S.
11
III. Theoretisches.
(J. Breuer.)
In der „Vorläufigen Mittheilung“, welche diese Studien einleitet,
haben wir die Anschauungen dargelegt, zu denen wir durch unsere
Beobachtungen geführt wurden; und ich glaube in der Hauptsache an
ihnen festhalten zu dürfen. Die „Vorläufige Mittheilung“ ist aber so kurz
und so knapp, dass darin grossentheils nur angedeutet werden konnte,
was wir meinen. Es sei darum gestattet, nun, da die Krankengeschichten
Belege für unsere Anschauungen erbracht haben, diese ausführlicher
darzulegen. Natürlich soll und kann auch hier nicht „das Ganze der
Hysterie“ abgehandelt werden; aber es sollen diejenigen Punkte,
welche in der „Vorläufigen Mittheilung“ ungenügend begründet und zu
schwach hervorgehoben wurden, eine etwas eingehendere, deutlichere,
wohl auch einschränkende Besprechung erfahren.In diesen Erörterungen wird wenig vom Gehirn und gar nicht
von den Molecülen die Rede sein. Psychische Vorgänge sollen in der
Sprache der Psychologie behandelt werden, ja es kann eigentlich gar
nicht anders geschehen. Wenn wir statt „Vorstellung“ „Rindenerregung“
sagen wollten, so würde der letztere Ausdruck nur dadurch einen Sinn
für uns haben, dass wir in der Verkleidung den guten Bekannten
erkennen und die „Vorstellung“ stillschweigend wieder restituiren.
Denn während Vorstellungen fortwährend Gegenstände unserer Erfahrung
und uns in all’ ihren Nuancen wohlbekannt sind, ist „Rindenerregung“ für
uns mehr ein Postulat, ein Gegenstand künftiger, erhoffter Erkenntniss.
Jener Ersatz der Termini scheint eine zwecklose Maskerade.So möge der fast ausschliessliche Gebrauch psychologischer
Terminologie vergeben werden.Noch für Anderes muss ich im vorhinein um Nachsicht bitten.
Wenn eine Wissenschaft rasch vorwärts schreitet, werden Gedanken,
die zuerst von Einzelnen ausgesprochen wurden, alsbald Gemeingut.
So kann Niemand, der heute seine Anschauungen über Hysterie und
ihre psychische Grundlage darzulegen versucht, es vermeiden, dass
er eine Menge Gedanken Anderer ausspreche und wiederhole, die
eben aus dem Individualbesitz in den Gemeinbesitz übergehen. Es istS.
162
kaum möglich, von ihnen immer zu constatiren, wer sie zuerst aus-
gesprochen hat, und auch die Gefahr liegt nahe, dass man für eigenes
Product hält, was von andern schon gesagt worden ist. So möge es
entschuldigt werden, wenn hier wenig Citate gebracht werden und
zwischen Eigenem und Fremdem nicht streng unterschieden wird. Auf
Originalität macht das Wenigste von dem Anspruch, was auf den
folgenden Seiten dargelegt werden soll.I. Sind alle hysterischen Phänomene ideogen?
Wir sprachen in der „Vorläufigen Mittheilung“ über den psychischen
Mechanismus „hysterischer Phänomene“; nicht „der Hysterie“, weil
wir für denselben, und für die psychische Theorie der hysterischen
Symptome überhaupt, uneingeschränkte Geltung nicht beanspruchen
wollten. Wir glauben nicht, dass alle Erscheinungen der Hysterie auf
die von uns dargelegte Weise zu Stande kommen, und auch nicht,
dass alle ideogen, d. h. durch Vorstellungen bedingt seien. Wir
differiren darin von Möbius,1) der 1888 die Definition vorschlug:
„Hysterisch sind alle diejenigen krankhaften Erscheinungen, die durch
Vorstellungen verursacht sind.“ Später wurde dieser Satz dahin
erläutert, dass nur ein Theil der krankhaften Phänomene den ver-
ursachenden Vorstellungen inhaltlich entspreche, nämlich die durch
Fremd- oder Auto-Suggestion erzeugten; z. B. wenn die Vorstellung, den
Arm nicht bewegen zu können, eine Lähmung desselben bedinge. Ein
anderer Theil der hysterischen Phänomene sei zwar durch Vorstellungen
verursacht, entspreche ihnen aber inhaltlich nicht; z. B. wenn in
einer unserer Beobachtungen die Lähmung des Armes durch den
Anblick von schlangenähnlichen Gegenständen erzeugt wird.Möbius will mit dieser Definition nicht etwa eine Veränderung
der Nomenclatur befürworten, so dass fortan nur die durch Vor-
stellungen bedingten, ideogenen krankhaften Phänomene hysterisch zu
nennen wären; sondern er meint, dass alle hysterischen Krankheits-
erscheinungen ideogen seien. „Weil sehr oft Vorstellungen Ursache
der hysterischen Erscheinungen sind, glauben wir, dass sie es immer
seien.“ Er nennt dies einen Analogieschluss; ich möchte es eher eine
Generalisation nennen, deren Berechtigung erst untersucht werden muss.Offenbar muss vor jeder Discussion festgestellt werden, was man
unter Hysterie versteht. Ich halte Hysterie für ein empirisch gefundenes,
der Beobachtung entstammendes Krankheitsbild, gerade so wie die tubercu-
1)Möbius, Über den Begriff der Hysterie. Wiederabgedruckt in „Neu-
rologische Beiträge“, I. Heft, 1894.S.
163
löse Lungenphthise. Solche empirisch gewonnene Krankheitsbilder
werden durch den Fortschritt unserer Erkenntniss geläutert, vertieft,
erklärt; sie sollen und können dadurch aber nicht zerstört werden.
Die ätiologische Forschung hat gezeigt, dass die verschiedenen Theil-
processe der Lungenphthise durch verschiedene Krankheitsursachen
bedingt sind; der Tuberkel durch den Bacillus Kochii, der Gewebs-
zerfall, die Cavernenbildung, das septische Fieber durch andere Mikroben.
Trotzdem bleibt die tuberculöse Phthise eine klinische Einheit, und es
wäre unrichtig, sie dadurch zu zerstören, dass man nur die „specifisch
tuberculösen“, durch den Bacillus Koch’s bedingten Gewebsveränderungen
ihr zuschreiben, die anderen von ihr loslösen wollte. – Ebenso muss
die klinische Einheit der Hysterie erhalten bleiben, auch wenn sich
herausstellt, dass ihre Phänomene durch verschiedene Ursachen bedingt
sind, die einen durch einen psychischen Mechanismus, die anderen ohne
solchen zustande kommen.Das ist nun meiner Ueberzeugung nach wirklich der Fall. Nur
ein Theil der hysterischen Phänomene ist ideogen, und die Annahme
der Möbius’schen Definition reisst die klinische Einheit der Hysterie,
ja auch die Einheit eines und desselben Symptoms bei einem und
demselben Kranken mitten entzwei.Es wäre ein dem Analogieschluss Möbius’ ganz analoger Schluss:
„Weil sehr oft Vorstellungen und Wahrnehmungen die Erection hervor-
rufen, nehmen wir an, dass sie allein es immer thun, und dass auch die
peripheren Reize erst auf dem Umwege über die Psyche jenen vasomoto-
rischen Vorgang auslösen.“ Wir wissen, dass das ein Irrthum wäre, und
doch lägen diesem Schluss gewiss so viele Thatsachen zu Grunde wie
dem Satz Möbius’ betreffs der Hysterie. In Analogie mit einer grossen
Zahl physiologischer Vorgänge, wie Speichel- und Thränensecretion,
Veränderung der Herzaction u. dgl. ist als möglich und wahrscheinlich
anzunehmen, dass derselbe Vorgang sowohl durch Vorstellungen als
durch periphere oder andere, aber nicht psychische Reize ausgelöst
werden kann. Das Gegentheil ist zu beweisen, und dazu fehlt noch
sehr viel. Ja es scheint sicher, dass viele der hysterisch genannten
Phänomene nicht allein durch Vorstellungen verursacht werden.Betrachten wir einen ganz alltäglichen Fall. Eine Frau bekommt
bei jedem Affect an Hals, Brust und Gesicht ein erst fleckiges, dann
confluirendes Erythem. Dies ist durch Vorstellungen bedingt und also
nach Möbius ein hysterisches Phänomen. Dasselbe Erythem tritt aber,
wenn auch in geringerer Ausbreitung bei Hautreiz auf, bei Berührung
11*S.
164
u. dgl. Dies wäre nun nicht hysterisch. So wäre ein, sicherlich völlig
einheitliches Phänomen einmal der Hysterie zugehörig und ein
andermal nicht. Man kann ja zweifeln, ob man dieses, den Erethismus
der Vasomotoren, überhaupt zu den specifisch hysterischen Erschei-
nungen rechnen soll, oder ob man es nicht besser dem einfachen
„Nervosismus“ zuzählt. Aber nach Möbius müßte jene Zerfällung eines
einheitlichen Vorgangs jedenfalls geschehen, und das affectiv bedingte
Erythem allein hysterisch genannt werden.Ganz ebenso verhält es sich bei den praktisch so wichtigen
hysterischen Algien. Gewiss sind diese häufig direct durch Vor-
stellungen bedingt; es sind „Schmerzhallucinationen“. Untersuchen
wir diese etwas genauer, so zeigt sich, dass zu ihrem Entstehen grosse
Lebhaftigkeit der Vorstellung nicht genügt, sondern dass ein besonderer
abnormer Zustand der schmerzleitenden und -empfindenden Apparate noth-
wendig ist, wie zum Entstehen des affectiven Erythems die abnorme
Erregbarkeit der Vasomotoren. Das Wort „Schmerzhallucination“
bezeichnet gewiss das Wesen dieser Neuralgie auf’s prägnanteste, zwingt
uns aber auch, die Anschauungen auf sie zu übertragen, die wir uns
bezüglich der Hallucination im Allgemeinen gebildet haben. Diese
Eingehend zu discutiren, ist hier nicht am Platze. Ich bekenne mich
zu der Meinung, die „Vorstellung“, das Erinnerungsbild, allein, ohne
Erregung des Perceptionsapparates, erlange selbst in seiner grössten
Lebhaftigkeit und Intensität nie den Charakter objectiver Existenz,
der die Hallucination ausmacht.1)Das gilt schon von den Sinneshallucinationen und noch mehr von
den Schmerzhallucinationen. Denn es scheint dem Gesunden nicht
möglich zu sein, der Erinnerung an einen körperlichen Schmerz auch1)Dieser Perceptionsapparat, einschliesslich der corticalen Sinnessphären,
muss verschieden sein von dem Organ, welches Sinneseindrücke als Erinnerungs-
bilder aufbewahrt und reproducirt. Denn die Grundbedingung der Function des
Wahrnehmungsapparates ist die rascheste restitutio in statum quo ante; sonst
könnte keine richtige weitere Perception stattfinden. Die Bedingung des Gedächt-
nisses hingegen ist, dass eine solche Restitution nicht statt hat, sondern dass jede
Wahrnehmung bleibende Veränderungen schafft. Unmöglich kann ein und dasselbe
Organ beiden widersprechenden Bedingungen genügen; der Spiegel eines Reflexions-
Teleskops kann nicht zugleich photographische Platte sein. In diesem Sinne, dass
die Erregung des Perceptionsapparates – nicht in der bestimmten Aussage, dass
die Erregung der subcorticalen Centren – der Hallucination den Charakter des
Objectiven gebe, stimme ich Meynert bei. Soll aber durch das Erinnerungsbild das
Perceptionsorgan erregt werden, so müßten wir eine gegen die Norm abgeänderte
Erregbarkeit desselben annehmen, die eben die Hallucination möglich macht.S.
165
nur jene Lebhaftigkeit, jene entfernte Annäherung an die wirkliche
Empfindung zu verschaffen, welche doch bei optischen und acoustischen
Erinnerungsbildern erreicht werden kann. Selbst in dem normalen
hallucinatorischen Zustand des Gesunden, im Schlafe, werden, wie ich
glaube, niemals Schmerzen geträumt, wenn nicht eine reale Schmerz-
empfindung vorhanden ist. Die „rückläufige“, von dem Organ des
Gedächtnisses ausgehende Erregung des Perceptionsapparates durch
Vorstellungen ist also de norma für Schmerz noch schwieriger als für
Gesichts- und Gehörempfindungen. Treten bei Hysterie mit solcher
Leichtigkeit Schmerzhallucinationen auf, so müssen wir eine anomale
Erregbarkeit des schmerzempfindenden Apparates statuiren.Diese tritt nun nicht bloss durch Vorstellungen, sondern auch
durch periphere Reize angeregt in die Erscheinung, ganz wie der
früher betrachtete Erethismus der Vasomotoren.Wir beobachten täglich, dass beim nervös normalen Menschen
periphere Schmerzen von pathologischen, aber selbst nicht schmerz-
haften Vorgängen in andern Organen bedingt werden; so der Kopf-
schmerz von relativ unbedeutenden Veränderungen der Nase und
ihrer Nebenhöhlen; Neuralgien der Intercostal- und Brachialnerven
vom Herzen aus, u. dgl. m. Besteht bei einem Kranken jene abnorme
Erregbarkeit, welche wir als Bedingung der Schmerzhallucination
annehmen mussten, so steht sie, sozusagen, auch den eben erwähnten
Irradiationen zur Verfügung. Die auch bei nicht Nervösen vorkommenden
werden intensiver, und es bilden sich solche Irradiationen, die wir
zwar nur bei Nervenkranken finden, die aber doch auf demselben
Mechanismus begründet sind wie jene. So, glaube ich, hängt die
Ovarie von den Zuständen des Genitalapparates ab. Dass sie psychisch
vermittelt sei, müsste bewiesen werden, und das ist dadurch nicht
geschehen, dass man diesen Schmerz, wie jeden anderen, als Halluci-
nation in der Hypnose erzeugen, oder dass die Ovarie auch psychischen
Ursprungs sein kann. Sie entsteht eben wie das Erythem, oder wie
eine der normalen Secretionen sowohl aus psychischen als aus rein
somatischen Ursachen. Sollen wir nun nur die erstere Art hysterisch
nennen? Jene, von der wir den psychischen Ursprung kennen? Dann
müssten wir eigentlich die gewöhnlich beobachtete Ovarie aus dem
hysterischen Symptomcomplexe ausscheiden, was doch kaum angeht.Wenn nach einem leichten Trauma eines Gelenkes allmählich
eine schwere Gelenksneurose sich entwickelt, so ist in diesem Vorgang
gewiss ein psychisches Element: die Concentration der AufmerksamkeitS.
166
auf den verletzten Theil, welche die Erregbarkeit der betreffenden
Nervenbahnen steigert; aber man kann das kaum so ausdrücken, dass
die Hyperalgie durch Vorstellungen bedingt sei.Nicht anders steht es mit der pathologischen Herabsetzung der
Empfindung. Es ist durchaus unerwiesen und unwahrscheinlich, dass
die allgemeine Analgesie oder dass die Analgesie einzelner Körper-
theile ohne Anästhesie, durch Vorstellungen verursacht sei. Und wenn
sich auch die Entdeckung Binet’s und Janet’s vollständig bestätigen
sollte, dass die Hemianästhesie durch einen eigenthümlichen psychischen
Zustand bedingt sei, durch die Spaltung der Psyche, so wäre das zwar
ein psychogenes, aber kein ideogenes Phänomen und wäre darum
nach Möbius nicht hysterisch zu nennen.Können wir so von einer grossen Zahl charakteristischer hysterischer
Phänomene nicht annehmen, dass sie ideogen seien, so scheint es
richtig, den Satz von Möbius zu reduciren. Wir sagen nicht: „Jene
krankhaften Erscheinungen sind hysterisch, welche durch Vorstellungen
veranlasst sind“; sondern nur: Sehr viele der hysterischen
Phänomene, wahrscheinlich mehr, als wir heute
wissen, sind ideogen. Die gemeinschaftliche, fundamentale
krankhafte Veränderung aber, welche sowohl den Vorstellungen als auch
nicht psychologischen Reizen ermöglicht, pathogen zu wirken, ist eine
anomale Erregbarkeit des Nervensystems.1) Inwieweit diese selbst
psychischen Ursprungs ist, das ist eine weitere Frage.
Wenn also nur ein Theil der hysterischen Phänomene ideogen
sein dürfte, so sind es doch gerade diese, welche man die specifisch
hysterischen nennen darf, und ihre Erforschung, die Aufdeckung ihres
psychischen Ursprungs macht den wesentlichsten neueren Fortschritt in
der Theorie der Krankheit aus. Es stellt sich nun die weitere Frage:
wie kommen sie zu Stande, welches ist der „psychische Mechanismus“
dieser Phänomene?Dieser Frage gegenüber verhalten sich die beiden von Möbius
unterschiedenen Gruppen ideogener Symptome wesentlich verschieden.
Diejenigen, bei denen das Krankheitsphänomen der erregenden Vor-
stellung inhaltlich entspricht, sind relativ verständlich und durch-1)Oppenheim’s „Labilität der Molecüle“. Vielleicht wird es später möglich
sein, den obigen sehr vagen Ausdruck durch eine präcisere und inhaltsreichere
Formel zu ersetzen.S.
167
sichtig. Wenn die Vorstellung einer gehörten Stimme dieselbe nicht
bloß wie beim Gesunden im „inneren Hören“ leise anklingen, sondern
als wirkliche objective Gehörempfindung hallucinatoriſch wahrnehmen
läßt, so entspricht das bekannten Phänomenen des gesunden Lebens
(Traum) und ist unter der Annahme abnormer Erregbarkeit wohl ver-
ständlich. Wir wissen, daß es bei jeder willkürlichen Bewegung die
Vorstellung des zu erreichenden Resultates ist, welche die entspre-
chende Muskelcontraction auslöst; es ist nicht ganz unverständlich,
daß die Vorstellung, diese sei unmöglich, die Bewegung verhindert.
(Suggestive Lähmung.)Anders verhält es sich mit jenen Phänomenen, die keinen logischen
Zusammenhang mit der veranlassenden Vorstellung haben. (Auch für
sie bietet das normale Leben Analogien, wie z. B. das Schamerröthen
u. dgl.) Wie kommen diese Zustande, warum löst beim kranken
Menschen eine Vorstellung gerade die eine, ganz irrationale, ihr gar
nicht entsprechende Bewegung oder Hallucination aus?Wir glaubten in der „Vorläufigen Mittheilung“ über diesen causaleu
Zusammenhang einiges auf Grund unserer Beobachtungen aussagen zu
können. Wir haben aber in unserer Darlegung den Begriff „der Erregung,
welche abſtrömt oder abreagirt werden muß“, ohne weiteres
eingeführt und benützt. Dieser Begriff, für unser Thema und für die
Lehre von den Neurosen überhaupt von fundamentaler Wichtigkeit,
scheint aber eine eingehendere Untersuchung zu verlangen und zu ver-
dienen. Bevor ich zu dieser schreite, muß ich es entschuldigen, daß
hier auf die Grundprobleme des Nervensystems zurückgegriffen wird.
Solches „Hinuntersteigen zu den Müttern“ hat immer etwas Beklem-
mendes; aber der Versuch, die Wurzel einer Erscheinung aufzugraben,
führt eben unvermeidlich immer auf die Grundprobleme, denen man
nicht ausweichen kann. Möge darum die Abstrusität der folgenden
Betrachtungen nachsichtig beurtheilt werden!II. Die intracerebrale tonische Erregung. – Die Affecte.
A. Wir kennen zwei extreme Zustände des Centralnervensystems,
traumlosen Schlaf und helles Wachen. Zwischen ihnen bilden Zustände
geringerer Helligkeit in allen Abstufungen den Uebergang. Uns inter-
essirt hier nicht die Frage nach dem Zweck und der physischen Be-
gründung des Schlafes (chemische oder vasomotorische Bedingungen),
sondern nach dem wesentlichen Unterschiede der beiden Zustände.S.
168
Vom tiefsten, traumlosen Schlafe können wir directe nichts aus-
sagen, weil eben durch den Zustand völliger Bewußtlosigkeit jede Be-
obachtung und Erfahrung ausgeschlossen ist. Von dem benachbarten
Zustand des Traumschlafes aber wissen wir, daß wir darin willkür-
liche Bewegungen intendiren, sprechen, gehen u. s. w., ohne daß
dadurch die entsprechenden Muskelcontractionen wirklich ausgelöst
würden, wie es im Wachen geschieht; daß sensible Reize vielleicht
percipirt werden (da sie oft in den Traum eingehen), aber nicht
apperceipirt, das heißt, nicht zu bewußten Wahrnehmungen werden;
daß auftauchende Vorstellungen nicht, wie im Wachen, alle mit
ihnen zusammenhängenden, im potentiellen Bewußtsein vorhandenen
Vorstellungen actuell machen, sondern daß große Massen hievon
unerregt bleiben (wie wenn wir mit einem Verstorbenen sprechen, ohne
uns seines Todes zu erinnern); daß auch unvereinbare Vorstellungen
zugleich bestehen können, ohne sich wie im Wachen wechselseitig zu
hemmen; daß also die Association mangelhaft und unvollständig erfolgt.
