• S.

    einer infantilen Neurose 113

    kungen der Zwangsneurose iibrig geblieben wåren. Der
    Prozeß hatte zu einem Sieg des frommen Glaubens über die
    kritisch forschende Auflehnung geführt und hatte die Ver-
    drüngung der homosexuellen Einstellung zur Voraussetzung
    gehabt. Aus beiden Faktoren ergaben sich dauernde Nachteile.
    Die intellektuelle Betätigung blieb seit dieser ersten großen
    Niederlage schwer geschidigt. Es entwickelte sich kein Lern-
    eifer, es zeigte sich nichts mehr von dem Scharfsinn, der
    seinerzeit im zarten Alter von fiinf Jahren die Lehren der
    Religion kritisch zersetzt hatte. Die wåhrend jenes Angst-
    traumes erfolgte Verdrängung der iiberstarken Homo-
    sexualitåt reservierte diese bedeutungsvolle Regung fiir das
    Unbewußte, erhielt sie so bei der ursprünglichen Zieleinstel-
    lung und entzog sie all den Sublimierungen, zu denen sie sich
    sonst bietet. Es fehlten dem Patienten darum alle die sozialen
    Interessen, welche dem Leben Inhalt geben. Erst als in der
    analytischen Kur die Lösung dieser Fesselung der Homo-
    sexualität gelang, konnte sich der Sachverhalt zum Besseren
    wenden, und es war sehr merkwiirdig mitzuerleben, wie —
    ohne direkte Mahnung des Arztes — jedes befreite Stiick der
    homosexuellen Libido eine Anwendung im Leben und eine
    Anheftung an die großen gemeinsamen Geschäfte der Mensch-
    heit suchte.

    VI

    Analerotik und Kastrationskomplex

    Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Ge-
    schichte einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt
    wihrend der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter
    gewonnen habe. Ich mufite sie also aus noch kleineren
    Brocken zusammensetzen, als sonst der Synthese zu Gebote
    stehen. Diese sonst nicht schwierige Arbeit findet eine natiir-

    8 Freud, Schriften zur Neurosenlehre
    V

  • S.

    114 Aus der Geschichte

    liche Grenze, wo es sich darum handelt, ein vieldimensionales
    Gebilde in die Ebene der Deskription zu bannen. Ich muß
    mich also damit begniigen, Gliederstiicke vorzulegen, die der
    Leser zum lebenden Ganzen zusammenfiigen mag. Die ge-
    schilderte Zwangsneurose entstand, wie wiederholt betont, auf
    dem Boden einer sadistisch-analen Konstitution. Es war aber
    bisher nur von dem einen Hauptfaktor, dem Sadismus und
    seinen Umwandlungen, die Rede. Alles, was die Analerotik
    betrifft, ist mit Absicht beiseite gelassen worden und soll hier
    gesammelt nachgetragen werden,

    Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den viel-
    fachen Triebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt,
    eine außerordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung
    für den Aufbau des Sexuallebens und der seelischen Tätigkeit
    überhaupt zukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten AuBe-
    rungen der umgebildeten Erotik aus dieser Quelle in der Be-
    handlung des Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im
    Laufe des Lebens das psychische Interesse an sich gezogen hat,
    das ursprünglich dem Kot, dem Produkt der Analzone, ge-
    biihrte. Wir haben uns gewöhnt, das Interesse am Gelde, so-
    weit es libidinôser und nicht rationeller Natur ist, auf Ex-
    krementallust zuriickzufiihren und vom normalen Menschen
    zu verlangen, daß er sein Verhältnis zum Gelde durchaus von
    libidinósen Einflüssen frei halte und es nach realen Rücksich-
    ten regle.

    Bei unserem Patienten war zur Zeit seiner spåteren Erkran-
    kung dies Verhältnis in besonders argem Maße gestört, und
    dies war nicht das Geringste an seiner Unselbständigkeit und
    Lebensuntiichtigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater und
    Onkel sehr reich geworden, legte manifesterweise viel Wert
    darauf, fiir reich zu gelten, und konnte sich sehr krinken,
    wenn man ihn darin unterschåtzte, Aber er wußte nicht, wie-
    viel er besaß, was er verausgabte, was er übrig behielt. Es

  • S.

    einer infantilen Neurose 115

    war schwer zu sagen, ob man ihn geizig oder verschwende-
    risch heißen sollte. Er benahm sich bald so, bald anders, nie-
    mals in einer Art, die auf eine konsequente Absicht hindeuten
    konnte. Nach einigen auffälligen Zügen, die ich weiter unten
    anführen werde, konnte man ihn für einen verstockten Geld-
    protzen halten, der in dem Reichtum den größten Vorzug
    seiner Person erblickt und Gefühlsinteressen neben Geldinter-
    essen nicht einmal in Betracht ziehen läßt. Aber er schätzte
    andere nicht nach ihrem Reichtum ein und zeigte sich bei
    vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden, hilfsbereit und mit-
    leidig. Das Geld war eben seiner bewußten Verfügung ent-
    zogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes.

    Ich habe schon erwähnt (S. 55), daß ich die Art schr be-
    denklich fand, wie er sich über den Verlust der Schwester,
    die in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden war,
    mit der Überlegung trôstete: Jetzt brauche er die Erbschaft
    von den Eltern nicht mit ihr zu teilen. Auffälliger vielleicht
    war noch die Ruhe, mit welcher er dies erzählen konnte, als
    hätte er kein Verständnis für die so eingestandene Gefühls-
    roheit. Die Analyse rehabilitierte ihn zwar, indem sie zeigte,
    daß der Schmerz um die Schwester nur eine Verschiebung er-
    fahren hatte, aber es wurde nun erst recht ‚unverständlich,
    daß er in der Bereicherung einen Ersatz für die Schwester
    hatte finden wollen.

    Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selbst
    rätselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das hinterlassene
    Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt. Die
    Mutter verwaltete es und kam seinen Geldansprüchen, wie er
    selbst zugab, in tadelloser, freigebiger Weise entgegen. Den-
    noch pflegte jede Besprechung über Geldangelegenheiten zwi-
    schen ihnen mit den heftigsten Vorwürfen von seiner Seite
    zu endigen, daß sie ihn nicht liebe, daß sie daran denke, an
    ihm zu sparen, und daß sie ihn wahrscheinlich am liebsten

    =

  • S.

    116 Aus der Geschichte

    tot sehen möchte, um allein über das Geld zu verfügen. Die
    Mutter beteuerte dann weinend ihre Uneigennützigkeit, er
    schimte sich und konnte mit Recht versichern, daß er das
    gar nicht von ihr denke, aber er war sicher, dieselbe Szene
    bei nächster Gelegenheit zu wiederholen.

    Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geld-
    bedeutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von
    denen ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm
    noch unbeteiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal
    in einer großen Stadt einen armen Vetter. Als er wegging,
    machte er sich Vorwürfe, daß er diesen Verwandten nicht
    mit Geld unterstütze, und bekam unmittelbar darauf den
    „vielleicht stärksten Stuhldrang seines Lebens". Zwei Jahre
    später setzte er wirklich diesem Vetter eine Rente aus. Der
    andere Fall: Mit 18 Jahren während der Vorbereitung zur
    Maturitätsprüfung besuchte er einen Kollegen und verabredete
    mit ihm, was die gemeinsame Angst, bei der Prüfung durch-
    zufallen, ratsam erscheinen ließ.” Man hatte beschlossen, den
    Schuldiener zu bestechen, und sein Anteil an der aufzubrin-
    genden Summe war natürlicherweise der größte. Auf dem
    Heimwege dachte er, er wolle gern noch mehr geben, wenn
    er nur durchkomme, wenn ihm bei der Prüfung nur nichts
    passiere, und wirklich passierte ihm ein anderes Malheur, ehe
    er noch bei seiner Haustüre war.”

    Wir sind darauf vorbereitet zu hören, daß er in seiner
    späteren Erkrankung an sehr hartnäckigen, wenn auch mit
    verschiedenen Anlässen schwankenden Störungen der Darm-
    funktion litt. Als er in meine Behandlung trat, hatte er sich

    29) Der Patient teilte mit, daß seine Muttersprache die im
    Deutschen bekannte Verwendung des Wortes „Durchfall“ zur Be-
    zeichnung von Darmstörungen nicht kennt.

    30) Diese Redensart ist in der Muttersprache des Patienten
    gleichsinnig wie im Deutschen.

  • S.

    einer infantilen Neurose 117

    an Lavements gewöhnt, die ihm ein Begleiter machte; spon-
    tane Entleerungen kamen Monate hindurch nicht vor, wenn
    nicht eine plötzliche Erregung von einer bestimmten Seite her
    dazukam, in deren Folge sich normale Darmtitigkeit fiir
    einige Tage herstellen konnte. Seine Hauptklage war, daß
    die Welt fiir ihn in einen Schleier gehüllt sei, oder er durch
    einen Schleier von der Welt getrennt sei. Dieser Schleier zer-
    riff nur in dem einen Moment, wenn beim Lavement der
    Darminhalt den Darm verließ, und dann fühlte er sich auch
    wieder gesund und normal.”

    Der Kollege, an den ich den Patienten zur Begutachtung
    seines Darmzustandes wies, war einsichtsvoll genug, denselben
    fiir einen funktionellen oder selbst psychisch bedingten zu
    erklären, und sich eingreifender Medikation zu enthalten.
    Übrigens niitzte weder diese noch die angeordnete Diät. In
    den Jahren der analytischen Behandlung gab es keinen spon-
    tanen Stuhlgang (von jenen plötzlichen Beeinflussungen abge-
    sehen). Der Kranke ließ sich überzeugen, daß jede intensivere
    Bearbeitung des störrischen Organs den Zustand noch ver-
    schlimmern würde, und gab sich damit zufrieden, ein- oder
    zweimal in der Woche durch ein Lavement oder ein Abführ-
    mittel eine Darmentleerung zu erzwingen.

    Ich habe bei der Besprechung der Darmstörungen dem
    späteren Krankheitszustand des Patienten einen breiteren
    Raum gelassen, als es sonst im Plane dieser mit seiner Kind-
    heitsneurose beschäftigten Arbeit liegt. Dafür waren zwei
    Gründe maßgebend, erstens, daß die Darmsymptomatik sich
    eigentlich wenig verändert aus der Kinderneurose in die
    spätere fortgesetzt hatte, und zweitens, daß ihr bei der Be-
    endigung der Behandlung eine Hauptrolle zufiel.

    Man weiß, welche Bedeutung der Zweifel für den Arzt hat,

    31) Dieselbe Wirkung, ob er das Lavement von einem anderen
    machen ließ oder es selbst besorgte.

  • S.

    118 Aus der Geschichte

    der eine Zwangsneurose analysiert. Er ist die stärkste Waffe
    des Kranken, das bevorzugte Mittel seines Widerstandes.
    Dank diesem Zweifel konnte auch unser Patient, hinter einer
    respektvollen Indifferenz verschanzt, Jahre hindurch die Be-
    mühungen der Kur von sich abgleiten lassen. Es änderte sich
    nichts, und es fand sich kein Weg, ihn zu überzeugen. Endlich
    erkannte ich die Bedeutung der Darmstörung für meine Ab-
    sichten; sie repräsentierte das Stückchen Hysterie, welches
    regelmäßig zu Grunde einer Zwangsneurose gefunden wird.
    Ich versprach dem Patienten die völlige Herstellung seiner
    Darmtätigkeit, machte seinen Unglauben durch diese Zusage
    offenkundig, und hatte dann die Befriedigung, seinen Zweifel
    schwinden zu sehen, als der Darm wie ein hysterisch affı-
    ziertes Organ bei der Arbeit 。mitzusprechen“ begann, und
    im Laufe weniger Wochen seine normale, so lange beeinträch-
    tigte Funktion wiedergefunden hatte.

