S.
150 Aus der Geschichte
IX
Zusammenfassungen und Probleme
Ich weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden
Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von
der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem
Patienten zu machen. Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der
Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst fiir die Kunst meiner
Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich doch
auf mildernde Umstinde plaidieren. Es ist eine Aufgabe ge-
wesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen wurde,
in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe Schichten
des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser, man löst sie
schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht, was ja iiberdies
mit gewissen Gefahren fiir den Verzagten verbunden seinAdler oder Jung bedurft, um mich mit der Möglichkeit
kritisch zu beschäftigen, daß die von der Analyse behaupteten,
vergessenen Kindheitserlebnisse 一 in unwahrscheinlich früher
Kindheit erlebt! — vielmehr auf Phantasien beruhen, die bei
späten Anlässen geschaffen werden, und daß man überall dort die
Außerung eines konstitutionellen Moments oder einer phylo-
genetisch erhaltenen Disposition anzunehmen habe, wo man die
Nachwirkung eines solchen infantilen Eindrucks in den Analysen
zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein Zweifel hat mich mehr in
Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit entschiedener von
Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der Phantasie für
die Symptombildung als auch das „Zurickphantasieren“ von
späten Anregungen her in die Kindheit und das nachträgliche
Sexualisieren derselben habe ich als erster kennen gelernt, worauf
keiner der Gegner hingewiesen hat. (Siche „Traumdeutung“,
I. Auflage, S. 49, [Bd. II der Ges. Schriften] und die „Bemerkun-
gen über einen Fall von Zwangsneurose" 1908 (Freud, Ges.
Schriften, Bd. VIII, S. 315 £]) Wenn ich dennoch die schwierigere
und unwahrscheinlichere Auffassung als die meinige festgehalten
habe, so geschah es mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene
Fall oder jede andere infantile Neurose dem Untersucher auf-
drängen und die ich jetzt neuerdings den Lesern zur Entscheidung
vorlege.S.
einer infantilen Neurose 151
soll. Man zeigt also lieber kiihnlich, daß man sich durch
das Bewußtsein seiner Minderwertigkeit nicht hat abhalten
lassen.Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den Reich-
tum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß man
das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren
konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse
und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Dar-
stellung erkauft werden. Persönliche Eigentümlichkeiten, ein
dem unsrigen fremder Nationalcharakter, machten die Ein-
fühlung mühsam, Der Abstand zwischen der liebenswürdig
entgegenkommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner
scharfen Intelligenz, vornehmen Denkungsart und seinem
völlig ungebändigten Triebleben machte eine überlange Vor-
bereitungs- und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die
Übersicht erschwert wurde. An dem Charakter des Falles,
welcher der Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist
der Patient selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der
Psychologie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die
seelischen Vorgänge in bewußte und unbewußte zu scheiden
und beide in klaren Worten zu beschreiben. Beim Kinde läßt
diese Unterscheidung uns beinahe im Stiche, Man ist oft in
Verlegenheit anzugeben, was man als bewußt und was man
als unbewußt bezeichnen möchte, Vorgänge, die die herrschen-
den geworden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten
den bewußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde
dennoch nicht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen,
warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine
Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be-
griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach-
vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen,
als Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zuge-S.
152 Aus der Geschichte
hôrigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das
wir irgendwie konventionell benennen ‚sollten, das wir
aber gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese
Verwechslung ist harmlos bei der psychologischen Be-
schreibung des Erwachsenen, aber irreführend für die des
kleinen Kindes. Auch die Einführung des „Vorbewußten“
nützt hier nicht viel, denn das Vorbewufite des Kindes braucht
sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man
begnügt sich also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu
haben.Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier be-
schriebene Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Probleme
der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre eine un-
endliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß sich
sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles erfahren,
an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum be-
gnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichsten
zeigt. Die Erklärungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über-
haupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen
Symptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy-
chischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man so
geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben.
Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht zu
haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der Fort-
schritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam voll-
ziehen, Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit zu
begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die psy-
chische Oberfläche ,ankratzt", und das Unterlassene dann
durch Spekulation ersetzt, die man unter die Patronanz
irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch
praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens geltendS.
einer infantilen Neurose 153
machen, aber die Bediirfnisse der Wissenschaft lassen sich
durch kein Surrogat befriedigen.Ich will versuchen, eine synthetische Ubersicht der Sexual-
entwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der ich mit
den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste, was wir
über ihn hören, ist die Störung der Eflust, die ich nach ande-
ren Erfahrungen, aber doch mit aller Zuriickhaltung, als den
Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet auffassen will.
Als die erste kenntliche Sexualorganisation habe ich die so-
genannte kannibale oder orale betrachten miissen, in
welcher die urspriingliche Anlehnung der Sexualerregung an
den Eftrieb noch die Szene beherrscht. Direkte AuBerungen
dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl aber An-
zeichen bei eingetretenen Störungen. Die Beeinträchtigung des
Eßtriebs — die natürlich sonst auch andere Ursachen haben
kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine Bewältigung
sexueller Erregung dem Organismus nicht gelungen ist. Das
Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kannibalismus, das
Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten durch Regres-
sion von einer höheren Stufe her in der Angst zum Vorschein:
vom Wolf gefressen zu werden, Diese Angst mußten wir uns
ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden. Es ist bekannt,
daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mädchen in den
Zeiten der Pubertät oder bald nachher, eine Neurose gibt,
welche die Sexualablehnung durch Anorexie ausdrückt; man
wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase des Sexual-
lebens bringen dürfen. Auf der Höhe des verliebten
Paroxysmus („ich könnte dich fressen vor Liebe“) und im
zärtlichen Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach-
sene sich selbst wie infantil gebärdet, tritt das Liebesziel der
oralen Organisation wieder auf. Ich habe an anderer Stelle
die Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patien-
ten selbst das ,zártliche Schimpfen“ gehabt, mit dem KleinenS.
154 Aus der Geschichte
Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf-
fressen bedroht hat. (S. 67) Der Patient hat diese Ver-
mutung durch sein auffålliges Benehmen in der Übertragung
nur bestätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die
Übertragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und
später mit allen anderen möglichen Miflhandlungen, was alles
nur Ausdruck von Zirtlichkeit war.Der Sprachgebrauch hat gewisse Prigungen dieser oralen
Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem
sappetitlichen Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir
erinnern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen
wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regel-
mäßig Liebkosungen, sexuelle Befriedigungen.Es scheint, daf zu dieser Phase auch eine Angst gehórt (im
Falle von Stórung natürlich), die als Lebensangst auftritt und
sich an alles heften kann, was dem Kinde als geeignet be-
zeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu beniitzt,
um ihn zur Überwindung seiner Efunlust, ja zur Überkom-
pensation derselben anzuleiten. Auf die mógliche Quelle seiner
Efistórung werden wir geleitet, wenn wir 一 auf dem Boden
jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die
Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir-
kungen ausgingen, in das Alter von 1% Jahren, sicherlich vor
der Zeit der Efschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir
annehmen, daß sie die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt
und so auch direkte, wenn auch unscheinbare Wirkungen ent-
faltet hat.Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
Periode, die Wolfsangst, die Efstórung anders und einfacher
erkliren kann, ohne Rücksicht auf die Sexualitit und eine
prigenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen
der Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern
vernachlässigt, wird diese andere Erklärung vorziehen undS.
