• S.

    290

    sehen von den Träumen, nur an einigen wenigen Stellen enthüllt
    worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte daran, die
    Determinierung der Symptome und den intimen Aufbau der
    neurotischen Erkrankung aufzuzeigen; es hätte mir unauflösbare
    Verwirrung erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht hätte, auch
    die andere Aufgabe zu erfüllen. Zur Begründung der techni-
    schen, zumeist empirisch gefundenen Regeln müsste man wohl das
    Material aus vielen Behandlungsge-
    schichten zusammentragen.
    Indes möge man sich die Verkürzung durch die Zurückhal-
    tung der Technik für diesen Fall nicht besonders gross vorstellen.
    Gerade das schwierigste Stück der technischen Arbeit ist bei
    der Kranken nicht in Frage gekommen, da das Moment der
    „Uebertragung“, von dem zu Ende der Krankenge-
    schichte die
    Rede ist, während der kurzen Behandlung nicht zur Entfal-
    tung
    gelangte.

    An einer dritten Art von Unvollstän-
    digkeit dieses Berichts
    tragen weder die Kranke noch der Autor die Schuld. Es ist
    vielmehr selbstverständlich, dass eine einzige Krankenge-
    schichte,
    selbst wenn sie vollständig und keiner Anzweiflung ausgesetzt
    wäre, nicht Antwort auf alle Fragen geben kann, die sich aus
    dem Hysterieproblem erheben. Sie kann nicht alle Typen der
    Erkrankung, nicht alle Gestaltungen der inneren Struk-
    tur der
    Neurose, nicht alle bei der Hysterie möglichen Arten des Zu-
    sammenhanges zwischen Psychi-
    schem und Somati-
    schem kennen
    lehren. Man darf billiger Weise von dem einen Fall nicht mehr
    fordern, als er zu gewäh-
    ren vermag. Auch wird, wer bisher
    nicht an die allgemeine und ausnahms-
    lose Gültigkeit der psycho-
    sexuellen Aetio-
    logie für die Hysterie glauben wollte, diese Ueber-
    zeugung durch die Kenntnisnahme einer Krankenge-
    schichte kaum
    gewinnen, sondern am besten sein Urteil aufschieben, bis er sich
    durch eigene Arbeit ein Recht auf eine Ueber-
    zeugung erworben hat.

    I.

    Nachdem ich in meiner 1900 veröffent-
    lichten „Traumdeutung“
    nachgewiesen habe, dass Träume im allgemeinen deutbar sind, und
    dass sie nach vollendeter Deutungs-
    arbeit sich durch tadellos
    gebildete, an bekannter Stelle in den seeli-
    schen Zusammenhang ein-
    füg-
    bare Gedanken ersetzen lassen, möchte ich auf den nachfolgenden
    Seiten ein Beispiel von jener einzigen praktischen Verwendung
    geben, welche die Kunst des Traumdeu-
    tens zuzulas-
    sen scheint.
    Ich habe schon in meinem Buche1) erwähnt, auf welche Weise
    ich an die Traumpro-
    bleme geraten bin. Ich fand sie auf meinem
    Wege, während ich Psychoneu-
    rosen durch ein besonderes Verfah-
    ren der Psycho-
    therapie zu heilen bemüht war, indem mir die
    Kranken unter anderen Vorfällen aus ihrem Seelen-
    leben auch
    Träume berichte-
    ten, welche nach Einrei-
    hung in den lange aus-
    gespon-
    nenen Zusammen-
    hang zwischen Leidenssymp-
    tom und patho-
     

    1)Die Traumdeutung. 1900. Fr. Deuticke, Leipzig und Wien. p. 68.

  • S.

    291

    gener Idee zu verlangen schienen. Ich erlernte damals, wie man
    aus der Sprache des Traumes in die ohne weitere Nachhülfe ver-
    ständliche Ausdrucksweise unserer Denksprache übersetzen muss.
    Diese Kenntnis, darf ich behaupten, ist für den Psychoanalytiker
    unentbehrlich, denn der Traum stellt einen der Wege dar, wie
    dasjenige psychische Material zum Bewusstsein gelangen kann,
    welches kraft des Widerstrebens, das sein Inhalt rege macht,
    vom Bewusstsein abgesperrt, verdrängt und somit pathogen
    geworden ist. Der Traum ist, kürzer gesagt, einer der Umwege
    zur Umgehung der Verdrängung, eines der Hauptmittel der
    sogen. indirekten Darstellungsweise im Psychischen. Wie die
    Traumdeutung in die Arbeit der Analyse eingreift, soll nun das
    vorliegende Bruchstück aus der Behandlungsgeschichte eines
    hysterischen Mädchens dartun. Es soll mir gleichzeitig Anlass
    bieten, von meinen Ansichten über die psychischen Vorgänge
    und über die organischen Bedingungen der Hysterie zum ersten
    Male in nicht mehr missverständlicher Breite einen Anteil öffentlich
    zu vertreten. Der Breite wegen brauche ich mich wohl nicht
    mehr zu entschuldigen, seitdem es zugegeben wird, dass man nur
    durch liebevollste Vertiefung, aber nicht durch vornehm-
    tuende Geringschätzung den grossen Ansprüchen nachkommen kann,
    welche die Hysterie an den Arzt und Forscher stellt. Freilich:
     

    „Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
    Geduld will bei dem Werke sein!“

    Eine lückenlose und abgerundete Krankengeschichte voran-
    schicken, hiesse den Leser von vornherein unter ganz andere Be-
    dingungen versetzen, als die des ärztlichen Beobachters waren.
    Was die Angehörigen des Kranken — in meinem Falle der Vater
    des 18jährigen Mädchens — berichten, gibt zumeist ein sehr
    unkenntliches Bild des Krankheitsverlaufes. Ich beginne dann
    zwar die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze Lebens-
    und Krankheitsgeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu
    hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht genügend.
    Diese erste Erzählung ist einem nicht schiffbaren Strom ver-
    gleichbar, dessen Bett bald durch Felsmassen verlegt, bald durch
    Sandbänke zerteilt und untief gemacht wird. Ich kann mich nur
    verwundern, wie die glatten und exakten Krankengeschichten
    Hysterischer bei den Autoren entstanden sind. In Wirklichkeit
    sind die Kranken unfähig, derartige Berichte über sich zu geben.
    Sie können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt aus-
    reichend und zusammenhängend informieren, dann folgt aber eine
    andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht werden, Lücken und
    dabei leere, brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten. Die Zu-
    sammenhänge, auch die scheinbaren, sind meist zerrissen, die
    Aufeinanderfolge verschiedener Begebenheiten unsicher; während
    der Erzählung selbst korrigiert die Kranke wiederholt eine Angabe,
    ein Datum, um dann nach längerem Schwanken etwa wieder auf
     

  • S.

    292

    die erste Aussage zurückzugreifen. Die Unfähigkeit der Kranken
    zur geordneten Darstellung ihrer Lebensgeschichte, soweit sie mit
    der Krankheitsgeschichte zusammenfällt, ist nicht nur charakteristisch
    für die Neurose1), sie entbehrt auch nicht einer grossen theo-
    retischen Bedeutsamkeit. Dieser Mangel hat nämlich folgende
    Begründungen: Erstens hält die Kranke einen Teil dessen, was
    ihr wohlbekannt ist und was sie erzählen sollte, bewusst und
    absichtlich aus den noch nicht überwundenen Motiven der Scheu
    und Scham (Diskretion, wenn andere Personen in Betracht
    kommen) zurück; dies wäre der Anteil der bewussten Unauf-
    richtigkeit. Zweitens bleibt ein Teil ihres anamnestischen Wissens,
    über welchen die Kranke sonst verfügt, während dieser Erzählung
    aus, ohne dass die Kranke einen Vorsatz auf diese Zurückhaltung
    verwendet: Anteil der unbewussten Unaufrichtigkeit. Drittens
    fehlt es nie an wirklichen Amnesien, Gedächtnislücken, in welche
    nicht nur alte, sondern selbst ganz rezente Erinnerungen hinein-
    geraten sind, und an Erinnerungstäuschungen, welche sekundär
    zur Ausfüllung dieser Lücken gebildet wurden2). Wo die
    Begebenheiten selbst dem Gedächtnis erhalten geblieben, da wird
    die den Amnesien zugrunde liegende Absicht ebenso sicher durch
    Aufhebung eines Zusammenhanges erreicht, und der Zusammen-
    hang wird am sichersten zerrissen, wenn die Zeitfolge der Begeben-
    heiten verändert wird. Letztere erweist sich auch stets als der
    vulnerabelste, der Verdrängung am ehesten unterliegende Bestand-
    teil des Erinnerungsschatzes. Manche Erinnerungen trifft man
    sozusagen in einem ersten Stadium der Verdrängung, sie zeigen
    sich mit Zweifel behaftet. Eine gewisse Zeit später wäre dieser
    Zweifel durch Vergessen oder Fehlerinnern ersetzt3).
    Ein solcher Zustand der auf die Krankheitsgeschichte bezüg-
    lichen Erinnerungen ist das notwendige, theoretisch geforderte
    Korrelat der Krankheitssymptome. Im Verlaufe der Behandlung
    trägt dann der Kranke nach, was er zurückgehalten oder was
    ihm nicht eingefallen ist, obwohl er es immer gewusst hat. Die

    1)Einst übergab mir ein Kollege seine Schweſter zur psycho-
    therapeutischen Behandlung, die, wie er sagte, seit Jahren erfolglos wegen
    Hysterie (Schmerzen und Gangstörung) behandelt worden sei. Die kurze
    Information schien mit der Diagnose gut vereinbar; ich liess mir in einer
    ersten Stunde von der Kranken selbst ihre Geschichte erzählen. Als diese
    Erzählung trotz der merkwürdigen Begebenheiten, auf die sie anspielte, voll-
    kommen klar und ordentlich ausfiel, sagte ich mir, der Fall könne keine
    Hysterie sein, und stellte unmittelbar darauf eine sorgfältige körperliche
    Untersuchung an. Das Ergebnis war die Diagnose einer mässig vor-
    geschrittenen Tabes, die dann auch durch Hg-Injektionen (Ol. cinereum,
    von Prof. Lang ausgeführt) eine erhebliche Besserung erfuhr.

