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    IMAGO

    ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO-
    ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN

    HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD

    SCHRIFTLEITUNG:
    IV.1. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1915

    Zeitgemäßes über Krieg und Tod.

    Von SIGM. FREUD.

    I. Die Enttäuschung des Krieges.

    Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet,
    ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereits
    vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohne
    Witterung der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre an
    der Bedeutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an dem
    Wert der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als hätte
    noch niemals ein Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Mensch-
    heit zerstört, soviele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich
    das Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leidenschaftslose
    Unparteilichkeit verloren, ihre aufs tiefste erbitterten Diener suchen
    ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag zur Bekämpfung des
    Feindes zu leisten. Der Anthropologe muß den Gegner für minder-
    wertig und degeneriert erklären, der Psychiater die Diagnose seiner
    Geistes- oder Seelenstörung verkünden. Aber wahrscheinlich empfin-
    den wir das Böse dieser Zeit unmäßig stark und haben kein Recht, es
    mit dem Bösen anderer Zeiten zu vergleichen, die wir nicht erlebt haben.

    Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit ein
    Partikelchen der riesigen Kriegsmaschine geworden ist, fühlt sich
    in seiner Orientierung verwirrt und in seiner Leistungsfähigkeit ge-
    hemmt. Ich meine, ihm wird jeder kleine Wink willkommen sein,
    der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem eigenen Innern zu-
    rechtzufinden. Unter den Momenten, welche das seelische Elend der
    Daheimgebliebenen verschuldet haben, und deren Bewältigung ihnen
    so schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei hervorheben und an
    dieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung, die dieser Krieg hervor-
    gerufen hat, und die veränderte Einstellung zum Tode, zu der er
    uns – wie alle anderen Kriege – nötigt.

    Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort, was

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    damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwärmer zu sein,
    man kann die biologische und psychologische Notwendigkeit des
    Leidens für die Ökonomie des Menschenlebens einsehen und darf
    doch den Krieg in seinen Mitteln und Zielen verurteilen und das
    Aufhören der Kriege herbeisehnen. Man sagte sich zwar, die Kriege
    könnten nicht aufhören, so lange die Völker unter so verschie-
    dartigen Existenzbedingungen leben, so lange die Wertungen des
    Einzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und so lange die Ge-
    hässigkeiten, welche sie trennen, so starke seelische Triebkräfte repräsen-
    tieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege zwischen den
    primitiven und den zivilisierten Völkern, zwischen den Menschen-
    rassen, die durch die Hautfarbe voneinander geschieden werden,
    ja Kriege mit und unter den wenig entwickelten oder verwilderten
    Völkerindividuen Europas die Menschheit noch durch geraume Zeit
    in Anspruch nehmen werden. Aber man getraute sich etwas anderes
    zu hoffen. Von den großen weltbeherrschenden Nationen weißer
    Rasse, denen die Führung des Menschengeschlechtes zugefallen ist,
    die man mit der Pflege weltumspannender Interessen beschäftigt
    wußte, deren Schöpfungen die technischen Fortschritte in der Beherr-
    schung der Natur wie die künstlerischen und wissenschaftlichen
    Kulturwerte sind, von diesen Völkern hatte man erwartet, daß sie
    es verstehen würden, Mißhelligkeiten und Interessenkonflikte auf
    anderem Wege zum Austrag zu bringen. Innerhalb jeder dieser
    Nationen waren hohe sittliche Normen für den Einzelnen aufgestellt
    worden, nach denen er seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn
    er an der Kulturgemeinschaft teilnehmen wollte. Diese oft überstrengen
    Vorschriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige Selbstbeschrän-
    kung, einen weitgehenden Verzicht auf Triebbefriedigung. Es war
    ihm vor allem versagt, sich der außerordentlichen Vorteile zu be-
    dienen, die der Gebrauch von Lüge und Betrug im Wettkampf
    mit den Nebenmenschen schafft. Der Kulturstaat hielt diese sittlichen
    Normen für die Grundlage seines Bestandes, er schritt ernsthaft ein,
    wenn man sie anzutasten wagte, erklärte es oft für untunlich, sie
    auch nur einer Prüfung durch den kritischen Verstand zu unterziehen.
    Es war also anzunehmen, daß er sie selbst respektieren wolle und
    nichts gegen sie zu unternehmen gedenke, wodurch er der Begrün-
    dung seiner eigenen Existenz widersprochen hätte. Endlich konnte
    man zwar die Wahrnehmung machen, daß es innerhalb dieser Kul-
    turnationen gewisse eingesprengte Völkerreste gäbe, die ganz allge-
    mein unliebsam wären und darum nur widerwillig, auch nicht im
    vollen Umfange, zur Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit
    zugelassen würden, für die sie sich als genug geeignet erwiesen
    hätten. Aber die großen Völker selbst, konnte man meinen, hätten
    soviel Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten und soviel Toleranz
    für ihre Verschiedenheiten erworben, daß »fremd« und »feindlich«
    nicht mehr wie noch im klassischen Altertum für sie zu einem Be-
    griff verschmelzen durften. 

