S.
678 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
zurück und lief ihn die Behauptung aufstellen, daß er bei
dem Koitus der Urszene des Verschwinden des Penis beob-
achtet, den Vater darum bemitleidet und sich über das Wie-
dererscheinen des verloren Geglaubten gefreut habe. Also eine
neue Gefühlsregung, die wiederum von dieser Szene ausgeht.
Der narziBtische Ursprung des Mitleids, für den das Wort
selbst spricht, ist hier übrigens ganz unverkennbar.VIIL NACHTRAGE AUS DER URZEIT. — LOSUNG. i
In vielen Analysen geht es so zu, daB, wenn man sich
dem Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auf-
taucht, welches bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde.
Oder es wird einmal eine unscheinbare Bemerkung hinge-
worfen, im gleichgültigen Ton, als wäre es etwas Uber-
flüssiges, zu dieser kommt ein andermal etwas hinzu, was
den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich erkennt man
in jenem geringgeschátzten Brocken Erinnerung den Schlüs-
sel zu den wichtigsten Geheimmissen, welche die Neurose des
Kranken umkleidete. ⑧Friihzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der
Zeit erzåhlt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen
pflegte. Er verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit
gelben Streifen, dessen große Flügel in spitze Fortsätze aus-
liefen, — also einen Admiral. Plötzlich erfaßte ihn, als der
Schmetterling sich auf eine Blume gesetzt hatte, eine schreck-
liche Angst vor dem Tier und er lief schreiend davon,Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse
wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht er-
hielt. Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein sol-
ches Detail nicht seinetwegen selbst einen Platz im Gedächt-
nis behalten hatte, sondern als Deckerinnerung WichtigeresS.
XXXI. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 679
vertrat, womit es irgendwie verknüpft war. Er sagte eines
Tages, ein Schmetterling heife in seiner Sprache: Babuschka,
altes Mütterchen ; überhaupt seien ihm die Schmetterlinge wić
Frauen und Mädchen, die Käfer und Raupen wie Knaben er-
schienen, Also mußte wohl die Erinnerung an ein weibliches
Wesen bei jener Angstszene wach geworden sein, Ich will
nicht verschweigen, daß ich damals die Möglichkeit vorschlug,
die gelben Streifen des Admirals hätten an die ähnliche Strei-
fung eines Kleidungsstückes, das eine Frau trug, gemahnt.
Ich tue das nur, um an einem Beispiel zu zeigen, wie unzu-
reichend in der Regel die Kombination des Arztes zur Lö-
sung der aufgeworfenen Fragen ist, wie sehr man Unrecht
tut, die Phantasie und die Suggestion des Arztes für die Er-
gebnisse der Analyse verantwortlich zu machen.In einem ganz anderen Zusammenhange, viele Monate
später, machte dann der Patient die Bemerkung, das Öffnen
und Schließen der Flügel, als der Schmetterling saß, hätte
den unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dies wäre so
gewesen, wie wenn eine Frau die Beine öffnet, und die Beine
ergäben dann die Figur einer römischen V, bekanntlich die
Stunde, um welche schon in seinen Knabenjahren, aber auch
jetzt noch, eine Verdüsterung seiner Stimmung einzutreten
pflegte.Das war ein Einfall, auf den ich nie gekommen wäre,
dessen Schätzung aber durch die Erwägung gewann, daß der
darin bloßgelegte Assoziationsvorgang so recht infantilen Cha-
rakter hatte. Die Aufmerksamkeit der Kinder, habe ich oft
bemerkt, wird durch Bewegungen weit mehr angezogen als
durch ruhende Formen, und sie stellen oft Assoziationen auf
Grund von ähnlicher Bewegung her, die von uns Erwachsenen
vernachlässigt oder unterlassen werden,S.
680 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
Dann ruhte das kleine Problem wieder für lange Zeit.
Ich will noch die wohlfeile Vermutung erwähnen, daß die
spitzen oder stangenartigen Fortsätze der Schmetterlingsflügel
eine Bedeutung als Genitalsymbole gehabt haben könnten,Eines Tages tauchte schiichtern und undeutlich eine Art
von Erinnerung auf, es müßte sehr frühe, noch vor der Kinder-
frau ein Kindermådchen gegeben haben, das ihn sehr lieb
hatte. Sie hatte denselben Namen wie die Mutter. Gewif er-
widerte er ihre Zärtlichkeit, Also eine verschollene erste Liebe.
Wir einigten uns aber, irgend etwas müßte da vorgefallen sein,
was spåter von Wichtigkeit wurde.Dann korrigierte er ein anderes Mal seine Erinnerung.
Sie könne nicht so geheiBen haben wie die Mutter, das war
ein Irrtum von ihm, der natürlich bewies, daß sie ihm in
der Erinnerung mit der Mutter zusammengeflossen war. Ihr
richtiger Name sei ihm auch auf einem Umwege eingefallen.