Wir dürfen wohl annehmen, daß im tiefsten Schlafe diese Aufhebung
des Zusammenhanges zwischen den psychischen Elementen eine noch
vollständigere, complete ist.Dem gegenüber löst im hellen Wachen jeder Willensakt die zuge-
hörige Bewegung aus, die sensiblen Eindrücke werden zu Wahrnehmun-
gen, die Vorstellungen* associiren sich mit dem ganzen Besitz des
potentiellen Bewußtseins. Das Gehirn ist dann eine im vollständigen
inneren Zusammenhange arbeitende Einheit.Es ist vielleicht nur eine Umschreibung dieser Thatsachen, wenn
wir sagen, daß im Schlafe die Verbindungs- und Leitungsbahnen des
Gehirnes für die Erregung der psychischen Elemente (Rindenzellen?)
nicht, im Wachen aber vollständig gangbar sind.Die Existenz dieser beiden verschiedenen Zustände der Leitungs-
bahnen wird verständlich wohl nur durch die Annahme, daß sie sich
während des Wachens in tonischer Erregung befinden (intercellularer
Tetanus Exner’s); daß diese tonische intracerebrale Erregung
ihre Leitungsfähigkeit bedingt, und daß ihr Absinken und Schwinden
eben den Zustand des Schlafes herstellt.Wir hätten uns eine cerebrale Leitungsbahn nicht wie einen
Telephondraht vorzustellen, der nur dann elektrisch erregt ist, wenn
er fungiren, das heißt hier: ein Zeichen übertragen soll; sondern wie
eine jener Telephonleitungen, durch welche constant ein galvanischer
Strom fließt, und welche unerregbar werden, wenn dieser schwindet.S.
169
— Oder, besser vielleicht, denken wir an eine viel verzweigte elektrische
Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung; es wird
von dieser gefordert, dass jede Lampe und jede Kraftmaschine durch
einfaches Herstellen eines Contactes in Function gesetzt werden
könne. Um dies zu ermöglichen, zum Zwecke der Arbeitsbereitschaft,
muss auch während functioneller Ruhe in dem ganzen Leitungsnetz
eine bestimmte Spannung bestehen, und zu diesem Behuf muss die
Dynamomaschine eine bestimmte Menge von Energie aufwenden.Ebenso besteht ein gewisses Maass von Erregung in den Leitungs-
bahnen des ruhenden, wachen, aber arbeitsbereiten Gehirnes.1)Für diese Vorstellung spricht, dass das Wachen an sich, auch
ohne Arbeitsleistung, ermüdet und Schlafbedürfniss erzeugt; es bedingt
an sich schon einen Energieverbrauch.Denken wir uns einen Menschen in gespannter, aber nicht ein
einzelnes Sinnesgebiet betreffender Erwartung. Wir haben dann ein
ruhendes, aber leistungsbereites Gehirn vor uns. Wir dürfen wohl an-
nehmen, dass in diesem alle Leitungsbahnen auf das Maximum ihrer
Leistungsfähigkeit eingestellt, in tonischer Erregung sind. Die Sprache
nennt diesen Zustand bezeichnender Weise eben: Spannung. Die Er-
fahrung lehrt, wie anstrengend und ermüdend dieser Zustand ist, in
welchem doch keinerlei actuelle motorische oder psychische Arbeit ge-
leistet wurde.Dies ist ein exceptioneller Zustand, der eben des grossen Energie-
verbrauchs halber nicht lange ertragen wird. Aber auch der normale
Zustand des hellen Wachens bedingt ein innerhalb nicht allzuweiter1)Es sei erlaubt, hier in Kürze die Vorstellung anzudeuten, welche der obigen
Ausführung zu Grunde liegt. Wir denken uns gewöhnlich die sensiblen und sen-
sorischen Nervenzellen als passive Aufnahmsapparate; mit Unrecht. Denn schon die
Existenz des Associations-Fasersystems beweist, dass auch von ihnen aus Erregung
in Nervenfasern strömt. In einer Nervenfaser, welche per continuitatem oder conti-
guitatem zwei sensorische Zellen verbindet, muss ein Spannungszustand bestehen,
wenn von beiden Zellen aus Erregung in sie einströmt. Dieser verhält sich zu der
in einer, z. B. peripheren, motorischen Faser abströmenden Erregung wie hydro-
statischer Druck zu der lebendigen Kraft strömenden Wassers oder wie elektrische
Spannung zum elektrischen Strom. Sind alle Nervenzellen in einem Zustande
mittlerer Erregung und erregen ihre nervösen Fortsätze, so bildet das ganze unge-
heure Netz ein einheitliches Reservoir von „Nervenspannung“. Wir hätten also
ausser der potentiellen Energie, welche in dem chemischen Bestande der Zelle ruht
und jener uns unbekannten Form kinetischer Energie, welche im Erregungszustande
der Faser abläuft, noch einen ruhenden Zustand von Nervenerregung anzunehmen,
die tonische Erregung oder Nervenspannung.S.
170
Grenzen schwankendes Ausmaass intracerebraler Erregung; all den Ab-
stufungen des Wachens bis zur Schläfrigkeit und zum wirklichen Schlafe
entsprechen niedrigere Erregungsgrade.Wirkliche Arbeitsleistung des Gehirnes bedingt gewiss einen
grösseren Energieverbrauch als die blosse Arbeitsbereitschaft; (wie die
oben zum Vergleiche angezogene elektrische Anlage eine grössere
Menge von elektrischer Energie in die Leitungen einströmen lassen
muss, wenn viele Lampen oder Arbeitsmaschinen eingeschaltet werden).
Bei normaler Function wird nicht mehr Energie frei, als sogleich in der
Thätigkeit verbraucht wird. Das Gehirn verhält sich aber wie eine solche
Anlage von begrenzter Leistungsfähigkeit, welche etwa nicht zu gleicher
Zeit grosse Mengen von Licht und von mechanischer Arbeit herstellen
könnte. Arbeitet die Kraftübertragung, so ist wenig Energie für die Be-
leuchtung verfügbar und umgekehrt. So sehen wir, dass es uns bei starker
Muskelanstrengung unmöglich ist, andauernd nachzudenken, dass die
Concentration der Aufmerksamkeit auf ein Sinnesgebiet die Leistungs-
fähigkeit der andern Hirnorgane absinken macht, dass also das Gehirn
mit einer wechselnden, aber begrenzten, Energiemenge arbeitet.Die ungleichmässige Vertheilung der Energie wird wohl durch
die „attentionelle Bahnung“ (Exner) bedingt, indem die Leitungs-
fähigkeit der in Anspruch genommenen Bahnen erhöht wird, die der
andern absinkt, und so im arbeitenden Gehirn auch die „intracerebrale
tonische Erregung“ ungleichmässig vertheilt ist.1)Wir erwecken einen Schlafenden, d. h. wir steigern plötzlich
das Quantum seiner tonischen intracerebralen Erregung, indem wir
einen lebhaften Sinnesreiz auf ihn wirken lassen. Ob dabei Veränderungen
in dem cerebralen Blutkreislauf wesentliche Glieder der Causalkette
sind, ob die Gefässe primär durch den Reiz erweitert werden, oder
ob dies die Folge der Erregung der Hirnelemente ist, das alles ist
unentschieden. Sicher ist, dass der durch eine Sinnespforte eindringende
Erregungszustand von da aus über das Hirn sich ausbreitet, diffundirt
und alle Leitungswege in einen Zustand höherer Bahnung bringt.1)Die Auffassung der Energie des Centralnervensystems als einer Quantität
von schwankender und wechselnder Vertheilung über das Gehirn ist alt. „L a s e n-
s i b i l i t é,“ sagte Cabanis, „s e m b l e s e c o m p o r t e r à l a m a n i è r e d ’ u n f l u i d e d o n t l a
q u a n t i t é t o t a l e e s t d é t e r m i n é e e t q u i , t o u t e s l e s f o i s q u ’ i l s e j e t t e e n p l u s g r a n d e
a b o n d a n c e d a n s u n d e s s e s c a n a u x , d i m i n u e p r o p o r t i o n e l l e m e n t d a n s l e s a u t r e s.“
(Cit. nach Janet, Etat mental II, p. 277.)S.
171
Wie das spontane Erwachen vor sich geht, ob immer ein und
derselbe Gehirntheil zuerst in den Zustand der Wacherregung tritt
und diese von ihm aus sich verbreitet, oder ob bald die eine, bald
die andere Gruppe von Elementen als Erwecker fungirt, ist wohl noch
völlig unklar.Doch beweist das spontane Erwachen, welches ja auch in voller
Ruhe und Finsterniss ohne äussere Reize eintritt, dass die Ent-
wicklung von Energie im Lebensprocess der Hirnelemente selbst be-
gründet ist.Der Muskel bleibt, ungereizt, ruhig, auch wenn er noch so-
lange geruht und das Maximum von Spannkräften in sich angehäuft
hat. Nicht so die Hirnelemente. Wir nehmen wohl mit Recht an,
dass diese im Schlafe ihren Bestand restituiren und Spannkräfte
sammeln. Ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, sozusagen
ein gewisses Niveau erreicht, so strömt der Ueberschuss in die
Leitungswege ab, bahnt sie und stellt die intracerebrale Erregung des
Wachens her.Denselben Vorgang können wir in lehrreicher Weise im Wachen
beobachten. Wenn das wache Gehirn längere Zeit in Ruhe ver-
bleibt, ohne durch Function Spannkraft in lebendige Energie zu ver-
wandeln, so tritt das Bedürfniss und der Drang nach Bethätigung ein.
Lange motorische Ruhe schafft das Bewegungsbedürfniss (zweckloses
Herumlaufen der Thiere im Käfig) und ein peinliches Gefühl, wenn dies
Bedürfniss nicht befriedigt werden kann. Mangel an Sinnesreizen,
Finsterniss, lautlose Stille wird zur Pein; geistige Ruhe, Mangel an
Wahrnehmungen, Vorstellungen, an Associationsthätigkeit erzeugen die
Qual der Langeweile. Diese Unlustgefühle entsprechen einer „Aufregung“,
einer Steigerung der normalen intracerebralen Erregung.Die vollständig restituirten Hirnelemente machen also auch in
der Ruhe ein gewisses Maass von Energie frei, welches, functionell nicht
verwertet, die intracerebrale Erregung steigert. Dies erzeugt ein Unlust-
gefühl. Solche entstehen immer, wenn ein Bedürfniss des Organismus
nicht Befriedigung findet. Da die hier besprochenen schwinden, wenn
das frei gewordene überschüssige Quantum von Erregung functionell
verwendet wird, so schliessen wir, dass diese Wegschaffung des
Erregungsüberschusses ein Bedürfniss des Organismus sei, und treffen
hier zum erstenmale auf die Thatsache, dass im Organismus die
„Tendenz zur Constanterhaltung der intracerebralen
Erregung“ (Freud) besteht.S.
172
Ein Ueberschuss davon belastet und belästigt, und es entsteht
der Trieb ihn zu verbrauchen. Ist ein Verbrauch durch Sinnes-
oder Vorstellungsthätigkeit nicht möglich, so strömt der Ueberschuss in
zweckloser motorischer Action ab, im Auf- und Abgehen u. dgl., welches
wir auch weiterhin als die häufigste Art der Entladung übergrosser
Spannungen antreffen werden.Es ist bekannt, wie gross die individuelle Verschiedenheit in
dieser Hinsicht ist; wie sehr sich die lebhaften Menschen von den
trägen, torpiden hierin unterscheiden; diejenigen, welche „nicht ruhig
sitzen können“, von denen, die „ein angeborenes Talent zum Canapé-
sitzen haben“; die geistig beweglichen von den stumpfen, welche un-
gemessene Zeiten geistiger Ruhe vertragen. Diese Verschiedenheiten,
welche das „geistige Temperament“ der Menschen ausmachen, beruhen
gewiss auf tiefen Unterschieden ihres Nervensystems; auf dem Ausmaass,
in welchem die functionell ruhenden Hirnelemente Energie frei werden
lassen.Wir sprachen von einer Tendenz des Organismus, die tonische
Hirnerregung constant zu erhalten; eine solche ist uns doch nur ver-
ständlich, wenn wir einsehen können, welches Bedürfniss durch sie
erfüllt wird. Wir begreifen die Tendenz, die mittlere Temperatur des
Warmblüters constant zu erhalten, weil wir sie erfahrungsgemäss als
ein Optimum für die Function der Organe kennen. Und wir setzen
Aehnliches für die Constanz des Wassergehaltes im Blute u. a. m.
voraus. Ich glaube, man darf auch von der Höhe der intracerebralen
tonischen Erregung annehmen, dass sie ein Optimum habe. Auf diesem
Niveau der tonischen Erregung ist das Gehirn zugänglich für alle
äusseren Reize, die Reflexe sind gebahnt, aber nur in dem Ausmaass
normaler reflectorischer Thätigkeit, der Besitz an Vorstellungen ist der
Erweckung und Association zugänglich in jenem gegenseitigen relativen
Verhältniss der einzelnen Vorstellungen, welches klarer Besonnenheit
entspricht; es ist der Zustand bester Arbeitsbereitschaft. Schon jene
gleichmässige Erhöhung der tonischen Erregung, welche die „Erwartung“
ausmacht, verändert die Verhältnisse. Sie macht hyperästhetisch für
Sinnesreize, welche alsbald peinlich werden, und erhöht die Reflex-
erregbarkeit über das Nützliche (Schreckhaftigkeit). Gewiss ist dieser
Zustand für manche Situationen und Zwecke nützlich; wenn er aber
spontan, ohne solche Vorbedingungen, eintritt, so bessert er unsere
Leistungsfähigkeit nicht, sondern schädigt sie. Wir nennen das im ge-
wöhnlichen Leben „nervös sein“. – Bei der weitaus grösseren ZahlS.
173
der Formen von Erregungssteigerung handelt es sich aber um un-
gleichmässige Uebererregung, welche der Leistungsfähigkeit direct ab-
träglich ist. Wir bezeichnen das als „Aufregung“. Es ist nicht unbe-
greiflich, sondern in Analogie mit andern Regulationen des Organismus,
wenn in ihm das Bestreben besteht, das Optimum der Erregung
festzuhalten und wieder zu erreichen, nachdem es überschritten
worden ist.Es sei erlaubt, hier nochmals auf den Vergleich mit einer
elektrischen Beleuchtungsanlage zurückzugreifen. Auch die Spannung
in dem Leitungsnetz einer solchen hat ein Optimum; wird dieses über-
schritten, so wird leicht die Function geschädigt, indem z. B. die
Glühfäden rasch durchbrennen. Von der Schädigung der Anlage selbst
durch Störung der Isolation und „kurzen Schluss“ wird später noch
die Rede sein.B. Unsere Sprache, das Resultat der Erfahrung vieler Generationen,
unterscheidet mit wunderwerther Feinheit jene Formen und Grade der
Erregungssteigerung, welche der geistigen Thätigkeit noch nützlich
sind, weil sie die freie Energie aller Hirnfunctionen gleichmässig
erhöhen, von jenen, welche dieselben beeinträchtigen, weil sie in un-
gleichmässiger Weise die psychischen Functionen theils erhöhen, theils
hemmen.Sie nennt die ersteren Anregung, die letzteren Aufregung.
Ein interessantes Gespräch, Thee, Kaffee, regen an; ein Streit, eine
grössere Dosis Alkohol regen auf. Während die Anregung nur den
Trieb nach functioneller Verwertung der gesteigerten Erregung wach-
ruft, sucht sich die Aufregung in mehr weniger heftigen, an’s Patho-
logische streifenden oder wirklich pathologischen Vorgängen zu ent-
laden. Sie macht die psychisch-physische Grundlage der Affecte aus,
und von diesen soll im folgenden die Rede sein. Vorher sind aber noch
physiologische, endogene Ursachen der Erregungssteigerung flüchtig zu
berühren.Solche sind zunächst die grossen physiologischen Bedürfnisse und
Triebe des Organismus, der Sauerstoffhunger, der Nahrungshunger und
der Durst. Da sich die Aufregung, welche sie setzen, mit bestimmten
Empfindungen und Zielvorstellungen verknüpft, ist sie nicht so rein
als Steigerung der Erregung zu beobachten wie die oben besprochene,
welche nur der Ruhe der Hirnelemente entspringt. Sie hat immerS.
174
ihre besondere Färbung. Aber sie ist unverkennbar in der ängstlichen
Aufregung der Dyspnoe, wie in der Unruhe des Hungernden.Die Erregungssteigerung, welche diesen Quellen entfliesst, ist
bedingt durch die chemische Veränderung der Hirnelemente selbst,
welche an Sauerstoff oder Spannkräften oder Wasser verarmen; sie
fliesst in präformirten motorischen Bahnen ab, welche zur Befriedigung
des auslösenden Bedürfnisses führen; die Dyspnoe in den Anstren-
gungen der Athmung, Hunger und Durst im Aufsuchen und Erringen
der Nahrung und des Wassers. Das Princip der Constanz der Er-
regung tritt dieser Aufregung gegenüber kaum in Wirksamkeit; sind
ja doch die Interessen, welchen die Erregungssteigerung hier dient, für
den Organismus viel wichtiger als die Wiederherstellung normaler
Functionsverhältnisse des Gehirns. Zwar sieht man die Thiere der
Menagerie vor der Fütterungsstunde aufgeregt hin und her laufen;
aber dies mag wohl als ein Rest der präformirten motorischen Leistung,
der Nahrungssuche, gelten, die nun durch die Gefangenschaft zweck-
los geworden ist, nicht als ein Mittel, das Nervensystem von der Auf-
regung zu befreien.Wenn die chemische Structur des Nervensystems durch an-
haltende Zufuhr fremder Stoffe dauernd abgeändert worden ist, so
bedingt auch der Mangel an diesen Aufregungszustände: wie der
Mangel der normalen Nährstoffe beim Gesunden, die Aufregung der
Abstinenz von Narcoticis.
Den Uebergang von diesen endogenen Erregungssteigerungen zu
den psychischen Affecten im engeren Sinne bildet die sexuale Er-
regung und der sexuale Affect. Als erstere, als vage, unbestimmte,
ziellose Erregungssteigerung erscheint die Sexualität während der
Pubertät. In weiterer Entwicklung bildet sich (normalerweise) eine
feste Verbindung dieser endogenen, durch die Function der Ge-
schlechtsdrüsen bedingten Erregungssteigerung mit der Wahrneh-
mung oder Vorstellung des anderen Geschlechtes; ja bei dem wunder-
baren Phänomen des Verliebens in eine einzelne Person mit dieser
Individual-Vorstellung. Diese tritt in Besitz der ganzen Quantität von
Erregung, welche durch den Sexualtrieb frei gemacht wird; sie wird
eine „affective Vorstellung“. Das heisst: bei ihrem Actuellwerden im
Bewusstsein löst sie den Erregungszuwachs aus, der eigentlich einer
anderen Quelle, den Geschlechtsdrüsen, entstammt.Der Sexualtrieb ist gewiss die mächtigste Quelle von lange
anhaltenden Erregungszuwächsen (und als solche, von Neurosen);S.
175
diese Erregungssteigerung ist höchst ungleich über das Nervensystem
vertheilt. In ihren höheren Intensitätsgraden ist der Vorstellungs-
ablauf gestört, der relative Wert der Vorstellungen abgeändert, im
Orgasmus des Sexualactes erlischt das Denken fast vollständig.Auch die Wahrnehmung, die psychische Verarbeitung der
Sinnesempfindungen leidet; das sonst scheue und vorsichtige Thier
wird blind und taub für die Gefahr. Dagegen steigert sich (mindestens
beim Männchen) die Intensität des aggressiven Instincts; das fried-
liche Thier wird gefährlich, bis sich die Erregung in den motorischen
Leistungen des Sexualactes entladet.C. Eine ähnliche Störung des dynamischen Gleichgewichtes im
Nervensystem, die ungleichmässige Vertheilung der gesteigerten Er-
regung macht eben die psychische Seite der Affecte aus.Weder eine Psychologie noch eine Physiologie der Affecte soll
hier versucht werden. Nur ein einzelner für die Pathologie wichtiger
Punkt soll Erörterung finden und zwar nur für die ideogenen Affecte,
für jene, welche durch Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorgerufen
werden. (Lange1) hat mit Recht wieder darauf hingewiesen, dass die
Affecte fast ganz ebenso durch toxische Stoffe und, wie die Psychiatrie
beweist, primär durch pathologische Veränderungen bedingt werden
können wie durch Vorstellungen.)Es bedarf gewiss keiner weiteren Begründung, dass alle jene
Störungen des psychischen Gleichgewichtes, welche wir acute Affecte
nennen, mit einer Erregungssteigerung einhergehen. (Bei den chro-
nischen Affecten, Kummer und Sorge, d. h. protrahirter Angst besteht
die Complication eines schweren Ermüdungszustandes, welcher die
ungleichmässige Vertheilung der Erregung und damit die Gleich-
gewichtsstörung bestehen lässt, ihre Höhe aber herabsetzt.) Aber diese
gesteigerte Erregung kann nicht in psychischer Thätigkeit verwendet
werden. Alle starken Affecte beeinträchtigen die Association, den Vor-
stellungsablauf. Man wird „sinnlos“ vor Zorn oder Schreck. Nur jene
Vorstellungsgruppe, welche den Affect erregt hat, persistirt im Be-
wusstsein mit höchster Intensität. So ist die Ausgleichung der Auf-
regung durch associative Thätigkeit unmöglich.Aber die „activen“, „sthenischen“ Affecte gleichen die Erregungs-
steigerung durch motorische Abfuhr aus. Das Jauchzen und Springen1)Lange, Über Gemütsbewegungen. 1887.
S.
