• S.

    425

    das solche Bücher liest und sich für solche Dinge interessiert,
    das hat keinen Anspruch auf die Achtung eines Mannes. Frau K.
    hatte sie also verraten und angeschwärzt; nur mit ihr hatte sie
    über Mantegazza und über verfängliche Themata gesprochen. Es
    war wieder derselbe Fall wie mit der Gouvernante; auch Frau K.
    hatte sie nicht um ihrer eigenen Person willen geliebt, sondern
    wegen des Vaters. Frau K. hatte sie unbedenklich geopfert, um
    in ihrem Verhältnis mit dem Vater nicht gestört zu werden.
    Vielleicht, dass diese Kränkung ihr näher ging, pathogen wirk-
    samer als die andere, mit der sie jene verdecken wollte, dass der
    Vater sie geopfert. Wies nicht die eine so hartnäckig festgehaltene
    Amnesie in Betreff der Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt
    auf den Gefühlswert der Beschuldigung und demnach auf den
    Verrat durch die Freundin hin?
    Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen, dass
    der überwertige Gedankenzug Doras, der sich mit dem Verhältnis des
    Vaters zu Frau K. beschäftigte, bestimmt war nicht nur zur Unter-
    drückung der einst bewusst gewesenen Liebe zu Herrn K., sondern
    auch die in tieferem Sinne unbewusste Liebe zu Frau K. zu ver-
    decken hatte. Zu letzterer Strömung stand er im Verhältnis des
    direkten Gegensatzes. Sie sagte sich unablässig vor, dass der
    Papa sie dieser Frau geopfert habe, demonstrierte geräuschvoll,
    dass sie ihr den Besitz des Papas nicht gönne, und verbarg sich
    so das Gegenteil, dass sie dem Papa die Liebe dieser Frau nicht
    gönnen konnte und der geliebten Frau die Enttäuschung über
    ihren Verrat nicht vergeben hatte. Die eifersüchtige Regung des
    Weibes war im Unbewussten an eine wie von einem Manne
    empfundene Eifersucht gekoppelt. Diese männlichen oder, wie
    man besser sagt, gynäkophilen Gefühlsströmungen sind für das
    unbewusste Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu
    betrachten.

    II.

    Der erste Traum.

    Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunklen Punkt in dem
    Kindesleben Doras durch das Material, welches sich zur Analyse
    drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen Traum, den
    sie in genau der nämlichen Weise schon wiederholt geträumt, in
    einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein periodisch wieder-
    kehrender Traum war schon dieses Charakters wegen besonders
    geeignet, meine Neugierde zu wecken; im Interesse der Behand-
    lung durfte man ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zu-
    sammenhang der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloss also,
    diesen Traum besonders sorgfältig zu erforschen.

    I. Traum: „In einem Haus brennt es!“, erzählte Dora,
    der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf.1) Ich

    1)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie
    dann auf meine Erkundigung.

  • S.

    426

    kleide mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuck-
    kästchen retten, der Papa sagt aber: Ich will nicht, dass
    ich und meine beiden Kinder wegen Deines Schmuck-
    kästchens verbrennen. Wir eilen herunter, und sowie
    ich draussen bin, wache ich auf.“

    Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natürlich,
    wann sie ihn zuerst geträumt. Das weiss sie nicht. Sie erinnert
    sich aber, dass sie den Traum in L. (dem Orte am See, wo die
    Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten hintereinander ge-
    habt, dann kam er vor einigen Tagen hier wieder1). – Die so
    hergestellte Verknüpfung des Traumes mit den Ereignissen in L.
    erhöht natürlich meine Erwartungen in Betreff der Traumlö-
    sung. Ich möchte aber zunächst den Anlass für seine letzte Wiederkehr
    erfahren und fordere darum Dora, die bereits durch einige kleine,
    vorher analysierte Beispiele für die Traumdeutung geschult ist,
    auf, sich den Traum zu zerlegen und mir mitzuteilen, was ihr zu
    ihm einfällt.

    Sie sagt: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann, denn
    es ist ganz frisch, während ich den Traum gewiss schon früher
    gehabt habe.“

    Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu
    Passende sein.

    „Also, der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen
    Streit gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt. Das
    Zimmer meines Bruders hat nämlich keinen eigenen Ausgang,
    sondern ist nur durchs Speisezimmer zugänglich. Der Papa will
    nicht, dass der Bruder bei Nacht so abgesperrt sein soll. Er hat
    gesagt, das ginge nicht; es könnte doch bei Nacht etwas passieren,
    dass man hinaus muss.“

    Das haben Sie nun auf Feuersgefahr bezogen?

    „Ja.“

    Ich bitte Sie, merken Sie sich Ihre eigenen Ausdrücke wohl.
    Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt: Dass bei
    Nacht etwas passieren kann, dass man hinaus muss2).“

    Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezenten
    und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden, denn sie
    fährt fort:

    „Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat er
    die Angst vor einem Brand direkt ge-
    äussert. Wir kamen in
    einem heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holzhäuschen, das
    keinen Blitzableiter hatte. Da war diese Angst ganz natürlich.“

    1)Es lässt sich aus dem Inhalt nachwei-
    sen, dass der Traum in L.
    zuerst geträumt worden ist.

    2)Ich greife diese Worte heraus, weil sie mich stutzig machen. Sie
    klingen mir zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Worten von ge-
    wissen körperlichen Bedürfnis-
    sen? Zweideutige Worte sind aber wie
    „Wechsel“ für den Assoziationsver-
    lauf. Stellt man den Wechsel anders,
    als er im Trauminhalt einge-
    stellt scheint, so kommt man wohl auf das
    Geleise, auf dem sich die gesuchten und noch verborgenen Gedanken hinter
    dem Traum bewegen.

  • S.

    427

    Es liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Ereig-
    nissen in L. und den damaligen gleichlautenden Träumen zu er-
    gründen. Ich frage also: Haben Sie den Traum in den ersten
    Nächten in L. gehabt oder in den letzten vor ihrer Abreise, also
    vor oder nach der bekannten Szene im Walde? (Ich weiss nämlich,
    dass die Szene nicht gleich am ersten Tage vorfiel und dass sie
    nach derselben noch einige Tage in L. verblieb, ohne etwas von
    dem Vorfall merken zu lassen.)

    Sie antwortet zuerst: Ich weiss nicht. Nach einer Weile:
    Ich glaube doch, nachher.

    Nun wusste ich also, dass der Traum eine Reaktion auf jenes
    Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal wieder? Ich
    fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach der Szene in L.
    geblieben?

    „Noch 4 Tage, am fünften bin ich mit dem Papa abgereist.“
    Jetzt bin ich sicher, dass der Traum die unmittelbare Wirkung
    des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn dort zuerst
    geträumt, nicht früher. Sie haben die Unsicherheit im Erinnern
    nur hinzugefügt, um sich den Zusammenhang zu verwischen1).
    Es stimmt mir aber noch nicht ganz mit den Zahlen. Wenn Sie
    noch 4 Nächte in L. blieben, können Sie den Traum 4 mal wieder-
    holt haben. Vielleicht war es so?

    Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt aber,
    anstatt auf meine Frage zu antworten, fort2): „Am Nachmittag
    nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K. und ich, mittags
    zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa im
    Schlafzimmer gelegt, um kurz zu schlafen. Ich erwachte plötzlich
    und sah Herrn K. vor mir stehen ...“

    „Also wie Sie im Traum den Papa vor Ihrem Bett stehen sehen?
    „Ja. Ich stellte ihn zu Rede, was er hier zu suchen habe.
    Er gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein Schlaf-
    zimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er etwas holen
    wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich Frau K. gefragt,
    ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer existiert, und habe
    mich am nächsten Morgen (am 2. Tag) zur Toilette eingeschlossen.
    Als ich mich dann nachmittags einschliessen wollte, um mich
    wieder aufs Sofa zu legen, fehlte der Schlüssel. Ich bin über-
    zeugt, Herr K. hatte ihn beseitigt.“

    Das ist also das Thema vom Verschliessen oder Nicht-
    verschliessen des Zimmers, das im Traume vorkommt und das
    zufällig auch im frischen Anlass zum Traume eine Rolle gespielt
    hat3). Sollte der Satz: ich kleide mich schnell an, auch in
    diesen Zusammenhang gehören?

