S.
62 Aus der Geschichte
angeben, cs war knapp vor dem vierten Geburtstag. Die
Kinderzeit, mit der wir uns beschäftigen wollten, zerlegt sich
dank diesem Anhaltspunkte in zwei Phasen, eine erste der
Schlimmheit und Perversitit von der Verführung mit
3% Jahren bis zum vierten Geburtstag, und eine lingere
darauffolgende, in der die Zeichen der Neurose vorherrschen.
Der Vorfall aber, der diese Scheidung gestattet, war kein
4uBeres Trauma, sondern ein Traum, aus dem er mit Angst
erwachte.IV
Der Traum und die UrszeneIch habe diesen Traum wegen seines Gehaltes an Märchen-
stoffen bereits an anderer Stelle publiziert‘ und werde zu-
nächst das dort Mitgeteilte wiederholen:„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem
Bett liege, [mein Bett stand mit dem Fuflende gegen das
Fenster, vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nuß-
båume. Ich weiß, es war Winter, als ich tråumte, und Nacht-
zeit]. Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe
mit großem Schrecken, daß anf dem großen Nußbaum vor dem
Fenster ein paar weiße Wolfe sitzen. Es waren sechs oder
sieben. Stück. Die Wolfe waren ganz weiß und sahen eher
ans wie Füchse oder Schåferhunde, denn sie hatten große
Schwänze wie Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie
bei den Hunden, wenn sie auf etwas passen. Unter großer
Angst, offenbar, von den Wolfen aufgefressen zu werden,
schrie ich auf und erwachte. Meine Kinderfrau eilte zu
meinem Bett, um nachzusehen, was mit mir geschehen war.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich iiberzeugt war, es sei6) Mårchenstoffe in Tråumen. Int. Zeitschr. f. årztl. Psycho-
analyse, Bd. I. 1913. [Bd. IIL der Ges. Schriften.]S.
einer infantilen Neurose 63
nur ein Traum gewesen, so natiirlich und deutlich war mir
das Bild vorgekommen, wie das Fenster aufgeht und die
Wölfe auf dem Baume sitzen. Endlich beruhigte ich mich,
fühlte mich wie von einer Gefahr befreit und schlief wiederein.
„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des
Fensters, denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Be-
wegung auf den Asten des Baumes, rechts und links vom
Stamm und schauten mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre
ganze Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hätten. — Ich
glaube, dies war mein erster Angsttraum. Ich war damals
drei, vier, höchstens fünf Jahre alt. Bis in mein elftes oder
zwölftes Jahr hatte ich von da an immer Angst, etwas
Schreckliches im Traume zu sehen.“S.
64 Aus der Geschichte
Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den
Wolfen, die seine Beschreibung bestitigt. Die Analyse des
Traumes fördert nachstehendes Material zu Tage.Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der
Erinnerung gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit
cine ganz ungeheuerliche Angst vor dem Bild eines Wolfes
in einem Mårchenbuche zeigte. Die ältere, ihm recht über-
legene Schwester pflegte ihn zu necken, indem sie ihm unter
irgend einem Vorwand gerade dieses Bild vorhielt, worauf
er entsetzt zu schreien begann. Auf diesem Bild stand der
Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, die Tatzen aus-
gestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses Bild
habe als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen
gehört.Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe
denken, von denen große Herden in der Nähe des Gutes
gehalten wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese
Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz
und selig. Später — nach eingezogenen Erkundigungen kann
es leicht kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, —
brach unter diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ
einen Pasteurschüler kommen, der die Tiere impfte, aber sie
starben nach der Impfung noch zahlreicher als vorher.Wie kommen die Wolfe auf den Baum? Dazu fällt ihm
eine Geschichte ein, die er den Großvater erzählen gehört.
Er kann sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traum,
aber ihr Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die
Geschichte lautet: Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei
der Arbeit, da öffnet sich das Fenster und ein Wolf springt
herein. Der Schneider schlágt mit der Elle nach ihm — nein,
verbessert er sich, packt ihn beim Schwanz und reifit ihm
diesen aus, so daß der Wolf erschreckt davonrennt. Eine
Weile spiter geht der Schneider in den Wald und siehtS.
einer infantilen Neurose 65
plötzlich ein Rudel Wolfe herankommen, vor denen er sich
auf einen Baum flüchtet. Die Wölfe sind zunächst ratlos, aber
der Verstiimmelte, der unter ihnen ist und sich am Schneider
rächen will, macht den Vorschlag, daß einer auf den anderen
steigen soll, bis der letzte den Schneider erreicht hat. Er
selbst — es ist ein kräftiger Alter — will die Basis dieser
Pyramide machen. Die Wolfe tun so, aber der Schneider
hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft plötzlich
wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der schwanz-
lose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon und
die andern purzeln alle herab. ||In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im
Traum die Wölfe sitzen. Sie ‚enthält aber auch eine unzwei-
deutige Ankniipfung an den Kastrationskomplex. Der alte
Wolf ist vom Schneider um den Schwanz gebracht worden.
Die Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kompen-
sationen dieser Schwanzlosigkeit.Warum sind es sechs oder sieben Wolfe? Diese Frage schien
nicht zu beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich
sein Angstbild auf das Rotkåppchenmårchen bezogen haben
könne. Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustrationen,
zur Begegnung des Rotkåppchens mit dem Wolf im Walde
und zur Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter
im Bette liegt. Es miisse sich also ein anderes Mårchen hinter
der Erinnerung an das Bild verbergen. Er fand dann bald,
daß es nur die Geschichte vom Wolf und den sieben
Geiflein sein könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber
auch die Sechs, denn der Wolf frißt nur sechs Geiflein auf,
das siebente versteckt sich im Uhrkasten. Auch das Weiß
kommt in dieser Geschichte vor, denn der Wolf låft sich
beim Bicker die Pfote weiß machen, nachdem ihn die Geiß-
lein bei seinem ersten Besuch an der grauen Pfote erkannt
haben. Beide Märchen haben übrigens viel Gemeinsames. In5 Freud, Schriften zur Neurosenlehre
S.
66 Aus der Geschichte
beiden findet sich das Auffressen, das Bauchaufschneiden, die
Herausbeforderung der gefressenen Personen, deren Ersatz
durch schwere Steine, und endlich kommt in beiden der böse
Wolf um. Im Märchen von den Geiflein kommt auch noch
der Baum vor. Der Wolf legt sich nach der Mahlzeit unter
cinen Baum und schnarcht.Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen
Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und
ihn dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja ein
erster aus der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt
im Zusammenhang mit anderen Träumen, die bald nachher
erfolgten, und mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit
des Tråumers ein Interesse von ganz besonderer Art wachruft.