    2)Amnesien und Erinnerungstäuschungen stehen im komplimentären
    Verhältnis zu einander. Wo sich grosse Erinnerungslücken ergeben, wird
    man auf wenig Erinnerungstäuschungen stossen. Umgekehrt kann letztere
    das Vorhandensein von Amnesien für den ersten Augenblick völlig verdecken.
    Bei zweifelnder Darstellung lehrt eine durch Erfahrung gewonnene
    Regel, sehe man von dieser Urteilsäusserung des Erzählers völlig ab. Bei
    zwischen zwei Gestaltungen schwankender Darstellung halte man aber die
    erst genannte für richtige, die zweite für ein Produkt der Verdrängung.

    3)

  • S.

    293

    Erinnerungstäuschungen erweisen sich als unhaltbar, die Lücken
    der Erinnerung werden ausgefüllt. Gegen Ende der Behandlung
    erst kann man eine in sich konsequente, verständliche und lücken-
    lose Krankengeschichte überblicken. Wenn das praktische Ziel
    der Behandlung dahin geht, alle möglichen Symptome aufzuheben
    und durch bewusste Gedanken zu ersetzen, so kann man als ein
    anderes, theoretisches Ziel die Aufgabe aufstellen, alle Gedächt-
    nisschäden des Kranken zu heilen. Die beiden Ziele fallen zu-
    sammen; wenn das eine erreicht ist, ist auch das andere gewonnen;
    der nämliche Weg führt zu beiden.

    Aus der Natur der Dinge, welche das Material der Psycho-
    analyse bilden, folgt, dass wir in unseren Krankengeschichten den
    rein menschlichen und sozialen Verhältnissen der Kranken ebenso-
    viel Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen Daten
    und den Krankheitssymptomen. Vor allem anderen wird sich
    unser Interesse den Familienverhältnissen der Kranken zuwenden,
    und zwar, wie sich ergeben wird, auch anderer Beziehungen
    wegen als nur mit Rücksicht auf die zu erforschende Heredität.

    Der Familienkreis der 18j. Patientin umfasste ausser ihrer
    Person das Elternpaar und einen um 1½ Jahre älteren Bruder.
    Die dominierende Person war der Vater, sowohl durch seine
    Intelligenz und Charaktereigenschaften wie durch seine Lebens-
    umstände, welche das Gerüst für die Kindheits- und Kranken-
    geschichte der Patientin abgeben. Er war zur Zeit, als ich das
    Mädchen in Behandlung nahm, ein Mann in der zweiten Hälfte
    der Vierzigerjahre, von nicht ganz gewöhnlicher Rührigkeit und
    Begabung, Grossindustrieller in sehr behäbiger materieller Situation.
    Die Tochter hing an ihm mit besonderer Zärtlichkeit, und ihre
    frühzeitig erwachte Kritik nahm um so stärkeren Anstoss an
    manchen seiner Handlungen und Eigentümlichkeiten.

    Diese Zärtlichkeit war überdies durch die vielen und
    schweren Erkrankungen gesteigert worden, denen der Vater seit
    ihrem 6. Lebensjahr unterlegen war. Damals wurde seine Er-
    krankung an Tuberkulose der Anlass zur Uebersiedelung der
    Familie in eine kleine, klimatisch begünstigte Stadt unserer süd-
    lichen Provinzen; das Lungenleiden besserte sich daselbst rasch,
    doch blieb der für nötig gehaltenen Schonung zu Liebe dieser
    Ort, den ich mit B. bezeichnen werde, für die nächsten zehn
    Jahre ungefähr der vorwiegende Aufenthalt sowohl der Eltern
    wie auch der Kinder. Der Vater war, wenn es ihm gut ging,
    zeitweilig abwesend, um seine Fabriken zu besuchen; im Hoch-
    sommer wurde ein Höhenkurort aufgesucht.

    Als das Mädchen etwa 10 Jahre alt war, machte eine Netz-
    hautablösung beim Vater eine Dunkelkur notwendig. Bleibende
    Einschränkung des Sehvermögens war die Folge dieses Krank-
    heitsanfalles. Die ernsteste Erkrankung ereignete sich etwa
    2 Jahre später; sie bestand in einem Anfalle von Verworrenheit,
    an den sich Lähmungserscheinungen und leicht- psychische
    Störungen anschlossen. Ein Freund des Kranken, dessen Rolle

  • S.

    294

    uns noch später beschäftigen wird, bewog damals den nur wenig
    Gebesserten, mit seinem Arzte nach Wien zu reisen, um meinen
    Rat einzuholen. Ich schwankte eine Weile, ob ich nicht bei ihm
    eine Taboparalyse annehmen sollte, entschloss mich aber dann
    zur Diagnose diffuser vaskulärer Affektion und liess, nachdem
    eine spezifische Infektion vor der Ehe vom Kranken zugestanden
    war, eine energische antiluetische Kur vornehmen, infolge deren
    sich alle noch vorhandenen Störungen zurückbildeten. Diesem
    glücklichen Eingreifen verdanke ich wohl, dass mir der Vater
    4 Jahre später seine deutlich neurotisch gewordene Tochter vor
    stellte und nach weiteren 2 Jahren zur psychotherapeutischen
    Behandlung übergab.

    Ich hatte unterdes auch eine wenig ältere Schwester des
    Patienten in Wien kennen gelernt, bei der man eine schwere
    Form von Psychoneurose ohne charakteristisch-hysterische Symp-
    tome anerkennen musste. Diese Frau starb nach einem von einer
    unglücklichen Ehe erfüllten Leben unter den eigentlich nicht voll
    aufgeklärten Erscheinungen eines rapid fortschreitenden Marasmus.

    Ein älterer Bruder des Patienten, den ich gelegentlich zu
    Gesichte bekam, war ein hypochondrischer Junggeselle.

    Das Mädchen, das im Alter von 18 Jahren meine Patientin
    wurde, hatte vor jeher mit seinen Sympathien auf Seite der
    väterlichen Familie gestanden und, seitdem sie erkrankt war, ihr
    Vorbild in der erwähnten Tante gesehen. Es war auch mir
    nicht zweifelhaft, dass sie sowohl mit ihrer Begabung und in-
    tellektuellen Frühreife als auch mit ihrer Krankheitsveranlagung
    dieser Familie angehörte. Die Mutter habe ich nicht kennen
    gelernt. Nach den Mitteilungen des Vaters und des Mädchens
    musste ich mir die Vorstellung machen, sie sei eine wenig ge-
    bildete, vor allem aber unkluge Frau, die besonders seit der
    Erkrankung und der ihr folgenden Entfremdung ihres Mannes
    alle ihre Interessen auf die Hauswirtschaft konzentrierte und so
    das Bild dessen biete, was man die „Hausfrauenpsychose“ nennen
    kann. Ohne Verständnis für die regeren Interessen ihrer Kinder,
    war sie den ganzen Tag mit Reinmachen und Reinhalten der
    Wohnung, Möbel und Gerätschaften in einem Maasse beschäftigt,
    welches Gebrauch und Genuss derselben fast unmöglich machte.
    Man kann nicht umhin, diesen Zustand, von dem sich Andeutungen
    häufig genug bei normalen Hausfrauen finden, den Formen von
    Wasch-
    und anderem Reinlichkeitszwang an die Seite zu stellen;
    doch fehlt es bei solchen Frauen, wie auch bei der Mutter unserer
    Patientin, völlig an der Krankheitserkenntnis und somit an einem
    wesentlichen Merkmal der „Zwangsneurose“. Das Verhältnis
    zwischen Mutter und Tochter war seit Jahren ein sehr unfreund-
    liches. Die Tochter übersah die Mutter, kritisierte sie hart und
    hatte sich ihrem Einfluss völlig entzogen1).

    1)Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkte: Die einzige Aetiologie
    der Hysterie sei die Heredität, möchte aber gerade mit Hinblick auf einige
    frühere Publikationen (L’hérédité et l’étiologie des névroses. Revue neuro-

  • S.