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    Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben unge-
    zählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Aufent-
    halt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz an die Verkehrs-
    beziehungen zwischen den befreundeten Völkern geknüpft. Wen aber
    die Not des Lebens nicht ständig an die nämliche Stelle bannte, der
    konnte sich aus allen Vorzügen und Reizen der Kulturländer ein
    neues größeres Vaterland zusammensetzen, in dem er sich ungehemmt
    und unverdächtigt erging. Er genoß so das blaue und das graue
    Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der grünen Wiesen-
    flächen, den Zauber des nordischen Waldes und die Pracht der süd-
    lichen Vegetation, die Stimmung der Landschaften, auf denen große
    historische Erinnerungen ruhen, und die Stille der unberührten Natur.
    Dies neue Vaterland war für ihn auch ein Museum, erfüllt mit
    allen Schätzen, welche die Künstler der Kulturmenschheit seit vielen
    Jahrhunderten geschaffen und hinterlassen hatten. Während er von
    einem Saal dieses Museums in einen anderen wanderte, konnte er
    in parteiloser Anerkennung feststellen, was für verschiedene Typen
    von Vollkommenheit Blutmischung, Geschichte und die Eigenart der
    Mutter Erde an seinen weiteren Kompatrioten ausgebildet hatten.
    Hier war die kühle unbeugsame Energie aufs höchste entwickelt,
    dort die graziöse Kunst, das Leben zu verschönern, anderswo der
    Sinn für Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die
    den Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben.

    Vergessen wir auch nicht daran, daß jeder Kulturweltbürger
    sich einen besonderen »Parnaß« und eine »Schule von Athen« ge-
    schaffen hatte. Unter den großen Denkern, Dichtern, Künstlern aller
    Nationen, hatte er die ausgewählt, denen er das Beste zu schulden
    vermeinte, was ihm an Lebensgenuß und Lebensverständnis zu-
    gänglich geworden war, und sie den unsterblichen Alten in seiner
    Verehrung zugesellt wie den vertrauten Meistern seiner eigenen
    Zunge. Keiner von diesen Großen war ihm darum fremd erschienen,
    weil er in anderer Sprache geredet hatte, weder der unvergleichliche
    Ergründer der menschlichen Leidenschaften, noch der schönheits-
    trunkene Schwärmer oder der gewaltig drohende Prophet, der fein-
    sinnige Spötter, und niemals warf er sich dabei vor, abtrünnig ge-
    worden zu sein der eigenen Nation und der geliebten Mutter-
    sprache.

