Studien über Hysterie1895-005/1895
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    III. Theoretisches.

    (J. Breuer.)

    In der „Vorläufigen Mittheilung“, welche diese Studien einleitet,
    haben wir die Anschauungen dargelegt, zu denen wir durch unsere
    Beobachtungen geführt wurden; und ich glaube in der Hauptsache an
    ihnen festhalten zu dürfen. Die „Vorläufige Mittheilung“ ist aber so kurz
    und so knapp, dass darin grossentheils nur angedeutet werden konnte,
    was wir meinen. Es sei darum gestattet, nun, da die Krankengeschichten
    Belege für unsere Anschauungen erbracht haben, diese ausführlicher
    darzulegen. Natürlich soll und kann auch hier nicht „das Ganze der
    Hysterie“ abgehandelt werden; aber es sollen diejenigen Punkte,
    welche in der „Vorläufigen Mittheilung“ ungenügend begründet und zu
    schwach hervorgehoben wurden, eine etwas eingehendere, deutlichere,
    wohl auch einschränkende Besprechung erfahren.

    In diesen Erörterungen wird wenig vom Gehirn und gar nicht
    von den Molecülen die Rede sein. Psychische Vorgänge sollen in der
    Sprache der Psychologie behandelt werden, ja es kann eigentlich gar
    nicht anders geschehen. Wenn wir statt „Vorstellung“ „Rindenerregung“
    sagen wollten, so würde der letztere Ausdruck nur dadurch einen Sinn
    für uns haben, dass wir in der Verkleidung den guten Bekannten
    erkennen und die „Vorstellung“ stillschweigend wieder restituiren.
    Denn während Vorstellungen fortwährend Gegenstände unserer Erfahrung
    und uns in all’ ihren Nuancen wohlbekannt sind, ist „Rindenerregung“ für
    uns mehr ein Postulat, ein Gegenstand künftiger, erhoffter Erkenntniss.
    Jener Ersatz der Termini scheint eine zwecklose Maskerade.

    So möge der fast ausschliessliche Gebrauch psychologischer
    Terminologie vergeben werden.

    Noch für Anderes muss ich im vorhinein um Nachsicht bitten.
    Wenn eine Wissenschaft rasch vorwärts schreitet, werden Gedanken,
    die zuerst von Einzelnen ausgesprochen wurden, alsbald Gemeingut.
    So kann Niemand, der heute seine Anschauungen über Hysterie und
    ihre psychische Grundlage darzulegen versucht, es vermeiden, dass
    er eine Menge Gedanken Anderer ausspreche und wiederhole, die
    eben aus dem Individualbesitz in den Gemeinbesitz übergehen. Es ist

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    kaum möglich, von ihnen immer zu constatiren, wer sie zuerst aus-
    gesprochen hat, und auch die Gefahr liegt nahe, dass man für eigenes
    Product hält, was von andern schon gesagt worden ist. So möge es
    entschuldigt werden, wenn hier wenig Citate gebracht werden und
    zwischen Eigenem und Fremdem nicht streng unterschieden wird. Auf
    Originalität macht das Wenigste von dem Anspruch, was auf den
    folgenden Seiten dargelegt werden soll.

    I. Sind alle hysterischen Phänomene ideogen?

    Wir sprachen in der „Vorläufigen Mittheilung“ über den psychischen
    Mechanismus „hysterischer Phänomene“; nicht „der Hysterie“, weil
    wir für denselben, und für die psychische Theorie der hysterischen
    Symptome überhaupt, uneingeschränkte Geltung nicht beanspruchen
    wollten. Wir glauben nicht, dass alle Erscheinungen der Hysterie auf
    die von uns dargelegte Weise zu Stande kommen, und auch nicht,
    dass alle ideogen, d. h. durch Vorstellungen bedingt seien. Wir
    differiren darin von Möbius,1) der 1888 die Definition vorschlug:
    „Hysterisch sind alle diejenigen krankhaften Erscheinungen, die durch
    Vorstellungen verursacht sind.“ Später wurde dieser Satz dahin
    erläutert, dass nur ein Theil der krankhaften Phänomene den ver-
    ursachenden Vorstellungen inhaltlich entspreche, nämlich die durch
    Fremd- oder Auto-Suggestion erzeugten; z. B. wenn die Vorstellung, den
    Arm nicht bewegen zu können, eine Lähmung desselben bedinge. Ein
    anderer Theil der hysterischen Phänomene sei zwar durch Vorstellungen
    verursacht, entspreche ihnen aber inhaltlich nicht; z. B. wenn in
    einer unserer Beobachtungen die Lähmung des Armes durch den
    Anblick von schlangenähnlichen Gegenständen erzeugt wird.

    Möbius will mit dieser Definition nicht etwa eine Veränderung
    der Nomenclatur befürworten, so dass fortan nur die durch Vor-
    stellungen bedingten, ideogenen krankhaften Phänomene hysterisch zu
    nennen wären; sondern er meint, dass alle hysterischen Krankheits-
    erscheinungen ideogen seien. „Weil sehr oft Vorstellungen Ursache
    der hysterischen Erscheinungen sind, glauben wir, dass sie es immer
    seien.“ Er nennt dies einen Analogieschluss; ich möchte es eher eine
    Generalisation nennen, deren Berechtigung erst untersucht werden muss.

    Offenbar muss vor jeder Discussion festgestellt werden, was man
    unter Hysterie versteht. Ich halte Hysterie für ein empirisch gefundenes,
    der Beobachtung entstammendes Krankheitsbild, gerade so wie die tubercu-
     

    1)Möbius, Über den Begriff der Hysterie. Wiederabgedruckt in „Neu-
    rologische Beiträge“, I. Heft, 1894.

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    löse Lungenphthise. Solche empirisch gewonnene Krankheitsbilder
    werden durch den Fortschritt unserer Erkenntniss geläutert, vertieft,
    erklärt; sie sollen und können dadurch aber nicht zerstört werden.
    Die ätiologische Forschung hat gezeigt, dass die verschiedenen Theil-
    processe der Lungenphthise durch verschiedene Krankheitsursachen
    bedingt sind; der Tuberkel durch den Bacillus Kochii, der Gewebs-
    zerfall, die Cavernenbildung, das septische Fieber durch andere Mikroben.
    Trotzdem bleibt die tuberculöse Phthise eine klinische Einheit, und es
    wäre unrichtig, sie dadurch zu zerstören, dass man nur die „specifisch
    tuberculösen“, durch den Bacillus Koch’s bedingten Gewebsveränderungen
    ihr zuschreiben, die anderen von ihr loslösen wollte. – Ebenso muss
    die klinische Einheit der Hysterie erhalten bleiben, auch wenn sich
    herausstellt, dass ihre Phänomene durch verschiedene Ursachen bedingt
    sind, die einen durch einen psychischen Mechanismus, die anderen ohne
    solchen zustande kommen.

    Das ist nun meiner Ueberzeugung nach wirklich der Fall. Nur
    ein Theil der hysterischen Phänomene ist ideogen, und die Annahme
    der Möbius’schen Definition reisst die klinische Einheit der Hysterie,
    ja auch die Einheit eines und desselben Symptoms bei einem und
    demselben Kranken mitten entzwei.

    Es wäre ein dem Analogieschluss Möbius’ ganz analoger Schluss:
    „Weil sehr oft Vorstellungen und Wahrnehmungen die Erection hervor-
    rufen, nehmen wir an, dass sie allein es immer thun, und dass auch die
    peripheren Reize erst auf dem Umwege über die Psyche jenen vasomoto-
    rischen Vorgang auslösen.“ Wir wissen, dass das ein Irrthum wäre, und
    doch lägen diesem Schluss gewiss so viele Thatsachen zu Grunde wie
    dem Satz Möbius’ betreffs der Hysterie. In Analogie mit einer grossen
    Zahl physiologischer Vorgänge, wie Speichel- und Thränensecretion,
    Veränderung der Herzaction u. dgl. ist als möglich und wahrscheinlich
    anzunehmen, dass derselbe Vorgang sowohl durch Vorstellungen als
    durch periphere oder andere, aber nicht psychische Reize ausgelöst
    werden kann. Das Gegentheil ist zu beweisen, und dazu fehlt noch
    sehr viel. Ja es scheint sicher, dass viele der hysterisch genannten
    Phänomene nicht allein durch Vorstellungen verursacht werden.

    Betrachten wir einen ganz alltäglichen Fall. Eine Frau bekommt
    bei jedem Affect an Hals, Brust und Gesicht ein erst fleckiges, dann
    confluirendes Erythem. Dies ist durch Vorstellungen bedingt und also
    nach Möbius ein hysterisches Phänomen. Dasselbe Erythem tritt aber,
    wenn auch in geringerer Ausbreitung bei Hautreiz auf, bei Berührung
    11*

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    u. dgl. Dies wäre nun nicht hysterisch. So wäre ein, sicherlich völlig
    einheitliches Phänomen einmal der Hysterie zugehörig und ein
    andermal nicht. Man kann ja zweifeln, ob man dieses, den Erethismus
    der Vasomotoren, überhaupt zu den specifisch hysterischen Erschei-
    nungen rechnen soll, oder ob man es nicht besser dem einfachen
    „Nervosismus“ zuzählt. Aber nach Möbius müßte jene Zerfällung eines
    einheitlichen Vorgangs jedenfalls geschehen, und das affectiv bedingte
    Erythem allein hysterisch genannt werden.

    Ganz ebenso verhält es sich bei den praktisch so wichtigen
    hysterischen Algien. Gewiss sind diese häufig direct durch Vor-
    stellungen bedingt; es sind „Schmerzhallucinationen“. Untersuchen
    wir diese etwas genauer, so zeigt sich, dass zu ihrem Entstehen grosse
    Lebhaftigkeit der Vorstellung nicht genügt, sondern dass ein besonderer
    abnormer Zustand der schmerzleitenden und -empfindenden Apparate noth-
    wendig ist, wie zum Entstehen des affectiven Erythems die abnorme
    Erregbarkeit der Vasomotoren. Das Wort „Schmerzhallucination“
    bezeichnet gewiss das Wesen dieser Neuralgie auf’s prägnanteste, zwingt
    uns aber auch, die Anschauungen auf sie zu übertragen, die wir uns
    bezüglich der Hallucination im Allgemeinen gebildet haben. Diese
    Eingehend zu discutiren, ist hier nicht am Platze. Ich bekenne mich
    zu der Meinung, die „Vorstellung“, das Erinnerungsbild, allein, ohne
    Erregung des Perceptionsapparates, erlange selbst in seiner grössten
    Lebhaftigkeit und Intensität nie den Charakter objectiver Existenz,
    der die Hallucination ausmacht.1)

    Das gilt schon von den Sinneshallucinationen und noch mehr von
    den Schmerzhallucinationen. Denn es scheint dem Gesunden nicht
    möglich zu sein, der Erinnerung an einen körperlichen Schmerz auch

    1)Dieser Perceptionsapparat, einschliesslich der corticalen Sinnessphären,
    muss verschieden sein von dem Organ, welches Sinneseindrücke als Erinnerungs-
    bilder aufbewahrt und reproducirt. Denn die Grundbedingung der Function des
    Wahrnehmungsapparates ist die rascheste restitutio in statum quo ante; sonst
    könnte keine richtige weitere Perception stattfinden. Die Bedingung des Gedächt-
    nisses hingegen ist, dass eine solche Restitution nicht statt hat, sondern dass jede
    Wahrnehmung bleibende Veränderungen schafft. Unmöglich kann ein und dasselbe
    Organ beiden widersprechenden Bedingungen genügen; der Spiegel eines Reflexions-
    Teleskops kann nicht zugleich photographische Platte sein. In diesem Sinne, dass
    die Erregung des Perceptionsapparates – nicht in der bestimmten Aussage, dass
    die Erregung der subcorticalen Centren – der Hallucination den Charakter des
    Objectiven gebe, stimme ich Meynert bei. Soll aber durch das Erinnerungsbild das
    Perceptionsorgan erregt werden, so müßten wir eine gegen die Norm abgeänderte
    Erregbarkeit desselben annehmen, die eben die Hallucination möglich macht.

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    nur jene Lebhaftigkeit, jene entfernte Annäherung an die wirkliche
    Empfindung zu verschaffen, welche doch bei optischen und acoustischen
    Erinnerungsbildern erreicht werden kann. Selbst in dem normalen
    hallucinatorischen Zustand des Gesunden, im Schlafe, werden, wie ich
    glaube, niemals Schmerzen geträumt, wenn nicht eine reale Schmerz-
    empfindung vorhanden ist. Die „rückläufige“, von dem Organ des
    Gedächtnisses ausgehende Erregung des Perceptionsapparates durch
    Vorstellungen ist also de norma für Schmerz noch schwieriger als für
    Gesichts- und Gehörempfindungen. Treten bei Hysterie mit solcher
    Leichtigkeit Schmerzhallucinationen auf, so müssen wir eine anomale
    Erregbarkeit des schmerzempfindenden Apparates statuiren.

    Diese tritt nun nicht bloss durch Vorstellungen, sondern auch
    durch periphere Reize angeregt in die Erscheinung, ganz wie der
    früher betrachtete Erethismus der Vasomotoren.

    Wir beobachten täglich, dass beim nervös normalen Menschen
    periphere Schmerzen von pathologischen, aber selbst nicht schmerz-
    haften Vorgängen in andern Organen bedingt werden; so der Kopf-
    schmerz von relativ unbedeutenden Veränderungen der Nase und
    ihrer Nebenhöhlen; Neuralgien der Intercostal- und Brachialnerven
    vom Herzen aus, u. dgl. m. Besteht bei einem Kranken jene abnorme
    Erregbarkeit, welche wir als Bedingung der Schmerzhallucination
    annehmen mussten, so steht sie, sozusagen, auch den eben erwähnten
    Irradiationen zur Verfügung. Die auch bei nicht Nervösen vorkommenden
    werden intensiver, und es bilden sich solche Irradiationen, die wir
    zwar nur bei Nervenkranken finden, die aber doch auf demselben
    Mechanismus begründet sind wie jene. So, glaube ich, hängt die
    Ovarie von den Zuständen des Genitalapparates ab. Dass sie psychisch
    vermittelt sei, müsste bewiesen werden, und das ist dadurch nicht
    geschehen, dass man diesen Schmerz, wie jeden anderen, als Halluci-
    nation in der Hypnose erzeugen, oder dass die Ovarie auch psychischen
    Ursprungs sein kann. Sie entsteht eben wie das Erythem, oder wie
    eine der normalen Secretionen sowohl aus psychischen als aus rein
    somatischen Ursachen. Sollen wir nun nur die erstere Art hysterisch
    nennen? Jene, von der wir den psychischen Ursprung kennen? Dann
    müssten wir eigentlich die gewöhnlich beobachtete Ovarie aus dem
    hysterischen Symptomcomplexe ausscheiden, was doch kaum angeht.

    Wenn nach einem leichten Trauma eines Gelenkes allmählich
    eine schwere Gelenksneurose sich entwickelt, so ist in diesem Vorgang
    gewiss ein psychisches Element: die Concentration der Aufmerksamkeit

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    auf den verletzten Theil, welche die Erregbarkeit der betreffenden
    Nervenbahnen steigert; aber man kann das kaum so ausdrücken, dass
    die Hyperalgie durch Vorstellungen bedingt sei.

    Nicht anders steht es mit der pathologischen Herabsetzung der
    Empfindung. Es ist durchaus unerwiesen und unwahrscheinlich, dass
    die allgemeine Analgesie oder dass die Analgesie einzelner Körper-
    theile ohne Anästhesie, durch Vorstellungen verursacht sei. Und wenn
    sich auch die Entdeckung Binet’s und Janet’s vollständig bestätigen
    sollte, dass die Hemianästhesie durch einen eigenthümlichen psychischen
    Zustand bedingt sei, durch die Spaltung der Psyche, so wäre das zwar
    ein psychogenes, aber kein ideogenes Phänomen und wäre darum
    nach Möbius nicht hysterisch zu nennen.

    Können wir so von einer grossen Zahl charakteristischer hysterischer
    Phänomene nicht annehmen, dass sie ideogen seien, so scheint es
    richtig, den Satz von Möbius zu reduciren. Wir sagen nicht: „Jene
    krankhaften Erscheinungen sind hysterisch, welche durch Vorstellungen
    veranlasst sind“; sondern nur: Sehr viele der hysterischen
    Phänomene, wahrscheinlich mehr, als wir heute
    wissen, sind ideogen. Die gemeinschaftliche, fundamentale
    krankhafte Veränderung aber, welche sowohl den Vorstellungen als auch
    nicht psychologischen Reizen ermöglicht, pathogen zu wirken, ist eine
    anomale Erregbarkeit des Nervensystems.1) Inwieweit diese selbst
    psychischen Ursprungs ist, das ist eine weitere Frage.


    Wenn also nur ein Theil der hysterischen Phänomene ideogen
    sein dürfte, so sind es doch gerade diese, welche man die specifisch
    hysterischen nennen darf, und ihre Erforschung, die Aufdeckung ihres
    psychischen Ursprungs macht den wesentlichsten neueren Fortschritt in
    der Theorie der Krankheit aus. Es stellt sich nun die weitere Frage:
    wie kommen sie zu Stande, welches ist der „psychische Mechanismus“
    dieser Phänomene?

    Dieser Frage gegenüber verhalten sich die beiden von Möbius
    unterschiedenen Gruppen ideogener Symptome wesentlich verschieden.
    Diejenigen, bei denen das Krankheitsphänomen der erregenden Vor-
    stellung inhaltlich entspricht, sind relativ verständlich und durch-

    1)Oppenheim’s „Labilität der Molecüle“. Vielleicht wird es später möglich
    sein, den obigen sehr vagen Ausdruck durch eine präcisere und inhaltsreichere
    Formel zu ersetzen.

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    sichtig. Wenn die Vorstellung einer gehörten Stimme dieselbe nicht
    bloß wie beim Gesunden im „inneren Hören“ leise anklingen, sondern
    als wirkliche objective Gehörempfindung hallucinatoriſch wahrnehmen
    läßt, so entspricht das bekannten Phänomenen des gesunden Lebens
    (Traum) und ist unter der Annahme abnormer Erregbarkeit wohl ver-
    ständlich. Wir wissen, daß es bei jeder willkürlichen Bewegung die
    Vorstellung des zu erreichenden Resultates ist, welche die entspre-
    chende Muskelcontraction auslöst; es ist nicht ganz unverständlich,
    daß die Vorstellung, diese sei unmöglich, die Bewegung verhindert.
    (Suggestive Lähmung.)

    Anders verhält es sich mit jenen Phänomenen, die keinen logischen
    Zusammenhang mit der veranlassenden Vorstellung haben. (Auch für
    sie bietet das normale Leben Analogien, wie z. B. das Schamerröthen
    u. dgl.) Wie kommen diese Zustande, warum löst beim kranken
    Menschen eine Vorstellung gerade die eine, ganz irrationale, ihr gar
    nicht entsprechende Bewegung oder Hallucination aus?

    Wir glaubten in der „Vorläufigen Mittheilung“ über diesen causaleu
    Zusammenhang einiges auf Grund unserer Beobachtungen aussagen zu
    können. Wir haben aber in unserer Darlegung den Begriff „der Erregung,
    welche abſtrömt oder abreagirt werden muß“, ohne weiteres
    eingeführt und benützt. Dieser Begriff, für unser Thema und für die
    Lehre von den Neurosen überhaupt von fundamentaler Wichtigkeit,
    scheint aber eine eingehendere Untersuchung zu verlangen und zu ver-
    dienen. Bevor ich zu dieser schreite, muß ich es entschuldigen, daß
    hier auf die Grundprobleme des Nervensystems zurückgegriffen wird.
    Solches „Hinuntersteigen zu den Müttern“ hat immer etwas Beklem-
    mendes; aber der Versuch, die Wurzel einer Erscheinung aufzugraben,
    führt eben unvermeidlich immer auf die Grundprobleme, denen man
    nicht ausweichen kann. Möge darum die Abstrusität der folgenden
    Betrachtungen nachsichtig beurtheilt werden!

    II. Die intracerebrale tonische Erregung. – Die Affecte.

    A. Wir kennen zwei extreme Zustände des Centralnervensystems,
    traumlosen Schlaf und helles Wachen. Zwischen ihnen bilden Zustände
    geringerer Helligkeit in allen Abstufungen den Uebergang. Uns inter-
    essirt hier nicht die Frage nach dem Zweck und der physischen Be-
    gründung des Schlafes (chemische oder vasomotorische Bedingungen),
    sondern nach dem wesentlichen Unterschiede der beiden Zustände.

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    Vom tiefsten, traumlosen Schlafe können wir directe nichts aus-
    sagen, weil eben durch den Zustand völliger Bewußtlosigkeit jede Be-
    obachtung und Erfahrung ausgeschlossen ist. Von dem benachbarten
    Zustand des Traumschlafes aber wissen wir, daß wir darin willkür-
    liche Bewegungen intendiren, sprechen, gehen u. s. w., ohne daß
    dadurch die entsprechenden Muskelcontractionen wirklich ausgelöst
    würden, wie es im Wachen geschieht; daß sensible Reize vielleicht
    percipirt werden (da sie oft in den Traum eingehen), aber nicht
    apperceipirt, das heißt, nicht zu bewußten Wahrnehmungen werden;
    daß auftauchende Vorstellungen nicht, wie im Wachen, alle mit
    ihnen zusammenhängenden, im potentiellen Bewußtsein vorhandenen
    Vorstellungen actuell machen, sondern daß große Massen hievon
    unerregt bleiben (wie wenn wir mit einem Verstorbenen sprechen, ohne
    uns seines Todes zu erinnern); daß auch unvereinbare Vorstellungen
    zugleich bestehen können, ohne sich wie im Wachen wechselseitig zu
    hemmen; daß also die Association mangelhaft und unvollständig erfolgt.
    Wir dürfen wohl annehmen, daß im tiefsten Schlafe diese Aufhebung
    des Zusammenhanges zwischen den psychischen Elementen eine noch
    vollständigere, complete ist.