    295

    Der einzige, um 1½ Jahr ältere Bruder des Mädchens war
    ihr in früheren Jahren das Vorbild gewesen, dem ihr Ehrgeiz
    nachgestrebt hatte. Die Beziehungen der beiden Geschwister
    hatten sich in den letzten Jahren gelockert. Der junge Mann
    suchte sich den Familienwirren möglichst zu entziehen; wo er
    Partei nehmen musste, stand er auf Seiten der Mutter. So hatte
    die gewöhnliche sexuelle Attraktion Vater und Tochter einerseits,
    Mutter und Sohn anderseits einander näher gebracht.

    Unsere Patientin, der ich fortan ihren Namen Dora geben
    will, zeigte schon im Alter von 8 Jahren nervöse Symptome.
    Sie erkrankte damals an permanenter, anfallsweise sehr ge-
    steigerter Atemnot, die zuerst nach einer kleinen Bergpartie auf-
    trat und darum auf Ueberanstrengung bezogen wurde. Der
    Zustand klang im Laufe eines halben Jahres langsam unter der
    ihr aufgenötigten Ruhe und Schonung ab. Der Hausarzt der
    Familie scheint bei der Diagnose einer rein nervösen Störung
    und beim Ausschluss einer organischen Verursachung der Dyspnoe
    keinen Moment geschwankt zu haben, aber er hielt offenbar
    solche Diagnose für vereinbar mit der Aetiologie der Ueber-
    anstrengung1).

    Die Kleine machte die gewöhnlichen Kinderinfektions-
    krankheiten ohne bleibende Schädigung durch. Wie sie (in
    symbolisierender Absicht!) erzählte, machte gewöhnlich der Bruder
    den Anfang mit der Erkrankung, die er im leichten Grade hatte,
    worauf sie mit schweren Erscheinungen nachfolgte. Gegen das
    Alter von 12 Jahren traten migräneartige halbseitige Kopf-
    schmerzen und Anfälle von nervösem Husten bei ihr auf, anfangs

    1)logique, IV, 1896, No. 6), in denen ich den obigen Satz bekämpfe, nicht
    den Anschein erwecken, als unterschätzte ich die Heredität in der Aetiologie
    der Hysterie oder hielte sie überhaupt für entbehrlich. Für den Fall unserer
    Patientin ergibt sich eine genügende Krankheitsbelastung aus dem über den
    Vater und dessen Geschwister Mitgeteilten; ja, was der Anschauung ist, dass
    der der Mutter ohne hereditäre Disposition
    unmöglich sind, wird die Heredität dieses Falles für eine konvergente un-
    klären können. Mir erscheint ein für die hereditäre oder besser konstitu-
    Disposition des Mädchens ein anderes Moment bedeutsamer. Ich habe er-
    wähnt, dass der Vater vor der Ehe Syphilis überstanden hatte. Nun stammt
    ein auffällig grosser Prozentsatz meiner psycho-analytisch behandelten
    Kranken von Vätern ab, die an Tabes oder an Paralyse gelitten haben. In
    therapeutischen Verfahrens fallen mir nur die
    schwersten Fälle zu, die bereits Jahre lang ohne jeglichen Erfolg be-
    handelt worden sind. Tabes oder Paralyse des Erzeugers darf man als An-
    hänger der Erb-Fournier’schen Lehre als Hinweise auf eine stattgehabte
    luetische Infektion aufnehmen, welche in einer Anzahl von Fällen bei diesen
    Vätern auch von mir direkt festgestellt worden ist. In der letzten Diskussion
    über die Nachkommenschaft Syphilitischer (XIII. Internat. mediz. Kongress zu
    Paris, 2.–9. August 1900, Referate von Finger, Tarnowsky, Jullien
    u. a.) vermisse ich die Erwähnung der Tatsache, zu deren Anerkennung mich
    meine Erfahrung als Neuropathologe drängt, dass Syphilis der Erzeuger als
    Aetiologie für die neuropathische Konstitution der Kinder sehr wohl in
    Betracht kommt.

    *) Ueber den wahrscheinlichen Anlass dieser ersten Erkrankung siehe
    weiter unten.

  • S.

    296

    jedesmal mit einander, bis sich die beiden Symptome von ein-
    ander lösen, um eine verschiedene Entwicklung zu erfahren.
    Die Migräne wurde seltener und war mit 16 Jahren überwunden.
    Die Anfälle von Tussis nervosa, zu denen ein gemeiner Katarrh
    wohl den Anstoss gegeben hatte, hielten die ganze Zeit über an.
    Als sie mit 18 Jahren in meine Behandlung kam, hustete sie
    neuerdings in charakteristischer Weise. Die Anzahl dieser
    Anfälle war nicht festzustellen, die Dauer derselben betrug 3 bis
    5 Wochen, einmal auch mehrere Monate. In der ersten Hälfte
    eines solchen Anfalles war wenigstens in den letzten Jahren
    komplete Stimmlosigkeit das lästigste Symptom gewesen. Die
    Diagnose, dass es sich wieder um Nervosität handle, stand längst
    fest; die mannigfachen gebräuchlichen Behandlungen, auch Hydro-
    therapie und lokale Elektrisierung, blieben ohne Erfolg. Da-
    unter diesen Zuständen zum reifen, im Urteil sehr selbständigen
    Mädchen herangewachsene Kind gewöhnte sich daran, der Be-
    mühungen der Aerzte zu spotten und zuletzt auf ärztliche Hilfe
    zu verzichten. Sie hatte sich übrigens von jeher gesträubt, den
    Arzt zu Rate zu ziehen, obwohl sie gegen die Person ihres Haus-
    arztes keine Abneigung hatte. Jeder Vorschlag, einen neuen
    Arzt zu konsultieren, erregte ihren Widerstand, und auch zu
    mir trieb sie erst das Machtwort des Vaters.

    Ich sah sie zuerst im Frühsommer ihres 16. Jahres mit
    Husten und Heiserkeit behaftet und schlug schon damals eine
    psychische Kur vor, von der dann Abstand genommen wurde,
    als auch dieser länger dauernde Anfall spontan verging. Im
    Winter des nächsten Jahres war sie nach dem Tode ihrer ge-
    liebten Tante in Wien im Hause des Onkels und dessen Töchter
    und erkrankte hier fieberhaft an einem Zustand, der damals
    als Blinddarmentzündung diagnostiziert wurde1). In dem darauf-
    folgenden Herbst verliess die Familie endgültig den Kurort B.,
    da die Gesundheit des Vaters dies zu gestatten schien, nahm
    zuerst in dem Orte, wo sich die Fabrik des Vaters befand, und
    kaum ein Jahr später in Wien dauernden Aufenthalt.

    Dora war unterdes zu einem blühenden Mädchen von
    intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen, das
    ihren Eltern aber schwere Sorge bereitete. Das Hauptzeichen ihres
    Krankseins war Verstimmung und Charakterveränderung geworden.
    Sie war offenbar weder mit sich noch mit den übrigen zufrieden,
    begegnete ihrem Vater unfreundlich und vertrug sich gar nicht
    mehr mit ihrer Mutter, die sie durchaus zur Teilnahme an der
    Wirtschaft heranziehen wollte. Verkehr suchte sie zu vermeiden;
    soweit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über die sie klagte, es
    zulissen, beschäftigte sie sich mit dem Anhören von Vorträgen
    für Damen und trieb ernstere Studien. Eines Tages wurden die
    Eltern in Schreck versetzt durch einen Brief, den sie auf oder
    in dem Schreibtisch des Mädchens fanden, in dem sie Abschied

    1)Vgl. über denselben die Analyse des zweiten Traumes.

  • S.

    297

    von ihnen nahm, weil sie das Leben nicht mehr ertragen könne1).
    Die nicht geringe Einsicht des Vaters liess ihn zwar annehmen,
    dass ein ernsthafter Selbstmordvorsatz das Mädchen beherrsche,
    aber er blieb erschüttert, und als sich eines Tages nach einem gering-
    fügigen Wortwechsel zwischen Vater und Tochter bei letzterer
    ein erster Anfall von Bewusstlosigkeit2) einstellte, für den dann
    auch Amnesie bestand, wurde trotz ihres Sträubens bestimmt, dass
    sie in meine Behandlung treten solle.

    Die Krankengeschichte, die ich bisher skizziert, erscheint
    wohl im ganzen nicht mitteilenswert. „Petite hystérie“ mit den
    allergewöhnlichsten somatischen und psychischen Symptomen:
    Dyspnoe, Tussis nervosa, Aphonie, etwa noch Migränen, dazu
    Verstimmung, hysterische-Unverträglichkeit und ein wahrscheinlich
    nicht ernst gemeintes Taedium vitae. Es sind gewiss interessantere
    Krankengeschichten von Hysterischen veröffentlicht worden und
    sehr oft sorgfältiger aufgenommene, denn auch von Stigmen der
    Hautempfindlichkeit, Gesichtsfeldeinschränkung und dgl. wird man
    in der Fortsetzung nichts finden. Ich gestatte mir bloss die Be-
    merkung, dass uns alle Sammlungen von seltsamen und erstaun-
    lichen Phänomenen bei Hysterie in der Erkenntnis dieser noch
    immer rätselhaften Erkrankung um nicht vieles gefördert haben.
    Was uns not tut, ist gerade die Aufklärung der allergewöhnlichsten
    Fälle und der allerhäufigsten, der typischen Symptome bei ihnen.
    Ich wäre zufrieden, wenn mir die Verhältnisse gestattet hätten,
    für diesen Fall kleiner Hysterie die Aufklärung vollständig zu
    geben. Nach meinen Erfahrungen an anderen Kranken zweifle
    ich nicht daran, dass meine analytischen Mittel dafür ausgereicht
    hätten.

