II. Krankengeschichten1895-005/1922/2
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    anderen Fällen auch eine zeitliche Scheidung entspricht. Eine andere
    Eigentümlichkeit des Falles Katharina, die übrigens seit langem be-
    kannt ist, zeigt sich darin, daß die Konversion, die Erzeugung der
    hysterischen Phänomene nicht unmittelbar nach dem Trauma, sondern
    nach einem Intervalle von Inkubation vor sich geht. Charcot nannte
    dieses Intervall mit Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung“.

    Die Angst, an der Katharina in ihren Anfällen leidet, ist eine
    hysterische, d. h. eine Reproduktion jener Angst, die bei jedem der
    sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier, den Vorgang auch
    zu erläutern, den ich in einer ungemein großen Anzahl von Fällen als
    regelmäßig zutreffend erkannt habe, daß die Ahnung sexueller Be-
    ziehungen bei virginalen Personen einen Angstaffekt hervorruft.


    V. Fräulein Elisabeth v. R... (Freud).

    Im Herbste 1892 forderte ein befreundeter Kollege mich auf,
    eine junge Dame zu untersuchen, die seit länger als zwei Jahren an
    Schmerzen in den Beinen leide und schlecht gehe. Er fügte der Ein-
    ladung bei, daß er den Fall für eine Hysterie halte, wenngleich von
    den gewöhnlichen Zeichen der Neurose nichts zu finden sei. Er kenne
    die Familie ein wenig und wisse, daß die letzten Jahre derselben viel
    Unglück und wenig Erfreuliches gebracht hätten. Zuerst sei der Vater
    der Patientin gestorben, dann habe die Mutter sich einer ernsten
    Operation an den Augen unterziehen müssen und bald darauf sei eine
    verheiratete Schwester der Kranken nach einer Entbindung einem
    alten Herzleiden erlegen. An allem Kummer und aller Krankenpflege
    habe unsere Patientin den größten Anteil gehabt.

    Ich gelangte nicht viel weiter im Verständnisse des Falles, nachdem
    ich das 24jährige Fräulein zum ersten Male gesehen hatte. Sie schien
    intelligent und psychisch normal und trug das Leiden, welches ihr
    Verkehr und Genuß verkümmerte, mit heiterer Miene, mit der „belle in-
    difference“ der Hysterischen, mußte ich denken. Sie ging mit vor-
    gebeugtem Oberkörper, doch ohne Stütze, ihr Gang entsprach keiner
    als pathologisch bekannten Gangart, war übrigens keineswegs auf-
    fällig schlecht. Es lag eben nur vor, daß sie über große Schmerzen
    beim Gehen, über rasch auftretende Ermüdung dabei und im Stehen
    klagte und nach kurzer Zeit die Ruhe aufsuchte, in der die Schmerzen

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    geringer waren, aber keineswegs fehlten. Der Schmerz war unbe
    stimmter Natur, man konnte etwa entnehmen: eine schmerzhafte
    Müdigkeit. Eine ziemlich große, schlecht abgegrenzte Stelle an der
    Vorderfläche des rechten Oberschenkels wurde als der Herd der
    Schmerzen angegeben, von dem dieselben am häufigsten ausgingen
    und wo sie ihre größte Intensität erreichten. Dort war auch Haut und
    Muskulatur ganz besonders empfindlich gegen Drücken und Kneipen,
    Nadelstiche wurden eher etwas gleichgültig hingenommen. Nicht bloß
    an dieser Stelle, sondern so ziemlich im ganzen Umfange beider Beine
    war dieselbe Hyperalgesie der Haut und der Muskeln nachweisbar.
    Die Muskeln waren vielleicht noch schmerzhafter als die Haut, unver
    kennbar waren beide Arten von Schmerzhaftigkeit an den Ober
    schenkeln am stärksten ausgebildet. Die motorische Kraft der Beine
    war nicht gering zu nennen, die Reflexe von mittlerer Intensität, alle
    anderen Symptome fehlten, so daß sich kein Anhaltspunkt für die
    Annahme ernsterer organischer Affektion ergab. Das Leiden war seit
    zwei Jahren allmählich entwickelt, wechselte sehr in seiner Intensität.

    Ich hatte es nicht leicht, zu einer Diagnose zu gelangen, ent
    schloß mich aber aus zwei Gründen, der meines Kollegen beizupflichten.
    Fürs erste war es auffällig, wie unbestimmt alle Angaben der doch
    hochintelligenten Kranken über die Charaktere ihrer Schmerzen
    lauteten. Ein Kranker, der an organischen Schmerzen leidet, wird,
    wenn er nicht etwa nebenbei nervös ist, diese bestimmt und ruhig
    beschreiben, sie seien etwa lanzinierend, kämen in gewissen Intervallen,
    erstreckten sich von dieser bis zu dieser Stelle und würden nach seiner
    Meinung durch diese und jene Einflüsse hervorgerufen. Der Neurasth-
    niker1), der seine Schmerzen beschreibt, macht dabei den Eindruck,
    als sei er mit einer schwierigen geistigen Arbeit beschäftigt, die weit
    über seine Kräfte geht. Seine Gesichtszüge sind gespannt und wie
    unter der Herrschaft eines peinlichen Affektes verzerrt, seine Stimme
    wird schriller, er ringt nach Ausdruck, weist jede Bezeichnung, die
    ihm der Arzt für seine Schmerzen vorschlägt, zurück, auch wenn sie
    sich später als unzweifelhaft passend herausstellt; er ist offenbar der
    Meinung, die Sprache sei zu arm, um seinen Empfindungen Worte
    zu leihen, diese Empfindungen selbst seien etwas einziges, noch nicht
    dagewesenes, das man gar nicht erschöpfend beschreiben könne, und
    darum wird er auch nicht müde, immer neue Details hinzuzufügen,
    und wenn er abbrechen muß, beherrscht ihn sicherlich der Eindruck,

    1)(Hypochonder, mit Angstneurose Behaftete.)

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    es sei ihm nicht gelungen, sich dem Arzte verständlich zu machen.
    Das kommt daher, daß seine Schmerzen seine ganze Aufmerksamkeit
    auf sich gezogen haben. Bei Frl. v. R. war das entgegengesetzte Ver-
    halten, und man mußte daraus schließen, da sie doch den Schmerzen
    Bedeutung genug beilegte, daß ihre Aufmerksamkeit bei etwas anderem
    verweilte, wovon die Schmerzen nur ein Begleitphänomen seien, wahr-
    scheinlich also bei Gedanken und Empfindungen, die mit den Schmerzen
    zusammenhingen.

    Noch mehr bestimmend für die Auffassung der Schmerzen mußte
    aber ein zweites Moment sein. Wenn man eine schmerzhafte Stelle
    bei einem organisch Kranken oder einem Neurastheniker reizt, so zeigt
    dessen Physiognomie den unvermischten Ausdruck des Unbehagens
    oder des physischen Schmerzes; der Kranke zuckt ferner zusammen,
    entzieht sich der Untersuchung, wehrt ab. Wenn man aber bei
    Frl. v. R. die hyperalgische Haut und Muskulatur der Beine kneipte
    oder drückte, so nahm ihr Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck
    an, eher den der Lust als des Schmerzes, sie schrie auf – ich mußte
    denken, etwa wie bei einem wollüstigen Kitzel –, ihr Gesicht rötete
    sich, sie warf den Kopf zurück, schloß die Augen, der Rumpf bog
    sich nach rückwärts, das alles war nicht sehr grob, aber doch deutlich
    ausgeprägt und ließ sich nur mit der Auffassung vereinigen, das
    Leiden sei eine Hysterie, und die Reizung habe eine hysterische
    Zone betroffen.

    Die Miene paßte nicht zum Schmerze, den das Kneipen der
    Muskeln und Haut angeblich erregte, wahrscheinlich stimmte sie besser
    zum Inhalte der Gedanken, die hinter diesem Schmerze steckten und
    die man in der Kranken durch Reizung der ihnen assoziierten Körper-
    stellen weckte. Ich hatte ähnlich bedeutungsvolle Mienen bei Reizung
    hyperalgischer Zonen wiederholt in sicheren Fällen von Hysterie be-
    obachtet; die anderen Gebärden entsprachen offenbar der leichtesten
    Andeutung eines hysterischen Anfalles.

    Für die ungewöhnliche Lokalisation der hysterogenen Zone ergab
    sich zunächst keine Aufklärung. Daß die Hyperalgesie hauptsächlich
    die Muskulatur betraf, gab auch zu denken. Das häufigste Leiden,
    welches die diffuse und lokale Druckempfindlichkeit der Muskeln ver-
    schuldet, ist die rheumatische Infiltration derselben, der gemeine
    chronische Muskelrheumatismus, von dessen Eignung, nervöse Affek-
    tionen vorzutäuschen, ich bereits gesprochen habe. Die Konsistenz
    der schmerzhaften Muskeln bei Frl. v. R. widersprach dieser Annahme

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    nicht, es fanden sich vielfältig harte Stränge in den Muskelmassen,
    die auch besonders empfindlich schienen. Wahrscheinlich lag also eine
    im angegebenen Sinne organische Veränderung der Muskeln vor, an
    welche sich die Neurose anlehnte, und deren Bedeutung die Neurose
    übertrieben groß erscheinen ließ.

    Die Therapie ging auch von einer derartigen Voraussetzung eines
    gemischten Leidens aus. Wir empfahlen Fortsetzung einer systemati-
    schen Knetung und Faradisierung der empfindlichen Muskeln ohne
    Rücksicht auf den dadurch entstehenden Schmerz, und ich behielt
    mir die Behandlung der Beine mit starken Franklinschen Funken-
    entladungen vor, um mit der Kranken in Verkehr bleiben zu können.
    Ihre Frage, ob sie sich zum Gehen zwingen solle, beantworteten wir
    mit entschiedenem Ja.

    Wir erzielten so eine leichte Besserung. Ganz besonders schien
    sie sich für die schmerzhaften Schläge der Influenzmaschine zu er-
    wärmen, und je stärker diese waren, desto mehr schienen sie die eigenen
    Schmerzen der Kranken zurückzudrängen. Mein Kollege bereitete
    unterdes den Boden für eine psychische Behandlung vor, und als
    ich nach vierwöchentlicher Scheinbehandlung eine solche vorschlug
    und der Kranken einige Aufschlüsse über das Verfahren und seine
    Wirkungsweise gab, fand ich rasches Verständnis und nur geringen
    Widerstand.

    Die Arbeit, die ich aber von da an begann, stellte sich als eine
    der schwersten heraus, die mir je zugefallen waren, und die Schwieri-
    keit, von dieser Arbeit einen Bericht zu geben, reiht sich den damals
    überwundenen Schwierigkeiten würdig an. Ich verstand auch lange
    Zeit nicht, den Zusammenhang zwischen der Leidensgeschichte und
    dem Leiden zu finden, welches doch durch diese Reihe von Erlebnissen
    verursacht und determiniert sein sollte.

    Wenn man eine derartige kathartische Behandlung unternimmt,
    wird man sich zuerst die Frage vorlegen: Ist der Kranken Herkunft
    und Anlaß ihres Leidens bekannt? Dann bedarf es wohl keiner
    besonderen Technik, sie zur Reproduktion ihrer Leidensgeschichte zu
    vermögen; das Interesse, das man ihr bezeugt, das Verständnis, das
    man sie ahnen läßt, die Hoffnung auf Genesung, die man ihr macht,
    werden die Kranke bestimmen, ihr Geheimnis aufzugeben. Bei Fräulein
    Elisabeth war mir von Anfang an wahrscheinlich, daß sie sich der
    Gründe ihres Leidens bewußt sei, daß sie also nur ein Geheimnis,
    keinen Fremdkörper im Bewußtsein habe. Man mußte, wenn man sie

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    ansah, an die Worte des Dichters denken: „Das Mäskchen da weissagt
    verborgenen Sinn“1).

    Ich konnte also zunächst auf die Hypnose verzichten, mit dem
    Vorbehalte allerdings, mich später der Hypnose zu bedienen, wenn
    sich im Verlaufe der Beichte Zusammenhänge ergeben sollten, zu deren
    Klärung ihre Erinnerung etwa nicht ausreichte. So gelangte ich bei
    dieser ersten vollständigen Analyse einer Hysterie, die ich unternahm,
    zu einem Verfahren, das ich später zu einer Methode erhob und ziel-
    bewußt einleitete, zu einem Verfahren der schichtweisen Ausräumung
    des pathogenen psychischen Materials, welches wir gerne mit der
    Technik der Ausgrabung einer verschütteten Stadt zu vergleichen
    pflegten. Ich ließ mir zunächst erzählen, was der Kranken bekannt
    war, achtete sorgfältig darauf, wo ein Zusammenhang rätselhaft blieb,
    wo ein Glied in der Kette der Verursachungen zu fehlen schien, und
    drang dann später in tiefere Schichten der Erinnerung ein, indem
    ich an jenen Stellen die hypnotische Erforschung oder eine ihr ähnliche
    Technik wirken ließ. Die Voraussetzung der ganzen Arbeit war
    natürlich die Erwartung, daß eine vollkommen zureichende Deter-
    minierung zu erweisen sei; von den Mitteln zur Tieferforschung wird
    bald die Rede sein.

    Die Leidensgeschichte, welche Fräulein Elisabeth erzählte, war
    eine langwierige, aus mannigfachen schmerzlichen Erlebnissen gewebte.
    Sie befand sich während der Erzählung nicht in Hypnose, ich ließ sie
    aber liegen und hielt ihre Augen geschlossen, ohne daß ich mich dagegen
    gewehrt hätte, wenn sie zeitweilig die Augen öffnete, ihre Lage ver-
    änderte, sich aufsetzte u. dgl. Wenn sie ein Stück der Erzählung tiefer
    ergriff, so schien sie mir dabei spontan in einen der Hypnose ähn-
    licheren Zustand zu geraten. Sie blieb dann regungslos liegen und hielt
    ihre Augen fest geschlossen.

    Ich gehe daran wiederzugeben, was sich als oberflächlichste
    Schichte ihrer Erinnerungen ergab. Als jüngste von drei Töchtern hatte
    sie, zärtlich an den Eltern hängend, ihre Jugend auf einem Gute in
    Ungarn verbracht. Die Gesundheit der Mutter war vielfach getrübt
    durch ein Augenleiden und auch durch nervöse Zustände. So kam es,
    daß sie sich besonders innig an den heiteren und lebenskundigen Vater
    anschloß, der zu sagen pflegte, diese Tochter ersetze ihm einen Sohn und
    einen Freund, mit dem er seine Gedanken austauschen könne. Soviel
    das Mädchen an intellektueller Anregung bei diesem Verkehre gewann,

    1)Es wird sich ergeben, daß ich mich hierin doch geirrt hatte.

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    so entging es doch dem Vater nicht, daß sich dabei ihre gei-
    stitution von dem Ideal entfernte, welches man gerne in einem
    Mädchen verwirklicht sieht. Er nannte sie scherzweise „keck und
    rechthaberisch“, warnte sie vor allzu großer Bestimmtheit in ihren
    Urteilen, vor ihrer Neigung, den Menschen schonungslos die Wahrheit
    zu sagen, und meinte oft, sie werde es schwer haben, einen Mann zu
    finden. Tatsächlich war sie mit ihrem Mädchentum recht unzufrieden,
    sie war von ehrgeizigen Plänen erfüllt, wollte studieren oder sich in
    Musik ausbilden, empörte sich bei dem Gedanken; in einer Ehe ihre
    Neigungen und die Freiheit ihres Urteiles opfern zu müssen. Unterdes
    lebte sie im Stolze auf ihren Vater, auf das Ansehen und die soziale
    Stellung ihrer Familie und hütete eifersüchtig alles, was mit diesen
    Gütern zusammenhing. Die Selbstlosigkeit, mit welcher sie sich
    vorkommendenfalls gegen ihre Mutter und ihre älteren Schwestern
    zurücksetzte, söhnte die Eltern aber voll mit den schrofferen Seiten
    ihres Charakters aus.

    Das Alter der Mädchen bewog die Familie zur Übersiedlung in
    die Hauptstadt, wo sich Elisabeth eine Weile an dem reicheren und
    heiteren Leben in der Familie erfreuen durfte. Dann aber kam der
    Schlag, der das Glück dieses Hauses zerstörte. Der Vater hatte ein
    chronisches Herzleiden verborgen oder selbst übersehen; eines Tages
    brachte man ihn bewußtlos nach einem ersten Anfalle von Lungen-
    ödem nach Hause. Es folgte eine Krankenpflege von 1½ Jahren, in
    welcher sich Elisabeth den ersten Platz am Bette sicherte. Sie schlief
    im Zimmer des Vaters, erwachte nachts auf seinen Ruf, betreute ihn
    tagsüber und zwang sich, selbst heiter zu scheinen, während er den
    hoffnungslosen Zustand mit liebenswürdiger Ergebenheit ertrug. Mit
    dieser Zeit der Krankenpflege mußte der Beginn ihres Leidens zu-
    sammenhängen, denn sie konnte sich erinnern, daß sie im letzten Halb-
    jahre der Pflege ein und einhalb Tage wegen solcher Schmerzen im
    rechten Beine zu Bette geblieben sei. Sie behauptete aber, diese
    Schmerzen seien bald vorübergegangen und hätten weder ihre Sorge
    noch ihre Aufmerksamkeit erregt. Tatsächlich war es erst zwei Jahre
    nach dem Tode des Vaters, daß sie sich krank fühlte und ihrer Schmerzen
    wegen nicht gehen konnte.