Er habe plötzlich an einen Lagerraum auf dem ersten Gute
denken miissen, in dem das abgenommene Obst aufbewahrt
wurde, und an eine gewisse Sorte Birnen von ausgezeich-
netem Geschmack, große Birnen mit gelben Streifen auf ihrer
Schale. Birne heiBt in seiner Sprache Gruscha, und dies war
auch der Name des Kindermådchens.Also wurde es klar, daB sich hinter der Deckerinnerung
des gejagten Schmetterlings das Gedåchtnis des Kinder-
mådchens verbarg. Die gelben Streifen saßen aber nicht auf
ihrem Kleid, sondern auf dem der Birne, die so hieB wie
sie selbst. Aber woher die Angst bei der Aktivierung der Er-
innerung an sie? Die nächste plumpe Kombination hätte lau-
ten können, bei diesem Madchen habe er als kleines Kind
zuerst ‘die Bewegungen der Beine gesehen, die er sich mit
dem Zeichen der römischen V fixiert hatte, Bewegungen, dicS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 681
das Genitale zugånglich machen. Wir ersparten uns diese Kom-
bination und warteten auf weiteres Material.Sehr bald kam nun die Erinnerung an eine Szene, unvoll-
ståndig, aber soweit sie erhalten war, bestimmt. Gruscha lag
auf dem Boden, neben ihr ein Kiibel und ein aus Ruten ge-
bundener kurzer Besen; er war dabei und sie neckte ihn oder
machte ihn aus.Was daran fehlte, war von anderen Stellen her leicht
einzusetzen. Er hatte in den ersten Monaten der Kur von
einer zwanghaft aufgetretenen Verliebtheit in ein Bauern-
mädchen erzählt, bei der er sich mit 18 Jahren den Anlaß
zu seiner spåteren Erkrankung geholt hatte. Damals hatte er
sich in der auffálligsten Weise gesträubt, den Namen des
Mädchens mitzuteilen. Es war ein ganz vereinzelter Widerstand;
er war der analytischen Grundregel sonst ohne Rückhalt ge-
horsam. Aber er behauptete, er müsse sich so sehr schämen,
diesen Namen auszusprechen, weil er rein båuerlich sei; ein
vornehmeres Madchen würde ihn nie tragen. Der Name, den
man endlich erfuhr, war Matrona. Er hatte mütterlichen
Klang. Das Schimen war offenbar deplaciert. Der Tatsache
selbst, daB diese Verliebtheiten ausschließlich die niedrig-
sten Mädchen betrafen, schåmte er sich nicht, nur des Na-
mens. Wenn das Abenteuer mit der Matrona etwas Gemein-
sames mit der Gruschaszene haben konnte, dann war das
Schümen in diese frühe Begebenheit zurückzuversetzen.Er hatte ein anderes Mal erzählt, als er die Geschichte
von Johannes Hub erfuhr, wurde er von ihr sehr ergriffen,
und seine Aufmerksamkeit blieb an den Bündeln von Reisig
hängen, die man zu seinem Scheiterhaufen schleppte. Die Sym-
pathie für HuB erweckt nun einen ganz bestimmten Ver-
dacht; ich habe sie bei jugendlichen Patienten oft gefundenS.
682 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
und immer auf dieselbe Weise aufklåren kønnen, Einer der-
selben hatte sogar eine dramatische Bearbeitung der Schicksale
des Huß geliefert; er begann sein Drama an dem Tage zu
schreiben, der ihm das Objekt seiner geheim gehaltenen Ver-
liebtheit entzog. Huß stirbt den Feuertod, er wird wie andere,
welche die gleiche Bedingung erfüllen, der Held der ehe-
maligen Enuretiker. Die Reisigbiindel beim Scheiterhaufen
des Huß stellte mein Patient selbst mit dem Besen (Ruten-
biindel) des Kindermådchens zusammen,Dieses Material fügte sich zwanglos zusammen, um die
Liicke in der Erinnerung der Szene mit der Gruscha auszu-
füllen, Er hatte, als er dem Mädchen beim Aufwaschen des
Bodens zusah, ins Zimmer uriniert und sie darauf eine gewiB
scherzhafte Kastrationsdrohung ausgesprochen.*)Ich weiß nicht, ob die Leser schon erraten können, warum
ich diese frühinfantile Episode so ausführlich mitgeteilt
habe.**) Sie stellt eine wichtige Verbindung her zwischen der
Urszene und dem späteren Liebeszwang, der so entscheidend
fiir sein Schicksal geworden ist, und führt überdies eine Liebes-
bedingung ein, welche diesen Zwang aufklärt.Als er das Mädchen auf dem Boden liegen sah, mit dem
Aufwaschen desselben beschäftigt, kniend, -die Nates vor-
gestreckt, den Riicken horizontal gehalten, fand er an ihr*) Bs ist sehr merkwürdig, daß die Reaktion der Beschämung so
innig mit der unfreiwilligen Harnentleerung verbunden ist (täglichen wie
nächtlichen), und nicht, wie man erwarten sollte, ebenso mit der Stuhl-
inkontinenz. Die Erfahrung läßt hierüber gar keinen Zweifel bestehen. Auch
die regelmäßige Beziehung der Harninkontinenz zum Feuer gibt zu denken.
