S.
[372]
III
DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICHIDEAL)Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahrnehmungs-
systems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter der realen
Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit einem einfachen
Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas anderes hinzu.Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich
anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die Ich‑Ideal
oder Über‑Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten
auseinandergesetzt worden.1 Sie bestehen zu Recht.2 Daß dieses
Stück des Ichs eine weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat,
ist die Neuheit, die nach Erklärung verlangt.Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns gelungen,
das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch die Annahme
aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im Ich wieder aufgerichtet,
also eine Objektbesetzung durch eine Identifizierung abgelöst
wird.3 Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Bedeutung
dieses Vorganges und wußten nicht, wie häufig und typisch er
ist. Wir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen
großen Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich1)Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und Ich-Analyse.
2)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem Über-Ich zugewiesen
habe, erscheint irrig und der Korrektur bedürftig. Es würde durchaus den Be-
ziehungen des Ichs zur Wahrnehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung
seine eigene Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene Äuße-
rungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtiggestellt werden, daß
nur das System W-Bw als Kern des Ichs anzuerkennen ist.3)Trauer und Melancholie.
S.
373
dazu beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter
heißt.Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Individuums
sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht von einander
zu unterscheiden. Späterhin kann man nur annehmen, daß die
Objektbesetzungen vom Es ausgehen, welches die erotischen
Strebungen als Bedürfnisse empfindet. Das anfangs noch schwäch-
liche Ich erhält von den Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie
sich gefallen oder sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung
abzuwehren.1Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so
tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die man als
Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der Melancholie
beschreiben muß; die näheren Verhältnisse dieser Ersetzung sind
uns noch nicht bekannt. Vielleicht erleichtert oder ermöglicht
das Ich durch diese Introjektion, die eine Art von Regression
zum Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des Objekts.
Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung,
unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang
zumal in frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann
die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte
dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich von vorne herein
eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben, inwieweit der Charakter
einer Person diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen
Objektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rückstände
ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakterzügen leicht nachweisen1)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl durch Identifizierung
enthält der Glaube der Primitiven, daß die Eigenschaften des als Nahrung ein-
verleibten Tieres dem, der es ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf
gegründeten Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung des
Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der Totemmahlzeit bis zur
heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die hier der oralen Objektbemächtigung zu-
geschrieben werden, treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.S.
374
zu können. Auch eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung
und Identifizierung, also eine Charakterveränderung, ehe das
Objekt aufgegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem
Fall könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung über-
leben und sie in gewissem Sinne konservieren.Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung einer
erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch ein Weg ist,
wie das Ich das Es bemeistern und seine Beziehungen zu ihm
vertiefen kann, allerdings auf Kosten einer weitgehenden
Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des
Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als
Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem
es sagt: „Sieh’, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt
so ähnlich.“Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die
hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der Sexualziele,
eine Desexualisierung mit sich, also eine Art von Sublimierung.
Ja, es entsteht die eingehender Behandlung würdige Frage, ob
dies nicht der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht
alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor sich geht,
welches zunächst die sexuelle Objektlibido in narzißtische ver-
wandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen.1 Ob
diese Verwandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiedenen
mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen, wird uns
noch später beschäftigen.Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch nicht
zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für einen Moment
bei den Objektidentifizierungen des Ichs verweilen lassen. Nehmen
diese überhand, werden allzu zahlreich, und überstark und miteinander1)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung des Narzißmus,
müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido,
welche dem Ich durch die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen
„sekundären Narzißmus“ her.S.
375
unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe.
Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich
die einzelnen Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander
abschließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von
sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die einzelnen
Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch
wenn es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der Konflikte
zwischen den verschiedenen Identifizierungen, in die das Ich aus-
einanderfährt, Konflikte, die endlich nicht durchwegs als patho-
logische bezeichnet werden können.Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charakters
gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen gestalten
mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter erfolgten
Identifizierungen werden allgemeine und nachhaltige sein. Dies
führt uns zur Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm
verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des
Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit.1 Diese
scheint zunächst nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung
zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger
als jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten
Sexualperiode angehören und Vater und Mutter betreffen,
scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in solche Iden-
tifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu
verstärken.Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es not-
wendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind zwei
Momente, welche diese Komplikation verschulden, die dreieckige1)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, denn Vater und
Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des Geschlechtsunterschiedes, des Penis-
mangels, nicht verschieden gewertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich
kürzlich Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penismangel
bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, sondern bloß den für minder-
wertig gehaltenen aberkannt hatte. Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten.
Der einfacheren Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem Vater
behandeln.S.
