnis der Verkettung menschlicher Regungen raubt uns durch
ihr konsequentes „Tout comprendre c’est tout pardonner“ immer
mehr von der Fähigkeit, uns gegen den Nebenmenschen, der uns
in den Weg getreten ist, zu erzürnen. Mit kräftigen Anlagen
zur Feindschaft noch als Kinder begabt, lehrt uns später die höhere
persönliche Kultur, daß es unwürdig ist, Schimpfwörter zu ge-
brauchen, und selbst, wo der Kampf an sich erlaubt geblieben
ist, hat die Anzahl der Dinge, die als Mittel im Kampf nicht
verwendet werden dürfen, außerordentlich zugenommen. Seitdem
wir auf den Ausdruck der Feindseligkeit durch die Tat verzichten
mußten – durch den leidenschaftslosen Dritten daran gehindert,
in dessen Interesse die Bewahrung der persönlichen Sicherheit
liegt –, haben wir ganz ähnlich wie bei der sexuellen Aggression
eine neue Technik der Schmähung ausgebildet, die auf die An-
werbung dieses Dritten gegen unseren Feind abzielt. Indem wir
den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen
wir uns auf einem Umwege den Genuß seiner Überwindung, den
uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein
Lachen bezeugt.Wir sind nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen
Aggression vorbereitet. Der Witz wird uns gestatten, Lächerliches
am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehende Hindernisse
wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen durften, wird also
wiederum Einschränkungen umgehen und unzugäng-
lich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird ferner
den Hörer durch seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste
Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst andere Male, vom
harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten
Satzes zu überschätzen pflegten. „Die Lacher auf seine Seite
ziehen,“ sagt mit vollkommen zutreffendem Ausdruck unsere
Sprache.Man fasse z. B. die über den vorigen Abschnitt zer-
streuten Witze des Herrn N. in’s Auge. Es sind sämtlich
Schmähungen. Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: „Aber
der Ackerbauminister ist ja selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe
mit dem ***, der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas Langweiligeres
als die Aufsätze dieses Historikers über Napoleon in Österreich
habe ich überhaupt noch nicht gelesen!“ Aber der Hochstand
seiner Persönlichkeit macht es ihm unmöglich, diese seine Urteile
in dieser Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz
zur Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme beim Hörer sichert, die
sie trotz ihres etwaigen Wahrheitsgehaltes in unwitziger FormS.
86
niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders lehr-
reich, der vom „roten Fadian“, vielleicht der überwältigendste von
allen. Was nötigt uns daran zum Lachen und lenkt unser Interesse
von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht geschehen
ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der
Witz also; aber über was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über
die Person selbst, die uns als „roter Fadian“ vorgeführt wird,
und insbesondere über ihre Rothaarigkeit. Körperliche Gebrechen
zu verlachen hat sich der Gebildete abgewöhnt, auch zählt für
ihn die Rothaarigkeit nicht zu den lachenswürdigen Körperfehlern.
Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen
Volk, ja auch noch auf der Bildungsstufe gewisser kommunaler
und parlamentarischer Vertreter. Und nun hat dieser Witz des
Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, er-
wachsene und feinfühlige Leute, über die roten Haare des Histo-
rikers X. lachen wie die Schulknaben. Es lag dies gewiß nicht
in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhaft, ob
jemand, der seinen Witz walten läßt, dessen genaue Absicht
kennen muß.War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression,
welches der Witz umgehen half, ein innerliches – die ästhetische
Auflehnung gegen die Schmähung –, so kann es andere Male
rein äußerlicher Natur sein. So in dem Beispiel, wenn Serenissimus
den Fremden, dessen Ähnlichkeit mit seiner eigenen Person ihm
auffällt, fragt: War seine Mutter einmal in der Residenz? Und
die schlagfertige Antwort darauf lautet: Nein, aber mein Vater.
Der Gefragte möchte gewiß den Frechen niederschlagen, der es
wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geliebten Mutter
Schmach anzutun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man
nicht niederschlagen, nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese
Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen will. Es hieße
also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; aber zum Glück
zeigt der Witz den Weg, sie ungefährdet zu vergelten, indem man
mit dem technischen Mittel der Unifizierung die Anspielung auf-
nimmt und gegen den Angreifer wendet. Der Eindruck
des Witzigen wird hier so sehr von der Tendenz bestimmt, daß
wir angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen neigen, daß
die Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist.
Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Ent-
gegnung durch äußere Umstände ist ein so häufiger Fall, daß
der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ermög-
lichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, dieS.
87
Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird. Der Witz stellt
dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von
dem Drucke derselben dar. In diesem Moment liegt ja auch
der Reiz der Karikatur, über welche wir selbst dann lachen, wenn
sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen
die Autorität als Verdienst anrechnen.Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich
so sehr zum Angriff auf Großes, Würdiges und Mächtiges eignet,
das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände gegen
direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer be-
sonderen Auffassung gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die
sich mit minderwertigen und ohnmächtigen Personen abzugeben
scheinen. Ich meine die Heiratsvermittlergeschichten, von denen
wir einzelne bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken
des Gedankenwitzes kennen gelernt haben. In einigen derselben
z. B. in den Beispielen „Taub ist sie auch“ und „Wer borgt denn
den Leuten was!“ ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und
gedankenloser Mensch verlacht worden, der dadurch komisch wird,
daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber
reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen
Witzes erfahren haben, und anderseits die Größe unseres Wohl-
gefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der Per-
sonen zusammen, über die der Witz zu lachen scheint? Sind das
des Witzes würdige Gegner? Geht es nicht vielmehr so zu, daß
der Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas Bedeutsameres
zu treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt,
während er den Esel meint? Diese Auffassung ist wirklich nicht
abzuweisen.Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Fort-
setzung zu. Es ist wahr, daß ich auf dieselbe nicht einzugehen
brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten
„Schwänke“ zu sehen, und ihnen den Charakter des Witzes ab-
sprechen kann. Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes
besteht also auch; wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden
und werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß
nur das ein Witz ist, was ich als einen Witz gelten lasse. Was
für mich ein Witz ist, kann für einen anderen bloß eine komische
Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen Zweifel, so kann
es nur daher rühren, daß er eine Schauseite, eine – in unseren
Fällen komische – Fassade hat, an welcher sich der Blick des
einen ersättigt, während ein anderer versuchen kann, hinter die-
selbe zu spähen. Der Verdacht darf auch rege werden, daß dieseS.
88
III. Die Tendenzen des Witzes.
Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daß
solche Geschichten also etwas zu verbergen haben.Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichten Witze sind, so
sind sie um so bessere Witze, weil sie dank ihrer Fassade im
stande sind zu verbergen, nicht nur was sie zu sagen haben,
sondern auch daß sie etwas – Verbotenes – zu sagen haben.
Die Fortsetzung der Deutung aber, welche dies Verborgene auf-
deckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als ten-
denziöse Witze entlarvt, wäre folgende: Jeder, der sich die Wahr-
heit so in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist eigent-
lich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist
eine richtige und tief reichende psychologische Einsicht. Ohne
solche innerliche Zustimmung läßt sich niemand von dem Auto-
matismus, der hier die Wahrheit an den Tag bringt, übermannen.*)
Hiemit wandelt sich aber die lächerliche Person des Schadchen
in eine bedauernswert sympathische. Wie selig muß der Mann
sein, die Last der Verstellung endlich abwerfen zu können, wenn
er sofort die erste Gelegenheit benützt, um das letzte Stück der
Wahrheit herauszuschreien! Sowie er merkt, daß die Sache verloren
ist, daß die Braut dem jungen Manne nicht gefällt, verrät er
gern, daß sie noch einen versteckten Fehler hat, der jenem nicht
aufgefallen ist oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail
entscheidendes Argument anzuführen, um dabei den Leuten, in
deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: ‚Ich
bitt' Sie, wer borgt denn den Leuten was!‘ Die ganze Lächer-
lichkeit fällt nun auf die in der Geschichte nur gestreiften Eltern,
die solchen Schwindel für gestattet halten, um nur ihre Töchter
an den Mann zu bringen, auf die Erbärmlichkeit der Mädchen,
die sich unter solchen Veranstaltungen verheiraten lassen, auf die
Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen
werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik
zum Ausdruck bringen darf, denn er weiß am meisten von diesen
Mißbräuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist
ein armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben
kann. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich aber auch der
Volksgeist, der diese und ähnliche Geschichten geschaffen hat;
denn er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet arg
durch den Hinweis auf die Vorgänge bei der Eheschließung.