    Dem gegenüber löst im hellen Wachen jeder Willensakt die zuge-
    hörige Bewegung aus, die sensiblen Eindrücke werden zu Wahrnehmun-
    gen, die Vorstellungen* associiren sich mit dem ganzen Besitz des
    potentiellen Bewußtseins. Das Gehirn ist dann eine im vollständigen
    inneren Zusammenhange arbeitende Einheit.

    Es ist vielleicht nur eine Umschreibung dieser Thatsachen, wenn
    wir sagen, daß im Schlafe die Verbindungs- und Leitungsbahnen des
    Gehirnes für die Erregung der psychischen Elemente (Rindenzellen?)
    nicht, im Wachen aber vollständig gangbar sind.

    Die Existenz dieser beiden verschiedenen Zustände der Leitungs-
    bahnen wird verständlich wohl nur durch die Annahme, daß sie sich
    während des Wachens in tonischer Erregung befinden (intercellularer
    Tetanus Exner’s); daß diese tonische intracerebrale Erregung
    ihre Leitungsfähigkeit bedingt, und daß ihr Absinken und Schwinden
    eben den Zustand des Schlafes herstellt.

    Wir hätten uns eine cerebrale Leitungsbahn nicht wie einen
    Telephondraht vorzustellen, der nur dann elektrisch erregt ist, wenn
    er fungiren, das heißt hier: ein Zeichen übertragen soll; sondern wie
    eine jener Telephonleitungen, durch welche constant ein galvanischer
    Strom fließt, und welche unerregbar werden, wenn dieser schwindet.

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    — Oder, besser vielleicht, denken wir an eine viel verzweigte elektrische
    Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung; es wird
    von dieser gefordert, dass jede Lampe und jede Kraftmaschine durch
    einfaches Herstellen eines Contactes in Function gesetzt werden
    könne. Um dies zu ermöglichen, zum Zwecke der Arbeitsbereitschaft,
    muss auch während functioneller Ruhe in dem ganzen Leitungsnetz
    eine bestimmte Spannung bestehen, und zu diesem Behuf muss die
    Dynamomaschine eine bestimmte Menge von Energie aufwenden.

    Ebenso besteht ein gewisses Maass von Erregung in den Leitungs-
    bahnen des ruhenden, wachen, aber arbeitsbereiten Gehirnes.1)

    Für diese Vorstellung spricht, dass das Wachen an sich, auch
    ohne Arbeitsleistung, ermüdet und Schlafbedürfniss erzeugt; es bedingt
    an sich schon einen Energieverbrauch.

    Denken wir uns einen Menschen in gespannter, aber nicht ein
    einzelnes Sinnesgebiet betreffender Erwartung. Wir haben dann ein
    ruhendes, aber leistungsbereites Gehirn vor uns. Wir dürfen wohl an-
    nehmen, dass in diesem alle Leitungsbahnen auf das Maximum ihrer
    Leistungsfähigkeit eingestellt, in tonischer Erregung sind. Die Sprache
    nennt diesen Zustand bezeichnender Weise eben: Spannung. Die Er-
    fahrung lehrt, wie anstrengend und ermüdend dieser Zustand ist, in
    welchem doch keinerlei actuelle motorische oder psychische Arbeit ge-
    leistet wurde.

    Dies ist ein exceptioneller Zustand, der eben des grossen Energie-
    verbrauchs halber nicht lange ertragen wird. Aber auch der normale
    Zustand des hellen Wachens bedingt ein innerhalb nicht allzuweiter

    1)Es sei erlaubt, hier in Kürze die Vorstellung anzudeuten, welche der obigen
    Ausführung zu Grunde liegt. Wir denken uns gewöhnlich die sensiblen und sen-
    sorischen Nervenzellen als passive Aufnahmsapparate; mit Unrecht. Denn schon die
    Existenz des Associations-Fasersystems beweist, dass auch von ihnen aus Erregung
    in Nervenfasern strömt. In einer Nervenfaser, welche per continuitatem oder conti-
    guitatem zwei sensorische Zellen verbindet, muss ein Spannungszustand bestehen,
    wenn von beiden Zellen aus Erregung in sie einströmt. Dieser verhält sich zu der
    in einer, z. B. peripheren, motorischen Faser abströmenden Erregung wie hydro-
    statischer Druck zu der lebendigen Kraft strömenden Wassers oder wie elektrische
    Spannung zum elektrischen Strom. Sind alle Nervenzellen in einem Zustande
    mittlerer Erregung und erregen ihre nervösen Fortsätze, so bildet das ganze unge-
    heure Netz ein einheitliches Reservoir von „Nervenspannung“. Wir hätten also
    ausser der potentiellen Energie, welche in dem chemischen Bestande der Zelle ruht
    und jener uns unbekannten Form kinetischer Energie, welche im Erregungszustande
    der Faser abläuft, noch einen ruhenden Zustand von Nervenerregung anzunehmen,
    die tonische Erregung oder Nervenspannung.

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    Grenzen schwankendes Ausmaass intracerebraler Erregung; all den Ab-
    stufungen des Wachens bis zur Schläfrigkeit und zum wirklichen Schlafe
    entsprechen niedrigere Erregungsgrade.

    Wirkliche Arbeitsleistung des Gehirnes bedingt gewiss einen
    grösseren Energieverbrauch als die blosse Arbeitsbereitschaft; (wie die
    oben zum Vergleiche angezogene elektrische Anlage eine grössere
    Menge von elektrischer Energie in die Leitungen einströmen lassen
    muss, wenn viele Lampen oder Arbeitsmaschinen eingeschaltet werden).
    Bei normaler Function wird nicht mehr Energie frei, als sogleich in der
    Thätigkeit verbraucht wird. Das Gehirn verhält sich aber wie eine solche
    Anlage von begrenzter Leistungsfähigkeit, welche etwa nicht zu gleicher
    Zeit grosse Mengen von Licht und von mechanischer Arbeit herstellen
    könnte. Arbeitet die Kraftübertragung, so ist wenig Energie für die Be-
    leuchtung verfügbar und umgekehrt. So sehen wir, dass es uns bei starker
    Muskelanstrengung unmöglich ist, andauernd nachzudenken, dass die
    Concentration der Aufmerksamkeit auf ein Sinnesgebiet die Leistungs-
    fähigkeit der andern Hirnorgane absinken macht, dass also das Gehirn
    mit einer wechselnden, aber begrenzten, Energiemenge arbeitet.

    Die ungleichmässige Vertheilung der Energie wird wohl durch
    die „attentionelle Bahnung“ (Exner) bedingt, indem die Leitungs-
    fähigkeit der in Anspruch genommenen Bahnen erhöht wird, die der
    andern absinkt, und so im arbeitenden Gehirn auch die „intracerebrale
    tonische Erregung“ ungleichmässig vertheilt ist.1)

    Wir erwecken einen Schlafenden, d. h. wir steigern plötzlich
    das Quantum seiner tonischen intracerebralen Erregung, indem wir
    einen lebhaften Sinnesreiz auf ihn wirken lassen. Ob dabei Veränderungen
    in dem cerebralen Blutkreislauf wesentliche Glieder der Causalkette
    sind, ob die Gefässe primär durch den Reiz erweitert werden, oder
    ob dies die Folge der Erregung der Hirnelemente ist, das alles ist
    unentschieden. Sicher ist, dass der durch eine Sinnespforte eindringende
    Erregungszustand von da aus über das Hirn sich ausbreitet, diffundirt
    und alle Leitungswege in einen Zustand höherer Bahnung bringt.

    1)Die Auffassung der Energie des Centralnervensystems als einer Quantität
    von schwankender und wechselnder Vertheilung über das Gehirn ist alt. „L a s e n-
    s i b i l i t é,“ sagte Cabanis, „s e m b l e s e c o m p o r t e r à l a m a n i è r e d ’ u n f l u i d e d o n t l a
    q u a n t i t é t o t a l e e s t d é t e r m i n é e e t q u i , t o u t e s l e s f o i s q u ’ i l s e j e t t e e n p l u s g r a n d e
    a b o n d a n c e d a n s u n d e s s e s c a n a u x , d i m i n u e p r o p o r t i o n e l l e m e n t d a n s l e s a u t r e s.“
    (Cit. nach Janet, Etat mental II, p. 277.)

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    Wie das spontane Erwachen vor sich geht, ob immer ein und
    derselbe Gehirntheil zuerst in den Zustand der Wacherregung tritt
    und diese von ihm aus sich verbreitet, oder ob bald die eine, bald
    die andere Gruppe von Elementen als Erwecker fungirt, ist wohl noch
    völlig unklar.

    Doch beweist das spontane Erwachen, welches ja auch in voller
    Ruhe und Finsterniss ohne äussere Reize eintritt, dass die Ent-
    wicklung von Energie im Lebensprocess der Hirnelemente selbst be-
    gründet ist.

    Der Muskel bleibt, ungereizt, ruhig, auch wenn er noch so-
    lange geruht und das Maximum von Spannkräften in sich angehäuft
    hat. Nicht so die Hirnelemente. Wir nehmen wohl mit Recht an,
    dass diese im Schlafe ihren Bestand restituiren und Spannkräfte
    sammeln. Ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, sozusagen
    ein gewisses Niveau erreicht, so strömt der Ueberschuss in die
    Leitungswege ab, bahnt sie und stellt die intracerebrale Erregung des
    Wachens her.

    Denselben Vorgang können wir in lehrreicher Weise im Wachen
    beobachten. Wenn das wache Gehirn längere Zeit in Ruhe ver-
    bleibt, ohne durch Function Spannkraft in lebendige Energie zu ver-
    wandeln, so tritt das Bedürfniss und der Drang nach Bethätigung ein.
    Lange motorische Ruhe schafft das Bewegungsbedürfniss (zweckloses
    Herumlaufen der Thiere im Käfig) und ein peinliches Gefühl, wenn dies
    Bedürfniss nicht befriedigt werden kann. Mangel an Sinnesreizen,
    Finsterniss, lautlose Stille wird zur Pein; geistige Ruhe, Mangel an
    Wahrnehmungen, Vorstellungen, an Associationsthätigkeit erzeugen die
    Qual der Langeweile. Diese Unlustgefühle entsprechen einer „Aufregung“,
    einer Steigerung der normalen intracerebralen Erregung.

    Die vollständig restituirten Hirnelemente machen also auch in
    der Ruhe ein gewisses Maass von Energie frei, welches, functionell nicht
    verwertet, die intracerebrale Erregung steigert. Dies erzeugt ein Unlust-
    gefühl. Solche entstehen immer, wenn ein Bedürfniss des Organismus
    nicht Befriedigung findet. Da die hier besprochenen schwinden, wenn
    das frei gewordene überschüssige Quantum von Erregung functionell
    verwendet wird, so schliessen wir, dass diese Wegschaffung des
    Erregungsüberschusses ein Bedürfniss des Organismus sei, und treffen
    hier zum erstenmale auf die Thatsache, dass im Organismus die
    „Tendenz zur Constanterhaltung der intracerebralen
    Erregung“ (Freud) besteht.

  • S.

    172

    Ein Ueberschuss davon belastet und belästigt, und es entsteht
    der Trieb ihn zu verbrauchen. Ist ein Verbrauch durch Sinnes-
    oder Vorstellungsthätigkeit nicht möglich, so strömt der Ueberschuss in
    zweckloser motorischer Action ab, im Auf- und Abgehen u. dgl., welches
    wir auch weiterhin als die häufigste Art der Entladung übergrosser
    Spannungen antreffen werden.

    Es ist bekannt, wie gross die individuelle Verschiedenheit in
    dieser Hinsicht ist; wie sehr sich die lebhaften Menschen von den
    trägen, torpiden hierin unterscheiden; diejenigen, welche „nicht ruhig
    sitzen können“, von denen, die „ein angeborenes Talent zum Canapé-
    sitzen haben“; die geistig beweglichen von den stumpfen, welche un-
    gemessene Zeiten geistiger Ruhe vertragen. Diese Verschiedenheiten,
    welche das „geistige Temperament“ der Menschen ausmachen, beruhen
    gewiss auf tiefen Unterschieden ihres Nervensystems; auf dem Ausmaass,
    in welchem die functionell ruhenden Hirnelemente Energie frei werden
    lassen.

    Wir sprachen von einer Tendenz des Organismus, die tonische
    Hirnerregung constant zu erhalten; eine solche ist uns doch nur ver-
    ständlich, wenn wir einsehen können, welches Bedürfniss durch sie
    erfüllt wird. Wir begreifen die Tendenz, die mittlere Temperatur des
    Warmblüters constant zu erhalten, weil wir sie erfahrungsgemäss als
    ein Optimum für die Function der Organe kennen. Und wir setzen
    Aehnliches für die Constanz des Wassergehaltes im Blute u. a. m.
    voraus. Ich glaube, man darf auch von der Höhe der intracerebralen
    tonischen Erregung annehmen, dass sie ein Optimum habe. Auf diesem
    Niveau der tonischen Erregung ist das Gehirn zugänglich für alle
    äusseren Reize, die Reflexe sind gebahnt, aber nur in dem Ausmaass
    normaler reflectorischer Thätigkeit, der Besitz an Vorstellungen ist der
    Erweckung und Association zugänglich in jenem gegenseitigen relativen
    Verhältniss der einzelnen Vorstellungen, welches klarer Besonnenheit
    entspricht; es ist der Zustand bester Arbeitsbereitschaft. Schon jene
    gleichmässige Erhöhung der tonischen Erregung, welche die „Erwartung“
    ausmacht, verändert die Verhältnisse. Sie macht hyperästhetisch für
    Sinnesreize, welche alsbald peinlich werden, und erhöht die Reflex-
    erregbarkeit über das Nützliche (Schreckhaftigkeit). Gewiss ist dieser
    Zustand für manche Situationen und Zwecke nützlich; wenn er aber
    spontan, ohne solche Vorbedingungen, eintritt, so bessert er unsere
    Leistungsfähigkeit nicht, sondern schädigt sie. Wir nennen das im ge-
    wöhnlichen Leben „nervös sein“. – Bei der weitaus grösseren Zahl

  • S.

    173

    der Formen von Erregungssteigerung handelt es sich aber um un-
    gleichmässige Uebererregung, welche der Leistungsfähigkeit direct ab-
    träglich ist. Wir bezeichnen das als „Aufregung“. Es ist nicht unbe-
    greiflich, sondern in Analogie mit andern Regulationen des Organismus,
    wenn in ihm das Bestreben besteht, das Optimum der Erregung
    festzuhalten und wieder zu erreichen, nachdem es überschritten
    worden ist.

    Es sei erlaubt, hier nochmals auf den Vergleich mit einer
    elektrischen Beleuchtungsanlage zurückzugreifen. Auch die Spannung
    in dem Leitungsnetz einer solchen hat ein Optimum; wird dieses über-
    schritten, so wird leicht die Function geschädigt, indem z. B. die
    Glühfäden rasch durchbrennen. Von der Schädigung der Anlage selbst
    durch Störung der Isolation und „kurzen Schluss“ wird später noch
    die Rede sein.

    B. Unsere Sprache, das Resultat der Erfahrung vieler Generationen,
    unterscheidet mit wunderwerther Feinheit jene Formen und Grade der
    Erregungssteigerung, welche der geistigen Thätigkeit noch nützlich
    sind, weil sie die freie Energie aller Hirnfunctionen gleichmässig
    erhöhen, von jenen, welche dieselben beeinträchtigen, weil sie in un-
    gleichmässiger Weise die psychischen Functionen theils erhöhen, theils
    hemmen.

    Sie nennt die ersteren Anregung, die letzteren Aufregung.
    Ein interessantes Gespräch, Thee, Kaffee, regen an; ein Streit, eine
    grössere Dosis Alkohol regen auf. Während die Anregung nur den
    Trieb nach functioneller Verwertung der gesteigerten Erregung wach-
    ruft, sucht sich die Aufregung in mehr weniger heftigen, an’s Patho-
    logische streifenden oder wirklich pathologischen Vorgängen zu ent-
    laden. Sie macht die psychisch-physische Grundlage der Affecte aus,
    und von diesen soll im folgenden die Rede sein. Vorher sind aber noch
    physiologische, endogene Ursachen der Erregungssteigerung flüchtig zu
    berühren.

    Solche sind zunächst die grossen physiologischen Bedürfnisse und
    Triebe des Organismus, der Sauerstoffhunger, der Nahrungshunger und
    der Durst. Da sich die Aufregung, welche sie setzen, mit bestimmten
    Empfindungen und Zielvorstellungen verknüpft, ist sie nicht so rein
    als Steigerung der Erregung zu beobachten wie die oben besprochene,
    welche nur der Ruhe der Hirnelemente entspringt. Sie hat immer

  • S.

    174


    ihre besondere Färbung. Aber sie ist unverkennbar in der ängstlichen
    Aufregung der Dyspnoe, wie in der Unruhe des Hungernden.

    Die Erregungssteigerung, welche diesen Quellen entfliesst, ist
    bedingt durch die chemische Veränderung der Hirnelemente selbst,
    welche an Sauerstoff oder Spannkräften oder Wasser verarmen; sie
    fliesst in präformirten motorischen Bahnen ab, welche zur Befriedigung
    des auslösenden Bedürfnisses führen; die Dyspnoe in den Anstren-
    gungen der Athmung, Hunger und Durst im Aufsuchen und Erringen
    der Nahrung und des Wassers. Das Princip der Constanz der Er-
    regung tritt dieser Aufregung gegenüber kaum in Wirksamkeit; sind
    ja doch die Interessen, welchen die Erregungssteigerung hier dient, für
    den Organismus viel wichtiger als die Wiederherstellung normaler
    Functionsverhältnisse des Gehirns. Zwar sieht man die Thiere der
    Menagerie vor der Fütterungsstunde aufgeregt hin und her laufen;
    aber dies mag wohl als ein Rest der präformirten motorischen Leistung,
    der Nahrungssuche, gelten, die nun durch die Gefangenschaft zweck-
    los geworden ist, nicht als ein Mittel, das Nervensystem von der Auf-
    regung zu befreien.

    Wenn die chemische Structur des Nervensystems durch an-
    haltende Zufuhr fremder Stoffe dauernd abgeändert worden ist, so
    bedingt auch der Mangel an diesen Aufregungszustände: wie der
    Mangel der normalen Nährstoffe beim Gesunden, die Aufregung der
    Abstinenz von Narcoticis.


    Den Uebergang von diesen endogenen Erregungssteigerungen zu
    den psychischen Affecten im engeren Sinne bildet die sexuale Er-
    regung und der sexuale Affect. Als erstere, als vage, unbestimmte,
    ziellose Erregungssteigerung erscheint die Sexualität während der
    Pubertät. In weiterer Entwicklung bildet sich (normalerweise) eine
    feste Verbindung dieser endogenen, durch die Function der Ge-
    schlechtsdrüsen bedingten Erregungssteigerung mit der Wahrneh-
    mung oder Vorstellung des anderen Geschlechtes; ja bei dem wunder-
    baren Phänomen des Verliebens in eine einzelne Person mit dieser
    Individual-Vorstellung. Diese tritt in Besitz der ganzen Quantität von
    Erregung, welche durch den Sexualtrieb frei gemacht wird; sie wird
    eine „affective Vorstellung“. Das heisst: bei ihrem Actuellwerden im
    Bewusstsein löst sie den Erregungszuwachs aus, der eigentlich einer
    anderen Quelle, den Geschlechtsdrüsen, entstammt.

    Der Sexualtrieb ist gewiss die mächtigste Quelle von lange
    anhaltenden Erregungszuwächsen (und als solche, von Neurosen);

  • S.

    175

    diese Erregungssteigerung ist höchst ungleich über das Nervensystem
    vertheilt. In ihren höheren Intensitätsgraden ist der Vorstellungs-
    ablauf gestört, der relative Wert der Vorstellungen abgeändert, im
    Orgasmus des Sexualactes erlischt das Denken fast vollständig.

    Auch die Wahrnehmung, die psychische Verarbeitung der
    Sinnesempfindungen leidet; das sonst scheue und vorsichtige Thier
    wird blind und taub für die Gefahr. Dagegen steigert sich (mindestens
    beim Männchen) die Intensität des aggressiven Instincts; das fried-
    liche Thier wird gefährlich, bis sich die Erregung in den motorischen
    Leistungen des Sexualactes entladet.

    C. Eine ähnliche Störung des dynamischen Gleichgewichtes im
    Nervensystem, die ungleichmässige Vertheilung der gesteigerten Er-
    regung macht eben die psychische Seite der Affecte aus.

    Weder eine Psychologie noch eine Physiologie der Affecte soll
    hier versucht werden. Nur ein einzelner für die Pathologie wichtiger
    Punkt soll Erörterung finden und zwar nur für die ideogenen Affecte,
    für jene, welche durch Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorgerufen
    werden. (Lange1) hat mit Recht wieder darauf hingewiesen, dass die
    Affecte fast ganz ebenso durch toxische Stoffe und, wie die Psychiatrie
    beweist, primär durch pathologische Veränderungen bedingt werden
    können wie durch Vorstellungen.)

    Es bedarf gewiss keiner weiteren Begründung, dass alle jene
    Störungen des psychischen Gleichgewichtes, welche wir acute Affecte
    nennen, mit einer Erregungssteigerung einhergehen. (Bei den chro-
    nischen Affecten, Kummer und Sorge, d. h. protrahirter Angst besteht
    die Complication eines schweren Ermüdungszustandes, welcher die
    ungleichmässige Vertheilung der Erregung und damit die Gleich-
    gewichtsstörung bestehen lässt, ihre Höhe aber herabsetzt.) Aber diese
    gesteigerte Erregung kann nicht in psychischer Thätigkeit verwendet
    werden. Alle starken Affecte beeinträchtigen die Association, den Vor-
    stellungsablauf. Man wird „sinnlos“ vor Zorn oder Schreck. Nur jene
    Vorstellungsgruppe, welche den Affect erregt hat, persistirt im Be-
    wusstsein mit höchster Intensität. So ist die Ausgleichung der Auf-
    regung durch associative Thätigkeit unmöglich.

    Aber die „activen“, „sthenischen“ Affecte gleichen die Erregungs-
    steigerung durch motorische Abfuhr aus. Das Jauchzen und Springen

    1)Lange, Über Gemütsbewegungen. 1887.

  • S.

