Studien über Hysterie1895-005/1909
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    III. Theoretisches.

    (J. Breuer.)

    In der „Vorläufigen Mitteilung“, welche diese Studien einleitet,
    haben wir die Anschauungen dargelegt, zu denen wir durch unsere
    Beobachtungen geführt wurden, und ich glaube, in der Hauptsache
    an ihnen festhalten zu dürfen. Die „Vorläufige Mitteilung“ ist aber
    so kurz und so knapp, daß darin großenteils nur angedeutet werden
    konnte, was wir meinen. Es sei darum gestattet, nun, da die Kranken-
    geschichten Belege für unsere Anschauungen erbracht haben, diese
    ausführlicher darzulegen. Natürlich soll und kann auch hier nicht „das
    Ganze der Hysterie“ abgehandelt werden, aber es sollen diejenigen
    Punkte, welche in der „Vorläufigen Mitteilung“ ungenügend begründet
    und zu schwach hervorgehoben wurden, eine etwas eingehendere,
    deutlichere, wohl auch einschränkende Besprechung erfahren.

    In diesen Erörterungen wird wenig vom Gehirne und gar nicht
    von den Molekülen die Rede sein. Psychische Vorgänge sollen in der
    Sprache der Psychologie behandelt werden, ja, es kann eigentlich gar
    nicht anders geschehen. Wenn wir statt „Vorstellung“ „Rindenerregung“
    sagen wollten, so würde der letztere Ausdruck nur dadurch einen Sinn
    für uns haben, daß wir in der Verkleidung den guten Bekannten er-
    kennen und die „Vorstellung“ stillschweigend wieder restituieren.
    Denn während Vorstellungen fortwährend Gegenstände unserer Er-
    fahrung und uns in all ihren Nuancen wohlbekannt sind, ist „Rinden-
    erregung“ für uns mehr ein Postulat, ein Gegenstand künftiger, er-
    hoffter Erkenntnis. Jener Ersatz der Termini scheint eine zwecklose
    Maskerade.

    So möge der fast ausschließliche Gebrauch psychologischer
    Terminologie vergeben werden.

    Noch für anderes muß ich im vorhinein um Nachsicht bitten.
    Wenn eine Wissenschaft rasch vorwärts schreitet, werden Gedanken,

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    die zuerst von einzelnen ausgesprochen wurden, alsbald Gemeingut.
    So kann niemand, der heute seine Anschauungen über Hysterie und
    ihre psychische Grundlage darzulegen versucht, es vermeiden, daß
    er eine Menge Gedanken anderer ausspreche und wiederhole, die eben
    aus dem Individualbesitze in den Gemeinbesitz übergehen. Es ist kaum
    möglich, von ihnen immer zu konstatieren, wer sie zuerst ausgesprochen
    hat, und auch die Gefahr liegt nahe, daß man für eigenes Produkt
    hält, was von anderen schon gesagt worden ist. So möge es entschuldigt
    werden, wenn hier wenig Zitate gebracht werden und zwischen Eigenem
    und Fremdem nicht streng unterschieden wird. Auf Originalität macht
    das Wenigste von dem Anspruch, was auf den folgenden Seiten dar-
    gelegt werden soll.

    I. Sind alle hysterischen Phänomene ideogen?

    Wir sprachen in der „Vorläufigen Mitteilung“ über den psychischen
    Mechanismus „hysterischer Phänomene“; nicht „der Hysterie“, weil
    wir für denselben und für die psychische Theorie der hysterischen
    Symptome überhaupt uneingeschränkte Geltung nicht beanspruchen
    wollten. Wir glauben nicht, daß alle Erscheinungen der Hysterie auf
    die von uns dargelegte Weise zustande kommen, und auch nicht, daß
    alle ideogen, d. h. durch Vorstellungen bedingt seien. Wir differieren
    darin von Möbius1), der 1888 die Definition vorschlug: „Hysterisch
    sind alle diejenigen krankhaften Erscheinungen, die durch Vorstellungen
    verursacht sind.“ Später wurde dieser Satz dahin erläutert, daß nur
    ein Teil der krankhaften Phänomene den verursachenden Vorstellungen
    inhaltlich entspreche, nämlich die durch Fremd-
    und Autosuggestion
    erzeugten; z. B. wenn die Vorstellung, den Arm nicht bewegen zu
    können, eine Lähmung desselben bedinge. Ein anderer Teil der hysteri-
    schen Phänomene sei zwar durch Vorstellungen verursacht, entspreche
    ihnen aber inhaltlich nicht; z. B. wenn in einer unserer Beobachtungen
    die Lähmung des Armes durch den Anblick von schlangenähnlichen
    Gegenständen erzeugt wird.

    Möbius will mit dieser Definition nicht etwa eine Veränderung
    der Nomenklatur befürworten, so daß fortan nur die durch Vorstellungen
    bedingten, ideogenen krankhaften Phänomene hysterisch zu nennen
    wären; sondern er meint, daß alle hysterischen Krankheitserscheinungen
    ideogen seien. „Weil sehr oft Vorstellungen Ursache der hysterischen

    1)Möbius, Über den Begriff der Hysterie. Wieder abgedruckt in „Neuro-
    logische Beiträge“, I. Heft, 1894.

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    Erscheinungen sind, glauben wir, daß sie es immer seien.“ Er nennt
    dies einen Analogieschluß; ich möchte es eher eine Generalisation
    nennen, deren Berechtigung erst untersucht werden muß.

    Offenbar muß vor jeder Diskussion festgestellt werden, was man
    unter Hysterie versteht. Ich halte Hysterie für ein empirisch gefundenes,
    der Beobachtung entstammendes Krankheitsbild, gerade so wie die
    tuberkulöse Lungenphthise. Solche empirisch gewonnene Krankheitsbilder
    werden durch den Fortschritt unserer Erkenntnis geläutert, vertieft,
    erklärt; sie sollen und können dadurch aber nicht zerstört werden.
    Die ätiologische Forschung hat gezeigt, daß die verschiedenen Teil-
    prozesse der Lungenphthise durch verschiedene Krankheitsursachen
    bedingt sind; der Tuberkel durch den Bacillus Kochii, der Gewebs-
    zerfall, die Kavernenbildung, das septische Fieber durch andere Mi-
    kroben. Trotzdem bleibt die tuberkulöse Phthise eine klinische Einheit,
    und es wäre unrichtig, sie dadurch zu zerstören, daß man nur die „spezi-
    fisch tuberkulösen“, durch den Bacillus Kochs bedingten Gewebsver-
    änderungen ihr zuschreiben, die anderen von ihr loslösen wollte. —
    Ebenso muß die klinische Einheit der Hysterie erhalten bleiben, auch
    wenn sich herausstellt, daß ihre Phänomene durch verschiedene Ur-
    sachen bedingt sind, die einen durch einen psychischen Mechanismus,
    die anderen ohne solchen zustande kommen.

    Das ist nun meiner Überzeugung nach wirklich der Fall. Nur
    ein Teil der hysterischen Phänomene ist ideogen, und die Annahme
    der Möbiusschen Definition reißt die klinische Einheit der Hysterie,
    ja, auch die Einheit eines und desselben Symptoms bei einem und
    demselben Kranken mitten entzwei.

    Es wäre ein dem Analogieschlusse Möbius’ ganz analoger Schluß:
    „Weil sehr oft Vorstellungen und Wahrnehmungen die Erektion hervor-
    rufen, nehmen wir an, daß sie allein es immer tun und daß auch die
    peripheren Reize erst auf dem Umwege über die Psyche jenen vaso-
    motorischen Vorgang auslösen.“ Wir wissen, daß das ein Irrtum wäre,
    und doch lägen diesem Schlusse gewiß so viele Tatsachen zugrunde
    wie dem Satze Möbius’ betreffs der Hysterie. In Analogie mit einer
    großen Zahl physiologischer Vorgänge, wie Speichel- und Tränen-
    sekretion, Veränderung der Herzaktion u. dgl. ist als möglich und
    wahrscheinlich anzunehmen, daß derselbe Vorgang sowohl durch
    Vorstellungen als durch periphere oder andere, aber nicht psychische
    Reize ausgelöst werden kann. Das Gegenteil ist zu beweisen, und dazu
    fehlt noch sehr viel. Ja, es scheint sicher, daß viele der hysterisch

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    genannten Phänomene nicht allein durch Vorstellungen verursacht
    werden.

    Betrachten wir einen ganz alltäglichen Fall. Eine Frau bekommt
    bei jedem Affekte an Hals, Brust und Gesicht ein erst fleckiges, dann
    konfluierendes Erythem. Dies ist durch Vorstellungen bedingt und
    also nach Möbius ein hysterisches Phänomen. Dasselbe Erythem
    tritt aber, wenn auch in geringerer Ausbreitung, bei Hautreiz auf, bei
    Berührung u. dgl. Dies wäre nun nicht hysterisch. So wäre ein, sicherlich
    völlig einheitliches Phänomen einmal der Hysterie zugehörig und ein
    andermal nicht. Man kann ja zweifeln, ob man dieses, den Erethismus
    der Vasomotoren, überhaupt zu den spezifisch hysterischen Erschei-
    nungen rechnen soll, oder ob man es nicht besser dem einfachen
    „Nervosismus“ zuzählt. Aber nach Möbius müßte jene Zerfällung
    eines einheitlichen Vorganges jedenfalls geschehen und das affektiv
    bedingte Erythem allein hysterisch genannt werden.

    Ganz ebenso verhält es sich bei den praktisch so wichtigen
    hysterischen Algien. Gewiß sind diese häufig direkt durch Vorstellungen
    bedingt; es sind „Schmerzhalluzinationen“. Untersuchen wir diese
    etwas genauer, so zeigt sich, daß zu ihrem Entstehen große Lebhaftigkeit
    der Vorstellung nicht genügt, sondern daß ein besonderer abnormer
    Zustand der schmerzleitenden und empfindenden Apparate notwendig
    ist, wie zum Entstehen des affektiven Erythems die abnorme Erreg-
    barkeit der Vasomotoren. Das Wort „Schmerzhalluzination“ be-
    zeichnet gewiß das Wesen dieser Neuralgie aufs prägnanteste, zwingt
    uns aber auch, die Anschauungen auf sie zu übertragen, die wir uns
    bezüglich der Halluzination im allgemeinen gebildet haben. Diese
    eingehend zu diskutieren, ist hier nicht am Platze. Ich bekenne mich zu
    der Meinung, die „Vorstellung“, das Erinnerungsbild allein, ohne
    Erregung des Perzeptionsapparates, erlange selbst in seiner größten
    Lebhaftigkeit und Intensität nie den Charakter objektiver Existenz,
    der die Halluzination ausmacht.1)

    1)Dieser Perzeptionsapparat, einschließlich der kortikalen Sinnessphären,
    muß verschieden sein von dem Organe, welches Sinneseindrücke als Erinnerungs-
    bilder aufbewahrt und reproduziert. Denn die Grundbedingung der Funktion
    des Wahrnehmungsapparates ist die rascheste restitutio in statu quo ante;
    sonst könnte keine richtige weitere Perzeption stattfinden. Die Bedingung des
    Gedächtnisses hingegen ist, daß eine solche Restitution nicht statt hat, sondern
    daß jede Wahrnehmung bleibende Veränderungen schafft. Unmöglich kann ein
    und dasselbe Organ beiden widersprechenden Bedingungen genügen; der Spiegel
    eines Reflexionsteleskops kann nicht zugleich photographische Platte sein. In

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    Das gilt schon von den Sinneshalluzinationen und noch mehr
    von den Schmerzhalluzinationen. Denn es scheint dem Gesunden nicht
    möglich zu sein, der Erinnerung an einen körperlichen Schmerz auch
    nur jene Lebhaftigkeit, jene entfernte Annäherung an die wirkliche
    Empfindung zu verschaffen, welche doch bei optischen und akustischen
    Erinnerungsbildern erreicht werden kann. Selbst in dem normalen
    halluzinatorischen Zustande des Gesunden, im Schlafe, werden, wie ich
    glaube, niemals Schmerzen geträumt, wenn nicht eine reale Schmerz-
    empfindung vorhanden ist. Die „rückläufige“, von dem Organe des
    Gedächtnisses ausgehende Erregung des Perzeptionsapparates durch
    Vorstellungen ist also de norma für Schmerz noch schwieriger als für
    Gesichts- und Gehörsempfindungen. Treten bei Hysterie mit solcher
    Leichtigkeit Schmerzhalluzinationen auf, so müssen wir eine anomale
    Erregbarkeit des schmerzempfindenden Apparates statuieren.

    Diese tritt nun nicht bloß durch Vorstellungen, sondern auch
    durch periphere Reize angeregt in die Erscheinung, ganz wie der früher
    betrachtete Erethismus der Vasomotoren.

    Wir beobachten täglich, daß beim nervös normalen Menschen
    periphere Schmerzen von pathologischen, aber selbst nicht schmerz-
    haften Vorgängen in anderen Organen bedingt werden; so der Kopf-
    schmerz von relativ unbedeutenden Veränderungen der Nase und
    ihrer Nebenhöhlen; Neuralgien der Interkostal- und Brachialnerven
    vom Herzen aus, u.dgl. mehr. Besteht bei einem Kranken jene abnorme
    Erregbarkeit, welche wir als Bedingung der Schmerzhalluzination
    annehmen mußten, so steht sie sozusagen auch den eben erwähnten
    Irradiationen zur Verfügung. Die auch bei nicht Nervösen vorkommenden
    werden intensiver, und es bilden sich solche Irradiationen, die wir
    zwar nur bei Nervenkranken finden, die aber doch auf demselben
    Mechanismus begründet sind wie jene. So, glaube ich, hängt die Ovarie
    von den Zuständen des Genitalapparates ab. Daß sie psychisch ver-
    mittelt sei, müßte bewiesen werden, und das ist dadurch nicht ge-
    schehen, daß man diesen Schmerz, wie jeden andern, als Halluzination
    in der Hypnose erzeugen oder daß die Ovarie auch psychischen Ur-


    diesem Sinne, daß die Erregung des Perzeptionsapparates – nicht in der be-
    stimmten Aussage, daß die Erregung der subkortikalen Zentren – der Hallu-
    zination den Charakter des Objektiven gebe, stimme ich Meynert bei. Soll aber
    durch das Erinnerungsbild das Perzeptionsorgan erregt werden, so müssen wir
    eine gegen die Norm abgeänderte Erregbarkeit desselben annehmen, die eben die
    Halluzination möglich macht.

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    sprunges sein kann. Sie entsteht eben wie das Erythem oder wie eine
    der normalen Sekretionen sowohl aus psychischen als aus rein somatischen
    Ursachen. Sollen wir nun nur die erstere Art hysterisch nennen? jene,
    von der wir den psychischen Ursprung kennen? Dann müßten wir
    eigentlich die gewöhnlich beobachtete Ovarie aus dem hysterischen
    Symptomkomplexe ausscheiden, was doch kaum angeht.

    Wenn nach einem leichten Trauma eines Gelenkes allmählich
    eine schwere Gelenksneurose sich entwickelt, so ist in diesem Vor-
    gange gewiß ein psychisches Element: die Konzentration der Auf-
    merksamkeit auf den verletzten Teil, welche die Erregbarkeit der
    betreffenden Nervenbahnen steigert; aber man kann das kaum so aus-
    drücken, daß die Hyperalgie durch Vorstellungen bedingt sei.

    Nicht anders steht es mit der pathologischen Herabsetzung der
    Empfindung. Es ist durchaus unerwiesen und unwahrscheinlich, daß
    die allgemeine Analgesie oder daß die Analgesie einzelner Körperteile
    ohne Anästhesie, durch Vorstellungen verursacht sei. Und wenn sich
    auch die Entdeckung Binets und Janets vollständig bestätigen
    sollte, daß die Hemianästhesie durch einen eigentümlichen psychischen
    Zustand bedingt sei, durch die Spaltung der Psyche, so wäre das zwar
    ein psychogenes, aber kein ideogenes Phänomen und wäre darum
    nach Möbius nicht hysterisch zu nennen.

    Können wir so von einer großen Zahl charakteristischer hysteri-
    scher Phänomene nicht annehmen, daß sie ideogen seien, so scheint
    es richtig, den Satz von Möbius zu reduzieren. Wir sagen nicht: „Jene
    krankhaften Erscheinungen sind hysterisch, welche durch Vorstellungen
    veranlaßt sind,“ sondern nur: Sehr viele der hysterischen Phä-
    nomene, wahrscheinlich mehr als wir heute wissen, sind
    ideogen. Die gemeinschaftliche, fundamentale krankhafte Veränderung
    aber, welche sowohl den Vorstellungen als auch nicht psychologischen
    Reizen ermöglicht, pathogen zu wirken, ist eine anomale Erregbarkeit
    des Nervensystems1. Inwieweit diese selbst psychischen Ursprungs ist,
    das ist eine weitere Frage.


    Wenn also nur ein Teil der hysterischen Phänomene ideogen
    sein dürfte, so sind es doch gerade diese, welche man die spezifisch

    1)Oppenheims „Labilität der Moleküle“. Vielleicht wird es später
    möglich sein, den obigen sehr vagen Ausdruck durch eine präzisere und inhalts-
    reichere Formel zu ersetzen.

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    hysterischen nennen darf, und ihre Erforschung, die Aufdeckung ihres
    psychischen Ursprungs macht den wesentlichsten neueren Fortschritt
    in der Theorie der Krankheit aus. Es stellt sich nun die weitere Frage:
    wie kommen sie zustande, welches ist der „psychische Mechanismus“
    dieser Phänomene?

    Dieser Frage gegenüber verhalten sich die beiden von Möbius
    unterschiedenen Gruppen ideogener Symptome wesentlich verschieden.
    Diejenigen, bei denen das Krankheitsphänomen der erregenden Vor-
    stellung inhaltlich entspricht, sind relativ verständlich und durch-
    sichtig. Wenn die Vorstellung einer gehörten Stimme dieselbe nicht
    bloß wie beim Gesunden im „inneren Hören“ leise anklingen, sondern
    als wirkliche objektive Gehörempfindung halluzinatorisch wahr-
    nehmen läßt, so entspricht das bekannten Phänomenen des gesunden
    Lebens (Traum) und ist unter der Annahme abnormer Erregbarkeit
    wohl verständlich. Wir wissen, daß es bei jeder willkürlichen Bewegung
    die Vorstellung des zu erreichenden Resultates ist, welche die ent-
    sprechende Muskelkontraktion auslöst; es ist nicht ganz unver-
    ständlich, daß die Vorstellung, diese sei unmöglich, die Bewegung
    verhindert. (Suggestive Lähmung.)

    Anders verhält es sich mit jenen Phänomenen, die keinen logischen
    Zusammenhang mit der veranlassenden Vorstellung haben. (Auch für
    sie bietet das normale Leben Analogien, wie z. B. das Schamerröten
    u. dgl.) Wie kommen diese zustande, warum löst beim kranken Menschen
    eine Vorstellung gerade die eine, ganz irrationale, ihr gar nicht ent-
    sprechende Bewegung oder Halluzination aus?

    Wir glaubten in der „Vorläufigen Mitteilung“ über diesen kausalen
    Zusammenhang einiges auf Grund unserer Beobachtungen aussagen zu
    können. Wir haben aber in unserer Darlegung den Begriff „der Er-
    regung, welche abströmt oder abreagiert werden muß“,
    ohne weiteres eingeführt und benutzt. Dieser Begriff, für unser Thema
    und für die Lehre von den Neurosen überhaupt von fundamentaler
    Wichtigkeit, scheint aber eine eingehendere Untersuchung zu verlangen
    und zu verdienen. Bevor ich zu dieser schreite, muß ich es entschuldigen,
    daß hier auf die Grundprobleme des Nervensystems zurückgegriffen
    wird. Solches „Hinuntersteigen zu den Müttern“ hat immer etwas
    Beklemmendes; aber der Versuch, die Wurzel einer Erscheinung auf-
    zugraben, führt eben unvermeidlich immer auf die Grundprobleme,
    denen man nicht ausweichen kann. Möge darum die Abstrusität der
    folgenden Betrachtungen nachsichtig beurteilt werden!

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    II. Die intrazerebrale tonische Erregung. – Die Affekte.

    A. Wir kennen zwei extreme Zustände des Zentralnervensystems,
    traumlosen Schlaf und helles Wachen. Zwischen ihnen bilden Zustände
    geringerer Helligkeit in allen Abstufungen den Übergang. Uns inter-
    essiert hier nicht die Frage nach dem Zwecke und der physischen Be-
    gründung des Schlafes (chemische oder vasomotorische Bedingungen),
    sondern nach dem wesentlichen Unterschiede der beiden Zustände.

    Vom tiefsten, traumlosen Schlafe können wir direkte nichts
    aussagen, weil eben durch den Zustand völliger Bewußtlosigkeit jede
    Beobachtung und Erfahrung ausgeschlossen ist. Von dem benach-
    barten Zustand des Traumschlafes aber wissen wir, daß wir darin will-
    kürliche Bewegungen intendieren, sprechen, gehen usw., ohne daß
    dadurch die entsprechenden Muskelkontraktionen willkürlich aus-
    gelöst würden, wie es im Wachen geschieht; daß sensible Reize vielleicht
    perzipiert werden (da [sie oft in den Traum eingehen), aber nicht
    apperzipiert, d. h. nicht zu bewußten Wahrnehmungen werden; daß
    auftauchende Vorstellungen nicht, wie im Wachen, alle mit ihnen
    zusammenhängenden, im potentiellen Bewußtsein vorhandenen Vor-
    stellungen aktuell machen, sondern daß große Massen hiervon un-
    erregt bleiben (wie wenn wir mit einem Verstorbenen sprechen, ohne
    uns seines Todes zu erinnern); daß auch unvereinbare Vorstellungen
    zugleich bestehen können, ohne sich wie im Wachen wechselseitig zu
    hemmen; daß also die Assoziation mangelhaft und unvollständig er-
    folgt. Wir dürfen wohl annehmen, daß im tiefsten Schlafe diese Auf-
    hebung des Zusammenhanges zwischen den psychischen Elementen
    eine noch vollständigere, komplette ist.

    Demgegenüber löst im hellen Wachen jeder Willensakt die zu-
    gehörige Bewegung aus, die sensiblen Eindrücke werden zu Wahrneh-
    mungen, die Vorstellungen assoziieren sich mit dem ganzen Besitze
    des potentiellen Bewußtseins. Das Gehirn ist dann eine im vollständigen
    inneren Zusammenhange arbeitende Einheit.

