S.
290
sehen von den Träumen, nur an einigen wenigen Stellen enthüllt
worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte daran, die
Determinierung der Symptome und den intimen Aufbau der
neurotischen Erkrankung aufzuzeigen; es hätte mir unauflösbare
Verwirrung erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht hätte, auch
die andere Aufgabe zu erfüllen. Zur Begründung der techni-
schen, zumeist empirisch gefundenen Regeln müsste man wohl das
Material aus vielen Behandlungsge-
schichten zusammentragen.
Indes möge man sich die Verkürzung durch die Zurückhal-
tung der Technik für diesen Fall nicht besonders gross vorstellen.
Gerade das schwierigste Stück der technischen Arbeit ist bei
der Kranken nicht in Frage gekommen, da das Moment der
„Uebertragung“, von dem zu Ende der Krankenge-
schichte die
Rede ist, während der kurzen Behandlung nicht zur Entfal-
tung
gelangte.An einer dritten Art von Unvollstän-
digkeit dieses Berichts
tragen weder die Kranke noch der Autor die Schuld. Es ist
vielmehr selbstverständlich, dass eine einzige Krankenge-
schichte,
selbst wenn sie vollständig und keiner Anzweiflung ausgesetzt
wäre, nicht Antwort auf alle Fragen geben kann, die sich aus
dem Hysterieproblem erheben. Sie kann nicht alle Typen der
Erkrankung, nicht alle Gestaltungen der inneren Struk-
tur der
Neurose, nicht alle bei der Hysterie möglichen Arten des Zu-
sammenhanges zwischen Psychi-
schem und Somati-
schem kennen
lehren. Man darf billiger Weise von dem einen Fall nicht mehr
fordern, als er zu gewäh-
ren vermag. Auch wird, wer bisher
nicht an die allgemeine und ausnahms-
lose Gültigkeit der psycho-
sexuellen Aetio-
logie für die Hysterie glauben wollte, diese Ueber-
zeugung durch die Kenntnisnahme einer Krankenge-
schichte kaum
gewinnen, sondern am besten sein Urteil aufschieben, bis er sich
durch eigene Arbeit ein Recht auf eine Ueber-
zeugung erworben hat.I.
Nachdem ich in meiner 1900 veröffent-
lichten „Traumdeutung“
nachgewiesen habe, dass Träume im allgemeinen deutbar sind, und
dass sie nach vollendeter Deutungs-
arbeit sich durch tadellos
gebildete, an bekannter Stelle in den seeli-
schen Zusammenhang ein-
füg-
bare Gedanken ersetzen lassen, möchte ich auf den nachfolgenden
Seiten ein Beispiel von jener einzigen praktischen Verwendung
geben, welche die Kunst des Traumdeu-
tens zuzulas-
sen scheint.
Ich habe schon in meinem Buche1) erwähnt, auf welche Weise
ich an die Traumpro-
bleme geraten bin. Ich fand sie auf meinem
Wege, während ich Psychoneu-
rosen durch ein besonderes Verfah-
ren der Psycho-
therapie zu heilen bemüht war, indem mir die
Kranken unter anderen Vorfällen aus ihrem Seelen-
leben auch
Träume berichte-
ten, welche nach Einrei-
hung in den lange aus-
gespon-
nenen Zusammen-
hang zwischen Leidenssymp-
tom und patho-
1)Die Traumdeutung. 1900. Fr. Deuticke, Leipzig und Wien. p. 68.
S.
291
gener Idee zu verlangen schienen. Ich erlernte damals, wie man
aus der Sprache des Traumes in die ohne weitere Nachhülfe ver-
ständliche Ausdrucksweise unserer Denksprache übersetzen muss.
Diese Kenntnis, darf ich behaupten, ist für den Psychoanalytiker
unentbehrlich, denn der Traum stellt einen der Wege dar, wie
dasjenige psychische Material zum Bewusstsein gelangen kann,
welches kraft des Widerstrebens, das sein Inhalt rege macht,
vom Bewusstsein abgesperrt, verdrängt und somit pathogen
geworden ist. Der Traum ist, kürzer gesagt, einer der Umwege
zur Umgehung der Verdrängung, eines der Hauptmittel der
sogen. indirekten Darstellungsweise im Psychischen. Wie die
Traumdeutung in die Arbeit der Analyse eingreift, soll nun das
vorliegende Bruchstück aus der Behandlungsgeschichte eines
hysterischen Mädchens dartun. Es soll mir gleichzeitig Anlass
bieten, von meinen Ansichten über die psychischen Vorgänge
und über die organischen Bedingungen der Hysterie zum ersten
Male in nicht mehr missverständlicher Breite einen Anteil öffentlich
zu vertreten. Der Breite wegen brauche ich mich wohl nicht
mehr zu entschuldigen, seitdem es zugegeben wird, dass man nur
durch liebevollste Vertiefung, aber nicht durch vornehm-
tuende Geringschätzung den grossen Ansprüchen nachkommen kann,
welche die Hysterie an den Arzt und Forscher stellt. Freilich:
„Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
Geduld will bei dem Werke sein!“Eine lückenlose und abgerundete Krankengeschichte voran-
schicken, hiesse den Leser von vornherein unter ganz andere Be-
dingungen versetzen, als die des ärztlichen Beobachters waren.
Was die Angehörigen des Kranken — in meinem Falle der Vater
des 18jährigen Mädchens — berichten, gibt zumeist ein sehr
unkenntliches Bild des Krankheitsverlaufes. Ich beginne dann
zwar die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze Lebens-
und Krankheitsgeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu
hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht genügend.
Diese erste Erzählung ist einem nicht schiffbaren Strom ver-
gleichbar, dessen Bett bald durch Felsmassen verlegt, bald durch
Sandbänke zerteilt und untief gemacht wird. Ich kann mich nur
verwundern, wie die glatten und exakten Krankengeschichten
Hysterischer bei den Autoren entstanden sind. In Wirklichkeit
sind die Kranken unfähig, derartige Berichte über sich zu geben.
Sie können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt aus-
reichend und zusammenhängend informieren, dann folgt aber eine
andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht werden, Lücken und
dabei leere, brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten. Die Zu-
sammenhänge, auch die scheinbaren, sind meist zerrissen, die
Aufeinanderfolge verschiedener Begebenheiten unsicher; während
der Erzählung selbst korrigiert die Kranke wiederholt eine Angabe,
ein Datum, um dann nach längerem Schwanken etwa wieder auf
S.
292
die erste Aussage zurückzugreifen. Die Unfähigkeit der Kranken
zur geordneten Darstellung ihrer Lebensgeschichte, soweit sie mit
der Krankheitsgeschichte zusammenfällt, ist nicht nur charakteristisch
für die Neurose1), sie entbehrt auch nicht einer grossen theo-
retischen Bedeutsamkeit. Dieser Mangel hat nämlich folgende
Begründungen: Erstens hält die Kranke einen Teil dessen, was
ihr wohlbekannt ist und was sie erzählen sollte, bewusst und
absichtlich aus den noch nicht überwundenen Motiven der Scheu
und Scham (Diskretion, wenn andere Personen in Betracht
kommen) zurück; dies wäre der Anteil der bewussten Unauf-
richtigkeit. Zweitens bleibt ein Teil ihres anamnestischen Wissens,
über welchen die Kranke sonst verfügt, während dieser Erzählung
aus, ohne dass die Kranke einen Vorsatz auf diese Zurückhaltung
verwendet: Anteil der unbewussten Unaufrichtigkeit. Drittens
fehlt es nie an wirklichen Amnesien, Gedächtnislücken, in welche
nicht nur alte, sondern selbst ganz rezente Erinnerungen hinein-
geraten sind, und an Erinnerungstäuschungen, welche sekundär
zur Ausfüllung dieser Lücken gebildet wurden2). Wo die
Begebenheiten selbst dem Gedächtnis erhalten geblieben, da wird
die den Amnesien zugrunde liegende Absicht ebenso sicher durch
Aufhebung eines Zusammenhanges erreicht, und der Zusammen-
hang wird am sichersten zerrissen, wenn die Zeitfolge der Begeben-
heiten verändert wird. Letztere erweist sich auch stets als der
vulnerabelste, der Verdrängung am ehesten unterliegende Bestand-
teil des Erinnerungsschatzes. Manche Erinnerungen trifft man
sozusagen in einem ersten Stadium der Verdrängung, sie zeigen
sich mit Zweifel behaftet. Eine gewisse Zeit später wäre dieser
Zweifel durch Vergessen oder Fehlerinnern ersetzt3).