Erinnern wir uns auch der Bemerkung bei der Untersuchung
der Witztechnik, daß Widersinn im Witz häufig Spott und Kritik
*)Es ist derselbe Mechanismus, der das „Versprechen“ und andere Phäno-
mene des Selbstverrates beherrscht. S. „Psychopathologie des Alltagslebens.“S.
89
in dem Gedanken hinter dem Witz ersetzen, worin es die Witz-
arbeit übrigens der Traumarbeit gleichtut; wir finden diesen Sach-
verhalt hier von neuem bestätigt. Daß Spott und Kritik nicht
der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen
nur als der Prügelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine
andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der Vermittler ganz
im Gegenteile als überlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik
sich jeder Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten
mit logischer anstatt der komischen Fassade, sophistische Ge-
dankenwitze. In einer derselben (S. 48) weiß der Vermittler den
Fehler der Braut, daß sie hinkt, hinweg zu disputieren. Es sei
wenigstens eine „fertige Sache“, eine andere Frau mit geraden
Gliedern sei hingegen in beständiger Gefahr hinzu-
fallen und sich
ein Bein zu brechen, und dann käme die Krankheit, die Schmerzen,
die Behandlungskosten, die man sich bei der bereits Hinkenden
erspare. Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze
Reihe von Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln
mit guten Argumenten, zurückzuweisen, um ihm dann bei der
letzten, unbeschönbaren, entgegen zu halten: Was wollen Sie, gar
kein’ Fehler soll sie haben?, als ob von den früheren Einwendungen
nicht doch ein notwendiger Rest übrig geblieben wäre. Es ist
nicht schwer, bei beiden Beispielen die schwache Stelle in der
Argumentation nachzuweisen; wir haben dies auch bei der Unter-
suchung der Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas
anderes. Wenn der Rede des Vermittlers so starker logischer
Schein geliehen wird, der sich bei sorgfältiger Prüfung als Schein
zu erkennen gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daß der Witz
dem Vermittler Recht gibt; der Gedanke getraut sich nicht, ihm
ernsthaft Recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den Schein,
den der Witz vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig
den Ernst. Wir werden nicht irre gehen, wenn wir von all den
Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daß sie das wirklich
meinen, was sie mit absichtlich fehlerhafter Begründung behaupten.
Erst diese Verwendung des Sophismas zur versteckten Darstellung
der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also haupt-
sächlich von der Tendenz abhängt. Was in beiden Geschichten an-
gedeutet werden soll, ist nämlich, daß der Bewerber sich wirklich
lächerlich macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der Braut so
sorgsam zusammensucht, die doch alle hinfällig sind, und wenn
er dabei vergißt, daß er vorbereitet sein muß, ein Menschenkind
mit unvermeidlichen Fehlern zu seinem Weibe zu machen, während
doch die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oderS.
90
III. Die Tendenzen des Witzes.
minder mangelhaften Persönlichkeit der Frau erträglich machen
würde, die gegenseitige Zuneigung und Bereitwilligkeit zur liebe-
vollen Anpassung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht
die Rede ist.Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des Ehe-
werbers, bei welcher nun der Vermittler ganz passend die Rolle
des Überlegenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deut-
licher zum Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten
sind, desto weniger von Witztechnik enthalten sie; sie sind gleich-
sam nur Grensfälle des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr
die Fassadenbildung gemeinsam haben. Infolge der gleichen
Tendenz und des Versteckens derselben hinter der Fassade kommt
ihnen aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an
technischen Mitteln läßt außerdem verstehen, daß viele Witze
dieser Art das komische Element des Jargons, das ähnlich der
Witztechnik wirkt, nicht ohne starke Einbuße entbehren können.Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen
Witzes nichts mehr von dessen Technik erkennen läßt, ist die
folgende: Der Vermittler fragt: Was verlangen Sie von Ihrer
Braut? – Antwort: Schön muß sie sein, reich muß sie sein und
gebildet. – Gut, sagt der Vermittler, aber daraus mach’ ich drei
Partien. Hier wird der Verweis dem Manne direkt erteilt, nicht
mehr in der Einkleidung eines Witzes.In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte
Aggression noch gegen Personen, in den Vermittlerwitzen gegen
alle Parteien, die an dem Handel der Eheschließung beteiligt sind:
Braut, Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des
Witzes können aber eben sowohl Institutionen sein, Personen, in
soferne sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder der
Religion, Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen genießen,
daß der Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske eines
Witzes, und zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes
auftreten kann. Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser
tendenziöse Witz abzielt, seine Formen und Einkleidungen sind
äußerst mannigfaltig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung von
tendenziösem Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen.