    Kurz nach der Veröffentlichung meiner „Studien über Hysterie“
    mit Dr. J. Breuer im Jahre 1895 bat ich einen hervorragenden
    Fachgenossen um sein Urteil über die darin vertretene psychische
    Theorie der Hysterie. Er antwortete unumwunden, er halte sie
    für eine unberechtigte Verallgemeinerung von Schlüssen, die für
    einige wenige Fälle richtig sein mögen. Seither habe ich reichlich
    Fälle von Hysterie gesehen, habe mich einige Tage, Wochen
    oder Jahre mit jedem Falle beschäftigt, und in keinem einzigen
    Falle habe ich jene psychischen Bedingungen vermisst, welche die
    hätten.

    1)Diese Kur und somit meine Einsicht in die Verkettungen der Kranken-
    geschichte ist, wie ich bereits mitgeteilt habe, ein Bruchstück geblieben.
    Ich kann darum über manche Punkte keinen Aufschluss geben oder nur An-
    deutungen und Vermutungen verwerten. Als dieser Brief in einer Sitzung
    zur Sprache kam, fragte das Mädchen wie erstaunt: „Wie haben Sie den Brief
    nur gefunden? Er war doch in meinem Schreibtisch eingeschlossen.“ Da
    sie aber wusste, dass die Eltern diesen Entwurf zu einem Abschiedsbrief
    gelesen hatten, so schliesse ich, dass sie ihnen denselben selbst in die Hände
    gespielt.

    2)Ich glaube, dass in diesem Anfalle auch Krämpfe und Delirien zu
    beobachten waren. Da aber die Analyse auch zu diesem Ereignis nicht vor-
    gedrungen ist, verfüge ich über keine gesicherte Erinnerung hierüber.

  • S.

    298

    „Studien“ postulieren, das psychische Trauma, den Konflikt der
    Affekte und, wie ich in späteren Publikationen hinzugefügt habe,
    die Ergriffenheit der Sexualsphäre. Man darf bei Dingen, welche
    durch ihr Bestreben, sich zu verbergen, pathogen geworden sind,
    freilich nicht erwarten, dass die Kranken sie dem Arzt entgegen-
    tragen werden, oder darf sich nicht bei dem ersten „Nein“, das
    sich der Forschung entgegensetzt, bescheiden1).

    Bei meiner Patientin Dora dankte ich es dem schon mehr-
    mals hervorgehobenen Verständnis des Vaters, dass ich nicht
    selbst nach der Lebensanknüpfung, wenigstens für die letzte Ge-
    staltung der Krankheit, zu suchen brauchte. Der Vater berichtete
    mir, dass er wie seine Familie in B. intime Freundschaft mit
    einem Ehepaar geschlossen hätten, welches seit mehreren Jahren
    dort ansässig war. Frau K. habe ihn während seiner grossen
    Krankheit gepflegt und sich dadurch einen unvergänglichen An-
    spruch auf seine Dankbarkeit erworben. Herr K. sei stets sehr
    liebenswürdig gegen seine Tochter Dora gewesen, habe Spazier-
    gänge mit ihr unternommen, wenn er anwesend war, ihr kleine
    Geschenke gemacht, doch hätte niemand etwas Arges daran ge-
    funden. Dora habe die zwei kleinen Kinder des Ehepaares K.
    in der sorgsamsten Weise betreut, gleichsam Mutterstelle an ihnen
    vertreten. Als Vater und Tochter mich im Sommer vor 2 Jahren
    aufsuchten, waren sie eben auf der Reise zu Herrn und Frau K.
    begriffen, die Sommeraufenthalt an einem unserer Alpenseen ge-
    nommen hatten. Dora sollte mehrere Wochen im Hause K. bleiben,
    der Vater wollte nach wenigen Tagen zurückreisen. Herr K. war
    in diesen Tagen auch anwesend. Als der Vater aber zur Abreise
    rüstete, erklärte das Mädchen plötzlich mit grösster Entschiedenheit,
    sie reise mit, und sie hatte es auch so durchgesetzt. Einige Tage
    später gab sie erst die Aufklärung für ihr auffälliges Benehmen,
    indem sie der Mutter zur Weiterbeförderung an den Vater er-
    zählte, Herr K. habe auf einem Spaziergang nach einer Seefahrt
    gewagt, ihr einen Liebesantrag zu machen. Der Beschuldigte,

    1)Hier ein Rätselspiel fürs letztere. Einer meiner Wiener Kollegen,
    dessen Ueberzeugung von der Belanglosigkeit sexueller Momente für die
    Hysterie durch solche Erfahrungen wahrscheinlich sehr gefestigt worden ist,
    entschloss sich, bei einem 14jährigen Mädchen mit bedrohlichem hysterischen
    Erbrechen zur peinlichen Frage, ob sie vielleicht gar eine Liebesbeziehung
    gehabt hätte. Das Kind antwortete: Nein, wahrscheinlich mit gut gespieltem
    Erstaunen, und erzählte in seiner respektlosen Weise der Mutter: Denk’ Dir,
    der dumme Kerl hat mich gar gefragt, ob ich verliebt bin. Es kam dann
    in meine Behandlung und enthüllte sich – freilich nicht gleich bei der
    ersten Unterredung – als eine langjährige Masturbantin mit starkem Fluor
    albus (der viel Bezug auf das Erbrechen hatte), die sich endlich selbst ent-
    wohnt hatte, in der Abstinenz aber von dem heftigsten Schuldgefühl gepeinigt
    worden, so dass sie alle Unfälle, welche die Familie betrafen, als göttliche
    Strafe für ihre Versündigung ansah. Ausserdem stand sie unter dem Einfluss
    des Romans ihrer Tante, deren uneheliche Gravidität (mit zweiter Termi-
    nation für das Erbrechen) ihr angeblich glücklich verheimlicht worden war.
    Sie galt als ein „ganzes Kind“, erwies sich aber als eingeweiht in alles
    Wesentliche der sexuellen Beziehungen.

  • S.

    299

    beim nächsten Zusammentreffen von Vater und Onkel zur Rede
    gestellt, leugnete aufs Nachdrücklichste jeden Schritt seinerseits,
    der solche Auslegung verdient hätte, und begann das Mädchen zu
    verdächtigen, das nach der Mitteilung der Frau K. nur für sexuelle
    Dinge Interesse zeige und in ihrem Haus am Seelbst Mantegazzas
    „Physiologie der Liebe“ und ähnliche Bücher gelesen habe. Wahr-
    scheinlich habe sie, durch solche Lektüre erhitzt, sich die ganze
    Szene, von der sie erzählt, „eingebildet“.

    „Ich bezweifle nicht, sagte der Vater, dass dieser Vorfall die
    Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und Selbstmordideen
    trägt. Sie verlangt von mir, dass ich den Verkehr mit Herrn
    K. und besonders mit Frau K., die sie früher geradezu verehrt hat,
    abbreche. Ich kann das aber nicht, denn erstens halte ich selbst
    die Erzählung Doras von der unsittlichen Zumutung des Mannes
    für eine Phantasie, die sich ihr aufgedrängt hat, zweitens bin ich an
    Frau K. durch ehrliche Freundschaft gebunden und mag ihr nicht
    wehe tun. Die arme Frau ist sehr unglücklich mit ihrem Manne,
    von dem ich übrigens nicht die beste Meinung habe; sie war selbst
    sehr nervenleidend und hat an mir den einzigen Anhalt. Bei
    meinem Gesundheitszustand brauche ich Ihnen wohl nicht zu ver-
    sichern, dass hinter diesem Verhältnis nichts Unerlaubtes steckt.
    Wir sind zwei arme Menschen, die einander, so gut es geht, durch
    freundschaftliche Teilnahme trösten. Dass ich nichts an meiner
    eigenen Frau habe, ist Ihnen bekannt. Dora aber, die meinen
    harten Kopf hat, ist von ihrem Hass gegen die K. nicht abzu-
    bringen. Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, in dem sie
    wiederum dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen Sie sie jetzt
    auf bessere Wege zu bringen.“

    Nicht ganz im Einklang mit diesen Eröffnungen stand es,
    dass der Vater in anderen Reden die Hauptschuld an dem un-
    erträglichen Wesen seiner Tochter auf die Mutter zu schieben
    suchte, deren Eigenheiten allen das Haus verleideten. Ich hatte
    mir aber längst vorgenommen, mein Urteil über den wirklichen
    Sachverhalt aufzuschieben, bis ich auch den anderen Teil ge-
    hört hätte.

    In dem Erlebnis mit Herrn K. — in der Lieberwerbung und
    der darauffolgenden Ehrenkrankung — wäre also für unsere
    Patientin Dora das psychische Trauma gegeben, welches seiner
    Zeit Breuer und ich als unerlässliche Vorbedingung für die Ent-
    stehung eines hysterischen Krankheitszustandes hingestellt haben.
    Dieser neue Fall zeigt aber auch alle die Schwierigkeiten, die
    mich seither veranlasst haben, über diese Theorie hinaus zu gehen1).