Ein solcher Zustand der auf die Krankheitsgeschichte bezüg-
lichen Erinnerungen ist das notwendige, theoretisch geforderte
Korrelat der Krankheitssymptome. Im Verlaufe der Behandlung
trägt dann der Kranke nach, was er zurückgehalten oder was
ihm nicht eingefallen ist, obwohl er es immer gewusst hat. Die1)Einst übergab mir ein Kollege seine Schweſter zur psycho-
therapeutischen Behandlung, die, wie er sagte, seit Jahren erfolglos wegen
Hysterie (Schmerzen und Gangstörung) behandelt worden sei. Die kurze
Information schien mit der Diagnose gut vereinbar; ich liess mir in einer
ersten Stunde von der Kranken selbst ihre Geschichte erzählen. Als diese
Erzählung trotz der merkwürdigen Begebenheiten, auf die sie anspielte, voll-
kommen klar und ordentlich ausfiel, sagte ich mir, der Fall könne keine
Hysterie sein, und stellte unmittelbar darauf eine sorgfältige körperliche
Untersuchung an. Das Ergebnis war die Diagnose einer mässig vor-
geschrittenen Tabes, die dann auch durch Hg-Injektionen (Ol. cinereum,
von Prof. Lang ausgeführt) eine erhebliche Besserung erfuhr.2)Amnesien und Erinnerungstäuschungen stehen im komplimentären
Verhältnis zu einander. Wo sich grosse Erinnerungslücken ergeben, wird
man auf wenig Erinnerungstäuschungen stossen. Umgekehrt kann letztere
das Vorhandensein von Amnesien für den ersten Augenblick völlig verdecken.
Bei zweifelnder Darstellung lehrt eine durch Erfahrung gewonnene
Regel, sehe man von dieser Urteilsäusserung des Erzählers völlig ab. Bei
zwischen zwei Gestaltungen schwankender Darstellung halte man aber die
erst genannte für richtige, die zweite für ein Produkt der Verdrängung.3)
S.
293
Erinnerungstäuschungen erweisen sich als unhaltbar, die Lücken
der Erinnerung werden ausgefüllt. Gegen Ende der Behandlung
erst kann man eine in sich konsequente, verständliche und lücken-
lose Krankengeschichte überblicken. Wenn das praktische Ziel
der Behandlung dahin geht, alle möglichen Symptome aufzuheben
und durch bewusste Gedanken zu ersetzen, so kann man als ein
anderes, theoretisches Ziel die Aufgabe aufstellen, alle Gedächt-
nisschäden des Kranken zu heilen. Die beiden Ziele fallen zu-
sammen; wenn das eine erreicht ist, ist auch das andere gewonnen;
der nämliche Weg führt zu beiden.Aus der Natur der Dinge, welche das Material der Psycho-
analyse bilden, folgt, dass wir in unseren Krankengeschichten den
rein menschlichen und sozialen Verhältnissen der Kranken ebenso-
viel Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen Daten
und den Krankheitssymptomen. Vor allem anderen wird sich
unser Interesse den Familienverhältnissen der Kranken zuwenden,
und zwar, wie sich ergeben wird, auch anderer Beziehungen
wegen als nur mit Rücksicht auf die zu erforschende Heredität.Der Familienkreis der 18j. Patientin umfasste ausser ihrer
Person das Elternpaar und einen um 1½ Jahre älteren Bruder.
Die dominierende Person war der Vater, sowohl durch seine
Intelligenz und Charaktereigenschaften wie durch seine Lebens-
umstände, welche das Gerüst für die Kindheits- und Kranken-
geschichte der Patientin abgeben. Er war zur Zeit, als ich das
Mädchen in Behandlung nahm, ein Mann in der zweiten Hälfte
der Vierzigerjahre, von nicht ganz gewöhnlicher Rührigkeit und
Begabung, Grossindustrieller in sehr behäbiger materieller Situation.
Die Tochter hing an ihm mit besonderer Zärtlichkeit, und ihre
frühzeitig erwachte Kritik nahm um so stärkeren Anstoss an
manchen seiner Handlungen und Eigentümlichkeiten.Diese Zärtlichkeit war überdies durch die vielen und
schweren Erkrankungen gesteigert worden, denen der Vater seit
ihrem 6. Lebensjahr unterlegen war. Damals wurde seine Er-
krankung an Tuberkulose der Anlass zur Uebersiedelung der
Familie in eine kleine, klimatisch begünstigte Stadt unserer süd-
lichen Provinzen; das Lungenleiden besserte sich daselbst rasch,
doch blieb der für nötig gehaltenen Schonung zu Liebe dieser
Ort, den ich mit B. bezeichnen werde, für die nächsten zehn
Jahre ungefähr der vorwiegende Aufenthalt sowohl der Eltern
wie auch der Kinder. Der Vater war, wenn es ihm gut ging,
zeitweilig abwesend, um seine Fabriken zu besuchen; im Hoch-
sommer wurde ein Höhenkurort aufgesucht.Als das Mädchen etwa 10 Jahre alt war, machte eine Netz-
hautablösung beim Vater eine Dunkelkur notwendig. Bleibende
Einschränkung des Sehvermögens war die Folge dieses Krank-
heitsanfalles. Die ernsteste Erkrankung ereignete sich etwa
2 Jahre später; sie bestand in einem Anfalle von Verworrenheit,
an den sich Lähmungserscheinungen und leicht- psychische
Störungen anschlossen. Ein Freund des Kranken, dessen RolleS.
294
uns noch später beschäftigen wird, bewog damals den nur wenig
Gebesserten, mit seinem Arzte nach Wien zu reisen, um meinen
Rat einzuholen. Ich schwankte eine Weile, ob ich nicht bei ihm
eine Taboparalyse annehmen sollte, entschloss mich aber dann
zur Diagnose diffuser vaskulärer Affektion und liess, nachdem
eine spezifische Infektion vor der Ehe vom Kranken zugestanden
war, eine energische antiluetische Kur vornehmen, infolge deren
sich alle noch vorhandenen Störungen zurückbildeten. Diesem
glücklichen Eingreifen verdanke ich wohl, dass mir der Vater
4 Jahre später seine deutlich neurotisch gewordene Tochter vor
stellte und nach weiteren 2 Jahren zur psychotherapeutischen
Behandlung übergab.Ich hatte unterdes auch eine wenig ältere Schwester des
Patienten in Wien kennen gelernt, bei der man eine schwere
Form von Psychoneurose ohne charakteristisch-hysterische Symp-
tome anerkennen musste. Diese Frau starb nach einem von einer
unglücklichen Ehe erfüllten Leben unter den eigentlich nicht voll
aufgeklärten Erscheinungen eines rapid fortschreitenden Marasmus.Ein älterer Bruder des Patienten, den ich gelegentlich zu
Gesichte bekam, war ein hypochondrischer Junggeselle.Das Mädchen, das im Alter von 18 Jahren meine Patientin
wurde, hatte vor jeher mit seinen Sympathien auf Seite der
väterlichen Familie gestanden und, seitdem sie erkrankt war, ihr
Vorbild in der erwähnten Tante gesehen. Es war auch mir
nicht zweifelhaft, dass sie sowohl mit ihrer Begabung und in-
tellektuellen Frühreife als auch mit ihrer Krankheitsveranlagung
dieser Familie angehörte. Die Mutter habe ich nicht kennen
gelernt. Nach den Mitteilungen des Vaters und des Mädchens
musste ich mir die Vorstellung machen, sie sei eine wenig ge-
bildete, vor allem aber unkluge Frau, die besonders seit der
Erkrankung und der ihr folgenden Entfremdung ihres Mannes
alle ihre Interessen auf die Hauswirtschaft konzentrierte und so
das Bild dessen biete, was man die „Hausfrauenpsychose“ nennen
kann. Ohne Verständnis für die regeren Interessen ihrer Kinder,
war sie den ganzen Tag mit Reinmachen und Reinhalten der
Wohnung, Möbel und Gerätschaften in einem Maasse beschäftigt,
welches Gebrauch und Genuss derselben fast unmöglich machte.
Man kann nicht umhin, diesen Zustand, von dem sich Andeutungen
häufig genug bei normalen Hausfrauen finden, den Formen von
Wasch-
und anderem Reinlichkeitszwang an die Seite zu stellen;
doch fehlt es bei solchen Frauen, wie auch bei der Mutter unserer
Patientin, völlig an der Krankheitserkenntnis und somit an einem
wesentlichen Merkmal der „Zwangsneurose“. Das Verhältnis
zwischen Mutter und Tochter war seit Jahren ein sehr unfreund-
liches. Die Tochter übersah die Mutter, kritisierte sie hart und
hatte sich ihrem Einfluss völlig entzogen1).1)Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkte: Die einzige Aetiologie
der Hysterie sei die Heredität, möchte aber gerade mit Hinblick auf einige
frühere Publikationen (L’hérédité et l’étiologie des névroses. Revue neuro-S.