    Der Genuß der Kulturgemeinschaft wurde gelegentlich durch
    Stimmen gestört, welche warnten, daß infolge altüberkommener Diffe-
    renzen Kriege auch unter den Mitgliedern derselben unvermeidlich
    wären. Man wollte nicht daran glauben, aber wie stellte man sich
    einen solchen Krieg vor, wenn es dazu kommen sollte? Als eine
    Gelegenheit die Fortschritte im Gemeingefühl der Menschen aufzu-
    zeigen seit jener Zeit, da die griechischen Amphiktyonien verboten
    hatten, eine dem Bündnis angehörige Stadt zu zerstören, ihre Öl-
    bäume umzuhauen und ihr das Wasser abzuschneiden. Als einen
    ritterlichen Waffengang, der sich darauf beschränken wollte, die Über-

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    legenheit des einen Teils festzustellen, unter möglichster Vermeidung
    schwerer Leiden, die zu dieser Entscheidung nichts beitragen könnten,
    mit voller Schonung für den Verwundeten, der aus dem Kampf
    ausscheiden muß, und für den Arzt und Pfleger, der sich seiner Her-
    stellung widmet. Natürlich mit allen Rücksichten für den nicht krieg-
    führenden Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegs-
    handwerk ferne bleiben, und für die Kinder, die, herangewachsen,
    einander von beiden Seiten Freunde und Mithelfer werden sollen.
    Auch mit Erhaltung all der internationalen Unternehmungen und
    Institutionen, in denen sich die Kulturgemeinschaft der Friedenszeit
    verkörpert hatte.

    Ein solcher Krieg hätte immer noch genug des Schrecklichen
    und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte die Entwicklung
    ethischer Beziehungen zwischen den Großindividuen der Mensch-
    heit, den Völkern und Staaten, nicht unterbrochen.

    Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus
    und er brachte die – Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger und
    verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mächtig ver-
    vollkommneten Waffen des Angriffs und der Verteidigung, sondern
    mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie irgend ein
    früherer. Er setzt sich über alle Einschränkungen hinaus, zu denen
    man sich in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Völkerrecht
    genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und
    des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und des kämpfenden
    Teils der Bevölkerung, die Ansprüche des Privateigentums. Er wirft
    nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine
    Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben.
    Er zerreißt alle Bande der Gemeinschaft unter den miteinander
    ringenden Völkern und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche
    eine Wiederanknüpfung derselben für lange Zeit unmöglich machen wird.

    Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vor-
    schein, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und ver-
    stehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu gegen das andere
    wenden kann. Ja daß eine der großen Kulturnationen so allgemein
    mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als »bar-
    barisch« von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre
    Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen
    hat. Wir leben der Hoffnung, eine unparteiische Geschichtsschreibung
    werde den Nachweis erbringen, daß gerade diese Nation, die, in
    deren Sprache wir schreiben, für deren Sieg unsere Lieben kämpfen,
    sich am wenigsten gegen die Gesetze der menschlichen Gesittung
    vergangen habe, aber wer darf in solcher Zeit als Richter auftreten
    in eigener Sache?

    Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden, re-
    präsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten. Der
    einzelne Volksangehörige kann in diesem Krieg mit Schreck fest-
    stellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrängen

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    wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des
    untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es mono-
    polisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt
    sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen ent-
    ehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern
    auch der bewußten Lüge und des absichtlichen Betruges gegen den
    Feind, und dies zwar in einem Maße, welches das in früheren Krie-
    gen Gebräuchliche zu übersteigen scheint. Der Staat fordert das
    Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, ent-
    mündigt sie aber dabei durch ein Übermaß von Verheimlichung
    und eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche die
    Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos macht gegen
    jede ungünstige Situation und jedes wüste Gerücht. Er löst sich
    los von Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen andere
    Staaten gebunden hatte, bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier
    und seinem Machtstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus
    gutheißen soll.

    Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des 
    Unrechts nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nachteil
    setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung der sittlichen Nor-
    men, der Verzicht auf brutale Machtbetätigung in der Regel sehr
    unvorteilhaft, und der Staat zeigt sich nur selten dazu fähig, den
    Einzelnen für das Opfer zu entschädigen, das er von ihm gefordert
    hat. Man darf sich auch nicht darüber verwundern, daß die Locke-
    rung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Großindividuen der
    Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit der Einzelnen ge-
    äußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter,
    für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge „so-
    ziale Angst“ und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vor-
    wurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf,
    und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat
    und Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau
    für unvereinbar gehalten hätte.