    1)Ich bin über diese Theorie hinausgegangen, ohne sie aufzugeben,
    d. h. ich erkläre sie heute nicht für unrichtig, sondern für unvollständig.
    Aufgegeben habe ich bloss die Betonung des sog. hypnoiden Zustandes, der
    aus Anlass des Traumas bei der Kranken auftreten und die Begründung für
    das weitere psychologisch abnorme Geschehen auf sich nehmen soll. Wenn
    es bei gemeinsamer Arbeit gestattet ist, nachträglich eine Eigentums-
    scheidung vorzunehmen, so möchte ich hier doch aussagen, dass die Aufstellung der

  • S.

    300

    vermehrt durch eine neue Schwierigkeit besonderer Art. Das uns
    bekannte Trauma der Lebensgeschichte ist nämlich, wie so oft in
    den hysterischen Krankengeschichten, untauglich, um die Eigenart
    der Symptome zu erklären, sie zu determiniren; wir würden eben-
    soviel oder ebensowenig vom Zusammenhange erfassen, wenn
    andere Symptome als Tussis nervosa, Aphonie, Verstimmung und
    Taedium vitae der Erfolg des Traumas gewesen wären. Nun
    kommt aber hinzu, dass ein Teil dieser Symptome – der Husten
    und die Stimmlosigkeit – schon Jahre vor dem Trauma von der
    Kranken produziert worden sind und dass die ersten Erscheinungen
    überhaupt der Kindheit angehören, da sie in das 8. Lebensjahr
    fallen. Wir müssen also, wenn wir die traumatische Theorie nicht
    aufgeben wollen, bis auf die Kindheit zurückgreifen, um dort nach
    Einflüssen oder Eindrücken zu suchen, welche analog einem Trauma
    wirken können, und dann ist es recht bemerkenswert, dass auch
    die Untersuchung von Fällen, deren erste Symptome nicht
    bereits in der Kindheit einsetzten, zur Verfolgung der Lebens-
    geschichte bis in die ersten Kinderjahre angeregt hat1).

    Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Kur überwunden
    waren, machte mir Dora Mitteilung von einem früheren Er-
    lebnisse mit Herrn K., welches sogar besser geeignet war, als
    sexuelles Trauma zu wirken. Sie war damals 14 Jahre alt.
    Herr K. hatte mit ihr und seiner Frau verabredet, dass die
    Damen am Nachmittag in seinen Geschäftsladen auf dem Haupt-
    platz von B. kommen sollten, um von dort aus eine kirchliche
    Feierlichkeit mitanzusehen. Er bewog aber seine Frau, zu
    Hause zu bleiben, entliess die Kommis und war allein, als das
    Mädchen ins Geschäft trat. Als die Zeit der Prozession heran-
    nahte, ersuchte er das Mädchen, ihn bei der Türe, die aus dem
    Laden zur Treppe ins höhere Stockwerk führte, zu erwarten,
    während er die Rollbalken herunterliess. Er kam dann zurück,
    und anstatt durch die offene Türe hinauszugehen, presste er
    plötzlich das Mädchen an sich und drückte ihm einen Kuss auf
    die Lippen. Das war wohl die Situation, um bei einem vierzehn-
    jährigen, unberührten Mädchen eine deutliche Empfindung sexueller
    Erregtheit hervorzurufen. Dora empfand aber in diesem
    Moment einen heftigen Ekel, riss sich los und eilte an dem
    Manne vorbei zur Treppe und von dort zum Haustor. Der
    Verkehr mit Herrn K. dauerte nichtsdestoweniger fort; keiner
    von ihnen tat dieser kleinen Szene je Erwähnung, auch will sie
    dieselbe bis zur Beichte in der Kur als Geheimnis bewahrt haben.
    In der nächsten Zeit vermied sie übrigens die Gelegenheit, mit

    1)„hypnoiden Zustände“, in welcher dann manche Referenten den Kern unserer
    Arbeit erkennen wollten, der ausschliesslichen Initiative Breuers ent-
    sprungen ist. Ich halte es für überflüssig und irreleitend, die Kontinuität des
    Problems, worin der psychische Vorgang bei der hysterischen Symptom-
    bildung bestehe, durch diese Namengebung zu unterbrechen.
    2) Vgl. meine Abhandlung: Zur Aetiologie der Hysterie. Wiener
    klin. Rundschau. 1896. No. 22–26.

  • S.

    301

    Freud, Bruchstück einer Hysterie-Analyse.

    Herrn K. allein zu sein. Das Ehepaar K. hatte damals einen
    mehrtägigen Ausflug verabredet, an dem auch Dora teilnehmen
    sollte. Nach dem Kuss im Laden sagte sie ihre Beteiligung ab,
    ohne Gründe anzugeben1).

    In dieser, der Reihe nach zweiten, der Zeit nach früheren
    Szene ist das Benehmen des 14jährigen Kindes bereits ganz und
    voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein Anlass zur sexuellen
    Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervor-
    ruft, würde ich unbedenklich für eine Hysterica halten, ob sie
    nun somatische Symptome zu erzeugen fähig sei oder nicht.
    Den Mechanismus dieser Affektverkehrung aufzuklären, bleibt
    eine der bedeutsamsten, gleichzeitig eine der schwierigsten Auf-
    gaben der Neurosenpsychologie. Nach meinem eigenen Urteil bin
    ich noch ein gut Stück Weges von diesem Ziel entfernt; im
    Rahmen dieser Mitteilung werde ich aber auch von dem, was
    ich weiß, nur einen Teil vorbringen können.

    Der Fall unserer Patientin Dora ist durch die Hervor-
    hebung der Affektverkehrung noch nicht genügend charakterisiert;
    man muss außerdem sagen, hier hat eine Verschiebung der
    Empfindung stattgefunden. Anstatt der Genitalsensation, die bei
    einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen2) gewiss nicht
    gefühlt hätte, stellt sich bei ihr die Unlustempfindung ein, welche
    dem Schleimhauttrakt des Eingangs in den Verdauungskanal
    zugehört, der Ekel. Gewiss hat auf diese Lokalisation die Lippen-
    erregung durch den Kuss Einfluss genommen; ich glaube aber
    auch noch die Wirkung eines anderen Momentes zu erkennen3).

    Der damals verspürte Ekel ist bei Dora nicht zum bleibenden
    Symptom geworden, auch zur Zeit der Behandlung war er nur gleich-
    sam potentiell vorhanden. Sie aß schlecht und gestand eine gelinde
    Abneigung gegen Speisen zu. Dagegen hatte jene Szene eine
    andere Folge zurückgelassen, eine Empfindungshalluzination, die
    von Zeit zu Zeit und auch während ihrer Erzählung wieder auf-
    trat. Sie sagte, sie verspüre jetzt noch den Druck auf den
    Oberkörper von jener Umarmung. Nach gewissen Regeln der
    Symptombildung, die mir bekannt geworden sind, im Zusammenhalt
    unerklärlichen Eigentümlichkeiten der Kranken,
    die z. B. an keinem Manne vorbeigehen wollte, den sie in
    eifrigem oder zärtlichem Gespräch mit einer Dame stehen sah,
    habe ich mir von dem Hergang in jener Szene folgende Re-
    konstruktion geschaffen. Ich denke, sie verspürte in der stürmi-
    schen Umarmung nicht bloss den Kuss auf ihren Lippen, sondern
    auch das Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib.

    1)Einen Beitrag zur Motivierung dieser Absage siehe Seite 302.

    2)Die Würdigung dieser Umstände wird durch eine spätere Auf-
    klärung erleichtert werden. Siehe Seite 439.

    3)Accidentelle Ursachen hatte der Ekel Doras bei diesem Kusse
    sicherlich nicht, diese wären unfehlbar erinnert und erwähnt worden. Ich
    kenne zufällig Herrn K.; es ist dieselbe Person, die den Vater der Patientin
    zu mir begleitet hat, ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem Äussern.

  • S.

    302

    Diese ihr anstößige Wahrnehmung wurde für die Erinnerung
    beseitigt, verdrängt und durch die harmlosere Sensation des
    Druckes am Thorax ersetzt, die aus der verdrängten Quelle ihre
    übergrosse Intensität bezieht. Eine neuerliche Verschiebung also
    vom Unterkörper auf den Oberkörper1). Der Zwang in ihrem
    Benehmen ist hingegen so gebildet, als ginge er von der un-
    veränderten Erinnerung aus. Sie mag an keinem Manne, den
    sie in sexueller Erregung glaubt, vorbeigehen, weil sie das so-
    matische Zeichen derselben nicht wieder sehen will.

    Es ist bemerkenswert, wie hier drei Symptome – der Ekel,
    die Drucksensatiou am Oberkörper und die Scheu vor Männern
    in zärtlichem Gespräch – aus einem Erlebnis hervorgehen, und
    wie erst die Aufeinanderbeziehung dieser drei Zeichen das Ver-
    ständnis für den Hergang der Symptombildung ermöglicht. Der
    Ekel entspricht dem Verdrängungssymptom von der erogenen
    (durch infantiles Lutschen, wie wir hören werden, verwöhnten)
    Lippenzone. Das Andrängen des erigierten Gliedes hat wahr-
    scheinlich die analoge Veränderung an dem entsprechenden weib-
    lichen Organ, der Clitoris, zur Folge gehabt, und die Erregung
    dieser zweiten erogenen Zone ist durch Verschiebung auf die
    gleichzeitige Drucksensatiou am Thorax fixiert worden. Die
    Scheu vor Männern in möglicherweise sexuell erregtem Zustande
    folgt dem Mechanismus einer Phobie, um sich vor einer neuer-
    lichen Wiederbelebung der verdrängten Wahrnehmung zu sichern.