    1)Vgl. das eingangs Seite 292 über den Zweifel beim Erinnern Gesagte.

    2)Es muss nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen, ehe die
    von mir gestellte Frage beantwortet werden kann.

    3)Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, dass dies Element wegen
    einer symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde. „Zimmer“ im Traum
    wollen recht häufig „Frauenzimmer“ vertreten, und ob ein Frauenzimmer
    „offen“ oder „verschlossen“ ist, kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch
    welcher „Schlüssel“ in diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt.

  • S.

    428

    „Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K. zu
    bleiben. An den nächsten Morgen musste ich fürchten, dass
    mich Herr K. bei der Toilette überrasche, und kleidete mich
    darum immer sehr schnell an. Der Papa wohnte ja im Hotel,
    und Frau K. war immer schon früh weggegangen, um mit dem
    Papa eine Partie zu machen. Herr K. belästigte mich aber nicht
    wieder.“

    Ich verstehe, Sie fassten am Nachmittag des zweiten Tages
    den Vorsatz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen, und haben
    nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach der Szene
    im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlaf zu wiederholen.
    Dass Sie am nächsten – dritten – Morgen den Schlüssel nicht
    haben würden, um sich beim Ankleiden einzuschliessen, wussten
    Sie ja schon am zweiten Nachmittag, also vor dem Traum, und
    konnten sich vornehmen, die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr
    Traum kam aber jede Nacht wieder, weil er eben einem Vorsatz
    entsprach. Ein Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er ausgeführt
    ist. Sie sagten sich gleichsam: Ich habe keine Ruhe, ich kann
    keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem Hause heraus
    bin. Umgekehrt erzählen Sie vom Traum: Sowie ich draussen
    bin, wache ich auf.

    Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um dieses
    Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemeinen Sätzen über
    Mechanismus der Traumbildung zu messen. Ich habe in meinem
    Buche1) ausgeführt, jeder Traum sei ein als erfüllt dargestellter
    Wunsch, die Darstellung sei eine verhüllende, wenn der Wunsch
    ein verdrängter, dem Unbewussten angehöriger sei, und ausser
    bei den Kinderträumen habe nur der unbewusste oder bis ins
    Unbewusste reichende Wunsch die Kraft, einen Traum zu bilden.
    Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir sicherer gewesen,
    wenn ich mich begnügt hätte, zu behaupten, dass jeder Traum
    einen Sinn habe, der durch eine gewisse Deutungsarbeit auf
    zudecken sei. Nach vollzogener Deutung könne man den Traum
    durch Gedanken ersetzen, die sich an leicht kenntlicher Stelle in
    das Seelenleben des Wachens einfügen. Ich hätte dann fortfahren
    können, dieser Sinn des Traumes erweise sich als ebenso mannig-
    faltig wie eben die Gedankengänge des Wachens. Es sei das
    eine Mal ein erfüllter Wunsch, das andere Mal eine verwirklichte
    Befürchtung, dann etwa eine im Schlaf fortgesetzte Ueberlegung,
    ein Vorsatz (wie bei Doras Traum), ein Stück geistigen Produ-
    zierens im Schlafe u. s. w. Diese Darstellung hätte gewiss durch
    ihre Fasslichkeit bestochen und hätte sich auf eine grosse Anzahl
    gut gedeuteter Beispiele, wie z. B. auf den hier analysierten Traum,
    stützen können.

    Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung auf-
    gestellt, die den Sinn der Träume auf eine einzige Gedankenform,
     

    1)Die Traumdeutung. 1900.

  • S.

    429

    auf die Darstellung von Wünschen einschränkt, und habe die all-
    gemeinste Neigung zum Widerspruche wachgerufen. Ich muss aber
    sagen, dass ich weder das Recht noch die Pflicht zu besitzen
    glaubte, einen Vorgang der Psychologie zur grösseren Annehm-
    lichkeit der Leser zu vereinfachen, wenn er meiner Untersuchung
    eine Komplikation bot, deren Lösung zur Einheitlichkeit erst an
    anderer Stelle gefunden werden konnte. Es wird mir darum
    von besonderem Werte sein zu zeigen, dass die scheinbaren Aus-
    nahmen, wie Doras Traum hier, der sich zunächst als ein in den
    Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, doch die bestrittene
    Regel neuerdings bekräftigen.

    Wir haben ja noch ein grosses Stück des Traumes zu deuten.
    Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuckkästchen, das die
    Mama retten will?

    „Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa
    bekommen.“

    Und Sie?

    „Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der Krank-
    heit trage ich keinen mehr. – Da gab es damals vor 4 Jahren
    (1 Jahr vor dem Traum) einen grossen Streit zwischen Papa und
    Mama wegen eines Schmuckes. Die Mama wünschte sich etwas
    Bestimmtes, Tropfen von Perlen im Ohr zu tragen. Der Papa
    liebt aber dergleichen nicht und brachte ihr anstatt der Tropfen
    ein Armband. Sie war wütend und sagte ihm, wenn er schon
    soviel Geld ausgegeben habe, um etwas zu schenken, was sie
    nicht möge, so solle er es nur einer anderen schenken.“

    Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nehmen es gerne?

    „Ich weiss nicht1), weiss überhaupt nicht, wie die Mama in
    den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L.2)“

    Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn
    nichts anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben Sie
    nur von Schmuck und nichts von einem Kästchen gesprochen.

    „Ja, Herr K. hatte mir einige Zeit vorher ein kostbares
    Schmuckkästchen zum Geschenk gemacht.“

    Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie wissen
    vielleicht nicht, dass „Schmuckkästchen“ eine beliebte Beziehung
    für dasselbe ist, was Sie unlängst mit dem angehängten Täschchen
    angedeutet haben3), für das weibliche Genitale.

    „Ich wusste, dass Sie das sagen würden4).“


    1)Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen.

    2)Diese Bemerkung, die von gänzlichem Missverständnisse der ihr
    sonst wohlbekannten Regeln der Traumerklärung zeugt, sowie die zögernde
    Art und die spärliche Ausbeute ihrer Einfälle zum Schmuckkästchen be-
    wiesen mir, dass es sich hier um Material handle, das mit grossem Nach-
    druck verdrängt worden sei.

    3)Ueber dies Täschchen siehe weiter unten.

    4)Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende
    Kenntnis von sich wegzuschieben.

  • S.

