S.
11
III. Theoretisches.
(J. Breuer.)
In der „Vorläufigen Mitteilung“, welche diese Studien einleitet,
haben wir die Anschauungen dargelegt, zu denen wir durch unsere
Beobachtungen geführt wurden, und ich glaube, in der Hauptsache
an ihnen festhalten zu dürfen. Die „Vorläufige Mitteilung“ ist aber
so kurz und so knapp, daß darin großenteils nur angedeutet werden
konnte, was wir meinen. Es sei darum gestattet, nun, da die Kranken-
geschichten Belege für unsere Anschauungen erbracht haben, diese
ausführlicher darzulegen. Natürlich soll und kann auch hier nicht „das
Ganze der Hysterie“ abgehandelt werden, aber es sollen diejenigen
Punkte, welche in der „Vorläufigen Mitteilung“ ungenügend begründet
und zu schwach hervorgehoben wurden, eine etwas eingehendere,
deutlichere, wohl auch einschränkende Besprechung erfahren.In diesen Erörterungen wird wenig vom Gehirne und gar nicht
von den Molekülen die Rede sein. Psychische Vorgänge sollen in der
Sprache der Psychologie behandelt werden, ja, es kann eigentlich gar
nicht anders geschehen. Wenn wir statt „Vorstellung“ „Rindenerregung“
sagen wollten, so würde der letztere Ausdruck nur dadurch einen Sinn
für uns haben, daß wir in der Verkleidung den guten Bekannten er-
kennen und die „Vorstellung“ stillschweigend wieder restituieren.
Denn während Vorstellungen fortwährend Gegenstände unserer Er-
fahrung und uns in all ihren Nuancen wohlbekannt sind, ist „Rinden-
erregung“ für uns mehr ein Postulat, ein Gegenstand künftiger, er-
hoffter Erkenntnis. Jener Ersatz der Termini scheint eine zwecklose
Maskerade.So möge der fast ausschließliche Gebrauch psychologischer
Terminologie vergeben werden.Noch für anderes muß ich im vorhinein um Nachsicht bitten.
Wenn eine Wissenschaft rasch vorwärts schreitet, werden Gedanken,S.
162
die zuerst von einzelnen ausgesprochen wurden, alsbald Gemeingut.
So kann niemand, der heute seine Anschauungen über Hysterie und
ihre psychische Grundlage darzulegen versucht, es vermeiden, daß
er eine Menge Gedanken anderer ausspreche und wiederhole, die eben
aus dem Individualbesitze in den Gemeinbesitz übergehen. Es ist kaum
möglich, von ihnen immer zu konstatieren, wer sie zuerst ausgesprochen
hat, und auch die Gefahr liegt nahe, daß man für eigenes Produkt
hält, was von anderen schon gesagt worden ist. So möge es entschuldigt
werden, wenn hier wenig Zitate gebracht werden und zwischen Eigenem
und Fremdem nicht streng unterschieden wird. Auf Originalität macht
das Wenigste von dem Anspruch, was auf den folgenden Seiten dar-
gelegt werden soll.I. Sind alle hysterischen Phänomene ideogen?
Wir sprachen in der „Vorläufigen Mitteilung“ über den psychischen
Mechanismus „hysterischer Phänomene“; nicht „der Hysterie“, weil
wir für denselben und für die psychische Theorie der hysterischen
Symptome überhaupt uneingeschränkte Geltung nicht beanspruchen
wollten. Wir glauben nicht, daß alle Erscheinungen der Hysterie auf
die von uns dargelegte Weise zustande kommen, und auch nicht, daß
alle ideogen, d. h. durch Vorstellungen bedingt seien. Wir differieren
darin von Möbius1), der 1888 die Definition vorschlug: „Hysterisch
sind alle diejenigen krankhaften Erscheinungen, die durch Vorstellungen
verursacht sind.“ Später wurde dieser Satz dahin erläutert, daß nur
ein Teil der krankhaften Phänomene den verursachenden Vorstellungen
inhaltlich entspreche, nämlich die durch Fremd-
und Autosuggestion
erzeugten; z. B. wenn die Vorstellung, den Arm nicht bewegen zu
können, eine Lähmung desselben bedinge. Ein anderer Teil der hysteri-
schen Phänomene sei zwar durch Vorstellungen verursacht, entspreche
ihnen aber inhaltlich nicht; z. B. wenn in einer unserer Beobachtungen
die Lähmung des Armes durch den Anblick von schlangenähnlichen
Gegenständen erzeugt wird.Möbius will mit dieser Definition nicht etwa eine Veränderung
der Nomenklatur befürworten, so daß fortan nur die durch Vorstellungen
bedingten, ideogenen krankhaften Phänomene hysterisch zu nennen
wären; sondern er meint, daß alle hysterischen Krankheitserscheinungen
ideogen seien. „Weil sehr oft Vorstellungen Ursache der hysterischen1)Möbius, Über den Begriff der Hysterie. Wieder abgedruckt in „Neuro-
logische Beiträge“, I. Heft, 1894.S.
163
Erscheinungen sind, glauben wir, daß sie es immer seien.“ Er nennt
dies einen Analogieschluß; ich möchte es eher eine Generalisation
nennen, deren Berechtigung erst untersucht werden muß.Offenbar muß vor jeder Diskussion festgestellt werden, was man
unter Hysterie versteht. Ich halte Hysterie für ein empirisch gefundenes,
der Beobachtung entstammendes Krankheitsbild, gerade so wie die
tuberkulöse Lungenphthise. Solche empirisch gewonnene Krankheitsbilder
werden durch den Fortschritt unserer Erkenntnis geläutert, vertieft,
erklärt; sie sollen und können dadurch aber nicht zerstört werden.
Die ätiologische Forschung hat gezeigt, daß die verschiedenen Teil-
prozesse der Lungenphthise durch verschiedene Krankheitsursachen
bedingt sind; der Tuberkel durch den Bacillus Kochii, der Gewebs-
zerfall, die Kavernenbildung, das septische Fieber durch andere Mi-
kroben. Trotzdem bleibt die tuberkulöse Phthise eine klinische Einheit,
und es wäre unrichtig, sie dadurch zu zerstören, daß man nur die „spezi-
fisch tuberkulösen“, durch den Bacillus Kochs bedingten Gewebsver-
änderungen ihr zuschreiben, die anderen von ihr loslösen wollte. —
Ebenso muß die klinische Einheit der Hysterie erhalten bleiben, auch
wenn sich herausstellt, daß ihre Phänomene durch verschiedene Ur-
sachen bedingt sind, die einen durch einen psychischen Mechanismus,
die anderen ohne solchen zustande kommen.Das ist nun meiner Überzeugung nach wirklich der Fall. Nur
ein Teil der hysterischen Phänomene ist ideogen, und die Annahme
der Möbiusschen Definition reißt die klinische Einheit der Hysterie,
ja, auch die Einheit eines und desselben Symptoms bei einem und
demselben Kranken mitten entzwei.Es wäre ein dem Analogieschlusse Möbius’ ganz analoger Schluß:
„Weil sehr oft Vorstellungen und Wahrnehmungen die Erektion hervor-
rufen, nehmen wir an, daß sie allein es immer tun und daß auch die
peripheren Reize erst auf dem Umwege über die Psyche jenen vaso-
motorischen Vorgang auslösen.“ Wir wissen, daß das ein Irrtum wäre,
und doch lägen diesem Schlusse gewiß so viele Tatsachen zugrunde
wie dem Satze Möbius’ betreffs der Hysterie. In Analogie mit einer
großen Zahl physiologischer Vorgänge, wie Speichel- und Tränen-
sekretion, Veränderung der Herzaktion u. dgl. ist als möglich und
wahrscheinlich anzunehmen, daß derselbe Vorgang sowohl durch
Vorstellungen als durch periphere oder andere, aber nicht psychische
Reize ausgelöst werden kann. Das Gegenteil ist zu beweisen, und dazu
fehlt noch sehr viel. Ja, es scheint sicher, daß viele der hysterischS.
164
genannten Phänomene nicht allein durch Vorstellungen verursacht
werden.Betrachten wir einen ganz alltäglichen Fall. Eine Frau bekommt
bei jedem Affekte an Hals, Brust und Gesicht ein erst fleckiges, dann
konfluierendes Erythem. Dies ist durch Vorstellungen bedingt und
also nach Möbius ein hysterisches Phänomen. Dasselbe Erythem
tritt aber, wenn auch in geringerer Ausbreitung, bei Hautreiz auf, bei
Berührung u. dgl. Dies wäre nun nicht hysterisch. So wäre ein, sicherlich
völlig einheitliches Phänomen einmal der Hysterie zugehörig und ein
andermal nicht. Man kann ja zweifeln, ob man dieses, den Erethismus
der Vasomotoren, überhaupt zu den spezifisch hysterischen Erschei-
nungen rechnen soll, oder ob man es nicht besser dem einfachen
„Nervosismus“ zuzählt. Aber nach Möbius müßte jene Zerfällung
eines einheitlichen Vorganges jedenfalls geschehen und das affektiv
bedingte Erythem allein hysterisch genannt werden.Ganz ebenso verhält es sich bei den praktisch so wichtigen
hysterischen Algien. Gewiß sind diese häufig direkt durch Vorstellungen
bedingt; es sind „Schmerzhalluzinationen“. Untersuchen wir diese
etwas genauer, so zeigt sich, daß zu ihrem Entstehen große Lebhaftigkeit
der Vorstellung nicht genügt, sondern daß ein besonderer abnormer
Zustand der schmerzleitenden und empfindenden Apparate notwendig
ist, wie zum Entstehen des affektiven Erythems die abnorme Erreg-
barkeit der Vasomotoren. Das Wort „Schmerzhalluzination“ be-
zeichnet gewiß das Wesen dieser Neuralgie aufs prägnanteste, zwingt
uns aber auch, die Anschauungen auf sie zu übertragen, die wir uns
bezüglich der Halluzination im allgemeinen gebildet haben. Diese
eingehend zu diskutieren, ist hier nicht am Platze. Ich bekenne mich zu
der Meinung, die „Vorstellung“, das Erinnerungsbild allein, ohne
Erregung des Perzeptionsapparates, erlange selbst in seiner größten
Lebhaftigkeit und Intensität nie den Charakter objektiver Existenz,
der die Halluzination ausmacht.1)1)Dieser Perzeptionsapparat, einschließlich der kortikalen Sinnessphären,
muß verschieden sein von dem Organe, welches Sinneseindrücke als Erinnerungs-
bilder aufbewahrt und reproduziert. Denn die Grundbedingung der Funktion
des Wahrnehmungsapparates ist die rascheste restitutio in statu quo ante;
sonst könnte keine richtige weitere Perzeption stattfinden. Die Bedingung des
Gedächtnisses hingegen ist, daß eine solche Restitution nicht statt hat, sondern
daß jede Wahrnehmung bleibende Veränderungen schafft. Unmöglich kann ein
und dasselbe Organ beiden widersprechenden Bedingungen genügen; der Spiegel
eines Reflexionsteleskops kann nicht zugleich photographische Platte sein. InS.
165
Das gilt schon von den Sinneshalluzinationen und noch mehr
von den Schmerzhalluzinationen. Denn es scheint dem Gesunden nicht
möglich zu sein, der Erinnerung an einen körperlichen Schmerz auch
nur jene Lebhaftigkeit, jene entfernte Annäherung an die wirkliche
Empfindung zu verschaffen, welche doch bei optischen und akustischen
Erinnerungsbildern erreicht werden kann. Selbst in dem normalen
halluzinatorischen Zustande des Gesunden, im Schlafe, werden, wie ich
glaube, niemals Schmerzen geträumt, wenn nicht eine reale Schmerz-
empfindung vorhanden ist. Die „rückläufige“, von dem Organe des
Gedächtnisses ausgehende Erregung des Perzeptionsapparates durch
Vorstellungen ist also de norma für Schmerz noch schwieriger als für
Gesichts- und Gehörsempfindungen. Treten bei Hysterie mit solcher
Leichtigkeit Schmerzhalluzinationen auf, so müssen wir eine anomale
Erregbarkeit des schmerzempfindenden Apparates statuieren.Diese tritt nun nicht bloß durch Vorstellungen, sondern auch
durch periphere Reize angeregt in die Erscheinung, ganz wie der früher
betrachtete Erethismus der Vasomotoren.Wir beobachten täglich, daß beim nervös normalen Menschen
periphere Schmerzen von pathologischen, aber selbst nicht schmerz-
haften Vorgängen in anderen Organen bedingt werden; so der Kopf-
schmerz von relativ unbedeutenden Veränderungen der Nase und
ihrer Nebenhöhlen; Neuralgien der Interkostal- und Brachialnerven
vom Herzen aus, u.dgl. mehr. Besteht bei einem Kranken jene abnorme
Erregbarkeit, welche wir als Bedingung der Schmerzhalluzination
annehmen mußten, so steht sie sozusagen auch den eben erwähnten
Irradiationen zur Verfügung. Die auch bei nicht Nervösen vorkommenden
werden intensiver, und es bilden sich solche Irradiationen, die wir
zwar nur bei Nervenkranken finden, die aber doch auf demselben
Mechanismus begründet sind wie jene. So, glaube ich, hängt die Ovarie
von den Zuständen des Genitalapparates ab. Daß sie psychisch ver-
mittelt sei, müßte bewiesen werden, und das ist dadurch nicht ge-
schehen, daß man diesen Schmerz, wie jeden andern, als Halluzination
in der Hypnose erzeugen oder daß die Ovarie auch psychischen Ur-
diesem Sinne, daß die Erregung des Perzeptionsapparates – nicht in der be-
stimmten Aussage, daß die Erregung der subkortikalen Zentren – der Hallu-
zination den Charakter des Objektiven gebe, stimme ich Meynert bei. Soll aber
durch das Erinnerungsbild das Perzeptionsorgan erregt werden, so müssen wir
eine gegen die Norm abgeänderte Erregbarkeit desselben annehmen, die eben die
Halluzination möglich macht.S.
166
sprunges sein kann. Sie entsteht eben wie das Erythem oder wie eine
der normalen Sekretionen sowohl aus psychischen als aus rein somatischen
Ursachen. Sollen wir nun nur die erstere Art hysterisch nennen? jene,
von der wir den psychischen Ursprung kennen? Dann müßten wir
eigentlich die gewöhnlich beobachtete Ovarie aus dem hysterischen
Symptomkomplexe ausscheiden, was doch kaum angeht.Wenn nach einem leichten Trauma eines Gelenkes allmählich
eine schwere Gelenksneurose sich entwickelt, so ist in diesem Vor-
gange gewiß ein psychisches Element: die Konzentration der Auf-
merksamkeit auf den verletzten Teil, welche die Erregbarkeit der
betreffenden Nervenbahnen steigert; aber man kann das kaum so aus-
drücken, daß die Hyperalgie durch Vorstellungen bedingt sei.Nicht anders steht es mit der pathologischen Herabsetzung der
Empfindung. Es ist durchaus unerwiesen und unwahrscheinlich, daß
die allgemeine Analgesie oder daß die Analgesie einzelner Körperteile
ohne Anästhesie, durch Vorstellungen verursacht sei. Und wenn sich
auch die Entdeckung Binets und Janets vollständig bestätigen
sollte, daß die Hemianästhesie durch einen eigentümlichen psychischen
Zustand bedingt sei, durch die Spaltung der Psyche, so wäre das zwar
ein psychogenes, aber kein ideogenes Phänomen und wäre darum
nach Möbius nicht hysterisch zu nennen.Können wir so von einer großen Zahl charakteristischer hysteri-
scher Phänomene nicht annehmen, daß sie ideogen seien, so scheint
es richtig, den Satz von Möbius zu reduzieren. Wir sagen nicht: „Jene
krankhaften Erscheinungen sind hysterisch, welche durch Vorstellungen
veranlaßt sind,“ sondern nur: Sehr viele der hysterischen Phä-
nomene, wahrscheinlich mehr als wir heute wissen, sind
ideogen. Die gemeinschaftliche, fundamentale krankhafte Veränderung
aber, welche sowohl den Vorstellungen als auch nicht psychologischen
Reizen ermöglicht, pathogen zu wirken, ist eine anomale Erregbarkeit
des Nervensystems1. Inwieweit diese selbst psychischen Ursprungs ist,
das ist eine weitere Frage.
Wenn also nur ein Teil der hysterischen Phänomene ideogen
sein dürfte, so sind es doch gerade diese, welche man die spezifisch1)Oppenheims „Labilität der Moleküle“. Vielleicht wird es später
möglich sein, den obigen sehr vagen Ausdruck durch eine präzisere und inhalts-
reichere Formel zu ersetzen.S.
167
hysterischen nennen darf, und ihre Erforschung, die Aufdeckung ihres
psychischen Ursprungs macht den wesentlichsten neueren Fortschritt
in der Theorie der Krankheit aus. Es stellt sich nun die weitere Frage:
wie kommen sie zustande, welches ist der „psychische Mechanismus“
dieser Phänomene?Dieser Frage gegenüber verhalten sich die beiden von Möbius
unterschiedenen Gruppen ideogener Symptome wesentlich verschieden.
Diejenigen, bei denen das Krankheitsphänomen der erregenden Vor-
stellung inhaltlich entspricht, sind relativ verständlich und durch-
sichtig. Wenn die Vorstellung einer gehörten Stimme dieselbe nicht
bloß wie beim Gesunden im „inneren Hören“ leise anklingen, sondern
als wirkliche objektive Gehörempfindung halluzinatorisch wahr-
nehmen läßt, so entspricht das bekannten Phänomenen des gesunden
Lebens (Traum) und ist unter der Annahme abnormer Erregbarkeit
wohl verständlich. Wir wissen, daß es bei jeder willkürlichen Bewegung
die Vorstellung des zu erreichenden Resultates ist, welche die ent-
sprechende Muskelkontraktion auslöst; es ist nicht ganz unver-
ständlich, daß die Vorstellung, diese sei unmöglich, die Bewegung
verhindert. (Suggestive Lähmung.)Anders verhält es sich mit jenen Phänomenen, die keinen logischen
Zusammenhang mit der veranlassenden Vorstellung haben. (Auch für
sie bietet das normale Leben Analogien, wie z. B. das Schamerröten
u. dgl.) Wie kommen diese zustande, warum löst beim kranken Menschen
eine Vorstellung gerade die eine, ganz irrationale, ihr gar nicht ent-
sprechende Bewegung oder Halluzination aus?Wir glaubten in der „Vorläufigen Mitteilung“ über diesen kausalen
Zusammenhang einiges auf Grund unserer Beobachtungen aussagen zu
können. Wir haben aber in unserer Darlegung den Begriff „der Er-
regung, welche abströmt oder abreagiert werden muß“,
ohne weiteres eingeführt und benutzt. Dieser Begriff, für unser Thema
und für die Lehre von den Neurosen überhaupt von fundamentaler
Wichtigkeit, scheint aber eine eingehendere Untersuchung zu verlangen
und zu verdienen. Bevor ich zu dieser schreite, muß ich es entschuldigen,
daß hier auf die Grundprobleme des Nervensystems zurückgegriffen
wird. Solches „Hinuntersteigen zu den Müttern“ hat immer etwas
Beklemmendes; aber der Versuch, die Wurzel einer Erscheinung auf-
zugraben, führt eben unvermeidlich immer auf die Grundprobleme,
denen man nicht ausweichen kann. Möge darum die Abstrusität der
folgenden Betrachtungen nachsichtig beurteilt werden!S.
168
II. Die intrazerebrale tonische Erregung. – Die Affekte.
A. Wir kennen zwei extreme Zustände des Zentralnervensystems,
traumlosen Schlaf und helles Wachen. Zwischen ihnen bilden Zustände
geringerer Helligkeit in allen Abstufungen den Übergang. Uns inter-
essiert hier nicht die Frage nach dem Zwecke und der physischen Be-
gründung des Schlafes (chemische oder vasomotorische Bedingungen),
sondern nach dem wesentlichen Unterschiede der beiden Zustände.Vom tiefsten, traumlosen Schlafe können wir direkte nichts
aussagen, weil eben durch den Zustand völliger Bewußtlosigkeit jede
Beobachtung und Erfahrung ausgeschlossen ist. Von dem benach-
barten Zustand des Traumschlafes aber wissen wir, daß wir darin will-
kürliche Bewegungen intendieren, sprechen, gehen usw., ohne daß
dadurch die entsprechenden Muskelkontraktionen willkürlich aus-
gelöst würden, wie es im Wachen geschieht; daß sensible Reize vielleicht
perzipiert werden (da [sie oft in den Traum eingehen), aber nicht
apperzipiert, d. h. nicht zu bewußten Wahrnehmungen werden; daß
auftauchende Vorstellungen nicht, wie im Wachen, alle mit ihnen
zusammenhängenden, im potentiellen Bewußtsein vorhandenen Vor-
stellungen aktuell machen, sondern daß große Massen hiervon un-
erregt bleiben (wie wenn wir mit einem Verstorbenen sprechen, ohne
uns seines Todes zu erinnern); daß auch unvereinbare Vorstellungen
zugleich bestehen können, ohne sich wie im Wachen wechselseitig zu
hemmen; daß also die Assoziation mangelhaft und unvollständig er-
folgt. Wir dürfen wohl annehmen, daß im tiefsten Schlafe diese Auf-
hebung des Zusammenhanges zwischen den psychischen Elementen
eine noch vollständigere, komplette ist.Demgegenüber löst im hellen Wachen jeder Willensakt die zu-
gehörige Bewegung aus, die sensiblen Eindrücke werden zu Wahrneh-
mungen, die Vorstellungen assoziieren sich mit dem ganzen Besitze
des potentiellen Bewußtseins. Das Gehirn ist dann eine im vollständigen
inneren Zusammenhange arbeitende Einheit.Es ist vielleicht nur eine Umschreibung dieser Tatsachen, wenn
wir sagen, daß im Schlafe die Verbindungs- und Leitungsbahnen des
Gehirnes für die Erregung der psychischen Elemente (Rindenzellen?)
nicht, im Wachen aber vollständig gangbar sind.Die Existenz dieser beiden verschiedenen Zustände der Leitungs-
bahnen wird verständlich wohl nur durch die Annahme, daß sie sich
während des Wachens in tonischer Erregung befinden (interzellulärer
Tetanus Exners); daß diese tonische intrazerebrale ErregungS.