    Ich kehre nun zur Kindheit des Patienten zurück, in eine
    Zeit, zu welcher der Kot unmöglich: Geldbedeutung fiir ihn
    gehabt haben kann.

    Darmstórungen sind sehr frühzeitig bei ihm aufgetreten,
    vor allem die håufigste und fiir das Kind normalste, die In-
    kontinenz. Wir haben aber gewiß recht, wenn wir fiir diese
    frühesten Vorfälle eine pathologische Erklärung ablehnen und
    in ihnen nur einen Beweis für die Absicht sehen, sich in der an
    die Entleerungsfunktion geknüpften Lust nicht stören oder auf-
    halten. zu lassen. Ein starkes Vergnügen an analen Witzen
    und Schaustellungen, wie es sonst der natürlichen Derbheit
    mancher Gesellschaftsklassen entspricht, hatte sich bei ihm
    über den Beginn der späteren Erkrankung erhalten.

    Zur Zeit der englischen Gouvernante traf es sich wieder-
    holt, daß er und die Nanja das Schlafzimmer der Verhaßten
    teilen mußten. Die Nanja konstatierte dann mit Verständnis,
    daß er gerade in diesen Nächten ins Bett gemacht hatte, was

  • S.

    einer infantilen Neurose 119

    sonst nicht mehr der Fall gewesen war. Er schåmte sich dessen
    gar nicht; es war eine Äußerung des Trotzes gegen die
    Gouvernante.

    Ein Jahr spåter (zu 4% Jahren), in der Angstzeit, passierte
    es ihm, daß er bei Tage die Hose schmutzig machte. Er
    schåmte sich entsetzlich, und jammerte, als er gereinigt wurde:
    er könne so nicht mehr leben. Dazwischen hatte sich also
    etwas veråndert, auf dessen Spur wir durch die Verfolgung
    seiner Klage geführt wurden. Es stellte sich heraus, daß er die
    Worte: so könne er nicht mehr leben, jemand anderem nach-
    geredet hatte. Irgend einmal” hatte ihn die Mutter mitge-
    nommen, wåhrend sie den Arzt, der sie besucht hatte, zur
    Bahnstation begleitete, Sie klagte während dieses Weges über
    ihre Schmerzen und Blutungen und brach in die nämlichen
    Worte aus: So kann ich nicht mehr leben, ohne zu erwarten,
    daß das an der Hand geführte Kind sie im Gedächtnis be-
    halten werde. Die Klage, die er übrigens in seiner späteren
    Krankheit ungezählte Male wiederholen sollte, bedeutete also
    eine — Identifizierung mit der Mutter.

    Ein der Zeit und dem Inhalt nach fehlendes Mittelglied
    zwischen beiden Vorfällen stellte sich bald in der Erinnerung
    ein, Es geschah einmal zu Beginn seiner Angstzeit, daß die
    besorgte Mutter Warnungen ausgehen ließ, die Kinder vor
    der Dysenterie zu behüten, die in der Nähe des Gutes aufge-
    treten war. Er erkundigte sich, was das sei, und als er gehört
    hatte, bei der Dysenterie finde man Blut im Stuhl, wurde er
    sehr ängstlich und behauptete, daß auch in seinem Stuhlgang
    Blut sei; er fürchtete, an der Dysenterie zu sterben, ließ sich
    aber durch die Untersuchung überzeugen, daß er sich geirrt
    habe und nichts zu fürchten brauche. Wir verstehen, daß sich

    32) Es ist nicht niher bestimmt worden, wann es war, aber
    jedenfalls vor dem Angsttraum mit vier Jahren, wahrscheinlich
    vor der Reise der Eltern.

  • S.

    120 Aus der Geschichte

    in dieser Angst die Identifizierung mit der Mutter durchsetzen
    wollte, von deren Blutungen er im Gespräch mit dem Arzt
    gehört hatte. Bei seinem späteren Identifizierungsversuch (mit
    43%. Jahren) hatte er das Blut fallen gelassen; er verstand sich
    nicht mehr, vermeinte sich zu schimen und wußte nicht, daß
    er von Todesangst geschiittelt wurde, die sich in seiner Klage
    aber unzweideutig verriet.

    Die unterleibsleidende Mutter war damals überhaupt ängst-
    lich für sich und die Kinder; es ist durchaus wahrscheinlich,
    daß seine Angstlichkeit sich neben ihren eigenen Motiven auf
    die Identifizierung mit der Mutter stützte.

    Was sollte nun die Identifizierung mit der Mutter be-
    deuten?

    Zwischen der kecken Verwendung der Inkontinenz mit
    3% Jahren und dem Entsetzen vor ihr mit 4% Jahren liegt
    der Traum, mit dem seine Angstzeit begann, der ihm nach-
    trägliches Verständnis der mit 1% Jahren erlebten Szene*
    und Aufklärung über die Rolle der Frau beim Geschlechtsakt
    brachte. Es liegt nahe, auch die Wandlung in seinem Ver-
    halten gegen die Defäkation mit dieser großen Umwälzung
    zusammenzubringen. Dysenterie war ihm offenbar der Name
    der Krankheit, über die er die Mutter klagen gehört hatte,
    mit der man nicht leben könne; die Mutter galt ihm nicht als
    unterleibs-, sondern als darmkrank. Unter dem Einfluß der
    Urszene erschloß sich ihm der Zusammenhang, daß die Mutter
    durch das, was der Vater mit ihr vorgenommen,“ krank ge-
    worden sei, und seine Angst, Blut im Stuhle zu haben, ebenso
    krank zu sein wie die Mutter, war die Ablehnung der Identi-
    fizierung mit der Mutter in jener sexuellen Szene, dieselbe
    Ablehnung, mit der er aus dem Traum erwacht war. Die
    Angst war aber auch der Beweis, daß er in der späteren Be-

    33) Siehe vorhin Seite 82.
    34) Wobei er ja wahrscheinlich nicht irre ging.

