• S.

    408

     

     

     

     


    Bruchstück einer Hysterie-Analyse.

    Von
    Prof. Dr. SIGM. FREUD
    in Wien.
    (Schluss.)

    Ich erinnerte mich, seinerzeit auf der Charcotschen Klinik
    gesehen und gehört zu haben, dass bei den Personen mit
    hysterischem Mutismus das Schreiben vikariierend für die Sprache
    eintrat. Sie schrieben geläufiger, rascher und besser als andere
    und als vorhin. Dasselbe war bei Dora der Fall gewesen. In
    den ersten Tagen ihrer Aphonie war ihr „das Schreiben immer
    besonders leicht von der Hand gegangen“. Diese Eigentümlichkeit
    erforderte als der Ausdruck einer physiologischen Ersatzfunktion,
    welche sich das Bedürfnis schafft, ja eigentlich keine psycho-
    logische

  • S.

    409

    logische Aufklärung; es war aber bemerkenswert, dass eine
    solche doch leicht zu haben war. Herr K. schrieb ihr reichlich
    von der Reise, schickte ihr Ansichtskarten; es kam vor, dass sie
    allein von dem Termin seiner Rückkehr unterrichtet war, die
    Frau von ihm überrascht wurde. Dass man mit dem Abwesen-
    den man nicht sprechen kann, korrespondiert, ist übrigens kaum
    weniger naheliegend, als dass man beim Versagen der Stimme
    sich durch die Schrift zu verständigen sucht. Die Aphonie Doras
    liess also folgende symbolische Deutung zu: Wenn der Geliebte
    ferne war, verzichtete sie auf das Sprechen; es hatte seinen Wert
    verloren, da sie mit ihm nicht sprechen konnte. Dafür bekam
    das Schreiben Bedeutung als das einzige Mittel, sich mit dem
    Abwesenden in Verkehr zu setzen.

    Werde ich nun etwa die Behauptung aufstellen, dass in
    allen Fällen von periodisch auftretender Aphonie die Diagnose
    auf die Existenz eines zeitweilig ortsabwesenden Geliebten zu
    stellen sei? Gewiss ist das nicht meine Absicht. Die Deter-
    mination des Symptoms im Falle Doras ist allzu spezifiziert, als
    dass man an eine häufige Wiederkehr der nämlichen accidentellen
    Aetiologie denken könnte. Welchen Wert hat aber dann die
    Aufklärung der Aphonie in unserem Falle? Haben wir uns nicht
    vielmehr durch ein Spiel des Witzes täuschen lassen? Ich glaube,
    nicht. Man muss sich hierbei an die so häufig gestellte Frage
    erinnern, ob die Symptome der Hysterie psychischen oder
    somatischen Ursprungs seien, oder wenn das erstere zugestanden
    ist, ob sie notwendig alle psychisch bedingt seien. Diese Frage
    ist, wie so viele andere, an deren Beantwortung man die Forscher
    immer wieder sich erfolglos bemühen sieht, eine nicht adäquate.
    Der wirkliche Sachverhalt ist in ihre Alternative nicht ein-
    geschlossen. Soviel ich sehen kann, bedarf jedes hysterische
    Symptom des Beitrages von beiden Seiten. Es kann nicht zu-
    stande kommen ohne ein gewisses somatisches Entgegen-
    kommen, welches von einem normalen oder krankhaften Vorgang
    in oder an einem Organ des Körpers geleistet wird. Es kommt nicht
    öfter als einmal zustande – und zum Charakter des hysterischen
    Symptoms gehört die Fähigkeit, sich zu wiederholen –, wenn es
    nicht eine psychische Bedeutung, einen Sinn hat. Diesen Sinn
    bringt das hysterische Symptom nicht mit, er wird ihm verliehen,
    gleichsam mit ihm verlötet, und er kann in jedem Falle ein
    anderer sein, je nach der Beschaffenheit der nach Ausdruck
    ringenden unterdrückten Gedanken. Allerdings wirkt eine Reihe
    von Momenten darauf hin, dass die Beziehungen zwischen den
    unbewussten Gedanken und den ihnen als Ausdrucksmittel zu
    Gebote stehenden somatischen Vorgängen sich minder willkürlich
    gestalten und sich mehreren typischen Verknüpfungen annähern.
    Für die Therapie sind die im accidentellen psychischen Material
    gegebenen Bestimmungen die wichtigeren; man löst die Symptome,
    indem man nach der psychischen Bedeutung derselben forscht.
    Hat man dann abgeräumt, was durch Psychoanalyse zu beseitigen

  • S.

    410

    ist, so kann man sich allerlei, wahrscheinlich zutreffende Gedanken
    über die somatischen, in der Regel konstitutionell-organischen
    Grundlagen der Symptome machen. Auch für die Anfälle von
    Husten mit Aphonie bei Dora werden wir uns nicht auf die
    psychoanalytische Deutung beschränken, sondern hinter derselben
    das organische Moment nachweisen, von dem das „somatische
    Entgegenkommen“ für den Ausdruck der Neigung zu einem zeit-
    weilig abwesenden Geliebten ausging. Und wenn uns die Ver-
    knüpfung zwischen symptomatischem Ausdruck und unbewusstem
    Gedankeninhalt in diesem Falle als geschickt und kunstvoll
    gefertigt imponieren sollte, so werden wir gerne hören, dass sie
    den gleichen Eindruck in jedem anderen Falle, bei jedem anderen
    Beispiel zu erzielen vermag.

    Ich bin nun darauf vorbereitet, zu hören, dass es einen
    recht mässigen Gewinn bedeutet, wenn wir also, dank der Psycho-
    analyse, das Rätsel der Hysterie nicht mehr in der „besonderen
    Labilität der Nervenmoleküle“ oder in der Möglichkeit hypnoider
    Zustände, sondern im „somatischen Entgegenkommen“ suchen
    sollen.

    Gegen diese Bemerkung will ich doch betonen, dass das
    Rätsel so nicht nur um ein Stück zurückgeschoben, sondern auch
    um ein Stück verkleinert ist. Es handelt sich nicht mehr um
    das ganze Rätsel, sondern um jenes Stück desselben, in dem
    der besondere Charakter der Hysterie zum Unterschiede von
    anderen Psychoneurosen enthalten ist. Die psychischen Vor-
    gänge bei allen Psychoneurosen sind eine ganze Strecke weit die
    gleichen, dann erst kommt das „somatische Entgegenkommen“ in
    Betracht, welches den unbewussten psychischen Vorgängen einen
    Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dies Moment nicht zu
    haben ist, wird aus dem ganzen Zustand etwas anderes als ein
    hysterisches Symptom, aber doch wieder etwas Verwandtes,
    eine Phobie etwa oder eine Zwangsidee, kurz ein psychisches
    Symptom.

    Ich kehre zu dem Vorwurf der „Simulation“ von Krank-
    heiten zurück, den Dora gegen ihren Vater erhob. Wir merkten
    bald, dass ihm nicht nur Selbstvorwürfe betreffs früherer Krank-
    heitszustände, sondern auch solche, die die Gegenwart meinten, ent-
    sprechen. An dieser Stelle hat der Arzt gewöhnlich die Aufgabe
    zu erraten und zu ergänzen, was ihm die Analyse nur in An-
    deutungen liefert. Ich musste die Patientin aufmerksam machen,
    dass ihr jetziges Kranksein gerade so motiviert und tendenziös
    sei wie das von ihr verstandene der Frau K. Es sei kein Zweifel,
    dass sie einen Zweck im Auge habe, den sie durch ihre Krankheit
    zu erreichen hoffe. Dieser könne aber kein anderer sein, als den
    Vater der Frau K. abwendig zu machen. Durch Bitten und
    Argumente gelänge ihr dies nicht; vielleicht hoffe sie es zu
    erreichen, indem sie den Vater in Schreck versetze (siehe den
    Abschiedsbrief), sein Mitleid wachrufe (durch die Anfälle von
    Ohnmacht), und wenn dies alles nichts nütze, so räche sie sich

  • S.