    Um die Möglichkeit dieser Ergänzung darzutun, habe ich
    in der vorsichtigsten Weise bei der Patientin angefragt, ob ihr
    von körperlichen Zeichen der Erregtheit am Leibe des Mannes
    etwas bekannt sei. Die Antwort lautete für heute: ja, für damals:
    sie glaube nicht. Ich habe bei dieser Patientin von Anfang an
    die grösste Sorgfalt aufgewendet, um ihr keinen neuen Wissens-
    stoff aus dem Gebiete des Geschlechtslebens zuzuführen, und
    dies nicht aus Gründen der Gewissenhaftigkeit, sondern weil ich
    meine Voraussetzungen an diesem Falle einer harten Probe unter-
    ziehen wollte. Ich nannte ein Ding also erst dann beim Namen,
    wenn ihre allzu deutlichen Anspielungen die Uebersetzung ins
    Direkte als ein sehr geringfügiges Wagstück erscheinen liessen.
    Ihre prompte und ehrliche Antwort ging auch regelmässig dahin,
    das sei ihr bereits bekannt, aber das Rätsel, woher sie es denn
    wisse, wur durch ihre Erinnerungen nicht zu lösen. Die Herkunft
    all dieser Kenntnisse hatte sie vergessen2).

    1)Solche Verschiebungen werden nicht etwa zum Zwecke dieser einen Er-
    klärung angenommen, sondern ergeben sich für eine grosse Reihe von Symptomen
    als unabweisbare Forderung. Ich habe seither von einer früher zärtlich ver-
    liebten Braut, die sich wegen plötzlicher Erkaltung gegen ihren Verlobten, die
    unter schwerer Verstimmung eintrat, an mich wendete, denselben Schreck-
    effekt einer Umarmung (ohne Kuss) vernommen. Hier gelang die Zurück-
    führung des Schrecks auf die wahrgenommene, aber fürs Bewusstsein be-
    seitigte Erektion des Mannes ohne weitere Schwierigkeit.

    2)Vgl. den zweiten Traum.

  • S.

    303

    Wenn ich mir die Szene des Kusses im Laden so vorstellen
    darf, so gelange ich zu folgender Ableitung für den
    Ekel.1) Die
    Ekelempfindung scheint ja ursprünglich die Reaktion auf den
    Geruch (später auch auf den Anblick) der Exkremente zu sein.
    An die exkrementellen Funktionen können die Genitalien und
    speziell das männliche Glied aber erinnern, weil hier das Organ
    ausser der sexuellen auch der Funktion der Harnentleerung dient.
    Ja diese Verrichtung ist die älter bekannte und die in der vor-
    sexuellen Zeit einzig bekannte. So gelangt der Ekel unter die
    Affektäusserungen des Sexuallebens. Es ist das „inter urinas et
    faeces nascimur“ des Kirchenvaters, welches dem Sexualleben
    anhaftet und aller idealisierenden Bemühung zum Trotze von ihm
    nicht abzulösen ist. Ich will es aber ausdrücklich als meinen
    Standpunkt hervorheben, dass ich das Problem durch den Nach-
    weis dieses Assoziationsweges nicht für gelöst halte. Wenn diese
    Assoziation wachgerufen werden kann, so ist damit noch nicht
    erklärt, dass sie auch wachgerufen wird. Sie wird es nicht unter
    normalen Verhältnissen. Die Kenntnis der Wege macht die
    Kenntnis der Kräfte nicht überflüssig, welche diese Wege
    wandeln.2)

    Im übrigen fand ich es nicht leicht, die Aufmerksamkeit
    meiner Patientin auf ihren Verkehr mit Herrn K. zu lenken. Sie
    behauptete, mit dieser Person abgeschlossen zu haben. Die
    oberste Schicht all ihrer Einfälle in den Sitzungen, alles was ihr
    leicht bewusst wurde und was sie als bewusst vom Vortag er-
    innerte, bezog sich immer auf den Vater. Es war ganz richtig,
    dass sie dem Vater die Fortsetzung des Verkehrs mit Herrn und
    besonders mit Frau K. nicht verzeihen konnte. Ihre Auffassung
    dieses Verkehrs war allerdings eine andere, als die der Vater
    selbst gehegt wissen wollte. Für sie bestand kein Zweifel, dass
    es ein gewöhnliches Liebesverhältnis sei, das ihren Vater an die
    junge und schöne Frau knüpfe. Nichts was dazu beitragen konnte,
    diesen Satz zu erhärten, war ihrer hierin unerbittlich scharfen
    Wahrnehmung entgangen, hier fand sich keine Lücke in
    ihrem Gedächtnisse. Die Bekanntschaft mit den K. hatte
    schon vor der schweren Erkrankung des Vaters begonnen; sie
    wurde aber erst intim, als sich während dieser Krankheit die
    junge Frau förmlich zur Pflegerin aufwarf, während die Mutter

    1)Hier wie an allen ähnlichen Stellen mache man sich nicht auf
    einfache, sondern auf mehrfache Begründung, auf Überdeterminierung
    gefasst.

    2)An all diesen Erörterungen ist viel Typisches und für Hysterie
    allgemein Gültiges. Das Thema der Erektion löst einige der inter-
    essantesten unter den hysterischen Symptomen. Die weibliche Aufmerksam-
    keit für die durch die Kleider wahrnehmbaren Umrisse der männlichen Genitalien wird
    nach ihrer Verdrängung zum Motiv so vieler Fälle von Menschenscheu und
    Gesellschaftsangst. Die breite Verbindung zwischen dem Sexuellen und dem
    Exkrementellen, deren pathogene Bedeutung wohl nicht gross genug ver-
    anschlagt werden kann, dient einer überaus reichlichen Anzahl von hysterischen
    Phobien zur Grundlage.

  • S.

    304

    sich vom Bette des Kranken ferne hielt. In dem ersten Sommer-
    aufenthalte nach der Genesung ereigneten sich Dinge, die jeder-
    mann über die wirkliche Natur dieser „Freundschaft“ die Augen-
    öffnen mussten. Die beiden Familien hatten gemeinsam einen
    Trakt im Hotel gemietet, und da geschah es eines Tages, dass
    Frau K. erklärte, sie könne das Schlafzimmer nicht beibehalten,
    welches sie bisher mit einem ihrer Kinder geteilt hatte, und
    wenige Tage nachher gab ihr Vater sein Schlafzimmer auf, und
    beide bezogen neue Zimmer, die Endzimmer und nur durch den
    Korridor getrennt waren, während die aufgegebenen Räume solche
    Garantie gegen Störung nicht geboten hatten. Wenn sie dem
    Vater später Vorwürfe wegen der Frau K. machte, so pflegte
    er zu sagen, er begreife diese Feindschaft nicht, die Kinder
    hätten vielmehr allen Grund, der Frau K. dankbar zu sein. Die
    Mama, an welche sie sich dann um Aufklärung dieser dunkeln
    Rede wandte, teilte ihr mit, der Papa sei damals so unglücklich
    gewesen, dass er im Walde einen Selbstmord habe verüben wollen;
    Frau K., die es geahnt, sei ihm aber nachgekommen und habe ihn
    durch ihr Bitten bestimmt, sich den Seinigen zu erhalten. Sie
    glaube natürlich nicht daran, man habe wohl die beiden im Walde
    mitsammen gesehen, und da habe der Papa dies Märchen vom
    Selbstmord erfunden, um das Rendezvous zu rechtfertigen1). Als
    sie dann nach B. zurückkehrten, war der Papa täglich zu be-
    stimmten Stunden bei Frau K., während der Mann im Geschäft
    war. Alle Leute hätten darüber gesprochen und sie in be-
    zeichnender Weise danach gefragt. Herr K. selbst habe oft gegen
    ihre Mama bitter geklagt, sie selbst aber mit Anspielungen auf
    den Gegenstand verschont, was sie ihm als Zartgefühl anzurechnen
    schien. Bei gemeinsamen Spaziergängen wussten Papa und Frau K.
    es regelmässig so einzurichten, dass er mit Frau K. allein blieb.
    Es war kein Zweifel, dass sie Geld von ihm nahm, denn sie
    machte Ausgaben, die sie unmöglich aus eigenen Mitteln oder aus
    denen ihres Mannes bestreiten konnte. Der Papa begann auch,
    ihr grosse Geschenke zu machen; um diese zu verdecken, wurde
    er gleichzeitig besonders freigebig gegen die Mutter und gegen sie
    selbst. Die bis dahin kränkliche Frau, die selbst für Monate eine
    Nervenheilanstalt aufsuchen musste, weil sie nicht gehen konnte,
    war seither gesund und lebensfrisch.