Es ist möglich, daß in diesen Reaktionen und Zusammenhängen Nieder-
schläge aus der Kulturgeschichte der Menschheit vorliegen, die tiefer hinab
reichen als alles, was uns durch seine Spuren im Mythus und im Folklore
erhalten ist.**) Ihre Zeit fällt etwa um 21/, Jahre, zwischen der pngeblichen
Koitusbeobachtung und der Verführung.S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 683
die Stellung wieder, welche die Mutter in der Koitusszene
eingenommen hatte. Sie wurde ihm zur Mutter, die sexuelle Er-
regung infolge der Aktivierung jenes Bildes*) ergriff ihn, und
er benahm sich månnlich gegen sie wie der Vater, dessen
Aktion er damals ja nur als ein Urinieren verstanden haben
konnte, Sein auf den Boden Urinieren war eigentlich ein Ver.
fithrungsversuch und das Mådchen antwortete darauf mit einer
Kastrationsdrohung, als ob sie ihn verstanden hätte.Der von der Urszene ausgehende Zwang übertrug sich
auf diese Szene mit der Gruscha und wirkte durch sie fort.
Die Liebesbedingung erfubr aber eine Abånderung, welche
den EinfluB der zweiten Szene bezeugt; sie iibertrug sich von
der Position des Weibes auf dessen Tätigkeit in solcher Po-
sition. Dies wurde z. B. in dem Erlebnis mit der Matrone evi-
dent. Er machte einen Spaziergang durch das Dorf, welches
zu dem (späteren) Gut gehörte, und sah am Rand des Tei-
ches ein kniendes Bauernmådchen, damit beschåftigt, Wåsche
im Teich zu waschen. Er verliebte sich in die Wåscherin
augenblicklich und mit unwiderstehlicher Heftigkeit, obwohl
er ihr Gesicht noch gar nicht sehen konnte. Sie war ihm
durch Lage und Tåtigkeit an die Stelle der Gruscha getreten.
Wir verstehen nun, wie sich das Schämen, das dem Inhalt
der Szene mit der Gruscha galt, an den Namen der Matrona
knüpfen konnte,Den zwingenden Einfluß der Gruschaszene zeigt noch
deutlicher ein anderer Anfall von Verliebtheit, einige Jahre
vorher, Ein junges Bauernmädchen, das im Hause Dienste
leistete, hatte ihm schon lange gefallen, aber er hatte es
über sich vermocht, sich ihr nicht zu nähern, Eines Tages
packte ihn die Verliebtheit, als er sie allein im Zimmer traf,*) Vor dem Traume!
S.
684 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
Er fand sie auf dem Boden liegend, mit Aufwaschen beschäf-
tigt, Kübel und Besen neben sich, also ganz wie das Mädchen
in seiner Kindheit.Selbst seine definitive Objektwahl, die fiir sein Leben so
bedeutungsvoll wurde, erweist sich durch ihre näheren Um-
stände, die hier nicht anzuführen sind, als abhängig von der
gleichen Liebesbedingung, als ein Ausläufer des Zwanges, der
von der Urszene aus über die Szene mit Gruscha seine Liebes-
wahl beherrschte, Ich habe an früherer Stelle bemerkt, daß
ich das Bestreben zur Erniedrigung des Liebesobjekts bei dem
Patienten wohl anerkenne, Es ist auf Reaktion gegen den
Druck der ihm überlegenen Schwester zurückzuführen. Aber
ich versprach damals zu zeigen, daß dies Motiv (S. 596) selbst-
herrlicher Natur nicht das einzig bestimmende gewesen ist,
sondern eine tiefere Determinierung durch rein erotische Mo-
tive verdeckt. Die Erinnerung an das den Boden aufwaschende,
allerdings in seiner Position erniedrigte Kindermädchen, brachte
diese Motivierung zum Vorschein. Alle späteren Liebesobjekte
waren Ersatzpersonen dieser einen, die selbst durch den Zu-
fall der Situation zum ersten Mutterersatz geworden war, Der
erste Einfall des Patienten zum Problem der Angst vor dem
Schmetterling läßt sich nachträglich leicht als fernliegende
Anspielung an die Urszene erkennen (die fünfte Stunde). Die
Beziehung der Gruschaszene zur Kastrationsdrohung bestätigte
er durch einen besonders sinnreichen Traum, den er auch
selbst zu übersetzen verstand, Er sagte: Ich habe geträumt,
ein Mann reißt einer Espe die Flügel aus. Espe?
mußte ich fragen, was meinen Sie damit? — Nun, das In-
sekt mit den gelben Streifen am Leib, das stechen kann. Es
muß eine Anspielung an die Gruscha, die gelbgestreifte Birne,
sein, — Wes pe, meinen Sie also, konnte ich korrigieren. —S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 685
Heißt es Wespe? Ich habe wirklich geglaubt, es heißt Espe.
