S.
696 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
IX. ZUSAMMENFASSUNGEN UND PROBLEME.
Ich weiß micht, ob es dem Leser des vorstehenden
Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von
der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem
Patienten zu machen, Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der
Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst für die Kunst mei-
ner Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich
doch auf mildernde Umstände plaidieren. Es ist eine Auf-
gabe gewesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen
wurde, in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe
Schichten des Seelenlebens einzuführen, und es ist ‘besser,
man löst sie schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht,
was ja überdies mit gewissen Gefahren für den Verzagten
verbunden sein soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man
sich durch das Bewußtsein seiner Minderwertigkeiten nicht
hat abhalten lassen,Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den
Reichtum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß
man das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren
konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse
und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Darstel-
lung erkauft werden, Persönliche Eigentümlichkeiten, ein dem
unserigen fremder Nationalcharakter, machten die Einfühlung
mühsam. Der Abstand zwischen der liebenswürdig entgegen-
kommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner scharfen In-
telligenz, vornehmen Denkungsart und seinem völlig unge-
bändigtem Triebleben machte eine überlange Vorbereitungs-
und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die Übersicht
erschwert wurde, An dem Charakter des Falles, welcher der
Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist der Patient
selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der Psycho-S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 697
logie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen
Vorgänge in bewußte und unbewußte zu scheiden und beide
in klaren Worten zu beschreiben. Vom Kinde läßt diese Unter-
scheidung uns beinahe im Stiche. Man ist oft in Verlegen-
heit anzugeben, was man als bewußt und was man als unbe-
wußt bezeichnen möchte. Vorgänge, die die herrschenden ge-
worden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten den be-
wußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde den-
noch micht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen,
warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine
Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be-
griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach-
vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns
sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen,
als Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zu-
gehörigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das
wir irgendwie konventionell benennen sollten, das wir aber
gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese Ver-
wechslung ist harmlos bei der psychologischen Beschreibung
des Erwachsenen, aber irreführend für die des kleinen Kin-
des. Auch die Einführung des „Vorbewußten“ nützt hier nicht
viel, denn das Vorbewußte des Kindes braucht sich mit dem
des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man begnügt sich
also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu haben,Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier be-
schriebene Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Pro-
bleme der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre
eine unendliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß
sich sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles er-
fahren, an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum
begnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichstenS.
698 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
zeigt. Die Erklårungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über-
haupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen Sym-
ptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy-
chischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man so
geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben.
Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte
neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut
und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht
zu haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der
Fortschritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam
vollziehen. Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit
zu begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die
psychische Oberfläche „ankratzt“, und das Unterlassene dann
durch Spekulationen ersetzt, die man unter die Patronanz
irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch
praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens geltend
machen, aber die Bedürfnisse der Wissenschaft lassen sich
durch kein Surrogat befriedigen.Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der
Sexualentwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der
ich mit den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste,
was wir über ihn hören, ist die Störung der Eßlust, die ich
nach anderen Erfahrungen, aber doch mit aller Zurückhal-
tung, als den Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet
auffassen will. Als die erste kenntliche Sexualorganisation
habe ich die sogenannte kannibale oder orale betrachten
müssen, in welcher die ursprüngliche Anlehnung der Sexual-
erregung an den Eßtrieb noch die Szene beherrscht. Direkte
Äußerungen dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl
aber Anzeichen bei eingetretenen Störungen, Die Beeinträch-
tigung des Eßtricbs — die natürlich sonst auch andere Ur-S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 699
sachen haben kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine
Bewältigung sexueller Erregung dem Organismus nicht ge-
Iungen ist, Das Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kanni-
balismus, das Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten
durch Regression von einer höheren Stufe her in der Angst
zum Vorschein: vom Wolf gefressen zu werden, Diese Angst
mußten wir uns ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden.