Hier beschränken wir uns auf die Beziehung des Traumes zu
zwei Märchen, die viel Gemeinsames haben, zum „Rotkäpp-
chen“ und zum „Wolf und die sieben Geißlein“. Der Ein-
druck dieser Märchen äußerte sich bei dem kindlichen Träu-
mer in einer richtigen Tierphobie, die sich von anderen ähn-
lichen Fällen nur dadurch auszeichnete, daß das Angsttier
nicht ein der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt war
(wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung und
Bilderbuch gekannt.Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklä-
rung diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen
zukommt. Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung
sehr zu dem Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des
'Tråumers in späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst
vor dem Vater war das stirkste Motiv seiner Erkrankung ge-
wesen, und die ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz
beherrschte sein Leben wie sein Verhalten in der Behandlung.Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater-
ersatz war, so fragt es sich, ob die Mirchen vom Wolf, der
die Geiflein auffrift, und vom Rotkäppchen etwas anderesS.
einer infantilen Neurose 67
als die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen Inhalt
haben.” Der Vater meines Patienten hatte iibrigens die Eigen-
tümlichkeit des ,zårtlichen Schimpfens“, die so
viele Personen im Umgang mit ihren Kindern zeigen, und
die scherzhafte Drohung „ich fress dich auf“ mag in den
ersten Jahren, als der später strenge Vater mit dem Sóhnlein
zu spielen und zu kosen pflegte, mehr als einmal geäußert
worden sein. Eine meiner Patientinnen erzåhlte mir, daB ihre
beiden Kinder den Groftvater nie lieb gewinnen konnten,
weil er sie in seinem zårtlichen Spiel zu schrecken pflegte, er
werden ihnen den Bauch aufschneiden.Lassen wir nun all das beiseite, was in diesem Aufsatze der
Verwertung des Traumes vorgreift, und kehren wir zu seiner
nächsten Deutung zurück. Ich will bemerken, daß diese
Deutung eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch mehrere
Jahre hinzog. Der Patient hatte den Traum sehr frühzeitig
mitgeteilt und sehr bald meine Überzeugung angenommen,
daß hinter ihm die Verursachung seiner infantilen Neurose
verborgen sei, Wir kamen im Laufe der Behandlung oft auf
den Traum zurück, aber erst in den letzten Monaten der Kur
gelang es, ihn ganz zu verstehen, und zwar dank der spon-
tanen Arbeit des Patienten. Er hatte immer hervorgehoben,
daß zwei Momente des Traumes den größten Eindruck auf
ihn gemacht hätten, erstens die völlige Ruhe und Unbeweg-
lichkeit der Wölfe und zweitens die gespannte Aufmerksam-
keit, mit der sie alle auf ihn schauten. Auch das nachhaltige
Wirklichkeitsgefühl, in das der Traum auslief, erschien ihm
beachtenswert.An dies letztere wollen wir ankniipfen. Wir wissen aus den
7) Vgl. die von O. Rank hervorgehobene Ahnlichkeit dieser
beiden Märchen mit dem Mythus von Kronos (Vólkerpsycho-
logische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. Zentralblatt
も Psychoanalyse, II, 8.)st
S.
68 Aus der Geschichte
Erfahrungen der Traumdeutung, daß diesem Wirklichkeits-
gefühl eine bestimmte Bedeutung zukommt. Es versichert uns,
daß etwas in dem latenten Material des Traumes den An-
spruch auf Wirklichkeit in der Erinnerung erhebt, also daß
der Traum sich auf eine Begebenheit bezieht, die wirklich
vorgefallen und nicht bloß phantasiert worden ist. Natürlich
kann es sich nur um die Wirklichkeit von etwas Unbekann-
tem handeln; die Überzeugung z. B., daß der Großvater
wirklich die Geschichte vom Schneider und vom Wolf er-
zählt, oder daß ihm wirklich die Märchen vom Rotkäppchen
und von den sieben Geißlein vorgelesen worden waren,
könnte sich niemals durch das den Traum überdauernde
Wirklichkeitsgefühl ersetzen. Der Traum schien auf eine Be-
gebenheit hinzudeuten, deren Realität so recht im Gegensatz
zur Irrealität der Märchen betont wird.Wenn eine solche unbekannte, d. h. zur Zeit des Traumes
bereits vergessene Szene hinter dem Inhalt des Traumes an-
zunehmen war, so mußte sie sehr früh vorgefallen sein. Der
"Träumer sagt ja: ich war, als ich den Traum hatte, drei,
vier, höchstens fünf Jahre alt. Wir können hinzufügen: und
wurde durch den Traum an etwas erinnert, was einer noch
früheren Zeit angehört haben mußte.Zum Inhalt dieser Szene mußte führen, was der Träumer
aus dem manifesten Trauminhalt hervorhob, die Momente des
aufmerksamen Schauens und der Bewegungslosigkeit. Wir er-
warten natürlich, daß dies Material das unbekannte Material
der Szene in irgend einer Entstellung wiederbringt, vielleicht
sogar in der Entstellung zur Gegensitzlichkeit.Aus dem Rohstoff, welchen die erste Analyse mit dem
Patienten ergeben hatte, waren gleichfalls mehrere Schliisse
zu ziehen, die in den gesuchten Zusammenhang einzufügen
waren. Hinter der Erwähnung der Schafzucht waren die
Belege fiir seine Sexualforschung zu suchen, deren InteressenS.
einer infantilen Neurose 69
er bei seinen Besuchen mit dem Vater befriedigen konnte,
aber auch Andeutungen von Todesangst mußten dabei sein,
denn die Schafe waren ja zum größten Teil an der Seuche
gestorben. Was im Traum das Vordringlichste war, die Wolfe
auf dem Baume, fiihrte direkt zur Erzåhlung des Groftvaters,
an welcher kaum etwas anderes als die Ankniipfung an das
Kastrationsthema das Fesselnde und den Traum Anregende
gewesen sein konnte.Wir hatten aus der ersten unvollständigen Analyse des
Traumes ferner erschlossen, daß der Wolf ein Vaterersatz sei,
so daß dieser erste Angsttraum jene Angst vor dem Vater zum
Vorschein gebracht hitte, welche von nun an sein Leben be-
herrschen sollte. Dieser Schluß selbst war allerdings noch
nicht verbindlich. Wenn wir aber als Ergebnis der vorlåufi-
gen Analyse zusammenstellen, was sich aus dem vom Träumer
gelieferten Material ableitet, so liegen uns etwa folgende
Bruchstücke zur Rekonstruktion vor:Eine wirkliche Begebenheit — aus sehr
früher Zeit — Schauen — Unbewegtheit —
Sexualprobleme — Kastration — der Vater— etwas Schreckliches.