  • S.

    einer infantilen Neurose 121

    arbeitung der Urszene sich an die Stelle der Mutter gesetzt,
    ihr diese Beziehung zum Vater geneidet hatte. Das Organ,
    an dem sich die Identifizierung mit dem Weibe, die passiv
    homosexuelle Einstellung zum Manne äußern konnte, war die
    Analzone. Die Störungen in der Funktion dieser Zone hatten
    nun die Bedeutung von femininen Zårtlichkeitsregungen be-
    kommen und behielten sie auch wåhrend der spiteren Er-
    krankung bei.

    An dieser Stelle miissen wir nun einen Einwand anhøren,
    dessen Diskussion viel zur Klårung der scheinbar verworrenen
    Sachlage beitragen kann. Wir haben ja annehmen miissen,
    daf er wåhrend des Traumvorganges verstanden, das Weib
    sei kastriert, habe anstatt des månnlichen Gliedes eine Wunde,
    die dem Geschlechtsverkehr diene, die Kastration sei die Be-
    dingung der Weiblichkeit, und dieses drohenden Verlustes
    wegen habe er die feminine Einstellung zum Manne verdrångt
    und sei mit Angst aus der homosexuellen Schwärmerei er-
    wacht. Wie vertrågt sich dieses Verstindnis des Geschlechts-
    verkehrs, diese Anerkennung der Vagina, mit der Auswahl
    des Darmes zur Identifizierung mit dem Weib? Ruhen die
    Darmsymptome nicht auf der wahrscheinlich ålteren, der
    Kastrationsangst voll widersprechenden Auffassung, daß der
    Darmausgang die Stelle des sexuellen Verkehrs sei?

    Gewiß, dieser Widerspruch besteht, und die beiden Auf-
    fassungen vertragen sich gar nicht miteinander, Die Frage ist
    nur, ob sie sich zu vertragen brauchen. Unser Befremden
    rührt daher, daß wir immer geneigt sind, die unbewuften
    seelischen Vorgänge wie die bewuften zu behandeln und an
    die tiefgehenden Verschiedenheiten der beiden psychischen
    Systeme zu vergessen.

    Als die erregte Erwartung des Weihnachtstraumes ihm das
    Bild des einst beobachteten (oder konstruierten) Geschlechts-
    verkehres der Eltern vorzauberte, trat gewif zuerst die alte

  • S.

    122 Aus der Geschichte

    Auffassung desselben auf, derzufolge die das Glied aufneh-
    mende Körperstelle des Weibes der Darmausgang war. Was
    konnte er auch anderes geglaubt haben, als er mit 1% Jahren
    Zuschauer dieser Szene war?" Aber nun kam das, was sich
    mit vier Jahren neu ereignete. Seine seitherigen Erfahrungen,
    die vernommenen Andeutungen der Kastration, wachten auf
    und warfen einen Zweifel auf die ,,Kloakentheorie“, legten
    ihm die Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes und der
    sexuellen Rolle des Weibes nahe. Er benahm sich dabei, wie
    sich iiberhaupt Kinder benehmen, denen man eine uner-
    wiinschte Aufklårung — eine sexuelle oder andersartige —
    gibt. Er verwarf das Neue — in unserem Falle aus Motiven
    der Kastrationsangst — und hielt am Alten fest. Er entschied
    sich fiir den Darm gegen die Vagina in derselben Weise und
    aus åhnlichen Motiven, wie er spiter gegen Gott fiir den
    Vater Partei nahm. Die neue Aufklirung wurde abgewiesen,
    die alte Theorie festgehalten; die letztere durfte das Material
    fiir die Identifizierung mit dem Weib abgeben, die spåter als
    Angst vor dem Darmtod auftrat, und fiir die ersten religiösen
    Skrupel, ob Christus einen Hintern gehabt habe u. dgl. Nicht
    als ob die neue Einsicht wirkungslos geblieben wire; ganz
    im Gegenteile, sie entfaltete eine außerordentlich starke Wir-
    kung, indem sie zum Motiv wurde, den ganzen Traumvor-
    gang in der Verdrångung zu erhalten und von spåterer be-
    wußter Verarbeitung auszuschließen. Aber damit war ihre
    Wirkung erschöpft; auf die Entscheidung des sexuellen Pro-
    blems nahm sie keinen Einfluß, Es war freilich ein Wider-
    spruch, daß von da an Kastrationsangst bestehen konnte
    neben der Identifizierung mit dem Weib mittels des Darmes,
    aber doch nur ein logischer Widerspruch, was nicht viel be-
    sagt. Der ganze Vorgang ist vielmehr jetzt charakteristisch

    35) Oder solange er den Koitus der Hunde nicht verstand.

  • S.

    einer infantilen Neurose 123

    dafür, wie das Unbewufte arbeitet. Eine Verdrängung ist
    etwas anderes als eine Verwerfung.