Es ist bekannt, daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mäd-
chen in den Zeiten der Pubertät oder bald nachher, eine
Neurose gibt, welche die Sexualablehnung durch Anorexie
ausdrückt; man wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase
des Sexuallebens bringen dürfen. Auf der Höhe des verlieb-
ten Paroxysmus („Ich könnte dich fressen vor Liebe“) und im
zärtlichen. Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach-
sene sich selbst wie infantil gebärdet, tritt das Liebesziel der
oralen Organisation wieder auf, Ich habe an anderer Stelle die
Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patienten
selbst das „zärtliche Schimpfen“ gehabt, mit dem Kleinen
Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf-
fressen bedroht hat. (S. 609.) Der Patient hat diese Vermutung
durch sein auffälliges Benehmen in der Übertragung nur be-
stätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die Über-
tragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und später
mit allen anderen möglichen Mißhandlungen, was alles nur
Ausdruck von Zärtlichkeit war.Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen
Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem
„appetitlichen“ Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß“. Wir er-
innern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen
wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume cene
Liebkosungen, sexuelle Befriedigungen.S.
700 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört
(im Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auf-
tritt und sich an alles heften kann, was dem Kinde als ge-
eignet bezeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu
benützt, um ihn zur Überwindung seiner Eßunlust, ja zur Über-
kompensation derselben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle
seiner Eßstörung werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Bo-
den jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die
Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir-
kungen ausgingen, in das Alter von 11/, Jahren sicherlich vor
der Zeit der Efschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir an-
nehmen, daf sie die Prozesse der Sexualrcifung beschleunigt
und so auch direkte, wenn auch unscheinbare ‚Wirkungen ent-
faltet hat.Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser
Periode, die Wolfsangst, die Efstérung anders und einfacher
erklåren kann, ohne Riicksicht auf die Sexualitåt und eine
prågenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen der
Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern ver-
nachlåssigt, wird diese andere Erklårung vorziehen und ich
werde ihn daran nicht hindern können, Es ist schwer, über
diese Anfänge des Sexuallebens anders als auf den ange-
zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren.Die Szene mit der Gruscha (um 21/, Jahre) zeigt uns
unseren Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die
Anerkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor-
zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver-
tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem
EinfluB der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis-
her als eine narziBtische aufgefaBt, mit Rücksicht auf den
Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie bereitsS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NÉUROSE. 701,
der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das männliche
Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und setzt sie
unter dem Einfluß der Verführung durch die Schwester fort.Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung
nicht bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in
höherem Grade stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexual-
ziel, welches mit der Aktion des männlichen Genitales im+ Grunde unvertråglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei
der Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 33/, Jah-
ren) die noch zaghafte genitale Organisation zusammen und
regrediert auf die ihr vorhergehende Stufe der wadistisch-
analen Organisation, welche vielleicht sonst mit ebenso leich-
ten Anzeichen wie bei anderen Kindern durchlaufen worden
wäre,Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fort-
bildung der oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskel-
betätigung am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle
als vorbereitender Akt für das Fressen, das dann als Sexual-
ziel ausfällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges
Ziel. Die Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich
darin, daß das aufnehmende, passive Organ, von der Mund-
zone abgesondert, an der Analzone ausgebildet wird, Biolo-
gische Parallelen oder die Auffassung der prägenitalen mensch-
lichen Orgänisationen als Reste von Einrichtungen, die in
manchen Tierklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier
sehr nahe. Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen
Komponenten ist für diese Stufe gleichfalls charakteristisch.Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der
Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen
seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung
des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbe-S.