295
Der einzige, um 1½ Jahr ältere Bruder des Mädchens war
ihr in früheren Jahren das Vorbild gewesen, dem ihr Ehrgeiz
nachgestrebt hatte. Die Beziehungen der beiden Geschwister
hatten sich in den letzten Jahren gelockert. Der junge Mann
suchte sich den Familienwirren möglichst zu entziehen; wo er
Partei nehmen musste, stand er auf Seiten der Mutter. So hatte
die gewöhnliche sexuelle Attraktion Vater und Tochter einerseits,
Mutter und Sohn anderseits einander näher gebracht.Unsere Patientin, der ich fortan ihren Namen Dora geben
will, zeigte schon im Alter von 8 Jahren nervöse Symptome.
Sie erkrankte damals an permanenter, anfallsweise sehr ge-
steigerter Atemnot, die zuerst nach einer kleinen Bergpartie auf-
trat und darum auf Ueberanstrengung bezogen wurde. Der
Zustand klang im Laufe eines halben Jahres langsam unter der
ihr aufgenötigten Ruhe und Schonung ab. Der Hausarzt der
Familie scheint bei der Diagnose einer rein nervösen Störung
und beim Ausschluss einer organischen Verursachung der Dyspnoe
keinen Moment geschwankt zu haben, aber er hielt offenbar
solche Diagnose für vereinbar mit der Aetiologie der Ueber-
anstrengung1).Die Kleine machte die gewöhnlichen Kinderinfektions-
krankheiten ohne bleibende Schädigung durch. Wie sie (in
symbolisierender Absicht!) erzählte, machte gewöhnlich der Bruder
den Anfang mit der Erkrankung, die er im leichten Grade hatte,
worauf sie mit schweren Erscheinungen nachfolgte. Gegen das
Alter von 12 Jahren traten migräneartige halbseitige Kopf-
schmerzen und Anfälle von nervösem Husten bei ihr auf, anfangs1)logique, IV, 1896, No. 6), in denen ich den obigen Satz bekämpfe, nicht
den Anschein erwecken, als unterschätzte ich die Heredität in der Aetiologie
der Hysterie oder hielte sie überhaupt für entbehrlich. Für den Fall unserer
Patientin ergibt sich eine genügende Krankheitsbelastung aus dem über den
Vater und dessen Geschwister Mitgeteilten; ja, was der Anschauung ist, dass
der der Mutter ohne hereditäre Disposition
unmöglich sind, wird die Heredität dieses Falles für eine konvergente un-
klären können. Mir erscheint ein für die hereditäre oder besser konstitu-
Disposition des Mädchens ein anderes Moment bedeutsamer. Ich habe er-
wähnt, dass der Vater vor der Ehe Syphilis überstanden hatte. Nun stammt
ein auffällig grosser Prozentsatz meiner psycho-analytisch behandelten
Kranken von Vätern ab, die an Tabes oder an Paralyse gelitten haben. In
therapeutischen Verfahrens fallen mir nur die
schwersten Fälle zu, die bereits Jahre lang ohne jeglichen Erfolg be-
handelt worden sind. Tabes oder Paralyse des Erzeugers darf man als An-
hänger der Erb-Fournier’schen Lehre als Hinweise auf eine stattgehabte
luetische Infektion aufnehmen, welche in einer Anzahl von Fällen bei diesen
Vätern auch von mir direkt festgestellt worden ist. In der letzten Diskussion
über die Nachkommenschaft Syphilitischer (XIII. Internat. mediz. Kongress zu
Paris, 2.–9. August 1900, Referate von Finger, Tarnowsky, Jullien
u. a.) vermisse ich die Erwähnung der Tatsache, zu deren Anerkennung mich
meine Erfahrung als Neuropathologe drängt, dass Syphilis der Erzeuger als
Aetiologie für die neuropathische Konstitution der Kinder sehr wohl in
Betracht kommt.*) Ueber den wahrscheinlichen Anlass dieser ersten Erkrankung siehe
weiter unten.S.
296
jedesmal mit einander, bis sich die beiden Symptome von ein-
ander lösen, um eine verschiedene Entwicklung zu erfahren.
Die Migräne wurde seltener und war mit 16 Jahren überwunden.
Die Anfälle von Tussis nervosa, zu denen ein gemeiner Katarrh
wohl den Anstoss gegeben hatte, hielten die ganze Zeit über an.
Als sie mit 18 Jahren in meine Behandlung kam, hustete sie
neuerdings in charakteristischer Weise. Die Anzahl dieser
Anfälle war nicht festzustellen, die Dauer derselben betrug 3 bis
5 Wochen, einmal auch mehrere Monate. In der ersten Hälfte
eines solchen Anfalles war wenigstens in den letzten Jahren
komplete Stimmlosigkeit das lästigste Symptom gewesen. Die
Diagnose, dass es sich wieder um Nervosität handle, stand längst
fest; die mannigfachen gebräuchlichen Behandlungen, auch Hydro-
therapie und lokale Elektrisierung, blieben ohne Erfolg. Da-
unter diesen Zuständen zum reifen, im Urteil sehr selbständigen
Mädchen herangewachsene Kind gewöhnte sich daran, der Be-
mühungen der Aerzte zu spotten und zuletzt auf ärztliche Hilfe
zu verzichten. Sie hatte sich übrigens von jeher gesträubt, den
Arzt zu Rate zu ziehen, obwohl sie gegen die Person ihres Haus-
arztes keine Abneigung hatte. Jeder Vorschlag, einen neuen
Arzt zu konsultieren, erregte ihren Widerstand, und auch zu
mir trieb sie erst das Machtwort des Vaters.Ich sah sie zuerst im Frühsommer ihres 16. Jahres mit
Husten und Heiserkeit behaftet und schlug schon damals eine
psychische Kur vor, von der dann Abstand genommen wurde,
als auch dieser länger dauernde Anfall spontan verging. Im
Winter des nächsten Jahres war sie nach dem Tode ihrer ge-
liebten Tante in Wien im Hause des Onkels und dessen Töchter
und erkrankte hier fieberhaft an einem Zustand, der damals
als Blinddarmentzündung diagnostiziert wurde1). In dem darauf-
folgenden Herbst verliess die Familie endgültig den Kurort B.,
da die Gesundheit des Vaters dies zu gestatten schien, nahm
zuerst in dem Orte, wo sich die Fabrik des Vaters befand, und
kaum ein Jahr später in Wien dauernden Aufenthalt.Dora war unterdes zu einem blühenden Mädchen von
intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen, das
ihren Eltern aber schwere Sorge bereitete. Das Hauptzeichen ihres
Krankseins war Verstimmung und Charakterveränderung geworden.
Sie war offenbar weder mit sich noch mit den übrigen zufrieden,
begegnete ihrem Vater unfreundlich und vertrug sich gar nicht
mehr mit ihrer Mutter, die sie durchaus zur Teilnahme an der
Wirtschaft heranziehen wollte. Verkehr suchte sie zu vermeiden;
soweit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über die sie klagte, es
zulissen, beschäftigte sie sich mit dem Anhören von Vorträgen
für Damen und trieb ernstere Studien. Eines Tages wurden die
Eltern in Schreck versetzt durch einen Brief, den sie auf oder
in dem Schreibtisch des Mädchens fanden, in dem sie Abschied1)Vgl. über denselben die Analyse des zweiten Traumes.
S.
297
von ihnen nahm, weil sie das Leben nicht mehr ertragen könne1).
Die nicht geringe Einsicht des Vaters liess ihn zwar annehmen,
dass ein ernsthafter Selbstmordvorsatz das Mädchen beherrsche,
aber er blieb erschüttert, und als sich eines Tages nach einem gering-
fügigen Wortwechsel zwischen Vater und Tochter bei letzterer
ein erster Anfall von Bewusstlosigkeit2) einstellte, für den dann
auch Amnesie bestand, wurde trotz ihres Sträubens bestimmt, dass
sie in meine Behandlung treten solle.Die Krankengeschichte, die ich bisher skizziert, erscheint
wohl im ganzen nicht mitteilenswert. „Petite hystérie“ mit den
allergewöhnlichsten somatischen und psychischen Symptomen:
Dyspnoe, Tussis nervosa, Aphonie, etwa noch Migränen, dazu
Verstimmung, hysterische-Unverträglichkeit und ein wahrscheinlich
nicht ernst gemeintes Taedium vitae. Es sind gewiss interessantere
Krankengeschichten von Hysterischen veröffentlicht worden und
sehr oft sorgfältiger aufgenommene, denn auch von Stigmen der
Hautempfindlichkeit, Gesichtsfeldeinschränkung und dgl. wird man
in der Fortsetzung nichts finden. Ich gestatte mir bloss die Be-
merkung, dass uns alle Sammlungen von seltsamen und erstaun-
lichen Phänomenen bei Hysterie in der Erkenntnis dieser noch
immer rätselhaften Erkrankung um nicht vieles gefördert haben.
Was uns not tut, ist gerade die Aufklärung der allergewöhnlichsten
Fälle und der allerhäufigsten, der typischen Symptome bei ihnen.