    Als wir die Genese der Wolfsphobie studierten, verfolgten
    wir die Wirkung der neuen Einsicht in den geschlechtlichen
    Akt; jetzt, wo wir die Störungen der Darmtätigkeit unter-
    suchen, befinden wir uns auf dem Boden der alten Kloaken-
    theorie. Die beiden Standpunkte bleiben durch eine Ver-
    drängungsstufe voneinander getrennt. Die durch den Ver-
    drångungsakt abgewiesene weibliche Einstellung zum Manne
    zieht sich gleichsam in die Darmsymptomatik zuriick und
    äußert sich in den häufig auftretenden Diarrhóen, Obstipatio-
    nen und Darmschmerzen der Kinderjahre. Die späteren
    sexuellen Phantasien, die auf der Grundlage richtiger Sexual-
    erkenntnis aufgebaut sind, können sich nun in regressiver
    Weise als Darmstórungen äußern. Wir verstehen dieselben
    aber nicht, ehe wir den Bedeutungswandel des Kotes seit den
    ersten Kindheitstagen aufgedeckt haben."

    Ich habe an einer früheren Stelle erraten lassen, daß vom
    Inhalt der Urszene ein Stiick zuriickgehalten ist, das ich nun
    nachtragen kann. Das Kind unterbrach endlich das Beisammen-
    sein der Eltern durch eine Stuhlentleerung, die sein Geschrei
    motivieren konnte. Für die Kritik dieses Zusatzes gilt alles
    das, was ich vorhin von dem anderen Inhalt derselben Szene
    in Diskussion gezogen habe. Der Patient akzeptierte diesen
    von mir konstruierten Schlufakt und schien ihn durch
    »passagčre Symptombildung* zu bestätigen. Ein weiterer Zu-
    satz, den ich vorgeschlagen hatte, daß der Vater über die
    Störung unzufrieden seinem Unmut durch Schimpfen Luft
    gemacht hatte, mußte wegfallen. Das Material der Analyse
    reagierte nicht darauf.

    Das Detail, das ich jetzt hinzugefügt habe, darf natürlich

    36) Vgl: Über Tricbumsetzungen usw. [Bd. V. der Ges.
    Schriften.]

  • S.

    124 Aus der Geschichte

    mit dem anderen Inhalt der Szene nicht in eine Linie gestellt
    werden. Es handelt sich bei ihm nicht um einen Eindruck von
    außen, dessen Wiederkehr man in soviel späteren Zeichen zu
    erwarten hat, sondern um eine eigene Reaktion des Kindes.
    Es würde sich an der ganzen Geschichte nichts ändern, wenn
    diese Aufterung damals unterblieben oder wenn sie von später
    her in den Vorgang der Szene eingesetzt wäre. Ihre Auf-
    fassung ist aber nicht zweifelhaft. Sie bedeutet eine Erregtheit
    der Analzone (im weitesten Sinne). In anderen Fällen ähn-
    licher Art hat eine solche Beobachtung des Sexualverkehrs
    mit einer Harnentleerung geendigt; ein erwachsener Mann
    würde unter den gleichen Verhältnissen eine Erektion ver-
    spüren. Daß unser Knäblein als Zeichen seiner sexuellen Er-
    regung eine Darmentleerung produziert, ist als Charakter
    seiner mitgebrachten Sexualkonstitution zu beurteilen. Er stellt
    sich sofort passiv ein, zeigt mehr Neigung zur späteren
    Identifizierung mit dem Weibe als mit dem Manne.

    Er verwendet dabei den Darminhalt wie jedes andere Kind
    in einer seiner ersten und urspriinglichsten Bedeutungen. Der
    Kot ist das erste Geschenk, das erste Zärtlichkeitsopfer
    des Kindes, ein Teil des eigenen Leibes, dessen man sich ent-
    äußert, aber auch nur zu Gunsten einer geliebten Person.”
    Die Verwendung zum Trotz wie in unserem Falle mit

    37) Ich glaube, es läßt sich leicht bestätigen, daß Säuglinge nur
    die Personen, die von ihnen gekannt und geliebt werden, mit ihren
    Exkrementen beschmutzen; Fremde würdigen sie dieser Aus
    zeichnung nicht. In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
    habe ich die allererste Verwendung des Kotes zur autoerotischen
    Reizung der Darmschleimhaut erwähnt; als Fortschritt schließt
    sich nun an, daß die Rücksicht auf ein Objekt für die Defäkation
    maßgebend wird, dem das Kind dabei gehorsam oder gefällig ist.
    Diese Relation setzt sich dann fort, indem sich auch das ältere
    Kind nur von gewissen bevorzugten Personen auf den Topf setzen,
    beim Urinieren helfen läßt, wobei aber auch andere Befriedigungs-
    absichten in Betracht kommen.

  • S.

    einer infantilen Neurose 125

    3% Jahren gegen die Gouvernante ist nur die negative
    Wendung dieser früheren Geschenkbedeutung. Der grumus
    merdae, den die Einbrecher am Tatorte hinterlassen, scheint
    beides zu bedeuten: den Hohn und die regressiv ausgedrückte
    Entschädigung. Immer, wenn eine höhere Stufe erreicht ist,
    kann die frühere noch im negativ erniedrigten Sinne Ver-
    wendung finden. Die Verdrängung findet ihren Ausdruck in
    der Gegensåtzlichkeit.%

    Auf einer spåteren Stufe der Sexualentwicklung nimmt der
    Kot die Bedeutung des Kindes an. Das Kind wird ja durch
    den After geboren wie der Stuhlgang. Die Geschenkbedeutung
    des Kotes läßt diese Wandlung leicht zu. Das Kind wird im
    Sprachgebrauch als ein „Geschenk“ bezeichnet; es wird
    häufiger vom Weibe ausgesagt, daß sie dem Manne „ein
    Kind geschenkt“ hat, aber im Gebrauch des Unbewuften wird
    mit Recht die andere Seite des Verhältnisses, daß das Weib
    das Kind vom Manne als Geschenk „empfangen“ hat, ebenso
    beriicksichtigt.