702 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
teiligt, welches auf Entwicklungsvorgånge in anderen als den
sexuellen Sphåren hinweist.Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die
Passivität des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt
den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen-
stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha-
rakter der Passivitit ganz auf ihre Rechnung setzen darf,
denn die Reaktion des 11/,jåhrigen Kindes auf die Koitus-
beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Die sexuelle
Miterregung äußerte sich in einer Stuhlentleerung, an der
allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben
dem Masochismus, der seine Sexualstrebung beherrscht und
sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen
und betätigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung
hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro-
bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und
ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und verwebt sich
mit den Äußerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine
sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repråsen-
tanten der kleinen Kinder.Wir haben die Schilderung bis in die Nahe des vierten
Geburtstages geführt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die
Koitusbeobachtung von 11/, Jahren zur nachträglichen Wir-
kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können
wir weder vollständig erfassen, noch sie hinreichend be-
schreiben. Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vor-
geschrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden
kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues
Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die ab-
gebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage wie-
der eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt kannS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE, 703
nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch einen
Vorgang, den man nur einer Verdrängung gleichstellen kann,
zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch eine
Phobie, -Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der
jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur sind
ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt die
sadistischen wie die masochistischen Betåtigungen fort, doch
reagiert es mit Angst gegen einen Teil derselben; die Ver-
kehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrscheinlich
weitere Fortschritte.Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daB
die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an-
schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den
Penis kosten würde. Eine sorgfåltigere Überlegung läßt etwa
Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle Ein-
stellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der
Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbe-
wußte erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung kon-
stituiert. Der Motor dieser Verdrängung scheint die narziß-
tische Männlichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst
vorbereiteten Konflikt mit der Passivität des homosexuellen
Sexualzieles gerät. Die Verdrängung ist also ein Erfolg der
Männlichkeit. ME TRIP i |Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der
psychoanalytischen Theorie abzuåndern. Man glaubt doch mit
Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männlichen
und weiblichen Strebungen, also die Bisexualitåt, ist, aus der
die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht. Allein diese
Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden
Sexualregungen, ist die eine ichgerecht, die andere beleidigtS.
704 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
das narziDtische Interesse; sie verfällt darum der Verdrån-
gung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem die !Ver-
drångung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der sexuel-
len Strebungen. In anderen Fållen existiert ein solcher Kon-
flikt zwischen Månnlichkeit und Weiblichkeit nicht; es ist
nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischt, aber gegen
gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst verstoßen
wird, Weit häufiger als Konflikte innerhalb der Sexualität
selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der
Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben, Ein
solcher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle, Die Be-
tonung der Bisexualität als Motiv der Verdrängung wäre also
zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben
(Libido) deckt alle Vorkommnisse, | "Der Lehre vom „männlichen Protest“, wie sie Adler aus-
gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung
keineswegs immer die Partei der Männlichkeit nimmt und die
Weiblichkeit betrifft; in ganzen großen Klassen von Fällen
ist es die Männlichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung
gefallen lassen muß, ·Eine gerechtere Würdigung des Verdrångungsvorganges
in unserem Falle würde übrigens der narziBtischen Männlich-
keit die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo-
sexuelle Einstellung, die während des Traumes zu stande
kommt, ist eine so intensive, daß das Ich des kleinen Men-
schen an ihrer Bewältigung verzagt und sich durch den Ver-
drångungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser Ab-
sicht wird die ihr gegensåtzliche narziBtische Männlichkeit
des Genitales herangezogen. Daß alle narzibtischen Regun-
gen vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Ver-
drängungen gegen libidinöse Objektbesetzungen gerichtet sind,S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 705
soll nur zur Vermeidung von Mifverstándnissen ausgesprochen
werden. : åWenden wir uns von dem Vorgang der: Verdrängung, des-
sem restlose Bewältigung uns vielleicht. nicht gegliickt ist,
zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum
ergibt. Wåre es wirklich die Månnlichkeit gewesen, die wåh-
rend des Traumvorganges über die Homosexualitát (Weib:
lichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive Sexual-
strebung von bereits ausgesprochen. männlichem Charakter als
die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das Wesent-
liche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert, dio
sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist: die
herrschende geblieben. Der Sieg der Månnlichkeit zeigt sich
bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr-
schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht. weib-
lich sind) mit Angst reagiert wird, Es ist keine sieghafte
månnliche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive
und ein Stråuben gegen dieselbe.Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die un-
gewohnte, aber unerláfliche scharfe Scheidung von aktiv-
männlich und passiv-weiblich dem Leser bereitet, und will
darum Wiederholungen‘ nicht vermeiden. Den Zustand nach
dem Traume kann man also in folgender Art beschreiben:
Die Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im UnbewuB-
ten ist die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine
sehr intensive Homosexualitåt konstituiert, dariiber besteht
(virtuell im BewuBten) die frühere sadistische und über-
wiegend masochistische Sexualstrómung, das Ich hat seine
Stellung zur Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich
in Sexualablehnung und weist die herrschenden masochisti-
schen Ziele mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuel-Freud, Neurosenlehre, 1V. 45
S.