    Es ist vielleicht nur eine Umschreibung dieser Tatsachen, wenn
    wir sagen, daß im Schlafe die Verbindungs- und Leitungsbahnen des
    Gehirnes für die Erregung der psychischen Elemente (Rindenzellen?)
    nicht, im Wachen aber vollständig gangbar sind.

    Die Existenz dieser beiden verschiedenen Zustände der Leitungs-
    bahnen wird verständlich wohl nur durch die Annahme, daß sie sich
    während des Wachens in tonischer Erregung befinden (interzellulärer
    Tetanus Exners); daß diese tonische intrazerebrale Erregung

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    ihre Leitungsfähigkeit bedingt und daß ihr Absinken und Schwinden
    eben den Zustand des Schlafes herstellt.

    Wir hätten uns eine zerebrale Leitungsbahn nicht wie einen
    Telephondraht vorzustellen, der nur dann elektrisch erregt ist, wenn
    er fungieren, d. h. hier: ein Zeichen übertragen soll; sondern wie eine
    jener Telephonleitungen, durch welche konstant ein galvanischer
    Strom fließt und welche unerregbar werden, wenn dieser schwindet.
    – Oder, besser vielleicht, denken wir an eine viel verzweigte elektrische
    Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung; es wird
    von dieser gefordert, daß jede Lampe und jede Kraftmaschine durch
    einfaches Herstellen eines Kontaktes in Funktion gesetzt werden
    könne. Um dies zu ermöglichen, zum Zwecke der Arbeitsbereitschaft,
    muß auch während funktioneller Ruhe in dem ganzen Leitungsnetze
    eine bestimmte Spannung bestehen, und zu diesem Behufe muß die
    Dynamomaschine eine bestimmte Menge von Energie aufwenden. –
    Ebenso besteht ein gewisses Maß von Erregung in den Leitungsbahnen
    des ruhenden, wachen, aber arbeitsbereiten Gehirnes1).

    Für diese Vorstellung spricht, daß das Wachen an sich, auch
    ohne Arbeitsleistung, ermüdet und Schlafbedürfnis erzeugt; es bedingt
    an sich schon einen Energieverbrauch.

    Denken wir uns einen Menschen in gespannter, aber nicht ein
    einzelnes Sinnesgebiet betreffender Erwartung. Wir haben dann ein
    ruhendes, aber leistungsbereites Gehirn vor uns. Wir dürfen wohl an
    nehmen, daß in diesem alle Leitungsbahnen auf das Maximum ihrer

    1)Es sei erlaubt, hier in Kürze die Vorstellung anzudeuten, welche der
    obigen Ausführung zugrunde liegt. Wir denken uns gewöhnlich die sensiblen
    und sensorischen Nervenzellen als passive Aufnahmsapparate; mit Unrecht.
    Denn schon die Existenz des Assoziationsfasersystems beweist, daß auch von
    ihnen aus Erregung in Nervenfasern strömt. In einer Nervenfaser, welche per
    continuitatem oder contiguitatem zwei sensorische Zellen verbindet, muß ein
    Spannungszustand bestehen, wenn von beiden Zellen aus Erregung in sie ein
    strömt. Dieser verhält sich zu der in einer, z. B. peripheren, motorischen Faser
    abströmenden Erregung wie hydrostatischer Druck zu der lebendigen Kraft
    strömenden Wassers oder wie elektrische Spannung zum elektrischen Strome.
    Sind alle Nervenzellen in einem Zustande mittlerer Erregung und erregen ihre
    nervösen Fortsätze, so bildet das ganze ungeheure Netz ein einheitliches Reservoir
    von „Nervenspannung“. Wir hätten also außer der potentiellen Energie, welche
    in dem chemischen Bestande der Zelle ruht, und jener uns unbekannten Form
    kinetischer Energie, welche im Erregungszustande der Faser abläuft, noch einen
    ruhenden Zustand von Nervenerregung anzunehmen, die tonische Erregung
    oder Nervenspannung.

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    Leitfähigkeit eingestellt, in tonischer Erregung sind. Die Sprache
    nennt diesen Zustand bezeichnenderweise eben: Spannung. Die Er-
    fahrung lehrt, wie anstrengend und ermüdend dieser Zustand ist, in
    welchem doch keinerlei aktuelle motorische oder psychische Arbeit
    geleistet wurde.

    Dies ist ein exzeptioneller Zustand, der eben des großen Energie-
    verbrauches halber nicht lange ertragen wird. Aber auch der normale
    Zustand des hellen Wachens bedingt ein innerhalb nicht allzuweiter
    Grenzen schwankendes Ausmaß intrazerebraler Erregung; all den
    Abstufungen des Wachens bis zur Schläfrigkeit und zum wirklichen
    Schlaf entsprechen niedrigere Erregungsgrade.

    Wirkliche Arbeitsleistung des Gehirnes bedingt gewiß einen
    größeren Energieverbrauch als die bloße Arbeitsbereitschaft; (wie die
    oben zum Vergleiche angezogene elektrische Anlage eine größere Menge
    von elektrischer Energie in die Leitungen einströmen lassen muß,
    wenn viele Lampen oder Arbeitsmaschinen eingeschaltet werden).
    Bei normaler Funktion wird nicht mehr Energie frei, als sogleich in
    der Tätigkeit verbraucht wird. Das Gehirn verhält sich aber wie eine
    solche Anlage von begrenzter Leistungsfähigkeit, welche etwa nicht zu
    gleicher Zeit große Mengen von Licht und von mechanischer Arbeit
    herstellen könnte. Arbeitet die Kraftübertragung, so ist wenig Energie
    für die Beleuchtung verfügbar und umgekehrt. So sehen wir, daß es
    uns bei starker Muskelanstrengung unmöglich ist, andauernd nach
    zudenken, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit auf ein Sinnes-
    gebiet die Leistungsfähigkeit der anderen Hirnorgane absinken macht,
    daß also das Gehirn mit einer wechselnden, aber begrenzten Energie-
    menge arbeitet.

    Die ungleichmäßige Verteilung der Energie wird wohl durch die
    „attentionelle Bahnung“ (Exner) bedingt, indem die Leitungsfähigkeit
    der in Anspruch genommenen Bahnen erhöht wird, die der anderen
    absinkt und so im arbeitenden Gehirne auch die „intrazerebrale to-
    nische Erregung“ ungleichmäßig verteilt ist1).

    Wir erwecken einen Schlafenden, d. h. wir steigern plötzlich
    das Quantum seiner tonischen intrazerebralen Erregung, indem wir

    1)Die Auffassung der Energie des Zentralnervensystems als einer Quan-
    tität von schwankender und wechselnder Verteilung über das Gehirn ist alt. „La
    sensibilité“, sagte Cabanis, „semble se comporter à la manière d’un fluide dont
    la quantité totale est déterminée et qui, toutes les fois qu’il se jette en plus grande
    abondance dans un de ses canaux, diminue proportionellement dans les autres.“
    (Zit. nach Janet, Etat mental II, p. 277.)

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    einen lebhaften Sinnesreiz auf ihn wirken lassen. Ob dabei Verände-
    rungen in dem zerebralen Blutkreislaufe wesentliche Glieder der Kausal-
    kette sind, ob die Gefäße primär durch den Reiz erweitert werden
    oder ob dies die Folge der Erregung der Hirnelemente ist, das alles
    ist unentschieden. Sicher ist, daß der durch eine Sinnespforte ein-
    dringende Erregungszustand von da aus über das Hirn sich ausbreitet,
    diffundirt und alle Leitungswege in einen Zustand höherer Bahnung
    bringt.

    Wie das spontane Erwachen vor sich geht, ob immer ein und der-
    selbe Gehirnteil zuerst in den Zustand der Wacherregung tritt und diese
    von ihm aus sich verbreitet, oder ob bald die eine, bald die andere
    Gruppe von Elementen als Erwecker fungiert, ist wohl noch völlig unklar.

    Doch beweist das spontane Erwachen, welches ja auch in voller
    Ruhe und Finsternis ohne äußere Reize eintritt, daß die Entwicklung
    von Energie im Lebensprozesse der Hirnelemente selbst begründet ist.

    Der Muskel bleibt ungereizt, ruhig, auch wenn er noch so lange
    geruht und das Maximum von Spannkräften in sich angehäuft hat.
    Nicht so die Hirnelemente. Wir nehmen wohl mit Recht an, daß diese
    im Schlafe ihren Bestand restituieren und Spannkräfte sammeln.
    Ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, sozusagen ein gewisses
    Niveau erreicht, so strömt der Überschuß in die Leitungswege ab,
    bahnt sie und stellt die intrazerebrale Erregung des Wachens her.

    Denselben Vorgang können wir in lehrreicher Weise im Wachen
    beobachten. Wenn das wache Gehirn längere Zeit in Ruhe verbleibt,
    ohne durch Funktion Spannkraft in lebendige Energie zu verwandeln,
    so tritt das Bedürfnis und der Drang nach Betätigung ein. Lange mo-
    torische Ruhe schafft das Bewegungsbedürfnis (zweckloses Herum-
    laufen der Tiere im Käfige) und ein peinliches Gefühl, wenn dies Be-
    dürfnis nicht befriedigt werden kann. Mangel an Sinnesreizen, Finsternis,
    lautlose Stille wird zur Pein; geistige Ruhe, Mangel an Wahrnehmungen,
    Vorstellungen, an Assoziationstätigkeit erzeugen die Qual der Lange-
    weile. Diese Unlustgefühle entsprechen einer „Aufregung“, einer
    Steigerung der normalen intrazerebralen Erregung.

    Die vollständig restituierten Hirnelemente machen also auch in
    der Ruhe ein gewisses Maß von Energie frei, welches, funktionell nicht
    verwertet, die intrazerebrale Erregung steigert. Dies erzeugt ein Unlust-
    gefühl. Solche entstehen immer, wenn ein Bedürfnis des Organismus
    nicht Befriedigung findet. Da die hier besprochenen schwinden, wenn
    das frei gewordene überschüssige Quantum von Erregung funktionell

  • S.

    172

    verwendet wird, so schließen wir, daß diese Wegschaffung des Er-
    regungsüberschusses ein Bedürfnis des Organismus sei, und treffen
    hier zum ersten Male auf die Tatsache, daß im Organismus die „Ten-
    denz zur Konstanterhaltung der intrazerebralen Erregung“
    (Freud) besteht.

    Ein Überschuß davon belastet und belästigt und es entsteht
    der Trieb ihn zu verbrauchen. Ist ein Verbrauch durch Sinnes-
    Vorstellungstätigkeit nicht möglich, so strömt der Überschuß in zweck-
    loser motorischer Aktion ab, im Auf- und Abgehen u. dgl., welches
    wir auch weiterhin als die häufigste Art der Entladung übergroßer
    Spannungen antreffen werden.

    Es ist bekannt, wie groß die individuelle Verschiedenheit in
    dieser Hinsicht ist: wie sehr sich die lebhaften Menschen von den
    trägen, torpiden hierin unterscheiden; diejenigen, welche „nicht ruhig
    sitzen können“ von denen, die „ein angeborenes Talent zum Kanapee-
    sitzen haben“; die geistig beweglichen von den stumpfen, welche un-
    gemessene Zeiten geistiger Ruhe vertragen. Diese Verschiedenheiten,
    welche das „geistige Temperament“ der Menschen ausmachen, beruhen
    gewiß auf tiefen Unterschieden ihres Nervensystems; auf dem Aus-
    maße, in welchem die funktionell ruhenden Hirnelemente Energie
    frei werden lassen.

    Wir sprachen von einer Tendenz des Organismus, die tonische
    Hirnerregung konstant zu erhalten; eine solche ist uns doch nur ver-
    ständlich, wenn wir einsehen können, welches Bedürfnis durch sie
    erfüllt wird. Wir begreifen die Tendenz, die mittlere Temperatur des
    Warmblütlers konstant zu erhalten, weil wir sie erfahrungsgemäß als
    ein Optimum für die Funktion der Organe kennen. Und wir setzen
    ähnliches für die Konstanz des Wassergehaltes im Blute u. a. m. voraus.
    Ich glaube, man darf auch von der Höhe der intrazerebralen tonischen
    Erregung annehmen, daß sie ein Optimum habe. Auf diesem Niveau
    der tonischen Erregung ist das Gehirn zugänglich für alle äußeren
    Reize, die Reflexe sind gebahnt, aber nur in dem Ausmaße normaler
    reflektorischer Tätigkeit, der Besitz an Vorstellungen ist der Er-
    weckung und Assoziation zugänglich in jenem gegenseitigen relativen
    Verhältnisse der einzelnen Vorstellungen, welches klarer Besonnenheit
    entspricht; es ist der Zustand bester Arbeitsbereitschaft. Schon jene
    gleichmäßige Erhöhung der tonischen Erregung, welche die „Er-
    wartung“ ausmacht, verändert die Verhältnisse. Sie macht hyperästhe-
    tisch für Sinnesreize, welche alsbald peinlich werden, und erhöht die

  • S.

    173

    Reflexerregbarkeit über das Nützliche (Schreckhaftigkeit). Gewiß ist
    dieser Zustand für manche Situationen und Zwecke nützlich, wenn
    er aber spontan, ohne solche Vorbedingungen, eintritt, so bessert er
    unsere Leistungsfähigkeit nicht, sondern schädigt sie. Wir nennen das
    im gewöhnlichen Leben „nervös sein“. – Bei der weitaus größeren
    Zahl der Formen von Erregungssteigerung handelt es sich aber um
    ungleichmäßige Übererregung, welche der Leistungsfähigkeit direkt
    abträglich ist. Wir bezeichnen das als „Aufregung“. Es ist nicht un-
    begreiflich, sondern in Analogie mit anderen Regulationen des Or-
    ganismus, wenn in ihm das Bestreben besteht, das Optimum der Er-
    regung festzuhalten und wieder zu erreichen, nachdem es überschritten
    worden ist.

    Es sei erlaubt, hier nochmals auf den Vergleich mit einer elektri-
    schen Beleuchtungsanlage zurückzugreifen. Auch die Spannung in
    dem Leitungsnetze einer solchen hat ein Optimum; wird dieses über-
    schritten, so wird leicht die Funktion geschädigt, indem z. B. die Glüh-
    fäden rasch durchbrennen. Von der Schädigung der Anlage selbst durch
    Störung der Isolation und „kurzen Schluß“ wird später noch die
    Rede sein.


    B. Unsere Sprache, das Resultat der Erfahrung vieler Gene-
    rationen, unterscheidet mit wundernswerter Feinheit jene Formen und
    Grade der Erregungssteigerung, welche der geistigen Tätigkeit noch
    nützlich sind, weil sie die freie Energie aller Hirnfunktionen gleich-
    mäßig erhöhen, von jenen, welche dieselben beeinträchtigen, weil sie
    in ungleichmäßiger Weise die psychischen Funktionen teils erhöhen,
    teils hemmen.

    Sie nennt die ersteren Anregung, die letzteren Aufregung.
    Ein interessantes Gespräch, Tee, Kaffee, regen an; ein Streit, eine
    größere Dosis Alkohol regen auf. Während die Anregung nur den
    Trieb nach funktioneller Verwertung der gesteigerten Erregung wach-
    ruft, sucht sich die Aufregung in mehr weniger heftigen, ans Patho-
    logische streifenden oder wirklich pathologischen Vorgängen zu ent-
    laden. Sie macht die psychisch-physische Grundlage der Affekte aus,
    und von diesen soll im folgenden die Rede sein. Vorher sind aber noch
    physiologische, endogene Ursachen der Erregungssteigerung flüchtig
    zu berühren.

    Solche sind zunächst die großen physiologischen Bedürfnisse und
    Triebe des Organismus, der Sauerstoffhunger, der Nahrungshunger und

  • S.

    174

    der Durst. Da sich die Aufregung, welche sie setzen, mit bestimmten
    Empfindungen und Zielvorstellungen verknüpft, ist sie nicht so rein
    als Steigerung der Erregung zu beobachten, wie die oben besprochene,
    welche nur der Ruhe der Hirnelemente entspringt. Sie hat immer
    ihre besondere Färbung. Aber sie ist unverkennbar in der ängstlichen
    Aufregung der Dyspnoe, wie in der Unruhe des Hungernden.

    Die Erregungssteigerung, welche diesen Quellen entfließt, ist
    bedingt durch die chemische Veränderung der Hirnelemente selbst,
    welche an Sauerstoff oder Spannkräften oder Wasser verarmen; sie
    fließt in präformierten motorischen Bahnen ab, welche zur Befriedigung
    des auslösenden Bedürfnisses führen; die Dyspnoe in den Anstrengungen
    der Atmung, Hunger und Durst im Aufsuchen und Erringen der
    Nahrung und des Wassers. Das Prinzip der Konstanz der Erregung
    tritt dieser Aufregung gegenüber kaum in Wirksamkeit; sind ja doch
    die Interessen, welchen die Erregungssteigerung hier dient, für den
    Organismus viel wichtiger als die Wiederherstellung normaler Funktions-
    verhältnisse des Gehirns. Zwar sieht man die Tiere der Menagerie
    vor der Fütterungsstunde aufgeregt hin und herlaufen; aber dies mag
    wohl als ein Rest der präformierten motorischen Leistung der Nahrungs-
    suche, gelten, die nun durch die Gefangenschaft zwecklos geworden
    ist, nicht als ein Mittel, das Nervensystem von der Aufregung zu
    befreien.

    Wenn die chemische Struktur des Nervensystems durch an-
    haltende Zufuhr fremder Stoffe dauernd abgeändert worden ist, so
    bedingt auch der Mangel an diesen Aufregungszustände, wie der
    Mangel der normalen Nährstoffe beim Gesunden; die Aufregung der
    Abstinenz von Narcoticis.


    Den Übergang von diesen endogenen Erregungssteigerungen zu
    den psychischen Affekten im engeren Sinne bildet die sexuale Erregung
    und der sexuale Affekt. Als erstere, als vage, unbestimmte, ziellose
    Erregungssteigerung erscheint die Sexualität während der Pubertät.
    In weiterer Entwicklung bildet sich (normalerweise) eine feste Ver-
    bindung dieser endogenen, durch die Funktion der Geschlechtsdrüsen
    bedingten Erregungssteigerung mit der Wahrnehmung oder Vor-
    stellung des andern Geschlechtes; ja, bei dem wunderbaren Phänomen
    des Verliebens in eine einzelne Person mit dieser Individualvorstellung.
    Diese tritt in Besitz der ganzen Quantität von Erregung, welche durch

  • S.

    175

    den Sexualtrieb frei gemacht wird; sie wird eine „affektive Vorstellung“.
    Das heißt: bei ihrem Aktuellwerden im Bewußtsein löst sie den
    Erregungszuwachs aus, der eigentlich einer andern Quelle, den
    Geschlechtsdrüsen, entstammt.

    Der Sexualtrieb ist gewiß die mächtigste Quelle von lange an-
    haltenden Erregungszuwächsen (und als solche, von Neurosen); diese
    Erregungssteigerung ist höchst ungleich über das Nervensystem ver-
    teilt. In ihren höheren Intensitätsgraden ist der Vorstellungsablauf
    gestört, der relative Wert der Vorstellungen abgeändert, im Orgasmus
    des Sexualaktes erlischt das Denken fast vollständig.

    Auch die Wahrnehmung, die psychische Verarbeitung der Sinnes-
    empfindungen leidet; das sonst scheue und vorsichtige Tier wird blind
    und taub für die Gefahr. Dagegen steigert sich (mindestens beim
    Männchen) die Intensität des aggressiven Instinkts; das friedliche
    Tier wird gefährlich, bis sich die Erregung in den motorischen Leistungen
    des Sexualaktes entladet.

    C. Eine ähnliche Störung des dynamischen Gleichgewichtes im
    Nervensysteme, die ungleichmäßige Verteilung der gesteigerten Er-
    regung macht eben die psychische Seite der Affekte aus.

    Weder eine Psychologie noch eine Physiologie der Affekte soll
    hier versucht werden. Nur ein einzelner für die Pathologie wichtiger
    Punkt soll Erörterung finden, und zwar nur für die ideogenen Affekte,
    für jene, welche durch Wahrnehmungen und Vorstellungen hervor-
    gerufen werden. (Lange1 hat mit Recht wieder darauf hingewiesen,
    daß die Affekte fast ganz ebenso durch toxische Stoffe und, wie die
    Psychiatrie beweist, primär durch pathologische Veränderungen bedingt
    werden können, wie durch Vorstellungen.)

    Es bedarf gewiß keiner weiteren Begründung, daß alle jene
    Störungen des psychischen Gleichgewichtes, welche wir akute Affekte
    nennen, mit einer Erregungssteigerung einhergehen. (Bei den chroni-
    schen Affekten, Kummer und Sorge, d. h. protrahierter Angst besteht
    die Komplikation eines schweren Ermüdungszustandes, welcher die
    ungleichmäßige Verteilung der Erregung und damit die Gleichgewicht-
    störung bestehen läßt, ihre Höhe aber herabsetzt.) Aber diese ge-
    steigerte Erregung kann nicht in psychischer Tätigkeit verwendet
    werden. Alle starken Affekte beeinträchtigen die Assoziation, den
    Vorstellungsablauf. Man wird „sinnlos“ vor Zorn oder Schreck. Nur jene

    1 Lange, Über Gemütsbewegungen, 1887.

  • S.

    176

    Vorstellungsgruppe, welche den Affekt erregt hat, persistiert im Be
    wußtsein mit höchster Intensität. So ist die Ausgleichung der Auf
    regung durch assoziative Tätigkeit unmöglich.

    Aber die „aktiven“, „sthenischen“ Affekte gleichen die Erregungs
    steigerung durch motorische Abfuhr aus. Das Jauchzen und Springen
    der Freude, der gesteigerte Muskeltonus des Zornes, die Zornrede und
    die vergeltende Tat lassen die Erregung in Bewegungsakten abströmen.
    Der psychische Schmerz entladet dieselbe in respiratorischen An
    strengungen und in einem sekretorischen Akte, Schluchzen und Weinen.
    Daß diese Reaktionen die Aufregung mindern und beruhigen, ist Sache
    der täglichen Erfahrung. Wie schon bemerkt, drückt die Sprache
    dies in den Terminis „sich ausweinen, austoben“ usw. aus; was dabei
    ausgegeben wird, ist eben die gesteigerte zerebrale Erregung.