    Die Lücke, die der Tod des Vaters in dem Leben dieser aus vier
    Frauen bestehenden Familie hinterließ, die gesellschaftliche Verein-
    samung, das Aufhören so vieler Beziehungen, die Anregung und Genuß
    versprochen hatten, die jetzt gesteigerte Kränklichkeit der Mutter.

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    dies alles trübte die Stimmung unserer Patientin, machte aber gleich-
    zeitig in ihr den heißen Wunsch rege, daß die Ihrigen bald einen Ersatz
    für das verlorene Glück finden möchten, und hieß sie ihre ganze Neigung
    und Sorgfalt auf die überlebende Mutter konzentrieren.

    Nach Ablauf des Trauerjahres heiratete die älteste Schwester
    einen begabten und strebsamen Mann in ansehnlicher Stellung, der
    durch sein geistiges Vermögen zu einer großen Zukunft bestimmt
    schien, der aber im nächsten Umgange eine krankhafte Empfindlichkeit,
    ein egoistisches Beharren auf seinen Launen entwickelte, und der
    zuerst im Kreise dieser Familie die Rücksicht auf die alte Frau zu
    vernachlässigen wagte. Das war mehr, als Elisabeth vertragen konnte;
    sie fühlte sich berufen, den Kampf gegen den Schwager aufzunehmen,
    so oft er Anlaß dazu bot, während die anderen Frauen die Ausbrüche
    seines erregbaren Temperaments leicht hinnahmen. Für sie war es
    eine schmerzliche Enttäuschung, daß der Wiederaufbau des alten
    Familienglückes diese Störung erfuhr, und sie konnte es ihrer verheira-
    teten Schwester nicht vergeben, daß diese in frauenhafter Fügsamkeit be-
    strebt blieb, jede Parteinahme zu vermeiden. Eine ganze Reihe von Szenen
    war Elisabeth so im Gedächtnis geblieben, an denen zum Teil nicht aus-
    gesprochene Beschwerden gegen ihren ersten Schwager hafteten. Der
    größte Vorwurf aber blieb, daß er einem in Aussicht gestellten Avance-
    ment zuliebe mit seiner kleinen Familie in eine entfernte Stadt Öster-
    reichs übersiedelte und so die Vereinsamung der Mutter vergrößern half.
    Bei dieser Gelegenheit fühlte Elisabeth so deutlich ihre Hilflosigkeit, ihr
    Unvermögen, der Mutter einen Ersatz für das verlorene Glück zu bieten, die
    Unmöglichkeit, ihren beim Tode des Vaters gefaßten Vorsatz auszuführen.

    Die Heirat der zweiten Schwester schien Erfreulicheres für die
    Zukunft der Familie zu versprechen, denn dieser zweite Schwager war,
    obwohl geistig minder hochstehend, ein Mann nach dem Herzen der
    feinsinnigen, in der Pflege aller Rücksichten erzogenen Frauen, und
    sein Benehmen söhnte Elisabeth mit der Institution der Ehe und
    mit dem Gedanken an die mit ihr verknüpften Opfer aus. Auch blieb
    das zweite junge Paar in der Nähe der Mutter, und das Kind dieses
    Schwagers und der zweiten Schwester wurde der Liebling Elisabeths.
    Leider war das Jahr, in dem dies Kind geboren wurde, durch ein
    anderes Ereignis getrübt. Das Augenleiden der Mutter erforderte eine
    mehrwöchentliche Dunkelkur, welche Elisabeth mitmachte. Dann
    wurde eine Operation für notwendig erklärt; die Aufregung vor der
    selben fiel mit den Vorbereitungen zur Übersiedlung des ersten Schwagers

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    zusammen. Endlich war die von Meisterhand ausgeführte Operation
    überstanden, die drei Familien trafen in einem Sommeraufenthalte
    zusammen, und die durch die Sorgen der letzten Monate erschöpfte
    Elisabeth hätte nun in der ersten, von Leiden und Befürchtungen
    freien Zeit, die dieser Familie seit dem Tode des Vaters gegönnt war,
    sich voll erholen sollen.

    Gerade in die Zeit dieses Sommeraufenthaltes fällt aber der
    Ausbruch von Elisabeths Schmerzen und Gehschwäche. Nachdem
    sich die Schmerzen eine Weile vorher etwas bemerklich gemacht hatten,
    traten sie zuerst heftig nach einem warmen Bade auf, das sie im
    Badhause des kleinen Kurortes nahm. Ein langer Spaziergang, eigentlich
    ein Marsch von einem halben Tage, einige Tage vorher, wurde dann
    in Beziehung zum Auftreten dieser Schmerzen gebracht, so daß sich
    leicht die Auffassung ergab, Elisabeth habe sich zuerst „übermüdet“
    und dann „erkühlt“.

    Von jetzt ab war Elisabeth die Kranke der Familie. Ärztlicher
    Rat veranlaßte sie, noch den Rest dieses Sommers zu einer Badekur
    in Gastein zu verwenden, wohin sie mit ihrer Mutter reiste, aber nicht,
    ohne daß eine neue Sorge aufgetaucht wäre. Die zweite Schwester
    war neuerdings gravid, und Nachrichten schilderten ihr Befinden recht
    ungünstig, so daß sich Elisabeth kaum zur Reise nach Gastein ent-
    schließen wollte. Nach kaum zwei Wochen des Gasteiner Aufenthaltes
    wurden Mutter und Schwester zurückgerufen, es ginge der jetzt bett-
    lägerigen Kranken nicht gut.

    Eine qualvolle Reise, auf welcher sich bei Elisabeth Schmerzen
    und schreckhafte Erwartungen vermengten, dann gewisse Anzeichen
    auf dem Bahnhofe, welche das Schlimmste ahnen ließen, und dann,
    als sie ins Zimmer der Kranken traten, die Gewißheit, daß sie zu spät
    gekommen waren, um von einer Lebenden Abschied zu nehmen.

    Elisabeth litt nicht nur unter dem Verluste dieser Schwester, die
    sie zärtlich geliebt hatte, sondern fast ebensosehr unter den Gedanken,
    die dieser Todesfall anregte, und unter den Veränderungen, die er mit
    sich brachte. Die Schwester war einem Herzleiden erlegen, das durch
    die Gravidität zur Verschlimmerung gebracht worden war.

    Nun tauchte der Gedanke auf, Herzkrankheit sei das väterliche
    Erbteil der Familie. Dann erinnerte man sich, daß die Verstorbene
    in den ersten Mädchenjahren eine Chorea mit leichter Herzaffektion
    durchgemacht hatte. Man machte sich und den Ärzten den Vorwurf,
    daß sie die Heirat zugelassen hätten, man konnte dem unglücklichen

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    Witwer den Vorwurf nicht ersparen, die Gesundheit seiner Frau durch
    zwei aufeinanderfolgende Graviditäten ohne Pause gefährdet zu haben.
    Der traurige Eindruck, daß, wenn einmal die so seltenen Bedingungen
    für eine glückliche Ehe sich getroffen hätten, dieses Glück dann solch
    ein Ende nähme, beschäftigte die Gedanken Elisabeths von da ohne
    Widerspruch. Ferner aber sah sie wiederum alles in sich zerfallen,
    was sie für die Mutter ersehnt hatte. Der verwitwete Schwager war
    untröstlich und zog sich von der Familie seiner Frau zurück. Es
    scheint, daß seine eigene Familie, der er sich während der kurzen und
    glücklichen Ehe entfremdet hatte, den Moment günstig fand, um
    ihn wieder in ihre eigenen Bahnen zu ziehen. Es fand sich kein Weg,
    die frühere Gemeinschaft aufrechtzuhalten; ein Zusammenwohnen
    mit der Mutter war aus Rücksicht auf die unverheiratete Schwägerin
    untunlich, und indem er sich weigerte, den beiden Frauen das Kind,
    das einzige Erbteil der Toten, zu überlassen, gab er ihnen zum ersten
    Male Gelegenheit, ihn der Härte zu beschuldigen. Endlich – und
    dies war nicht das am mindesten Peinliche – hatte Elisabeth dunkle
    Kunde von einem Zwiste bekommen, der zwischen beiden Schwägern
    ausgebrochen war, und dessen Anlaß sie nur ahnen konnte. Es schien
    aber, als ob der Witwer in Vermögensangelegenheiten Forderungen
    erhoben hätte, die der andere Schwager für ungerechtfertigt hinstellte,
    ja die er mit Rücksicht auf den frischen Schmerz der Mutter als eine
    arge Erpressung bezeichnen konnte. Dies also war die Leidensgeschichte
    des ehrgeizigen und liebebedürftigen Mädchens. Mit ihrem Schicksale
    grollend, erbittert über das Fehlschlagen all ihr kleinen Pläne, den Glanz
    des Hauses wiederherzustellen; – ihre Lieben teils gestorben, teils ent-
    fremdet; – ohne Neigung, eine Zuflucht in der Liebe eines
    fremden Mannes zu suchen, lebte sie seit 1½ Jahren, fast von jedem
    Verkehre abgeschieden, der Pflege ihrer Mutter und ihrer Schmerzen.
    Wenn man an größeres Leid vergessen und sich in das Seelen-
    leben eines Mädchens versetzen wollte, konnte man Fräulein Elisabeth
    eine herzliche menschliche Teilnahme nicht versagen. Wie stand es
    aber mit dem ärztlichen Interesse für diese Leidensgeschichte, mit den
    Beziehungen derselben zu ihrer schmerzhaften Gehschwäche, mit den
    Aussichten auf Klärung und Heilung dieses Falles, die sich etwa aus
    der Kenntnis dieser psychischen Traumen ergaben?
    Für den Arzt bedeutete die Beichte der Patientin zunächst eine
    große Enttäuschung. Es war ja eine aus banalen seelischen Er-
    schütterungen bestehende Krankengeschichte, aus der sich weder

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    erklärte, warum die Betroffene an Hysterie erkranken mußte, noch
    wieso die Hysterie gerade die Form der schmerzhaften Abasie an-
    genommen hatte. Es erhellte weder die Verursachung noch die
    Determinierung der hier vorliegenden Hysterie. Man konnte etwa
    annehmen, daß die Kranke eine Assoziation hergestellt hatte zwischen
    ihren seelischen schmerzlichen Eindrücken und körperlichen Schmerzen,
    die sie zufällig zur gleichen Zeit verspürt hatte, und daß sie nun
    in ihrem Erinnerungsleben die körperliche Empfindung als Symbol
    der seelischen verwendete. Welches Motiv sie etwa für diese Substi-
    tuierung hatte, in welchem Momente diese vollzogen wurde, dies
    blieb unaufgeklärt. Es waren dies allerdings Fragen, deren Aufstellung
    bisher den Ärzten nicht geläufig gewesen war. Man pflegte sich mit
    der Auskunft zufrieden zu geben, die Kranke sei eben von Konstitu-
    tion eine Hysterika, die unter dem Drucke intensiver, ihrer Art
    nach beliebiger Erregungen hysterische Symptome entwickeln
    könne.

    Noch weniger als für die Aufklärung schien durch diese Beichte
    für die Heilung des Falles geleistet zu sein. Es war nicht einzusehen,
    welchen wohltätigen Einfluß es für Fräulein Elisabeth haben könnte,
    die all ihren Familienmitglieder wohlbekannte Leidensgeschichte der
    letzten Jahre auch einmal einem Fremden zu erzählen, der ihr dafür
    eine mäßige Teilnahme bezeigte. Es war auch kein solcher Heilerfolg
    der Beichte zu bemerken. Die Kranke versäumte während dieser ersten
    Periode der Behandlung niemals dem Arzte zu wiederholen: Es geht
    mir aber noch immer schlecht, ich habe dieselben Schmerzen wie früher,
    und wenn sie mich dabei listig-schadenfroh anblickte, konnte ich etwa
    des Urteiles gedenken, das der alte Herr v. R. über seine Lieblings-
    tochter gefällt: Sie sei häufig „keck“ und „schlimm“; ich mußte aber
    doch zugestehen, daß sie im Rechte war.

    Hätte ich in diesem Stadium die psychische Behandlung der
    Kranken aufgegeben, so wäre der Fall des Fräuleins Elisabeth v. R.
    wohl recht belanglos für die Theorie der Hysterie geworden. Ich setzte
    meine Analyse aber fort, weil ich der sicheren Erwartung war, es
    werde sich aus tieferen Schichten des Bewußtseins das Verhältnis so-
    wohl für die Verursachung als auch für die Determinierung des hysteri-
    schen Symptoms gewinnen lassen.

    Ich beschloß also an das erweiterte Bewußtsein der Kranken
    die direkte Frage zu richten, an welchen psychischen Eindruck die
    erste Entstehung der Schmerzen in den Beinen geknüpft sei.

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    Zu diesem Zwecke sollte die Kranke in tiefe Hypnose versetzt
    werden. Aber leider mußte ich wahrnehmen, daß meine dahinzielenden
    Prozeduren die Kranke in keinen andern Zustand des Bewußtseins
    brachten, als jener war, in dem sie mir ihre Beichte abgelegt hatte.
    Ich war noch herzlich froh, daß sie es diesmal unterließ, mir trium-
    phierend vorzuhalten: „Sehen Sie, ich schlafe ja nicht, ich bin nicht
    zu hypnotisieren.“ In solcher Notlage geriet ich auf den Einfall, jenen
    Kunstgriff des Drückens auf den Kopf anzuwenden, über dessen Ent-
    stehungsgeschichte ich mich in der vorstehenden Beobachtung der Miß
    Lucy ausführlich geäußert habe. Ich führte ihn aus, indem ich die
    Kranke aufforderte, mir unfehlbar mitzuteilen, was in dem Momente
    des Druckes vor ihrem inneren Auge auftauche oder durch ihre Er-
    innerung ziehe. Sie schwieg lange und bekannte dann auf mein Drängen,
    sie habe an einen Abend gedacht, an dem ein junger Mann sie aus einer
    Gesellschaft nach Hause begleitet, an die Gespräche, die zwischen ihr
    und ihm vorgefallen seien, und an die Empfindungen, mit denen sie
    dann nach Hause zur Pflege des Vaters zurückkehrte.

    Mit dieser ersten Erwähnung des jungen Mannes war ein neuer
    Schacht eröffnet, dessen Inhalt ich nun allmählich herausbeförderte.
    Hier handelte es sich eher um ein Geheimnis, denn außer einer gemein-
    samen Freundin hatte sie niemanden in ihre Beziehungen und die
    daran geknüpften Hoffnungen eingeweiht. Es handelte sich um den
    Sohn einer seit langem befreundeten Familie, deren Wohnsitz ihrem
    früheren nahe lag. Der junge Mann, selbst verwaist, hatte sich mit
    großer Ergebenheit an ihren Vater angeschlossen, ließ sich von dessen
    Ratschlägen in seiner Karriere leiten und hatte seine Verehrung vom
    Vater auf die Damen der Familie ausgedehnt. Zahlreiche Erinnerungen
    an gemeinsame Lektüre, Gedankenaustausch, Äußerungen von seiner
    Seite, die ihr wiedererzählt worden waren, bezeichneten das allmähliche
    Anwachsen ihrer Überzeugung, daß er sie liebe und verstehe, und daß
    eine Ehe mit ihm ihr nicht die Opfer auferlegen würde, die sie von
    der Ehe fürchtete. Er war leider nur wenig älter als sie und von Selb-
    ständigkeit damals noch weit entfernt, sie war aber fest entschlossen
    gewesen, auf ihn zu warten.

    Mit der schweren Erkrankung des Vaters und ihrer Inanspruch-
    nahme als Pflegerin wurde dieser Verkehr immer seltener. Der Abend,
    an den sie sich zuerst erinnert hatte, bezeichnete gerade die Höhe
    ihrer Empfindung; zu einer Aussprache zwischen ihnen war es aber
    auch damals nicht gekommen. Sie hatte sich damals durch das Drängen

  • S.

    127

    der Ihrigen und des Vaters selbst bewegen lassen, vom Krankenbette
    weg in eine Gesellschaft zu gehen, in welcher sie ihn zu treffen erwarten
    durfte. Sie wollte dann früh nach Hause eilen, aber man nötigte sie
    zu bleiben, und sie gab nach, als er ihr versprach, sie zu begleiten.
    Sie hatte nie so warm für ihn gefühlt als während dieser Begleitung;
    aber als sie in solcher Seligkeit spät nach Hause kam, traf sie den
    Zustand des Vaters verschlimmert und machte sich die bittersten
    Vorwürfe, daß sie so viel Zeit ihrem eigenen Vergnügen geopfert. Es
    war das letztemal, daß sie den kranken Vater für einen ganzen Abend
    verließ; ihren Freund sah sie nur selten wieder; nach dem Tode des
    Vaters schien er aus Achtung vor ihrem Schmerze sich fernezuhalten,
    dann zog ihn das Leben in andere Bahnen; sie hatte sich allmählich
    mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß sein Interesse für
    sie durch andere Empfindungen verdrängt und er für sie verloren
    sei. Dieses Fehlschlagen der ersten Liebe schmerzte sie aber noch
    jedesmal, so oft sie an ihn dachte.