    Auch nachdem sie B. verlassen hatten, setzte sich der mehr-
    jährige Verkehr fort, indem der Vater von Zeit zu Zeit erklärte,
    er vertrage das rauhe Klima nicht, müsse etwas für sich tun, zu
    husten und zu klagen begann, bis er plötzlich nach B. abgereist
    war, von wo aus er die heitersten Briefe schrieb. All diese
    Krankheiten waren nur Vorwände, um seine Freundin wieder-
    zusehen. Dann hiess es eines Tages, sie übersiedelten nach Wien,
    und sie fing an, einen Zusammenhang zu vermuten. Wirklich

    1)Dies die Anknüpfung für ihre eigene Selbstmordkomödie, die also
    etwa die Sehnsucht nach einer ähnlichen Liebe ausdrückt.

  • S.

    305

    waren sie kaum 3 Wochen in Wien, als sie hörte, K. seien gleich-
    falls nach Wien übersiedelt. Sie befänden sich auch gegenwärtig
    hier, und sie träfe den Papa häufig mit Frau K. auf der Strasse.
    Auch Herr K. begegne sie öfters, er blicke ihr immer nach,
    und als er sie einmal alleingebend getroffen, sei er ihr ein grosses
    Stück weit nachgegangen, um sich zu überzeugen, wohin sie gehe,
    ob sie nicht etwa ein Rendezvous habe.

    Dass der Papa unaufrichtig sei, einen Zug von Falschheit in
    seinem Charakter habe, nur an seine eigene Befriedigung denke
    und die Gabe besitze, sich die Dinge so zurecht zu legen, wie
    es ihm am besten passe, solche Kritik bekam ich besonders in
    den Tagen zu hören, als der Vater wieder einmal seinen Zustand
    verschlimmert fühlte und für mehrere Wochen nach B. abreiste,
    worauf die scharfsichtige Dora bald ausgekundschaftet hatte, dass
    auch Frau K. eine Reise nach demselben Ziel zum Besuch ihrer
    Verwandten unternommen hatte.

    Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen
    nicht bestreiten; es war auch leicht zu sehen, mit welchem be-
    sonderen Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in erbitterter
    Stimmung war, drängte sich ihr die Auffassung auf, dass sie
    Herrn K. ausgeliefert worden sei als Preis für seine Duldung
    gegen die Beziehungen zwischen Doras Vater und seiner Frau,
    und man konnte hinter ihrer Zärtlichkeit für den Vater die Wut
    über solche Verwendung ahnen. Zu anderen Zeiten wusste sie
    wohl, dass sie sich mit solchen Reden einer Uebertreibung schuldig
    gemacht hatte. Einen förmlichen Pakt, in dem sie als Tausch-
    objekt behandelt worden, hatten die beiden Männer natürlich
    niemals geschlossen; der Vater zumal wäre vor einer solchen
    Zumutung entsetzt zurückgewichen. Aber er gehörte zu jenen
    Männern, die einem Konflikt dadurch die Spitze abzubrechen
    verstehen, dass sie ihr Urteil über das eine der zum Gegensatz
    gekommenen Themata verfälschen. Auf die Möglichkeit auf-
    merksam gemacht, dass einem heranwachsenden Mädchen aus dem
    beständigen und unbeaufsichtigten Verkehr mit dem von seiner
    Frau unbefriedigten Manne Gefahr erwachsen könne, hätte er
    sicherlich geantwortet: Auf seine Tochter könne er sich verlassen,
    der könne ein Mann wie K. nie gefährlich werden, und sein
    Freund K. selbst sei solcher Absichten unfähig. Oder: Dora sei
    noch ein Kind und werde von K. als Kind behandelt. Es war
    aber in Wirklichkeit so gekommen, dass jeder der beiden Männer
    es vermied, aus dem Benehmen des anderen jene Konsequenz
    zu ziehen, welche für seine eigenen Bestrebungen unbequem war.
    Herr K. durfte Dora alle Tage seiner Anwesenheit ein Jahr hin-
    durch Blumen schicken, jede Gelegenheit zu kostbaren Geschenken
    benutzen und alle seine freie Zeit in ihrer Gesellschaft zubringen,
    ohne dass ihre Eltern in diesem Benehmen den Charakter der
    Liebeswerbung erkannt hätten.

    Wenn in der psychoanalytischen Behandlung eine korrekt
    begründete und einwandfreie Gedankenreihe auftaucht, so gibt

  • S.

    306

    Freud, Bruchstück einer Hysterie-
    Analyse.

    es wohl einen Moment der Verlegenheit für den Arzt, den der
    Kranke zur Frage ausnützt: „Das ist doch wohl alles wahr und
    richtig? Was wollen Sie daran ändern, wenn ich’s Ihnen erzählt
    habe?“ Man merkt dann bald, dass solche für die Analyse un-
    angreifbare Gedanken vom Kranken dazu benutzt worden sind,
    um andere zu verdecken, die sich der Kritik und dem Bewusstsein
    entziehen wollen. Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Per-
    sonen lässt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhalts
    vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf die
    eigene Person des Redners zurückzuwenden. Diese Art, sich
    gegen einen Selbstvorwurf zu verteidigen, indem man den gleichen
    Vorwurf gegen eine andere Person erhebt, hat etwas unleugbar
    Automatisches. Sie findet ihr Vorbild in den „Retourkutschen“
    der Kinder, die unbedenklich zur Antwort geben: „Du bist ein
    Lügner“, wenn man sie der Lüge beschuldigt hat. Der Erwachsene
    würde im Bestreben nach Gegenbeschimpfung nach irgend einer
    realen Blösse des Gegners ausschauen und nicht den Hauptwert
    auf die Wiederholung des nämlichen Inhaltes legen. In der Paranoia
    wird diese Projektion des Vorwurfes auf einen Anderen ohne
    Inhaltsveränderung und somit ohne Anlehnung an die Realität als
    wahnbildender Vorgang manifest.

    Auch die Vorwürfe Doras gegen ihren Vater waren mit
    Selbstvorwürfen durchwegs des nämlichen Inhaltes „unterfüttert“,
    „doubliert“, wie wir im einzelnen zeigen werden: Sie hatte recht
    darin, dass der Vater sich Herrn K.s Benehmen gegen seine
    Tochter nicht klar machen wollte, um nicht in seinem Verhältnis
    zu Frau K. gestört zu werden. Aber sie hatte genau das nämliche
    getan. Sie hatte sich zur Mitschuldigen dieses Verhältnisses gemacht
    und alle Anzeichen abgewiesen, welche sich für die wahre Natur
    desselben ergaben. Erst seit dem Abenteuer am See datierte ihre
    Klarheit darüber und ihre strengen Anforderungen an den Vater.
    All die Jahre vorher hatte sie dem Verkehr des Vaters mit Frau K.
    jeden möglichen Vorschub geleistet. Sie ging nie zu Frau K.,
    wenn sie den Vater dort vermutete. Sie wusste, dann würden
    die Kinder weggeschickt worden sein, richtete ihren Weg so ein,
    dass sie die Kinder antraf, und ging mit ihnen spazieren. Es
    hatte eine Person im Hause gegeben, welche ihr frühzeitig die
    Augen über die Beziehungen des Vaters zur Frau K. öffnen und
    sie zur Parteinahme gegen diese Frau anreizen wollte. Dies war
    ihre letzte Gouvernante, ein älteres, sehr belesenes Mädchen von
    freien Ansichten1). Lehrerin und Schülerin standen eine Weile
    recht gut miteinander, bis Dora sich plötzlich mit ihr verfeindete
    und auf ihrer Entlassung bestand. So lange das Fräulein Einfluss

    1)Diese Gouvernante, die alle Bücher über Geschlechtsleben u. dgl. las
    und mit dem Mädchen darüber sprach, sie aber fromütig bat, alles darauf
    bezügliche vor den Eltern geheim zu halten, weil man ja nicht wissen könne,
    auf welchen Standpunkt die sich stellen würden,—in diesem Mädchen suchte
    ich eine Zeitlang die Quelle für all die geheime Kenntnis Doras, und ich ging
    vielleicht nicht völlig irre.

  • S.

    307

    besass, benutzte sie ihn dazu, gegen Frau K. zu hetzen. Sie setzte
    der Mama auseinander, dass es mit ihrer Würde unvereinbar sei,
    solche Intimität ihres Mannes mit einem Fremden zu dulden; sie
    machte auch Dora auf alles aufmerksam, was an diesem Verkehr
    auffällig war. Ihre Bemühungen waren aber vergebens, Dora
    blieb Frau K. zärtlich zugetan und wollte von keinem Anlass
    wissen, den Verkehr des Vaters mit ihr anstössig zu finden.
    Sie gab sich anderseits sehr wohl Rechenschaft über die Motive,
    die ihre Gouvernante bewegten. Blind nach der einen Seite, war
    sie scharfsichtig genug nach der anderen. Sie merkte, dass das
    Fräulein in den Papa verliebt sei. Wenn der Papa anwesend war,
    schien sie eine ganz andere Person, dann konnte sie amüsant und
    dienstfertig sein. Zur Zeit, als die Familie in der Fabrikstadt weilte
    und Frau K. ausser dem Horizonte war, hetzte sie gegen die Mama
    als die jetzt in Betracht kommende Nebenbuhlerin. Das alles nahm
    ihr Dora noch nicht übel. Erbost wurde sie erst, als sie merkte,
    dass sie selbst der Gouvernante ganz gleichgültig sei, und dass die ihr
    erwiesene Liebe tatsächlich dem Papa gelte. Während der Ab-
    wesenheit des Papas von der Fabrikstadt hatte die Fräulein
    keine Zeit für sie, wollte nicht mit ihr spazieren gehen, interessierte
    sich nicht für ihre Arbeiten. Kaum dass der Papa von B. zurück-
    gekommen war, zeigte sie sich wieder zu allen Dienst- und Hülfe-
    leistungen bereit. Da liess sie sie fallen.