einer infantilen Neurose 155
ich werde ihn daran nicht hindern können. Es ist schwer,
über diese Anfänge des Sexuallebens anders als auf den ange-
zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren.Die Szene mit der Gruscha (um 2% Jahre) zeigt uns un-
seren Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die An-
erkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor-
zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver-
tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem
Einfluf der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis-
her als eine narziftische aufgefalst, mit Rücksicht auf den
Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie
bereits der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das
männliche Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und
setzt sic unter dem Einfluß der Verführung durch die
Schwester fort.Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung
nicht bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in höhe-
rem Grade stort und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexualziel,
welches mit der Aktion des männlichen Genitales im Grunde
unvertråglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei der
Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 3% Jahren) die
noch zaghafte genitale Organisation zusammen und regrediert
auf die ihr vorhergehende Stufe der sadistisch-analen Organi-
sation, welche vielleicht sonst mit ebenso leichten Anzeichen
wie bei anderen Kindern durchlaufen worden wåre.Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung
der oralen zu erkennen, Die gewaltsame Muskelbetåtigung
am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vor-
bereitender Akt fiir das Fressen, das dann als Sexualziel aus-
fällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die
Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß
das aufnehmende, passive Organ, von der Mundzone abge-
sondert, an der Analzone ausgebildet wird. BiologischeS.
156 Aus der Geschichte
Parallelen oder die Auffassung der prigenitalen menschlichen
Organisationen als Reste von Einrichtungen, die in manchen
Tierklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier sehr
nahe. Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen Kom-
ponenten ist fiir diese Stufe gleichfalls charakteristisch.Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der
Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zirtliche gegen
seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung
des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbeteiligt,
welches auf Entwicklungsvorgånge in anderen als den sexu-
ellen Sphåren hinweist.Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die
Passivitåt des Sexualziels aufrechthålt. Sie verwandelt jetzt
den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen-
stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha-
rakter der Passivitit ganz auf ihre Rechnung setzen darf,
denn die Reaktion des r%jihrigen Kindes auf die Koitus-
beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Die sexuelle
Miterregung äußerte sich in einer Stuhlentleerung, an der
allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben
dem Masochismus, der seine Sexualstrebung beherrscht und
sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen
und betåtigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung
hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro-
bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und
ob ein Verlust des Genitales måglich ist, und verwebt sich
mit den Auflerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine
sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repråsentan-
ten der kleinen Kinder.Wir haben die Schilderung bis in die Nåhe des vierten Ge-
burtstages gefiihrt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die
Koitusbeobachtung von 1% Jahren zur nachtråglichen Wir-
kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun abspielen, könnenS.
einer infantilen Neurose 157
wir weder vollständig erfassen, noch sie hinreichend beschrei-
ben. Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vorge-
schrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden
kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues
Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die
abgebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage
wieder eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt
kann nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch
einen Vorgang, den man nur einer Verdrångung gleichstellen
kann, zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch
eine Phobie.Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der
jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur
sind ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt
die sadistischen wie die masochistischen Betitigungen fort,
doch reagiert es mit Angst gegen einen Teil derselben; die
Verkehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrschein-
lich weitere Fortschritte,Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß
die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an-
schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den
Penis kosten würde, Eine sorgfåltigere Überlegung läßt etwa
Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle
Einstellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der
Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbewußte
erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert.
Der Motor dieser Verdrängung scheint die narzißtische Männ-
lichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst vorbereiteten
Konflikt mit der Passivität des homosexuellen Sexualzieles
gerät. Die Verdrängung ist also ein Erfolg der Männlichkeit.Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der
psychoanalytischen Theorie abzuändern. Man glaubt doch
mit Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männ-S.
158 Aus der Geschichte
lichen und weiblichen Strebungen, also die Bisexualität, ist,
aus der die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht.
Allein diese Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden wider-
streitenden Sexualregungen ist die eine ichgerecht, die andere
beleidigt das narzifitische Interesse; sie verfällt Фагот der
Verdrängung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem
die Verdrängung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der
sexuellen Strebungen. In anderen Fällen existiert ein solcher
Konflikt zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht; es
ist nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischr, aber
gegen gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst ver-
stofen wird. Weit håufiger als Konflikte innerhalb der Sexua-
lität selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der
Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben. Ein sol-
cher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle. Die Betonung
der Bisexualitåt als Motiv der Verdrängung wire also zu enge;
die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben (Libido)
deckt alle Vorkommnisse.Der Lehre vom ,,månnlichen Protest", wie sie Adler aus-
gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung
keineswegs immer die Partei der Månnlichkeit nimmt und die
Weiblichkeit betrifft; in ganzen grofen Klassen von Fållen
ist es die Månnlichkeit, die sich vom Ich die Verdringung
gefallen lassen muß.Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges in
unserem Falle würde übrigens der narzißtischen Männlichkeit
die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo-
sexuelle Einstellung, die während des Traumes zustande
kommt, ist eine so intensive, daß das Ich des kleinen
Menschen an ihrer Bewältigung versagt und sich durch den
Verdrängungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser
Absicht wird die ihr gegensätzliche narzißtische Männlichkeit
des Genitales herangezogen. Daß alle narzißtischen RegungenS.