    Nur einzelne dieser Reaktionen sind zweckmäßig, indem dadurch
    irgend etwas an der Sachlage geändert werden kann, wie durch die
    Zornestat und-
    rede. Die andern sind völlig zwecklos, oder vielmehr
    sie haben keinen anderen Zweck als die Ausgleichung der Erregungs
    steigerung und die Herstellung des psychischen Gleichgewichtes. Indem
    sie dies leisten, dienen sie der „Tendenz zur Konstanterhaltung der
    zerebralen Erregung“.

    Den „asthenischen“ Affekten des Schrecks und der Angst fehlt
    diese reaktive Entladung. Der Schreck lähmt ganz direkt die Moti
    lität wie die Assoziation und ebenso die Angst, wenn die eine zweck
    mäßige Reaktion des Davonlaufens durch die Ursache des Angst
    affektes und durch die Umstände ausgeschlossen ist. Die Erregung
    des Schrecks schwindet nur durch allmähliche Ausgleichung.

    Der Zorn hat adäquate, der Veranlassung entsprechende Re
    aktionen. Sind diese unmöglich oder werden sie gehemmt, so treten
    Surrogate an ihre Stelle. Schon die Zornrede ist ein solches. Aber
    auch andere, ganz zwecklose Akte ersetzen diese. Wenn Bismarck
    vor dem Könige die zornige Aufregung unterdrücken muß, erleichtert
    er sich dann, indem er eine kostbare Vase zu Boden schmettert. Diese
    willkürliche Substitution eines motorischen Aktes durch einen andern
    entspricht ganz dem Ersatze der natürlichen Schmerzreflexe durch
    andere Muskelkontraktionen; der präformierte Reflex bei einer Zahn
    extraktion ist es, den Arzt wegzustoßen und zu schreien. Wenn wir
    statt dessen die Armmuskeln kontrahiren und die Stuhllehne pressen,
    so versetzen wir das durch den Schmerz ausgelöste Erregungsquantum
    von einer Muskelgruppe auf eine andere. Bei spontanem heftigen Zahn-
     

  • S.

    177

    schmerze, der außer dem Ächzen ja keinen präformierten Reflex hat,
    strömt die Erregung in zwecklosem Hin-
    und Herlaufen ab. Ebenso
    transponieren wir die Erregung des Zornes von der adäquaten Reaktion
    auf andere und fühlen uns entlastet, wenn sie nur durch irgend eine
    starke motorische Innervation verbraucht wird.

    Wenn dem Affekte eine solche Abfuhr der Erregung aber über-
    haupt versagt wird, dann ist die Sachlage die gleiche beim Zorne wie
    bei Schreck und Angst: die intrazerebrale Erregung ist gewaltig
    gesteigert, aber sie wird weder in assoziativer noch in motorischer
    Tätigkeit verbraucht. Beim normalen Menschen gleicht sich die Störung
    allmählich aus; bei manchen treten aber anomale Reaktionen auf,
    es bildet sich der „anomale Ausdruck der Gemütsbewegungen“
    (Oppenheim).

    III. Die hysterische Konversion.

    Es wird wohl kaum den Verdacht erregen, ich identifizierte die
    Nervenerregung mit der Elektrizität, wenn ich noch einmal auf den
    Vergleich mit einer elektrischen Anlage zurückkomme. Wenn in einer
    solchen die Spannung übergroß wird, so besteht die Gefahr, daß
    schwächere Stellen der Isolation durchbrochen werden. Es treten dann
    elektrische Erscheinungen an abnormen Stellen auf; oder, wenn zwei
    Drähte nebeneinander liegen, bildet sich ein „kurzer Schluß“. Da an
    diesen Stellen eine bleibende Veränderung gesetzt wird, kann die
    dadurch bedingte Störung immer wieder erscheinen, wenn die Spannung
    genügend gesteigert ist. Es hat eine abnorme „Bahnung“ stattgefunden.

    Man kann wohl behaupten, daß die Verhältnisse des Nerven-
    systems einigermaßen ähnliche sind. Es ist ein durchaus zusammen-
    hängendes Ganzes; aber es sind an vielen Stellen große, doch nicht
    unüberwindbare Widerstände eingeschaltet, welche die allgemeine
    gleichmäßige Ausbreitung der Erregung verhindern. So geht im nor-
    malen wachen Menschen die Erregung des Vorstellungsorganes nicht
    auf die Perzeptionsorgane über, wir halluzinieren nicht. Die nervösen
    Apparate der lebenswichtigen Organ komplexe, der Zirkulation und
    Verdauung, sind, im Interesse der Sicherheit und Leistungsfähigkeit
    des Organismus, durch starke Widerstände von den Organen der Vor-
    stellung getrennt, ihre Selbständigkeit ist gewahrt; sie sind direkt
    durch Vorstellungen nicht beeinflußt. Aber nur Widerstände von
    individuell verschiedener Stärke hindern den Übergang der intrazere-
    bralen Erregung auf die Zirkulations- und Verdauungsapparate;

  • S.

    178

    zwischen dem heute seltenen Ideal des absolut nicht „nervösen“
    Menschen, dessen Herzaktion in jeder Lebenslage konstant bleibt und
    nur durch die zu leistende Arbeit beeinflußt wird, der in jeder Gefahr
    gleichmäßig guten Appetit hat und verdaut, – und dem „nervösen“
    Menschen, dem jedes Ereignis Herzklopfen und Diarrhöe verursacht,
    – dazwischen stehen alle Abstufungen der affektiven Erregbarkeit.

    Aber immerhin bestehen beim normalen Menschen Widerstände
    für den Übergang zerebraler Erregung auf die vegetativen Organe.
    Sie entsprechen der Isolation elektrischer Leitungen. An jenen Stellen,
    wo sie anomal gering sind, werden sie bei hochgespannter zerebraler
    Erregung durchbrochen, und diese, die Erregung des Affektes, geht
    auf das periphere Organ über. Es entsteht der „anomale Ausdruck der
    Gemütsbewegung“.

    Von den beiden eben genannten Bedingungen hierfür ist die eine
    schon ausführlich erörtert worden. Es ist ein hoher Grad intrazerebraler
    Erregung, dem sowohl die Ausgleichung durch Vorstellungsablauf wie
    die durch motorische Abfuhr versagt ist; oder der zu hoch ist, als daß
    die letztere genügen könnte.

    Die andere Bedingung ist abnorme Schwäche der Widerstände
    in einzelnen Leitungsbahnen. Sie kann in der originären Beschaffenheit
    des Menschen liegen (angeborene Disposition); sie kann bedingt sein
    durch langdauernde Erregungszustände, welche sozusagen das Gefüge
    des Nervensystems lockern und alle Widerstände herabsetzen (Dis-
    position der Pubertät); durch schwächende Einflüsse, Krankheit,
    Unterernährung usw. (Disposition der Erschöpfungszustände). Der
    Widerstand einzelner Leitungswege kann herabgesetzt werden durch
    vorhergehende Erkrankung des betreffenden Organes, wodurch die
    Wege zum und vom Gehirne gebahnt wurden. Ein krankes Herz unter
    liegt dem Einflusse des Affektes stärker als ein gesundes. „Ich habe
    einen Resonanzboden im Unterleibe“, sagte mir eine an chronischer
    Parametritis leidende Frau, „was geschieht, erweckt meinen alten
    Schmerz.“ – (Disposition durch lokale Erkrankung.)

    Die motorischen Akte, in welchen sich normalerweise die Er-
    regung der Affekte entladet, sind geordnete, koordinierte, wenn auch
    oft zwecklose. Aber die übergroße Erregung kann die Koordinations-
    zentren umgehen oder durchbrechen und in elementaren Bewegungen
    abströmen. Beim Säugling sind, außer dem respiratorischen Akte des
    Schreiens, nur solche inkoordinierte Muskelkontraktionen, Bäumen
    und Strampeln, Wirkung und Ausdruck des Affektes. Mit fortschreiten-

  • S.

    179

    der Entwicklung gelangt die Muskulatur immer mehr unter die Herr-
    schaft der Koordination1) und des Willens. Aber jener Opisthotonus,
    welcher das Maximum motorischer Anstrengung der gesamten Körper-
    muskulatur darstellt, und die klonischen Bewegungen des Zappelns
    und Strampelns bleiben das Leben hindurch die Reaktionsform für die
    maximale Erregung des Gehirnes; für die rein physische des epileptischen
    Anfalles wie für die Entladung maximaler Affekte als mehr oder minder
    epileptoider Krampf. (Der rein motorische Teil des hysterischen
    Anfalles.)

    Solche abnorme Affektreaktionen gehören zwar zur Hysterie;
    aber sie kommen auch außerhalb dieser Krankheit vor; sie bezeichnen
    einen mehr minder hohen Grad von Nervosität, nicht die Hysterie.
    Als hysterisch darf man solche Phänomene erst dann bezeichnen,
    wenn sie nicht als Folgen eines hochgradigen, aber objektiv begründeten
    Affektes, sondern scheinbar spontan als Krankheitserscheinung auf-
    treten. Für diese haben viele Beobachtungen und so auch die unserigen
    nachgewiesen, daß sie auf2) Erinnerungen beruhen, welche den
    ursprünglichen Affekt erneuern. Oder besser: erneuern würden,
    wenn nicht eben jene Reaktionen schon einmal entstanden
    wären.

    Wohl bei allen geistig regsamern Menschen rinnt, bei psychischer
    Ruhe, leise ein Strom von Vorstellungen und Erinnerungen durch das
    Bewußtsein; meist mit so geringer Lebhaftigkeit der Vorstellungen,
    daß sie keine Spur im Gedächtnisse hinterlassen, und man dann nicht
    sagen kann, wie die Assoziation stattgefunden hat. Taucht aber eine
    Vorstellung auf, die ursprünglich mit einem starken Affekte verbunden
    war, so erneuert sich dieser in größerer oder geringerer Intensität.
    Die so „affektiv betonte“ Vorstellung tritt dann hell und lebhaft ins
    Bewußtsein. Die Stärke des Affektes, welchen eine Erinnerung aus-
    lösen kann, ist sehr verschieden, je nach dem Maße, in welchem sie
    den verschiedenen „usurierenden“ Einflüssen ausgesetzt war. Vor
    allem, je nachdem der ursprüngliche Affekt „abreagiert“ worden war.
    Wir haben in der „Vorläufigen Mitteilung“ darauf hingewiesen, in
    wie verschiedenem Grade z. B. der Affekt des Zornes über eine Be-
    leidigung durch die Erinnerung wachgerufen wird, wenn diese Beleidigung
    vergolten oder wenn sie stumm geduldet worden ist. War der psychische
    Reflex bei der ursprünglichen Veranlassung wirklich erfolgt, so löst

  • S.

    180

    die Erinnerung ein viel geringeres Erregungsquantum aus1). Wenn
    nicht, so drängt die Erinnerung immer wieder die scheltenden Worte
    auf die Lippen, welche damals unterdrückt wurden, und welche der
    psychische Reflex jenes Reizes gewesen wären.

    Hat sich der ursprüngliche Affekt nicht in dem normalen, sondern
    in einem „abnormen Reflexe“ entladen, so wird auch dieser durch die
    Erinnerung wieder ausgelöst; die von der affektiven Vorstellung aus-
    gehende Erregung wird in ein körperliches Phänomen „konvertiert“.
    (Freud.)

    Ist durch oftmalige Wiederholung dieser abnorme Reflex voll-
    ständig gebahnt worden, so kann sich, wie es scheint, die Wirksamkeit
    der auslösenden Vorstellungen darin so vollständig erschöpfen, daß
    der Affekt selbst nur in minimaler Stärke oder gar nicht entsteht;
    dann ist die „hysterische Konversion“ vollständig. Die Vor-
    stellung aber, welche nun nicht mehr psychische Wirkungen hat, kann
    von dem Individuum übersehen oder ihr Auftauchen alsbald wieder
    vergessen werden, wie es bei andern affektlosen Vorstellungen geschieht.

    Ein solches Ersetzen der zerebralen Erregung, welche eine Vor-
    stellung bedingen sollte, durch eine Erregung peripherer Bahnen wird
    vielleicht annehmbarer durch die Erinnerung an das umgekehrte
    Verhalten beim Ausbleiben eines präformierten Reflexes. Ich wähle
    ein höchst triviales Beispiel, den Nießreflex. Wenn ein Reiz auf der
    Nasenschleimhaut diesen präformierten Reflex aus irgendeinem Grunde
    nicht auslöst, so entsteht bekanntermaßen ein Gefühl von Erregung
    und Spannung. Es ist die Erregung, welche auf den motorischen
    Bahnen nicht abströmen kann und nun, jede andere Tätigkeit hemmend,
    über das Gehirn sich verbreitet. Dieses banalste Beispiel bietet doch
    das Schema für den Vorgang beim Ausbleiben auch der kompliziertesten

    1)Der Trieb der Rache, der beim Naturmenschen so mächtig ist und durch
    die Kultur mehr verkleidet als unterdrückt wird, ist überhaupt nichts als die
    Erregung eines nicht ausgelösten Reflexes. Eine Schädigung im Kampfe ab-
    zuwehren und dabei den Gegner zu schädigen, ist der adäquate, präformierte,
    psychische Reflex. Ist er nicht oder ungenügend vollzogen worden, so wird er
    durch die Erinnerung immer wieder ausgelöst, und es entsteht der „Rachetrieb“
    als irrationaler Willensimpuls wie alle „Triebe“. Beweis hierfür ist eben seine
    Irrationalität, seine Unabhängigkeit von allem Nutzen und aller Zweckmäßigkeit,
    ja sein Sieg über alle Rücksichten der eigenen Sicherheit. Sobald der Reflex aus-
    gelöst worden ist, kann diese Irrationalität ins Bewußtsein treten.
    „Ein anderes Antlitz, bevor sie geschehen,
    ein anderes trägt die vollbrachte Tat.“

  • S.

    181

    psychischen Reflexe. Die oben besprochene Aufregung des Rachetriebes
    ist wesentlich dasselbe; und bis in die höchsten Sphären menschlicher
    Leistungen können wir den Prozeß verfolgen. Goethe wird mit einem
    Erlebnisse nicht fertig, bis er es in dichterischer Tätigkeit erledigt
    hat. Bei ihm ist dies der präformierte Reflex eines Affektes, und
    solange dieser sich nicht vollzogen hat, besteht die peinliche gesteigerte
    Erregung.

    Die intrazerebrale Erregung und der Erregungsvorgang in peri-
    pheren Bahnen sind reziproke Größen; die erstere wächst, wenn und
    solange ein Reflex nicht ausgelöst wird, sie sinkt und schwindet, wenn
    sie sich in periphere Nervenerregung umgesetzt hat. So scheint es
    auch nicht unverständlich, daß kein merkbarer Affekt entsteht, wenn
    die Vorstellung, welche ihn veranlassen sollte, unmittelbar einen ab-
    normen Reflex auslöst, und in diesem die entstehende Erregung sogleich
    abströmt. Die „hysterische Konversion“ ist dann vollständig; die
    ursprünglich intrazerebrale Erregung des Affektes ist in den Erregungs-
    vorgang peripherer Bahnen umgewandelt worden: die ursprünglich
    affektive Vorstellung ruft jetzt nicht mehr den Affekt, sondern nur
    den abnormen Reflex hervor1).

    Wir sind damit einen Schritt weiter gekommen, über den „ab-
    normen Ausdruck der Gemütsbewegungen“ hinaus. Das hysterische
    Phänomen (abnormer Reflex) erscheint auch intelligenten und gut
    beobachtenden Kranken nicht als ideogen, weil die veranlassende
    -Vorstellung nicht mehr affektiv betont und nicht mehr vor anderen
    Vorstellungen und Erinnerungen ausgezeichnet ist; es erscheint als
    rein somatisches Phänomen, scheinbar ohne psychologische Wurzel.


    Wodurch wird nun die Entladung der Affekterregung determiniert,
    so daß eben der eine abnorme Reflex geschaffen wird und nicht irgend-
     

    1)Ich möchte den Vergleich mit einer elektrischen Anlage nicht zu Tode
    hetzen; bei der fundamentalen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse kann er ja
    die Vorgänge im Nervensysteme kaum illustrieren und gewiß nicht erklären. Aber
    hier mag noch an den Fall erinnert werden, daß durch hohe Spannung die Isolation
    der Leitung einer Beleuchtungsanlage gelitten habe und an einer Stelle ein „kurzer
    Schluß“ hergestellt sei. Treten nun an dieser Stelle elektrische Phänomene auf
    (Erwärmung, z. B. kurze Funken o. dgl.), so leuchtet die Lampe nicht, zu welcher
    die Leitung führt; wie der Affekt nicht entsteht, wenn die Erregung als abnormer
    Reflex abströmt, in ein somatisches Phänomen konvertiert wird.

  • S.

    182

    ein beliebiger anderer? Unsere Beobachtungen beantworten diese
    Frage für viele Fälle dahin, daß auch diese Entladung dem „Prinzipe
    des geringsten Widerstandes“ folgt und auf jenen Bahnen geschieht,
    deren Widerstände schon durch konkurrierende Umstände herabgesetzt
    worden sind. Dahin gehört der schon früher besprochene Fall, daß
    ein bestimmter Reflex durch somatische Krankheit bereits gebahnt ist;
    z. B. wenn jemand oft an Kardialgie leidet, wird diese auch durch
    den Affekt hervorgerufen. – Oder ein Reflex ist dadurch gebahnt,
    daß die betreffende Muskelinnervation im Momente des ursprünglichen
    Affektes willkürlich intendiert wurde; so strebt Anna O. (Beob. I)
    im Schreckaffekte den durch Drucklähmung bewegungslosen rechten
    Arm zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der
    Tetanus des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen
    Dinge hervorgerufen. Oder sie konvergiert im Affekte stark mit den
    Augen, um die Uhrzeiger zu erkennen, und nun wird der Strabismus
    konvergens einer der Reflexe dieses Affektes, usf.

    Es ist dies die Wirkung der Gleichzeitigkeit, welche ja auch
    unsere normale Assoziation beherrscht; es ruft jede Sinneswahrnehmung
    eine andere wieder ins Bewußtsein, welche ursprünglich zugleich mit
    ihr aufgetreten war; (das Schulbeispiel vom Gesichtsbilde und dem
    Blöken des Schafes u. dgl.).

    Wenn nun mit dem ursprünglichen Affekte gleichzeitig ein
    lebhafter Sinneseindruck bestanden hatte, so wird dieser vom erneuten
    Affekte wieder hervorgerufen, und zwar, da es sich dabei um die Ent-
    ladung übergroßer Erregung handelt, nicht als Erinnerung, sondern
    als Halluzination. Fast alle unsere Beobachtungen bieten hierfür Bei-
    spiele. Ein solches ist es auch, wenn eine Frau einen schmerzlichen
    Affekt durchlebt, während sie von einer Periostitis heftigen Zahn-
    schmerz hat, und nun jede Erneuerung dieses Affektes, ja die Erinnerung
    daran eine Infraorbitalneuralgie hervorruft u. dgl. m.

    Dies ist die Bahnung abnormer Reflexe nach den allgemeinen
    Gesetzen der Assoziation. Manchmal aber (freilich nur bei höheren
    Graden von Hysterie) liegen zwischen dem Affekte und seinem Re-
    flexe wirkliche Reihen von assoziierten Vorstellungen; das ist die
    Determinierung durch Symbolik. Es sind oft lächerliche Wort-
    spiele, Klangassoziationen, welche den Affekt und seinen Reflex ver-
    binden aber das geschieht nur in traumhaften Zuständen mit ver-
    minderter Kritik und liegt schon außerhalb der hier betrachteten
    Gruppe von Phänomenen.

  • S.

    183

    In sehr vielen Fällen bleibt die Determinierung unverständlich,
    weil unser Einblick in den psychischen Zustand und unsere Kenntnis
    der Vorstellungen, welche bei der Entstehung des hysterischen
    Phänomens aktuell waren, oft höchst unvollständig ist. Aber wir
    dürfen annehmen, daß der Vorgang demjenigen nicht ganz unähnlich
    sein wird, der uns in günstigeren Fällen klar ist.

    Die Erlebnisse, welche den ursprünglichen Affekt auslösten,
    dessen Erregung dann in ein somatisches Phänomen konvertiert wurde,
    bezeichneten wir als psychische Traumen und die so entstandenen
    Krankheitserscheinungen als hysterische Symptome traumati-
    schen Ursprungs. (Die Bezeichnung „traumatische Hysterie“ ist
    ja bereits für Phänomene vergeben, welche als Folgen körperlicher
    Verletzungen, Traumen im engsten Sinne, einen Teil der „traumatischen
    Neurose“ ausmachen.)

    In vollkommener Analogie mit der Entstehung traumatisch
    bedingter hysterischer Phänomene steht die hysterische Konversion
    jener psychischen Erregung, welche nicht äußeren Reizen, nicht der
    Hemmung normaler psychischer Reflexe, sondern der Hemmung des
    Assoziationsablaufes entspringt.

    Das elementare Beispiel und Paradigma hierfür liefert die Er-
    regung, welche dadurch entsteht, daß uns ein Name nicht einfällt,
    daß wir ein Rätsel nicht lösen können u. dgl. Wird uns der Name oder
    das Wort des Rätsels gesagt, so schwindet die Erregung, indem sich
    die Assoziationskette schließt, geradeso wie beim Schlusse einer Reflex-
    kette. Die Stärke der Erregung, welche von der Stockung einer Asso-
    ziationsreihe ausgeht, ist proportional dem Interesse, welches dieselbe
    für uns hat, d. h. dem Ausmaße, in welchem sie den Willen bewegt.
    Da aber beim Suchen nach einer Lösung des Problems o. dgl. immer
    eine große, wenn auch erfolglose Arbeit geleistet wird, findet auch,
    starke Erregung ihre Verwendung und drängt nicht zur Entladung
    wird darum auch nie pathogen.

    Wohl aber geschieht das, wenn der Assoziationsablauf dadurch
    gehemmt wird, daß gleichwertige Vorstellungen unvereinbar mit-
    einander sind; wenn z. B. neue Gedanken mit festgewurzelten Vor-
    stellungskomplexen in Konflikt geraten. Solcher Natur ist die Pein
    des religiösen Zweifels, der so viele Menschen unterliegen und noch
    viel mehr unterlagen. Auch hierbei steigt die Erregung und damit der
    psychische Schmerz, das Unlustgefühl zu bedeutender Höhe nur dann,
    wenn ein Willensinteresse des Individuums dabei ins Spiel kommt,

  • S.