376
Anlage des Ödipusverhältnisses und die konstitutionelle Bisexualität
des Individuums.Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche Kind in
folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für die Mutter
eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust ihren Ausgang
nimmt und das vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem
Anlehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der Knabe
durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen gehen eine Weile
nebeneinander her, bis durch die Verstärkung der sexuellen
Wünsche nach der Mutter und die Wahrnehmung, daß der
Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex
entsteht.1 Die Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige
Tönung an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen,
um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhältnis
zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der Identifizierung
von Anfang an enthaltene Ambivalenz manifest geworden wäre.
Die ambivalente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche
Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den Knaben den
Inhalt des einfachen, positiven Ödipuskomplexes.Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die Objekt-
besetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre Stelle kann
zweierlei treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter
oder eine Verstärkung der Vateridentifizierung. Den letzteren
Ausgang pflegen wir als den normaleren anzusehen, er gestattet
es, die zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest-
zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes hätte so
die Männlichkeit im Charakter des Knaben eine Festigung
erfahren. In ganz analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des
kleinen Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung
(oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weiblichen
Charakter des Kindes festlegt.1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse, VII.
S.
377
Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Erwartung,
denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins Ich ein, aber
auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei Mädchen leichter
zu beobachten als bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der
Analyse, daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater
als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlichkeit her-
vorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit dem Vater, also
mit dem verlorenen Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offen-
bar darauf an, ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind
– worin immer diese bestehen mögen.Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in Mutter-
identifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern von der
relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen abzuhängen. Dies
ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in die Schicksale des
Ödipuskomplexes einmengt. Die andere ist noch bedeutsamer.
Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der einfache Ödipus-
komplex überhaupt nicht das häufigste ist, sondern einer Verein-
fachung oder Schematisierung entspricht, die allerdings oft genug
praktisch gerechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt
zumeist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der ein
zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, abhängig von der
ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h. der Knabe hat
nicht nur eine ambivalente Einstellung zum Vater und eine
zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er benimmt sich
auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche femi-
nine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer-
süchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der
Bisexualität macht es so schwer, die Verhältnisse der primitiven
Objektwahlen und Identifizierungen zu durchschauen und noch
schwieriger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im
Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die Bisexualität
zu beziehen wäre und nicht, wie ich es vorhin dargestellt, durch
die Rivalitätseinstellung aus der Identifizierung entwickelt würde.S.
378
Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz
besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen Ödipus-
komplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung zeigt dann,
daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder der andere
Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet,
so daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der nor-
male, positive, an deren anderem Ende der umgekehrte, negative
Ödipuskomplex steht, während die Mittelglieder die vollständige
Form mit ungleicher Beteiligung der beiden Komponenten auf-
zeigen. Beim Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier
in ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammenlegen, daß
aus ihnen eine Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht,
die Vateridentifizierung wird das Mutterobjekt des positiven
Komplexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des umge-
kehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutteridenti-
fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung der
beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der beiden
geschlechtlichen Anlagen spiegeln.So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom
Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen
Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der
Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander
vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese
Ichveränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt
dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen.Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der ersten
Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die Bedeutung einer
energischen Reaktionsbildung gegen dieselben. Seine Beziehung
zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: So (wie der
Vater) sollst du sein, sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der
Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was er
tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht desS.
379
Ichideals leitet sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur
Verdrängung des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem
Umschwung erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des
Ödipuskomplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da
die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die
Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte sich
das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem es dies
selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen
die Kraft dazu vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außer-
ordentlich folgenschwerer Akt. Das Über‑Ich wird den Charakter
des Vaters bewahren und je stärker der Ödipuskomplex war, je
beschleunigter (unter dem Einfluß von Autorität, Religionslehre,
Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger
wird später das Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes
Schuldgefühl über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft
zu dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, der
sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber werde ich später
eine Vermutung vorbringen.Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über-Ichs noch-
mals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier
höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kindlichen
Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der Tatsache
seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der
Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den zweizeitigen
Ansatz seines Sexuallebens zurückgeführt haben.
Letztere, wie es scheint, spezifisch menschliche Eigentümlichkeit
hat eine psychoanalytische Hypothese als Erbteil der durch die
Eiszeit erzwungenen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit
ist die Sonderung des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie
vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen und der Art-
entwicklung, ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden
Ausdruck schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen
sie ihren Ursprung verdankt.S.