    430

    Das heisst, Sie wussten es. – Der Sinn des Traumes wird
    nun noch deutlicher. Sie sagten sich: Der Mann stellt mir nach,
    er will in mein Zimmer dringen, meinem Schmuckkästchen droht
    Gefahr, und wenn da ein Malheur passiert, wird es die Schuld
    des Papas sein. Darum haben Sie in den Traum eine Situation
    genommen, die das Gegenteil ausdrückt, eine Gefahr, aus welcher
    der Papa Sie rettet. In dieser Region des Traumes ist überhaupt
    alles ins Gegenteil verwandelt; Sie werden bald hören, warum.
    Das Geheimnis liegt allerdings bei der Mama. Wie die Mama
    dazu kommt, Sie ist, wie Sie wissen, Ihre frühere Konkurrentin
    in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit dem Armband
    wollten Sie gerne annehmen, was die Mama zurückgewiesen hat. Nun
    lassen Sie uns einmal „annehmen“ durch „geben“, „zurückweisen“
    durch „verweigern“ ersetzen. Das heisst dann, Sie waren bereit,
    dem Papa zu geben, was die Mama ihm verweigert, und das, um
    was es sich handelt, hatte mit Schmuck zu tun1). Nun erinnern
    Sie sich an das Schmuckkästchen, das Herr K. Ihnen geschenkt
    hat. Sie haben da den Anfang einer parallelen Gedankenreihe,
    in der wie in der Situation des vor Ihrem Bett Stehens Herr K.
    anstatt des Papas einzusetzen ist. Er hat Ihnen ein Schmuck-
    kästchen geschenkt, Sie sollen ihm also Ihr Schmuckkästchen
    schenken; darum sprach ich vorhin vom „Gegengeschenk“. In
    dieser Gedankenreihe wird Ihre Mama durch Frau K. zu ersetzen
    sein, die doch wohl damals anwesend war. Sie sind also bereit,
    Herrn K. das zu schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier
    haben Sie den Gedanken, der mit soviel Anstrengung ver-
    drängt werden muss, der die Verwandlung aller Elemente
    in ihr Gegenteil notwendig macht. Wie ich’s Ihnen schon vor
    diesem Traum gesagt habe, der Traum bestätigt wieder, dass Sie
    die alte Liebe zum Papa wachrufen, um sich gegen die Liebe
    zu K. zu schützen. Was beweisen aber alle diese Bemühungen?
    Nicht nur, dass Sie sich vor Herrn K. fürchten, noch mehr
    fürchten Sie sich vor sich selber, vor Ihrer Versuchung, ihm
    nachzugeben. Sie bestätigen also dadurch, wie intensiv die Liebe
    zu ihm war.2)

    Dieses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mit-
    machen.

    Mir hatte sich aber auch eine Fortsetzung der Traumdeutung
    ergeben, die ebensowohl für die Anamnese des Falles wie für
    die Theorie des Traumes unentbehrlich schien. Ich versprach,
    dieselbe Dora in der nächsten Sitzung mitzuteilen.

    1)Auch für die Tropfen werden wir später eine vom Zusammenhang
    geforderte Deutung anführen können.

    2)Ich fügte noch hinzu: Uebrigens muss ich aus dem Wiederauftauchen
    des Traumes in den letzten Tagen schliessen, dass Sie dieselbe Situation für
    wiedergekommen erachten, und dass Sie beschlossen haben, aus der Kur,
    zu der ja nur der Papa Sie bringt, wegzubleiben.— Die Folge zeigte, wie
    richtig ich geraten hatte. Meine Deutung streift hier das praktisch wie
    theoretisch höchst bedeutsame Thema der „Uebertragung“, auf welches ein-
    zugehen ich in dieser Abhandlung wenig Gelegenheit mehr finden werde.

  • S.

    431

    Ich konnte nämlich den Hinweis nicht vergessen, der sich
    aus den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben schien (daß
    man hinaus muß, daß bei Nacht ein Malheur passieren
    kann). Dem reihte sich an, daß mir die Aufklärung des Traumes
    unvollständig schien, so lange nicht eine gewisse Forderung er-
    füllt war, die ich zwar nicht allgemein aufstellen will, nach deren
    Erfüllung ich aber mit Vorliebe suche. Ein ordentlicher Traum
    steht gleichsam auf zwei Beinen, von denen das eine den wesent-
    lichen aktuellen Anlaß, das andere eine folgenschwere Begeben-
    heit der Kinderjahre berührt. Zwischen diesen beiden, dem Kinder-
    erlebnis und dem gegenwärtigen, stellt der Traum eine Verbindung
    her, er sucht die Gegenwart nach dem Vorbild der frühesten
    Vergangenheit umzugestalten. Der Wunsch, der den Traum
    schafft, kommt ja immer aus der Kindheit, er will die Kind-
    heit immer wieder von Neuem zur Realität erwecken, die Gegen-
    wart nach der Kindheit korrigieren. Die Stücke, die sich zu
    einer Anspielung auf ein Kinderereignis zusammensetzen lassen,
    glaubte ich in dem Trauminhalt bereits deutlich zu erkennen.

    Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen
    Experiment, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische stand
    zufällig ein großer Zündhölzchen-
    behälter. Ich bat Dora, sich
    doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas Besonderes sehen
    könne, das gewöhnlich nicht darauf stände. Sie sah nichts.
    Dann fragte ich, ob sie wisse, warum man den Kindern verbiete,
    mit Zündhölzchen zu spielen?
    „Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels
    spielen so gerne mit Zündhölzchen.“

    Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln“
    und knüpft daran einen gewissen Glauben.

    Sie wußte nichts darüber. – Also man fürchtet, daß sie
    dann das Bett nass machen werden. Dem liegt wohl der Gegen-
    satz von Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, dass sie vom
    Feuer träumen und dann versuchen werden, mit Wasser zu
    löschen. Das weiss ich nicht genau zu sagen. Aber ich sehe,
    dass Ihnen der Gegensatz von Wasser und Feuer im Traum aus
    gezeichnete Dienste leistet. Die Mama will das Schmuck-
    kästchen
    retten, damit es nicht verbrennt, in den Traumgedanken kommt
    es darauf an, dass das „Schmuckkästchen“ nicht nass wird. Feuer
    ist aber nicht nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient
    auch zur direkten Vertretung von Liebe, Verliebt-
    sein. Von Feuer geht also das eine Geleise über diese sym-
    bolische Bedeutung zu den Liebesgedanken, das andere führt
    über den Gegensatz Wasser, nachdem noch die eine Beziehung
    zur Liebe, die auch nass macht, abgezweigt hat, anderswohin.
    Wohin nun? Denken Sie an Ihre Ausdrücke: dass bei Nacht
    ein Malheur passiert, dass man hinaus muss. Bedeutet das
    nicht ein körperliches Bedürfnis, und wenn Sie das Malheur in
    die Kindheit versetzen, kann es ein anderes sein, als dass das
    Bett nass wird? Was tut man aber, um die Kinder vor dem

  • S.

    482

    Bettnässen zu hüten? Nicht wahr, man weckt sie in der Nacht
    aus dem Schlaf, ganz so, wie es im Traum der Papa mit
    Ihnen tut? Dieses wäre also die wirkliche Begebenheit, aus
    welcher Sie sich das Recht nehmen, Herrn K., der Sie aus dem
    Schlafe weckt, durch den Papa zu ersetzen. Ich muss also
    schliessen, dass Sie an Bettnässen länger, als es sich sonst bei
    Kindern erhält, gelitten haben. Dasselbe muss bei Ihrem Bruder
    der Fall gewesen sein. Der Papa sagt ja: Ich will nicht, dass
    meine beiden Kinder zugrunde gehen. Der Bruder hat
    mit der aktuellen Situation bei K. sonst nichts zu tun, er war
    auch nicht nach L. mitgekommen. Was sagen nun Ihre Er-
    innerungen dazu?

    „Von mir weiss ich nichts, antwortete sie, aber der Bruder
    hat bis zum 6. oder 7. Jahre das Bett nass gemacht, es ist ihm
    auch manchmal am Tage passiert.“

    Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter
    man derartiges von seinem Bruder als von sich erinnert, als sie
    mit der wiedergewonnenen Erinnerung fortsetzte: „Ja, ich habe
    es auch gehabt, aber später erst, im 7. oder 8. Jahre eine Zeit
    lang. Es muss arg gewesen sein, denn ich weiss jetzt, dass der
    Doktor um Rat gefragt wurde. Es war bis kurz vor dem ner-
    vösen Asthma.“

    Was sagte der Doktor dazu?