    Die Geldbedeutung des Kotes zweigt nach einer anderen
    Richtung von der Geschenkbedeutung ab.

    Die frühe Deckerinnerung unseres Kranken, daß er einen
    ersten Wutanfall produziert, weil er zu Weihnachten nicht
    genug Geschenke bekommen habe, enthiillt nun ihren tieferen
    Sinn. Was er vermifte, war die Sexualbefriedigung, die er
    anal gefaßt hatte. Seine Sexualforschung war vor dem Traum
    darauf vorbereitet und hatte es wåhrend des Traumvorganges
    begriffen, daß der Sexualakt das Rätsel der Herkunft der
    kleinen Kinder löse. Er hatte die kleinen Kinder schon vor
    dem Traum nicht gemocht. Einmal fand er einen kleinen,
    noch nackten Vogel, der aus dem Nest gefallen war, hielt ihn

    38) Es gibt im Unbewuften bekanntlich kein „Nein“; Gegen-
    sätze fallen zusammen. Die Negation wird erst durch den Vorgang
    der Verdrängung eingeführt.

  • S.

    126 Aus der Geschichte

    fiir einen kleinen Menschen und grauste sich vor ihm. Die
    Analyse wies nach, daß all die kleinen Tiere, Raupen, In-
    sekten, gegen die er wiitete, ihm kleine Kinder bedeutet
    hatten.” Sein Verhåltnis zur ålteren Schwester hatte ihm
    Anlaß gegeben, viel über die Beziehung der älteren Kinder zu
    den jüngeren nachzudenken; als ihm die Nanja einmal gesagt
    hatte, die Mutter habe ihn so lieb, weil er der jiingste sei,
    hatte er ein begreifliches Motiv bekommen zu wünschen, daß
    ihm kein jüngeres Kind nachfolgen måge. Die Angst vor
    diesem jüngsten wurde dann unter dem Einfluß des Traumes,
    der ihm den Verkehr der Eltern vorfiihrte, neu belebt.

    Wir sollen also zu den uns bereits bekannten eine neue
    Sexualstrômung hinzufügen, die wie die anderen von der im
    Traum reproduzierten Urszene ausgeht. In der Identifizierung
    mit dem Weibe (der Mutter) ist er bereit, dem Vater ein Kind
    zu schenken, und eifersüchtig auf die Mutter, die das schon
    getan hat und vielleicht wieder tun wird.

    Auf dem Umweg über den gemeinsamen Ausgang der Ge-
    schenkbedeutung kann nun das Geld die Kindbedeutung an
    sich ziehen und solcher Art den Ausdruck der femininen
    (homosexuellen) Befriedigung übernehmen. Dieser Vorgang
    vollzog sich bei unserem Patienten, als er einmal zur Zeit,
    da beide Geschwister in einem deutschen Sanatorium weilten,
    sah, daß der Vater der Schwester zwei große Geldnoten
    gab. Er hatte den Vater in seiner Phantasie immer mit der
    Schwester verdächtigt; nun erwachte seine Eifersucht, er
    stürzte sich auf die Schwester, als sie allein waren, und
    forderte mit solchem Ungestüm und ‚solchen Vorwürfen
    seinen Anteil am Gelde, daß ihm die Schwester weinend
    das Ganze hinwarf. Es war nicht allein das reale Geld ge-
    wesen, das ihn gereizt hatte, viel mehr noch das Kind, die

    39) Ebenso das Ungeziefer, das in Träumen und Phobien häufig
    für die kleinen Kinder steht.

  • S.

    einer infantilen Neurose 127

    anale Sexualbefriedigung vom Vater. Mit dieser konnte er
    sich dann trøsten, als — zu Lebzeiten des Vaters — die
    Schwester gestorben war. Sein empórender Gedanke bei der
    Nachricht ihres Todes bedeutete eigentlich nichts anderes
    als: Jetzt bin ich das einzige Kind, jetzt muß der Vater mich
    allein lieb haben. Aber der homosexuelle Hintergrund dieser
    durchaus bewußtseinsfähigen Erwägung war so unerträglich,
    daß ihre Verkleidung in schmutzige Habsucht wohl als
    große Erleichterung ermöglicht wurde.

    Ahnlich wenn er nach dem Tode des Vaters der Mutter
    jene ungerechten Vorwürfe machte, daß sie ihn ums Geld
    betrügen wolle, daß sie das Geld lieber habe als ihn. Die
    alte Eifersucht, daß sie noch ein anderes Kind als ihn ge-
    liebt, die Möglichkeit, daß sie sich noch nach ihm ein anderes
    Kind gewünscht, zwangen ihn zu Beschuldigungen, deren
    Haltlosigkeit er selbst erkannte,

    Durch diese Analyse der Kotbedeutung wird uns nun klar-
    gelegt, daß die Zwangsgedanken, die Gott in Verbindung
    mit Kot bringen mußten, noch etwas anderes bedeuteten als
    die Schmähung, für die er sie erkannte. Sie waren vielmehr
    echte Kompromißergebnisse, an denen eine zärtliche, hin-
    gebende Strömung ebenso Anteil hatte wie eine feindselig
    beschimpfende. „Gott—Kot“ war wahrscheinlich eine Ab-
    kürzung für ein Anerbieten, wie man es im Leben auch in
    ungekürzter Form zu hören bekommt. „Auf Gott scheißen“,
    „Gott etwas schei&en“ heißt auch, ihm ein Kind schenken,
    sich von ihm ein Kind schenken lassen. Die alte negativ
    erniedrigte Geschenkbedeutung und die später aus ihr ent-
    wickelte Kindbedeutung sind in den Zwangsworten mit-
    einander vereinigt. In der letzteren kommt eine feminine
    Zärtlichkeit zum Ausdruck, die Bereitwilligkeit, auf seine
    Männlichkeit zu verzichten, wenn man dafür als Weib ge-
    liebt werden kann. Also gerade jene Regung gegen Gott, die

  • S.