    Die Arme hatte ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück
    ihres eigenen Benehmens beleuchtet. Sowie das Fräulein zeit-
    weise gegen Dora, so war Dora gegen die Kinder des Herrn K.
    gewesen. Sie vertrat Mutterstelle an ihnen, unterrichtete sie,
    ging mit ihnen aus, schuf ihnen einen vollen Ersatz für das
    geringe Interesse, das die eigene Mutter ihnen zeigte. Zwischen
    Herrn und Frau K. war oft von Scheidung die Rede gewesen;
    sie kam nicht zustande, weil Herr K., der ein zärtlicher Vater
    war, auf keines der beiden Kinder verzichten wollte. Das ge-
    meinsame Interesse an den Kindern war von Anfang an ein
    Bindemittel des Verkehrs zwischen Herrn K. und Dora gewesen.
    Die Beschäftigung mit den Kindern war für Dora offenbar der
    Deckmantel, der ihr selbst und Fremden etwas anderes ver-
    bergen sollte.

    Aus ihrem Benehmen gegen die Kinder, wie es durch das
    Benehmen des Fräuleins gegen sie selbst erläutert wurde, ergab
    sich dieselbe Folgerung wie aus ihrer stillschweigenden Ein-
    willigung in den Verkehr des Vaters mit Frau K., nämlich dass
    sie all die Jahre über in Herrn K. verliebt gewesen war. Als
    ich diese Folgerung aussprach, fand ich keine Zustimmung bei
    ihr. Sie berichtete zwar sofort, dass auch andere Personen, z. B.
    eine Cousine, die eine Weile in B. auf Besuch war, ihr gesagt
    hätten: „Du bist ja ganz vernarrt in den Mann“; sie selbst wollte
    sich aber an diese Gefühle nicht erinnern. Späterhin, als die
    Fülle des auftauchenden Materials ein Ableugnen erschwerte, gab
    sie zu, sie könne Herrn K. in B. geliebt haben, aber seit der

  • S.

    308

    Szene am See sei das vorüber1). Jedenfalls stand es fest, dass
    der Vorwurf, sich gegen unabweisliche Pflichten taub gemacht
    und sich die Dinge so zurecht gelegt zu haben, wie es der
    eigenen verliebten Regung bequem war, der Vorwurf, den sie
    gegen den Vater erhob, auf ihre eigene Person zurückfiel2).

    Der andere Vorwurf, dass er seine Krankheiten als Vor-
    wände schaffe und als Mittel benütze, deckte wiederum ein ganzes
    Stück ihrer eigenen geheimen Geschichte. Sie klagte eines Tages
    über ein angeblich neues Symptom, schneidende Magenschmerzen,
    und als ich fragte: „Wen kopieren Sie damit?“ hatte ich es ge-
    troffen. Sie hatte am Tage vorher ihre Cousinen, die Töchter
    der verstorbenen Tante, besucht. Die jüngere war Braut ge-
    worden, die ältere war zu diesem Anlass an Magenschmerzen
    erkrankt und sollte auf den Semmering gebracht werden. Sie
    meinte, das sei bei der Aelteren nur Neid, die werde immer
    krank, wenn sie etwas erreichen wolle, und jetzt wolle sie eben
    vom Hause weg, um das Glück der Schwester nicht mit anzu-
    sehen3). Ihre eigenen Magenschmerzen sagten aber aus, dass sie
    sich mit der für eine Simulantin erklärten Cousine identifiziere,
    sei es, weil sie gleichfalls die Glücklichere um ihre Liebe beneidet
    oder weil sie im Schicksal der älteren Schwester, der kurz vorher
    eine Liebesaffäre unglücklich ausgegangen war, das eigene ge-
    spiegelt sah4). Wie nützlich sich Krankheiten verwenden lassen,
    hatte sie aber auch durch die Beobachtung der Frau K. erfahren.
    Herr K. war einen Teil des Jahres auf Reisen; so oft er zurück-
    kam, fand er die Frau leidend, die einen Tag vorher noch, wie
    Dora wusste, wohlauf gewesen war. Dora verstand, dass die
    Gegenwart des Mannes krankmachend auf die Frau wirkte, und
    dass dieses das Kranksein willkommen war, um sich den ver-
    hassten ehelichen Pflichten zu entziehen. Eine Bemerkung über
    ihre eigene Abwechslung von Leiden und Gesundheit während
    der ersten in B. verbrachten Mädchenjahre, die sich an dieser
    Stelle plötzlich einfügte, musste mich auf die Vermutung bringen,
    dass ihre eigenen Zustände in einer ähnlichen Abhängigkeit wie
    die der Frau K. zu betrachten seien.

    In der Technik der
    Psychoanalyse gilt es nämlich als Regel, dass sich ein innerer,
    aber noch verborgener Zusammenhang durch die Kontiguität, die
    zeitliche Nachbarschaft der Einfälle kundtut, genau so wie in der
    Schrift a und b nebeneinander gesetzt bedeutet, dass daraus die
    Silbe ab gebildet werden soll. Dora hatte eine Unzahl von An-
    fällen von Husten mit Stimmlosigkeit gezeigt; sollte die An-
     

    1)Vgl. den zweiten Traum.

    2)Hier erhebt sich die Frage: Wenn Dora Herrn K. geliebt, wie
    begründet sich ihre Abweisung in der Szene am See oder wenigstens die
    brutale, auf Erbitterung deutende Form dieser Abweisung? Wie konnte ein
    verliebtes Mädchen in der keineswegs plump oder anstößig vorgebrachten
    Werbung eine Beleidigung sehen?

    3)Ein alltägliches Vorkommnis zwischen Schwestern.

    4)Welchen weiteren Schluss ich aus den Magenschmerzen zog, wird
    später zur Sprache kommen.

  • S.

    309

    wesenheit oder Abwesenheit des Geliebten auf dieses Kommen
    und Schwinden der Krankheitserscheinungen Einfluss geübt
    haben? Wenn dies der Fall war, so musste sich irgendwo eine
    verräterische Uebereinstimmung nachweisen lassen. Ich fragte,
    welches die mittlere Zeitdauer dieser Anfälle gewesen war. Etwa
    3–6 Wochen. Wie lange die Abwesenheiten des Herrn K.
    gedauert hätten? Sie musste zugeben, gleichfalls zwischen 3 und
    6 Wochen. Sie demonstrierte also mit ihrem Kranksein ihre Liebe
    für K. wie dessen Frau ihre Abneigung. Nur durfte man an-
    nehmen, dass sie sich umgekehrt wie die Frau benommen hätte,
    wenn er abwesend, und gesund, nachdem er
    krank gewesen wäre, wenn er abwesend, und gesund, nachdem er
    zurückgekehrt. Es schien auch wirklich so zu stimmen, wenigstens
    für eine erste Periode der Anfälle; in späteren Zeiten ergab sich
    ja wohl eine Nötigung, das Zusammentreffen von Krankheits-
    anfall und Abwesenheit des heimlich geliebten Mannes zu ver-
    wischen, damit das Geheimnis nicht durch die Konstanz des
    selben verraten würde. Dann blieb wohl die Zeitdauer des
    Anfalls als Marke seiner ursprünglichen Bedeutung übrig.
    (Schluss im nächsten Heft.)


    Aus der Königl. Universitätspsychiatrischen und Nervenklinik zu Halle a. S.

    Über Schlaflähmung des Facialis.

    Von

    Dr. med. ALBERT KNAPP,

    Oberarzt der Klinik.

    Am 16. V. stellte sich mir ein 20 jähriger Maurer, F. B.,
    in der Poliklinik vor. Er erzählte, dass er vor 14 Tagen über
    einer schriftlichen Arbeit eingeschlafen sei und etwa zwei Stunden
    die rechte Wange auf den Tisch aufgelegt, verharrt habe. Auf
    gewacht, habe er das Gefühl gehabt, als würde der Kopf nach
    hinten gedreht, die Haut sei straff gespannt gewesen, die rechte
    Lippe sei heruntergehängt, und das rechte Auge habe sich nicht
    schliessen wollen. Jetzt sei es ihm, als hätte er Fett im Munde.

    Es stellte sich heraus, dass sämtliche vom rechten Facialis
    versorgten Muskeln paretisch waren. Die faradische und galva-
    nische Erregbarkeit derselben war quantitativ herabgesetzt,
    qualitativ nicht verändert. Auf den vorderen zwei Dritteln der
    rechten Zungenhälfte wurde süss, sauer und salzig nicht unter-
    schieden, nur eine konzentrierte Chininlösung als unangenehm
    empfunden. Das Gaumensegel war normal, der Ohrbefund un-
    verdächtig, Hyperakusis bestand nicht, Störungen der Speichel-
    sekretion und der Sensibilität im Gesicht und an der Zunge
    fehlten.