Eines Tages begann der Patient die Deutung des Traumes
fortzusetzen. Die Stelle des Traumes, meinte er, in der es
heißt: Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, ist durch die
Beziehung zum Fenster, an dem der Schneider sitzt, und
durch das der Wolf ins Zimmer kommt, nicht ganz
aufgeklärt. Es muß die Bedeutung haben: die Augen gehen
plötzlich auf. Also ich schlafe und erwache plötzlich, dabei
sehe ich etwas: den Baum mit den Wolfen. Dagegen war
nichts einzuwenden, aber es ließ weitere Ausniitzung zu. Er
war erwacht und hatte etwas zu sehen bekommen. Das auf-
merksame Schauen, das im Traum den Wolfen zugeschrieben
wird, ist vielmehr auf ihn zu schieben. Da hatte an einemS.
70 Aus der Geschichte
entscheidenden Punkte eine Verkehrung stattgefunden, die
sich übrigens durch eine andere Verkehrung im manifesten
Trauminhalt anzeigt. Es war ja auch eine Verkehrung, wenn
die Wölfe auf dem Baum saßen, während sie sich in der Er-
zühlung des Grofivaters unten befanden und nicht auf den
Baum steigen konnten.Wenn nun auch das andere vom Träumer betonte Moment
durch eine Verkehrung oder Umkehrung entstellt wáre? Dann
müßte es anstatt Bewegungslosigkeit (die Wolfe sitzen
regungslos da, schauen auf ihn, aber rühren sich nicht) heißen:
heftigste Bewegung. Er ist also plótzlich erwacht und hat eine
Szene von heftiger Bewegtheit vor sich gesehen, auf die er
mit gespannter Aufmerksamkeit schaute. In dem einen Falle
bestünde die Entstellung in einer Vertauschung von Subjekt
und Objekt, Aktivität und Passivitit, angeschaut werden an-
statt anschauen, im anderen Falle in einer Verwandlung ins
Gegenteil: Ruhe anstatt Bewegtheit.Einen weiteren Fortschritt im Verständnis des Traumes
brachte ein andermal der-plótzlich auftauchende Einfall: Der
Baum ist der Weihnachtsbaum. Jetzt wußte er, der Traum
war kurz vor Weihnachten in der Weihnachtserwartung ge-
tráumt worden. Da der Weihnachtstag auch sein Geburtstag
war, ließ sich der Zeitpunkt des Traumes und der von ihm
ausgehenden Wandlung nun mit Sicherheit feststellen. Es war
knapp vor seinem vierten Geburtstag. Er war also einge-
schlafen in der gespannten Erwartung des Tages, der ihm eine
doppelte Beschenkung bringen sollte. Wir wissen, daf das
Kind unter solchen Verhältnissen leicht die Erfüllung seiner
Wünsche im Traum antizipiert. Es war also schon Weihnacht
im Traume, der Inhalt des Traumes zeigte ihm seine Be-
scherung, am Baume hingen die für ihn bestimmten Ge-
schenke. Aber anstatt der Geschenke waren es — Wolfe gewor-
den, und der Traum endigte damit, daß er Angst bekam, vomS.
einer infantilen Neurose 71
Wolf (wahrscheinlich vom Vater) gefressen zu werden, und
seine Zuflucht zur Kinderfrau nahm. Die Kenntnis seiner
Sexualentwicklung vor dem Traum macht es uns möglich, die
Lücke im Traume auszufüllen und die Verwandlung der Be-
friedigung in Angst aufzuklären. Unter den traumbildenden
Wünschen muß sich, als der stärkste, der nach der sexuellen
Befriedigung geregt haben, die er damals vom Vater ersehnte.
Der Stärke dieses Wunsches gelang es, die längst vergessene
Erinnerungsspur einer Szene aufzufrischen, die ihm zeigen
konnte, wie die Sexualbefriedigung durch den Vater aussah,
und das Ergebnis war Schreck, Entsetzen vor der Erfiillung
dieses Wunsches, Verdringung der Regung, die sich durch
diesen Wunsch dargestellt hatte, und darum Flucht vom
Vater weg zur ungefährlicheren Kinderfrau.Die Bedeutung dieses Weihnachtstermins war in der angeb-
lichen Erinnerung erhalten geblieben, daß er den ersten Wut-
anfall bekommen, weil er von den Weinachtsgeschenken un-
befriedigt gewesen war. Die Erinnerung zog Richtiges und
Falsches zusammen, sie konnte nicht ohne Abänderung Recht
haben, denn nach den oft wiederholten. Aussagen der Eltern
war seine Schlimmheit bereits nach deren Rückkehr im Herbst
und nicht erst zu Weihnachten aufgefallen, aber das Wesent-
liche der Beziehungen zwischen mangelnder. Liebesbefriedi-
gung, Wut und Weihnachtszeit war in der Erinnerung fest-
gehalten worden.Welches Bild konnte aber die nichtlicherweise wirkende,
sexuelle Sehnsucht heraufbeschworen haben, das imstande
war, so intensiv von der gewünschten Erfüllung abzu-
schrecken? Dieses Bild mußte nach dem Material der
Analyse eine Bedingung erfüllen, es mußte geeignet sein, die
Uberzeugung von der Existenz der Kastration zu begriinden.Die Kastrationsangst wurde dann der Motor der Affektver-
wandlung.S.
