Das Ich und das Es1923-003/1925
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    I
    BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTES

    In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen und
    die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu vermeiden.

    Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbe-
    wußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt
    ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen
    pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissen-
    schaft einzuordnen. Nochmals und anders gesagt: die Psychoana-
    lyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver-
    legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psy-
    chischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder
    wegbleiben mag.

    Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psychologie
    Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre ich auch darauf
    vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein Teil der Leser Halt
    macht und nicht weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schib-
    boleth der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebildeten
    ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch bewußt ist, so
    unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch bloße Logik abweis-
    bar erscheint. Ich glaube, dies kommt nur daher, daß sie die
    betreffenden Phänomene der Hypnose und des Traumes, welche
    – vom Pathologischen ganz abgesehen – zu solcher Auffassung
    zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber
    auch unfähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu
    lösen.

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    Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der
    sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung beruft.
    Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches Element, zum
    Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist.
    Es ist vielmehr charakteristisch, daß der Zustand des Bewußt-
    seins rasch vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im
    nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen
    leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. Inzwischen war
    sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, sie sei latent
    gewesen, und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig 
    war. Auch wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen,
    haben wir eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt 
    fällt dann mit latent‑bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen
    würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt hat
    hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zustand der
    Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches. Würden wir
    ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so gerieten wir in
    einen Wortstreit, aus dem sich nichts gewinnen ließe.

    Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten
    auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von
    Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle spielt.
    Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß es sehr
    starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, – hier kommt
    zuerst ein quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht –
    die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige
    Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum als Vorstellungen
    bewußt werden können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es
    ist nicht nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so
    oft dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die
    psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche Vor-
    stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse Kraft
    sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden könnten und
    daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich von anderen

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    anerkannten psychischen Elementen unterscheiden. Diese Theorie
    wird dadurch unwiderleglich, daß sich in der psychoanalytischen
    Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die wider-
    strebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen
    bewußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der
    Bewußtmachung befanden, heißen wir Verdrängung, und die
    Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht
    gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit als
    Widerstand zu verspüren.

    Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus der
    Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das Vor-
    bild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei Unbe-
    wußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und das Ver-
    drängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseinsfähige.
    Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne
    Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen
    das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dyna-
    mischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbewußt beschränken
    wir auf das dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt
    drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbe-
    wußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw,
    nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da
    wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim
    latenten Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber
    nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und
    das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten Psy-
    chischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen,
    das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psychoiden 
    zu beschreiben, und die Einigkeit wäre hergestellt.
    Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die
    Folge davon und die einzig wichtige Tatsache, daß diese Psy-
    choide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt Psy-
    chischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils in

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    den Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit
    stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von
    ihnen noch nicht kannte.

    Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und ubw,
    bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, daß es im
    deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im dynamischen
    aber nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man
    diese Unterscheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich
    unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit
    des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr aus-
    gekommen. Vermeiden läßt sie sich, soweit ich sehen kann, nicht;
    die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist
    schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein
    zu beantworten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine
    Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen
    wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht
    darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung nur
    einen zweideutigen Ausdruck findet.1

    1)Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. [Ges. Schriften,
    Bd. V.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient an dieser
    Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psycho-
    analytischen Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen
    wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch
    das Bewußtsein – als Phänomen – eine große Reihe von Abstufungen der Inten-
    sität oder Deutlichkeit erkennen läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft,
    grell, greifbar bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum
    eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, für
    welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien
    aber doch auch bewußt oder „im Bewußtsein“ und lassen sich voll und stark bewußt
    machen, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 
    Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der Konvention oder
    von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch Argumente beeinflußt werden kann,
    läßt sich hiezu folgendes bemerken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der
    Bewußtheit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa die analogen
    Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung vom grellsten, blendenden Licht
    bis zum matten Lichtschimmer, folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder:
    es gibt verschiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese Sätze
    mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie sind praktisch verwerflich,
    wie sich herausstellt, wenn man bestimmte Folgerungen von ihnen ableiten will,
    zum Beispiel: also braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organismen 

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    Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt sich
    aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzulänglich,
    praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen, die das zeigen,
    sei folgende als die entscheidende hervorgehoben. Wir haben uns
    die Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der
    seelischen Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese
    das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußtsein, es
    beherrscht die Zugänge zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der
    Erregungen in die Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz,
    welche eine Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche
    zur Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum-
    zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Verdrängungen
    aus, durch welche gewisse seelische Strebungen nicht nur vom
    Bewußtsein, sondern auch von den anderen Arten der Geltung
    und Betätigung ausgeschlossen werden sollen. Dies durch die
    Verdrängung Beseitigte stellt sich in der Analyse dem Ich
    gegenüber, und es wird der Analyse die Aufgabe gestellt, die
    Widerstände aufzuheben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit
    dem Verdrängten äußert. Nun machen wir während der Analyse
    die Beobachtung, daß der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn
    wir ihm gewisse Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen,
    wenn sie sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm
    dann, er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er

    unsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung des Unmerklichen
    unter das Bewußte nichts anderes, als daß man sich die einzige unmittelbare Sicher-
    heit verdirbt, die es im Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man
    nichts weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes Seelisches.
    Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das Unbewußte offenbar ohne
    Rücksicht auf die dynamischen Verhältnisse versucht worden, welche für die psycho-
    analytische Auffassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei ver-
    nachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem
    solchen Unbemerkten genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn
    dies gelungen ist, das vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird,
    sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff
    abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf das wenig Bemerkte und nicht
    Bemerkte ist also doch nur ein Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des
    Psychischen mit dem Bewußten ein für allemal feststeht.

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    weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlustgefühlen
    erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß
    er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da aber dieser
    Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht und diesem angehört,
    so stehen wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben
    im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich
    gerade so benimmt wie das Verdrängte, das heißt starke
    Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und zu dessen
    Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge
    dieser Erfahrung für die analytische Praxis ist, daß wir in
    unendlich viele Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten,
    wenn wir an unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und
    zum Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem
    Bewußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir
    müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die struk-
    turellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen einsetzen:
    den zwischen dem zusammenhängenden Ich und dem von ihm
    abgespaltenen Verdrängten.1

    Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind aber
    noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte uns die
    erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht bringt uns
    die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit dem Ver-
    drängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles Verdrängte
    ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil
    des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs, kann ubw
    sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht latent
    im Sinne des Vbw, sonst dürfte es nicht aktiviert werden, ohne
    bw zu werden, und seine Bewußtmachung dürfte nicht so große
    Schwierigkeiten bereiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung
    sehen, ein drittes, nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen
    wir zugestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns

    1)Vgl. Jenseits des Lustprinzips.

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    an Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität,
    die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen
    gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch müssen
    wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließlich ist die
    Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel
    der Tiefenpsychologie.