Welcher Name der geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir
einige Beispiele dieser Gattung gedeutet haben.Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gour-
mand, der bei „Lachs mit Mayonnaise“ betroffen wird, und vom
trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische VerschiebungswitzeS.
91
kennen gelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben
seitdem gehört, daß, wenn der Schein der Logik an die Fassade
einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke wohl im Ernst sagen
möchte: Der Mann hat Recht, des entgegenstehenden Widerspruches
wegen aber sich nicht getraut, dem Manne anders Recht zu
geben als in einem Punkte, in dem sein Unrecht leicht nach
zuweisen ist. Die gewählte „Pointe“ ist der richtige Kompromiß
zwischen seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine
Entscheidung ist, aber wohl dem Konflikt in uns selbst entspricht.
Die beiden Geschichten sind einfach epikuräisch, sie sagen: Ja,
der Mann hat Recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, und
es ist ziemlich gleichgültig, auf welche Art man sich ihn ver-
schafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl auch nicht
viel besser, aber im Grunde ist es nichts anderes als das „Carpe
diem“ des Poeten, der sich auf die Unsicherheit des Lebens
und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung beruft.
Wenn die Idee, daß der Mann im Witz von „Lachs mit Mayonnaise“
Recht haben soll, auf uns so abstoßend wirkt, so rührt dies nur
von der Illustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster
Art, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat
jeder von uns Stunden und Zeiten gehabt, in denen er dieser
Lebensphilosophie ihr Recht zugestanden und der Morallehre
vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern verstand, ohne zu ent-
schädigen. Seitdem die Anweisung auf das Jenseits, in dem sich
alle Entsagung durch Befriedigung lohnen soll, von uns nicht mehr
geglaubt wird – es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man
die Entsagung zum Kennzeichen des Glaubens macht –, seitdem
wird das „Carpe diem“ zur ernsten Mahnung. Ich will die Be-
friedigung gern aufschieben, aber weiß ich denn, ob ich morgen
noch da sein werde?„Di doman non c’è certezza.“*)
Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpönten Wege
der Befriedigung verzichten, aber bin ich sicher, daß mir die
Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir – wenn
auch mit einem gewissen Aufschub – einen der erlaubten Wege
öffnet? Es läßt sich laut sagen, was diese Witze flüstern, daß
die Wünsche und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich
vernehmbar zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichts-
losen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdrücklichen und
packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigen-
nützige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche*) Lorenzo de’ Medici.
S.
92
jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können. So
lange die Heilkunst es nicht weiter gebracht hat, unser Leben
zu sichern, und so lange die sozialen Einrichtungen nicht mehr
dazu tun, es erfreulicher zu gestalten, so lange kann die Stimme
in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht
erstickt werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich
dieses Zugeständnis endlich machen. Die Entscheidung in diesem
Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht mög-
lich. Man muß sein Leben so an das Andere knüpfen, sich so
innig mit Anderen identifizieren können, daß die Verkürzung der
eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die Forde-
rungen der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen,
sondern muß sie unerfüllt lassen, weil nur der Fortbestand so
vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die
gesellschaftliche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persön-
lichen Bedürfnisse lassen sich in solcher Art verschieben und auf
Andere übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung
des Konflikts gibt es nicht.
Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu
benennen haben; es sind zynische Witze, was sie verhüllen,
sind Zynismen.
Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen
pflegt, ist keine wichtiger, eindringlicher durch Moralvorschriften
geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das Institut
der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten.