    411

    wenigstens an ihm. Sie wisse wohl, wie sehr er an ihr hänge,
    und dass ihm jedesmal die Tränen in die Augen treten, wenn
    er nach dem Befinden seiner Tochter gefragt werde. Ich sei
    ganz überzeugt, sie werde sofort gesund sein, wenn der Vater
    ihr erkläre, er bringe ihrer Gesundheit Frau K. zum Opfer. Ich
    hoffe, er werde sich dazu nicht bewegen lassen, denn dann habe
    sie erfahren, welches Machtmittel sie in Händen habe und werde
    gewiss nicht versäumen, sich ihrer Krankheitsmöglichkeiten jedes
    künftige Mal wieder zu bedienen. Wenn aber der Vater ihr nicht
    nachgebe, sei ich ganz gefasst darauf, dass sie nicht so leicht
    auf ihr Kranksein verzichten werde.

    Ich übergehe die Einzelheiten, aus denen sich ergab, wie
    vollkommen richtig dies alles war, und ziehe es vor, einige all-
    gemeine Bemerkungen über die Rolle der Krankheitsmotive
    bei der Hysterie anzuschliessen. Die Motive zum Kranksein sind
    begrifflich scharf zu scheiden von den Krankheitsmöglichkei-
    ten, von dem Material, aus dem die Symptome gefertigt werden. Sie
    haben keinen Anteil an der Symptombildung, sind auch zu Anfang
    der Krankheit nicht vorhanden; sie treten erst sekundär hinzu,
    aber erst mit ihrem Auftreten ist die Krankheit voll konstituiert.
    Man kann auf ihr Vorhandensein in jedem Falle rechnen, der ein
    wirkliches Leiden bedeutet und von längerem Bestande ist. Das
    Symptom ist zuerst dem psychischen Leben ein unwillkommener
    Gast, es hat alles gegen sich und verschwindet darum auch so
    leicht von selbst, wie es den Anschein hat, durch den Einfluss der Zeit.
    Es hat anfangs keine nützliche Verwendung im psychischen Haus-
    halt, aber sehr häufig gelangt es sekundär zu einer solchen;
    irgend eine psychische Strömung findet es bequem, sich des
    Symptoms zu bedienen, und damit ist dieses zu einer Sekundär-
    funktion gelangt und im Seelenleben wie verankert. Wer den
    Kranken gesund machen will, stösst dann zu seinem Erstaunen
    auf einen grossen Widerstand, der ihn belehrt, dass es dem
    Kranken mit der Absicht, das Leiden aufzugeben, nicht so ganz,
    so voll Ernst ist1). Man stelle sich einen Arbeiter, etwa einen
    Dachdecker, vor, der sich zum Krüppel gefallen hat und nun an
    der Strassenecke bettelnd sein Leben fristet. Man komme nun
    als Wundertäter und verspreche ihm, das krumme Bein gerade
    und gehfähig herzustellen. Ich meine, man darf sich nicht auf
    den Ausdruck besonderer Seligkeit in seiner Miene gefasst machen.
    Gewiss fühlte er sich äusserst unglücklich, als er die Verletzung
    erlitt, merkte, er werde nie wieder arbeiten können, und müsse ver-
    hungern oder von Almosen leben. Aber seither ist, was ihn zu
    nächst erwerbslos machte, seine Einnahmsquelle geworden; er lebt
    von seiner Krüppelhaftigkeit. Nimmt man ihm die, so macht man
    ihn vielleicht ganz hilflos; er hat sein Handwerk unterdessen ver-
     

    1)Ein Dichter, der allerdings auch Arzt ist, Arthur Schnitzler,
    hat dieser Erkenntnis in seinem „Paracelsus“ sehr richtigen Ausdruck ge-
    geben.

  • S.

    412

    Freud, Bruchstück einer Hysterie-
    Analyse.

    gessen, seine Arbeitsgewohnheiten verloren, hat sich an den Müßig-
    gang, vielleicht auch ans Trinken gewöhnt.
    Die Motive zum Kranksein beginnen sich häufig schon in
    der Kindheit zu regen. Das liebeshungrige Kind, welches die
    Zärtlichkeit der Eltern ungern mit seinen Geschwistern teilt,
    bemerkt, dass diese ihm voll wieder zuströmt, wenn die Eltern
    durch seine Erkrankung in Sorge versetzt werden. Es kennt jetzt
    ein Mittel, die Liebe der Eltern hervorzulocken, und wird sich
    dessen bedienen, sobald ihm das psychische Material zu Gebote
    steht, um Kranksein zu produzieren. Wenn das Kind dann Frau
    geworden und ganz im Widerspruche zu den Anforderungen ihrer
    Kinderzeit mit einem wenig rücksichtsvollen Manne verheiratet
    ist, der ihren Willen unterdrückt, ihre Arbeitskraft schonungslos
    ausnützt und weder Zärtlichkeit noch Ausgaben an sie wendet,
    so wird das Kranksein ihre einzige Waffe in der Lebensbehauptung.
    Es verschafft ihr die ersehnte Schonung, es zwingt den Mann zu
    Opfern an Geld und Rücksicht, die er der Gesunden nicht gebracht
    hätte, es nötigt ihn zur vorsichtigen Behandlung im Falle der
    Genesung, denn sonst ist der Rückfall bereit. Das anscheinend
    objektive, Ungewollte des Krankheitszustandes, für das auch der
    behandelnde Arzt eintreten muss, ermöglicht ihr ohne bewusste
    Vorwürfe diese zweckmässige Verwendung eines Mittels, das sie
    in den Kinderjahren wirksam gefunden hat.
    Und doch ist dieses Kranksein Werk der Absicht! Die
    Krankheitszustände sind in der Regel für eine gewisse Person
    bestimmt, sodass sie mit deren Entfernung verschwinden. Das
    robuste und banalste Urteil über das Kranksein der Hysterischen,
    das man von ungebildeten Angehörigen und von Wärterinnen hören
    kann, ist in gewissem Sinne richtig. Es ist wahr, dass die gelähmte
    Bettlägerige aufspringen würde, wenn im Zimmer Feuer ausbräche,
    dass die verwöhnte Frau alle Leiden vergessen würde, wenn ein
    Kind lebensgefährlich erkrankte oder eine Katastrophe die Stellung
    des Hauses bedrohte. Alle die so von den Kranken sprechen,
    haben recht bis auf den einen Punkt, dass sie den psychologischen
    Unterschied zwischen Bewusstem und Unbewusstem vernachlässigen,
    was etwa beim Kind noch gestattet ist, beim Erwachsenen aber
    nicht mehr angeht. Darum können alle diese Versicherungen, dass
    es nur am Willen liege, und alle Aufmunterungen und Schmähungen
    der Kranken nichts nützen. Man muss erst versuchen, sie selbst
    auf dem Umweg der Analyse von der Existenz ihrer Krankheits-
    absicht zu überzeugen.
    In der Bekämpfung der Krankheitsmotive liegt bei der
    Hysterie ganz allgemein die Schwäche einer jeden Therapie, auch
    der psychoanalytischen. Das Schicksal hat es hierin leichter, es
    braucht weder die Konstitution noch das pathogene Material der
    Kranken anzugreifen; es nimmt ein Motiv zum Kranksein weg,
    und der Kranke ist zeitweilig, vielleicht selbst dauernd von der
    Krankheit befreit. Wieviel weniger Wunderheilungen und spon-
    tanes Verschwinden von Symptomen würden wir Aerzte bei der

  • S.