169
ihre Leitungsfähigkeit bedingt und daß ihr Absinken und Schwinden
eben den Zustand des Schlafes herstellt.Wir hätten uns eine zerebrale Leitungsbahn nicht wie einen
Telephondraht vorzustellen, der nur dann elektrisch erregt ist, wenn
er fungieren, d. h. hier: ein Zeichen übertragen soll; sondern wie eine
jener Telephonleitungen, durch welche konstant ein galvanischer
Strom fließt und welche unerregbar werden, wenn dieser schwindet.
– Oder, besser vielleicht, denken wir an eine viel verzweigte elektrische
Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung; es wird
von dieser gefordert, daß jede Lampe und jede Kraftmaschine durch
einfaches Herstellen eines Kontaktes in Funktion gesetzt werden
könne. Um dies zu ermöglichen, zum Zwecke der Arbeitsbereitschaft,
muß auch während funktioneller Ruhe in dem ganzen Leitungsnetze
eine bestimmte Spannung bestehen, und zu diesem Behufe muß die
Dynamomaschine eine bestimmte Menge von Energie aufwenden. –
Ebenso besteht ein gewisses Maß von Erregung in den Leitungsbahnen
des ruhenden, wachen, aber arbeitsbereiten Gehirnes1).Für diese Vorstellung spricht, daß das Wachen an sich, auch
ohne Arbeitsleistung, ermüdet und Schlafbedürfnis erzeugt; es bedingt
an sich schon einen Energieverbrauch.Denken wir uns einen Menschen in gespannter, aber nicht ein
einzelnes Sinnesgebiet betreffender Erwartung. Wir haben dann ein
ruhendes, aber leistungsbereites Gehirn vor uns. Wir dürfen wohl an
nehmen, daß in diesem alle Leitungsbahnen auf das Maximum ihrer1)Es sei erlaubt, hier in Kürze die Vorstellung anzudeuten, welche der
obigen Ausführung zugrunde liegt. Wir denken uns gewöhnlich die sensiblen
und sensorischen Nervenzellen als passive Aufnahmsapparate; mit Unrecht.
Denn schon die Existenz des Assoziationsfasersystems beweist, daß auch von
ihnen aus Erregung in Nervenfasern strömt. In einer Nervenfaser, welche per
continuitatem oder contiguitatem zwei sensorische Zellen verbindet, muß ein
Spannungszustand bestehen, wenn von beiden Zellen aus Erregung in sie ein
strömt. Dieser verhält sich zu der in einer, z. B. peripheren, motorischen Faser
abströmenden Erregung wie hydrostatischer Druck zu der lebendigen Kraft
strömenden Wassers oder wie elektrische Spannung zum elektrischen Strome.
Sind alle Nervenzellen in einem Zustande mittlerer Erregung und erregen ihre
nervösen Fortsätze, so bildet das ganze ungeheure Netz ein einheitliches Reservoir
von „Nervenspannung“. Wir hätten also außer der potentiellen Energie, welche
in dem chemischen Bestande der Zelle ruht, und jener uns unbekannten Form
kinetischer Energie, welche im Erregungszustande der Faser abläuft, noch einen
ruhenden Zustand von Nervenerregung anzunehmen, die tonische Erregung
oder Nervenspannung.S.
170
Leitfähigkeit eingestellt, in tonischer Erregung sind. Die Sprache
nennt diesen Zustand bezeichnenderweise eben: Spannung. Die Er-
fahrung lehrt, wie anstrengend und ermüdend dieser Zustand ist, in
welchem doch keinerlei aktuelle motorische oder psychische Arbeit
geleistet wurde.Dies ist ein exzeptioneller Zustand, der eben des großen Energie-
verbrauches halber nicht lange ertragen wird. Aber auch der normale
Zustand des hellen Wachens bedingt ein innerhalb nicht allzuweiter
Grenzen schwankendes Ausmaß intrazerebraler Erregung; all den
Abstufungen des Wachens bis zur Schläfrigkeit und zum wirklichen
Schlaf entsprechen niedrigere Erregungsgrade.Wirkliche Arbeitsleistung des Gehirnes bedingt gewiß einen
größeren Energieverbrauch als die bloße Arbeitsbereitschaft; (wie die
oben zum Vergleiche angezogene elektrische Anlage eine größere Menge
von elektrischer Energie in die Leitungen einströmen lassen muß,
wenn viele Lampen oder Arbeitsmaschinen eingeschaltet werden).
Bei normaler Funktion wird nicht mehr Energie frei, als sogleich in
der Tätigkeit verbraucht wird. Das Gehirn verhält sich aber wie eine
solche Anlage von begrenzter Leistungsfähigkeit, welche etwa nicht zu
gleicher Zeit große Mengen von Licht und von mechanischer Arbeit
herstellen könnte. Arbeitet die Kraftübertragung, so ist wenig Energie
für die Beleuchtung verfügbar und umgekehrt. So sehen wir, daß es
uns bei starker Muskelanstrengung unmöglich ist, andauernd nach
zudenken, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit auf ein Sinnes-
gebiet die Leistungsfähigkeit der anderen Hirnorgane absinken macht,
daß also das Gehirn mit einer wechselnden, aber begrenzten Energie-
menge arbeitet.Die ungleichmäßige Verteilung der Energie wird wohl durch die
„attentionelle Bahnung“ (Exner) bedingt, indem die Leitungsfähigkeit
der in Anspruch genommenen Bahnen erhöht wird, die der anderen
absinkt und so im arbeitenden Gehirne auch die „intrazerebrale to-
nische Erregung“ ungleichmäßig verteilt ist1).Wir erwecken einen Schlafenden, d. h. wir steigern plötzlich
das Quantum seiner tonischen intrazerebralen Erregung, indem wir1)Die Auffassung der Energie des Zentralnervensystems als einer Quan-
tität von schwankender und wechselnder Verteilung über das Gehirn ist alt. „La
sensibilité“, sagte Cabanis, „semble se comporter à la manière d’un fluide dont
la quantité totale est déterminée et qui, toutes les fois qu’il se jette en plus grande
abondance dans un de ses canaux, diminue proportionellement dans les autres.“
(Zit. nach Janet, Etat mental II, p. 277.)S.
171
einen lebhaften Sinnesreiz auf ihn wirken lassen. Ob dabei Verände-
rungen in dem zerebralen Blutkreislaufe wesentliche Glieder der Kausal-
kette sind, ob die Gefäße primär durch den Reiz erweitert werden
oder ob dies die Folge der Erregung der Hirnelemente ist, das alles
ist unentschieden. Sicher ist, daß der durch eine Sinnespforte ein-
dringende Erregungszustand von da aus über das Hirn sich ausbreitet,
diffundirt und alle Leitungswege in einen Zustand höherer Bahnung
bringt.Wie das spontane Erwachen vor sich geht, ob immer ein und der-
selbe Gehirnteil zuerst in den Zustand der Wacherregung tritt und diese
von ihm aus sich verbreitet, oder ob bald die eine, bald die andere
Gruppe von Elementen als Erwecker fungiert, ist wohl noch völlig unklar.Doch beweist das spontane Erwachen, welches ja auch in voller
Ruhe und Finsternis ohne äußere Reize eintritt, daß die Entwicklung
von Energie im Lebensprozesse der Hirnelemente selbst begründet ist.Der Muskel bleibt ungereizt, ruhig, auch wenn er noch so lange
geruht und das Maximum von Spannkräften in sich angehäuft hat.
Nicht so die Hirnelemente. Wir nehmen wohl mit Recht an, daß diese
im Schlafe ihren Bestand restituieren und Spannkräfte sammeln.
Ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, sozusagen ein gewisses
Niveau erreicht, so strömt der Überschuß in die Leitungswege ab,
bahnt sie und stellt die intrazerebrale Erregung des Wachens her.Denselben Vorgang können wir in lehrreicher Weise im Wachen
beobachten. Wenn das wache Gehirn längere Zeit in Ruhe verbleibt,
ohne durch Funktion Spannkraft in lebendige Energie zu verwandeln,
so tritt das Bedürfnis und der Drang nach Betätigung ein. Lange mo-
torische Ruhe schafft das Bewegungsbedürfnis (zweckloses Herum-
laufen der Tiere im Käfige) und ein peinliches Gefühl, wenn dies Be-
dürfnis nicht befriedigt werden kann. Mangel an Sinnesreizen, Finsternis,
lautlose Stille wird zur Pein; geistige Ruhe, Mangel an Wahrnehmungen,
Vorstellungen, an Assoziationstätigkeit erzeugen die Qual der Lange-
weile. Diese Unlustgefühle entsprechen einer „Aufregung“, einer
Steigerung der normalen intrazerebralen Erregung.Die vollständig restituierten Hirnelemente machen also auch in
der Ruhe ein gewisses Maß von Energie frei, welches, funktionell nicht
verwertet, die intrazerebrale Erregung steigert. Dies erzeugt ein Unlust-
gefühl. Solche entstehen immer, wenn ein Bedürfnis des Organismus
nicht Befriedigung findet. Da die hier besprochenen schwinden, wenn
das frei gewordene überschüssige Quantum von Erregung funktionellS.
172
verwendet wird, so schließen wir, daß diese Wegschaffung des Er-
regungsüberschusses ein Bedürfnis des Organismus sei, und treffen
hier zum ersten Male auf die Tatsache, daß im Organismus die „Ten-
denz zur Konstanterhaltung der intrazerebralen Erregung“
(Freud) besteht.Ein Überschuß davon belastet und belästigt und es entsteht
der Trieb ihn zu verbrauchen. Ist ein Verbrauch durch Sinnes-
Vorstellungstätigkeit nicht möglich, so strömt der Überschuß in zweck-
loser motorischer Aktion ab, im Auf- und Abgehen u. dgl., welches
wir auch weiterhin als die häufigste Art der Entladung übergroßer
Spannungen antreffen werden.Es ist bekannt, wie groß die individuelle Verschiedenheit in
dieser Hinsicht ist: wie sehr sich die lebhaften Menschen von den
trägen, torpiden hierin unterscheiden; diejenigen, welche „nicht ruhig
sitzen können“ von denen, die „ein angeborenes Talent zum Kanapee-
sitzen haben“; die geistig beweglichen von den stumpfen, welche un-
gemessene Zeiten geistiger Ruhe vertragen. Diese Verschiedenheiten,
welche das „geistige Temperament“ der Menschen ausmachen, beruhen
gewiß auf tiefen Unterschieden ihres Nervensystems; auf dem Aus-
maße, in welchem die funktionell ruhenden Hirnelemente Energie
frei werden lassen.Wir sprachen von einer Tendenz des Organismus, die tonische
Hirnerregung konstant zu erhalten; eine solche ist uns doch nur ver-
ständlich, wenn wir einsehen können, welches Bedürfnis durch sie
erfüllt wird. Wir begreifen die Tendenz, die mittlere Temperatur des
Warmblütlers konstant zu erhalten, weil wir sie erfahrungsgemäß als
ein Optimum für die Funktion der Organe kennen. Und wir setzen
ähnliches für die Konstanz des Wassergehaltes im Blute u. a. m. voraus.
Ich glaube, man darf auch von der Höhe der intrazerebralen tonischen
Erregung annehmen, daß sie ein Optimum habe. Auf diesem Niveau
der tonischen Erregung ist das Gehirn zugänglich für alle äußeren
Reize, die Reflexe sind gebahnt, aber nur in dem Ausmaße normaler
reflektorischer Tätigkeit, der Besitz an Vorstellungen ist der Er-
weckung und Assoziation zugänglich in jenem gegenseitigen relativen
Verhältnisse der einzelnen Vorstellungen, welches klarer Besonnenheit
entspricht; es ist der Zustand bester Arbeitsbereitschaft. Schon jene
gleichmäßige Erhöhung der tonischen Erregung, welche die „Er-
wartung“ ausmacht, verändert die Verhältnisse. Sie macht hyperästhe-
tisch für Sinnesreize, welche alsbald peinlich werden, und erhöht dieS.
173
Reflexerregbarkeit über das Nützliche (Schreckhaftigkeit). Gewiß ist
dieser Zustand für manche Situationen und Zwecke nützlich, wenn
er aber spontan, ohne solche Vorbedingungen, eintritt, so bessert er
unsere Leistungsfähigkeit nicht, sondern schädigt sie. Wir nennen das
im gewöhnlichen Leben „nervös sein“. – Bei der weitaus größeren
Zahl der Formen von Erregungssteigerung handelt es sich aber um
ungleichmäßige Übererregung, welche der Leistungsfähigkeit direkt
abträglich ist. Wir bezeichnen das als „Aufregung“. Es ist nicht un-
begreiflich, sondern in Analogie mit anderen Regulationen des Or-
ganismus, wenn in ihm das Bestreben besteht, das Optimum der Er-
regung festzuhalten und wieder zu erreichen, nachdem es überschritten
worden ist.Es sei erlaubt, hier nochmals auf den Vergleich mit einer elektri-
schen Beleuchtungsanlage zurückzugreifen. Auch die Spannung in
dem Leitungsnetze einer solchen hat ein Optimum; wird dieses über-
schritten, so wird leicht die Funktion geschädigt, indem z. B. die Glüh-
fäden rasch durchbrennen. Von der Schädigung der Anlage selbst durch
Störung der Isolation und „kurzen Schluß“ wird später noch die
Rede sein.
B. Unsere Sprache, das Resultat der Erfahrung vieler Gene-
rationen, unterscheidet mit wundernswerter Feinheit jene Formen und
Grade der Erregungssteigerung, welche der geistigen Tätigkeit noch
nützlich sind, weil sie die freie Energie aller Hirnfunktionen gleich-
mäßig erhöhen, von jenen, welche dieselben beeinträchtigen, weil sie
in ungleichmäßiger Weise die psychischen Funktionen teils erhöhen,
teils hemmen.Sie nennt die ersteren Anregung, die letzteren Aufregung.
Ein interessantes Gespräch, Tee, Kaffee, regen an; ein Streit, eine
größere Dosis Alkohol regen auf. Während die Anregung nur den
Trieb nach funktioneller Verwertung der gesteigerten Erregung wach-
ruft, sucht sich die Aufregung in mehr weniger heftigen, ans Patho-
logische streifenden oder wirklich pathologischen Vorgängen zu ent-
laden. Sie macht die psychisch-physische Grundlage der Affekte aus,
und von diesen soll im folgenden die Rede sein. Vorher sind aber noch
physiologische, endogene Ursachen der Erregungssteigerung flüchtig
zu berühren.Solche sind zunächst die großen physiologischen Bedürfnisse und
Triebe des Organismus, der Sauerstoffhunger, der Nahrungshunger undS.
174
der Durst. Da sich die Aufregung, welche sie setzen, mit bestimmten
Empfindungen und Zielvorstellungen verknüpft, ist sie nicht so rein
als Steigerung der Erregung zu beobachten, wie die oben besprochene,
welche nur der Ruhe der Hirnelemente entspringt. Sie hat immer
ihre besondere Färbung. Aber sie ist unverkennbar in der ängstlichen
Aufregung der Dyspnoe, wie in der Unruhe des Hungernden.Die Erregungssteigerung, welche diesen Quellen entfließt, ist
bedingt durch die chemische Veränderung der Hirnelemente selbst,
welche an Sauerstoff oder Spannkräften oder Wasser verarmen; sie
fließt in präformierten motorischen Bahnen ab, welche zur Befriedigung
des auslösenden Bedürfnisses führen; die Dyspnoe in den Anstrengungen
der Atmung, Hunger und Durst im Aufsuchen und Erringen der
Nahrung und des Wassers. Das Prinzip der Konstanz der Erregung
tritt dieser Aufregung gegenüber kaum in Wirksamkeit; sind ja doch
die Interessen, welchen die Erregungssteigerung hier dient, für den
Organismus viel wichtiger als die Wiederherstellung normaler Funktions-
verhältnisse des Gehirns. Zwar sieht man die Tiere der Menagerie
vor der Fütterungsstunde aufgeregt hin und herlaufen; aber dies mag
wohl als ein Rest der präformierten motorischen Leistung der Nahrungs-
suche, gelten, die nun durch die Gefangenschaft zwecklos geworden
ist, nicht als ein Mittel, das Nervensystem von der Aufregung zu
befreien.Wenn die chemische Struktur des Nervensystems durch an-
haltende Zufuhr fremder Stoffe dauernd abgeändert worden ist, so
bedingt auch der Mangel an diesen Aufregungszustände, wie der
Mangel der normalen Nährstoffe beim Gesunden; die Aufregung der
Abstinenz von Narcoticis.
Den Übergang von diesen endogenen Erregungssteigerungen zu
den psychischen Affekten im engeren Sinne bildet die sexuale Erregung
und der sexuale Affekt. Als erstere, als vage, unbestimmte, ziellose
Erregungssteigerung erscheint die Sexualität während der Pubertät.
In weiterer Entwicklung bildet sich (normalerweise) eine feste Ver-
bindung dieser endogenen, durch die Funktion der Geschlechtsdrüsen
bedingten Erregungssteigerung mit der Wahrnehmung oder Vor-
stellung des andern Geschlechtes; ja, bei dem wunderbaren Phänomen
des Verliebens in eine einzelne Person mit dieser Individualvorstellung.
Diese tritt in Besitz der ganzen Quantität von Erregung, welche durchS.
175
den Sexualtrieb frei gemacht wird; sie wird eine „affektive Vorstellung“.
Das heißt: bei ihrem Aktuellwerden im Bewußtsein löst sie den
Erregungszuwachs aus, der eigentlich einer andern Quelle, den
Geschlechtsdrüsen, entstammt.Der Sexualtrieb ist gewiß die mächtigste Quelle von lange an-
haltenden Erregungszuwächsen (und als solche, von Neurosen); diese
Erregungssteigerung ist höchst ungleich über das Nervensystem ver-
teilt. In ihren höheren Intensitätsgraden ist der Vorstellungsablauf
gestört, der relative Wert der Vorstellungen abgeändert, im Orgasmus
des Sexualaktes erlischt das Denken fast vollständig.Auch die Wahrnehmung, die psychische Verarbeitung der Sinnes-
empfindungen leidet; das sonst scheue und vorsichtige Tier wird blind
und taub für die Gefahr. Dagegen steigert sich (mindestens beim
Männchen) die Intensität des aggressiven Instinkts; das friedliche
Tier wird gefährlich, bis sich die Erregung in den motorischen Leistungen
des Sexualaktes entladet.C. Eine ähnliche Störung des dynamischen Gleichgewichtes im
Nervensysteme, die ungleichmäßige Verteilung der gesteigerten Er-
regung macht eben die psychische Seite der Affekte aus.Weder eine Psychologie noch eine Physiologie der Affekte soll
hier versucht werden. Nur ein einzelner für die Pathologie wichtiger
Punkt soll Erörterung finden, und zwar nur für die ideogenen Affekte,
für jene, welche durch Wahrnehmungen und Vorstellungen hervor-
gerufen werden. (Lange1 hat mit Recht wieder darauf hingewiesen,
daß die Affekte fast ganz ebenso durch toxische Stoffe und, wie die
Psychiatrie beweist, primär durch pathologische Veränderungen bedingt
werden können, wie durch Vorstellungen.)Es bedarf gewiß keiner weiteren Begründung, daß alle jene
Störungen des psychischen Gleichgewichtes, welche wir akute Affekte
nennen, mit einer Erregungssteigerung einhergehen. (Bei den chroni-
schen Affekten, Kummer und Sorge, d. h. protrahierter Angst besteht
die Komplikation eines schweren Ermüdungszustandes, welcher die
ungleichmäßige Verteilung der Erregung und damit die Gleichgewicht-
störung bestehen läßt, ihre Höhe aber herabsetzt.) Aber diese ge-
steigerte Erregung kann nicht in psychischer Tätigkeit verwendet
werden. Alle starken Affekte beeinträchtigen die Assoziation, den
Vorstellungsablauf. Man wird „sinnlos“ vor Zorn oder Schreck. Nur jene1 Lange, Über Gemütsbewegungen, 1887.
S.
176
Vorstellungsgruppe, welche den Affekt erregt hat, persistiert im Be
wußtsein mit höchster Intensität. So ist die Ausgleichung der Auf
regung durch assoziative Tätigkeit unmöglich.Aber die „aktiven“, „sthenischen“ Affekte gleichen die Erregungs
steigerung durch motorische Abfuhr aus. Das Jauchzen und Springen
der Freude, der gesteigerte Muskeltonus des Zornes, die Zornrede und
die vergeltende Tat lassen die Erregung in Bewegungsakten abströmen.
Der psychische Schmerz entladet dieselbe in respiratorischen An
strengungen und in einem sekretorischen Akte, Schluchzen und Weinen.