    184

    wenn der Zweifelnde sich in seinem Glücke, seinem Seelenheile
    bedroht glaubt.

    Dies ist aber immer der Fall, wenn der Konflikt besteht zwischen
    dem festen, anerzogenen Komplexe der moralischen Vorstellungen und
    der Erinnerung an eigene Handlungen oder auch nur Gedanken, welche
    damit unvereinbar sind: die Gewissensqual. Das Willensinteresse,
    Freude an der eigenen Persönlichkeit zu haben, mit ihr zufrieden zu
    sein, tritt dabei in Aktion und steigert die Erregung der Assoziations-
    hemmung aufs höchste. Daß solcher Konflikt unvereinbarer Vor-
    stellungen pathogen wirkt, ist Sache der täglichen Erfahrung. Es
    handelt sich meist um Vorstellungen und Vorgänge des sexuellen Lebens:
    um Masturbation bei moralisch empfindlichen Adoleszenten, um das
    Bewußtsein der Neigung zu einem fremden Manne bei einer sitten-
    strengen Frau. Ja, sehr oft genügt 1das erste Auftauchen sexualer
    Empfindungen und Vorstellungen an sich schon, um durch den Konflikt
    mit der festgewurzelten Vorstellung von sittlicher Reinheit einen hoch-
    gradigen Erregungszustand zu schaffen1.

    Diesem entspringen gewöhnlich psychische Folgen: pathologische
    Verstimmung, Angstzustände (Freud). Manchmal wird aber durch
    konkurrierende Umstände ein anomales somatisches Phänomen de-
    terminiert, in welchem sich die Erregung entladet: Erbrechen, wenn
    das Gefühl moralischer Beschmutzung ein physisches Ekelgefühl erzeugt;
    eine Tussis nervosa wie bei Anna O. (Beob. I), wenn die Gewissensangst
    Glottiskrampf hervorruft u. dgl.2

    1Vgl. für diesen Punkt einige interessante Mitteilungen und Bemerkungen
    Benedikts (1889), wieder abgedruckt in der Schrift „Hypnotismus und Sug-
    gestion“, 1894 (p. 51 und ff.)

    2Ich finde in Machs „Bewegungsempfindungen“ eine Bemerkung, an
    welche hier wohl erinnert werden darf:
    „Es hat sich bei den beschriebenen (Schwindel-)Versuchen wiederholt
    gezeigt, daß ein Ekelgefühl sich hauptsächlich dann einstellte, wenn es schwer
    war, die Bewegungsempfindungen mit den optischen Eindrücken in Einklang
    zu bringen. Es sah so aus, als ooein Teil des vom Labyrinth ausgehenden Reizes
    gezwungen worden wäre, die optischen Bahnen, die ihm durch einen andern Reiz
    verschlossen waren, zu verlassen und ganz andere Bahnen einzuschlagen.
    Auch beim Versuche, Stereoskopbilder mit starken Differenzen zu kombinieren,
    habe ich wiederholt ein Ekelgefühl beobachtet.“
    Das ist geradezu das physiologische Schema für die Entstehung patho-
    logischer, hysterischer Phänomene durch die Koexistenz lebhafter, unvereinbarer
    Vorstellungen.

  • S.

    185

    Die Erregung, welche durch sehr lebhafte und durch unvereinbare
    Vorstellungen erzeugt wird, hat eine normale, adäquate Reaktion;
    die Mitteilung durch die Rede. Wir finden den Drang danach in komischer
    Übertreibung in der Geschichte vom Barbier des Midas, der sein
    Geheimnis ins Schilf hineinruft; wir finden ihn als eine der Grund-
    lagen einer großartigen historischen Institution in der katholischen
    Ohrenbeichte. Die Mitteilung erleichtert, sie entladet die Spannung
    auch dann, wenn sie nicht gegen den Priester geschieht und nicht von
    der Absolution gefolgt ist. Wird der Erregung dieser Ausweg versperrt,
    so konvertiert sie sich manchmal in ein somatisches Phänomen ebenso
    wie die Erregung traumatischer Affekte, und wir können die ganze
    Gruppe hysterischer Erscheinungen, welche diesen Ursprung haben,
    mit Freud als hysterische Retentionsphänomene bezeichnen.

    Die bisherige Darlegung des psychischen Entstehungsmechanismus
    hysterischer Phänomene steht dem Vorwurfe offen, daß sie schematisiere
    und den Vorgang einfacher darstelle, als er in Wirklichkeit ist. Damit
    sich bei einem gesunden, nicht originär neuropathischen Menschen ein
    richtiges hysterisches Symptom ausbilde, mit seiner scheinbaren Un-
    abhängigkeit von der Psyche, seiner selbständigen somatischen Existenz,
    müssen fast immer mehrfache Umstände konkurrieren.

    Der folgende Fall mag als Beispiel dieser Kompliziertheit des Vorganges
    dienen: Ein 12jähriger Knabe, früher an Pavor nocturnus leidend und Sohn eines
    sehr nervösen Vaters, kam eines Tages unwohl aus der Schule. Er klagte über
    Schlingbeschwerden, d. h. er konnte nur mit Schwierigkeit schlucken, und über
    Kopfschmerz. Der Hausarzt nahm eine Angina als Ursache an. Aber auch nach
    mehreren Tagen besserte sich der Zustand nicht. Der Junge wollte nicht essen,
    erbrach, als man ihn dazu verhielt, schleppte sich müde und lustlos herum, wollte
    immer zu Bette liegen und kam körperlich sehr herab. Als ich ihn nach 5 Wochen
    sah, machte er den Eindruck eines scheuen, verschlossenen Kindes, und ich
    gewann die Überzeugung, der Zustand habe eine psychische Begründung. Auf
    drängende Fragen gab er eine banale Ursache an, einen strengen Verweis des
    Vaters, der offenbar nicht die wirkliche Grundlage der Erkrankung war. Auch
    aus der Schule war nichts zu erfahren. Ich versprach, später in der Hypnose die
    Mitteilung zu erzwingen. Doch das wurde unnötig. Als ihn die kluge und energische
    Mutter einmal hart anließ, begann er unter einem Tränenstrome zu erzählen. Er
    war damals auf dem Heimwege von der Schule in ein Pissoir getreten, und dort
    hatte ihm ein Mann den Penis hingehalten mit der Aufforderung, ihn in den Mund
    zu nehmen. Er war voll Schreck weggelaufen, und es war ihm sonst nichts ge-
    schehen. Aber von dem Augenblicke an war er krank. Von dem Momente der
    Beichte an wich der Zustand völliger Gesundheit. – Um das Phänomen der An-
    orexie, der Schlingbeschwerden, des Erbrechens zu erzeugen, brauchte es hier
    mehrerer Faktoren: die angeborene nervöse Artung, den Schreck, das Herein-
    brechen des Sexualen in seiner brutalsten Form in das Kindergemüt, und als

  • S.

    186

    determinierendes Moment die Ekelvorstellung. Ihre Dauer verdankte die Er-
    krankung dem Verschweigen, wodurch der Erregung die normale Abfuhr ver-
    sagt wurde.

    So wie in diesem Falle, so müssen immer mehrere Faktoren
    zusammenwirken, damit bei einem bisher Gesunden ein hysterisches
    Symptom sich bilde; dieses ist immer „überdeterminiert“ nach
    dem Ausdrucke Freuds.

    Als solche Überdeterminierung kann es auch gelten, wenn
    derselbe Affekt durch mehrere, wiederholte Anlässe hervorgerufen
    wird. Der Kranke und die Umgebung beziehen das hysterische Symptom
    nur auf den letzten Anlaß, der aber meist nur zur Erscheinung gebracht
    hat, was durch andere Traumen schon fast vollständig geleistet war.

    1 Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich
    dann eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter
    sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber,
    daß das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit
    Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch
    selbst in sexuale Erregung geraten war. (Disposition.) Auf derselben dunklen
    Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden,
    dessen Angriffe sie sich mit Not entzog. Dies war das eigentliche psychische
    Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie vielen
    Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?

    Für solche Durchsetzung der Konversion durch Wiederholung
    des Affektes ist nicht immer eine Mehrzahl von äußeren Anlässen
    nötig; oft genügt auch die Erneuerung des Affektes in der Erinnerung,
    wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affekt abgeschwächt
    hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn
    der Affekt ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen
    Hysterien im engeren Wortsinne.

    In den Tagen nach einem Eisenbahnunglücke z. B. wird im
    Schlafe und im Wachen die Schreckensszene wieder durchlebt, immer
    mit der Erneuerung des Schreckaffektes, bis endlich nach dieser Zeit
    „psychischer Ausarbeitung“ (Charcot) oder Inkubation die Kon-
    vertierung in ein somatisches Phänomen zustande gekommen ist.
    (Allerdings wirkt hierbei noch ein Faktor mit, der später zu be-
    sprechen ist.)

    Aber gewöhnlich unterliegt die affektive Vorstellung alsbald der
    Usur, all jenen in der „Vorläufigen Mitteilung“ berührten Ein-
    flüssen, die sie nach und nach ihres Affektwertes berauben. Ihr Wieder-
    auftauchen bedingt ein immer geringeres Maß von Erregung, und

    1 Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.

  • S.

    187

    damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines so
    matischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes
    verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.
    Die usurierenden Einflüsse sind aber sämtlich Leistungen der Asso-
    ziation, des Denkens, Korrektur durch andere Vorstellungen. Diese wird
    unmöglich, wenn die Affektvorstellung dem „Assoziationsverkehr“ ent-
    zogen wird; und in solchem Falle behält dieselbe ihren ganzen Affektwert.
    Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze Erregungs-
    summe des ursprünglichen Affektes frei macht, wird die damals be-
    gonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen oder die
    damals zustande gekommene erhalten und stabilisiert. Das Phänomen
    hysterischer Konversion ist dann vollständig für die Dauer etabliert.
     

    Wir kennen aus unseren Beobachtungen zwei Formen solchen
    Ausschlusses von Affektvorstellungen aus der Assoziation.
     

    Die erste ist die „Abwehr“, die willkürliche Unterdrückung
    peinlicher Vorstellungen, durch welche sich der Mensch in seiner Lebens-
    freude oder in seiner Selbstachtung bedroht fühlt. Freud hat in
    seiner Mitteilung über „Abwehr-Neuro-Psychosen“ (Neurol. Zentral-
    blatt, Nr. 10, 1894) und in den hier vorliegenden Krankengeschichten
    über diesen Vorgang gesprochen, der gewiß eine sehr hohe pathologische
    Bedeutung hat.
     

    Es ist wohl nicht verständlich, wieso eine Vorstellung willkürlich
    aus dem Bewußtsein verdrängt werden kann; aber wir kennen den
    entsprechenden positiven Vorgang: die Konzentration der Aufmerksam-
    keit auf eine Vorstellung, genau und können ebensowenig sagen, wie
    wir ihn vollziehen.
     

    Vorstellungen nun, von denen sich das Bewußtsein abwendet,
    über die nicht gedacht wird, bleiben auch der Usur entzogen und
    behalten ihren Affektbetrag ungemindert.
     

    Wir haben weiter gefunden, daß eine andere Art von Vor-
    stellungen der Usur durch das Denken entzogen bleibt, nicht weil
    man sie nicht erinnern will, sondern weil man es nicht kann; weil
    sie in Zuständen ursprünglich aufgetaucht sind und mit Affekt belehnt
    wurden für die im wachen Bewußtsein Amnesie besteht, in hypnotischen
    und hypnoseähnlichen Zuständen. Diese letzteren scheinen von höchster
    Bedeutung für die Lehre von der Hysterie zu sein und darum eine
    etwas eingehendere Besprechung zu verdienen1).
     

    1)Wenn hier und später von Vorstellungen die Rede ist, die aktuell, wirksam
    und doch unbewußt sind, so handelt es sich dabei nur selten um einzelne Vor-
     

  • S.

    188

    IV. Hypnoide Zustände.

    Als wir in der „Vorläufigen Mitteilung“ den Satz aussprechen:
    Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden
    Zuständen, übersahen wir, daß Möbius 1890 bereits ganz dasselbe
    gesagt hatte. „Die Voraussetzung des (pathogenen) Wirkens der Vor-
    stellungen ist eine angeborene, d. h. die hysterische Anlage einerseits
    und ein besonderer Gemütszustand anderseits. Von diesem Gemüts-
    zustande kann man sich nur eine unklare Vorstellung machen. Er
    muß dem hypnotischen ähnlich sein, er muß einer gewissen Leere des
    Bewußtseins entsprechen, in der einer auftauchenden Vorstellung
    von seiten anderer kein Widerstand entgegengesetzt wird, in der so-
    zusagen der Thron für den ersten besten frei ist. Wir wissen, daß ein
    solcher Zustand, außer durch Hypnotisierung durch Gemütserschütte-
    rung (Schreck, Zorn usw.) und durch erschöpfende Einflüsse (Schlaf-
    losigkeit, Hunger usw.) herbeigeführt werden kann1).“

    Die Frage, deren annähernde Lösung Möbius hiermit zunächst
    versuchte, ist die nach der Entstehung somatischer Phänomene durch
    Vorstellungen. Er erinnert dabei an die Leichtigkeit, mit welcher eine
    solche in der Hypnose stattfindet, und hält die Wirkung der Affekte
    für analog. Unsere, einigermaßen abweichende Anschauung über
    diese Affektwirkung ist oben ausführlich dargelegt worden. Ich brauche
    darum hier nicht weiter auf die Schwierigkeit einzugehen, welche darin
    liegt, daß M. beim Zorne eine „Leere des Bewußtseins“2) annimmt (die
    beim Schreck und bei der protrahierten Angst allerdings besteht),
    und wie schwer es überhaupt ist, den Erregungszustand des Affektes
    mit der Ruhe der Hypnose zu analogisieren. Wir werden aber auf
    die Sätze Möbius’, die, wie ich meine, eine wichtige Wahrheit ent-
    halten, später zurückkommen.

    Für uns liegt die Wichtigkeit der hypnoseähnlichen, „hypnoiden“
    Zustände außerdem und vor allem in der Amnesie und in ihrer Fähig-
    stellungen (wie etwa die halluzinierte große Schlange Anna O.s, welche die
    Kontraktur auslöst); fast immer um Vorstellungskomplexe, um Verbindungen,
    um Erinnerungen an äußere Vorgänge und eigene Gedankengänge. Die in solchen
    Vorstellungskomplexen enthaltenen Einzelvorstellungen werden gelegentlich alle
    bewußt gedacht. Nur die bestimmte Kombination ist aus dem Bewußtsein verbannt.

    1)Möbius, Über Astasie-Abasie, Neurol. Beiträge, I. Heft, p. 17.

    2)Vielleicht meint M. mit dieser Bezeichnung nichts anderes als die Hemmung
    des Vorstellungsablaufes, welche beim Affekt allerdings besteht, wenn auch aus
    durchaus anderen Ursachen entspringend als bei der Hypnose.

  • S.

    189

    keit, jene später zu besprechende Spaltung der Psyche zu bedingen,
    welche für die „große Hysterie“ von fundamentaler Bedeutung ist.
    Diese Wichtigkeit legen wir ihnen auch jetzt noch bei. Doch muß ich
    unseren Satz wesentlich einschränken. Die Konversion, die ideogene
    Entstehung somatischer Phänomene vollzieht sich auch außerhalb
    der hypnoiden Zustände, und für die Bildung von Vorstellungskom-
    plexen, die vom Assoziationsverkehre ausgeschlossen sind, hat Freud
    in der willkürlichen Amnesie der Abwehr eine zweite, von den hypnoiden
    Zuständen unabhängige Quelle gefunden. Aber, mit dieser Einschrän-
    kung, meine ich noch immer, diese letzteren seien Ursache und Be-
    dingung vieler, ja der meisten großen und komplizierten Hysterien.

    Zu den hypnoiden Zuständen zählen natürlich vor allem die
    wirklichen Autohypnosen, die sich von den artefiziellen nur durch ihre
    spontane Entstehung unterscheiden. Wir finden sie bei manchen voll
    entwickelten Hysterien in wechselnder Häufigkeit und mit verschiedener
    Dauer, oft in raschesterm Alternieren mit dem Zustande des normalen
    Wachens abwechselnd1). Ihres traumhaften Vorstellungsinhaltes wegen
    können sie oft den Namen des Delirium hystericum verdienen. Im
    Wachen besteht für die inneren Vorgänge dieser Zustände eine mehr
    oder minder vollständige¿Amnesie, während sie in der artefiziellen
    Hypnose vollständig erinnert werden. Die psychischen Resultate dieser
    Zustände, die darin gebildeten Assoziationen, sind eben durch die
    Amnesie jeder Korrektur im wachen Denken entzogen. Und da in der
    Autohypnose die Kritik und Kontrolle durch andere Vorstellungen
    herabgesetzt und meist fast ganz geschwunden ist, so können ihr die
    verrücktesten Wahnvorstellungen entstammen und sich lange intakt
    erhalten. So entsteht eine etwas kompliziertere irrationale „symbolische
    Beziehung zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phä-
    nomen“, welche ja oft auf den lächerlichsten Klangähnlichkeiten und
    Wortassoziationen beruht, fast nur in solchen Zuständen. Die Kritik-
    losigkeit derselben bedingt es, daß ihnen so häufig Autosuggestionen
    entspringen, z. B. wenn nach einem hysterischen Anfalle eine Lähmung
    zurückbleibt. Aber, vielleicht zufälligerweise, sind wir in unseren
    Analysen kaum jemals auf diese Entstehung eines hysterischen Phä-
    nomens gestoßen. Wir fanden diese immer, auch in der Autohypnose,
    durch denselben Vorgang bedingt wie außerhalb derselben, durch
    die Konvertierung einer Affekterregung.

    1)Beobachtung I und II.

  • S.

    190

    Diese „hysterische Konversion“ vollzieht sich in der Autohypnose
    jedenfalls leichter als im Wachen, wie ja auch in der artefiziellen Hypnose
    Suggestivvorstellungen sich als Halluzinationen und Bewegungen so viel
    leichter körperlich realisieren. Aber der Vorgang der Erregungskon-
    version ist doch im Wesen derselbe, wie er oben dargelegt worden ist.
    Hat er einmal stattgefunden, so wiederholt sich das somatische Phä-
    nomen, wenn Affekt und Autohypnose wieder zusammentreffen. Und
    es scheint, daß der hypnotische Zustand dann durch den Affekt selbst
    hervorgerufen werde. So bleibt zunächst, solange die Hypnose mit
    vollem Wachen rein alterniert, das hysterische Symptom auf den
    hypnotischen Zustand beschränkt und wird durch die Wiederholung
    in diesem verstärkt; die veranlassende Vorstellung bleibt aber vor
    der Korrektur durch das wache Denken und seine Kritik geschützt,
    weil sie eben im klaren Wachen gar nie auftaucht.

    So blieb bei Anna O. (Beob. I) die Kontraktur des rechten Armes,
    die sich in der Autohypnose mit dem Angsteffekte und der Vorstellung
    der Schlange assoziiert hatte, durch 4 Monate auf die Momente des
    hypnotischen (oder – wenn man für Absenzen von sehr kurzer Dauer
    diesen Namen unpassend findet – des hypnoiden) Zustandes beschränkt,
    wiederholte sich aber häufig. Dasselbe geschah mit anderen in dem
    Hypnoidzustande vollzogenen Konversionen, und so bildete sich in voll-
    kommener Latenz jener große Komplex von hysterischen Phänomenen, der
    in die Erscheinung trat, als der hypnoide Zustand andauernd wurde.

    Im hellen Wachen treten so entstandene Phänomene erst dann
    auf, wenn sich die später zu besprechende Spaltung der Psyche voll-
    zogen hat, und an die Stelle des Alternierens zwischen Wach- und
    Hypnoidzustand die Koexistenz der normalen und der hypnoiden
    Vorstellungskomplexe getreten ist.

    Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der Erkrankung
    und wie kommen sie zustande? Ich weiß hierüber wenig zu sagen, denn
    wir verfügen über keine andere Beobachtung, außer über den Fall
    Anna O., die darüber Aufschluß geben könnte. Bei dieser Kranken
    scheint es sicher, daß die Autohypnose vorbereitet war durch habituelle
    Träumerei und daß sie dann völlig hergestellt wurde durch einen
    Affekt protrahierter Angst, der ja selbst einen hypnoiden Zustand
    begründet. Es scheint nicht unwahrscheinlich, daß dieser Vorgang
    allgemeinere Geltung hat.

    Sehr verschiedenartige Zustände bedingen „Geistesabwesenheit“,
    aber nur einige davon disponieren zur Autohypnose oder gehen direkt

  • S.

    191

    in solche über. Der in ein Problem versunkene Forscher ist wohl auch
    bis zu einem gewissen Grade anästhetisch und bildet aus großen Gruppen
    von Sinnesempfindungen keine bewußten Wahrnehmungen; ebenso
    wie der mit Lebhaftigkeit phantastisch Dichtende („Privattheater“
    Anna O.’s). Aber in diesen Zuständen wird energisch psychische Arbeit
    geleistet; die frei werdende Erregung des Nervensystems wird in dieser
    verbraucht. – In der Zerstreutheit, dem Hindämmern hingegen sinkt
    die intrazerebrale Erregung unter das Niveau des hellen Wachens;
    diese Zustände grenzen an die Schläfrigkeit und gehen in Schlaf über.
    Wenn aber in solchen Zuständen des „Versunkenseins“ und bei gehemm-
    tem Vorstellungsablauf eine Gruppe von affektiv betonten Vorstellungen
    lebendig ist, so schafft sie ein hohes Niveau der intrazerebralen Er-
    regung, welche nicht durch psychische Arbeit verbraucht wird und
    für anomale Leistungen, für die Konversion, verfügbar ist.