    So mag der Kulturweltbürger, den ich vorhin eingeführt habe,
    ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, sein großes
    Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztümer verwüstet, die
    Mitbürger entzweit und erniedrigt!

    Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemerken.
    Sie ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der
    Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch, daß
    sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen
    genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, daß
    sie irgend einmal mit einem Stück der Wirklichkeit zusammenstoßen,
    an dem sie zerschellen.

    Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäuschung rege ge-
    macht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich nach
    innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden, und die

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    Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer
    an der höchsten menschlichen Kultur ähnliches nicht zugetraut hat.

    Beginnen wir mit dem zweiten Punkt und versuchen wir es,
    die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen einzigen knappen
    Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn eigentlich den Vorgang
    vor, durch welchen ein einzelner Mensch zu einer höheren Stufe
    von Sittlichkeit gelangt? Die erste Antwort wird wohl lauten: Er
    ist eben von Geburt und von Anfang an gut und edel. Sie soll
    hier weiter nicht berücksichtigt werden. Eine zweite Antwort wird
    auf die Anregung eingehen, daß hier ein Entwicklungsvorgang vor-
    liegen müsse, und wird wohl annehmen, diese Entwicklung bestehe
    darin, daß die bösen Neigungen des Menschen in ihm ausgerottet
    und unter dem Einfluß von Erziehung und Kulturumgebung durch
    Neigungen zum Guten ersetzt werden. Dann darf man sich aller-
    dings verwundern, daß bei dem so Erzogenen das Böse wieder
    so tatkräftig zum Vorschein kommt.

    Aber diese Antwort enthält auch den Satz, dem wir wider-
    sprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine „Ausrottung“ des
    Bösen. Die psychologische – im strengeren Sinne die psychoana-
    lytische – Untersuchung zeigt vielmehr, daß das tiefste Wesen des
    Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen
    Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprüng-
    licher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder
    gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen in solcher
    Weise je nach ihrer Beziehung zu den Bedürfnissen und Anforde-
    rungen der menschlichen Gemeinschaft. Zuzugeben ist, daß alle die
    Regungen, welche von der Gesellschaft als böse verpönt werden –
    nehmen wir als Vertretung derselben die eigensüchtigen und die
    grausamen – sich unter diesen primitiven befinden.

    Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwicklungs-
    weg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen zugelassen
    werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete ge-
    lenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wechseln ihre Objekte,
    wenden sich zum Teil gegen die eigene Person. Reaktionsbildungen
    gegen gewisse Triebe täuschen die inhaltliche Verwandlung derselben
    vor, als ob aus Egoismus – Altruismus, aus Grausamkeit – Mit-
    leid geworden wäre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, daß
    manche Triebregungen fast von Anfang an in Gegensatzpaaren auf-
    treten, ein sehr merkwürdiges und der populären Kenntnis fremdes
    Verhältnis, das man die „Gefühlsambivalenz“ benannt hat. Am
    leichtesten zu beobachten und vom Verständnis zu bewältigen ist
    die Tatsache, daß starkes Lieben und starkes Hassen so häufig mit-
    einander bei derselben Person vereint vorkommen. Die Psychoana-
    lyse fügt dem hinzu, daß die beiden entgegengesetzten Gefühls-
    regungen nicht selten auch die nämliche Person zum Objekt nehmen.