    413

    Hysterie gelten lassen, wenn wir häufiger Einsicht in die uns ver-
    heimlichten Lebensinteressen der Kranken bekämen! Hier ist ein
    Termin abgelaufen, die Rücksicht auf eine zweite Person entfallen,
    eine Situation hat sich durch äußeres Geschehen gründlich ver-
    ändert, und das bisher hartnäckige Leiden ist mit einem Schlage
    gehoben, anscheinend spontan, in Wahrheit, weil ihm das stärkste
    Motiv, eine seiner Verwendungen im Leben, entzogen worden ist.
    Motive, die das Kranksein stützen, wird man wahrscheinlich
    in allen vollentwickelten Fällen antreffen. Aber es gibt Fälle
    mit rein innerlichen Motiven, wie z. B. Selbstbestrafung, also
    Reue und Buße. Man wird dann die therapeutische Aufgabe
    leichter lösbar finden, als wo die Krankheit in Beziehung zu der
    Erreichung eines äußeren Zieles gesetzt ist. Dies Ziel war für
    Dora offenbar, den Vater zu erweichen und ihn der Frau K. ab-
    wendig zu machen.

    Keine seiner Handlungen schien sie übrigens so sehr erbittert
    zu haben wie seine Bereitwilligkeit, die Szene am See für ein
    Produkt ihrer Phantasie zu halten. Sie geriet ausser sich, wenn
    sie daran dachte, sie sollte sich damals etwas eingebildet haben.
    Ich war lange Zeit in Verlegenheit, zu erraten, welcher Selbst-
    vorwurf sich hinter der leidenschaftlichen Abweisung dieser Er-
    klärung verberge. Man war im Rechte, etwas Verborgenes dahinter
    zu vermuten, denn ein Vorwurf, der nicht zutrifft, der beleidigt
    auch nicht nachhaltig. Andererseits kam ich zum Schlusse, dass
    die Erzählung Doras durchaus der Wahrheit entsprechen müsse.
    Nachdem sie nur seine Absicht verstanden, hatte sie ihn nicht
    ausreden lassen, hatte ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt und
    war davongeeilt. Ihr Benehmen erschien dem zurückbleibenden
    Manne damals wohl ebenso unverständlich wie uns, denn er
    musste längst aus unzähligen kleinen Anzeichen geschlossen haben,
    dass er der Neigung des Mädchens sicher sei. In der Diskussion
    über den zweiten Traum werden wir dann sowohl der Lösung
    dieses Rätsels als auch dem zunächst vergeblich gesuchten Selbst-
    vorwurf begegnen.

    Als die Anklagen gegen den Vater mit ermüdender Monotonie
    wiederkehrten und der Husten dabei fortbestand, musste ich daran
    denken, dass dies Symptom eine Bedeutung haben könne, die sich
    auf den Vater beziehe. Die Anforderungen, die ich an eine
    Symptomerklärung zu stellen gewohnt bin, waren ohnedies lange
    nicht erfüllt. Nach einer Regel, die ich immer wieder bestätigt
    gefunden, aber allgemein aufzustellen noch nicht den Mut hatte,
    bedeutet ein Symptom die Darstellung — Realisierung — einer
    Phantasie mit sexuellem Inhalt, also eine sexuelle Situation. Ich
    würde besser sagen, wenigstens eine der Bedeutungen eines
    Symptoms entspricht der Darstellung einer sexuellen Phantasie,
    während für die anderen Bedeutungen solche Inhaltsbeschränkung
    nicht besteht. Dass ein Symptom mehr als eine Bedeutung hat,
    gleichzeitig mehreren unbewussten Gedankengängen zur Darstellung

  • S.

    414

    dient, erfährt man nämlich sehr bald, wenn man sich in die psycho-
    analytische Arbeit einlässt. Ich möchte noch hinzufügen, dass
    nach meiner Schätzung ein einziger unbewusster Gedankengang
    oder Phantasie kaum jemals zur Erzeugung eines Symptoms
    hinreichen wird.

    Die Gelegenheit, dem nervösen Husten eine solche Deutung
    durch eine phantasierte sexuelle Situation zuzuweisen, ergab sich
    sehr bald. Als sie wieder einmal betonte, Frau K. liebe den
    Papa nur, weil er ein vermögender Mann sei, merkte ich aus
    gewissen Neben-
    umständen ihres Ausdrucks, die ich hier wie das
    meiste rein Technische der Analysen-
    Arbeit übergehe, dass sich
    hinter dem Satze sein Gegenteil verberge: Der Vater sei ein
    unvermögender Mann. Dies konnte nur sexuell gemeint sein,
    also: Der Vater sei als Mann unvermögend, impotent. Nachdem
    sie diese Deutung aus bewusster Kenntnis bestätigt, hielt ich ihr
    vor, in welchem Widerspruch sie verfalle, wenn sie einerseits
    daran festhalte, das Verhältnis mit Frau K. sei ein gewöhnliches
    Liebesverhältnis, und anderseits behaupte, der Vater sei impotent,
    also unfähig, ein solches Verhältnis auszunützen. Ihre Antwort
    zeigte, dass sie den Widerspruch nicht anzuerkennen brauchte.
    Es sei ihr wohl bekannt, sagte sie, dass es mehr als eine Art
    der sexuellen Befriedigung gebe. Die Quelle dieser Kenntnis
    war ihr allerdings wieder unauffindbar. Als ich weiter fragte,
    ob sie die Inanspruchnahme anderer Organe als der Genitalien
    für den sexuellen Verkehr meine, bejahte sie, und ich konnte
    fortsetzen: dann denke sie gerade an jene Körperteile, die sich
    hei ihr in gereiztem Zustande befänden (Hals, Mundhöhle).
    Soweit wollte sie freilich von ihren Gedanken nichts wissen,
    aber sie durfte es sich auch gar nicht völlig klar gemacht haben,
    wann das Symptom ermöglicht sein sollte. Die Ergänzung war
    doch unabweisbar, dass sie sich mit ihrem stossweise erfolgenden
    Husten, der wie gewöhnlich einen Kitzel im Halse als Reizanlass
    angab, eine Situation von sexueller Befriedigung per os zwischen
    den zwei Personen vorstellte, deren Liebesbeziehung sie unaus-
    gesetzt beschäftigte. Dass die kürzeste Zeit nach dieser still-
    schweigend hingenommenen Aufklärung der Husten verschwunden
    war, stimmte natürlich recht gut; wir wollten aber nicht zu viel
    Wert auf diese Veränderung legen, weil sie ja schon so oft
    spontan eingetreten war.

    Wenn dieses Stückchen der Analyse bei dem ärztlichen
    Leser ausser dem Unglauben, der ihm ja freisteht, Befremden
    und Grauen erregt haben sollte, so bin ich bereit, diese beiden
    Reaktionen an dieser Stelle auf ihre Berechtigung zu prüfen.
    Das Befremden denke ich mir motiviert durch mein Wagnis, mit
    einem jungen Mädchen – oder überhaupt einem Weib im Alter der
    Geschlechtlichkeit – von so heikeln und so abscheulichen Dingen
    zu reden. Das Grauen gilt wohl der Möglichkeit, dass ein un-
    berührtes Mädchen von derlei Praktiken wissen und seine Phantasie
    mit ihnen beschäftigen könnte. In beiden Punkten würde ich

  • S.