72 Aus der Geschichte
Hier kommt nun die Steile, an der ich die Anlehnung an
den Verlauf der Analyse verlassen muß. Ich fürchte, es wird
auch die Stelle sein, an der der Glaube der Leser mich ver-
lassen wird.Was in jener Nacht aus dem Chaos der unbewuftten Ein-
drucksspuren aktiviert wurde, war das Bild eines Koitus
zwischen den Eltern unter nicht ganz gewöhnlichen und fiir
die Beobachtung besonders giinstigen Umstinden. Es gelang
allmåhlich, fiir alle Fragen, die sich an diese Szene kniipfen
konnten, befriedigende Antworten zu erhalten, indem jener
erste Traum im Verlauf der Kur in ungezihlten Abånde-
rungen und Neuauflagen wiederkehrte, zu denen die Analyse
die gewünschten Aufklirungen lieferte. Só stellte sich zu-
nächst das Alter des Kindes bei der Beobachtung heraus,
etwa 1% Jahre." Er litt damals an einer Malaria, deren
Anfall täglich zu bestimmter Stunde wiederkehrte.? Von
seinem zehnten Jahr an war er zeitweise Stimmungen von
Depression unterworfen, die am Nachmittag einsetzten und
um die fünfte Stunde ihre Höhe erreichten. Dieses Symptom
bestand noch zur Zeit der analytischen Behandlung. Die
wiederkehrende Depression ersetzte den damaligen Fieber-
oder Mattigkeitsanfall; die fünfte Stunde war entweder die
Zeit der Fieberhôhe oder die der Koitusbeobachtung, wenn
nicht beide Zeiten zusammenfallen.* Er befand sich wahr-
scheinlich gerade dieses Krankseins wegen im Zimmer der
Eltern, Diese auch durch direkte Tradition erhårtete Erkran-8) Daneben käme mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit, eigent-
lich kaum haltbar, das Alter von % Jahr in Betracht.9) Vgl. die späteren Umbildungen dieses Moments in der
Zwangsneurose. In den Triumen wihrend der Kur Ersetzung
durch einen heftigen Wind (aria — Luft).10) Man bringe damit zusammen, daß der Patient zu seinem
Traum nur fünf Wolfe gezeichnet hat, obwohl der Text des
Traumes von 6 oder 7 spricht.S.
einer infantilen Neurose 73
kung legt uns nahe, den Vorfall in den Sommer zu verlegen
und damit für den am Weihnachtstag Geborenen ein Alter
von n + 1% Jahre anzunehmen. Er hatte also im Zimmer
der Eltern in seinem Bettchen geschlafen und erwachte, etwa
infolge des steigenden Fiebers, am Nachmittag, vielleicht um
die später durch Depression ausgezeichnete fünfte Stunde.
Es stimmt zur Annahme eines heißen Sommertages, wenn sich
die Eltern halb entkleidet** zu einem Nachmittagsschläfchen
zurückgezogen hätten. Als er erwachte, wurde er Zeuge eines
dreimal wiederholten coitus a tergo, konnte das Genitale
der Mutter wie das Glied des Vaters sehen und verstand den
Vorgang wie dessen Bedeutung." Endlich stórte er den Ver-
kehr der Eltern auf eine Weise, von der spáterhin die Rede
sein wird.Im Grunde ist es nichts Aufterordentliches, macht nicht den
Eindruck des Produkts einer ausschweifenden Phantasie, daß
ein junges, erst wenige Jahre verheiratetes Ehepaar an einen
Nachmittagsschlaf zu heißer Sommerszeit einen zärtlichen
Verkehr anschließt und sich dabei über die Gegenwart des
1% Jahre alten, in seinem Bettchen schlafenden Knibleins
hinaussetzt. Ich meine vielmehr, es wire etwas durchaus
Banales, Alltágliches, und auch die erschlossene Stellun;
beim Koitus kann an diesem Urteil nichts ändern. Besonder:
da aus dem Beweismaterial nicht hervorgeht, daß der Koitu:11) In weißer Wäsche, die weißen Wölfe.
ı2) Woher dreimal? Er stellte plötzlich einmal die Behauptung
auf, daß ich dieses Detail durch Deutung eruiert hätte. Das traf
nicht zu, Es war ein spontaner, weiterer Kritik entzogener Ein-
fall, den er nach seiner Gewohnheit mir zuschob und ihn durch
diese Projektion vertrauenswiirdig machte.13) Ich meine, er verstand ihn zur Zeit des Traumes mit vier
Jahren, nicht zur Zeit der Beobachtung. Mit 1% Jahren holte er
sich die Eindrücke, deren nachtrågliches Verständnis ihm zur Zeit
des Traumes durch seine Entwicklung, seine sexuelle Erregung
und seine Sexualforschung ermöglicht wurde.S.
74 Aus der Geschichte
jedesmal in der Stelling von rückwärts vollzogen wurde.
Ein einziges Mal hätte ja hingereicht, um dem Zuschauer
die Gelegenheit zu Beobachtungen zu geben, die durch eine
andere Lage der Liebenden erschwert oder ausgeschlossen
wären. Der Inhalt dieser Szene selbst kann also kein Argu-
ment gegen ihre Glaubwürdigkeit sein. Das Bedenken der
Unwahrscheinlichkeit wird sich gegen drei andere Punkte
richten: dagegen, daß ein Kind in dem zarten Alter von
1% Jahren imstande sein sollte, die Wahrnehmungen eines
so komplizierten Vorganges aufzunehmen und sie so getreu
in seinem Unbewufiten zu bewahren, zweitens dagegen, daß
eine nachträgliche zum Verständnis vordringende Bearbei-
tung der so empfangenen Eindrücke zu 4 Jahren möglich
ist, und endlich, daß es durch irgend ein Verfahren gelingen
sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, unter solchen
Umständen erlebt und verstanden, in zusammenhängender
und iiberzeugender Weise bewußt zu machen!”Ich werde diese und andere Bedenken später sorgfältig
prüfen, versichere dem Leser, daß ich nicht weniger kritisch
als er gegen die Annahme einer solchen Beobachtung des
Kindes eingestellt bin, und bitte ihn, sich mit mir zum vor-
låufigen Glauben an die Realität dieser Szene zu entschließen.
Zunächst wollen wir das Studium der Beziehungen dieser14) Man kann sich die erste dieser Schwierigkeiten nicht durch
die Annahme erleichtern, das Kind sei zur Zeit der Beobachtung
doch wahrscheinlich um ein Jahr älter gewesen, also 2% Jahre
alt, zu welcher Zeit es eventuell vollkommen sprachfähig sein
mag. Für meinen Patienten war eine solche Zeitverschiebung durch
alle Nebenumstände seines Falles fast ausgeschlossen. Übrigens
wolle man in Betracht ziehen, daß solche Szenen von Beobachtung
des elterlichen Koitus in der Analyse keineswegs selten aufgedeckt
werden. Ihre Bedingung ist aber gerade, daß sie in die früheste
Kinderzeit fallen. Je älter das Kind ist, desto sorgfältiger werden
auf einem gewissen sozialen Niveau die Eltern dem Kinde die
Gelegenheit zu solcher Beobachtung versagen.S.
einer infantilen Neurose 75
,Urszene* zum ‘Traum, zu den Symptomen und zur
Lebensgeschichte des Patienten fortsetzen. Wir werden ge-
sondert verfolgen, welche Wirkungen vom wesentlichen
Inhalt der Szene und von einem ihrer visuellen Eindrücke
ausgegangen sind.Unter letzterem meine ich die Stellungen, welche er die
Eltern einnehmen sah, die aufrechte des Mannes und die
tierähnlich gebückte der Frau. Wir haben schon gehört, daß
ihn in der Angstzeit die Schwester mit dem Bild im Märchen-
buch zu schrecken pflegte, auf dem der Wolf aufrecht dar-
gestellt war, einen Fuß vorgesetzt, die Tatzen ausgestreckt
und die Ohren aufgestellt. Er ließ sich während der Kur die
Mühe nicht verdrießen, in Antiquarliden nachzuspiiren, bis
er das Mirchenbilderbuch seiner Kindheit wiedergefunden
hatte, und erkannte sein Schreckbild in einer Illustration zur
Geschichte vom „Wolf und den sieben Geiflein“. Er meinte,
die Stellung des Wolfes auf diesem Bild hätte ihn an die des
Vaters während der konstruierten Urszene erinnern können.