    „Er erklärte es für eine nervöse Schwäche; es werde sich
    schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mittel1).“

    Die Traumdeutung schien mir nun vollendet2). Einen Nachtrag
    zum Traume brauchte sie noch tags darauf. Sie habe vergessen,
    zu erzählen, dass sie nach dem Erwachen jedesmal Rauch ge-
    rochen. Der Rauch passte ja wohl zum Feuer, er wies auch
    darauf hin, dass der Traum seine besondere Beziehung zu meiner
    Person habe, denn ich pflegte ihr, wenn sie behauptet hatte, da
    oder dort stecke nichts dahinter, oft entgegenzuhalten: „Wo
    Rauch ist, ist auch Feuer“. Sie wandte aber gegen diese aus-
    schliesslich persönliche Deutung ein, dass Herr K. und der Papa
    leidenschaftliche Raucher seien, wie übrigens auch ich. Sie rauchte
    selbst am See und Herr K. hatte ihr, ehe er damals mit seiner un-
    glücklichen Werbung begann, eine Zigarette gedreht. Sie glaube sich
    auch sicher zu erinnern, dass der Geruch nach Rauch nicht erst
    im letzten, sondern schon in den dreimaligen Träumen in L. auf-
    getreten sei. Da sie weitere Auskünfte verweigerte, blieb es
    mir überlassen, wie ich mir diesen Nachtrag in das Gefüge der
    Traumgedanken eintragen wolle. Als Anhaltspunkt konnte mir

    1)Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte, weil sie
    an dieser Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr Geheimnis gekommen.
    Vor jedem anderen, den sie noch nicht einzuschätzen wusste, empfand sie
    Angst, die sich jetzt also motiviert, er könne ihr Geheimnis erraten.

    2)Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die Ver-
    suchung ist so stark. Lieber Papa, schütze Du mich wieder wie in den
    Kinderzeiten, dass mein Bett nicht nass wird!

  • S.

    Freud, Bruchstück einer Hysterie-Analyse. 433

    dienen, dass die Sensation des Rauches als Nachtrag kam, also
    eine besondere Anstrengung der Verdrängung hatte überwinden
    müssen. Demnach gehörte sie wahrscheinlich zu dem im Traum
    am dunkelsten dargestellten und bestverdrängten Gedanken, also
    dem der Versuchung, sich dem Maane willig zu erweisen. Sie
    konnte dann kaum etwas anderes bedeuten als die Sehnsucht
    nach einem Kuss, der beim Raucher notwendigerweise nach Rauch
    schmeckt; ein Kuss war aber 2 Jahre vorher zwischen den beiden
    vorgefallen und hätte sich sicherlich mehr als einmal wiederholt,
    wenn das Mädchen damals der Werbung nachgegeben hätte. Die
    Versuchungsgedanken scheinen so auf die frühere Szene zurück-
    gegriffen und die Erinnerung an den Kuss aufgeweckt zu haben,
    gegen dessen Verlockung sich die Lutscherin seinerzeit durch
    den Ekel schützte. Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen,
    die eine Uebertragung auf mich, weil ich auch Raucher bin,
    wahrscheinlich machen, so komme ich zur Ansicht, dass ihr eines
    Tages wahrscheinlich während der Sitzung eingefallen, sich
    einen Kuss von mir zu wünschen. Dies war für sie der An-
    lass, sich den Warnungstraum zu wiederholen und den Vorsatz
    zu fassen, aus der Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zu-
    sammen, aber vermöge der Eigentümlichkeiten der „Uebertragung“
    entzieht es sich dem Beweise.

    Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute
    dieses Traumes für die Krankengeschichte des Falles in Angriff
    nehmen oder lieber den aus ihm gegen die Traumtheorie ge-
    wonnenen Einwand erledigen soll. Ich wähle das erstere.

    Es verlohute sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in
    der Vorgeschichte der Neurotiker ausführlich einzugehen. Der
    Uebersichtlichkeit zu Liebe beschränke ich mich darauf zu be-
    tonen, dass Doras Fall von Bettnüssen nicht der gewöhnliche
    war. Die Störung hatte sich nicht einfach über die fürs
    Normale geforderte Zeit fortgesetzt, sondern war nach ihrer be-
    stimmten Angabe zunächst geschwunden und dann verhältnis-
    mässig spät nach dem sechsten Lebensjahr wieder aufgetreten.
    Ein solches Bettnässen hat meines Wissens keine wahrscheinlichere
    Ursache als Masturbation, die in der Aetiologie des Bettnässens
    überhaupt eine noch zu gering geschätzte Rolle spielt. Den
    Kindern selbst ist nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang
    sehr wohl bekannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten
    sich davon so ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun
    befanden wir uns zur Zeit, als der Traum erzählt wurde, auf
    einer Linie der Forschung, welche direkt auf ein solches Ein-
    geständnis der Kindermasturbation zulief. Sie hatte eine Weile
    vorher die Frage aufgeworfen, warum denn gerade sie krank
    geworden sei, und hatte, ehe ich eine Antwort gab, die Schuld
    auf den Vater gewälzt. Es waren nicht unbewusste Gedanken,
    sondern bewusste Kenntnis, welche die Begründung übernahm.
    Das Mädchen wusste zu meinem Erstaunen, welcher Natur die
    Krankheit des Vaters gewesen war. Sie hatte nach der Rück-

  • S.

    434

    Freud, Bruchstück einer Hysterie-Analyse.

    kehr des Vaters von meiner Ordination ein Gespräch erlauscht,
    in dem der Name der Krankheit genannt wurde. In noch
    früheren Jahren, zur Zeit der Netzhautablösung, muss ein zu
    Rate gezogener Augenarzt auf die luetische Aetiologie hin-
    gewiesen haben, denn das neugierige und besorgte Mädchen
    hörte damals eine alte Tante zur Mutter sagen: „Er war ja
    schon vor der Ehe krank“ und etwas ihr Unverständliches hin-
    zufügen, was sie sich später auf unanständige Dinge deutete.

    Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel
    krank geworden, und sie nahm an, dass er ihr das Kranksein
    erblich übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen, dass
    ich, wie erwähnt (Seite 295), gleichfalls die Ansicht vertrete,
    die Nachkommenschaft Luetischer sei zu schweren Neuropsychosen
    ganz besonders prädisponiert. Die Fortsetzung dieses den Vater
    anklagenden Gedankenganges ging durch unbewusstes Material.
    Sie identifizierte sich einige Tage lang in kleinen Symptomen
    und Eigentümlichkeiten mit der Mutter, was ihr Gelegenheit gab,
    Hervorragendes in Unausstehlichkeit zu leisten, und liess mich
    dann erraten, dass sie an einen Aufenthalt in Franzensbad denke,
    das sie in Begleitung der Mutter — ich weiss nicht mehr, in
    welchem Jahre — besucht hatte. Die Mutter litt an Schmerzen im
    Unterleib und an einem Ausfluss — Katarrh —, der eine Franzens-
    bader Kur notwendig machte. Es war ihre — wahrscheinlich
    wieder berechtigte — Meinung, dass diese Krankheit vom Papa
    herrühre, der also seine Geschlechtsaffektion auf die Mutter über-
    tragen hatte. Es war ganz begreiflich, dass sie bei diesem
    Schluss, wie ein grosser Teil der Laien überhaupt, Gonorrhoe
    und Syphilis, erbliche und Uebertragung durch den Verkehr zu-
    sammenwarf. Ihr Verharren in der Identifizierung nötigte mir
    fast die Frage auf, ob sie denn auch eine Geschlechtskrankheit
    habe, und nun erfuhr ich, dass sie mit einem Katarrh (fluor albus)
    behaftet war, an dessen Beginn sie sich nicht erinnern könne.