    415

    zur Mässigung und Besonnenheit raten. Es liegt weder hier
    noch dort ein Grund zur Entrüstung vor. Man kann mit
    Mädchen und Frauen von allen sexuellen Dingen sprechen, ohne ihnen zu
    schaden, und ohne sich in Verdacht zu bringen, wenn man erstens
    eine gewisse Art, es zu tun, annimmt, und zweitens, wenn man
    bei ihnen die Überzeugung erwecken kann, dass es unvermeidlich
    ist. Unter denselben Bedingungen erlaubt sich ja auch der
    Gynäkologe, sie allen möglichen Entblössungen zu unterziehen.
    Die beste Art, von den Dingen zu reden, ist die trockene und
    direkte; sie ist gleichzeitig von der Lüsternheit, mit welcher die
    nämlichsten Themata in der „Gesellschaft“ behandelt werden, und
    an die Mädchen wie Frauen sehr wohl gewöhnt sind, am weitesten
    entfernt. Ich gebe Organen wie Vorgängen ihre technischen
    Namen und teile dieselben mit, wo sie – die Namen – etwa
    unbekannt sind. „J’appelle un chat un chat“. Ich habe wohl
    von ärztlichen und nichtärztlichen Personen gehört, welche sich
    über eine Therapie skandalisieren, in der solche Besprechungen
    vorkommen, und die entweder mich oder die Patienten um
    den Kitzel zu beneiden scheinen, der sich nach ihrer Er-
    wartung dabei einstellt. Aber ich kenne doch die Wohl-
    anständigkeit dieser Herren zu genau, um mich über sie zu er-
    regen. Ich werde der Versuchung, eine Satyra zu schreiben,
    aus dem Wege gehen. Nur das eine will ich erwähnen,
    dass ich häufig die Genugtuung erfahre, von einer Patientin,
    die die Offenheit in sexuellen Dingen anfänglich nicht leicht ge-
    worden, späterhin den Ausruf zu hören: „Nein, Ihre Kur ist doch
    um vieles anständiger als die Gespräche des Herrn X.!“1)

    Von der Unvermeidlichkeit der Berührung sexueller Themata
    muss man überzeugt sein, ehe man eine Hysteriebehandlung
    unternimmt, oder muss bereit sein, sich durch Erfahrungen
    überzeugen zu lassen. Man sagt sich dann: pour faire une omelette,
    il faut casser des oeufs. Die Patienten selbst sind leicht zu über-
    zeugen; der Gelegenheiten dazu gibt es im Laufe der Behandlung
    allzuviele. Man braucht sich keinen Vorwurf daraus zu machen,
    dass man Tatsachen des normalen oder abnormen Sexuallebens
    mit ihnen bespricht. Wenn man einigermassen vorsichtig ist,
    übersetzt man ihnen bloss ins Bewusste, was sie im Unbewussten
    schon wissen, und die ganze Wirkung der Kur ruht ja auf der
    Einsicht, dass die Affektwirkungen einer unbewussten Idee stärker
    und, weil unhemmbar, schädlicher sind als die einer bewussten.
    Man läuft niemals Gefahr, ein unerfahrenes Mädchen zu verderben;
    wo auch im Unbewussten keine Kenntnis sexueller Vorgänge be-
    steht, da kommt auch kein hysterisches Symptom zustande. Wo
    man Hysterie findet, kann von „Gedankenunschuld“ im Sinne
    der Eltern und Erzieher keine Rede mehr sein. Bei 10-, 12- und
    14jährigen Kindern, Knaben wie Mädchen, habe ich mich von der
    ausnahmslosen Verlässlichkeit dieses Satzes überzeugt.

    Was die zweite Gefühlsreaktion betrifft, die sich nicht mehr
    gegen mich, sondern gegen die Patienten, im Falle dass ich recht

  • S.

    416

    haben sollte, richtet und den perversen Charakter von deren
    Phantasien grauenhaft findet, so möchte ich betonen, dass solche
    Leidenschaftlichkeit im Verurteilen dem Arzte nicht ansteht. Ich
    finde es auch unter anderem überflüssig, dass ein Arzt, der über
    die Verirrungen der sexuellen Triebe schreibt, jede Gelegenheit
    benutze, um in den Text den Ausdruck seines persönlichen Ab-
    scheues vor so widrigen Dingen einzuschalten. Hier liegt eine
    Tatsache vor, an die wir uns, mit Unterdrückung unserer Ge-
    schmacksrichtungen, hoffentlich gewöhnen werden. Was wir die
    sexuellen Perversionen heissen, die Ueberschreitungen der Sexual-
    funktion nach Körpergebiet und Sexualobjekt, davon muss man ohne
    Entrüstung reden können. Schon die Unbestimmtheit der Grenzen
    für das normal zu nennende Sexualleben bei verschiedenen Rassen
    und in verschiedenen Zeitepochen sollte die Eiferer abkühlen.
    Wir dürfen doch nicht daran vergessen, dass uns die widrigste
    dieser Perversionen, die sinnliche Liebe des Mannes für den
    Mann, bei einem uns so sehr kulturüberlegenen Volke wie den
    Griechen nicht nur geduldet, sondern selbst mit wichtigen sozialen
    Funktionen betraut war. Ein Stückchen weit, bald hier, bald
    dort, überschreitet jeder von uns die fürs Normale gezogenen
    engen Grenzen in seinem eigenen Sexualleben. Die Perversionen
    sind weder Bestialitäten, noch Entartungen im pathetischen Sinne
    des Wortes. Es sind Entwicklungen von Keimen, die sämtlich
    in der indifferenzierten sexuellen Anlage des Kindes enthalten
    sind, deren Unterdrückung oder Wendung auf höhere asexuelle
    Ziele – deren Sublimierung – die Kräfte für eine gute An-
    zahl unserer Kulturleistungen abzugeben bestimmt ist. Wo also
    jemand grob und manifest pervers geworden ist, da kann man
    richtiger sagen, er sei es geblieben, es stellt ein Stadium einer
    Entwicklungshemmung dar. Die Psychoneurotiker sind sämt-
    lich Personen mit stark ausgebildeten, aber im Laufe der Ent-
    wicklung verdrängt und unbewusst gewordenen perversen Neigungen.
    Ihre unbewussten Phantasien weisen daher genau den nämlichen
    Inhalt auf wie die aktenmässig festgestellten Handlungen der Per-
    versen, auch wenn sie die „Psychopathia sexualis“ von v. Krafft-
    Ebing, der naive Menschen soviel Mitschuld an der Entstehung per-
    verser Neigungen zumessen, nicht gelesen haben. Die Psychoneurosen
    sind sozusagen das Negativ der Perversionen. Die sexuelle Kon-
    stitution, in welcher der Ausdruck der Heredität mitenthalten ist, wirkt
    bei den Neurotikern zusammen mit accidentellen Lebenseinflüssen,
    welche die Entfaltung der normalen Sexualität stören. Die Ge-
    wässer, die in dem einen Strom bett ein Hindernis finden, werden
    in ältere, zum Verlassen bestimmte Stromläufe zurückgestaut. Die
    Triebkräfte für die Bildung hysterischer Symptome werden nicht
    nur von der verdrängten normalen Sexualität, sondern auch von
    den unbewussten perversen Regungen beigestellt1).

    1)Diese Sätze über sexuelle Perversionen sind mehrere Jahre vor dem
    ausgezeichneten Buche von J. Bloch (Beiträge zur Aetiologie der Psycho-
    pathia sexualis. 1902 u. 1903) niedergeschrieben worden. Vgl. auch meine

  • S.

