S.
90
konnte. Ich sollte doch meinen, das ergäbe ein ansehnliches Maß von
psychischer Überleistung, das vielleicht auf die Dauer nicht haltbar
war, das zu einer Erschöpfung, zur sekundären „Misère psychologique“
führen mußte. Wahrscheinlich begannen zur Zeit, da ich sie zuerst
sah, bereits solche Störungen ihrer Leistungsfähigkeit sich fühlbar zu
machen, aber jedenfalls hatte schwere Hysterie lange Jahre vor diesen
Symptomen der Erschöpfung bestanden.
III. Miß Lucy R., 30 J. (Freud).
Ende 1892 wies ein befreundeter Kollege eine junge Dame an
mich, die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Rhinitiden in seiner
Behandlung stand. Wie sich später herausstellte, war eine Karies des
Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer Beschwerden. Zuletzt
hatte sich die Patientin an ihn wegen neuer Symptome gewendet, die
der kundige Arzt nicht mehr auf lokale Affektion schieben konnte.
Sie hatte die Geruchswahrnehmung völlig eingebüßt und wurde von
ein oder zwei subjektiven Geruchsempfindungen fast unausgesetzt
verfolgt. Sie empfand dieselben sehr peinlich, war außerdem in ihrer
Stimmung gedrückt, müde, klagte über schweren Kopf, verminderte
Eßlust und Leistungsunfähigkeit.Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabrik-
direktors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu Zeit
in meiner Ordinatonsstunde. Sie war Engländerin, von zarter Kon-
stitution, pigmentarm, bis auf die Affektion der Nase gesund. Ihre
ersten Mitteilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt an
Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjektiven Geruchsempfin-
dungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine ziemlich
deutliche, allgemeine Analgesie bei intakter Tastempfindlichkeit, die
Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der Hand) keine Ein-
schränkung. Das Innere der Nase war vollkommen analgisch und
reflexlos. Berührungen wurden verspürt, die Wahrnehmung dieses
Sinnesorganes war sowohl für spezifische wie für andere Reize (Am-
moniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eiterige Nasenkatarrh befand sich
eben in einer Periode der Besserung.Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu
machen, mußten sich die subjektiven Geruchsempfindungen alsS.
91
wiederkehrende Halluzinationen der Deutung von hysterischen Dauer
symptomen fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu dem Trauma
gehörige Affekt, und es mußte sich ein Erlebnis finden lassen, bei dem
diese jetzt subjektiv gewordenen Gerüche objektiv gewesen waren,
dieses Erlebnis mußte das Trauma sein, als dessen Symbole in der
Erinnerung die Geruchsempfindungen wiederkehren. Vielleicht war es
richtiger, die wiederkehrenden Geruchshalluzinationen, samt der sie
begleitenden Verstimmung, als Äquivalente des hysterischen Anfalles
zu betrachten, die Natur wiederkehrender Halluzinationen macht sie
ja zur Rolle von Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem
rudimentär ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich
war aber, daß die subjektiven Geruchsempfindungen eine solche Spe-
zialisierung zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz bestimmten
realen Objekt entsprechen konnte.Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was
für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie von
verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anzunehmen, es sei
wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem traumatisch
wirksamen Erlebnisse vorgekommen sei. Daß Geruchsempfindungen
zum Erinnerungssymbole von Traumen gewählt werden, ist zwar recht
ungewöhnlich, allein es lag nahe, einen Grund für diese Auswahl an
zugeben. Die Kranke war mit eiteriger Rhinitis behaftet, darum die Nase
und deren Wahrnehmungen im Vordergrunde ihrer Aufmerksamkeit.
Von den Lebensverhältnissen der Kranken wußte ich nur, daß in dem
Hause, dessen zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehle, die vor
einigen Jahren an akuter schwerer Erkrankung gestorben war.Ich beschloß also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise“
zum Ausgangspunkte der Analyse zu machen. Die Geschichte dieser
Analyse will ich so erzählen, wie sie unter günstigen Verhältnissen
hätte vorfallen können, tatsächlich dehnte sich, was eine einzige Sitzung
hätte werden sollen, auf mehrere aus, da die Kranke mich nur in der
Ordination besuchen konnte, wo ich ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und
zog sich ein einziges solches Gespräch über mehr als eine Woche, da ihre
Pflichten ihr auch nicht gestatteten, den weiten Weg von der Fabrik
zu mir so oft zu machen. Wir brachen also mitten in der Unterredung
ab, um nächstesmal den Faden an der nämlichen Stelle wieder auf-
zunehmen.Miß Lucy R. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose zu
versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den SomnambulismusS.