    128 Aus der Geschichte

    in dem Wahnsystem des paranoischen Senatsprisidenten
    Schreber in unzweideutigen Worten ausgesprochen wird.

    Wenn ich später von der letzten Symptomlósung bei
    meinem Patienten berichten werde, wird sich noch einmal
    zeigen lassen, wie die Darmstórung sich in den Dienst der
    homosexuellen Strömung gestellt und die feminine Einstellung
    zum Vater ausgedrückt hatte. Eine neue Bedeutung des
    Kotes soll uns jetzt den Weg zur Besprechung des Kastrations-
    komplexes bahnen.

    Indem die Kotsåule die erogene Darmschleimhaut reizt,
    spielt sie die Rolle eines aktiven Organs fiir dieselbe, be-
    nimmt sie sich wie der Penis gegen die Vaginalschleimhaut
    und wird gleichsam zum Vorlåufer desselben in der Epoche
    der Kloake. Das Hergeben des Kotes zu Gunsten (aus Liebe
    zu) einer anderen Person wird seinerseits zum Vorbild der
    Kastration, es ist der erste Fall des Verzichts auf ein Stiick
    des eigenen Kürpers," um die Gunst eines geliebten Anderen
    zu gewinnen. Die sonst narzifttische Liebe zu seinem Penis
    entbehrt also nicht eines Beitrages von seiten der Analerotik.
    Der Kot, das Kind, der Penis ergeben also eine Einheit, einen
    unbewuften Begriff 一 sit venia verbo —, den des vom
    Kørper abtrennbaren Kleinen. Auf diesen Verbindungwegen
    können sich Verschiebungen und Verstårkungen der Libido-
    besetzung vollziehen, die fiir die Pathologie von Bedeutung
    sind und von der Analyse aufgedeckt werden.

    Die anfängliche Stellungnahme unseres Patienten gegen
    das Problem der Kastration ist uns bekannt geworden. Er
    verwarf sie und blieb auf dem Standpunkt des Verkehrs im
    After. Wenn ich gesagt habe, daß er sie verwarf, so ist die
    nächste Bedeutung dieses Ausdrucks, daß er von ihr nichts
    wissen wollte im Sinne der Verdrängung. Damit war

    40) Freud, Gesammelte Schriften, Bd. VIIL S. 353 ff.
    41) Als welches der Kot durchaus vom Kinde behandelt wird.

  • S.

    einer infantilen Neurose 129

    eigentlich kein Urteil über ihre Existenz gefällt, aber es war
    so gut, als ob sie nicht existierte. Diese Einstellung kann aber
    nicht die definitive, nicht einmal fiir die Jahre seiner Kind-
    heitsneurose geblieben sein. Spåterhin finden sich gute Be-
    weise dafür, daß er die Kastration als Tatsache anerkannt
    hatte. Er hatte sich auch in diesem Punkte benommen, wie
    es für sein Wesen kennzeichnend war, was uns allerdings die
    Darstellung wie die Einfühlung so außerordentlich erschwert.
    Er hatte sich zuerst gesträubt und dann nachgegeben, aber
    die eine Reaktion hatte die andere nicht aufgehoben. Am
    Ende bestanden bei ihm zwei gegensätzliche Strömungen
    nebeneinander, von denen die eine die Kastration ver-
    abscheute, die andere bereit war, sie anzunehmen und sich
    mit der Weiblichkeit als Ersatz zu trösten. Die dritte, älteste
    und tiefste, welche die Kastration einfach verworfen hatte,
    wobei das Urteil über ihre Realität noch nicht in Frage
    kam, war gewiß auch noch aktivierbar. Ich habe von eben
    diesem Patienten an anderer Stelle” eine Halluzination aus
    seinem fünften Jahr erzählt, zu der ich hier nur einen kurzen
    Kommentar hinzuzufügen habe:

    „Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben
    meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser
    an der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem
    "Traum" eine Rolle spielen.“ Plötzlich bemerkte ich mit
    unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger

    42) Über fausse reconnaissance (,déja raconté“) während der
    psychoanalytischen Arbeit. Intern. Zschr. f. ärztliche Psychoanalyse.
    I, 1913. [Enthalten in diesem Bande.]

    43) Vgl. Märchenstoffe in Träumen. Intern. Zeitschrift für ärzt-
    liche Psychoanalyse. I, 2. Heft. [Bd. III der Ges. Schriften.]

    44) Korrektur bei späterer Erzählung: „Ich glaube, ich schnitt
    nicht in den Baum. Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen
    Erinnerung, die auch halluzinatorisch gefälscht sein muß, daß ich
    in einen Baum cinen Schnitt mit dem Messer machte und daß
    dabei Blut aus dem Baume kam.“

    9 Freud, Schriften zur Neurosenlehre

  • S.

    einer infantilen Neurose 131

    während der Lektüre der heiligen Geschichte und der
    Gespräche über sie nicht unbekannt bleiben.