176
der Freude, der gesteigerte Muskeltonus des Zornes, die Zornrede
und die vergeltende That lassen die Erregung in Bewegungsacten
abströmen. Der psychische Schmerz entladet dieselbe in respiratorischen
Anstrengungen und in einem secretorischen Acte, Schluchzen und
Weinen. Dass diese Reactionen die Aufregung mindern und beruhigen,
ist Sache der täglichen Erfahrung. Wie schon bemerkt, drückt die
Sprache dies in den Terminis „sich ausweinen, austoben“ u. s. w. aus; was
dabei ausgegeben wird, ist eben die gesteigerte cerebrale Erregung.
Nur einzelne dieser Reactionen sind zweckmässig, indem dadurch
irgend etwas an der Sachlage geändert werden kann, wie durch die
Zornesthat und -Rede. Die andern sind völlig zwecklos, oder vielmehr
sie haben keinen anderen Zweck als die Ausgleichung der Erregungs-
steigerung und die Herstellung des psychischen Gleichgewichtes.
Indem sie dies leisten, dienen sie der „Tendenz zur Constanterhaltung
der cerebralen Erregung“.Den „asthenischen“ Affecten des Schrecks und der Angst fehlt
diese reactive Entladung. Der Schreck lähmt ganz direct die Moti-
lität wie die Association, und ebenso die Angst, wenn die eine zweck-
mässige Reaction des Davonlaufens durch die Ursache des Angst-
affectes und durch die Umstände ausgeschlossen ist. Die Erregung
des Schrecks schwindet nur durch allmähliche Ausgleichung.Der Zorn hat adäquate, der Veranlassung entsprechende Reac-
tionen. Sind diese unmöglich oder werden sie gehemmt, so treten
Surrogate an ihre Stelle. Schon die Zornrede ist ein solches. Aber
auch andere, ganz zwecklose Acte ersetzen diese. Wenn Bismarck
vor dem König die zornige Aufregung unterdrücken muss, erleichtert er
sich dann, indem er eine kostbare Vase zu Boden schmettert. Diese
willkürliche Substitution eines motorischen Actes durch einen anderen
entspricht ganz dem Ersatz der natürlichen Schmerzreflexe durch
andere Muskelcontractionen; der präformirte Reflex bei einer Zahn-
extraction ist es, den Arzt wegzustossen und zu schreien. Wenn wir
statt dessen die Armmuskeln contrahiren und die Stuhllehne pressen, so
versetzen wir das durch den Schmerz ausgelöste Erregungsquantum von
einer Muskelgruppe auf eine andere. Bei spontanem heftigen Zahn-
schmerz, der ausser dem Aechzen ja keinen präformirten Reflex hat,
strömt die Erregung in zwecklosem Hin- und Herlaufen ab. Ebenso
transponiren wir die Erregung des Zornes von der adäquaten Reac-
tion auf andere und fühlen uns entlastet, wenn sie nur durch irgend
eine starke motorische Innervation verbraucht wird.S.
177
Wenn dem Affect eine solche Abfuhr der Erregung aber über-
haupt versagt wird, dann ist die Sachlage die gleiche beim Zorne
wie bei Schreck und Angst: die intracerebrale Erregung ist gewaltig
gesteigert, aber sie wird weder in associativer noch in motorischer
Thätigkeit verbraucht. Beim normalen Menschen gleicht sich die
Störung allmählich aus; bei manchen treten aber anomale Reactionen
auf, es bildet sich der „anomale Ausdruck der Gemüts-
bewegungen“ (Oppenheim).III. Die hysterische Conversion.
Es wird wohl kaum den Verdacht erregen, ich identificirte die
Nervenregung mit der Elektricität, wenn ich noch einmal auf den
Vergleich mit einer elektrischen Anlage zurückkomme. Wenn in einer
solchen die Spannung übergross wird, so besteht die Gefahr, dass
schwächere Stellen der Isolation durchbrochen werden. Es treten dann
elektrische Erscheinungen an abnormen Stellen auf; oder, wenn zwei
Drähte nebeneinander liegen, bildet sich ein „kurzer Schluss“. Da an
diesen Stellen eine bleibende Veränderung gesetzt wird, kann die dadurch
bedingte Störung immer wieder erscheinen, wenn die Spannung ge-
nügend gesteigert ist. Es hat eine abnorme „Bahnung“ stattgefunden.Man kann wohl behaupten, dass die Verhältnisse des Nerven-
systems einigermassen ähnliche sind. Es ist ein durchaus zusammen-
hängendes Ganzes; aber es sind an vielen Stellen grosse, doch nicht
unüberwindbare, Widerstände eingeschaltet, welche die allgemeine
gleichmässige Ausbreitung der Erregung verhindern. So geht im
normalen wachen Menschen die Erregung des Vorstellungsorganes
nicht auf die Perceptionsorgane über, wir halluciniren nicht. Die ner-
vösen Apparate der lebenswichtigen Organcomplexe, der Circulation
und Verdauung, sind im Interesse der Sicherheit und Leistungsfähig-
keit des Organismus, durch starke Widerstände von den Organen der
Vorstellung getrennt, ihre Selbstständigkeit ist gewahrt; sie sind
directe durch Vorstellungen nicht beeinflusst. Aber nur Widerstände
von individuell verschiedener Stärke hindern den Uebergang der intra-
cerebralen Erregung auf die Circulations- und Verdauungsapparate;
zwischen dem heute seltenen Ideal des absolut nicht „nervösen“
Menschen, dessen Herzreaction in jeder Lebenslage constant bleibt und
nur durch die zu leistende Arbeit beeinflusst wird, der in jeder
Gefahr gleichmässig guten Appetit hat und verdaut, — und dem
„nervösen“ Menschen, dem jedes Ereigniss Herzklopfen und DiarrhöeS.
178
verursacht: – dazwischen stehen alle Abstufungen der affectiven
Erregbarkeit.Aber immerhin bestehen beim normalen Menschen Widerstände für den
Uebergang cerebraler Erregung auf die vegetativen Organe. Sie entsprechen
der Isolation elektrischer Leitungen. An jenen Stellen, wo sie anomal
gering sind, werden sie bei hochgespannter cerebraler Erregung durch
brochen, und diese, die Erregung des Affectes, geht auf das periphere
Organ über. Es entsteht der „anomale Ausdruck der Gemüthsbewegung“.Von den beiden eben genannten Bedingungen hiefür ist die eine
schon ausführlich erörtert worden. Es ist ein hoher Grad intracerebraler
Erregung, dem sowohl die Ausgleichung durch Vorstellungsablauf wie
die durch motorische Abfuhr versagt ist; oder der zu hoch ist, als
dass die letztere genügen könnte.Die andere Bedingung ist abnorme Schwäche der Widerstände
in einzelnen Leitungsbahnen. Sie kann in der originären Beschaffenheit
des Menschen liegen (angeborene Disposition); sie kann bedingt sein
durch langdauernde Erregungszustände, welche sozusagen das Gefüge
des Nervensystems lockern und alle Widerstände herabsetzen (Disposition
der Pubertät); durch schwächende Einflüsse, Krankheit, Unterernährung
u. s. w. (Disposition der Erschöpfungszustände). Der Widerstand ein-
zelner Leitungswege kann herabgesetzt werden durch vorhergehende
Erkrankung des betreffenden Organes, wodurch die Wege zum und
vom Gehirn gebahnt wurden. Ein krankes Herz unterliegt dem Ein-
fluss des Affectes stärker als ein gesundes. „Ich habe einen Resonanz-
boden im Unterleib“, sagte mir eine an chronischer Parametritis leidende
Frau, „was geschieht, erweckt meinen alten Schmerz.“ – (Disposition
durch locale Erkrankung.)Die motorischen Acte, in welchen sich normaler Weise die
Erregung der Affecte entladet, sind geordnete, coordinirte, wenn auch oft
zwecklose. Aber die übergrosse Erregung kann die Coordinationscentren
umgehen oder durchbrechen und in elementaren Bewegungen abströmen.
Beim Säugling sind, ausser dem respiratorischen Acte des Schreiens,
nur solche incoordinirte Muskelcontractionen, Bäumen und Strampeln,
Wirkung und Ausdruck des Affectes. Mit fortschreitender Entwicklung
gelangt die Musculatur immer mehr unter die Herrschaft der Coordi-
nation und des Willens. Aber jener Opisthotonus, welcher das Maximum
motorischer Anstrengung der gesammten Körpermusculatur darstellt,
und die klonischen Bewegungen des Zappelns und Strampelns bleiben
das Leben hindurch die Reactionsform für die maximale ErregungS.
179
des Gehirnes: für die rein physische des epileptischen Anfalles wie
für die Entladung maximaler Affecte, als mehr oder minder epileptoi-
der Krampf. (Der rein motorische Theil des hysterischen Anfalles.)Solche abnorme Affectreactionen gehören zwar zur Hysterie; aber sie
kommen auch ausserhalb dieser Krankheit vor; sie bezeichnen einen
mehr minder hohen Grad von Nervosität, nicht die Hysterie. Als
hysterisch darf man solche Phänomene erst dann bezeichnen, wenn
sie nicht als Folgen eines hochgradigen, aber objectiv begründeten
Affectes, sondern scheinbar spontan, als Krankheitserscheinung auf
treten. Für diese haben viele Beobachtungen und so auch die unserigen
nachgewiesen, dass sie auf Erinnerungen beruhen, welche den ursprüng-
lichen Affect erneuern. Oder besser: erneuern würden, wenn
nicht eben jene Reactionen schon einmal entstanden
wären.Wohl bei allen geistig regsamern Menschen rinnt, bei psychischer
Ruhe, leise ein Strom von Vorstellungen und Erinnerungen durch das
Bewusstsein; meist mit so geringer Lebhaftigkeit der Vorstellungen,
dass sie keine Spur im Gedächtniss hinterlassen, und man dann nicht
sagen kann, wie die Association stattgefunden hat. Taucht aber eine
Vorstellung auf, die ursprünglich mit einem starken Affect verbunden
war, so erneuert sich dieser in grösserer oder geringerer Intensität.
Die so „affectiv betonte“ Vorstellung tritt dann hell und lebhaft in’s
Bewusstsein. Die Stärke des Affectes, welchen eine Erinnerung aus-
lösen kann, ist sehr verschieden, je nach dem Maasse, in welchem sie
den verschiedenen „usurirenden“ Einflüssen ausgesetzt war. Vor allem,
je nachdem der ursprüngliche Affect „abreagirt“ worden war. Wir
haben in der „Vorläufigen Mittheilung“ darauf hingewiesen, in wie ver-
schiedenem Grade z. B. der Affect des Zornes über eine Beleidigung
durch die Erinnerung wachgerufen wird, wenn diese Beleidigung ver-
golten oder wenn sie stumm geduldet worden ist. War der psychische
Reflex bei der ursprünglichen Veranlassung wirklich erfolgt, so löst
die Erinnerung ein viel geringeres Erregungsquantum aus.1) Wenn nicht,1)Der Trieb der Rache, der beim Naturmenschen so mächtig ist und durch
die Cultur mehr verkleidet als unterdrückt wird, ist überhaupt nichts als die
Erregung eines nicht ausgelösten Reflexes. Eine Schädigung im Kampfe abzu-
wehren und dabei den Gegner zu schädigen, ist der adäquate, präformirte, psychische
Reflex. Ist er nicht oder ungenügend vollzogen worden, so wird er durch dieS.
180
so drängt die Erinnerung immer wieder die scheltenden Worte auf die
Lippen, welche damals unterdrückt wurden, und welche der psychische
Reflex jenes Reizes gewesen wären.Hat sich der ursprüngliche Affect nicht in dem normalen, sondern
in einem „abnormen Reflex“ entladen, so wird auch dieser durch die
Erinnerung wieder ausgelöst; die von der affectiven Vorstellung aus-
gehende Erregung wird in ein körperliches Phänomen „convertirt“.
(Freud.)Ist durch oftmalige Wiederholung dieser abnorme Reflex voll-
ständig gebahnt worden, so kann sich, wie es scheint, die Wirk-
samkeit der auslösenden Vorstellungen darin so vollständig erschöpfen,
dass der Affect selbst nur in minimaler Stärke oder gar nicht ent-
steht; dann ist die „hysterische Conversion“ vollständig. Die Vor-
stellung aber, welche nun nicht mehr psychische Wirkungen hat, kann
von dem Individuum übersehen oder ihr Auftauchen alsbald wieder
vergessen werden, wie es bei andern affectlosen Vorstellungen geschieht.Ein solches Ersetzen der cerebralen Erregung, welche eine Vor-
stellung bedingen sollte, durch eine Erregung peripherer Bahnen wird
vielleicht annehmbarer durch die Erinnerung an das umgekehrte Ver-
halten beim Ausbleiben eines präformirten Reflexes. Ich wähle ein
höchst triviales Beispiel, den Niessreflex. Wenn ein Reiz auf der
Nasenschleimhaut diesen präformirten Reflex aus irgend einem Grunde
nicht auslöst, so entsteht bekanntermassen ein Gefühl von Erregung
und Spannung. Es ist die Erregung, welche auf den motorischen
Bahnen nicht abströmen kann und nun, jede andere Thätigkeit hemmend,
über das Gehirn sich verbreitet. Dieses banalste Beispiel bietet doch
das Schema für den Vorgang beim Ausbleiben auch der complicirtesten
psychischen Reflexe. Die oben besprochene Aufregung des Rachetriebes
ist wesentlich dasselbe; und bis in die höchsten Sphären menschlicher
Leistungen können wir den Process verfolgen. Goethe wird mit einem
Erlebniss nicht fertig, bis er es in dichterischer Thätigkeit erledigt
hat. Bei ihm ist dies der präformirte Reflex eines Affectes, undErinnerung immer wieder ausgelöst, und es entsteht der „Rachetrieb“ als irrationaler
Willensimpuls wie alle „Triebe“. Beweis hiefür ist eben seine Irrationalität, seine
Unabhängigkeit von allem Nutzen und aller Zweckmässigkeit; ja sein Sieg über
alle Rücksichten der eigenen Sicherheit. Sobald der Reflex ausgelöst worden ist,
kann diese Irrationalität in’s Bewusstsein treten.„Ein anderes Antlitz, bevor sie geschehen,
Ein anderes trägt die vollbrachte That.“S.
181
solange dieser sich nicht vollzogen hat, besteht die peinliche gesteigerte
Erregung.Die intracerebrale Erregung und der Erregungsvorgang in peri-
pheren Bahnen sind reciproke Größen; die erstere wächst, wenn und
solange ein Reflex nicht ausgelöst wird, sie sinkt und schwindet, wenn
sie sich in periphere Nervenerregung umgesetzt hat. So scheint es
auch nicht unverständlich, dass kein merkbarer Affect entsteht, wenn
die Vorstellung, welche ihn veranlassen sollte, unmittelbar einen
abnormen Reflex auslöst, und in diesem die entstehende Erregung
sogleich abströmt. Die „hysterische Conversion“ ist dann vollständig:
die ursprünglich intracerebrale Erregung des Affectes ist in den Erregungs-
vorgang peripherer Bahnen umgewandelt worden; die ursprünglich
affective Vorstellung ruft jetzt nicht mehr den Affect, sondern nur den
abnormen Reflex hervor.1)Wir sind damit einen Schritt weitergekommen, über den „abnormen
Ausdruck der Gemüthsbewegungen“ hinaus. Das hysterische Phänomen
(abnormer Reflex) erscheint auch intelligenten und gut beobachtenden
Kranken nicht als ideogen, weil die veranlassende Vorstellung nicht
mehr affectiv betont und nicht mehr vor anderen Vorstellungen und
Erinnerungen ausgezeichnet ist; es erscheint als rein somatisches
Phänomen, scheinbar ohne psychologische Wurzel.Wodurch wird nun die Entladung der Affeeterregung determinirt,
so dass eben der eine abnorme Reflex geschaffen wird und nicht irgend
ein beliebiger anderer? Unsere Beobachtungen beantworten diese
Frage für viele Fälle dahin, dass auch diese Entladung dem „Princip
des geringsten Widerstandes“ folgt und auf jenen Bahnen geschieht,
deren Widerstände schon durch concurrirende Umstände herabgesetzt
worden sind. Dahin gehört der schon früher besprochene Fall, dass
ein bestimmter Reflex durch somatische Krankheit bereits gebahnt ist;
z. B. wenn jemand oft an Cardialgien leidet, wird diese auch durch1)Ich möchte den Vergleich mit einer elektrischen Anlage nicht zu Tode
hetzen; bei der fundamentalen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse kann er ja
die Vorgänge im Nervensystem kaum illustriren und gewiss nicht erklären. Aber
hier mag noch an den Fall erinnert werden, dass durch hohe Spannung die Isolation
der Leitung einer Beleuchtungsanlage gelitten habe und an einer Stelle ein „kurzer
Schluss“ hergestellt sei. Treten nun an dieser Stelle elektrische Phänomene auf
(Erwärmung, z. B. kurze Funken o. dgl.), so leuchtet die Lampe nicht, zu welcher
die Leitung führt; wie der Affect nicht entsteht, wenn die Erregung als abnormer
Reflex abströmt, in ein somatisches Phänomen convertirt wird.S.
182
den Affect hervorgerufen. – Oder ein Reflex ist dadurch gebahnt,
daß die betreffende Muskelinnervation im Momente des ursprünglichen
Affectes willkürlich intendirt wurde; so strebt Anna O. (Beob. I) im
Schreckaffect den durch Drucklähmung bewegungslosen rechten Arm
zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der Tetanus
des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen Dinge
hervorgerufen. Oder sie convergirt im Affecte stark mit den Augen,
um die Uhrzeiger zu erkennen, und nun wird der Strabismus convergens
einer der Reflexe dieses Affectes u. s. f.Es ist dies die Wirkung der Gleichzeitigkeit, welche ja auch
unsere normale Association beherrscht; es ruft jede Sinneswahrnehmung
eine andere wieder in’s Bewußtsein, welche ursprünglich zugleich mit
ihr aufgetreten war; (das Schulbeispiel vom Gesichtsbilde und dem
Blöcken des Schlafes u. dgl.).Wenn nun mit dem ursprünglichen Affecte gleichzeitig ein lebhafter
Sinneseindruck bestanden hatte, so wird dieser vom erneuten Affect wieder
hervorgerufen, und zwar, da es sich dabei um die Entladung über-
grosser Erregung handelt, nicht als Erinnerung, sondern als Halluci-
nation. Fast alle unsere Beobachtungen bieten hiefür Beispiele. Ein
solches ist es auch, wenn eine Frau einen schmerzlichen Affect durch-
lebt, während sie von einer Periostitis heftigen Zahnschmerz hat, und
nun jede Erneuerung dieses Affectes, ja die Erinnerung daran eine
Infraorbital-Neuralgie hervorruft u. dgl. m.Dies ist die Bahnung abnormer Reflexe nach den allgemeinen
Gesetzen der Association. Manchmal aber (freilich nur bei höheren
Graden von Hysterie) liegen zwischen dem Affect und seinem Reflex
wirkliche Reihen von associirten Vorstellungen; das ist die Determi-
nirung durch Symbolik. Es sind oft lächerliche Wortspiele, Klang-
associationen, welche den Affect und seinen Reflex verbinden; aber das
geschieht nur in traumhaften Zuständen mit verminderter Kritik und
liegt schon ausserhalb der hier betrachteten Gruppe von Phänomenen.In sehr vielen Fällen bleibt die Determinirung unverständlich,
weil unser Einblick in den psychischen Zustand und unsere Kenntniss
der Vorstellungen, welche bei der Entstehung des hysterischen
Phänomens actuell waren, oft höchst unvollständig ist. Aber wir
dürfen annehmen, dass der Vorgang demjenigen nicht ganz unähnlich
sein wird, der uns in günstigeren Fällen klar ist.Die Erlebnisse, welche den ursprünglichen Affect auslösten,
dessen Erregung dann in ein somatisches Phänomen convertirt wurde,S.
183
bezeichneten wir als psychische Traumen und die so entstan-
denen Krankheitserscheinungen als hysterische Symptome
traumatischen Ursprungs. (Die Bezeichnung „traumatische
Hysterie“ ist ja bereits für jene Phänomene vergeben, welche als
Folgen körperlicher Verletzungen, Traumen im engsten Sinne, einen
Theil der „traumatischen Neurose“ ausmachen.)In vollkommener Analogie mit der Entstehung traumatisch be-
dingter hyst. Phänomene steht die hyst. Conversion jener psychischen
Erregung, welche nicht äußeren Reizen, nicht der Hemmung normaler
psychischer Reflexe, sondern der Hemmung des Associationsablaufes
entspringt.Das elementare Beispiel und Paradigma hiefür liefert die Er-
regung, welche dadurch entsteht, dass uns ein Name nicht einfällt,
dass wir ein Räthsel nicht lösen können u. dgl. Wird uus der Name
oder das Wort des Räthsels gesagt, so schwindet die Erregung, indem
sich die Associationskette schließt, geradeso wie beim Schluss einer
Reflexkette. Die Stärke der Erregung, welche von der Stockung einer
Associationsreihe ausgeht, ist proportional dem Interesse, welches
dieselbe für uns hat, d. h. dem Ausmaass, in welchem sie den
Willen bewegt. Da aber beim Suchen nach einer Lösung des Problems
o. dgl. immer eine grosse, wenn auch erfolglose Arbeit geleistet wird,
findet auch starke Erregung ihre Verwendung und drängt nicht zur
Entladung, wird darum auch nie pathogen.Wohl aber geschieht das, wenn der Associationsablauf dadurch
gehemmt wird, dass gleichwertige Vorstellungen unvereinbar mit
einander sind; wenn z. B. neue Gedanken mit festgewurzelten
Vorstellungscomplexen in Conflict gerathen. Solcher Natur ist die
Pein des religiösen Zweifels, der so viele Menschen unterliegen und
noch viel mehr unterlagen. Auch hiebei steigt die Erregung und damit
der psychische Schmerz, das Unlustgefühl zu bedeutender Höhe nur
dann, wenn ein Willensinteresse des Individuums dabei in’s Spiel
kommt, wenn der Zweifelnde sich in seinem Glück, seinem Seelenheil
bedroht glaubt.Dies ist aber immer der Fall, wenn der Conflict besteht zwischen
dem festen, anerzogenen Complex der moralischen Vorstellungen und
der Erinnerung an eigene Handlungen oder auch nur Gedanken, welche
damit unvereinbar sind: die Gewissensqual. Das Willensinteresse,
Freude an der eigenen Persönlichkeit zu haben, mit ihr zufrieden zu
sein, tritt dabei in Action und steigert die Erregung der Associations-
S.