Ich wäre zufrieden, wenn mir die Verhältnisse gestattet hätten,
für diesen Fall kleiner Hysterie die Aufklärung vollständig zu
geben. Nach meinen Erfahrungen an anderen Kranken zweifle
ich nicht daran, dass meine analytischen Mittel dafür ausgereicht
hätten.Kurz nach der Veröffentlichung meiner „Studien über Hysterie“
mit Dr. J. Breuer im Jahre 1895 bat ich einen hervorragenden
Fachgenossen um sein Urteil über die darin vertretene psychische
Theorie der Hysterie. Er antwortete unumwunden, er halte sie
für eine unberechtigte Verallgemeinerung von Schlüssen, die für
einige wenige Fälle richtig sein mögen. Seither habe ich reichlich
Fälle von Hysterie gesehen, habe mich einige Tage, Wochen
oder Jahre mit jedem Falle beschäftigt, und in keinem einzigen
Falle habe ich jene psychischen Bedingungen vermisst, welche die
hätten.1)Diese Kur und somit meine Einsicht in die Verkettungen der Kranken-
geschichte ist, wie ich bereits mitgeteilt habe, ein Bruchstück geblieben.
Ich kann darum über manche Punkte keinen Aufschluss geben oder nur An-
deutungen und Vermutungen verwerten. Als dieser Brief in einer Sitzung
zur Sprache kam, fragte das Mädchen wie erstaunt: „Wie haben Sie den Brief
nur gefunden? Er war doch in meinem Schreibtisch eingeschlossen.“ Da
sie aber wusste, dass die Eltern diesen Entwurf zu einem Abschiedsbrief
gelesen hatten, so schliesse ich, dass sie ihnen denselben selbst in die Hände
gespielt.2)Ich glaube, dass in diesem Anfalle auch Krämpfe und Delirien zu
beobachten waren. Da aber die Analyse auch zu diesem Ereignis nicht vor-
gedrungen ist, verfüge ich über keine gesicherte Erinnerung hierüber.S.
298
„Studien“ postulieren, das psychische Trauma, den Konflikt der
Affekte und, wie ich in späteren Publikationen hinzugefügt habe,
die Ergriffenheit der Sexualsphäre. Man darf bei Dingen, welche
durch ihr Bestreben, sich zu verbergen, pathogen geworden sind,
freilich nicht erwarten, dass die Kranken sie dem Arzt entgegen-
tragen werden, oder darf sich nicht bei dem ersten „Nein“, das
sich der Forschung entgegensetzt, bescheiden1).Bei meiner Patientin Dora dankte ich es dem schon mehr-
mals hervorgehobenen Verständnis des Vaters, dass ich nicht
selbst nach der Lebensanknüpfung, wenigstens für die letzte Ge-
staltung der Krankheit, zu suchen brauchte. Der Vater berichtete
mir, dass er wie seine Familie in B. intime Freundschaft mit
einem Ehepaar geschlossen hätten, welches seit mehreren Jahren
dort ansässig war. Frau K. habe ihn während seiner grossen
Krankheit gepflegt und sich dadurch einen unvergänglichen An-
spruch auf seine Dankbarkeit erworben. Herr K. sei stets sehr
liebenswürdig gegen seine Tochter Dora gewesen, habe Spazier-
gänge mit ihr unternommen, wenn er anwesend war, ihr kleine
Geschenke gemacht, doch hätte niemand etwas Arges daran ge-
funden. Dora habe die zwei kleinen Kinder des Ehepaares K.
in der sorgsamsten Weise betreut, gleichsam Mutterstelle an ihnen
vertreten. Als Vater und Tochter mich im Sommer vor 2 Jahren
aufsuchten, waren sie eben auf der Reise zu Herrn und Frau K.
begriffen, die Sommeraufenthalt an einem unserer Alpenseen ge-
nommen hatten. Dora sollte mehrere Wochen im Hause K. bleiben,
der Vater wollte nach wenigen Tagen zurückreisen. Herr K. war
in diesen Tagen auch anwesend. Als der Vater aber zur Abreise
rüstete, erklärte das Mädchen plötzlich mit grösster Entschiedenheit,
sie reise mit, und sie hatte es auch so durchgesetzt. Einige Tage
später gab sie erst die Aufklärung für ihr auffälliges Benehmen,
indem sie der Mutter zur Weiterbeförderung an den Vater er-
zählte, Herr K. habe auf einem Spaziergang nach einer Seefahrt
gewagt, ihr einen Liebesantrag zu machen. Der Beschuldigte,1)Hier ein Rätselspiel fürs letztere. Einer meiner Wiener Kollegen,
dessen Ueberzeugung von der Belanglosigkeit sexueller Momente für die
Hysterie durch solche Erfahrungen wahrscheinlich sehr gefestigt worden ist,
entschloss sich, bei einem 14jährigen Mädchen mit bedrohlichem hysterischen
Erbrechen zur peinlichen Frage, ob sie vielleicht gar eine Liebesbeziehung
gehabt hätte. Das Kind antwortete: Nein, wahrscheinlich mit gut gespieltem
Erstaunen, und erzählte in seiner respektlosen Weise der Mutter: Denk’ Dir,
der dumme Kerl hat mich gar gefragt, ob ich verliebt bin. Es kam dann
in meine Behandlung und enthüllte sich – freilich nicht gleich bei der
ersten Unterredung – als eine langjährige Masturbantin mit starkem Fluor
albus (der viel Bezug auf das Erbrechen hatte), die sich endlich selbst ent-
wohnt hatte, in der Abstinenz aber von dem heftigsten Schuldgefühl gepeinigt
worden, so dass sie alle Unfälle, welche die Familie betrafen, als göttliche
Strafe für ihre Versündigung ansah. Ausserdem stand sie unter dem Einfluss
des Romans ihrer Tante, deren uneheliche Gravidität (mit zweiter Termi-
nation für das Erbrechen) ihr angeblich glücklich verheimlicht worden war.
Sie galt als ein „ganzes Kind“, erwies sich aber als eingeweiht in alles
Wesentliche der sexuellen Beziehungen.S.
299
beim nächsten Zusammentreffen von Vater und Onkel zur Rede
gestellt, leugnete aufs Nachdrücklichste jeden Schritt seinerseits,
der solche Auslegung verdient hätte, und begann das Mädchen zu
verdächtigen, das nach der Mitteilung der Frau K. nur für sexuelle
Dinge Interesse zeige und in ihrem Haus am Seelbst Mantegazzas
„Physiologie der Liebe“ und ähnliche Bücher gelesen habe. Wahr-
scheinlich habe sie, durch solche Lektüre erhitzt, sich die ganze
Szene, von der sie erzählt, „eingebildet“.„Ich bezweifle nicht, sagte der Vater, dass dieser Vorfall die
Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und Selbstmordideen
trägt. Sie verlangt von mir, dass ich den Verkehr mit Herrn
K. und besonders mit Frau K., die sie früher geradezu verehrt hat,
abbreche. Ich kann das aber nicht, denn erstens halte ich selbst
die Erzählung Doras von der unsittlichen Zumutung des Mannes
für eine Phantasie, die sich ihr aufgedrängt hat, zweitens bin ich an
Frau K. durch ehrliche Freundschaft gebunden und mag ihr nicht
wehe tun. Die arme Frau ist sehr unglücklich mit ihrem Manne,
von dem ich übrigens nicht die beste Meinung habe; sie war selbst
sehr nervenleidend und hat an mir den einzigen Anhalt. Bei
meinem Gesundheitszustand brauche ich Ihnen wohl nicht zu ver-
sichern, dass hinter diesem Verhältnis nichts Unerlaubtes steckt.
Wir sind zwei arme Menschen, die einander, so gut es geht, durch
freundschaftliche Teilnahme trösten. Dass ich nichts an meiner
eigenen Frau habe, ist Ihnen bekannt. Dora aber, die meinen
harten Kopf hat, ist von ihrem Hass gegen die K. nicht abzu-
bringen. Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, in dem sie
wiederum dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen Sie sie jetzt
auf bessere Wege zu bringen.“Nicht ganz im Einklang mit diesen Eröffnungen stand es,
dass der Vater in anderen Reden die Hauptschuld an dem un-
erträglichen Wesen seiner Tochter auf die Mutter zu schieben
suchte, deren Eigenheiten allen das Haus verleideten. Ich hatte
mir aber längst vorgenommen, mein Urteil über den wirklichen
Sachverhalt aufzuschieben, bis ich auch den anderen Teil ge-
hört hätte.In dem Erlebnis mit Herrn K. — in der Lieberwerbung und
der darauffolgenden Ehrenkrankung — wäre also für unsere
Patientin Dora das psychische Trauma gegeben, welches seiner
Zeit Breuer und ich als unerlässliche Vorbedingung für die Ent-
stehung eines hysterischen Krankheitszustandes hingestellt haben.
Dieser neue Fall zeigt aber auch alle die Schwierigkeiten, die
mich seither veranlasst haben, über diese Theorie hinaus zu gehen1).1)Ich bin über diese Theorie hinausgegangen, ohne sie aufzugeben,
d. h. ich erkläre sie heute nicht für unrichtig, sondern für unvollständig.