92
und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande durch, der
sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unterschied.Ich muß mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver-
fahrens eingehender äußern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken von
Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den Dr. Liébe-
ault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besäßen, jedermann somnambul
zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode die mächtigste von
allen.“ Auf der Klinik Bernheims schien es fast, als gäbe es wirklich
eine solche Kunst und als könnte man sie von Bernheim lernen.Sobald ich aber diese Kunst an meinen eigenen Kranken zu üben
versuchte, merkte ich, daß wenigstens meinen Kräften in dieser
Hinsicht enge Schranken gezogen seien und daß, wo ein Patient
nicht nach 1–3 Versuchen somnambul wurde, ich auch kein Mittel
besaß, ihn dazu zu machen. Der Prozentsatz der Somnambulen blieb
aber in meiner Erfahrung weit hinter dem von Bernheim angegebenen
zurück.So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode
in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unterlassen
oder den Versuch zu wagen, sie außerhalb des Somnambulismus in
leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypnotischer Beein-
flussung auszuüben. Welchem Grade von Hypnose – nach einer der
hierfür aufgestellten Skalen – der nicht somnambule Zustand entsprach,
schien mir gleichgültig, da ja jede Richtung der Suggerierbarkeit von
der anderen ohnedies unabhängig ist, und die Hervorrufung von Kata-
lepsie, automatischen Bewegungen u. dgl. für eine Erleichterung in der
Erweckung von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte, nichts
präjudiziert. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener Ver-
suche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da diese
in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der Kranken rege
machten und mir das Zutrauen trübten, das ich für die wichtigere
psychische Arbeit brauchte. Überdies war ich bald müde geworden,
auf die Versicherung und den Befehl: „Sie werden schlafen, schlafen
Sie!“ immer wieder bei leichteren Graden von Hypnose den Einspruch
zu hören: „Aber, Herr Doktor, ich schlafe ja nicht“, um dann die
allzu heikle Unterscheidung vorbringen zu müssen: „Ich meine ja nicht
den gewöhnlichen Schlaf, ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie sind
hypnotisiert, Sie können ja die Augen nicht öffnen u. dgl. Übrigens
brauche ich den Schlaf gar nicht“ u. dgl. Ich bin selbst überzeugt,
daß viele meiner Kollegen in der Psychotherapie sich aus diesenS.
93
Schwierigkeiten geschickter zu ziehen wissen als ich; die mögen dann
auch anders verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit
darauf rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Verlegenheit
zu bereiten, tut man besser daran, dem Worte und der Verlegenheit
aus dem Wege zu gehen. Wo also der erste Versuch nicht Somnam-
bulismus oder einen Grad von Hypnose mit ausgesprochenen körper-
lichen Veränderungen ergab, da ließ ich die Hypnose scheinbar fallen,
verlangte nur „Konzentrierung“ und ordnete die Rückenlage und
willkürlichen Verschluß der Augen als Mittel zur Erreichung dieser
„Konzentrierung“ an. Ich mag dabei mit leichter Mühe zu so tiefen
Graden der Hypnose gelangt sein; als es überhaupt erreichbar war.Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte
ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welch die kathartische
Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, daß die Kranken
in dem veränderten Bewußtseinszustande solche Erinnerungen zur Ver-
fügung hatten und solche Zusammenhänge erkannten, die in ihrem
normalen Bewußtseinszustande angeblich nicht vorhanden waren. Wo
die somnambule Erweiterung des Gedächtnisses wegfiel, mußte auch die
Möglichkeit ausbleiben, eine Kausalbestimmung herzustellen, die der
Kranke dem Arzte nicht als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und
gerade die pathogenen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtnisse
der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder
nur höchst summarisch darin vorhanden sind“. (Vorl. Mitteilung.)Außer dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, daß
ich Bernheim selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die Erin-
nerungen des Somnambulismus seien im Wachzustande nur scheinbar
vergessen und ließen sich durch leichtes Mahnen, verknüpft mit
einem Handgriffe, der einen andern Bewußtseinszustand markieren
sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer Somnambulen die
negative Halluzination erteilt, er sei nicht mehr anwesend, hatte sich
dann auf die mannigfaltigsten Weisen und durch schonungslose An-
griffe ihr bemerkbar zu machen versucht. Es war nicht gelungen.
Nachdem die Kranke erweckt war, verlangte er zu wissen, was er mit
ihr vorgenommen, während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab
erstaunt zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach,
behauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand
auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte endlich
alles, was sie im somnambulen Zustande angeblich nicht wahrgenommen
und wovon sie im Wachzustande angeblich nichts gewußt hatte.S.
94
Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild.
Ich beschloß, von der Voraussetzung auszugehen, daß meine Patientin
alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch wußte, und
daß es sich nur darum handle, sie zum Mitteilen zu nötigen. Wenn
ich also zu einem Punkte gekommen war, wo ich auf die Frage: „Seit
wann haben Sie dies Symptom?“ oder „Woher rührt es?“ die Antwort
bekam: „Das weiß ich wirklich nicht“, so verfuhr ich folgendermaßen:
Ich legte der Kranken die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf
zwischen meine beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen
unter dem Drucke meiner Hand. Im Augenblicke, da ich mit dem
Drucke aufhöre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen
etwas als Einfall durch den Kopf gehen und das greifen Sie auf. Es
ist das, was wir suchen. – Nun, was haben Sie gesehen oder was ist
Ihnen eingefallen?“Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war nicht
bei Miß Lucy R.), war ich selbst erstaunt, daß es mir gerade das lieferte,
was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat mich seither kaum jemals
im Stiche gelassen, hat mir immer den Weg gezeigt, den meine Aus-
forschung zu gehen hatte, und hat mir ermöglicht, jede derartige
Analyse ohne Somnambulismus zu Ende zu führen. Ich wurde allmählich
so kühn, daß ich den Patienten, die zur Antwort gaben: „Ich sehe
nichts“ oder: „Mir ist nichts eingefallen“, erklärte: das sei nicht
möglich. Sie hätten gewiß das Richtige erfahren, nur glaubten sie
nicht daran, daß es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde die
Prozedur wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal dasselbe
sehen. Ich behielt in der Tat jedesmal recht, die Kranken hatten noch
nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende
Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für unbrauchbar,
für eine dazwischenkommende Störung hielten, und nachdem sie ihn
mitgeteilt hatten, ergab es sich jedesmal, daß es der richtige war.