Kein Anspruch ist ja persönlicher als der auf sexuelle Freiheit,
und nirgends hat die Kultur eine stärkere Unterdrückung zu üben
versucht als auf dem Gebiete der Sexualität. Für unsere Ab-
sichten mag ein einziges Beispiel genügen, die auf S. 62 erwähnte
„Eintragung in das Stammbuch des Prinzen Karneval“:
„Eine Frau ist wie ein Regenschirm; — man nimmt sich
dann doch einen Komfortabel.“
Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereits
erörtert: ein verblüffender, anscheinend unmöglicher Vergleich,
der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, ferner eine
Anspielung (Komfortabel = öffentliches Fuhrwerk) und als stärk-
stes technisches Mittel eine die Unverständlichkeit erhöhende
Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art auszuführen:
Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit
zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine
Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses gestattet, gerade
so wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen denS.
93
Regen zu schützen, und dann im Regen doch naß wird. In
beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier
öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen.
Jetzt ist der Witz fast völlig durch Zynismus ersetzt. Daß die
Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes zu
befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen,
wenn man nicht etwa von der Wahrheitsliebe und dem Reform-
eifer eines Christian v. Ehrenfels*) dazu gedrängt wird.
Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch – auf
allerlei Umwegen – gesagt hat.Ein für den tendenziösen Witz besonders günstiger Fall wird
hergestellt, wenn die beabsichtigte Kritik der Auflehnung sich
gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedrückt, eine
Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also,
das eigene Volk zum Beispiel. Diese Bedingung der Selbst-
kritik mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdi-
schen Volkslebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen
sind, von denen wir ja hier reichliche Proben gegeben haben.
Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische
Eigentümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden
über Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwänke,
in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der
Jude den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze,
die von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre
wirklichen Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen,
und der Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft
die sonst schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witz-
arbeit. Ich weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vor-
kommt, daß sich ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes
Wesen lustig macht.Als Beispiel hierfür kann ich auf die S. 64 erwähnte Ge-
schichte hinweisen, wie ein Jude in der Eisenbahn sofort alle
Dezenz des Betragens aufgibt, nachdem er den Ankömmling im
Coupé als Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz
als Beleg für die Veranschaulichung durch ein Detail, Darstellung
durch ein Kleinstes, kennen gelernt; er soll die demokratische
Denkungsart der Juden schildern, die keinen Unterschied von
Herren und Knechten anerkennt, aber leider auch Disziplin und
Zusammenwirken stört. Eine andere, besonders interessante Reihe
von Witzen schildert die Beziehungen der armen und der reichen
Juden zu einander; ihre Helden sind der „Schnorrer“ und der*)Siehe dessen Aufsätze in der Politisch-anthropologischen Revue II, 1903.
S.
94
mildtätige Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle
Sonntage in demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint
eines Tages in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, der
Miene macht, sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt
der Hausherr und erhält die Antwort: Das ist mein Schwieger-
sohn seit voriger Woche; ich hab’ ihm die Kost versprochen das
erste Jahr. Die Tendenz dieser Geschichten ist stets die näm-
liche; sie wird in folgender am deutlichsten hervortreten: Der
Schnorrer bettelt beim Baron um das Geld für eine Badereise
nach Ostende; der Arzt hat ihm wegen seiner Beschwerden ein
Seebad empfohlen. Der Baron findet, Ostende sei ein besonders
kostspieliger Aufenthalt; ein wohlfeilerer würde es auch tun. Aber
der Schnorrer lehnt den Vorschlag mit den Worten ab: Herr
Baron, für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer. Das ist
ein prächtiger Verschiebungswitz, den wir als Muster für seine
Gattung hätten nehmen können. Der Baron will offenbar sein
Geld ersparen, der Schnorrer antwortet aber, als sei das Geld
des Barons sein eigenes, das er dann allerdings minder hoch-
schätzen darf als seine Gesundheit. Man wird hier aufgefordert,
über die Frechheit des Anspruchs zu lachen, aber diese Witze
sind ausnahmsweise nicht mit einer das Verständnis irre führen-
den Fassade ausgestattet. Die Wahrheit dahinter ist, daß der
Schnorrer, der das Geld des Reichen in Gedanken wie eigenes
behandelt, nach den heiligen Vorschriften der Juden wirklich fast
das Recht zu dieser Verwechslung hat. Natürlich richtet sich
die Auflehnung, die diesen Witz geschaffen hat, gegen das selbst
den Frommen schwer bedrückende Gesetz.Eine andere Geschichte erzählt: Ein Schnorrer begegnet auf
der Treppe des Reichen einen Genossen im Gewerbe, der ihm
abrät, seinen Weg fortzusetzen. „Geh’ heute nicht hinauf, der
Baron ist heute schlecht aufgelegt, er gibt niemand mehr als
einen Gulden.“ – Ich werde doch hinaufgehen, sagt der erste
Schnorrer. Warum soll’ ich ihm den einen Gulden schenken?