    Ich verstand nun, dass hinter dem Gedankengang, der laut
    den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschuldigung
    verborgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich ihr versicherte,
    dass der Fluor der jungen Mädchen in meinen Augen vorzugs-
    weise auf Masturbation deute, und dass ich alle anderen Ur-
    sachen, die gewöhnlich für solch ein Leiden angeführt werden,
    neben der Masturbation in den Hintergrund treten lasse. Sie
    sei also auf dem Wege, ihre Frage, warum gerade sie erkrankt
    sei, durch das Eingeständnis der Masturbation, wahrscheinlich
    in den Kinderjahren, zu beantworten. Sie leugnete entschiedenst,
    sich an etwas derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage
    später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annäherung an
    das Geständnis betrachten musste. Sie hatte an diesem Tage
    nämlich, was weder früher noch später je der Fall war, ein
    Portemonnaietäschchen von der Form, die eben modern wurde,
    umgehängt und spielte damit, während sie im Liegen sprach,
    indem sie es öffnete, einen Finger hineinsteckte, es wieder

  • S.

    435

    schloss u. s. w. Ich sah ihr eine Weile zu und erklärte ihr dann, was
    eine Symptomhandlung1) sei. Symptomhandlungen nenne ich
    jene Verrichtungen, die der Mensch, wie man sagt, automatisch,
    unbewusst, ohne darauf zu achten, wie spielend vollzieht, denen
    er jede Bedeutung absprechen möchte, und die er für gleichgültig
    und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. Sorg-
    fältigere Beobachtung zeigt dann, dass solche Handlungen, von
    denen das Bewusstsein nichts weiss oder nichts wissen will, un-
    bewussten Gedanken und Impulsen Ausdruck geben, somit als
    zugelassene Äusserungen des Unbewussten wertvoll und lehr-
    reich sind. Es gibt zwei Arten des bewussten Verhaltens gegen
    die Symptomhandlungen. Kann man sie unauffällig motivieren,
    so nimmt man auch Kenntnis von ihnen; fehlt ein solcher Vor-
    wand vor dem Bewussten, so merkt man in der Regel gar nicht,
    dass man sie ausführt. Im Falle Doras war die Motivierung
    leicht: „Warum soll ich nicht ein solches Täschchen tragen, wie
    es jetzt modern ist?“ Aber eine solche Rechtfertigung hebt doch
    die Möglichkeit der unbewussten Herkunft der betreffenden
    Handlung nicht auf. Andererseits lässt sich diese Herkunft und
    der Sinn, den man der Handlung beilegt, nicht zwingend er-
    weisen. Man muss sich begnügen, zu konstatieren, dass ein
    solcher Sinn in den Zusammenhang der vorliegenden Situation,
    in die Tagesordnung des Unbewussten ganz ausgezeichnet hin-
    einpasst.

    Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Symptom-
    handlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und Nervösen
    beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal sehr leicht.
    Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts anderes als eine
    Darstellung des Genitales, und ihr Spielen damit, ihr Oeffnen
    und Fingerhineinstecken eine recht ungenierte, aber unverkenn-
    bare pantomimische Mitteilung dessen, was sie damit tun möchte,
    die der Masturbation. Vor kurzem ist mir ein ähnlicher Fall
    vorgekommen, der sehr erheiternd wirkte. Eine ältere Dame
    zieht mitten in der Sitzung, angeblich um sich durch ein
    Bonbon anzufeuchten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht
    sich, sie zu öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich über-
    zeuge, wie schwer sie aufgeht. Ich äussere mein Misstrauen,
    dass diese Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, ich sehe sie
    heute doch zum ersten Male, obwohl die Eigentümerin mich
    schon länger als ein Jahr besucht. Darauf die Dame im Eifer:
    „Diese Dose trage ich immer bei mir, ich nehme sie überall
    mit, wohin ich gehe!“ Sie beruhigt sich erst, nachdem ich sie
    lachend aufmerksam gemacht, wie gut ihre Worte auch zu einer
    anderen Bedeutung passen. Die Dose – box, νόσος – ist wie
    das Täschchen, wie das Schmuckkästchen wieder nur eine Ver-
    treterin der Venusmuschel, des weiblichen Genitales!

    1)Vergl. meine Abhandlung über die Psychopathologie des Alltags-
    lebens in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1901 (als Buch
    im Verlag von S. Karger, 1904).

  • S.

    436

    Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an der wir ge-
    wöhnlich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe stellte,
    das, was die Menschen verstecken, nicht durch den Zwang der
    Hypnose, sondern aus dem, was sie sagen und zeigen, ans Licht
    zu bringen, hielt ich die Aufgabe für schwerer, als sie wirklich
    ist. Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, überzeugt
    sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können.
    Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen;
    aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die
    Aufgabe, das verborgenste Seelische bewusst zu machen, sehr
    wohl lösbar.

    Doras Symptomhandlung mit dem Täschchen war nicht die
    nächste Vorläuferin des Traumes. Die Sitzung, die uns die
    Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere Symptom-
    handlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem sie wartete,
    versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las. Ich fragte
    natürlich, von wem der Brief sei, und sie weigerte sich erst,
    es anzugeben. Dann kam etwas heraus, was höchst gleichgültig
    und ohne Beziehung zu unserer Kur war. Es war ein Brief der
    Grossmutter, in dem sie aufgefordert wurde, ihr öfter zu
    schreiben. Ich meine, sie wollte mir nur „Geheimnis“ vorspielen
    und andeuten, dass sie sich jetzt ihr Geheimnis vom Arzt ent-
    reissen lasse. Ihre Abneigung gegen jeden neuen Arzt erklärte
    ich mir nun durch die Angst, er würde bei der Untersuchung
    (durch den Katarrh) oder beim Examen (durch die Mitteilung
    des Bettnässens) auf den Grund ihres Leidens kommen, die
    Masturbation bei ihr erraten. Sie sprach dann immer sehr ge-
    ringschätzig von den Aerzten, die sie vorher offenbar überschätzt
    hatte.

    Anklagen gegen den Vater, dass er sie krank gemacht,
    mit der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen mit
    dem Täschchen — Bettnässen nach dem 6. Jahr — Geheimnis,
    das sie sich von den Aerzten nicht entreissen lassen will: ich
    halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für
    lückenlos hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Masturbation
    zu ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen der
    Cousine erzählte (s. S. 308) und sich dann mit dieser identifizierte,
    indem sie Tage lang über die nämlichen schmerzhaften Sensationen
    klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei
    Masturbanten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von
    W. Fliess sind es gerade solche Gastralgien, die durch
    Kokainisierung der von ihm gefundenen „Magenstelle“ in der
    Nase unterbrochen und durch deren Aetzung geheilt werden
    können. Dora bestätigte mir bewusster Weise zweierlei, dass
    sie selbst häufig an Magenkrämpfen gelitten und dass sie die
    Cousine mit guten Gründen für eine Masturbantin gehalten habe.
    Es ist bei den Kranken sehr gewöhnlich, dass sie einen Zu-
    sammenhang bei Anderen erkennen, dessen Erkenntnis ihnen bei
    der eigenen Person durch Gefühlswiderstände unmöglich wird.

  • S.

    437

    Sie leugnete auch nicht mehr, obwohl sie noch nichts erinnerte.
    Auch die Zeitbestimmung des Bettnässens „bis kurz vor dem
    Auftreten des nervösen Asthmas“ halte ich für klinisch verwert-
    bar. Die hysterischen Symptome treten fast niemals auf, so lange
    die Kinder masturbieren, sondern erst in der Abstinenz1); sie
    drücken einen Ersatz für die masturbatorische Befriedigung aus,
    nach der das Verlangen im Unbewussten erhalten bleibt, so
    lange nicht andersartige normale Befriedigung eintritt, wo diese
    noch möglich geblieben ist. Letztere Bedingung ist die Wende für
    mögliche Heilung der Hysterie durch Ehe und normalen Ge-
    schlechtsverkehr. Wird die Befriedigung in der Ehe wieder
    aufgehoben, etwa durch Coitus interruptus, psychische Entfremdung
    u. dgl., so sucht die Libido ihr altes Strombet wieder auf und
    äussert sich wiederum in hysterischen Symptomen.

    Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anfügen, wann
    und durch welchen besonderen Einfluss die Masturbation bei
    Dora unterdrückt wurde, aber die Unvollständigkeit der Ana-
    lyse nötigt mich, hier lückenhaftes Material vorzubringen. Wir
    haben gehört, dass das Bettnässen bis nahe an die erste Er-
    krankung an Dyspnoe heranreichte. Nun war das einzige, was
    sie zur Aufklärung dieses ersten Zustandes anzugeben wusste,
    dass der Papa damals das erste Mal nach seiner Besserung ver-
    reist gewesen sei. In diesem erhaltenen Stückchen Erinnerung
    musste eine Beziehung zur Aetiologie der Dyspnoe angedeutet
    sein. Ich bekam nun durch Symptomhandlungen und andere
    Anzeichen guten Grund zur Annahme, dass das Kind, dessen
    Schlafzimmer sich neben dem der Eltern befand, einen nächt-
    lichen Besuch des Vaters bei seiner Ehefrau belauscht und das
    Keuchen des ohnedies kurzatmigen Mannes beim Coitus gehört
    habe. Die Kinder ahnen in solchen Fällen das Sexuelle in dem
    unheimlichen Geräusch. Die Ausdrucksbewegungen für die
    sexuelle Erregung liegen ja als mitgeborene Mechanismen in
    ihnen bereit. Dass die Dyspnoe und das Herzklopfen der
    Hysterie und Angstneurose nur losgelöste Stücke aus der Coitus-
    aktion sind, habe ich vor Jahren bereits ausgeführt, und in
    vielen Fällen wie dem Doras konnte ich das Symptom der
    Dyspnoe, des nervösen Asthmas auf die gleiche Veranlassung,
    auf das Belauschen des sexuellen Verkehrs Erwachsener zurück-
    führen. Unter dem Einfluss der damals gesetzten Miterregung
    konnte sehr wohl der Umschwung in der Sexualität der Kleinen
    eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch die Neigung
    zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der Vater ab-
    wesend war und das verliebte Kind seiner sehnsüchtig gedachte,
    wiederholte sie dann den Eindruck als Asthmaanfall. Aus dem
    in der Erinnerung bewahrten Anlass zu dieser Erkrankung lässt


    1)Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier auch
    relative Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus, so dass bei heftiger
    Libido Hysterie und Masturbation mitsammen vorkommen können.

  • S.

    438

    sich noch der angstvolle Gedankengang erraten, der den Anfall
    begleitete. Sie bekam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer
    Bergpartie überangestrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot
    verspürt hatte. Zu dieser trat die Idee, dass dem Vater Berg-
    steigen verboten sei, dass er sich nicht überanstrengen dürfe,
    weil er kurzen Atem habe, dann die Erinnerung, wie sehr er
    sich in der Nacht bei der Mama angestrengt, ob ihm das nicht
    geschadet habe, dann die Sorge, ob sie sich nicht überangestrengt
    habe bei der gleichfalls zum sexuellen Orgasmus mit etwas
    Dyspnoe führenden Masturbation, und dann die verstärkte
    Wiederkehr dieser Dyspnoe als Symptom. Einen Teil dieses
    Materials konnte ich noch der Analyse entnehmen, den andern
    musste ich ergänzen. Aus der Konstatierung der Masturbation
    haben wir ja gesehen, dass das Material für ein Thema erst
    stückweise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zu-
    sammenhängen zusammengebracht wird1).

    Es erheben sich nun eine Reihe der wichtigsten Fragen zur
    Aetiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als typisch
    für die Aetiologie ansehen darf, ob er den einzigen Typus
    der Verursachung darstellt u. s. w. Allein ich tue gewiss
    Recht daran, die Beantwortung dieser Fragen erst auf die Mit-
    teilung einer grösseren Reihe von ähnlich analysierten Fällen
    warten zu lassen. Ich müsste überdies damit beginnen, die
    Fragestellung zurechtzurücken. Anstatt mich mit Ja oder Nein
    darüber zu äussern, ob die Aetiologie dieses Krankheitsfalles in
    der kindlichen Masturbation zu suchen ist, würde ich zunächst
    den Begriff der Aetiologie bei den Psychoneurosen zu erörtern
    haben. Der Standpunkt, von dem aus ich antworten könnte,
    würde sich als wesentlich verschoben gegen den Standpunkt er-

    1)In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen Mastur-
    bation noch in anderen Fällen hergestellt. Das Material dafür ist meist
    ähnlicher Natur: Hinweise auf Fluor albus, Bettnässen, Handzeremoniell
    u. dgl. Ob die Gewöhnung von einer Warteperson ent-
    deckt worden ist oder nicht, ob ein Abgewöhnungskampf oder ein plötz-
    licher Umschwung diese Sexualbetätigung zum Ende geführt hat, lässt
    sich aus der Symptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei
    Dora war die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem
    Schlage ein Ende gefunden (Geheimnis, Angst vor Aerzten – Ersatz durch
    Dyspnoe). Die Kranken bestreiten zwar regelmässig die Beweiskraft dieser
    Indizien und dies selbst dann, wenn die Erinnerung an den Katarrh oder
    an die Verwarnung der Mutter („das mache dumm; es sei giftig“) in be-
    wusster Erinnerung geblieben ist. Aber einige Zeit unüber-
    sehbar stellt sich auch eine so lange verdrängte Erinnerung an dieses Stück der kindlichen Sexual-
    lebens mit Sicherheit, und zwar bei allen Fällen, ein. – Bei einer Patientin
    mit Zwangsvorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen Mastur-
    bation sind, erwiesen sich die Züge des sich Verbie-
    tens, Bestrafens, wenn sie dies getan habe, dürfe sie das andere nicht, das Nicht-gestört-werden-
    dürfen, des Pausen-Einschieben zwischen einer Verrichtung (mit den Händen)
    und einer nächsten, das Händewaschen u. s. w. als unverändert erhaltene
    Stücke der Abgewöhnungsarbeit ihrer Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui,
    das ist giftig“ war das einzige, das dem Gedächtnis immer erhalten ge-
    blieben war. Vergl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen zur Sexual-
    theorie“, 1905.

  • S.

    439

    weisen, von dem aus die Frage an mich gestellt wird. Genug,
    wenn wir für diesen Fall zur Ueberzeugung gelangen, dass hier
    Kindermasturbation nachweisbar ist, dass sie nichts Zufälliges
    und nichts für die Gestaltung des Krankheitsbildes Gleichgültiges
    sein kann1).