184
hemmung auf's höchste. Dass solcher Conflict unvereinbarer Vorstel-
lungen pathogen wirkt, ist Sache der täglichen Erfahrung. Es handelt
sich meist um Vorstellungen und Vorgänge des sexualen Lebens: um
Masturbation bei moralisch empfindlichen Adolescenten, um das Bewusst-
sein der Neigung zu einem fremden Manne bei einer sittenstrengen
Frau. Ja, sehr oft genügt das erste Auftauchen sexualer Empfindungen
und Vorstellungen an sich schon, um durch den Conflict mit der fest-
gewurzelten Vorstellung von sittlicher Reinheit einen hochgradigen
Regungszustand zu schaffen.1)Diesem entspringen gewöhnlich psychische Folgen: pathologische
Verstimmung, Angstzustände (Freud). Manchmal wird aber durch con-
currirende Umstände ein anomales somatisches Phänomen determinirt,
in welchem sich die Erregung entladet: Erbrechen, wenn das Gefühl
moralischer Beschmutzung ein physisches Ekelgefühl erzeugt; eine
Tussis nervosa wie bei Anna O. (Beob. I.), wenn die Gewissensangst
Glottiskrampf hervorruft u. dgl.2)Die Erregung, welche durch sehr lebhafte und durch unverein-
bare Vorstellungen erzeugt wird, hat eine normale, adäquate Reaction:
die Mittheilung durch die Rede. Wir finden den Drang danach in
komischer Uebertreibung in der Geschichte vom Barbier des Midas,
der sein Geheimniss in's Schilf hineinruft; wir finden ihn als eine der
Grundlagen einer grossartigen historischen Institution in der katholischen
Ohrenbeichte. Die Mittheilung erleichtert, sie entladet die Spannung
auch dann, wenn sie nicht gegen den Priester geschieht und nicht von
der Absolution gefolgt ist. Wird der Erregung dieser Ausweg versperrt,
so convertirt sie sich manchmal in ein somatisches Phänomen ebenso
wie die Erregung traumatischer Affecte, und wir können die ganze1)Vgl. für diesen Punkt einige interessante Mittheilungen und Bemerkungen
Benedikt’s (1889), wiederabgedruckt in der Schrift „Hypnotismus und Suggestion“
1894 (p. 51 u. ff.)2)Ich finde in Mach’s „Bewegungsempfindungen“ eine Bemerkung, an welche
hier wohl erinnert werden darf:„Es hat sich bei den beschriebenen (Schwindel-) Versuchen wiederholt gezeigt,
dass ein Ekelgefühl sich hauptsächlich dann einstellte, wenn es schwer war, die
Bewegungsempfindungen mit den optischen Eindrücken in Einklang zu bringen. Es
sah so aus, als ob ein Theil des vom Labyrinth ausgehenden Reizes gezwungen
worden wäre, die optischen Bahnen, die ihm durch einen andern Reiz verschlossen
waren, zu verlassen und ganz andere Bahnen einzuschlagen. … Auch beim Ver-
such, Stereoskopbilder mit starken Differenzen zu combiniren, habe ich wiederholt
ein Ekelgefühl beobachtet.“Das ist geradezu das physiologische Schema für die Entstehung pathologischer,
hysterischer Phänomene durch die Coexistenz lebhafter, unvereinbarer Vorstellungen.S.
185
Gruppe hysterischer Erscheinungen, welche diesen Ursprung haben, mit
Freud als hysterische Retentionsphänomene bezeichnen.Die bisherige Darlegung des psychischen Entstehungsmechanismus
hysterischer Phänomene steht dem Vorwurf offen, daß sie schematisi-
ren und den Vorgang einfacher darstelle, als er in Wirklichkeit ist. Damit
sich bei einem gesunden, nicht originär neuropathischen Menschen ein
richtiges hysterisches Symptom ausbilde, mit seiner scheinbaren Unab-
hängigkeit von der Psyche, seiner selbständigen somatischen Existenz,
müssen fast immer mehrfache Umstände concurriren.Der folgende Fall mag als Beispiel dieser Complicirtheit des Vorganges
dienen: Ein 12jähriger Knabe, früher an Pavor nocturnus leidend und Sohn eines
sehr nervösen Vaters, kam eines Tages unwohl aus der Schule. Er klagte über
Schlingbeschwerden, d. h. er konnte nur mit Schwierigkeit schlucken, und über
Kopfschmerz. Der Hausarzt nahm eine Angina als Ursache an. Aber auch nach mehreren
Tagen besserte sich der Zustand nicht. Der Junge wollte nicht essen, erbrach, als
man ihn dazu verhielt, schleppte sich müde und lustlos herum, wollte immer zu
Bett liegen und kam körperlich sehr herab. Als ich ihn nach 5 Wochen sah, machte
er den Eindruck eines scheuen, verschlossenen Kindes, und ich gewann die Ueber-
zeugung, der Zustand habe eine psychische Begründung. Auf drängende Fragen gab
er eine banale Ursache an, einen strengen Verweis des Vaters, der offenbar nicht
die wirkliche Grundlage der Erkrankung war. Auch aus der Schule war nichts zu
erfahren. Ich versprach, später in der Hypnose die Mittheilung zu erzwingen. Doch
das wurde unnöthig. Als ihn die kluge und energische Mutter einmal hart anliess,
begann er unter einem Thränenstrom zu erzählen. Er war damals auf dem Heim-
weg von der Schule in ein Pissoir getreten, und dort hatte ihm ein Mann den
Penis hingehalten mit der Aufforderung, ihn in den Mund zu nehmen. Er war voll-
Schreck weggelaufen, und es war ihm sonst nichts geschehen. Aber von dem Augen-
blick an war er krank. Von dem Moment der Beichte an wich der Zustand völliger
Gesundheit. – Um das Phänomen der Anorexie, der Schlingbeschwerden, des Er-
brechens zu erzeugen, brauchte es hier mehrerer Factoren: die angeborene nervöse
Artung, den Schreck, das Hereinbrechen des Sexualen in seiner brutalsten Form in
das Kindergemüth, und als determinirendes Moment die Ekelvorstellung. Ihre
Dauer verdankte die Erkrankung dem Verschweigen, wodurch der Erregung die
normale Abfuhr versagt wurde.So wie in diesem Fall, so müssen immer mehrere Factoren
zusammenwirken, damit bei einem bisher Gesunden ein hysterisches
Symptom sich bilde; dieses ist immer „überdeterminirt“ nach dem
Ausdrucke Freud’s.Als solche Ueberdeterminirung kann es auch gelten, wenn der
selbe Affect durch mehrere, wiederholte Anlässe hervorgerufen wird. Der
Kranke und die Umgebung beziehen das hysterische Symptom nur auf den
letzten Anlass, der aber meist nur zur Erscheinung gebracht hat, was
durch andere Traumen schon fast vollständig geleistet war.S.
186
Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, an den sich dann
eine Reihe anderer schlossen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Schulter
sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber,
dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit
Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch
selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen
Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überfallen worden,
dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische
Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie
vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens?Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholung
des Affectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen
nöthig: oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung,
wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der Affect abgeschwächt
hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn
der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen
Hysterien im engeren Wortsinne.In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf
und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der
Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit „psychischer
Ausarbeitung“ (Charcot) oder Incubation die Convertirung in ein soma-
tisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei
noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.)Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der
Usur, all’ jenen in der „Vorl. Mittheil.“ (pag. 6) berührten Einflüssen,
die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wieder-
auftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und
damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines
somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Reflexes
verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her.Die usurirenden Einflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der
Association, des Denkens, Correctur durch andere Vorstellungen. Diese
wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem „Associationsverkehre“
entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen
Affectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze
Erregungssumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals
begonnene Bahnung eines abnormen Reflexes endlich vollzogen, oder
die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das
Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständig für die Dauer etabliert.1Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus.
S.
187
Wir kennen aus unsern Beobachtungen zwei Formen solchen
Ausschlusses von Affectvorstellungen aus der Association.
Die erste ist die „Abwehr“, die willkürliche Unterdrückung pein-
licher Vorstellungen, durch welche sich der Mensch in seiner Lebens-
freude oder in seiner Selbstachtung bedroht fühlt. Freud hat in seiner
Mittheilung über „Abwehr-Neuro-Psychosen“ (Neurol. Centr.-Blatt
Nr. 10, 1894) und in den hier vorliegenden Krankengeschichten über
diesen Vorgang gesprochen, der gewiss eine sehr hohe pathologische
Bedeutung hat.Es ist wohl nicht verständlich, wieso eine Vorstellung willkürlich
aus dem Bewusstsein verdrängt werden kann; aber wir kennen den
entsprechenden positiven Vorgang, die Concentration der Aufmerksamkeit
auf eine Vorstellung, genau und können ebensowenig sagen, wie wir ihn
vollziehen.Vorstellungen nun, von denen sich das Bewusstsein abwendet,
über die nicht gedacht wird, bleiben auch der Usur entzogen und be-
halten ihren Affectbetrag ungemindert.Wir haben weiters gefunden, dass eine andere Art von Vor-
stellungen der Usur durch das Denken entzogen bleibt, nicht weil
man sie nicht erinnern will, sondern weil man es nicht kann; weil
sie in Zuständen ursprünglich aufgetaucht sind und mit Affect be-
lehnt wurden, für die im wachen Bewusstsein Amnesie besteht, in
hypnotischen und hypnose-ähnlichen Zuständen. Diese letzteren scheinen
von höchster Bedeutung für die Lehre von der Hysterie zu sein und
darum eine etwas eingehendere Besprechung zu verdienen.1)IV. Hypnoide Zustände.
Als wir in der „Vorläufigen Mittheilung“ den Satz aussprachen:
Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden
Zuständen, übersahen wir, dass Möbius 1890 bereits ganz dasselbe ge-
sagt hatte. „Die Voraussetzung des (pathogenen) Wirkens der Vor-
stellungen ist eine angeborene, d. h. die hysterische Anlage einerseits1)Wenn hier und später von Vorstellungen die Rede ist, die actuell, wirk-
sam und doch unbewusst sind, so handelt es sich dabei nur selten um einzelne
Vorstellungen (wie etwa die hallucinirte grosse Schlange Anna O.’s, welche die
Contractur auslöst); fast immer um Vorstellungskomplexe, um Verbindungen, um
Erinnerungen an äussere Vorgänge und eigene Gedankengänge. Die in solchen Vor-
stellungskomplexen enthaltenen Einzelvorstellungen werden gelegentlich alle bewusst
gedacht. Nur die bestimmte Combination ist aus dem Bewusstsein verbannt.S.
188
und ein besonderer Gemüthszustand anderseits. Von diesem Gemüths-
zustande kann man sich nur eine unklare Vorstellung machen. Er
muss dem hypnotischen ähnlich sein, er muss einer gewissen Leere
des Bewusstseins entsprechen, in der einer auftauchenden Vorstellung
von Seiten anderer kein Widerstand entgegengesetzt wird, in der so-
zusagen der Thron für den ersten Besten frei ist. Wir wissen, dass
ein solcher Zustand, ausser durch Hypnotisirung durch Gemüths-
erschütterung (Schreck, Zorn u. s. w.) und durch erschöpfende Einflüsse
(Schlaflosigkeit, Hunger u. s. w.) herbeigeführt werden kann.1Die Frage, deren annähernde Lösung Möbius hiemit zunächst
versuchte, ist die nach der Entstehung somatischer Phänomene durch
Vorstellungen. Er erinnert dabei an die Leichtigkeit, mit welcher eine
solche in der Hypnose stattfindet, und hält die Wirkung der Affecte
für analog. Unsere, einigermassen abweichende Anschauung über
diese Affectwirkung ist oben ausführlich dargelegt worden. Ich
brauche darum hier nicht weiter auf die Schwierigkeit einzugehen,
welche darin liegt, dass M. beim Zorn eine „Leere des Bewusst-
seins“2 annimmt (die beim Schreck und bei der protrahirten Angst
allerdings besteht), und wie schwer es überhaupt ist, den Erregungs-
zustand des Affectes mit der Ruhe der Hypnose zu analogisiren. Wir
werden aber auf die Sätze Möbius', die, wie ich meine, eine wichtige
Wahrheit enthalten, später zurückkommen.Für uns liegt die Wichtigkeit der hypnose-ähnlichen, „hypnoiden“
Zustände ausserdem und vor allem in der Amnesie und in ihrer
Fähigkeit, jene später zu besprechende Spaltung der Psyche zu be-
dingen, welche für die „grosse Hysterie“ von fundamentaler Bedeu-
tung ist. Diese Wichtigkeit legen wir ihnen auch jetzt noch bei.
Doch muss ich unsern Satz wesentlich einschränken. Die Conversion,
die ideogene Entstehung somatischer Phänomene vollzieht sich auch
ausserhalb der hypnoiden Zustände, und für die Bildung von Vor-
stellungscomplexen, die vom Associationsverkehre ausgeschlossen sind,
hat Freud in der willkürlichen Amnesie der Abwehr eine zweite, von
den hypnoiden Zuständen unabhängige Quelle gefunden. Aber, mit
dieser Einschränkung, meine ich noch immer, diese letzteren seien
Ursache und Bedingung vieler, ja der meisten, grossen und compli-
cirten Hysterien.1Möbius, Ueber Astasie-Abasie, Neurol. Beiträge I. Heft, p. 17.
2Vielleicht meint M. mit dieser Bezeichnung nichts anderes als die Hemmung
des Vorstellungsablaufes, welche beim Affect allerdings besteht, wenn auch aus
durchaus andern Ursachen entspringend als bei der Hypnose.S.
189
Zu den hypnoiden Zuständen zählen natürlich vor allem die
wirklichen Auto-Hypnosen, die sich von den artificiellen nur durch
ihre spontane Entstehung unterscheiden. Wir finden sie bei manchen
voll entwickelten Hysterien in wechselnder Häufigkeit und mit ver-
schiedener Dauer, oft in raschesterm Alterniren mit dem Zustand des
normalen Wachens abwechselnd.1) Ihres traumhaften Vorstellungs-
inhaltes wegen können sie oft den Namen des Delirium hystericum
verdienen. Im Wachen besteht für die inneren Vorgänge dieser Zu-
stände eine mehr oder minder vollständige Amnesie, während sie in
der artificiellen Hypnose vollständig erinnert werden. Die psychischen
Resultate dieser Zustände, die darin gebildeten Associationen, sind
eben durch die Amnesie jeder Correctur im wachen Denken entzogen.
Und da in der Autohypnose die Kritik und Controle durch andere
Vorstellungen herabgesetzt und meist fast ganz geschwunden ist, so
können ihr die verrücktesten Wahnvorstellungen entstammen und
sich lange intact erhalten. So entsteht eine etwas complicirtere irra-
tionale, „symbolische Beziehung zwischen der Veranlassung und dem
pathologischen Phänomen“, welche ja oft auf den lächerlichsten Klang-
ähnlichkeiten und Wortassociationen beruht, fast nur in solchen Zu-
ständen. Die Kritiklosigkeit derselben bedingt es, dass ihnen so häufig
Autosuggestionen entspringen, z. B. wenn nach einem hysterischen
Anfall eine Lähmung zurückbleibt. Aber, vielleicht zufälligerweise,
sind wir in unseren Analysen kaum jemals auf diese Entstehung eines
hysterischen Phänomens gestossen. Wir fanden diese immer, auch
in der Autohypnose, durch denselben Vorgang bedingt wie ausserhalb
derselben, durch die Convertirung einer Affecterregung.Diese „hysterische Conversion“ vollzieht sich in der Auto-
hypnose jedenfalls leichter als im Wachen, wie ja auch in der arti-
ficiellen Hypnose Suggestiv-Vorstellungen sich als Hallucinationen
und Bewegungen so viel leichter körperlich realisieren. Aber der Vor-
gang der Erregungsconversion ist doch im Wesen derselbe, wie er
oben dargelegt worden ist. Hat er einmal stattgefunden, so wieder-
holt sich das somatische Phänomen, wenn Affect und Autohypnose
wieder zusammentreffen. Und es scheint, dass der hypnotische Zu-
stand dann durch den Affect selbst hervorgerufen werde. So bleibt
zunächst, so lange die Hypnose mit vollem Wachen rein alter-
nirt, das hysterische Symptom auf den hypnotischen Zustand be-1)Beobachtung I und II.
S.
190
schränkt und wird durch die Wiederholung in diesem verstärkt; die
veranlassende Vorstellung bleibt aber vor der Correctur durch das
wache Denken und seine Kritik geschützt, weil sie eben im klaren
Wachen gar nie auftaucht.So blieb bei Anna O. (Beob. I) die Contractur des rechten
Armes, die sich in der Autohypnose mit dem Angstaffect und der
Vorstellung der Schlange associirt hatte, durch 4 Monate auf die
Momente des hypnotischen (oder – wenn man für Absenzen von sehr
kurzer Dauer diesen Namen unpassend findet – des hypnoiden) Zu-
standes beschränkt, wiederholte sich aber häufig. Dasselbe geschah mit
andern in dem Hypnoidzustand vollzogenen Conversionen, und so
bildete sich in vollkommener Latenz jener grosse Complex von hyste-
rischen Phänomenen, der in die Erscheinung trat, als der hypnoide
Zustand andauernd wurde.Im hellen Wachen treten so entstandene Phänomene erst dann
auf, wenn sich die später zu besprechende Spaltung der Psyche voll-
zogen hat, und an die Stelle des Alternirens zwischen Wach- und
Hypnoidzustand die Coexistenz der normalen und der hypnoiden Vor-
stellungcomplexe getreten ist.Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der Erkrankung
und wie kommen sie zu Stande? Ich weiss hierüber weniger zu sagen,
denn wir verfügen über keine andere Beobachtung, ausser über den Fall
Anna O., die darüber Aufschluss geben könnte. Bei dieser Kranken
scheint es sicher, dass die Autohypnose vorbereitet war durch habi-
tuelle Träumerei, und dass sie dann völlig hergestellt wurde durch
einen Affect protrahirter Angst, der ja selbst einen hypnoiden Zustand
begründet. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass dieser Vorgang
allgemeinere Geltung hat.Sehr verschiedenartige Zustände bedingen „Geistesabwesenheit“,
aber nur einige davon disponiren zur Autohypnose oder gehen direct
in solche über. Der in ein Problem versunkene Forscher ist wohl
auch bis zu einem gewissen Grade anästhetisch und bildet aus grossen
Gruppen von Sinnesempfindungen keine bewussten Wahrnehmungen;
ebenso wie der mit Lebhaftigkeit phantastisch Dichtende („Privat-
theater“ Anna O.’s). Aber in diesen Zuständen wird energisch psy-
chische Arbeit geleistet; die frei werdende Erregung des Nerven-
systems wird in dieser verbraucht. – In der Zerstreutheit, dem Hin-
dämmern hingegen sinkt die intracerebrale Erregung unter das Niveau
des hellen Wachens; diese Zustände grenzen an die Schläfrigkeit undS.
