Studien über Hysterie1895-005/1916
  • S.

    Vorwort zur zweiten Auflage.

    Das Interesse, welches in steigendem Maße der Psychoanalyse
    entgegengebracht wird, scheint sich jetzt auch den „Studien über
    Hysterie“ zuzuwenden. Der Verleger wünscht eine Neuauflage des
    vergriffenen Buches. Es erscheint nun hier in unverändertem Neu-
    drucke, obwohl die Anschauungen und Methoden, welche in der ersten
    Auflage dargestellt wurden, seitdem eine weit- und tiefgehende Ent-
    wicklung erfahren haben. Was mich selbst betrifft, so habe ich mich
    seit damals mit dem Gegenstande nicht aktiv beschäftigt, habe keinen
    Anteil an seiner bedeutsamen Entwicklung und wüßte dem 1895
    gegebenen nichts Neues hinzuzufügen. So konnte ich nur wünschen,
    daß meine beiden in dem Buche enthaltenen Abhandlungen bei der
    Neuauflage desselben in unverändertem Abdrucke wieder erscheinen
    mögen.

    Breuer.

    Die unveränderte Wiedergabe des Textes der ersten Auflage war
    auch für meinen Anteil an diesem Buche das einzig Mögliche. Die
    Entwicklung und Veränderungen, welche meine Anschauungen im
    Laufe von 13 Arbeitsjahren erfahren haben, sind doch zu weitgehend,
    als daß es gelingen könnte, sie an meiner Darstellung von damals zur
    Geltung zu bringen, ohne deren Charakter völlig zu zerstören. Es
    fehlt mir aber auch das Motiv, das mich veranlassen könnte, dieses
    Zeugnis meiner anfänglichen Meinungen zu beseitigen. Ich betrachte
    dieselben auch heute nicht als Irrtümer, sondern als schätzenswerte
    erste Annäherungen an Einsichten, die sich erst nach länger fortgesetzter
    Bemühung vollständiger gewinnen ließen. Ein aufmerksamer Leser

  • S.

    VI

    wird von allen späteren Zutaten zur Lehre von der Katharsis (wie:
    die Rolle der psychosexuellen Momente, des Infantilismus, die Be-
    deutung der Träume und der Symbolik des Unbewußten) die Keime
    schon in dem vorliegenden Buche auffinden können. Auch weiß ich
    für jeden, der sich für die Entwicklung der Katharsis zur Psychoanalyse
    interessiert, keinen besseren Rat als den, mit den „Studien über Hysterie“
    zu beginnen und so den Weg zu gehen, den ich selbst zurückgelegt habe.

    Wien, im Juli 1908.

    Freud.