    Erst nach Überwindung all solcher „Triebschicksale“ stellt sich das
    heraus, was man den Charakter eines Menschen nennt, und was

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    mit »gut« oder »böse« bekanntlich nur sehr unzureichend klassifiziert
    werden kann. Der Mensch ist selten im ganzen gut oder böse,
    meist »gut« in dieser Relation, böse in einer anderen oder »gut«
    unter solchen äußeren Bedingungen, unter anderen entschieden »böse«.
    Interessant ist die Erfahrung, daß die kindliche Präexistenz starker
    »böser« Regungen oft geradezu die Bedingung wird für eine be-
    sonders deutliche Wendung des Erwachsenen zum »Guten«. Die
    stärksten kindlichen Egoisten können die hilfreichsten und aufopfe-
    rungsfähigsten Bürger werden, die meisten Mitleidschwärmer, Men-
    schenfreunde, Tierschützer haben sich aus kleinen Sadisten und Tier-
    quälern entwickelt.

    Die Umbildung der »bösen« Triebe ist das Werk zweier im
    gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und eines äußeren.
    Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung der bösen – sagen
    wir: eigensüchtigen – Triebe durch die Erotik, das Liebesbedürfnis
    des Menschen im weitesten Sinne genommen. Durch die Zumischung
    der erotischen Komponenten werden die eigensüchtigen Triebe in
    soziale umgewandelt. Man lernt das Geliebtwerden als einen Vor-
    teil schätzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verzichten darf.
    Der äußere Faktor ist der Zwang der Erziehung, welche die An-
    sprüche der kulturellen Umgebung vertritt, und die dann durch die
    direkte Einwirkung des Kulturmilieus fortgesetzt wird. Kultur ist durch
    Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden und fordert von
    jedem neu Ankommenden, daß er denselben Triebverzicht leiste.
    Während des individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung
    von äußerem Zwang in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse
    leiten dazu an, daß immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen
    durch erotische Zusätze in altruistische, soziale verwandelt werden.
    Man darf endlich annehmen, daß aller innere Zwang, der sich in der
    Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprünglich, d. h. in der
    Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war. Die Menschen
    die heute geboren werden, bringen ein Stück Neigung (Disposition)
    zur Umwandlung der egoistischen in soziale Triebe als ererbte Or-
    ganisation mit, die auf leichte Anstöße hin diese Umwandlung durch-
    führt. Ein anderes Stück dieser Triebumwandlung muß im Leben
    selbst geleistet werden. In solcher Art steht der einzelne Mensch
    nicht nur unter der Einwirkung seines gegenwärtigen Kulturmilieus,
    sondern unterliegt auch dem Einflusse der Kulturgeschichte seiner
    Vorfahren.

    Heißen wir die einem Menschen zukommende Fähigkeit zur
    Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einfluß der Erotik
    seine Kultureignung, so können wir aussagen, daß dieselbe aus
    zwei Anteilen besteht, einem angeborenen und einem im Leben er-
    worbenen, und daß das Verhältnis der beiden zueinander und zu
    dem unverwandelt gebliebenen Anteil des Trieblebens ein sehr vari-
    ables ist.

    Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil zu

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    hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr, die gesamte
    Kultureignung in ihrem Verhältnis zum primitiv gebliebenen Trieb-
    leben zu überschätzen, d. h. wir werden dazu verleitet, die Men-
    schen »besser« zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind. Es besteht
    nämlich noch ein anderes Moment, welches unser Urteil trübt und
    das Ergebnis im günstigen Sinne verfälscht.

    Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer Wahr-
    nehmung natürlich entrückt. Wir schließen auf sie aus seinen Hand-
    lungen und seinem Benehmen, welche wir auf Motive aus seinem
    Triebleben zurückführen. Ein solcher Schluß geht notwendigerweise
    in einer Anzahl von Fällen irre. Die nämlichen, kulturell »guten«
    Handlungen können das einemal von »edlen« Motiven herstammen,
    das anderemal nicht. Die theoretischen Ethiker heißen nur solche
    Handlungen »gut«, welche der Ausdruck guter Triebregungen sind,
    denn anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die von praktischen
    Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich aber im ganzen um
    diese Unterscheidung nicht; sie begnügt sich damit, daß ein Mensch
    sein Benehmen und seine Handlungen nach den kulturellen Vor-
    schriften richte, und fragt wenig nach seinen Motiven.

    Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Erziehung
    und Umgebung auf den Menschen üben, eine weitere Umbildung
    seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom Egoismus zum
    Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht die notwendige oder
    regelmäßige Wirkung des äußeren Zwanges. Erziehung und Um-
    gebung haben nicht nur Liebesprämien anzubieten, sondern arbeiten
    auch mit Vorteilsprämien anderer Art, mit Lohn und Strafen. Sie
    können also die Wirkung äußern, daß der ihrem Einfluß Unter-
    liegende sich zum guten Handeln im kulturellen Sinne entschließt,
    ohne daß sich eine Triebveredlung, eine Umsetzung egoistischer in
    soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. Der Erfolg wird im
    groben derselbe sein; erst unter besonderen Verhältnissen wird es
    sich zeigen, daß der eine immer gut handelt, weil ihn seine Trieb-
    neigungen dazu nötigen, der andere nur gut ist, weil, insolange und
    insoweit dies kulturelle Verhalten seinen eigensüchtigen Absichten
    Vorteile bringt. Wir aber werden bei oberflächlicher Bekanntschaft
    mit den Einzelnen kein Mittel haben, die beiden Fälle zu unter-
    scheiden, und gewiß durch unseren Optimismus verführt werden, die
    Anzahl der kulturell veränderten Menschen arg zu überschätzen.

    Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert und sich
    um die Triebbegründung derselben nicht kümmert, hat also eine
    große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die da-
    bei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen Erfolg ermutigt, hat sie
    sich verleiten lassen, die sittlichen Anforderungen möglichst hoch zu
    spannen und so ihre Teilnehmer zu noch weiterer Entfernung von
    ihrer Triebveranlagung gezwungen. Diesen ist nun eine fortgesetzte
    Triebunterdrückung auferlegt, deren Spannung sich in den merk-
    würdigsten Reaktions- und Kompensationserscheinungen kundgibt. 

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    Auf dem Gebiete der Sexualität, wo solche Unterdrückung am
    wenigsten durchzuführen ist, kommt es so zu den Reaktionserschei-
    nungen der neurotischen Erkrankungen. Der sonstige Druck der
    Kultur zeitigt zwar keine pathologische Folgen, äußert sich aber in
    Charakterverbildungen und in der steten Bereitschaft der gehemmten
    Triebe, bei passender Gelegenheit zur Befriedigung durchzubrechen.
    Wer so genötigt wird, dauernd im Sinne von Vorschriften zu rea-
    gieren, die nicht der Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt,
    psychologisch verstanden, über seine Mittel und darf objektiv als
    Heuchler bezeichnet werden, gleichgültig ob ihm diese Differenz klar
    bewußt worden ist oder nicht. Es ist unleugbar, daß unsere gegen-
    wärtige Kultur die Ausbildung dieser Art von Heuchelei in außer-
    ordentlichem Umfange begünstigt. Man könnte die Behauptung wagen,
    sie sei auf solcher Heuchelei aufgebaut und müßte sich tiefgreifende
    Abänderungen gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen
    würden, der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also
    ungleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, ja
    man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses Maß von
    Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der Kultur unerläßlich
    sei, weil die bereits organisierte Kultureignung der heute lebenden
    Menschen vielleicht für diese Leistung nicht zureichen würde. Ander-
    seits bietet die Aufrechterhaltung der Kultur auch auf so bedenklicher
    Grundlage die Aussicht, bei jeder neuen Generation eine weiter-
    gehende Triebumbildung als Trägerin einer besseren Kultur anzu-
    bahnen.

    Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den einen
    Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Enttäuschung wegen
    des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbürger in diesem Kriege
    unberechtigt waren. Sie beruhten auf einer Illusion, der wir uns
    gefangen gaben. In Wirklichkeit sind sie nicht so tief gesunken, wie
    wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs
    von ihnen glaubten. Daß die menschlichen Großindividuen, die Völ-
    ker und Staaten, die sittlichen Beschränkungen gegeneinander fallen
    ließen, wurde ihnen zur begreiflichen Anregung, sich für eine Weile
    dem bestehenden Druck der Kultur zu entziehen und ihren zurück-
    gehaltenen Trieben vorübergehend Befriedigung zu gönnen. Dabei
    geschah ihrer relativen Sittlichkeit innerhalb des eigenen Volkstums
    wahrscheinlich kein Abbruch.