    In diesem Verhältnisse und in der obigen Szene, zu welcher es
    führte, durfte ich also die Verursachung der ersten hysterischen
    Schmerzen suchen. Durch den Kontrast zwischen der Seligkeit, die sie
    sich damals gegönnt hatte, und dem Elende des Vaters, das sie zu Hause
    antraf, war ein Konflikt, ein Fall von Unverträglichkeit gegeben.
    Das Ergebnis des Konfliktes war, daß die erotische Vorstellung aus
    der Assoziation verdrängt wurde, und der dieser anhaftende Affekt
    wurde zur Erhöhung oder Wiederbelebung eines gleichzeitig (oder
    kurz vorher) vorhandenen körperlichen Schmerzes verwendet. Es war
    also der Mechanismus einer Konversion zum Zwecke der Ab-
    wehr, wie ich ihn an anderer Stelle eingehend behandelt habe1).

    Es bleibt hier freilich Raum für allerlei Bemerkungen. Ich muß
    hervorheben, daß es mir nicht gelang, aus ihrer Erinnerung nach
    zuweisen, daß sich in jenem Momente des Nachhausekommens die
    Konversion vollzogen hatte. Ich forschte daher nach ähnlichen Er-
    lebnissen aus der Zeit der Krankenpflege und rief eine Reihe von
    Szenen hervor, unter denen das Aufspringen aus dem Bette mit nackten
    Füßen im kalten Zimmer, auf einen Ruf des Vaters, sich durch seine
    öftere Wiederholung hervorhob. Ich war geneigt, diesen Momenten
    eine gewisse Bedeutung zuzusprechen, weil neben der Klage über den
    Schmerz in den Beinen die Klage über quälende Kälteempfindung
    stand. Indes konnte ich auch hier nicht eine Szene erhaschen, die

    1)Die Abwehrneuropsychosen. Neurologisches Zentralblatt, 1. Juni 1894.

  • S.

    128

    sich mir Sicherheit als die Szene der Konversion hätte bezeichnen
    lassen. Ich war darum geneigt, hier eine Lücke in der Aufklärung zu
    zugestehen, bis ich mich der Tatsache besann, daß die hysterischen
    Beinschmerzen ja überhaupt nicht zur Zeit der Krankenpflege vor
    handen waren. Ihre Erinnerung berichtete nur von einem einzigen,
    über wenige Tage erstreckten Schmerzanfalle, der damals keine Auf-
    merksamkeit auf sich zog. Meine Forschung wandte sich nun diesem
    ersten Auftreten der Schmerzen zu. Es gelang, die Erinnerung daran
    sicher zu beleben, es war gerade damals ein Verwandter zu Besuch
    gekommen, den sie nicht empfangen konnte, weil sie zu Bette lag,
    und der auch bei einem späteren Besuche zwei Jahre nachher das
    Mißgeschick hatte, sie im Bette zu treffen. Aber die Suche nach
    einem psychischen Anlasse für diese ersten Schmerzen mißlang, so
    oft sie auch wiederholt wurde. Ich glaubte annehmen zu dürfen, daß
    jene ersten Schmerzen wirklich ohne psychischen Anlaß als leichte
    rheumatische Erkrankung gekommen seien, und konnte noch erfahren,
    daß dies organische Leiden, das Vorbild der späteren hysterischen
    Nachahmung, jedenfalls in eine Zeit vor die Szene der Begleitung
    zu setzen sei. Daß sich diese Schmerzen als organisch begründete in
    gemildertem Maße und unter geringer Aufmerksamkeit eine Zeitlang
    fortgesetzt hätten, blieb nach der Natur der Sache immerhin möglich.
    Die Unklarheit, die sich daraus ergibt, daß die Analyse auf eine Kon-
    version psychischer Erregung in Körperschmerz zu einer Zeit hinweist,
    da solcher Schmerz gewiß nicht verspürt und nicht erinnert wurde –
    dieses Problem hoffe ich durch spätere Erwägungen und andere Bei-
    spiele lösen zu können1).

    Mit der Aufdeckung des Motivs für die erste Konversion begann
    eine zweite, fruchtbare Periode der Behandlung. Zunächst überraschte
    mich die Kranke bald nachher mit der Mitteilung, sie wisse nun, warum
    die Schmerzen gerade immer von jener bestimmten Stelle des rechten
    Oberschenkels ausgingen und dort am heftigsten seien. Es sei dies
    nämlich die Stelle, wo jeden Morgen das Bein des Vaters geruht,
    während sie die Binden erneuerte, mit denen das arg geschwollene Bein
    gewickelt wurde. Das sei wohl hundertmal so geschehen, und sie habe
    merkwürdigerweise an diesen Zusammenhang bis heute nicht gedacht.
    Sie lieferte mir so die erwünschte Erklärung für die Entstehung einer


    1)Ich kann nicht ausschließen, aber auch nicht erweisen, daß diese haupt-
    sächlich die Oberschenkel einnehmenden Schmerzen neurasthenischer Natur
    gewesen seien.

  • S.

    129

    typischen hysterogenen Zone. Ferner fingen die schmerzhaften
    Beine an bei unseren Analysen immer „mitzusprechen“. Ich meine
    folgenden merkwürdigen Sachverhalt: Die Kranke war meist schmerz-
    frei, wenn wir an unsere Arbeit gingen; rief ich jetzt durch eine Frage
    oder einen Druck auf den Kopf eine Erinnerung wach, so meldete
    sich zuerst eine Schmerzempfindung, meist so lebhaft, daß die Kranke
    zusammenzuckte und mit der Hand nach der schmerzenden Stelle
    fuhr. Dieser geweckte Schmerz blieb stehen, solange die Kranke von
    der Erinnerung beherrscht war, erreichte seine Höhe, wenn sie im
    Begriffe stand, das Wesentliche und Entscheidende an ihrer Mitteilung
    auszusprechen, und war mit den letzten Worten dieser Mitteilung
    verschwunden. Allmählich lernte ich diesen geweckten Schmerz als
    Kompaß gebrauchen; wenn sie verstummte, aber noch Schmerzen
    zugab, so wußte ich, daß sie nicht alles gesagt hatte, und drang auf Fort-
    setzung der Beichte, bis der Schmerz weggesprochen war. Erst dann
    weckte ich eine neue Erinnerung.

    In dieser Periode des „Abreagierens“ besserte sich der Zustand
    der Kranken in somatischer wie in psychischer Hinsicht so auffällig,
    daß ich nur halb im Scherze zu behaupten pflegte, ich trage jedesmal
    ein gewisses Quantum von Schmerzmotiven weg, und wenn ich alles
    abgeräumt haben würde, werde sie gesund sein. Sie gelangte bald
    dahin, die meiste Zeit keine Schmerzen zu haben, ließ sich bewegen,
    viel zu gehen und ihre bisherige Isolierung aufzugeben. Im Laufe der
    Analyse folgte ich bald den spontanen Schwankungen ihres Befindens,
    bald meiner Schätzung, wo ich ein Stück ihrer Leidensgeschichte noch
    nicht genügend erschöpft meinte. Ich machte bei dieser Arbeit einige
    interessante Wahrnehmungen, deren Lehren ich später bei anderen
    Kranken bestätigt fand.

    Zunächst, was die spontanen Schwankungen anbelangt, daß
    eigentlich keine vorfiel, die nicht durch ein Ereignis des Tages asso-
    ziativ provoziert worden wäre. Das einemal hatte sie von einer Er-
    krankung im Kreise ihrer Bekannten gehört, die sie an ein Detail in
    der Krankheit ihres Vaters erinnerte, ein andermal war das Kind der
    verstorbenen Schwester zum Besuche da gewesen und hatte durch
    seine Ähnlichkeit den Schmerz um die Verlorene geweckt, ein andermal
    wieder war es ein Brief der entfernt lebenden Schwester, der deutlich
    den Einfluß des rücksichtslosen Schwagers bewies und einen Schmerz
    weckte, welcher die Mitteilung einer noch nicht erzählten Familienszene
    verlangte.

    Breuer u. Freud, Studien.

  • S.

    130

    Da sie niemals denselben Schmerzanlaß zweimal vorbrachte
    schien unsere Erwartung, auf solche Weise den Vorrat zu erschöpfen,
    nicht ungerechtfertigt, und ich widerstrebte keineswegs, sie in Situa-
    tionen kommen zu lassen, welche geeignet waren, neue, noch nicht an
    die Oberfläche gelangten Erinnerungen hervorzurufen, z. B. sie auf das
    Grab ihrer Schwester zu schicken oder sie in eine Gesellschaft gehen
    zu lassen, wo sie den jetzt wieder anwesenden Jugendfreund sehen
    konnte.

    Sodann erhielt ich einen Einblick in die Art der Entstehung
    einer als monosymptomatisch zu bezeichnenden Hysterie. Ich fand
    nämlich, daß das rechte Bein während unserer Hypnosen schmerzhaft
    wurde, wenn es sich um Erinnerungen aus der Krankenpflege des
    Vaters, aus dem Verkehre mit dem Jugendgespielen und um anderes
    handelte, was in die erste Periode der pathogenen Zeit fiel, während
    der Schmerz sich am anderen, linken Bein meldete, sobald ich eine
    Erinnerung an die verlorene Schwester, an die beiden Schwäger, kurz
    einen Eindruck aus der zweiten Hälfte der Leidensgeschichte erweckt
    hatte. Durch dieses konstante Verhalten aufmerksam gemacht, forschte
    ich weiter nach und gewann den Eindruck, als ob die Detaillierung
    hier noch weiter ginge und jeder neue psychische Anlaß zu schmerz-
    lichen Empfindungen sich mit einer andern Stelle der schmerzhaften
    Area der Beine verknüpft hätte. Die ursprünglich schmerzhafte Stelle
    am rechten Oberschenkel hatte sich auf die Pflege des Vaters bezogen,
    von da an war das Schmerzgebiet durch Apposition aus Anlaß neuer
    Traumen gewachsen, so daß hier streng genommen nicht ein einziges
    körperliches Symptom vorlag, welches mit vielfachen psychischen
    Erinnerungskomplexen verknüpft war, sondern eine Mehrheit von
    ähnlichen Symptomen, die bei oberflächlicher Betrachtung zu einem
    Symptome verschmolzen schienen. Einer Abgrenzung der den einzelnen
    psychischen Anlässen entsprechenden Schmerzzonen bin ich allerdings
    nicht nachgegangen, da ich die Aufmerksamkeit der Kranken von
    diesen Beziehungen abgewendet erfand.

    Ich schenkte aber ein weiteres Interesse der Art, wie der ganze
    Symptomkomplex der Abasie sich über diesen schmerzhaften Zonen
    aufgebaut haben mochte, und stellte in solcher Absicht verschiedene
    Fragen, wie: Woher rühren die Schmerzen im Gehen, im Stehen, im
    Liegen? die sie teils unbeeinflußt, teils unter dem Drucke meiner
    Hand beantwortete. Dabei ergab sich zweierlei. Einerseits gruppierte
    sie mir alle mit schmerzhaften Eindrücken verbundenen Szenen, je

  • S.

    131

    nachdem sie während derselben gesessen oder gestanden hatte u. dgl.
    – So z. B. stand sie bei einer Türe, als man den Vater im Herz-
    anfalle nach Hause brachte, und blieb im Schreck wie angewurzelt
    stehen. An diesen ersten „Schreck im Stehen“ schloß sie dann
    weitere Erinnerungen an bis zur Schreckensszene, da sie wiederum
    wie gebannt an dem Bette der Toten Schwester stand. Die ganze
    Kette von Reminiszenzen sollte die berechtigte Verknüpfung der
    Schmerzen mit dem Aufrechtstehen dartun und konnte ja auch als
    Assoziationsnachweis gelten, nur mußte man der Forderung eingedenk
    bleiben, daß bei all diesen Gelegenheiten noch ein anderes Moment
    nachweisbar sein müsse, welches die Aufmerksamkeit – und in weiterer
    Folge die Konversion – gerade auf das Stehen (Gehen, Sitzen u. dgl.)
    gelenkt hatte. Die Erklärung für diese Richtung der Aufmerksamkeit
    konnte man kaum in anderen Verhältnissen suchen als darin, daß
    Gehen, Stehen und Liegen eben an Leistungen und Zustände jener
    Körperteile geknüpft sind, welche hier die schmerzhaften Zonen
    trugen, nämlich der Beine. Es war also der Zusammenhang zwischen
    der Astasie-Abasie und dem ersten Falle von Konversion in dieser
    Krankengeschichte leicht zu verstehen.

    Unter den Szenen, welche zufolge dieser Revue das Gehen
    schmerzhaft gemacht hätten, drängte sich eine hervor, ein Spazier-
    gang, den sie in jenem Kurorte in großer Gesellschaft gemacht
    und angeblich zu lange ausgedehnt hatte. Die näheren Umstände
    dieser Begebenheit enthüllten sich nur zögernd und ließen manches
    Rätsel ungelöst. Sie war in besonders weicher Stimmung, schloß
    sich dem Kreise von befreundeten Personen gerne an, es war ein
    schöner, nicht zu heißer Tag, ihre Mama blieb zu Hause, ihre ältere
    Schwester war bereits abgereist, die jüngere fühlte sich leidend, wollte
    ihr aber das Vergnügen nicht stören, der Mann dieser zweiten Schwester
    erklärte anfangs, er bleibe bei seiner Frau, und ging dann ihr
    (Elisabeth) zuliebe mit. Diese Szene schien mit dem ersten Hervor-
    treten der Schmerzen viel zu tun zu haben, denn sie erinnerte sich,
    daß sie sehr müde und mit heftigen Schmerzen von dem Spazier-
    gange zurückgekommen, äußerte sich aber nicht sicher darüber, ob
    sie schon vorher Schmerzen verspürt habe. Ich machte geltend, daß
    sie sich mit irgend erheblichen Schmerzen kaum zu diesem weiten
    Wege entschlossen hätte. Auf die Frage, woher auf diesem Spazier-
    gange die Schmerzen gekommen sein mögen, erhielt ich die nicht
    ganz durchsichtige Antwort, der Kontrast zwischen ihrer Vereinsamung

  • S.

    132

    und dem Eheglücke der kranken Schwester, welches ihr das Benehmen
    ihres Schwagers unausgesetzt vor Augen führte, sei ihr schmerzlich
    gewesen.

    Eine andere Szene, der vorigen der Zeit nach sehr benachbart,
    spielte eine Rolle in der Verknüpfung der Schmerzen mit dem Sitzen.
    Es war einige Tage nachher; Schwester und Schwager waren bereits
    abgereist, sie befand sich in erregter, sehnsüchtiger Stimmung, stand
    des Morgens früh auf, ging einen kleinen Hügel hinauf bis zu einer
    Stelle, die sie so oft miteinander besucht hatten und die eine herrliche
    Aussicht bot, und setzte sich dort, ihren Gedanken nachhängend,
    auf eine steinerne Bank. Ihre Gedanken betrafen wieder ihre Ver-
    einsamung, das Schicksal ihrer Familie, und den heißen Wunsch, ebenso
    glücklich zu werden wie ihre Schwester war, gestand sie diesmal
    unverhüllt ein. Sie kehrte mit heftigen Schmerzen von dieser Morgen-
    meditation zurück, am Abend desselben Tages nahm sie das Bad,
    nach welchem die Schmerzen endgültig und dauernd aufgetreten
    waren.

    Mit aller Bestimmtheit ergab sich ferner, daß die Schmerzen
    im Gehen und Stehen sich anfänglich im Liegen zu beruhigen pflegten.
    Erst als sie auf die Nachricht von der Erkrankung der Schwester
    abends von Gastein abreiste und während der Nacht, gleichzeitig
    von der Sorge um die Schwester und von tobenden Schmerzen
    gequält, schlaflos im Eisenbahnwagen ausgestreckt lag, stellte sich
    auch die Verbindung des Liegens mit den Schmerzen her, und eine
    ganze Zeit hindurch war ihr sogar das Liegen schmerzhafter als das
    Gehen und Stehen.

    In solcher Art war erstens das schmerzliche Gebiet durch Appo-
    sition gewachsen, indem jedes neue pathogen wirksame Thema eine
    neue Region der Beine besetzte, zweitens hatte jede der eindrucks-
    kräftigen Szenen eine Spur hinterlassen, indem sie eine bleibende, sich
    immer mehr häufende „Besetzung“ der verschiedenen Funktionen der
    Beine, eine Verknüpfung dieser Funktionen mit den Schmerzensempfindungen
    hervorbrachte; es war aber unverkennbar noch ein
    dritter Mechanismus an der Ausbildung der Astasie-Abasie in Mit-
    wirkung gewesen. Wenn die Kranke die Erzählung einer ganzen Reihe
    von Begebenheiten mit der Klage schloß, sie habe dabei ihr „Allein-
    stehen“ schmerzlich empfunden, bei einer anderen Reihe, welche ihre
    verunglückten Versuche zur Herstellung eines neuen Familienlebens
    umschloß, nicht müde wurde zu wiederholen, das schmerzliche daran

  • S.