(Er bediente sich wie so viele andere seiner Fremdsprachigkeit
zur Deckung von Symptomhandlungen.) Aber Espe, das bin
ja ich, S. P. (die Initialen seines Namens). Die Espe ist na-
türlich eine verstümmelte Wespe. Der Traum sagt klar, er
råche sich an der Gruscha fiir ihre Kastrationsandrohung.Die Aktion des 21/,Jåhrigen in der Szene mit Gruscha
ist die erste uns bekanntgewordene Wirkung der Urszene,
sie stellt ihn als Kopie des Vaters dar und läßt uns eine
Entwicklungstendenz in der Richtung erkennen, die spåter
den Namen der månnlichen verdienen wird. Durch dic Ver-
führung wird er in eine Passivitåt gedrängt, die allerdings
auch schon durch sein Benehmen als Zuschauer beim elter-
lichen Verkehr vorbereitet ist.Ich muß aus der Behandlungsgeschichte noch hervor-
heben, daß man den Eindruck empfing, mit der Bewältigung‘
der Gruschaszene, des ersten Erlebnisses, das er wirklich er-
innern konnte und ohne mein Vermuten und Dazutun er-
innerte, sei die Aufgabe der Kur gelöst gewesen. Es gab
von da an keine Widerstände mehr, man brauchte nur noch
zu sammeln und zusammenzusetzen. Die alte Traumatheorie,
die ja auf Eindrücke aus der psychoanalytischen Therapie
aufgebaut war, kam mit einem Male wieder zur Geltung. Aus
kritischem Interesse machte ich noch einmal den Versuch,
dem Patienten eine andere Auffassung seiner Geschichte auf-
zudrången, die dem nüchternen Verstand willkommener wire.
An der Szene mit Gruscha sei ja nicht zu zweifeln, aber sie
bedeute an und fiir sich nichts und sei hinterher verstårkt
worden durch Regression von den Ereignissen seiner Objekt-
wahl, die sich infolge der Erniedrigungstendenz von der Schwe-
ster weg auf die Dienstmådchen geworfen håtte. Die Koitus-S.
636 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
beobachtung aber sei eine Phantasie seiner späteren Jahre,
deren historischer Kern die Beobachtung oder das Erlebnis
etwa eines harmlosen Lavements gewesen sein könnte. Viel-
leicht meinen manche Leser, erst mit diesen Annahmen hätte
ich mich dem Verständnis des Falles genåhert; der Patient
sah mich verständnislos und etwas verächtlich an, als ich
ihm diese Auffassung vortrug, und reagierte niemals wieder
auf dieselbe. Meine eigenen Argumente gegen solche Ratio-
nalisierung habe ich oben im Zusammenhange entwickelt.
[Die Gruschaszene enthält aber nicht nur die fiir das Le-
ben des Patienten entscheidenden Bedingungen der Objekt-
wahl und behiitet uns so vor dem Irrtum, die Bedeutung der
Ernicdrigungstendenz gegen das Weib zu überschätzen. Sie
vermag mich auch zu rechtfertigen, wenn ich es vorhin ab-
gelehnt habe, die Zurückführung der Urszene auf eine kurz
vor dem Traum angestellte Tierbeobachtung ohne jedes Be-
denken als die einzig mögliche Lösung zu vertreten (S. 644).
Sie war in der Erinnerung des Patienten spontan und ohne
mein Dazutun aufgetaucht. Die auf sie zuriickgehende Angst
vor dem gelbgestreiften Schmetterling bewies, daB sie éinen
bedeutungsvollen Inhalt gehabt hatte, oder daß es möglich
geworden war, ihrem Inhalt nachtråglich solche Bedeutung
zu verleihen, Dies Bedeutungsvolle, was in der Erinnerung
fehlte, war durch die sie begleitenden Einfälle und die daran
zu knüpfenden Schlüsse mit Sicherheit zu ergänzen, Es er-
gab sich dann, daß die Schmetterlingsangst durchaus analog
war der Wolfsangst, in beiden Fällen Angst vor der Kastration,
zunächst bezogen auf die Person, welche die Kastrationsdrohung
zuerst ausgesprochen hatte, sodann auf die andere ver-
legt, an der sie nach dem phylogenetischen Vorbild Anheftung
finden mußte, Die Szene mit Gruscha war mit 21/, JahrenS.