    176

    der Freude, der gesteigerte Muskeltonus des Zornes, die Zornrede
    und die vergeltende That lassen die Erregung in Bewegungsacten
    abströmen. Der psychische Schmerz entladet dieselbe in respiratorischen
    Anstrengungen und in einem secretorischen Acte, Schluchzen und
    Weinen. Dass diese Reactionen die Aufregung mindern und beruhigen,
    ist Sache der täglichen Erfahrung. Wie schon bemerkt, drückt die
    Sprache dies in den Terminis „sich ausweinen, austoben“ u. s. w. aus; was
    dabei ausgegeben wird, ist eben die gesteigerte cerebrale Erregung.
    Nur einzelne dieser Reactionen sind zweckmässig, indem dadurch
    irgend etwas an der Sachlage geändert werden kann, wie durch die
    Zornesthat und -Rede. Die andern sind völlig zwecklos, oder vielmehr
    sie haben keinen anderen Zweck als die Ausgleichung der Erregungs-
    steigerung und die Herstellung des psychischen Gleichgewichtes.
    Indem sie dies leisten, dienen sie der „Tendenz zur Constanterhaltung
    der cerebralen Erregung“.

    Den „asthenischen“ Affecten des Schrecks und der Angst fehlt
    diese reactive Entladung. Der Schreck lähmt ganz direct die Moti-
    lität wie die Association, und ebenso die Angst, wenn die eine zweck-
    mässige Reaction des Davonlaufens durch die Ursache des Angst-
    affectes und durch die Umstände ausgeschlossen ist. Die Erregung
    des Schrecks schwindet nur durch allmähliche Ausgleichung.

    Der Zorn hat adäquate, der Veranlassung entsprechende Reac-
    tionen. Sind diese unmöglich oder werden sie gehemmt, so treten
    Surrogate an ihre Stelle. Schon die Zornrede ist ein solches. Aber
    auch andere, ganz zwecklose Acte ersetzen diese. Wenn Bismarck
    vor dem König die zornige Aufregung unterdrücken muss, erleichtert er
    sich dann, indem er eine kostbare Vase zu Boden schmettert. Diese
    willkürliche Substitution eines motorischen Actes durch einen anderen
    entspricht ganz dem Ersatz der natürlichen Schmerzreflexe durch
    andere Muskelcontractionen; der präformirte Reflex bei einer Zahn-
    extraction ist es, den Arzt wegzustossen und zu schreien. Wenn wir
    statt dessen die Armmuskeln contrahiren und die Stuhllehne pressen, so
    versetzen wir das durch den Schmerz ausgelöste Erregungsquantum von
    einer Muskelgruppe auf eine andere. Bei spontanem heftigen Zahn-
    schmerz, der ausser dem Aechzen ja keinen präformirten Reflex hat,
    strömt die Erregung in zwecklosem Hin- und Herlaufen ab. Ebenso
    transponiren wir die Erregung des Zornes von der adäquaten Reac-
    tion auf andere und fühlen uns entlastet, wenn sie nur durch irgend
    eine starke motorische Innervation verbraucht wird.

  • S.

    177

    Wenn dem Affect eine solche Abfuhr der Erregung aber über-
    haupt versagt wird, dann ist die Sachlage die gleiche beim Zorne
    wie bei Schreck und Angst: die intracerebrale Erregung ist gewaltig
    gesteigert, aber sie wird weder in associativer noch in motorischer
    Thätigkeit verbraucht. Beim normalen Menschen gleicht sich die
    Störung allmählich aus; bei manchen treten aber anomale Reactionen
    auf, es bildet sich der „anomale Ausdruck der Gemüts-
    bewegungen“ (Oppenheim).

    III. Die hysterische Conversion.

    Es wird wohl kaum den Verdacht erregen, ich identificirte die
    Nervenregung mit der Elektricität, wenn ich noch einmal auf den
    Vergleich mit einer elektrischen Anlage zurückkomme. Wenn in einer
    solchen die Spannung übergross wird, so besteht die Gefahr, dass
    schwächere Stellen der Isolation durchbrochen werden. Es treten dann
    elektrische Erscheinungen an abnormen Stellen auf; oder, wenn zwei
    Drähte nebeneinander liegen, bildet sich ein „kurzer Schluss“. Da an
    diesen Stellen eine bleibende Veränderung gesetzt wird, kann die dadurch
    bedingte Störung immer wieder erscheinen, wenn die Spannung ge-
    nügend gesteigert ist. Es hat eine abnorme „Bahnung“ stattgefunden.

    Man kann wohl behaupten, dass die Verhältnisse des Nerven-
    systems einigermassen ähnliche sind. Es ist ein durchaus zusammen-
    hängendes Ganzes; aber es sind an vielen Stellen grosse, doch nicht
    unüberwindbare, Widerstände eingeschaltet, welche die allgemeine
    gleichmässige Ausbreitung der Erregung verhindern. So geht im
    normalen wachen Menschen die Erregung des Vorstellungsorganes
    nicht auf die Perceptionsorgane über, wir halluciniren nicht. Die ner-
    vösen Apparate der lebenswichtigen Organcomplexe, der Circulation
    und Verdauung, sind im Interesse der Sicherheit und Leistungsfähig-
    keit des Organismus, durch starke Widerstände von den Organen der
    Vorstellung getrennt, ihre Selbstständigkeit ist gewahrt; sie sind
    directe durch Vorstellungen nicht beeinflusst. Aber nur Widerstände
    von individuell verschiedener Stärke hindern den Uebergang der intra-
    cerebralen Erregung auf die Circulations- und Verdauungsapparate;
    zwischen dem heute seltenen Ideal des absolut nicht „nervösen“
    Menschen, dessen Herzreaction in jeder Lebenslage constant bleibt und
    nur durch die zu leistende Arbeit beeinflusst wird, der in jeder
    Gefahr gleichmässig guten Appetit hat und verdaut, — und dem
    „nervösen“ Menschen, dem jedes Ereigniss Herzklopfen und Diarrhöe

  • S.

    178

    verursacht: – dazwischen stehen alle Abstufungen der affectiven
    Erregbarkeit.

    Aber immerhin bestehen beim normalen Menschen Widerstände für den
    Uebergang cerebraler Erregung auf die vegetativen Organe. Sie entsprechen
    der Isolation elektrischer Leitungen. An jenen Stellen, wo sie anomal
    gering sind, werden sie bei hochgespannter cerebraler Erregung durch
    brochen, und diese, die Erregung des Affectes, geht auf das periphere
    Organ über. Es entsteht der „anomale Ausdruck der Gemüthsbewegung“.

    Von den beiden eben genannten Bedingungen hiefür ist die eine
    schon ausführlich erörtert worden. Es ist ein hoher Grad intracerebraler
    Erregung, dem sowohl die Ausgleichung durch Vorstellungsablauf wie
    die durch motorische Abfuhr versagt ist; oder der zu hoch ist, als
    dass die letztere genügen könnte.

    Die andere Bedingung ist abnorme Schwäche der Widerstände
    in einzelnen Leitungsbahnen. Sie kann in der originären Beschaffenheit
    des Menschen liegen (angeborene Disposition); sie kann bedingt sein
    durch langdauernde Erregungszustände, welche sozusagen das Gefüge
    des Nervensystems lockern und alle Widerstände herabsetzen (Disposition
    der Pubertät); durch schwächende Einflüsse, Krankheit, Unterernährung
    u. s. w. (Disposition der Erschöpfungszustände). Der Widerstand ein-
    zelner Leitungswege kann herabgesetzt werden durch vorhergehende
    Erkrankung des betreffenden Organes, wodurch die Wege zum und
    vom Gehirn gebahnt wurden. Ein krankes Herz unterliegt dem Ein-
    fluss des Affectes stärker als ein gesundes. „Ich habe einen Resonanz-
    boden im Unterleib“, sagte mir eine an chronischer Parametritis leidende
    Frau, „was geschieht, erweckt meinen alten Schmerz.“ – (Disposition
    durch locale Erkrankung.)

    Die motorischen Acte, in welchen sich normaler Weise die
    Erregung der Affecte entladet, sind geordnete, coordinirte, wenn auch oft
    zwecklose. Aber die übergrosse Erregung kann die Coordinationscentren
    umgehen oder durchbrechen und in elementaren Bewegungen abströmen.
    Beim Säugling sind, ausser dem respiratorischen Acte des Schreiens,
    nur solche incoordinirte Muskelcontractionen, Bäumen und Strampeln,
    Wirkung und Ausdruck des Affectes. Mit fortschreitender Entwicklung
    gelangt die Musculatur immer mehr unter die Herrschaft der Coordi-
    nation und des Willens. Aber jener Opisthotonus, welcher das Maximum
    motorischer Anstrengung der gesammten Körpermusculatur darstellt,
    und die klonischen Bewegungen des Zappelns und Strampelns bleiben
    das Leben hindurch die Reactionsform für die maximale Erregung

  • S.

    179

    des Gehirnes: für die rein physische des epileptischen Anfalles wie
    für die Entladung maximaler Affecte, als mehr oder minder epileptoi-
    der Krampf. (Der rein motorische Theil des hysterischen Anfalles.)

    Solche abnorme Affectreactionen gehören zwar zur Hysterie; aber sie
    kommen auch ausserhalb dieser Krankheit vor; sie bezeichnen einen
    mehr minder hohen Grad von Nervosität, nicht die Hysterie. Als
    hysterisch darf man solche Phänomene erst dann bezeichnen, wenn
    sie nicht als Folgen eines hochgradigen, aber objectiv begründeten
    Affectes, sondern scheinbar spontan, als Krankheitserscheinung auf
    treten. Für diese haben viele Beobachtungen und so auch die unserigen
    nachgewiesen, dass sie auf Erinnerungen beruhen, welche den ursprüng-
    lichen Affect erneuern. Oder besser: erneuern würden, wenn
    nicht eben jene Reactionen schon einmal entstanden
    wären.

    Wohl bei allen geistig regsamern Menschen rinnt, bei psychischer
    Ruhe, leise ein Strom von Vorstellungen und Erinnerungen durch das
    Bewusstsein; meist mit so geringer Lebhaftigkeit der Vorstellungen,
    dass sie keine Spur im Gedächtniss hinterlassen, und man dann nicht
    sagen kann, wie die Association stattgefunden hat. Taucht aber eine
    Vorstellung auf, die ursprünglich mit einem starken Affect verbunden
    war, so erneuert sich dieser in grösserer oder geringerer Intensität.
    Die so „affectiv betonte“ Vorstellung tritt dann hell und lebhaft in’s
    Bewusstsein. Die Stärke des Affectes, welchen eine Erinnerung aus-
    lösen kann, ist sehr verschieden, je nach dem Maasse, in welchem sie
    den verschiedenen „usurirenden“ Einflüssen ausgesetzt war. Vor allem,
    je nachdem der ursprüngliche Affect „abreagirt“ worden war. Wir
    haben in der „Vorläufigen Mittheilung“ darauf hingewiesen, in wie ver-
    schiedenem Grade z. B. der Affect des Zornes über eine Beleidigung
    durch die Erinnerung wachgerufen wird, wenn diese Beleidigung ver-
    golten oder wenn sie stumm geduldet worden ist. War der psychische
    Reflex bei der ursprünglichen Veranlassung wirklich erfolgt, so löst
    die Erinnerung ein viel geringeres Erregungsquantum aus.1) Wenn nicht,

    1)Der Trieb der Rache, der beim Naturmenschen so mächtig ist und durch
    die Cultur mehr verkleidet als unterdrückt wird, ist überhaupt nichts als die
    Erregung eines nicht ausgelösten Reflexes. Eine Schädigung im Kampfe abzu-
    wehren und dabei den Gegner zu schädigen, ist der adäquate, präformirte, psychische
    Reflex. Ist er nicht oder ungenügend vollzogen worden, so wird er durch die

  • S.

    180

    so drängt die Erinnerung immer wieder die scheltenden Worte auf die
    Lippen, welche damals unterdrückt wurden, und welche der psychische
    Reflex jenes Reizes gewesen wären.

    Hat sich der ursprüngliche Affect nicht in dem normalen, sondern
    in einem „abnormen Reflex“ entladen, so wird auch dieser durch die
    Erinnerung wieder ausgelöst; die von der affectiven Vorstellung aus-
    gehende Erregung wird in ein körperliches Phänomen „convertirt“.
    (Freud.)

    Ist durch oftmalige Wiederholung dieser abnorme Reflex voll-
    ständig gebahnt worden, so kann sich, wie es scheint, die Wirk-
    samkeit der auslösenden Vorstellungen darin so vollständig erschöpfen,
    dass der Affect selbst nur in minimaler Stärke oder gar nicht ent-
    steht; dann ist die „hysterische Conversion“ vollständig. Die Vor-
    stellung aber, welche nun nicht mehr psychische Wirkungen hat, kann
    von dem Individuum übersehen oder ihr Auftauchen alsbald wieder
    vergessen werden, wie es bei andern affectlosen Vorstellungen geschieht.

    Ein solches Ersetzen der cerebralen Erregung, welche eine Vor-
    stellung bedingen sollte, durch eine Erregung peripherer Bahnen wird
    vielleicht annehmbarer durch die Erinnerung an das umgekehrte Ver-
    halten beim Ausbleiben eines präformirten Reflexes. Ich wähle ein
    höchst triviales Beispiel, den Niessreflex. Wenn ein Reiz auf der
    Nasenschleimhaut diesen präformirten Reflex aus irgend einem Grunde
    nicht auslöst, so entsteht bekanntermassen ein Gefühl von Erregung
    und Spannung. Es ist die Erregung, welche auf den motorischen
    Bahnen nicht abströmen kann und nun, jede andere Thätigkeit hemmend,
    über das Gehirn sich verbreitet. Dieses banalste Beispiel bietet doch
    das Schema für den Vorgang beim Ausbleiben auch der complicirtesten
    psychischen Reflexe. Die oben besprochene Aufregung des Rachetriebes
    ist wesentlich dasselbe; und bis in die höchsten Sphären menschlicher
    Leistungen können wir den Process verfolgen. Goethe wird mit einem
    Erlebniss nicht fertig, bis er es in dichterischer Thätigkeit erledigt
    hat. Bei ihm ist dies der präformirte Reflex eines Affectes, und

    Erinnerung immer wieder ausgelöst, und es entsteht der „Rachetrieb“ als irrationaler
    Willensimpuls wie alle „Triebe“. Beweis hiefür ist eben seine Irrationalität, seine
    Unabhängigkeit von allem Nutzen und aller Zweckmässigkeit; ja sein Sieg über
    alle Rücksichten der eigenen Sicherheit. Sobald der Reflex ausgelöst worden ist,
    kann diese Irrationalität in’s Bewusstsein treten.

    „Ein anderes Antlitz, bevor sie geschehen,
    Ein anderes trägt die vollbrachte That.“

  • S.

    181

    solange dieser sich nicht vollzogen hat, besteht die peinliche gesteigerte
    Erregung.

    Die intracerebrale Erregung und der Erregungsvorgang in peri-
    pheren Bahnen sind reciproke Größen; die erstere wächst, wenn und
    solange ein Reflex nicht ausgelöst wird, sie sinkt und schwindet, wenn
    sie sich in periphere Nervenerregung umgesetzt hat. So scheint es
    auch nicht unverständlich, dass kein merkbarer Affect entsteht, wenn
    die Vorstellung, welche ihn veranlassen sollte, unmittelbar einen
    abnormen Reflex auslöst, und in diesem die entstehende Erregung
    sogleich abströmt. Die „hysterische Conversion“ ist dann vollständig:
    die ursprünglich intracerebrale Erregung des Affectes ist in den Erregungs-
    vorgang peripherer Bahnen umgewandelt worden; die ursprünglich
    affective Vorstellung ruft jetzt nicht mehr den Affect, sondern nur den
    abnormen Reflex hervor.1)

    Wir sind damit einen Schritt weitergekommen, über den „abnormen
    Ausdruck der Gemüthsbewegungen“ hinaus. Das hysterische Phänomen
    (abnormer Reflex) erscheint auch intelligenten und gut beobachtenden
    Kranken nicht als ideogen, weil die veranlassende Vorstellung nicht
    mehr affectiv betont und nicht mehr vor anderen Vorstellungen und
    Erinnerungen ausgezeichnet ist; es erscheint als rein somatisches
    Phänomen, scheinbar ohne psychologische Wurzel.

    Wodurch wird nun die Entladung der Affeeterregung determinirt,
    so dass eben der eine abnorme Reflex geschaffen wird und nicht irgend
    ein beliebiger anderer? Unsere Beobachtungen beantworten diese
    Frage für viele Fälle dahin, dass auch diese Entladung dem „Princip
    des geringsten Widerstandes“ folgt und auf jenen Bahnen geschieht,
    deren Widerstände schon durch concurrirende Umstände herabgesetzt
    worden sind. Dahin gehört der schon früher besprochene Fall, dass
    ein bestimmter Reflex durch somatische Krankheit bereits gebahnt ist;
    z. B. wenn jemand oft an Cardialgien leidet, wird diese auch durch

    1)Ich möchte den Vergleich mit einer elektrischen Anlage nicht zu Tode
    hetzen; bei der fundamentalen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse kann er ja
    die Vorgänge im Nervensystem kaum illustriren und gewiss nicht erklären. Aber
    hier mag noch an den Fall erinnert werden, dass durch hohe Spannung die Isolation
    der Leitung einer Beleuchtungsanlage gelitten habe und an einer Stelle ein „kurzer
    Schluss“ hergestellt sei. Treten nun an dieser Stelle elektrische Phänomene auf
    (Erwärmung, z. B. kurze Funken o. dgl.), so leuchtet die Lampe nicht, zu welcher
    die Leitung führt; wie der Affect nicht entsteht, wenn die Erregung als abnormer
    Reflex abströmt, in ein somatisches Phänomen convertirt wird.

  • S.

    182

    den Affect hervorgerufen. – Oder ein Reflex ist dadurch gebahnt,
    daß die betreffende Muskelinnervation im Momente des ursprünglichen
    Affectes willkürlich intendirt wurde; so strebt Anna O. (Beob. I) im
    Schreckaffect den durch Drucklähmung bewegungslosen rechten Arm
    zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der Tetanus
    des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen Dinge
    hervorgerufen. Oder sie convergirt im Affecte stark mit den Augen,
    um die Uhrzeiger zu erkennen, und nun wird der Strabismus convergens
    einer der Reflexe dieses Affectes u. s. f.

    Es ist dies die Wirkung der Gleichzeitigkeit, welche ja auch
    unsere normale Association beherrscht; es ruft jede Sinneswahrnehmung
    eine andere wieder in’s Bewußtsein, welche ursprünglich zugleich mit
    ihr aufgetreten war; (das Schulbeispiel vom Gesichtsbilde und dem
    Blöcken des Schlafes u. dgl.).

    Wenn nun mit dem ursprünglichen Affecte gleichzeitig ein lebhafter
    Sinneseindruck bestanden hatte, so wird dieser vom erneuten Affect wieder
    hervorgerufen, und zwar, da es sich dabei um die Entladung über-
    grosser Erregung handelt, nicht als Erinnerung, sondern als Halluci-
    nation. Fast alle unsere Beobachtungen bieten hiefür Beispiele. Ein
    solches ist es auch, wenn eine Frau einen schmerzlichen Affect durch-
    lebt, während sie von einer Periostitis heftigen Zahnschmerz hat, und
    nun jede Erneuerung dieses Affectes, ja die Erinnerung daran eine
    Infraorbital-Neuralgie hervorruft u. dgl. m.

    Dies ist die Bahnung abnormer Reflexe nach den allgemeinen
    Gesetzen der Association. Manchmal aber (freilich nur bei höheren
    Graden von Hysterie) liegen zwischen dem Affect und seinem Reflex
    wirkliche Reihen von associirten Vorstellungen; das ist die Determi-
    nirung durch Symbolik. Es sind oft lächerliche Wortspiele, Klang-
    associationen, welche den Affect und seinen Reflex verbinden; aber das
    geschieht nur in traumhaften Zuständen mit verminderter Kritik und
    liegt schon ausserhalb der hier betrachteten Gruppe von Phänomenen.

    In sehr vielen Fällen bleibt die Determinirung unverständlich,
    weil unser Einblick in den psychischen Zustand und unsere Kenntniss
    der Vorstellungen, welche bei der Entstehung des hysterischen
    Phänomens actuell waren, oft höchst unvollständig ist. Aber wir
    dürfen annehmen, dass der Vorgang demjenigen nicht ganz unähnlich
    sein wird, der uns in günstigeren Fällen klar ist.

    Die Erlebnisse, welche den ursprünglichen Affect auslösten,
    dessen Erregung dann in ein somatisches Phänomen convertirt wurde,

  • S.

    183

    bezeichneten wir als psychische Traumen und die so entstan-
    denen Krankheitserscheinungen als hysterische Symptome
    traumatischen Ursprungs. (Die Bezeichnung „traumatische
    Hysterie“ ist ja bereits für jene Phänomene vergeben, welche als
    Folgen körperlicher Verletzungen, Traumen im engsten Sinne, einen
    Theil der „traumatischen Neurose“ ausmachen.)

    In vollkommener Analogie mit der Entstehung traumatisch be-
    dingter hyst. Phänomene steht die hyst. Conversion jener psychischen
    Erregung, welche nicht äußeren Reizen, nicht der Hemmung normaler
    psychischer Reflexe, sondern der Hemmung des Associationsablaufes
    entspringt.

    Das elementare Beispiel und Paradigma hiefür liefert die Er-
    regung, welche dadurch entsteht, dass uns ein Name nicht einfällt,
    dass wir ein Räthsel nicht lösen können u. dgl. Wird uus der Name
    oder das Wort des Räthsels gesagt, so schwindet die Erregung, indem
    sich die Associationskette schließt, geradeso wie beim Schluss einer
    Reflexkette. Die Stärke der Erregung, welche von der Stockung einer
    Associationsreihe ausgeht, ist proportional dem Interesse, welches
    dieselbe für uns hat, d. h. dem Ausmaass, in welchem sie den
    Willen bewegt. Da aber beim Suchen nach einer Lösung des Problems
    o. dgl. immer eine grosse, wenn auch erfolglose Arbeit geleistet wird,
    findet auch starke Erregung ihre Verwendung und drängt nicht zur
    Entladung, wird darum auch nie pathogen.

