Studien über Hysterie1895-005/1895
  • S.

    VORWORT.

    Wir haben unsere Erfahrungen über eine neue Methode der Er-
    forschung und Behandlung hysterischer Phänomene 1893 in einer
    „Vorläufigen Mittheilung“1 veröffentlicht und daran in möglichster
    Knappheit die theoretischen Anschauungen geknüpft, zu denen wir
    gekommen waren. Diese „Vorläufige Mittheilung“ wird hier, als die
    zu illustrirende und zu erweisende These, nochmals abgedruckt.

    Wir schliessen nun hieran eine Reihe von Krankenbeobachtungen,
    bei deren Auswahl wir uns leider nicht bloss von wissenschaftlichen
    Rücksichten bestimmen lassen durften. Unsere Erfahrungen entstammen
    der Privatpraxis in einer gebildeten und lesenden Gesellschaftsclasse,
    und ihr Inhalt berührt vielfach das intimste Leben und Geschick
    unserer Kranken. Es wäre ein schwerer Vertrauensmissbrauch, solche
    Mittheilungen zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, dass die Kranken
    erkannt und Thatsachen in ihrem Kreise verbreitet werden, welche nur
    dem Arzte anvertraut wurden. Wir haben darum auf instructivste und
    beweiskräftigste Beobachtungen verzichten müssen. Dieses betrifft
    naturgemäss vor allem jene Fälle, in denen die sexualen und ehelichen
    Verhältnisse ätiologische Bedeutung haben. Daher kommt es, dass
    wir nur sehr unvollständig den Beweis für unsere Anschauung erbringen
    können: die Sexualität spiele als Quelle psychischer Traumen und als
    Motiv der „Abwehr“, der Verdrängung von Vorstellungen aus dem
    Bewusstsein, eine Hauptrolle in der Pathogenese der Hysterie. Wir
    mussten eben die stark sexualen Beobachtungen von der Veröffentlichung
    ausschliessen.

    Den Krankengeschichten folgt eine Reihe theoretischer Erörterungen,
    und in einem therapeutischen Schluss-
    capitel wird die Technik der

    1)Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Neurologi-
    sches Centralblatt 1893, Nr. 1 und 2.

  • S.

    „kathartischen Methode“ dargelegt, sowie sie sich in der Hand des
    Neurologen entwickelt hat.

    Wenn an manchen Stellen verschiedene, ja sich widersprechende
    Meinungen vertreten werden, so möge das nicht als ein Schwanken
    der Auffassung betrachtet werden. Es entspringt den natürlichen und
    berechtigten Meinungsverschiedenheiten zweier Beobachter, die bezüg-
    lich der Thatsachen und der Grundanschauungen übereinstimmen, deren
    Deutungen und Vermuthungen aber nicht immer zusammenfallen.

    April 1895.

    J. Breuer, S. Freud.