Daß diese Reaktionen die Aufregung mindern und beruhigen, ist Sache
der täglichen Erfahrung. Wie schon bemerkt, drückt die Sprache
dies in den Terminis „sich ausweinen, austoben“ usw. aus; was dabei
ausgegeben wird, ist eben die gesteigerte zerebrale Erregung.Nur einzelne dieser Reaktionen sind zweckmäßig, indem dadurch
irgend etwas an der Sachlage geändert werden kann, wie durch die
Zornestat und-
rede. Die andern sind völlig zwecklos, oder vielmehr
sie haben keinen anderen Zweck als die Ausgleichung der Erregungs
steigerung und die Herstellung des psychischen Gleichgewichtes. Indem
sie dies leisten, dienen sie der „Tendenz zur Konstanterhaltung der
zerebralen Erregung“.Den „asthenischen“ Affekten des Schrecks und der Angst fehlt
diese reaktive Entladung. Der Schreck lähmt ganz direkt die Moti
lität wie die Assoziation und ebenso die Angst, wenn die eine zweck
mäßige Reaktion des Davonlaufens durch die Ursache des Angst
affektes und durch die Umstände ausgeschlossen ist. Die Erregung
des Schrecks schwindet nur durch allmähliche Ausgleichung.Der Zorn hat adäquate, der Veranlassung entsprechende Re
aktionen. Sind diese unmöglich oder werden sie gehemmt, so treten
Surrogate an ihre Stelle. Schon die Zornrede ist ein solches. Aber
auch andere, ganz zwecklose Akte ersetzen diese. Wenn Bismarck
vor dem Könige die zornige Aufregung unterdrücken muß, erleichtert
er sich dann, indem er eine kostbare Vase zu Boden schmettert. Diese
willkürliche Substitution eines motorischen Aktes durch einen andern
entspricht ganz dem Ersatze der natürlichen Schmerzreflexe durch
andere Muskelkontraktionen; der präformierte Reflex bei einer Zahn
extraktion ist es, den Arzt wegzustoßen und zu schreien. Wenn wir
statt dessen die Armmuskeln kontrahiren und die Stuhllehne pressen,
so versetzen wir das durch den Schmerz ausgelöste Erregungsquantum
von einer Muskelgruppe auf eine andere. Bei spontanem heftigen Zahn-
S.
177
schmerze, der außer dem Ächzen ja keinen präformierten Reflex hat,
strömt die Erregung in zwecklosem Hin-
und Herlaufen ab. Ebenso
transponieren wir die Erregung des Zornes von der adäquaten Reaktion
auf andere und fühlen uns entlastet, wenn sie nur durch irgend eine
starke motorische Innervation verbraucht wird.Wenn dem Affekte eine solche Abfuhr der Erregung aber über-
haupt versagt wird, dann ist die Sachlage die gleiche beim Zorne wie
bei Schreck und Angst: die intrazerebrale Erregung ist gewaltig
gesteigert, aber sie wird weder in assoziativer noch in motorischer
Tätigkeit verbraucht. Beim normalen Menschen gleicht sich die Störung
allmählich aus; bei manchen treten aber anomale Reaktionen auf,
es bildet sich der „anomale Ausdruck der Gemütsbewegungen“
(Oppenheim).III. Die hysterische Konversion.
Es wird wohl kaum den Verdacht erregen, ich identifizierte die
Nervenerregung mit der Elektrizität, wenn ich noch einmal auf den
Vergleich mit einer elektrischen Anlage zurückkomme. Wenn in einer
solchen die Spannung übergroß wird, so besteht die Gefahr, daß
schwächere Stellen der Isolation durchbrochen werden. Es treten dann
elektrische Erscheinungen an abnormen Stellen auf; oder, wenn zwei
Drähte nebeneinander liegen, bildet sich ein „kurzer Schluß“. Da an
diesen Stellen eine bleibende Veränderung gesetzt wird, kann die
dadurch bedingte Störung immer wieder erscheinen, wenn die Spannung
genügend gesteigert ist. Es hat eine abnorme „Bahnung“ stattgefunden.Man kann wohl behaupten, daß die Verhältnisse des Nerven-
systems einigermaßen ähnliche sind. Es ist ein durchaus zusammen-
hängendes Ganzes; aber es sind an vielen Stellen große, doch nicht
unüberwindbare Widerstände eingeschaltet, welche die allgemeine
gleichmäßige Ausbreitung der Erregung verhindern. So geht im nor-
malen wachen Menschen die Erregung des Vorstellungsorganes nicht
auf die Perzeptionsorgane über, wir halluzinieren nicht. Die nervösen
Apparate der lebenswichtigen Organ komplexe, der Zirkulation und
Verdauung, sind, im Interesse der Sicherheit und Leistungsfähigkeit
des Organismus, durch starke Widerstände von den Organen der Vor-
stellung getrennt, ihre Selbständigkeit ist gewahrt; sie sind direkt
durch Vorstellungen nicht beeinflußt. Aber nur Widerstände von
individuell verschiedener Stärke hindern den Übergang der intrazere-
bralen Erregung auf die Zirkulations- und Verdauungsapparate;S.
178
zwischen dem heute seltenen Ideal des absolut nicht „nervösen“
Menschen, dessen Herzaktion in jeder Lebenslage konstant bleibt und
nur durch die zu leistende Arbeit beeinflußt wird, der in jeder Gefahr
gleichmäßig guten Appetit hat und verdaut, – und dem „nervösen“
Menschen, dem jedes Ereignis Herzklopfen und Diarrhöe verursacht,
– dazwischen stehen alle Abstufungen der affektiven Erregbarkeit.Aber immerhin bestehen beim normalen Menschen Widerstände
für den Übergang zerebraler Erregung auf die vegetativen Organe.
Sie entsprechen der Isolation elektrischer Leitungen. An jenen Stellen,
wo sie anomal gering sind, werden sie bei hochgespannter zerebraler
Erregung durchbrochen, und diese, die Erregung des Affektes, geht
auf das periphere Organ über. Es entsteht der „anomale Ausdruck der
Gemütsbewegung“.Von den beiden eben genannten Bedingungen hierfür ist die eine
schon ausführlich erörtert worden. Es ist ein hoher Grad intrazerebraler
Erregung, dem sowohl die Ausgleichung durch Vorstellungsablauf wie
die durch motorische Abfuhr versagt ist; oder der zu hoch ist, als daß
die letztere genügen könnte.Die andere Bedingung ist abnorme Schwäche der Widerstände
in einzelnen Leitungsbahnen. Sie kann in der originären Beschaffenheit
des Menschen liegen (angeborene Disposition); sie kann bedingt sein
durch langdauernde Erregungszustände, welche sozusagen das Gefüge
des Nervensystems lockern und alle Widerstände herabsetzen (Dis-
position der Pubertät); durch schwächende Einflüsse, Krankheit,
Unterernährung usw. (Disposition der Erschöpfungszustände). Der
Widerstand einzelner Leitungswege kann herabgesetzt werden durch
vorhergehende Erkrankung des betreffenden Organes, wodurch die
Wege zum und vom Gehirne gebahnt wurden. Ein krankes Herz unter
liegt dem Einflusse des Affektes stärker als ein gesundes. „Ich habe
einen Resonanzboden im Unterleibe“, sagte mir eine an chronischer
Parametritis leidende Frau, „was geschieht, erweckt meinen alten
Schmerz.“ – (Disposition durch lokale Erkrankung.)Die motorischen Akte, in welchen sich normalerweise die Er-
regung der Affekte entladet, sind geordnete, koordinierte, wenn auch
oft zwecklose. Aber die übergroße Erregung kann die Koordinations-
zentren umgehen oder durchbrechen und in elementaren Bewegungen
abströmen. Beim Säugling sind, außer dem respiratorischen Akte des
Schreiens, nur solche inkoordinierte Muskelkontraktionen, Bäumen
und Strampeln, Wirkung und Ausdruck des Affektes. Mit fortschreiten-S.
179
der Entwicklung gelangt die Muskulatur immer mehr unter die Herr-
schaft der Koordination1) und des Willens. Aber jener Opisthotonus,
welcher das Maximum motorischer Anstrengung der gesamten Körper-
muskulatur darstellt, und die klonischen Bewegungen des Zappelns
und Strampelns bleiben das Leben hindurch die Reaktionsform für die
maximale Erregung des Gehirnes; für die rein physische des epileptischen
Anfalles wie für die Entladung maximaler Affekte als mehr oder minder
epileptoider Krampf. (Der rein motorische Teil des hysterischen
Anfalles.)Solche abnorme Affektreaktionen gehören zwar zur Hysterie;
aber sie kommen auch außerhalb dieser Krankheit vor; sie bezeichnen
einen mehr minder hohen Grad von Nervosität, nicht die Hysterie.
Als hysterisch darf man solche Phänomene erst dann bezeichnen,
wenn sie nicht als Folgen eines hochgradigen, aber objektiv begründeten
Affektes, sondern scheinbar spontan als Krankheitserscheinung auf-
treten. Für diese haben viele Beobachtungen und so auch die unserigen
nachgewiesen, daß sie auf2) Erinnerungen beruhen, welche den
ursprünglichen Affekt erneuern. Oder besser: erneuern würden,
wenn nicht eben jene Reaktionen schon einmal entstanden
wären.Wohl bei allen geistig regsamern Menschen rinnt, bei psychischer
Ruhe, leise ein Strom von Vorstellungen und Erinnerungen durch das
Bewußtsein; meist mit so geringer Lebhaftigkeit der Vorstellungen,
daß sie keine Spur im Gedächtnisse hinterlassen, und man dann nicht
sagen kann, wie die Assoziation stattgefunden hat. Taucht aber eine
Vorstellung auf, die ursprünglich mit einem starken Affekte verbunden
war, so erneuert sich dieser in größerer oder geringerer Intensität.
Die so „affektiv betonte“ Vorstellung tritt dann hell und lebhaft ins
Bewußtsein. Die Stärke des Affektes, welchen eine Erinnerung aus-
lösen kann, ist sehr verschieden, je nach dem Maße, in welchem sie
den verschiedenen „usurierenden“ Einflüssen ausgesetzt war. Vor
allem, je nachdem der ursprüngliche Affekt „abreagiert“ worden war.
Wir haben in der „Vorläufigen Mitteilung“ darauf hingewiesen, in
wie verschiedenem Grade z. B. der Affekt des Zornes über eine Be-
leidigung durch die Erinnerung wachgerufen wird, wenn diese Beleidigung
vergolten oder wenn sie stumm geduldet worden ist. War der psychische
Reflex bei der ursprünglichen Veranlassung wirklich erfolgt, so löstS.
180
die Erinnerung ein viel geringeres Erregungsquantum aus1). Wenn
nicht, so drängt die Erinnerung immer wieder die scheltenden Worte
auf die Lippen, welche damals unterdrückt wurden, und welche der
psychische Reflex jenes Reizes gewesen wären.Hat sich der ursprüngliche Affekt nicht in dem normalen, sondern
in einem „abnormen Reflexe“ entladen, so wird auch dieser durch die
Erinnerung wieder ausgelöst; die von der affektiven Vorstellung aus-
gehende Erregung wird in ein körperliches Phänomen „konvertiert“.
(Freud.)Ist durch oftmalige Wiederholung dieser abnorme Reflex voll-
ständig gebahnt worden, so kann sich, wie es scheint, die Wirksamkeit
der auslösenden Vorstellungen darin so vollständig erschöpfen, daß
der Affekt selbst nur in minimaler Stärke oder gar nicht entsteht;
dann ist die „hysterische Konversion“ vollständig. Die Vor-
stellung aber, welche nun nicht mehr psychische Wirkungen hat, kann
von dem Individuum übersehen oder ihr Auftauchen alsbald wieder
vergessen werden, wie es bei andern affektlosen Vorstellungen geschieht.Ein solches Ersetzen der zerebralen Erregung, welche eine Vor-
stellung bedingen sollte, durch eine Erregung peripherer Bahnen wird
vielleicht annehmbarer durch die Erinnerung an das umgekehrte
Verhalten beim Ausbleiben eines präformierten Reflexes. Ich wähle
ein höchst triviales Beispiel, den Nießreflex. Wenn ein Reiz auf der
Nasenschleimhaut diesen präformierten Reflex aus irgendeinem Grunde
nicht auslöst, so entsteht bekanntermaßen ein Gefühl von Erregung
und Spannung. Es ist die Erregung, welche auf den motorischen
Bahnen nicht abströmen kann und nun, jede andere Tätigkeit hemmend,
über das Gehirn sich verbreitet. Dieses banalste Beispiel bietet doch
das Schema für den Vorgang beim Ausbleiben auch der kompliziertesten1)Der Trieb der Rache, der beim Naturmenschen so mächtig ist und durch
die Kultur mehr verkleidet als unterdrückt wird, ist überhaupt nichts als die
Erregung eines nicht ausgelösten Reflexes. Eine Schädigung im Kampfe ab-
zuwehren und dabei den Gegner zu schädigen, ist der adäquate, präformierte,
psychische Reflex. Ist er nicht oder ungenügend vollzogen worden, so wird er
durch die Erinnerung immer wieder ausgelöst, und es entsteht der „Rachetrieb“
als irrationaler Willensimpuls wie alle „Triebe“. Beweis hierfür ist eben seine
Irrationalität, seine Unabhängigkeit von allem Nutzen und aller Zweckmäßigkeit,
ja sein Sieg über alle Rücksichten der eigenen Sicherheit. Sobald der Reflex aus-
gelöst worden ist, kann diese Irrationalität ins Bewußtsein treten.
„Ein anderes Antlitz, bevor sie geschehen,
ein anderes trägt die vollbrachte Tat.“S.
181
psychischen Reflexe. Die oben besprochene Aufregung des Rachetriebes
ist wesentlich dasselbe; und bis in die höchsten Sphären menschlicher
Leistungen können wir den Prozeß verfolgen. Goethe wird mit einem
Erlebnisse nicht fertig, bis er es in dichterischer Tätigkeit erledigt
hat. Bei ihm ist dies der präformierte Reflex eines Affektes, und
solange dieser sich nicht vollzogen hat, besteht die peinliche gesteigerte
Erregung.Die intrazerebrale Erregung und der Erregungsvorgang in peri-
pheren Bahnen sind reziproke Größen; die erstere wächst, wenn und
solange ein Reflex nicht ausgelöst wird, sie sinkt und schwindet, wenn
sie sich in periphere Nervenerregung umgesetzt hat. So scheint es
auch nicht unverständlich, daß kein merkbarer Affekt entsteht, wenn
die Vorstellung, welche ihn veranlassen sollte, unmittelbar einen ab-
normen Reflex auslöst, und in diesem die entstehende Erregung sogleich
abströmt. Die „hysterische Konversion“ ist dann vollständig; die
ursprünglich intrazerebrale Erregung des Affektes ist in den Erregungs-
vorgang peripherer Bahnen umgewandelt worden: die ursprünglich
affektive Vorstellung ruft jetzt nicht mehr den Affekt, sondern nur
den abnormen Reflex hervor1).Wir sind damit einen Schritt weiter gekommen, über den „ab-
normen Ausdruck der Gemütsbewegungen“ hinaus. Das hysterische
Phänomen (abnormer Reflex) erscheint auch intelligenten und gut
beobachtenden Kranken nicht als ideogen, weil die veranlassende
-Vorstellung nicht mehr affektiv betont und nicht mehr vor anderen
Vorstellungen und Erinnerungen ausgezeichnet ist; es erscheint als
rein somatisches Phänomen, scheinbar ohne psychologische Wurzel.
Wodurch wird nun die Entladung der Affekterregung determiniert,
so daß eben der eine abnorme Reflex geschaffen wird und nicht irgend-
1)Ich möchte den Vergleich mit einer elektrischen Anlage nicht zu Tode
hetzen; bei der fundamentalen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse kann er ja
die Vorgänge im Nervensysteme kaum illustrieren und gewiß nicht erklären. Aber
hier mag noch an den Fall erinnert werden, daß durch hohe Spannung die Isolation
der Leitung einer Beleuchtungsanlage gelitten habe und an einer Stelle ein „kurzer
Schluß“ hergestellt sei. Treten nun an dieser Stelle elektrische Phänomene auf
(Erwärmung, z. B. kurze Funken o. dgl.), so leuchtet die Lampe nicht, zu welcher
die Leitung führt; wie der Affekt nicht entsteht, wenn die Erregung als abnormer
Reflex abströmt, in ein somatisches Phänomen konvertiert wird.S.
182
ein beliebiger anderer? Unsere Beobachtungen beantworten diese
Frage für viele Fälle dahin, daß auch diese Entladung dem „Prinzipe
des geringsten Widerstandes“ folgt und auf jenen Bahnen geschieht,
deren Widerstände schon durch konkurrierende Umstände herabgesetzt
worden sind. Dahin gehört der schon früher besprochene Fall, daß
ein bestimmter Reflex durch somatische Krankheit bereits gebahnt ist;
z. B. wenn jemand oft an Kardialgie leidet, wird diese auch durch
den Affekt hervorgerufen. – Oder ein Reflex ist dadurch gebahnt,
daß die betreffende Muskelinnervation im Momente des ursprünglichen
Affektes willkürlich intendiert wurde; so strebt Anna O. (Beob. I)
im Schreckaffekte den durch Drucklähmung bewegungslosen rechten
Arm zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der
Tetanus des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen
Dinge hervorgerufen. Oder sie konvergiert im Affekte stark mit den
Augen, um die Uhrzeiger zu erkennen, und nun wird der Strabismus
konvergens einer der Reflexe dieses Affektes, usf.Es ist dies die Wirkung der Gleichzeitigkeit, welche ja auch
unsere normale Assoziation beherrscht; es ruft jede Sinneswahrnehmung
eine andere wieder ins Bewußtsein, welche ursprünglich zugleich mit
ihr aufgetreten war; (das Schulbeispiel vom Gesichtsbilde und dem
Blöken des Schafes u. dgl.).Wenn nun mit dem ursprünglichen Affekte gleichzeitig ein
lebhafter Sinneseindruck bestanden hatte, so wird dieser vom erneuten
Affekte wieder hervorgerufen, und zwar, da es sich dabei um die Ent-
ladung übergroßer Erregung handelt, nicht als Erinnerung, sondern
als Halluzination. Fast alle unsere Beobachtungen bieten hierfür Bei-
spiele. Ein solches ist es auch, wenn eine Frau einen schmerzlichen
Affekt durchlebt, während sie von einer Periostitis heftigen Zahn-
schmerz hat, und nun jede Erneuerung dieses Affektes, ja die Erinnerung
daran eine Infraorbitalneuralgie hervorruft u. dgl. m.Dies ist die Bahnung abnormer Reflexe nach den allgemeinen
Gesetzen der Assoziation. Manchmal aber (freilich nur bei höheren
Graden von Hysterie) liegen zwischen dem Affekte und seinem Re-
flexe wirkliche Reihen von assoziierten Vorstellungen; das ist die
Determinierung durch Symbolik. Es sind oft lächerliche Wort-
spiele, Klangassoziationen, welche den Affekt und seinen Reflex ver-
binden aber das geschieht nur in traumhaften Zuständen mit ver-
minderter Kritik und liegt schon außerhalb der hier betrachteten
Gruppe von Phänomenen.S.
183
In sehr vielen Fällen bleibt die Determinierung unverständlich,
weil unser Einblick in den psychischen Zustand und unsere Kenntnis
der Vorstellungen, welche bei der Entstehung des hysterischen
Phänomens aktuell waren, oft höchst unvollständig ist. Aber wir
dürfen annehmen, daß der Vorgang demjenigen nicht ganz unähnlich
sein wird, der uns in günstigeren Fällen klar ist.Die Erlebnisse, welche den ursprünglichen Affekt auslösten,
dessen Erregung dann in ein somatisches Phänomen konvertiert wurde,
bezeichneten wir als psychische Traumen und die so entstandenen
Krankheitserscheinungen als hysterische Symptome traumati-
schen Ursprungs. (Die Bezeichnung „traumatische Hysterie“ ist
ja bereits für Phänomene vergeben, welche als Folgen körperlicher
Verletzungen, Traumen im engsten Sinne, einen Teil der „traumatischen
Neurose“ ausmachen.)In vollkommener Analogie mit der Entstehung traumatisch
bedingter hysterischer Phänomene steht die hysterische Konversion
jener psychischen Erregung, welche nicht äußeren Reizen, nicht der
Hemmung normaler psychischer Reflexe, sondern der Hemmung des
Assoziationsablaufes entspringt.Das elementare Beispiel und Paradigma hierfür liefert die Er-
regung, welche dadurch entsteht, daß uns ein Name nicht einfällt,
daß wir ein Rätsel nicht lösen können u. dgl. Wird uns der Name oder
das Wort des Rätsels gesagt, so schwindet die Erregung, indem sich
die Assoziationskette schließt, geradeso wie beim Schlusse einer Reflex-
kette. Die Stärke der Erregung, welche von der Stockung einer Asso-
ziationsreihe ausgeht, ist proportional dem Interesse, welches dieselbe
für uns hat, d. h. dem Ausmaße, in welchem sie den Willen bewegt.
Da aber beim Suchen nach einer Lösung des Problems o. dgl. immer
eine große, wenn auch erfolglose Arbeit geleistet wird, findet auch,
starke Erregung ihre Verwendung und drängt nicht zur Entladung
wird darum auch nie pathogen.Wohl aber geschieht das, wenn der Assoziationsablauf dadurch
gehemmt wird, daß gleichwertige Vorstellungen unvereinbar mit-
einander sind; wenn z. B. neue Gedanken mit festgewurzelten Vor-
stellungskomplexen in Konflikt geraten. Solcher Natur ist die Pein
des religiösen Zweifels, der so viele Menschen unterliegen und noch
viel mehr unterlagen. Auch hierbei steigt die Erregung und damit der
psychische Schmerz, das Unlustgefühl zu bedeutender Höhe nur dann,
wenn ein Willensinteresse des Individuums dabei ins Spiel kommt,S.