191
gehen in Schlaf über. Wenn aber in solchen Zuständen des „Ver-
suntenseins“ und bei gehemmtem Vorstellungsablauf eine Gruppe
von affectiv betonten Vorstellungen lebendig ist, so schafft sie ein
hohes Niveau der intracerebralen Erregung, welche nicht durch psy-
chische Arbeit verbraucht wird und für anomale Leistungen, für die
Conversion, verfügbar ist.So ist weder die „Geistesabwesenheit“ bei energischer Arbeit,
noch der affectlose Dämmerzustand pathogen, wohl aber die mit
Affect erfüllte Träumerei und der Ermüdungszustand protrahirter
Affecte. Das Brüten des Bekümmerten, die Angst desjenigen, der am
Krankenbette eines theuren Menschen wacht, die verliebte Träumerei
sind solche Zustände. Die Concentration auf die affective Vorstellungs-
gruppe bedingt zuerst die „Abwesenheit“. Allmählich verlangsamt sich
der Vorstellungsablauf, um endlich fast zu stagniren; aber die affec-
tive Vorstellung und ihr Affect bleiben lebendig und damit auch die
grosse Quantität functionell nicht verbrauchter Erregung. Die Aehn-
lichkeit der Verhältnisse mit den Bedingungen der Hypnose scheint
unverkennbar. Auch der zu Hypnotisirende darf nicht wirklich ein-
schlafen, d. h. seine intracerebrale Erregung darf nicht auf das
Niveau des Schlafes absinken; aber der Vorstellungsablauf muss ge-
hemmt werden. Dann steht der suggerirten Vorstellung die ganze
Erregungsmasse zur Verfügung.So dürfte die pathogene Autohypnose bei manchen Menschen
entstehen, indem der Affect in die habituelle Träumerei eintritt. Es
ist das vielleicht einer der Gründe dafür, dass wir in der Anamnese der
Hysterie so oft den beiden grossen pathogenen Factoren begegnen:
der Verliebtheit und der Krankenpflege. Die erstere schafft mit dem
sehnsuchtsvollen Gedanken an den abwesenden Geliebten die „Ent-
rückung“, das Verdämmern der umgebenden Realität und dann das
affecterfüllte Stillestehen des Denkens; die Krankenpflege stellt durch
die äussere Ruhe, die Concentration auf ein Object, das Horchen auf
die Athemzüge des Kranken, geradezu dieselben Bedingungen her
wie viele Hypnotisirungsmethoden und füllt den so entstandenen
Dämmerzustand mit dem Affecte der Angst. Vielleicht unterscheiden
sich diese Zustände nur quantitativ von wirklichen Autohypnosen und
gehen in solche über.Ist das einmal geschehen, so wiederholt sich der hypnosen-
ähnliche Zustand durch dieselben Umstände immer wieder. und das
Individuum hat dann statt der normalen zwei Seelenzustände derenS.
192
drei: Wachen, Schlaf und Hypnoid, wie wir es auch bei häufiger
Wiederholung tiefer artificieller Hypnose beobachten.Ich weiss nicht zu sagen, ob sich die spontanen hypnotischen
Zustände auch ohne solches Eingreifen des Affectes entwickeln können,
als Resultate originärer Anlage; ich halte das aber für sehr wahr-
scheinlich. Wenn wir sehen, wie verschieden bei den gesunden und
kranken Menschen die Fähigkeit zu artificieller Hypnose ist, wie
leicht sie bei manchen eintritt, liegt die Vermuthung nahe, dass sie
bei solchen auch spontan vorkomme. Und die Anlage hiezu ist viel-
leicht nothwendig dafür, dass die Träumerei sich in Autohypnose
verwandle. Ich bin also weit davon entfernt, den Entstehungsmecha-
nismus, den uns Anna O. kennen gelehrt hat, bei allen Hysterischen
vorauszusetzen.Ich spreche von hypnoiden Zuständen statt von der Hypnose
selbst, weil diese in der Entwicklung der Hysterie so wichtigen Zu-
stände sehr schlecht abgegrenzt sind. Wir wissen nicht, ob die Träu-
merei, die oben als Vorstadium der Autohypnose bezeichnet wurde,
nicht selbst schon dieselbe pathogene Leistung vollbringen kann wie
diese, und ob es protrahirter Angstaffect nicht ebenfalls thut. Vom
Schreck ist das sicher. Indem er den Vorstellungsablauf hemmt,
während doch eine affective Vorstellung (der Gefahr) sehr lebhaft ist,
steht er in vollem Parallelismus mit der affecterfüllten Träumerei;
und indem die immer erneute Erinnerung diesen Seelenzustand immer
wieder herstellt, entsteht ein „Schreckhypnoid“, in welchem die Con-
version durchgesetzt oder stabilisirt wird; das Incubationsstadium der
„traumatischen Hysterie“ sens. strict.Da so verschiedene, aber im wichtigsten Punkte übereinstim-
mende Zustände sich der Autohypnose anreihen, so empfiehlt sich der
Ausdruck „Hypnoid“, der diese innere Aehnlichkeit hervorhebt. Er
resumirt jene Anschauung, die Möbius in den oben citirten Sätzen
vertreten hat.Vor allem aber bezeichnet er die Autohypnose selbst, deren
Wichtigkeit für die Entstehung hysterischer Phänomene beruht auf
der Erleichterung der Conversion, dem Schutz der convertirten Vor-
stellungen vor der Usur (durch die Amnesie) und der schliesslich
daraus erwachsenden psychischen Spaltung.S.
193
Wenn nun ein körperliches Symptom durch eine Vorstellung
verursacht ist und durch diese immer wieder ausgelöst wird, so
sollte man erwarten, dass intelligente und der Selbstbeobachtung
fähige Kranke dieses Zusammenhangs sich bewusst wären; dass sie
es erfahrungsgemäss wüssten, das somatische Phänomen komme zu-
gleich mit der Erinnerung an einen bestimmten Vorgang. Der innere
Causalnexus freilich ist ihnen unbekannt; aber wir alle wissen
doch immer, welche Vorstellung uns weinen oder lachen oder erröthen
macht, wenn uns auch der nervöse Mechanismus dieser ideogenen
Phänomene nicht entfernt klar ist. – Manchmal nun beobachten die
Kranken den Zusammenhang wirklich und sind sich seiner bewusst;
eine Frau sagt z. B., der leichte hysterische Anfall (Zittern und Herz-
klopfen etwa) stamme von einer grossen Gemüthsaufregung und
wiederhole sich nur bei jedem daran erinnernden Vorgang. Von sehr
vielen, wohl der Mehrzahl der hysterischen Symptome gilt das aber
nicht. Auch intelligente Kranke wissen nicht, dass sie im Gefolge
einer Vorstellung eintreten und halten sie für selbständige körper-
liche Phänomene. Wäre dies anders, so müsste die psychische
Theorie der Hysterie schon ein ehrwürdiges Alter haben.Es liegt nun nahe zu glauben, die betreffenden Krankheits-
erscheinungen seien zwar ursprünglich ideogen entstanden; die Wieder-
holung habe sie aber, um den Romberg’schen Ausdruck zu brauchen,
dem Körper „eingebildet“, und nun beruhten sie nicht mehr auf
einem psychischen Vorgang, sondern auf den unterdess entstandenen
Veränderungen des Nervensystems; sie seien selbständige, echt soma-
tische Symptome geworden.Von vorneherein ist diese Anschauung weder unmöglich noch
unwahrscheinlich. Aber ich glaube, das Neue, welches unsere Beob-
achtungen für die Lehre von der Hysterie bringen, liegt eben in dem
Nachweise, dass sie – mindestens in sehr vielen Fällen – unzu-
treffend ist. Wir sahen, dass die verschiedensten hysterischen Sym-
ptome nach jahrelangem Bestande „sogleich und ohne Wiederkehr
verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veran-
lassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit den be-
gleitenden Affect wachzurufen, und wenn die Kranke den Vorgang in
möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affect Worte gab“.
Die hier erzählten Krankengeschichten geben einige Belege für diese
Behauptung. „In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus
dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schliessen: der veran-
S.
194
lassende Vorgang (d. h. die Erinnerung daran) wirke noch nach
Jahren fort, nicht indirect durch Vermittelung einer Kette von cau-
salen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ursache,
wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz
noch in später Zeit die Thränensecretion hervorruft: der Hysterische
leide grösstentheils an Reminiscenzen“.Wenn dies aber der Fall ist, wenn die Erinnerung an das
psychische Trauma, nach Art eines Fremdkörpers, lange Zeit nach
seinem Eindringen noch als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss,
und doch der Kranke von diesen Erinnerungen und ihrem Auftauchen
kein Bewusstsein hat, so müssen wir zugestehen, dass unbewusste
Vorstellungen existiren und wirken.Wir finden aber solche bei der Analyse der hysterischen Phä-
nomene nicht bloss vereinzelt, sondern müssen anerkennen, dass wirk-
lich, wie die verdienstvollen französischen Forscher gezeigt haben,
grosse Complexe von Vorstellungen und verwickelte, folgenreiche
psychische Processe bei manchen Kranken völlig unbewusst bleiben
und mit dem bewussten psychischen Leben coexistiren; dass eine
Spaltung der psychischen Thätigkeit vorkommt, und dass diese fun-
damentale Wichtigkeit hat für das Verständniss complicirter Hysterien.Es sei gestattet, auf dieses schwierige und dunkle Gebiet etwas
einzugehen; die Nothwendigkeit, den Sinn der gebrauchten Ausdrücke
festzustellen, mag die theoretisirende Auseinandersetzung einigermaassen
entschuldigen.V. Unbewusste und bewusstseinsunfähige Vorstellungen.
Spaltung der Psyche.
Wir nennen jene Vorstellungen bewusst, von denen wir wissen.
Es besteht beim Menschen die wunderbare Thatsache des Selbst-
bewusstseins; wir können Vorstellungen, die in uns auftauchen und
einander folgen, wie Objecte betrachten und beobachten. Dies geschieht
nicht immer, da ja zur Selbstbeobachtung selten Anlass ist. Aber es
ist eine allen Menschen eigene Fähigkeit, denn jeder sagt: ich habe
das und das gedacht. Jene Vorstellungen, die wir als in uns lebendig
beobachten oder beobachten würden, wenn wir darauf Acht hätten,
nennen wir bewusste. Das sind in jedem Zeitmomente nur sehr wenige;
und wenn ausser diesen noch andere actuell sein sollten, müssten wir
sie unbewusste Vorstellungen nennen.S.
195
Für die Existenz actueller, aber unbewusster oder unterbewusster
Vorstellungen zu sprechen, scheint kaum mehr nöthig. Es sind That-
sachen des alltäglichsten Lebens. Wenn ich einen ärztlichen Besuch
zu machen vergessen habe, fühle ich lebhafte Unruhe. Ich weiss aus
Erfahrung, was diese Empfindung bedeutet: ein Vergessen. Vergebens
prüfe ich meine Erinnerungen, ich finde die Ursache nicht, bis sie
mir oft nach Stunden plötzlich in’s Bewusstsein tritt. Aber die ganze
Zeit über bin ich unruhig. Also ist die Vorstellung dieses Besuches
immer wirksam, also auch immer vorhanden, aber nicht im Bewusst-
sein. – Ein beschäftigter Mann hat Morgens einen Verdruss gehabt.
Sein Amt nimmt ihn ganz in Anspruch; während der Thätigkeit ist
sein bewusstes Denken völlig beschäftigt, und er denkt nicht an seinen
Aerger. Aber seine Entscheidungen werden davon beeinflusst, und er
sagt wohl Nein, wo er sonst Ja sagen würde. Also ist die Erinnerung
trotzdem wirksam, also vorhanden. Ein grosser Theil dessen, was wir
Stimmung nennen, stammt aus solcher Quelle, aus Vorstellungen, die
unter der Schwelle des Bewusstseins existiren und wirken. – Ja
unsere ganze Lebensführung wird fortwährend von unterbewussten
Vorstellungen beeinflusst. Wir sehen täglich, wie bei geistigem Ver-
fall, z. B. im Beginn einer Paralyse die Hemmungen schwächer werden
und schwinden, die sonst manche Handlungen verhindern. Aber der
Paralytiker, der jetzt vor Frauen Zoten spricht, ist in gesunden Tagen
davon nicht durch bewusste Erinnerung und Ueberlegung abgehalten
worden. Er mied es „instinctiv“ und „automatisch“, d. h. er wurde
durch Vorstellungen davon abgehalten, welche der Impuls zu solcher
Handlung wachrief, die aber unter der Bewusstseinsschwelle blieben
und doch den Impuls hemmten. – Alle intuitive Thätigkeit ist ge-
leitet durch Vorstellungen, die grossentheils unterbewusst sind. Es
werden eben nur die hellsten, intensivsten Vorstellungen vom Selbst-
bewusstsein wahrgenommen, während die grosse Masse actueller aber
schwächerer Vorstellungen unbewusst bleibt.Was gegen die Existenz und Wirksamkeit „unbewusster Vor-
stellungen“ eingewendet wird, erscheint grossentheils als Wortchicane.
Gewiss ist „Vorstellung“ ein Wort aus der Terminologie des be-
wussten Denkens und darum „unbewusste Vorstellung“ ein wider-
spruchsvoller Ausdruck. Aber der physische Process, welcher der
Vorstellung zu Grunde liegt, ist inhaltlich und formal (wenn auch
nicht quantitativ) derselbe, ob die Vorstellung über die Schwelle des
Bewusstseins tritt oder darunter bleibt. Es genügte, einen TerminusS.
196
zu bilden wie etwa „Vorstellungssubstrat“, um den Widerspruch zu
meiden und jenem Vorwurf zu entgehen.Es scheint also kein principielles Hinderniss dafür vorhanden,
dass man unbewusste Vorstellungen auch als Ursachen pathologischer
Phänomene anerkenne. Aber bei näherem Eingehen in die Sache
ergeben sich andere Schwierigkeiten. Wenn sonst die Intensität unbe-
wusster Vorstellungen anwächst, treten sie eo ipso in’s Bewusstsein.
Sie bleiben unbewusst nur bei geringer Intensität. Es scheint aber
schwer einzusehen, wie eine Vorstellung zugleich intensiv genug sein
sollte, um z. B. eine lebhafte motorische Action hervorzurufen und
doch nicht genug, um bewusst zu werden.Ich habe schon oben eine Anschauung erwähnt, welche viel-
leicht nicht kurz von der Hand gewiesen werden sollte. Die Hellig-
keit unserer Vorstellungen und damit ihre Fähigkeit, vom Selbst-
bewusstsein beobachtet zu werden, bewusst zu sein, ist mitbedingt
von dem Lust- oder Unlustgefühl, welches sie erwecken, von ihrem
Affectwerte. Wenn eine Vorstellung eine lebhafte somatische Folge
unmittelbar auslöst, so strömt die Erregung in die betreffende Bahn ab,
welche sonst, von ihr ausgehend, im Gehirn sich verbreiten würde,
und eben deshalb, weil sie körperliche Folgen hat, weil eine Conver-
sion ihrer psychischen Reizgrösse in somatische stattgefunden hat,
verliert sie die Helligkeit, welche sie sonst in dem Strom der Vor- stellungen auszeichnen würde; sie verliert sich unter den andern.Es hat z. B. jemand während des Essens einen heftigen Affect
gehabt und nicht „abreagirt“. In der Folge tritt beim Versuch zu
essen Würgen und Erbrechen auf, welches dem Kranken als rein
körperliches Symptom erscheint. Es besteht durch längere Zeit hyste-
risches Erbrechen, welches schwindet, nachdem in der Hypnose der
Affect erneuert, erzählt und darauf reagirt wurde. Unzweifelhaft ist
durch den Versuch zu essen jedesmal jene Erinnerung wachgerufen
worden und hat den Brechact ausgelöst. Aber sie tritt nicht klar
in’s Bewusstsein, weil sie nun affectlos ist, während das Erbrechen
die Aufmerksamkeit vollkommen absorbirt.Es ist denkbar, dass aus diesem Grunde manche Vorstellungen,
welche hysterische Phänomene auslösen, nicht als Ursache derselben
erkannt werden. Aber ein solches Uebersehen affectlos gewordener,
weil convertirter, Vorstellungen kann unmöglich die Ursache davon
sein, wenn in anderen Fällen Vorstellungscomplexe nicht in’s Bewusst-
sein treten, welche nichts weniger als affectlos sind. In unseren
Krankengeschichten sind mehrfache Beispiele dafür beigebracht.S.
197
Bei solchen Kranken ist es Regel, dass die Stimmungsveränderung,
Aengstlichkeit, zornige Gereiztheit, Trauer dem Auftreten des soma-
tischen Symptoms vorhergeht oder ihm alsbald folgt, um anzu-
wachsen, bis entweder durch eine Aussprache die Lösung erfolgt oder
Affect und somatische Phänomene allmählich wieder schwinden. Ge-
schah das erstere, so wurde die Qualität des Affectes immer ganz
verständlich, wenn auch seine Intensität dem Gesunden und nach der
Lösung auch dem Kranken selbst ganz unproportional erscheinen
musste. Das sind also Vorstellungen, welche intensiv genug sind, um
nicht bloss starke, körperliche Phänomene zu verursachen, sondern
auch den zugehörigen Affect hervorzurufen, die Association zu beein-
flussen, indem verwandte Gedanken durch sie bevorzugt werden, –
und dennoch selbst ausserhalb des Bewusstseins bleiben. Es bedarf
der Hypnose, wie in Beobachtung I und II, oder intensiver Nachhilfe
des Arztes (Beobachtung IV, V) bei dem mühsamsten Suchen, um
sie in’s Bewusstsein zu bringen.Solche Vorstellungen, welche (actuell aber) unbewusst sind,
nicht wegen relativ schwacher Lebhaftigkeit, sondern trotz grosser
Intensität, mögen wir bewusstseinsunfähige1) Vorstellungen
nennen.Die Existenz solcher bewusstseinsunfähigen Vorstellungen ist
pathologisch. Beim Gesunden treten alle Vorstellungen, welche über-
haupt actuell werden können, bei genügender Intensität auch in’s Be-
wusstsein. Bei unsern Kranken finden wir neben einander den grossen
Complex bewusstseinsfähiger und einen kleineren bewusstseinsunfähiger
Vorstellungen. Das Gebiet der vorstellenden psychischen Thätigkeit
fällt bei ihnen also nicht zusammen mit dem potentiellen Bewusst-
sein; sondern dieses ist beschränkter als jenes. Die psychische vor-
stellende Thätigkeit zerfällt hier in eine bewusste und unbewusste,
bewusstseinsfähige und nicht bewusstseinsfähige.
Wir können also nicht von einer Spaltung des Bewusstseins sprechen,
wohl aber von einer Spaltung der Psyche.Umgekehrt sind diese unterbewussten Vorstellungen auch durch
das bewusste Denken nicht zu beeinflussen und nicht zu corrigiren.
Vielfach handelt es sich um Erlebnisse, die seitdem inhaltlos ge-
worden sind, Furcht vor Ereignissen, die nicht eingetroffen sind,1)Der Ausdruck ist nicht eindeutig und lässt darum sehr zu wünschen
übrig; aber nach der Analogie von „hoffähig“ gebildet, mag er in Ermanglung
eines besseren unterdessen gebraucht werden.S.
198
Schrecken, der sich in Gelächter oder Freude über die Rettung auf
gelöst hat. Diese Nachfolgen nehmen der Erinnerung für das be-
wusste Denken jede Affectivität; die unterbewusste Vorstellung, welche
somatische Phänomene hervorruft, bleibt davon völlig unberührt.Es sei gestattet, dafür noch ein Beispiel zu bringen: Eine junge Frau war
einige Zeit in lebhafter Sorge um das Schicksal ihrer jüngeren Schwester. Unter
diesem Eindrucke verlängerte sich die sonst regelmässige Periode durch zwei
Wochen, es trat Schmerzhaftigkeit des linken Hypogastriums auf, und zweimal
fand sich Patientin, aus einer „Ohnmacht“ erwachend, steif auf dem Boden. Darauf
folgte eine linksseitige Ovarie mit Erscheinungen einer schweren Peritonitis, Fieber
losigkeit, Contractur des linken Beines (und des Rückens) kennzeichneten die Er-
krankung als Pseudoperitonitis, und als Patientin einige Jahre später starb und
obducirt wurde, fand sich nur „kleincystische Degeneration“ beider Ovarien ohne
Reste einer abgelaufenen Peritonitis. Die schweren Erscheinungen schwanden all-
mählich und hinterliessen Ovarie, Contractur der Rückenmuskeln, so dass der
Rumpf wie ein Balken steif war, und Contractur des linken Beines. Letztere
wurde in der Hypnose durch directe Suggestion beseitigt. Die Rückencontractur
blieb unbeeinflusst. Unterdessen hatte sich die Angelegenheit der Schwester voll-
ständig geordnet, und jede Befürchtung war geschwunden. Die hysterischen
Phänomene aber, die davon abgeleitet werden mussten, bestanden unverändert
fort. Die Vermuthung lag nahe, es seien selbständig gewordene Veränderungen
der Innervation, und nicht mehr an die veranlassende Vorstellung gebunden. Aber
als nun in der Hypnose Patientin gezwungen wurde, die ganze Geschichte bis zu
ihrer Erkrankung an „Peritonitis“ zu erzählen (was sie sehr ungern that), setzte
sie sich unmittelbar danach frei im Bette auf, und die Rückencontractur war für
immer geschwunden. (Die Ovarie, deren erster Ursprung gewiss viel älter war,
blieb unbeeinflusst.) – Es hatte also doch Monate hindurch die pathogene
Angstvorstellung wirksam lebendig fortbestanden; und sie war jeder Correctur
durch die Ereignisse völlig unzugänglich gewesen.Müssen wir nun die Existenz von Vorstellungskomplexen aner-
kennen, welche nie in’s wache Bewusstsein treten und durch das be-
wusste Denken nicht beeinflusst werden, so haben wir damit auch
schon für so einfache Hysterien wie die eben geschilderte die Spal-
tung der Psyche in zwei relativ unabhängige Theile zugegeben. Ich
behaupte nicht, dass alles, was man hysterisch nennt, eine solche
Spaltung zur Grundlage und Bedingung habe; wohl aber, dass „jene
Spaltung der psychischen Thätigkeit, die bei den bekannten Fällen
als double conscience so auffällig ist, in rudimentärer Weise bei jeder
„grossen“ Hysterie bestehe und dass die Fähigkeit und Neigung zu
dieser Dissociation das Grundphänomen dieser Neurose sei.“Bevor ich aber in die Discussion dieser Phänomene eingehe,
ist noch eine Bemerkung nachzutragen bezüglich der unbewussten
Vorstellungen, welche somatische Erscheinungen veranlassen. Wie imS.