    133

    sei das Gefühl ihrer Hilflosigkeit gewesen, die Empfindung, sie
    „komme nicht von der Stelle“, so mußte ich auch ihren Re-
    flexionen einen Einfluß auf die Ausbildung der Abasie einräumen,
    mußte ich annehmen, daß sie direkt einen symbolischen Ausdruck
    für ihre schmerzlich betonten Gedanken gesucht und ihn in der Ver-
    stärkung ihres Leidens gefunden hatte. Daß durch eine solche Sym-
    bolisierung somatische Symptome der Hysterie entstehen können,
    haben wir bereits in unserer vorläufigen Mitteilung behauptet; ich
    werde in der Epikrise zu dieser Krankengeschichte einige zweifellos
    beweisende Beispiele aufführen. Bei Fräulein Elisabeth v. R1) stand
    der psychische Mechanismus der Symbolisierung nicht in erster Linie,
    er hatte die Abasie nicht geschaffen, wohl aber sprach alles dafür, daß
    die bereits vorhandene Abasie auf diesem Wege eine wesentliche Ver-
    stärkung erfahren hatte. Demnach war diese Abasie in dem Stadium
    der Entwicklung, in dem ich sie antraf, nicht nur einer psychischen
    assoziativen Funktionslähmung, sondern auch einer symbolischen
    Funktionslähmung gleichzustellen.

    Ich will, ehe ich die Geschichte meiner Kranken fortsetze, noch
    ein Wort über ihr Benehmen während dieser zweiten Periode der
    Behandlung anfügen. Ich bediente mich während dieser ganzen Analyse
    der Methode, durch Drücken auf den Kopf Bilder und Einfälle hervor-
    zurufen, einer Methode also, die ohne volles Mitarbeiten und willige
    Aufmerksamkeit der Kranken unanwendbar bleibt. Sie verhielt sich
    auch zeitweilig so, wie ich es nur wünschen konnte, und in solchen
    Perioden war es wirklich überraschend, wie prompt und wie unfehlbar
    chronologisch geordnet die einzelnen Szenen, die zu einem Thema
    gehörten, sich einstellten. Es war, als läse sie in einem langen Bilder-
    buche, dessen Seiten vor ihren Augen vorübergezogen würden. Andere
    Male schien es Hemmnisse zu geben, deren Art ich damals noch nicht
    ahnte. Wenn ich meinen Druck ausübte, behauptete sie, es sei ihr
    nichts eingefallen; ich wiederholte den Druck, ich hieß sie warten,
    es wollte noch immer nichts kommen. Die ersten Male, als sich diese
    Widerspenstigkeit zeigte, ließ ich mich bestimmen, die Arbeit ab-
    zubrechen, der Tag sei nicht günstig; ein andermal. Zwei Wahr-
    nehmungen bestimmten mich aber, mein Verhalten zu ändern. Erstens
    daß sich solches Versagen der Methode nur ereignete, wenn ich Elisabeth
    heiter und schmerzfrei gefunden hatte, niemals, wenn ich an einem
    schlechten Tage kam, zweitens, daß sie eine solche Angabe, sie sehe
    nichts vor sich, häufig machte, nachdem sie eine lange Pause hatte

  • S.

    134

    vergehen lassen, während welcher ihre gespannte und beschäftigte
    Miene mir doch einen seelischen Vorgang in ihr verriet. Ich entschloß
    mich also zur Annahme, die Methode versage niemals, Elisabeth habe
    unter dem Drucke meiner Hand jedesmal einen Einfall im Sinne oder
    ein Bild vor Augen, sei aber nicht jedesmal bereit, mir davon Mit-
    teilung zu machen, sondern versuche das Heraufbeschworene wieder
    zu unterdrücken. Von den Motiven für solches Verschweigen konnte
    ich mir zwei vorstellen, entweder Elisabeth übte an ihrem Einfall
    eine Kritik, zu der sie nicht berechtigt war, sie fand ihn nicht wertvoll
    genug, nicht passend als Antwort auf die gestellte Frage, oder sie
    scheute sich ihn anzugeben, weil — ihr solche Mitteilung zu unangenehm
    war. Ich ging also so vor, als wäre ich von der Verläßlichkeit meiner
    Technik vollkommen überzeugt. Ich ließ es nicht mehr gelten, wenn
    sie behauptete, es sei ihr nichts eingefallen, versicherte ihr, es müsse
    ihr etwas eingefallen sein, sie sei vielleicht nicht aufmerksam genug,
    dann wolle ich den Druck gerne wiederholen, oder sie meine, ihr
    Einfall sei nicht der richtige. Das gehe sie aber gar nichts an, sie sei
    verpflichtet, vollkommen objektiv zu bleiben und zu sagen, was ihr
    in den Sinn gekommen sei, es möge passen oder nicht, endlich, ich
    wisse genau, es sei ihr etwas eingefallen, sie verheimliche es mir, sie
    werde aber ihre Schmerzen nie los werden, solange sie etwas ver-
    heimliche. Durch solches Drängen erreichte ich, daß wirklich kein
    Druck mehr erfolglos blieb. Ich mußte annehmen, daß ich den Sach-
    verhalt richtig erkannt hatte, und gewann bei dieser Analyse ein in
    der Tat unbedingtes Zutrauen zu meiner Technik. Es kam oft vor,
    daß sie mir erst nach dem dritten Drücken eine Mitteilung machte,
    dann aber selbst hinzufügte: Ich hätte es Ihnen gleich das erstemal
    sagen können. — Ja, warum haben Sie es nicht gleich gesagt? — Ich
    habe gemeint, es ist nicht das Richtige, oder: Ich habe gemeint, ich
    kann es umgehen, es ist aber jedesmal wiedergekommen. Ich fing
    während dieser schweren Arbeit an, dem Widerstande, den die Kranke
    bei der Reproduktion ihrer Erinnerungen zeigte, eine tiefere Bedeutung
    beizulegen und die Anlässe sorgfältig zusammenzustellen, bei denen er
    sich besonders auffällig verriet.

    Ich komme nun zur Darstellung der dritten Periode unserer Be-
    handlung. Der Kranken ging es besser, sie war psychisch entlastet
    und leistungsfähig geworden, aber die Schmerzen waren offenbar nicht
    behoben, sie kamen von Zeit zu Zeit immer wieder, und zwar in alter
    Heftigkeit. Dem unvollkommenen Heilerfolge entsprach die unvoll-
     

  • S.

    135

    ständige Analyse, ich wußte noch immer nicht genau, in welchem
    Momente und durch welchen Mechanismus die Schmerzen entstanden
    waren. Während der Reproduktion der mannigfaltigsten Szenen in
    der zweiten Periode und der Beobachtung des Widerstandes der Kranken
    gegen die Erzählung hatte sich bei mir ein bestimmter Verdacht ge-
    bildet; ich wagte aber noch nicht, ihn zur Grundlage meines Handelns
    zu machen. Eine zufällige Wahrnehmung gab da den Ausschlag. Ich
    hörte einmal während der Arbeit mit der Kranken Männerschritte
    im Nebenzimmer, eine angenehm klingende Stimme, die eine Frage
    zu stellen schien, und meine Patientin erhob sich darauf mit der Bitte,
    für heute abzubrechen, sie höre, daß ihr Schwager gekommen sei und
    nach ihr frage. Sie war bis dahin schmerzfrei gewesen, nach dieser
    Störung verrieten ihre Miene und ihr Gang das plötzliche Auftreten
    heftiger Schmerzen. Ich war in meinem Verdachte bestärkt und
    beschloß die entscheidende Aufklärung herbeizuführen.

    Ich stellte also die Frage nach den Umständen und Ursachen
    des ersten Auftretens der Schmerzen. Als Antwort lenkten sich ihre
    Gedanken auf den Sommeraufenthalt in jenem Kurorte vor der
    Gasteiner Reise, und es zeigten sich wieder einige Szenen, die schon
    vorher minder erschöpfend behandelt worden waren. Ihre Gemüts-
    verfassung zu jener Zeit, die Erschöpfung nach der Sorge um das
    Augenlicht der Mutter und nach deren Krankenpflege während der Zeit
    der Augenoperation, ihr endliches Verzagen als einsames Mädchen
    etwas vom Leben genießen oder im Leben leisten zu können. Sie war
    sich bis dahin stark genug vorgekommen, um den Beistand eines
    Mannes entbehren zu können, jetzt bemächtigte sich ihrer ein Gefühl
    ihrer Schwäche als Weib, eine Sehnsucht nach Liebe, in welcher nach
    ihren eigenen Worten ihr starres Wesen zu schmelzen begann. In
    solcher Stimmung machte die glückliche Ehe ihrer jüngeren Schwester
    den tiefsten Eindruck auf sie, wie rührend er für sie sorgte, wie sie sich
    mit einem Blicke verstanden, wie sicher sie einer des andern zu sein
    schienen. Es war ja gewiß bedauerlich, daß die zweite Schwangerschaft
    so rasch auf die erste folgte, und die Schwester wußte, daß dies die
    Ursache ihres Leidens sei, aber wie willig ertrug sie dieses Leiden, weil
    er die Ursache davon war. An dem Spaziergange, der mit Elisabeths
    Schmerzen so innig verknüpft war, wollte der Schwager anfangs nicht
    teilnehmen, er zog es vor, bei der kranken Frau zu bleiben. Diese
    bewog ihn aber durch einen Blick mitzugehen, weil sie meinte, daß
    es Elisabeth Freude machen würde. Elisabeth blieb die ganze Zeit

  • S.

    136

    über in seiner Begleitung, sie sprachen miteinander über die ver-
    schiedensten und intimsten Dinge, sie fand sich so sehr im Einklange
    mit allem, was er sagte, und der Wunsch, einen Mann zu besitzen,
    der ihm gleiche, wurde übermächtig in ihr. Dann folgte die Szene wenige
    Tage später, als sie am Morgen nach der Abreise den Aussichtsort auf-
    suchte, welcher ein Lieblingsspaziergang der Abwesenden gewesen
    war. Sie setzte sich dort auf einen Stein und träumte wiederum von
    einem Lebensglücke, wie es der Schwester zugefallen war, und von
    einem Manne, der ihr Herz so zu fesseln verstünde wie dieser Schwager.
    Sie stand mit Schmerzen auf, die aber nochmals vergingen, erst am
    Nachmittage nach dem warmen Bade, das sie im Orte nahm, brachen
    die Schmerzen über sie herein, die sie seither nicht verlassen hatten.
    Ich versuchte zu erforschen, mit was für Gedanken sie sich damals im
    Bade beschäftigt, es ergab sich aber nur, daß das Badhaus sie an
    ihre abgereisten Geschwister erinnert, weil diese in demselben Hause
    gewohnt hatten.

    Mir mußte längst klar geworden sein, um was es sich handle,
    die Kranke schien, in schmerzlich-süße Erinnerungen versunken, nicht
    zu bemerken, welchem Aufschlusse sie zusteuere, und setzte die Wieder-
    gabe ihrer Reminiszenzen fort. Es kam die Zeit in Gastein, die Sorge,
    mit der sie jedem Briefe entgegensah, endlich die Nachricht, daß es
    der Schwester schlecht ginge, das lange Warten bis zum Abend, an
    dem sie erst Gastein verlassen konnten. Die Fahrt in qualvoller
    Ungewißheit, in schlafloser Nacht – alles als Momente, die von
    heftiger Steigerung der Schmerzen begleitet waren. Ich fragte, ob
    sie sich während der Fahrt die traurige Möglichkeit vorgestellt, die
    sich dann verwirklicht fand. Sie antwortete, sie sei dem Gedanken
    sorgsam ausgewichen, die Mutter aber habe, nach ihrer Meinung, vom
    Anfang an das Schlimmste erwartet. – Nun folgte ihre Erinnerung
    der Ankunft in Wien, der Eindrücke, die sie von den erwartenden
    Verwandten empfingen, der kleinen Reise von Wien in die nahe Sommer-
    frische, in der die Schwester wohnte, der Ankunft dort am Abend,
    des eilig zurückgelegten Weges durch den Garten bis zur Türe des
    kleinen Gartenpavillons, – die Stille im Hause, die beklemmende
    Dunkelheit; daß der Schwager sie nicht empfing; dann standen sie
    vor dem Bette, sahen die Tote, und in dem Momente der gräßlichen
    Gewißheit, daß die geliebte Schwester gestorben sei, ohne von ihnen
    Abschied zu nehmen, ohne ihre letzten Tage durch ihre Pflege verschönt
    zu haben – in demselben Momente hatte ein anderer Gedanke

  • S.

    137

    Elisabeths Hirn durchzuckt, der sich jetzt unabweisbar wieder ein-
    gestellt hatte, der Gedanke, der wie ein greller Blitz durchs Dunkel
    fuhr: Jetzt ist er wieder frei, und ich kann seine Frau werden.

    Nun war freilich alles klar. Die Mühe des Analytikers war
    reichlich gelohnt worden: Die Ideen der „Abwehr“ einer unverträg-
    lichen Vorstellung, der Entstehung hysterischer Symptome durch
    Konversion psychischer Erregung ins Körperliche, die Bildung einer
    separaten psychischen Gruppe durch den Willensakt, der zur Abwehr
    führt, dies alles wurde mir in jenem Momente greifbar vor Augen
    gerückt. So und nicht anders war es hier zugegangen. Dieses Mädchen
    hatte ihrem Schwager eine zärtliche Neigung geschenkt, gegen deren
    Aufnahme in ihr Bewußtsein sich ihr ganzes moralisches Wesen
    sträubte. Es war ihr gelungen, sich die schmerzliche Gewißheit, daß
    sie den Mann ihrer Schwester liebe, zu ersparen, indem sie sich dafür
    körperliche Schmerzen schuf, und in Momenten, wo sich ihr diese
    Gewißheit aufdrängen wollte (auf dem Spaziergange mit ihm, während
    jener Morgenträumerei, im Bade, vor dem Bette der Schwester), waren
    durch gelungene Konversion ins Somatische jene Schmerzen entstanden.
    Zur Zeit, da ich sie in Behandlung nahm, war die Absonderung der
    auf diese Liebe bezüglichen Vorstellungsgruppe von ihrem Wissen
    bereits vollzogen; ich meine, sie hätte sonst niemals einer solchen
    Behandlung zugestimmt; der Widerstand, den sie zu wiederholten
    malen der Reproduktion von traumatisch wirksamen Szenen entgegen-
    gesetzt hatte, entsprach wirklich der Energie, mit welcher die unver-
    trägliche Vorstellung aus der Assoziation gedrängt worden war.

    Für den Therapeuten kam aber zunächst eine böse Zeit. Der
    Effekt der Wiederaufnahme jener verdrängten Vorstellung war ein
    niederschmetternder für das arme Kind. Sie schrie laut auf, als ich
    den Sachverhalt mit den trockenen Worten zusammenfaßte: Sie
    waren also seit langer Zeit in Ihren Schwager verliebt. Sie klagte über
    die gräßlichsten Schmerzen in diesem Augenblicke, sie machte noch eine
    verzweifelte Anstrengung, die Aufklärung zurückzuweisen. Es sei nicht
    wahr, ich habe es ihr eingeredet, es könne nicht sein, einer solchen
    Schlechtigkeit sei sie nicht fähig. Das würde sie sich auch nie verzeihen. Es
    war leicht, ihr zu beweisen, daß ihre eigenen Mitteilungen keine andere
    Deutung zuließen, aber es dauerte lange, bis meine beiden Trostgründe,
    daß man für Empfindungen unverantwortlich sei, und daß ihr Verhalten,
    ihr Erkranken unter jenen Anlässen ein genügendes Zeugnis für ihre mora-
    lische Natur sei, bis diese Tröstungen, sage ich, Eindruck auf sie machten.

  • S.

    138

    Ich mußte jetzt mehr als einen Weg einschlagen, um der Kranken
    Linderung zu verschaffen. Zunächst wollte ich ihr Gelegenheit geben,
    sich der seit langer Zeit aufgespeicherten Erregung durch „Abreagieren“
    zu entledigen. Wir forschten den ersten Eindrücken aus dem Ver-
    kehre mit ihrem Schwager, dem Beginne jener unbewußt gehaltenen
    Neigung nach. Es fanden sich hier alle jene kleinen Vorzeichen und
    Ahnungen, aus denen eine voll entwickelte Leidenschaft in der Rück-
    schau soviel zu machen versteht. Er hatte bei seinem ersten Besuche
    im Hause sie für die ihm bestimmte Braut gehalten und sie vor der
    älteren, aber unscheinbaren Schwester begrüßt. Eines Abends unter-
    hielten sie sich so lebhaft miteinander und schienen sich so wohl zu
    verstehen, daß die Braut sie mit der halb ernst gemeinten Bemerkung
    unterbrach: „Eigentlich hättet Ihr zwei sehr gut zueinander gepaßt.“
    Ein anderes Mal war in einer Gesellschaft, welche von der Verlobung
    noch nichts wußte, die Rede von dem jungen Manne, und eine Dame
    beanständete einen Fehler seiner Gestalt, der auf eine juvenile Knochen-
    erkrankung hindeutete. Die Braut selbst blieb ruhig dabei, Elisabeth
    aber fuhr auf und trat mit einem Eifer, der ihr dann selbst unver-
    ständlich war, für den geraden Wuchs ihres zukünftigen Schwagers
    ein. Indem wir uns durch diese Reminiszenzen hindurcharbeiteten,
    wurde es Elisabeth klar, daß die zärtliche Empfindung für ihren
    Schwager seit langer Zeit, vielleicht seit Beginn ihrer Beziehungen
    in ihr geschlummert und sich so lange hinter der Maske einer bloß
    verwandtschaftlichen Zuneigung versteckt hatte, wie sie ihr hoch
    entwickeltes Familiengefühl begreiflich machen konnte.
    Dieses Abreagieren tat ihr entschieden sehr wohl; noch mehr
    Erleichterung konnte ich ihr aber bringen, indem ich mich freund-
    schaftlich um gegenwärtige Verhältnisse bekümmerte. Ich suchte in
    solcher Absicht eine Unterredung mit Frau v. R. … , in der ich eine
    verständige und feinfühlige, wenngleich durch die letzten Schicksale
    in ihrem Lebensmute beeinträchtigte Dame fand. Von ihr erfuhr ich,
    daß der Vorwurf einer unzarten Erpressung, den der ältere Schwager
    gegen den Witwer erhoben hatte und der für Elisabeth so schmerzlich
    war, bei näherer Erkundigung zurückgenommen werden mußte. Der
    Charakter des jungen Mannes konnte ungetrübt bleiben; ein Miß-
    verständnis, die leicht begreifliche Differenz in der Wertschätzung des
    Geldes, die der Kaufmann, für den Geld ein Arbeitswerkzeug war,
    im Gegensatze zur Anschauung des Beamten zeigen durfte, mehr als
    dies blieb von dem scheinbar so peinlichen Vorfalle nicht übrig. Ich

  • S.