Aufgegeben habe ich bloss die Betonung des sog. hypnoiden Zustandes, der
aus Anlass des Traumas bei der Kranken auftreten und die Begründung für
das weitere psychologisch abnorme Geschehen auf sich nehmen soll. Wenn
es bei gemeinsamer Arbeit gestattet ist, nachträglich eine Eigentums-
scheidung vorzunehmen, so möchte ich hier doch aussagen, dass die Aufstellung derS.
300
vermehrt durch eine neue Schwierigkeit besonderer Art. Das uns
bekannte Trauma der Lebensgeschichte ist nämlich, wie so oft in
den hysterischen Krankengeschichten, untauglich, um die Eigenart
der Symptome zu erklären, sie zu determiniren; wir würden eben-
soviel oder ebensowenig vom Zusammenhange erfassen, wenn
andere Symptome als Tussis nervosa, Aphonie, Verstimmung und
Taedium vitae der Erfolg des Traumas gewesen wären. Nun
kommt aber hinzu, dass ein Teil dieser Symptome – der Husten
und die Stimmlosigkeit – schon Jahre vor dem Trauma von der
Kranken produziert worden sind und dass die ersten Erscheinungen
überhaupt der Kindheit angehören, da sie in das 8. Lebensjahr
fallen. Wir müssen also, wenn wir die traumatische Theorie nicht
aufgeben wollen, bis auf die Kindheit zurückgreifen, um dort nach
Einflüssen oder Eindrücken zu suchen, welche analog einem Trauma
wirken können, und dann ist es recht bemerkenswert, dass auch
die Untersuchung von Fällen, deren erste Symptome nicht
bereits in der Kindheit einsetzten, zur Verfolgung der Lebens-
geschichte bis in die ersten Kinderjahre angeregt hat1).Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Kur überwunden
waren, machte mir Dora Mitteilung von einem früheren Er-
lebnisse mit Herrn K., welches sogar besser geeignet war, als
sexuelles Trauma zu wirken. Sie war damals 14 Jahre alt.
Herr K. hatte mit ihr und seiner Frau verabredet, dass die
Damen am Nachmittag in seinen Geschäftsladen auf dem Haupt-
platz von B. kommen sollten, um von dort aus eine kirchliche
Feierlichkeit mitanzusehen. Er bewog aber seine Frau, zu
Hause zu bleiben, entliess die Kommis und war allein, als das
Mädchen ins Geschäft trat. Als die Zeit der Prozession heran-
nahte, ersuchte er das Mädchen, ihn bei der Türe, die aus dem
Laden zur Treppe ins höhere Stockwerk führte, zu erwarten,
während er die Rollbalken herunterliess. Er kam dann zurück,
und anstatt durch die offene Türe hinauszugehen, presste er
plötzlich das Mädchen an sich und drückte ihm einen Kuss auf
die Lippen. Das war wohl die Situation, um bei einem vierzehn-
jährigen, unberührten Mädchen eine deutliche Empfindung sexueller
Erregtheit hervorzurufen. Dora empfand aber in diesem
Moment einen heftigen Ekel, riss sich los und eilte an dem
Manne vorbei zur Treppe und von dort zum Haustor. Der
Verkehr mit Herrn K. dauerte nichtsdestoweniger fort; keiner
von ihnen tat dieser kleinen Szene je Erwähnung, auch will sie
dieselbe bis zur Beichte in der Kur als Geheimnis bewahrt haben.
In der nächsten Zeit vermied sie übrigens die Gelegenheit, mit1)„hypnoiden Zustände“, in welcher dann manche Referenten den Kern unserer
Arbeit erkennen wollten, der ausschliesslichen Initiative Breuers ent-
sprungen ist. Ich halte es für überflüssig und irreleitend, die Kontinuität des
Problems, worin der psychische Vorgang bei der hysterischen Symptom-
bildung bestehe, durch diese Namengebung zu unterbrechen.
2) Vgl. meine Abhandlung: Zur Aetiologie der Hysterie. Wiener
klin. Rundschau. 1896. No. 22–26.S.
301
Freud, Bruchstück einer Hysterie-Analyse.
Herrn K. allein zu sein. Das Ehepaar K. hatte damals einen
mehrtägigen Ausflug verabredet, an dem auch Dora teilnehmen
sollte. Nach dem Kuss im Laden sagte sie ihre Beteiligung ab,
ohne Gründe anzugeben1).In dieser, der Reihe nach zweiten, der Zeit nach früheren
Szene ist das Benehmen des 14jährigen Kindes bereits ganz und
voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein Anlass zur sexuellen
Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervor-
ruft, würde ich unbedenklich für eine Hysterica halten, ob sie
nun somatische Symptome zu erzeugen fähig sei oder nicht.
Den Mechanismus dieser Affektverkehrung aufzuklären, bleibt
eine der bedeutsamsten, gleichzeitig eine der schwierigsten Auf-
gaben der Neurosenpsychologie. Nach meinem eigenen Urteil bin
ich noch ein gut Stück Weges von diesem Ziel entfernt; im
Rahmen dieser Mitteilung werde ich aber auch von dem, was
ich weiß, nur einen Teil vorbringen können.Der Fall unserer Patientin Dora ist durch die Hervor-
hebung der Affektverkehrung noch nicht genügend charakterisiert;
man muss außerdem sagen, hier hat eine Verschiebung der
Empfindung stattgefunden. Anstatt der Genitalsensation, die bei
einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen2) gewiss nicht
gefühlt hätte, stellt sich bei ihr die Unlustempfindung ein, welche
dem Schleimhauttrakt des Eingangs in den Verdauungskanal
zugehört, der Ekel. Gewiss hat auf diese Lokalisation die Lippen-
erregung durch den Kuss Einfluss genommen; ich glaube aber
auch noch die Wirkung eines anderen Momentes zu erkennen3).Der damals verspürte Ekel ist bei Dora nicht zum bleibenden
Symptom geworden, auch zur Zeit der Behandlung war er nur gleich-
sam potentiell vorhanden. Sie aß schlecht und gestand eine gelinde
Abneigung gegen Speisen zu. Dagegen hatte jene Szene eine
andere Folge zurückgelassen, eine Empfindungshalluzination, die
von Zeit zu Zeit und auch während ihrer Erzählung wieder auf-
trat. Sie sagte, sie verspüre jetzt noch den Druck auf den
Oberkörper von jener Umarmung. Nach gewissen Regeln der
Symptombildung, die mir bekannt geworden sind, im Zusammenhalt
unerklärlichen Eigentümlichkeiten der Kranken,
die z. B. an keinem Manne vorbeigehen wollte, den sie in
eifrigem oder zärtlichem Gespräch mit einer Dame stehen sah,
habe ich mir von dem Hergang in jener Szene folgende Re-
konstruktion geschaffen. Ich denke, sie verspürte in der stürmi-
schen Umarmung nicht bloss den Kuss auf ihren Lippen, sondern
auch das Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib.1)Einen Beitrag zur Motivierung dieser Absage siehe Seite 302.
2)Die Würdigung dieser Umstände wird durch eine spätere Auf-
klärung erleichtert werden. Siehe Seite 439.3)Accidentelle Ursachen hatte der Ekel Doras bei diesem Kusse
sicherlich nicht, diese wären unfehlbar erinnert und erwähnt worden. Ich
kenne zufällig Herrn K.; es ist dieselbe Person, die den Vater der Patientin
zu mir begleitet hat, ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem Äussern.S.
302
Diese ihr anstößige Wahrnehmung wurde für die Erinnerung
beseitigt, verdrängt und durch die harmlosere Sensation des
Druckes am Thorax ersetzt, die aus der verdrängten Quelle ihre
übergrosse Intensität bezieht. Eine neuerliche Verschiebung also
vom Unterkörper auf den Oberkörper1). Der Zwang in ihrem
Benehmen ist hingegen so gebildet, als ginge er von der un-
veränderten Erinnerung aus. Sie mag an keinem Manne, den
sie in sexueller Erregung glaubt, vorbeigehen, weil sie das so-
matische Zeichen derselben nicht wieder sehen will.Es ist bemerkenswert, wie hier drei Symptome – der Ekel,
die Drucksensatiou am Oberkörper und die Scheu vor Männern
in zärtlichem Gespräch – aus einem Erlebnis hervorgehen, und
wie erst die Aufeinanderbeziehung dieser drei Zeichen das Ver-
ständnis für den Hergang der Symptombildung ermöglicht. Der
Ekel entspricht dem Verdrängungssymptom von der erogenen
(durch infantiles Lutschen, wie wir hören werden, verwöhnten)
Lippenzone. Das Andrängen des erigierten Gliedes hat wahr-
scheinlich die analoge Veränderung an dem entsprechenden weib-
lichen Organ, der Clitoris, zur Folge gehabt, und die Erregung
dieser zweiten erogenen Zone ist durch Verschiebung auf die
gleichzeitige Drucksensatiou am Thorax fixiert worden. Die
Scheu vor Männern in möglicherweise sexuell erregtem Zustande
folgt dem Mechanismus einer Phobie, um sich vor einer neuer-
lichen Wiederbelebung der verdrängten Wahrnehmung zu sichern.Um die Möglichkeit dieser Ergänzung darzutun, habe ich
in der vorsichtigsten Weise bei der Patientin angefragt, ob ihr
von körperlichen Zeichen der Erregtheit am Leibe des Mannes
etwas bekannt sei. Die Antwort lautete für heute: ja, für damals:
sie glaube nicht. Ich habe bei dieser Patientin von Anfang an
die grösste Sorgfalt aufgewendet, um ihr keinen neuen Wissens-
stoff aus dem Gebiete des Geschlechtslebens zuzuführen, und
dies nicht aus Gründen der Gewissenhaftigkeit, sondern weil ich
meine Voraussetzungen an diesem Falle einer harten Probe unter-
ziehen wollte. Ich nannte ein Ding also erst dann beim Namen,
wenn ihre allzu deutlichen Anspielungen die Uebersetzung ins
Direkte als ein sehr geringfügiges Wagstück erscheinen liessen.