XXXIL AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 687
vorgefallen, das Angsterlebnis mit dem gelben Schmetterling
aber sicherlich nach dem Angsttraum. Es ließ sich leicht
verstehen, daß das spätere Verständnis für die Möglichkeit
der Kastration nachträglich aus der Szene mit Gruscha die
Angst entwickelt hatte; aber diese Szene selbst enthielt nichts
Anstößiges oder Unwahrscheinliches, vielmehr durchaus ba-
nale Einzelheiten, an denen zu zweifeln man keinen Grund
hatte. Nichts forderte dazu auf, sie auf eine Phantasie des
Kindes zurückzuführen; es erscheint auch kaum möglich.Es entsteht nun die Frage, sind wir berechtigt in dem
Urinieren des stehenden Knaben, während das auf den Knien
liegende Mädchen den Boden aufwäscht, einen Beweis seiner
sexuellen Erregtheit zu sehen? Dann würde diese Erregung
den Einfluß eines früheren Eindrucks bezeugen, der eben-
sowohl die Tatsåchlichkeit der Urszene, wie eine vor 21/,
Jahren gemachte Beobachtung an Tieren sein könnte. Oder
war jene Situation durchaus harmlos, die Harnentleerung des
Kindes eine rein zufällige, und die ganze Szene wurde erst
später ån der Erinnerung sexualisiert, nachdem ähnliche
Situationen als bedeutungsvoll erkannt worden waren?Hier getraue ich mich nun zu keiner Entscheidung, Ich
muß sagen, ich rechne es der Psychoanalyse bereits hoch an,
daß sie zu solchen Fragestellungen gekommen ist. Aber ich
kann es doch nicht verleugnen, daß die Szene mit Gruscha,
die Rolle, die in ihr in der Analyse zufiel, und die Wirkun-
gen, die im Leben von ihr ausgingen, sich doch am unge-
zwungensten und vollständigsten erklären, wenn man die Ur-
szene, die andere Male eine Phantasie sein mag, hier als
Realität gelten läßt. Sie behauptet im Grunde nichts Un-
mögliches; die Annahme ihrer Realität verträgt sich auch
ganz gut mit dem anregenden EinfluB der Tierbeobach-S.
688 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
tungen, auf welche die Schåferhunde des Traumbildes
hindeuten.Von diesem unbefriedigenden Abschluß wende ich mich
zur Behandlung der Frage, die ich in den „Vorlesungen zur
Einführung in die Psychoanalyse“ versucht habe. Ich möchte
selbst gerne wissen, ob die Urszene bei meinem Patienten
Phantasie oder reales Erlebnis war, aber mit Rücksicht auf
andere ähnliche Fälle muB man sagen, es sei eigentlich nicht
sehr wichtig, dies zu entscheiden. Die Szenen von Beobachtung
des elterlichen Sexualverkehrs, von Verführung in der Kind-
heit und von Kastrationsandrohung sind unzweifelhafter er-
erbter Besitz, phylogenetische Erbschaft, aber sie können
ebensowohl Erwerb persönlichen Erlebens sein. Bei meinem
Patienten war die Verführung durch die ältere Schwester eine
unbestreitbare Realität; warum nicht auch die Beobachtung
des elterlichen Koitus?Wir sehen nur in der Urgeschichte der Neurose, daß das
Kind zu diesem phylogenetischen Erleben greift, wo sein
eigenes Erleben nicht ausreicht. Es füllt die Lücken der indi-
viduellen Wahrheit mit pråhistorischer Wahrheit aus, setzt
die Erfahrung der Vorahnen an die Stelle der eigenen Er-
fahrung ein. In der Anerkennung dieser phylogenetischen Erb-
schaft stimme ich mit Jung (Die Psychologie der unbe-
wuften Prozesse 1917, eine Schrift, die meine „Vorlesungen“
nicht mehr beeinflussen konnte) völlig zusammen; aber ich
halte es für methodisch unrichtig, zur Erklärung aus der
Phylogenese zu greifen, che man die Möglichkeiten der
Ontogenese erscliópft hat; ich sehe nicht ein, warum man der
kindheitlichen Vorzeit hartnückig eine Bedeutung bestreiten
will die man der Ahnenvorzeit bereitwillig zugesteht; ich
kann nicht verkennen, daf die phylogenetischen Motive undS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 689
Produktionen selbst der Aufklårung bediirftig sind, die ihnen
in einer ganzen Reihe von Fållen aus der individuellen Kind-
heit zu teil werden kann, und zum Schlusse verwundere ich
mich nicht darüber, wenn die Erhaltung der nåmlichen Be-
dingungen beim einzelnen organisch wicdererstehen läßt, was
diese einst in Vorzeiten geschaffen und als Disposition zum
Wiedererwerb vererbt haben.]In die Zwischenzeit zwischen Urszene und Verführung
(11/,—31/, Jahre) ist noch der stumme Wasserträger einzu-
schieben, der fir ihn Vaterersatz war wie die Gruscha
Mutterersatz. Ich glaube, es ist unberechtigt, hier von einer
Erniedrigungstendenz zu reden, wiewohl sich beide Eltern
durch dienende Personen vertreten finden. Das Kind setzt sich
über die sozialen Unterschiede hinweg, die ihm noch wenig
bedeuten, und reiht auch geringere Leute an die Eltern an,
wenn sie ihm ähnlich wie die Eltern Liebe entgegenbringen.