    139

    bat die Mutter, fortan Elisabeth alle Aufklärungen zu geben, deren
    sie bedurfte, und ihr in der Folgezeit jene Gelegenheit zur seelischen
    Mitteilung zu bieten, an welche ich sie gewöhnt hatte.

    Es lag mir natürlich auch daran zu erfahren, welche Aussicht
    der jetzt bewußt gewordene Wunsch des Mädchens habe, zur Wirklich-
    keit zu werden. Hier lagen die Dinge minder günstig! Die Mutter
    sagte, sie habe die Neigung Elisabeths für ihren Schwager längst
    geahnt, allerdings nicht gewußt, daß sich eine solche noch bei
    Lebzeiten der Schwester geltend gemacht habe. Wer sie beide im-
    allerdings selten gewordenen – Verkehre sehe, dem könne über die
    Absicht des Mädchens, ihm zu gefallen, kein Zweifel bleiben. Allein
    weder sie, die Mutter, noch die Ratgeber in der Familie seien einer
    ehelichen Verbindung der beiden sonderlich geneigt. Die Gesundheit
    des jungen Mannes sei keine feste und habe durch den Tod der geliebten
    Frau eines neuen Stoßes erlitten; es sei auch gar nicht sicher, daß er seelisch
    soweit erholt sei, um eine neue Ehe einzugehen. Er halte sich wahr-
    scheinlich darum so reserviert, vielleicht auch, weil er seiner An-
    nahme nicht sicher, naheliegendes Gerede vermeiden wolle. Bei dieser
    Zurückhaltung von beiden Seiten dürfte wohl die Lösung, die sich Elisa-
    beth ersehnte, mißglücken.

    Ich teilte dem Mädchen alles mit, was ich von der Mutter er-
    fahren hatte, hatte die Genugtuung, ihr durch die Aufklärung jener
    Geldaffäre wohlzutun, und mutete ihr anderseits zu, die Ungewißheit
    über die Zukunft, die nicht zu zerstreuen war, ruhig zu tragen. Jetzt
    aber drängte der vorgeschrittene Sommer dazu, der Behandlung ein
    Ende zu machen. Sie befand sich wieder wohler, von ihren Schmerzen
    war zwischen uns nicht mehr die Rede, seitdem wir uns mit der Ur-
    sache beschäftigten, auf welche sich die Schmerzen hatten zurück-
    führen lassen. Wir hatten beide die Empfindung, fertig geworden zu
    sein, wenngleich ich mir sagte, daß das Abreagieren der verhaltenen
    Zärtlichkeit nicht gerade sehr vollständig gemacht worden war. Ich
    betrachtete sie als geheilt, verwies sie noch auf das selbsttätige Fort-
    schreiten der Lösung, nachdem eine solche einmal angebahnt war,
    und sie widersprach mir nicht. Sie reiste mit ihrer Mutter ab, um
    die älteste Schwester und deren Familie im gemeinsamen Sommer-
    aufenthalte zu treffen.

    Ich habe noch kurz über den weiteren Verlauf der Krankheit bei
    Fräulein Elisabeth v. R. . . zu berichten. Einige Wochen nach unserem
    Abschiede erhielt ich einen verzweifelten Brief der Mutter, der mir

  • S.

    140

    mitteilte, Elisabeth habe sich beim ersten Versuche, mit ihr von ihren
    Herzensangelegenheiten zu sprechen, in voller Empörung aufgelehnt
    und seither wieder heftige Schmerzen bekommen, sie sei aufgebracht
    gegen mich, weil ich ihr Geheimnis verletzt habe, zeige sich vollkommen
    unzugänglich, die Kur sei gründlich mißlungen. Was nun zu tun wäre?
    Von mir wolle sie nichts wissen. Ich gab keine Antwort; es stand zu
    erwarten, daß sie noch einmal den Versuch machen würde, die Ein-
    mengung der Mutter abzuweisen und in ihre Verschlossenheit zurück-
    zukehren, nachdem sie aus meiner Zucht entlassen war. Ich hatte
    aber eine Art von Sicherheit, es werde sich alles zurechtschütteln,
    meine Mühe sei nicht vergebens angewandt gewesen. Zwei Monate
    später waren sie nach Wien zurückgekehrt, und der Kollege, dem
    ich die Einführung bei der Kranken dankte, brachte mir die Nachricht,
    Elisabeth befinde sich vollkommen wohl, benehme sich wie gesund,
    habe allerdings noch zeitweise etwas Schmerzen. Sie hat mir seither
    noch zu wiederholten Malen ähnliche Botschaften geschickt, jedesmal
    dabei zugesagt, mich aufzusuchen, es ist aber charakteristisch für
    das persönliche Verhältnis, das sich bei solchen Behandlungen heraus-
    bildet, daß sie es nie getan hat. Wie mir mein Kollege versichert, ist
    sie als geheilt zu betrachten, das Verhältnis des Schwagers zur Familie
    hat sich nicht geändert.

    Im Frühjahre 1894 hörte ich, daß sie einen Hausball besuchen
    werde, zu welchem ich mir Zutritt verschaffen konnte, und ich ließ
    mir die Gelegenheit nicht entgehen, meine einstige Kranke im raschen
    Tanze dahinfliegen zu sehen. Sie hat sich seither aus freier Neigung
    mit einem Fremden verheiratet.

    Epikrise.

    Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei
    Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere
    Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß
    die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind,
    und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit
    entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für dieses Ergebnis die
    Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist
    als meine Vorliebe; Lokaldiagnostik und elektrische Reaktionen kommen
    bei dem Studium der Hysterie eben nicht zur Geltung, während eine
    eingehende Darstellung der seelischen Vorgänge, wie man sie vom
    Dichter zu erhalten gewöhnt ist, mir gestattet, bei Anwendung einiger

  • S.

    141

    weniger psychologischer Formeln doch eine Art von Einsicht in den
    Hergang einer Hysterie zu gewinnen. Solche Krankengeschichten
    wollen beurteilt werden wie psychiatrische, haben aber vor letzteren
    eines voraus, nämlich die innige Beziehung zwischen Leidensgeschichte
    und Krankheitssymptomen, nach welcher wir in den Biographien
    anderer Psychosen noch vergebens suchen.

    Ich habe mich bemüht, die Aufklärungen, die ich über den Fall
    des Fräuleins Elisabeth v. R. . . . . geben kann, in die Darstellung ihrer
    Heilungsgeschichte zu verflechten; vielleicht ist es nicht überflüssig,
    das Wesentliche hier im Zusammenhange zu wiederholen. Ich habe
    den Charakter der Kranken geschildert, die Züge, die bei so viel
    Hysterischen wiederkehren und die man wahrhaftig nicht auf Rechnung
    einer Degeneration setzen darf: die Begabung, den Ehrgeiz, die
    moralische Feinfühligkeit, das übergroße Liebesbedürfnis, das zunächst
    in der Familie seine Befriedigung findet, die über das weibliche Ideal
    hinausgehende Selbständigkeit ihrer Natur, die sich in einem guten
    Stücke Eigensinn, Kampfbereitschaft und Verschlossenheit äußert.
    Eine irgend erhebliche hereditäre Belastung war nach den Mitteilungen
    meines Kollegen in den beiden Familien nicht nachweisbar; ihre
    Mutter zwar litt durch lange Jahre an nicht näher erforschter, neuro-
    tischer Verstimmung; deren Geschwister aber, der Vater und dessen
    Familie durften zu den ausgeglichenen, nicht nervösen Menschen ge-
    zählt werden. Ein schwerer Fall von Neuropsychose war bei den
    nächsten Angehörigen nicht vorgefallen.

    Auf diese Natur wirkten nun schmerzliche Gemütsbewegungen
    ein, zunächst der depotenzierende Einfluß einer langen Krankenpflege
    bei dem geliebten Vater.

    Es hat seine guten Gründe, wenn die Krankenpflege in der
    Vorgeschichte der Hysterien eine so bedeutende Rolle spielt. Eine
    Reihe der hierbei wirksamen Momente liegt ja klar zutage, die Störung
    des körperlichen Befindens durch unterbrochenen Schlaf, vernach-
    lässigte Körperpflege, die Rückwirkung einer beständig nagenden
    Sorge auf die vegetativen Funktionen; das Wichtigste aber liegt nach
    meiner Schätzung anderwärts. Wessen Sinn durch die hunderterlei
    Aufgaben der Krankenpflege beschäftigt ist, die sich in unabsehbarer
    Folge wochen- und monatelang aneinander reihen, der gewöhnt sich
    einerseits daran, alle Zeichen der eigenen Ergriffenheit zu unterdrücken,
    anderseits lenkt er sich bald von der Aufmerksamkeit für seine eigenen
    Eindrücke ab, weil ihm Zeit wie Kraft fehlt, ihnen gerecht zu werden.

  • S.

    142

    So speichert der Krankenpfleger eine Fülle von affektfähigen Ein-
    drücken in sich auf, die kaum klar genug perzipiert, jedenfalls nicht
    durch Abreagieren geschwächt worden sind. Er schafft sich das Material
    für eine Retentionshysterie. Genest der Kranke, so werden all diese
    Eindrücke freilich entwertet; stirbt er aber, bricht die Zeit der Trauer
    herein, in welcher nur wertvoll erscheint, was sich auf den Verlorenen
    bezieht, so kommen auch jene der Erledigung harrenden Eindrücke
    an die Reihe, und nach einer kurzen Pause der Erschöpfung
    bricht die Hysterie los, zu der der Keim während der Krankenpflege
    gelegt wurde.

    Man kann dieselbe Tatsache der nachträglichen Erledigung
    während der Krankenpflege gesammelter Traumen gelegentlich auch
    antreffen, wo der Gesamteindruck des Krankseins nicht zustande
    kommt, der Mechanismus der Hysterie aber doch gewahrt wird. So
    kenne ich eine hochbegabte, an leichten nervösen Zuständen leidende
    Frau, deren ganzes Wesen die Hysterika bezeugt, wenngleich sie nie
    den Ärzten zur Last gefallen ist, nie die Ausübung ihrer Pflichten hat
    unterbrechen müssen. Diese Frau hat bereits 3 oder 4 ihrer Lieben
    zu Tode gepflegt, jedesmal bis zur vollen körperlichen Erschöpfung,
    sie ist auch nach diesen traurigen Leistungen nicht erkrankt. Aber
    kurze Zeit nach dem Tode des Kranken beginnt in ihr die Reproduktions-
    arbeit, welche ihr die Szenen der Krankheit und des Sterbens nochmals
    vor die Augen führt. Sie macht jeden Tag jeden Eindruck von neuen
    durch, weint darüber und tröstet sich darüber – man möchte sagen
    in Muße. Solche Erledigung geht bei ihr durch die Geschäfte des Tages
    durch, ohne daß die beiden Tätigkeiten sich verwirren. Das Ganze
    zieht chronologisch an ihr vorüber. Ob die Erinnerungsarbeit eines
    Tages genau einen Tag der Vergangenheit deckt, weiß ich nicht. Ich
    vermute, dies hängt von der Muße ab, welche ihr die laufenden Geschäfte
    des Haushaltes lassen.

    Außer dieser „nachholenden Träne“, die sich an den Todesfall
    mit kurzem Intervall anschließt, hält diese Frau periodische Erinne-
    rungsfeier alljährlich um die Zeit der einzelnen Katastrophen, und hier
    folgt ihre lebhafte visuelle Reproduktion und ihre Affektäußerung
    getreulich dem Datum. Ich treffe sie beispielsweise in Tränen und
    erkundige mich teilnehmend, was es heute gegeben hat. Sie wehrt
    die Nachfrage halb ärgerlich ab: „Ach nein, es war nur heute der
    Hofrat N…. wieder da und hat uns zu verstehen gegeben, daß nichts
    z uerwarten ist. Ich hab’ damals keine Zeit gehabt, darüber zu weinen.“

  • S.

    143

    Sie bezieht sich auf die letzte Krankheit ihres Mannes, der vor 3 Jahren
    gestorben ist. Es wäre mir sehr interessant zu wissen, ob sie bei diesen
    jährlich wiederkehrenden Erinnerungsfeiern stets dieselben Szenen
    wiederholt oder ob sich ihr jedesmal andere Einzelheiten zum Ab-
    reagieren darbie-ten, wie ich im Interesse meiner Theorie vermute. Ich
    kann aber nichts Sicheres darüber erfahren, die ebenso kluge als starke
    Frau schämt sich der Heftigkeit, mit welcher jene Reminiszenzen
    auf sie wirken.

    Ich hebe nochmals hervor: Diese Frau ist nicht krank, das
    nachfolgende Abreagieren ist bei aller Ähnlichkeit doch kein hysterischer
    Vorgang, man darf sich die Frage stellen, woran es liegen mag, daß1)

    1)Ich habe einmal mit Verwunderung erfahren, daß ein solches „nach-
    holendes Abreagieren“ – nach anderen Eindrücken als bei einer Krankenpflege
    – den Inhalt einer sonst rätselhaften Neurose bilden kann. Es war dies bei einem
    schönen 19jährigen Mädchen, Frl. Mathilde H. …, welches ich zuerst mit einer
    unvollständigen Lähmung der Beine sah, dann aber Monate später zur Behandlung
    bekam, weil sie ihren Charakter verändert hatte, bis zur Lebensunlust verstimmt,
    rücksichtslos gegen ihre Mutter, reizbar und unzugänglich geworden war. Das
    ganze Bild der Patientin gestattete mir nicht die Annahme einer gewöhnlichen
    Melancholie. Sie war sehr leicht in tiefen Somnambulismus zu versetzen, und
    ich bediente mich dieser ihrer Eigentümlichkeit, um ihr jedesmal Gebote und
    Suggestionen zu erteilen, die sie im tiefen Schlafe anhörte, mit reichlichen Tränen
    begleitete, die aber sonst an ihrem Befinden wenig änderten. Eines Tages wurde
    sie in der Hypnose gesprächig und teilte mir mit, daß die Ursache ihrer Ver-
    stimmung die vor mehreren Monaten erfolgte Auflösung ihrer Verlobung sei.
    Es hätte sich bei näherer Bekanntschaft mit dem Verlobten immer mehr heraus-
    gestellt, was der Mutter und ihr unerwünscht gewesen wäre, anderseits seien
    die materiellen Vorteile der Verbindung zu greifbar gewesen, um den Entschluß
    des Abbrechens leicht zu machen: so hätten sie beide eine lange Zeit geschwankt,
    sie selbst sei in einen Zustand von Unentschlossenheit geraten, in dem sie apathisch
    alles über sich ergehen ließ, und endlich habe die Mutter für sie das entscheidende
    Nein gesprochen. Eine Weile später sei sie wie aus einem Traum erwacht, habe
    begonnen sich eifrig in Gedanken mit der bereits gefällten Entscheidung zu be-
    fassen, das Für und das Wider bei sich abzuwägen, und dieser Vorgang setzte
    sich bei ihr immer noch fort. Sie lebe in jener Zeit der Zweifel, habe an jedem
    Tage die Stimmung und die Gedanken, die sich für den damaligen Tag geschickt
    hätten, ihre Reizbarkeit gegen die Mutter sei auch nur in damals geltenden Ver-
    hältnissen begründet, und neben dieser Gedankentätigkeit komme ihr das gegen-
    wärtige Leben wie eine Scheinexistenz, wie etwas Geträumtes vor. – Es gelang
    mir nicht wieder, das Mädchen zum Reden zu bringen, ich setzte meinen Zuspruch
    in tiefem Somnambulismus fort, sah sie jedesmal in Tränen ausbrechen, ohne
    daß sie mir je Antwort gab, und eines Tages, ungefähr um den Jahrestag der
    Verlobung, war der ganze Zustand von Verstimmung vorüber, was mir als großer
    hypnotischer Heilerfolg angerechnet wurde.

  • S.