    417

    Die minder abgestossenen unter den sog. sexuellen Perver-
    sionen erfreuen sich der grössten Verbreitung unter unserer Be-
    völkerung, wie jedermann mit Ausnahme des ärztlichen Autors
    über diese Gegenstände weiss. Oder vielmehr der Autor weiss
    es auch; er bemüht sich nur, es zu vergessen in dem Moment,
    da er die Feder zur Hand nimmt, um darüber zu schreiben. Es
    ist also nicht wunderbar, wenn unsere 19jährige Hysterica, die
    von dem Vorkommen eines solchen Sexualverkehrs (des Saugens
    am Gliede) gehört hat, eine solche unbewusste Phantasie entwickelt
    und durch die Sensation von Reiz im Halse und durch Husten zum
    Ausdruck bringt. Es wäre auch nicht wunderbar, wenn sie ohne
    äussere Aufklärung zu solcher Phantasie gekommen wäre, wie ich es
    bei anderen Patientinnen mit Sicherheit festgestellt habe. Die
    somatische Vorbedingung für solche selbständige Schöpfung einer
    Phantasie, die sich dann mit dem Tun der Perversen deckt, war
    nämlich bei ihr durch eine beachtenswerte Tatsache gegeben.
    Sie erinnerte sich sehr wohl, dass sie in ihren Kinderjahren eine
    „Lutscherin“ gewesen war. Auch der Vater erinnerte sich, dass
    er’s ihr abgewöhnt habe, als es sich bis ins 4. oder 5. Lebens-
    jahr fortsetzte. Dora selbst hatte ein Bild aus ihren Klein-
    kinderjahren in klarem Gedächtnis, wie sie in einem Winkel auf
    dem Boden sass, an ihrem linken Daumen lutschend, während sie
    dabei mit der rechten Hand den ruhig dasitzenden Bruder am
    Ohrläppchen zupfte. Es ist dies die vollständige Art der Selbst-
    befriedigung durch Lutschen, die mir auch andere – später
    anästhetische und hysterische – Patienten berichtet haben. Von
    einer derselben habe ich eine Angabe erhalten, die ein helles
    Licht auf die Herkunft dieser sonderbaren Gewohnheit wirft. Die
    junge Frau, die sich das Lutschen überhaupt nie abgewöhnt hatte,
    sah sich in einer Kindererinnerung, angeblich aus der ersten Hälfte
    des zweiten Lebensjahres, an der Ammenbrust trinken und dabei
    die Amme rhythmisch am Ohrläppchen ziehen. Ich meine, es wird
    niemand bestreiten wollen, dass die Lippen- und Mundschleim-
    haut für eine primäre erogene Zone erklärt werden darf, da
    sie einen Teil dieser Bedeutung noch für den Kuss, der als
    normal gilt, beibehalten hat. Die frühzeitige ausgiebige Betätigung
    dieser erogenen Zone ist also die Bedingung für das spätere
    somatische Entgegenkommen von Seiten des mit den Lippen be-
    ginnenden Schleimhauttraktes. Wenn dann zu einer Zeit, wo das
    eigentliche Sexualobjekt, das männliche Glied, schon bekannt ist,
    sich Verhältnisse ergeben, welche die Erregung der erhalten ge-
    bliebenen erogenen Mundzone wieder steigern, so gehört kein
    grosser Aufwand von schöpferischer Kraft dazu, um an Stelle der
    ursprünglichen Brustwarze und des für sie vikariierenden Fingers
    das aktuelle Sexualobjekt, den Penis, in die Befriedigungssituation
    einzusetzen. So hat diese überaus anstössige perverse Phantasie

    in diesem Jahre (1905) erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexual-
    theorie“, bei Fr. Deuticke, Wien.

  • S.

    418

    vom Saugen um Penis den harmlosesten Ursprung; sie ist die
    Umarbeitung eines prähistorisch zu nennenden Eindrucks vom
    Saugen an der Mutter- oder Ammenbrust, der gewöhnlich durch
    den Umgang mit gesäugten Kindern wieder belebt worden ist.
    Meist hat dabei das Euter der Kuh als passende Mittelvorstellung
    zwischen Brustwarze und Penis Dienste geleistet.
    Die eben besprochene Deutung der Halssymptome Doras
    kann auch noch zu einer anderen Bemerkung Anlass geben. Man
    kann fragen, wie sich diese phantasierte sexuelle Situation mit der
    anderen Erklärung verträgt, dass das Kommen und Gehen der
    Krankheitserscheinungen die Anwesenheit und Abwesenheit des
    geliebten Mannes nachahmt, also mit Einbeziehung des Benehmens
    der Frau den Gedanken ausdrückt: Wenn ich seine Frau wäre,
    würde ich ihn ganz anders lieben, krank sein (vor Sehnsucht etwa),
    wenn er verreist, und gesund (vor Seligkeit), wenn er wieder zu
    Hause ist. Darauf muss ich nach meinen Erfahrungen in der
    Lösung hysterischer Symptome antworten: es ist nicht notwendig,
    dass sich die verschiedenen Bedeutungen eines Symptoms mit
    einander vertragen, d. h. zu einem Zusammenhange ergänzen. Es
    genügt, wenn der Zusammenhang durch das Thema hergestellt ist,
    welches all den verschiedenen Phantasien den Ursprung gegeben
    hat. In unserem Falle ist solche Verträglichkeit übrigens nicht
    ausgeschlossen; die eine Bedeutung haftet mehr am Husten, die
    andere an der Aphonie und an dem Verlauf der Zustände; eine
    feinere Analyse hätte wahrscheinlich eine viel weitergehende Ver-
    geistigung des Krankheitsdetails erkennen lassen. Wir haben
    bereits erfahren, dass ein Symptom ganz regelmässig mehreren
    Bedeutungen gleichzeitig entspricht; fügen wir nun hinzu, dass
    es auch mehreren Bedeutungen nach einander Ausdruck geben
    kann. Das Symptom kann eine seiner Bedeutungen oder seine
    Hauptbedeutung im Laufe der Jahre ändern, oder die leitende
    Rolle kann von einer Bedeutung auf eine andere übergehen. Es
    ist wie ein konservativer Zug im Charakter der Neurose, dass
    das einmal gebildete Symptom womöglich erhalten wird, mag
    auch der unbewusste Gedanke, der in ihm seinen Ausdruck fand,
    seine Bedeutung eingebüsst haben. Es ist aber auch leicht, diese
    Tendenz zur Erhaltung des Symptoms mechanisch zu erklären:
    die Herstellung eines solchen Symptoms ist so schwierig, die
    Uebertragung der rein psychischen Erregung ins Körperliche, was
    ich Konversion genannt habe, an soviel begünstigende Be-
    dingungen gebunden, ein somatisches Entgegenkommen, wie man
    es zur Konversion bedarf, ist so wenig leicht zu haben, dass der
    Drang zur Abfuhr der Erregung aus dem Unbewussten dazu führt,
    sich womöglich mit dem bereits gangbaren Abfuhrweg zu begnügen.
    Viel leichter als die Schöpfung einer neuen Konversion scheint
    die Herstellung von Assoziationsbeziehungen zwischen einem neuen
    abfuhrbedürftigen Gedanken und dem alten, der diese Bedürftig-
    keit verloren hat. Auf dem so gebahnten Wege strömt die Er-
    regung aus der neuen Erregungsquelle zur früheren Ausfuhrstelle

  • S.

    419

    hin, und das Symptom gleicht, wie das Evangelium es ausdrückt,
    einem alten Schlauch, der mit neuem Wein gefüllt ist. Erscheint
    nach diesen Erörterungen auch der somatische Anteil des hyste-
    rischen Symptoms als das beständigere, schwerer ersetzbare, der
    psychische als das veränderlichere, leichter zu vertretende Element,
    so möge man doch aus diesem Verhältnis keine Rangordnung
    zwischen den beiden ableiten wollen. Für die psychische Therapie
    ist allemal der psychische Anteil der bedeutsamere.

    Die unablässige Wiederholung derselben Gedanken über das
    Verhältnis ihres Vaters zu Frau K. bot der Analyse bei Dora die
    Gelegenheit zu noch anderer wichtiger Ausbeute.