706 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
len mit der Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg
des Traumes war also nicht so sehr der Sieg einer männ-
lichen Strömung, sondern die Reaktion gegen eine feminine
und eine passive. Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den
Charakter der Männlichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben
keine Sexualstrebungen, sondern nur das Interesse an seiner
Selbstbewahrung und der Erhaltung seines NarziBmus.Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem
Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den
relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich
schiitzt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als
übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen. Befrie-
digung, Doch hinterläßt der Verdrängungsvorgang eine nicht
zu übersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete
Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch
ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem Va-
ter, sondern die vor dem Wolf wird bewußt. Es bleibt auch
nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt. Der
Wolf ersetzt sich cine ganze Weile später durch den Lô-
wen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen Tiere
konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der Neben-
buhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders interessant
ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie eine
Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die Wolfs-
phobie erzeugt hat. Durch eine zufållige Anregung wird ein
altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren Ka-
strationsdrohung nachträglich zur Wirkung kommt, während
sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war.*)+) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinnerungs-
Jeistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder Anregung des
Arites keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde von der Analyse inS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 707
Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser
Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthilt
keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus
der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In bei-
den Ausdrucksweisen meint man den nåmlichen Vorgang, daß
das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido entzieht,
welche in freischwebende Angst umgesetzt wird, sich dann
in Phobien binden lát. In der ersten Ausdrucksweise hat man
nur das Motiv, welches das Ich treibt, mitbezeichnet.Bei nåherem Zusehen findet man nun, daß diese erste Er-
krankung unseres Patienten (von der EBstérung abzusehen).
durch das Herausgreifen der Phobie nicht erschopft wird, son-
dern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der ne-
ben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zukom-
men, Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem bei
ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt sich
von da an und ebenso in der Spåtzeit wie ein hysterisch affi-einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt werden muß, wenn man auf
die Arbeitsweise der Analyse iiberhaupt Wert legt. Dine rationalistische
Aufklärung dieser Phobie könnte nur sagen: Es sei nichts Ungewohnliches,
daf ein zur Angstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor einem gelb-
streifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich in-
folge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, A synthetic genetic
study of fear. Amer. J. of Psychology XXV, 1914.) In Unwissenheit dieser
Ursache suche es nun nach einer Kindheitsankniipfung fiir diese Angst und
beniitzo den Zufall der Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen,
um sich die Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kinder-
mådchen zu konstruieren. Wenn aber die Nebensachen der an sich harm-
losen Begebenheit, Auiwaschen, Kiibel, Besen im spåteren Leben die Macht
zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des Menschen zu bestimmen,
so fällt der Schmetterlingsphobie eine unbegreifliche Bedeutung zu. Der
Sachverhalt wird mindestens ebenso merkwiirdig wie der von mir behaup-
tete, und der Gewinn aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen
ist zerronnen. Die Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir
an ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten können.45%
S.
Da SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV,
ziertes Organ. Die unbewufte, verdrångte Homosexualität hat
sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück Hy-
sterie hat dann bei der Lésung des spåteren Krankseins die
besten Dienste geleistet.Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch
komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff
zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine
herrschende masochistische und eine verdrängte homosexuelle
Sexualströmung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung befan-
genes Ich; welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in den
der Zwangsneurose um?Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere
Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von auBen.