    Wir können uns aber das Verständnis der Veränderung, die
    der Krieg an unseren früheren Kompatrioten zeigt, noch vertiefen
    und empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht an ihnen zu be-
    gehen. Seelische Entwicklungen besitzen nämlich eine Eigentümlich-
    keit, welche sich bei keinem anderen Entwicklungsvorgang mehr vor-
    findet. Wenn ein Dorf zur Stadt, ein Kind zum Mann heranwächst,
    so gehen dabei Dorf und Kind in Stadt und Mann unter. Nur die
    Erinnerung kann die alten Züge in das neue Bild einzeichnen, in
    Wirklichkeit sind die alten Materialien oder Formen beseitigt und

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    durch neue ersetzt worden. Anders geht es bei einer seelischen Ent-
    wicklung zu. Man kann den nicht zu vergleichenden Sachverhalt
    nicht anders beschreiben als durch die Behauptung, daß jede frühere
    Entwicklungsstufe neben der späteren, die aus ihr geworden ist,
    erhalten bleibt, die Sukzession bedingt eine Koexistenz mit, obwohl
    es doch dieselben Materialien sind, an denen die ganze Reihenfolge
    von Veränderungen abgelaufen ist. Der frühere seelische Zustand
    mag sich jahrelang nicht geäußert haben, er bleibt doch soweit be-
    stehen, daß er eines Tages wiederum die Äußerungsform der seeli-
    schen Kräfte werden kann, und zwar die einzige, als ob alle spä-
    teren Entwicklungen annulliert, rückgängig gemacht worden wären.
    Diese außerordentliche Plastizität der seelischen Entwicklungen ist in
    ihrer Richtung nicht unbeschränkt, man kann sie als eine besondere
    Fähigkeit zur Rückbildung – Regression – bezeichnen, denn es
    kommt wohl vor, daß eine spätere und höhere Entwicklungsstufe,
    die verlassen wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die
    primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden; das
    primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich.

    Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien den
    Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben der Zer-
    störung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft die Zerstörung
    nur spätere Erwerbungen und Entwicklungen. Das Wesen der
    Geisteskrankheit besteht in der Rückkehr zu früheren Zuständen des
    Affektlebens und der Funktion. Ein ausgezeichnetes Beispiel für die
    Plastizität des Seelenlebens gibt der Schlafzustand, den wir allnächtlich
    anstreben, indem wir auch tolle und verworrene Träume zu über-
    setzen verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem Einschlafen unsere
    mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand von uns werfen –
    um es am Morgen wieder anzutun. Diese Entblößung ist natürlich
    ungefährlich, weil wir durch den Schlafzustand gelähmt, zur Inakti-
    vität verurteilt sind. Nur der Traum kann von der Regression
    unseres Gefühlslebens auf eine der frühesten Entwicklungsstufen
    Kunde geben. So ist es z. B. bemerkenswert, daß alle unsere Träume
    von rein egoistischen Motiven beherrscht werden. Einer meiner eng-
    sten Freunde vertrat einmal diesen Satz vor einer wissenschaft-
    lichen Versammlung in Amerika, worauf ihm eine anwesende Dame
    die Bemerkung machte, das möge vielleicht für Österreich richtig sein,
    aber sie dürfe von sich und ihren Freunden behaupten, daß sie auch
    noch im Traume altruistisch fühlen. Mein Freund, obwohl selbst ein
    Angehöriger der englischen Rasse, mußte auf Grund seiner eigenen
    Erfahrungen in der Traumanalyse der Dame energisch widersprechen:
    Im Traume sei auch die edle Amerikanerin ebenso egoistisch wie
    der Österreicher.

    Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher unsere
    Kultureignung beruht, durch Einwirkungen des Lebens – dauernd
    oder zeitweilig – rückgängig gemacht werden. Ohne Zweifel gehören
    die Einflüsse des Krieges zu den Mächten, welche solche Rückbildung

  • S.

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    erzeugen können, und darum brauchen wir nicht allen jenen, die sich
    gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kultureignung abzusprechen,
    und dürfen erwarten, daß sich ihre Triebveredlung in ruhigeren
    Zeiten wieder herstellen wird.

    Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren
    Weltmitbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt als das so
    schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer ethischen Höhe. Ich
    meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Köpfen zeigt,
    ihre Verstocktheit, Unzugänglichkeit gegen die eindringlichsten Argu-
    mente, ihre kritiklose Leichtgläubigkeit für die anfechtbarsten Be-
    hauptungen. Dies ergibt freilich ein trauriges Bild, und ich will aus-
    drücklich betonen, daß ich keineswegs als verblendeter Parteigänger
    alle intellektuelle Verfehlungen nur auf einer der beiden Seiten
    finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu erklären und weit
    weniger bedenklich als die vorhin gewürdigte. Menschenkenner und
    Philosophen haben uns längst belehrt, daß wir Unrecht daran tun,
    unsere Intelligenz als selbständige Macht zu schätzen und ihre Ab-
    hängigkeit vom Gefühlsleben zu übersehen. Unser Intellekt könne
    nur verläßlich arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefühls-
    regungen entrückt sei, im gegenteiligen Falle benehme er sich ein-
    fach wie ein Instrument zu Handen eines Willens und liefere das
    Resultat, das ihm von diesem aufgetragen sei. Logische Argumente
    seien also ohnmächtig gegen affektive Interessen, und darum sei das
    Streiten mit Gründen, die nach Falstaffs Wort so gemein sind
    wie Brombeeren, in der Welt der Interessen so unfruchtbar. Die
    psychoanalytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch
    unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten
    Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald
    die verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet,
    aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Wider-
    stand überwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg
    oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorzaubert hat,
    ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlserregung,
    und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden.

    Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger
    wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die Groß-
    individuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben, um vieles
    leichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur weit bescheidenere
    Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen vielleicht die Entwicklung
    der Individuen und treten uns heute noch auf sehr primitiven Stufen
    der Organisation, der Bildung höherer Einheiten, entgegen. Dem
    entsprechend ist das erziehliche Moment des äußeren Zwanges zur
    Sittlichkeit, welches wir beim Einzelnen so wirksam fanden, bei ihnen
    noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar gehofft, daß die groß-
    artige, durch Verkehr und Produktion hergestellte Interessengemein-
    schaft den Anfang eines solchen Zwanges ergeben werde, allein es
    scheint, die Völker gehorchen ihren Leidenschaften derzeit weit mehr

  • S.

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    als ihren Interessen. Sie bedienen sich höchstens der Interessen, um
    die Leidenschaften zu rationalisieren, sie schieben ihre Interessen
    vor, um die Befriedigung ihrer Leidenschaften begründen zu können.
    Warum die Völkerindividuen einander eigentlich geringschätzen,
    hassen, verabscheuen, und zwar auch in Friedenszeiten, und jede
    Nation die andere, das ist freilich rätselhaft. Ich weiß es nicht zu
    sagen. Es ist in diesem Falle gerade so, als ob sich alle sittlichen
    Erwerbungen der Einzelnen auslöschten, wenn man eine Mehrheit
    oder gar Millionen Menschen zusammennimmt, und nur die primi-
    tivsten, ältesten und rohesten, seelischen Einstellungen übrig blieben.
    An diesen bedauerlichen Verhältnissen werden vielleicht erst späte
    Entwicklungen etwas ändern können. Aber etwas mehr Wahrhaftig-
    keit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Beziehungen der Menschen
    zueinander und zwischen ihnen und den sie Regierenden dürfte auch
    für diese Umwandlung die Wege ebnen.