380
Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf gemacht
worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische, Überpersön-
liche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf war doppelt
ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, da von Anbeginn
an den moralischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der
Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da man nicht
einsehen wollte, daß die psychoanalytische Forschung nicht wie
ein philosophisches System mit einem vollständigen und fertigen
Lehrgebäude auftreten konnte, sondern sich den Weg zum Ver-
ständnis der seelischen Komplikationen schrittweise durch die
analytische Zergliederung normaler wie abnormer Phänomene
bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den
Verbleib des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir
uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu
beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs
heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen
Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch ein höheres
Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß, und dies ist das
höhere Wesen, das Ichideal oder Über‑Ich, die Repräsentanz unserer
Elternbeziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren Wesen
gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in uns selbst aufgenommen.Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und somit
Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten Libido-
schicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das Ich des
Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es
unterworfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der
Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich als Anwalt
der Innenwelt, des Es, gegenüber. Konflikte zwischen Ich und
Ideal werden, darauf sind wir nun vorbereitet, in letzter Linie
den Gegensatz von Real und Psychisch, Außenwelt und Innen-
welt, widerspiegeln.Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im Es
geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die IdealbildungS.
381
vom Ich übernommen und an ihm individuell wieder
erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungsgeschichte die aus-
giebigste Verknüpfung mit dem phylogenetischen Erwerb, der
archaischen Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen-
leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Idealbildung
zum Höchsten der Menschenseele im Sinne unserer Wertungen.
Es wäre aber ein vergebliches Bemühen, das Ichideal auch nur
in ähnlicher Weise wie das Ich zu lokalisieren oder es in
eines der Gleichnisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung
von Ich und Es nachzubilden versuchten.Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen
genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt werden.
Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält es den Keim,
aus dem sich alle Religionen gebildet haben. Das Urteil der
eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal
ergibt das demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehn-
süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Entwicklung
haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle fortgeführt; deren
Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und
üben jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus. Die
Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den
Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die
sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf
Grund des gleichen Ichideals.Religion, Moral und soziales Empfinden – diese Hauptinhalte
des Höheren im Menschen1 – sind ursprünglich eins gewesen.
Nach der Hypothese von „Totem und Tabu“ wurden sie
phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche
Beschränkung durch die Bewältigung des eigentlichen Ödipus-
komplexes, die sozialen Gefühle durch die Nötigung zur Über-
windung der erübrigenden Rivalität unter den Mitgliedern der1)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.
S.
382
jungen Generation. In all diesen sittlichen Erwerbungen scheint
das Geschlecht der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte
Vererbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. Die sozialen
Gefühle entstehen noch heute beim Einzelnen als Überbau über
die eifersüchtigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da
die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi-
fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobachtungen an
milden Homosexuellen stützen die Vermutung, daß auch diese
Identifizierung Ersatz einer zärtlichen Objektwahl ist, welche die
aggressiv-feindselige Einstellung abgelöst hat.1Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue
Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück-
weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den
Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Unzuläng-
lichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird. Die Frage
lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit am Vater-
komplex erworben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn
es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach von einer
Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt das zum Charakter
des Es? Oder darf man die Differenzierung in Ich, Über-Ich und
Es nicht in so frühe Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich
eingestehen, daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts
fürs Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht
anwendbar ist?Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beantworten
läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen wir nicht nur
den primitiven Menschen, sondern noch viel einfacheren Lebe-
wesen zuerkennen, da sie der notwendige Ausdruck des Einflusses
der Außenwelt ist. Das Über‑Ich ließen wir gerade aus jenen
Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen. Die Frage,1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse [Ges. Schriften, Bd. VI]. – Über einige
neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften,
Bd. V].S.
383
ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen und Erwerbungen
gemacht haben, fällt bald in sich zusammen. Die nächste Erwägung
sagt uns, daß das Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren
kann außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm
vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann man aber
doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem
realen Individuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den
Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht
vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es
ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die Erbschaft
verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und stark genug
bei vielen generationsweise aufeinanderfolgenden Individuen wieder-
holen, setzen sie sich sozusagen in Erlebnisse des Es um, deren
Eindrücke durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt
das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen,
und wenn das Ich sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es
vielleicht nur ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft
ihnen eine Auferstehung.Die Entstehungsgeschichte des Über‑Ichs macht es verständlich,
daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objektbesetzungen des Es
sich in Konflikte mit deren Erben, dem Über‑Ich, fortsetzen
können. Wenn dem Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes
schlecht gelungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie-
besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder zur
Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation dieses Ideals
mit diesen ubw Triebregungen wird das Rätsel lösen, daß das
Ideal selbst zum großen Teil unbewußt, dem Ich unzugänglich
bleiben kann. Der Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte,
durch rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum
Abschluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem
Kaulbachschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer höheren
Region fort.
You are here
Das Ich und das Es1923-003/1925
1923-003/1925/3