einer infantilen Neurose 159
vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Verdrån-
gungen gegen libidinäse Objektbesetzungen gerichtet sind, soll
nur zur Vermeidung von Mifverståndnissen ausgesprochen
werden.Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung,
dessen restlose Bewältigung uns vielleicht nicht geglückt ist,
zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum er-
gibt. Wire es wirklich die Männlichkeit gewesen, die
während des Traumvorganges über die Homosexualität
(Weiblichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive
Sexualstrebung von bereits ausgesprochen månnlichem Cha-
rakter als die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das
Wesentliche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert,
die sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist die
herrschende geblieben. Der Sieg der Månnlichkeit zeigt sich
bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr-
schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht weiblich
sind) mit Angst reagiert wird. Es ist keine sieghafte månn-
liche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive und
ein Striuben gegen dieselbe.Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die unge-
wohnte, aber unerlåfliche scharfe Scheidung von aktiv-månn-
lich und passiv-weiblich dem Leser bereitet und will darum
Wiederholungen nicht vermeiden. Den Zustand nach dem
Traume kann man also in folgender Art beschreiben: Die
Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im Unbewuften ist
die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine sehr
intensive Homosexualitåt konstituieft, dariiber besteht (vir-
tuell im Bewuften) die frühere sadistische und überwiegend
masochistische Sexualstrómung, das Ich hat seine Stellung zur
Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich in Sexual-
ablehnung und weist die herrschenden masochistischen Ziele
mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuellen mit derS.
160 Aus der Geschichte
Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg des Traumes
war also nicht so sehr der Sieg einer männlichen Strömung,
sondern die Reaktion gegen eine feminine und eine passive.
Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den Charakter der Månn-
lichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben keine Sexualstrebun-
gen, sondern nur das Interesse an seiner Selbstbewahrung und
der Erhaltung seines Narzifimus.Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem
Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den
relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich
schützt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als
übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen Befrie-
digung. Doch hinterläßt der Verdringungsvorgang eine nicht
zu iibersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete
Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch
ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem
Vater, sondern die vor dem Wolf wird bewußt. Es bleibt
auch nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt.
Der Wolf ersetzt sich eine ganze Weile später durch den
Lowen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen
Tiere konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der
Nebenbuhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders inter-
essant ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie
eine Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die
Wolfsphobie erzeugt hat. Durch eine zufillige Anregung wird
ein altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren
Kastrationsdrohung nachtråglich zur Wirkung kommt, wåh-
rend sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war."54) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinne-
rungsleistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder
Anregung des Arztes keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde
von der Analyse in einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt
werden muß, wenn man auf die Arbeitsweise der Analyse über-
haupt Wert legt. Eine rationalistische Aufklärung dieser PhobieS.