Ihre prompte und ehrliche Antwort ging auch regelmässig dahin,
das sei ihr bereits bekannt, aber das Rätsel, woher sie es denn
wisse, wur durch ihre Erinnerungen nicht zu lösen. Die Herkunft
all dieser Kenntnisse hatte sie vergessen2).1)Solche Verschiebungen werden nicht etwa zum Zwecke dieser einen Er-
klärung angenommen, sondern ergeben sich für eine grosse Reihe von Symptomen
als unabweisbare Forderung. Ich habe seither von einer früher zärtlich ver-
liebten Braut, die sich wegen plötzlicher Erkaltung gegen ihren Verlobten, die
unter schwerer Verstimmung eintrat, an mich wendete, denselben Schreck-
effekt einer Umarmung (ohne Kuss) vernommen. Hier gelang die Zurück-
führung des Schrecks auf die wahrgenommene, aber fürs Bewusstsein be-
seitigte Erektion des Mannes ohne weitere Schwierigkeit.2)Vgl. den zweiten Traum.
S.
303
Wenn ich mir die Szene des Kusses im Laden so vorstellen
darf, so gelange ich zu folgender Ableitung für den
Ekel.1) Die
Ekelempfindung scheint ja ursprünglich die Reaktion auf den
Geruch (später auch auf den Anblick) der Exkremente zu sein.
An die exkrementellen Funktionen können die Genitalien und
speziell das männliche Glied aber erinnern, weil hier das Organ
ausser der sexuellen auch der Funktion der Harnentleerung dient.
Ja diese Verrichtung ist die älter bekannte und die in der vor-
sexuellen Zeit einzig bekannte. So gelangt der Ekel unter die
Affektäusserungen des Sexuallebens. Es ist das „inter urinas et
faeces nascimur“ des Kirchenvaters, welches dem Sexualleben
anhaftet und aller idealisierenden Bemühung zum Trotze von ihm
nicht abzulösen ist. Ich will es aber ausdrücklich als meinen
Standpunkt hervorheben, dass ich das Problem durch den Nach-
weis dieses Assoziationsweges nicht für gelöst halte. Wenn diese
Assoziation wachgerufen werden kann, so ist damit noch nicht
erklärt, dass sie auch wachgerufen wird. Sie wird es nicht unter
normalen Verhältnissen. Die Kenntnis der Wege macht die
Kenntnis der Kräfte nicht überflüssig, welche diese Wege
wandeln.2)Im übrigen fand ich es nicht leicht, die Aufmerksamkeit
meiner Patientin auf ihren Verkehr mit Herrn K. zu lenken. Sie
behauptete, mit dieser Person abgeschlossen zu haben. Die
oberste Schicht all ihrer Einfälle in den Sitzungen, alles was ihr
leicht bewusst wurde und was sie als bewusst vom Vortag er-
innerte, bezog sich immer auf den Vater. Es war ganz richtig,
dass sie dem Vater die Fortsetzung des Verkehrs mit Herrn und
besonders mit Frau K. nicht verzeihen konnte. Ihre Auffassung
dieses Verkehrs war allerdings eine andere, als die der Vater
selbst gehegt wissen wollte. Für sie bestand kein Zweifel, dass
es ein gewöhnliches Liebesverhältnis sei, das ihren Vater an die
junge und schöne Frau knüpfe. Nichts was dazu beitragen konnte,
diesen Satz zu erhärten, war ihrer hierin unerbittlich scharfen
Wahrnehmung entgangen, hier fand sich keine Lücke in
ihrem Gedächtnisse. Die Bekanntschaft mit den K. hatte
schon vor der schweren Erkrankung des Vaters begonnen; sie
wurde aber erst intim, als sich während dieser Krankheit die
junge Frau förmlich zur Pflegerin aufwarf, während die Mutter1)Hier wie an allen ähnlichen Stellen mache man sich nicht auf
einfache, sondern auf mehrfache Begründung, auf Überdeterminierung
gefasst.2)An all diesen Erörterungen ist viel Typisches und für Hysterie
allgemein Gültiges. Das Thema der Erektion löst einige der inter-
essantesten unter den hysterischen Symptomen. Die weibliche Aufmerksam-
keit für die durch die Kleider wahrnehmbaren Umrisse der männlichen Genitalien wird
nach ihrer Verdrängung zum Motiv so vieler Fälle von Menschenscheu und
Gesellschaftsangst. Die breite Verbindung zwischen dem Sexuellen und dem
Exkrementellen, deren pathogene Bedeutung wohl nicht gross genug ver-
anschlagt werden kann, dient einer überaus reichlichen Anzahl von hysterischen
Phobien zur Grundlage.S.
304
sich vom Bette des Kranken ferne hielt. In dem ersten Sommer-
aufenthalte nach der Genesung ereigneten sich Dinge, die jeder-
mann über die wirkliche Natur dieser „Freundschaft“ die Augen-
öffnen mussten. Die beiden Familien hatten gemeinsam einen
Trakt im Hotel gemietet, und da geschah es eines Tages, dass
Frau K. erklärte, sie könne das Schlafzimmer nicht beibehalten,
welches sie bisher mit einem ihrer Kinder geteilt hatte, und
wenige Tage nachher gab ihr Vater sein Schlafzimmer auf, und
beide bezogen neue Zimmer, die Endzimmer und nur durch den
Korridor getrennt waren, während die aufgegebenen Räume solche
Garantie gegen Störung nicht geboten hatten. Wenn sie dem
Vater später Vorwürfe wegen der Frau K. machte, so pflegte
er zu sagen, er begreife diese Feindschaft nicht, die Kinder
hätten vielmehr allen Grund, der Frau K. dankbar zu sein. Die
Mama, an welche sie sich dann um Aufklärung dieser dunkeln
Rede wandte, teilte ihr mit, der Papa sei damals so unglücklich
gewesen, dass er im Walde einen Selbstmord habe verüben wollen;
Frau K., die es geahnt, sei ihm aber nachgekommen und habe ihn
durch ihr Bitten bestimmt, sich den Seinigen zu erhalten. Sie
glaube natürlich nicht daran, man habe wohl die beiden im Walde
mitsammen gesehen, und da habe der Papa dies Märchen vom
Selbstmord erfunden, um das Rendezvous zu rechtfertigen1). Als
sie dann nach B. zurückkehrten, war der Papa täglich zu be-
stimmten Stunden bei Frau K., während der Mann im Geschäft
war. Alle Leute hätten darüber gesprochen und sie in be-
zeichnender Weise danach gefragt. Herr K. selbst habe oft gegen
ihre Mama bitter geklagt, sie selbst aber mit Anspielungen auf
den Gegenstand verschont, was sie ihm als Zartgefühl anzurechnen
schien. Bei gemeinsamen Spaziergängen wussten Papa und Frau K.
es regelmässig so einzurichten, dass er mit Frau K. allein blieb.
Es war kein Zweifel, dass sie Geld von ihm nahm, denn sie
machte Ausgaben, die sie unmöglich aus eigenen Mitteln oder aus
denen ihres Mannes bestreiten konnte. Der Papa begann auch,
ihr grosse Geschenke zu machen; um diese zu verdecken, wurde
er gleichzeitig besonders freigebig gegen die Mutter und gegen sie
selbst. Die bis dahin kränkliche Frau, die selbst für Monate eine
Nervenheilanstalt aufsuchen musste, weil sie nicht gehen konnte,
war seither gesund und lebensfrisch.Auch nachdem sie B. verlassen hatten, setzte sich der mehr-
jährige Verkehr fort, indem der Vater von Zeit zu Zeit erklärte,
er vertrage das rauhe Klima nicht, müsse etwas für sich tun, zu
husten und zu klagen begann, bis er plötzlich nach B. abgereist
war, von wo aus er die heitersten Briefe schrieb. All diese
Krankheiten waren nur Vorwände, um seine Freundin wieder-
zusehen. Dann hiess es eines Tages, sie übersiedelten nach Wien,
und sie fing an, einen Zusammenhang zu vermuten. Wirklich1)Dies die Anknüpfung für ihre eigene Selbstmordkomödie, die also
etwa die Sehnsucht nach einer ähnlichen Liebe ausdrückt.S.
