• S.

    150 Aus der Geschichte

    IX

    Zusammenfassungen und Probleme

    Ich weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden
    Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von
    der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem
    Patienten zu machen. Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der
    Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst fiir die Kunst meiner
    Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich doch
    auf mildernde Umstinde plaidieren. Es ist eine Aufgabe ge-
    wesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen wurde,
    in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe Schichten
    des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser, man löst sie
    schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht, was ja iiberdies
    mit gewissen Gefahren fiir den Verzagten verbunden sein

    Adler oder Jung bedurft, um mich mit der Möglichkeit
    kritisch zu beschäftigen, daß die von der Analyse behaupteten,
    vergessenen Kindheitserlebnisse 一 in unwahrscheinlich früher
    Kindheit erlebt! — vielmehr auf Phantasien beruhen, die bei
    späten Anlässen geschaffen werden, und daß man überall dort die
    Außerung eines konstitutionellen Moments oder einer phylo-
    genetisch erhaltenen Disposition anzunehmen habe, wo man die
    Nachwirkung eines solchen infantilen Eindrucks in den Analysen
    zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein Zweifel hat mich mehr in
    Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit entschiedener von
    Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der Phantasie für
    die Symptombildung als auch das „Zurickphantasieren“ von
    späten Anregungen her in die Kindheit und das nachträgliche
    Sexualisieren derselben habe ich als erster kennen gelernt, worauf
    keiner der Gegner hingewiesen hat. (Siche „Traumdeutung“,
    I. Auflage, S. 49, [Bd. II der Ges. Schriften] und die „Bemerkun-
    gen über einen Fall von Zwangsneurose" 1908 (Freud, Ges.
    Schriften, Bd. VIII, S. 315 £]) Wenn ich dennoch die schwierigere
    und unwahrscheinlichere Auffassung als die meinige festgehalten
    habe, so geschah es mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene
    Fall oder jede andere infantile Neurose dem Untersucher auf-
    drängen und die ich jetzt neuerdings den Lesern zur Entscheidung
    vorlege.

  • S.

    einer infantilen Neurose 151

    soll. Man zeigt also lieber kiihnlich, daß man sich durch
    das Bewußtsein seiner Minderwertigkeit nicht hat abhalten
    lassen.

    Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den Reich-
    tum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß man
    das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren
    konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse
    und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Dar-
    stellung erkauft werden. Persönliche Eigentümlichkeiten, ein
    dem unsrigen fremder Nationalcharakter, machten die Ein-
    fühlung mühsam, Der Abstand zwischen der liebenswürdig
    entgegenkommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner
    scharfen Intelligenz, vornehmen Denkungsart und seinem
    völlig ungebändigten Triebleben machte eine überlange Vor-
    bereitungs- und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die
    Übersicht erschwert wurde. An dem Charakter des Falles,
    welcher der Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist
    der Patient selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der
    Psychologie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die
    seelischen Vorgänge in bewußte und unbewußte zu scheiden
    und beide in klaren Worten zu beschreiben. Beim Kinde läßt
    diese Unterscheidung uns beinahe im Stiche, Man ist oft in
    Verlegenheit anzugeben, was man als bewußt und was man
    als unbewußt bezeichnen möchte, Vorgänge, die die herrschen-
    den geworden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten
    den bewußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde
    dennoch nicht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen,
    warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine
    Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be-
    griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach-
    vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
    sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen,
    als Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zuge-

  • S.

    152 Aus der Geschichte

    hôrigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das
    wir irgendwie konventionell benennen ‚sollten, das wir
    aber gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese
    Verwechslung ist harmlos bei der psychologischen Be-
    schreibung des Erwachsenen, aber irreführend für die des
    kleinen Kindes. Auch die Einführung des „Vorbewußten“
    nützt hier nicht viel, denn das Vorbewufite des Kindes braucht
    sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man
    begnügt sich also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu
    haben.

    Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier be-
    schriebene Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Probleme
    der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre eine un-
    endliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß sich
    sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles erfahren,
    an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum be-
    gnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichsten
    zeigt. Die Erklärungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über-
    haupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen
    Symptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy-
    chischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man so
    geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben.
    Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
    neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
    und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht zu
    haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der Fort-
    schritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam voll-
    ziehen, Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit zu
    begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die psy-
    chische Oberfläche ,ankratzt", und das Unterlassene dann
    durch Spekulation ersetzt, die man unter die Patronanz
    irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch
    praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens geltend

  • S.

    einer infantilen Neurose 153

    machen, aber die Bediirfnisse der Wissenschaft lassen sich
    durch kein Surrogat befriedigen.