Gelegentlich bekam ich auch die Antwort, wenn ich die Mitteilung
nach dem dritten oder vierten Druck erzwungen hatte: „Ja, das habe
ich schon beim ersten Male gewußt, aber gerade das habe ich nicht
sagen wollen“, oder „Ich habe gehofft, das wird es nicht sein“.Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewußtsein
zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Somnam-
bulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambulismus unab-
hängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die häufig für
das „Vergessen“ von Erinnerungen ausschlaggebend sind: Ich kannS.
95
behaupten, dieses Vorgehen ist oft ein beabsichtigtes, gewünschtes.
Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes.Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, daß man an-
geblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches Ver-
fahren wiederbringen und so eine unvermutete Treue des Gedächtnisses
erweisen kann.Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und
Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie
bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, daß Erkennen eine geringere
Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen.Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in
welchem Jahre, Monate und an welchem Tage ein gewisses Ereignis
vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf
Monatsnamen, die 31 Zahlen der Monatstage vor und versichert ihm,
daß bei der richtigen Zahl oder beim richtigen Namen sich seine
Augen von selbst öffnen würden, oder daß er dabei fühlen werde,
welche Zahl die richtige sei. In den allermeisten Fällen entscheiden
sich dann die Kranken wirklich für ein bestimmtes Datum und häufig
genug (so bei Frau Cäcilie N.) ließ sich durch vorhandene Aufzeichnungen
aus jener Zeit nachweisen, daß das Datum richtig erkannt war. Andere
Male und bei anderen Kranken ergab sich aus dem Zusammenhange
der erinnerten Tatsachen, daß das so gefundene Datum unanfechtbar
war. Die Kranke bemerkte z. B., nachdem man ihr das durch „Aus-
zählen“ gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das ist ja der Geburts-
tag des Vaters“ und setzte dann fort: „Ja gewiß, weil es der Geburtstag
des Vaters war, habe ich ja das Ereignis (von dem wir sprachen)
erwartet.“Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluß, den ich
aus all diesen Erfahrungen zog, war der, daß die als pathogen wichtigen
Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich vom Gedächtnisse
festgehalten werden, auch wo sie vergessen scheinen, wo dem Kranken
die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu besinnen1).1)Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens
im nicht somnambulen Zustande, also bei nicht erweitertem Bewußtsein, einen
Fall erzählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysiert habe. Ich behandle
eine Frau von 38 Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, Todesangstanfällen
u. dgl.) leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen,
daß sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben akquiriert hat, und möchte es
gerne in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, daß sie als
17jähriges Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachts-S.
Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung zur Geschichte von Miß Lucy R. zurück. Sie wurde also beim Versuche der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloß ruhig da in irgend
gefühl auf der Straße ihrer kleinen Heimatstadt bekommen hat und daß diese
Anfälle sich zeitweise wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen
Leiden den Platz räumten. Ich vermute, daß diese ersten Schwindelanfälle, bei
denen sich die Angst immer mehr verwischte, hysterische waren, und beschließe,
in die Analyse derselben einzugehen. Sie weiß zunächst nur, daß dieser erste
Anfall sie überfiel, während sie ausgegangen war, in den Läden der Hauptstraße
Einkäufe zu machen. — Was wollten Sie denn einkaufen? — Verschiedenes,
ich glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. — Wann sollte dieser
Ball stattfinden? — Es kommt mir vor, zwei Tage später. — Da muß doch
einige Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen
Eindruck machte. — Ich weiß aber nichts, es sind 21 Jahre her. — Das macht
nichts, Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn ich
mit dem Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen;
das sagen Sie dann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .S.
97
einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen stetig geschlossen,
die Miene etwas starr, ohne mit einem Gliede zu rühren. Ich fragte
sie, ob sie sich erinnere, bei welchem Anlasse die Geruchsempfindung
der verbrannten Mehlspeise entstanden sei. – O ja, das weiß ich ganz
genau. Es war vor ungefähr zwei Monaten, zwei Tage vor meinem
Geburtstage. Ich war mit den Kindern im Schulzimmer und spielte
mit ihnen (zwei Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief hereingebracht,
den der Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte an Post-
stempel und Handschrift, daß der Brief von meiner Mutter in Glasgow
sei, wollte ihn öffnen und lesen. Da kamen die Kinder auf mich los-
gestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen: Nein, Du
darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiß für Deinen Geburtstag, wir
werden ihn Dir aufheben. Während die Kinder so um mich spielten,
verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die Kinder hatten die
Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen, und die war angebrannt.