Schenkt er mir ’was?Dieser Witz bedient sich der Technik des Widersinnes, in
dem er den Schnorrer in demselben Moment behaupten läßt, der
Baron schenke ihm nichts, in dem er sich anschickt, um das
Geschenk zu betteln. Aber der Widersinn ist nur ein scheinbarer;
es ist beinahe richtig, daß ihm der Reiche nichts schenkt, da
er durch das Gesetz verpflichtet ist, ihm Almosen zu geben, und
ihm strenge genommen, dankbar sein muß, daß er ihm die Ge-
legenheit zum Wohltun schafft. Die gemeine, bürgerliche Auf-S.
95
fassung des Almosen-
revoltiert offen gegen die religiöse in der Geschichte vom Baron,
der, durch die Leidenserzählung des Schnorrers tief ergriffen,
seinen Dienern schellt: Werft’s ihn hinaus; er bricht mir das
Herz! Diese offene Darlegung der Tendenz stellt wieder einen
Grenzfall des Witzes her. Von der nicht mehr witzigen Klage:
„Es ist wirklich kein Vorzug, ein Reicher unter Juden zu sein.
Das fremde Elend läßt einen nicht zum Genuß des eigenen
Glückes kommen,“ entfernen sich diese letzten Geschichten fast
nur durch die Veranschaulichung in einer einzelnen Situation.Von einem tief pessimistischen Zynismus zeugen andere Ge-
schichten, die technisch wiederum Grenzfälle des Witzes
darstellen, wie die nachstehende: Ein Schwerhöriger konsultiert
den Arzt, der die richtige Diagnose macht, der Patient trinke
wahrscheinlich zuviel Branntwein und sei darum taub. Er rät
ihm davon ab, der Schwerhörige verspricht den Rat zu beherzigen.
Nach einer Weile trifft ihn der Arzt auf der Straße und fragt
ihn laut, wie es ihm gehe. „Ich danke, ist die Antwort. Sie
brauchen nicht so zu schreien, Herr Doktor, ich habe das Trinken
aufgegeben und hör’ wieder gut. Nach einer weiteren Weile
wiederholt sich die Begegnung. Der Doktor fragt mit gewöhnlicher
Stimme nach seinem Befinden, merkt aber, daß er nicht ver-
standen wird. – Wie? Was? – Mir scheint, Sie trinken wieder
Branntwein, schreit ihm der Doktor in’s Ohr, und darum hören
Sie wieder nichts. Sie können Recht haben, antwortet der Schwer-
hörige. Ich hab’ wieder angefangen zu trinken Branntwein, aber
ich will Ihnen sagen: warum. So lange ich nicht getrunken hab’,
hab’ ich gehört; aber alles, was ich gehört, war nicht so gut wie
der Branntwein. – Technisch ist dieser Witz nichts anderes als
eine Veranschaulichung; der Jargon, die Künste der Erzählung
müssen dazu dienen, das Lachen zu erwecken, aber dahinter lauert
die traurige Frage: Hat der Mann mit seiner Wahl nicht recht?
– Es ist das mannigfaltige hoffnungslose Elend des Juden, auf
welches diese pessimistischen Geschichten anspielen, die ich dieses
Zusammenhanges wegen dem tendenziösen Witz anreihen muß.Andere in ähnlichem Sinne zynische Witze, und zwar nicht
nur Judengeschichten, greifen religiöse Dogmen und den Gottes-
glauben selber an. Die Geschichte vom „Kück des Rabbi“, deren
Technik in dem Denkfehler der Gleichstellung von Phantasie und
Wirklichkeit bestand (auch die Auffassung als Verschiebung wäre
haltbar), ist ein solcher zynischer oder kritischer Witz, der sich
gegen die Wundertäter und gewiß auch gegen den WunderglaubenS.