    Ich will versuchen, eine synthetische Ubersicht der Sexual-
    entwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der ich mit
    den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste, was wir
    über ihn hören, ist die Störung der Eflust, die ich nach ande-
    ren Erfahrungen, aber doch mit aller Zuriickhaltung, als den
    Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet auffassen will.
    Als die erste kenntliche Sexualorganisation habe ich die so-
    genannte kannibale oder orale betrachten miissen, in
    welcher die urspriingliche Anlehnung der Sexualerregung an
    den Eftrieb noch die Szene beherrscht. Direkte AuBerungen
    dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl aber An-
    zeichen bei eingetretenen Störungen. Die Beeinträchtigung des
    Eßtriebs — die natürlich sonst auch andere Ursachen haben
    kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine Bewältigung
    sexueller Erregung dem Organismus nicht gelungen ist. Das
    Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kannibalismus, das
    Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten durch Regres-
    sion von einer höheren Stufe her in der Angst zum Vorschein:
    vom Wolf gefressen zu werden, Diese Angst mußten wir uns
    ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden. Es ist bekannt,
    daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mädchen in den
    Zeiten der Pubertät oder bald nachher, eine Neurose gibt,
    welche die Sexualablehnung durch Anorexie ausdrückt; man
    wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase des Sexual-
    lebens bringen dürfen. Auf der Höhe des verliebten
    Paroxysmus („ich könnte dich fressen vor Liebe“) und im
    zärtlichen Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach-
    sene sich selbst wie infantil gebärdet, tritt das Liebesziel der
    oralen Organisation wieder auf. Ich habe an anderer Stelle
    die Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patien-
    ten selbst das ,zártliche Schimpfen“ gehabt, mit dem Kleinen

  • S.

    154 Aus der Geschichte

    Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf-
    fressen bedroht hat. (S. 67) Der Patient hat diese Ver-
    mutung durch sein auffålliges Benehmen in der Übertragung
    nur bestätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die
    Übertragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und
    später mit allen anderen möglichen Miflhandlungen, was alles
    nur Ausdruck von Zirtlichkeit war.

    Der Sprachgebrauch hat gewisse Prigungen dieser oralen
    Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem
    sappetitlichen Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir
    erinnern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen
    wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regel-
    mäßig Liebkosungen, sexuelle Befriedigungen.

    Es scheint, daf zu dieser Phase auch eine Angst gehórt (im
    Falle von Stórung natürlich), die als Lebensangst auftritt und
    sich an alles heften kann, was dem Kinde als geeignet be-
    zeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu beniitzt,
    um ihn zur Überwindung seiner Efunlust, ja zur Überkom-
    pensation derselben anzuleiten. Auf die mógliche Quelle seiner
    Efistórung werden wir geleitet, wenn wir 一 auf dem Boden
    jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die
    Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir-
    kungen ausgingen, in das Alter von 1% Jahren, sicherlich vor
    der Zeit der Efschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir
    annehmen, daß sie die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt
    und so auch direkte, wenn auch unscheinbare Wirkungen ent-
    faltet hat.

    Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
    Periode, die Wolfsangst, die Efstórung anders und einfacher
    erkliren kann, ohne Rücksicht auf die Sexualitit und eine
    prigenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen
    der Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern
    vernachlässigt, wird diese andere Erklärung vorziehen und

  • S.

    einer infantilen Neurose 155

    ich werde ihn daran nicht hindern können. Es ist schwer,
    über diese Anfänge des Sexuallebens anders als auf den ange-
    zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren.

    Die Szene mit der Gruscha (um 2% Jahre) zeigt uns un-
    seren Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die An-
    erkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor-
    zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver-
    tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem
    Einfluf der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis-
    her als eine narziftische aufgefalst, mit Rücksicht auf den
    Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie
    bereits der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das
    männliche Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und
    setzt sic unter dem Einfluß der Verführung durch die
    Schwester fort.

    Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung
    nicht bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in höhe-
    rem Grade stort und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexualziel,
    welches mit der Aktion des männlichen Genitales im Grunde
    unvertråglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei der
    Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 3% Jahren) die
    noch zaghafte genitale Organisation zusammen und regrediert
    auf die ihr vorhergehende Stufe der sadistisch-analen Organi-
    sation, welche vielleicht sonst mit ebenso leichten Anzeichen
    wie bei anderen Kindern durchlaufen worden wåre.

    Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung
    der oralen zu erkennen, Die gewaltsame Muskelbetåtigung
    am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vor-
    bereitender Akt fiir das Fressen, das dann als Sexualziel aus-
    fällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die
    Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß
    das aufnehmende, passive Organ, von der Mundzone abge-
    sondert, an der Analzone ausgebildet wird. Biologische

  • S.

    156 Aus der Geschichte

    Parallelen oder die Auffassung der prigenitalen menschlichen
    Organisationen als Reste von Einrichtungen, die in manchen
    Tierklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier sehr
    nahe. Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen Kom-
    ponenten ist fiir diese Stufe gleichfalls charakteristisch.

    Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der
    Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zirtliche gegen
    seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung
    des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbeteiligt,
    welches auf Entwicklungsvorgånge in anderen als den sexu-
    ellen Sphåren hinweist.

    Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die
    Passivitåt des Sexualziels aufrechthålt. Sie verwandelt jetzt
    den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen-
    stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha-
    rakter der Passivitit ganz auf ihre Rechnung setzen darf,
    denn die Reaktion des r%jihrigen Kindes auf die Koitus-
    beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Die sexuelle
    Miterregung äußerte sich in einer Stuhlentleerung, an der
    allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben
    dem Masochismus, der seine Sexualstrebung beherrscht und
    sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen
    und betåtigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung
    hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro-
    bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und
    ob ein Verlust des Genitales måglich ist, und verwebt sich
    mit den Auflerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine
    sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repråsentan-
    ten der kleinen Kinder.

    Wir haben die Schilderung bis in die Nåhe des vierten Ge-
    burtstages gefiihrt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die
    Koitusbeobachtung von 1% Jahren zur nachtråglichen Wir-
    kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können

  • S.

    einer infantilen Neurose 157

    wir weder vollständig erfassen, noch sie hinreichend beschrei-
    ben. Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vorge-
    schrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden
    kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues
    Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die
    abgebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage
    wieder eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt
    kann nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch
    einen Vorgang, den man nur einer Verdrångung gleichstellen
    kann, zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch
    eine Phobie.

    Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der
    jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur
    sind ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt
    die sadistischen wie die masochistischen Betitigungen fort,
    doch reagiert es mit Angst gegen einen Teil derselben; die
    Verkehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrschein-
    lich weitere Fortschritte,

    Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß
    die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an-
    schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den
    Penis kosten würde, Eine sorgfåltigere Überlegung läßt etwa
    Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle
    Einstellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der
    Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbewußte
    erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert.
    Der Motor dieser Verdrängung scheint die narzißtische Männ-
    lichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst vorbereiteten
    Konflikt mit der Passivität des homosexuellen Sexualzieles
    gerät. Die Verdrängung ist also ein Erfolg der Männlichkeit.

    Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der
    psychoanalytischen Theorie abzuändern. Man glaubt doch
    mit Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männ-

  • S.

    158 Aus der Geschichte

    lichen und weiblichen Strebungen, also die Bisexualität, ist,
    aus der die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht.
    Allein diese Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden wider-
    streitenden Sexualregungen ist die eine ichgerecht, die andere
    beleidigt das narzifitische Interesse; sie verfällt Фагот der
    Verdrängung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem
    die Verdrängung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der
    sexuellen Strebungen. In anderen Fällen existiert ein solcher
    Konflikt zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht; es
    ist nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischr, aber
    gegen gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst ver-
    stofen wird. Weit håufiger als Konflikte innerhalb der Sexua-
    lität selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der
    Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben. Ein sol-
    cher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle. Die Betonung
    der Bisexualitåt als Motiv der Verdrängung wire also zu enge;
    die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben (Libido)
    deckt alle Vorkommnisse.