184
wenn der Zweifelnde sich in seinem Glücke, seinem Seelenheile
bedroht glaubt.Dies ist aber immer der Fall, wenn der Konflikt besteht zwischen
dem festen, anerzogenen Komplexe der moralischen Vorstellungen und
der Erinnerung an eigene Handlungen oder auch nur Gedanken, welche
damit unvereinbar sind: die Gewissensqual. Das Willensinteresse,
Freude an der eigenen Persönlichkeit zu haben, mit ihr zufrieden zu
sein, tritt dabei in Aktion und steigert die Erregung der Assoziations-
hemmung aufs höchste. Daß solcher Konflikt unvereinbarer Vor-
stellungen pathogen wirkt, ist Sache der täglichen Erfahrung. Es
handelt sich meist um Vorstellungen und Vorgänge des sexuellen Lebens:
um Masturbation bei moralisch empfindlichen Adoleszenten, um das
Bewußtsein der Neigung zu einem fremden Manne bei einer sitten-
strengen Frau. Ja, sehr oft genügt 1das erste Auftauchen sexualer
Empfindungen und Vorstellungen an sich schon, um durch den Konflikt
mit der festgewurzelten Vorstellung von sittlicher Reinheit einen hoch-
gradigen Erregungszustand zu schaffen1.Diesem entspringen gewöhnlich psychische Folgen: pathologische
Verstimmung, Angstzustände (Freud). Manchmal wird aber durch
konkurrierende Umstände ein anomales somatisches Phänomen de-
terminiert, in welchem sich die Erregung entladet: Erbrechen, wenn
das Gefühl moralischer Beschmutzung ein physisches Ekelgefühl erzeugt;
eine Tussis nervosa wie bei Anna O. (Beob. I), wenn die Gewissensangst
Glottiskrampf hervorruft u. dgl.21Vgl. für diesen Punkt einige interessante Mitteilungen und Bemerkungen
Benedikts (1889), wieder abgedruckt in der Schrift „Hypnotismus und Sug-
gestion“, 1894 (p. 51 und ff.)2Ich finde in Machs „Bewegungsempfindungen“ eine Bemerkung, an
welche hier wohl erinnert werden darf:
„Es hat sich bei den beschriebenen (Schwindel-)Versuchen wiederholt
gezeigt, daß ein Ekelgefühl sich hauptsächlich dann einstellte, wenn es schwer
war, die Bewegungsempfindungen mit den optischen Eindrücken in Einklang
zu bringen. Es sah so aus, als ooein Teil des vom Labyrinth ausgehenden Reizes
gezwungen worden wäre, die optischen Bahnen, die ihm durch einen andern Reiz
verschlossen waren, zu verlassen und ganz andere Bahnen einzuschlagen.
Auch beim Versuche, Stereoskopbilder mit starken Differenzen zu kombinieren,
habe ich wiederholt ein Ekelgefühl beobachtet.“
Das ist geradezu das physiologische Schema für die Entstehung patho-
logischer, hysterischer Phänomene durch die Koexistenz lebhafter, unvereinbarer
Vorstellungen.S.
185
Die Erregung, welche durch sehr lebhafte und durch unvereinbare
Vorstellungen erzeugt wird, hat eine normale, adäquate Reaktion;
die Mitteilung durch die Rede. Wir finden den Drang danach in komischer
Übertreibung in der Geschichte vom Barbier des Midas, der sein
Geheimnis ins Schilf hineinruft; wir finden ihn als eine der Grund-
lagen einer großartigen historischen Institution in der katholischen
Ohrenbeichte. Die Mitteilung erleichtert, sie entladet die Spannung
auch dann, wenn sie nicht gegen den Priester geschieht und nicht von
der Absolution gefolgt ist. Wird der Erregung dieser Ausweg versperrt,
so konvertiert sie sich manchmal in ein somatisches Phänomen ebenso
wie die Erregung traumatischer Affekte, und wir können die ganze
Gruppe hysterischer Erscheinungen, welche diesen Ursprung haben,
mit Freud als hysterische Retentionsphänomene bezeichnen.Die bisherige Darlegung des psychischen Entstehungsmechanismus
hysterischer Phänomene steht dem Vorwurfe offen, daß sie schematisiere
und den Vorgang einfacher darstelle, als er in Wirklichkeit ist. Damit
sich bei einem gesunden, nicht originär neuropathischen Menschen ein
richtiges hysterisches Symptom ausbilde, mit seiner scheinbaren Un-
abhängigkeit von der Psyche, seiner selbständigen somatischen Existenz,
müssen fast immer mehrfache Umstände konkurrieren.Der folgende Fall mag als Beispiel dieser Kompliziertheit des Vorganges
dienen: Ein 12jähriger Knabe, früher an Pavor nocturnus leidend und Sohn eines
sehr nervösen Vaters, kam eines Tages unwohl aus der Schule. Er klagte über
Schlingbeschwerden, d. h. er konnte nur mit Schwierigkeit schlucken, und über
Kopfschmerz. Der Hausarzt nahm eine Angina als Ursache an. Aber auch nach
mehreren Tagen besserte sich der Zustand nicht. Der Junge wollte nicht essen,
erbrach, als man ihn dazu verhielt, schleppte sich müde und lustlos herum, wollte
immer zu Bette liegen und kam körperlich sehr herab. Als ich ihn nach 5 Wochen
sah, machte er den Eindruck eines scheuen, verschlossenen Kindes, und ich
gewann die Überzeugung, der Zustand habe eine psychische Begründung. Auf
drängende Fragen gab er eine banale Ursache an, einen strengen Verweis des
Vaters, der offenbar nicht die wirkliche Grundlage der Erkrankung war. Auch
aus der Schule war nichts zu erfahren. Ich versprach, später in der Hypnose die
Mitteilung zu erzwingen. Doch das wurde unnötig. Als ihn die kluge und energische
Mutter einmal hart anließ, begann er unter einem Tränenstrome zu erzählen. Er
war damals auf dem Heimwege von der Schule in ein Pissoir getreten, und dort
hatte ihm ein Mann den Penis hingehalten mit der Aufforderung, ihn in den Mund
zu nehmen. Er war voll Schreck weggelaufen, und es war ihm sonst nichts ge-
schehen. Aber von dem Augenblicke an war er krank. Von dem Momente der
Beichte an wich der Zustand völliger Gesundheit. – Um das Phänomen der An-
orexie, der Schlingbeschwerden, des Erbrechens zu erzeugen, brauchte es hier
mehrerer Faktoren: die angeborene nervöse Artung, den Schreck, das Herein-
brechen des Sexualen in seiner brutalsten Form in das Kindergemüt, und alsS.
186
determinierendes Moment die Ekelvorstellung. Ihre Dauer verdankte die Er-
krankung dem Verschweigen, wodurch der Erregung die normale Abfuhr ver-
sagt wurde.So wie in diesem Falle, so müssen immer mehrere Faktoren
zusammenwirken, damit bei einem bisher Gesunden ein hysterisches
Symptom sich bilde; dieses ist immer „überdeterminiert“ nach
dem Ausdrucke Freuds.Als solche Überdeterminierung kann es auch gelten, wenn
derselbe Affekt durch mehrere, wiederholte Anlässe hervorgerufen
wird. Der Kranke und die Umgebung beziehen das hysterische Symptom
nur auf den letzten Anlaß, der aber meist nur zur Erscheinung gebracht
hat, was durch andere Traumen schon fast vollständig geleistet war.1 Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich
dann eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter
sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber,
daß das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit
Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch
selbst in sexuale Erregung geraten war. (Disposition.) Auf derselben dunklen
Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden,
dessen Angriffe sie sich mit Not entzog. Dies war das eigentliche psychische
Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie vielen
Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?Für solche Durchsetzung der Konversion durch Wiederholung
des Affektes ist nicht immer eine Mehrzahl von äußeren Anlässen
nötig; oft genügt auch die Erneuerung des Affektes in der Erinnerung,
wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affekt abgeschwächt
hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn
der Affekt ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen
Hysterien im engeren Wortsinne.In den Tagen nach einem Eisenbahnunglücke z. B. wird im
Schlafe und im Wachen die Schreckensszene wieder durchlebt, immer
mit der Erneuerung des Schreckaffektes, bis endlich nach dieser Zeit
„psychischer Ausarbeitung“ (Charcot) oder Inkubation die Kon-
vertierung in ein somatisches Phänomen zustande gekommen ist.
(Allerdings wirkt hierbei noch ein Faktor mit, der später zu be-
sprechen ist.)Aber gewöhnlich unterliegt die affektive Vorstellung alsbald der
Usur, all jenen in der „Vorläufigen Mitteilung“ berührten Ein-
flüssen, die sie nach und nach ihres Affektwertes berauben. Ihr Wieder-
auftauchen bedingt ein immer geringeres Maß von Erregung, und1 Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.
S.
187
damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines so
matischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes
verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.
Die usurierenden Einflüsse sind aber sämtlich Leistungen der Asso-
ziation, des Denkens, Korrektur durch andere Vorstellungen. Diese wird
unmöglich, wenn die Affektvorstellung dem „Assoziationsverkehr“ ent-
zogen wird; und in solchem Falle behält dieselbe ihren ganzen Affektwert.
Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze Erregungs-
summe des ursprünglichen Affektes frei macht, wird die damals be-
gonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen oder die
damals zustande gekommene erhalten und stabilisiert. Das Phänomen
hysterischer Konversion ist dann vollständig für die Dauer etabliert.
Wir kennen aus unseren Beobachtungen zwei Formen solchen
Ausschlusses von Affektvorstellungen aus der Assoziation.
Die erste ist die „Abwehr“, die willkürliche Unterdrückung
peinlicher Vorstellungen, durch welche sich der Mensch in seiner Lebens-
freude oder in seiner Selbstachtung bedroht fühlt. Freud hat in
seiner Mitteilung über „Abwehr-Neuro-Psychosen“ (Neurol. Zentral-
blatt, Nr. 10, 1894) und in den hier vorliegenden Krankengeschichten
über diesen Vorgang gesprochen, der gewiß eine sehr hohe pathologische
Bedeutung hat.
Es ist wohl nicht verständlich, wieso eine Vorstellung willkürlich
aus dem Bewußtsein verdrängt werden kann; aber wir kennen den
entsprechenden positiven Vorgang: die Konzentration der Aufmerksam-
keit auf eine Vorstellung, genau und können ebensowenig sagen, wie
wir ihn vollziehen.
Vorstellungen nun, von denen sich das Bewußtsein abwendet,
über die nicht gedacht wird, bleiben auch der Usur entzogen und
behalten ihren Affektbetrag ungemindert.
Wir haben weiter gefunden, daß eine andere Art von Vor-
stellungen der Usur durch das Denken entzogen bleibt, nicht weil
man sie nicht erinnern will, sondern weil man es nicht kann; weil
sie in Zuständen ursprünglich aufgetaucht sind und mit Affekt belehnt
wurden für die im wachen Bewußtsein Amnesie besteht, in hypnotischen
und hypnoseähnlichen Zuständen. Diese letzteren scheinen von höchster
Bedeutung für die Lehre von der Hysterie zu sein und darum eine
etwas eingehendere Besprechung zu verdienen1).
1)Wenn hier und später von Vorstellungen die Rede ist, die aktuell, wirksam
und doch unbewußt sind, so handelt es sich dabei nur selten um einzelne Vor-
S.
188
IV. Hypnoide Zustände.
Als wir in der „Vorläufigen Mitteilung“ den Satz aussprechen:
Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden
Zuständen, übersahen wir, daß Möbius 1890 bereits ganz dasselbe
gesagt hatte. „Die Voraussetzung des (pathogenen) Wirkens der Vor-
stellungen ist eine angeborene, d. h. die hysterische Anlage einerseits
und ein besonderer Gemütszustand anderseits. Von diesem Gemüts-
zustande kann man sich nur eine unklare Vorstellung machen. Er
muß dem hypnotischen ähnlich sein, er muß einer gewissen Leere des
Bewußtseins entsprechen, in der einer auftauchenden Vorstellung
von seiten anderer kein Widerstand entgegengesetzt wird, in der so-
zusagen der Thron für den ersten besten frei ist. Wir wissen, daß ein
solcher Zustand, außer durch Hypnotisierung durch Gemütserschütte-
rung (Schreck, Zorn usw.) und durch erschöpfende Einflüsse (Schlaf-
losigkeit, Hunger usw.) herbeigeführt werden kann1).“Die Frage, deren annähernde Lösung Möbius hiermit zunächst
versuchte, ist die nach der Entstehung somatischer Phänomene durch
Vorstellungen. Er erinnert dabei an die Leichtigkeit, mit welcher eine
solche in der Hypnose stattfindet, und hält die Wirkung der Affekte
für analog. Unsere, einigermaßen abweichende Anschauung über
diese Affektwirkung ist oben ausführlich dargelegt worden. Ich brauche
darum hier nicht weiter auf die Schwierigkeit einzugehen, welche darin
liegt, daß M. beim Zorne eine „Leere des Bewußtseins“2) annimmt (die
beim Schreck und bei der protrahierten Angst allerdings besteht),
und wie schwer es überhaupt ist, den Erregungszustand des Affektes
mit der Ruhe der Hypnose zu analogisieren. Wir werden aber auf
die Sätze Möbius’, die, wie ich meine, eine wichtige Wahrheit ent-
halten, später zurückkommen.Für uns liegt die Wichtigkeit der hypnoseähnlichen, „hypnoiden“
Zustände außerdem und vor allem in der Amnesie und in ihrer Fähig-
stellungen (wie etwa die halluzinierte große Schlange Anna O.s, welche die
Kontraktur auslöst); fast immer um Vorstellungskomplexe, um Verbindungen,
um Erinnerungen an äußere Vorgänge und eigene Gedankengänge. Die in solchen
Vorstellungskomplexen enthaltenen Einzelvorstellungen werden gelegentlich alle
bewußt gedacht. Nur die bestimmte Kombination ist aus dem Bewußtsein verbannt.1)Möbius, Über Astasie-Abasie, Neurol. Beiträge, I. Heft, p. 17.
2)Vielleicht meint M. mit dieser Bezeichnung nichts anderes als die Hemmung
des Vorstellungsablaufes, welche beim Affekt allerdings besteht, wenn auch aus
durchaus anderen Ursachen entspringend als bei der Hypnose.S.
189
keit, jene später zu besprechende Spaltung der Psyche zu bedingen,
welche für die „große Hysterie“ von fundamentaler Bedeutung ist.
Diese Wichtigkeit legen wir ihnen auch jetzt noch bei. Doch muß ich
unseren Satz wesentlich einschränken. Die Konversion, die ideogene
Entstehung somatischer Phänomene vollzieht sich auch außerhalb
der hypnoiden Zustände, und für die Bildung von Vorstellungskom-
plexen, die vom Assoziationsverkehre ausgeschlossen sind, hat Freud
in der willkürlichen Amnesie der Abwehr eine zweite, von den hypnoiden
Zuständen unabhängige Quelle gefunden. Aber, mit dieser Einschrän-
kung, meine ich noch immer, diese letzteren seien Ursache und Be-
dingung vieler, ja der meisten großen und komplizierten Hysterien.Zu den hypnoiden Zuständen zählen natürlich vor allem die
wirklichen Autohypnosen, die sich von den artefiziellen nur durch ihre
spontane Entstehung unterscheiden. Wir finden sie bei manchen voll
entwickelten Hysterien in wechselnder Häufigkeit und mit verschiedener
Dauer, oft in raschesterm Alternieren mit dem Zustande des normalen
Wachens abwechselnd1). Ihres traumhaften Vorstellungsinhaltes wegen
können sie oft den Namen des Delirium hystericum verdienen. Im
Wachen besteht für die inneren Vorgänge dieser Zustände eine mehr
oder minder vollständige¿Amnesie, während sie in der artefiziellen
Hypnose vollständig erinnert werden. Die psychischen Resultate dieser
Zustände, die darin gebildeten Assoziationen, sind eben durch die
Amnesie jeder Korrektur im wachen Denken entzogen. Und da in der
Autohypnose die Kritik und Kontrolle durch andere Vorstellungen
herabgesetzt und meist fast ganz geschwunden ist, so können ihr die
verrücktesten Wahnvorstellungen entstammen und sich lange intakt
erhalten. So entsteht eine etwas kompliziertere irrationale „symbolische
Beziehung zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phä-
nomen“, welche ja oft auf den lächerlichsten Klangähnlichkeiten und
Wortassoziationen beruht, fast nur in solchen Zuständen. Die Kritik-
losigkeit derselben bedingt es, daß ihnen so häufig Autosuggestionen
entspringen, z. B. wenn nach einem hysterischen Anfalle eine Lähmung
zurückbleibt. Aber, vielleicht zufälligerweise, sind wir in unseren
Analysen kaum jemals auf diese Entstehung eines hysterischen Phä-
nomens gestoßen. Wir fanden diese immer, auch in der Autohypnose,
durch denselben Vorgang bedingt wie außerhalb derselben, durch
die Konvertierung einer Affekterregung.1)Beobachtung I und II.
S.
190
Diese „hysterische Konversion“ vollzieht sich in der Autohypnose
jedenfalls leichter als im Wachen, wie ja auch in der artefiziellen Hypnose
Suggestivvorstellungen sich als Halluzinationen und Bewegungen so viel
leichter körperlich realisieren. Aber der Vorgang der Erregungskon-
version ist doch im Wesen derselbe, wie er oben dargelegt worden ist.
Hat er einmal stattgefunden, so wiederholt sich das somatische Phä-
nomen, wenn Affekt und Autohypnose wieder zusammentreffen. Und
es scheint, daß der hypnotische Zustand dann durch den Affekt selbst
hervorgerufen werde. So bleibt zunächst, solange die Hypnose mit
vollem Wachen rein alterniert, das hysterische Symptom auf den
hypnotischen Zustand beschränkt und wird durch die Wiederholung
in diesem verstärkt; die veranlassende Vorstellung bleibt aber vor
der Korrektur durch das wache Denken und seine Kritik geschützt,
weil sie eben im klaren Wachen gar nie auftaucht.So blieb bei Anna O. (Beob. I) die Kontraktur des rechten Armes,
die sich in der Autohypnose mit dem Angsteffekte und der Vorstellung
der Schlange assoziiert hatte, durch 4 Monate auf die Momente des
hypnotischen (oder – wenn man für Absenzen von sehr kurzer Dauer
diesen Namen unpassend findet – des hypnoiden) Zustandes beschränkt,
wiederholte sich aber häufig. Dasselbe geschah mit anderen in dem
Hypnoidzustande vollzogenen Konversionen, und so bildete sich in voll-
kommener Latenz jener große Komplex von hysterischen Phänomenen, der
in die Erscheinung trat, als der hypnoide Zustand andauernd wurde.Im hellen Wachen treten so entstandene Phänomene erst dann
auf, wenn sich die später zu besprechende Spaltung der Psyche voll-
zogen hat, und an die Stelle des Alternierens zwischen Wach- und
Hypnoidzustand die Koexistenz der normalen und der hypnoiden
Vorstellungskomplexe getreten ist.Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der Erkrankung
und wie kommen sie zustande? Ich weiß hierüber wenig zu sagen, denn
wir verfügen über keine andere Beobachtung, außer über den Fall
Anna O., die darüber Aufschluß geben könnte. Bei dieser Kranken
scheint es sicher, daß die Autohypnose vorbereitet war durch habituelle
Träumerei und daß sie dann völlig hergestellt wurde durch einen
Affekt protrahierter Angst, der ja selbst einen hypnoiden Zustand
begründet. Es scheint nicht unwahrscheinlich, daß dieser Vorgang
allgemeinere Geltung hat.Sehr verschiedenartige Zustände bedingen „Geistesabwesenheit“,
aber nur einige davon disponieren zur Autohypnose oder gehen direktS.
191
in solche über. Der in ein Problem versunkene Forscher ist wohl auch
bis zu einem gewissen Grade anästhetisch und bildet aus großen Gruppen
von Sinnesempfindungen keine bewußten Wahrnehmungen; ebenso
wie der mit Lebhaftigkeit phantastisch Dichtende („Privattheater“
Anna O.’s). Aber in diesen Zuständen wird energisch psychische Arbeit
geleistet; die frei werdende Erregung des Nervensystems wird in dieser
verbraucht. – In der Zerstreutheit, dem Hindämmern hingegen sinkt
die intrazerebrale Erregung unter das Niveau des hellen Wachens;
diese Zustände grenzen an die Schläfrigkeit und gehen in Schlaf über.
Wenn aber in solchen Zuständen des „Versunkenseins“ und bei gehemm-
tem Vorstellungsablauf eine Gruppe von affektiv betonten Vorstellungen
lebendig ist, so schafft sie ein hohes Niveau der intrazerebralen Er-
regung, welche nicht durch psychische Arbeit verbraucht wird und
für anomale Leistungen, für die Konversion, verfügbar ist.So ist weder die „Geistesabwesenheit“ bei energischer Arbeit
noch der affektlose Dämmerzustand pathogen, wohl aber die mit
Affekt erfüllte Träumerei und der Ermüdungszustand potrahierter
Affekte. Das Brüten des Bekümmerten, die Angst desjenigen, der am
Krankenbette eines teuren Menschen wacht, die verliebte Träumerei
sind solche Zustände. Die Konzentration auf die affektive Vorstellungs-
gruppe bedingt zuerst die „Abwesenheit“. Allmählich verlangsamt sich
der Vorstellungsablauf, um endlich fast zu stagnieren; aber die affektive
Vorstellung und ihr Affekt bleiben lebendig und damit auch die große
Quantität funktionell nicht verbrauchter Erregung. Die Ähnlichkeit
der Verhältnisse mit den Bedingungen der Hypnose scheint unver-
kennbar. Auch der zu Hypnotisierende darf nicht wirklich einschlafen,
d. h. seine intrazerebrale Erregung darf nicht auf das Niveau des
Schlafes absinken; aber der Vorstellungsablauf muß gehemmt werden.