Ebensowenig Bedeutung hat diese Tendenz für die Ersetzung
der Eltern durch Tiere, deren Geringschätzung vom Kinde
ganz ferne liegt. Ohne Rücksicht auf solche Erniedrigung wer-
den Onkel und Tanten zum Elternersatz herangezogen, wieauch für unseren Patienten durch mehrfache Erinnerungen
bezeugt ist.In dieselbe Zeit gehört noch eine dunkle Kunde von einer
Phase, in der er nichts essen wollte außer Süßigkeiten, so
daß man Sorge für sein Fortkommen hatte. Man erzählte ihm
von einem Onkel, der ebenso das Essen verweigert hatte und
dann jung an der Auszehrung starb. Er hörte auch, daß er
im Alter von drei Monaten so schwer krank gewesen war (an
einer Lungenentzündung 7), daß man schon das Totenhemd
für ihn bereit gemacht hatte. Es gelang ihn ängstlich zu
machen, so daß er wieder aß; in späteren KindheitsjahrenFreud, Neurosenlehre. IV, 44
S.
690 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
übertrieb er sogar diese Verpflichtung, wie um sich gegen
den angedrohten Tod zu schiitzen. Die Todesangst, die man
damals zu seinem Schutz wachgerufen hatte, zeigte sich später
wieder, als die Mutter vor der Dysenteriegefahr warnte; sie
provozierte noch später einen Anfall der Zwangsneurose (S. 654).
Wir wollen versuchen, ihren Urspriingen und Bedeutungen an
späterer Stelle nachzugehen.Für die Eßstörung möchte ich die Bedeutung einer aller-
ersten neurotischen Erkrankung in Anspruch nehmen; so daß
Eßstörung, Wolfsphobie, Zwangsfrömmigkeit die vollständige
Reihe der infantilen Erkrankungen ergeben, welche die Dispo-
sition für ‚den neurotischen Zusammenbruch in den Jahren
nach der Pubertät mit sich bringen. Man wird mir entgegen-
halten, daß wenige Kinder solchen Störungen wie einer vor-
übergehenden Eßunlust oder einer Tierphobie entgehen. Aber
dies Argument ist mir sehr willkommen. Ich bin bereit zu
behaupten, daß jede Neurose eines Erwachsenen sich über
seiner Kinderneurose aufbaut, die aber nicht immer inten-
siv genug ist, um aufzufallen und als solche erkannt zu wer-
den. Die theoretische Bedeutung der infantilen Neurosen für
die Auffassung der Erkrankungen, die wir als Neurosen be-
handeln und nur von den Einwirkungen des späteren Lebens
ableiten wollen, wird durch jenen Einwand nur gehoben,
Hätte unser Patient nicht zu seiner Eßstörung und seiner Tier-
phobie noch die Zwangsfrömmigkeit hinzubekommen, so würde
sich seine Geschichte von der anderer Menschenkinder nicht auf-
fällig unterscheiden, und wir wären um wertvolle Materialien,
die uns vor naheliegenden Irrtümern bewahren können, ärmer.Die Analyse wäre unbefriedigend, wenn sie nicht das
Verständnis jener Klage brächte, in die der Patient sein Leiden
zusammenfaßte, Sie lautete, daß ihm die Welt durch einenS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 691
Schleier verhüllt sei, und die psychoanälytische Schulung
weist die Erwartung ab, daß diese Worte bedeutungslos und
Wie zufällig gewählt sein sollten. Der Schleier zerriB — merk-
würdigerweise — nur in einer Situation, nämlich, wenn in-
folge eines Lavements der Stuhlgang den After passierte.
Dann fühlte er sich wieder wohl und sah die Welt fiir eine
ganz kurze Weile klar. Mit der Deutung dieses „Schleiers*
ging es åhnlich schwierig wie bei der Schmetterlingsangst.
Auch hielt er nicht an dem Schleier fest, dieser verflüchtigte
sich ihm weiter zu einem Gefühl von Dämmerung, ,,tenèbres“,
und anderen ungreifbaren Dingen.Erst kurz vor dem Abschied von der Kur besann er
sich, er habe gehört, daß er in einer „Glückshaube“ zur Welt
gekommen sei. Darum habe er sich immer fiir ein besonderes
Glickskind gehalten, dem nichts Böses widerfahren könne,
Erst dann verlieB ihn diese Zuversicht, als er die gonorrhoische
Erkrankung als schwere Beschådigung an seinem Kårper an-
erkennen mußte, Vor dieser Krånkung seines Narziümus brach
er zusammen. Wir werden sagen, er wiederholte damit einen
Mechanismus, der schon einmal bei ihm gespielt hatte. Auch
seine Wolfsphobie brach aus, als er vor die Tatsache, daß
eine Kastration möglich sei, gestellt wurde, und die Gonorrhoe
reihte er offenbar der Kastration an.Die Glückshaube ist also der Schleier, der ihn vor der
Welt und ihm die Welt verhiillte. Seine Klage ist eigentlich
eine erfüllte Wunschphantasie, sie zeigt ihn wieder in den
Mutterleib zuriickgekehrt, allerdings die Wunschphantasie der
Weltflucht. Sie ist zu übersetzen: Ich bin so unglücklich im
Leben, ich muß wieder in den Mutterschof zurück.Was soll es aber bedeuten, daß dieser symbolische, einmal
real gewesene, Schleier in dem Moment der Stuhlentleerung44%
S.