    Der Lehre vom ,,månnlichen Protest", wie sie Adler aus-
    gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung
    keineswegs immer die Partei der Månnlichkeit nimmt und die
    Weiblichkeit betrifft; in ganzen grofen Klassen von Fållen
    ist es die Månnlichkeit, die sich vom Ich die Verdringung
    gefallen lassen muß.

    Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges in
    unserem Falle würde übrigens der narzißtischen Männlichkeit
    die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo-
    sexuelle Einstellung, die während des Traumes zustande
    kommt, ist eine so intensive, daß das Ich des kleinen
    Menschen an ihrer Bewältigung versagt und sich durch den
    Verdrängungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser
    Absicht wird die ihr gegensätzliche narzißtische Männlichkeit
    des Genitales herangezogen. Daß alle narzißtischen Regungen

  • S.

    einer infantilen Neurose 159

    vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Verdrån-
    gungen gegen libidinäse Objektbesetzungen gerichtet sind, soll
    nur zur Vermeidung von Mifverståndnissen ausgesprochen
    werden.

    Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung,
    dessen restlose Bewältigung uns vielleicht nicht geglückt ist,
    zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum er-
    gibt. Wire es wirklich die Männlichkeit gewesen, die
    während des Traumvorganges über die Homosexualität
    (Weiblichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive
    Sexualstrebung von bereits ausgesprochen månnlichem Cha-
    rakter als die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das
    Wesentliche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert,
    die sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist die
    herrschende geblieben. Der Sieg der Månnlichkeit zeigt sich
    bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr-
    schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht weiblich
    sind) mit Angst reagiert wird. Es ist keine sieghafte månn-
    liche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive und
    ein Striuben gegen dieselbe.

    Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die unge-
    wohnte, aber unerlåfliche scharfe Scheidung von aktiv-månn-
    lich und passiv-weiblich dem Leser bereitet und will darum
    Wiederholungen nicht vermeiden. Den Zustand nach dem
    Traume kann man also in folgender Art beschreiben: Die
    Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im Unbewuften ist
    die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine sehr
    intensive Homosexualitåt konstituieft, dariiber besteht (vir-
    tuell im Bewuften) die frühere sadistische und überwiegend
    masochistische Sexualstrómung, das Ich hat seine Stellung zur
    Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich in Sexual-
    ablehnung und weist die herrschenden masochistischen Ziele
    mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuellen mit der

  • S.

    160 Aus der Geschichte

    Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg des Traumes
    war also nicht so sehr der Sieg einer männlichen Strömung,
    sondern die Reaktion gegen eine feminine und eine passive.
    Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den Charakter der Månn-
    lichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben keine Sexualstrebun-
    gen, sondern nur das Interesse an seiner Selbstbewahrung und
    der Erhaltung seines Narzifimus.

    Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem
    Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den
    relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich
    schützt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als
    übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen Befrie-
    digung. Doch hinterläßt der Verdringungsvorgang eine nicht
    zu iibersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete
    Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch
    ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem
    Vater, sondern die vor dem Wolf wird bewußt. Es bleibt
    auch nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt.
    Der Wolf ersetzt sich eine ganze Weile später durch den
    Lowen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen
    Tiere konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der
    Nebenbuhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders inter-
    essant ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie
    eine Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die
    Wolfsphobie erzeugt hat. Durch eine zufillige Anregung wird
    ein altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren
    Kastrationsdrohung nachtråglich zur Wirkung kommt, wåh-
    rend sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war."

    54) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinne-
    rungsleistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder
    Anregung des Arztes keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde
    von der Analyse in einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt
    werden muß, wenn man auf die Arbeitsweise der Analyse über-
    haupt Wert legt. Eine rationalistische Aufklärung dieser Phobie

  • S.

    einer infantilen Neurose 161

    Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
    Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält
    keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus
    der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In
    beiden Ausdrucksweisen meint man den nämlichen Vorgang,
    daß das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido ent-
    zieht, welche in freischwebende Angst umgesetzt wird und
    sich dann in Phobien binden läßt. In der ersten Ausdrucks-
    weise hat man nur das Motiv, welches das Ich treibt, mit-
    bezeichnet.