    Es ist ganz unzweifelhaft, daß ihm um diese Zeit der
    Vater zu jener Schreckensperson wurde, von der die
    Kastration droht. Der grausame Gott, mit dem er damals
    rang, der die Menschen schuldig werden låft, um sie dann
    zu bestrafen, der seinen Sohn und die Sohne der Menschen
    opfert, warf seinen Charakter auf den Vater zuriick, den er
    anderseits gegen diesen Gott zu verteidigen suchte. Der
    Knabe hat hier ein phylogenetisches Schema zu erfüllen
    und bringt es zu stande, wenngleich seine persönlichen Er-
    lebnisse nicht dazu stimmen mågen. Die Kastrationsdrohun-
    gen oder Andeutungen, die er erfahren hatte, waren viel-
    mehr von Frauen ausgegangen,” aber das konnte das End-
    ergebnis nicht fiir lange aufhalten. Am Ende wurde es doch
    der Vater, von dem er die Kastration befiirchtete. In diesem
    Punkte siegte die Hereditåt über das akzidentelle Erleben;
    in der Vorgeschichte der Menschheit ist es gewiß der Vater
    gewesen, der die Kastration als Strafe iibte und sie dann zur
    Beschneidung ermiBigte. Je weiter er auch im Verlauf des
    Prozesses der Zwangsneurose in der Verdringung der Sinn-
    lichkeit kam,” desto natiirlicher mufite es ihm werden, den
    Vater, den eigentlichen Vertreter der sinnlichen Betåtigung,
    mit solchen båsen Absichten auszustatten.

    Die Identifizierung des Vaters mit dem Kastrator" wurde
    bedeutungsvoll als die Quelle einer intensiven, bis zum
    Todeswunsch gesteigerten, unbewufiten Feindseligkeit gegen

    45) Wir wissen es von der Nanja und werden es von einer
    anderen Frau noch erfahren.

    46) Siehe die Belege dafiir S. 110.

    47) Zu den quilendsten, aber auch groteskesten Symptomen seines
    späteren Leidens gehörte sein Verhältnis zu jedem — Schneider,
    bei dem er ein Kleidungsstück bestellt hatte, sein Respekt und
    seine Schüchternheit vor dieser hohen Person, seine Versuche, sie

    ッ

  • S.

    132 Aus der Geschichte

    ihn und der darauf reagicrenden Schuldgefühle. Soweit be-
    nahm er sich aber normal, d. h. wie jeder Neurotiker, der
    von einem positiven Odipuskomplex besessen ist. Das Merk-
    wiirdige war dann, daß auch hiefür bei ihm eine Gegen-
    strómung existierte, bei der der Vater vielmehr der Kastrierte
    war und als solcher sein Mitleid herausforderte.

    Ich habe bei der Analyse des Atemzeremoniells beim An-
    blick von Kriippeln, Bettlern usw. zeigen können, daß auch
    dieses Symptom auf den Vater zuriickging, der ihm als Kran-
    ker bei dem Besuch in der Anstalt leid getan hatte. Die
    Analyse gestattete, diesen Faden noch weiter zurückzuver-
    folgen. Es gab in sehr frither Zeit, wahrscheinlich noch vor
    der Verführung (3% Jahre) auf dem Gute einen armen Tag-
    löhner, der das Wasser ins Haus zu tragen hatte. Er konnte
    nicht sprechen, angeblich weil man ihm die Zunge abge-
    schnitten hatte. Wahrscheinlich war es ein Taubstummer.
    Der Kleine liebte ihn sehr und bedauerte ihn von Herzen.
    Als er gestorben war, suchte er ihn am Himmel." Das war
    also der erste von ihm bemitleidete Krüppel; nach dem
    Zusammenhang und der Anreihung in der Analyse unzweifel-
    haft ein Vaterersatz.

    Die Analyse schloß an ihn die Erinnerung an andere ihm
    sympathische Diener an, von denen er hervorhob, daf sie
    krånklich oder Juden (Beschneidung!) gewesen waren. Auch
    der Lakai, der ihn bei seinem Malheur mit 4% Jahren
    reinigen half, war ein Jude und schwindsüchtig und genof
    sein Mitleid. Alle diese Personen fallen in die Zeit vor dem
    Besuch des Vaters im Sanatorium, also vor die Symptom-

    durch unmåfige Trinkgelder für sich einzunehmen, und seine
    Verzweiflung über den Erfolg der Arbeit, wie immer sie ausge-
    fallen sein mochte.

    48) Ich erwihne in diesem Zusammenhange Träume, die später
    als der Angsttraum, aber noch auf dem ersten Gut vorfielen und
    die Koitusszene als Vorgang zwischen Himmelskórpern darstellten.

  • S.

    einer infantilen Neurose 133

    bildung, die vielmehr durch das Ausatmen eine Identifizierung
    mit den Bedauerten fernhalten sollte. Dann wandte sich die
    Analyse plôtzlich im Anschluf an einen Traum in die Vor-
    zeit zurück und ließ ihn die Behauptung aufstellen, daß er
    bei dem Koitus der Urszene das Verschwinden des Penis
    beobachtet, den Vater darum bemitleidet und sich über das
    Wiedererscheinen des verloren Geglaubten gefreut habe. Also
    eine neue Gefühlsregung, die wiederum von dieser Szene aus-
    geht. Der narzigrische Ursprung des Mitleids, für den das
    Wort selbst spricht, ist hier übrigens ganz unverkennbar.

    VII
    Naditrige aus der Urzeit — Lösung

    In vielen Analysen geht es so zu, daß, wenn man sich
    dem Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auf-
    taucht, welches bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde.
    Oder es wird einmal eine unscheinbare Bemerkung hinge-
    worfen, in gleichgültigem Ton, als wäre es etwas Über-
    flüssiges, zu dieser kommt ein andermal etwas hinzu, was
    den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich erkennt man
    in jenem geringgeschätzten Brocken Erinnerung den Schlüssel
    zu den wichtigsten Geheimnissen, welche die Neurose des
    Kranken umkleidete.

    Frühzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der
    Zeit erzählt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen
    pflegte. Er verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit
    gelben Streifen, dessen große Flügel in spitze Fortsätze aus-
    liefen, — also einen Schwalbenschwanz. Plötzlich erfaßte ihn,
    als der Schmetterling sich auf eine Blume gesetzt hatte,

    eine schreckliche Angst vor dem Tier und er lief schreiend
    davon.