Seit damals verfolgt mich dieser Geruch, er ist eigentlich immer da
und wird stärker bei Aufregung.mit ihren alten Häusern, ich sehe sie vor mir. – Nun, und wo hatte die Freundin
gewohnt? – In derselben Straße, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser
weiter ist mir der Anfall gekommen. – Dann hat Sie also das Haus, während
Sie vorbeigingen, an die tote Freundin erinnert und der Kontrast, von dem Sie
damals nichts wissen wollten, Sie neuerdings gepackt.Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden. Vielleicht war doch noch etwas
anderes im Spiele, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Dis-
position wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermutungen lenken sich auf
das periodische Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage:
Wissen Sie, wann in dem Monate die Periode kam? – Sie wird unwillig: Das
soll ich auch noch wissen? Ich weiß nur, sie war um diese Zeit sehr selten und
sehr unregelmäßig. Wie ich 17 Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. – Also,
wir werden auszählen, wann dieses eine Mal war. – Sie entscheidet sich beim
Auszählen mit Sicherheit für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen
unmittelbar vor einem Datum, das einem fixen Festtag angehört. – Stimmt das
irgendwie mit der Zeit des Balles? – Sie antwortet kleinlaut: Der Ball war –
an dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich mich auch, es hat mir einen Eindruck
gemacht, daß die einzige Periode, die ich in diesem Jahre hatte, gerade vor dem
Balle kommen mußte. Es war der erste, zu dem ich geladen war.Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer
rekonstruieren und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein.
Dieses Ergebnis, war freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen Zu-
trauens in die Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um solche
Einzelheiten eines vergessenen Erlebnisses nach 21 Jahren bei einer ungläubigen,
eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte alles zusammen.Breuer u. Freud, Studien.
S.
98
Sie sehen diese Szene deutlich vor sich? — Greifbar, wie ich
sie erlebt habe. — Was konnte Sie denn daran so aufregen? — Es
rührte mich, daß die Kinder so zärtlich gegen mich waren. — Waren
sie das nicht immer? — Ja, aber gerade als ich den Brief der Mutter
bekam. — Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlichkeit der Kleinen
und der Brief der Mutter einen Kontrast ergeben haben sollen, den
Sie doch anzudeuten scheinen. — Ich hatte nämlich die Absicht, zu
meiner Mutter zu reisen, und da fiel es mir so schwer aufs Herz, diese
lieben Kinder zu verlassen. — Was ist’s mit ihrer Mutter? Lebt sie
wohl so einsam und hat Sie zu sich beschieden? Oder war sie krank
um diese Zeit und Sie erwarteten Nachricht von ihr? — Nein, sie ist
kränklich, aber nicht gerade krank und hat eine Gesellschafterin bei
sich. — Warum mußten Sie also die Kinder verlassen? — Es war im
Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haushälterin, die Köchin und
die Französin scheinen geglaubt zu haben, daß ich mich in meiner
Stellung überhebe, haben sich zu einer kleinen Intrigue gegen mich
vereinigt, dem Großpapa (der Kinder) alles mögliche über mich hinter-
bracht, und ich fand an den beiden Herren nicht die Stütze, die ich
erwartet hatte, als ich bei ihnen Klage führte. Darauf habe ich dem
Herrn Direktor (dem Vater der Kinder) meine Demission angeboten,
er antwortete sehr freundlich, ich sollte es mir doch zwei Wochen
überlegen, ehe ich ihm meinen definitiven Entschluß mitteilte. In dieser
Zeit der Schwebe war ich damals; ich glaubte, ich würde das Haus
verlassen. Ich bin seither geblieben. — Und fesselte Sie etwas Be-
sonderes an die Kinder außer deren Zärtlichkeit gegen Sie? — Ja,
ich hatte der Mutter, die eine entfernte Verwandte meiner Mutter
war, auf ihrem Totenbette versprochen, daß ich mich der Kleinen
mit allen Kräften annehmen, daß ich sie nicht verlassen und ihnen
die Mutter ersetzen werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen,
als ich gekündigt hatte.
So schien denn die Analyse der subjektiven Geruchsempfindung
vollendet; dieselbe war in der Tat dereinst eine objektive gewesen,
und zwar innig assoziiert mit einem Erlebnisse, einer kleinen Szene,
in welcher widerstreitende Affekte einander entgegengetreten waren,
das Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen, welche
sie doch zu diesem Entschlusse drängten. Der Brief der Mutter hatte
sie begreiflicherweise an die Motive zu diesem Entschlusse erinnert,
da sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen gedachte. Der Konflikt der
Affekte hatte den Moment zum Trauma erhoben, und als SymbolS.
99
des Traumas war ihr die damit verbundene Geruchsempfindung ge-
blieben. Es bedurfte noch der Erklärung dafür, daß sie von all den
sinnlichen Wahrnehmungen jener Szene gerade den einen Geruch
zum Symbole ausgewählt hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet,
die chronische Erkrankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten.