    144

    nach der einen Krankenpflege sich eine Hysterie ergibt, nach der
    andern nicht. An der persönlichen Disposition kann es nicht liegen,
    eine solche war bei der Dame, die ich hier im Sinne habe, im reichsten
    Ausmaße vorhanden.

    Ich kehre zu Fräulein Elisabeth v. R. . . . zurück. Während der
    Pflege ihres Vaters also entstand bei ihr das erstemal ein hysterisches
    Symptom, und zwar ein Schmerz an einer bestimmten Stelle des
    rechten Oberschenkels. Der Mechanismus dieses Symptoms läßt sich
    auf Grund der Analyse hinreichend durchleuchten. Es war ein Moment,
    in welchem der Vorstellungskreis ihrer Pflichten gegen den kranken
    Vater mit dem damaligen Inhalte ihres erotischen Sehnens in Konflikt
    geriet. Sie entschied sich unter lebhaften Selbstvorwürfen für den
    ersteren und schuf sich dabei den hysterischen Schmerz. Nach der
    Auffassung, welche die Konversionstheorie der Hysterie nahe legt,
    wäre der Vorgang folgenderart darzustellen: Sie verdrängte die ero-
    tische Vorstellung aus ihrem Bewußtsein und wandelte deren Affekt-
    größe in somatische Schmerzempfindung um. Ob sich ihr dieser erste
    Konflikt ein einziges Mal oder wiederholte Male darbot, wurde nicht
    klar; wahrscheinlicher ist das letztere. Ein ganz ähnlicher Konflikt
    – indes von höherer moralischer Bedeutung und durch die Analyse
    noch besser bezeugt – wiederholte sich nach Jahren und führte zur
    Steigerung derselben Schmerzen und zu deren Ausbreitung über die
    anfänglich besetzten Grenzen. Wiederum war es ein erotischer Vor-
    stellungskreis, der in Konflikt mit all ihren moralischen Vorstellungen
    geriet, denn die Neigung bezog sich auf ihren Schwager, und sowohl
    zu Lebzeiten als nach dem Tode ihrer Schwester war es ein für
    sie unannehmbarer Gedanke, daß sie sich gerade nach diesem Manne
    sehnen sollte. Über diesen Konflikt, welcher den Mittelpunkt der
    Krankengeschichte darstellt, gibt die Analyse ausführliche Auskunft.
    Die Neigung der Kranken zu ihrem Schwager mochte seit langem
    gekeimt haben, ihrer Entwicklung kam die körperliche Erschöpfung
    durch neuerliche Krankenpflege, die moralische Erschöpfung durch
    mehrjährige Enttäuschungen zugute, ihre innerliche Sprödigkeit
    begann sich damals zu lösen, und sie gestand sich das Bedürfnis nach
    der Liebe eines Mannes ein. Während eines über Wochen ausgedehnten
    Verkehres (in jenem Kurorte) gelangte diese erotische Neigung gleich-
    zeitig mit den Schmerzen zur vollen Ausbildung, und für dieselbe Zeit
    bezeugt die Analyse einen besonderen psychischen Zustand der Kranken,
    dessen Zusammenhang mit der Neigung und den Schmerzen ein

  • S.

    145

    Verständnis des Vorganges im Sinne der Konversionstheorie zu er-
    möglichen scheint.

    Ich muß mich nämlich der Behauptung getrauen, daß die
    Kranke zu jener Zeit sich der Neigung zu ihrem Schwager, so intensiv
    selbe auch war, nicht klar bewußt wurde, außer bei einzelnen seltenen
    Veranlassungen und dann nur für Momente. Wäre es anders gewesen,
    so hätte sie sich auch des Widerspruches zwischen dieser Neigung
    und ihren moralischen Vorstellungen bewußt werden und ähnliche
    Seelenqualen überstehen müssen, wie ich sie nach unserer Analyse
    leiden sah. Ihre Erinnerung hatte von dergleichen Leiden nichts zu
    berichten, sie hatte sich dieselben erspart, folglich war ihr auch die
    Neigung selbst nicht klar geworden; damals wie noch zur Zeit der
    Analyse war die Liebe zu ihrem Schwager nach Art eines Fremdkörpers
    in ihrem Bewußtsein vorhanden, ohne in Beziehungen zu ihrem sonstigen
    Vorstellungsleben getreten zu sein. Es war der eigentümliche Zustand
    des Wissens und gleichzeitigen Nichtwissens in bezug auf diese Neigung
    vorhanden, der Zustand der abgetrennten psychischen Gruppe. Etwas
    anderes ist aber nicht gemeint, wenn man behauptet, diese Neigung
    sei ihr nicht „klar bewußt“ gewesen, es ist nicht gemeint eine niedrigere
    Qualität oder ein geringer Grad von Bewußtsein, sondern eine
    Abtrennung vom freien assoziativen Denkverkehre mit dem übrigen
    Vorstellungsinhalte.

    Wie konnte es nur dazu kommen, daß eine so intensiv betonte
    Vorstellungsgruppe so isoliert gehalten wurde? Im allgemeinen wächst
    doch mit der Affektgröße einer Vorstellung auch deren Rolle in der
    Assoziation.

    Man kann diese Frage beantworten, wenn man auf zwei Tat-
    sachen Rücksicht nimmt, deren man sich als sichergestellt bedienen
    darf, 1. daß gleichzeitig mit der Bildung jener separaten psychischen
    Gruppe die hysterischen Schmerzen entstanden, 2. daß die Kranke
    dem Versuche der Herstellung der Assoziation zwischen der separaten
    psychischen Gruppe und dem übrigen Bewußtseinsinhalt einen großen
    Widerstand entgegensetzte und, als diese Vereinigung doch vollzogen
    war, einen großen psychischen Schmerz empfand. Unsere Auffassung
    der Hysterie bringt diese beiden Momente mit der Tatsache der
    Bewußtseinsspaltung zusammen, indem sie behauptet: in 2. sei der
    Hinweis auf das Motiv der Bewußtseinsspaltung enthalten, in 1. auf
    den Mechanismus derselben. Das Motiv war das der Abwehr,
    das Sträuben des ganzen Ich, sich mit dieser Vorstellungsgruppe zu
    Breuer u. Freud, Studien.
    10

  • S.

    146

    vertragen; der Mechanismus war der der Konversion, d. h. anstatt
    der seelischen Schmerzen, die sie sich erspart hatte, traten körperliche
    auf, es wurde so eine Umwandlung eingeleitet, bei der sich als
    Gewinn herausstellte, daß die Kranke sich einem unerträglichen
    psychischen Zustand entzogen hatte, allerdings auf Kosten einer
    psychischen Anomalie, der zugelassenen Bewußtseinspaltung, und
    eines körperlichen Leidens, der Schmerzen, über welche sich eine
    Astasie-Abasie aufbaute.

    Allerdings eine Anleitung dazu, wie man bei sich eine solche
    Konversion herstellt, kann ich nicht geben; man macht das offenbar
    nicht so, wie man mit Absicht eine willkürliche Handlung ausführt;
    es ist ein Vorgang, der sich unter dem Antriebe des Motivs der Abwehr
    in einem Individuum vollzieht, wenn dieses die Eignung dazu in seiner
    Organisation – oder derzeitigen Modifikation – trägt.

    Man hat ein Recht, der Theorie näher auf den Leib zu rücken
    und zu fragen: Was ist es denn, was sich hier in körperlichen Schmerz
    verwandelt? Die vorsichtige Antwort wird lauten: Etwas, woraus
    seelischer Schmerz hätte werden können und werden sollen. Will man
    sich weiter wagen und eine Art von algebraischer Darstellung der
    Vorstellungsmechanik versuchen, so wird man etwa dem Vorstellungs-
    komplexe dieser unbewußt gebliebenen Neigung einen gewissen Affekt-
    betrag zuschreiben und letztere Quantität als das Konvertierte be-
    zeichnen. Eine direkte Folgerung dieser Auffassung wäre es, daß die
    „unbewußte Liebe“ durch solche Konversion so sehr an Intensität
    eingebüßt, daß sie zu einer schwachen Vorstellung herabgesunken wäre;
    ihre Existenz als abgetrennte psychische Gruppe wäre dann erst durch
    diese Schwächung ermöglicht. Indes ist der vorliegende Fall nicht ge-
    eignet, in dieser so heikeln Materie Anschaulichkeit zu gewähren.
    Er entspricht wahrscheinlich einer bloß unvollständigen Konversion;
    aus anderen Fällen kann man wahrscheinlich machen, daß auch voll-
    ständige Konversionen vorkommen, und daß bei diesen in der Tat
    die unverträgliche Vorstellung „verdrängt“ worden ist, wie nur eine
    sehr wenig intensive Vorstellung verdrängt werden kann. Die Kranken
    versichern nach vollzogener assoziativer Vereinigung, daß sie sich seit
    der Entstehung des hysterischen Symptoms in Gedanken nicht mehr
    mit der unverträglichen Vorstellung beschäftigt haben. –

    Ich habe oben behauptet, daß die Kranke bei gewissen Ge-
    legenheiten, wenngleich nur flüchtig, die Liebe zu ihrem Schwager
    auch bewußt erkannte. Ein solcher Moment war z. B., als ihr am Bette

  • S.

    147

    der Schwester der Gedanke durch den Kopf fuhr: „Jetzt ist er frei
    und du kannst seine Frau werden.“ Ich muß die Bedeutung dieser
    Momente für die Auffassung der ganzen Neurose erörtern. Nun, ich
    meine, in der Annahme einer „Abwehrhysterie“ ist bereits die For-
    derung enthalten, daß wenigstens ein solcher Moment vorgekommen
    ist. Das Bewußtsein weiß ja nicht vorher, wann sich eine unverträgliche
    Vorstellung einstellen wird; die unverträgliche Vorstellung, die später
    mit ihrem Anhange zur Bildung einer separaten psychischen Gruppe
    ausgeschlossen wird, muß ja anfänglich im Denkverkehre gestanden
    sein, sonst hätte sich der Konflikt nicht ergeben, der ihre Ausschließung
    herbeigeführt hat1). Gerade diese Momente sind also als die „traumati-
    schen“ zu bezeichnen; in ihnen hat die Konversion stattgefunden,
    deren Ergebnisse die Bewußtseinsspaltung und das hysterische Symptom
    sind. Bei Fräulein Elisabeth v. R... deutet alles auf eine Mehrheit
    von solchen Momenten (die Szenen vom Spaziergange, Morgenmedi-
    tation, Bad, am Bette der Schwester); vielleicht kamen sogar neue
    Momente dieser Art während der Behandlung vor. Die Mehrheit solcher
    traumatischer Momente wird nämlich dadurch ermöglicht, daß ein
    ähnliches Erlebnis wie jenes, das die unverträgliche Vorstellung zuerst
    einführte, der abgetrennten psychischen Gruppe neue Erregung zu-
    führt und so den Erfolg der Konversion vorübergehend aufhebt. Das
    Ich muß sich mit dieser plötzlich verstärkt aufleuchtenden Vorstellung
    beschäftigen und muß dann durch neuerliche Konversion den früheren
    Zustand wieder herstellen. Fräulein Elisabeth, die beständig mit
    ihrem Schwager verkehrte, mußte dem Auftauchen neuer Traumen
    besonders ausgesetzt sein. Ein Fall, dessen traumatische Geschichte
    in der Vergangenheit abgeschlossen lag, wäre mir für diese Darstellung
    erwünschter gewesen.

    Ich muß mich nun mit einem Punkte beschäftigen, den ich als
    eine Schwierigkeit für das Verständnis der vorstehenden Kranken-
    geschichte bezeichnet habe. Auf Grund der Analyse nahm ich an, daß
    eine erste Konversion bei der Kranken während der Pflege ihres Vaters
    stattgefunden, und zwar damals, als ihre Pflichten als Pflegerin in
    Widerstreit mit ihrem erotischen Sehnen gerieten, und daß dieser
    Vorgang das Vorbild jenes späteren war, der im Alpenkurorte zum
    Ausbruch der Krankheit führte. Nun ergibt sich aber aus den Mit-
    teilungen der Kranken, daß sie zur Zeit der Krankenpflege und in

    1)Anders bei einer Hypnoidhysterie; hier wäre der Inhalt der separaten
    psychischen Gruppe nie im Ichbewußtsein gewesen.

  • S.

    148

    dem darauffolgenden Zeitabschnitte, den ich als „erste Periode“ be-
    zeichnet habe, überhaupt nicht an Schmerzen und Geh-
    schwäche gelitten hat. Sie war zwar während der Krankheit des
    Vaters einmal durch wenige Tage mit Schmerzen in den Füßen bett-
    lägerig, aber es ist zweifelhaft geblieben, ob dieser Anfall bereits der
    Hysterie zugeschrieben werden muß. Eine kausale Beziehung zwischen
    diesen ersten Schmerzen und irgend welchem psychischen Eindru-
    cke
    ließ sich bei der Analyse nicht erweisen; es ist möglich, ja sogar wahr-
    scheinlich, daß es sich damals um gemeine, rheumatische Muskel-
    schmerzen gehandelt hat. Wollte man selbst annehmen, daß dieser
    erste Schmerzanfall das Ergebnis einer hysterischen Konversion infolge
    der Ablehnung ihrer damaligen erotischen Gedanken war, so bleibt
    doch die Tatsache übrig, daß die Schmerzen nach wenigen Tagen ver-
    schwanden, so daß die Kranke sich also in der Wirklichkeit anders
    verhalten hatte, als sie während der Analyse zu zeigen schien. Während
    der Reproduktion der sogenannten ersten Periode begleitete sie alle
    Erzählungen von der Krankheit und dem Tode des Vaters, von den
    Eindrücken aus dem Verkehre mit dem ersten Schwager u. dgl. mit
    Schmerzensäußerungen, während sie zur Zeit, da sie diese Eindrücke
    erlebte, keine Schmerzen verspürte. Ist das nicht ein Widerspruch,
    der geeignet ist, das Vertrauen in den aufklärenden Wert einer solchen
    Analyse recht herabzusetzen?

    Ich glaube den Widerspruch lösen zu können, indem ich an-
    nehme, die Schmerzen – das Produkt der Konversion – seien nicht
    entstanden, während die Kranke die Eindrücke der ersten Periode
    erlebte, sondern nachträglich, also in der zweiten Periode, als die Kranke
    diese Eindrücke in ihren Gedanken reproduzierte. Die Konversion sei
    erfolgt nicht an den frischen Eindrücken, sondern an den Erinnerungen
    derselben. Ich meine sogar, ein solcher Vorgang sei nichts Außer-
    gewöhnliches bei der Hysterie, habe einen regelmäßigen Anteil an der
    Entstehung hysterischer Symptome. Da aber eine solche Behauptung
    gewiß nicht einleuchtet, werde ich versuchen, sie durch andere Er-
    fahrungen glaubwürdiger zu machen.

    Es geschah mir einmal, daß sich während einer derartigen ana-
    lytischen Behandlung bei einer Kranken ein neues hysterisches Symptom
    ausbildete, so daß ich dessen Wegräumung am Tage nach seinem
    Entstehen in Angriff nehmen konnte.

    Ich will die Geschichte dieser Kranken in ihren wesentlichen Zügen
    hier einschieben; sie ist ziemlich einfach und doch nicht ohne Interesse.

  • S.

    149

    Frl. Rosalia H..., 23 Jahre alt, seit einigen Jahren bemüht,
    sich zur Sängerin auszubilden, klagt darüber, daß ihre schöne Stimme
    ihr in gewissen Lagen nicht gehorcht. Es tritt ein Gefühl von Würgen
    und Schnüren in der Kehle ein, so daß der Ton wie gepreßt klingt;
    ihr Lehrer hat ihr darum noch nicht gestatten können, sich vor dem
    Publikum als Sängerin zu zeigen; obwohl diese Unvollkommenheit nur
    die Mittellage betrifft, so kann sie doch nicht durch einen Fehler ihres
    Organs erklärt werden; zuzeiten bleibt die Störung ganz aus, so
    daß sich der Lehrer für sehr befriedigt erklärt, andere Male, auf die
    leiseste Erregung hin, auch scheinbar ohne jeden Grund, tritt die
    schnürende Empfindung wieder ein, und die freie Stimmentfaltung ist
    behindert. Es war nicht schwer, in dieser belästigenden Empfindung
    die hysterische Konversion zu erkennen; ob tatsächlich eine Kon-
    traktur in gewissen Muskeln der Stimmbänder eintrat, habe ich nicht
    feststellen lassen1). In der hypnotischen Analyse, die ich mit dem
    Mädchen unternahm, erfuhr ich folgendes von ihren Schicksalen und
    damit von der Verursachung ihrer Beschwerden; sie war, früh ver-
    waist, von einer selbst kinderreichen Tante ins Haus genommen worden
    und wurde dadurch Teilnehmerin an einem höchst unglücklichen
    Familienleben. Der Mann dieser Tante, eine offenbar pathologische
    Persönlichkeit, mißhandelte Frau und Kinder in rohester Weise und
    kränkte sie besonders durch die unverhohlene sexuelle Bevorzugung
    der im Hause befindlichen Dienst-
     und Kindermädchen, was um so
    anstößiger wurde, je mehr die Kinder heranwuchsen. Als die Tante
    starb, wurde Rosalia die Schützerin der verwaisten und vom Vater
    bedrängten Kinderschar. Sie nahm ihre Pflichten ernst, focht alle
    Konflikte durch, zu denen sie diese Stellung führte, hatte aber dabei
    die größte Mühe aufzuwenden, um die Äußerungen ihres Hasses und

    1)Ich habe einen andern Fall beobachtet, in dem eine Kontraktur der
    Masseteren der Sängerin die Ausübung ihrer Kunst unmöglich machte. Die junge
    Frau war durch peinliche Erlebnisse in ihrer Familie veranlaßt worden, sich zur
    Bühne zu wenden. Sie sang in Rom in großer Erregung Probe, als sie plötzlich
    die Empfindung bekam, sie könne den geöffneten Mund nicht schließen; sie fiel
    ohnmächtig zu Boden. Der geholte Arzt drückte die Kiefer gewaltsam zusammen;
    die Kranke aber blieb von da an unfähig, die Kiefer weiter als die Breite eines
    Fingers voneinander zu entfernen, und mußte den neugewählten Beruf aufgeben.
    Als sie mehrere Jahre später in meine Behandlung kam, waren die Ursachen
    jener Erregung offenbar längst abgetan, denn eine Massage in leichter Hypnose
    reichte hin, um ihr den Mund weit zu öffnen. Die Dame hat seither öffentlich
    gesungen.