Ihr sichtbarster Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende
Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Aus-
druck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit äußert
Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der
Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige Bestätigung
einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und Tabu“ über
das Verhältnis. des Totemtieres zur Gottheit aufgestellt habe.*)
Ich entschied mich dort dafür, daß die Gottesvorstellung nicht
eine Fortentwicklung des Totem sei, sondern sich unabhängig
von ihm aus der gemeinsamen Wurzel beider zu ‚seiner Ab-
lösung erhébe. Der Totem sei der erste Vaterersatz, der Gott
aber ein späterer, in dem der Vater seine menschliche Ge-
stalt wiedergewinne. So finden wir es auch bei unserem Pa-
tienten. Er macht in der Wolfsphobie das Studium des totemi-
stischen Vaterersatzes durch, welches nun abbricht und in-
folge neuer Relationen zwischen ihm und dem Vater durch
eine Phase von religióser Frómmigkeit ersetzt wird.
EST) Totem und Tabu, p. 187, 1918. ⑧S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 709
„Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft; ist die
durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren
der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis
wird das von der Erziehung gewiinschte. Der sadistisch-
masochistischen Sexualorganisation wird ein langsames Ende
bereitet, die Wolfsphobic verschwindet rasch, an Stelle der
Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der
Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird zur herr-
schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Uber-
windungen gehen nicht ohne Kåmpfe vor sich, als deren Zei-
chen die Dlasphemischen Gedanken erscheinen, und als de-
ren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zere-
moniells sich festsetzt.Wenn wir von diesen pathologischen Phånomenen ab-
schen, können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles
das geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums ein-
gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebåndigt, in-
dem sie ihnen eine Sublimierung und feste Verankerung bot,
seine familiären Beziehungen entwertet und damit einer
drohenden Isolierung vorgebeugt, dadurch daß sie ihm den
Anschluß an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete.
Das wilde, verängstigte Kind wurde sozial, gesittet und er-
ziehbar,Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Iden-
lifizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zu-
füligkeit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war.
Hier fand die iibergroBe Liebe zum Vater, welche die Ver-
drüngung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg
in eine ideale Sublimierung. Als Christus durfte man den Va-
ter, der nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben, die beim
irdischen Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. DieS.
710 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
Wege, auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren
von der Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das
SchuldbewuBtsein, das sich von den individuellen Liebes-
strebungen nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits
als unbewuBte Homosexualität niedergeschlagene Sexual-
strómung noch drainiert werden konnte, so fand die oberflàch-
lichere masochistische Strebung eine unvergleichliche Subii-
miorung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi,
der sich im Auftrage und zu Ehren des góttlichen Vaters hatte
miBhandeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk
bei dem kleinen Entgleisten durch die Mischung von Be-
friedigung, Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein
geistige Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen,
die sie dem Gläubigen bietet.+ Sein anfångliches Stråuben gegen die Religion hatte drei
verschiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wo-
von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu-
heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene
Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf-
geben und im MiBtranen gegen die Wahrscheinlichkeit eines
vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende, Es ist das eine
wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die
ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fåhig-
keit zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter
dem Namen der psychischen ,, Trågheit" zur Tlauptverursachung
aller Miferfolge der Neurotiker machen wollen. Ich glaube,
mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und spielt auch
im Leben nicht Nervôser ihre bedeutsame Rolle. Die Leicht-
beweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidinósen, und
ebenso der. andersartigen Energiebesetzungen ist ein beson-
derer Charakter, der vielen Normalen und nicht einmal allenS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 711
Nervösen eignet, und der bisher noch nicht in Zusammenhang
mit anderem gebracht ist, etwas wie eine Primzahl nicht wei-
ter zerteilbares. Wir wissen nur das eine, daß die Eigenschaft
der Beweglichkeit psychischer Besetzungen mit dem Lebens-
alter anffållig zurückgeht. Sie hat uns eine der Indikationen
für die Grenzen der psychoanalytischen Beeinflussung ge-
liefert. Es gibt aber Personen, bei denen diese psychische Pla-
stizität weit über die gewöhnliche Altersgrenze hinaus be-
stehen bleibt, und andere, bei denen sie sehr frühzeitig ver-
Toren geht. Sind es Neurotiker, so macht man mit Unbe-
hagen die Entdeckung, daß unter scheinbar gleichen Verhält-
nissen bei ihnen Veränderungen nicht rückgängig zu machen
sind, die man bei anderen mit Leichtigkeit bewältigt hat. Es
ist also auch bei den Umsetzungen psychischer Vorgänge der
Begriff einer Entropie in Betracht zu ziehen, deren Maß
sich einer Riickbildung des Geschehenen widersetzt.Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß
die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott —
Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen der
ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer
Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der
hochentwickelten eigenen heraus und kniipfte an sie jene
scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fiinf-
ten Lebensjahr so sehr Wunder nehmen mußte. Am bedeut-
samsten war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wir-
kung wir die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes ge-
gen die Religion zurückführen dürfen. Die zum Manne drån-
gende Stromung, welche von der Religion sublimiert werden
sollte, war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Ver:
drångung abgesondert und damit der Sublimierung entzogen,
an ihr urspriingliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft diesesS.