    Wohl aber geschieht das, wenn der Associationsablauf dadurch
    gehemmt wird, dass gleichwertige Vorstellungen unvereinbar mit
    einander sind; wenn z. B. neue Gedanken mit festgewurzelten
    Vorstellungscomplexen in Conflict gerathen. Solcher Natur ist die
    Pein des religiösen Zweifels, der so viele Menschen unterliegen und
    noch viel mehr unterlagen. Auch hiebei steigt die Erregung und damit
    der psychische Schmerz, das Unlustgefühl zu bedeutender Höhe nur
    dann, wenn ein Willensinteresse des Individuums dabei in’s Spiel
    kommt, wenn der Zweifelnde sich in seinem Glück, seinem Seelenheil
    bedroht glaubt.

    Dies ist aber immer der Fall, wenn der Conflict besteht zwischen
    dem festen, anerzogenen Complex der moralischen Vorstellungen und
    der Erinnerung an eigene Handlungen oder auch nur Gedanken, welche
    damit unvereinbar sind: die Gewissensqual. Das Willensinteresse,
    Freude an der eigenen Persönlichkeit zu haben, mit ihr zufrieden zu
    sein, tritt dabei in Action und steigert die Erregung der Associations-
     

  • S.

    184

    hemmung auf's höchste. Dass solcher Conflict unvereinbarer Vorstel-
    lungen pathogen wirkt, ist Sache der täglichen Erfahrung. Es handelt
    sich meist um Vorstellungen und Vorgänge des sexualen Lebens: um
    Masturbation bei moralisch empfindlichen Adolescenten, um das Bewusst-
    sein der Neigung zu einem fremden Manne bei einer sittenstrengen
    Frau. Ja, sehr oft genügt das erste Auftauchen sexualer Empfindungen
    und Vorstellungen an sich schon, um durch den Conflict mit der fest-
    gewurzelten Vorstellung von sittlicher Reinheit einen hochgradigen
    Regungszustand zu schaffen.1)

    Diesem entspringen gewöhnlich psychische Folgen: pathologische
    Verstimmung, Angstzustände (Freud). Manchmal wird aber durch con-
    currirende Umstände ein anomales somatisches Phänomen determinirt,
    in welchem sich die Erregung entladet: Erbrechen, wenn das Gefühl
    moralischer Beschmutzung ein physisches Ekelgefühl erzeugt; eine
    Tussis nervosa wie bei Anna O. (Beob. I.), wenn die Gewissensangst
    Glottiskrampf hervorruft u. dgl.2)

    Die Erregung, welche durch sehr lebhafte und durch unverein-
    bare Vorstellungen erzeugt wird, hat eine normale, adäquate Reaction:
    die Mittheilung durch die Rede. Wir finden den Drang danach in
    komischer Uebertreibung in der Geschichte vom Barbier des Midas,
    der sein Geheimniss in's Schilf hineinruft; wir finden ihn als eine der
    Grundlagen einer grossartigen historischen Institution in der katholischen
    Ohrenbeichte. Die Mittheilung erleichtert, sie entladet die Spannung
    auch dann, wenn sie nicht gegen den Priester geschieht und nicht von
    der Absolution gefolgt ist. Wird der Erregung dieser Ausweg versperrt,
    so convertirt sie sich manchmal in ein somatisches Phänomen ebenso
    wie die Erregung traumatischer Affecte, und wir können die ganze

    1)Vgl. für diesen Punkt einige interessante Mittheilungen und Bemerkungen
    Benedikt’s (1889), wiederabgedruckt in der Schrift „Hypnotismus und Suggestion“
    1894 (p. 51 u. ff.)

    2)Ich finde in Mach’s „Bewegungsempfindungen“ eine Bemerkung, an welche
    hier wohl erinnert werden darf:

    „Es hat sich bei den beschriebenen (Schwindel-) Versuchen wiederholt gezeigt,
    dass ein Ekelgefühl sich hauptsächlich dann einstellte, wenn es schwer war, die
    Bewegungsempfindungen mit den optischen Eindrücken in Einklang zu bringen. Es
    sah so aus, als ob ein Theil des vom Labyrinth ausgehenden Reizes gezwungen
    worden wäre, die optischen Bahnen, die ihm durch einen andern Reiz verschlossen
    waren, zu verlassen und ganz andere Bahnen einzuschlagen. … Auch beim Ver-
    such, Stereoskopbilder mit starken Differenzen zu combiniren, habe ich wiederholt
    ein Ekelgefühl beobachtet.“

    Das ist geradezu das physiologische Schema für die Entstehung pathologischer,
    hysterischer Phänomene durch die Coexistenz lebhafter, unvereinbarer Vorstellungen.

  • S.

    185

    Gruppe hysterischer Erscheinungen, welche diesen Ursprung haben, mit
    Freud als hysterische Retentionsphänomene bezeichnen.

    Die bisherige Darlegung des psychischen Entstehungsmechanismus
    hysterischer Phänomene steht dem Vorwurf offen, daß sie schematisi-
    ren und den Vorgang einfacher darstelle, als er in Wirklichkeit ist. Damit
    sich bei einem gesunden, nicht originär neuropathischen Menschen ein
    richtiges hysterisches Symptom ausbilde, mit seiner scheinbaren Unab-
    hängigkeit von der Psyche, seiner selbständigen somatischen Existenz,
    müssen fast immer mehrfache Umstände concurriren.

    Der folgende Fall mag als Beispiel dieser Complicirtheit des Vorganges
    dienen: Ein 12jähriger Knabe, früher an Pavor nocturnus leidend und Sohn eines
    sehr nervösen Vaters, kam eines Tages unwohl aus der Schule. Er klagte über
    Schlingbeschwerden, d. h. er konnte nur mit Schwierigkeit schlucken, und über
    Kopfschmerz. Der Hausarzt nahm eine Angina als Ursache an. Aber auch nach mehreren
    Tagen besserte sich der Zustand nicht. Der Junge wollte nicht essen, erbrach, als
    man ihn dazu verhielt, schleppte sich müde und lustlos herum, wollte immer zu
    Bett liegen und kam körperlich sehr herab. Als ich ihn nach 5 Wochen sah, machte
    er den Eindruck eines scheuen, verschlossenen Kindes, und ich gewann die Ueber-
    zeugung, der Zustand habe eine psychische Begründung. Auf drängende Fragen gab
    er eine banale Ursache an, einen strengen Verweis des Vaters, der offenbar nicht
    die wirkliche Grundlage der Erkrankung war. Auch aus der Schule war nichts zu
    erfahren. Ich versprach, später in der Hypnose die Mittheilung zu erzwingen. Doch
    das wurde unnöthig. Als ihn die kluge und energische Mutter einmal hart anliess,
    begann er unter einem Thränenstrom zu erzählen. Er war damals auf dem Heim-
    weg von der Schule in ein Pissoir getreten, und dort hatte ihm ein Mann den
    Penis hingehalten mit der Aufforderung, ihn in den Mund zu nehmen. Er war voll-
    Schreck weggelaufen, und es war ihm sonst nichts geschehen. Aber von dem Augen-
    blick an war er krank. Von dem Moment der Beichte an wich der Zustand völliger
    Gesundheit. – Um das Phänomen der Anorexie, der Schlingbeschwerden, des Er-
    brechens zu erzeugen, brauchte es hier mehrerer Factoren: die angeborene nervöse
    Artung, den Schreck, das Hereinbrechen des Sexualen in seiner brutalsten Form in
    das Kindergemüth, und als determinirendes Moment die Ekelvorstellung. Ihre
    Dauer verdankte die Erkrankung dem Verschweigen, wodurch der Erregung die
    normale Abfuhr versagt wurde.

    So wie in diesem Fall, so müssen immer mehrere Factoren
    zusammenwirken, damit bei einem bisher Gesunden ein hysterisches
    Symptom sich bilde; dieses ist immer „überdeterminirt“ nach dem
    Ausdrucke Freud’s.

    Als solche Ueberdeterminirung kann es auch gelten, wenn der
    selbe Affect durch mehrere, wiederholte Anlässe hervorgerufen wird. Der
    Kranke und die Umgebung beziehen das hysterische Symptom nur auf den
    letzten Anlass, der aber meist nur zur Erscheinung gebracht hat, was
    durch andere Traumen schon fast vollständig geleistet war.

  • S.

    186

    Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich dann
    eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter
    sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber,
    dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit
    Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch
    selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen
    Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden,
    dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische
    Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie
    vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?

    Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholung
    des Affectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen
    nöthig: oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung,
    wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affect abgeschwächt
    hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn
    der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen
    Hysterien im engeren Wortsinne.

    In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf
    und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der
    Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit „psychischer
    Ausarbeitung“ (Charcot) oder Incubation die Convertirung in ein soma-
    tisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei
    noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.)

    Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der
    Usur, all’ jenen in der „Vorl. Mittheil.“ (pag. 6) berührten Einflüssen,
    die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wieder-
    auftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und
    damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines
    somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes
    verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.

    Die usurirenden Einflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der
    Association, des Denkens, Correctur durch andere Vorstellungen. Diese
    wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem „Associationsverkehre“
    entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen
    Affectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze
    Erregungssumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals
    begonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen, oder
    die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das
    Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständig für die Dauer etabliert.

    1Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.

  • S.

    187

    Wir kennen aus unsern Beobachtungen zwei Formen solchen
    Ausschlusses von Affectvorstellungen aus der Association.
    Die erste ist die „Abwehr“, die willkürliche Unterdrückung pein-
    licher Vorstellungen, durch welche sich der Mensch in seiner Lebens-
    freude oder in seiner Selbstachtung bedroht fühlt. Freud hat in seiner
    Mittheilung über „Abwehr-Neuro-Psychosen“ (Neurol. Centr.-Blatt
    Nr. 10, 1894) und in den hier vorliegenden Krankengeschichten über
    diesen Vorgang gesprochen, der gewiss eine sehr hohe pathologische
    Bedeutung hat.

    Es ist wohl nicht verständlich, wieso eine Vorstellung willkürlich
    aus dem Bewusstsein verdrängt werden kann; aber wir kennen den
    entsprechenden positiven Vorgang, die Concentration der Aufmerksamkeit
    auf eine Vorstellung, genau und können ebensowenig sagen, wie wir ihn
    vollziehen.

    Vorstellungen nun, von denen sich das Bewusstsein abwendet,
    über die nicht gedacht wird, bleiben auch der Usur entzogen und be-
    halten ihren Affectbetrag ungemindert.

    Wir haben weiters gefunden, dass eine andere Art von Vor-
    stellungen der Usur durch das Denken entzogen bleibt, nicht weil
    man sie nicht erinnern will, sondern weil man es nicht kann; weil
    sie in Zuständen ursprünglich aufgetaucht sind und mit Affect be-
    lehnt wurden, für die im wachen Bewusstsein Amnesie besteht, in
    hypnotischen und hypnose-ähnlichen Zuständen. Diese letzteren scheinen
    von höchster Bedeutung für die Lehre von der Hysterie zu sein und
    darum eine etwas eingehendere Besprechung zu verdienen.1)

    IV. Hypnoide Zustände.

    Als wir in der „Vorläufigen Mittheilung“ den Satz aussprachen:
    Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden
    Zuständen, übersahen wir, dass Möbius 1890 bereits ganz dasselbe ge-
    sagt hatte. „Die Voraussetzung des (pathogenen) Wirkens der Vor-
    stellungen ist eine angeborene, d. h. die hysterische Anlage einerseits

    1)Wenn hier und später von Vorstellungen die Rede ist, die actuell, wirk-
    sam und doch unbewusst sind, so handelt es sich dabei nur selten um einzelne
    Vorstellungen (wie etwa die hallucinirte grosse Schlange Anna O.’s, welche die
    Contractur auslöst); fast immer um Vorstellungskomplexe, um Verbindungen, um
    Erinnerungen an äussere Vorgänge und eigene Gedankengänge. Die in solchen Vor-
    stellungskomplexen enthaltenen Einzelvorstellungen werden gelegentlich alle bewusst
    gedacht. Nur die bestimmte Combination ist aus dem Bewusstsein verbannt.

  • S.

    188

    und ein besonderer Gemüthszustand anderseits. Von diesem Gemüths-
    zustande kann man sich nur eine unklare Vorstellung machen. Er
    muss dem hypnotischen ähnlich sein, er muss einer gewissen Leere
    des Bewusstseins entsprechen, in der einer auftauchenden Vorstellung
    von Seiten anderer kein Widerstand entgegengesetzt wird, in der so-
    zusagen der Thron für den ersten Besten frei ist. Wir wissen, dass
    ein solcher Zustand, ausser durch Hypnotisirung durch Gemüths-
    erschütterung (Schreck, Zorn u. s. w.) und durch erschöpfende Einflüsse
    (Schlaflosigkeit, Hunger u. s. w.) herbeigeführt werden kann.1

    Die Frage, deren annähernde Lösung Möbius hiemit zunächst
    versuchte, ist die nach der Entstehung somatischer Phänomene durch
    Vorstellungen. Er erinnert dabei an die Leichtigkeit, mit welcher eine
    solche in der Hypnose stattfindet, und hält die Wirkung der Affecte
    für analog. Unsere, einigermassen abweichende Anschauung über
    diese Affectwirkung ist oben ausführlich dargelegt worden. Ich
    brauche darum hier nicht weiter auf die Schwierigkeit einzugehen,
    welche darin liegt, dass M. beim Zorn eine „Leere des Bewusst-
    seins“2 annimmt (die beim Schreck und bei der protrahirten Angst
    allerdings besteht), und wie schwer es überhaupt ist, den Erregungs-
    zustand des Affectes mit der Ruhe der Hypnose zu analogisiren. Wir
    werden aber auf die Sätze Möbius', die, wie ich meine, eine wichtige
    Wahrheit enthalten, später zurückkommen.

    Für uns liegt die Wichtigkeit der hypnose-ähnlichen, „hypnoiden“
    Zustände ausserdem und vor allem in der Amnesie und in ihrer
    Fähigkeit, jene später zu besprechende Spaltung der Psyche zu be-
    dingen, welche für die „grosse Hysterie“ von fundamentaler Bedeu-
    tung ist. Diese Wichtigkeit legen wir ihnen auch jetzt noch bei.
    Doch muss ich unsern Satz wesentlich einschränken. Die Conversion,
    die ideogene Entstehung somatischer Phänomene vollzieht sich auch
    ausserhalb der hypnoiden Zustände, und für die Bildung von Vor-
    stellungscomplexen, die vom Associationsverkehre ausgeschlossen sind,
    hat Freud in der willkürlichen Amnesie der Abwehr eine zweite, von
    den hypnoiden Zuständen unabhängige Quelle gefunden. Aber, mit
    dieser Einschränkung, meine ich noch immer, diese letzteren seien
    Ursache und Bedingung vieler, ja der meisten, grossen und compli-
    cirten Hysterien.

    1Möbius, Ueber Astasie-Abasie, Neurol. Beiträge I. Heft, p. 17.

    2Vielleicht meint M. mit dieser Bezeichnung nichts anderes als die Hemmung
    des Vorstellungsablaufes, welche beim Affect allerdings besteht, wenn auch aus
    durchaus andern Ursachen entspringend als bei der Hypnose.

  • S.

    189

    Zu den hypnoiden Zuständen zählen natürlich vor allem die
    wirklichen Auto-Hypnosen, die sich von den artificiellen nur durch
    ihre spontane Entstehung unterscheiden. Wir finden sie bei manchen
    voll entwickelten Hysterien in wechselnder Häufigkeit und mit ver-
    schiedener Dauer, oft in raschesterm Alterniren mit dem Zustand des
    normalen Wachens abwechselnd.1) Ihres traumhaften Vorstellungs-
    inhaltes wegen können sie oft den Namen des Delirium hystericum
    verdienen. Im Wachen besteht für die inneren Vorgänge dieser Zu-
    stände eine mehr oder minder vollständige Amnesie, während sie in
    der artificiellen Hypnose vollständig erinnert werden. Die psychischen
    Resultate dieser Zustände, die darin gebildeten Associationen, sind
    eben durch die Amnesie jeder Correctur im wachen Denken entzogen.
    Und da in der Autohypnose die Kritik und Controle durch andere
    Vorstellungen herabgesetzt und meist fast ganz geschwunden ist, so
    können ihr die verrücktesten Wahnvorstellungen entstammen und
    sich lange intact erhalten. So entsteht eine etwas complicirtere irra-
    tionale, „symbolische Beziehung zwischen der Veranlassung und dem
    pathologischen Phänomen“, welche ja oft auf den lächerlichsten Klang-
    ähnlichkeiten und Wortassociationen beruht, fast nur in solchen Zu-
    ständen. Die Kritiklosigkeit derselben bedingt es, dass ihnen so häufig
    Autosuggestionen entspringen, z. B. wenn nach einem hysterischen
    Anfall eine Lähmung zurückbleibt. Aber, vielleicht zufälligerweise,
    sind wir in unseren Analysen kaum jemals auf diese Entstehung eines
    hysterischen Phänomens gestossen. Wir fanden diese immer, auch
    in der Autohypnose, durch denselben Vorgang bedingt wie ausserhalb
    derselben, durch die Convertirung einer Affecterregung.

    Diese „hysterische Conversion“ vollzieht sich in der Auto-
    hypnose jedenfalls leichter als im Wachen, wie ja auch in der arti-
    ficiellen Hypnose Suggestiv-Vorstellungen sich als Hallucinationen
    und Bewegungen so viel leichter körperlich realisieren. Aber der Vor-
    gang der Erregungsconversion ist doch im Wesen derselbe, wie er
    oben dargelegt worden ist. Hat er einmal stattgefunden, so wieder-
    holt sich das somatische Phänomen, wenn Affect und Autohypnose
    wieder zusammentreffen. Und es scheint, dass der hypnotische Zu-
    stand dann durch den Affect selbst hervorgerufen werde. So bleibt
    zunächst, so lange die Hypnose mit vollem Wachen rein alter-
    nirt, das hysterische Symptom auf den hypnotischen Zustand be-

    1)Beobachtung I und II.

  • S.

    190

    schränkt und wird durch die Wiederholung in diesem verstärkt; die
    veranlassende Vorstellung bleibt aber vor der Correctur durch das
    wache Denken und seine Kritik geschützt, weil sie eben im klaren
    Wachen gar nie auftaucht.

    So blieb bei Anna O. (Beob. I) die Contractur des rechten
    Armes, die sich in der Autohypnose mit dem Angstaffect und der
    Vorstellung der Schlange associirt hatte, durch 4 Monate auf die
    Momente des hypnotischen (oder – wenn man für Absenzen von sehr
    kurzer Dauer diesen Namen unpassend findet – des hypnoiden) Zu-
    standes beschränkt, wiederholte sich aber häufig. Dasselbe geschah mit
    andern in dem Hypnoidzustand vollzogenen Conversionen, und so
    bildete sich in vollkommener Latenz jener grosse Complex von hyste-
    rischen Phänomenen, der in die Erscheinung trat, als der hypnoide
    Zustand andauernd wurde.

    Im hellen Wachen treten so entstandene Phänomene erst dann
    auf, wenn sich die später zu besprechende Spaltung der Psyche voll-
    zogen hat, und an die Stelle des Alternirens zwischen Wach- und
    Hypnoidzustand die Coexistenz der normalen und der hypnoiden Vor-
    stellungcomplexe getreten ist.

    Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der Erkrankung
    und wie kommen sie zu Stande? Ich weiss hierüber weniger zu sagen,
    denn wir verfügen über keine andere Beobachtung, ausser über den Fall
    Anna O., die darüber Aufschluss geben könnte. Bei dieser Kranken
    scheint es sicher, dass die Autohypnose vorbereitet war durch habi-
    tuelle Träumerei, und dass sie dann völlig hergestellt wurde durch
    einen Affect protrahirter Angst, der ja selbst einen hypnoiden Zustand
    begründet. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass dieser Vorgang
    allgemeinere Geltung hat.

    Sehr verschiedenartige Zustände bedingen „Geistesabwesenheit“,
    aber nur einige davon disponiren zur Autohypnose oder gehen direct
    in solche über. Der in ein Problem versunkene Forscher ist wohl
    auch bis zu einem gewissen Grade anästhetisch und bildet aus grossen
    Gruppen von Sinnesempfindungen keine bewussten Wahrnehmungen;
    ebenso wie der mit Lebhaftigkeit phantastisch Dichtende („Privat-
    theater“ Anna O.’s). Aber in diesen Zuständen wird energisch psy-
    chische Arbeit geleistet; die frei werdende Erregung des Nerven-
    systems wird in dieser verbraucht. – In der Zerstreutheit, dem Hin-
    dämmern hingegen sinkt die intracerebrale Erregung unter das Niveau
    des hellen Wachens; diese Zustände grenzen an die Schläfrigkeit und

  • S.

    191

    gehen in Schlaf über. Wenn aber in solchen Zuständen des „Ver-
    suntenseins“ und bei gehemmtem Vorstellungsablauf eine Gruppe
    von affectiv betonten Vorstellungen lebendig ist, so schafft sie ein
    hohes Niveau der intracerebralen Erregung, welche nicht durch psy-
    chische Arbeit verbraucht wird und für anomale Leistungen, für die
    Conversion, verfügbar ist.

    So ist weder die „Geistesabwesenheit“ bei energischer Arbeit,
    noch der affectlose Dämmerzustand pathogen, wohl aber die mit
    Affect erfüllte Träumerei und der Ermüdungszustand protrahirter
    Affecte. Das Brüten des Bekümmerten, die Angst desjenigen, der am
    Krankenbette eines theuren Menschen wacht, die verliebte Träumerei
    sind solche Zustände. Die Concentration auf die affective Vorstellungs-
    gruppe bedingt zuerst die „Abwesenheit“. Allmählich verlangsamt sich
    der Vorstellungsablauf, um endlich fast zu stagniren; aber die affec-
    tive Vorstellung und ihr Affect bleiben lebendig und damit auch die
    grosse Quantität functionell nicht verbrauchter Erregung. Die Aehn-
    lichkeit der Verhältnisse mit den Bedingungen der Hypnose scheint
    unverkennbar. Auch der zu Hypnotisirende darf nicht wirklich ein-
    schlafen, d. h. seine intracerebrale Erregung darf nicht auf das
    Niveau des Schlafes absinken; aber der Vorstellungsablauf muss ge-
    hemmt werden. Dann steht der suggerirten Vorstellung die ganze
    Erregungsmasse zur Verfügung.