Auf mein direktes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser
Zeit wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, daß sie kaum
etwas roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie aber
in ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch begründete
Anosmie.Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden.
Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein annehm-
barer Grund, weshalb diese Reihe von Erregungen und dieser Wider-
streit der Affekte gerade zur Hysterie geführt haben mußte. Warum
blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen psychischen Lebens?
Mit anderen Worten, woher die Berechtigung zu der hier vorliegenden
Konversion? Warum erinnerte sie sich nicht beständig an die Szene
selbst, anstatt an die mit ihr verknüpfte Sensation, die sie als Symbol
für die Erinnerung bevorzugte? Solche Fragen mochten vorwitzig
und überflüssig sein, wo es sich um eine alte Hysterika handelte, welcher
jener Mechanismus der Konversion habituell war. Dieses Mädchen
hatte aber erst bei diesem Trauma oder wenigstens bei dieser kleinen
Leidensgeschichte Hysterie akquiriert.Nun wußte ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, daß,
wo Hysterie neu akquiriert werden soll, eine psychische Bedingung
hierfür unerläßlich ist, nämlich, daß eine Vorstellung absichtlich
aus dem Bewußtsein verdrängt, von der assoziativen Verarbeitung
ausgeschlossen werde.In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den
Grund für die Konversion der Erregungssumme, sei sie eine totale
oder partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische Asso-
ziation treten soll, findet um so eher den falschen Weg zu einer
körperlichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst konnte nur
eine Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der einen zu ver-
drängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungmasse des Ich.
Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch, daß sie pa-
thogen wird.Ich zog also daraus, daß Miß Lucy R. in jenem Momente der
hysterischen Konversion verfallen war, den Schluß, daß unter denS.
100
Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich
im unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm
ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegen
die anderen Personen des Haushaltes zusammen, so ließ dies alles nur
eine Deutung zu. Ich hatte den Mut, der Patientin diese Deutung
mitzuteilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, daß dies alle Gründe
für Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind, ich vermute
vielmehr, daß Sie in Ihren Herrn, den Direktor, verliebt sind, viel-
leicht, ohne es selbst zu wissen, daß Sie die Hoffnung in sich nähren,
tatsächlich die Stelle der Mutter einzunehmen, und dazu kommt noch,
daß Sie so empfindlich gegen die Dienstleute geworden sind, mit
denen Sie jahrelang friedlich zusammengelebt haben. Sie fürchten,
daß diese etwas von Ihrer Hoffnung merken und Sie darüber ver-
spotten werden.“Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube,
es ist so. – Wenn Sie aber wußten, daß Sie den Direktor lieben,
warum haben Sie es mir nicht gesagt? – Ich wußte es ja nicht oder
besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem Kopfe schlagen,
nie mehr daran denken, ich glaube, es ist mir auch in der letzten Zeit
gelungen1).Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen?
Schämten Sie sich dessen, daß Sie einen Mann lieben sollten? – O
nein, ich bin nicht unverständlich prüde, für Empfindungen ist man ja
überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum peinlich, weil
es der Herr ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen Haus ich lebe,
gegen den ich nicht wie gegen einen andern die volle Unabhängigkeit1)Eine andere und bessere Schilderung des eigentümlichen Zustandes, in
dem man etwas weiß und gleichzeitig nicht weiß, konnte ich nie erzielen. Man
kann das offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zustande
befunden hat. Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art, die
mir lebhaft vor Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was
damals in mir vorging, so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals
etwas, das mir gar nicht in die Erwartung paßte, und ließ mich durch das
Gesehene nicht im mindesten in meiner bestimmten Absicht beirren, während
doch diese Wahrnehmung meine Absicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir
des Widerspruches nicht bewußt, und ebensowenig merkte ich etwas von dem
Affekt der Abstoßung, der doch unzweifelhaft schuld daran war, daß jene Wahr-
nehmung zu gar keiner psychischen Geltung gelangte. Ich war mit jener Blindheit
bei sehenden Augen geschlagen, die man an Müttern gegen ihre Töchter, an
Männern gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern gegen ihre Günstlinge so sehr
bewundert.S.
101
in mir fühle. Und weil ich ein armes Mädchen und er ein reicher Mann
aus vornehmer Familie ist; man würde mich ja auslachen, wenn man
etwas davon ahnte.Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Neigung
zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos in dem
Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf unerfüllbare Wünsche
zu kommen. Einmal aber begann der ernste, überbeschäftigte, sonst
immer gegen sie reservierte Herr ein Gespräch mit ihr über die Er-
fordernisse der Kindererziehung. Er wurde weicher und herzlicher als
gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr er bei der Pflege seiner verwaisten Kinder
auf sie rechne, und blickte sie dabei besonders an… In diesem Momente
begann sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst gerne mit der
erfreulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräche geschöpft hatte.
Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens und
Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedankenaustausche
kam, beschloß sie, sich die Sache aus dem Sinne zu schlagen. Sie gibt
mir ganz recht, daß jener Blick im Zusammenhange des Gespräches
wohl dem Andenken seiner verstorbenen Frau gegolten hat, ist sich
auch völlig klar darüber, daß ihre Neigung völlig aussichtslos ist.Ich erwartete von diesem Gespräche eine gründliche Änderung
ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiterhin
gedrückt und verstimmt, eine hydropathische Kur, die ich sie gleich-
zeitig nehmen ließ, frischte sie des Morgens ein wenig auf, der Geruch
der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig geschwunden, wohl aber
seltener und schwächer geworden; er kam, wie sie sagte, nur, wenn
sie sehr aufgeregt war.Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols ließ mich vermuten,
daß dasselbe außer der Hauptszene die Vertretung der vielen kleinen
Nebenträumen auf sich genommen, und so forschten wir denn nach
allem, was sonst mit der Szene der verbrannten Mehlspeise in Zusammen-
hang stehen mochte, gingen das Thema der häuslichen Reibungen, des
Benehmens des Großvaters u. a. durch. Dabei schwand die Empfindung
des brenzlichen Geruches immer mehr. Auch eine längere Unterbrechung
fiel in diese Zeit, verursacht durch neuerliche Erkrankung der Nase,
die jetzt zur Entdeckung der Karies des Siebbeines führte.Als sie wiederkam, berichtete sie auch, daß Weihnachten ihr so
zahlreiche Geschenke von seiten der beiden Herren und selbst von
den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle bestrebt seien,
sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Konflikte der letzten MonateS.
102
bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige Entgegenkommen habe ihr
aber keinen Eindruck gemacht.Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Geruche der verbrannten
Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar ganz
geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer und ähn-
licher Geruch, wie von Zigarrenrauch. Derselbe sei wohl auch früher
dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der Mehlspeise. Jetzt
sei er rein hervorgetreten.Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meiner Therapie.
Da war also eingetroffen, was man einer bloß symptomatischen
Therapie immer zur Last legt, man hatte ein Symptom weggenommen,
bloß damit eine neues an die freie Stelle rücken könne. Indes machte
ich mich bereitwillig an die analytische Beseitigung dieses neuen
Erinnerungssymbols.Diesmal wußte sie aber nicht, woher die subjektive Geruchs-
empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine ob-
jektive gewesen sei. „Es wird täglich geraucht bei uns,“ meinte sie,
„ich weiß wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre, eine besondere
Gelegenheit bedeutet.“ Ich beharrte nun darauf, daß sie versuche,
sich unter dem Drucke meiner Hand zu erinnern. Ich habe schon
erwähnt, daß ihre Erinnerungen plastische Lebhaftigkeit hatten, daß
sie eine „Visuelle“ war. In der Tat tauchte unter meinem Drängen
ein Bild in ihr auf, anfangs zögernd und nur stückweise. Es war das
Speisezimmer ihres Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis
die Herren aus der Fabrik zum Mittagsmahl kommen. – Jetzt sitzen
wir alle um den Tisch herum: die Herren, die Französin, die Haus-
hälterin, die Kinder und ich. Da ist aber wie alle Tage – Sehen Sie
nur weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und spezialisieren.
– Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr, der die
Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu Mittag, das
ist auch nichts Besonderes. – Haben Sie nur Geduld, blicken Sie
immer nur auf das Bild, es wird gewiß etwas vorgehen. – Es geht
nichts vor. Wir stehen vom Tische auf, die Kinder sollen sich ver-
abschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage in den zweiten
Stock. – Nun? – Es ist doch eine besondere Gelegenheit, ich erkenne
die Szene jetzt. Wie die Kinder sich verabschieden, will der Oberbuch-
halter sie küssen. Der Herr fährt auf und schreit ihn geradezu an. „Nicht
die Kinder küssen.“ Dabei gibt es mir einen Stich ins Herz, und da
die Herren schon rauchen, bleibt mir der Zigarrenrauch im Gedächtnis.S.
103
Dies war also die zweite, tieferliegende Szene, die als Trauma
gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher rührte
aber die Wirksamkeit dieser Szene? – Ich fragte: Was ist der Zeit
nach früher, diese Szene oder die mit der verbrannten Mehlspeise? –
Die letzte Szene ist die frühere, und zwar um fast zwei Monate. –
Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei dieser Abwehr des Vaters
gegeben? Der Verweis richtete sich doch nicht gegen Sie? – Es war
doch nicht recht, einen alten Herrn so anzufahren, der ein lieber
Freund und noch dazu Gast ist. Man kann das ja auch ruhig sagen.
– Also hat Sie nur die heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben
Sie sich vielleicht für ihn geniert oder haben Sie gedacht, wenn er wegen
einer solchen Kleinigkeit so heftig sein kann mit einem alten Freunde
und Gaste, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau wäre?
– Nein, das ist es nicht. – Es war aber doch wegen der Heftigkeit?
– Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nie gemocht. – Und
nun taucht wieder unter dem Drucke meiner Hand die Erinnerung
an eine noch ältere Szene auf, die das eigentlich wirksame Trauma
war und die auch der Szene mit dem Oberbuchhalter die traumatische
Wirksamkeit verliehen hatte.Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, daß eine
befreundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschiede beide Kinder
auf den Mund küßte. Der Vater, der dabei stand, überwand sich wohl,
der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem Fortgehen brach sein Zorn
über die unglückliche Erzieherin los. Er erklärte ihr, er mache sie
dafür verantwortlich, wenn jemand die Kinder auf den Mund küsse,
es sei ihre Pflicht, es nicht zu dulden, und sie sei pflichtvergessen,
wenn sie es zulasse. Wenn es noch einmal geschähe, würde er die Er-
ziehung der Kinder anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit,
als sie sich noch geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes ersten
freundlichen Gespräches wartete. Diese Szene knickte ihre Hoffnungen.
Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache, und
wo ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann, mir
solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geirrt, so hat er nie
eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde ihn Rücksicht
gelehrt haben. – Offenbar war es die Erinnerung an diese peinliche
Szene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte
und dafür vom Vater zurechtgewiesen wurde.Als Miß Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse wieder be-
suchte, mußte ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches vorgegangen seiS.
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Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch. Einen
Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhältnisse irrig
beurteilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt die Braut des
Direktors geworden. Aber sie wehrte meine Vermutungen ab: „Es
ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich eben nicht, Sie haben
mich nur krank und verstimmt gesehen. Ich bin sonst immer so heiter.
Wie ich gestern früh erwacht bin, war der Druck von mir genommen
und seither bin ich wohl.“ – Und wie denken Sie über Ihre Aussichten
im Hause? – Ich bin ganz klar, ich weiß, daß ich keine habe, und
werde nicht unglücklich darüber sein. – Und werden Sie sich jetzt
mit den Hausleuten vertragen? – Ich glaube, da hat meine Empfind-
lichkeit das meiste dazu getan. – Und lieben Sie den Direktor noch?
– Gewiß, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts. Man kann
ja bei sich denken und empfinden, was man will.Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz- und
Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt, sie unterschied auch
Gerüche, aber unsicher und nur wenn sie intensiver waren. Ich muß
aber dahingestellt lassen, inwieweit an dieser Anosmie die Erkrankung
der Nase beteiligt war.Die ganze Behandlung hatte sich über 9 Wochen erstreckt.
4 Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer
Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres
Wohlbefindens.Epikrise.
Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering
schätzen, wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie entspricht,
und nur über wenige Symptome verfügt. Vielmehr erscheint es mir
lehrreich, daß auch eine solche, als Neurose armselige Erkrankung
so vieler psychischer Voraussetzungen bedarf, und bei eingehenderer
Würdigung dieser Krankengeschichte bin ich versucht, sie als vor-
bildlich für einen Typus der Hysterie hinzustellen, nämlich für die Form
von Hysterie, die auch eine nicht hereditär belastete Person durch dazu
geeignete Erlebnisse erwerben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht
von einer Hysterie, die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine
solche gibt es wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition
sprechen wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist, sie ist
vorher durch nichts bezeugt gewesen. Neuropathische Disposition, wie
man sie gewöhnlich versteht, ist etwas anderes; sie ist bereits vor derS.
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Erkrankung durch das Maß hereditärer Belastung oder die Summe
individueller psychischer Abnormitäten bestimmt. Von diesen beiden
Momenten war bei Miß Lucy R., soweit ich unterrichtet bin, nichts
nachzuweisen. Ihre Hysterie darf also eine akquirierte genannt werden
und setzt nichts weiter voraus, als die wahrscheinlich sehr verbreitete
Eignung – Hysterie zu akquirieren, deren Charakteristik wir noch
kaum auf der Spur sind. In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht
auf die Natur des Traumas, natürlich im Zusammenhalte mit der
Reaktion der Person gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerläßliche
Bedingung für die Erwerbung der Hysterie, daß zwischen dem Ich und
einer an dasselbe herantretenden Vorstellung das Verhältnis der
Unverträglichkeit entsteht. Ich hoffe an anderer Stelle zeigen zu
können, wie verschiedene neurotische Störungen aus den verschiedenen
Verfahren hervorgehen, welche das „Ich“ einschlägt, um sich von
jener Unverträglichkeit zu befreien. Die hysterische Art der Abwehr
– zu welcher eben eine besondere Eignung erfordert wird – besteht
nun in der Konversion der Erregung in eine körperliche Innervation,
und der Gewinn dabei ist der, daß die unverträgliche Vorstellung aus
dem Ichbewußtsein gedrängt ist. Dafür enthält das Ichbewußtsein die
durch Konversion entstandene körperliche Reminiszenz – in unserem
Falle die subjektiven Geruchsempfindungen – und leidet unter dem
Affekt, der sich mehr oder minder deutlich gerade an diese Reminiszenzen
knüpft. Die Situation, die so geschaffen wird, ist nun nicht weiter ver-
änderlich, da durch Verdrängung und Konversion der Widerspruch
aufgehoben ist, der zur Erledigung des Affektes aufgefordert hätte.
