Studien über Hysterie1895-005/1916
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    Vorwort zur ersten Auflage.

    Wir haben unsere Erfahrungen über eine neue Methode der Er-
    forschung und Behandlung hysterischer Phänomene 1893 in einer
    „Vorläufigen Mitteilung“1 veröffentlicht und daran in möglichster
    Knappheit die theoretischen Anschauungen geknüpft, zu denen wir
    gekommen waren. Diese „Vorläufige Mitteilung“ wird hier, als die
    zu illustrierende und zu erweisende These, nochmals abgedruckt.

    Wir schließen nun hieran eine Reihe von Krankenbeobachtungen,
    bei deren Auswahl wir uns leider nicht bloß von wissenschaftlichen
    Rücksichten bestimmen lassen durften. Unsere Erfahrungen entstammen
    der Privatpraxis in einer gebildeten und lesenden Gesellschaftsklasse
    und ihr Inhalt berührt vielfach das intimste Leben und Geschick
    unserer Kranken. Es wäre ein schwerer Vertrauensmißbrauch, solche
    Mitteilungen zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, daß die Kranken
    erkannt und Tatsachen in ihrem Kreise verbreitet werden, welche nur
    dem Arzte anvertraut wurden. Wir haben darum auf instruktivste und
    beweiskräftigste Beobachtungen verzichten müssen. Dieses betrifft
    naturgemäß vor allem jene Fälle, in denen die sexualen und ehelichen
    Verhältnisse ätiologische Bedeutung haben. Daher kommt es, daß
    wir nur sehr unvollständig den Beweis für unsere Anschauung erbringen
    können: die Sexualität spiele als Quelle psychischer Traumen und als
    Motiv der „Abwehr“, der Verdrängung von Vorstellungen aus dem
    Bewußtsein, eine Hauptrolle in der Pathogenese der Hysterie. Wir
    mußten eben die stark sexualen Beobachtungen von der Veröffent-
    lichung ausschließen.

    Den Krankengeschichten folgt eine Reihe theoretischer Er-
    örterungen und in einem therapeutischen Schlußkapitel wird die

    1Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Neurologi-
    sches Zentralblatt 1893, Nr. 1 und 2.

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    IV

    Technik der „kathartischen Methode“ dargelegt, so wie sie sich in der
    Hand des Neurologen entwickelt hat.

    Wenn an manchen Stellen verschiedene, ja sich widersprechende
    Meinungen vertreten werden, so möge das nicht als ein Schwanken
    der Auffassung betrachtet werden. Es entspringt den natürlichen und
    berechtigten Meinungsverschiedenheiten zweier Beobachter, die be-
    züglich der Tatsachen und der Grundanschauungen übereinstimmen,
    deren Deutungen und Vermutungen aber nicht immer zusammenfallen.

    April 1895.

    J. Breuer, S. Freud.