    So dürfte die pathogene Autohypnose bei manchen Menschen
    entstehen, indem der Affect in die habituelle Träumerei eintritt. Es
    ist das vielleicht einer der Gründe dafür, dass wir in der Anamnese der
    Hysterie so oft den beiden grossen pathogenen Factoren begegnen:
    der Verliebtheit und der Krankenpflege. Die erstere schafft mit dem
    sehnsuchtsvollen Gedanken an den abwesenden Geliebten die „Ent-
    rückung“, das Verdämmern der umgebenden Realität und dann das
    affecterfüllte Stillestehen des Denkens; die Krankenpflege stellt durch
    die äussere Ruhe, die Concentration auf ein Object, das Horchen auf
    die Athemzüge des Kranken, geradezu dieselben Bedingungen her
    wie viele Hypnotisirungsmethoden und füllt den so entstandenen
    Dämmerzustand mit dem Affecte der Angst. Vielleicht unterscheiden
    sich diese Zustände nur quantitativ von wirklichen Autohypnosen und
    gehen in solche über.

    Ist das einmal geschehen, so wiederholt sich der hypnosen-
    ähnliche Zustand durch dieselben Umstände immer wieder. und das
    Individuum hat dann statt der normalen zwei Seelenzustände deren

  • S.

    192

    drei: Wachen, Schlaf und Hypnoid, wie wir es auch bei häufiger
    Wiederholung tiefer artificieller Hypnose beobachten.

    Ich weiss nicht zu sagen, ob sich die spontanen hypnotischen
    Zustände auch ohne solches Eingreifen des Affectes entwickeln können,
    als Resultate originärer Anlage; ich halte das aber für sehr wahr-
    scheinlich. Wenn wir sehen, wie verschieden bei den gesunden und
    kranken Menschen die Fähigkeit zu artificieller Hypnose ist, wie
    leicht sie bei manchen eintritt, liegt die Vermuthung nahe, dass sie
    bei solchen auch spontan vorkomme. Und die Anlage hiezu ist viel-
    leicht nothwendig dafür, dass die Träumerei sich in Autohypnose
    verwandle. Ich bin also weit davon entfernt, den Entstehungsmecha-
    nismus, den uns Anna O. kennen gelehrt hat, bei allen Hysterischen
    vorauszusetzen.

    Ich spreche von hypnoiden Zuständen statt von der Hypnose
    selbst, weil diese in der Entwicklung der Hysterie so wichtigen Zu-
    stände sehr schlecht abgegrenzt sind. Wir wissen nicht, ob die Träu-
    merei, die oben als Vorstadium der Autohypnose bezeichnet wurde,
    nicht selbst schon dieselbe pathogene Leistung vollbringen kann wie
    diese, und ob es protrahirter Angstaffect nicht ebenfalls thut. Vom
    Schreck ist das sicher. Indem er den Vorstellungsablauf hemmt,
    während doch eine affective Vorstellung (der Gefahr) sehr lebhaft ist,
    steht er in vollem Parallelismus mit der affecterfüllten Träumerei;
    und indem die immer erneute Erinnerung diesen Seelenzustand immer
    wieder herstellt, entsteht ein „Schreckhypnoid“, in welchem die Con-
    version durchgesetzt oder stabilisirt wird; das Incubationsstadium der
    „traumatischen Hysterie“ sens. strict.

    Da so verschiedene, aber im wichtigsten Punkte übereinstim-
    mende Zustände sich der Autohypnose anreihen, so empfiehlt sich der
    Ausdruck „Hypnoid“, der diese innere Aehnlichkeit hervorhebt. Er
    resumirt jene Anschauung, die Möbius in den oben citirten Sätzen
    vertreten hat.

    Vor allem aber bezeichnet er die Autohypnose selbst, deren
    Wichtigkeit für die Entstehung hysterischer Phänomene beruht auf
    der Erleichterung der Conversion, dem Schutz der convertirten Vor-
    stellungen vor der Usur (durch die Amnesie) und der schliesslich
    daraus erwachsenden psychischen Spaltung.

  • S.

    193

    Wenn nun ein körperliches Symptom durch eine Vorstellung
    verursacht ist und durch diese immer wieder ausgelöst wird, so
    sollte man erwarten, dass intelligente und der Selbstbeobachtung
    fähige Kranke dieses Zusammenhangs sich bewusst wären; dass sie
    es erfahrungsgemäss wüssten, das somatische Phänomen komme zu-
    gleich mit der Erinnerung an einen bestimmten Vorgang. Der innere
    Causalnexus freilich ist ihnen unbekannt; aber wir alle wissen
    doch immer, welche Vorstellung uns weinen oder lachen oder erröthen
    macht, wenn uns auch der nervöse Mechanismus dieser ideogenen
    Phänomene nicht entfernt klar ist. – Manchmal nun beobachten die
    Kranken den Zusammenhang wirklich und sind sich seiner bewusst;
    eine Frau sagt z. B., der leichte hysterische Anfall (Zittern und Herz-
    klopfen etwa) stamme von einer grossen Gemüthsaufregung und
    wiederhole sich nur bei jedem daran erinnernden Vorgang. Von sehr
    vielen, wohl der Mehrzahl der hysterischen Symptome gilt das aber
    nicht. Auch intelligente Kranke wissen nicht, dass sie im Gefolge
    einer Vorstellung eintreten und halten sie für selbständige körper-
    liche Phänomene. Wäre dies anders, so müsste die psychische
    Theorie der Hysterie schon ein ehrwürdiges Alter haben.

    Es liegt nun nahe zu glauben, die betreffenden Krankheits-
    erscheinungen seien zwar ursprünglich ideogen entstanden; die Wieder-
    holung habe sie aber, um den Romberg’schen Ausdruck zu brauchen,
    dem Körper „eingebildet“, und nun beruhten sie nicht mehr auf
    einem psychischen Vorgang, sondern auf den unterdess entstandenen
    Veränderungen des Nervensystems; sie seien selbständige, echt soma-
    tische Symptome geworden.

    Von vorneherein ist diese Anschauung weder unmöglich noch
    unwahrscheinlich. Aber ich glaube, das Neue, welches unsere Beob-
    achtungen für die Lehre von der Hysterie bringen, liegt eben in dem
    Nachweise, dass sie – mindestens in sehr vielen Fällen – unzu-
    treffend ist. Wir sahen, dass die verschiedensten hysterischen Sym-
    ptome nach jahrelangem Bestande „sogleich und ohne Wiederkehr
    verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veran-
    lassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit den be-
    gleitenden Affect wachzurufen, und wenn die Kranke den Vorgang in
    möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affect Worte gab“.
    Die hier erzählten Krankengeschichten geben einige Belege für diese
    Behauptung. „In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus
    dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schliessen: der veran-
     

  • S.

    194

    lassende Vorgang (d. h. die Erinnerung daran) wirke noch nach
    Jahren fort, nicht indirect durch Vermittelung einer Kette von cau-
    salen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ursache,
    wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz
    noch in später Zeit die Thränensecretion hervorruft: der Hysterische
    leide grösstentheils an Reminiscenzen“.

    Wenn dies aber der Fall ist, wenn die Erinnerung an das
    psychische Trauma, nach Art eines Fremdkörpers, lange Zeit nach
    seinem Eindringen noch als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss,
    und doch der Kranke von diesen Erinnerungen und ihrem Auftauchen
    kein Bewusstsein hat, so müssen wir zugestehen, dass unbewusste
    Vorstellungen existiren und wirken.

    Wir finden aber solche bei der Analyse der hysterischen Phä-
    nomene nicht bloss vereinzelt, sondern müssen anerkennen, dass wirk-
    lich, wie die verdienstvollen französischen Forscher gezeigt haben,
    grosse Complexe von Vorstellungen und verwickelte, folgenreiche
    psychische Processe bei manchen Kranken völlig unbewusst bleiben
    und mit dem bewussten psychischen Leben coexistiren; dass eine
    Spaltung der psychischen Thätigkeit vorkommt, und dass diese fun-
    damentale Wichtigkeit hat für das Verständniss complicirter Hysterien.

    Es sei gestattet, auf dieses schwierige und dunkle Gebiet etwas
    einzugehen; die Nothwendigkeit, den Sinn der gebrauchten Ausdrücke
    festzustellen, mag die theoretisirende Auseinandersetzung einigermaassen
    entschuldigen.

    V. Unbewusste und bewusstseinsunfähige Vorstellungen.

    Spaltung der Psyche.

    Wir nennen jene Vorstellungen bewusst, von denen wir wissen.
    Es besteht beim Menschen die wunderbare Thatsache des Selbst-
    bewusstseins; wir können Vorstellungen, die in uns auftauchen und
    einander folgen, wie Objecte betrachten und beobachten. Dies geschieht
    nicht immer, da ja zur Selbstbeobachtung selten Anlass ist. Aber es
    ist eine allen Menschen eigene Fähigkeit, denn jeder sagt: ich habe
    das und das gedacht. Jene Vorstellungen, die wir als in uns lebendig
    beobachten oder beobachten würden, wenn wir darauf Acht hätten,
    nennen wir bewusste. Das sind in jedem Zeitmomente nur sehr wenige;
    und wenn ausser diesen noch andere actuell sein sollten, müssten wir
    sie unbewusste Vorstellungen nennen.

  • S.

    195

    Für die Existenz actueller, aber unbewusster oder unterbewusster
    Vorstellungen zu sprechen, scheint kaum mehr nöthig. Es sind That-
    sachen des alltäglichsten Lebens. Wenn ich einen ärztlichen Besuch
    zu machen vergessen habe, fühle ich lebhafte Unruhe. Ich weiss aus
    Erfahrung, was diese Empfindung bedeutet: ein Vergessen. Vergebens
    prüfe ich meine Erinnerungen, ich finde die Ursache nicht, bis sie
    mir oft nach Stunden plötzlich in’s Bewusstsein tritt. Aber die ganze
    Zeit über bin ich unruhig. Also ist die Vorstellung dieses Besuches
    immer wirksam, also auch immer vorhanden, aber nicht im Bewusst-
    sein. – Ein beschäftigter Mann hat Morgens einen Verdruss gehabt.
    Sein Amt nimmt ihn ganz in Anspruch; während der Thätigkeit ist
    sein bewusstes Denken völlig beschäftigt, und er denkt nicht an seinen
    Aerger. Aber seine Entscheidungen werden davon beeinflusst, und er
    sagt wohl Nein, wo er sonst Ja sagen würde. Also ist die Erinnerung
    trotzdem wirksam, also vorhanden. Ein grosser Theil dessen, was wir
    Stimmung nennen, stammt aus solcher Quelle, aus Vorstellungen, die
    unter der Schwelle des Bewusstseins existiren und wirken. – Ja
    unsere ganze Lebensführung wird fortwährend von unterbewussten
    Vorstellungen beeinflusst. Wir sehen täglich, wie bei geistigem Ver-
    fall, z. B. im Beginn einer Paralyse die Hemmungen schwächer werden
    und schwinden, die sonst manche Handlungen verhindern. Aber der
    Paralytiker, der jetzt vor Frauen Zoten spricht, ist in gesunden Tagen
    davon nicht durch bewusste Erinnerung und Ueberlegung abgehalten
    worden. Er mied es „instinctiv“ und „automatisch“, d. h. er wurde
    durch Vorstellungen davon abgehalten, welche der Impuls zu solcher
    Handlung wachrief, die aber unter der Bewusstseinsschwelle blieben
    und doch den Impuls hemmten. – Alle intuitive Thätigkeit ist ge-
    leitet durch Vorstellungen, die grossentheils unterbewusst sind. Es
    werden eben nur die hellsten, intensivsten Vorstellungen vom Selbst-
    bewusstsein wahrgenommen, während die grosse Masse actueller aber
    schwächerer Vorstellungen unbewusst bleibt.

    Was gegen die Existenz und Wirksamkeit „unbewusster Vor-
    stellungen“ eingewendet wird, erscheint grossentheils als Wortchicane.
    Gewiss ist „Vorstellung“ ein Wort aus der Terminologie des be-
    wussten Denkens und darum „unbewusste Vorstellung“ ein wider-
    spruchsvoller Ausdruck. Aber der physische Process, welcher der
    Vorstellung zu Grunde liegt, ist inhaltlich und formal (wenn auch
    nicht quantitativ) derselbe, ob die Vorstellung über die Schwelle des
    Bewusstseins tritt oder darunter bleibt. Es genügte, einen Terminus

  • S.

    196

    zu bilden wie etwa „Vorstellungssubstrat“, um den Widerspruch zu
    meiden und jenem Vorwurf zu entgehen.

    Es scheint also kein principielles Hinderniss dafür vorhanden,
    dass man unbewusste Vorstellungen auch als Ursachen pathologischer
    Phänomene anerkenne. Aber bei näherem Eingehen in die Sache
    ergeben sich andere Schwierigkeiten. Wenn sonst die Intensität unbe-
    wusster Vorstellungen anwächst, treten sie eo ipso in’s Bewusstsein.
    Sie bleiben unbewusst nur bei geringer Intensität. Es scheint aber
    schwer einzusehen, wie eine Vorstellung zugleich intensiv genug sein
    sollte, um z. B. eine lebhafte motorische Action hervorzurufen und
    doch nicht genug, um bewusst zu werden.

    Ich habe schon oben eine Anschauung erwähnt, welche viel-
    leicht nicht kurz von der Hand gewiesen werden sollte. Die Hellig-
    keit unserer Vorstellungen und damit ihre Fähigkeit, vom Selbst-
    bewusstsein beobachtet zu werden, bewusst zu sein, ist mitbedingt
    von dem Lust- oder Unlustgefühl, welches sie erwecken, von ihrem
    Affectwerte. Wenn eine Vorstellung eine lebhafte somatische Folge
    unmittelbar auslöst, so strömt die Erregung in die betreffende Bahn ab,
    welche sonst, von ihr ausgehend, im Gehirn sich verbreiten würde,
    und eben deshalb, weil sie körperliche Folgen hat, weil eine Conver-
    sion ihrer psychischen Reizgrösse in somatische stattgefunden hat,
    verliert sie die Helligkeit, welche sie sonst in dem Strom der Vor- stellungen auszeichnen würde; sie verliert sich unter den andern.

    Es hat z. B. jemand während des Essens einen heftigen Affect
    gehabt und nicht „abreagirt“. In der Folge tritt beim Versuch zu
    essen Würgen und Erbrechen auf, welches dem Kranken als rein
    körperliches Symptom erscheint. Es besteht durch längere Zeit hyste-
    risches Erbrechen, welches schwindet, nachdem in der Hypnose der
    Affect erneuert, erzählt und darauf reagirt wurde. Unzweifelhaft ist
    durch den Versuch zu essen jedesmal jene Erinnerung wachgerufen
    worden und hat den Brechact ausgelöst. Aber sie tritt nicht klar
    in’s Bewusstsein, weil sie nun affectlos ist, während das Erbrechen
    die Aufmerksamkeit vollkommen absorbirt.

    Es ist denkbar, dass aus diesem Grunde manche Vorstellungen,
    welche hysterische Phänomene auslösen, nicht als Ursache derselben
    erkannt werden. Aber ein solches Uebersehen affectlos gewordener,
    weil convertirter, Vorstellungen kann unmöglich die Ursache davon
    sein, wenn in anderen Fällen Vorstellungscomplexe nicht in’s Bewusst-
    sein treten, welche nichts weniger als affectlos sind. In unseren
    Krankengeschichten sind mehrfache Beispiele dafür beigebracht.

  • S.

    197

    Bei solchen Kranken ist es Regel, dass die Stimmungsveränderung,
    Aengstlichkeit, zornige Gereiztheit, Trauer dem Auftreten des soma-
    tischen Symptoms vorhergeht oder ihm alsbald folgt, um anzu-
    wachsen, bis entweder durch eine Aussprache die Lösung erfolgt oder
    Affect und somatische Phänomene allmählich wieder schwinden. Ge-
    schah das erstere, so wurde die Qualität des Affectes immer ganz
    verständlich, wenn auch seine Intensität dem Gesunden und nach der
    Lösung auch dem Kranken selbst ganz unproportional erscheinen
    musste. Das sind also Vorstellungen, welche intensiv genug sind, um
    nicht bloss starke, körperliche Phänomene zu verursachen, sondern
    auch den zugehörigen Affect hervorzurufen, die Association zu beein-
    flussen, indem verwandte Gedanken durch sie bevorzugt werden, –
    und dennoch selbst ausserhalb des Bewusstseins bleiben. Es bedarf
    der Hypnose, wie in Beobachtung I und II, oder intensiver Nachhilfe
    des Arztes (Beobachtung IV, V) bei dem mühsamsten Suchen, um
    sie in’s Bewusstsein zu bringen.

    Solche Vorstellungen, welche (actuell aber) unbewusst sind,
    nicht wegen relativ schwacher Lebhaftigkeit, sondern trotz grosser
    Intensität, mögen wir bewusstseinsunfähige1) Vorstellungen
    nennen.

    Die Existenz solcher bewusstseinsunfähigen Vorstellungen ist
    pathologisch. Beim Gesunden treten alle Vorstellungen, welche über-
    haupt actuell werden können, bei genügender Intensität auch in’s Be-
    wusstsein. Bei unsern Kranken finden wir neben einander den grossen
    Complex bewusstseinsfähiger und einen kleineren bewusstseinsunfähiger
    Vorstellungen. Das Gebiet der vorstellenden psychischen Thätigkeit
    fällt bei ihnen also nicht zusammen mit dem potentiellen Bewusst-
    sein; sondern dieses ist beschränkter als jenes. Die psychische vor-
    stellende Thätigkeit zerfällt hier in eine bewusste und unbewusste,
    bewusstseinsfähige und nicht bewusstseinsfähige.
    Wir können also nicht von einer Spaltung des Bewusstseins sprechen,
    wohl aber von einer Spaltung der Psyche.

    Umgekehrt sind diese unterbewussten Vorstellungen auch durch
    das bewusste Denken nicht zu beeinflussen und nicht zu corrigiren.
    Vielfach handelt es sich um Erlebnisse, die seitdem inhaltlos ge-
    worden sind, Furcht vor Ereignissen, die nicht eingetroffen sind,

    1)Der Ausdruck ist nicht eindeutig und lässt darum sehr zu wünschen
    übrig; aber nach der Analogie von „hoffähig“ gebildet, mag er in Ermanglung
    eines besseren unterdessen gebraucht werden.

  • S.

    198

    Schrecken, der sich in Gelächter oder Freude über die Rettung auf
    gelöst hat. Diese Nachfolgen nehmen der Erinnerung für das be-
    wusste Denken jede Affectivität; die unterbewusste Vorstellung, welche
    somatische Phänomene hervorruft, bleibt davon völlig unberührt.

    Es sei gestattet, dafür noch ein Beispiel zu bringen: Eine junge Frau war
    einige Zeit in lebhafter Sorge um das Schicksal ihrer jüngeren Schwester. Unter
    diesem Eindrucke verlängerte sich die sonst regelmässige Periode durch zwei
    Wochen, es trat Schmerzhaftigkeit des linken Hypogastriums auf, und zweimal
    fand sich Patientin, aus einer „Ohnmacht“ erwachend, steif auf dem Boden. Darauf
    folgte eine linksseitige Ovarie mit Erscheinungen einer schweren Peritonitis, Fieber
    losigkeit, Contractur des linken Beines (und des Rückens) kennzeichneten die Er-
    krankung als Pseudoperitonitis, und als Patientin einige Jahre später starb und
    obducirt wurde, fand sich nur „kleincystische Degeneration“ beider Ovarien ohne
    Reste einer abgelaufenen Peritonitis. Die schweren Erscheinungen schwanden all-
    mählich und hinterliessen Ovarie, Contractur der Rückenmuskeln, so dass der
    Rumpf wie ein Balken steif war, und Contractur des linken Beines. Letztere
    wurde in der Hypnose durch directe Suggestion beseitigt. Die Rückencontractur
    blieb unbeeinflusst. Unterdessen hatte sich die Angelegenheit der Schwester voll-
    ständig geordnet, und jede Befürchtung war geschwunden. Die hysterischen
    Phänomene aber, die davon abgeleitet werden mussten, bestanden unverändert
    fort. Die Vermuthung lag nahe, es seien selbständig gewordene Veränderungen
    der Innervation, und nicht mehr an die veranlassende Vorstellung gebunden. Aber
    als nun in der Hypnose Patientin gezwungen wurde, die ganze Geschichte bis zu
    ihrer Erkrankung an „Peritonitis“ zu erzählen (was sie sehr ungern that), setzte
    sie sich unmittelbar danach frei im Bette auf, und die Rückencontractur war für
    immer geschwunden. (Die Ovarie, deren erster Ursprung gewiss viel älter war,
    blieb unbeeinflusst.) – Es hatte also doch Monate hindurch die pathogene
    Angstvorstellung wirksam lebendig fortbestanden; und sie war jeder Correctur
    durch die Ereignisse völlig unzugänglich gewesen.

    Müssen wir nun die Existenz von Vorstellungskomplexen aner-
    kennen, welche nie in’s wache Bewusstsein treten und durch das be-
    wusste Denken nicht beeinflusst werden, so haben wir damit auch
    schon für so einfache Hysterien wie die eben geschilderte die Spal-
    tung der Psyche in zwei relativ unabhängige Theile zugegeben. Ich
    behaupte nicht, dass alles, was man hysterisch nennt, eine solche
    Spaltung zur Grundlage und Bedingung habe; wohl aber, dass „jene
    Spaltung der psychischen Thätigkeit, die bei den bekannten Fällen
    als double conscience so auffällig ist, in rudimentärer Weise bei jeder
    „grossen“ Hysterie bestehe und dass die Fähigkeit und Neigung zu
    dieser Dissociation das Grundphänomen dieser Neurose sei.“

    Bevor ich aber in die Discussion dieser Phänomene eingehe,
    ist noch eine Bemerkung nachzutragen bezüglich der unbewussten
    Vorstellungen, welche somatische Erscheinungen veranlassen. Wie im

  • S.