692 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.
nach dem Klysma zerreiBt, daß seine Krankheit unter dieser
Bedingung von ihm weicht?! Der Zusammenhang gestattet uns
zu antworten: Wenn der Geburtsschleier zerreiBt, so erblickt‘
er die Welt und wird wiedergeboren. Der Stuhlgang ist das
Kind, als welches er zum zweitenmal zu einem glücklicheren
Leben geboren wird. Das wäre also die Wiedergeburtsphantasie,
auf die Jung kürzlich die Aufmerksamkeit gelenkt, und der
er eine so dominierende Stellung im Wunschleben der Neuro-
tiker eingeräumt hat,Das wäre schön, wenn es vollständig wäre. Gewisse
Einzelheiten der Situation und die Rücksicht auf den er-
forderlichen Zusammenhang mit der speziellen Lebens-
geschichte nötigen uns, die Deutung weiter zu führen. Die Be-
dingung der Wiedergeburt ist, daß ihm ein Mann ein Klysma
verabreicht (diesen Mann hat er erst später notgedrungen
selbst ersetzt). Das kann nur heißen, er hat sich mit der
Mutter identifiziert, der Mann spielt den Vater, das Klysma
wiederholt den Begattungsakt, als dessen Frucht das Kot-
kind — wiederum er — geboren wird, Die Wiedergeburts-
phantasie ist also eng mit der Bedingung der sexuellen Be-
friedigung durch den Mann verknüpft. Die Übersetzung lautet
jetzt also: Nur wenn er sich dem Weib substituieren, die Mut-
ter ersetzen darf, um sich vom Vater befriedigen zu lassen
und ihm ein Kind zu gebären, dann ist seine Krankheit von
ihm gewichen. Die Wiedergeburtsphantasie war also hier nur
eine verstümmelte, zensurierte Wiedergabe der homosexuellen
Wunschphantasie,Sehen wir näher zu, so müssen wir eigentlich bemerken,
daß der Kranke in dieser Bedingung seiner Heilung nur die
Situation der sogenannten Urszene wiederholt: Damals wollte
er sich der Mutter unterschieben; das Kotkind hat er, wieS.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 693
wir lingst vorher angenommen hatten, in jener Szene selbst
produziert. Er ist noch immer fixiert, wie gebannt, an die
Szene, die fiir sein Sexualleben entscheidend wurde, deren
Wiederkehr in jener Traumnacht sein Kranksein eröffnete,
Das Zerreißen des Schleiers ist analog dem Öffnen der Augen,
dem Aufgehen der Fenster, Die Urszene ist zur Heilbedingung
umgebildet worden, ⑧Das, was durch die Klage, und was durch die Ausnahme
dargestellt ist, kann man leicht zu einer Einheit zusammen-
ziehen, die dann ihren ganzen Sinn offenbart. Er wünscht
sich in den Mutterleib zuriick, nicht um dann einfach wie-
dergeboren zu werden, sondern um dort beim Koitus vom
Vater getroffen zu werden, von ihm die Befriedigung zu be-
kommen, ihm ein Kind zu gebåren.Vom Vater geboren worden zu sein, wie er anfänglich
gemeint hatte, von ihm sexuell befriedigt zu werden, ihm ein
Kind zu schenken, dies unter Preisgebung seiner Månnlich-
keit, und in der Sprache der Analerotik ausgedriickt: mit die-
sen Wünschen ist der Kreis der Fixierung an den Vater ge-
schlossen, hiemit hat die Homosexualität ihren höchsten und
intimsten Ausdruck gefunden.*)Ich meine, von diesem Beispiel her fållt auch ein Licht
auf Sim und Ursprung der Mutterleibs- wie der Wieder-
geburtsphantasie. Die erstere ist håufig so wie in unserem
Falle aus der Bindung an den Vater hervorgegangen. Man
wiinscht sich in den Leib der Mutter, um sich ihr beim Koitus
zu substituieren, ihre Stelle beim Vater einzunehmen. Die
Wiedergeburtsphantasie ist wahrscheinlich regelmäßig eine*) Der mögliche Nebensinn, daß der Schleier das Hymen darstellt,
welches beim Verkehr mit dem Manne 20110106, trifft nicht genau mit der
Heilbedingung zusammen und hat keine Beziehung zum Leben des Patienten
fir den die Virginitåt keine Bedeutung hatte.S.