Dann steht der suggerierten Vorstellung die ganze Erregungsmasse
zur Verfügung.So dürfte die pathogene Autohypnose bei manchen Menschen
entstehen, indem der Affekt in die habituelle Träumerei eintritt. Es
ist das vielleicht einer der Gründe dafür, daß wir in der Anamnese der
Hysterie so oft den beiden großen pathogenen Faktoren begegnen:
der Verliebtheit und der Krankenpflege. Die erstere schafft mit dem
sehnsuchtsvollen Gedanken an den abwesenden Geliebten die „Ent-
rückung“, das Verdämmern der umgebenden Realität und dann das
affekterfüllte Stillestehen des Denkens; die Krankenpflege stellt durch
die äußere Ruhe, die Konzentration auf ein Objekt, das Horchen aufS.
192
die Atemzüge des Kranken, geradezu dieselben Bedingungen her
wie viele Hypnotisierungsmethoden und füllt den so entstandenen
Dämmerzustand mit dem Affekte der Angst. Vielleicht unterscheiden
sich diese Zustände nur quantitativ von wirklichen Autohypnosen und
gehen in solche über.Ist das einmal geschehen, so wiederholt sich der hypnoseähnliche
Zustand durch dieselben Umstände immer wieder, und das Individuum
hat dann statt der normalen zwei Seelenzustände deren drei: Wachen,
Schlaf und Hypnoid, wie wir es auch bei häufiger Wiederholung tiefer
artefizieller Hypnose beobachten.Ich weiß nicht zu sagen, ob sich die spontanen hypnotischen
Zustände auch ohne solches Eingreifen des Affektes entwickeln können,
als Resultate originärer Anlage; ich halte das aber für sehr wahrscheinlich.
Wenn wir sehen, wie verschieden bei den gesunden und kranken
Menschen die Fähigkeit zu artefizieller Hypnose ist, wie leicht sie bei
manchen eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß sie bei solchen auch
spontan vorkomme. Und die Anlage hierzu ist vielleicht notwendig
dafür, daß die Träumerei sich in Autohypnose verwandle. Ich bin
also weit davon entfernt, den Entstehungsmechanismus, den uns
Anna O. kennen gelehrt hat, bei allen Hysterischen vorauszusetzen.Ich spreche von hypnoiden Zuständen statt von Hypnose selbst,
weil diese in der Entwicklung der Hysterie so wichtigen Zustände
sehr schlecht abgegrenzt sind. Wir wissen nicht, ob die Träumerei,
die oben als Vorstadium der Autohypnose bezeichnet wurde, nicht
selbst schon dieselbe pathogene Leistung vollbringen kann wie diese,
und ob es protrahierter Angstaffekt nicht ebenfalls tut. Vom Schreck
ist das sicher. Indem er den Vorstellungsablauf hemmt, während doch
eine affektive Vorstellung (der Gefahr) sehr lebhaft ist, steht er in
vollem Parallelismus mit der affekterfüllten Träumerei; und indem
die immer erneute Erinnerung diesen Seelenzustand immer wieder
herstellt, entsteht ein „Schreckhypnoid“, in welchem die Konversion
durchgesetzt oder stabilisiert wird; das Inkubationsstadium der
„traumatischen Hysterie“ sens. strict.Da so verschiedene, aber im wichtigsten Punkte übereinstimmende
Zustände sich der Autohypnose anreihen, so empfiehlt sich der Ausdruck
„Hypnoid“, der diese innere Ähnlichkeit hervorhebt. Er resumiert jene
Anschauung, die Möbius in den oben zitierten Sätzen vertreten hat.Vor allem aber bezeichnet er die Autohypnose selbst, deren
Wichtigkeit für die Entstehung hysterischer Phänomene beruht aufS.
193
der Erleichterung der Konversion, dem Schutze der konvertierten
Vorstellungen vor der Usur (durch die Amnesie) und der schließlich
daraus erwachsenden psychischen Spaltung.Wenn nun ein körperliches Symptom durch eine Vorstellung
verursacht ist und durch diese immer wieder ausgelöst wird, so sollte
man erwarten, daß intelligente und der Selbstbeobachtung fähige
Kranke dieses Zusammenhanges sich bewußt wären; daß sie es er-
fahrungsgemäß wüßten, das somatische Phänomen komme zugleich
mit der Erinnerung an einen bestimmten Vorgang. Der innere Kausal-
nexus freilich ist ihnen unbekannt; aber wir alle wissen doch immer,
welche Vorstellung uns weinen oder lachen oder erröten macht, wenn
uns auch der nervöse Mechanismus dieser ideogenen Phänomene nicht
entfernt klar ist. – Manchmal nun beobachten die Kranken den
Zusammenhang wirklich und sind sich seiner bewußt; eine Frau sagt
z. B., der leichte hysterische Anfall (Zittern und Herzklopfen etwa)
stamme von einer großen Gemütsaufregung und wiederhole sich nur
bei jedem daran erinnernden Vorgange. Von sehr vielen, wohl der Mehr-
zahl der hysterischen Symptome gilt das aber nicht. Auch intelligente
Kranke wissen nicht, daß sie im Gefolge einer Vorstellung eintreten
und halten sie für selbständige körperliche Phänomene. Wäre dies
anders, so müßte die psychische Theorie der Hysterie schon ein ehr-
würdiges Alter haben.Es liegt nun nahe zu glauben, die betreffenden Krankheits-
erscheinungen seien zwar ursprünglich ideogen entstanden; die Wieder-
holung habe sie aber, um den Rombergschen Ausdruck zu brauchen,
dem Körper „eingebildet“, und nun beruhten sie nicht mehr auf einem
psychischen Vorgange, sondern auf den unterdes entstandenen Ver-
änderungen des Nervensystems; sie seien selbständige, echt somatische
Symptome geworden.Von vornherein ist diese Anschauung weder unmöglich noch
unwahrscheinlich. Aber ich glaube das Neue, welches unsere Beob-
achtungen für die Lehre von der Hysterie bringen, liegt eben in dem
Nachweise, daß sie – mindestens in sehr vielen Fällen – unzutreffend
ist. Wir sahen, daß die verschiedensten hysterischen Symptome nach
jahrelangem Bestande „sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden,
wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang
zu voller Helligkeit zu erwecken, damit den begleitenden Affekt wach-
S.
194
zurufen, und wenn der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher
Weise schilderte und dem Affekte Worte gab“. Die hier erzählten
Krankengeschichten geben einige Belege für diese Behauptung. „In
Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus dürfen wir wohl
aus diesen Beobachtungen schließen: der veranlassende Vorgang
(d. h. die Erinnerung daran) wirke noch nach Jahren fort, nicht in-
direkt durch Vermittlung einer Kette von kausalen Zwischengliedern,
sondern unmittelbar als auslösende Ursache, wie etwa ein im wachen
Bewußtsein erinnerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die
Tränensekretion hervorruft; der Hysterische leide größtenteils an
Reminiszenzen.“Wenn dies aber der Fall ist, wenn die Erinnerung an das psy-
chische Trauma, nach Art eines Fremdkörpers, lange Zeit nach seinem
Eindringen noch als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muß und
doch der Kranke von diesen Erinnerungen und ihrem Auftauchen kein
Bewußtsein hat, so müssen wir zugestehen, daß unbewußte Vor-
stellungen existieren und wirken.Wir finden aber solche bei der Analyse der hysterischen Phänomene
nicht bloß vereinzelt, sondern müssen anerkennen, daß wirklich, wie
die verdienstvollen französischen Forscher gezeigt haben, große Kom-
plexe von Vorstellungen und verwickelte, folgenreiche psychische
Prozesse bei manchen Kranken völlig unbewußt bleiben und mit dem
bewußten psychischen Leben koexistieren; daß eine Spaltung der
psychischen Tätigkeit vorkommt und daß diese fundamentale Wichtig-
keit hat für das Verständnis komplizierter Hysterien.Es sei gestattet, auf dieses schwierige und dunkle Gebiet etwas
einzugehen; die Notwendigkeit, den Sinn der gebrauchten Ausdrücke
festzustellen, mag die theoretisierende Auseinandersetzung einiger-
maßen entschuldigen.V. Unbewußte und bewußtseinsunfähige Vorstellungen.
Spaltung der Psyche.
Wir nennen jene Vorstellungen bewußt, von denen wir wissen.
Es besteht beim Menschen die wunderbare Tatsache des Selbstbewußt-
seins; wir können Vorstellungen, die in uns auftauchen und einander
folgen, wie Objekte betrachten und beobachten. Dies geschieht nicht
immer, da ja zur Selbstbeobachtung selten Anlaß ist. Aber es ist eine
allen Menschen eigene Fähigkeit, denn jeder sagt: ich habe das und
das gedacht. Jene Vorstellungen, die wir als in uns lebendig beobachtenS.
195
oder beobachten würden, wenn wir darauf acht hätten, nennen wir
bewußte. Das sind in jedem Zeitmomente nur sehr wenige; und wenn
außer diesen noch andere aktuell sein sollten, müßten wir sie un-
bewußte Vorstellungen nennen.Für die Existenz aktueller, aber unbewußter oder unterbewußter
Vorstellungen zu sprechen, scheint kaum mehr nötig. Es sind Tat-
sachen des alltäglichen Lebens. Wenn ich einen ärztlichen Besuch
zu machen vergessen habe, fühle ich lebhafte Unruhe. Ich weiß aus
Erfahrung, was diese Empfindung bedeutet: ein Vergessen. Vergebens
prüfe ich meine Erinnerungen, ich finde die Ursache nicht, bis sie
mir oft nach Stunden plötzlich ins Bewußtsein tritt. Aber die ganze
Zeit über bin ich unruhig. Also ist die Vorstellung dieses Besuches
immer wirksam, also auch immer vorhanden, aber nicht im Bewußt-
sein. – Ein beschäftigter Mann hat morgens einen Verdruß gehabt.
Sein Amt nimmt ihn ganz in Anspruch; während der Tätigkeit ist
sein bewußtes Denken völlig beschäftigt, und er denkt nicht an seinen
Ärger. Aber seine Entscheidungen werden davon beeinflußt, und er
sagt wohl nein, wo er sonst ja sagen würde. Also ist die Erinnerung
trotzdem wirksam, also vorhanden. Ein großer Teil dessen, was wir
Stimmung nennen, stammt aus solcher Quelle, aus Vorstellungen, die
unter der Schwelle des Bewußtseins existieren und wirken.1) Ja,
unsere ganze Lebensführung wird fortwährend von unterbewußten
Vorstellungen beeinflußt. Wir sehen täglich, wie bei geistigem Ver-
fall, z. B. im Beginne einer Paralyse, die Hemmungen schwächer werden
und schwinden, die sonst manche Handlungen verhindern. Aber der
Paralytiker, der jetzt vor Frauen Zoten spricht, ist in gesunden Tagen
davon nicht durch bewußte Erinnerung und Überlegung abgehalten
worden. Er mied es „instinktiv“ und „automatisch“, d. h. er wurde
durch Vorstellungen davon abgehalten, welche der Impuls zu solcher
Handlung wachrief, die aber unter der Bewußtseinsschwelle blieben
und doch den Impuls hemmten. – Alle intuitive Tätigkeit ist geleitet
durch Vorstellungen, die großenteils unterbewußt sind. Es werden
eben nur die hellsten, intensivsten Vorstellungen vom Selbstbewußtsein
wahrgenommen, während die große Masse aktueller, aber schwächerer
Vorstellungen unbewußt bleibt.Was gegen die Existenz und Wirksamkeit „unbewußter Vor-
stellungen“ eingewendet wird, erscheint großenteils als Wortschikane.
Gewiß ist „Vorstellung“ ein Wort aus der Terminologie des bewußten
Denkens und darum „unbewußte Vorstellung“ ein widerspruchsvoller
13*S.
196
Ausdruck. Aber der physische Prozeß, welcher der Vorstellung zu
grunde liegt, ist inhaltlich und formal (wenn auch nicht quantitativ)
derselbe, ob die Vorstellung über die Schwelle des Bewußtseins tritt
oder darunter bleibt. Es genügte, einen Terminus zu bilden wie etwa
„Vorstellungssubstrat“, um den Widerspruch zu meiden und jenem
Vorwurfe zu entgehen.Es scheint also kein prinzipielles Hindernis dafür vorhanden,
daß man unbewußte Vorstellungen auch als Ursachen pathologischer
Phänomene anerkenne. Aber bei näherem Eingehen in die Sache ergeben
sich andere Schwierigkeiten. Wenn sonst die Intensität unbewußter
Vorstellungen anwächst, treten sie eo ipso ins Bewußtsein. Sie bleiben
unbewußt nur bei geringer Intensität. Es scheint aber schwer ein-
zusehen, wie eine Vorstellung zugleich intensiv genug sein sollte, um
z. B. eine lebhafte motorische Aktion hervorzurufen und doch nicht
genug, um bewußt zu werden.Ich habe schon eine Anschauung erwähnt, welche vielleicht
nicht kurz von der Hand gewiesen werden sollte. Die Helligkeit unserer
Vorstellungen und damit ihre Fähigkeit, vom Selbstbewußtsein beob-
achtet zu werden, bewußt zu sein, ist mitbedingt von dem Lust- oder
Unlustgefühle, welches sie erwecken, von ihrem Affektwerte. Wenn
eine Vorstellung eine lebhafte somatische Folge unmittelbar auslöst,
so strömt die Erregung in die betreffende Bahn ab, welche sonst, von
ihr ausgehend, im Gehirne sich verbreiten würde, und eben deshalb,
weil sie körperliche Folgen hat, weil eine Konversion ihrer psychi-
schen Reizgröße in somatische stattgefunden hat, verliert sie die Hellig-
keit, welche sie sonst in dem Strome der Vorstellungen auszeichnen
würde; sie verliert sich unter den anderen.Es hat z. B. jemand während des Essens einen heftigen Affekt
gehabt und nicht „abreagiert“. In der Folge tritt beim Versuche zu
essen Würgen und Erbrechen auf, welches dem Kranken als rein körper-
liches Symptom erscheint. Es besteht durch längere Zeit hysterisches
Erbrechen, welches schwindet, nachdem in der Hypnose der Affekt
erneuert, erzählt und darauf reagiert wurde. Unzweifelhaft ist durch
den Versuch zu essen jedesmal jene Erinnerung wachgerufen worden
und hat den Brechakt ausgelöst. Aber sie tritt nicht klar ins Bewußt-
sein, weil sie nun affektlos ist, während das Erbrechen die Aufmerk-
samkeit vollkommen absorbiert.Es ist denkbar, daß aus diesem Grunde manche Vorstellungen,
welche hysterische Phänomene auslösen, nicht als Ursache derselbenS.
197
erkannt werden. Aber ein solches Übersehen affektlos gewordener,
weil konvertierter Vorstellungen kann unmöglich die Ursache davon
sein, wenn in anderen Fällen Vorstellungskomplexe nicht ins Bewußtsein
treten, welche nichts weniger als affektlos sind. In unseren Kranken-
geschichten sind mehrfache Beispiele dafür beigebracht.Bei solchen Kranken ist es Regel, daß die Stimmungsveränderung,
Ängstlichkeit, zornige Gereiztheit, Trauer dem Auftreten des somati-
schen Symptoms vorhergeht oder ihm alsbald folgt, um anzuwachsen,
bis entweder durch eine Aussprache die Lösung erfolgt oder Affekt
und somatische Phänomene allmählich wieder schwinden. Geschah
das erstere, so wurde die Qualität des Affektes immer ganz verständlich,
wenn auch seine Intensität dem Gesunden und nach der Lösung auch
dem Kranken selbst ganz unproportional erscheinen mußte. Das sind
also Vorstellungen, welche intensiv genug sind, um nicht bloß starke
körperliche Phänomene zu verursachen, sondern auch den zugehörigen
Affekt hervorzurufen, die Assoziation zu beeinflussen, indem verwandte
Gedanken durch sie bevorzugt werden, – und dennoch selbst außerhalb
des Bewußtseins bleiben. Es bedarf der Hypnose, wie in Beobachtung I
und II, oder intensiver Nachhilfe des Arztes (Beobachtung IV, V) bei
dem mühsamsten Suchen, um sie ins Bewußtsein zu bringen.Solche Vorstellungen, welche (aktuell aber) unbewußt sind,
nicht wegen relativ schwacher Lebhaftigkeit, sondern trotz großer
Intensität, mögen wir bewußtseinsunfähige1) Vorstellungen nennen.Die Existenz solcher bewußtseinsunfähiger Vorstellungen ist
pathologisch. Beim Gesunden treten alle Vorstellungen, welche über-
haupt aktuell werden können, bei genügender Intensität auch ins
Bewußtsein. Bei unseren Kranken finden wir nebeneinander den großen
Komplex bewußtseinsfähiger und einen kleineren bewußtseinsunfähiger
Vorstellungen. Das Gebiet der vorstellenden psychischen Tätigkeit
fällt bei ihnen also nicht zusammen mit dem potentiellen Bewußtsein;
sondern dieses ist beschränkter als jenes. Die psychische vorstellende
Tätigkeit zerfällt hier in eine bewußte und unbewußte, die Vorstellungen
in bewußtseinsfähige und nicht bewußtseinsfähige. Wir können also
nicht von einer Spaltung des Bewußtseins sprechen, wohl aber von
einer Spaltung der Psyche.1)Der Ausdruck ist nicht eindeutig und läßt darum sehr zu wünschen
übrig; aber nach der Analogie von „hoffähig“ gebildet, mag er in Ermanglung
eines besseren unterdessen gebraucht werden.S.
198
Umgekehrt sind diese unterbewußten Vorstellungen auch durch
das bewußte Denken nicht zu beeinflussen und nicht zu korrigieren.
Vielfach handelt es sich um Erlebnisse, die seitdem inhaltslos geworden
sind, Furcht vor Ereignissen, die nicht eingetroffen sind, Schrecken,
der sich in Gelächter oder Freude über die Rettung aufgelöst hat.
Diese Nachfolgen nehmen der Erinnerung für das bewußte Denken
jede Affektivität; die unterbewußte Vorstellung, welche somatische
Phänomene hervorruft, bleibt davon völlig unberührt.Es sei gestattet, dafür noch ein Beispiel zu bringen: Eine junge Frau war
einige Zeit in lebhafter Sorge um das Schicksal ihrer jüngeren Schwester. Unter
diesem Eindrucke verlängerte sich die sonst regelmäßige Periode durch zwei
Wochen, es trat Schmerzhaftigkeit des linken Hypogastrium-
und zweimal
fand sich die Patientin, aus einer „Ohnmacht“ erwachend, steif auf dem Boden.
Darauf folgte eine linksseitige Ovarie mit Erscheinungen einer schweren Peritonitis,
Fieberlosigkeit, Kontraktur des linken Beines (und des Rückens) kennzeichneten
die Erkrankung als Pseudoperitonitis, und als Patientin einige Jahre später starb
und obduziert wurde, fand sich nur „kleinzystische Degeneration“ beider Ovarien
ohne Reste einer abgelaufenen Peritonitis. Die schweren Erscheinungen schwanden
allmählich und hinterließen Ovarie, Kontraktur der Rückenmuskeln, so daß
der Rumpf wie ein Balken steif war, und Kontraktur des linken Beines. Letztere
wurde in der Hypnose durch direkte Suggestion beseitigt. Die Rücken-
kontraktur
blieb unbeeinflußt. Unterdessen hatte sich die Angelegenheit der Schwester voll
ständig geordnet, und jede Befürchtung war geschwunden. Die hysterischen
Phänome aber, die davon abgeleitet werden mußten, bestanden unverändert
fort. Die Vermutung lag nahe, es seien selbständig gewordene Veränderungen
der Innervation und nicht mehr an die veranlassende Vorstellung gebunden. Aber
als nun in der Hypnose Patientin gezwungen wurde, die ganze Geschichte bis zu
ihrer Erkrankung an „Peritonitis“ zu erzählen (was sie sehr ungern tat), setzte
sie sich unmittelbar danach frei im Bette auf und die Rücken-
kontraktur war für
immer geschwunden. (Die Ovarie, deren erster Ursprung gewiß viel älter war,
blieb unbeeinflußt.) – Es hatte also doch Monate hindurch die pathogene Angst-
vorstellung wirksam lebendig fortbestanden; und sie war jeder Korrektur durch
die Ereignisse völlig unzugänglich gewesen.Müssen wir nun die Existenz von Vorstellungskomplexen an-
erkennen, welche nie ins wache Bewußtsein treten und durch das
bewußte Denken nicht beeinflußt werden, so haben wir damit auch
schon für so einfache Hysterien wie die eben geschilderte die Spaltung
der Psyche in zwei relativ unabhängige Teile zugegeben. Ich behaupte
nicht, daß alles, was man hysterisch nennt, eine solche Spaltung zur
Grundlage und Bedingung habe; wohl aber, daß „jene Spaltung der
psychischen Tätigkeit, die bei den bekannten Fällen als double con-
science so auffällig ist, in rudimentärerer Weise bei jeder „großen“ HysterieS.