    So ist weder die „Geistesabwesenheit“ bei energischer Arbeit
    noch der affektlose Dämmerzustand pathogen, wohl aber die mit
    Affekt erfüllte Träumerei und der Ermüdungszustand potrahierter
    Affekte. Das Brüten des Bekümmerten, die Angst desjenigen, der am
    Krankenbette eines teuren Menschen wacht, die verliebte Träumerei
    sind solche Zustände. Die Konzentration auf die affektive Vorstellungs-
    gruppe bedingt zuerst die „Abwesenheit“. Allmählich verlangsamt sich
    der Vorstellungsablauf, um endlich fast zu stagnieren; aber die affektive
    Vorstellung und ihr Affekt bleiben lebendig und damit auch die große
    Quantität funktionell nicht verbrauchter Erregung. Die Ähnlichkeit
    der Verhältnisse mit den Bedingungen der Hypnose scheint unver-
    kennbar. Auch der zu Hypnotisierende darf nicht wirklich einschlafen,
    d. h. seine intrazerebrale Erregung darf nicht auf das Niveau des
    Schlafes absinken; aber der Vorstellungsablauf muß gehemmt werden.
    Dann steht der suggerierten Vorstellung die ganze Erregungsmasse
    zur Verfügung.

    So dürfte die pathogene Autohypnose bei manchen Menschen
    entstehen, indem der Affekt in die habituelle Träumerei eintritt. Es
    ist das vielleicht einer der Gründe dafür, daß wir in der Anamnese der
    Hysterie so oft den beiden großen pathogenen Faktoren begegnen:
    der Verliebtheit und der Krankenpflege. Die erstere schafft mit dem
    sehnsuchtsvollen Gedanken an den abwesenden Geliebten die „Ent-
    rückung“, das Verdämmern der umgebenden Realität und dann das
    affekterfüllte Stillestehen des Denkens; die Krankenpflege stellt durch
    die äußere Ruhe, die Konzentration auf ein Objekt, das Horchen auf

  • S.

    192

    die Atemzüge des Kranken, geradezu dieselben Bedingungen her
    wie viele Hypnotisierungsmethoden und füllt den so entstandenen
    Dämmerzustand mit dem Affekte der Angst. Vielleicht unterscheiden
    sich diese Zustände nur quantitativ von wirklichen Autohypnosen und
    gehen in solche über.

    Ist das einmal geschehen, so wiederholt sich der hypnoseähnliche
    Zustand durch dieselben Umstände immer wieder, und das Individuum
    hat dann statt der normalen zwei Seelenzustände deren drei: Wachen,
    Schlaf und Hypnoid, wie wir es auch bei häufiger Wiederholung tiefer
    artefizieller Hypnose beobachten.

    Ich weiß nicht zu sagen, ob sich die spontanen hypnotischen
    Zustände auch ohne solches Eingreifen des Affektes entwickeln können,
    als Resultate originärer Anlage; ich halte das aber für sehr wahrscheinlich.
    Wenn wir sehen, wie verschieden bei den gesunden und kranken
    Menschen die Fähigkeit zu artefizieller Hypnose ist, wie leicht sie bei
    manchen eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß sie bei solchen auch
    spontan vorkomme. Und die Anlage hierzu ist vielleicht notwendig
    dafür, daß die Träumerei sich in Autohypnose verwandle. Ich bin
    also weit davon entfernt, den Entstehungsmechanismus, den uns
    Anna O. kennen gelehrt hat, bei allen Hysterischen vorauszusetzen.

    Ich spreche von hypnoiden Zuständen statt von Hypnose selbst,
    weil diese in der Entwicklung der Hysterie so wichtigen Zustände
    sehr schlecht abgegrenzt sind. Wir wissen nicht, ob die Träumerei,
    die oben als Vorstadium der Autohypnose bezeichnet wurde, nicht
    selbst schon dieselbe pathogene Leistung vollbringen kann wie diese,
    und ob es protrahierter Angstaffekt nicht ebenfalls tut. Vom Schreck
    ist das sicher. Indem er den Vorstellungsablauf hemmt, während doch
    eine affektive Vorstellung (der Gefahr) sehr lebhaft ist, steht er in
    vollem Parallelismus mit der affekterfüllten Träumerei; und indem
    die immer erneute Erinnerung diesen Seelenzustand immer wieder
    herstellt, entsteht ein „Schreckhypnoid“, in welchem die Konversion
    durchgesetzt oder stabilisiert wird; das Inkubationsstadium der
    „traumatischen Hysterie“ sens. strict.

    Da so verschiedene, aber im wichtigsten Punkte übereinstimmende
    Zustände sich der Autohypnose anreihen, so empfiehlt sich der Ausdruck
    „Hypnoid“, der diese innere Ähnlichkeit hervorhebt. Er resumiert jene
    Anschauung, die Möbius in den oben zitierten Sätzen vertreten hat.

    Vor allem aber bezeichnet er die Autohypnose selbst, deren
    Wichtigkeit für die Entstehung hysterischer Phänomene beruht auf

  • S.

    193

    der Erleichterung der Konversion, dem Schutze der konvertierten
    Vorstellungen vor der Usur (durch die Amnesie) und der schließlich
    daraus erwachsenden psychischen Spaltung.

    Wenn nun ein körperliches Symptom durch eine Vorstellung
    verursacht ist und durch diese immer wieder ausgelöst wird, so sollte
    man erwarten, daß intelligente und der Selbstbeobachtung fähige
    Kranke dieses Zusammenhanges sich bewußt wären; daß sie es er-
    fahrungsgemäß wüßten, das somatische Phänomen komme zugleich
    mit der Erinnerung an einen bestimmten Vorgang. Der innere Kausal-
    nexus freilich ist ihnen unbekannt; aber wir alle wissen doch immer,
    welche Vorstellung uns weinen oder lachen oder erröten macht, wenn
    uns auch der nervöse Mechanismus dieser ideogenen Phänomene nicht
    entfernt klar ist. – Manchmal nun beobachten die Kranken den
    Zusammenhang wirklich und sind sich seiner bewußt; eine Frau sagt
    z. B., der leichte hysterische Anfall (Zittern und Herzklopfen etwa)
    stamme von einer großen Gemütsaufregung und wiederhole sich nur
    bei jedem daran erinnernden Vorgange. Von sehr vielen, wohl der Mehr-
    zahl der hysterischen Symptome gilt das aber nicht. Auch intelligente
    Kranke wissen nicht, daß sie im Gefolge einer Vorstellung eintreten
    und halten sie für selbständige körperliche Phänomene. Wäre dies
    anders, so müßte die psychische Theorie der Hysterie schon ein ehr-
    würdiges Alter haben.

    Es liegt nun nahe zu glauben, die betreffenden Krankheits-
    erscheinungen seien zwar ursprünglich ideogen entstanden; die Wieder-
    holung habe sie aber, um den Rombergschen Ausdruck zu brauchen,
    dem Körper „eingebildet“, und nun beruhten sie nicht mehr auf einem
    psychischen Vorgange, sondern auf den unterdes entstandenen Ver-
    änderungen des Nervensystems; sie seien selbständige, echt somatische
    Symptome geworden.

    Von vornherein ist diese Anschauung weder unmöglich noch
    unwahrscheinlich. Aber ich glaube das Neue, welches unsere Beob-
    achtungen für die Lehre von der Hysterie bringen, liegt eben in dem
    Nachweise, daß sie – mindestens in sehr vielen Fällen – unzutreffend
    ist. Wir sahen, daß die verschiedensten hysterischen Symptome nach
    jahrelangem Bestande „sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden,
    wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang
    zu voller Helligkeit zu erwecken, damit den begleitenden Affekt wach-
     

  • S.

    194

    zurufen, und wenn der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher
    Weise schilderte und dem Affekte Worte gab“. Die hier erzählten
    Krankengeschichten geben einige Belege für diese Behauptung. „In
    Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus dürfen wir wohl
    aus diesen Beobachtungen schließen: der veranlassende Vorgang
    (d. h. die Erinnerung daran) wirke noch nach Jahren fort, nicht in-
    direkt durch Vermittlung einer Kette von kausalen Zwischengliedern,
    sondern unmittelbar als auslösende Ursache, wie etwa ein im wachen
    Bewußtsein erinnerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die
    Tränensekretion hervorruft; der Hysterische leide größtenteils an
    Reminiszenzen.“

    Wenn dies aber der Fall ist, wenn die Erinnerung an das psy-
    chische Trauma, nach Art eines Fremdkörpers, lange Zeit nach seinem
    Eindringen noch als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muß und
    doch der Kranke von diesen Erinnerungen und ihrem Auftauchen kein
    Bewußtsein hat, so müssen wir zugestehen, daß unbewußte Vor-
    stellungen existieren und wirken.

    Wir finden aber solche bei der Analyse der hysterischen Phänomene
    nicht bloß vereinzelt, sondern müssen anerkennen, daß wirklich, wie
    die verdienstvollen französischen Forscher gezeigt haben, große Kom-
    plexe von Vorstellungen und verwickelte, folgenreiche psychische
    Prozesse bei manchen Kranken völlig unbewußt bleiben und mit dem
    bewußten psychischen Leben koexistieren; daß eine Spaltung der
    psychischen Tätigkeit vorkommt und daß diese fundamentale Wichtig-
    keit hat für das Verständnis komplizierter Hysterien.

    Es sei gestattet, auf dieses schwierige und dunkle Gebiet etwas
    einzugehen; die Notwendigkeit, den Sinn der gebrauchten Ausdrücke
    festzustellen, mag die theoretisierende Auseinandersetzung einiger-
    maßen entschuldigen.

    V. Unbewußte und bewußtseinsunfähige Vorstellungen.

    Spaltung der Psyche.

    Wir nennen jene Vorstellungen bewußt, von denen wir wissen.
    Es besteht beim Menschen die wunderbare Tatsache des Selbstbewußt-
    seins; wir können Vorstellungen, die in uns auftauchen und einander
    folgen, wie Objekte betrachten und beobachten. Dies geschieht nicht
    immer, da ja zur Selbstbeobachtung selten Anlaß ist. Aber es ist eine
    allen Menschen eigene Fähigkeit, denn jeder sagt: ich habe das und
    das gedacht. Jene Vorstellungen, die wir als in uns lebendig beobachten

  • S.

    195

    oder beobachten würden, wenn wir darauf acht hätten, nennen wir
    bewußte. Das sind in jedem Zeitmomente nur sehr wenige; und wenn
    außer diesen noch andere aktuell sein sollten, müßten wir sie un-
    bewußte Vorstellungen nennen.

    Für die Existenz aktueller, aber unbewußter oder unterbewußter
    Vorstellungen zu sprechen, scheint kaum mehr nötig. Es sind Tat-
    sachen des alltäglichen Lebens. Wenn ich einen ärztlichen Besuch
    zu machen vergessen habe, fühle ich lebhafte Unruhe. Ich weiß aus
    Erfahrung, was diese Empfindung bedeutet: ein Vergessen. Vergebens
    prüfe ich meine Erinnerungen, ich finde die Ursache nicht, bis sie
    mir oft nach Stunden plötzlich ins Bewußtsein tritt. Aber die ganze
    Zeit über bin ich unruhig. Also ist die Vorstellung dieses Besuches
    immer wirksam, also auch immer vorhanden, aber nicht im Bewußt-
    sein. – Ein beschäftigter Mann hat morgens einen Verdruß gehabt.
    Sein Amt nimmt ihn ganz in Anspruch; während der Tätigkeit ist
    sein bewußtes Denken völlig beschäftigt, und er denkt nicht an seinen
    Ärger. Aber seine Entscheidungen werden davon beeinflußt, und er
    sagt wohl nein, wo er sonst ja sagen würde. Also ist die Erinnerung
    trotzdem wirksam, also vorhanden. Ein großer Teil dessen, was wir
    Stimmung nennen, stammt aus solcher Quelle, aus Vorstellungen, die
    unter der Schwelle des Bewußtseins existieren und wirken.1) Ja,
    unsere ganze Lebensführung wird fortwährend von unterbewußten
    Vorstellungen beeinflußt. Wir sehen täglich, wie bei geistigem Ver-
    fall, z. B. im Beginne einer Paralyse, die Hemmungen schwächer werden
    und schwinden, die sonst manche Handlungen verhindern. Aber der
    Paralytiker, der jetzt vor Frauen Zoten spricht, ist in gesunden Tagen
    davon nicht durch bewußte Erinnerung und Überlegung abgehalten
    worden. Er mied es „instinktiv“ und „automatisch“, d. h. er wurde
    durch Vorstellungen davon abgehalten, welche der Impuls zu solcher
    Handlung wachrief, die aber unter der Bewußtseinsschwelle blieben
    und doch den Impuls hemmten. – Alle intuitive Tätigkeit ist geleitet
    durch Vorstellungen, die großenteils unterbewußt sind. Es werden
    eben nur die hellsten, intensivsten Vorstellungen vom Selbstbewußtsein
    wahrgenommen, während die große Masse aktueller, aber schwächerer
    Vorstellungen unbewußt bleibt.

    Was gegen die Existenz und Wirksamkeit „unbewußter Vor-
    stellungen“ eingewendet wird, erscheint großenteils als Wortschikane.
    Gewiß ist „Vorstellung“ ein Wort aus der Terminologie des bewußten
    Denkens und darum „unbewußte Vorstellung“ ein widerspruchsvoller
    13*

  • S.

    196

    Ausdruck. Aber der physische Prozeß, welcher der Vorstellung zu
    grunde liegt, ist inhaltlich und formal (wenn auch nicht quantitativ)
    derselbe, ob die Vorstellung über die Schwelle des Bewußtseins tritt
    oder darunter bleibt. Es genügte, einen Terminus zu bilden wie etwa
    „Vorstellungssubstrat“, um den Widerspruch zu meiden und jenem
    Vorwurfe zu entgehen.

    Es scheint also kein prinzipielles Hindernis dafür vorhanden,
    daß man unbewußte Vorstellungen auch als Ursachen pathologischer
    Phänomene anerkenne. Aber bei näherem Eingehen in die Sache ergeben
    sich andere Schwierigkeiten. Wenn sonst die Intensität unbewußter
    Vorstellungen anwächst, treten sie eo ipso ins Bewußtsein. Sie bleiben
    unbewußt nur bei geringer Intensität. Es scheint aber schwer ein-
    zusehen, wie eine Vorstellung zugleich intensiv genug sein sollte, um
    z. B. eine lebhafte motorische Aktion hervorzurufen und doch nicht
    genug, um bewußt zu werden.

    Ich habe schon eine Anschauung erwähnt, welche vielleicht
    nicht kurz von der Hand gewiesen werden sollte. Die Helligkeit unserer
    Vorstellungen und damit ihre Fähigkeit, vom Selbstbewußtsein beob-
    achtet zu werden, bewußt zu sein, ist mitbedingt von dem Lust- oder
    Unlustgefühle, welches sie erwecken, von ihrem Affektwerte. Wenn
    eine Vorstellung eine lebhafte somatische Folge unmittelbar auslöst,
    so strömt die Erregung in die betreffende Bahn ab, welche sonst, von
    ihr ausgehend, im Gehirne sich verbreiten würde, und eben deshalb,
    weil sie körperliche Folgen hat, weil eine Konversion ihrer psychi-
    schen Reizgröße in somatische stattgefunden hat, verliert sie die Hellig-
    keit, welche sie sonst in dem Strome der Vorstellungen auszeichnen
    würde; sie verliert sich unter den anderen.

    Es hat z. B. jemand während des Essens einen heftigen Affekt
    gehabt und nicht „abreagiert“. In der Folge tritt beim Versuche zu
    essen Würgen und Erbrechen auf, welches dem Kranken als rein körper-
    liches Symptom erscheint. Es besteht durch längere Zeit hysterisches
    Erbrechen, welches schwindet, nachdem in der Hypnose der Affekt
    erneuert, erzählt und darauf reagiert wurde. Unzweifelhaft ist durch
    den Versuch zu essen jedesmal jene Erinnerung wachgerufen worden
    und hat den Brechakt ausgelöst. Aber sie tritt nicht klar ins Bewußt-
    sein, weil sie nun affektlos ist, während das Erbrechen die Aufmerk-
    samkeit vollkommen absorbiert.

    Es ist denkbar, daß aus diesem Grunde manche Vorstellungen,
    welche hysterische Phänomene auslösen, nicht als Ursache derselben

  • S.

    197

    erkannt werden. Aber ein solches Übersehen affektlos gewordener,
    weil konvertierter Vorstellungen kann unmöglich die Ursache davon
    sein, wenn in anderen Fällen Vorstellungskomplexe nicht ins Bewußtsein
    treten, welche nichts weniger als affektlos sind. In unseren Kranken-
    geschichten sind mehrfache Beispiele dafür beigebracht.

    Bei solchen Kranken ist es Regel, daß die Stimmungsveränderung,
    Ängstlichkeit, zornige Gereiztheit, Trauer dem Auftreten des somati-
    schen Symptoms vorhergeht oder ihm alsbald folgt, um anzuwachsen,
    bis entweder durch eine Aussprache die Lösung erfolgt oder Affekt
    und somatische Phänomene allmählich wieder schwinden. Geschah
    das erstere, so wurde die Qualität des Affektes immer ganz verständlich,
    wenn auch seine Intensität dem Gesunden und nach der Lösung auch
    dem Kranken selbst ganz unproportional erscheinen mußte. Das sind
    also Vorstellungen, welche intensiv genug sind, um nicht bloß starke
    körperliche Phänomene zu verursachen, sondern auch den zugehörigen
    Affekt hervorzurufen, die Assoziation zu beeinflussen, indem verwandte
    Gedanken durch sie bevorzugt werden, – und dennoch selbst außerhalb
    des Bewußtseins bleiben. Es bedarf der Hypnose, wie in Beobachtung I
    und II, oder intensiver Nachhilfe des Arztes (Beobachtung IV, V) bei
    dem mühsamsten Suchen, um sie ins Bewußtsein zu bringen.

    Solche Vorstellungen, welche (aktuell aber) unbewußt sind,
    nicht wegen relativ schwacher Lebhaftigkeit, sondern trotz großer
    Intensität, mögen wir bewußtseinsunfähige1) Vorstellungen nennen.

    Die Existenz solcher bewußtseinsunfähiger Vorstellungen ist
    pathologisch. Beim Gesunden treten alle Vorstellungen, welche über-
    haupt aktuell werden können, bei genügender Intensität auch ins
    Bewußtsein. Bei unseren Kranken finden wir nebeneinander den großen
    Komplex bewußtseinsfähiger und einen kleineren bewußtseinsunfähiger
    Vorstellungen. Das Gebiet der vorstellenden psychischen Tätigkeit
    fällt bei ihnen also nicht zusammen mit dem potentiellen Bewußtsein;
    sondern dieses ist beschränkter als jenes. Die psychische vorstellende
    Tätigkeit zerfällt hier in eine bewußte und unbewußte, die Vorstellungen
    in bewußtseinsfähige und nicht bewußtseinsfähige. Wir können also
    nicht von einer Spaltung des Bewußtseins sprechen, wohl aber von
    einer Spaltung der Psyche.

    1)Der Ausdruck ist nicht eindeutig und läßt darum sehr zu wünschen
    übrig; aber nach der Analogie von „hoffähig“ gebildet, mag er in Ermanglung
    eines besseren unterdessen gebraucht werden.

  • S.

    198

    Umgekehrt sind diese unterbewußten Vorstellungen auch durch
    das bewußte Denken nicht zu beeinflussen und nicht zu korrigieren.
    Vielfach handelt es sich um Erlebnisse, die seitdem inhaltslos geworden
    sind, Furcht vor Ereignissen, die nicht eingetroffen sind, Schrecken,
    der sich in Gelächter oder Freude über die Rettung aufgelöst hat.
    Diese Nachfolgen nehmen der Erinnerung für das bewußte Denken
    jede Affektivität; die unterbewußte Vorstellung, welche somatische
    Phänomene hervorruft, bleibt davon völlig unberührt.

    Es sei gestattet, dafür noch ein Beispiel zu bringen: Eine junge Frau war
    einige Zeit in lebhafter Sorge um das Schicksal ihrer jüngeren Schwester. Unter
    diesem Eindrucke verlängerte sich die sonst regelmäßige Periode durch zwei
    Wochen, es trat Schmerzhaftigkeit des linken Hypogastrium-
    und zweimal
    fand sich die Patientin, aus einer „Ohnmacht“ erwachend, steif auf dem Boden.
    Darauf folgte eine linksseitige Ovarie mit Erscheinungen einer schweren Peritonitis,
    Fieberlosigkeit, Kontraktur des linken Beines (und des Rückens) kennzeichneten
    die Erkrankung als Pseudoperitonitis, und als Patientin einige Jahre später starb
    und obduziert wurde, fand sich nur „kleinzystische Degeneration“ beider Ovarien
    ohne Reste einer abgelaufenen Peritonitis. Die schweren Erscheinungen schwanden
    allmählich und hinterließen Ovarie, Kontraktur der Rückenmuskeln, so daß
    der Rumpf wie ein Balken steif war, und Kontraktur des linken Beines. Letztere
    wurde in der Hypnose durch direkte Suggestion beseitigt. Die Rücken-
    kontraktur
    blieb unbeeinflußt. Unterdessen hatte sich die Angelegenheit der Schwester voll
    ständig geordnet, und jede Befürchtung war geschwunden. Die hysterischen
    Phänome aber, die davon abgeleitet werden mußten, bestanden unverändert
    fort. Die Vermutung lag nahe, es seien selbständig gewordene Veränderungen
    der Innervation und nicht mehr an die veranlassende Vorstellung gebunden. Aber
    als nun in der Hypnose Patientin gezwungen wurde, die ganze Geschichte bis zu
    ihrer Erkrankung an „Peritonitis“ zu erzählen (was sie sehr ungern tat), setzte
    sie sich unmittelbar danach frei im Bette auf und die Rücken-
    kontraktur war für
    immer geschwunden. (Die Ovarie, deren erster Ursprung gewiß viel älter war,
    blieb unbeeinflußt.) – Es hatte also doch Monate hindurch die pathogene Angst-
    vorstellung wirksam lebendig fortbestanden; und sie war jeder Korrektur durch
    die Ereignisse völlig unzugänglich gewesen.

    Müssen wir nun die Existenz von Vorstellungskomplexen an-
    erkennen, welche nie ins wache Bewußtsein treten und durch das
    bewußte Denken nicht beeinflußt werden, so haben wir damit auch
    schon für so einfache Hysterien wie die eben geschilderte die Spaltung
    der Psyche in zwei relativ unabhängige Teile zugegeben. Ich behaupte
    nicht, daß alles, was man hysterisch nennt, eine solche Spaltung zur
    Grundlage und Bedingung habe; wohl aber, daß „jene Spaltung der
    psychischen Tätigkeit, die bei den bekannten Fällen als double con-
    science so auffällig ist, in rudimentärerer Weise bei jeder „großen“ Hysterie

  • S.