einer infantilen Neurose 161
Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält
keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus
der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In
beiden Ausdrucksweisen meint man den nämlichen Vorgang,
daß das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido ent-
zieht, welche in freischwebende Angst umgesetzt wird und
sich dann in Phobien binden läßt. In der ersten Ausdrucks-
weise hat man nur das Motiv, welches das Ich treibt, mit-
bezeichnet.Bei näherem Zuschen findet man nun, daß diese erste Er-
krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen)
durch das Herausgreifen der Phobie nicht erschöpft wird,
sondern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der
neben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zu-
kommen. Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem
bei ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt
sich von da an und ebenso in der Spåtzeit wie ein hysterischkönnte nur sagen: Es sei nichts Ungewôhnliches, daß ein zur
Angstlichkeit disponicrtes Kind auch einmal vor einem gelb-
strcifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich
infolge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall,
A synthetic genetic study of fear. Amer. J. of Psychology XXV,
1914). In Unwissenheit dieser Ursache suche es nun nach einer
Kindheitsankniipfung für diese Angst und benütze den Zufall der
Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen, um sich die
Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kindermädchen
zu konstruieren. Wenn aber dic Nebensachen der an sich harm-
losen Begebenheit, Aufwaschen, Kübel, Besen im späteren Leben
die Macht zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des
Menschen zu bestimmen, so fällt der Schmetterlingsphobie eine
unbegreifliche Bedeutung zu. Der Sachverhalt wird mindestens
ebenso merkwürdig wie der von mir behauptete, und der Gewinn
aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen ist zerronnen.
Die Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir an
ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten
können.11 Freud, Schriften zur Neurosenlehre
S.
162 Aus der Geschichte
affiziertes Organ. Die unbewufte, verdrängte Homosexualität
hat sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück
Hysterie hat dann bei der Lösung des späteren Krankseins
die besten Dienste geleistet.Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff
zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine
herrschende masochistische und eine verdringte homosexuelle
Sexualstrómung, dagegen ет in hysterischer Ablehnung be-
fangenes Ich; welche Vorginge wandeln diesen Zustand in
den der Zwangsneurose um?Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere
Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen.
Ihr sichtbarer Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende
Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie
Ausdruck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit
äußert. Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen,
daß der Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige
Bestätigung einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und
Tabu“ über das Verhältnis des Totemtieres zur Gottheit auf-
gestellt habe.” Ich entschied mich dort dafür, daß die
Gottesvorstellung nicht eine Fortentwicklung des Totem sei,
sondern sich unabhängig von ihm aus der gemeinsamen
Wurzel beider zu seiner Ablösung erhebe. Der Totem sei
der erste Vaterersatz, der Gott aber ein späterer, in dem der
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewinne. So finden
wir es auch bei unserem Patienten. Er macht in der Wolfs-
phobie das Stadium des totemistischen Vaterersatzes durch,
welches nun abbricht und infolge neuer Relationen zwischen
ihm und dem Vater durch eine Phase von religiöser Frömmig-
keit ersetzt wird.55) Totem und Tabu, 5. 137, 1913. [Enthalten in Bd. X. der
Ges. Schriften.]S.
einer infantilen Neurose 163
Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die
durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren
der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis
wird das von der Erziehung gewünschte. Der sadistisch-
masochistischen Sexualorganisation wird cin langsames Ende
bereitet, die Wolfsphobie verschwindet rasch, an Stelle der
Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der
Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird zur herr-
schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Uber-
windungen gehen nicht ohne Kåmpfe vor sich, als deren
Zeichen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als
deren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen
Zeremoniells sich festsetzt.Wenn wir von diesen pathologischen Phånomenen absehen,
können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles das
geleistet, wofiir sie in der Erziehung des Individuums ein-
gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebändigt, indem
sie ihnen eine Sublimierung und feste Verankerung bot, seine
familiåren Bezichungen entwertet und damit einer drohen-
den Isolierung vorgebeugt, dadurch, daß sie ihm den An-
schlu an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete.
Das wilde, verångstigte Kind wurde sozial, gesittet und er-
ziehbar. |Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Identi-
fizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zufällig-
keit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war. Hier
fand die iibergrofe Liebe zum Vater, welche die Verdrän-
gung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg in eine
ideale Sublimierung. Als Christus durfte man den Vater, der
nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben, die beim irdischen
Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. Die Wege,
auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren von der
Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das Schuld-Ht
S.