199
bestehe und daß die Fähigkeit und Neigung zu dieser Dissoziation
das Grundphänomen dieser Neurose sei.“Bevor ich aber in die Diskussion dieser Phänomene eingehe,
ist noch eine Bemerkung nachzutragen bezüglich der unbewußten
Vorstellungen, welche somatische Erscheinungen veranlassen. Wie im
oben erzählten Falle die Kontraktur, sind ja viele der hysterischen
Phänomene von langer kontinuierlicher Dauer. Sollen und können wir
annehmen, daß all die Zeit hindurch die veranlassende Vorstellung
immer lebendig, aktuell vorhanden sei? Ich glaube: Ja. Gewiß sehen
wir beim Gesunden die psychische Tätigkeit mit raschem Wechsel
der Vorstellungen sich vollziehen. Aber wir sehen den schwer Me-
lancholischen lange Zeit kontinuierlich in dieselbe peinliche Vorstellung
versunken, die immer lebendig, aktuell ist. Ja, wir dürfen wohl glauben,
daß auch beim Gesunden eine schwere Sorge immer vorhanden sei,
da sie den Gesichtsausdruck beherrscht, selbst wenn das Bewußtsein
von anderen Gedanken erfüllt ist. Jener abgetrennte Teil der psychischen
Tätigkeit aber, den wir beim Hysterischen von den unbewußten Vor-
stellungen erfüllt denken, ist meist so ärmlich damit besetzt, so un-
zugänglich dem Wechsel der äußeren Eindrücke, daß wir glauben
können, hier sei einer Vorstellung dauernde Lebhaftigkeit möglich.Wenn uns, wie Binet und Janet, die Abspaltung eines Teiles
der psychischen Tätigkeit im Mittelpunkte der Hysterie zu stehen
scheint, so sind wir verpflichtet, über dieses Phänomen möglichst
Klarheit zu suchen. Allzuleicht verfällt man in die Denkgewohnheit,
hinter einem Substantiv eine Substanz anzunehmen, unter „Bewußt-
sein“, „conscience“ allmählich ein Ding zu verstehen; und wenn man
sich gewöhnt hat, metaphorisch Lokalbeziehungen zu verwenden, wie
„Unterbewußtsein“, so bildet sich mit der Zeit wirklich eine Vorstellung
aus, in der die Metapher vergessen ist und mit der man leicht
manipuliert wie mit einer realen. Dann ist die Mythologie fertig.All unserem Denken drängen sich als Begleiter und Helfer räum-
liche Vorstellungen auf, und wir sprechen in räumlichen Metaphern.
So stellen sich die Bilder von dem Stamme des Baumes, der im Lichte
steht, und seinen Wurzeln im Dunkel oder von dem Gebäude und
seinem dunkeln Souterrain fast zwingend ein, wenn wir von den Vor-
stellungen sprechen, die im Gebiete des hellen Bewußtseins sich vor-
finden, und den unbewußten, die nie in die Klarheit des Selbst-S.
200
bewußtseins treten. Wenn wir uns aber immer gegenwärtig halten,
daß alles Räumliche hier Metapher ist, und uns nicht etwa verleiten
lassen, es im Gehirne zu lokalisieren, so mögen wir immerhin von einem
Bewußtsein und einem Unterbewußtsein sprechen. Aber nur mit diesem
Vorbehalte.Wir sind sicher vor der Gefahr, uns von unseren eigenen Rede-
figuren dupieren zu lassen, wenn wir uns immer daran erinnern, daß
es doch dasselbe Gehirn und höchstwahrscheinlich dieselbe Großhirn-
rinde ist, in welchen die bewußten wie die unbewußten Vorstellungen
entstehen. Wie das möglich, ist nicht zu sagen. Aber wir wissen doch
wohl so wenig von der psychischen Tätigkeit der Hirnrinde, daß eine
rätselhafte Komplikation mehr unsere unendliche Unwissenheit kaum
noch vergrößert. Die Tatsache müssen wir anerkennen, daß bei
Hysterischen ein Teil der psychischen Tätigkeit der Wahrnehmung
durch das Selbstbewußtsein der wachen Person unzugänglich und so
die Psyche gespalten ist.Ein allbekannter Fall solcher Teilung der psychischen Tätigkeit
ist der hysterische Anfall in manchen seiner Formen und Stadien. In
seinem Beginne ist das bewußte Denken oft ganz erloschen; aber dann
erwacht es allmählich. Man hört von vielen intelligenten Kranken das
Zugeständnis, ihr bewußtes Ich sei während des Anfalles ganz klar
gewesen und habe mit Neugier und Verwunderung all das tolle Zeug
beobachtet, das sie vornahmen und sprachen. Solche Kranke haben
dann auch wohl die (irrige) Meinung, sie hätten mit gutem Willen
den Anfall inhibieren können, und sind geneigt, ihn sich als Schuld
anzurechnen. „Sie hätten es nicht tun müssen.“ (Auch die Selbst-
anklagen der Simulation beruhen großenteils auf dieser Empfindung.)
Beim nächsten Anfalle vermag dann das bewußte Ich ebensowenig
die Vorgänge zu beherrschen wie beim früheren. – Da steht nun das
Denken und Vorstellen des bewußten wachen Ichs neben den Vor-
stellungen, die, sonst im Dunkel des Unbewußten, nun die Herrschaft
über Muskulatur und Sprache, ja auch über einen großen Teil der vor-
stellenden Tätigkeit selbst gewonnen haben, und die Spaltung der
Psyche ist manifest.Den Namen einer Spaltung nicht bloß der psychischen Tätigkeit,
sondern des Bewußtseins, verdienen aber allerdings die Befunde
Binets und Janets; bekanntlich ist es diesen Beobachtern ge-
lungen, sich mit dem „Unterbewußtsein“ ihrer Kranken in Verkehr
zu setzen, mit jenem Teile der psychischen Tätigkeit, von welchemS.
201
das bewußte wache Ich nichts weiß; und sie haben daran bei manchen
Fällen alle psychischen Funktionen, einschließlich des Selbstbewußt-
seins, nachgewiesen. Denn es findet sich darin die Erinnerung an
frühere psychische Vorgänge. Diese halbe Psyche ist also eine ganz
vollständige, in sich bewußte. Der abgespaltene Teil der Psyche ist
bei unseren Fällen „in die Finsternis gebracht“, wie die Titanen in den
Schlund des Ätna gebannt sind, die Erde erschüttern mögen, aber nie
im Licht erscheinen. In den Fällen Janets hat eine völlige Teilung
des Reiches stattgefunden. Noch mit einem Rangunterschiede. Aber
auch dieser schwindet, wenn die beiden Bewußtseinshälften alternieren
wie in den bekannten Fällen von Double conscience und sich an Leistungs-
fähigkeit nicht unterscheiden.Doch kehren wir zu jenen Vorstellungen zurück, die wir bei
unseren Kranken als Ursachen ihrer hysterischen Phänomene nach-
gewiesen haben. Es fehlt viel daran, daß wir alle geradezu „unbewußt“
und „bewußtseinsunfähig“ nennen könnten. Von der vollkommen
bewußten Vorstellung, welche einen ungewöhnlichen Reflex auslöst,
bis zu jener, die niemals im Wachen, sondern nur in der Hypnose ins
Bewußtsein tritt, geht eine kaum ununterbrochene Stufenleiter durch
alle Grade der Schattenhaftigkeit und Unklarheit. Trotzdem halten
wir den Nachweis für erbracht, daß in höheren Graden von Hysterie
die Spaltung der psychischen Tätigkeit besteht, und sie allein scheint
eine psychische Theorie der Krankheit möglich zu machen.
Was läßt sich nun über Ursache und Entstehung dieses Phänomens
mit Wahrscheinlichkeit aussagen oder vermuten?P. Janet, dem die Lehre von der Hysterie so ungemein viel
verdankt und mit dem wir in den meisten Punkten übereinstimmen,
hat hierüber eine Anschauung entwickelt, die wir nicht zur unserigen
machen können:Janet hält dafür, die „Spaltung der Persönlichkeit“ beruhe
auf einer originären geistigen Schwäche (insuffisance psychologique);
alle normale geistige Tätigkeit setze eine gewisse Fähigkeit der „Syn-
these“ voraus, die Möglichkeit, mehrere Vorstellungen zu einem Kom-
plexe zu verbinden. Solche synthetische Tätigkeit sei schon die Ver-
schmelzung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen zu einem Bilde
der Umgebung; diese Leistung der Psyche finde man bei Hysterischen
tief unter der Norm stehend. Ein normaler Mensch werde wohl, wennS.
202
seine Aufmerksamkeit maximal auf einen Punkt, z. B. auf die Wahr-
nehmung mittels eines Sinnes gerichtet ist, vorübergehend die Fähig-
keit verlieren, Eindrücke der anderen Sinne zu apperzipieren, d. h.
ins bewußte Denken aufzunehmen. Bei den Hysterischen sei das der
Fall, ohne jede besondere Konzentration der Aufmerksamkeit. Per-
zipieren sie irgend etwas, so sind sie für die anderen Sinneswahrneh-
mungen unzugänglich. Ja, sie seien nicht einmal imstande, auch nur
die Eindrücke eines Sinnes gesammelt aufzufassen; sie können z. B.
nur die Tastwahrnehmungen einer Körperhälfte apperzipieren; die
der anderen Seite gelangen ins Zentrum, werden für Bewegungs-
koordination verwertet, aber nicht apperzipiert. Ein solcher Mensch
ist hemianästhetisch.Beim normalen Menschen ruft eine Vorstellung eine große Menge
anderer assoziativ ins Bewußtsein, welche zu der ersten z. B. unter-
stützend oder hemmend in ein Verhältnis treten, und nur maximal
lebhafte Vorstellungen sind wohl so überstark, daß die Assoziationen
unter der Schwelle des Bewußtseins bleiben. Bei den Hysterischen
sei das immer der Fall. Jede Vorstellung nehme die ganze, geringe,
geistige Tätigkeit in Beschlag; das bedinge die übergroße Affektivität
der Kranken.Diese Eigenschaft ihrer Psyche bezeichnet Janet mit dem Namen
der „Einengung des Bewußtseinsfeldes“ der Hysterischen, in Analogie
mit der „Einengung des Gesichtsfeldes“. Die nicht apperzipierten
Sinnesindrücke und die erweckten, aber nicht ins Bewußtsein ge-
tretenen Vorstellungen erlöschen meist ohne weitere Folgen, manchmal
aber aggregieren sie und bilden Komplexe: die dem Bewußtsein entzogene
psychische Schichte, das Unterbewußtsein.Die Hysterie, wesentlich beruhend auf dieser Spaltung der Psyche,
sei „une maladie de faiblesse“; und darum entwickle sie sich am
ehesten, wenn auf die originär schwache Psyche weitere schwächende
Einflüsse wirken oder hohe Ansprüche gestellt werden, welchen gegen-
über die geistige Kraft noch geringer erscheint.In dieser Darlegung seiner Anschauungen hat Janet auch schon
die wichtige Frage nach der Disposition zur Hysterie beantwortet;
nach dem Typus hystericus (dieses Wort in demselben Sinne genommen,
wie man von Typus phtisicus spricht und darunter den langen schmalen
Thorax, das kleine Herz usw. versteht). Janet hält eine bestimmte
Form angeborener geistiger Schwäche für die Disposition zur Hysterie.
Demgegenüber möchten wir unsere Anschauung kurz im folgendenS.
203
formulieren: Die Spaltung des Bewußtseins tritt nicht ein, weil die
Kranken schwachsinnig sind, sondern die Kranken erscheinen schwach-
sinnig, weil ihre psychische Tätigkeit geteilt ist und dem bewußten
Denken nur ein Teil der Leistungsfähigkeit zur Verfügung steht. Als
Typus hystericus, als Inbegriff der Disposition zu Hysterie können
wir geistige Schwäche nicht ansehen.Was mit dem ersteren Satze gemeint ist, mag ein Beispiel er-
läutern. Viele Male konnten wir bei einer unserer Kranken (Frau
Cäcilie M.) den folgenden Verlauf beobachten: In relativem Wohlsein
trat ein hysterisches Symptom auf: eine quälende, obsedierende Hallu-
zination, eine Neuralgie o. dgl., deren Intensität durch einige Zeit
zunam. Damit zugleich nahm die geistige Leistungsfähigkeit kon-
tinuierlich ab, und nach einigen Tagen mußte jeder uneingeweihte
Beobachter die Kranke schwachsinnig nennen. Dann wurde sie von
der unbewußten Vorstellung (der Erinnerung an ein oft längst ver-
gangenes psychisches Trauma) entbunden: entweder durch den Arzt
in der Hypnose oder dadurch, daß sie plötzlich in einem Aufregungs-
zustande unter lebhaftem Affekte die Sache erzählte. Dann wurde
sie nicht bloß ruhig und heiter, befreit von dem quälenden Symptom,
sondern immer wieder war man erstaunt über den reichen, klaren
Intellekt, die Schärfe ihres Verstandes und Urteils. Mit Vorliebe spielte
sie (vortrefflich) Schach, und gerne zwei Partien zugleich, was wohl
kaum ein Zeichen mangelnder geistiger Synthese ist. Der Eindruck
war unabweisbar, daß in solchem Verlaufe die unbewußte Vorstellung
einen immer wachsenden Teil der psychischen Tätigkeit an sich reiße,
daß, je mehr das geschehe, desto kleiner der Anteil des bewußten
Denkens werde, bis dieses zur vollen Imbezillität herabsinke; daß sie
aber, wenn sie nach dem merkwürdig treffenden Wiener Ausdruc-
ke „beisammen“ war, eine eminente geistige Leistungsfähigkeit besitze.Wir möchten zum Vergleiche von den Zuständen der Normalen
nicht die Konzentration der Aufmerksamkeit herbeiziehen sondern die
Präokkupation. Wenn ein Mensch durch eine lebhafte Vorstellung,
z. B. eine Sorge, „präokkupiert“ ist, wird seine geistige Leistungs-
fähigkeit in ähnlicher Weise herabgesetzt.Jeder Beobachter steht überwiegend unter dem Einflusse seiner
Beobachtungsobjekte, und wir möchten glauben, daß sich Janets
Auffassung wesentlich in dem eingehenden Studium jener schwach-
sinnigen Hysterischen gebildet hat, die im Spitale oder Versorgungs-
hause sind, weil sie ihrer Krankheit und ihrer dadurch bedingtenS.
204
geistigen Schwäche halber sich im Leben nicht halten können. Unsere
Beobachtung gebildeter Hysterischer zwingt uns zu einer wesentlich
anderen Meinung von ihrer Psyche. Wir glauben, „daß man unter
den Hysterischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten
und kritischesten Menschen finden kann“. Kein Maß wirklicher, tüch-
tiger, psychischer Begabung ist durch Hysterie ausgeschlossen, wenn
auch oft durch die Krankheit die reale Leistung unmöglich wird.
War ja auch die Schutzheilige der Hysterie, St. Theresa, eine geniale
Frau von der größten praktischen Tüchtigkeit.Aber freilich, auch kein Ausmaß von Albernheit, Unbrauchbarkeit
und Willenschwäche sichert vor Hysterie. Auch wenn man von all dem
absieht, was erst Folge der Krankheit ist, muß man den Typus der
schwachsinnigen Hysterischen als einen häufigen anerkennen. Nur
handelt es sich auch hier nicht um torpide, phlegmatische Dummheit,
sondern mehr um einen überhohen Grad geistiger Beweglichkeit, welche
untüchtig macht. Ich werde später die Frage nach der originären Dis-
position besprechen. Hier soll nur festgestellt werden, daß die Meinung
Janets, geistige Schwäche liege überhaupt der Hysterie und der
psychischen Spaltung zugrunde, unannehmbar ist.Im vollen Gegensatze zu Janets Ansicht meine ich, in sehr
vielen Fällen liege der Desaggregation eine psychische Überleistung
zugrunde, die habituelle Koexistenz zweier heterogenen Vorstellungs-
reihen. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß wir häufig nicht
bloß „mechanisch“ tätig sind, während in unserem bewußten Denken
Vorstellungsreihen ablaufen, die mit unserer Tätigkeit nichts gemein
haben; sondern wir sind auch unzweifelhafter psychischer Leistungen
fähig, während unsere Gedanken „anderswo beschäftigt“ sind; wie
z. B. wenn wir korrekt und mit dem entsprechenden Tonfalle vorlesen
und doch dann absolut nicht wissen, was wir gelesen haben.Es gibt wohl eine ganze Menge von Tätigkeiten, von den me-
chanischen wie Stricken, Skalenspielen an bis zu solchen, die immerhin
einige seelische Leistung bedingen, welche von vielen Menschen mit
halber Präsenz des Geistes geleistet werden. Besonders von solchen,
die, bei großer Lebhaftigkeit, durch monotone, einfache, reizlose Be-
schäftigung gequält werden und sich anfangs geradezu absichtlich
die Unterhaltung verschaffen, an anderes zu denken. („Privattheater“
bei Anna O., Krankengeschichte Nr. I.) Ein anderer, aber ähnlicher
Fall besteht, wenn eine interessante Vorstellungsreihe, z. B. aus Lektüre,
Theater u. dgl. stammend, sich auf- und eindrängt. Noch energischerS.
205
ist dieses Eindrängen, wenn die fremde Vorstellungsreihe stark „affektiv
betont“ ist, als Sorge, verliebte Sehnsucht. Dann ist der oben berührte
Zustand der Präokkupation gegeben, der aber viele Menschen nicht
hindert, Leistungen von mäßiger Kompliziertheit dennoch zustande
zu bringen. Soziale Verhältnisse erzwingen oft solche Verdoppelungen
auch intensiven Denkens, wie z. B. wenn eine Frau in quälender Sorge
oder leidenschaftlicher Aufregung ihre geselligen Pflichten und die
Funktionen der liebenswürdigen Wirtin erfüllt. Geringere Leistungen
dieser Art bringen wir alle im Berufe fertig; aber die Selbstbeobachtung
scheint auch jedem zu ergeben, daß die affektive Vorstellungsgruppe
nicht assoziatorisch dann und wann erweckt wird, sondern fortwährend
aktuell in der Psyche vorhanden ist, ins Bewußtsein tretend, sowie
kein lebhafter äußerer Eindruck oder Willensakt dasselbe in Be-
schlag nimmt.Auch bei Menschen, die nicht habituell Wachträume neben der
gewöhnlichen Tätigkeit einherfließen lassen, bedingen manche Situa-
tionen durch größere Zeiträume hindurch ein solches Nebeneinander
der wechselnden Eindrücke und Reaktionen des äußeren Lebens und
einer affektiv betonten Vorstellungsgruppe. Post equitem sedet atra
cura’. Solche Situationen sind vor anderen die Krankenpflege teuerer
Menschen und die Liebesneigung. Erfahrungsgemäß spielen Kranken-
pflege und Sexualaffekt auch die Hauptrolle in den meisten genauer-
analysierten Krankengeschichten Hysterischer.Ich vermute, daß die habituelle oder durch affektvolle Lebens-
lagen bedingte Verdoppelung der psychischen Fähigkeit zur wirklichen
pathologischen Spaltung der Psyche wesentlich disponiere. Sie
geht in diese über, wenn die beiden koexistierenden Vorstellungsreihen
nicht mehr gleichartigen Inhalt haben, wenn die eine davon bewußt-
seinsunfähige Vorstellungen enthält: abgewehrte und solche, die aus
hypnoiden Zuständen stammen. Dann ist das Konfluieren der beiden
zeitweise getrennten Ströme, das beim Gesunden immer wieder statthat,
unmöglich, und es etabliert sich dauernd ein abgespaltenes Gebiet
unbewußter psychischer Tätigkeit. Diese hysterische Spaltung der
Psyche verhält sich zu dem „Doppel-Ich“ des Gesunden wie das
Hypnoid zu der normalen Träumerei. Hier bedingt die Amnesie die
pathologische Qualität und dort die Bewußtseinsunfähigkeit der
Vorstellungen.Die Beobachtung I (Anna O.), auf die ich immer zurückkommen
muß, gewährt klaren Einblick in den Hergang. Das Mädchen war,S.