Dieses Bild wurde jedenfalls zum Ausgangspunkt weiterer
Angstwirkungen. Als er in seinem siebenten oder achten
Jahr einmal die Ankündigung erhielt, morgen werde ein
neuer Lehrer zu ihm kommen, träumte er in der nächstfolgen-
den Nacht von diesem Lehrer als Löwen, der sich laut
brüllend in der Stellung des Wolfes auf jenem Bilde seinem
Bette näherte, und erwachte wiederum mit Angst. Die Wolfs-
phobie war damals bereits überwunden, er hatte darum die
Freiheit, sich ein neues Angsttier zu wählen, und aner-
kannte in diesem späten Traum den Lehrer als Vaterersatz.
Jeder seiner Lehrer spielte in seinen späteren Kinderjahren
die gleiche Vaterrolle und wurde mit dem Vatereinfluß zum
Guten wie zum Bösen ausgestattet.Das Schicksal schenkte ihm einen sonderbaren Anlaß,
seine Wolfsphobie in der Gymnasialzeit aufzufrischen undS.
76 Aus der Geschichte
die Relation, die ihr zu Grunde lag, zum Ausgang schwerer
Hemmungen zu machen. Der Lehrer, der den lateinischen
Unterricht seiner Klasse leitete, hieß Wolf. Er war von
Anfang an vor ihm eingeschüchtert, zog sich einmal eine
schwere Beschimpfung von ihm zu, weil er in einer lateinischen
Übersetzung einen dummen Fehler begangen hatte, und
wurde von da an eine lihmende Angst vor diesem Lehrer
nicht mehr los, die sich bald auf andere Lehrer übertrug. Aber
die Gelegenheit, bei der er in der Ubersetzung strauchelte, war
auch nicht beziehungslos. Er hatte das lateinische Wort filins
zu übersetzen und tat es mit dem französischen fils anstatt
mit dem entsprechenden Wort der Muttersprache. Der Wolf
war eben noch immer der Vater.”Das erste der ,,passagéren Symptome""" welches der Patient
in der Behandlung produzierte, ging noch auf die Wolfs-
phobie und auf das Märchen von den sieben Се еп zurück.
In dem Zimmer, wo die ersten Sitzungen abgehalten wurden,
befand sich eine grofe Wandkastenuhr gegenüber vom
Patienten, der abgewandt von mir auf einem Diwan lag. Es
fiel mir auf, дав er von Zeit zu Zeit das Gesicht zu mir15) Nach dieser Beschimpfung durch den Lehrer-Wolf erfuhr
er als die allgemeine Meinung der Kollegen, daß der Lehrer zur
Beschwichtigung — Geld von ihm erwarte. Darauf werden wir
später zurückkommen. — Ich kann mir vorstellen, welche Er-
leichterung es fiir eine rationalistische Betrachtung einer solchen
Kindergeschichte bedeuten würde, wenn sich annehmen ließe, die
ganze Angst vor dem Wolf sei in Wirklichkeit von dem Latein-
lehrer gleichen Namens ausgegangen, in die Kindheit zuriick-
projiziert worden und hätte in Anlehnung an die Märchen-
illustration die Phantasie der Urszene verursacht. Allein das ist
unhaltbar; die zeitliche Priorität der Wolfsphobie und deren Ver-
legung in die Kindheitsjahre auf dem ersten Gut ist allzusicher
bezeugt. Und der Traum mit 4 Jahren?16) Ferenczi: Über passagère Symptombildungen während
der Analyse. Zentralbl. f. Psychoanalyse, IL 1912 5. ff.
(Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. II. S. ゥ ff.)S.
einer infantilen Neurose 77
kehrte, mich sehr freundlich, wie begiitigend ansah und dann
den Blick von mir zur Uhr wendete. Ich meinte damals, er
gebe so ein Zeichen seiner Sehnsucht nach Beendigung der
Stunde. Lange Zeit später erinnerte mich der Patient an dieses
Gebårdenspiel und gab mir dessen Erklärung, indem er daran
erinnerte, daß das jüngste der sieben Geiflein ein Versteck
im Kasten der Wanduhr fände, während die sechs Geschwister
vom Wolf gefressen würden. Er wollte also damals sagen: Sei
gut mit mir. Muß ich mich vor dir fürchten? Wirst du mich
auffressen? Soll ich mich wie das jüngste Geißlein im Wand-
kasten vor dir verstecken?Der Wolf, vor dem er sich fürchtete, war unzweifelhaft
der Vater, aber die Wolfsangst war an die Bedingung der
aufrechten Stellung gebunden. Seine Erinnerung behauptete
mit großer Bestimmtheit, daß Bilder vom Wolf, der auf allen
Vieren gehe oder wie im Rotkäppchenmärchen im Bett liege,
ihn nicht geschreckt hätten, Nicht mindere Bedeutung zog die
Stellung auf sich, die er nach unserer Konstruktion der Ur-
szene das Weib hatte einnehmen sehen; diese Bedeutung blieb
aber auf das sexuelle Gebiet beschränkt. Die auffälligste Er-
scheinung seines Liebeslebens nach der Reife waren Anfälle
von zwanghafter sinnlicher Verliebtheit, die in rätselhafter
Folge auftraten und wieder verschwanden, eine riesige
Energie bei ihm auch in Zeiten‘ sonstiger Hemmung ent-
fesselten und seiner Beherrschung ganz entzogen waren. Ich
muß die volle Würdigung dieser Zwangslieben wegen eines
besonders wertvollen Zusammenhanges noch aufschieben, aber
ich kann hier anführen, daß sie an eine bestimmte, seinem
Bewußtsein verborgene Bedingung geknüpft waren, die sich
erst in der Kur erkennen ließ. Das Weib mußte die Stellung
eingenommen haben, die wir der Mutter in der Urszene zu-
schreiben. Große, auffällige Hinterbacken empfand er von
der Pubertät an als den stärksten Reiz des Weibes; ein andererS.