    Uns winkt ein weiteres Verständnis der Symptome bei
    Dora, wenn wir die Bedeutung des von ihr eingestandenen Fluor
    albus ins Auge fassen. Das Wort „Katarrh“, mit dem sie ihre
    Affektion bezeichnen lernte, als ein ähnliches Leiden der Mutter
    Franzensbad nötig machte, ist wiederum ein „Wechsel“, welcher
    der ganzen Reihe von Gedanken über die Krankheitsverschuldung
    des Papas den Zugang zur Aeußerung in dem Symptom des
    Hustens öffnete. Dieser Husten, der gewiss ursprünglich von
    einem geringfügigen realen Katarrh herstammte, war ohnedies
    Nachahmung des mit Lungenleiden behafteten Vaters und konnte
    ihrem Mitleid und ihrer Sorge für ihn Ausdruck geben. Ausser-
    dem aber rief er gleichsam in die Welt hinaus, was ihr damals
    vielleicht noch nicht bewusst worden war: „Ich bin die Tochter
    von Papa. Ich habe einen Katarrh wie er. Er hat mich krank
    gemacht, wie er die Mama krank gemacht hat. Von ihm habe
    ich die bösen Leidenschaften, die sich durch Krankheit strafen2).“

    Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen
    Determinierungen, die wir für die Anfälle von Husten und Heiser-
    keit gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unterst in der
    Schichtung ist ein realer, organisch bedingter Hustenreiz anzu-
    nehmen, das Sandkorn also, um welches das Muscheltier die
    Perle bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil er eine Körperregion

    1)Mit der Angewöhnung der Masturbation muss der Bruder in irgend
    welcher Verbindung sein, denn in diesem Zusammenhange erzählte sie mit
    dem Nachdruck, der eine „Deckerinnerung“ verrät, dass der Bruder ihr
    regelmässig alle Ansteckungen zugetragen, die er selbst nicht, sie aber
    schwer durchgemacht. Der Bruder wird auch im Traum vor dem „Zugrunde-
    gehen“ behütet; er hat selbst an Bettnässen gelitten, aber noch vor der
    Schwester damit aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine „Deck-
    erinnerung“, wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit
    dem Bruder Schrift halten können, von da an sei sie im Lernen gegen ihn
    zurückgeblieben. Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann erst
    wurde sie wirklich ein wildes Ding, vom „Asthma“ an.
    Diese Erkrankung bildete bei ihr die Grenze
    zwischen zwei Phasen des Geschlechtslebens, von denen die erste männlichen,
    die spätere weiblichen Charakter hatte.

    2)Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 12jährigen Mädchen,
    dessen Krankengeschichte ich auf Seite 298 in einige Zeilen zusammen-
    gedrängt habe. Ich hatte das Kind mit einer intelligenten Dame, die mir
    die Dienste einer Wärterin leistete, in einer Pension installiert. Die Dame
    berichtete mir, dass die kleine Patientin ihren Gegenwart beim Zubette-
    gehen nicht dulde und dass sie im Bette auffällig huste, wovon tagsüber
    nichts zu hören war. Des Kleinen fiel, als sie über diese Symptome befragt
    wurde, nur ein, dass ihre Grossmutter so huste, von der man sage, sie habe
    einen Katarrh. Es war dann klar, dass auch sie einen Katarrh habe, und
    dass sie bei der abends vorgenommenen Reinigung nicht bemerkt werden
    wolle. Der Katarrh, der mittelst dieses Wortes von unten nach oben
    geschoben worden war, zeigte sogar eine nicht gewöhnliche Intensität.

  • S.

    440

    betrifft, welche die Bedeutung einer erogenen Zone bei dem
    Mädchen in hohem Grade bewahrt hat. Er ist also geeignet da-
    zu, der erregten Libido Ausdruck zu geben. Er wird fixiert
    durch die wahrscheinlich erste psychische Umkleidung, die
    Mitleidsimitation für den kranken Vater, und dann durch die
    Selbstvorwürfe wegen des Katarrhs. Dieselbe Symptomgruppe
    zeigt sich ferner fähig, die Beziehungen zu Herrn K. darzustellen,
    seine Abwesenheit zu bedauern und den Wunsch auszudrücken,
    ihm eine bessere Frau zu sein. Nachdem ein Teil der Libido
    sich wieder dem Vater zugewendet, gewinnt das Symptom seine
    vielleicht letzte Bedeutung zur Darstellung des sexuellen Verkehrs
    mit dem Vater in der Identifizierung mit Frau K. Ich möchte
    dafür bürgen, dass diese Reihe keineswegs vollständig ist. Leider
    ist die unvollständige Analyse nicht imstande, dem Wechsel der
    Bedeutungen zeitlich zu folgen, die Reihenfolge und die Koexistenz
    verschiedener Bedeutungen klarzulegen. An eine vollständige
    darf man diese Forderungen stellen.

    Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen des
    Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doras einzu-
    gehen. Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der Hysterie
    noch in weiter Ferne lag, hörte ich ältere, erfahrene Kollegen be-
    haupten, dass bei den hysterischen Patientinnen mit Fluor eine
    Verschlimmerung des Katarrhs regelmässig eine Verschärfung
    der hysterischen Leiden, besonders des Essunlust und des Er-
    brechens nach sich ziehe. Ueber den Zusammenhang war niemand
    recht klar, aber ich glaube, man neigte zur Anschauung der
    Gynäkologen hin, die bekanntlich einen direkten und organisch
    störenden Einfluss von Genitalaffektionen auf die nervösen
    Funktionen im breitesten Ausmass annehmen, wobei uns die
    therapeutische Probe auf die Rechnung zu allermeist im Stiche
    lässt. Bei dem heutigen Stande unserer Einsicht kann man einen
    solchen direkten und organischen Einfluss auch nicht für aus-
    geschlossen erklären, aber leichter nachweisbar ist jedenfalls
    dessen psychische Umkleidung. Der Stolz auf die Gestaltung
    der Genitalien ist bei unseren Frauen ein ganz besonderes Stück
    ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben, welche für geeignet ge-
    halten werden, Abneigung oder selbst Ekel einzuflössen, wirken
    in ganz unglaublicher Weise kränkend, das Selbstgefühl herab-
    setzend, machen reizbar, empfindlich und misstrauisch. Die ab-
    norme Sekretion der Scheidenschleimhaut wird als ekelerregend
    angesehen.

    Erinnern wir uns, dass bei Dora nach dem Kuss des
    Herrn K. eine lebhafte Ekelempfindung eintrat und dass wir
    Grund fanden, uns ihre Erzählung dieser Kussszene dahin zu ver-
    vollständigen, dass sie den Druck des erigierten Gliedes gegen
    ihren Leib in der Umarmung verspürte. Wir erfahren nun ferner,
    dass dieselbe Gouvernante, welche sie wegen ihrer Untreue von
    sich gestossen hatte, ihr aus eigener Lebenserfahrung vorgetragen
    hatte, alle Männer seien leichtsinnig und unverlässlich. Für

  • S.

    441

    Dora musste das heissen, alle Männer seien wie der Papa.
    Ihren Vater hielt sie aber für geschlechtskrank, hatte er doch
    diese Krankheit auf sie und auf die Mutter übertragen. Sie
    konnte sich also vorstellen, alle Männer seien geschlechtskrank,
    und ihr Begriff von Geschlechtskrankheit war natürlich nach
    ihrer einzigen und dazu persönlichen Erfahrung gebildet. Ge-
    schlechtskrank hiess ihr also mit einem ekelhaften Ausfluss be-
    haftet – ob dies nicht eine weitere Motivierung des Ekels war,
    den sie im Moment der Umarmung empfand? Dieser auf die
    Berührung des Mannes übertragene Ekel wäre dann ein nach
    dem erwähnten primitiven Mechanismus (s. Seite 306) projizierter,
    der sich in letzter Linie auf ihren eigenen Fluor bezog.

    Ich vermute, dass es sich hierbei um unbewusste Gedanken-
    gänge handelt, welche über vorgebildete organische Zusammen-
    hänge gezogen sind, etwa wie Blumenfestons über Drahtgewinde,
    so dass man ein andermal andere Gedankenwege zwischen den
    nämlichen Ausgangs- und Endpunkten eingeschaltet finden kann.
    Doch ist die Kenntnis der im einzelnen wirksam gewesenen
    Gedankenverbindungen für die Lösung der Symptome von uner-
    setzlichem Wert. Dass wir im Falle Doras zu Vermutungen
    und Ergänzungen greifen müssen, ist nur durch den vorzeitigen
    Abbruch der Analyse begründet. Was ich zur Ausfüllung der
    Lücken vorbringe, lehnt sich durchwegs an andere, gründlicher
    analysierte Fälle an.