199
oben erzählten Falle die Contractur, sind ja viele der hysterischen
Phänomene von langer continuirlicher Dauer. Sollen und können wir
annehmen, dass all die Zeit hindurch die veranlassende Vorstellung
immer lebendig, actuell vorhanden sei? Ich glaube: Ja. Gewiss
sehen wir beim Gesunden die psychische Thätigkeit mit raschem
Wechsel der Vorstellungen sich vollziehen. Aber wir sehen den schwer
Melancholischen lange Zeit continuirlich in dieselbe peinliche Vor-
stellung versunken, die immer lebendig, actuell ist. Ja, wir dürfen
wohl glauben, dass auch beim Gesunden eine schwere Sorge immer
vorhanden sei, da sie den Gesichtsausdruck beherrscht, selbst wenn
das Bewusstsein von anderen Gedanken erfüllt ist. Jener abgetrennte
Theil der psychischen Thätigkeit aber, den wir beim Hysterischen
von den unbewussten Vorstellungen erfüllt denken, ist meist so ärm-
lich damit besetzt, so unzugänglich dem Wechsel der äusseren Ein-
drücke, dass wir glauben können, hier sei einer Vorstellung dauernde
Lebhaftigkeit möglich.Wenn uns, wie Binet und Janet, die Abspaltung eines Theiles
der psychischen Thätigkeit im Mittelpunkte der Hysterie zu stehen
scheint, so sind wir verpflichtet, über dieses Phänomen möglichst
Klarheit zu suchen. Allzuleicht verfällt man in die Denkgewohnheit,
hinter einem Substantiv eine Substanz anzunehmen, unter „Bewusst-
sein“, „conscience“ allmählich ein Ding zu verstehen; und wenn man sich
gewöhnt hat, metaphorisch Localbeziehungen zu verwenden, wie „Unter-
bewusstsein“, so bildet sich mit der Zeit wirklich eine Vorstellung
aus, in der die Metapher vergessen ist, und mit der man leicht ma-
nipulirt wie mit einer realen. Dann ist die Mythologie fertig.All unserem Denken drängen sich als Begleiter und Helfer
räumliche Vorstellungen auf, und wir sprechen in räumlichen Metaphern.
So stellen sich die Bilder von dem Stamm des Baumes, der im Licht
steht, und seinen Wurzeln im Dunkel, oder von dem Gebäude und
seinem dunkeln Souterrain fast zwingend ein, wenn wir von den Vor-
stellungen sprechen, die im Gebiet des hellen Bewusstseins sich vor-
finden, und den unbewussten, die nie in die Klarheit des Selbst-
bewusstseins treten. Wenn wir uns aber immer gegenwärtig halten, dass
alles Räumliche hier Metapher ist, und uns nicht etwa verleiten lassen,
es im Gehirn zu localisiren, so mögen wir immerhin von einem Be-
wusstsein und einem Unterbewusstsein sprechen. Aber nur mit diesem
Vorbehalt.S.
200
Wir sind sicher vor der Gefahr, uns von unsern eigenen Rede-
figuren dupiren zu lassen, wenn wir uns immer daran erinnern, dass
es doch dasselbe Gehirn und höchst wahrscheinlich dieselbe Gross-
hirnrinde ist, in welchen die bewussten wie die unbewussten Vor-
stellungen entstehen. Wie das möglich, ist nicht zu sagen. Aber
wir wissen doch wohl so wenig von der psychischen Thätigkeit der
Hirnrinde, dass eine räthselhafte Complication mehr unsere unendliche
Unwissenheit kaum noch vergrössert. Die Thatsache müssen wir an-
erkennen, dass bei Hysterischen ein Theil der psychischen Thätigkeit
der Wahrnehmung durch das Selbstbewusstsein der wachen Person
unzugänglich und so die Psyche gespalten ist.Ein allbekannter Fall solcher Theilung der psychischen Thätigkeit ist
der hysterische Anfall in manchen seiner Formen und Stadien. In seinem
Beginne ist das bewusste Denken oft ganz erloschen; aber dann erwacht es
allmählich. Man hört von vielen intelligenten Kranken das Zugeständnis,
ihr bewusstes Ich sei während des Anfalles ganz klar gewesen und habe
mit Neugier und Verwunderung all das tolle Zeug beobachtet, das
sie vornahmen und sprachen. Solche Kranke haben dann auch wohl
die (irrige) Meinung, sie hätten mit gutem Willen den Anfall inhibiren
können, und sind geneigt, ihn sich als Schuld anzurechnen. „Sie
hätten es nicht thun müssen.“ (Auch die Selbstanklagen der Simulation
beruhen grossentheils auf dieser Empfindung.) Beim nächsten Anfall
vermag dann das bewusste Ich ebenso wenig die Vorgänge zu be-
herrschen wie beim früheren. – Da steht nun das Denken und Vor-
stellen des bewussten wachen Ichs neben den Vorstellungen, die, sonst
im Dunkel des Unbewussten, nun die Herrschaft über Muskulatur und
Sprache, ja auch über einen grossen Theil der vorstellenden Thätigkeit
selbst gewonnen haben, und die Spaltung der Psyche ist manifest.Den Namen einer Spaltung nicht bloss der psychischen Thätigkeit,
sondern des Bewusstseins, verdienen aber allerdings die Befunde Binet’s
und Janet’s; bekanntlich ist es diesen Beobachtern gelungen, sich mit
dem „Unterbewusstsein“ ihrer Kranken in Verkehr zu setzen, mit
jenem Theil der psychischen Thätigkeit, von welchem das bewusste
wache Ich nichts weiss; und sie haben daran bei manchen Fällen alle
psychischen Functionen, einschliesslich des Selbstbewusstseins, nach-
gewiesen. Denn es findet sich darin die Erinnerung an frühere psychische
Vorgänge. Diese halbe Psyche ist also eine ganz vollständige, in sich
bewusste. Der abgespaltene Theil der Psyche ist bei unseren Fällen
„in die Finsternis gebracht“, wie die Titanen in den Schlund des AetnaS.
201
gebannt sind, die Erde erschüttern mögen, aber nie im Lichte erscheinen.
In den Fällen Janet’s hat eine völlige Theilung des Reiches stattge-
funden. Noch mit einem Rangunterschied. Aber auch dieser schwindet,
wenn die beiden BewusstseinsHälften alterniren wie in den bekannten Fällen
von Double conscience und sich an Leistungsfähigkeit nicht unterscheiden.
Doch kehren wir zu jenen Vorstellungen zurück, die wir bei
unsern Kranken als Ursachen ihrer hysterischen Phänomene nachge-
wiesen haben. Es fehlt viel daran, dass wir alle geradezu „unbewusst“
und „bewusstseinsunfähig“ nennen könnten. Von der vollkommen be-
wussten Vorstellung, welche einen ungewöhnlichen Reflex auslöst, bis
zu jener, die niemals im Wachen, sondern nur in der Hypnose in’s
Bewusstsein tritt, geht eine kaum ununterbrochene Stufenleiter durch
alle Grade der Schattenhaftigkeit und Unklarheit. Trotzdem halten
wir den Nachweis erbracht, dass in höhern Graden von Hysterie die
Spaltung der psychischen Thätigkeit besteht, und sie allein scheint
eine psychische Theorie der Krankheit möglich zu machen.Was lässt sich nun über Ursache und Entstehung dieses Phänomens
mit Wahrscheinlichkeit aussagen oder vermuthen?P. Janet, dem die Lehre von der Hysterie so ungemein viel verdankt,
und mit dem wir in den meisten Punkten übereinstimmen, hat hier-
über eine Anschauung entwickelt, die wir nicht zur unserigen machen
können:Janet hält dafür, die „Spaltung der Persönlichkeit“ beruhe auf
einer originären geistigen Schwäche (insuffisance psychologique): alle
normale geistige Thätigkeit setze eine gewisse Fähigkeit der „Syn-
these“ voraus, die Möglichkeit, mehrere Vorstellungen zu einem Com-
plexe zu verbinden. Solche synthetische Thätigkeit sei schon die
Verschmelzung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen zu einem Bilde
der Umgebung; diese Leistung der Psyche finde man bei Hysterischen
tief unter der Norm stehend. Ein normaler Mensch werde wohl, wenn
seine Aufmerksamkeit maximal auf einen Punkt, z. B. auf die Wahr-
nehmung mittelst eines Sinnes gerichtet ist, vorübergehend die Fähigkeit
verlieren, Eindrücke der andern Sinne zu appercipiren, d. h. ins be-
wusste Denken aufzunehmen. Bei den Hysterischen sei das der Fall,
ohne jede besondere Concentration der Aufmerksamkeit. Percipiren
sie irgend etwas, so sind sie für die andern Sinneswahrnehmungen
unzugänglich. Ja sie seien nicht einmal im Stande, auch nur die Ein-
drücke eines Sinnes gesammelt aufzufassen; sie können z. B. nur dieS.
202
Tastwahrnehmungen einer Körperhälfte appercipiren; die der andern
Seite gelangen in’s Centrum, werden für Bewegungscoordination ver-
wertet, aber nicht appercipirt. Ein solcher Mensch ist hemianästhetisch.Beim normalen Menschen ruft eine Vorstellung eine grosse Menge
anderer associativ in’s Bewusstsein, welche zu der ersten z. B. unter-
stützend oder hemmend in ein Verhältnis treten, und nur maximal
lebhafte Vorstellungen sind wohl so überstark, dass die Associationen
unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben. Bei den Hysterischen
sei das immer der Fall. Jede Vorstellung nehme die ganze, geringe,
geistige Thätigkeit in Beschlag; das bedinge die übergrosse Affectivität
der Kranken.Diese Eigenschaft ihrer Psyche bezeichnet Janet mit dem Namen
der „Einengung des Bewusstseinsfeldes“ der Hysterischen, in Analogie
mit der „Einengung des Gesichtsfeldes“. Die nicht appercipirten
Sinneseindrücke und die erweckten, aber nicht in’s Bewusstsein ge-
tretenen Vorstellungen erlöschen meist ohne weitere Folgen, manchmal
aber aggregiren sie und bilden Complexe; die dem Bewusstsein ent-
zogene psychische Schichte, das Unterbewusstsein.Die Hysterie, wesentlich beruhend auf dieser Spaltung der Psyche,
sei „une maladie de faiblesse“; und darum entwickelte sie sich am
ehesten, wenn auf die originär schwache Psyche weitere schwächende
Einflüsse wirken oder hohe Ansprüche gestellt werden, welchen gegen-
über die geistige Kraft noch geringer erscheint.In dieser Darlegung seiner Anschauungen hat Janet auch schon
die wichtige Frage nach der Disposition zur Hysterie beantwortet:
nach dem Typus hystericus (dieses Wort in demselben Sinne ge-
nommen, wie man vom Typus phtisicus spricht und darunter den
langen, schmalen Thorax, das kleine Herz u. s. w. versteht). Janet
hält eine bestimmte Form angeborener geistiger Schwäche für die
Disposition zur Hysterie. Dem gegenüber möchten wir unsere An-
schauung kurz im folgenden formuliren: Die Spaltung des Bewusst-
seins tritt nicht ein, weil die Kranken schwachsinnig sind, sondern
die Kranken erscheinen schwachsinnig, weil ihre psychische Thätigkeit
getheilt ist und dem bewussten Denken nur ein Theil der Leistungs-
fähigkeit zur Verfügung steht. Als Typus hystericus, als Inbegriff
der Disposition zu Hysterie können wir geistige Schwäche nicht an-
sehen.Was mit dem ersteren Satze gemeint ist, mag ein Beispiel
erläutern. Vielemale konnten wir bei einer unserer Kranken (FrauS.
203
Cäcilie M.) den folgenden Verlauf beobachten: In relativem Wohlsein
trat ein hysterisches Symptom auf: eine quälende, obsedirende Hallu-
cination, eine Neuralgie o. dgl., deren Intensität durch einige Zeit
zunahm. Damit zugleich nahm die geistige Leistungsfähigkeit con-
tinuirlich ab, und nach einigen Tagen musste jeder uneingeweihte
Beobachter die Kranke schwachsinnig nennen. Dann wurde sie von der
unbewussten Vorstellung (der Erinnerung an ein oft längst vergangenes
psychisches Trauma) entbunden; entweder durch den Arzt in der
Hypnose oder dadurch, dass sie plötzlich in einem Aufregungs-
zustand unter lebhaftem Affect die Sache erzählte. Dann wurde
sie nicht bloss ruhig und heiter, befreit von dem quälenden Symp-
tom, sondern immer wieder war man erstaunt über den reichen,
klaren Intellect, die Schärfe ihres Verstandes und Urtheils. Mit
Vorliebe spielte sie (vortrefflich) Schach, und gerne zwei Partien
zugleich, was wohl kaum ein Zeichen mangelnder geistiger Synthese
ist. Der Eindruck war unabweisbar, dass in solchem Verlauf die
unbewusste Vorstellung einen immer wachsenden Theil der psychischen
Thätigkeit an sich reisse, dass, je mehr das geschehe, desto kleiner
der Antheil des bewussten Denkens werde, bis dieses zur vollen Im-
becillität herabsinke; dass sie aber, wenn sie nach dem merkwürdig
treffenden Wiener Ausdruck „beisammen“ war, eine eminente geistige
Leistungsfähigkeit besitze.Wir möchten zum Vergleiche von den Zuständen der Normalen
nicht die Concentration der Aufmerksamkeit herbeiziehen, sondern die
Präoccupation. Wenn ein Mensch durch eine lebhafte Vorstellung,
z. B. eine Sorge „präoccupirt“ ist, wird seine geistige Leistungsfähig-
keit in ähnlicher Weise herabgesetzt.Jeder Beobachter steht überwiegend unter dem Einfluss seiner
Beobachtungsobjecte, und wir möchten glauben, dass sich Janet’s Auf-
fassung wesentlich in dem eingehenden Studium jener schwachsinnigen
Hysterischen gebildet hat, die im Spitale oder Versorgungshaus sind,
weil sie ihrer Krankheit und ihrer dadurch bedingten geistigen
Schwäche halber sich im Leben nicht halten können. Unsere Beob-
achtung gebildeter Hysterischer zwingt uns zu einer wesentlich anderen
Meinung von ihrer Psyche. Wir glauben, „dass man unter den Hyste-
rischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten und
kritischesten Menschen finden kann“. Kein Maass wirklicher, tüchtiger,
psychischer Begabung ist durch Hysterie ausgeschlossen, wenn auch
oft durch die Krankheit die reale Leistung unmöglich wird. War jaS.
204
auch die Schutzheilige der Hysterie, St. Theresa, eine geniale Frau
von der größten praktischen Tüchtigkeit.
Aber freilich, auch kein Ausmaß von Albernheit, Unbrauchbar-
keit und Willensschwäche sichert vor Hysterie. Auch wenn man von
all dem absieht, was erst Folge der Krankheit ist, muß man den
Typus der schwachsinnigen Hysterischen als einen häufigen aner-
kennen. Nur handelt es sich auch hier nicht um torpide, phlegma-
tische Dummheit, sondern mehr um einen überhohen Grad geistiger
Beweglichkeit, welche untüchtig macht. Ich werde später die Frage
nach der originären Disposition besprechen. Hier soll nur festgestellt
werden, dass die Meinung Janet’s, geistige Schwäche liege überhaupt
der Hysterie und der psychischen Spaltung zu Grunde, unannehmbar ist.
Im vollen Gegensatz zu Janet’s Ansicht meine ich, in sehr vielen
Fällen liege der Desaggregation eine psychische Ueberleistung zu
Grunde, die habituelle Coexistenz zweier heterogenen Vorstellungs-
reihen. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass wir häufig nicht
bloss „mechanisch“ thätig sind, während in unserem bewussten Denken
Vorstellungsreihen ablaufen, die mit unserer Thätigkeit nichts gemein-
haben; sondern wir sind auch unzweifelhafter psychischer Leistungen
fähig, während unsere Gedanken „anderswo beschäftigt“ sind; wie
z. B. wenn wir correct und mit dem entsprechenden Tonfall vorlesen
und doch dann absolut nicht wissen, was wir gelesen haben.
Es gibt wohl eine ganze Menge von Thätigkeiten, von den
mechanischen wie Stricken, Skalenspielen an bis zu solchen, die
immerhin einige seelische Leistung bedingen, welche alle von vielen
Menschen mit halber Präsenz des Geistes geleistet werden. Besonders
von solchen, die, bei grosser Lebhaftigkeit, durch monotone, einfache,
reizlose Beschäftigung gequält werden und sich anfangs geradezu
absichtlich die Unterhaltung verschaffen, an anderes zu denken.
(„Privattheater“ bei Anna O., Krankengeschichte Nr. I.) Ein anderer,
aber ähnlicher Fall besteht, wenn eine interessante Vorstellungsreihe,
z. B. aus Lecture, Theater u. dgl. stammend, sich auf- und eindrängt.
Noch energischer ist dieses Eindrängen, wenn die fremde Vorstellungs-
reihe stark „affectiv betont“ ist, als Sorge, verliebte Sehnsucht. Dann
ist der oben berührte Zustand der Präoccupation gegeben, der aber
viele Menschen nicht hindert, Leistungen von mässiger Complicirtheit
dennoch zu Stande zu bringen. Sociale Verhältnisse erzwingen oft
solche Verdoppelungen auch intensiven Denkens, wie z. B. wenn eine
Frau in quälender Sorge oder leidenschaftlicher Aufregung ihre ge-
S.
205
selligen Pflichten und die Functionen der liebenswürdigen Wirthin
erfüllt. Geringere Leistungen dieser Art bringen wir alle im Berufe
fertig; aber die Selbstbeobachtung scheint auch jedem zu ergeben,
dass die affective Vorstellungsgruppe nicht associatorisch dann und
wann erweckt wird, sondern fortwährend actuell in der Psyche vor
handen ist, in’s Bewusstsein tretend, sowie kein lebhafter äusserer
Eindruck oder Willensact dasselbe in Beschlag nimmt.Auch bei Menschen, die nicht habituell Wachträume neben der
gewöhnlichen Thätigkeit einherfliessen lassen, bedingen manche Situa-
tionen durch grössere Zeiträume hindurch ein solches Nebeneinander
der wechselnden Eindrücke und Reactionen des äusseren Lebens und
einer affectiv betonten Vorstellungsgruppe. Post equitem sedet atra
cura. Solche Situationen sind vor anderen die Krankenpflege theurer
Menschen und die Liebesneigung. Erfahrungsgemäss spielen Kranken-
pflege und Sexualaffect auch die Hauptrolle in den meisten genauer
analysirten Krankengeschichten Hysterischer.Ich vermuthe, dass die habituelle oder durch affectvolle Lebens-
lagen bedingte Verdoppelung der psychischen Fähigkeit zur wirklichen,
pathologischen Spaltung der Psyche wesentlich disponire. Sie
geht in diese über, wenn die beiden coexistirenden Vorstellungsreihen
nicht mehr gleichartigen Inhalt haben, wenn die eine davon bewusst-
seins-unfähige Vorstellungen enthält: abgewehrte und solche, die aus
hypnoiden Zuständen stammen. Dann ist das Confluiren der beiden
zeitweise getrennten Ströme, das beim Gesunden immer wieder statt-
hat, unmöglich, und es etabliert sich dauernd ein abgespaltenes Gebiet
unbewusster psychischer Thätigkeit. Diese hysterische Spaltung der
Psyche verhält sich zu dem „Doppel-Ich“ des Gesunden wie das
Hypnoid zu der normalen Träumerei. Hier bedingt die Amnesie die
pathologische Qualität und dort die Bewusstseinsunfähigkeit der Vor-
stellungen.Die Beobachtung I (Anna O.), auf die ich immer zurückkommen
muss, gewährt klaren Einblick in den Hergang. Das Mädchen war,
in voller Gesundheit, gewöhnt, neben ihren Beschäftigungen phanta-
stische Vorstellungsreihen einherfliessen zu lassen. In einer für die
Autohypnose günstigen Situation tritt der Angstaffect in die Träumerei
ein und schafft ein Hypnoid, für welches Amnesie besteht. Dies
wiederholt sich bei verschiedenen Gelegenheiten, sein Vorstellungs-
inhalt wird allmählich immer reicher; aber noch immer alternirt es
mit dem Zustande vollkommen normalen wachen Denkens.S.