    199

    bestehe und daß die Fähigkeit und Neigung zu dieser Dissoziation
    das Grundphänomen dieser Neurose sei.“

    Bevor ich aber in die Diskussion dieser Phänomene eingehe,
    ist noch eine Bemerkung nachzutragen bezüglich der unbewußten
    Vorstellungen, welche somatische Erscheinungen veranlassen. Wie im
    oben erzählten Falle die Kontraktur, sind ja viele der hysterischen
    Phänomene von langer kontinuierlicher Dauer. Sollen und können wir
    annehmen, daß all die Zeit hindurch die veranlassende Vorstellung
    immer lebendig, aktuell vorhanden sei? Ich glaube: Ja. Gewiß sehen
    wir beim Gesunden die psychische Tätigkeit mit raschem Wechsel
    der Vorstellungen sich vollziehen. Aber wir sehen den schwer Me-
    lancholischen lange Zeit kontinuierlich in dieselbe peinliche Vorstellung
    versunken, die immer lebendig, aktuell ist. Ja, wir dürfen wohl glauben,
    daß auch beim Gesunden eine schwere Sorge immer vorhanden sei,
    da sie den Gesichtsausdruck beherrscht, selbst wenn das Bewußtsein
    von anderen Gedanken erfüllt ist. Jener abgetrennte Teil der psychischen
    Tätigkeit aber, den wir beim Hysterischen von den unbewußten Vor-
    stellungen erfüllt denken, ist meist so ärmlich damit besetzt, so un-
    zugänglich dem Wechsel der äußeren Eindrücke, daß wir glauben
    können, hier sei einer Vorstellung dauernde Lebhaftigkeit möglich.

    Wenn uns, wie Binet und Janet, die Abspaltung eines Teiles
    der psychischen Tätigkeit im Mittelpunkte der Hysterie zu stehen
    scheint, so sind wir verpflichtet, über dieses Phänomen möglichst
    Klarheit zu suchen. Allzuleicht verfällt man in die Denkgewohnheit,
    hinter einem Substantiv eine Substanz anzunehmen, unter „Bewußt-
    sein“, „conscience“ allmählich ein Ding zu verstehen; und wenn man
    sich gewöhnt hat, metaphorisch Lokalbeziehungen zu verwenden, wie
    „Unterbewußtsein“, so bildet sich mit der Zeit wirklich eine Vorstellung
    aus, in der die Metapher vergessen ist und mit der man leicht
    manipuliert wie mit einer realen. Dann ist die Mythologie fertig.

    All unserem Denken drängen sich als Begleiter und Helfer räum-
    liche Vorstellungen auf, und wir sprechen in räumlichen Metaphern.
    So stellen sich die Bilder von dem Stamme des Baumes, der im Lichte
    steht, und seinen Wurzeln im Dunkel oder von dem Gebäude und
    seinem dunkeln Souterrain fast zwingend ein, wenn wir von den Vor-
    stellungen sprechen, die im Gebiete des hellen Bewußtseins sich vor-
    finden, und den unbewußten, die nie in die Klarheit des Selbst-

  • S.

    200

    bewußtseins treten. Wenn wir uns aber immer gegenwärtig halten,
    daß alles Räumliche hier Metapher ist, und uns nicht etwa verleiten
    lassen, es im Gehirne zu lokalisieren, so mögen wir immerhin von einem
    Bewußtsein und einem Unterbewußtsein sprechen. Aber nur mit diesem
    Vorbehalte.

    Wir sind sicher vor der Gefahr, uns von unseren eigenen Rede-
    figuren dupieren zu lassen, wenn wir uns immer daran erinnern, daß
    es doch dasselbe Gehirn und höchstwahrscheinlich dieselbe Großhirn-
    rinde ist, in welchen die bewußten wie die unbewußten Vorstellungen
    entstehen. Wie das möglich, ist nicht zu sagen. Aber wir wissen doch
    wohl so wenig von der psychischen Tätigkeit der Hirnrinde, daß eine
    rätselhafte Komplikation mehr unsere unendliche Unwissenheit kaum
    noch vergrößert. Die Tatsache müssen wir anerkennen, daß bei
    Hysterischen ein Teil der psychischen Tätigkeit der Wahrnehmung
    durch das Selbstbewußtsein der wachen Person unzugänglich und so
    die Psyche gespalten ist.

    Ein allbekannter Fall solcher Teilung der psychischen Tätigkeit
    ist der hysterische Anfall in manchen seiner Formen und Stadien. In
    seinem Beginne ist das bewußte Denken oft ganz erloschen; aber dann
    erwacht es allmählich. Man hört von vielen intelligenten Kranken das
    Zugeständnis, ihr bewußtes Ich sei während des Anfalles ganz klar
    gewesen und habe mit Neugier und Verwunderung all das tolle Zeug
    beobachtet, das sie vornahmen und sprachen. Solche Kranke haben
    dann auch wohl die (irrige) Meinung, sie hätten mit gutem Willen
    den Anfall inhibieren können, und sind geneigt, ihn sich als Schuld
    anzurechnen. „Sie hätten es nicht tun müssen.“ (Auch die Selbst-
    anklagen der Simulation beruhen großenteils auf dieser Empfindung.)
    Beim nächsten Anfalle vermag dann das bewußte Ich ebensowenig
    die Vorgänge zu beherrschen wie beim früheren. – Da steht nun das
    Denken und Vorstellen des bewußten wachen Ichs neben den Vor-
    stellungen, die, sonst im Dunkel des Unbewußten, nun die Herrschaft
    über Muskulatur und Sprache, ja auch über einen großen Teil der vor-
    stellenden Tätigkeit selbst gewonnen haben, und die Spaltung der
    Psyche ist manifest.

    Den Namen einer Spaltung nicht bloß der psychischen Tätigkeit,
    sondern des Bewußtseins, verdienen aber allerdings die Befunde
    Binets und Janets; bekanntlich ist es diesen Beobachtern ge-
    lungen, sich mit dem „Unterbewußtsein“ ihrer Kranken in Verkehr
    zu setzen, mit jenem Teile der psychischen Tätigkeit, von welchem

  • S.

    201

    das bewußte wache Ich nichts weiß; und sie haben daran bei manchen
    Fällen alle psychischen Funktionen, einschließlich des Selbstbewußt-
    seins, nachgewiesen. Denn es findet sich darin die Erinnerung an
    frühere psychische Vorgänge. Diese halbe Psyche ist also eine ganz
    vollständige, in sich bewußte. Der abgespaltene Teil der Psyche ist
    bei unseren Fällen „in die Finsternis gebracht“, wie die Titanen in den
    Schlund des Ätna gebannt sind, die Erde erschüttern mögen, aber nie
    im Licht erscheinen. In den Fällen Janets hat eine völlige Teilung
    des Reiches stattgefunden. Noch mit einem Rangunterschiede. Aber
    auch dieser schwindet, wenn die beiden Bewußtseinshälften alternieren
    wie in den bekannten Fällen von Double conscience und sich an Leistungs-
    fähigkeit nicht unterscheiden.

    Doch kehren wir zu jenen Vorstellungen zurück, die wir bei
    unseren Kranken als Ursachen ihrer hysterischen Phänomene nach-
    gewiesen haben. Es fehlt viel daran, daß wir alle geradezu „unbewußt“
    und „bewußtseinsunfähig“ nennen könnten. Von der vollkommen
    bewußten Vorstellung, welche einen ungewöhnlichen Reflex auslöst,
    bis zu jener, die niemals im Wachen, sondern nur in der Hypnose ins
    Bewußtsein tritt, geht eine kaum ununterbrochene Stufenleiter durch
    alle Grade der Schattenhaftigkeit und Unklarheit. Trotzdem halten
    wir den Nachweis für erbracht, daß in höheren Graden von Hysterie
    die Spaltung der psychischen Tätigkeit besteht, und sie allein scheint
    eine psychische Theorie der Krankheit möglich zu machen.


    Was läßt sich nun über Ursache und Entstehung dieses Phänomens
    mit Wahrscheinlichkeit aussagen oder vermuten?

    P. Janet, dem die Lehre von der Hysterie so ungemein viel
    verdankt und mit dem wir in den meisten Punkten übereinstimmen,
    hat hierüber eine Anschauung entwickelt, die wir nicht zur unserigen
    machen können:

    Janet hält dafür, die „Spaltung der Persönlichkeit“ beruhe
    auf einer originären geistigen Schwäche (insuffisance psychologique);
    alle normale geistige Tätigkeit setze eine gewisse Fähigkeit der „Syn-
    these“ voraus, die Möglichkeit, mehrere Vorstellungen zu einem Kom-
    plexe zu verbinden. Solche synthetische Tätigkeit sei schon die Ver-
    schmelzung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen zu einem Bilde
    der Umgebung; diese Leistung der Psyche finde man bei Hysterischen
    tief unter der Norm stehend. Ein normaler Mensch werde wohl, wenn

  • S.

    202

    seine Aufmerksamkeit maximal auf einen Punkt, z. B. auf die Wahr-
    nehmung mittels eines Sinnes gerichtet ist, vorübergehend die Fähig-
    keit verlieren, Eindrücke der anderen Sinne zu apperzipieren, d. h.
    ins bewußte Denken aufzunehmen. Bei den Hysterischen sei das der
    Fall, ohne jede besondere Konzentration der Aufmerksamkeit. Per-
    zipieren sie irgend etwas, so sind sie für die anderen Sinneswahrneh-
    mungen unzugänglich. Ja, sie seien nicht einmal imstande, auch nur
    die Eindrücke eines Sinnes gesammelt aufzufassen; sie können z. B.
    nur die Tastwahrnehmungen einer Körperhälfte apperzipieren; die
    der anderen Seite gelangen ins Zentrum, werden für Bewegungs-
    koordination verwertet, aber nicht apperzipiert. Ein solcher Mensch
    ist hemianästhetisch.

    Beim normalen Menschen ruft eine Vorstellung eine große Menge
    anderer assoziativ ins Bewußtsein, welche zu der ersten z. B. unter-
    stützend oder hemmend in ein Verhältnis treten, und nur maximal
    lebhafte Vorstellungen sind wohl so überstark, daß die Assoziationen
    unter der Schwelle des Bewußtseins bleiben. Bei den Hysterischen
    sei das immer der Fall. Jede Vorstellung nehme die ganze, geringe,
    geistige Tätigkeit in Beschlag; das bedinge die übergroße Affektivität
    der Kranken.

    Diese Eigenschaft ihrer Psyche bezeichnet Janet mit dem Namen
    der „Einengung des Bewußtseinsfeldes“ der Hysterischen, in Analogie
    mit der „Einengung des Gesichtsfeldes“. Die nicht apperzipierten
    Sinnesindrücke und die erweckten, aber nicht ins Bewußtsein ge-
    tretenen Vorstellungen erlöschen meist ohne weitere Folgen, manchmal
    aber aggregieren sie und bilden Komplexe: die dem Bewußtsein entzogene
    psychische Schichte, das Unterbewußtsein.

    Die Hysterie, wesentlich beruhend auf dieser Spaltung der Psyche,
    sei „une maladie de faiblesse“; und darum entwickle sie sich am
    ehesten, wenn auf die originär schwache Psyche weitere schwächende
    Einflüsse wirken oder hohe Ansprüche gestellt werden, welchen gegen-
    über die geistige Kraft noch geringer erscheint.

    In dieser Darlegung seiner Anschauungen hat Janet auch schon
    die wichtige Frage nach der Disposition zur Hysterie beantwortet;
    nach dem Typus hystericus (dieses Wort in demselben Sinne genommen,
    wie man von Typus phtisicus spricht und darunter den langen schmalen
    Thorax, das kleine Herz usw. versteht). Janet hält eine bestimmte
    Form angeborener geistiger Schwäche für die Disposition zur Hysterie.
    Demgegenüber möchten wir unsere Anschauung kurz im folgenden

  • S.

    203

    formulieren: Die Spaltung des Bewußtseins tritt nicht ein, weil die
    Kranken schwachsinnig sind, sondern die Kranken erscheinen schwach-
    sinnig, weil ihre psychische Tätigkeit geteilt ist und dem bewußten
    Denken nur ein Teil der Leistungsfähigkeit zur Verfügung steht. Als
    Typus hystericus, als Inbegriff der Disposition zu Hysterie können
    wir geistige Schwäche nicht ansehen.

    Was mit dem ersteren Satze gemeint ist, mag ein Beispiel er-
    läutern. Viele Male konnten wir bei einer unserer Kranken (Frau
    Cäcilie M.) den folgenden Verlauf beobachten: In relativem Wohlsein
    trat ein hysterisches Symptom auf: eine quälende, obsedierende Hallu-
    zination, eine Neuralgie o. dgl., deren Intensität durch einige Zeit
    zunam. Damit zugleich nahm die geistige Leistungsfähigkeit kon-
    tinuierlich ab, und nach einigen Tagen mußte jeder uneingeweihte
    Beobachter die Kranke schwachsinnig nennen. Dann wurde sie von
    der unbewußten Vorstellung (der Erinnerung an ein oft längst ver-
    gangenes psychisches Trauma) entbunden: entweder durch den Arzt
    in der Hypnose oder dadurch, daß sie plötzlich in einem Aufregungs-
    zustande unter lebhaftem Affekte die Sache erzählte. Dann wurde
    sie nicht bloß ruhig und heiter, befreit von dem quälenden Symptom,
    sondern immer wieder war man erstaunt über den reichen, klaren
    Intellekt, die Schärfe ihres Verstandes und Urteils. Mit Vorliebe spielte
    sie (vortrefflich) Schach, und gerne zwei Partien zugleich, was wohl
    kaum ein Zeichen mangelnder geistiger Synthese ist. Der Eindruck
    war unabweisbar, daß in solchem Verlaufe die unbewußte Vorstellung
    einen immer wachsenden Teil der psychischen Tätigkeit an sich reiße,
    daß, je mehr das geschehe, desto kleiner der Anteil des bewußten
    Denkens werde, bis dieses zur vollen Imbezillität herabsinke; daß sie
    aber, wenn sie nach dem merkwürdig treffenden Wiener Ausdruc-
    ke „beisammen“ war, eine eminente geistige Leistungsfähigkeit besitze.

    Wir möchten zum Vergleiche von den Zuständen der Normalen
    nicht die Konzentration der Aufmerksamkeit herbeiziehen sondern die
    Präokkupation. Wenn ein Mensch durch eine lebhafte Vorstellung,
    z. B. eine Sorge, „präokkupiert“ ist, wird seine geistige Leistungs-
    fähigkeit in ähnlicher Weise herabgesetzt.

    Jeder Beobachter steht überwiegend unter dem Einflusse seiner
    Beobachtungsobjekte, und wir möchten glauben, daß sich Janets
    Auffassung wesentlich in dem eingehenden Studium jener schwach-
    sinnigen Hysterischen gebildet hat, die im Spitale oder Versorgungs-
    hause sind, weil sie ihrer Krankheit und ihrer dadurch bedingten

  • S.

    204

    geistigen Schwäche halber sich im Leben nicht halten können. Unsere
    Beobachtung gebildeter Hysterischer zwingt uns zu einer wesentlich
    anderen Meinung von ihrer Psyche. Wir glauben, „daß man unter
    den Hysterischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten
    und kritischesten Menschen finden kann“. Kein Maß wirklicher, tüch-
    tiger, psychischer Begabung ist durch Hysterie ausgeschlossen, wenn
    auch oft durch die Krankheit die reale Leistung unmöglich wird.
    War ja auch die Schutzheilige der Hysterie, St. Theresa, eine geniale
    Frau von der größten praktischen Tüchtigkeit.

    Aber freilich, auch kein Ausmaß von Albernheit, Unbrauchbarkeit
    und Willenschwäche sichert vor Hysterie. Auch wenn man von all dem
    absieht, was erst Folge der Krankheit ist, muß man den Typus der
    schwachsinnigen Hysterischen als einen häufigen anerkennen. Nur
    handelt es sich auch hier nicht um torpide, phlegmatische Dummheit,
    sondern mehr um einen überhohen Grad geistiger Beweglichkeit, welche
    untüchtig macht. Ich werde später die Frage nach der originären Dis-
    position besprechen. Hier soll nur festgestellt werden, daß die Meinung
    Janets, geistige Schwäche liege überhaupt der Hysterie und der
    psychischen Spaltung zugrunde, unannehmbar ist.

    Im vollen Gegensatze zu Janets Ansicht meine ich, in sehr
    vielen Fällen liege der Desaggregation eine psychische Überleistung
    zugrunde, die habituelle Koexistenz zweier heterogenen Vorstellungs-
    reihen. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß wir häufig nicht
    bloß „mechanisch“ tätig sind, während in unserem bewußten Denken
    Vorstellungsreihen ablaufen, die mit unserer Tätigkeit nichts gemein
    haben; sondern wir sind auch unzweifelhafter psychischer Leistungen
    fähig, während unsere Gedanken „anderswo beschäftigt“ sind; wie
    z. B. wenn wir korrekt und mit dem entsprechenden Tonfalle vorlesen
    und doch dann absolut nicht wissen, was wir gelesen haben.

    Es gibt wohl eine ganze Menge von Tätigkeiten, von den me-
    chanischen wie Stricken, Skalenspielen an bis zu solchen, die immerhin
    einige seelische Leistung bedingen, welche von vielen Menschen mit
    halber Präsenz des Geistes geleistet werden. Besonders von solchen,
    die, bei großer Lebhaftigkeit, durch monotone, einfache, reizlose Be-
    schäftigung gequält werden und sich anfangs geradezu absichtlich
    die Unterhaltung verschaffen, an anderes zu denken. („Privattheater“
    bei Anna O., Krankengeschichte Nr. I.) Ein anderer, aber ähnlicher
    Fall besteht, wenn eine interessante Vorstellungsreihe, z. B. aus Lektüre,
    Theater u. dgl. stammend, sich auf- und eindrängt. Noch energischer

  • S.

    205

    ist dieses Eindrängen, wenn die fremde Vorstellungsreihe stark „affektiv
    betont“ ist, als Sorge, verliebte Sehnsucht. Dann ist der oben berührte
    Zustand der Präokkupation gegeben, der aber viele Menschen nicht
    hindert, Leistungen von mäßiger Kompliziertheit dennoch zustande
    zu bringen. Soziale Verhältnisse erzwingen oft solche Verdoppelungen
    auch intensiven Denkens, wie z. B. wenn eine Frau in quälender Sorge
    oder leidenschaftlicher Aufregung ihre geselligen Pflichten und die
    Funktionen der liebenswürdigen Wirtin erfüllt. Geringere Leistungen
    dieser Art bringen wir alle im Berufe fertig; aber die Selbstbeobachtung
    scheint auch jedem zu ergeben, daß die affektive Vorstellungsgruppe
    nicht assoziatorisch dann und wann erweckt wird, sondern fortwährend
    aktuell in der Psyche vorhanden ist, ins Bewußtsein tretend, sowie
    kein lebhafter äußerer Eindruck oder Willensakt dasselbe in Be-
    schlag nimmt.

    Auch bei Menschen, die nicht habituell Wachträume neben der
    gewöhnlichen Tätigkeit einherfließen lassen, bedingen manche Situa-
    tionen durch größere Zeiträume hindurch ein solches Nebeneinander
    der wechselnden Eindrücke und Reaktionen des äußeren Lebens und
    einer affektiv betonten Vorstellungsgruppe. Post equitem sedet atra
    cura’. Solche Situationen sind vor anderen die Krankenpflege teuerer
    Menschen und die Liebesneigung. Erfahrungsgemäß spielen Kranken-
    pflege und Sexualaffekt auch die Hauptrolle in den meisten genauer-
    analysierten Krankengeschichten Hysterischer.

    Ich vermute, daß die habituelle oder durch affektvolle Lebens-
    lagen bedingte Verdoppelung der psychischen Fähigkeit zur wirklichen
    pathologischen Spaltung der Psyche wesentlich disponiere. Sie
    geht in diese über, wenn die beiden koexistierenden Vorstellungsreihen
    nicht mehr gleichartigen Inhalt haben, wenn die eine davon bewußt-
    seinsunfähige Vorstellungen enthält: abgewehrte und solche, die aus
    hypnoiden Zuständen stammen. Dann ist das Konfluieren der beiden
    zeitweise getrennten Ströme, das beim Gesunden immer wieder statthat,
    unmöglich, und es etabliert sich dauernd ein abgespaltenes Gebiet
    unbewußter psychischer Tätigkeit. Diese hysterische Spaltung der
    Psyche verhält sich zu dem „Doppel-Ich“ des Gesunden wie das
    Hypnoid zu der normalen Träumerei. Hier bedingt die Amnesie die
    pathologische Qualität und dort die Bewußtseinsunfähigkeit der
    Vorstellungen.

    Die Beobachtung I (Anna O.), auf die ich immer zurückkommen
    muß, gewährt klaren Einblick in den Hergang. Das Mädchen war,

  • S.

    206

    in voller Gesundheit gewöhnt, neben ihren Beschäftigungen phan-
    tastische Vorstellungsreihen einherfließen zu lassen. In einer für die
    Autohypnose günstigen Situation tritt der Angstaffekt in die Träumerei
    ein und schafft ein Hypnoid, für welches Amnesie besteht. Dies
    wiederholt sich bei verschiedenen Gelegenheiten, sein Vorstellungsinhalt
    wird allmählich immer reicher; aber noch immer alterniert es mit dem
    Zustande vollkommen normalen wachen Denkens.

    Nach 4 Monaten bemächtigt sich der Hypnoidzustand der
    Kranken vollständig; indem die einzelnen Attacken konfluieren, bildet
    sich ein état de mal, eine schwerste akute Hysterie. Nach mehr-
    monatlicher Dauer in verschiedenen Formen (somnambule Periode)
    wird er gewaltsam unterbrochen und alterniert nun wieder mit normalem
    psychischen Verhalten. Aber auch in diesem persistieren die somatischen
    und psychischen Phänomene, von denen wir hier wissen, daß sie auf
    Vorstellungen des Hypnoids beruhen (Kontraktur, Hemianästhesie,
    Änderung der Sprache). Dadurch ist bewiesen, daß auch während des
    normalen Verhaltens der Vorstellungskomplex des Hypnoids, das „Unter-
    bewußtsein“, aktuell ist, daß die Spaltung der Psyche fortbesteht.