So entspricht der Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits
einem Akte moralischer Zaghaftigkeit, anderseits stellt er sich als
eine Schutzeinrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt Fälle
genug, in denen man zugestehen muß, die Abwehr des Erregungs
zuwachses durch Produktion von Hysterie sei auch dermalen das
zweckmäßigste gewesen; häufiger wird man natürlich zum Schlusse
gelangen, daß ein größeres Maß von moralischem Mute ein Vorteil
für das Individuum gewesen wäre.Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem
der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung
der widersprechenden Vorstellung beschließt. Durch solche Verweisung
wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloß ins Unbewußte
gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt, so ist hiermit
ein Kern- und Kristallisationsmittelpunkt für die Bildung einer vomS.
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Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben, um den sich in weiterer
Folge alles sammelt, was die Annahme der widerstreitenden Vorstellung
zur Voraussetzung hätte. Die Spaltung des Bewußtseins in diesen
Fällen akquirierter Hysterie ist somit eine gewollte, absichtliche, oft
wenigstens durch einen Willkürakt eingeleitete. Eigentlich geschieht
etwas anderes, als das Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vor-
stellung aufheben, als ob sie gar nie angelangt wäre, es gelingt ihm
aber nur, sie psychisch zu isolieren.
In der Geschichte unserer Patientin entspricht der traumatische
Moment jener Szene, die ihr der Direktor wegen des Küssens der
Kinder machte. Diese Szene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche
Wirkung, vielleicht daß Verstimmung und Empfindlichkeit damit
begannen, ich weiß nichts darüber –; die hysterischen Symptome
entstanden erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre“
bezeichnen kann, und die man dadurch charakterisieren möchte, daß
in ihnen zeitweilig die beiden getrennten psychischen Gruppen
zusammenfließen, wie im erweiterten somnambulen Bewußtsein.
Der erste dieser Momente, in denen die Konversion stattfand, war
bei Miß Lucy R. die Szene bei Tische, als der Oberbuchhalter
die Kinder küssen wollte. Hier spielte die traumatische Erinnerung
mit, und sie benahm sich so, als hätte sie nicht alles, was sich auf
ihre Neigung zu ihrem Herrn bezog, von sich getan. In anderen
Krankengeschichten fallen diese verschiedenen Momente zusammen,
die Konversion geschieht unmittelbar unter der Einwirkung des
Traumas.
Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den
Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend
die Einheit des Bewußtseins wieder her, und die Konversion geht
den nämlichen Weg, der sich ihr das erste Mal eröffnet hatte.
Interessant ist es, daß das zu zweit entstandene Symptom das
erste deckt, so daß letzteres nicht eher klar empfunden wird,
als bis das erstere weggeschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir
auch die Umkehrung der Reihenfolge, der sich auch die Analyse
fügen muß. In einer ganzen Reihe von Fällen ist es mir ähnlich
ergangen, die später entstandenen Symptome deckten die ersten,
und erst das letzte, zu dem die Analyse vordrang, enthielt den
Schlüssel zum Ganzen.
Die Therapie bestand hier in dem Zwange, der die Vereinigung
der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewußtsein durch-S.
107
setzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maße der ge-
leisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt war, trat
plötzlich Heilung ein.
IV. Katharina . . . (Freud).
In den Ferien des Jahres 189* machte ich einen Ausflug in die
Hohen Tauern, um für eine Weile die Medizin und besonders die Neu-
rosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines Tages von
der Hauptstraße abwich, um einen abseits gelegenen Berg zu besteigen,
der als Aussichtspunkt und wegen seines gut gehaltenen Schutzhauses
gerühmt wurde. Nach anstrengender Wanderung oben angelangt,
gestärkt und ausgeruht, saß ich dann, in die Betrachtung einer ent-
zückenden Fernsicht versunken, so selbstvergessen da, daß ich es erst
nicht auf mich beziehen wollte, als ich die Frage hörte: „Ist der Herr
ein Doktor?“ Die Frage galt aber mir und kam von dem etwa 18jährigen
Mädchen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit bedient
hatte und von der Wirtin „Katharina“ gerufen worden war. Nach
ihrer Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine Magd, sondern
mußte wohl eine Tochter oder Verwandte der Wirtin sein.Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein
Doktor. Woher wissen Sie das?“„Der Herr hat sich ins Fremdenbuch eingeschrieben, und da
hab ich mir gedacht, wenn der Herr Doktor jetzt ein bißchen Zeit
hätte –, ich bin nämlich nervenkrank und war schon einmal bei einem
Doktor in L. . . ., der hat mir auch etwas gegeben, aber gut ist mir
noch nicht geworden.“Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas anderes
konnte es sich bei dem großen und kräftigen Mädchen mit der ver-
grämten Miene kaum handeln. Es interessierte mich, daß Neurosen
in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten, ich fragte
also weiter.Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so wieder,
wie sie sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat, und lasse der Pa-
tientin ihren Dialekt.„An was leiden Sie denn?“
„Ich hab’ so Atemnot, nicht immer, aber manchmal packt’s
mich so, daß ich glaube, ich erstick’.“
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II. Krankengeschichten1895-005/1922/2
1895-005/1922/2c