  • S.

    150

    ihrer Verachtung gegen den Onkel zu unterdrücken. Damals entstand
    in ihr die Empfindung des Schnürens im Halse; jedesmal, wenn sie
    eine Antwort schuldig bleiben mußte, wenn sie sich gezwungen hatte,
    auf eine empörende Beschuldigung ruhig zu bleiben, fühlte sie das
    Kratzen in der Kehle, das Zusammenschnüren, das Versagen der
    Stimme, kurz alle die im Kehlkopfe und Schlunde lokalisierten Emp-
    findungen, die sie jetzt im Singen störten. Es war begreiflich, daß sie
    nach der Möglichkeit suchte sich selbständig zu machen, um den Auf-
    regungen und peinlichen Eindrücken zu entgehen, die jeder Tag im
    Hause des Onkels brachte. Ein tüchtiger Gesanglehrer nahm sich ihrer
    uneigennützig an und versicherte ihr, daß ihre Stimme sie berechtige,
    den Beruf einer Sängerin zu wählen. Sie begann nun heimlich Unterricht
    bei ihm zu nehmen, aber dadurch, daß sie oft mit dem Schnüren im
    Halse, wie es nach heftigen häuslichen Szenen übrig blieb, zum Sang-
    unterrichte wegeilte, festigte sich eine Beziehung zwischen dem Singen
    und der hysterischen Parästhesie, die schon durch die Organempfindung
    beim Singen angebahnt war. Der Apparat, über den sie beim Singen
    frei hätte verfügen sollen, zeigte sich besetzt mit Innervationsresten
    nach jenen zahlreichen Szenen unterdrückter Erregung. Sie hatte
    seither das Haus ihres Onkels verlassen, war in eine fremde Stadt
    gezogen, um der Familie fern zu bleiben, aber das Hindernis war damit
    nicht überwunden. Andere hysterische Symptome zeigte das schöne,
    ungewöhnlich verständige Mädchen nicht.

    Ich bemühte mich, diese „Retentionshysterie“ durch Reprodu-
    zieren aller erregenden Eindrücke und nachträgliches Abreagieren zu
    erledigen. Ich ließ sie schimpfen, Reden halten, dem Onkel tüchtig
    die Wahrheit ins Gesicht sagen u. dgl. Diese Behandlung tat ihr auch
    sehr wohl; leider lebte sie unterdes hier in recht ungünstigen Ver-
    hältnissen. Sie hatte kein Glück mit ihren Verwandten. Sie war Gast
    bei einem anderen Onkel, der sie auch freundlich aufnahm; aber gerade
    dadurch erregte sie das Mißfallen der Tante. Diese Frau vermutete
    bei ihrem Manne ein tiefergehendes Interesse an seiner Nichte und
    ließ es sich angelegen sein, dem Mädchen den Aufenthalt in Wien
    gründlich zu verleiden. Sie hatte selbst in ihrer Jugend einer Neigung
    zur Künstlerschaft entsagen müssen und neidete es jetzt der Nichte,
    daß sie ihr Talent ausbilden konnte, obwohl hier nicht Neigung, sondern
    Drang zur Selbständigkeit die Entschließung herbeigeführt hatte.
    Rosalie fühlte sich so beengt im Hause, daß sie z. B. nicht zu singen
    oder Klavier zu spielen wagte, wenn die Tante in Hörweite war, und

  • S.

    151

    daß sie es sorgfältig vermied, dem übrigens betagten Onkel – Bruder
    ihrer Mutter – etwas vorzuspielen oder vorzusingen, wenn die Tante
    hinzukommen konnte. Während ich mich bemühte, die Spuren alter
    Erregungen zu tilgen, entstanden aus diesem Verhältnisse zu ihren
    Gastgebern neue, die endlich auch den Erfolg meiner Behandlung
    störten und vorzeitig die Kur unterbrachen.

    Eines Tages erschien die Patientin bei mir mit einem neuen,
    kaum 24 Stunden alten Symptom. Sie klagte über ein unangenehmes
    Prickeln in den Fingerspitzen, das seit gestern alle paar Stunden auf
    trete und sie nötige, ganz besondere, schnellende Bewegungen mit
    den Fingern zu machen. Ich konnte den Anfall nicht sehen, sonst hätte
    ich wohl aus dem Anblicke der Fingerbewegungen den Anlaß erraten;
    ich versuchte aber sofort der Begründung des Symptoms (eigentlich
    des kleinen hysterischen Anfalles) durch hypnotische Analyse auf die
    Spur zu kommen. Da das Ganze erst seit so kurzer Zeit bestand,
    hoffte ich Aufklärung und Erledigung rasch herbeiführen zu können.
    Zu meinem Erstaunen brachte mir die Kranke – ohne Zaudern und
    in chronologischer Ordnung – eine ganze Reihe von Szenen, in früher
    Kindheit beginnend, denen etwa gemeinsam war, daß sie ein Unrecht
    ohne Abwehr geduldet hatte, so daß es ihr dabei in den Fingern zucken
    konnte, z. B. Szenen, wie daß sie in der Schule die Hand hinhalten mußte,
    auf die ihr der Lehrer mit dem Lineal einen Schlag versetzte. Es waren
    aber banale Anlässe, denen ich die Berechtigung, in die Ätiologie eines
    hysterischen Symptoms einzugehen, gerne bestritten hätte. Anders
    stand es mit einer Szene aus ihren ersten Mädchenjahren, die sich
    daran schloß. Der böse Onkel, der an Rheumatismus litt, hatte von
    ihr verlangt, daß sie ihn am Rücken massiere. Sie getraute sich nicht,
    es zu verweigern. Er lag dabei zu Bette, plötzlich warf er die Decke
    ab, erhob sich, wollte sie packen und hinwerfen. Sie unterbrach natürlich
    die Massage und hatte sich im nächsten Momente geflüchtet und in
    ihrem Zimmer versperrt. Sie erinnerte sich offenbar nicht gerne an
    dieses Erlebnis, wollte sich auch nicht äußern, ob sie bei der plötz-
    lichen Entblößung des Mannes etwas gesehen habe. Die Empfindung
    in den Fingern mochte dabei durch den unterdrückten Impuls zu
    erklären sein, ihn zu züchtigen, oder einfach daher rühren, daß sie
    eben mit der Massage beschäftigt war. Erst nach dieser Szene kam
    sie auf die gestern erlebte zu sprechen, nach welcher sich Empfindung
    und Zucken in den Fingern als wiederkehrendes Erinnerungssymbol
    eingestellt hatten. Der Onkel, bei dem sie jetzt wohnte, hatte sie

  • S.

    152

    gebeten, ihm etwas vorzuspielen; sie setzte sich ans Klavier und be
    gleitete sich dabei mit Gesang in der Meinung, die Tante sei ausgegangen.
    Plötzlich kam die Tante in die Türe; Rosalie sprang auf, warf den
    Deckel des Klaviers zu und schleuderte das Notenblatt weg; es ist
    auch zu erraten, welche Erinnerung in ihr auftauchte und welchen
    Gedankengang sie in diesem Momente abwehrte, den der Erbitterung
    über den ungerechten Verdacht, der sie eigentlich bewegen sollte, das
    Haus zu verlassen, während sie doch der Kur wegen genötigt war, in
    Wien zu bleiben, und eine andere Unterkunft nicht hatte. Die Be-
    wegung der Finger, die ich bei der Reproduktion dieser Szene sah,
    war die des Fortschnellens, als ob man – wörtlich und figürlich –
    etwas von sich weisen würde, ein Notenblatt wegfegen oder eine
    Zumutung abtun.

    Sie war ganz bestimmt in ihrer Versicherung, daß sie dieses
    Symptom nicht vorher – nicht aus Anlaß der zuerst erzählten Szenen-
    – verspürt hatte. Was blieb also übrig anzunehmen, als daß das gestrige
    Erlebnis zunächst die Erinnerung an frühere ähnlichen Inhaltes geweckt,
    und daß dann die Bildung eines Erinnerungssymbols der ganzen Gruppe
    von Erinnerungen gegolten hatte? Die Konversion war einerseits von
    frischerlebtem, anderseits von erinnertem Affekt bestritten worden.

    Wenn man sich die Sachlage näher überlegt, muß man zugestehen,
    daß ein solcher Vorgang eher als Regel denn als Ausnahme bei der
    Entstehung hysterischer Symptome zu bezeichnen ist. Fast jedesmal,
    wenn ich nach der Determinierung solcher Zustände forschte, fand sich
    nicht ein einziger, sondern eine Gruppe von ähnlichen traumatischen
    Anlässen vor (vgl. die schönen Beispiele bei Frau Emmy in der Kranken-
    geschichte II). Für manche dieser Fälle ließ sich feststellen, daß das
    betreffende Symptom schon nach dem ersten Trauma für kurze Zeit
    erschienen war, um dann zurückzutreten, bis es durch ein nächstes
    Trauma neuerdings hervorgerufen und stabilisiert wurde. Zwischen
    diesem zeitweiligen Hervortreten und dem überhaupt Latentbleiben
    nach den ersten Anlässen ist aber kein prinzipieller Unterschied zu
    konstatieren, und in einer überwiegend großen Anzahl von Beispielen
    ergab sich wiederum, daß die ersten Traumen kein Symptom hinter-
    lassen hatten, während ein späteres Trauma derselben Art ein Symptom
    hervorrief, welches doch zu seiner Entstehung der Mitwirkung der
    früheren Anlässe nicht entbehren konnte, und dessen Lösung wirklich
    die Berücksichtigung aller Anlässe erforderte. In die Ausdrucksweise
    der Konversionstheorie übersetzt, will diese unleugbare Tatsache der

  • S.

    153

    Summation der Traumen und der erstweiligen Latenz der Symptome
    besagen, daß die Konversion ebensogut vom frischen wie vom er-
    innerten Affekt statthaben kann, und diese Annahme klärt den Wider-
    spruch völlig auf, in dem bei Fräulein Elisabeth v. R... Kranken-
    geschichte und Analyse zu stehen scheinen.

    Es ist ja keine Frage, daß die Gesunden die Fortdauer von Vor-
    stellungen mit unerledigtem Affekte in ihrem Bewußtsein im großen
    Ausmaße ertragen. Die Behauptung, die ich eben verfochten, nähert
    bloß das Verhalten der Hysterischen dem der Gesunden an. Es kommt
    offenbar auf ein quantitatives Moment an, nämlich darauf, wieviel
    von solcher Affektspannung eine Organisation verträgt. Auch der
    Hysterische wird ein gewisses Maß unerledigt beibehalten können;
    wächst dasselbe durch Summation bei ähnlichen Anlässen über die
    individuelle Tragfähigkeit hinaus, so ist der Anstoß zur Konversion
    gegeben. Es ist also keine fremdartige Aufstellung, sondern beinahe
    ein Postulat, daß die Bildung hysterischer Symptome auch auf Kosten
    von erinnertem Affekte vor sich gehen können.

    Ich habe mich nun mit dem Motive und mit dem Mechanis-
    mus dieses Falles von Hysterie beschäftigt; es erübrigt noch, die
    Determinierung des hysterischen Symptoms zu erörtern. Warum
    mußten gerade die Schmerzen in den Beinen die Vertretung des seeli-
    schen Schmerzes übernehmen? Die Umstände des Falles weisen darauf
    hin, daß dieser somatische Schmerz nicht von der Neurose geschaffen,
    sondern bloß von ihr benutzt, gesteigert und erhalten wurde. Ich will
    gleich hinzusetzen, in den allermeisten Fällen von hysterischen Algien,
    in welche ich Einsicht bekommen konnte, war es ähnlich; es war immer
    zu Anfang ein wirklicher, organisch begründeter Schmerz vorhanden
    gewesen. Es sind die gemeinsten, verbreitetsten Schmerzen der Mensch-
    heit, die am häufigsten dazu berufen erscheinen, eine Rolle in der
    Hysterie zu spielen, vor allem die periostalen und neuralgischen
    Schmerzen bei Erkrankung der Zähne, die aus so verschiedenen Quellen
    stammenden Kopfschmerzen, und nicht minder die so häufig verkannten
    rheumatischen Schmerzen der Muskeln. Den ersten Anfall von
    Schmerzen, den Fräulein Elisabeth v. R... noch während der Pflege
    ihres Vaters gehabt, halte ich auch für einen organisch begründeten.
    Ich erhielt nämlich keine Auskunft, als ich nach einem psychischen
    Anlasse dafür forschte, und ich bin, ich gestehe es, geneigt, meiner
    Methode des Hervorrufens versteckter Erinnerungen differential-
    diagnostische Bedeutung beizulegen, wenn sie sorgfältig gehandhabt

  • S.

    154

    wird. Dieser ursprünglich rheumatische1 Schmerz wurde nun bei der
    Kranken zum Erinnerungssymbole für ihre schmerzlichen psychischen
    Erregungen, und zwar, soviel ich sehen kann, aus mehr als einem
    Grunde. Zunächst und hauptsächlich wohl darum, weil er ungefähr
    gleichzeitig mit jenen Erregungen im Bewußtsein vorhanden war;
    zweitens weil er mit dem Vorstellungs-
    inhalte jener Zeit in mehrfacher
    Weise verknüpft war oder verknüpft sein konnte. Er war vielleicht
    überhaupt nur eine entfernte Folge der Kranken-
    pflege, der verringerten
    Bewegung und der schlechteren Ernährung, welche das Amt der
    Pflegerin mit sich brachte. Aber das war der Kranken-
    kaum klar
    geworden; mehr in Betracht kommt wohl, daß sie ihn in bedeutsamen
    Momenten der Pflege spüren mußte, z. B. wenn sie in der Winterkälte
    aus dem Bette sprang, um dem Rufe des Vaters zu folgen. Geradezu
    entscheidend-
    für die Richtung, welche die Konversion nahm, mußte
    aber die andere Weise der assoziativen-
    Verknüpfung sein, der Um-
    stand, daß durch eine lange Reihe von Tagen eines ihrer schmerz-
    haften
    Beine mit dem geschwollenen Beine des Vaters beim Wechsel der
    Binden in Berührung kam. Die durch diese Berührung ausge-
    zeichnete
    Stelle des rechten Beines blieb von da an der Herd und Ausgangs-
    punkt
    der Schmerzen, eine künstliche hysterogene Zone, deren Entstehung
    sich in diesem Falle klar durchschauen läßt.
    Sollte sich jemand über diese assozia-
    tive Verknüpfung zwischen
    physischem Schmerze und psychischem Affekte als eine zu vielfäl-
    tige
    und künstliche verwundern, so würde ich antworten, solche Ver-
    wunderung sei ebenso unbillig wie jene andere darüber, „daß gerade
    die Reichsten in der Welt das meiste Geld besitzen“. Wo nicht so
    reichliche Verknüpfung vorliegt, da bildet sich eben kein hysterisches-
    Symptom, da findet die Konversion keinen Weg; und ich kann ver-
    sichern, daß das Beispiel des Fräuleins Elisabeth v. R . . . in Hinsicht der
    Determinierung-
    zu den einfacheren gehörte. Ich habe, besonders bei Frau
    Cäcilie M . . ., die verschlungensten Knoten dieser Art zu lösen gehabt.
    Wie sich über diese Schmerzen die Astasie-
    Abasie unserer Kranken
    aufbaute, nachdem einmal der Konversion ein bestimmter Weg ge-
    öffnet war, dies habe ich schon in der Kranken-
    geschichte erörtert.
    Ich habe aber dort auch die Behauptung vertreten, daß die Kranke
    die Funktions-
    störung durch Symbolisierung geschaffen oder gesteigert,
    daß sie für ihre Unselbständig-
    keit, ihre Ohnmacht, etwas an den Ver-
    hältnissen-
    zu ändern, einen somatischen Ausdruck fand in der Abasie-
     

    1)Vielleicht aber spinal-neurasthenische?

  • S.

    155

    Astasie, und daß die Redensarten: Nicht von der Stelle kommen,
    keinen Anhalt haben u. dgl. die Brücke für diesen neuen Akt der
    Konversion bildeten. Ich werde mich bemühen, diese Auffassung durch
    andere Beispiele zu stützen.