712 22 - | ¡SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV. . 5
Zusammenhanges strebte der verdrångte Anteil sich den Weg
zum sublimierten Anteil zu ‚bahnen oder ihn zu sich herab-
zuzichen, Die ersten Grübeleien, die die Person Christi um-
spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn
auch das im UnbewuBten festgehaltene sexuelle Verhältnis
zum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens
hätten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische
Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kør-
perliche Zärtlichkeit für Gott in der Form seiner Erniedrigung
durchsetzte. Kin heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom-
promiBbildungen mußte‘ dann zur zwanghaften Übertreibung
aller der Tätigkeiten führen, in denen die Frömmigkeit, die
reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand. End-
lich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fundierung
erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbarkeit ihrer
Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen neuen Vater-
ersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen dic Religion rich-
tete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes ersetzt. Ge-
denken wir noch der interessanten Komplikation, daß die
Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand (Mut-
ter und Kinderfrau) während männlicher Einfluß die Be-
freiung von ihr ermöglichte,Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der
sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, was
ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs-
neurose'*) ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer
starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un-
durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick-
lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif-*) Internat. Zeitschrift für ärztliche ss I. Band, 1913,
8.525 ff. (Diese Sammlung III.)S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 713
licht auf deren spätere Wandlungen werfe. Mit den Pubertåts-
jahren trat bei ihm die normal zu nennende, stark sinnliche,
männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genitalorgani-
sation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spät-
erkrankung füllen, Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene an,
entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfallsweise
kommender und schwindender Verliebtheit und hatte mit den
Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der infantilen
Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durchbruch zum
.Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit erkämpft;
dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, aber er
wurde des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun völlig
unbewufte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der früheren
Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom weib-
lichen Objekt ab und nótigte ihn, in den Zwischenzeiten. die
Abhängigkeit vom Weib zu übertreiben. Er legte der Kur die
Klage vor, daß er es beim Weibe nicht aushalten könne, und
alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewubtes Ver.
háltnis zum Manne aufzudecken. Seine Kindheit war, um es
formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwischen
Aktivität und Passivitåt ausgezeichnet gewesen, seine Puber-
tåtszeit durch das Ringen um die Männlichkeit, und die Zeit
von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das Objekt
der männlichen Strebung. Der Anlaß seiner Erkrankung fällt
nicht unter die ,neurotischen Erkrankungstypen“, die ich als
Spezialfålle der , Versagung^ zusammenfassen konnte*), und
macht so auf eine Lücke in dieser Reihenbildung aufmerk-
sam. Er brach zusammen, als eine organische Affektion des
Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte, seinem
Narzißmus Abbruch tat. und ihn zwang, die Erwartung einer
— め Zentralblatt für Psychoanalyse, II, ⑥ 1912.S.
714 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
persönlichen Bevorzugung durch das Schicksal aufzugeben.