    Bei näherem Zuschen findet man nun, daß diese erste Er-
    krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen)
    durch das Herausgreifen der Phobie nicht erschöpft wird,
    sondern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der
    neben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zu-
    kommen. Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem
    bei ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt
    sich von da an und ebenso in der Spåtzeit wie ein hysterisch

    könnte nur sagen: Es sei nichts Ungewôhnliches, daß ein zur
    Angstlichkeit disponicrtes Kind auch einmal vor einem gelb-
    strcifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich
    infolge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall,
    A synthetic genetic study of fear. Amer. J. of Psychology XXV,
    1914). In Unwissenheit dieser Ursache suche es nun nach einer
    Kindheitsankniipfung für diese Angst und benütze den Zufall der
    Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen, um sich die
    Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kindermädchen
    zu konstruieren. Wenn aber dic Nebensachen der an sich harm-
    losen Begebenheit, Aufwaschen, Kübel, Besen im späteren Leben
    die Macht zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des
    Menschen zu bestimmen, so fällt der Schmetterlingsphobie eine
    unbegreifliche Bedeutung zu. Der Sachverhalt wird mindestens
    ebenso merkwürdig wie der von mir behauptete, und der Gewinn
    aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen ist zerronnen.
    Die Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir an
    ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten
    können.

    11 Freud, Schriften zur Neurosenlehre

  • S.

    162 Aus der Geschichte

    affiziertes Organ. Die unbewufte, verdrängte Homosexualität
    hat sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück
    Hysterie hat dann bei der Lösung des späteren Krankseins
    die besten Dienste geleistet.

    Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
    komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff
    zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine
    herrschende masochistische und eine verdringte homosexuelle
    Sexualstrómung, dagegen ет in hysterischer Ablehnung be-
    fangenes Ich; welche Vorginge wandeln diesen Zustand in
    den der Zwangsneurose um?

    Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere
    Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen.
    Ihr sichtbarer Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende
    Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie
    Ausdruck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit
    äußert. Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen,
    daß der Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige
    Bestätigung einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und
    Tabu“ über das Verhältnis des Totemtieres zur Gottheit auf-
    gestellt habe.” Ich entschied mich dort dafür, daß die
    Gottesvorstellung nicht eine Fortentwicklung des Totem sei,
    sondern sich unabhängig von ihm aus der gemeinsamen
    Wurzel beider zu seiner Ablösung erhebe. Der Totem sei
    der erste Vaterersatz, der Gott aber ein späterer, in dem der
    Vater seine menschliche Gestalt wiedergewinne. So finden
    wir es auch bei unserem Patienten. Er macht in der Wolfs-
    phobie das Stadium des totemistischen Vaterersatzes durch,
    welches nun abbricht und infolge neuer Relationen zwischen
    ihm und dem Vater durch eine Phase von religiöser Frömmig-
    keit ersetzt wird.

    55) Totem und Tabu, 5. 137, 1913. [Enthalten in Bd. X. der
    Ges. Schriften.]

  • S.

    einer infantilen Neurose 163

    Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die
    durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren
    der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis
    wird das von der Erziehung gewünschte. Der sadistisch-
    masochistischen Sexualorganisation wird cin langsames Ende
    bereitet, die Wolfsphobie verschwindet rasch, an Stelle der
    Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der
    Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird zur herr-
    schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Uber-
    windungen gehen nicht ohne Kåmpfe vor sich, als deren
    Zeichen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als
    deren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen
    Zeremoniells sich festsetzt.

    Wenn wir von diesen pathologischen Phånomenen absehen,
    können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles das
    geleistet, wofiir sie in der Erziehung des Individuums ein-
    gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebändigt, indem
    sie ihnen eine Sublimierung und feste Verankerung bot, seine
    familiåren Bezichungen entwertet und damit einer drohen-
    den Isolierung vorgebeugt, dadurch, daß sie ihm den An-
    schlu an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete.
    Das wilde, verångstigte Kind wurde sozial, gesittet und er-
    ziehbar. |

    Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Identi-
    fizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zufällig-
    keit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war. Hier
    fand die iibergrofe Liebe zum Vater, welche die Verdrän-
    gung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg in eine
    ideale Sublimierung. Als Christus durfte man den Vater, der
    nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben, die beim irdischen
    Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. Die Wege,
    auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren von der
    Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das Schuld-

    Ht

  • S.