    Der Traum, durch dessen Analyse wir die vorstehenden
    Aufschlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden, einem
    Vorsatz, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Er wird darum
    jede Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist, und er tritt
    Jahre später wieder auf, sowie sich ein Anlass ergibt, einen
    analogen Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz lässt sich bewusst
    etwa folgendermaassen aussprechen: Fort aus diesem Hause, in
    dem, wie ich gesehen habe, meiner Jungfräulichkeit Gefahr droht;
    ich reise mit dem Papa ab, und morgens bei der Toilette will ich
    meine Vorsichten treffen, nicht überrascht zu werden. Diese
    Gedanken finden ihren deutlichen Ausdruck im Traume; sie ge-
    hören einer Strömung an, die im Wachleben zum Bewusstsein und
    zur Herrschaft gelangt ist. Hinter ihnen lässt sich ein dunkler ver-
    tretener Gedankenzug erraten, welcher der gegenteiligen Strömung
    entspricht und darum der Unterdrückung verfallen ist. Er gipfelt
    in der Versuchung, sich dem Manne zum Dank für die ihr in
    den letzten Jahren bewiesene Liebe und Zärtlichkeit hinzugeben,
    und ruft vielleicht die Erinnerung an den einzigen Kuss auf, den
    sie bisher von ihm empfangen hat. Aber nach der in meiner
    Traumdeutung entwickelten Theorie reichen solche Elemente nicht
    hin, um einen Traum zu bilden. Ein Traum sei kein Vorsatz,
    der als ausgeführt, sondern ein Wunsch, der als erfüllt dar-
    gestellt wird, und zwar womöglich ein Wunsch aus dem Kinder-
    leben. Wir haben die Verpflichtung, zu prüfen, ob dieser Satz
    nicht durch unseren Traum widerlegt wird.

  • S.

    442

    Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, welches
    in keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung zum Vor-
    satze steht, das Haus des Herrn K. und die von ihm ausgehende
    Versuchung zu fliehen. Wozu taucht wohl die Erinnerung an
    das Bettnässen als Kind und an die Mühe auf, die sich der Vater
    damals gab, das Kind rein zu gewöhnen? Man kann darauf die
    Antwort geben, weil es nur mit Hülfe dieses Gedankenzuges
    möglich ist, die intensiven Versuchungsgedanken zu unterdrücken
    und den gegen sie gefassten Vorsatz zur Herrschaft zu bringen.
    Das Kind beschliesst, mit seinem Vater zu flüchten; in Wirklich-
    keit flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden
    Manne zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum
    Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden schützen
    soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater selbst mit-
    schuldig, der sie wegen eigener Liebesinteressen dem fremden
    Manne ausgeliefert hat. Wie viel schöner war es doch, als der
    selbe Vater niemanden anderen lieber hatte als sie und sich an-
    strengte, sie vor den Gefahren, die sie damals bedrohten, zu
    retten. Der infantile und heute unbewusste Wunsch, den Vater
    an die Stelle des fremden Mannes zu setzen, ist eine traum-
    bildende Potenz. Wenn es eine Situation gegeben hat, die ähn-
    lich einer der gegenwärtigen sich doch durch diese Personen-
    vertretung von ihr unterschied, so wird diese zur Hauptsituation
    des Trauminhaltes. Es gibt eine solche; gerade so wie am Vor-
    tage Herr K. stand einst der Vater vor ihrem Bett und weckte
    sie etwa mit einem Kuss, wie vielleicht Herr K. beabsichtigt
    hatte. Der Vorsatz, das Haus zu fliehen, ist also nicht an und
    für sich traumfähig, er wird es dadurch, dass sich ihm ein
    anderer, auf infantile Wünsche gestützter Vorsatz beigesellt. Der
    Wunsch, Herrn K. durch den Vater zu ersetzen, gibt die Trieb-
    kraft zum Traume ab. Ich erinnere an die Deutung, zu der mich
    der verstärkte, auf das Verhältnis des Vaters zu Frau K. bezüg-
    liche Gedankenzug nötigte, es sei hier eine infantile Neigung zum
    Vater wachgerufen worden, um die verdrängte Liebe zu Herrn K.
    in der Verdrängung erhalten zu können; diesen Umschwung im
    Seelenleben der Patientin spiegelt der Traum wieder.

    Ueber das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort-
    setzenden Wachgedanken — den Tagesresten — und dem unbe-
    wussten traumbildenden Wunsch habe ich in der „Traumdeutung“
    (p. 329) einige Bemerkungen niedergelegt, die ich hier unverändert
    zitieren werde, denn ich habe ihnen nichts hinzuzufügen, und die
    Analyse dieses Traumes von Dora beweist von neuem, dass es
    sich nicht anders verhält.

    „Ich will zugeben, dass es eine ganze Klasse von Träumen gibt,
    zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst ausschliesslich
    aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst
    mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
    werden1), hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,

    1) Dies bezieht sich auf die Analyse des dort zum Muster genommenen
    Traumes (p. 186).

  • S.

    443

    wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom
    Tag her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch
    keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte,
    musste von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache
    der Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des
    Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleichnis zu sagen:
    Es ist sehr wohl möglich, dass ein Tagesgedanke die Rolle des
    Unternehmers für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der,
    wie man sagt, die Idee hat und den Drang, sie in Tat umzu-
    setzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er braucht einen
    Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist
    der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal
    und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag,
    ein Wunsch aus dem Unbewussten.“

    Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der
    Träume kennen gelernt hat, wird nicht überrascht sein zu finden,
    dass der Wunsch, der Vater möge die Stelle des versuchenden
    Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kindheitsmaterial zur
    Erinnerung bringt, sondern gerade solches, das auch die intimsten
    Beziehungen zur Unterdrückung dieser Versuchung unterhält.
    Denn wenn Dora sich unfähig fühlt, der Liebe zu diesem Manne
    nachzugeben, wenn es zur Verdrängung dieser Liebe anstatt zur
    Hingebung kommt, so hängt diese Entscheidung mit keinem
    anderen Moment inniger zusammen als mit ihrem vorzeitigen
    Sexualgenuss und mit dessen Folgen, dem Bettnässen, dem Katarrh
    und dem Ekel. Eine solche Vorgeschichte kann je nach der
    Summation der konstitutionellen Bedingungen zweierlei Verhalten
    gegen die Liebesanforderung in reifer Zeit begründen, entweder
    die volle widerstandslose, ins Perverse greifende Hingebung an
    die Sexualität, oder in der Reaktion die Ablehnung derselben
    unter neurotischer Erkrankung. Konstitution und die Höhe der
    intellektuellen und moralischen Erziehung hatten bei unserer
    Patientin für das letztere den Ausschlag gegeben.

    Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, dass
    wir von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu Einzel-
    heiten der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden haben, die
    der Erinnerung oder wenigstens der Reproduktion sonst nicht
    zugänglich gewesen waren. Die Erinnerung an das Bettnässen
    der Kindheit war, wie sich ergab, bereits verdrängt. Die Einzel-
    heiten der Nachstellung von Seiten des Herrn K. hatte Dora
    niemals erwähnt, sie waren ihr nicht eingefallen1).

    1)Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die
    Traumarbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittag des zweiten Tages nach
    der Szene im Walde, nachdem sie bemerkt, dass sie ihr Zimmer nicht mehr
    verschliessen kann. Da sagt sie sich: Hier droht mir ernste Gefahr, und
    bildet den Vorsatz, nicht allein im Hause zu bleiben, sondern mit dem Papa
    abzureisen. Dieser Vorsatz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins Un-
    bewusste fortzusetzen vermag. Dort entspricht ihm, dass sie die infantile
    Liebe zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung anruft. Die
    Wendung, die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie auf den