    199

    oben erzählten Falle die Contractur, sind ja viele der hysterischen
    Phänomene von langer continuirlicher Dauer. Sollen und können wir
    annehmen, dass all die Zeit hindurch die veranlassende Vorstellung
    immer lebendig, actuell vorhanden sei? Ich glaube: Ja. Gewiss
    sehen wir beim Gesunden die psychische Thätigkeit mit raschem
    Wechsel der Vorstellungen sich vollziehen. Aber wir sehen den schwer
    Melancholischen lange Zeit continuirlich in dieselbe peinliche Vor-
    stellung versunken, die immer lebendig, actuell ist. Ja, wir dürfen
    wohl glauben, dass auch beim Gesunden eine schwere Sorge immer
    vorhanden sei, da sie den Gesichtsausdruck beherrscht, selbst wenn
    das Bewusstsein von anderen Gedanken erfüllt ist. Jener abgetrennte
    Theil der psychischen Thätigkeit aber, den wir beim Hysterischen
    von den unbewussten Vorstellungen erfüllt denken, ist meist so ärm-
    lich damit besetzt, so unzugänglich dem Wechsel der äusseren Ein-
    drücke, dass wir glauben können, hier sei einer Vorstellung dauernde
    Lebhaftigkeit möglich.

    Wenn uns, wie Binet und Janet, die Abspaltung eines Theiles
    der psychischen Thätigkeit im Mittelpunkte der Hysterie zu stehen
    scheint, so sind wir verpflichtet, über dieses Phänomen möglichst
    Klarheit zu suchen. Allzuleicht verfällt man in die Denkgewohnheit,
    hinter einem Substantiv eine Substanz anzunehmen, unter „Bewusst-
    sein“, „conscience“ allmählich ein Ding zu verstehen; und wenn man sich
    gewöhnt hat, metaphorisch Localbeziehungen zu verwenden, wie „Unter-
    bewusstsein“, so bildet sich mit der Zeit wirklich eine Vorstellung
    aus, in der die Metapher vergessen ist, und mit der man leicht ma-
    nipulirt wie mit einer realen. Dann ist die Mythologie fertig.

    All unserem Denken drängen sich als Begleiter und Helfer
    räumliche Vorstellungen auf, und wir sprechen in räumlichen Metaphern.
    So stellen sich die Bilder von dem Stamm des Baumes, der im Licht
    steht, und seinen Wurzeln im Dunkel, oder von dem Gebäude und
    seinem dunkeln Souterrain fast zwingend ein, wenn wir von den Vor-
    stellungen sprechen, die im Gebiet des hellen Bewusstseins sich vor-
    finden, und den unbewussten, die nie in die Klarheit des Selbst-
    bewusstseins treten. Wenn wir uns aber immer gegenwärtig halten, dass
    alles Räumliche hier Metapher ist, und uns nicht etwa verleiten lassen,
    es im Gehirn zu localisiren, so mögen wir immerhin von einem Be-
    wusstsein und einem Unterbewusstsein sprechen. Aber nur mit diesem
    Vorbehalt.

  • S.

    200

    Wir sind sicher vor der Gefahr, uns von unsern eigenen Rede-
    figuren dupiren zu lassen, wenn wir uns immer daran erinnern, dass
    es doch dasselbe Gehirn und höchst wahrscheinlich dieselbe Gross-
    hirnrinde ist, in welchen die bewussten wie die unbewussten Vor-
    stellungen entstehen. Wie das möglich, ist nicht zu sagen. Aber
    wir wissen doch wohl so wenig von der psychischen Thätigkeit der
    Hirnrinde, dass eine räthselhafte Complication mehr unsere unendliche
    Unwissenheit kaum noch vergrössert. Die Thatsache müssen wir an-
    erkennen, dass bei Hysterischen ein Theil der psychischen Thätigkeit
    der Wahrnehmung durch das Selbstbewusstsein der wachen Person
    unzugänglich und so die Psyche gespalten ist.

    Ein allbekannter Fall solcher Theilung der psychischen Thätigkeit ist
    der hysterische Anfall in manchen seiner Formen und Stadien. In seinem
    Beginne ist das bewusste Denken oft ganz erloschen; aber dann erwacht es
    allmählich. Man hört von vielen intelligenten Kranken das Zugeständnis,
    ihr bewusstes Ich sei während des Anfalles ganz klar gewesen und habe
    mit Neugier und Verwunderung all das tolle Zeug beobachtet, das
    sie vornahmen und sprachen. Solche Kranke haben dann auch wohl
    die (irrige) Meinung, sie hätten mit gutem Willen den Anfall inhibiren
    können, und sind geneigt, ihn sich als Schuld anzurechnen. „Sie
    hätten es nicht thun müssen.“ (Auch die Selbstanklagen der Simulation
    beruhen grossentheils auf dieser Empfindung.) Beim nächsten Anfall
    vermag dann das bewusste Ich ebenso wenig die Vorgänge zu be-
    herrschen wie beim früheren. – Da steht nun das Denken und Vor-
    stellen des bewussten wachen Ichs neben den Vorstellungen, die, sonst
    im Dunkel des Unbewussten, nun die Herrschaft über Muskulatur und
    Sprache, ja auch über einen grossen Theil der vorstellenden Thätigkeit
    selbst gewonnen haben, und die Spaltung der Psyche ist manifest.

    Den Namen einer Spaltung nicht bloss der psychischen Thätigkeit,
    sondern des Bewusstseins, verdienen aber allerdings die Befunde Binet’s
    und Janet’s; bekanntlich ist es diesen Beobachtern gelungen, sich mit
    dem „Unterbewusstsein“ ihrer Kranken in Verkehr zu setzen, mit
    jenem Theil der psychischen Thätigkeit, von welchem das bewusste
    wache Ich nichts weiss; und sie haben daran bei manchen Fällen alle
    psychischen Functionen, einschliesslich des Selbstbewusstseins, nach-
    gewiesen. Denn es findet sich darin die Erinnerung an frühere psychische
    Vorgänge. Diese halbe Psyche ist also eine ganz vollständige, in sich
    bewusste. Der abgespaltene Theil der Psyche ist bei unseren Fällen
    „in die Finsternis gebracht“, wie die Titanen in den Schlund des Aetna

  • S.

    201

    gebannt sind, die Erde erschüttern mögen, aber nie im Lichte erscheinen.
    In den Fällen Janet’s hat eine völlige Theilung des Reiches stattge-
    funden. Noch mit einem Rangunterschied. Aber auch dieser schwindet,
    wenn die beiden BewusstseinsHälften alterniren wie in den bekannten Fällen
    von Double conscience und sich an Leistungsfähigkeit nicht unterscheiden.
    Doch kehren wir zu jenen Vorstellungen zurück, die wir bei
    unsern Kranken als Ursachen ihrer hysterischen Phänomene nachge-
    wiesen haben. Es fehlt viel daran, dass wir alle geradezu „unbewusst“
    und „bewusstseinsunfähig“ nennen könnten. Von der vollkommen be-
    wussten Vorstellung, welche einen ungewöhnlichen Reflex auslöst, bis
    zu jener, die niemals im Wachen, sondern nur in der Hypnose in’s
    Bewusstsein tritt, geht eine kaum ununterbrochene Stufenleiter durch
    alle Grade der Schattenhaftigkeit und Unklarheit. Trotzdem halten
    wir den Nachweis erbracht, dass in höhern Graden von Hysterie die
    Spaltung der psychischen Thätigkeit besteht, und sie allein scheint
    eine psychische Theorie der Krankheit möglich zu machen.

    Was lässt sich nun über Ursache und Entstehung dieses Phänomens
    mit Wahrscheinlichkeit aussagen oder vermuthen?

    P. Janet, dem die Lehre von der Hysterie so ungemein viel verdankt,
    und mit dem wir in den meisten Punkten übereinstimmen, hat hier-
    über eine Anschauung entwickelt, die wir nicht zur unserigen machen
    können:

    Janet hält dafür, die „Spaltung der Persönlichkeit“ beruhe auf
    einer originären geistigen Schwäche (insuffisance psychologique): alle
    normale geistige Thätigkeit setze eine gewisse Fähigkeit der „Syn-
    these“ voraus, die Möglichkeit, mehrere Vorstellungen zu einem Com-
    plexe zu verbinden. Solche synthetische Thätigkeit sei schon die
    Verschmelzung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen zu einem Bilde
    der Umgebung; diese Leistung der Psyche finde man bei Hysterischen
    tief unter der Norm stehend. Ein normaler Mensch werde wohl, wenn
    seine Aufmerksamkeit maximal auf einen Punkt, z. B. auf die Wahr-
    nehmung mittelst eines Sinnes gerichtet ist, vorübergehend die Fähigkeit
    verlieren, Eindrücke der andern Sinne zu appercipiren, d. h. ins be-
    wusste Denken aufzunehmen. Bei den Hysterischen sei das der Fall,
    ohne jede besondere Concentration der Aufmerksamkeit. Percipiren
    sie irgend etwas, so sind sie für die andern Sinneswahrnehmungen
    unzugänglich. Ja sie seien nicht einmal im Stande, auch nur die Ein-
    drücke eines Sinnes gesammelt aufzufassen; sie können z. B. nur die

  • S.

    202

    Tastwahrnehmungen einer Körperhälfte appercipiren; die der andern
    Seite gelangen in’s Centrum, werden für Bewegungscoordination ver-
    wertet, aber nicht appercipirt. Ein solcher Mensch ist hemianästhetisch.

    Beim normalen Menschen ruft eine Vorstellung eine grosse Menge
    anderer associativ in’s Bewusstsein, welche zu der ersten z. B. unter-
    stützend oder hemmend in ein Verhältnis treten, und nur maximal
    lebhafte Vorstellungen sind wohl so überstark, dass die Associationen
    unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben. Bei den Hysterischen
    sei das immer der Fall. Jede Vorstellung nehme die ganze, geringe,
    geistige Thätigkeit in Beschlag; das bedinge die übergrosse Affectivität
    der Kranken.

    Diese Eigenschaft ihrer Psyche bezeichnet Janet mit dem Namen
    der „Einengung des Bewusstseinsfeldes“ der Hysterischen, in Analogie
    mit der „Einengung des Gesichtsfeldes“. Die nicht appercipirten
    Sinneseindrücke und die erweckten, aber nicht in’s Bewusstsein ge-
    tretenen Vorstellungen erlöschen meist ohne weitere Folgen, manchmal
    aber aggregiren sie und bilden Complexe; die dem Bewusstsein ent-
    zogene psychische Schichte, das Unterbewusstsein.

    Die Hysterie, wesentlich beruhend auf dieser Spaltung der Psyche,
    sei „une maladie de faiblesse“; und darum entwickelte sie sich am
    ehesten, wenn auf die originär schwache Psyche weitere schwächende
    Einflüsse wirken oder hohe Ansprüche gestellt werden, welchen gegen-
    über die geistige Kraft noch geringer erscheint.

    In dieser Darlegung seiner Anschauungen hat Janet auch schon
    die wichtige Frage nach der Disposition zur Hysterie beantwortet:
    nach dem Typus hystericus (dieses Wort in demselben Sinne ge-
    nommen, wie man vom Typus phtisicus spricht und darunter den
    langen, schmalen Thorax, das kleine Herz u. s. w. versteht). Janet
    hält eine bestimmte Form angeborener geistiger Schwäche für die
    Disposition zur Hysterie. Dem gegenüber möchten wir unsere An-
    schauung kurz im folgenden formuliren: Die Spaltung des Bewusst-
    seins tritt nicht ein, weil die Kranken schwachsinnig sind, sondern
    die Kranken erscheinen schwachsinnig, weil ihre psychische Thätigkeit
    getheilt ist und dem bewussten Denken nur ein Theil der Leistungs-
    fähigkeit zur Verfügung steht. Als Typus hystericus, als Inbegriff
    der Disposition zu Hysterie können wir geistige Schwäche nicht an-
    sehen.

    Was mit dem ersteren Satze gemeint ist, mag ein Beispiel
    erläutern. Vielemale konnten wir bei einer unserer Kranken (Frau

  • S.

    203

    Cäcilie M.) den folgenden Verlauf beobachten: In relativem Wohlsein
    trat ein hysterisches Symptom auf: eine quälende, obsedirende Hallu-
    cination, eine Neuralgie o. dgl., deren Intensität durch einige Zeit
    zunahm. Damit zugleich nahm die geistige Leistungsfähigkeit con-
    tinuirlich ab, und nach einigen Tagen musste jeder uneingeweihte
    Beobachter die Kranke schwachsinnig nennen. Dann wurde sie von der
    unbewussten Vorstellung (der Erinnerung an ein oft längst vergangenes
    psychisches Trauma) entbunden; entweder durch den Arzt in der
    Hypnose oder dadurch, dass sie plötzlich in einem Aufregungs-
    zustand unter lebhaftem Affect die Sache erzählte. Dann wurde
    sie nicht bloss ruhig und heiter, befreit von dem quälenden Symp-
    tom, sondern immer wieder war man erstaunt über den reichen,
    klaren Intellect, die Schärfe ihres Verstandes und Urtheils. Mit
    Vorliebe spielte sie (vortrefflich) Schach, und gerne zwei Partien
    zugleich, was wohl kaum ein Zeichen mangelnder geistiger Synthese
    ist. Der Eindruck war unabweisbar, dass in solchem Verlauf die
    unbewusste Vorstellung einen immer wachsenden Theil der psychischen
    Thätigkeit an sich reisse, dass, je mehr das geschehe, desto kleiner
    der Antheil des bewussten Denkens werde, bis dieses zur vollen Im-
    becillität herabsinke; dass sie aber, wenn sie nach dem merkwürdig
    treffenden Wiener Ausdruck „beisammen“ war, eine eminente geistige
    Leistungsfähigkeit besitze.

    Wir möchten zum Vergleiche von den Zuständen der Normalen
    nicht die Concentration der Aufmerksamkeit herbeiziehen, sondern die
    Präoccupation. Wenn ein Mensch durch eine lebhafte Vorstellung,
    z. B. eine Sorge „präoccupirt“ ist, wird seine geistige Leistungsfähig-
    keit in ähnlicher Weise herabgesetzt.

    Jeder Beobachter steht überwiegend unter dem Einfluss seiner
    Beobachtungsobjecte, und wir möchten glauben, dass sich Janet’s Auf-
    fassung wesentlich in dem eingehenden Studium jener schwachsinnigen
    Hysterischen gebildet hat, die im Spitale oder Versorgungshaus sind,
    weil sie ihrer Krankheit und ihrer dadurch bedingten geistigen
    Schwäche halber sich im Leben nicht halten können. Unsere Beob-
    achtung gebildeter Hysterischer zwingt uns zu einer wesentlich anderen
    Meinung von ihrer Psyche. Wir glauben, „dass man unter den Hyste-
    rischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten und
    kritischesten Menschen finden kann“. Kein Maass wirklicher, tüchtiger,
    psychischer Begabung ist durch Hysterie ausgeschlossen, wenn auch
    oft durch die Krankheit die reale Leistung unmöglich wird. War ja

  • S.

    204

    auch die Schutzheilige der Hysterie, St. Theresa, eine geniale Frau
    von der größten praktischen Tüchtigkeit.
    Aber freilich, auch kein Ausmaß von Albernheit, Unbrauchbar-
    keit und Willensschwäche sichert vor Hysterie. Auch wenn man von
    all dem absieht, was erst Folge der Krankheit ist, muß man den
    Typus der schwachsinnigen Hysterischen als einen häufigen aner-
    kennen. Nur handelt es sich auch hier nicht um torpide, phlegma-
    tische Dummheit, sondern mehr um einen überhohen Grad geistiger
    Beweglichkeit, welche untüchtig macht. Ich werde später die Frage
    nach der originären Disposition besprechen. Hier soll nur festgestellt
    werden, dass die Meinung Janet’s, geistige Schwäche liege überhaupt
    der Hysterie und der psychischen Spaltung zu Grunde, unannehmbar ist.
    Im vollen Gegensatz zu Janet’s Ansicht meine ich, in sehr vielen
    Fällen liege der Desaggregation eine psychische Ueberleistung zu
    Grunde, die habituelle Coexistenz zweier heterogenen Vorstellungs-
    reihen. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass wir häufig nicht
    bloss „mechanisch“ thätig sind, während in unserem bewussten Denken
    Vorstellungsreihen ablaufen, die mit unserer Thätigkeit nichts gemein-
    haben; sondern wir sind auch unzweifelhafter psychischer Leistungen
    fähig, während unsere Gedanken „anderswo beschäftigt“ sind; wie
    z. B. wenn wir correct und mit dem entsprechenden Tonfall vorlesen
    und doch dann absolut nicht wissen, was wir gelesen haben.
    Es gibt wohl eine ganze Menge von Thätigkeiten, von den
    mechanischen wie Stricken, Skalenspielen an bis zu solchen, die
    immerhin einige seelische Leistung bedingen, welche alle von vielen
    Menschen mit halber Präsenz des Geistes geleistet werden. Besonders
    von solchen, die, bei grosser Lebhaftigkeit, durch monotone, einfache,
    reizlose Beschäftigung gequält werden und sich anfangs geradezu
    absichtlich die Unterhaltung verschaffen, an anderes zu denken.
    („Privattheater“ bei Anna O., Krankengeschichte Nr. I.) Ein anderer,
    aber ähnlicher Fall besteht, wenn eine interessante Vorstellungsreihe,
    z. B. aus Lecture, Theater u. dgl. stammend, sich auf- und eindrängt.
    Noch energischer ist dieses Eindrängen, wenn die fremde Vorstellungs-
    reihe stark „affectiv betont“ ist, als Sorge, verliebte Sehnsucht. Dann
    ist der oben berührte Zustand der Präoccupation gegeben, der aber
    viele Menschen nicht hindert, Leistungen von mässiger Complicirtheit
    dennoch zu Stande zu bringen. Sociale Verhältnisse erzwingen oft
    solche Verdoppelungen auch intensiven Denkens, wie z. B. wenn eine
    Frau in quälender Sorge oder leidenschaftlicher Aufregung ihre ge-
     

  • S.

    205

    selligen Pflichten und die Functionen der liebenswürdigen Wirthin
    erfüllt. Geringere Leistungen dieser Art bringen wir alle im Berufe
    fertig; aber die Selbstbeobachtung scheint auch jedem zu ergeben,
    dass die affective Vorstellungsgruppe nicht associatorisch dann und
    wann erweckt wird, sondern fortwährend actuell in der Psyche vor
    handen ist, in’s Bewusstsein tretend, sowie kein lebhafter äusserer
    Eindruck oder Willensact dasselbe in Beschlag nimmt.

    Auch bei Menschen, die nicht habituell Wachträume neben der
    gewöhnlichen Thätigkeit einherfliessen lassen, bedingen manche Situa-
    tionen durch grössere Zeiträume hindurch ein solches Nebeneinander
    der wechselnden Eindrücke und Reactionen des äusseren Lebens und
    einer affectiv betonten Vorstellungsgruppe. Post equitem sedet atra
    cura. Solche Situationen sind vor anderen die Krankenpflege theurer
    Menschen und die Liebesneigung. Erfahrungsgemäss spielen Kranken-
    pflege und Sexualaffect auch die Hauptrolle in den meisten genauer
    analysirten Krankengeschichten Hysterischer.

    Ich vermuthe, dass die habituelle oder durch affectvolle Lebens-
    lagen bedingte Verdoppelung der psychischen Fähigkeit zur wirklichen,
    pathologischen Spaltung der Psyche wesentlich disponire. Sie
    geht in diese über, wenn die beiden coexistirenden Vorstellungsreihen
    nicht mehr gleichartigen Inhalt haben, wenn die eine davon bewusst-
    seins-unfähige Vorstellungen enthält: abgewehrte und solche, die aus
    hypnoiden Zuständen stammen. Dann ist das Confluiren der beiden
    zeitweise getrennten Ströme, das beim Gesunden immer wieder statt-
    hat, unmöglich, und es etabliert sich dauernd ein abgespaltenes Gebiet
    unbewusster psychischer Thätigkeit. Diese hysterische Spaltung der
    Psyche verhält sich zu dem „Doppel-Ich“ des Gesunden wie das
    Hypnoid zu der normalen Träumerei. Hier bedingt die Amnesie die
    pathologische Qualität und dort die Bewusstseinsunfähigkeit der Vor-
    stellungen.

    Die Beobachtung I (Anna O.), auf die ich immer zurückkommen
    muss, gewährt klaren Einblick in den Hergang. Das Mädchen war,
    in voller Gesundheit, gewöhnt, neben ihren Beschäftigungen phanta-
    stische Vorstellungsreihen einherfliessen zu lassen. In einer für die
    Autohypnose günstigen Situation tritt der Angstaffect in die Träumerei
    ein und schafft ein Hypnoid, für welches Amnesie besteht. Dies
    wiederholt sich bei verschiedenen Gelegenheiten, sein Vorstellungs-
    inhalt wird allmählich immer reicher; aber noch immer alternirt es
    mit dem Zustande vollkommen normalen wachen Denkens.

  • S.

    206

    Nach 4 Monaten bemächtigt sich der Hypnoidzustand der
    Kranken vollständig; indem die einzelnen Attaquen confluiren, bildet
    sich ein état de mal, eine schwerste acute Hysterie. Nach mehr
    monatlicher Dauer in verschiedenen Formen (somnambule Periode)
    wird er gewaltsam unterbrochen und alternirt nun wieder mit normalem
    psychischen Verhalten. Aber auch in diesem persistiren die somatischen
    und psychischen Phänomene, von denen wir hier wissen, dass sie
    auf Vorstellungen des Hypnoids beruhen (Contractur, Hemianästhesie
    Aenderung der Sprache). Dadurch ist bewiesen, dass auch während
    des normalen Verhaltens der Vorstellungskomplex des Hypnoids, das
    „Unterbewusstsein“, actuell ist, dass die Spaltung der Psyche fort-
    besteht.