206
in voller Gesundheit gewöhnt, neben ihren Beschäftigungen phan-
tastische Vorstellungsreihen einherfließen zu lassen. In einer für die
Autohypnose günstigen Situation tritt der Angstaffekt in die Träumerei
ein und schafft ein Hypnoid, für welches Amnesie besteht. Dies
wiederholt sich bei verschiedenen Gelegenheiten, sein Vorstellungsinhalt
wird allmählich immer reicher; aber noch immer alterniert es mit dem
Zustande vollkommen normalen wachen Denkens.Nach 4 Monaten bemächtigt sich der Hypnoidzustand der
Kranken vollständig; indem die einzelnen Attacken konfluieren, bildet
sich ein état de mal, eine schwerste akute Hysterie. Nach mehr-
monatlicher Dauer in verschiedenen Formen (somnambule Periode)
wird er gewaltsam unterbrochen und alterniert nun wieder mit normalem
psychischen Verhalten. Aber auch in diesem persistieren die somatischen
und psychischen Phänomene, von denen wir hier wissen, daß sie auf
Vorstellungen des Hypnoids beruhen (Kontraktur, Hemianästhesie,
Änderung der Sprache). Dadurch ist bewiesen, daß auch während des
normalen Verhaltens der Vorstellungskomplex des Hypnoids, das „Unter-
bewußtsein“, aktuell ist, daß die Spaltung der Psyche fortbesteht.Ein zweites Beispiel solcher Entwicklung kann ich nicht bei-
bringen. Ich glaube aber, daß dieses einiges Licht auf die Ausbildung
der traumatischen Neurose wirft. Bei dieser wiederholt sich in den
ersten Tagen nach dem Unfalle mit der Erinnerung an diesen das
Schreckhypnoid; während dies immer häufiger geschieht, nimmt seine
Intensität doch so weit ab, daß es nicht mehr mit dem wachen Denken
alterniert, sondern nur neben ihm besteht. Nun wird es kontinuierlich,
und die somatischen Symptome, welche früher nur im Schreckanfalle
bestanden, gewinnen eine dauernde Existenz. Ich kann aber nur
vermuten, daß es so zugehe, da ich keinen solchen Fall analysiert habe.Die Beobachtungen und Analysen Freuds beweisen, daß die
Spaltung der Psyche auch durch die „Abwehr“, durch die willkürliche
Abwendung des Bewußtseins von peinlichen Vorstellungen bedingt
sein kann. Aber doch nur bei manchen Menschen, denen wir deshalb
eine psychische Eigenart zuschreiben müssen. Bei normalen Menschen
gelingt die Unterdrückung solcher Vorstellungen, und dann schwinden
sie vollständig, oder sie gelingt nicht, und dann tauchen sie immer
wieder im Bewußtsein auf. Worin jene Eigenart besteht, weiß ich
nicht zu sagen. Ich wage nur die Vermutung, es sei die Hilfe des
Hypnoids notwendig, wenn durch die Abwehr nicht bloß einzelne
konvertierte Vorstellungen zu unbewußten gemacht werden, sondernS.
207
eine wirkliche Spaltung der Psyche vollzogen werden soll. Die Auto-
hypnose schaffte sozusagen den Raum, das Gebiet unbewußter psychi-
scher Tätigkeit, in welches die abgewehrten Vorstellungen hineinge-
drängt werden. Doch wie dem auch sei, die Tatsache von der pathogenen
Bedeutung der „Abwehr“ müssen wir anerkennen.Ich glaube aber nicht, daß mit den besprochenen, halbwegs ver-
ständlichen Vorgängen die Genese der psychischen Spaltung auch nur
annähernd erschöpft wäre. So lassen beginnende Hysterien höheren
Grades meist einige Zeit hindurch ein Syndrom beobachten, das man
wohl als akute Hysterie bezeichnen darf. (In den Anamnesen männlicher
Hysteriker begegnet man dieser Form der Erkrankung gewöhnlich
unter dem Namen: Gehirnentzündung; bei weiblichen Hysterien
gibt die Ovarie dabei Anlaß zu der Diagnose: Bauchfellentzündung.)In diesem akuten Stadium der Hysterie sind psychotische Züge
sehr deutlich; manische und zornige Aufregungszustände, rascher
Wechsel hysterischer Phänomene, Halluzinationen u. dgl. m. In
solchem Zustande mag die Spaltung der Psyche vielleicht in anderer
Weise erfolgen, als wir oben darzulegen suchten.Vielleicht ist dieses ganze Stadium als ein langer hypnoider Zustand
zu betrachten, dessen Residuen den Kern des unbewußten Vorstellungs-
komplexes abgeben, während das wache Denken dafür amnestisch ist.
Da uns die Entstehungsbedingungen einer solchen akuten Hysterie
meist nicht bekannt sind (ich wage nicht, den Hergang bei Anna O.
für den allgemein gültigen zu halten), so wäre das eine weitere, im
Gegensatze zu den oben erörterten, irrational zu nennende Art der
psychischen Spaltung1). Und so werden gewiß noch andere Arten
dieses Vorganges existieren, die sich der jungen psychologischen Er-
kenntnis noch entzogen haben. Denn gewiß haben wir nur die ersten
Schritte auf diesem Gebiete gemacht und werden weitere Erfahrungen
die heutigen Anschauungen wesentlich umgestalten.
Fragen wir nun, was die in den letzten Jahren gewonnene Kenntnis
der psychischen Spaltung für das Verständnis der Hysterie geleistet
hat. Es scheint viel und Bedeutungsvolles zu sein.1)Ich muß aber bemerken, daß gerade in dem bestbekannten und durch-
sichtigsten Falle großer Hysterie mit manifester double conscience, eben bei Anna O.
(Beobachtung I), kein Rest aus dem akuten Stadium in das chronische hinüber-
getragen wurde und alle Phänomene des letzteren schon in der „Inkubationszeit“
in Hyponoiden und Affektzuständen erzeugt worden waren.S.
208
Diese Erkenntnis ermöglicht, scheinbar rein somatische Symptome
auf Vorstellungen zurückzuführen, die aber im Bewußtsein der Kranken
nicht zu finden sind. Es ist überflüssig, nochmals hierauf einzugehen.Sie hat den Anfall als eine Leistung des unbewußten Vorstellungs-
komplexes mindestens teilweise verstehen gelehrt (Charcot).Sie erklärt aber auch manche der psychischen Eigentümlichkeiten
der Hysterie, und dieser Punkt verdient vielleicht eingehendere
Besprechung.Die „unbewußten Vorstellungen“ treten zwar nie oder doch nur
selten und schwer in das wache Denken, aber sie beeinflussen es. Erstens
durch ihre Wirkungen, wenn z. B. eine völlig unverständliche, sinnlose
Halluzination den Kranken peinigt, deren Bedeutung und Motivierung
in der Hypnose klar wird.Dann beeinflussen sie die Assoziation, indem sie einzelne Vor-
stellungen lebhafter werden lassen, als sie ohne diese aus dem Un-
bewußten stammende Verstärkung wären. So drängen sich dann den
Kranken mit einem gewissen Zwange immer bestimmte Vorstellung-
gruppen auf, an die sie denken müssen. (Ähnlich ist es, wenn Janets
Hemianästhetische zwar die wiederholte Berührung ihrer empfindungs-
losen Hand nicht fühlen, aber, aufgefordert, eine beliebige Zahl zu
nennen, immer jene wählen, welche der Zahl der Berührungen entspricht.)
Weiter beherrschen sie die Gemütslage, die Stimmung. Wenn sich
Anna O. bei Abwicklung ihrer Erinnerungen einem Vorgange näherte,
der ursprünglich mit lebhaftem Affekte verbunden gewesen war,
so trat die entsprechende Gemütsstimmung schon Tage vorher
auf, ehe die Erinnerung auch nur in dem hypnotischen Bewußtsein
klar erschien.Dies macht uns die „Launen“, die unerklärlichen, unbegründeten,
für das wache Denken motivlosen Verstimmungen der Kranken ver-
ständlich. Die Impressionabilität der Hysterischen ist ja großenteils
einfach durch ihre originäre Erregbarkeit bedingt; aber die lebhaften
Affekte, in die sie durch relativ geringfügige Ursachen geraten, werden
begreiflicher, wenn wir bedenken, daß die „abgespaltene Psyche“
wirkt wie ein Resonator auf den Ton der Stimmgabel. Jedes Vor-
kommnis, welches „unbewußte“ Erinnerungen erregt, macht die ganze
affektive Kraft dieser nicht usurirten Vorstellungen frei, und der
hervorgerufene Affekt steht dann ganz außer Verhältnis zu jenem,
der in der bewußten Psyche allein entstanden wäre.S.
209
Es wurde oben (p. 203) von einer Kranken berichtet, deren psy-
chische Leistung immer im umgekehrten Verhältnisse zu der Leb-
haftigkeit ihrer unbewußten Vorstellungen steht. Die Herabsetzung
ihres bewußten Denkens beruht teilweise, aber nur teilweise, auf
einer eigentümlichen Art von Zerstreutheit; nach jeder momentanen
„Absence“, wie solche fortwährend eintreten, weiß sie nicht, an was
sie während derselben gedacht hat. Sie oszilliert zwischen der „con-
dition prime“ und „seconde“, zwischen dem bewußten und dem unbe-
wußten Vorstellungskomplexe. Aber nicht bloß dadurch ist ihre
psychische Leistung herabgesetzt und auch nicht bloß durch den Affekt,
der vom Unbewußten aus sie beherrscht. Ihr waches Denken ist in
solchem Zustand energielos, ihr Urteil kindisch, sie scheint, wie
gesagt, geradezu imbecil. Ich meine, das sei darin begründet, daß
dem wachen Denken eine geringere Energie zur Verfügung steht, wenn
eine große Menge der psychischen Erregung vom Unbewußten in
Beschlag genommen ist.Wenn das nun nicht bloß temporär der Fall ist, wenn die abge-
spaltene Psyche fortwährend in Erregung ist, wie bei Janets Hemi-
anästhetischen, bei denen sogar alle Empfindungen der einen Körper-
hälfte nur von der unbewußten Psyche perzipiert werden, so bleibt
für das wache Denken so wenig von der Gehirnleistung übrig, daß
sich dadurch die psychische Schwäche vollauf erklärt, die Janet
schildert und für originär hält. Wohl von den wenigsten Menschen
dürfte man sagen wie von Uhlands Bertrand de Born, „daß ihnen
nie mehr als die Hälfte ihres Geistes nötig sei“. Die allermeisten sind
bei solcher Reduktion ihrer psychischen Energie eben schwach-
sinnig.Auf dieser, durch die psychische Spaltung bedingten geistigen
Schwäche scheint nun auch eine folgenreiche Eigenschaft mancher
Hysterischen zu beruhen, ihre Suggestibilität. (Ich sage, „mancher
Hysterischen“, denn es ist sicher, daß man unter den Kranken dieser
Art auch die urteilsichersten, kritischesten Menschen findet.)Wir verstehen unter Suggestibilität zunächst nur die Kritik-
losigkeit gegen Vorstellungen und Vorstellungskomplexe (Urteile),
welche im eigenen Bewußtsein auftauchen oder von außen in das
selbe eingeführt werden, durch Hören fremder Rede oder Lektüre.
Alle Kritik solcher frisch ins Bewußtsein tretender Vorstellungen
beruht darauf, daß sie assoziativ andere erwecken, und darunter auch
solche, die mit ihnen unvereinbar sind. Der Widerstand gegen sieS.
210
ist also abhängig von dem Besitze des potentiellen Bewußtseins an
solchen widerstrebenden Vorstellungen und seine Stärke entspricht
dem Verhältnisse zwischen der Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen
und der aus der Erinnerung erweckten. Dieses Verhältniß ist auch
bei normalen Intellekten sehr verschieden. Was wir intellektuelles
Temperament nennen, hängt großenteils davon ab. Der Sanguiniker,
den neue Menschen und Dinge immer entzücken, ist wohl so, weil die
Intensität seiner Erinnerungsbilder im Vergleiche mit jener der neuen
Eindrücke geringer ist als bei den ruhigeren, „phlegmatischen“ Menschen.
In pathologischen Zuständen wächst das Übergewicht frischer Vor-
stellungen und die Widerstandslosigkeit gegen solche um so mehr,
je weniger Erinnerungsbilder erweckt werden, also je schwächer und
ärmer die Assoziation ist; so schon im Schlafe und Traume, in der
Hypnose, bei jedem Abnehmen der geistigen Energie, solange es nicht
auch die Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen schädigt.Die unbewußte, gespaltene Psyche der Hysterie ist eminent
suggestibel, der Armut und Unvollständigkeit ihres Vorstellungsinhaltes
wegen. Aber auch die Suggestibilität der bewußten Psyche mancher
Hysterischen scheint hierauf zu beruhen. Ihrer originären Anlage nach
sind sie erregbar; frische Vorstellungen sind bei ihnen von großer Leb-
haftigkeit. Dagegen ist die eigentliche intellektuelle Tätigkeit, die
Assoziation, herabgesetzt, weil dem wachen Denken, der Abspaltung
eines „Unbewußten“ wegen, nur ein Teil der psychischen Energie
zur Verfügung steht.Damit ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen Auto- wie Fremd-
suggestionen vermindert und manchmal vernichtet. Auch die Sugge-
stibilität ihres Willens dürfte hieraus allein entspringen. Die halluzi-
natorische Suggestibilität dagegen, welche jede Vorstellung einer Sinnes-
wahrnehmung alsbald in die Wahrnehmung selbst verwandelt, erfordert,
wie jede Halluzination, einen abnormen Grad von Erregbarkeit des
Perzeptionsorganes und läßt sich aus der psychischen Spaltung allein
nicht ableiten.VI. Originäre Disposition; Entwicklung der Hysterie.
Fast auf jeder Stufe dieser Darlegungen habe ich anerkennen
müssen, daß die meisten Erscheinungen, um deren Verständnis wir
uns bemühen, auch auf angeborener Eigenart beruhen können. Diese
entzieht sich jeder Erklärung, welche über die Konstatierung der Tat-
sachen hinausgehen wollte. Aber auch die Fähigkeit, HysterieS.
211
zu akquirieren, ist gewiß an eine Eigenart der Menschen gebunden,
und der Versuch wäre vielleicht nicht ganz wertlos, diese etwas genauer
zu definieren.Ich habe oben auseinandergesetzt, warum die Anschauung Janets
unannehmbar ist: die Disposition zur Hysterie beruhe auf angeborener
psychischer Schwäche. Der Praktiker, der als Hausarzt die Glieder
hysterischer Familien in allen Altersstufen beobachtet, wird gewiß
eher geneigt sein, diese Disposition in einem Überschusse als in
einem Defekte zu suchen. Die Adoleszenten, welche später hysterisch
werden, sind vor ihrer Erkrankung meist lebhaft, begabt, voll geistiger
Interessen; ihre Willensenergie ist oft bemerkenswert. Zu ihnen gehören
jene Mädchen, die nachts aufstehen, um heimlich irgend ein Studium
zu treiben, das ihnen die Eltern aus Furcht vor Überanstrengung ver-
sagten. Die Fähigkeit besonnenen Urteils ist gewiß ihnen nicht reichlicher
gegeben als anderen Menschen. Aber selten findet man unter ihnen
einfache, stumpfe Geistesträgheit und Dummheit. Die überströmende
Produktivität ihrer Psyche brachte einen meiner Freunde zu der Be-
hauptung: die Hysterischen seien die Blüte der Menschheit, freilich
so steril, aber auch so schön wie die gefüllten Blumen.Ihre Lebhaftigkeit und Unrast, ihr Bedürfnis nach Sensationen
und geistiger Tätigkeit, ihre Unfähigkeit, Monotonie und Langweile
zu ertragen, lassen sich so formulieren: sie gehörten zu jenen Menschen,
deren Nervensystem in der Ruhe ein Übermaß von Erregung frei-
macht, welches Verwendung fordert (s. pag. 172). Während und infolge
der Pubertätsentwicklung tritt zu dem originären Überschusse noch
jene gewaltige Steigerung der Erregung, welche von der erwachenden
Sexualität, von den Geschlechtsdrüsen ausgeht. Nun ist ein übergroßes
Quantum freier nervöser Erregung verfügbar für pathologische Phä-
nomene: aber damit diese in Form hysterischer Krankheitserscheinungen
auftreten, dazu braucht es offenbar noch einer andern, spezifischen
Eigenart des Individuums. Denn die große Mehrzahl der lebhaften,
erregten Menschen wird ja doch nicht hysterisch.Diese Eigenart konnte ich oben nur mit dem vagen und inhalts-
armen Worte: „abnorme Erregbarkeit des Nervensystemes“ bezeichnen.
Man kann aber doch vielleicht weiter gehen und sagen, diese Abnormität
liege eben darin, daß bei solchen Menschen in die Nervenapparate
der Empfindung, welche de norma nur peripheren Reizen zugänglich
sind, und in diejenigen der vegetativen Organe, welche durch starke
Widerstände vom Zentralnervensysteme isoliert sind, die Erregung desS.
212
Zentralorganes einströmen kann. Diese Vorstellung von dem immer
vorhandenen Erregungsüberschusse, welchem die sensiblen, vaso-
motorischen und viszeralen Apparate zugänglich sind, kann vielleicht
schon einige pathologische Phänomene decken.Sowie bei so beschaffenen Menschen die Aufmerksamkeit gewaltsam
auf einen Körperteil konzentriert wird, übersteigt die „attentionelle
Bahnung“ (Exner) der betreffenden sensiblen Leitung das normale
Maß; die freie, flottierende Erregung versetzt sich sozusagen auf
diese Bahn, und es entsteht die lokale Hyperalgesie, welche es ver-
ursacht, daß alle, irgendwie bedingten, Schmerzen maximal intensiv
werden, daß alle Leiden „furchtbar“ und „unerträglich“ sind. Aber
die Erregungsquantität, welche einmal eine sensible Bahn besetzt hat,
verläßt sie nicht immer wieder wie beim normalen Menschen; sie ver-
harrt nicht bloß, sondern vermehrt sich durch Zuströmen immer neuer
Erregungen. So entwickelt sich nach einem leichten Gelenkstrauma
eine Gelenksneurose; die Schmerzempfindungen der Ovarial-
schwellung werden zur dauernden Ovarie.Die Nervenapparate der Zirkulation sind dem zerebralen Einflusse
zugänglicher als beim Normalen: es besteht nervöses Herzklopfen,
Neigung zur Synkope, exzessives Erröten und Erblassen usf.Aber allerdings nicht bloß zentralen Einflüssen gegenüber sind
die peripheren nervösen Apparate leichter erregbar: sie reagieren auch
auf die adäquaten, funktionellen Reize in exzessiver und perverser
Weise. Das Herzklopfen folgt mäßiger Anstrengung wie gemütlicher
Aufregung, und die Vasomotoren bringen Arterien zur Kontraktion
(„absterbende Finger“) ohne allen psychischen Einfluß. Und gerade
wie einem leichten Trauma die Gelenksneurose folgt, so hinterläßt
eine kurze Bronchitis nervöses Asthma und eine Indigestion häufige
Kardialgie. So müssen wir anerkennen, daß die Zugänglichkeit für
Erregungssummen zentralen Ursprunges nur ein Spezialfall der all-
gemeinen abnormen Erregbarkeit ist,1) wenn auch der für unser Thema
wichtigste.Ich glaube darum auch nicht, daß die alte „Reflextheorie“ dieser
Symptome, die man vielleicht besser einfach „nervöse“ nennen würde,
die aber zu dem empirischen Krankheitsbilde der Hysterie gehören,
ganz zu verwerfen ist. Das Erbrechen, das ja die Dehnung des graviden
Uterus begleitet, kann bei abnormer Erregbarkeit ganz wohl von1Oppenheims „Labilität der Moleküle“.
S.
213
geringfügigen uterinen Reizen reflektorisch ausgelöst werden; ja viel
leicht auch von den wechselnden Schwellungen der Ovarien. Wir kennen
so viele Fernwirkungen von Organveränderungen, so viele sonderbar
„konjugierte Punkte“, daß es nicht abzuzuweisen ist, eine Menge nervöser
Symptome, welche das eine Mal psychisch bedingt sind, möchten in
anderen Fällen reflektorische Fernwirkungen sein. Ja, ich wage die
höchst unmoderne Ketzerei, es könnte doch einmal auch die Bewegungs-
schwäche eines Beines nicht psychisch, sondern direkt reflektorisch durch
eine Genitalkrankheit bedingt sein. Ich meine, wir tun gut, unsere neuen
Einsichten nicht allzu ausschließlich gelten zu lassen und für alle Fälle
zu generalisieren.Andere Formen abnormer sensibler Erregbarkeit entziehen sich
unserem Verständnisse noch vollständig; so die allgemeine Analgesie,
die anästhetischen Plaques, die reale Gesichtsfeldeinengung u. dgl. m.
Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, daß weitere Beobachtungen
den psychischen Ursprung des einen oder andern dieser Stigmen nach-
weisen und damit das Symptom erklären werden; bisher ist das nicht
geschehen; (ich wage nicht, die Anhaltspunkte, welche unsere Beob-
achtung I gibt, zu verallgemeinern), und ich halte es nicht für gerecht-
fertigt, bevor eine solche Ableitung gelungen ist, sie zu präsumieren.Dagegen scheint die bezeichnete Eigenart des Nervensystemes und
der Psyche einige altbekannte Eigenschaften vieler Hysterischen zu
erklären. Der Überschuß von Erregung, welchen ihr Nervensystem
in der Ruhe freimacht, bedingt ihre Unfähigkeit, ein monotones Leben
und Langweile zu ertragen; ihr Sensationsbedürfnis, welches sie dazu
treibt, nach Ausbruch der Krankheit die Eintönigkeit der Kranken-
existenz durch allerlei „Ereignisse“ zu unterbrechen, als welche sich
naturgemäß vor allem pathologische Phänomene darbieten. Die Auto-
suggestion unterstützt sie darin oft. Sie werden darin immer weiter
geführt durch ihr Krankheitsbedürfnis, jenen merkwürdigen Zug, der
für die Hysterie so pathognomonisch ist, wie die Krankheitsfurcht für
die Hypochondrie. Ich kenne eine Hysterica, welche ihre oft recht be-
deutenden Selbstbeschädigungen nur für den eigenen Gebrauch vor-
nahm, ohne daß Umgebung und Arzt davon erfuhren. Wenn nichts
anderes, so vollzog sie, allein im Zimmer, allerlei Unfug, nur um sich
selbst zu beweisen, sie sei nicht normal. Sie hat eben ein deutliches
Gefühl ihrer Krankheitigkeit, erfüllt ihre Pflichten ungenügend und
schafft sich durch solche Akte die Rechtfertigung vor sich selbst. Eine
andere Kranke, eine schwerleidende Frau von krankhafter Gewissen-S.