206
Nach 4 Monaten bemächtigt sich der Hypnoidzustand der
Kranken vollständig; indem die einzelnen Attaquen confluiren, bildet
sich ein état de mal, eine schwerste acute Hysterie. Nach mehr
monatlicher Dauer in verschiedenen Formen (somnambule Periode)
wird er gewaltsam unterbrochen und alternirt nun wieder mit normalem
psychischen Verhalten. Aber auch in diesem persistiren die somatischen
und psychischen Phänomene, von denen wir hier wissen, dass sie
auf Vorstellungen des Hypnoids beruhen (Contractur, Hemianästhesie
Aenderung der Sprache). Dadurch ist bewiesen, dass auch während
des normalen Verhaltens der Vorstellungskomplex des Hypnoids, das
„Unterbewusstsein“, actuell ist, dass die Spaltung der Psyche fort-
besteht.Ein zweites Beispiel solcher Entwicklung kann ich nicht bei-
bringen. Ich glaube aber, dass dieses einiges Licht auf die Aus-
bildung der traumatischen Neurose wirft. Bei dieser wiederholt sich in den
ersten Tagen nach dem Unfall mit der Erinnerung an diesen das Schreck-
hypnoid; während dies immer häufiger geschieht, nimmt seine Inten-
sität doch so weit ab, dass es nicht mehr mit dem wachen Denken
alternirt, sondern nur neben ihm besteht. Nun wird es continuirlich,
und die somatischen Symptome, welche früher nur im Schreckanfall
bestanden, gewinnen eine dauernde Existenz. Ich kann aber nur ver-
muthen, dass es so zugehe, da ich keinen solchen Fall analysirt habe.Die Beobachtungen und Analysen Freud’s beweisen, dass die
Spaltung der Psyche auch durch die „Abwehr“, durch die willkür-
liche Abwendung des Bewusstseins von peinlichen Vorstellungen be-
dingt sein kann. Aber doch nur bei manchen Menschen, denen wir
deshalb eine psychische Eigenart zuschreiben müssen. Bei normalen
Menschen gelingt die Unterdrückung solcher Vorstellungen, und dann
schwinden sie vollständig, oder sie gelingt nicht, und dann tauchen
sie immer wieder im Bewusstsein auf. Worin jene Eigenart besteht,
weiss ich nicht zu sagen. Ich wage nur die Vermuthung, es sei die
Hilfe des Hypnoids nothwendig, wenn durch die Abwehr nicht bloss
einzelne convertirte Vorstellungen zu unbewussten gemacht werden,
sondern eine wirkliche Spaltung der Psyche vollzogen werden soll.
Die Autohypnose schaffte sozusagen den Raum, das Gebiet unbe-
wusster psychischer Thätigkeit, in welches die abgewehrten Vor-
stellungen hineingedrängt werden. Doch wie dem auch sei, die That-
sache von der pathogenen Bedeutung der „Abwehr“ müssen wir
anerkennen.S.
207
Ich glaube aber nicht, dass mit den besprochenen, halbwegs
verständlichen Vorgängen die Genese der psychischen Spaltung auch
nur annähernd erschöpft wäre. So lassen beginnende Hysterien höhern
Grades meist einige Zeit hindurch ein Syndrom beobachten, das man
wohl als acute Hysterie bezeichnen darf. (In den Anamnesen männ-
licher Hysteriker begegnet man dieser Form der Erkrankung ge-
wöhnlich unter dem Namen: Gehirnentzündung; bei weiblichen Hysterien
gibt die Ovarie dabei Anlass zu der Diagnose: Bauchfellentzündung.)In diesem acuten Stadium der Hysterie sind psychotische Züge
sehr deutlich; manische und zornige Aufregungszustände, rascher
Wechsel hysterischer Phänomene, Hallucinationen u. dgl. m. In
solchem Zustand mag die Spaltung der Psyche vielleicht in anderer
Weise erfolgen, als wir oben darzulegen suchten.Vielleicht ist dieses ganze Stadium als ein langer hypnoider
Zustand zu betrachten, dessen Residuen den Kern des unbewussten
Vorstellungskomplexes abgeben, während das wache Denken dafür
amnestisch ist. Da uns die Entstehungsbedingungen einer solchen
acuten Hysterie meist nicht bekannt sind (ich wage nicht, den Her-
gang bei Anna O. für den allgemein giltigen zu halten), so wäre das
eine weitere, im Gegensatz zu den oben erörterten, irrational zu
nennende Art der psychischen Spaltung1). Und so werden gewiss noch
andere Arten dieses Vorganges existiren, die sich der jungen psycho-
logischen Erkenntniss noch entzogen haben. Denn gewiss haben wir
nur die ersten Schritte auf diesem Gebiete gemacht und werden
weitere Erfahrungen die heutigen Anschauungen wesentlich umge-
stalten.
Fragen wir nun, was die in den letzten Jahren gewonnene Kennt-
niss der psychischen Spaltung für das Verständnis der Hysterie ge-
leistet hat. Es scheint viel und Bedeutungsvolles zu sein.Diese Erkenntniss ermöglicht, scheinbar rein somatische Sym-
ptome auf Vorstellungen zurückzuführen, die aber im Bewusstsein der
Kranken nicht zu finden sind. Es ist überflüssig, nochmals hierauf
einzugehen.1)Ich muss aber bemerken, dass gerade in dem bestbekannten und durch-
sichtigsten Fall grosser Hysterie mit manifester double conscience, eben bei Anna O.
(Beobachtung I), kein Rest aus dem acuten Stadium in das chronische hinüber-
getragen wurde und alle Phänomene des letzteren schon in der „Incubationszeit“
in Hypnoiden und Affectzuständen erzeugt worden waren.S.
208
Sie hat den Anfall als eine Leistung des unbewußten Vor-
stellungskomplexes mindestens theilweise verstehen gelehrt (Charcot).
Sie erklärt aber auch manche der psychischen Eigenthüm-
lichkeiten der Hysterie, und dieser Punkt verdient vielleicht eingehendere
Besprechung.
Die „unbewußten Vorstellungen“ treten zwar nie oder doch
nur selten und schwer in das wache Denken, aber sie beeinflussen es.
Erstens durch ihre Wirkungen, wenn z. B. eine völlig unverständliche,
sinnlose Hallucination den Kranken peinigt, deren Bedeutung und
Motivirung in der Hypnose klar wird.
Dann beeinflussen sie die Association, indem sie einzelne Vor-
stellungen lebhafter werden lassen, als sie ohne diese aus dem Unbe-
wußten stammende Verstärkung wären. So drängen sich dann den
Kranken mit einem gewissen Zwange immer bestimmte Vorstellungs-
gruppen auf, an die sie denken müssen. (Aehnlich ist es, wenn Janet’s
Hemianästhetische zwar die wiederholte Berührung ihrer empfindungs-
losen Hand nicht fühlen, aber aufgefordert, eine beliebige Zahl zu
nennen, immer jene wählen, welche der Zahl der Berührungen ent-
spricht.) Weiters beherrschen sie die Gemüthslage, die Stimmung.
Wenn sich Anna O. bei Abwicklung ihrer Erinnerungen einem Vor-
gang näherte, der ursprünglich mit lebhaftem Affect verbunden ge-
wesen war, so trat die entsprechende Gemüthsstimmung schon Tage
vorher auf, ehe die Erinnerung auch nur in dem hypnotischen Be-
wusstsein klar erschien.
Dies macht uns die „Launen“, die unerklärlichen, unbegrün-
deten, für das wache Denken motivlosen Verstimmungen der Kranken
verständlich. Die Impressionabilität der Hysterischen ist ja grossen-
theils einfach durch ihre originäre Erregbarkeit bedingt; aber die
lebhaften Affecte, in die sie durch relativ geringfügige Ursachen ge-
rathen, werden begreiflicher, wenn wir bedenken, dass die „abgespal-
tene Psyche“ wirkt wie ein Resonator auf den Ton der Stimmgabel.
Jedes Vorkommniss, welches „unbewusste“ Erinnerungen erregt, macht
die ganze affective Kraft dieser nicht usurirten Vorstellungen frei,
und der hervorgerufene Affect steht dann ganz ausser Verhältniss
zu jenem, der in der bewussten Psyche allein entstanden wäre.
Es wurde oben (p. 203) von einer Kranken berichtet, deren psy-
chische Leistung immer im umgekehrten Verhältniss zu der Lebhaftig-
keit ihrer unbewussten Vorstellungen steht. Die Herabsetzung ihres
bewussten Denkens beruht theilweise, aber nur theilweise, auf einerS.
209
eigentümlichen Art von Zerstreutheit; nach jeder momentanen „Ab-
sence“, wie solche fortwährend eintreten, weiss sie nicht, an was sie
während derselben gedacht hat. Sie oscillirt zwischen der „condition
prime“ und „seconde“, zwischen dem bewussten und dem unbe-
wussten Vorstellungskomplex. Aber nicht bloss dadurch ist ihre psy-
chische Leistung herabgesetzt und auch nicht bloss durch den Affect,
der vom Unbewussten aus sie beherrscht. Ihr waches Denken ist in
solchem Zustand energielos, ihr Urtheil kindisch, sie scheint, wie ge-
sagt, geradezu imbecill. Ich meine, das sei darin begründet, dass dem
wachen Denken eine geringere Energie zur Verfügung steht, wenn
eine grosse Menge der psychischen Erregung vom Unbewussten in
Beschlag genommen ist.Wenn das nun nicht bloss temporär der Fall ist, wenn die abge-
spaltene Psyche fortwährend in Erregung ist, wie bei Janet’s Hemi-
anästhetischen, bei denen sogar alle Empfindungen der einen Körper-
hälfte nur von der unbewussten Psyche percipirt werden, so bleibt
für das wache Denken so wenig von der Gehirnleistung übrig, dass
sich dadurch die psychische Schwäche vollauf erklärt, die Janet
schildert und für originär hält. Wohl von den wenigsten Menschen
dürfte man sagen wie von Uhland’s Bertrand de Born, „dass ihnen
nie mehr als die Hälfte ihres Geistes nöthig sei“. Die allermeisten
sind bei solcher Reduction ihrer psychischen Energie eben schwach-
sinnig.Auf dieser, durch die psychische Spaltung bedingten geistigen
Schwäche scheint nun auch eine folgenreiche Eigenschaft mancher
Hysterischen zu beruhen, ihre Suggestibilität. (Ich sage, „mancher
Hysterischen“, denn es ist sicher, dass man unter den Kranken dieser
Art auch die urtheilssichersten, kritischesten Menschen findet.)Wir verstehen unter Suggestibilität zunächst nur die Kritik-
losigkeit gegen Vorstellungen und Vorstellungskomplexe (Urtheile),
welche im eigenen Bewusstsein auftauchen oder von aussen in das-
selbe eingeführt werden, durch Hören fremder Rede oder Lectüre.
Alle Kritik solcher frisch in’s Bewusstsein tretender Vorstellungen
beruht darauf, dass sie associativ andere erwecken, und darunter auch
solche, die mit ihnen unvereinbar sind. Der Widerstand gegen sie
ist also abhängig von dem Besitz des potentiellen Bewusstseins an
solchen widerstrebenden Vorstellungen, und seine Stärke entspricht
dem Verhältniss zwischen der Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen
und der aus der Erinnerung erweckten. Dieses Verhältniss ist auchS.
210
bei normalen Intellecten sehr verschieden. Was wir intellectuelles
Temperament nennen, hängt grossentheils davon ab. Der Sanguiniker,
den neue Menschen und Dinge immer entzücken, ist wohl so, weil
die Intensität seiner Erinnerungsbilder im Vergleich mit jener der
neuen Eindrücke geringer ist als bei den ruhigeren, „phlegmatischen“
Menschen. In pathologischen Zuständen wächst das Uebergewicht
frischer Vorstellungen und die Widerstandslosigkeit gegen solche um
so mehr, je weniger Erinnerungsbilder erweckt werden, also je schwächer
und ärmer die Association ist; so schon im Schlaf und Traum, in der
Hypnose, bei jedem Abnehmen der geistigen Energie, so lange es
nicht auch die Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen schädigt.Die unbewusste, gespaltene Psyche der Hysterie ist eminent
suggestibel, der Armut und Unvollständigkeit ihres Vorstellungsinhaltes
wegen. Aber auch die Suggestibilität der bewussten Psyche mancher
Hysterischen scheint hierauf zu beruhen. Ihrer originären Anlage nach
sind sie erregbar; frische Vorstellungen sind bei ihnen von grosser
Lebhaftigkeit. Dagegen ist die eigentliche intellectuelle Thätigkeit,
die Association, herabgesetzt, weil dem wachen Denken, der Abspaltung
eines „Unbewussten“ wegen, nur ein Theil der psychischen Energie
zur Verfügung steht.Damit ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen Auto-
wie Fremd-
suggestionen vermindert und manchmal vernichtet. Auch die Sugge-
stibilität ihres Willens dürfte hieraus allein entspringen. Die halluci-
natorische Suggestibilität dagegen, welche jede Vorstellung einer Sinnes-
wahrnehmung alsbald in die Wahrnehmung selbst verwandelt, erfordert,
wie jede Hallucination, einen abnormen Grad von Erregbarkeit des
Perceptionsorganes und lässt sich aus der psychischen Spaltung allein
nicht ableiten.VI. Originäre Disposition; Entwicklung der Hysterie.
Fast auf jeder Stufe dieser Darlegungen habe ich anerkennen
müssen, dass die meisten Erscheinungen, um deren Verständnis wir
uns bemühen, auch auf angeborener Eigenart beruhen können. Diese
entzieht sich jeder Erklärung, welche über die Constatirung der That-
sachen hinausgehen wollte. Aber auch die Fähigkeit, Hysterie
zu acquiriren, ist gewiss an eine Eigenart der Menschen gebunden,
und der Versuch wäre vielleicht nicht ganz wertlos, diese etwas
genauer zu definiren.S.
211
Ich habe oben auseinandergesetzt, warum die Anschauung Janet’s
unannehmbar ist: Die Disposition zur Hysterie beruhe auf angeborener
psychischer Schwäche. Der Praktiker, der als Hausarzt die Glieder
hysterischer Familien in allen Altersstufen beobachtet, wird gewiss
eher geneigt sein, diese Disposition in einem Ueberschuss als in
einem Defect zu suchen. Die Adolescenten, welche später hysterisch
werden, sind vor ihrer Erkrankung meist lebhaft, begabt, voll geistiger
Interessen; ihre Willensenergie ist oft bemerkenswert. Zu ihnen gehören
jene Mädchen, die Nachts aufstehen, um heimlich irgend ein Studium
zu treiben, das ihnen die Eltern aus Furcht vor Ueberanstrengung versagten.
Die Fähigkeit besonnenen Urtheils ist gewiss ihnen nicht reichlicher
gegeben als anderen Menschen. Aber selten findet man unter ihnen
einfache, stumpfe Geistesträgheit und Dummheit. Die überströmende
Productivität ihrer Psyche brachte einen meiner Freunde zu der Be-
hauptung: die Hysterischen seien die Blüte der Menschheit, freilich
so steril, aber auch so schön wie die gefüllten Blumen.Ihre Lebhaftigkeit und Unrast, ihr Bedürfnis nach Sensationen
und geistiger Thätigkeit, ihre Unfähigkeit, Monotonie und Langweile
zu ertragen, lassen sich so formuliren: sie gehörten zu jenen Menschen,
deren Nervensystem in der Ruhe ein Uebermaass von Erregung frei
macht, welches Verwendung fordert (s. pag. 172). Während und infolge
der Pubertätsentwicklung tritt zu dem originären Ueberschuss noch
jene gewaltige Steigerung der Erregung, welche von der erwachenden
Sexualität, von den Geschlechtsdrüsen ausgeht. Nun ist ein übergrosses
Quantum freier nervöser Erregung verfügbar für pathologische Phä-
nomene: aber, damit diese in Form hysterischer Krankheitserscheinungen
auftreten, dazu braucht es offenbar noch einer anderen, specifischen
Eigenart des Individuums. Denn die grosse Mehrzahl der lebhaften,
erregten Menschen wird ja doch nicht hysterisch.Diese Eigenart konnte ich oben nur mit dem vagen und inhalts-
armen Worte: „abnorme Erregbarkeit des Nervensystems“ bezeichnen.
Man kann aber doch vielleicht weiter gehen und sagen: diese Ab-
normität liege eben darin, dass bei solchen Menschen in die Nerven-
apparate der Empfindung, welche de norma nur peripheren Reizen
zugänglich sind, und in diejenigen der vegetativen Organe, welche
durch starke Widerstände vom Centralnervensystem isolirt sind, die
Erregung des Centralorgans einströmen kann. Diese Vorstellung von
dem immer vorhandenen Erregungsüberschuss, welchem die sensiblen,
vasomotorischen und visceralcn Apparate zugänglich sind, kann viel-
leicht schon einige pathologische Phänomene decken.S.
212
Sowie bei so beschaffenen Menschen die Aufmerksamkeit gewaltsam
auf einen Körpertheil concentrirt wird, übersteigt die „attentionelle
Bahnung“ (Exner) der betreffenden sensiblen Leitung das normale
Maass; die freie, flottirende Erregung versetzt sich, so zu sagen, auf
diese Bahn, und es entsteht die locale Hyperalgesie, welche es ver-
ursacht, dass alle, irgendwie bedingten, Schmerzen maximal intensiv
werden, dass alle Leiden „furchtbar“ und „unerträglich“ sind. Aber
die Erregungsquantität, welche einmal eine sensible Bahn besetzt hat,
verlässt sie nicht immer wieder wie beim normalen Menschen; sie
verharrt nicht bloss, sondern vermehrt sich durch Zuströmen immer
neuer Erregungen. So entwickelt sich nach einem leichten Gelenks-
trauma eine Gelenksneurose; die Schmerzempfindungen der Ovarial-
schwellung werden zur dauernden Ovarie.Die Nervenapparate der Circulation sind dem cerebralen Einfluss
zugänglicher als beim Normalen: es besteht nervöses Herzklopfen,
Neigung zur Synkope, excessive Erröthen und Erblassen u. s. f.Aber allerdings nicht bloss centralen Einflüssen gegenüber sind
die peripheren nervösen Apparate leichter erregbar; sie reagiren auch
auf die adäquaten, functionellen Reize in excessiver und perverser
Weise. Das Herzklopfen folgt mässiger Anstrengung wie gemüthlicher
Aufregung, und die Vasomotoren bringen Arterien zur Contraction
(„absterbende Finger“) ohne allen psychischen Einfluss. Und gerade
wie einem leichten Trauma die Gelenksneurose folgt, so hinterlässt
eine kurze Bronchitis nervöses Asthma und eine Indigestion häufige
Cardialgie. So müssen wir anerkennen, dass die Zugänglichkeit für
Erregungssummen centralen Ursprungs nur ein Specialfall der allgemeinen
abnormen Erregbarkeit ist,1) wenn auch der für unser Thema wichtigste.Ich glaube darum auch nicht, dass die alte „Reflextheorie“ dieser
Symptome, die man vielleicht besser einfach „nervöse“ nennen würde,
die aber zu dem empirischen Krankheitsbilde der Hysterie gehören,
ganz zu verwerfen ist. Das Erbrechen, das ja die Dehnung des graviden
Uterus begleitet, kann bei abnormer Erregbarkeit ganz wohl von
geringfügigen uterinen Reizen reflectorisch ausgelöst werden; ja viel-
leicht auch von den wechselnden Schwellungen der Ovarien. Wir kennen so
viele Fernwirkungen von Organveränderungen, so viele sonderbar „conjugirte
Punkte“, dass es nicht abzuweisen ist, eine Menge nervöser Symptome,
welche das einemal psychisch bedingt sind, möchten in anderen Fällen1)Oppenheim’s „Labilität der Molecule“.
S.
213
reflectorische Fernwirkungen sein. Ja, ich wage die höchst unmoderne
Ketzerei, es könnte doch einmal auch die Bewegungsschwäche eines
Beines nicht psychisch, sondern direct reflectorisch durch eine Genital-
krankheit bedingt sein. Ich meine, wir thun gut, unsere neuen Ein-
sichten nicht allzu ausschliesslich gelten zu lassen und für alle Fälle
zu generalisiren.Andere Formen abnormer sensibler Erregbarkeit entziehen sich
unserem Verständnisse noch vollständig; so die allgemeine Analgesie,
die anästhetischen Plaques, die reale Gesichtsfeldeinengung u. dgl. m.
Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, dass weitere Beobachtungen
den psychischen Ursprung des einen oder anderen dieser Stigmen nach-
weisen und damit das Symptom erklären werden; bisher ist das nicht
geschehen; (ich wage nicht, die Anhaltspunkte, welche unsere Beob-
achtung I gibt, zu verallgemeinern), und ich halte es nicht für ge-
rechtfertigt, bevor eine solche Ableitung gelungen ist, sie zu prä-
sumiren.Dagegen scheint die bezeichnete Eigenart des Nervensystems und
der Psyche einige allbekannte Eigenschaften vieler Hysterischen zu
erklären. Der Ueberschuss von Erregung, welchen ihr Nervensystem
in der Ruhe frei macht bedingt ihre Unfähigkeit, ein monotones Leben
und Langweile zu ertragen; ihr Sensationsbedürfniss, welches sie dazu
treibt, nach Ausbruch der Krankheit die Eintönigkeit der Kranken-
existenz durch allerlei „Ereignisse“ zu unterbrechen, als welche sich
naturgemäss vor allem pathologische Phänomene darbieten. Die Auto-
suggestion unterstützt sie darin oft. Sie werden darin immer weiter
geführt durch ihr Krankheitsbedürfniss, jenen merkwürdigen Zug, der
für die Hysterie so pathognomonisch ist, wie die Krankheitsfurcht für
die Hypochondrie. Ich kenne eine Hysterica, welche ihre oft recht
bedeutenden Selbstbeschädigungen nur für den eigenen Gebrauch vor-
nahm, ohne dass Umgebung und Arzt davon erfuhren. Wenn nichts
anderes, so vollzog sie, allein im Zimmer, allerlei Unfug, nur um sich
selbst zu beweisen, sie sei nicht normal. Sie hat eben ein deutliches
Gefühl ihrer Krankheitigkeit, erfüllt ihre Pflichten ungenügend und
schafft sich durch solche Acte die Rechtfertigung vor sich selbst.
Eine andere Kranke, eine schwerleidende Frau von krankhafter Ge-
wissenhaftigkeit und voll Misstrauen gegen sich selbst, empfindet
jedes hysterische Phänomen als Schuld; „weil sie das ja wohl nicht
haben müsste, wenn sie nur ordentlich wollte“. Als die Parese ihrer Beine
irrigerweise für eine spinale Krankheit erklärt wurde, empfand sie dasS.