    Ein zweites Beispiel solcher Entwicklung kann ich nicht bei-
    bringen. Ich glaube aber, daß dieses einiges Licht auf die Ausbildung
    der traumatischen Neurose wirft. Bei dieser wiederholt sich in den
    ersten Tagen nach dem Unfalle mit der Erinnerung an diesen das
    Schreckhypnoid; während dies immer häufiger geschieht, nimmt seine
    Intensität doch so weit ab, daß es nicht mehr mit dem wachen Denken
    alterniert, sondern nur neben ihm besteht. Nun wird es kontinuierlich,
    und die somatischen Symptome, welche früher nur im Schreckanfalle
    bestanden, gewinnen eine dauernde Existenz. Ich kann aber nur
    vermuten, daß es so zugehe, da ich keinen solchen Fall analysiert habe.

    Die Beobachtungen und Analysen Freuds beweisen, daß die
    Spaltung der Psyche auch durch die „Abwehr“, durch die willkürliche
    Abwendung des Bewußtseins von peinlichen Vorstellungen bedingt
    sein kann. Aber doch nur bei manchen Menschen, denen wir deshalb
    eine psychische Eigenart zuschreiben müssen. Bei normalen Menschen
    gelingt die Unterdrückung solcher Vorstellungen, und dann schwinden
    sie vollständig, oder sie gelingt nicht, und dann tauchen sie immer
    wieder im Bewußtsein auf. Worin jene Eigenart besteht, weiß ich
    nicht zu sagen. Ich wage nur die Vermutung, es sei die Hilfe des
    Hypnoids notwendig, wenn durch die Abwehr nicht bloß einzelne
    konvertierte Vorstellungen zu unbewußten gemacht werden, sondern

  • S.

    207

    eine wirkliche Spaltung der Psyche vollzogen werden soll. Die Auto-
    hypnose schaffte sozusagen den Raum, das Gebiet unbewußter psychi-
    scher Tätigkeit, in welches die abgewehrten Vorstellungen hineinge-
    drängt werden. Doch wie dem auch sei, die Tatsache von der pathogenen
    Bedeutung der „Abwehr“ müssen wir anerkennen.

    Ich glaube aber nicht, daß mit den besprochenen, halbwegs ver-
    ständlichen Vorgängen die Genese der psychischen Spaltung auch nur
    annähernd erschöpft wäre. So lassen beginnende Hysterien höheren
    Grades meist einige Zeit hindurch ein Syndrom beobachten, das man
    wohl als akute Hysterie bezeichnen darf. (In den Anamnesen männlicher
    Hysteriker begegnet man dieser Form der Erkrankung gewöhnlich
    unter dem Namen: Gehirnentzündung; bei weiblichen Hysterien
    gibt die Ovarie dabei Anlaß zu der Diagnose: Bauchfellentzündung.)

    In diesem akuten Stadium der Hysterie sind psychotische Züge
    sehr deutlich; manische und zornige Aufregungszustände, rascher
    Wechsel hysterischer Phänomene, Halluzinationen u. dgl. m. In
    solchem Zustande mag die Spaltung der Psyche vielleicht in anderer
    Weise erfolgen, als wir oben darzulegen suchten.

    Vielleicht ist dieses ganze Stadium als ein langer hypnoider Zustand
    zu betrachten, dessen Residuen den Kern des unbewußten Vorstellungs-
    komplexes abgeben, während das wache Denken dafür amnestisch ist.
    Da uns die Entstehungsbedingungen einer solchen akuten Hysterie
    meist nicht bekannt sind (ich wage nicht, den Hergang bei Anna O.
    für den allgemein gültigen zu halten), so wäre das eine weitere, im
    Gegensatze zu den oben erörterten, irrational zu nennende Art der
    psychischen Spaltung1). Und so werden gewiß noch andere Arten
    dieses Vorganges existieren, die sich der jungen psychologischen Er-
    kenntnis noch entzogen haben. Denn gewiß haben wir nur die ersten
    Schritte auf diesem Gebiete gemacht und werden weitere Erfahrungen
    die heutigen Anschauungen wesentlich umgestalten.


    Fragen wir nun, was die in den letzten Jahren gewonnene Kenntnis
    der psychischen Spaltung für das Verständnis der Hysterie geleistet
    hat. Es scheint viel und Bedeutungsvolles zu sein.

    1)Ich muß aber bemerken, daß gerade in dem bestbekannten und durch-
    sichtigsten Falle großer Hysterie mit manifester double conscience, eben bei Anna O.
    (Beobachtung I), kein Rest aus dem akuten Stadium in das chronische hinüber-
    getragen wurde und alle Phänomene des letzteren schon in der „Inkubationszeit“
    in Hyponoiden und Affektzuständen erzeugt worden waren.

  • S.

    208

    Diese Erkenntnis ermöglicht, scheinbar rein somatische Symptome
    auf Vorstellungen zurückzuführen, die aber im Bewußtsein der Kranken
    nicht zu finden sind. Es ist überflüssig, nochmals hierauf einzugehen.

    Sie hat den Anfall als eine Leistung des unbewußten Vorstellungs-
    komplexes mindestens teilweise verstehen gelehrt (Charcot).

    Sie erklärt aber auch manche der psychischen Eigentümlichkeiten
    der Hysterie, und dieser Punkt verdient vielleicht eingehendere
    Besprechung.

    Die „unbewußten Vorstellungen“ treten zwar nie oder doch nur
    selten und schwer in das wache Denken, aber sie beeinflussen es. Erstens
    durch ihre Wirkungen, wenn z. B. eine völlig unverständliche, sinnlose
    Halluzination den Kranken peinigt, deren Bedeutung und Motivierung
    in der Hypnose klar wird.

    Dann beeinflussen sie die Assoziation, indem sie einzelne Vor-
    stellungen lebhafter werden lassen, als sie ohne diese aus dem Un-
    bewußten stammende Verstärkung wären. So drängen sich dann den
    Kranken mit einem gewissen Zwange immer bestimmte Vorstellung-
    gruppen auf, an die sie denken müssen. (Ähnlich ist es, wenn Janets
    Hemianästhetische zwar die wiederholte Berührung ihrer empfindungs-
    losen Hand nicht fühlen, aber, aufgefordert, eine beliebige Zahl zu
    nennen, immer jene wählen, welche der Zahl der Berührungen entspricht.)
    Weiter beherrschen sie die Gemütslage, die Stimmung. Wenn sich
    Anna O. bei Abwicklung ihrer Erinnerungen einem Vorgange näherte,
    der ursprünglich mit lebhaftem Affekte verbunden gewesen war,
    so trat die entsprechende Gemütsstimmung schon Tage vorher
    auf, ehe die Erinnerung auch nur in dem hypnotischen Bewußtsein
    klar erschien.

    Dies macht uns die „Launen“, die unerklärlichen, unbegründeten,
    für das wache Denken motivlosen Verstimmungen der Kranken ver-
    ständlich. Die Impressionabilität der Hysterischen ist ja großenteils
    einfach durch ihre originäre Erregbarkeit bedingt; aber die lebhaften
    Affekte, in die sie durch relativ geringfügige Ursachen geraten, werden
    begreiflicher, wenn wir bedenken, daß die „abgespaltene Psyche“
    wirkt wie ein Resonator auf den Ton der Stimmgabel. Jedes Vor-
    kommnis, welches „unbewußte“ Erinnerungen erregt, macht die ganze
    affektive Kraft dieser nicht usurirten Vorstellungen frei, und der
    hervorgerufene Affekt steht dann ganz außer Verhältnis zu jenem,
    der in der bewußten Psyche allein entstanden wäre.

  • S.

    209

    Es wurde oben (p. 203) von einer Kranken berichtet, deren psy-
    chische Leistung immer im umgekehrten Verhältnisse zu der Leb-
    haftigkeit ihrer unbewußten Vorstellungen steht. Die Herabsetzung
    ihres bewußten Denkens beruht teilweise, aber nur teilweise, auf
    einer eigentümlichen Art von Zerstreutheit; nach jeder momentanen
    „Absence“, wie solche fortwährend eintreten, weiß sie nicht, an was
    sie während derselben gedacht hat. Sie oszilliert zwischen der „con-
    dition prime“ und „seconde“, zwischen dem bewußten und dem unbe-
    wußten Vorstellungskomplexe. Aber nicht bloß dadurch ist ihre
    psychische Leistung herabgesetzt und auch nicht bloß durch den Affekt,
    der vom Unbewußten aus sie beherrscht. Ihr waches Denken ist in
    solchem Zustand energielos, ihr Urteil kindisch, sie scheint, wie
    gesagt, geradezu imbecil. Ich meine, das sei darin begründet, daß
    dem wachen Denken eine geringere Energie zur Verfügung steht, wenn
    eine große Menge der psychischen Erregung vom Unbewußten in
    Beschlag genommen ist.

    Wenn das nun nicht bloß temporär der Fall ist, wenn die abge-
    spaltene Psyche fortwährend in Erregung ist, wie bei Janets Hemi-
    anästhetischen, bei denen sogar alle Empfindungen der einen Körper-
    hälfte nur von der unbewußten Psyche perzipiert werden, so bleibt
    für das wache Denken so wenig von der Gehirnleistung übrig, daß
    sich dadurch die psychische Schwäche vollauf erklärt, die Janet
    schildert und für originär hält. Wohl von den wenigsten Menschen
    dürfte man sagen wie von Uhlands Bertrand de Born, „daß ihnen
    nie mehr als die Hälfte ihres Geistes nötig sei“. Die allermeisten sind
    bei solcher Reduktion ihrer psychischen Energie eben schwach-
    sinnig.

    Auf dieser, durch die psychische Spaltung bedingten geistigen
    Schwäche scheint nun auch eine folgenreiche Eigenschaft mancher
    Hysterischen zu beruhen, ihre Suggestibilität. (Ich sage, „mancher
    Hysterischen“, denn es ist sicher, daß man unter den Kranken dieser
    Art auch die urteilsichersten, kritischesten Menschen findet.)

    Wir verstehen unter Suggestibilität zunächst nur die Kritik-
    losigkeit gegen Vorstellungen und Vorstellungskomplexe (Urteile),
    welche im eigenen Bewußtsein auftauchen oder von außen in das
    selbe eingeführt werden, durch Hören fremder Rede oder Lektüre.
    Alle Kritik solcher frisch ins Bewußtsein tretender Vorstellungen
    beruht darauf, daß sie assoziativ andere erwecken, und darunter auch
    solche, die mit ihnen unvereinbar sind. Der Widerstand gegen sie

  • S.

    210

    ist also abhängig von dem Besitze des potentiellen Bewußtseins an
    solchen widerstrebenden Vorstellungen und seine Stärke entspricht
    dem Verhältnisse zwischen der Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen
    und der aus der Erinnerung erweckten. Dieses Verhältniß ist auch
    bei normalen Intellekten sehr verschieden. Was wir intellektuelles
    Temperament nennen, hängt großenteils davon ab. Der Sanguiniker,
    den neue Menschen und Dinge immer entzücken, ist wohl so, weil die
    Intensität seiner Erinnerungsbilder im Vergleiche mit jener der neuen
    Eindrücke geringer ist als bei den ruhigeren, „phlegmatischen“ Menschen.
    In pathologischen Zuständen wächst das Übergewicht frischer Vor-
    stellungen und die Widerstandslosigkeit gegen solche um so mehr,
    je weniger Erinnerungsbilder erweckt werden, also je schwächer und
    ärmer die Assoziation ist; so schon im Schlafe und Traume, in der
    Hypnose, bei jedem Abnehmen der geistigen Energie, solange es nicht
    auch die Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen schädigt.

    Die unbewußte, gespaltene Psyche der Hysterie ist eminent
    suggestibel, der Armut und Unvollständigkeit ihres Vorstellungsinhaltes
    wegen. Aber auch die Suggestibilität der bewußten Psyche mancher
    Hysterischen scheint hierauf zu beruhen. Ihrer originären Anlage nach
    sind sie erregbar; frische Vorstellungen sind bei ihnen von großer Leb-
    haftigkeit. Dagegen ist die eigentliche intellektuelle Tätigkeit, die
    Assoziation, herabgesetzt, weil dem wachen Denken, der Abspaltung
    eines „Unbewußten“ wegen, nur ein Teil der psychischen Energie
    zur Verfügung steht.

    Damit ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen Auto- wie Fremd-
    suggestionen vermindert und manchmal vernichtet. Auch die Sugge-
    stibilität ihres Willens dürfte hieraus allein entspringen. Die halluzi-
    natorische Suggestibilität dagegen, welche jede Vorstellung einer Sinnes-
    wahrnehmung alsbald in die Wahrnehmung selbst verwandelt, erfordert,
    wie jede Halluzination, einen abnormen Grad von Erregbarkeit des
    Perzeptionsorganes und läßt sich aus der psychischen Spaltung allein
    nicht ableiten.

    VI. Originäre Disposition; Entwicklung der Hysterie.

    Fast auf jeder Stufe dieser Darlegungen habe ich anerkennen
    müssen, daß die meisten Erscheinungen, um deren Verständnis wir
    uns bemühen, auch auf angeborener Eigenart beruhen können. Diese
    entzieht sich jeder Erklärung, welche über die Konstatierung der Tat-
    sachen hinausgehen wollte. Aber auch die Fähigkeit, Hysterie

  • S.

    211

    zu akquirieren, ist gewiß an eine Eigenart der Menschen gebunden,
    und der Versuch wäre vielleicht nicht ganz wertlos, diese etwas genauer
    zu definieren.

    Ich habe oben auseinandergesetzt, warum die Anschauung Janets
    unannehmbar ist: die Disposition zur Hysterie beruhe auf angeborener
    psychischer Schwäche. Der Praktiker, der als Hausarzt die Glieder
    hysterischer Familien in allen Altersstufen beobachtet, wird gewiß
    eher geneigt sein, diese Disposition in einem Überschusse als in
    einem Defekte zu suchen. Die Adoleszenten, welche später hysterisch
    werden, sind vor ihrer Erkrankung meist lebhaft, begabt, voll geistiger
    Interessen; ihre Willensenergie ist oft bemerkenswert. Zu ihnen gehören
    jene Mädchen, die nachts aufstehen, um heimlich irgend ein Studium
    zu treiben, das ihnen die Eltern aus Furcht vor Überanstrengung ver-
    sagten. Die Fähigkeit besonnenen Urteils ist gewiß ihnen nicht reichlicher
    gegeben als anderen Menschen. Aber selten findet man unter ihnen
    einfache, stumpfe Geistesträgheit und Dummheit. Die überströmende
    Produktivität ihrer Psyche brachte einen meiner Freunde zu der Be-
    hauptung: die Hysterischen seien die Blüte der Menschheit, freilich
    so steril, aber auch so schön wie die gefüllten Blumen.

    Ihre Lebhaftigkeit und Unrast, ihr Bedürfnis nach Sensationen
    und geistiger Tätigkeit, ihre Unfähigkeit, Monotonie und Langweile
    zu ertragen, lassen sich so formulieren: sie gehörten zu jenen Menschen,
    deren Nervensystem in der Ruhe ein Übermaß von Erregung frei-
    macht, welches Verwendung fordert (s. pag. 172). Während und infolge
    der Pubertätsentwicklung tritt zu dem originären Überschusse noch
    jene gewaltige Steigerung der Erregung, welche von der erwachenden
    Sexualität, von den Geschlechtsdrüsen ausgeht. Nun ist ein übergroßes
    Quantum freier nervöser Erregung verfügbar für pathologische Phä-
    nomene: aber damit diese in Form hysterischer Krankheitserscheinungen
    auftreten, dazu braucht es offenbar noch einer andern, spezifischen
    Eigenart des Individuums. Denn die große Mehrzahl der lebhaften,
    erregten Menschen wird ja doch nicht hysterisch.

    Diese Eigenart konnte ich oben nur mit dem vagen und inhalts-
    armen Worte: „abnorme Erregbarkeit des Nervensystemes“ bezeichnen.
    Man kann aber doch vielleicht weiter gehen und sagen, diese Abnormität
    liege eben darin, daß bei solchen Menschen in die Nervenapparate
    der Empfindung, welche de norma nur peripheren Reizen zugänglich
    sind, und in diejenigen der vegetativen Organe, welche durch starke
    Widerstände vom Zentralnervensysteme isoliert sind, die Erregung des

  • S.

    212

    Zentralorganes einströmen kann. Diese Vorstellung von dem immer
    vorhandenen Erregungsüberschusse, welchem die sensiblen, vaso-
    motorischen und viszeralen Apparate zugänglich sind, kann vielleicht
    schon einige pathologische Phänomene decken.

    Sowie bei so beschaffenen Menschen die Aufmerksamkeit gewaltsam
    auf einen Körperteil konzentriert wird, übersteigt die „attentionelle
    Bahnung“ (Exner) der betreffenden sensiblen Leitung das normale
    Maß; die freie, flottierende Erregung versetzt sich sozusagen auf
    diese Bahn, und es entsteht die lokale Hyperalgesie, welche es ver-
    ursacht, daß alle, irgendwie bedingten, Schmerzen maximal intensiv
    werden, daß alle Leiden „furchtbar“ und „unerträglich“ sind. Aber
    die Erregungsquantität, welche einmal eine sensible Bahn besetzt hat,
    verläßt sie nicht immer wieder wie beim normalen Menschen; sie ver-
    harrt nicht bloß, sondern vermehrt sich durch Zuströmen immer neuer
    Erregungen. So entwickelt sich nach einem leichten Gelenkstrauma
    eine Gelenksneurose; die Schmerzempfindungen der Ovarial-
    schwellung werden zur dauernden Ovarie.

    Die Nervenapparate der Zirkulation sind dem zerebralen Einflusse
    zugänglicher als beim Normalen: es besteht nervöses Herzklopfen,
    Neigung zur Synkope, exzessives Erröten und Erblassen usf.

    Aber allerdings nicht bloß zentralen Einflüssen gegenüber sind
    die peripheren nervösen Apparate leichter erregbar: sie reagieren auch
    auf die adäquaten, funktionellen Reize in exzessiver und perverser
    Weise. Das Herzklopfen folgt mäßiger Anstrengung wie gemütlicher
    Aufregung, und die Vasomotoren bringen Arterien zur Kontraktion
    („absterbende Finger“) ohne allen psychischen Einfluß. Und gerade
    wie einem leichten Trauma die Gelenksneurose folgt, so hinterläßt
    eine kurze Bronchitis nervöses Asthma und eine Indigestion häufige
    Kardialgie. So müssen wir anerkennen, daß die Zugänglichkeit für
    Erregungssummen zentralen Ursprunges nur ein Spezialfall der all-
    gemeinen abnormen Erregbarkeit ist,1) wenn auch der für unser Thema
    wichtigste.

    Ich glaube darum auch nicht, daß die alte „Reflextheorie“ dieser
    Symptome, die man vielleicht besser einfach „nervöse“ nennen würde,
    die aber zu dem empirischen Krankheitsbilde der Hysterie gehören,
    ganz zu verwerfen ist. Das Erbrechen, das ja die Dehnung des graviden
    Uterus begleitet, kann bei abnormer Erregbarkeit ganz wohl von

    1Oppenheims „Labilität der Moleküle“.

  • S.

    213

    geringfügigen uterinen Reizen reflektorisch ausgelöst werden; ja viel
    leicht auch von den wechselnden Schwellungen der Ovarien. Wir kennen
    so viele Fernwirkungen von Organveränderungen, so viele sonderbar
    „konjugierte Punkte“, daß es nicht abzuzuweisen ist, eine Menge nervöser
    Symptome, welche das eine Mal psychisch bedingt sind, möchten in
    anderen Fällen reflektorische Fernwirkungen sein. Ja, ich wage die
    höchst unmoderne Ketzerei, es könnte doch einmal auch die Bewegungs-
    schwäche eines Beines nicht psychisch, sondern direkt reflektorisch durch
    eine Genitalkrankheit bedingt sein. Ich meine, wir tun gut, unsere neuen
    Einsichten nicht allzu ausschließlich gelten zu lassen und für alle Fälle
    zu generalisieren.

    Andere Formen abnormer sensibler Erregbarkeit entziehen sich
    unserem Verständnisse noch vollständig; so die allgemeine Analgesie,
    die anästhetischen Plaques, die reale Gesichtsfeldeinengung u. dgl. m.
    Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, daß weitere Beobachtungen
    den psychischen Ursprung des einen oder andern dieser Stigmen nach-
    weisen und damit das Symptom erklären werden; bisher ist das nicht
    geschehen; (ich wage nicht, die Anhaltspunkte, welche unsere Beob-
    achtung I gibt, zu verallgemeinern), und ich halte es nicht für gerecht-
    fertigt, bevor eine solche Ableitung gelungen ist, sie zu präsumieren.

    Dagegen scheint die bezeichnete Eigenart des Nervensystemes und
    der Psyche einige altbekannte Eigenschaften vieler Hysterischen zu
    erklären. Der Überschuß von Erregung, welchen ihr Nervensystem
    in der Ruhe freimacht, bedingt ihre Unfähigkeit, ein monotones Leben
    und Langweile zu ertragen; ihr Sensationsbedürfnis, welches sie dazu
    treibt, nach Ausbruch der Krankheit die Eintönigkeit der Kranken-
    existenz durch allerlei „Ereignisse“ zu unterbrechen, als welche sich
    naturgemäß vor allem pathologische Phänomene darbieten. Die Auto-
    suggestion unterstützt sie darin oft. Sie werden darin immer weiter
    geführt durch ihr Krankheitsbedürfnis, jenen merkwürdigen Zug, der
    für die Hysterie so pathognomonisch ist, wie die Krankheitsfurcht für
    die Hypochondrie. Ich kenne eine Hysterica, welche ihre oft recht be-
    deutenden Selbstbeschädigungen nur für den eigenen Gebrauch vor-
    nahm, ohne daß Umgebung und Arzt davon erfuhren. Wenn nichts
    anderes, so vollzog sie, allein im Zimmer, allerlei Unfug, nur um sich
    selbst zu beweisen, sie sei nicht normal. Sie hat eben ein deutliches
    Gefühl ihrer Krankheitigkeit, erfüllt ihre Pflichten ungenügend und
    schafft sich durch solche Akte die Rechtfertigung vor sich selbst. Eine
    andere Kranke, eine schwerleidende Frau von krankhafter Gewissen-

  • S.