214
haftigkeit und voll Mißtrauen gegen sich selbst, empfindet jedes hyste-
rische Phänomen als Schuld: „weil sie das ja wohl nicht haben müßte,
wenn sie nur ordentlich wollte“. Als die Parese ihrer Beine irriger-
weise für eine spinale Krankheit erklärt wurde, empfand sie das als eine
Erlösung, und die Erklärung, es sei „nur nervös“ und werde vergehen,
genügte, um ihr schwere Gewissensangst zu erzeugen. Das Krankheits-
bedürfnis entspringt der Sehnsucht der Patientin, sich und andere von
der Realität ihrer Krankheit zu überzeugen. Wenn es sich dann zu der
Pein gesellt, welche durch die Monotonie des Krankenzimmers bedingt
wird, so entwickelt sich die Neigung, immer neue Symptome zu haben,
aufs stärkste.Wenn diese aber zur Verlogenheit wird und zu wirklicher Simu-
lation führt – und ich glaube, wir gehen jetzt in der Ablehnung der
Simulation geradeso zu weit, wie früher in ihrer Annahme – dann
beruht das nicht auf der hysterischen Disposition, sondern, wie Möbius
vortrefflich sagt, auf der Komplikation derselben mit anderen Degene-
rationen, originärer moralischer Minderwertigkeit. Gerade wie die „bös-
artige Hysterica“ dadurch entsteht, daß ein originär erregbarer, aber
gemütsarmer Mensch noch der egoistischen Charakterverkümmerung
anheimfällt, welche chronisches Siechtum so leicht erzeugt. Die „bös-
artige Hysterica“ ist übrigens kaum häufiger als der bösartige Tabiker
späterer Stadien.Auch in der motorischen Sphäre erzeugt der Erregungsüberschuß
pathologische Phänomene. So geartete Kinder entwickeln sehr leicht
tickartige Bewegungen, welche, zuerst angeregt durch irgend eine Emp-
findung in den Augen oder im Gesichte oder durch die Gêne eines
Kleidungsstückes, alsbald Dauer gewinnen, wenn sie nicht sogleich
bekämpft werden. Die Reflexbahnen werden sehr leicht und rasch „aus-
gefahren“.Es ist auch nicht abzuzuweisen, daß es einen rein motorischen
von jedem psychischen Faktor unabhängigen Krampfanfall gebe, in
dem sich nur die durch Summation angehäufte Erregungsmasse ent-
lädt, geradeso wie die durch anatomische Veränderungen bedingte
Reizmasse im epileptischen Anfalle. Das wäre der nicht ideogene hy-
sterische Krampf.Wir sehen so oft Adoleszenten, welche zwar erregbar, aber gesund
waren, während der Pubertätsentwicklung an Hysterie erkranken, daß
wir uns fragen müssen, ob dieser Prozeß nicht dort die Disposition
schafft, wo sie originär noch nicht vorhanden ist. Und allerdings müssenS.
215
wir ihm mehr zuschreiben als die einfache Steigerung des Erregungs-
quantums; die Geschlechtsreifung greift im ganzen Nervensysteme an,
überall die Erregbarkeit steigernd und die Widerstände herabsetzend.
Das lehrt die Beobachtung der nicht hysterischen Adoleszenten, und
wir sind darum berechtigt zu glauben, daß sie auch die hysterische
Disposition herstelle, soweit diese eben in dieser Eigenschaft des Nerven-
systemes besteht. Damit anerkennen wir bereits die Sexualität als einen
der großen Komponenten der Hysterie. Wir werden sehen, daß ihr
Anteil daran ein noch viel größerer ist und daß sie auf den verschie-
densten Wegen zum Aufbaue der Krankheit mitwirkt.
Wenn die Stigmata direkt dem originären Mutterboden der Hysterie
entspringen und nicht ideogenen Ursprunges sind, so ist es auch un-
möglich, die Ideogenie so in den Mittelpunkt der Hysterie zu stellen,
wie es heute manchmal geschieht. Was könnte denn echter hysterisch
sein als die Stigmata, jene pathognomonischen Befunde, welche die
Diagnose feststellen, und doch scheinen gerade diese nicht ideogen.
Aber wenn die Basis der Hysterie eine Eigenart des ganzen Nerven-
systemes ist, – auf ihr erhebt sich der Komplex von ideogenen, psychisch
bedingten Symptomen wie ein Gebäude auf den Fundamenten. Und es ist
ein mehrstöckiges Gebäude. Wie man die Struktur eines solchen
nur dann verstehen kann, wenn man den Grundriß der verschiedenen
Stockwerke unterscheidet, so, meine ich, ist das Verständnis der Hysterie
davon bedingt, daß die verschiedenartige Komplikation der Symptom-
ursachen beachtet wird. Sieht man davon ab und versucht die Er-
klärung der Hysterie mit Benutzung eines einzigen Kausalnexus durch-
zuführen, so bleibt immer ein sehr großer Rest unerklärter Phänomene
übrig; es ist gerade, als wollte man die verschiedenen Gelasse eines
mehrstöckigen Hauses auf dem Grundrisse eines Stockwerkes eintragen.Wie die Stigmata ist eine Reihe anderer nervöser Symptome, wie
wir oben sahen, nicht durch Vorstellungen veranlaßt, sondern direkte
Folge der fundamentalen Anomalie des Nervensystemes: manche Algien,
vasomotorische Phänomene, vielleicht der rein motorische Krampfanfall.Ihnen zunächst stehen die ideogenen Phänomene, welche einfach
Konversionen affektiver Erregung sind (pag. 177). Sie entstehen als
Wirkungen von Affekten in Menschen von hysterischer Disposition
und sind zunächst nur „anomaler Ausdruck der GemütsbewegungenS.
216
(Oppenheim)1) Dieser wird durch Wiederholung zu einem wirklichen,
scheinbar rein somatischen hysterischen Symptom, während die ver-
anlassende Vorstellung unmerklich wird (pag. 181) oder abgewehrt und
darum aus dem Bewußtsein verdrängt ist. Die meisten und wichtigsten
der abgewehrten und konvertierten Vorstellungen haben sexualen Inhalt.
Sie liegen einem großen Teile der Pubertätshysterie zugrunde. Die
heranreifenden Mädchen – um diese handelt es sich hauptsächlich
– verhalten sich zu den sexualen Vorstellungen und Empfindungen,
die auf sie eindringen, sehr verschieden. Bald mit voller Unbefangenheit,
wobei die einen das ganze Gebiet ignorieren und übersehen. Die anderen
nehmen sie so an wie die Knaben; das ist bei Bauern- und Arbeiter-
mädchen wohl die Regel. Wieder andere haschen mit mehr oder minder
perverser Neugier nach allem, was Gespräch und Lektüre ihnen an
Sexualem bringt; und endlich die feinorganisierten Naturen von großer
sexualer Erregbarkeit, aber ebenso großer moralischer Reinheit, welche
alles Sexuale als unvereinbar mit ihrem sittlichen Inhalt empfinden,
als Beschmutzung und Befleckung2). Diese verdrängen die Sexualität
aus ihrem Bewußtsein und die affektiven Vorstellungen solchen Inhaltes,
welche somatische Phänomene verursacht haben, werden als „abge-
wehrte“ unbewußt.Die Neigung zur Abwehr des Sexualen wird noch verstärkt dadurch,
daß die sinnliche Erregung bei der Jungfrau eine Beimischung von
Angst hat, die Furcht vor dem Unbekannten, Geahnten, was kommen
wird, während sie bei dem natürlichen, gesunden, jungen Manne ein
unvermischt aggressiver Trieb ist. Das Mädchen ahnt im Eros die
furchtbare Macht, die ihr Schicksal beherrscht und entscheidet, und
wird durch sie geängstigt. Um so größer ist die Neigung, wegzublicken
und das Ängstigende aus dem Bewußtsein zu verdrängen.Die Ehe bringt neue sexuale Traumen. Es ist zu wundern, daß
die Brautnacht nicht häufiger pathogen wirkt, da sie doch leider so
oft nicht erotische Verführung, sondern Notzucht zum Inhalte hat.
Aber freilich sind ja auch die Hysterien junger Frauen nicht selten,
welche darauf zurückzuführen sind und schwinden, wenn sich im Ver-1)Jene Disposition ist eben das, was Strümpell als „die Störung im
Psycho-Physischen“ bezeichnet, welche der Hysterie zugrunde liegt.2)Einige Beobachtungen lassen uns glauben, daß die Berührungs-, eigentlich
Beschmutzungsfurcht, welche die Frauen zwingt, sich alle Augenblicke die Hände
zu waschen, sehr häufig diesen Ursprung hat. Das Waschen entspringt demselben
seelischen Vorgange wie bei Lady Macbeth.S.
217
laufe der Zeit der Sexualgenuß eingestellt und das Trauma verwischt
hat. Auch im weiteren Verlaufe vieler Ehen kommen sexuale Traumen
vor. Jene Krankengeschichten, von deren Publikation wir absehen
mußten, enthalten davon eine große Zahl, perverse Anforderungen des
Mannes, unnatürliche Praktiken usw. Ich glaube nicht zu übertreiben,
wenn ich behaupte, die große Mehrzahl der schweren Neurosen
bei Frauen entstamme dem Ehebett.1Ein Teil der sexualen Noxen, der wesentlich in ungenügender
Befriedigung besteht (coitus interruptus, ejaculatio praecox usf.),
führt nach der Entdeckung Freuds2 nicht zu Hysterie, sondern zur
Angstneurose. Doch meine ich, wird auch in solchen Fällen häufig
genug die Erregung des Sexualaffektes in hysterische somatische Phäno-
mene konvertiert.Es ist selbstverständlich und geht auch aus unseren Beobachtungen
zur Genüge hervor, daß die nicht sexualen Affekte des Schrecks, der
Angst, des Zornes zur Entstehung hysterischer Phänomene führen. Aber
es ist vielleicht nicht überflüssig, immer wieder zu betonen, daß das
sexuale Moment weitaus das wichtigste und pathologisch fruchtbarste
ist. Die naive Beobachtung unserer Vorgänger, deren Rest wir im Worte
„Hysterie“ bewahren, ist der Wahrheit näher gekommen als die neuere
Anschauung, welche die Sexualität fast in letzte Linie stellt, um die
Kranken vor moralischem Vorwurfe zu bewahren. Gewiß sind die
sexualen Bedürfnisse der Hysterischen gerade so individuell verschieden
groß und nicht stärker als bei den Gesunden. Aber sie erkranken an
ihnen, und zwar großenteils gerade durch ihre Bekämpfung, durch die
Abwehr der Sexualität.Neben der sexualen muß hier an die Schreckhysterie erinnert
werden, die eigentlich traumatische Hysterie. Sie bildet eine der best-
gekannten und anerkannten Hysterieformen.Sozusagen in der gleichen Schicht mit den Phänomenen, welche
durch Konversion von Affekterregung entstanden sind, liegen diejenigen,1 Es ist gewiß von Übel, daß die Klinik dieses, eines der allerwichtigsten
pathogenen Momente ignoriert, oder doch nur zart andeutend streift. Dies ist
sicher ein Gegenstand, wo die Erfahrung der Erfahrenen dem jungen Arzte mit
geteilt werden soll, der ja gewöhnlich an der Sexualität blind vorübergeht;
mindestens was seine Kranken betrifft.2 Freud, „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten
Symptomenkomplex als Angstneurose abzutrennen“. Neurol. Zentralblatt
1895, Nr. 2.S.
218
welche der Suggestion (meist Autosuggestion) bei originär suggestiblen
Individuen ihren Ursprung verdanken. Hochgradige Suggestibilität,
d. h. hemmungsloses Übergewicht frisch erregter Vorstellungen gehört
nicht zum Wesen der Hysterie; sie kann sich aber bei hysterisch Dis-
ponierten als Komplikation vorfinden, bei denen eben diese Eigenart
des Nervensystemes die körperliche Realisierung der überwertigen Vor-
stellungen ermöglicht. Es sind übrigens meistens doch nur affektive-
Vorstellungen, welche suggestiv in somatischen Phänomenen realisiert
werden, und so kann man den Vorgang oft auch als Konversion des
begleitenden Schreck- oder Angstaffektes auffassen.Diese Prozesse der Affektkonversion und der Suggestion
bleiben identisch auch in den komplizierten Formen von Hysterie, die
nun zu betrachten sind; sie finden dort nur günstigere Bedingungen;
aber psychisch bedingte hysterische Phänomene entstehen immer durch
einen dieser beiden Vorgänge.Jenes dritte Konstituens der hysterischen Disposition, welches in
manchen Fällen zu den früher besprochenen hinzutritt, die Konversion
wie die Suggestion in höchstem Maße begünstigt und erleichtert und
dadurch sozusagen über den kleinen Hysterien, die nur einzelne hyste-
rische Phänomene zeigen, das weitere Stockwerk der großen Hysterie
aufbaut, ist das Hypnoid, die Neigung zur Autohypnose (pag. 188).
Sie konstituiert einen, zunächst nur vorübergehenden und mit dem
normalen alternierenden Zustand, dem wir dieselbe Steigerung der
psychischen Einwirkung auf den Körper zuschreiben dürfen, die wir
in der artifiziellen Hypnose beobachten; diese Einwirkung ist hier
um so intensiver und tiefer greifend, als sie ein Nervensystem betrifft,
welches schon außerhalb der Hypnose von anomaler Erregbarkeit ist.1)
Inwieweit und in welchen Fällen die Neigung zur Autohypnose originäre
Eigenschaft des Organismus ist, wissen wir nicht. Ich habe oben1)Es liegt nahe, die Disposition zur Hypnose mit der originären abnormen
Erregbarkeit zu identifizieren, da uns ja auch die artefizielle Hypnose ideogene
Veränderungen der Sekretion, der lokalen Blutfülle, Blasenbildungen u. dgl. zeigt.
Dies scheint die Ansicht von Möbius zu sein. Ich meine aber, man bewegt sich
da in einem falschen Zirkel. Diese Thaumaturgie der Hypnose beobachten wir,
soviel ich sehe, doch nur bei Hysterischen. Wir würden also der Hypnose die
Leistungen der Hysterie zuschreiben und dann wieder diese aus der Hypnose-
ableiten.S.
219
(pag. 191) die Ansicht ausgesprochen, daß sie sich aus affekterfüllter
Träumerei entwickle. Aber sicher gehört auch hierzu originäre Dis-
position. Wenn jene Ansicht richtig ist, so wird auch hier deutlich,
wie großer Einfluß auf die Entwicklung der Hysterie der Sexualität
zuzuschreiben ist. Denn es gibt außer der Krankenpflege keinen psy-
chischen Faktor, der so wie die Liebessehnsucht geeignet ist, affekt-
erfüllte Träumerei zu erzeugen. Und überdies ist der sexuale Orgasmus
selbst mit seiner Fülle von Affekt und der Einengung des Bewußtseins
den hypnoiden Zuständen nahe verwandt.Das Hypnoid tritt am deutlichsten in die Erscheinung als hyste-
rischer Anfall, und in jenem Zustande, den man als akute Hysterie
bezeichnen kann und der, wie es scheint, in der Entwicklung der großen
Hysterie eine so bedeutende Rolle spielt (pag. 207). Es sind dies lange,
oft mehrere Monate dauernde, deutlich psychotische Zustände, die man
oft geradezu als halluzinatorische Verworrenheit bezeichnen muß;
auch wenn die Störung nicht so weit geht, treten in solchem Zustande
mannigfache hysterische Phänomene auf, von denen einige auch weiterhin
persistieren. Der psychische Inhalt dieser Zustände besteht zum Teil
gerade aus den Vorstellungen, welche im wachen Leben abgewehrt
und aus dem Bewußtsein verdrängt worden sind (,,hysterische De-
lirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohl-
erzogenen Kinder“).Da diese Zustände so oft geradezu Psychosen sind und doch
direkt und ausschließlich der Hysterie entstammen, kann ich mich
der Meinung Möbius’ nicht anschließen: „man könne, – abgesehen
von den mit dem Anfalle verknüpften Delirien, von einem eigentlichen
hysterischen Irresein nicht reden.“1) Diese Zustände sind in vielen
Fällen ein solches; und auch im weiteren Verlaufe der Hysterie wieder-
holen sich solche Psychosen, die freilich im Wesen nichts anderes sind
als das psychotische Stadium des Anfalles, aber bei monatelanger
Dauer doch nicht wohl als Anfälle bezeichnet werden können.Wie entstehen diese akuten Hysterien? In dem bestbekannten Falle
(Beobachtung I) entwickelte sie sich aus der Häufung der Hypnoid-
attacken; in einem andern Falle (von schon bestehender, komplizierter
Hysterie) im Anschlusse an eine Morphinëntziehung. Meist ist der Vor-
gang ganz dunkel und harrt der Klärung durch weitere Beobachtungen.1)Möbius: Gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatsschrift für
Geburtshilfe und Gynäkologie, 1895, I. Bd., p. 18.S.
220
Für diese, hier besprochenen Hysterien gilt also der Satz von
Möbius: „Die der Hysterie wesentliche Veränderung besteht darin,
daß vorübergehend oder dauernd der geistige Zustand des Hysterischen
dem des Hypnotisierten gleicht.“Das Fortdauern der im Hypnoid entstandenen hysterischen
Symptome während des normalen Zustandes entspricht vollständig
unseren Erfahrungen über posthypnotische Suggestion. Damit ist aber
auch schon gesagt, daß Komplexe von bewußtseinsunfähigen Vor-
stellungen mit den bewußt ablaufenden Ideenreihen koexistieren, daß
die Spaltung der Psyche (pag. 197) vollzogen ist. Es scheint sicher,
daß diese auch ohne Hypnoid entstehen kann, aus der Fülle der abge-
wehrten, aus dem Bewußtsein verdrängten, aber nicht unterdrückten
Vorstellungen. Auf die eine und die andere Weise entsteht ein bald
ideenarmes, rudimentäres, bald dem wachen Denken mehr minder
gleiches Gebiet psychischen Lebens, dessen Erkenntnis wir vor allen
Binet und Janet verdanken. Die Spaltung der Psyche ist die Voll-
endung der Hysterie; es wurde früher (Kap. V) dargelegt, wie sie die
wesentlichen Charakterzüge der Krankheit erklärt. Dauernd, aber
mit wechselnder Lebhaftigkeit seiner Vorstellungen, befindet sich ein
Teil der Psyche des Kranken im Hypnoid, immer bereit, beim Nach-
lassen des wachen Denkens die Herrschaft über den ganzen Menschen
zu gewinnen (Anfall, Delirium). Das geschieht, sobald ein starker Affekt
den normalen Vorstellungsablauf stört, in Dämmer- und in Erschöpfungs-
zuständen. Aus diesem persistierenden Hypnoid herauf dringen un-
motivierte, der normalen Assoziation fremde Vorstellungen ins Bewußt-
sein, werden Halluzinationen in das Wahrnehmen geworfen, werden
motorische Akte unabhängig vom bewußten Willen innerviert. Diese
hypnoide Psyche ist im höchsten Grade befähigt zur Affektkonversion
und Suggestion, und so entstehen mit Leichtigkeit neue hysterische
Phänomene, welche ohne die psychische Spaltung nur sehr schwer und
unter dem Drucke wiederholter Affekte zustande gekommen wären.
Die abgespaltene Psyche ist jener Dämon, von dem die naive Beob-
achtung alter, abergläubischer Zeiten die Kranken besessen glaubte.
Daß ein dem wachen Bewußtsein des Kranken fremder Geist in ihm
walte, ist richtig; nur ist es kein wirklich fremder, sondern ein Teil
seines eigenen.
Der hier gewagte Versuch, aus unseren heutigen Kenntnissen
die Hysterie synthetisch zu konstruieren, steht dem Vorwurfe desS.
221
Eklektizismus offen, wenn dieser überhaupt berechtigt ist. So viele
Formulierungen der Hysterie, von der alten „Reflextheorie“ bis zur
„Dissoziation der Persönlichkeit“ haben darin Platz finden müssen.
Aber es kann kaum anders sein. So zahlreiche treffliche Beobachter und
scharfsinnige Köpfe haben sich um die Hysterie bemüht. Es ist un-
wahrscheinlich, daß nicht jede ihrer Formulierungen einen Teil der
Wahrheit enthalte. Die künftige Darstellung des wirklichen Sach-
verhaltes wird gewiß sie alle enthalten und nur all die einseitigen
Ansichten des Gegenstandes zu einer körperhaften Realität kombinieren.
Der Eklektizismus scheint mir darum kein Tadel.Aber wieweit von der Möglichkeit eines solchen vollständigen
Verständnisses der Hysterie sind wir heute noch? Mit wie unsicheren
Zügen sind hier die Konturen umrissen worden, mit wie plumpen Hilfs-
vorstellungen sind die klaffenden Lücken mehr verdeckt als ausgefüllt.
Nur die eine Erwägung beruhigt einigermaßen: daß dieses Übel allen
physiologischen Darstellungen komplizierter psychischer Vorgänge
anhaftet und anhaften muß. Von ihnen gilt immer, was Theseus
im Sommernachtstraum von der Tragödie sagt: „Auch das Beste dieser
Art ist nur ein Schattenspiel.“ Und auch das Schwächste ist nicht
wertlos, wenn es sucht, in Treue und Bescheidenheit die Schattenrisse
festzuhalten, welche die unbekannten wirklichen Objekte auf die Wand
werfen. Dann ist doch immer die Hoffnung berechtigt, daß irgend
ein Maß von Übereinstimmung und Ähnlichkeit zwischen den wirklichen
Vorgängen und unserer Vorstellung davon bestehen werde.
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Studien über Hysterie1895-005/1909
1895-005/1909/3