    Ein zweites Beispiel solcher Entwicklung kann ich nicht bei-
    bringen. Ich glaube aber, dass dieses einiges Licht auf die Aus-
    bildung der traumatischen Neurose wirft. Bei dieser wiederholt sich in den
    ersten Tagen nach dem Unfall mit der Erinnerung an diesen das Schreck-
    hypnoid; während dies immer häufiger geschieht, nimmt seine Inten-
    sität doch so weit ab, dass es nicht mehr mit dem wachen Denken
    alternirt, sondern nur neben ihm besteht. Nun wird es continuirlich,
    und die somatischen Symptome, welche früher nur im Schreckanfall
    bestanden, gewinnen eine dauernde Existenz. Ich kann aber nur ver-
    muthen, dass es so zugehe, da ich keinen solchen Fall analysirt habe.

    Die Beobachtungen und Analysen Freud’s beweisen, dass die
    Spaltung der Psyche auch durch die „Abwehr“, durch die willkür-
    liche Abwendung des Bewusstseins von peinlichen Vorstellungen be-
    dingt sein kann. Aber doch nur bei manchen Menschen, denen wir
    deshalb eine psychische Eigenart zuschreiben müssen. Bei normalen
    Menschen gelingt die Unterdrückung solcher Vorstellungen, und dann
    schwinden sie vollständig, oder sie gelingt nicht, und dann tauchen
    sie immer wieder im Bewusstsein auf. Worin jene Eigenart besteht,
    weiss ich nicht zu sagen. Ich wage nur die Vermuthung, es sei die
    Hilfe des Hypnoids nothwendig, wenn durch die Abwehr nicht bloss
    einzelne convertirte Vorstellungen zu unbewussten gemacht werden,
    sondern eine wirkliche Spaltung der Psyche vollzogen werden soll.
    Die Autohypnose schaffte sozusagen den Raum, das Gebiet unbe-
    wusster psychischer Thätigkeit, in welches die abgewehrten Vor-
    stellungen hineingedrängt werden. Doch wie dem auch sei, die That-
    sache von der pathogenen Bedeutung der „Abwehr“ müssen wir
    anerkennen.

  • S.

    207

    Ich glaube aber nicht, dass mit den besprochenen, halbwegs
    verständlichen Vorgängen die Genese der psychischen Spaltung auch
    nur annähernd erschöpft wäre. So lassen beginnende Hysterien höhern
    Grades meist einige Zeit hindurch ein Syndrom beobachten, das man
    wohl als acute Hysterie bezeichnen darf. (In den Anamnesen männ-
    licher Hysteriker begegnet man dieser Form der Erkrankung ge-
    wöhnlich unter dem Namen: Gehirnentzündung; bei weiblichen Hysterien
    gibt die Ovarie dabei Anlass zu der Diagnose: Bauchfellentzündung.)

    In diesem acuten Stadium der Hysterie sind psychotische Züge
    sehr deutlich; manische und zornige Aufregungszustände, rascher
    Wechsel hysterischer Phänomene, Hallucinationen u. dgl. m. In
    solchem Zustand mag die Spaltung der Psyche vielleicht in anderer
    Weise erfolgen, als wir oben darzulegen suchten.

    Vielleicht ist dieses ganze Stadium als ein langer hypnoider
    Zustand zu betrachten, dessen Residuen den Kern des unbewussten
    Vorstellungskomplexes abgeben, während das wache Denken dafür
    amnestisch ist. Da uns die Entstehungsbedingungen einer solchen
    acuten Hysterie meist nicht bekannt sind (ich wage nicht, den Her-
    gang bei Anna O. für den allgemein giltigen zu halten), so wäre das
    eine weitere, im Gegensatz zu den oben erörterten, irrational zu
    nennende Art der psychischen Spaltung1). Und so werden gewiss noch
    andere Arten dieses Vorganges existiren, die sich der jungen psycho-
    logischen Erkenntniss noch entzogen haben. Denn gewiss haben wir
    nur die ersten Schritte auf diesem Gebiete gemacht und werden
    weitere Erfahrungen die heutigen Anschauungen wesentlich umge-
    stalten.


    Fragen wir nun, was die in den letzten Jahren gewonnene Kennt-
    niss der psychischen Spaltung für das Verständnis der Hysterie ge-
    leistet hat. Es scheint viel und Bedeutungsvolles zu sein.

    Diese Erkenntniss ermöglicht, scheinbar rein somatische Sym-
    ptome auf Vorstellungen zurückzuführen, die aber im Bewusstsein der
    Kranken nicht zu finden sind. Es ist überflüssig, nochmals hierauf
    einzugehen.

    1)Ich muss aber bemerken, dass gerade in dem bestbekannten und durch-
    sichtigsten Fall grosser Hysterie mit manifester double conscience, eben bei Anna O.
    (Beobachtung I), kein Rest aus dem acuten Stadium in das chronische hinüber-
    getragen wurde und alle Phänomene des letzteren schon in der „Incubationszeit“
    in Hypnoiden und Affectzuständen erzeugt worden waren.

  • S.

    208

    Sie hat den Anfall als eine Leistung des unbewußten Vor-
    stellungskomplexes mindestens theilweise verstehen gelehrt (Charcot).
    Sie erklärt aber auch manche der psychischen Eigenthüm-
    lichkeiten der Hysterie, und dieser Punkt verdient vielleicht eingehendere
    Besprechung.
    Die „unbewußten Vorstellungen“ treten zwar nie oder doch
    nur selten und schwer in das wache Denken, aber sie beeinflussen es.
    Erstens durch ihre Wirkungen, wenn z. B. eine völlig unverständliche,
    sinnlose Hallucination den Kranken peinigt, deren Bedeutung und
    Motivirung in der Hypnose klar wird.
    Dann beeinflussen sie die Association, indem sie einzelne Vor-
    stellungen lebhafter werden lassen, als sie ohne diese aus dem Unbe-
    wußten stammende Verstärkung wären. So drängen sich dann den
    Kranken mit einem gewissen Zwange immer bestimmte Vorstellungs-
    gruppen auf, an die sie denken müssen. (Aehnlich ist es, wenn Janet’s
    Hemianästhetische zwar die wiederholte Berührung ihrer empfindungs-
    losen Hand nicht fühlen, aber aufgefordert, eine beliebige Zahl zu
    nennen, immer jene wählen, welche der Zahl der Berührungen ent-
    spricht.) Weiters beherrschen sie die Gemüthslage, die Stimmung.
    Wenn sich Anna O. bei Abwicklung ihrer Erinnerungen einem Vor-
    gang näherte, der ursprünglich mit lebhaftem Affect verbunden ge-
    wesen war, so trat die entsprechende Gemüthsstimmung schon Tage
    vorher auf, ehe die Erinnerung auch nur in dem hypnotischen Be-
    wusstsein klar erschien.
    Dies macht uns die „Launen“, die unerklärlichen, unbegrün-
    deten, für das wache Denken motivlosen Verstimmungen der Kranken
    verständlich. Die Impressionabilität der Hysterischen ist ja grossen-
    theils einfach durch ihre originäre Erregbarkeit bedingt; aber die
    lebhaften Affecte, in die sie durch relativ geringfügige Ursachen ge-
    rathen, werden begreiflicher, wenn wir bedenken, dass die „abgespal-
    tene Psyche“ wirkt wie ein Resonator auf den Ton der Stimmgabel.
    Jedes Vorkommniss, welches „unbewusste“ Erinnerungen erregt, macht
    die ganze affective Kraft dieser nicht usurirten Vorstellungen frei,
    und der hervorgerufene Affect steht dann ganz ausser Verhältniss
    zu jenem, der in der bewussten Psyche allein entstanden wäre.
    Es wurde oben (p. 203) von einer Kranken berichtet, deren psy-
    chische Leistung immer im umgekehrten Verhältniss zu der Lebhaftig-
    keit ihrer unbewussten Vorstellungen steht. Die Herabsetzung ihres
    bewussten Denkens beruht theilweise, aber nur theilweise, auf einer

  • S.

    209

    eigentümlichen Art von Zerstreutheit; nach jeder momentanen „Ab-
    sence“, wie solche fortwährend eintreten, weiss sie nicht, an was sie
    während derselben gedacht hat. Sie oscillirt zwischen der „condition
    prime“ und „seconde“, zwischen dem bewussten und dem unbe-
    wussten Vorstellungskomplex. Aber nicht bloss dadurch ist ihre psy-
    chische Leistung herabgesetzt und auch nicht bloss durch den Affect,
    der vom Unbewussten aus sie beherrscht. Ihr waches Denken ist in
    solchem Zustand energielos, ihr Urtheil kindisch, sie scheint, wie ge-
    sagt, geradezu imbecill. Ich meine, das sei darin begründet, dass dem
    wachen Denken eine geringere Energie zur Verfügung steht, wenn
    eine grosse Menge der psychischen Erregung vom Unbewussten in
    Beschlag genommen ist.

    Wenn das nun nicht bloss temporär der Fall ist, wenn die abge-
    spaltene Psyche fortwährend in Erregung ist, wie bei Janet’s Hemi-
    anästhetischen, bei denen sogar alle Empfindungen der einen Körper-
    hälfte nur von der unbewussten Psyche percipirt werden, so bleibt
    für das wache Denken so wenig von der Gehirnleistung übrig, dass
    sich dadurch die psychische Schwäche vollauf erklärt, die Janet
    schildert und für originär hält. Wohl von den wenigsten Menschen
    dürfte man sagen wie von Uhland’s Bertrand de Born, „dass ihnen
    nie mehr als die Hälfte ihres Geistes nöthig sei“. Die allermeisten
    sind bei solcher Reduction ihrer psychischen Energie eben schwach-
    sinnig.

    Auf dieser, durch die psychische Spaltung bedingten geistigen
    Schwäche scheint nun auch eine folgenreiche Eigenschaft mancher
    Hysterischen zu beruhen, ihre Suggestibilität. (Ich sage, „mancher
    Hysterischen“, denn es ist sicher, dass man unter den Kranken dieser
    Art auch die urtheilssichersten, kritischesten Menschen findet.)

    Wir verstehen unter Suggestibilität zunächst nur die Kritik-
    losigkeit gegen Vorstellungen und Vorstellungskomplexe (Urtheile),
    welche im eigenen Bewusstsein auftauchen oder von aussen in das-
    selbe eingeführt werden, durch Hören fremder Rede oder Lectüre.
    Alle Kritik solcher frisch in’s Bewusstsein tretender Vorstellungen
    beruht darauf, dass sie associativ andere erwecken, und darunter auch
    solche, die mit ihnen unvereinbar sind. Der Widerstand gegen sie
    ist also abhängig von dem Besitz des potentiellen Bewusstseins an
    solchen widerstrebenden Vorstellungen, und seine Stärke entspricht
    dem Verhältniss zwischen der Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen
    und der aus der Erinnerung erweckten. Dieses Verhältniss ist auch

  • S.

    210

    bei normalen Intellecten sehr verschieden. Was wir intellectuelles
    Temperament nennen, hängt grossentheils davon ab. Der Sanguiniker,
    den neue Menschen und Dinge immer entzücken, ist wohl so, weil
    die Intensität seiner Erinnerungsbilder im Vergleich mit jener der
    neuen Eindrücke geringer ist als bei den ruhigeren, „phlegmatischen“
    Menschen. In pathologischen Zuständen wächst das Uebergewicht
    frischer Vorstellungen und die Widerstandslosigkeit gegen solche um
    so mehr, je weniger Erinnerungsbilder erweckt werden, also je schwächer
    und ärmer die Association ist; so schon im Schlaf und Traum, in der
    Hypnose, bei jedem Abnehmen der geistigen Energie, so lange es
    nicht auch die Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen schädigt.

    Die unbewusste, gespaltene Psyche der Hysterie ist eminent
    suggestibel, der Armut und Unvollständigkeit ihres Vorstellungsinhaltes
    wegen. Aber auch die Suggestibilität der bewussten Psyche mancher
    Hysterischen scheint hierauf zu beruhen. Ihrer originären Anlage nach
    sind sie erregbar; frische Vorstellungen sind bei ihnen von grosser
    Lebhaftigkeit. Dagegen ist die eigentliche intellectuelle Thätigkeit,
    die Association, herabgesetzt, weil dem wachen Denken, der Abspaltung
    eines „Unbewussten“ wegen, nur ein Theil der psychischen Energie
    zur Verfügung steht.

    Damit ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen Auto-
    wie Fremd-
    suggestionen vermindert und manchmal vernichtet. Auch die Sugge-
    stibilität ihres Willens dürfte hieraus allein entspringen. Die halluci-
    natorische Suggestibilität dagegen, welche jede Vorstellung einer Sinnes-
    wahrnehmung alsbald in die Wahrnehmung selbst verwandelt, erfordert,
    wie jede Hallucination, einen abnormen Grad von Erregbarkeit des
    Perceptionsorganes und lässt sich aus der psychischen Spaltung allein
    nicht ableiten.

    VI. Originäre Disposition; Entwicklung der Hysterie.

    Fast auf jeder Stufe dieser Darlegungen habe ich anerkennen
    müssen, dass die meisten Erscheinungen, um deren Verständnis wir
    uns bemühen, auch auf angeborener Eigenart beruhen können. Diese
    entzieht sich jeder Erklärung, welche über die Constatirung der That-
    sachen hinausgehen wollte. Aber auch die Fähigkeit, Hysterie
    zu acquiriren, ist gewiss an eine Eigenart der Menschen gebunden,
    und der Versuch wäre vielleicht nicht ganz wertlos, diese etwas
    genauer zu definiren.

  • S.

    211

    Ich habe oben auseinandergesetzt, warum die Anschauung Janet’s
    unannehmbar ist: Die Disposition zur Hysterie beruhe auf angeborener
    psychischer Schwäche. Der Praktiker, der als Hausarzt die Glieder
    hysterischer Familien in allen Altersstufen beobachtet, wird gewiss
    eher geneigt sein, diese Disposition in einem Ueberschuss als in
    einem Defect zu suchen. Die Adolescenten, welche später hysterisch
    werden, sind vor ihrer Erkrankung meist lebhaft, begabt, voll geistiger
    Interessen; ihre Willensenergie ist oft bemerkenswert. Zu ihnen gehören
    jene Mädchen, die Nachts aufstehen, um heimlich irgend ein Studium
    zu treiben, das ihnen die Eltern aus Furcht vor Ueberanstrengung versagten.
    Die Fähigkeit besonnenen Urtheils ist gewiss ihnen nicht reichlicher
    gegeben als anderen Menschen. Aber selten findet man unter ihnen
    einfache, stumpfe Geistesträgheit und Dummheit. Die überströmende
    Productivität ihrer Psyche brachte einen meiner Freunde zu der Be-
    hauptung: die Hysterischen seien die Blüte der Menschheit, freilich
    so steril, aber auch so schön wie die gefüllten Blumen.

    Ihre Lebhaftigkeit und Unrast, ihr Bedürfnis nach Sensationen
    und geistiger Thätigkeit, ihre Unfähigkeit, Monotonie und Langweile
    zu ertragen, lassen sich so formuliren: sie gehörten zu jenen Menschen,
    deren Nervensystem in der Ruhe ein Uebermaass von Erregung frei
    macht, welches Verwendung fordert (s. pag. 172). Während und infolge
    der Pubertätsentwicklung tritt zu dem originären Ueberschuss noch
    jene gewaltige Steigerung der Erregung, welche von der erwachenden
    Sexualität, von den Geschlechtsdrüsen ausgeht. Nun ist ein übergrosses
    Quantum freier nervöser Erregung verfügbar für pathologische Phä-
    nomene: aber, damit diese in Form hysterischer Krankheitserscheinungen
    auftreten, dazu braucht es offenbar noch einer anderen, specifischen
    Eigenart des Individuums. Denn die grosse Mehrzahl der lebhaften,
    erregten Menschen wird ja doch nicht hysterisch.

    Diese Eigenart konnte ich oben nur mit dem vagen und inhalts-
    armen Worte: „abnorme Erregbarkeit des Nervensystems“ bezeichnen.
    Man kann aber doch vielleicht weiter gehen und sagen: diese Ab-
    normität liege eben darin, dass bei solchen Menschen in die Nerven-
    apparate der Empfindung, welche de norma nur peripheren Reizen
    zugänglich sind, und in diejenigen der vegetativen Organe, welche
    durch starke Widerstände vom Centralnervensystem isolirt sind, die
    Erregung des Centralorgans einströmen kann. Diese Vorstellung von
    dem immer vorhandenen Erregungsüberschuss, welchem die sensiblen,
    vasomotorischen und visceralcn Apparate zugänglich sind, kann viel-
    leicht schon einige pathologische Phänomene decken.

  • S.

    212

    Sowie bei so beschaffenen Menschen die Aufmerksamkeit gewaltsam
    auf einen Körpertheil concentrirt wird, übersteigt die „attentionelle
    Bahnung“ (Exner) der betreffenden sensiblen Leitung das normale
    Maass; die freie, flottirende Erregung versetzt sich, so zu sagen, auf
    diese Bahn, und es entsteht die locale Hyperalgesie, welche es ver-
    ursacht, dass alle, irgendwie bedingten, Schmerzen maximal intensiv
    werden, dass alle Leiden „furchtbar“ und „unerträglich“ sind. Aber
    die Erregungsquantität, welche einmal eine sensible Bahn besetzt hat,
    verlässt sie nicht immer wieder wie beim normalen Menschen; sie
    verharrt nicht bloss, sondern vermehrt sich durch Zuströmen immer
    neuer Erregungen. So entwickelt sich nach einem leichten Gelenks-
    trauma eine Gelenksneurose; die Schmerzempfindungen der Ovarial-
    schwellung werden zur dauernden Ovarie.

    Die Nervenapparate der Circulation sind dem cerebralen Einfluss
    zugänglicher als beim Normalen: es besteht nervöses Herzklopfen,
    Neigung zur Synkope, excessive Erröthen und Erblassen u. s. f.

    Aber allerdings nicht bloss centralen Einflüssen gegenüber sind
    die peripheren nervösen Apparate leichter erregbar; sie reagiren auch
    auf die adäquaten, functionellen Reize in excessiver und perverser
    Weise. Das Herzklopfen folgt mässiger Anstrengung wie gemüthlicher
    Aufregung, und die Vasomotoren bringen Arterien zur Contraction
    („absterbende Finger“) ohne allen psychischen Einfluss. Und gerade
    wie einem leichten Trauma die Gelenksneurose folgt, so hinterlässt
    eine kurze Bronchitis nervöses Asthma und eine Indigestion häufige
    Cardialgie. So müssen wir anerkennen, dass die Zugänglichkeit für
    Erregungssummen centralen Ursprungs nur ein Specialfall der allgemeinen
    abnormen Erregbarkeit ist,1) wenn auch der für unser Thema wichtigste.

    Ich glaube darum auch nicht, dass die alte „Reflextheorie“ dieser
    Symptome, die man vielleicht besser einfach „nervöse“ nennen würde,
    die aber zu dem empirischen Krankheitsbilde der Hysterie gehören,
    ganz zu verwerfen ist. Das Erbrechen, das ja die Dehnung des graviden
    Uterus begleitet, kann bei abnormer Erregbarkeit ganz wohl von
    geringfügigen uterinen Reizen reflectorisch ausgelöst werden; ja viel-
    leicht auch von den wechselnden Schwellungen der Ovarien. Wir kennen so
    viele Fernwirkungen von Organveränderungen, so viele sonderbar „conjugirte
    Punkte“, dass es nicht abzuweisen ist, eine Menge nervöser Symptome,
    welche das einemal psychisch bedingt sind, möchten in anderen Fällen

    1)Oppenheim’s „Labilität der Molecule“.

  • S.

    213

    reflectorische Fernwirkungen sein. Ja, ich wage die höchst unmoderne
    Ketzerei, es könnte doch einmal auch die Bewegungsschwäche eines
    Beines nicht psychisch, sondern direct reflectorisch durch eine Genital-
    krankheit bedingt sein. Ich meine, wir thun gut, unsere neuen Ein-
    sichten nicht allzu ausschliesslich gelten zu lassen und für alle Fälle
    zu generalisiren.

    Andere Formen abnormer sensibler Erregbarkeit entziehen sich
    unserem Verständnisse noch vollständig; so die allgemeine Analgesie,
    die anästhetischen Plaques, die reale Gesichtsfeldeinengung u. dgl. m.
    Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, dass weitere Beobachtungen
    den psychischen Ursprung des einen oder anderen dieser Stigmen nach-
    weisen und damit das Symptom erklären werden; bisher ist das nicht
    geschehen; (ich wage nicht, die Anhaltspunkte, welche unsere Beob-
    achtung I gibt, zu verallgemeinern), und ich halte es nicht für ge-
    rechtfertigt, bevor eine solche Ableitung gelungen ist, sie zu prä-
    sumiren.

    Dagegen scheint die bezeichnete Eigenart des Nervensystems und
    der Psyche einige allbekannte Eigenschaften vieler Hysterischen zu
    erklären. Der Ueberschuss von Erregung, welchen ihr Nervensystem
    in der Ruhe frei macht bedingt ihre Unfähigkeit, ein monotones Leben
    und Langweile zu ertragen; ihr Sensationsbedürfniss, welches sie dazu
    treibt, nach Ausbruch der Krankheit die Eintönigkeit der Kranken-
    existenz durch allerlei „Ereignisse“ zu unterbrechen, als welche sich
    naturgemäss vor allem pathologische Phänomene darbieten. Die Auto-
    suggestion unterstützt sie darin oft. Sie werden darin immer weiter
    geführt durch ihr Krankheitsbedürfniss, jenen merkwürdigen Zug, der
    für die Hysterie so pathognomonisch ist, wie die Krankheitsfurcht für
    die Hypochondrie. Ich kenne eine Hysterica, welche ihre oft recht
    bedeutenden Selbstbeschädigungen nur für den eigenen Gebrauch vor-
    nahm, ohne dass Umgebung und Arzt davon erfuhren. Wenn nichts
    anderes, so vollzog sie, allein im Zimmer, allerlei Unfug, nur um sich
    selbst zu beweisen, sie sei nicht normal. Sie hat eben ein deutliches
    Gefühl ihrer Krankheitigkeit, erfüllt ihre Pflichten ungenügend und
    schafft sich durch solche Acte die Rechtfertigung vor sich selbst.
    Eine andere Kranke, eine schwerleidende Frau von krankhafter Ge-
    wissenhaftigkeit und voll Misstrauen gegen sich selbst, empfindet
    jedes hysterische Phänomen als Schuld; „weil sie das ja wohl nicht
    haben müsste, wenn sie nur ordentlich wollte“. Als die Parese ihrer Beine
    irrigerweise für eine spinale Krankheit erklärt wurde, empfand sie das

  • S.

