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BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTESIn diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen und
die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu vermeiden.Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbe-
wußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt
ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen
pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissen-
schaft einzuordnen. Nochmals und anders gesagt: die Psychoana-
lyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver-
legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psy-
chischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder
wegbleiben mag.Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psychologie
Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre ich auch darauf
vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein Teil der Leser Halt
macht und nicht weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schib-
boleth der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebildeten
ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch bewußt ist, so
unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch bloße Logik abweis-
bar erscheint. Ich glaube, dies kommt nur daher, daß sie die
betreffenden Phänomene der Hypnose und des Traumes, welche
– vom Pathologischen ganz abgesehen – zu solcher Auffassung
zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber
auch unfähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu
lösen.S.
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Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der
sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung beruft.
Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches Element, zum
Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist.
Es ist vielmehr charakteristisch, daß der Zustand des Bewußt-
seins rasch vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im
nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen
leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. Inzwischen war
sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, sie sei latent
gewesen, und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig
war. Auch wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen,
haben wir eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt
fällt dann mit latent‑bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen
würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt hat
hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zustand der
Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches. Würden wir
ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so gerieten wir in
einen Wortstreit, aus dem sich nichts gewinnen ließe.Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten
auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von
Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle spielt.
Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß es sehr
starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, – hier kommt
zuerst ein quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht –
die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige
Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum als Vorstellungen
bewußt werden können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es
ist nicht nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so
oft dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die
psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche Vor-
stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse Kraft
sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden könnten und
daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich von anderenS.
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anerkannten psychischen Elementen unterscheiden. Diese Theorie
wird dadurch unwiderleglich, daß sich in der psychoanalytischen
Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die wider-
strebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen
bewußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der
Bewußtmachung befanden, heißen wir Verdrängung, und die
Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht
gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit als
Widerstand zu verspüren.Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus der
Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das Vor-
bild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei Unbe-
wußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und das Ver-
drängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseinsfähige.
Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne
Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen
das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dyna-
mischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbewußt beschränken
wir auf das dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt
drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbe-
wußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw,
nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da
wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim
latenten Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber
nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und
das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten Psy-
chischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen,
das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psychoiden
zu beschreiben, und die Einigkeit wäre hergestellt.
Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die
Folge davon und die einzig wichtige Tatsache, daß diese Psy-
choide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt Psy-
chischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils inS.
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den Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit
stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von
ihnen noch nicht kannte.Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und ubw,
bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, daß es im
deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im dynamischen
aber nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man
diese Unterscheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich
unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit
des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr aus-
gekommen. Vermeiden läßt sie sich, soweit ich sehen kann, nicht;
die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist
schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein
zu beantworten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine
Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen
wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht
darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung nur
einen zweideutigen Ausdruck findet.11)Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. [Ges. Schriften,
Bd. V.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient an dieser
Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psycho-
analytischen Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen
wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch
das Bewußtsein – als Phänomen – eine große Reihe von Abstufungen der Inten-
sität oder Deutlichkeit erkennen läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft,
grell, greifbar bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum
eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, für
welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien
aber doch auch bewußt oder „im Bewußtsein“ und lassen sich voll und stark bewußt
machen, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte.
Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der Konvention oder
von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch Argumente beeinflußt werden kann,
läßt sich hiezu folgendes bemerken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der
Bewußtheit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa die analogen
Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung vom grellsten, blendenden Licht
bis zum matten Lichtschimmer, folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder:
es gibt verschiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese Sätze
mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie sind praktisch verwerflich,
wie sich herausstellt, wenn man bestimmte Folgerungen von ihnen ableiten will,
zum Beispiel: also braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle OrganismenS.
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Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt sich
aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzulänglich,
praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen, die das zeigen,
sei folgende als die entscheidende hervorgehoben. Wir haben uns
die Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der
seelischen Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese
das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußtsein, es
beherrscht die Zugänge zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der
Erregungen in die Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz,
welche eine Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche
zur Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum-
zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Verdrängungen
aus, durch welche gewisse seelische Strebungen nicht nur vom
Bewußtsein, sondern auch von den anderen Arten der Geltung
und Betätigung ausgeschlossen werden sollen. Dies durch die
Verdrängung Beseitigte stellt sich in der Analyse dem Ich
gegenüber, und es wird der Analyse die Aufgabe gestellt, die
Widerstände aufzuheben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit
dem Verdrängten äußert. Nun machen wir während der Analyse
die Beobachtung, daß der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn
wir ihm gewisse Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen,
wenn sie sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm
dann, er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber erunsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung des Unmerklichen
unter das Bewußte nichts anderes, als daß man sich die einzige unmittelbare Sicher-
heit verdirbt, die es im Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man
nichts weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes Seelisches.
Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das Unbewußte offenbar ohne
Rücksicht auf die dynamischen Verhältnisse versucht worden, welche für die psycho-
analytische Auffassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei ver-
nachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem
solchen Unbemerkten genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn
dies gelungen ist, das vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird,
sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff
abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf das wenig Bemerkte und nicht
Bemerkte ist also doch nur ein Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des
Psychischen mit dem Bewußten ein für allemal feststeht.S.
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weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlustgefühlen
erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß
er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da aber dieser
Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht und diesem angehört,
so stehen wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben
im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich
gerade so benimmt wie das Verdrängte, das heißt starke
Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und zu dessen
Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge
dieser Erfahrung für die analytische Praxis ist, daß wir in
unendlich viele Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten,
wenn wir an unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und
zum Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem
Bewußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir
müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die struk-
turellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen einsetzen:
den zwischen dem zusammenhängenden Ich und dem von ihm
abgespaltenen Verdrängten.1Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind aber
noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte uns die
erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht bringt uns
die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit dem Ver-
drängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles Verdrängte
ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil
des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs, kann ubw
sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht latent
im Sinne des Vbw, sonst dürfte es nicht aktiviert werden, ohne
bw zu werden, und seine Bewußtmachung dürfte nicht so große
Schwierigkeiten bereiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung
sehen, ein drittes, nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen
wir zugestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns1)Vgl. Jenseits des Lustprinzips.
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an Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität,
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen
gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch müssen
wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließlich ist die
Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel
der Tiefenpsychologie.
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Das Ich und das Es1923-003/1925
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