164 Aus der Geschichte
bewufttsein, das sich von den individuellen Liebesstrebungen
nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits als unbewufite
Homosexualität niedergeschlagene ^ Sexualstrómung noch
drainiert werden konnte, so fand die oberflächlichere
masochistische Strebung eine unvergleichliche Sublimierung
ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi, der sich
im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte miß-
handeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk bei
dem kleinen Entgleisten durch Mischung von Befriedigung,
Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein geistige
Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen, die sic
dem Gläubigen bietet.Sein anfängliches Sträuben gegen die Religion hatte drei
verschiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wo-
von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu-
heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene
Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf-
geben und im Mißtrauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines
vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende. Es ist das eine
wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die
ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fähigkeit
zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter
dem Namen der psychischen „Trägheit“ zur Hauptver-
ursachung aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen.
Ich glaube, mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und
spielt auch im Leben nicht Nervöser ihre bedeutsame Rolle.
Die Leichtbeweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidi-
nåsen, und ebenso der andersartigen Energiebesetzungen ist
ein besonderer Charakter, der vielen Normalen und nicht
einmal allen Nervósen eignet, und der bisher noch nicht in
Zusammenhang mit anderem gebracht ist, etwas wie eine
Primzahl nicht weiter zerteilbares. Wir wissen nur das eine,
daß die Eigenschaft der Beweglichkeit psychischer Be-S.
einer infantilen Neurose 165
setzungen mit dem Lebensalter auffillig zuriickgeht. Sie hat
uns eine der Indikationen fir die Grenzen der psychoanaly-
tischen Beeinflussung geliefert. Es gibt aber Personen, bei
denen diese psychische Plastizität weit über die gewöhnliche
Altersgrenze hinaus bestehen bleibt, und andere, bei denen
sie sehr frühzeitig verloren geht. Sind es Neurotiker, so
macht man mit Unbehagen die Entdeckung, daß unter schein-
bar gleichen Verhåltnissen bei ihnen Verinderungen nicht
rückgängig zu machen sind, die man bei anderen mit Leich-
tigkeit bewåltigt hat. Es ist also auch bei den Umsetzungen
psychischer Vorgånge der Begriff einer Entropie in Be-
tracht zu ziehen, deren Maf sich einer Riickbildung des
Geschchenen widersetzt.Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß
die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott-
Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen
der ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer
Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der
hochentwickelten eigenen. heraus und knüpfte an sie jene
scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fiinften
Lebensjahr so sehr Wunder nehmen mußte. Am bedeutsamsten
war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wirkung wir
die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes gegen die
Religion zurückführen dürfen. Die zum Manne drångende
Strömung, welche von der Religion sublimiert werden sollte,
war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Verdrångung
abgesondert und damit der Sublimierung entzogen, an ihr
urspriingliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft dieses Zu-
sammenhanges strebte der verdrångte Anteil sich den Weg
zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab-
zuziehen. Die ersten Griibeleien, die die Person Christi um-
spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn
auch das im Unbewuften festgehaltene sexuelle VerhältnisS.
166 ⑧ Aus der Geschichte
zum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens
hatten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische
Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kór-
perliche Zirtlichkeit fiir Gott in der Form seiner Erniedrigung
durchsetzte. Ein heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom-
promifbildungen mußte dann zur zwanghaften Übertreibung
aller der Tätigkeiten führen, in denen die Frömmigkeit, die
reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand.
Endlich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fun-
dierung erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbar-
keit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen
neuen Vaterersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen die
Religion richtete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes
ersetzt. Gedenken wir noch der interessanten Komplikation,
daß die Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand
(Mutter und Kinderfrau), während männlicher Einfluß die
Befreiung von ihr ermöglichte.Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der
sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen,
was ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs-
neurose" % ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer
starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un-
durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick-
lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif-
licht auf deren spätere Wandlungen werfe. Mit den Puber-
tätsjahren trat bei ihm die normal zu nennende, stark sinn-
liche, männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genital-
organisation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spät-
erkrankung füllen. Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene
an, entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfalls-
weise kommender und schwindender Verliebtheit und hatte56) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band,
1913, S. 525 ff. [Enthalten in diesem Band S. s ff.)S.