78 Aus der Geschichte
Koitus als der von rückwärts bereitete ihm kaum Genuß. Die
kritische Erwägung ist zwar berechtigt, hier einzuwenden,
daß solche sexuelle Bevorzugung der hinteren Körperpartien
ein allgemeiner Charakter der zur Zwangsneurose neigenden
Personen sei und nicht zur Ableitung von einem besonderen
Eindruck der Kinderzeit berechtige. Sie gehöre in das Gefüge
der anal-erotischen Veranlagung und zu jenen archaischen
Ziigen, welche diese Konstitution auszeichnen. Man darf die
Begattung von rückwärts — more ferarum — doch wohl als
die phylogenetisch åltere Form auffassen. Wir werden auch
auf diesen Punkt in späterer Diskussion zurückkommen, wenn
wir das Material für seine unbewufte Liebesbedingung nach-
getragen haben.Setzen wir nun in der Erörterung der Beziehungen zwischen
Traum und Urszene fort. Nach unseren bisherigen Erwartun-
gen sollte der Traum dem Kind, das sich auf die Erfüllung
seiner Wünsche zu Weihnachten freut, dies Bild der Sexual-
befriedigung durch den Vater vorführen, wie er es in jener
Urszene gesehen hatte, als Vorbild der eigenen Befriedigung,
die er vom Vater ersehnt. Anstatt dieses Bildes tritt aber das
Material der Geschichte auf, die der Großvater kurz vorher
erzählt hatte: Der Baum, die Wolfe, die Schwanzlosigkeit in
der Form der Uberkompensation in den buschigen Schwånzen
der angeblichen Wolfe. Hier fehlt uns ein Zusammenhang,
eine Assoziationsbriicke, die von dem Inhalt der Urgeschichte
zu dem der Wolfsgeschichte hiniiberleitet. Diese Verbindung
wird wiederum durch die Stellung und nur durch diese ge-
geben. Der schwanzlose Wolf fordert in der Erzåhlung des
Groftvaters die anderen auf, auf ihn zu steigen.
Durch dieses Detail wurde die Erinnerung an das Bild der
Urszene geweckt, auf diesem Weg konnte das Material der
Urszene durch das der Wolfsgeschichte vertreten werden,
dabei gleichzeitig die Zweizahl der Eltern in erwiinschterS.
einer infantilen Neurose | 79
Weise durch die Mehrzahl der Wölfe ersetzt. Eine nächste
Wandlung erfuhr der Trauminhalt, indem das Material der
Wolfsgeschichte sich dem Inhalt des Märchens von den sieben
Се ет anpañte, die Siebenzahl von ihm entlehnte.”Die Materialwandlung: Urszene 一 Wolfsgeschichte 一
Märchen von den sieben Geifllein — ist die Spiegelung des
Gedankenfortschrittes während der Traumbildung: Sehnsucht
nach sexueller Befriedigung durch den Vater — Einsicht in
die daran gekniipfte Bedingung der Kastration — Angst vor
dem Vater. Ich meine, der Angsttraum des vierjährigen
Knaben ist erst jetzt restlos aufgeklärt.”17) 6 oder 7 heißt es im Traum. 6 ist die Anzahl der gefressenen
Kinder, das 7. rettet sich in den Uhrkasten. Es bleibt strenges Ge-
setz der Traumdeutung, daß jede Einzelheit ihre Aufklärung finde.18) Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen ist, will
ich versuchen, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu
den latenten Traumgedanken übersichtlich darzustellen.Es ist Nacht, ich liege in meinem Bette. Das letztere ist der
Beginn der Reproduktion der Urszene. „Es ist Nacht“ ist Ent-
stellung fiir: ich hatte geschlafen. Die Bemerkung: Ich weiß, es
war Winter, als ich tråumte, und Nachtzeit, bezieht sich auf die
Erinnerung an den Traum, gehört nicht zu seinem Inhalt. Sie ist
richtig, es war eine der Nichte vor dem Geburtstag resp.
Weihnachtstag.Plötzlich geht das Fenster von selbst auf. Zu übersetzen: Plôtz-
lich erwache ich von selbst, Erinnerung der Urszene. Der Einfluß
der Wolfsgeschichte, in der der Wolf durchs Fenster hereinspringt,
macht sich modifizierend geltend und verwandelt den direkten in
einen bildlichen Ausdruck. Gleichzeitig dient die Einführung des
Fensters dazu, um den folgenden Trauminhalt in der Gegenwart
unterzubringen. Am Weihnachtsabend geht die Tür plötzlich auf,
und man sieht den Baum mit den Geschenken vor sich. Hier
macht sich also der Einfluß der aktuellen Weihnachtserwartung
geltend, welche die sexuelle Befriedigung miteinschlie6t.Der große Nufbaum. Vertreter des Christbaumes, also aktuell;
überdies der Baum aus der Wolfsgeschichte, auf den sich der ver-
folgte Schneider flüchtet, unter dem die Wölfe lauern. Der hohe
Baum ist auch, wie ich mich oft iiberzeugen konnte, ein Symbol
der Beobachtung, des Voyeurtums. Wenn man auf dem BaumeS.