694 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.
Milderung, sozusagen ein Euphemismus, fiir die Phantasie des
inzestuósen Verkehrs mit der Mutter, eine anagogische
Abkiirzung derselben, um den Ausdruck von H. Silberer
zu gebrauchen. Man wiinscht sich in die Situation zuriick, in
der man sich in den Genitalien der Mutter befand, wobei sich
der Mann mit seinem Penis identifiziert, durch ihn vertreten
läßt. Dann enthüllen sich die beiden Phantasien als Gegen-
stücke, die je nach der männlichen oder weiblichen Einstel-
lung des Bétreffenden dem Wunsch nach dem Sexualverkehr
mit dem Vater oder der Mutter Ausdruck geben. Es ist die
Möglichkeit nicht abzuweisen, daß in der Klage und Heil-
bedingung unseres Patienten beide Phantasien, also auch
beide Inzestwiinsche, vereinigt sind.Ich will noch einmal den Versuch machen, die letzten
Ergebnisse der Analyse nach dem gegnerischen Vorbild um-
zudeuten: Der Patient beklagt seine Weltflucht in einer ty-
pischen Mutterleibsphantasie, erblickt seine Heilung allein von
einer typisch gefaften Wiedergeburt. Diese letztere drückt
er in analen Symptomen entsprechend seiner vorwiegenden
Veranlagung aus. Nach dem Vorbild der analen Wieder-
geburtsphantasie hat er sich eine Kinderszene zurechtgemacht,
die seine Wünsche in archaisch-symbolischen Ausdrucksmit-
teln wiederholt. Seine Symptome verketten sich dann, als ob
sie von einer solchen Urszene ausgingen. Zu diesem ganzen
Rückweg mußte er sich entschließen, weil er auf eine Lebens-
aufgabe stieß, für deren Lösung er zu faul war, oder weil
er allen Grund hatte, seinen Minderwertigkeiten zu mißtrauen
und sich durch solche Veranstaltungen am besten vor Zurück-
setzung zu „schützen meinte.Das wäre alles gut und schön, wenn der Unglückliche
nur nicht schon mit vier Jahren einen Traum gehabt hatte,S.
XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE, 695
mit dem seine Neurose begann, der durch die Erzählung des
Grofvaters vom Schneider und vom Wolf angeregt wurde,
und dessen Deutung die Annahme einer solchen Urszene not-
wendig macht. An diesen kleinlichen, aber unantastbaren Tat-
sachen scheitern leider die Erleichterungen, die uns die Theo-
rien von Jung und Adler verschaffen wollen. Wie die Sa-
chen liegen, scheint mir die Wiedergeburtsphantasie eher ein
Abkómmling der Urszene, als umgekehrt die Urszene eine
Spiegelung der Wiedergeburtsphantasie zu sein, Vielleicht darf
man auch annehmen, der Patient sei damals, vier Jahre, nach
seiner Geburt doch zu jung gewesen, um sich bereits eine
Wiedergeburt zu wiinschen. Aber dieses letztere Argument
muß ich doch zurückziehen; meine eigenen Beobachtungen
beweisen, daß man die Kinder unterschätzt hat, und daß man
nicht mehr weiß, was man ihnen zutrauen darf.*)4) Ich gebe zu, daB diese Frage die heikelste der ganzen analytischen
Lehre ist. Ich habe nicht der Mitteilungen von Adler oder J un g bedurft,
um mich mit der Möglichkeit kritisch zu beschäftigen, daß die von der
Analyse behaupteten, vergessenen Kindheitserlebnisse — in unwahrschein-
lich früher Kindheit erlebt! — vielmehr auf Phantasien beruhen, die bei
späten Anlässen geschaffen werden, und daß man überall dort die Äußerung
eines konstitutionellen Moments oder einer phylogenetisch erhaltenen Dis-
position anzunehmen habe, wo man die Nachwirkung eines solchen in-
fantilen Eindrucks in den Analysen zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein
Zweifel hat mich mehr in Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit
entschiedener von Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der
Phantasien für die Symptombildung als auch das ,,Zurückphantasieren* von
späten Anregungen her in die Kindheit und das nachträgliche Sexualisieren
derselben habe ich als erster kennen gelehrt, worauf keiner der Gegner
hingewiesen hat. (Siehe Traumdeutung, I. Auflage, S. 49, und die Anmer-
kungen zu dem Fall von Zwangsneurose 1908 ]8. 164 der Sammlung kleiner
Schriften, dritte Folge].) Wenn ich dennoch die schwierigere und unwahr-
scheinlichere Auffassung als die meinige festgehalten habe, so geschah es
mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene Fall oder jede andere in-
fantile Neurose dem Untersucher aufdrången, und die ich 247 neuerdings
dem Lesern zur Entscheidung vorlege,
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Aus der Geschichte einer infantilen Neurose1918-004/1918
1918-004/1918/8