305
waren sie kaum 3 Wochen in Wien, als sie hörte, K. seien gleich-
falls nach Wien übersiedelt. Sie befänden sich auch gegenwärtig
hier, und sie träfe den Papa häufig mit Frau K. auf der Strasse.
Auch Herr K. begegne sie öfters, er blicke ihr immer nach,
und als er sie einmal alleingebend getroffen, sei er ihr ein grosses
Stück weit nachgegangen, um sich zu überzeugen, wohin sie gehe,
ob sie nicht etwa ein Rendezvous habe.Dass der Papa unaufrichtig sei, einen Zug von Falschheit in
seinem Charakter habe, nur an seine eigene Befriedigung denke
und die Gabe besitze, sich die Dinge so zurecht zu legen, wie
es ihm am besten passe, solche Kritik bekam ich besonders in
den Tagen zu hören, als der Vater wieder einmal seinen Zustand
verschlimmert fühlte und für mehrere Wochen nach B. abreiste,
worauf die scharfsichtige Dora bald ausgekundschaftet hatte, dass
auch Frau K. eine Reise nach demselben Ziel zum Besuch ihrer
Verwandten unternommen hatte.Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen
nicht bestreiten; es war auch leicht zu sehen, mit welchem be-
sonderen Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in erbitterter
Stimmung war, drängte sich ihr die Auffassung auf, dass sie
Herrn K. ausgeliefert worden sei als Preis für seine Duldung
gegen die Beziehungen zwischen Doras Vater und seiner Frau,
und man konnte hinter ihrer Zärtlichkeit für den Vater die Wut
über solche Verwendung ahnen. Zu anderen Zeiten wusste sie
wohl, dass sie sich mit solchen Reden einer Uebertreibung schuldig
gemacht hatte. Einen förmlichen Pakt, in dem sie als Tausch-
objekt behandelt worden, hatten die beiden Männer natürlich
niemals geschlossen; der Vater zumal wäre vor einer solchen
Zumutung entsetzt zurückgewichen. Aber er gehörte zu jenen
Männern, die einem Konflikt dadurch die Spitze abzubrechen
verstehen, dass sie ihr Urteil über das eine der zum Gegensatz
gekommenen Themata verfälschen. Auf die Möglichkeit auf-
merksam gemacht, dass einem heranwachsenden Mädchen aus dem
beständigen und unbeaufsichtigten Verkehr mit dem von seiner
Frau unbefriedigten Manne Gefahr erwachsen könne, hätte er
sicherlich geantwortet: Auf seine Tochter könne er sich verlassen,
der könne ein Mann wie K. nie gefährlich werden, und sein
Freund K. selbst sei solcher Absichten unfähig. Oder: Dora sei
noch ein Kind und werde von K. als Kind behandelt. Es war
aber in Wirklichkeit so gekommen, dass jeder der beiden Männer
es vermied, aus dem Benehmen des anderen jene Konsequenz
zu ziehen, welche für seine eigenen Bestrebungen unbequem war.
Herr K. durfte Dora alle Tage seiner Anwesenheit ein Jahr hin-
durch Blumen schicken, jede Gelegenheit zu kostbaren Geschenken
benutzen und alle seine freie Zeit in ihrer Gesellschaft zubringen,
ohne dass ihre Eltern in diesem Benehmen den Charakter der
Liebeswerbung erkannt hätten.Wenn in der psychoanalytischen Behandlung eine korrekt
begründete und einwandfreie Gedankenreihe auftaucht, so gibtS.
306
Freud, Bruchstück einer Hysterie-
Analyse.es wohl einen Moment der Verlegenheit für den Arzt, den der
Kranke zur Frage ausnützt: „Das ist doch wohl alles wahr und
richtig? Was wollen Sie daran ändern, wenn ich’s Ihnen erzählt
habe?“ Man merkt dann bald, dass solche für die Analyse un-
angreifbare Gedanken vom Kranken dazu benutzt worden sind,
um andere zu verdecken, die sich der Kritik und dem Bewusstsein
entziehen wollen. Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Per-
sonen lässt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhalts
vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf die
eigene Person des Redners zurückzuwenden. Diese Art, sich
gegen einen Selbstvorwurf zu verteidigen, indem man den gleichen
Vorwurf gegen eine andere Person erhebt, hat etwas unleugbar
Automatisches. Sie findet ihr Vorbild in den „Retourkutschen“
der Kinder, die unbedenklich zur Antwort geben: „Du bist ein
Lügner“, wenn man sie der Lüge beschuldigt hat. Der Erwachsene
würde im Bestreben nach Gegenbeschimpfung nach irgend einer
realen Blösse des Gegners ausschauen und nicht den Hauptwert
auf die Wiederholung des nämlichen Inhaltes legen. In der Paranoia
wird diese Projektion des Vorwurfes auf einen Anderen ohne
Inhaltsveränderung und somit ohne Anlehnung an die Realität als
wahnbildender Vorgang manifest.Auch die Vorwürfe Doras gegen ihren Vater waren mit
Selbstvorwürfen durchwegs des nämlichen Inhaltes „unterfüttert“,
„doubliert“, wie wir im einzelnen zeigen werden: Sie hatte recht
darin, dass der Vater sich Herrn K.s Benehmen gegen seine
Tochter nicht klar machen wollte, um nicht in seinem Verhältnis
zu Frau K. gestört zu werden. Aber sie hatte genau das nämliche
getan. Sie hatte sich zur Mitschuldigen dieses Verhältnisses gemacht
und alle Anzeichen abgewiesen, welche sich für die wahre Natur
desselben ergaben. Erst seit dem Abenteuer am See datierte ihre
Klarheit darüber und ihre strengen Anforderungen an den Vater.
All die Jahre vorher hatte sie dem Verkehr des Vaters mit Frau K.
jeden möglichen Vorschub geleistet. Sie ging nie zu Frau K.,
wenn sie den Vater dort vermutete. Sie wusste, dann würden
die Kinder weggeschickt worden sein, richtete ihren Weg so ein,
dass sie die Kinder antraf, und ging mit ihnen spazieren. Es
hatte eine Person im Hause gegeben, welche ihr frühzeitig die
Augen über die Beziehungen des Vaters zur Frau K. öffnen und
sie zur Parteinahme gegen diese Frau anreizen wollte. Dies war
ihre letzte Gouvernante, ein älteres, sehr belesenes Mädchen von
freien Ansichten1). Lehrerin und Schülerin standen eine Weile
recht gut miteinander, bis Dora sich plötzlich mit ihr verfeindete
und auf ihrer Entlassung bestand. So lange das Fräulein Einfluss1)Diese Gouvernante, die alle Bücher über Geschlechtsleben u. dgl. las
und mit dem Mädchen darüber sprach, sie aber fromütig bat, alles darauf
bezügliche vor den Eltern geheim zu halten, weil man ja nicht wissen könne,
auf welchen Standpunkt die sich stellen würden,—in diesem Mädchen suchte
ich eine Zeitlang die Quelle für all die geheime Kenntnis Doras, und ich ging
vielleicht nicht völlig irre.S.
307
besass, benutzte sie ihn dazu, gegen Frau K. zu hetzen. Sie setzte
der Mama auseinander, dass es mit ihrer Würde unvereinbar sei,
solche Intimität ihres Mannes mit einem Fremden zu dulden; sie
machte auch Dora auf alles aufmerksam, was an diesem Verkehr
auffällig war. Ihre Bemühungen waren aber vergebens, Dora
blieb Frau K. zärtlich zugetan und wollte von keinem Anlass
wissen, den Verkehr des Vaters mit ihr anstössig zu finden.