80 Aus der Geschichte
Uber die pathogene Wirkung der Urszene und die Ver-
änderung, welche deren Erweckung in seiner Sexual-
entwicklung hervorruft, kann ich mich nach allem, was bisher
schon berührt wurde, kurz fassen. Wir werden nur die-sitzt, kann man alles schen, was unten vorgeht, und wird selbst
nicht gesehen. Vgl. die bekannte Geschichte des Boccaccio und ähn-
liche Schnurren.Die Wölfe. Thre Zahl: sechs oder sieben. In der Wolfsgeschichte
ist es ein Rudel ohne angegebene Zahl. Die Zahlenbestimmung
zeigt den Einfluß des Mårchens von den sieben Geifllein, von
denen sechs gefressen werden, Die Ersetzung der Zweizahl in der
Urszene durch eine Mehrzahl, welche in der Urszene absurd wäre,
ist dem Widerstand als Entstellungsmittel willkommen. In der
zum Traum gefertigten Zeichnung hat der Träumer die 5 zum
Ausdruck gebracht, die wahrscheinlich die Angabe: es war Nacht,
korrigiert.Sie sitzen auf dem Baum. Sie ersetzen zunächst die am Baum
hängenden Weihnachtsgeschenke. Sie sind aber auch auf den
Baum versetzt, weil das heißen kann, sie schauen. In der Ge-
schichte des Groftvaters lagern sie unten um den Baum. Ihr Ver-
håltnis zum Baum ist also im Traum umgekehrt worden, woraus
zu schließen ist, daß im Trauminhalt noch andere Umkehrungen
des latenten Materials vorkommen.Sie schauen ibn mit gespannter Aufmerksamkeit an. Dieser Zug
ist ganz aus der Urszene, auf Kosten ciner totalen Verkehrung in
den Traum gekommen.Sie sind ganz weif. Dieser an sich unwesentliche, in der Er-
zählung des Träumers stark betonte Zug verdankt seine Intensität
einer ausgiebigen Verschmelzung von Elementen aus allen Schich-
ten des Materials, und vereinigt dann nebensächliche Details der
anderen Traumquellen mit einem bedeutsameren Stück der Ur-
szene. Diese letztere Determinierung entstammt wohl der Weiße
der Bett- und Leibwäsche der Eltern, dazu das Weiß der Schaf-
herden, der Schüferhunde als Anspiclung auf seine Sexualforschun-
gen an Tieren, das Weiß in dem Märchen von den sieben Geiflein,
in dem die Mutter an der Weiße ihrer Hand erkannt wird. Wir
werden später die weiße Wäsche auch als Todesandeutung ver-
stehen.Sie sitzen regungslos da. Hiemit wird dem auffälligsten Inhalt
der beobachteten Szene widersprochen; der Bewegtheit, welche
durch die Stellung, zu der sie führt, die Verbindung zwischen
Urszene und Wolfsgeschichte herstellt.S.
einer infantilen Neurose 81
jenige Wirkung verfolgen, welcher der Traum Ausdruck gibt.
Später werden wir uns klar machen müssen, daß nicht etwa
eine einzige Sexualstrómung von der Urszene ausgegangen ist,
sondern eine ganze Reihe von solchen, geradezu eine Aufsplitte-Sie haben Schwänze wie Füchse. Dies soll einem Ergebnis wider-
sprechen, welches aus der Einwirkung der Urszene auf die Wolfs-
geschichte gewonnen wurde und als der wichtigste Schluß der
Sexualforschung anzuerkennen ist: Es gibt also wirklich eine
Kastration. Der Schreck, mit dem dies Denkergebnis auf-
genommen wird, bricht sich endlich im Traume Bahn und erzeugt
dessen Schluß.Die Angst, von den Wölfen aufgefressen zu werden. Sie erschien
dem Träumer als nicht durch den Trauminhalt motiviert. Er
sagte, ich hätte mich nicht fürchten müssen, denn die Wölfe sahen
cher aus wie Füchse oder Hunde, sie fuhren auch nicht auf mich
los, wie um mich zu beißen, sondern waren sehr ruhig und gar
nicht schrecklich. Wir erkennen, daß die Traumarbeit sich eine
Weile bemüht hat, die peinlichen Inhalte durch Verwandlung ins
Gegenteil unschädlich zu machen. (Sie bewegen sich nicht, sie
haben ja die schönsten Schwänze.) Bis endlich dieses Mittel versagt
und die Angst losbricht. Sie findet ihren Ausdruck mit Hilfe des
Märchens, in dem die Geißlein-Kinder vom Wolf-Vater gefressen
werden. Möglicherweise hat dieser Märcheninhalt selbst an scherz-
hafte Drohungen des Vaters, wenn er mit dem Kinde spielte,
erinnert, so daß die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, eben-
sowohl Reminiszenz wie Verschiebungsersatz sein könnte.Die Wunschmotive dieses Traumes sind handgreifliche; zu den
oberflächlichen Tageswünschen, Weihnachten mit seinen Ge-
schenken möge schon da sein (Ungeduldstraum), gesellt sich der
tiefere, um diese Zeit permanente Wunsch nach der Sexual-
befriedigung durch den Vater, der sich zunächst durch den
Wunsch, das wiederzusehen, was damals so fesselnd war, ersetzt.
Dann verläuft der psychische Vorgang von der Erfüllung dieses
Wunsches in der heraufbeschworenen Urszene bis zu der jetzt
unvermeidlich gewordenen Ablehnung des Wunsches und der Ver-
drångung.Die Breite und Ausführlichkeit der Darstellung, zu der ich
durch das Bemühen genötigt bin, dem Leser irgend ein Aquivalent
får die Beweiskraft einer selbstdurchgefiihrten Analyse zu bieten,
mag ihn gleichzeitig davon abbringen, die Publikation von
Analysen zu verlangen, die sich über mehrere Jahre ‚erstreckt
haben.6 Freud, Schriften zur Neurosenlehre
S.
82 Aus der Geschichte
rung der Libido. Ferner werden wir uns vorhalten, daß die
Aktivierung dieser Szene (ich vermeide absichtlich das Wort:
Erinnerung) dieselbe Wirkung hat, als ob sie ein rezentes
Erlebnis wäre. Die Szene wirkt nachträglich und hat unter-
des, in dem Intervall zwischen 1% und 4 Jahren, nichts von
ihrer Frische eingebüft. Vielleicht finden wir im weiteren
noch einen Anhaltspunkt dafür, daß sie bestimmte Wirkungen
bereits zur Zeit ihrer Wahrnehmung, also von 1% Jahren an,
geübt hat.Wenn sich der Patient in die Situation der Urszene ver-
tiefte, forderte er folgende Selbstwahrnehmungen zu Tage:
Er habe vorher angenommen, der beobachtete Vorgang sei
ein gewalttåtiger Akt, allein dazu stimmte das vergniigte Ge-
sicht nicht, das er die Mutter machen sah; er mufite erkennen,
daß es sich um eine Befriedigung handle. Das wesentliche
Neue, das ihm die Beobachtung des Verkehrs der Eltern
brachte, war die Uberzeugung von der Wirklichkeit der
Kastration, deren Möglichkeit seine Gedanken schon vorher
beschäftigt hatte. (Der Anblick der beiden urinierenden
Mädchen, die Drohung der Nanja, die Deutung der Gouver-
nante von den Zuckerstangen, die Erinnerung, daß der Vater19) Der Aussage des Patienten tragen wir vielleicht am ehesten
Rechnung, wenn wir annehmen, daß der Gegenstand seiner Be-
obachtung zuerst ein Koitus in normaler Stellung gewesen ist, der
den Eindruck eines sadistischen Aktes erwecken muß. Erst nach
diesem sei die Stellung gewechselt worden, so daß er Gelegenheit
zu anderen Beobachtungen und Urteilen gewann. Allein diese An-
nahme ist nicht gesichert worden, scheint mir auch nicht unent-
behrlich. Wir wollen über die abkürzende Darstellung des Textes
die wirkliche Situation nicht außer Auge lassen, daß der
Analysierte im Alter nach 25 Jahren Eindrücken und Regungen
aus seinem vierten Jahr Worte verleiht, die er damals nicht ge-
funden hätte. Vernachlissigt man diese Bemerkung, so kann man
es leicht komisch und unglaubwürdig finden, daß ein vierjähriges
Kind solcher fachlicher Urteile und gelehrter Gedanken fähig sein
sollte. Es ist dies einfach ein zweiter Fall von Nachtråglich-S.