    Ein solcher Gedankenzug darf ein überstarker, besser ein ver-
    stärkter, überwertiger im Sinne Wernickes, genannt werden.
    Er erweist sich als krankhaft, trotz seines anscheinend korrekten
    Inhalts, durch die eine Eigentümlichkeit, dass er trotz aller be-
    wussten und willkürlichen Denkbemühungen der Person nicht
    zersetzt und nicht beseitigt werden kann. Mit einem normalen,
    noch so intensiven Gedankenzug wird man endlich fertig. Dora
    fühlte ganz richtig, dass ihre Gedanken über den Papa eine be-
    sondere Beurteilung herausforderten. „Ich kann an nichts anderes
    denken,“ klagte sie wiederholt. „Mein Bruder sagt mir wohl,
    wir Kinder haben kein Recht, diese Handlungen des Papas zu
    kritisieren. Wir sollen uns darum nicht kümmern und uns viel-
    leicht sogar freuen, dass er eine Frau gefunden hat, an die er
    sein Herz hängen kann, da ihn die Mama doch so wenig versteht.
    Ich sehe das ein und möchte auch so denken wie mein Bruder,
    aber ich kann nicht. Ich kann es ihm nicht verzeihen.“1)

    Was tut man nun angesichts eines solchen überwertigen
    Gedankens, nachdem man dessen bewusste Begründung sowie die
    erfolglosen Einwendungen gegen ihn mitangehört hat? Man sagt
    sich, dass dieser überstarke Gedankenzug seine Ver-
    stärkung dem Unbewussten verdankt. Er ist unauflösbar
    für die Denkarbeit, entweder weil er selbst mit seiner Wurzel
    bis in’s unbewusste, verdrängte Material reicht oder weil sich
    ein anderer unbewusster Gedanke hinter ihm verbirgt. Letzterer
    ist dann meist sein direkter Gegensatz. Gegensätze sind immer
    eng mit einander verknüpft und häufig so gepaart, dass der
    eine Gedanke überstark bewusst, sein Widerpart aber
    verdrängt und unbewusst ist. Dieses Verhältnis ist ein Erfolg
    des Verdrängungsvorganges. Die Verdrängung nämlich ist häufig
    in der Weise bewerkstelligt worden, dass der Gegensatz des zu
    verdrängenden Gedankens übermässig gestärkt wurde. Ich heisse
    dies Reaktionsverstärkung, und den einen Gedanken, der sich im
    Bewussten überstark behauptet und nach Art eines Vorurteils
    unzersetzbar zeigt, den Reaktionsgedanken. Die beiden

    1)Ein solcher überwertiger Gedanke ist nebst tiefer Verstimmung oft
    das einzige Symptom eines Krankheitszustandes, der gewöhnlich „Melancholie“
    genannt wird, sich aber durch Psychoanalyse lösen lässt wie eine Hysterie.

  • S.

    420

    Gedanken verhalten sich dann zu einander ungefähr wie
    die beiden Nadeln eines astatischen Nadelpaares. Mit einem
    gewissen Ueberschuss an Intensität hält der Reaktionsgedanke
    den anstössigen in der Verdrängung zurück; er ist aber dadurch
    selbst gedämpft und gegen die bewusste Denkarbeit gefeit. Das
    Bewusstmachen des verdrängten Gegensat-
    zes ist dann der Weg,
    um dem überstarken Gedanken seine Verstärkung zu entziehen.

    Man darf aus seinen Erwartungen auch den Fall nicht aus-
    schliessen, dass nicht eine der beiden Begründungen der Über-
    wertigkeit, sondern eine Konkurrenz von beiden vorliegt. Es
    können auch noch andere Komplikationen vorkommen, die sich
    aber leicht einfügen lassen.

    Versuchen wir es bei dem Beispiel, das uns Dora bietet,
    zunächst mit der ersten Annahme, dass die Wurzel ihrer zwangs-
    artigen Bekümmerung um das Verhältnis des Vaters zu Frau K.
    ihr selbst unbekannt sei, weil sie im Unbewussten liege. Es ist
    nicht schwierig, diese Wurzel aus den Verhältnissen und Er-
    scheinungen zu erraten. Ihr Benehmen ging offenbar weit über
    die Anteilssphäre der Tochter hinaus, sie fühlte und handelte
    vielmehr wie eine eifersüchtige Frau, wie man es bei ihrer Mutter
    begreiflich gefunden hätte. Mit ihrer Forderung: „Sie oder ich“,
    den Szenen, die sie aufführte, und der Selbstmorddrohung, die
    sie durchblicken liess, setzte sie sich offenbar an die Stelle der
    Mutter. Wenn die ihrem Husten zugrunde liegende Phantasie
    einer sexuellen Situation richtig erraten ist, so trat sie in der
    selben an die Stelle der Frau K. Sie identifizierte sich also mit
    den beiden, jetzt und früher vom Vater geliebten Frauen. Der
    Schluss liegt nahe, dass ihre Neigung in höherem Maasse dem
    Vater zugewendet war, als sie wusste oder gern zugegeben hätte,
    dass sie in den Vater verliebt war.

    Solche unbewusste, an ihren abnormen Konsequenzen kennt-
    liche Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter, Mutter und
    Sohn habe ich als Auffrischung infantiler Empfindungskeime
    auffassen gelernt. Ich habe an anderer Stelle1) ausgeführt, wie
    frühzeitig die sexuelle Attraktion sich zwischen Eltern und Kindern
    geltend macht, und gezeigt, dass die Oedipusfabel wahrschein-
    lich als die dichterische Bearbeitung des Typischen an diesen Be-
    ziehungen zu verstehen ist. Diese frühzeitige Neigung der Tochter
    zum Vater, des Sohnes zur Mutter, von der sich wahrscheinlich
    bei den meisten Menschen eine deutliche Spur findet, muss bei
    den konstitutionell zur Neurose bestimmten, frühreifen und nach
    Liebe hungrigen Kindern schon anfänglich intensiver angenommen
    werden. Es kommen dann gewisse hier nicht zu besprechende
    Einflüsse zur Geltung, welche die rudimentäre Liebesregung
    fixieren oder so verstärken, dass noch in den Kinderjahren oder
    erst zur Zeit der Pubertät etwas aus ihr wird, was einer sexuellen

    1)In der „Traumdeutung“, p. 178 und in der dritten der „Abhand-
    lungen zur Sexualtheorie“.

  • S.

    421

    Neigung gleichzustellen ist, und was, wie diese, die Libido für
    sich in Anspruch nimmt1). Die äußeren Verhältnisse bei unserer
    Patientin sind einer solchen Annahme nicht gerade ungünstig.
    Ihre Anlage hatte sie immer zum Vater hingezogen, seine vielen
    Erkrankungen mussten ihre Zärtlichkeit für ihn steigern; in manchen
    Krankheiten wurde niemand anders als sie von ihm zu den kleinen
    Leistungen der Krankenpflege zugelassen; stolz auf ihre frühzeitig
    entwickelte Intelligenz hatte er sie schon als Kind zu seiner
    Vertrauten herangezogen. Durch das Auftreten von Frau K.
    war wirklich nicht die Mutter, sondern sie aus mehr als einer
    Stellung verdrängt worden.