    164 Aus der Geschichte

    bewufttsein, das sich von den individuellen Liebesstrebungen
    nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits als unbewufite
    Homosexualität niedergeschlagene ^ Sexualstrómung noch
    drainiert werden konnte, so fand die oberflächlichere
    masochistische Strebung eine unvergleichliche Sublimierung
    ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi, der sich
    im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte miß-
    handeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk bei
    dem kleinen Entgleisten durch Mischung von Befriedigung,
    Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein geistige
    Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen, die sic
    dem Gläubigen bietet.

    Sein anfängliches Sträuben gegen die Religion hatte drei
    verschiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wo-
    von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu-
    heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene
    Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf-
    geben und im Mißtrauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines
    vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende. Es ist das eine
    wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die
    ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fähigkeit
    zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter
    dem Namen der psychischen „Trägheit“ zur Hauptver-
    ursachung aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen.
    Ich glaube, mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und
    spielt auch im Leben nicht Nervöser ihre bedeutsame Rolle.
    Die Leichtbeweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidi-
    nåsen, und ebenso der andersartigen Energiebesetzungen ist
    ein besonderer Charakter, der vielen Normalen und nicht
    einmal allen Nervósen eignet, und der bisher noch nicht in
    Zusammenhang mit anderem gebracht ist, etwas wie eine
    Primzahl nicht weiter zerteilbares. Wir wissen nur das eine,
    daß die Eigenschaft der Beweglichkeit psychischer Be-

  • S.

    einer infantilen Neurose 165

    setzungen mit dem Lebensalter auffillig zuriickgeht. Sie hat
    uns eine der Indikationen fir die Grenzen der psychoanaly-
    tischen Beeinflussung geliefert. Es gibt aber Personen, bei
    denen diese psychische Plastizität weit über die gewöhnliche
    Altersgrenze hinaus bestehen bleibt, und andere, bei denen
    sie sehr frühzeitig verloren geht. Sind es Neurotiker, so
    macht man mit Unbehagen die Entdeckung, daß unter schein-
    bar gleichen Verhåltnissen bei ihnen Verinderungen nicht
    rückgängig zu machen sind, die man bei anderen mit Leich-
    tigkeit bewåltigt hat. Es ist also auch bei den Umsetzungen
    psychischer Vorgånge der Begriff einer Entropie in Be-
    tracht zu ziehen, deren Maf sich einer Riickbildung des
    Geschchenen widersetzt.

    Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß
    die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott-
    Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen
    der ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer
    Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der
    hochentwickelten eigenen. heraus und knüpfte an sie jene
    scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fiinften
    Lebensjahr so sehr Wunder nehmen mußte. Am bedeutsamsten
    war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wirkung wir
    die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes gegen die
    Religion zurückführen dürfen. Die zum Manne drångende
    Strömung, welche von der Religion sublimiert werden sollte,
    war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Verdrångung
    abgesondert und damit der Sublimierung entzogen, an ihr
    urspriingliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft dieses Zu-
    sammenhanges strebte der verdrångte Anteil sich den Weg
    zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab-
    zuziehen. Die ersten Griibeleien, die die Person Christi um-
    spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn
    auch das im Unbewuften festgehaltene sexuelle Verhältnis

  • S.

    166 ⑧ Aus der Geschichte

    zum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens
    hatten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische
    Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kór-
    perliche Zirtlichkeit fiir Gott in der Form seiner Erniedrigung
    durchsetzte. Ein heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom-
    promifbildungen mußte dann zur zwanghaften Übertreibung
    aller der Tätigkeiten führen, in denen die Frömmigkeit, die
    reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand.
    Endlich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fun-
    dierung erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbar-
    keit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen
    neuen Vaterersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen die
    Religion richtete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes
    ersetzt. Gedenken wir noch der interessanten Komplikation,
    daß die Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand
    (Mutter und Kinderfrau), während männlicher Einfluß die
    Befreiung von ihr ermöglichte.

    Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der
    sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen,
    was ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs-
    neurose" % ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer
    starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un-
    durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick-
    lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif-
    licht auf deren spätere Wandlungen werfe. Mit den Puber-
    tätsjahren trat bei ihm die normal zu nennende, stark sinn-
    liche, männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genital-
    organisation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spät-
    erkrankung füllen. Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene
    an, entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfalls-
    weise kommender und schwindender Verliebtheit und hatte

    56) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band,
    1913, S. 525 ff. [Enthalten in diesem Band S. s ff.)