Er erkrankte also an einer narziBtischen ,, Versagung“. Diese
Uberstårke seines NarziBmus stand in vollem Einklang mit
den anderen Anzeichen einer gehemmten Sexualentwicklung,
daß seine heterosexuelle Liebeswahl bei aller Energie so
wenig psychische Strebungen in sich konzentrierte, und daß
die homosexuelle Einstellung, die dem NarziBmus um so vieles
näher liegt, sich als unbewuBte Macht bei ihm mit solcher
Zåhigkeit behauptet hatte. Natiirlich kann die psychoanaly-
tische Kur bei solchen Stérungen nicht einen momentanen
Umschwung und eine Gleichstellung mit einer normalen. Ent-
wicklung herbeifiihren, sondern nur die Hindernisse beseitigen
und die Wege gangbar machen, damit die Einflüsse des Le-
bens die Entwicklung nach den besseren Richtungen durch-
setzen können,Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von
der psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf-
geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar be-
einflußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be-
sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus-
bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer
archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver-
schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Beset-
zungen alle nebeneinander funktionsfähig zu erhalten. Das
beständige Schwanken zwischen denselben, durch welches Er-
ledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschienen,
beherrschten das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich ja hier
nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein Zug
aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm in
die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber er
zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen, aufS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 715
rein logischen Gebieten bewies er viclmehr ein besonderes Ge-
schick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unvertråg-
lichkeiten, So empfing man von seinem Seelenleben einen Bin-
druck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die dadurch
får uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwicklungsstufen
neben den Endprodukten konserviert, dic ältesten Götter und
Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in eine Fläche
ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu einem Tiefen-
gebilde wird, ;Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen
Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahlreichen
Probleme, die er anregt, scheinen mir einer besonderen Her-
vorhebung würdig. Das erste betrifft die phylogenetisch mit-
gebrachten Schemata, die wie philosophische „Kategorien“ die
Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich móchte die
Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der menschlichen
Kulturgeschichte. Der Ódipuskomplex, der die Beziehung des
Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen, ist vielmehr
das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die Erlebnisse sich
dem hereditáren Schema nicht fügen, kommt es zu einer Um-
arbeitung derselben in der Phantasie, deren Werk im ein-
zelnen zu verfolgen, gewiß nutzbringend wäre, Gerade diese
Fille sind geeignet, uns die selbstándige Existenz des Schemas
zu erweisen. Wir können oft. bemerken, daß das Schema über
das individuelle Erleben siegt, so wenn in unserem Falle der
Vater zum Kastrator und Bedroher der kindlichen Sexualität
wird, trotz eines sonst negativen Odipuskomplexes. Eine an-
dere Wirkung ist es, wenn die Amme an die Stelle der Mut-
ter tritt oder mit ihr verschmolzen wird. Die Widersprüche
des Erlebens gegen das Schema scheinen den infantilen Kon-
flikten reichlichen Stoff zuzuführen,S.
A16 ⑥ SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist
aber ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des vier-
jährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht
zieht,*) ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen
des 11/,jåhrigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann
man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine Art von
schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vorbereitung
zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt.**) Worin dies
bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung; wir haben nur
die eine ausgezeichnete Analogie mit dem weitgehenden in-
stinktiven Wissen der Tiere zur Verfügung.Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim
Menschen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vor-
gänge des Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich
er auf sie keineswegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive
wäre der Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätig-
keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernuntt
entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen,
die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich. herab-
zuziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser. in-
stinktiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fähig-
keit zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch
die Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren in-
stinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen
Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem Unbewußten*) Ich darf davon absehen, daß dies Verhalten erst zwei Dezennien
später in Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wirkungen, die wir von
der Szene ableiten, haben sich ja in Form von Symptomen, Zwängen usw.
bereits in der Kindheit und lange vor der Analyse geäußert. Dabei ist es
gleichgültig, ob man sie als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will.++) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen müßig wären,
wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit selbst angehörten.S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 717
einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch die
nachfolgende Entwicklung schützt.
Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre,
phylogenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen,
von verschiedenen -Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich
meine, daß man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der
psychoanalytischen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen
mir erst zulässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des
korrekten Instanzenzuges auf die Spuren des Ererbten gerät,
nachdem sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen
hindurchgedrungen ist,
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Aus der Geschichte einer infantilen Neurose1918-004/1918
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