    Als ich Dora mitteilte, ich müsste annehmen, dass ihre
    Neigung zum Vater schon frühzeitig den Charakter voller Verliebt-
    heit besessen habe, gab sie zwar ihre gewöhnliche Antwort: „Ich
    erinnere mich nicht daran“, berichtete aber sofort etwas Analoges
    von ihrer 7jährigen Cousine (von Mutterseite), in der sie häufig
    wie eine Spiegelung ihrer eigenen Kindheit zu sehen meinte. Die
    Kleine war wieder einmal Zeugin einer erregten Auseinander-
    setzung zwischen den Eltern gewesen und hatte Dora, die darauf
    zu Besuch kam, ins Ohr geflüstert: „Du kannst Dir nicht denken,
    wie ich diese Person (auf die Mutter deutend) hasse! Und wenn
    sie einmal stirbt, heirate ich den Papa.“ Ich bin gewohnt, in
    solchen Einfällen, die etwas zum Inhalt meiner Behauptung
    Stimmendes vorbringen, eine Bestätigung aus dem Unbewussten
    zu sehen. Ein anderes „Ja“ lässt sich aus dem Unbewussten
    nicht vernehmen; ein unbewusstes „Nein“ gibt es überhaupt nicht.
    Diese Verliebtheit in den Vater hatte sich Jahre hindurch
    nicht geäussert; vielmehr war sie mit derselben Frau, die sie
    beim Vater verdrängt hatte, eine lange Zeit im herzlichsten
    Einvernehmen gestanden und hatte deren Verhältnis mit dem
    Vater, wie wir aus ihren Selbstvorwürfen wissen, noch begünstigt.
    Diese Liebe war also neuerdings aufgefrischt worden, und wenn
    dies der Fall war, dürfen wir fragen, zu welchem Zwecke es
    geschah? Offenbar als Reaktionssymptom, um etwas anderes zu
    unterdrücken, was also im Unbewussten noch mächtig war. Wie
    die Dinge lagen, musste ich in erster Linie daran denken, dass
    die Liebe zu Herrn K. dieses Unterdrückte sei. Ich musste
    annehmen, ihre Verliebtheit dauere noch fort, habe aber seit der
    Szene am See – aus unbekannten Motiven – ein heftiges
    Sträuben gegen sich, und das Mädchen habe die alte Neigung
    zum Vater hervorgeholt und verstärkt, um von der ihr peinlich
    gewordenen Liebe ihrer ersten Mädchenjahre in ihrem Bewusstsein
    nichts mehr merken zu müssen. Dann bekam ich auch Einsicht
    in einen Konflikt, der geeignet war, das Seelenleben des Mädchens
    zu zerrütten. Sie war wohl einerseits voll Bedauern, den Antrag

    1)Das hierfür entscheidende Moment ist wohl das frühzeitige Auf-
    treten echter Genitalsensationen, sei es spontaner oder durch Verführung
    und Masturbation hervorgerufener. (Siehe unten.)

  • S.

    422

    des Mannes zurückgewiesen zu haben, voll Sehnsucht nach seiner
    Person und den kleinen Zeichen seiner Zärtlichkeit; anderseits
    sträubten sich mächtige Motive, unter denen ihr Stolz leicht zu
    erraten war, gegen diese zärtlichen und sehnsüchtigen Regungen.
    So war sie dazu gekommen, sich einzureihen, sie sei mit der
    Person des Herrn K. fertig – dies war ihr Gewinn bei diesem
    typischen Verdrängungsvorgang –, und doch musste sie zum
    Schutz gegen die beständig zum Bewusstsein andrängende Ver-
    liebtheit die infantile Neigung zum Vater anrufen und übertreiben.
    Dass sie dann fast unausgesetzt von eifersüchtiger Erbitterung
    beherrscht war, schien noch einer weiteren Determinierung fähig1).

    Es widersprach keineswegs meiner Erwartung, dass ich mit
    dieser Darlegung bei Dora den entschiedensten Widerspruch
    hervorrief. Das „Nein“, das man vom Patienten hört, nachdem
    man seiner bewussten Wahrnehmung zuerst den verdrängten
    Gedanken vorgelegt hat, konstatiert bloss die Verdrängung und
    seine Entschiedenheit, misst gleichsam die Stärke derselben. Wenn
    man dieses Nein nicht als den Ausdruck eines unparteiischen
    Urteils, dessen der Kranke ja nicht fähig ist, auffasst, sondern
    darüber hinweggeht und die Arbeit fortsetzt, so stellen sich bald
    die ersten Beweise ein, dass Nein in solchem Falle das gewünschte
    Ja bedeutet. Sie gab zu, dass sie Herrn K. nicht in dem Maasse
    böse sein könne, wie er es um sie verdient habe. Sie erzählte,
    dass sie eines Tages auf der Strasse Herrn K. begegnet sei,
    während sie in Begleitung einer Cousine war, die ihn nicht kannte.
    Die Cousine rief plötzlich: „Dora, was ist Dir denn? Du bist
    ja totenbleich geworden!“ Sie hatte nichts von dieser Verände-
    rung an sich gefühlt, musste aber von mir hören, dass Mienen-
    spiel und Affektausdruck eher dem Unbewussten gehorchen als
    dem Bewussten und für das erstere verräterisch seien2). Ein

    andermal kam sie nach mehreren Tagen gleichmässig heiterer
    Stimmung in der bösesten Laune zu mir, für die sie eine Er-
    klärung nicht wusste. Sie sei heute so zuwider, erklärte sie; es
    sei der Geburtstag des Onkels, und sie bringe es nicht über sich,
    ihm zu gratulieren; sie wisse nicht, warum. Meine Deutungskunst
    war an dem Tage stumpf; ich liess sie weitersprechen, und sie
    erinnerte sich plötzlich, dass heute ja auch Herr K. Geburtstag
    habe, was ich nicht versäumte, gegen sie zu verwerten. Es war
    dann auch nicht schwer zu erklären, warum die reichen Geschenke
    zu ihrem eigenen Geburtstage einige Tage vorher ihr keine Freude
    bereitet hatten. Es fehlte das eine Geschenk, das von Herrn K.,
    welches ihr offenbar früher das wertvollste gewesen war.

    Indes hielt sie noch längere Zeit an ihrem Widerspruch
    gegen meine Behauptung fest, bis gegen Ende der Analyse der
    entscheidende Beweis für deren Richtigkeit geliefert wurde.

    1) Welcher wir auch begegnen werden.

    2) Vergl.: „Ruhig kann ich Euch erscheinen,
    Ruhig gehen sehen.“

  • S.

    423

    Ich muss nun einer weiteren Komplikation gedenken, der
    ich gewiss keinen Raum gönnen würde, sollte ich als Dichter
    einen derartigen Seelenzustand für eine Novelle erfinden, anstatt
    ihn als Arzt zu zergliedern. Das Element, auf das ich jetzt hin-
    weisen werde, kann den schönen, poesiegerechten Konflikt, den
    wir bei Dora annehmen dürfen, nur trüben und verwischen; es
    fiele mit Recht der Zensur des Dichters, der ja auch vereinfacht
    und abstrahiert, wo er als Psychologe auftritt, zum Opfer. In
    der Wirklichkeit aber, die ich hier zu schildern bemüht bin, ist
    die Komplikation der Motive, die Häufung und Zusammensetzung
    seelischer Regungen, kurz die Ueberdeterminierung Regel. Hinter
    dem überwertigen Gedankenzug, der sich mit dem Verhältnis des
    Vaters zu Frau K. beschäftigte, versteckte sich nämlich auch
    eine Eifersuchtsregung, deren Objekt diese Frau war – eine
    Regung also, die nur auf der Neigung zum gleichen Geschlecht
    beruhen konnte. Es ist längst bekannt und vielfach hervor-
    gehoben, dass sich bei Knaben und Mädchen in den Pubertäts-
    jahren deutliche Anzeichen von der Existenz gleichgeschlechtlicher
    Neigung auch normalerweise beobachten lassen. Die schwärmerische
    Freundschaft für eine Schulkollegin mit Schwüren, Küssen, dem
    Versprechen ewiger Korrespondenz und mit aller Empfindlichkeit
    der Eifersucht ist der gewöhnliche Vorläufer der ersten inten-
    siveren Verliebtheit für einen Mann. Unter günstigen Ver-
    hältnissen versiegt die homosexuelle Strömung dann oft völlig;
    wo sich das Glück in der Liebe zum Mann nicht einstellt, wird
    sie oft noch in späteren Jahren von der Libido wieder geweckt
    und bis zu der oder jener Intensität gesteigert. Ist soviel bei
    Gesunden mühelos festzustellen, so werden wir im Anschlusse an
    frühere Bemerkungen über die bessere Ausbildung der normalen
    Perversionskeime bei den Neurotikern auch eine stärkere homo-
    sexuelle Anlage in deren Konstitution zu finden erwarten. Es muss
    wohl so sein, denn ich bin noch bei keiner Psychoanalyse eines
    Mannes oder Weibes durchgekommen, ohne eine solche recht
    bedeutsame homosexuelle Strömung zu berücksichtigen. Wo bei
    hysterischen Frauen und Mädchen die dem Manne geltende
    sexuelle Libido eine energische Unterdrückung erfahren hat, da
    findet man regelmässig die dem Weibe geltende durch Vikariieren
    verstärkt und selbst teilweise bewusst.