    214

    als eine Erlösung, und die Erklärung, es sei „nur nervös“ und werde
    vergehen, genügte, um ihr schwere Gewissensangst zu erzeugen. Das
    Krankheitsbedürfniss entspringt der Sehnsucht der Patientin, sich und
    andere von der Realität ihrer Krankheit zu überzeugen. Wenn es sich
    dann zu der Pein gesellt, welche durch die Monotonie des Kranken-
    zimmers bedingt wird, so entwickelt sich die Neigung, immer neue
    Symptome zu haben, auf’s stärkste.

    Wenn diese aber zur Verlogenheit wird und zu wirklicher
    Simulation fühlt – und ich glaube, wir gehen jetzt in der Ablehnung
    der Simulation gerade so zu weit, wie früher in ihrer Annahme –
    dann beruht das nicht auf der hysterischen Disposition, sondern, wie
    Möbius vortrefflich sagt, auf der Complication derselben mit andern
    Degenerationen, originärer moralischer Minderwertigkeit. Gerade wie die
    „bösartige Hysterica“ dadurch entsteht, dass ein originär erregbarer,
    aber gemütsarmer Mensch noch der egoistischen Charakterverkümmerung
    anheimfällt, welche chronisches Siechthum so leicht erzeugt. Die
    „bösartige Hysterica“ ist übrigens kaum häufiger als der bösartige
    Tabiker späterer Stadien.

    Auch in der motorischen Sphäre erzeugt der Erregungsüberschuss
    pathologische Phänomene. So geartete Kinder entwickeln sehr leicht
    tickartige Bewegungen, welche, zuerst angeregt durch irgend eine Empfindung
    in den Augen oder im Gesichte oder durch die Gêne eines
    Kleidungsstückes, alsbald Dauer gewinnen, wenn sie nicht sogleich
    bekämpft werden. Die Reflexbahnen werden sehr leicht und rasch „aus-
    gefahren“.

    Es ist auch nicht abzuweisen, dass es einen rein motorischen,
    von jedem psychischen Factor unabhängigen Krampfanfall gebe, in
    dem sich nur die durch Summation angehäufte Erregungsmasse ent-
    lädt, geradeso wie die durch anatomische Veränderungen bedingte
    Reizmasse im epileptischen Anfalle. Das wäre der nicht ideogene hy-
    sterische Krampf.

    Wir sehen so oft Adolescenten, welche zwar erregbar, aber gesund
    waren, während der Pubertätsentwicklung an Hysterie erkranken, dass
    wir uns fragen müssen, ob dieser Process nicht dort die Disposition
    schafft, wo sie originär noch nicht vorhanden ist. Und allerdings müssen
    wir ihm mehr zuschreiben als die einfache Steigerung des Erregungs-
    quantums; die Geschlechtsreifung greift im ganzen Nervensystem an,
    überall die Erregbarkeit steigernd und die Widerstände herabsetzend.
    Das lehrt die Beobachtung der nicht hysterischen Adolescenten, und

  • S.

    215

    wir sind darum berechtigt zu glauben, dass sie auch die hysterische
    Disposition herstelle, soweit diese eben in dieser Eigenschaft des
    Nervensystems besteht. Damit anerkennen wir bereits die Sexualität
    als einen der grossen Componenten der Hysterie. Wir werden sehen,
    dass ihr Antheil daran ein noch viel grösserer ist, und dass sie auf
    den verschiedensten Wegen zum Aufbau der Krankheit mitwirkt.

    Wenn die Stigmata direct dem originären Mutterboden der Hysterie
    entspringen und nicht ideogenen Ursprungs sind, so ist es auch un-
    möglich, die Ideogenie so in den Mittelpunkt der Hysterie zu stellen,
    wie es heute manchmal geschieht. Was könnte denn echter hysterisch
    sein als die Stigmata, jene pathognomonischen Befunde, welche die
    Diagnose feststellen, und doch scheinen gerade diese nicht ideogen.
    Aber wenn die Basis der Hysterie eine Eigenart des ganzen Nerven-
    systems ist, – auf ihr erhebt sich der Complex von ideogenen, psychisch
    bedingten Symptomen wie ein Gebäude auf den Fundamenten. Und es ist
    ein mehrstöckiges Gebäude. Wie man die Structur eines solchen
    nur dann verstehen kann, wenn man den Grundriss der verschiedenen
    Stockwerke unterscheidet, so, meine ich, ist das Verständniss der
    Hysterie davon bedingt, dass die verschiedenartige Complication der
    Symptomursachen beachtet wird. Sieht man davon ab und versucht
    die Erklärung der Hysterie mit Benützung eines einzigen Causalnexus
    durchzuführen, so bleibt immer ein sehr grosser Rest unerklärter
    Phänomene übrig; es ist gerade, als wollte man die verschiedenen
    Gelasse eines mehrstöckigen Hauses auf dem Grundriss eines Stock-
    werkes eintragen.

    Wie die Stigmata ist eine Reihe anderer nervöser Symptome, wie wir
    oben sahen, nicht durch Vorstellungen veranlasst, sondern directe Folge
    der fundamentalen Anomalie des Nervensystems: manche Algien, vaso-
    motorische Phänomene, vielleicht der rein motorische Krampfanfall.

    Ihnen zunächst stehen die ideogenen Phänomene, welche einfach
    Conversionen affectiver Erregung sind (pag. 177). Sie entstehen als
    Wirkungen von Affecten in Menschen von hysterischer Disposition
    und sind zunächst nur anomaler Ausdruck der Gemüthsbewegungen
    (Oppenheim)1). Dieser wird durch Wiederholung zu einem wirklichen,
    scheinbar rein somatischen hysterischen Symptom, während die ver-
    anlassende Vorstellung unmerklich wird (pag. 180) oder abgewehrt und

    1)Jene Disposition ist eben das, was Strümpell als „die Störung im Psycho-
    Physischen“ bezeichnet, welche der Hysterie zu Grunde liegt.

  • S.

    216

    darum aus dem Bewußtsein verdrängt ist. Die meisten und wichtigsten
    der abgewehrten und convertirten Vorstellungen haben sexualen Inhalt.
    Sie liegen einem großen Theil der Pubertätshysterie zu Grunde. Die
    heranreifenden Mädchen, – um diese handelt es sich hauptsächlich
    – verhalten sich zu den sexualen Vorstellungen und Empfindungen,
    die auf sie eindringen, sehr verschieden. Bald mit voller Unbefangenheit,
    wobei die einen das ganze Gebiet ignoriren und übersehen. Die andern
    nehmen sie so an wie die Knaben; das ist bei Bauern- und Arbeiter-
    mädchen wohl die Regel. Wieder andere haschen mit mehr oder minder
    perverser Neugier nach allem, was Gespräch und Lectüre ihnen an
    Sexualem bringt; und endlich die feinorganisirten Naturen von großer
    sexualer Erregbarkeit, aber ebenso großer moralischer Reinheit, welche
    alles Sexuale als unvereinbar mit ihrem sittlichen Inhalt empfinden,
    als Beschmutzung und Befleckung.1 Diese verdrängen die Sexualität
    aus ihrem Bewußtsein und die affectiven Vorstellungen solchen Inhaltes,
    welche somatische Phänomene verursacht haben, werden als „abgewehrte“
    unbewußt.

    Die Neigung zur Abwehr des Sexualen wird noch verstärkt
    dadurch, daß die sinnliche Erregung bei der Jungfrau eine Beimischung
    von Angst hat, die Furcht vor dem Unbekannten, Geahnten, was kommen
    wird, während sie bei dem natürlichen, gesunden, jungen Manne, ein
    unvermischt aggressiver Trieb ist. Das Mädchen ahnt im Eros die
    furchtbare Macht, die ihr Schicksal beherrscht und entscheidet, und
    wird durch sie geängstigt. Um so größer ist die Neigung, wegzu-
    blicken und das Aengstigende aus dem Bewußtsein zu verdrängen.

    Die Ehe bringt neue sexuale Traumen. Es ist zu wundern, daß
    die Brautnacht nicht häufiger pathogen wirkt, da sie doch leider so
    oft nicht erotische Verführung, sondern Nothzucht zum Inhalt hat.
    Aber freilich sind ja auch die Hysterien junger Frauen nicht selten,
    welche darauf zurückzuführen sind und schwinden, wenn sich im
    Verlauf der Zeit der Sexualgenuß eingestellt und das Trauma verwischt
    hat. Auch im weiteren Verlauf vieler Ehen kommen sexuale Traumen
    vor. Jene Krankengeschichten, von deren Publication wir absehen
    mußten, enthalten davon eine große Zahl, perverse Anforderungen des
    Mannes, unnatürliche Praktiken u. s. w. Ich glaube nicht zu über-

    1)Einige Beobachtungen lassen uns glauben, daß die Berührungs-, eigentlich
    Beschmutzungsfurcht, welche die Frauen zwingt, sich alle Augenblicke die Hände
    zu waschen, sehr häufig diesen Ursprung hat. Das Waschen entspringt demselben
    seelischen Vorgang wie bei Lady Macbeth.

  • S.

    217

    treiben, wenn ich behaupte, die grosse Mehrzahl der schweren
    Neurosen bei Frauen entstamme dem Ehebett1).

    Ein Theil der sexualen Noxen, der wesentlich in ungenügender
    Befriedigung besteht, (coitus interruptus, ejaculatio praecox u. s. f.),
    führt nach der Entdeckung Freud’s2) nicht zu Hysterie, sondern zur
    Angstneurose. Doch meine ich, wird auch in solchen Fällen häufig
    genug die Erregung des Sexualaffectes in hysterische somatische
    Phänomene convertirt.

    Es ist selbstverständlich und geht auch aus unsern Beobachtungen
    zur Genüge hervor, dass die nicht sexualen Affecte des Schrecks, der Angst,
    des Zornes zur Entstehung hysterischer Phänomene führen. Aber es ist
    vielleicht nicht überflüssig, immer wieder zu betonen, dass das sexuale
    Moment weitaus das wichtigste und pathologisch fruchtbarste ist. Die
    naive Beobachtung unserer Vorgänger, deren Rest wir im Worte
    „Hysterie“ bewahren, ist der Wahrheit näher gekommen als die
    neuere Anschauung, welche die Sexualität fast in letzte Linie stellt,
    um die Kranken vor moralischem Vorwurfe zu bewahren. Gewiss sind
    die sexualen Bedürfnisse der Hysterischen gerade so individuell ver-
    schieden gross und nicht stärker als bei den Gesunden. Aber sie
    erkranken an ihnen und zwar grossentheils gerade durch ihre Be-
    kämpfung, durch die Abwehr der Sexualität.

    Neben der sexualen muss hier an die Schreckhysterie erinnert
    werden, die eigentlich traumatische Hysterie. Sie bildet eine der best-
    gekannten und anerkannten Hysterieformen.

    Sozusagen in der gleichen Schicht mit den Phänomenen, welche
    durch Conversion von Affecterregung entstanden sind, liegen diejenigen,
    welche der Suggestion (meist Autosuggestion) bei originär suggestiblen
    Individuen ihren Ursprung verdanken. Hochgradige Suggestibilität,
    d. h. hemmungsloses Uebergewicht frisch erregter Vorstellungen gehört
    nicht zum Wesen der Hysterie; sie kann sich aber bei hysterisch
    Disponirten als Complication vorfinden, bei denen eben diese Eigenart
    des Nervensystems die körperliche Realisirung der überwertigen Vor-
    stellungen begünstigt.

    1)Es ist gewiss von Uebel, dass die Klinik dieses, eines der allerwichtigsten
    pathogenen Momente ignorirt, oder doch nur zart andeutend streift. Dies ist sicher
    ein Gegenstand, wo die Erfahrung der Erfahrenen dem jungen Arzte mitgetheilt
    werden soll, der ja gewöhnlich an der Sexualität blind vorübergeht; mindestens
    was seine Kranken betrifft.

    2)Freud, „Ueber die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten
    Symptomencomplex als Angstneurose abzutrennen“. Neurol. Centralblatt 1895, Nr. 2.

  • S.

    218

    stellungen ermöglicht. Es sind übrigens meistens doch nur affective
    Vorstellungen, welche suggestiv in somatischen Phänomenen realisirt
    werden, und so kann man den Vorgang oft auch als Conversion des
    begleitenden Schreck-
    oder Angstaffects auffassen.

    Diese Processe der Affectconversion und der Suggestion bleiben
    identisch auch in den complicirten Formen von Hysterie, die nun zu
    betrachten sind; sie finden dort nur günstigere Bedingungen; aber
    psychisch bedingte hysterische Phänomene entstehen immer durch einen
    dieser beiden Vorgänge.

    Jenes dritte Constituens der hysterischen Disposition, welches in
    manchen Fällen zu den früher besprochenen hinzutritt, die Conversion
    wie die Suggestion in höchstem Maasse begünstigt und erleichtert
    und dadurch sozusagen über den kleinen Hysterien, die nur einzelne
    hysterische Phänomene zeigen, das weitere Stockwerk der grossen
    Hysterie aufbaut, ist das Hypnoid, die Neigung zur Autohypnose
    (pag. 187). Sie constituirt einen, zunächst nur vorübergehenden und mit
    dem normalen alternirenden Zustand, dem wir dieselbe Steigerung der
    psychischen Einwirkung auf den Körper zuschreiben dürfen, die wir
    in der artificiellen Hypnose beobachten; diese Einwirkung ist hier
    umso intensiver und tiefer greifend, als sie ein Nervensystem betrifft,
    welches schon ausserhalb der Hypnose von anomaler Erregbarkeit ist.1)
    In wie weit und in welchen Fällen die Neigung zur Autohypnose
    originäre Eigenschaft des Organismus ist, wissen wir nicht. Ich habe
    oben (pag. 191). die Ansicht angesprochen, dass sie sich aus affect-
    erfüllter Träumerei entwickle. Aber sicher gehört auch hiezu originäre
    Disposition. Wenn jene Ansicht richtig ist, so wird auch hier deutlich,
    wie grosser Einfluss auf die Entwicklung der Hysterie der Sexualität
    zuzuschreiben ist. Denn es gibt ausser der Krankenpflege keinen psy-
    chischen Factor, der so wie die Liebessehnsucht geeignet ist, affect-
    erfüllte Träumerei zu erzeugen. Und überdies ist der sexuale Organismus

    1)Es liegt nahe, die Disposition zur Hypnose mit der originären abnormen
    Erregbarkeit zu identificiren, da uns ja auch die artificielle Hypnose ideogene
    Veränderungen der Secretion, der localen Blutfülle, Blasenbildungen u. dgl. zeigt.
    Diess scheint die Ansicht von Möbius zu sein. Ich meine aber, man bewegt sich
    da in einem falschen Cirkel. Diese Thaumaturgie der Hypnose beobachten wir,
    so viel ich sehe, doch nur bei Hysterischen. Wir würden also der Hypnose die
    Leistungen der Hysterie zuschreiben, und dann wieder diese aus der Hypnose
    ableiten.

  • S.

    219

    selbst mit seiner Fülle von Affect und der Einengung des Bewusst-
    seins den hypnoiden Zuständen nahe verwandt.

    Das Hypnoid tritt am deutlichsten in die Erscheinung als hy-
    sterischer Anfall, und in jenem Zustande, den man als acute Hysterie
    bezeichnen kann und der, wie es scheint, in der Entwicklung der
    grossen Hysterie eine so bedeutende Rolle spielt (pag. 207). Es sind
    dies lange, oft mehrere Monate dauernde, deutlich psychotische Zu-
    stände, die man oft geradezu als hallucinatorische Verworrenheit be-
    zeichnen muss; auch wenn die Störung nicht so weit geht, treten in
    solchem Zustande mannigfache hysterische Phänomene auf, von denen
    einige auch weiterhin persistiren. Der psychische Inhalt dieser Zustände
    besteht zum Theil gerade aus den Vorstellungen, welche im wachen
    Leben abgewehrt und aus dem Bewusstsein verdrängt worden sind;
    („hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen
    Frauen, der wohlerzogenen Kinder.“)

    Da diese Zustände so oft geradezu Psychosen sind und doch
    direct und ausschliesslich der Hysterie entstammen, kann ich mich
    der Meinung Möbius’ nicht anschliessen: „man könne, – abgesehen
    von den mit dem Anfalle verknüpften Delirien, von einem eigentlichen
    hysterischen Irresein nicht reden.“1) Diese Zustände sind in vielen
    Fällen ein solches; und auch im weitern Verlauf der Hysterie wieder-
    holen sich solche Psychosen, die freilich im Wesen nichts anderes
    sind als das psychotische Stadium des Anfalles, aber bei monatelanger
    Dauer doch nicht wohl als Anfälle bezeichnet werden können.

    Wie entstehen diese neuen Hysterien? In dem bestbekannten Falle
    (Beobachtung I) entwickelte sie sich aus der Häufung der Hypnoid-
    attaquen; in einem anderen Falle (von schon bestehender, complicirter
    Hysterie) im Anschluss an eine Morphinentziehung. Meist ist der Vor-
    gang ganz dunkel und harrt der Klärung durch weitere Beobachtungen.

    Für diese, hier besprochenen Hysterien gilt also der Satz von
    Möbius: „die der Hysterie wesentliche Veränderung besteht darin,
    dass vorübergehend oder dauernd der geistige Zustand des Hysterischen
    dem des Hypnotisirten gleicht“ (a. a. O. pag. 16).

    Das Fortdauern der im Hypnoid entstandenen hysterischen
    Symptome während des normalen Zustandes, entspricht vollständig
    unsern Erfahrungen über posthypnotische Suggestion. Damit ist aber
    auch schon gesagt, dass Complexe von bewusstseinsunfähigen Vor-
    stellungen

    1)Möbius: Gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatsschrift für Geburts-
    hilfe und Gynäkologie, 1895, I. Bd., p. 18.

  • S.

    220

    stellungen mit den bewusst ablaufenden Ideenreihen coëxistiren, dass
    die Spaltung der Psyche (pag. 200) vollzogen ist. Es scheint
    sicher, dass diese auch ohne Hypnoid entstehen kann, aus der Fülle
    der abgewehrten, aus dem Bewusstsein verdrängten, aber nicht unter-
    drückten Vorstellungen. Auf die eine und die andere Weise entsteht
    ein bald ideenarmes, rudimentäres, bald dem wachen Denken mehr
    minder gleiches Gebiet psychischen Lebens, dessen Erkenntniss wir
    vor Allen Binet und Janet verdanken. Die Spaltung der Psyche ist
    die Vollendung der Hysterie; es wurde früher (Cap. V) dargelegt, wie
    sie die wesentlichen Charakterzüge der Krankheit erklärt. Dauernd, aber
    mit wechselnder Lebhaftigkeit seiner Vorstellungen, befindet sich ein
    Theil der Psyche des Kranken im Hypnoid, immer bereit, beim Nach-
    lassen des wachen Denkens die Herrschaft über den ganzen Menschen
    zu gewinnen (Anfall, Delirium). Das geschieht, sobald ein starker
    Affekt den normalen Vorstellungsablauf stört, in Dämmer-
    und in
    Erschöpfungszuständen. Aus diesem persistirenden Hypnoid herauf
    dringen unmotivirt, der normalen Association fremde Vorstellungen
    in’s Bewusstsein, werden Hallucinationen in das Wahrnehmen geworfen,
    werden motorische Acte unabhängig vom bewussten Willen innervirt.
    Diese hypnoide Psyche ist im höchsten Grade befähigt zur Affekt-
    conversion und Suggestion, und so entstehen mit Leichtigkeit neue
    hysterische Phänomene, welche ohne ohne die psychische Spaltung nur sehr
    schwer und unter dem Druck wiederholter Affekte zu Stande gekommen
    wären. Die abgespaltene Psyche ist jener Dämon, von dem die naive
    Beobachtung alter, abergläubischer Zeiten die Kranken besessen glaubte.
    Dass ein dem wachen Bewusstsein des Kranken fremder Geist in ihm
    walte, ist richtig; nur ist es kein wirklich fremder, sondern ein Theil
    seines eigenen.


    Der hier gewagte Versuch, aus unseren heutigen Kenntnissen
    die Hysterie synthetisch zu construiren, steht dem Vorwurf des
    Eclecticismus offen, wenn dieser überhaupt berechtigt ist. So viele
    Formulirungen der Hysterie, von der alten „Reflextheorie“ bis zur
    „Dissociation der Persönlichkeit“ haben darin Platz finden müssen.
    Aber es kann kaum anders sein. So zahlreiche treffliche Beobachter und
    scharfsinnige Köpfe haben sich um die Hysterie bemüht. Es ist un-
    wahrscheinlich, dass nicht jede ihrer Formulirungen einen Theil der
    Wahrheit enthalte. Die künftige Darstellung des wirklichen Sach-
    verhaltes wird gewiss sie alle enthalten und nur all’ die einseitigen

  • S.

    221

    Ansichten des Gegenstandes zu einer körperhaften Realität combiniren.
    Der Eclecticismus scheint mir darum kein Tadel.

    Aber wie weit von der Möglichkeit eines solchen vollständigen
    Verständnisses der Hysterie sind wir heute noch! Mit wie unsicheren
    Zügen sind hier die Contouren umrissen worden, mit wie plumpen
    Hilfsvorstellungen sind die klaffenden Lücken mehr verdeckt als aus-
    gefüllt. Nur die eine Erwägung beruhigt einigermaassen: dass dieses
    Uebel allen physiologischen Darstellungen complicirter psychischer Vor-
    gänge anhaftet und anhaften muss. Von ihnen gilt immer, was Theseus
    im Sommernachtstraum von der Tragödie sagt: „Auch das Beste dieser
    Art ist nur ein Schattenspiel“. Und auch das Schwächste ist nicht
    werthlos, wenn es sucht in Treue und Bescheidenheit die Schattenrisse
    festzuhalten, welche die unbekannten wirklichen Objecte auf die Wand
    werfen. Dann ist doch immer die Hoffnung berechtigt, dass irgend
    ein Maass von Uebereinstimmung und Aehnlichkeit zwischen den
    wirklichen Vorgängen und unserer Vorstellung davon bestehen werde.