Sie gab sich anderseits sehr wohl Rechenschaft über die Motive,
die ihre Gouvernante bewegten. Blind nach der einen Seite, war
sie scharfsichtig genug nach der anderen. Sie merkte, dass das
Fräulein in den Papa verliebt sei. Wenn der Papa anwesend war,
schien sie eine ganz andere Person, dann konnte sie amüsant und
dienstfertig sein. Zur Zeit, als die Familie in der Fabrikstadt weilte
und Frau K. ausser dem Horizonte war, hetzte sie gegen die Mama
als die jetzt in Betracht kommende Nebenbuhlerin. Das alles nahm
ihr Dora noch nicht übel. Erbost wurde sie erst, als sie merkte,
dass sie selbst der Gouvernante ganz gleichgültig sei, und dass die ihr
erwiesene Liebe tatsächlich dem Papa gelte. Während der Ab-
wesenheit des Papas von der Fabrikstadt hatte die Fräulein
keine Zeit für sie, wollte nicht mit ihr spazieren gehen, interessierte
sich nicht für ihre Arbeiten. Kaum dass der Papa von B. zurück-
gekommen war, zeigte sie sich wieder zu allen Dienst- und Hülfe-
leistungen bereit. Da liess sie sie fallen.Die Arme hatte ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück
ihres eigenen Benehmens beleuchtet. Sowie das Fräulein zeit-
weise gegen Dora, so war Dora gegen die Kinder des Herrn K.
gewesen. Sie vertrat Mutterstelle an ihnen, unterrichtete sie,
ging mit ihnen aus, schuf ihnen einen vollen Ersatz für das
geringe Interesse, das die eigene Mutter ihnen zeigte. Zwischen
Herrn und Frau K. war oft von Scheidung die Rede gewesen;
sie kam nicht zustande, weil Herr K., der ein zärtlicher Vater
war, auf keines der beiden Kinder verzichten wollte. Das ge-
meinsame Interesse an den Kindern war von Anfang an ein
Bindemittel des Verkehrs zwischen Herrn K. und Dora gewesen.
Die Beschäftigung mit den Kindern war für Dora offenbar der
Deckmantel, der ihr selbst und Fremden etwas anderes ver-
bergen sollte.Aus ihrem Benehmen gegen die Kinder, wie es durch das
Benehmen des Fräuleins gegen sie selbst erläutert wurde, ergab
sich dieselbe Folgerung wie aus ihrer stillschweigenden Ein-
willigung in den Verkehr des Vaters mit Frau K., nämlich dass
sie all die Jahre über in Herrn K. verliebt gewesen war. Als
ich diese Folgerung aussprach, fand ich keine Zustimmung bei
ihr. Sie berichtete zwar sofort, dass auch andere Personen, z. B.
eine Cousine, die eine Weile in B. auf Besuch war, ihr gesagt
hätten: „Du bist ja ganz vernarrt in den Mann“; sie selbst wollte
sich aber an diese Gefühle nicht erinnern. Späterhin, als die
Fülle des auftauchenden Materials ein Ableugnen erschwerte, gab
sie zu, sie könne Herrn K. in B. geliebt haben, aber seit derS.
308
Szene am See sei das vorüber1). Jedenfalls stand es fest, dass
der Vorwurf, sich gegen unabweisliche Pflichten taub gemacht
und sich die Dinge so zurecht gelegt zu haben, wie es der
eigenen verliebten Regung bequem war, der Vorwurf, den sie
gegen den Vater erhob, auf ihre eigene Person zurückfiel2).Der andere Vorwurf, dass er seine Krankheiten als Vor-
wände schaffe und als Mittel benütze, deckte wiederum ein ganzes
Stück ihrer eigenen geheimen Geschichte. Sie klagte eines Tages
über ein angeblich neues Symptom, schneidende Magenschmerzen,
und als ich fragte: „Wen kopieren Sie damit?“ hatte ich es ge-
troffen. Sie hatte am Tage vorher ihre Cousinen, die Töchter
der verstorbenen Tante, besucht. Die jüngere war Braut ge-
worden, die ältere war zu diesem Anlass an Magenschmerzen
erkrankt und sollte auf den Semmering gebracht werden. Sie
meinte, das sei bei der Aelteren nur Neid, die werde immer
krank, wenn sie etwas erreichen wolle, und jetzt wolle sie eben
vom Hause weg, um das Glück der Schwester nicht mit anzu-
sehen3). Ihre eigenen Magenschmerzen sagten aber aus, dass sie
sich mit der für eine Simulantin erklärten Cousine identifiziere,
sei es, weil sie gleichfalls die Glücklichere um ihre Liebe beneidet
oder weil sie im Schicksal der älteren Schwester, der kurz vorher
eine Liebesaffäre unglücklich ausgegangen war, das eigene ge-
spiegelt sah4). Wie nützlich sich Krankheiten verwenden lassen,
hatte sie aber auch durch die Beobachtung der Frau K. erfahren.
Herr K. war einen Teil des Jahres auf Reisen; so oft er zurück-
kam, fand er die Frau leidend, die einen Tag vorher noch, wie
Dora wusste, wohlauf gewesen war. Dora verstand, dass die
Gegenwart des Mannes krankmachend auf die Frau wirkte, und
dass dieses das Kranksein willkommen war, um sich den ver-
hassten ehelichen Pflichten zu entziehen. Eine Bemerkung über
ihre eigene Abwechslung von Leiden und Gesundheit während
der ersten in B. verbrachten Mädchenjahre, die sich an dieser
Stelle plötzlich einfügte, musste mich auf die Vermutung bringen,
dass ihre eigenen Zustände in einer ähnlichen Abhängigkeit wie
die der Frau K. zu betrachten seien.In der Technik der
Psychoanalyse gilt es nämlich als Regel, dass sich ein innerer,
aber noch verborgener Zusammenhang durch die Kontiguität, die
zeitliche Nachbarschaft der Einfälle kundtut, genau so wie in der
Schrift a und b nebeneinander gesetzt bedeutet, dass daraus die
Silbe ab gebildet werden soll. Dora hatte eine Unzahl von An-
fällen von Husten mit Stimmlosigkeit gezeigt; sollte die An-
1)Vgl. den zweiten Traum.
2)Hier erhebt sich die Frage: Wenn Dora Herrn K. geliebt, wie
begründet sich ihre Abweisung in der Szene am See oder wenigstens die
brutale, auf Erbitterung deutende Form dieser Abweisung? Wie konnte ein
verliebtes Mädchen in der keineswegs plump oder anstößig vorgebrachten
Werbung eine Beleidigung sehen?3)Ein alltägliches Vorkommnis zwischen Schwestern.
4)Welchen weiteren Schluss ich aus den Magenschmerzen zog, wird
später zur Sprache kommen.S.
309
wesenheit oder Abwesenheit des Geliebten auf dieses Kommen
und Schwinden der Krankheitserscheinungen Einfluss geübt
haben? Wenn dies der Fall war, so musste sich irgendwo eine
verräterische Uebereinstimmung nachweisen lassen. Ich fragte,
welches die mittlere Zeitdauer dieser Anfälle gewesen war. Etwa
3–6 Wochen. Wie lange die Abwesenheiten des Herrn K.
gedauert hätten? Sie musste zugeben, gleichfalls zwischen 3 und
6 Wochen. Sie demonstrierte also mit ihrem Kranksein ihre Liebe
für K. wie dessen Frau ihre Abneigung. Nur durfte man an-
nehmen, dass sie sich umgekehrt wie die Frau benommen hätte,
wenn er abwesend, und gesund, nachdem er
krank gewesen wäre, wenn er abwesend, und gesund, nachdem er
zurückgekehrt. Es schien auch wirklich so zu stimmen, wenigstens
für eine erste Periode der Anfälle; in späteren Zeiten ergab sich
ja wohl eine Nötigung, das Zusammentreffen von Krankheits-
anfall und Abwesenheit des heimlich geliebten Mannes zu ver-
wischen, damit das Geheimnis nicht durch die Konstanz des
selben verraten würde. Dann blieb wohl die Zeitdauer des
Anfalls als Marke seiner ursprünglichen Bedeutung übrig.
(Schluss im nächsten Heft.)
Aus der Königl. Universitätspsychiatrischen und Nervenklinik zu Halle a. S.
Über Schlaflähmung des Facialis.
Von
Dr. med. ALBERT KNAPP,
Oberarzt der Klinik.
Am 16. V. stellte sich mir ein 20 jähriger Maurer, F. B.,
in der Poliklinik vor. Er erzählte, dass er vor 14 Tagen über
einer schriftlichen Arbeit eingeschlafen sei und etwa zwei Stunden
die rechte Wange auf den Tisch aufgelegt, verharrt habe. Auf
gewacht, habe er das Gefühl gehabt, als würde der Kopf nach
hinten gedreht, die Haut sei straff gespannt gewesen, die rechte
Lippe sei heruntergehängt, und das rechte Auge habe sich nicht
schliessen wollen. Jetzt sei es ihm, als hätte er Fett im Munde.Es stellte sich heraus, dass sämtliche vom rechten Facialis
versorgten Muskeln paretisch waren. Die faradische und galva-
nische Erregbarkeit derselben war quantitativ herabgesetzt,
qualitativ nicht verändert. Auf den vorderen zwei Dritteln der
rechten Zungenhälfte wurde süss, sauer und salzig nicht unter-
schieden, nur eine konzentrierte Chininlösung als unangenehm
empfunden. Das Gaumensegel war normal, der Ohrbefund un-
verdächtig, Hyperakusis bestand nicht, Störungen der Speichel-
sekretion und der Sensibilität im Gesicht und an der Zunge
fehlten.
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Bruchstück einer Hysterie-Analyse1905-005/1905
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