einer infantilen Neurose 167
mit den Hemmungen zu kåmpfen, die von den Resten der
infantilen Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durch-
bruch zum Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit
erkåmpft; dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten,
aber er wurde des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun
völlig unbewuftte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der
früheren Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom
weiblichen Objekt ab und nôtigte ihn, in den Zwischenzeiten
die Abhångigkeit vom Weib zu iibertreiben. Er legte der Kur
die Klage vor, daß er es beim Weibe nicht aushalten kønne,
und alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewuftes
Verhåltnis zum Manne aufzudecken. Seine Kindheit war, um
es formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwi-
schen Aktivitåt und Passivitåt ausgezeichnet gewesen, seine
Pubertåtszeit durch das Ringen um die Månnlichkeit, und die
Zeit von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das
Objekt der männlichen Strebung. Der Anlaß seiner Erkran-
kung fällt nicht unter die ,,neurotischen Erkrankungstypen“,
die ich als Spezialfille der ,,Versagung“ zusammenfassen
konnte,” und macht so auf eine Lücke in dieser Reihen-
bildung aufmerksam. Er brach zusammen, als eine organische
Affektion des Genitales seine Kastrationsangst aufleben
machte, seinem Narzifimus Abbruch tat und ihn zwang, die
Erwartung einer persónlichen Bevorzugung durch das Schick-
sal aufzugeben. Er erkrankte also an einer narziftischen
»Versagung“. Diese Uberstårke seines Narzifimus stand in
vollem Einklang mit den anderen Anzeichen einer gehemm-
ten Sexualentwicklung, daß seine heterosexuelle Liebeswahl
bei aller Energie so wenig psychische Strebungen in sich kon-
zentrierte, und daß die homosexuelle Einstellung, die dem57) Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 1912. [Über neu-
rotische Erkrankungstypen. Enthalten in Bd. V der Ges. Schriften.]S.
168 Aus der Geschichte
Narzifmus um so vieles näher liegt, sich als unbewufte
Macht bei ihm mit solcher Zåhigkeit behauptet hatte. Natür-
lich kann die psychoanalytische Kur bei solchen Störungen
nicht einen momentanen Umschwung und eine Gleichstellung
mit einer normalen Entwicklung herbeiführen, sondern nur
die Hindernisse beseitigen und die Wege gangbar machen,
damit die Einflüsse des Lebens die Entwicklung nach den
besseren Richtungen durchsetzen können.Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von der
psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf-
geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar beein-
flußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be-
sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus-
bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer
archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver-
schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Be-
setzungen alle nebeneinander funktionsfähig zu erhalten. Das
beständige Schwanken zwischen denselben, durch welches
Erledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschie-
nen, beherrschte das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich
ja hier nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein
Zug aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm
in die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber
er zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen,
auf rein logischen. Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes
Geschick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unver-
träglichkeiten. So empfing man von seinem Seelenleben einen
Eindruck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die da-
durch für uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwick-
lungsstufen neben den Endprodukten konserviert, die ältesten
Götter und Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in
eine Fläche ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu
einem Tiefengebilde wird,S.
einer infantilen Neurose 169
Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich iiber diesen
Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahl-
reichen Probleme, die er anregt, scheinen mir einer beson-
deren Hervorhebung wiirdig. Das erste betrifft die pbylogene-
tisch mitgebrachten Schemata, die wie philosophische „Kate-
gorien“ die Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich
möchte die Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der
menschlichen Kulturgeschichte. Der Odipuskomplex, der die
Beziehung des Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen,
ist vielmehr das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die
Erlebnisse sich dem hereditären Schema nicht fügen, kommt
es zu einer Umarbeitung derselben in der Phantasie, deren
Werk im einzelnen zu verfolgen gewiß nutzbringend wäre.