  • S.

    einer infantilen Neurose 167

    mit den Hemmungen zu kåmpfen, die von den Resten der
    infantilen Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durch-
    bruch zum Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit
    erkåmpft; dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten,
    aber er wurde des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun
    völlig unbewuftte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der
    früheren Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom
    weiblichen Objekt ab und nôtigte ihn, in den Zwischenzeiten
    die Abhångigkeit vom Weib zu iibertreiben. Er legte der Kur
    die Klage vor, daß er es beim Weibe nicht aushalten kønne,
    und alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewuftes
    Verhåltnis zum Manne aufzudecken. Seine Kindheit war, um
    es formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwi-
    schen Aktivitåt und Passivitåt ausgezeichnet gewesen, seine
    Pubertåtszeit durch das Ringen um die Månnlichkeit, und die
    Zeit von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das
    Objekt der männlichen Strebung. Der Anlaß seiner Erkran-
    kung fällt nicht unter die ,,neurotischen Erkrankungstypen“,
    die ich als Spezialfille der ,,Versagung“ zusammenfassen
    konnte,” und macht so auf eine Lücke in dieser Reihen-
    bildung aufmerksam. Er brach zusammen, als eine organische
    Affektion des Genitales seine Kastrationsangst aufleben
    machte, seinem Narzifimus Abbruch tat und ihn zwang, die
    Erwartung einer persónlichen Bevorzugung durch das Schick-
    sal aufzugeben. Er erkrankte also an einer narziftischen
    »Versagung“. Diese Uberstårke seines Narzifimus stand in
    vollem Einklang mit den anderen Anzeichen einer gehemm-
    ten Sexualentwicklung, daß seine heterosexuelle Liebeswahl
    bei aller Energie so wenig psychische Strebungen in sich kon-
    zentrierte, und daß die homosexuelle Einstellung, die dem

    57) Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 1912. [Über neu-
    rotische Erkrankungstypen. Enthalten in Bd. V der Ges. Schriften.]

  • S.

    168 Aus der Geschichte

    Narzifmus um so vieles näher liegt, sich als unbewufte
    Macht bei ihm mit solcher Zåhigkeit behauptet hatte. Natür-
    lich kann die psychoanalytische Kur bei solchen Störungen
    nicht einen momentanen Umschwung und eine Gleichstellung
    mit einer normalen Entwicklung herbeiführen, sondern nur
    die Hindernisse beseitigen und die Wege gangbar machen,
    damit die Einflüsse des Lebens die Entwicklung nach den
    besseren Richtungen durchsetzen können.

    Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von der
    psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf-
    geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar beein-
    flußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be-
    sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus-
    bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer
    archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver-
    schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Be-
    setzungen alle nebeneinander funktionsfähig zu erhalten. Das
    beständige Schwanken zwischen denselben, durch welches
    Erledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschie-
    nen, beherrschte das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich
    ja hier nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein
    Zug aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm
    in die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber
    er zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen,
    auf rein logischen. Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes
    Geschick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unver-
    träglichkeiten. So empfing man von seinem Seelenleben einen
    Eindruck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die da-
    durch für uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwick-
    lungsstufen neben den Endprodukten konserviert, die ältesten
    Götter und Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in
    eine Fläche ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu
    einem Tiefengebilde wird,

  • S.

    einer infantilen Neurose 169

    Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich iiber diesen
    Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahl-
    reichen Probleme, die er anregt, scheinen mir einer beson-
    deren Hervorhebung wiirdig. Das erste betrifft die pbylogene-
    tisch mitgebrachten Schemata, die wie philosophische „Kate-
    gorien“ die Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich
    möchte die Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der
    menschlichen Kulturgeschichte. Der Odipuskomplex, der die
    Beziehung des Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen,
    ist vielmehr das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die
    Erlebnisse sich dem hereditären Schema nicht fügen, kommt
    es zu einer Umarbeitung derselben in der Phantasie, deren
    Werk im einzelnen zu verfolgen gewiß nutzbringend wäre.
    Gerade diese Fälle sind geeignet, uns die selbständige Existenz
    des Schemas zu erweisen. Wir können oft bemerken, daß das
    Schema über das individuelle Erleben siegt, so wenn in
    unserem Falle der Vater zum Kastrator und Bedroher der
    kindlichen Sexualität wird, trotz eines sonst umgekehrten
    Odipuskomplexes. Eine andere Wirkung ist es, wenn die
    Amme an die Stelle der Mutter tritt oder mit ihr ver-
    schmolzen wird. Die Widersprüche des Erlebens gegen das
    Schema scheinen den infantilen Konflikten reichlichen Stoff
    zuzuführen.

    Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist
    aber ungleich bedeutsamer, Wenn man das Verhalten des
    vierjährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht
    zieht,* ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen
    des 1%jåhrigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt,

    58) Ich darf davon abschen, daß dies Verhalten erst zwei De-
    zennien später in Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wir-
    kungen, die wir von der Szene ableiten, haben sich ja in Form
    von Symptomen, Zwängen usw. bereits in der Kindheit und lange
    vor der Analyse geäußert. Dabei ist es gleichgültig, ob man sie
    als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will.

  • S.

    170 Aus der Geschichte

    kann man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine
    Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vor-
    bereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt.”
    Worin dies bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung;
    wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie mit dem
    weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver-
    fügung.

    Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim
    Menschen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vor-
    gänge des Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich er
    auf sie keineswegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive
    wäre der Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätig-
    keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernunft
    entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen,
    die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich herabzu-
    ziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser instink-
    tiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fähigkeit
    zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch
    die Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren
    instinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen
    Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem Unbewuß-
    ten einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch
    die nachfolgende Entwicklung schützt.

    Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre, phy-
    logenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen, von
    verschiedenen Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich meine,
    daß man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der psychoanalyti-
    schen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen mir erst zu-
    lässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des korrekten
    Instanzenzuges auf die Spuren des Ererbten geråt, nachdem

    59) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen
    miiñig wären, wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit
    selbst angehörten.

  • S.

    einer infantilen Neurose 171

    sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen hindurch-
    gedrungen ist.

    60) [Zusatz 1923:] Ich stelle hier nochmals die Chronologie der
    in dieser Geschichte erwåhnten Begebenheiten zusammen:

    Geboren am Weihnachtstag.

    1% Jahre: Malaria. Beobachtung des Koitus der Eltern oder
    jenes Beisammenseins derselben, in das er später die Koitus-
    phantasie eintrug.

    Kurz vor 2% Jahren: Szene mit Gruscha.

    2% Jahre: Deckerinnerung an Abreise der Eltern mit Schwester.
    Sie zeigt ihn allein mit der Nanja und verleugnet so Gruscha und
    Schwester.

    Vor 3% Jahren: Klage der Mutter vor dem Arzt.

    3% Jahre: Beginn der Verfithrung durch die Schwester, bald
    darauf Kastrationsdrohung der Nanja.

    3% Jahre: Die englische Gouvernante, Beginn der Charakter-
    veränderung.

    4 Jahre: Wolfstraum, Entstehung der Phobie.

    4% Jahre: Einfluß der biblischen Geschichte. Auftreten der
    Zwangssymptome.

    Kurz vor 5 Jahren: Halluzination des Fingerverlustes.

    5 Jahre: Verlassen des ersten Gutes.

    Nach 6 Jahren: Besuch beim kranken Vater.

    8 Jahre: | Letzte Ausbriiche der Zwangsneurose.

    10 Jahre:

    Meine Darstellung hat es leicht gemacht zu erraten, daß der
    Patient Russe war. Ich entließ ihn nach meiner Schätzung als
    geheilt wenige Wochen vor dem unerwarteten Ausbruch des
    Weltkrieges und sah ihn erst wieder, als die Wechselfälle des
    Krieges den Zentralmächten den Zugang nach Südrußland eröffnet
    hatten. Dann kam er nach Wien und berichtete von einem unmittel-
    bar nach Beendigung der Kur aufgetretenen Bestreben, sich vom
    Einfluß des Arztes loszureißen. In einigen Monaten Arbeit wurde
    nun ein noch nicht überwundenes Stück der Übertragung be-
    wåltigt; seither hat Patient, dem der Krieg Heimat, Vermögen
    und alle Familienbezichungen geraubt hatte, sich normal gefühlt
    und tadellos benommen. Vielleicht hat gerade sein Elend durch

    die Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Her-
    stellung beigetragen,