    Die Konversion auf Grund von Gleichzeitigkeit bei sonst vor-
    handener assoziativer Verknüpfung scheint an die hysterische Dispo-
    sition die geringsten Ansprüche zu stellen; die Konversion durch
    Symbolisierung hingegen eines höheren Grades von hysterischer Modi-
    fikation zu bedürfen, wie sie auch bei Fräulein Elisabeth erst im späteren
    Stadium ihrer Hysterie nachweisbar ist. Die schönsten Beispiele von
    Symbolisierung habe ich bei Frau Cäcilie M… beobachtet, die ich
    meinen schwersten und lehrreichsten Fall von Hysterie nennen darf. Ich
    habe bereits angedeutet, daß sich diese Krankengeschichte leider einer
    ausführlichen Wiedergabe entzieht.

    Frau Cäcilie litt unter anderen Dingen an einer überaus heftigen
    Gesichtsneuralgie, die 2–3mal im Jahre plötzlich auftrat, 5–10 Tage
    anhielt, jeder Therapie trotzte und dann wie abgeschnitten aufhörte.
    Sie beschränkte sich auf den zweiten und dritten Ast des einen Trige-
    minus, und da Uraturie zweifellos war, und ein nicht ganz klarer
    „Rheumatismus acutus“ in der Geschichte der Kranken eine gewisse
    Rolle spielte, lag die Auffassung einer gichtischen Neuralgie nahe
    genug. Diese Auffassung wurde auch von den Konsiliarärzten, die
    jeden Anfall zu sehen bekamen, geteilt; die Neuralgie sollte mit den
    gebräuchlichen Methoden: elektrische Pinselung, alkalische Wässer,
    Abführmittel, behandelt werden, blieb aber jedesmal unbeeinflußt, bis
    es ihr beliebte, einem andern Symptom den Platz zu räumen. In früheren
    Jahren – die Neuralgie war 15 Jahre alt – waren die Zähne be-
    schuldigt worden, diese Neuralgie zu unterhalten; sie wurden zur Ex-
    traktion verurteilt, und eines schönen Tages wurde in der Narkose
    die Exekution an 7 der Missetäter vollzogen. Das ging nicht so leicht
    ab; die Zähne saßen so fest, daß von den meisten die Wurzeln zurück-
    gelassen werden mußten. Erfolg hatte diese grausame Operation keinen,
    weder zeitweiligen noch dauernden. Die Neuralgie tobte damals monate-
    lang. Auch zur Zeit meiner Behandlung wurde bei jeder Neuralgie
    der Zahnarzt geholt; er erklärte jedesmal kranke Wurzeln zu finden,
    begann sich an die Arbeit zu machen, wurde aber gewöhnlich bald
    unterbrochen, denn die Neuralgie hörte plötzlich auf und mit ihr das
    Verlangen nach dem Zahnarzte. In den Intervallen taten die Zähne
    gar nicht weh. Eines Tages, als gerade wieder ein Anfall wütete, wurde

  • S.

    156

    ich von der Kranken zur hypnotischen Behandlung veranlaßt, ich
    legte auf die Schmerzen ein sehr energisches Verbot, und sie hörten
    von diesem Momente an auf. Ich begann damals Zweifel an der Echt-
    heit dieser Neuralgie zu nähren.

    Etwa ein Jahr nach diesem hypnotischen Heilerfolge nahm der
    Krankheitszustand der Frau Cäcilie eine neue und überraschende
    Wendung. Es kamen plötzlich andere Zustände, als sie den letzten
    Jahren eigen gewesen waren, aber die Kranke erklärte nach einigem
    Besinnen, daß alle diese Zustände bei ihr früher einmal dagewesen
    wären, und zwar über den langen Zeitraum ihrer Krankheit (30 Jahre)
    verstreut. Es wickelte sich nun wirklich eine überraschende Fülle von
    hysterischen Zufällen ab, welche die Kranke an ihre richtige Stelle
    in der Vergangenheit zu lokalisieren vermochte, und bald wurden
    auch die oft sehr verschlungenen Gedankenverbindungen kenntlich,
    welche die Reihenfolge dieser Zufälle bestimmten. Es war wie eine
    Reihe von Bildern mit erläuterndem Texte. Pitres muß mit der Auf-
    stellung seines Délire ecmnesique etwas Derartiges im Auge
    gehabt haben. Die Art, wie ein solcher der Vergangenheit angehöriger
    hysterischer Zustand reproduziert wurde, war höchst merkwürdig.
    Es tauchte zuerst im besten Befinden der Kranken eine pathologische
    Stimmung besonderer Färbung auf, welche von der Kranken regelmäßig
    verkannt und auf ein banales Ereignis der letzten Stunden bezogen
    wurde; dann folgten unter zunehmender Trübung des Bewußtseins
    hysterische Symptome: Halluzinationen, Schmerzen, Krämpfe, lange
    Deklamationen, und endlich schloß sich an diese das halluzinatorische
    Auftauchen eines Erlebnisses aus der Vergangenheit, welches die
    initiale Stimmung erklären und die jeweiligen Symptome determinieren
    konnte. Mit diesem letzten Stücke des Anfalles war die Klarheit wieder
    da, die Beschwerden verschwanden wie durch Zauber, und es herrschte
    wieder Wohlbefinden – bis zum nächsten Anfalle, einen halben Tag
    später. Gewöhnlich wurde ich auf der Höhe des Zustandes geholt,
    leitete die Hypnose ein, rief die Reproduktion des traumatischen Er-
    lebnisses hervor und bereitete dem Anfalle durch Kunsthilfe ein früheres
    Ende. Indem ich mehrere hunderte solcher Zyklen mit der Kranken
    durchmachte, erhielt ich die lehrreichsten Aufschlüsse über Deter-
    minierung hysterischer Symptome. Auch war die Beobachtung dieses
    merkwürdigen Falles in Gemeinschaft mit Breuer der nächste Anlaß
    zur Veröffentlichung unserer „vorläufigen Mitteilung“.

    In diesem Zusammenhange kam es endlich auch zur Reproduktion

  • S.

    157

    der Gesichtsneuralgie, die ich als aktuellen Anfall noch selbst behandelt
    hatte. Ich war neugierig, ob sich eine psychische Verursachung hier
    ergeben würde. Als ich die traumatische Szene hervorzurufen ver-
    suchte, sah sich die Kranke in eine Zeit großer seelischer Empfindlich-
    keit gegen ihren Mann versetzt, erzählte von einem Gespräche, das
    sie mit ihm geführt, von einer Bemerkung seinerseits, die sie als schwere
    Kränkung aufgefaßt, dann faßte sie sich plötzlich an die Wange, schrie
    vor Schmerz laut auf und sagte: Das war mir wie ein Schlag ins Gesicht.
    – Damit war aber auch Schmerz und Anfall zu Ende.

    Kein Zweifel, daß es sich hier um eine Symbolisierung gehandelt
    hatte; sie hatte gefühlt, als ob sie den Schlag ins Gesicht wirklich
    bekommen hätte. Nun wird jedermann die Frage aufwerfen, wieso
    wohl die Empfindung eines „Schlages ins Gesicht“ zu den Äußerlich-
    keiten einer Trigeminusneuralgie, zur Beschränkung auf den 2. und
    3. Ast, zur Steigerung beim Mundöffnen und Kauen (nicht beim Reden!)
    gelangt sein mag.

    Am nächsten Tage war die Neuralgie wieder da, nur ließ sie
    sich diesmal durch die Reproduktion einer anderen Szene lösen, deren
    Inhalt gleichfalls eine vermeintliche Beleidigung war. So ging es neun
    Tage lang fort; es schien sich zu ergehen, daß Jahre hindurch Krän-
    kungen, insbesondere durch Worte, auf dem Wege der Symbolisierung
    neue Anfälle dieser Gesichtsneuralgie hervorgerufen hatten.

    Endlich gelang es aber, auch zum ersten Anfalle von Neuralgie
    (vor mehr als 15 Jahren) vorzudringen. Hier fand sich keine Sym-
    bolisierung, sondern eine Konversion durch Gleichzeitigkeit; es war
    ein schmerzlicher Anblick, bei dem ihr ein Vorwurf auftauchte, welcher
    sie veranlaßte, eine andere Gedankenreihe zurückzudrängen. Es war
    also ein Fall von Konflikt und Abwehr; die Entstehung der Neuralgie
    in diesem Momente nicht weiter erklärlich, wenn man nicht annehmen
    wollte, daß sie damals an leichten Zahn- oder Gesichtsschmerzen ge-
    litten, und dies war nicht unwahrscheinlich, denn sie hatte sich
    gerade in den ersten Monaten der ersten Gravidität befunden.

    So ergab sich also als Aufklärung, daß diese Neuralgie auf dem
    gewöhnlichen Wege der Konversion zum Merkzeichen einer bestimmten
    psychischen Erregung geworden war, daß sie aber in der Folge durch
    assoziative Anklänge aus dem Gedankenleben, durch symbolisierende
    Konversion geweckt werden konnte; eigentlich dasselbe Verhalten,
    das wir bei Fräulein Elisabeth v. R… gefunden haben.

    Ich will ein zweites Beispiel anführen, welches die Wirksamkeit

  • S.

    158

    der Symbolisierung unter anderen Bedingungen anschaulich machen
    kann: Zu einer gewissen Zeit plagte Frau Cäcilie ein heftiger Schmerz
    in der rechten Ferse, Stiche bei jedem Schritte, die das Gehen unmöglich
    machten. Die Analyse führte uns dabei auf eine Zeit, in welcher sich die
    Patientin in einer ausländischen Heilanstalt befunden hatte. Sie war
    8 Tage lang in ihrem Zimmer gelegen, sollte dann vom Hausarzte das
    erstemal zur gemeinsamen Tafel abgeholt werden. Der Schmerz war
    in dem Momente entstanden, als die Kranke seinen Arm nahm, um
    das Zimmer zu verlassen; er schwand während der Reproduktion
    dieser Szene, als die Kranke den Satz aussprach: Damals habe sie die
    Furcht beherrscht, ob sie auch das „rechte Auftreten“ in der fremden
    Gesellschaft treffen werde!

    Dies scheint nun ein schlagendes, beinahe komisches Beispiel
    von Entstehung hysterischer Symptome durch Symbolisierung ver-
    mittels des sprachlichen Ausdruckes. Allein ein näheres Eingehen auf
    die Umstände jenes Momentes bevorzugt eine andere Auffassung. Die
    Kranke litt zu jener Zeit überhaupt an Fußschmerzen, sie war wegen
    Fußschmerzen solange zu Bette geblieben; und es kann nur zugegeben
    werden, daß die Furcht, von der sie bei den ersten Schritten befallen
    wurde, aus den gleichzeitig vorhandenen Schmerzen den einen, sym-
    bolisch passenden, in der rechten Ferse hervorſuchte, um ihn zu einer
    psychischen Algie auszubilden und ihm zu einer besonderen Fortdauer
    zu verhelfen.

    Erscheint in diesen Beispielen der Mechanismus der Symboli-
    sierung in den zweiten Rang gedrängt, was sicherlich der Regel ent-
    spricht, so verfüge ich doch auch über Beispiele, welche die Entstehung
    hysterischer Symptome durch bloße Symbolisierung zu beweisen
    scheinen. Eines der schönsten ist folgendes, es bezieht sich wiederum
    auf Frau Cäcilie. Sie lag als 15jährigeś Mädchen im Bette, bewacht
    von ihrer gestrengen Großmama. Plötzlich schrie das Kind auf, sie hatte
    einen bohrenden Schmerz in der Stirne zwischen den Augen bekommen,
    der dann wochenlang anhielt. Bei der Analyse dieses Schmerzes,
    der sich nach fast 30 Jahren reproduzierte, gab sie an, die Großmama
    habe sie so „durchdringend“ angeschaut, daß ihr der Blick tief ins
    Gehirn gedrungen wäre. Sie fürchtete nämlich, von der alten Frau
    mißtrauisch betrachtet worden zu sein. Bei der Mitteilung dieses
    Gedankens brach sie in ein lautes Lachen aus, und der Schmerz
    war wieder zu Ende. Hier finde ich nichts anderes als den Me-
    chanismus der Symbolisierung, der zwischen dem Mechanismus der

  • S.

    159

    Autosuggestion und dem der Konversion gewissermaßen die
    Mitte hält.

    Die Beobachtung der Frau Cäcilie M1) hat mir Gelegenheit
    gegeben, geradezu eine Sammlung derartiger Symbolisierungen an
    zulegen. Eine ganze Reihe von körperlichen Sensationen, die sonst als
    organisch vermittelt angesehen werden, hatte bei ihr psychischen
    Ursprung oder war wenigstens mit einer psychischen Deutung versehen.
    Eine gewisse Reihe von Erlebnissen war bei ihr von der Empfindung
    eines Stiches in der Herzgegend begleitet. („Es hat mir einen Stich
    ins Herz gegeben.“) Der nagelförmige Kopfschmerz der Hysterie war
    bei ihr unzweifelhaft als Denkschmerz aufzulösen. („Es steckt mir
    etwas im Kopf“); er löste sich auch jedesmal, wenn das betreffende
    Problem gelöst war. Der Empfindung der hysterischen Aura im Halse
    ging der Gedanke parallel: Das muß ich herunterschlucken, wenn diese
    Empfindung bei einer Kränkung auftrat. Es war eine ganze Reihe
    von parallellaufenden Sensationen und Vorstellungen, in welcher bald
    die Sensation die Vorstellung als Deutung erweckt, bald die Vorstellung
    durch Symbolisierung die Sensation geschaffen hatte, und nicht selten
    mußte es zweifelhaft bleiben, welches der beiden Elemente das pri-
    märe gewesen war.

    Ich habe bei keiner anderen Patientin mehr eine so ausgiebige
    Verwendung der Symbolisierung auffinden können. Freilich war
    Frau Cäcilie M1) eine Person von ganz ungewöhnlicher, insbesondere
    künstlerischer Begabung, deren hochentwickelter Sinn für Form sich
    in vollendet schönen Gedichten kundgab. Ich behaupte aber, es liegt
    weniger Individuelles und Willkürliches als man meinen sollte, darin,
    wenn die Hysterika der affektbetonten Vorstellung durch Symboli-
    sierung einen somatischen Ausdruck schafft. Indem sie den sprachlichen
    Ausdruck wörtlich nimmt, den „Stich ins Herz“ oder den „Schlag
    ins Gesicht“ bei einer verletzenden Anrede wie eine reale Begebenheit
    empfindet, übt sie keinen witzigen Mißbrauch, sondern belebt nur die
    Empfindungen von neuem, denen der sprachliche Ausdruck seine
    Berechtigung verdankt. Wie kämen wir denn dazu, von dem Gekränkten
    zu sagen, „es hat ihm einen Stich ins Herz gegeben“, wenn nicht tat-
    sächlich die Kränkung von einer derartig zu deutenden Präkordial-
    empfindung begleitet und an ihr kenntlich wäre? Wie wahrscheinlich
    ist es nicht, daß die Redensart „etwas herunterschlucken“, die man
    auf unerwiderte Beleidigung anwendet, tatsächlich von den Inner-
    vationsempfindungen herrührt, die im Schlunde auftreten, wenn man

  • S.

    160

    sich die Rede versagt, sich an der Reaktion auf Beleidigung hindert?
    All diese Sensationen und Innervationen gehören dem „Ausdruck der
    Gemütsbewegungen“ an, der, wie uns Darwin gelehrt hat, aus ur-
    sprünglich sinnvollen und zweckmäßigen Leistungen besteht; sie
    mögen gegenwärtig zumeist so weit abgeschwächt sein, daß ihr sprach-
    licher Ausdruck uns als bildliche Übertragung erscheint, allein sehr
    wahrscheinlich war das alles einmal wörtlich gemeint, und die Hysterie
    tut recht daran, wenn sie für ihre stärkeren Innervationen den ur-
    sprünglichen Wortsinn wieder herstellt. Ja, vielleicht ist es unrecht
    zu sagen, sie schaffe sich solche Sensationen durch Symbolisierung;
    sie hat vielleicht den Sprachgebrauch gar nicht zum Vorbilde genommen,
    sondern schöpft mit ihm aus gemeinsamer Quelle1).

    1)In Zuständen tiefer gehender psychischer Veränderung kommt offenbar
    auch eine symbolische Ausprägung des mehr artifiziellen Sprachgebrauches in sinn-
    lichen Bildern und Sensationen vor. Frau Cäcilie M. … hatte eine Zeit, in welcher
    sich ihr jeder Gedanke in eine Halluzination umsetzte, deren Lösung oft viel Witz
    erforderte. Sie klagte mir damals, sie werde durch die Halluzination belästigt,
    daß ihre beiden Ärzte – Breuer und ich – im Garten an zwei nahen Bäumen
    aufgehängt wären. Die Halluzination verschwand, nachdem die Analyse folgenden
    Herhang aufgedeckt hatte: Abends vorher war sie von Breuer mit der Bitte
    um ein bestimmtes Medikament abgewiesen worden, sie setzte dann ihre Hoffnung
    auf mich, fand mich aber ebenso hartherzig. Sie zürnte uns darüber und dachte
    in ihrem Affekt: Die zwei sind einander wert, der eine ist das Pendant zum
    andern!