    Ich werde dieses wichtige und besonders für die Hysterie
    des Mannes zum Verständnis unentbehrliche Thema hier nicht
    weiter behandeln, weil die Analyse Doras zu Ende kam, ehe sie
    über diese Verhältnisse bei ihr Licht verbreiten konnte. Ich
    erinnere aber an jene Gouvernante, mit der sie anfangs im intimen
    Gedankenaustausch lebte, bis sie merkte, dass sie von ihr nicht
    ihrer eigenen Person, sondern des Vaters wegen geschätzt und
    gut behandelt worden sei. Dann zwang sie dieselbe, das Haus
    zu verlassen. Sie verweilte auch auffällig häufig und mit be-
    sonderer Betonung bei der Erzählung einer anderen Entfremdung,
    die ihr selbst rätselhaft vorkam. Mit ihrer zweiten Cousine, der

  • S.

    424

    selben, die später Braut wurde, hatte sie sich immer besonders
    gut verstanden und allerlei Geheimnisse mit ihr geteilt. Als nun
    der Vater zum erstmal nach dem abgebrochenen Besuch an
    See wieder nach B. fuhr und Dora es natürlich ablehnte, ihn zu
    begleiten, wurde diese Cousine aufgefordert, mit dem Vater zu
    reisen, und nahm es an. Dora fühlte sich von da an erkältet gegen
    sie und verwunderte sich selbst, wie gleichgültig sie ihr geworden
    war, obwohl sie ja zugestand, sie könne ihr keinen grossen
    Vorwurf machen. Diese Empfindlichkeiten veranlassten mich, zu
    fragen, welches ihr Verhältnis zu Frau K. bis zum Zerwürfnis
    gewesen war. Ich erfuhr dann, dass die junge Frau und das
    kaum erwachsene Mädchen Jahre hindurch in der grössten Ver-
    traulichkeit gelebt hatten. Wenn Dora bei den K. wohnte, teilte
    sie das Schlafzimmer mit der Frau; der Mann wurde ausquartiert.
    Sie war die Vertraute und Beraterin der Frau in allen Schwie-
    rigkeiten ihres ehelichen Lebens gewesen; es gab nichts, worüber
    sie nicht gesprochen hatten. Medea war ganz zufrieden damit,
    dass Kreusa die beiden Kinder an sich zog; sie tat gewiss auch
    nichts dazu, um den Verkehr des Vaters dieser Kinder mit dem
    Mädchen zu stören. Wie Dora es zustande brachte, den Mann
    zu lieben, über den ihre geliebte Freundin so viel Schlechtes zu
    sagen wusste, ist ein interessantes psychologisches Problem, das
    wohl lösbar wird durch die Einsicht, dass im Unbewussten die
    Gedanken besonders bequem neben einander wohnen, auch Gegen-
    sätze sich ohne Widerstreit vertragen, was ja oft genug auch noch
    im Bewussten so bleibt.

    Wenn Dora von Frau K. erzählte, so lobte sie deren „ent-
    zückend weissen Körper“* in einem Ton, der eher der Verliebten
    als der besiegten Rivalin entsprach. Mehr wehmütig als bitter
    teilte sie mir ein andermal mit, sie sei überzeugt, dass die
    Geschenke, die der Papa ihr gebracht, von Frau K. besorgt
    worden seien; sie erkenne deren Geschmack. Ein andermal hob
    sie hervor, dass ihr offenbar durch die Vermittlung von Frau K.
    Schmuckgegenstände zum Geschenk gemacht worden seien, ganz
    ähnlich wie die, welche sie bei Frau K. gesehen und sich damals laut
    gewünscht habe. Ja, ich muss überhaupt sagen, ich hörte nicht
    ein hartes oder erbostes Wort von ihr über die Frau, in der sie
    doch nach dem Standpunkt ihrer überwertigen Gedanken die Ur-
    heberin ihres Unglücks hätte sehen müssen. Sie benahm sich wie
    inkonsequent, aber die scheinbare Inkonsequenz war eben der
    Ausdruck einer komplizierteren Gefühlsströmung. Denn wie hätte
    sich die schwärmerisch geliebte Freundin gegen sie benommen?
    Nachdem Dora ihre Beschuldigung gegen Herrn K. vorgebracht
    und dieser vom Vater schriftlich zur Rede gestellt wurde, ant-
    wortete er zuerst mit Beteuerungen seiner Hochachtung und
    erbot sich, nach der Fabrikstadt zu kommen, um alle Missverständ-
    nisse aufzuklären. Einige Wochen später, als ihn der Vater in B.
    sprach, war von Hochachtung nicht mehr die Rede. Er setzte
    das Mädchen herunter und spielte als Trumpf aus: Ein Mädchen,

    * Antiqua im Original.

  • S.

    425

    das solche Bücher liest und sich für solche Dinge interessiert,
    das hat keinen Anspruch auf die Achtung eines Mannes. Frau K.
    hatte sie also verraten und angeschwärzt; nur mit ihr hatte sie
    über Mantegazza und über verfängliche Themata gesprochen. Es
    war wieder derselbe Fall wie mit der Gouvernante; auch Frau K.
    hatte sie nicht um ihrer eigenen Person willen geliebt, sondern
    wegen des Vaters. Frau K. hatte sie unbedenklich geopfert, um
    in ihrem Verhältnis mit dem Vater nicht gestört zu werden.
    Vielleicht, dass diese Kränkung ihr näher ging, pathogen wirk-
    samer als die andere, mit der sie jene verdecken wollte, dass der
    Vater sie geopfert. Wies nicht die eine so hartnäckig festgehaltene
    Amnesie in Betreff der Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt
    auf den Gefühlswert der Beschuldigung und demnach auf den
    Verrat durch die Freundin hin?
    Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen, dass
    der überwertige Gedankenzug Doras, der sich mit dem Verhältnis des
    Vaters zu Frau K. beschäftigte, bestimmt war nicht nur zur Unter-
    drückung der einst bewusst gewesenen Liebe zu Herrn K., sondern
    auch die in tieferem Sinne unbewusste Liebe zu Frau K. zu ver-
    decken hatte. Zu letzterer Strömung stand er im Verhältnis des
    direkten Gegensatzes. Sie sagte sich unablässig vor, dass der
    Papa sie dieser Frau geopfert habe, demonstrierte geräuschvoll,
    dass sie ihr den Besitz des Papas nicht gönne, und verbarg sich
    so das Gegenteil, dass sie dem Papa die Liebe dieser Frau nicht
    gönnen konnte und der geliebten Frau die Enttäuschung über
    ihren Verrat nicht vergeben hatte. Die eifersüchtige Regung des
    Weibes war im Unbewussten an eine wie von einem Manne
    empfundene Eifersucht gekoppelt. Diese männlichen oder, wie
    man besser sagt, gynäkophilen Gefühlsströmungen sind für das
    unbewusste Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu
    betrachten.

    II.

    Der erste Traum.

    Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunklen Punkt in dem
    Kindesleben Doras durch das Material, welches sich zur Analyse
    drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen Traum, den
    sie in genau der nämlichen Weise schon wiederholt geträumt, in
    einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein periodisch wieder-
    kehrender Traum war schon dieses Charakters wegen besonders
    geeignet, meine Neugierde zu wecken; im Interesse der Behand-
    lung durfte man ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zu-
    sammenhang der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloss also,
    diesen Traum besonders sorgfältig zu erforschen.

    I. Traum: „In einem Haus brennt es!“, erzählte Dora,
    der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf.1) Ich

    1)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie
    dann auf meine Erkundigung.