einer infantilen Neurose 83
eine Schlange in Stücke geschlagen.) Denn jetzt sah er mit
eigenen Augen die Wunde, von der die Nanja gesprochen
hatte, und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung
des Verkehrs mit dem Vater war. Er konnte sie nicht mehr
wie bei der Beobachtung der kleinen Mädchen mit dem Popo
verwechseln.”
Der Ausgang des Traumes war Angst, von der er sich nicht
cher beruhigte, als bis er seine Nanja bei sich hatte. Er
flüchtete sich also zu ihr vom Vater weg. Die Angst war eine
Ablehnung des Wunsches nach Sexualbefriedigung durch den
Vater, welches Streben ihm den Traum eingegeben hatte. Ihr
Ausdruck: vom Wolf gefressen zu werden, war nur eine —
wie wir hören werden: regressive — Umsetzung des Wunsches,
vom Vater koitiert, d. h. so befriedigt zu werden wie die
Mutter. Sein letztes Sexualziel, die passive Einstellung zum
Vater, war einer Verdrångung erlegen, die Angst vor dem
Vater in Gestalt der Wolfsphobie an ihre Stelle getreten.
Und die treibende Kraft dieser Verdrängung? Dem ganzen
Sachverhalt nach konnte es nur die narziftische Genitallibido
sein, die sich als Sorge um sein månnliches Glied gegen eine
Befriedigung stråubte, fiir die der Verzicht auf dieses Gliedkeit. Das Kind empfängt mit 134 Jahren einen Eindruck, auf
den es nicht geniigend reagieren kann, versteht ihn erst, wird von
ihm ergriffen bei der Wiederbelebung des Eindrucks mit vier
Jahren, und kann erst zwei Dezennien spåter in der Analyse mit
bewufter Denktätigkeit erfassen, was damals in ihm vorgegangen.
Der Analysierte setzt sich dann mit Recht über die drei Zeit-
phasen hinweg und setzt sein gegenwärtiges Ich in die lingstver-
gangene Situation ein. Wir folgen ihm darin, denn bei korrekter
Selbstbeobachtung und Deutung muß der Effekt so ausfallen, als
ob man die Distanz zwischen der zweiten und der dritten Zeit-
phase vernachlässigen könnte, Auch haben wir kein anderes
Mittel, die Vorginge in der zweiten Phase zu beschreiben.20) Wie er sich mit diesem Anteil des Problems weiter aus-
einandersetzte, werden wir spåter bei der Verfolgung seiner Anal-
erotik erfahren.e
S.
84 Aus der Geschichte
Bedingung schien. Aus dem bedrohten Narzifimus schôpfte er
die Männlichkeit, mit der er sich gegen die passive Einstellung
zum Vater wehrte.Wir werden jetzt darauf aufmerksam, daß wir an diesem
Punkte der Darstellung unsere Terminologie ändern müssen.
Er hatte während des Traumes eine neue Phase seiner Sexual-
organisation erreicht. Die sexuellen Gegensätze waren ihm
bisher aktiv und passiv gewesen. Sein Sexualziel war
seit der Verführung ein passives, am Genitale berührt zu
werden, dann wandelte es sich durch Regression auf die
frühere Stufe der sadistisch-analen Organisation in das
masochistische, gezüchtigt, gestraft zu werden. Es war ihm
gleichgültig, ob er dieses Ziel beim Mann oder Weib erreichen
sollte. Er war ohne Rücksicht auf den Geschlechtsunterschied
von der Nanja zum Vater gewandert, hatte von der Nanja
verlangt, am Glied berührt zu werden, vom Vater die
Züchtigung provozieren wollen. Das Genitale kam dabei
außer Betracht; in der Phantasie, auf den Penis geschlagen
zu werden, äußerte sich noch der durch die Regression ver-
deckte Zusammenhang. Nun führte ihn die Aktivierung der
Urszene im Traum zur genitalen Organisation zurück. Er ent-
deckte die Vagina und die biologische Bedeutung von männ-
lich und weiblich. Er verstand jetzt, aktiv sei gleich männlich,
passiv aber weiblich. Sein passives Sexualziel hätte sich jetzt
in ein weibliches verwandeln, den Ausdruck annehmen müssen:
vom Vater koitiert zu werden, anstatt: von ihm auf das
Genitale oder auf den Popo geschlagen zu werden. Dieses
feminine Ziel verfiel nun der Verdrängung und mußte sich
durch die Angst vor dem Wolf ersetzen lassen.Wir müssen die Diskussion seiner Sexualentwicklung hier
unterbrechen, bis aus späteren Stadien seiner Geschichte neues
Licht auf diese früheren zurückfälle. Zur Würdigung der
Wolfsphobie fügen wir noch hinzu, daß Vater und Mutter,S.
einer infantilen Neurose 85
beide, zu Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrier-
ten Wolf, der die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater
den aufsteigenden. Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn
versichern gehört haben, nur auf den stehenden Wolf, also
auf den Vater. Ferner muß uns auffallen, daß die Angst, in
die der Traum ausging, ein Vorbild in der Erzählung des
Großvaters hatte. In dieser wird ja der kastrierte Wolf, der
die andern auf sich hat steigen lassen, von Angst befallen,
sowie er an die Tatsache seiner Schwanzlosigkeit erinnert
wird, Es scheint also, daß er sich während des Traumvor-
ganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und sich nun
gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffender
Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst,
mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen;
das will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männ-
lichkeit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexual-
entwicklung des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere
Forschung den großen Nachteil hat, daß sie keine ungestörte
ist. Sie wird zuerst durch die Verfiihrung entscheidend be-
cinfluBt und nun durch die Szene der Koitusbeobachtung ab-
gelenkt, die nachträglich wie eine zweite Verführung wirkt.V
Einige Diskussionen
Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mit-
einander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element
beschränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich
wird es mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie
oder der Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen
der Psychoanalyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für
Artefakte halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren
eine Opposition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem
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