Gerade diese Fälle sind geeignet, uns die selbständige Existenz
des Schemas zu erweisen. Wir können oft bemerken, daß das
Schema über das individuelle Erleben siegt, so wenn in
unserem Falle der Vater zum Kastrator und Bedroher der
kindlichen Sexualität wird, trotz eines sonst umgekehrten
Odipuskomplexes. Eine andere Wirkung ist es, wenn die
Amme an die Stelle der Mutter tritt oder mit ihr ver-
schmolzen wird. Die Widersprüche des Erlebens gegen das
Schema scheinen den infantilen Konflikten reichlichen Stoff
zuzuführen.Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist
aber ungleich bedeutsamer, Wenn man das Verhalten des
vierjährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht
zieht,* ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen
des 1%jåhrigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt,58) Ich darf davon abschen, daß dies Verhalten erst zwei De-
zennien später in Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wir-
kungen, die wir von der Szene ableiten, haben sich ja in Form
von Symptomen, Zwängen usw. bereits in der Kindheit und lange
vor der Analyse geäußert. Dabei ist es gleichgültig, ob man sie
als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will.S.
170 Aus der Geschichte
kann man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine
Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vor-
bereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt.”
Worin dies bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung;
wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie mit dem
weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver-
fügung.Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim
Menschen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vor-
gänge des Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich er
auf sie keineswegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive
wäre der Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätig-
keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernunft
entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen,
die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich herabzu-
ziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser instink-
tiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fähigkeit
zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch
die Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren
instinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen
Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem Unbewuß-
ten einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch
die nachfolgende Entwicklung schützt.Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre, phy-
logenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen, von
verschiedenen Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich meine,
daß man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der psychoanalyti-
schen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen mir erst zu-
lässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des korrekten
Instanzenzuges auf die Spuren des Ererbten geråt, nachdem59) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen
miiñig wären, wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit
selbst angehörten.S.
einer infantilen Neurose 171
sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen hindurch-
gedrungen ist.60) [Zusatz 1923:] Ich stelle hier nochmals die Chronologie der
in dieser Geschichte erwåhnten Begebenheiten zusammen:Geboren am Weihnachtstag.
1% Jahre: Malaria. Beobachtung des Koitus der Eltern oder
jenes Beisammenseins derselben, in das er später die Koitus-
phantasie eintrug.Kurz vor 2% Jahren: Szene mit Gruscha.
2% Jahre: Deckerinnerung an Abreise der Eltern mit Schwester.
Sie zeigt ihn allein mit der Nanja und verleugnet so Gruscha und
Schwester.Vor 3% Jahren: Klage der Mutter vor dem Arzt.
3% Jahre: Beginn der Verfithrung durch die Schwester, bald
darauf Kastrationsdrohung der Nanja.3% Jahre: Die englische Gouvernante, Beginn der Charakter-
veränderung.4 Jahre: Wolfstraum, Entstehung der Phobie.
4% Jahre: Einfluß der biblischen Geschichte. Auftreten der
Zwangssymptome.Kurz vor 5 Jahren: Halluzination des Fingerverlustes.
5 Jahre: Verlassen des ersten Gutes.
Nach 6 Jahren: Besuch beim kranken Vater.
8 Jahre: | Letzte Ausbriiche der Zwangsneurose.
10 Jahre:
Meine Darstellung hat es leicht gemacht zu erraten, daß der
Patient Russe war. Ich entließ ihn nach meiner Schätzung als
geheilt wenige Wochen vor dem unerwarteten Ausbruch des
Weltkrieges und sah ihn erst wieder, als die Wechselfälle des
Krieges den Zentralmächten den Zugang nach Südrußland eröffnet
hatten. Dann kam er nach Wien und berichtete von einem unmittel-
bar nach Beendigung der Kur aufgetretenen Bestreben, sich vom
Einfluß des Arztes loszureißen. In einigen Monaten Arbeit wurde
nun ein noch nicht überwundenes Stück der Übertragung be-
wåltigt; seither hat Patient, dem der Krieg Heimat, Vermögen
und alle Familienbezichungen geraubt hatte, sich normal gefühlt
und tadellos benommen. Vielleicht hat gerade sein Elend durchdie Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Her-
stellung beigetragen,
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Aus der Geschichte einer infantilen Neurose1918-004/1931
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