96
richtet. Einen direkt blasphemischen Witz soll Heine in der
Situation des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche
Priester ihn auf Gottes Gnade verwies und ihm Hoffnung machte,
daß er bei Gott Vergebung für seine Sünden finden werde, soll
er geantwortet haben: Bien sûr, qu’il me pardonnera; c’est son
métier. Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa nur
vom Werte einer Anspielung, denn ein métier, Geschäft oder
Beruf hat etwa ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat er
nur ein einziges métier. Die Stärke des Witzes liegt aber in
seiner Tendenz. Er soll nichts anderes sagen als: Gewiß wird
er mir verzeihen, dazu ist er ja da, zu keinem anderen Zweck
habe ich ihn mir angeschafft, (wie man sich seinen Arzt, seinen
Advokaten hält). Und so regt sich noch in dem machtlos da-
liegenden Sterbenden das Bewußtsein, daß er sich Gott erschaffen
und ihn mit Macht ausgestattet hat, um sich seiner bei Gelegen-
heit zu bedienen. Das vermeintliche Geschöpf gibt sich noch
kurz vor seiner Vernichtung als den Schöpfer zu erkennen.Zu den bisher behandelten Gattungen des tendenziösen Witzes,
dem entblößenden oder obszönen,
dem aggressiven (feindseligen),
dem zynischen (kritischen, blasphemischen),möchte ich als vierte und seltenste eine neue anreihen, deren
Charakter durch ein gutes Beispiel erläutert werden soll.„Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen
einer galizischen Station. Wohin fährst du? fragte
der eine. Nach Krakau, ist die Antwort. Sieh her,
was du für Lügner bist, braust der andere auf.
Wenn du sagst, du fährst nach Krakau, willst du
doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg.
Nun weiß ich aber, daß du wirklich fährst nach
Krakau. Also warum lügst du?“Diese kostbare Geschichte, die den Eindruck übergroßer
Spitzfindigkeit macht, wirkt offenbar durch die Technik des Wider-
sinnes. Der zweite soll sich Lüge vorwerfen lassen, weil er mit-
geteilt, er fahre nach Krakau, was in Wahrheit sein Reiseziel ist!
Dieses starke technische Mittel – der Widersinn – ist aber hier mit
einer anderen Technik gepaart, der Darstellung durch das Gegen-
teil, denn nach der unwidersprochenen Behauptung des Ersten
lügt der Andere, wenn er die Wahrheit sagt, und sagt die Wahr-
heit mit einer Lüge. Der ernstere Gehalt dieses Witzes ist aber
die Frage nach den Bedingungen der Wahrheit; der Witz deutetS.
97
wiederum auf ein Problem und nützt die Unsicherheit eines
unserer gebräuchlichsten Begriffe aus. Ist es Wahrheit, wenn
man die Dinge so beschreibt, wie sie sind, und sich nicht darum
kümmert, wie der Hörer das Gesagte auffassen wird? Oder ist
dies nur jesuitische Wahrheit, und besteht die echte Wahrhaftig-
keit nicht viel mehr darin, auf den Zuhörer Rücksicht zu nehmen,
und ihm ein getreues Abbild seines eigenen Wissens zu vermitteln?
Ich halte Witze dieser Art für genug verschieden von den anderen,
um ihnen eine besondere Stellung anzuweisen. Was sie angreifen,
ist nicht eine Person oder eine Institution, sondern die Sicherheit
unserer Erkenntnis selbst, eines unserer spekulativen Güter. Der
Name „skeptische“ Witze würde also für sie der ent-
sprechende sein.
Wir haben im Verlaufe unserer Erörterungen über die Ten-
denzen des Witzes vielleicht mancherlei Aufklärungen gewonnen
und gewiß reichliche Anregungen zu weiteren Untersuchungen
gefunden; aber die Ergebnisse dieses Abschnittes setzen sich mit
denen des vorigen zu einem schwierigen Problem zusammen.
Wenn es richtig ist, daß die Lust, die der Witz bringt, einerseits
an der Technik, anderseits an der Tendenz haftet, unter welchem
gemeinsamen Gesichtspunkt lassen sich etwa diese zwei so ver-
schiedenen Lustquellen des Witzes vereinen?
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A. Analytischer Teil1905-003/1905/M1
1905-003/1905/3