214
als eine Erlösung, und die Erklärung, es sei „nur nervös“ und werde
vergehen, genügte, um ihr schwere Gewissensangst zu erzeugen. Das
Krankheitsbedürfniss entspringt der Sehnsucht der Patientin, sich und
andere von der Realität ihrer Krankheit zu überzeugen. Wenn es sich
dann zu der Pein gesellt, welche durch die Monotonie des Kranken-
zimmers bedingt wird, so entwickelt sich die Neigung, immer neue
Symptome zu haben, auf’s stärkste.Wenn diese aber zur Verlogenheit wird und zu wirklicher
Simulation fühlt – und ich glaube, wir gehen jetzt in der Ablehnung
der Simulation gerade so zu weit, wie früher in ihrer Annahme –
dann beruht das nicht auf der hysterischen Disposition, sondern, wie
Möbius vortrefflich sagt, auf der Complication derselben mit andern
Degenerationen, originärer moralischer Minderwertigkeit. Gerade wie die
„bösartige Hysterica“ dadurch entsteht, dass ein originär erregbarer,
aber gemütsarmer Mensch noch der egoistischen Charakterverkümmerung
anheimfällt, welche chronisches Siechthum so leicht erzeugt. Die
„bösartige Hysterica“ ist übrigens kaum häufiger als der bösartige
Tabiker späterer Stadien.Auch in der motorischen Sphäre erzeugt der Erregungsüberschuss
pathologische Phänomene. So geartete Kinder entwickeln sehr leicht
tickartige Bewegungen, welche, zuerst angeregt durch irgend eine Empfindung
in den Augen oder im Gesichte oder durch die Gêne eines
Kleidungsstückes, alsbald Dauer gewinnen, wenn sie nicht sogleich
bekämpft werden. Die Reflexbahnen werden sehr leicht und rasch „aus-
gefahren“.Es ist auch nicht abzuweisen, dass es einen rein motorischen,
von jedem psychischen Factor unabhängigen Krampfanfall gebe, in
dem sich nur die durch Summation angehäufte Erregungsmasse ent-
lädt, geradeso wie die durch anatomische Veränderungen bedingte
Reizmasse im epileptischen Anfalle. Das wäre der nicht ideogene hy-
sterische Krampf.Wir sehen so oft Adolescenten, welche zwar erregbar, aber gesund
waren, während der Pubertätsentwicklung an Hysterie erkranken, dass
wir uns fragen müssen, ob dieser Process nicht dort die Disposition
schafft, wo sie originär noch nicht vorhanden ist. Und allerdings müssen
wir ihm mehr zuschreiben als die einfache Steigerung des Erregungs-
quantums; die Geschlechtsreifung greift im ganzen Nervensystem an,
überall die Erregbarkeit steigernd und die Widerstände herabsetzend.
Das lehrt die Beobachtung der nicht hysterischen Adolescenten, undS.
215
wir sind darum berechtigt zu glauben, dass sie auch die hysterische
Disposition herstelle, soweit diese eben in dieser Eigenschaft des
Nervensystems besteht. Damit anerkennen wir bereits die Sexualität
als einen der grossen Componenten der Hysterie. Wir werden sehen,
dass ihr Antheil daran ein noch viel grösserer ist, und dass sie auf
den verschiedensten Wegen zum Aufbau der Krankheit mitwirkt.Wenn die Stigmata direct dem originären Mutterboden der Hysterie
entspringen und nicht ideogenen Ursprungs sind, so ist es auch un-
möglich, die Ideogenie so in den Mittelpunkt der Hysterie zu stellen,
wie es heute manchmal geschieht. Was könnte denn echter hysterisch
sein als die Stigmata, jene pathognomonischen Befunde, welche die
Diagnose feststellen, und doch scheinen gerade diese nicht ideogen.
Aber wenn die Basis der Hysterie eine Eigenart des ganzen Nerven-
systems ist, – auf ihr erhebt sich der Complex von ideogenen, psychisch
bedingten Symptomen wie ein Gebäude auf den Fundamenten. Und es ist
ein mehrstöckiges Gebäude. Wie man die Structur eines solchen
nur dann verstehen kann, wenn man den Grundriss der verschiedenen
Stockwerke unterscheidet, so, meine ich, ist das Verständniss der
Hysterie davon bedingt, dass die verschiedenartige Complication der
Symptomursachen beachtet wird. Sieht man davon ab und versucht
die Erklärung der Hysterie mit Benützung eines einzigen Causalnexus
durchzuführen, so bleibt immer ein sehr grosser Rest unerklärter
Phänomene übrig; es ist gerade, als wollte man die verschiedenen
Gelasse eines mehrstöckigen Hauses auf dem Grundriss eines Stock-
werkes eintragen.Wie die Stigmata ist eine Reihe anderer nervöser Symptome, wie wir
oben sahen, nicht durch Vorstellungen veranlasst, sondern directe Folge
der fundamentalen Anomalie des Nervensystems: manche Algien, vaso-
motorische Phänomene, vielleicht der rein motorische Krampfanfall.Ihnen zunächst stehen die ideogenen Phänomene, welche einfach
Conversionen affectiver Erregung sind (pag. 177). Sie entstehen als
Wirkungen von Affecten in Menschen von hysterischer Disposition
und sind zunächst nur anomaler Ausdruck der Gemüthsbewegungen
(Oppenheim)1). Dieser wird durch Wiederholung zu einem wirklichen,
scheinbar rein somatischen hysterischen Symptom, während die ver-
anlassende Vorstellung unmerklich wird (pag. 180) oder abgewehrt und1)Jene Disposition ist eben das, was Strümpell als „die Störung im Psycho-
Physischen“ bezeichnet, welche der Hysterie zu Grunde liegt.S.
216
darum aus dem Bewußtsein verdrängt ist. Die meisten und wichtigsten
der abgewehrten und convertirten Vorstellungen haben sexualen Inhalt.
Sie liegen einem großen Theil der Pubertätshysterie zu Grunde. Die
heranreifenden Mädchen, – um diese handelt es sich hauptsächlich
– verhalten sich zu den sexualen Vorstellungen und Empfindungen,
die auf sie eindringen, sehr verschieden. Bald mit voller Unbefangenheit,
wobei die einen das ganze Gebiet ignoriren und übersehen. Die andern
nehmen sie so an wie die Knaben; das ist bei Bauern- und Arbeiter-
mädchen wohl die Regel. Wieder andere haschen mit mehr oder minder
perverser Neugier nach allem, was Gespräch und Lectüre ihnen an
Sexualem bringt; und endlich die feinorganisirten Naturen von großer
sexualer Erregbarkeit, aber ebenso großer moralischer Reinheit, welche
alles Sexuale als unvereinbar mit ihrem sittlichen Inhalt empfinden,
als Beschmutzung und Befleckung.1 Diese verdrängen die Sexualität
aus ihrem Bewußtsein und die affectiven Vorstellungen solchen Inhaltes,
welche somatische Phänomene verursacht haben, werden als „abgewehrte“
unbewußt.Die Neigung zur Abwehr des Sexualen wird noch verstärkt
dadurch, daß die sinnliche Erregung bei der Jungfrau eine Beimischung
von Angst hat, die Furcht vor dem Unbekannten, Geahnten, was kommen
wird, während sie bei dem natürlichen, gesunden, jungen Manne, ein
unvermischt aggressiver Trieb ist. Das Mädchen ahnt im Eros die
furchtbare Macht, die ihr Schicksal beherrscht und entscheidet, und
wird durch sie geängstigt. Um so größer ist die Neigung, wegzu-
blicken und das Aengstigende aus dem Bewußtsein zu verdrängen.Die Ehe bringt neue sexuale Traumen. Es ist zu wundern, daß
die Brautnacht nicht häufiger pathogen wirkt, da sie doch leider so
oft nicht erotische Verführung, sondern Nothzucht zum Inhalt hat.
Aber freilich sind ja auch die Hysterien junger Frauen nicht selten,
welche darauf zurückzuführen sind und schwinden, wenn sich im
Verlauf der Zeit der Sexualgenuß eingestellt und das Trauma verwischt
hat. Auch im weiteren Verlauf vieler Ehen kommen sexuale Traumen
vor. Jene Krankengeschichten, von deren Publication wir absehen
mußten, enthalten davon eine große Zahl, perverse Anforderungen des
Mannes, unnatürliche Praktiken u. s. w. Ich glaube nicht zu über-1)Einige Beobachtungen lassen uns glauben, daß die Berührungs-, eigentlich
Beschmutzungsfurcht, welche die Frauen zwingt, sich alle Augenblicke die Hände
zu waschen, sehr häufig diesen Ursprung hat. Das Waschen entspringt demselben
seelischen Vorgang wie bei Lady Macbeth.S.
217
treiben, wenn ich behaupte, die grosse Mehrzahl der schweren
Neurosen bei Frauen entstamme dem Ehebett1).Ein Theil der sexualen Noxen, der wesentlich in ungenügender
Befriedigung besteht, (coitus interruptus, ejaculatio praecox u. s. f.),
führt nach der Entdeckung Freud’s2) nicht zu Hysterie, sondern zur
Angstneurose. Doch meine ich, wird auch in solchen Fällen häufig
genug die Erregung des Sexualaffectes in hysterische somatische
Phänomene convertirt.Es ist selbstverständlich und geht auch aus unsern Beobachtungen
zur Genüge hervor, dass die nicht sexualen Affecte des Schrecks, der Angst,
des Zornes zur Entstehung hysterischer Phänomene führen. Aber es ist
vielleicht nicht überflüssig, immer wieder zu betonen, dass das sexuale
Moment weitaus das wichtigste und pathologisch fruchtbarste ist. Die
naive Beobachtung unserer Vorgänger, deren Rest wir im Worte
„Hysterie“ bewahren, ist der Wahrheit näher gekommen als die
neuere Anschauung, welche die Sexualität fast in letzte Linie stellt,
um die Kranken vor moralischem Vorwurfe zu bewahren. Gewiss sind
die sexualen Bedürfnisse der Hysterischen gerade so individuell ver-
schieden gross und nicht stärker als bei den Gesunden. Aber sie
erkranken an ihnen und zwar grossentheils gerade durch ihre Be-
kämpfung, durch die Abwehr der Sexualität.Neben der sexualen muss hier an die Schreckhysterie erinnert
werden, die eigentlich traumatische Hysterie. Sie bildet eine der best-
gekannten und anerkannten Hysterieformen.Sozusagen in der gleichen Schicht mit den Phänomenen, welche
durch Conversion von Affecterregung entstanden sind, liegen diejenigen,
welche der Suggestion (meist Autosuggestion) bei originär suggestiblen
Individuen ihren Ursprung verdanken. Hochgradige Suggestibilität,
d. h. hemmungsloses Uebergewicht frisch erregter Vorstellungen gehört
nicht zum Wesen der Hysterie; sie kann sich aber bei hysterisch
Disponirten als Complication vorfinden, bei denen eben diese Eigenart
des Nervensystems die körperliche Realisirung der überwertigen Vor-
stellungen begünstigt.1)Es ist gewiss von Uebel, dass die Klinik dieses, eines der allerwichtigsten
pathogenen Momente ignorirt, oder doch nur zart andeutend streift. Dies ist sicher
ein Gegenstand, wo die Erfahrung der Erfahrenen dem jungen Arzte mitgetheilt
werden soll, der ja gewöhnlich an der Sexualität blind vorübergeht; mindestens
was seine Kranken betrifft.2)Freud, „Ueber die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten
Symptomencomplex als Angstneurose abzutrennen“. Neurol. Centralblatt 1895, Nr. 2.S.
218
stellungen ermöglicht. Es sind übrigens meistens doch nur affective
Vorstellungen, welche suggestiv in somatischen Phänomenen realisirt
werden, und so kann man den Vorgang oft auch als Conversion des
begleitenden Schreck-
oder Angstaffects auffassen.Diese Processe der Affectconversion und der Suggestion bleiben
identisch auch in den complicirten Formen von Hysterie, die nun zu
betrachten sind; sie finden dort nur günstigere Bedingungen; aber
psychisch bedingte hysterische Phänomene entstehen immer durch einen
dieser beiden Vorgänge.Jenes dritte Constituens der hysterischen Disposition, welches in
manchen Fällen zu den früher besprochenen hinzutritt, die Conversion
wie die Suggestion in höchstem Maasse begünstigt und erleichtert
und dadurch sozusagen über den kleinen Hysterien, die nur einzelne
hysterische Phänomene zeigen, das weitere Stockwerk der grossen
Hysterie aufbaut, ist das Hypnoid, die Neigung zur Autohypnose
(pag. 187). Sie constituirt einen, zunächst nur vorübergehenden und mit
dem normalen alternirenden Zustand, dem wir dieselbe Steigerung der
psychischen Einwirkung auf den Körper zuschreiben dürfen, die wir
in der artificiellen Hypnose beobachten; diese Einwirkung ist hier
umso intensiver und tiefer greifend, als sie ein Nervensystem betrifft,
welches schon ausserhalb der Hypnose von anomaler Erregbarkeit ist.1)
In wie weit und in welchen Fällen die Neigung zur Autohypnose
originäre Eigenschaft des Organismus ist, wissen wir nicht. Ich habe
oben (pag. 191). die Ansicht angesprochen, dass sie sich aus affect-
erfüllter Träumerei entwickle. Aber sicher gehört auch hiezu originäre
Disposition. Wenn jene Ansicht richtig ist, so wird auch hier deutlich,
wie grosser Einfluss auf die Entwicklung der Hysterie der Sexualität
zuzuschreiben ist. Denn es gibt ausser der Krankenpflege keinen psy-
chischen Factor, der so wie die Liebessehnsucht geeignet ist, affect-
erfüllte Träumerei zu erzeugen. Und überdies ist der sexuale Organismus1)Es liegt nahe, die Disposition zur Hypnose mit der originären abnormen
Erregbarkeit zu identificiren, da uns ja auch die artificielle Hypnose ideogene
Veränderungen der Secretion, der localen Blutfülle, Blasenbildungen u. dgl. zeigt.
Diess scheint die Ansicht von Möbius zu sein. Ich meine aber, man bewegt sich
da in einem falschen Cirkel. Diese Thaumaturgie der Hypnose beobachten wir,
so viel ich sehe, doch nur bei Hysterischen. Wir würden also der Hypnose die
Leistungen der Hysterie zuschreiben, und dann wieder diese aus der Hypnose
ableiten.S.
219
selbst mit seiner Fülle von Affect und der Einengung des Bewusst-
seins den hypnoiden Zuständen nahe verwandt.Das Hypnoid tritt am deutlichsten in die Erscheinung als hy-
sterischer Anfall, und in jenem Zustande, den man als acute Hysterie
bezeichnen kann und der, wie es scheint, in der Entwicklung der
grossen Hysterie eine so bedeutende Rolle spielt (pag. 207). Es sind
dies lange, oft mehrere Monate dauernde, deutlich psychotische Zu-
stände, die man oft geradezu als hallucinatorische Verworrenheit be-
zeichnen muss; auch wenn die Störung nicht so weit geht, treten in
solchem Zustande mannigfache hysterische Phänomene auf, von denen
einige auch weiterhin persistiren. Der psychische Inhalt dieser Zustände
besteht zum Theil gerade aus den Vorstellungen, welche im wachen
Leben abgewehrt und aus dem Bewusstsein verdrängt worden sind;
(„hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen
Frauen, der wohlerzogenen Kinder.“)Da diese Zustände so oft geradezu Psychosen sind und doch
direct und ausschliesslich der Hysterie entstammen, kann ich mich
der Meinung Möbius’ nicht anschliessen: „man könne, – abgesehen
von den mit dem Anfalle verknüpften Delirien, von einem eigentlichen
hysterischen Irresein nicht reden.“1) Diese Zustände sind in vielen
Fällen ein solches; und auch im weitern Verlauf der Hysterie wieder-
holen sich solche Psychosen, die freilich im Wesen nichts anderes
sind als das psychotische Stadium des Anfalles, aber bei monatelanger
Dauer doch nicht wohl als Anfälle bezeichnet werden können.Wie entstehen diese neuen Hysterien? In dem bestbekannten Falle
(Beobachtung I) entwickelte sie sich aus der Häufung der Hypnoid-
attaquen; in einem anderen Falle (von schon bestehender, complicirter
Hysterie) im Anschluss an eine Morphinentziehung. Meist ist der Vor-
gang ganz dunkel und harrt der Klärung durch weitere Beobachtungen.Für diese, hier besprochenen Hysterien gilt also der Satz von
Möbius: „die der Hysterie wesentliche Veränderung besteht darin,
dass vorübergehend oder dauernd der geistige Zustand des Hysterischen
dem des Hypnotisirten gleicht“ (a. a. O. pag. 16).Das Fortdauern der im Hypnoid entstandenen hysterischen
Symptome während des normalen Zustandes, entspricht vollständig
unsern Erfahrungen über posthypnotische Suggestion. Damit ist aber
auch schon gesagt, dass Complexe von bewusstseinsunfähigen Vor-
stellungen1)Möbius: Gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatsschrift für Geburts-
hilfe und Gynäkologie, 1895, I. Bd., p. 18.S.
220
stellungen mit den bewusst ablaufenden Ideenreihen coëxistiren, dass
die Spaltung der Psyche (pag. 200) vollzogen ist. Es scheint
sicher, dass diese auch ohne Hypnoid entstehen kann, aus der Fülle
der abgewehrten, aus dem Bewusstsein verdrängten, aber nicht unter-
drückten Vorstellungen. Auf die eine und die andere Weise entsteht
ein bald ideenarmes, rudimentäres, bald dem wachen Denken mehr
minder gleiches Gebiet psychischen Lebens, dessen Erkenntniss wir
vor Allen Binet und Janet verdanken. Die Spaltung der Psyche ist
die Vollendung der Hysterie; es wurde früher (Cap. V) dargelegt, wie
sie die wesentlichen Charakterzüge der Krankheit erklärt. Dauernd, aber
mit wechselnder Lebhaftigkeit seiner Vorstellungen, befindet sich ein
Theil der Psyche des Kranken im Hypnoid, immer bereit, beim Nach-
lassen des wachen Denkens die Herrschaft über den ganzen Menschen
zu gewinnen (Anfall, Delirium). Das geschieht, sobald ein starker
Affekt den normalen Vorstellungsablauf stört, in Dämmer-
und in
Erschöpfungszuständen. Aus diesem persistirenden Hypnoid herauf
dringen unmotivirt, der normalen Association fremde Vorstellungen
in’s Bewusstsein, werden Hallucinationen in das Wahrnehmen geworfen,
werden motorische Acte unabhängig vom bewussten Willen innervirt.
Diese hypnoide Psyche ist im höchsten Grade befähigt zur Affekt-
conversion und Suggestion, und so entstehen mit Leichtigkeit neue
hysterische Phänomene, welche ohne ohne die psychische Spaltung nur sehr
schwer und unter dem Druck wiederholter Affekte zu Stande gekommen
wären. Die abgespaltene Psyche ist jener Dämon, von dem die naive
Beobachtung alter, abergläubischer Zeiten die Kranken besessen glaubte.
Dass ein dem wachen Bewusstsein des Kranken fremder Geist in ihm
walte, ist richtig; nur ist es kein wirklich fremder, sondern ein Theil
seines eigenen.
Der hier gewagte Versuch, aus unseren heutigen Kenntnissen
die Hysterie synthetisch zu construiren, steht dem Vorwurf des
Eclecticismus offen, wenn dieser überhaupt berechtigt ist. So viele
Formulirungen der Hysterie, von der alten „Reflextheorie“ bis zur
„Dissociation der Persönlichkeit“ haben darin Platz finden müssen.
Aber es kann kaum anders sein. So zahlreiche treffliche Beobachter und
scharfsinnige Köpfe haben sich um die Hysterie bemüht. Es ist un-
wahrscheinlich, dass nicht jede ihrer Formulirungen einen Theil der
Wahrheit enthalte. Die künftige Darstellung des wirklichen Sach-
verhaltes wird gewiss sie alle enthalten und nur all’ die einseitigenS.
221
Ansichten des Gegenstandes zu einer körperhaften Realität combiniren.
Der Eclecticismus scheint mir darum kein Tadel.Aber wie weit von der Möglichkeit eines solchen vollständigen
Verständnisses der Hysterie sind wir heute noch! Mit wie unsicheren
Zügen sind hier die Contouren umrissen worden, mit wie plumpen
Hilfsvorstellungen sind die klaffenden Lücken mehr verdeckt als aus-
gefüllt. Nur die eine Erwägung beruhigt einigermaassen: dass dieses
Uebel allen physiologischen Darstellungen complicirter psychischer Vor-
gänge anhaftet und anhaften muss. Von ihnen gilt immer, was Theseus
im Sommernachtstraum von der Tragödie sagt: „Auch das Beste dieser
Art ist nur ein Schattenspiel“. Und auch das Schwächste ist nicht
werthlos, wenn es sucht in Treue und Bescheidenheit die Schattenrisse
festzuhalten, welche die unbekannten wirklichen Objecte auf die Wand
werfen. Dann ist doch immer die Hoffnung berechtigt, dass irgend
ein Maass von Uebereinstimmung und Aehnlichkeit zwischen den
wirklichen Vorgängen und unserer Vorstellung davon bestehen werde.
You are here
Studien über Hysterie1895-005/1895
1895-005/1895/3