    214

    haftigkeit und voll Mißtrauen gegen sich selbst, empfindet jedes hyste-
    rische Phänomen als Schuld: „weil sie das ja wohl nicht haben müßte,
    wenn sie nur ordentlich wollte“. Als die Parese ihrer Beine irriger-
    weise für eine spinale Krankheit erklärt wurde, empfand sie das als eine
    Erlösung, und die Erklärung, es sei „nur nervös“ und werde vergehen,
    genügte, um ihr schwere Gewissensangst zu erzeugen. Das Krankheits-
    bedürfnis entspringt der Sehnsucht der Patientin, sich und andere von
    der Realität ihrer Krankheit zu überzeugen. Wenn es sich dann zu der
    Pein gesellt, welche durch die Monotonie des Krankenzimmers bedingt
    wird, so entwickelt sich die Neigung, immer neue Symptome zu haben,
    aufs stärkste.

    Wenn diese aber zur Verlogenheit wird und zu wirklicher Simu-
    lation führt – und ich glaube, wir gehen jetzt in der Ablehnung der
    Simulation geradeso zu weit, wie früher in ihrer Annahme – dann
    beruht das nicht auf der hysterischen Disposition, sondern, wie Möbius
    vortrefflich sagt, auf der Komplikation derselben mit anderen Degene-
    rationen, originärer moralischer Minderwertigkeit. Gerade wie die „bös-
    artige Hysterica“ dadurch entsteht, daß ein originär erregbarer, aber
    gemütsarmer Mensch noch der egoistischen Charakterverkümmerung
    anheimfällt, welche chronisches Siechtum so leicht erzeugt. Die „bös-
    artige Hysterica“ ist übrigens kaum häufiger als der bösartige Tabiker
    späterer Stadien.

    Auch in der motorischen Sphäre erzeugt der Erregungsüberschuß
    pathologische Phänomene. So geartete Kinder entwickeln sehr leicht
    tickartige Bewegungen, welche, zuerst angeregt durch irgend eine Emp-
    findung in den Augen oder im Gesichte oder durch die Gêne eines
    Kleidungsstückes, alsbald Dauer gewinnen, wenn sie nicht sogleich
    bekämpft werden. Die Reflexbahnen werden sehr leicht und rasch „aus-
    gefahren“.

    Es ist auch nicht abzuzuweisen, daß es einen rein motorischen
    von jedem psychischen Faktor unabhängigen Krampfanfall gebe, in
    dem sich nur die durch Summation angehäufte Erregungsmasse ent-
    lädt, geradeso wie die durch anatomische Veränderungen bedingte
    Reizmasse im epileptischen Anfalle. Das wäre der nicht ideogene hy-
    sterische Krampf.

    Wir sehen so oft Adoleszenten, welche zwar erregbar, aber gesund
    waren, während der Pubertätsentwicklung an Hysterie erkranken, daß
    wir uns fragen müssen, ob dieser Prozeß nicht dort die Disposition
    schafft, wo sie originär noch nicht vorhanden ist. Und allerdings müssen

  • S.

    215


    wir ihm mehr zuschreiben als die einfache Steigerung des Erregungs-
    quantums; die Geschlechtsreifung greift im ganzen Nervensysteme an,
    überall die Erregbarkeit steigernd und die Widerstände herabsetzend.
    Das lehrt die Beobachtung der nicht hysterischen Adoleszenten, und
    wir sind darum berechtigt zu glauben, daß sie auch die hysterische
    Disposition herstelle, soweit diese eben in dieser Eigenschaft des Nerven-
    systemes besteht. Damit anerkennen wir bereits die Sexualität als einen
    der großen Komponenten der Hysterie. Wir werden sehen, daß ihr
    Anteil daran ein noch viel größerer ist und daß sie auf den verschie-
    densten Wegen zum Aufbaue der Krankheit mitwirkt.


    Wenn die Stigmata direkt dem originären Mutterboden der Hysterie
    entspringen und nicht ideogenen Ursprunges sind, so ist es auch un-
    möglich, die Ideogenie so in den Mittelpunkt der Hysterie zu stellen,
    wie es heute manchmal geschieht. Was könnte denn echter hysterisch
    sein als die Stigmata, jene pathognomonischen Befunde, welche die
    Diagnose feststellen, und doch scheinen gerade diese nicht ideogen.
    Aber wenn die Basis der Hysterie eine Eigenart des ganzen Nerven-
    systemes ist, – auf ihr erhebt sich der Komplex von ideogenen, psychisch
    bedingten Symptomen wie ein Gebäude auf den Fundamenten. Und es ist
    ein mehrstöckiges Gebäude. Wie man die Struktur eines solchen
    nur dann verstehen kann, wenn man den Grundriß der verschiedenen
    Stockwerke unterscheidet, so, meine ich, ist das Verständnis der Hysterie
    davon bedingt, daß die verschiedenartige Komplikation der Symptom-
    ursachen beachtet wird. Sieht man davon ab und versucht die Er-
    klärung der Hysterie mit Benutzung eines einzigen Kausalnexus durch-
    zuführen, so bleibt immer ein sehr großer Rest unerklärter Phänomene
    übrig; es ist gerade, als wollte man die verschiedenen Gelasse eines
    mehrstöckigen Hauses auf dem Grundrisse eines Stockwerkes eintragen.

    Wie die Stigmata ist eine Reihe anderer nervöser Symptome, wie
    wir oben sahen, nicht durch Vorstellungen veranlaßt, sondern direkte
    Folge der fundamentalen Anomalie des Nervensystemes: manche Algien,
    vasomotorische Phänomene, vielleicht der rein motorische Krampfanfall.

    Ihnen zunächst stehen die ideogenen Phänomene, welche einfach
    Konversionen affektiver Erregung sind (pag. 177). Sie entstehen als
    Wirkungen von Affekten in Menschen von hysterischer Disposition
    und sind zunächst nur „anomaler Ausdruck der Gemütsbewegungen

  • S.

    216

    (Oppenheim)1) Dieser wird durch Wiederholung zu einem wirklichen,
    scheinbar rein somatischen hysterischen Symptom, während die ver-
    anlassende Vorstellung unmerklich wird (pag. 181) oder abgewehrt und
    darum aus dem Bewußtsein verdrängt ist. Die meisten und wichtigsten
    der abgewehrten und konvertierten Vorstellungen haben sexualen Inhalt.
    Sie liegen einem großen Teile der Pubertätshysterie zugrunde. Die
    heranreifenden Mädchen – um diese handelt es sich hauptsächlich
    – verhalten sich zu den sexualen Vorstellungen und Empfindungen,
    die auf sie eindringen, sehr verschieden. Bald mit voller Unbefangenheit,
    wobei die einen das ganze Gebiet ignorieren und übersehen. Die anderen
    nehmen sie so an wie die Knaben; das ist bei Bauern- und Arbeiter-
    mädchen wohl die Regel. Wieder andere haschen mit mehr oder minder
    perverser Neugier nach allem, was Gespräch und Lektüre ihnen an
    Sexualem bringt; und endlich die feinorganisierten Naturen von großer
    sexualer Erregbarkeit, aber ebenso großer moralischer Reinheit, welche
    alles Sexuale als unvereinbar mit ihrem sittlichen Inhalt empfinden,
    als Beschmutzung und Befleckung2). Diese verdrängen die Sexualität
    aus ihrem Bewußtsein und die affektiven Vorstellungen solchen Inhaltes,
    welche somatische Phänomene verursacht haben, werden als „abge-
    wehrte“ unbewußt.

    Die Neigung zur Abwehr des Sexualen wird noch verstärkt dadurch,
    daß die sinnliche Erregung bei der Jungfrau eine Beimischung von
    Angst hat, die Furcht vor dem Unbekannten, Geahnten, was kommen
    wird, während sie bei dem natürlichen, gesunden, jungen Manne ein
    unvermischt aggressiver Trieb ist. Das Mädchen ahnt im Eros die
    furchtbare Macht, die ihr Schicksal beherrscht und entscheidet, und
    wird durch sie geängstigt. Um so größer ist die Neigung, wegzublicken
    und das Ängstigende aus dem Bewußtsein zu verdrängen.

    Die Ehe bringt neue sexuale Traumen. Es ist zu wundern, daß
    die Brautnacht nicht häufiger pathogen wirkt, da sie doch leider so
    oft nicht erotische Verführung, sondern Notzucht zum Inhalte hat.
    Aber freilich sind ja auch die Hysterien junger Frauen nicht selten,
    welche darauf zurückzuführen sind und schwinden, wenn sich im Ver-

    1)Jene Disposition ist eben das, was Strümpell als „die Störung im
    Psycho-Physischen“ bezeichnet, welche der Hysterie zugrunde liegt.

    2)Einige Beobachtungen lassen uns glauben, daß die Berührungs-, eigentlich
    Beschmutzungsfurcht, welche die Frauen zwingt, sich alle Augenblicke die Hände
    zu waschen, sehr häufig diesen Ursprung hat. Das Waschen entspringt demselben
    seelischen Vorgange wie bei Lady Macbeth.

  • S.

    217

    laufe der Zeit der Sexualgenuß eingestellt und das Trauma verwischt
    hat. Auch im weiteren Verlaufe vieler Ehen kommen sexuale Traumen
    vor. Jene Krankengeschichten, von deren Publikation wir absehen
    mußten, enthalten davon eine große Zahl, perverse Anforderungen des
    Mannes, unnatürliche Praktiken usw. Ich glaube nicht zu übertreiben,
    wenn ich behaupte, die große Mehrzahl der schweren Neurosen
    bei Frauen entstamme dem Ehebett.1

    Ein Teil der sexualen Noxen, der wesentlich in ungenügender
    Befriedigung besteht (coitus interruptus, ejaculatio praecox usf.),
    führt nach der Entdeckung Freuds2 nicht zu Hysterie, sondern zur
    Angstneurose. Doch meine ich, wird auch in solchen Fällen häufig
    genug die Erregung des Sexualaffektes in hysterische somatische Phäno-
    mene konvertiert.

    Es ist selbstverständlich und geht auch aus unseren Beobachtungen
    zur Genüge hervor, daß die nicht sexualen Affekte des Schrecks, der
    Angst, des Zornes zur Entstehung hysterischer Phänomene führen. Aber
    es ist vielleicht nicht überflüssig, immer wieder zu betonen, daß das
    sexuale Moment weitaus das wichtigste und pathologisch fruchtbarste
    ist. Die naive Beobachtung unserer Vorgänger, deren Rest wir im Worte
    „Hysterie“ bewahren, ist der Wahrheit näher gekommen als die neuere
    Anschauung, welche die Sexualität fast in letzte Linie stellt, um die
    Kranken vor moralischem Vorwurfe zu bewahren. Gewiß sind die
    sexualen Bedürfnisse der Hysterischen gerade so individuell verschieden
    groß und nicht stärker als bei den Gesunden. Aber sie erkranken an
    ihnen, und zwar großenteils gerade durch ihre Bekämpfung, durch die
    Abwehr der Sexualität.

    Neben der sexualen muß hier an die Schreckhysterie erinnert
    werden, die eigentlich traumatische Hysterie. Sie bildet eine der best-
    gekannten und anerkannten Hysterieformen.

    Sozusagen in der gleichen Schicht mit den Phänomenen, welche
    durch Konversion von Affekterregung entstanden sind, liegen diejenigen,

    1 Es ist gewiß von Übel, daß die Klinik dieses, eines der allerwichtigsten
    pathogenen Momente ignoriert, oder doch nur zart andeutend streift. Dies ist
    sicher ein Gegenstand, wo die Erfahrung der Erfahrenen dem jungen Arzte mit
    geteilt werden soll, der ja gewöhnlich an der Sexualität blind vorübergeht;
    mindestens was seine Kranken betrifft.

    2 Freud, „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten
    Symptomenkomplex als Angstneurose abzutrennen“. Neurol. Zentralblatt
    1895, Nr. 2.

  • S.

    218

    welche der Suggestion (meist Autosuggestion) bei originär suggestiblen
    Individuen ihren Ursprung verdanken. Hochgradige Suggestibilität,
    d. h. hemmungsloses Übergewicht frisch erregter Vorstellungen gehört
    nicht zum Wesen der Hysterie; sie kann sich aber bei hysterisch Dis-
    ponierten als Komplikation vorfinden, bei denen eben diese Eigenart
    des Nervensystemes die körperliche Realisierung der überwertigen Vor-
    stellungen ermöglicht. Es sind übrigens meistens doch nur affektive-
    Vorstellungen, welche suggestiv in somatischen Phänomenen realisiert
    werden, und so kann man den Vorgang oft auch als Konversion des
    begleitenden Schreck- oder Angstaffektes auffassen.

    Diese Prozesse der Affektkonversion und der Suggestion
    bleiben identisch auch in den komplizierten Formen von Hysterie, die
    nun zu betrachten sind; sie finden dort nur günstigere Bedingungen;
    aber psychisch bedingte hysterische Phänomene entstehen immer durch
    einen dieser beiden Vorgänge.

    Jenes dritte Konstituens der hysterischen Disposition, welches in
    manchen Fällen zu den früher besprochenen hinzutritt, die Konversion
    wie die Suggestion in höchstem Maße begünstigt und erleichtert und
    dadurch sozusagen über den kleinen Hysterien, die nur einzelne hyste-
    rische Phänomene zeigen, das weitere Stockwerk der großen Hysterie
    aufbaut, ist das Hypnoid, die Neigung zur Autohypnose (pag. 188).
    Sie konstituiert einen, zunächst nur vorübergehenden und mit dem
    normalen alternierenden Zustand, dem wir dieselbe Steigerung der
    psychischen Einwirkung auf den Körper zuschreiben dürfen, die wir
    in der artifiziellen Hypnose beobachten; diese Einwirkung ist hier
    um so intensiver und tiefer greifend, als sie ein Nervensystem betrifft,
    welches schon außerhalb der Hypnose von anomaler Erregbarkeit ist.1)
    Inwieweit und in welchen Fällen die Neigung zur Autohypnose originäre
    Eigenschaft des Organismus ist, wissen wir nicht. Ich habe oben

    1)Es liegt nahe, die Disposition zur Hypnose mit der originären abnormen
    Erregbarkeit zu identifizieren, da uns ja auch die artefizielle Hypnose ideogene
    Veränderungen der Sekretion, der lokalen Blutfülle, Blasenbildungen u. dgl. zeigt.
    Dies scheint die Ansicht von Möbius zu sein. Ich meine aber, man bewegt sich
    da in einem falschen Zirkel. Diese Thaumaturgie der Hypnose beobachten wir,
    soviel ich sehe, doch nur bei Hysterischen. Wir würden also der Hypnose die
    Leistungen der Hysterie zuschreiben und dann wieder diese aus der Hypnose-
    ableiten.

  • S.

    219

    (pag. 191) die Ansicht ausgesprochen, daß sie sich aus affekterfüllter
    Träumerei entwickle. Aber sicher gehört auch hierzu originäre Dis-
    position. Wenn jene Ansicht richtig ist, so wird auch hier deutlich,
    wie großer Einfluß auf die Entwicklung der Hysterie der Sexualität
    zuzuschreiben ist. Denn es gibt außer der Krankenpflege keinen psy-
    chischen Faktor, der so wie die Liebessehnsucht geeignet ist, affekt-
    erfüllte Träumerei zu erzeugen. Und überdies ist der sexuale Orgasmus
    selbst mit seiner Fülle von Affekt und der Einengung des Bewußtseins
    den hypnoiden Zuständen nahe verwandt.

    Das Hypnoid tritt am deutlichsten in die Erscheinung als hyste-
    rischer Anfall, und in jenem Zustande, den man als akute Hysterie
    bezeichnen kann und der, wie es scheint, in der Entwicklung der großen
    Hysterie eine so bedeutende Rolle spielt (pag. 207). Es sind dies lange,
    oft mehrere Monate dauernde, deutlich psychotische Zustände, die man
    oft geradezu als halluzinatorische Verworrenheit bezeichnen muß;
    auch wenn die Störung nicht so weit geht, treten in solchem Zustande
    mannigfache hysterische Phänomene auf, von denen einige auch weiterhin
    persistieren. Der psychische Inhalt dieser Zustände besteht zum Teil
    gerade aus den Vorstellungen, welche im wachen Leben abgewehrt
    und aus dem Bewußtsein verdrängt worden sind (,,hysterische De-
    lirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohl-
    erzogenen Kinder“).

    Da diese Zustände so oft geradezu Psychosen sind und doch
    direkt und ausschließlich der Hysterie entstammen, kann ich mich
    der Meinung Möbius’ nicht anschließen: „man könne, – abgesehen
    von den mit dem Anfalle verknüpften Delirien, von einem eigentlichen
    hysterischen Irresein nicht reden.“1) Diese Zustände sind in vielen
    Fällen ein solches; und auch im weiteren Verlaufe der Hysterie wieder-
    holen sich solche Psychosen, die freilich im Wesen nichts anderes sind
    als das psychotische Stadium des Anfalles, aber bei monatelanger
    Dauer doch nicht wohl als Anfälle bezeichnet werden können.

    Wie entstehen diese akuten Hysterien? In dem bestbekannten Falle
    (Beobachtung I) entwickelte sie sich aus der Häufung der Hypnoid-
    attacken; in einem andern Falle (von schon bestehender, komplizierter
    Hysterie) im Anschlusse an eine Morphinëntziehung. Meist ist der Vor-
    gang ganz dunkel und harrt der Klärung durch weitere Beobachtungen.

    1)Möbius: Gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatsschrift für
    Geburtshilfe und Gynäkologie, 1895, I. Bd., p. 18.

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    220

    Für diese, hier besprochenen Hysterien gilt also der Satz von
    Möbius: „Die der Hysterie wesentliche Veränderung besteht darin,
    daß vorübergehend oder dauernd der geistige Zustand des Hysterischen
    dem des Hypnotisierten gleicht.“

    Das Fortdauern der im Hypnoid entstandenen hysterischen
    Symptome während des normalen Zustandes entspricht vollständig
    unseren Erfahrungen über posthypnotische Suggestion. Damit ist aber
    auch schon gesagt, daß Komplexe von bewußtseinsunfähigen Vor-
    stellungen mit den bewußt ablaufenden Ideenreihen koexistieren, daß
    die Spaltung der Psyche (pag. 197) vollzogen ist. Es scheint sicher,
    daß diese auch ohne Hypnoid entstehen kann, aus der Fülle der abge-
    wehrten, aus dem Bewußtsein verdrängten, aber nicht unterdrückten
    Vorstellungen. Auf die eine und die andere Weise entsteht ein bald
    ideenarmes, rudimentäres, bald dem wachen Denken mehr minder
    gleiches Gebiet psychischen Lebens, dessen Erkenntnis wir vor allen
    Binet und Janet verdanken. Die Spaltung der Psyche ist die Voll-
    endung der Hysterie; es wurde früher (Kap. V) dargelegt, wie sie die
    wesentlichen Charakterzüge der Krankheit erklärt. Dauernd, aber
    mit wechselnder Lebhaftigkeit seiner Vorstellungen, befindet sich ein
    Teil der Psyche des Kranken im Hypnoid, immer bereit, beim Nach-
    lassen des wachen Denkens die Herrschaft über den ganzen Menschen
    zu gewinnen (Anfall, Delirium). Das geschieht, sobald ein starker Affekt
    den normalen Vorstellungsablauf stört, in Dämmer- und in Erschöpfungs-
    zuständen. Aus diesem persistierenden Hypnoid herauf dringen un-
    motivierte, der normalen Assoziation fremde Vorstellungen ins Bewußt-
    sein, werden Halluzinationen in das Wahrnehmen geworfen, werden
    motorische Akte unabhängig vom bewußten Willen innerviert. Diese
    hypnoide Psyche ist im höchsten Grade befähigt zur Affektkonversion
    und Suggestion, und so entstehen mit Leichtigkeit neue hysterische
    Phänomene, welche ohne die psychische Spaltung nur sehr schwer und
    unter dem Drucke wiederholter Affekte zustande gekommen wären.
    Die abgespaltene Psyche ist jener Dämon, von dem die naive Beob-
    achtung alter, abergläubischer Zeiten die Kranken besessen glaubte.
    Daß ein dem wachen Bewußtsein des Kranken fremder Geist in ihm
    walte, ist richtig; nur ist es kein wirklich fremder, sondern ein Teil
    seines eigenen.


    Der hier gewagte Versuch, aus unseren heutigen Kenntnissen
    die Hysterie synthetisch zu konstruieren, steht dem Vorwurfe des

  • S.

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    Eklektizismus offen, wenn dieser überhaupt berechtigt ist. So viele
    Formulierungen der Hysterie, von der alten „Reflextheorie“ bis zur
    „Dissoziation der Persönlichkeit“ haben darin Platz finden müssen.
    Aber es kann kaum anders sein. So zahlreiche treffliche Beobachter und
    scharfsinnige Köpfe haben sich um die Hysterie bemüht. Es ist un-
    wahrscheinlich, daß nicht jede ihrer Formulierungen einen Teil der
    Wahrheit enthalte. Die künftige Darstellung des wirklichen Sach-
    verhaltes wird gewiß sie alle enthalten und nur all die einseitigen
    Ansichten des Gegenstandes zu einer körperhaften Realität kombinieren.
    Der Eklektizismus scheint mir darum kein Tadel.

    Aber wieweit von der Möglichkeit eines solchen vollständigen
    Verständnisses der Hysterie sind wir heute noch? Mit wie unsicheren
    Zügen sind hier die Konturen umrissen worden, mit wie plumpen Hilfs-
    vorstellungen sind die klaffenden Lücken mehr verdeckt als ausgefüllt.
    Nur die eine Erwägung beruhigt einigermaßen: daß dieses Übel allen
    physiologischen Darstellungen komplizierter psychischer Vorgänge
    anhaftet und anhaften muß. Von ihnen gilt immer, was Theseus
    im Sommernachtstraum von der Tragödie sagt: „Auch das Beste dieser
    Art ist nur ein Schattenspiel.“ Und auch das Schwächste ist nicht
    wertlos, wenn es sucht, in Treue und Bescheidenheit die Schattenrisse
    festzuhalten, welche die unbekannten wirklichen Objekte auf die Wand
    werfen. Dann ist doch immer die Hoffnung berechtigt, daß irgend
    ein Maß von Übereinstimmung und Ähnlichkeit zwischen den wirklichen
    Vorgängen und unserer Vorstellung davon bestehen werde.