• S.

    Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung.

    Von Sigm. Freud.


    Fluctuat nec mergitur.
    Im Wappen der Stadt Paris.

    I.

    Wenn ich im nachstehenden Beiträge zur Geschichte der psycho-
    analytischen Bewegung bringe, so wird sich über deren subjektiven
    Charakter und über die Rolle, die meiner Person darin zufällt, niemand
    verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse ist meine Schöpfung,
    ich war durch zehn Jahre der einzige, der sich mit ihr beschäftigte,
    und alles Mißvergnügen, welches die neue Erscheinung bei den Zeit-
    genossen hervorrief, hat sich als Kritik auf mein Haupt entladen.
    Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, daß auch heute
    noch, wo ich längst nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner
    besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich
    von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet,
    und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu
    benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine kühne Usur-
    pation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten Aufschluß über die
    Vorgänge, die zum Wechsel in der Redaktion und Erscheinungsform
    dieses Jahrbuches geführt haben.

    Als ich im Jahre 1909 auf dem Katheder einer amerikanischen
    Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfte,
    habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen
    ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse ins
    Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef Breuer, er-
    worben zu einer Zeit, da ich Student und mit der Ablegung meiner

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    Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis 18821)). Aber wohlmeinende
    Freunde haben mir seither die Erwägung nahegelegt, ob ich meiner
    Dankbarkeit damals nicht einen unangemessenen Ausdruck gegeben.
    Ich hätte, wie bei früheren Veranlassungen, das „kathartische Ver-
    fahren“ von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen
    und diese selbst erst mit meiner Verwerfung der hypnotischen Technik
    und Einführung der freien Assoziationen beginnen lassen sollen. Nun
    ist es ziemlich gleichgültig, ob man die Geschichte der Psychoanalyse
    vom kathartischen Verfahren an oder erst von meiner Modifikation
    desselben rechnen will. Ich gehe auf dieses uninteressante Problem
    nur ein, weil manche Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf
    zu besinnen pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern
    von Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle,
    daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse be-
    achtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine solche
    Schranke auferlegen, dann ist die Psychoanalyse immer unbestritten
    mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß Breuers großer Anteil
    an der Psychoanalyse ihm das entsprechende Maß von Schimpf und
    Tadel eingetragen hätte. Da ich nun längst erkannt habe, daß es das
    unvermeidliche Schicksal der Psychoanalyse ist, die Menschen zum
    Widerspruch zu reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den
    Schluß gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der
    richtige Urheber sein. Mit Befriedigung füge ich hinzu, daß keine der
    Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschmähten Analyse zu
    schmälern, je von Breuer selbst ausgegangen ist oder sich seiner
    Unterstützung rühmen konnte.

    Der Inhalt der Breuerschen Entdeckung ist so häufig dar-
    gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen darf.
    Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von eindrucks-
    vollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Träumen) abhängen,
    die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in der Hypnose
    erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), und das daraus
    folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome einer abnormen
    Verwendung von nicht erledigten Erregungsgrößen entsprechen (Kon-
    version). Breuer hat jedesmal, wo er in seinem theoretischen Beitrag

    1)Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen gehalten zur 20jährigen Grün-
    dungsfeier der ClarkUniversity in Worcester, Mass., gewidmet StanleyHall.
    Zweite Auflage, 1912. Gleichzeitig englisch erschienen im Amer.Journ.ofPsycho-
    logy, March. 1910; übersetzt ins Holländische, Ungarische, Polnische und Russische.

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    209

    zu den „Studien über Hysterie“ der Konversion gedenken muß, meinen
    Namen in Klammern hinzuzugesetzt, als ob dieser erste Versuch einer
    theoretischen Rechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube,
    daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht, während
    sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam ergeben hat.

    Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung
    nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen ließ und
    sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot zurückgekehrt,
    ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und durch eine ausgedehnte
    ärztliche Praxis in Anspruch genommen; ich war nur ungern Arzt
    geworden, hatte aber damals ein starkes Motiv bekommen, den nervösen
    Kranken helfen oder wenigstens etwas von ihren Zuständen verstehen
    zu wollen. Ich hatte mich der physikalischen Therapie anvertraut
    und fand mich ratlos angesichts der Enttäuschungen, welche mich die
    an Ratschlägen und Indikationen so reiche „Elektrotherapie“ von
    W. Erb erleben ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig
    zu dem später von Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete,
    daß die Erfolge der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen
    Suggestionserfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Aus-
    bleiben dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen aus-
    reichenden Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals
    die Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die ich
    durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von Liébault
    und Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung in der Hypnose,
    von der ich durch Breuer Kenntnis hatte, mußte durch ihre auto-
    matische Wirkungsweise und die gleichzeitige Befriedigung der Wiß-
    begierde ungleich anziehender wirken als das monotone, gewalttätige,
    von jeder Forschung ablenkende suggestive Verbot.

    Wir haben kürzlich als eine der jüngsten Erwerbungen der Psycho-
    analyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt und die
    Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse zu rücken.
    Nun das ist genau das, was Breuer und ich zu Beginn unserer Arbeiten
    mit der kathartischen Methode getan haben. Wir lenkten die Aufmerk-
    samkeit des Kranken direkt auf die traumatische Szene, in welcher
    das Symptom entstanden war, suchten in dieser den psychischen Konflikt
    zu erraten und den unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei ent-
    deckten wir den für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charak-
    teristischen Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die
    Assoziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären wollte,

  • S.

    210

    auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, welche die
    Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.
    Diese Regression führte immer weiter nach rückwärts, zuerst schien es,
    regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät, dann lockten Mißerfolge wie
    Lücken des Verständnisses die analytische Arbeit in die dahinter
    liegenden Jahre der Kindheit, die bisher für jede Art von Erforschung
    unzugänglich gewesen waren. Diese regrediente Richtung wurde zu
    einem wichtigen Charakter der Analyse. Es zeigte sich, daß die Psycho-
    analyse nichts Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung
    auf etwas Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres
    voraussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren Ereignis
    seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, bei dem be-
    kannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so groß, daß ich ihr
    noch bei späten Analysen nachgegeben habe. In der 1899 durchgeführten
    Behandlung der „Dora“ genannten Patientin war mir die Szene bekannt,
    welche den Ausbruch der aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich
    bemühte mich ungezählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen,
    ohne auf meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten,
    als die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach
    einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der Patientin
    führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse die bis dahin ver-
    gessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden, womit das Verständnis
    und die Lösung des aktuellen Konfliktes ermöglicht waren.

    Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irreführend
    die vorhin erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag wissenschaftlicher
    Regression in der so angeratenen Vernachlässigung der Regression in
    der analytischen Technik zum Ausdruck kommt.

    Die erste Differenz zwischen Breuer und mir trat in einer Frage
    des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie zutage. Er
    bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie, wollte die
    seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nichtkommunizieren
    verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir damals sagten: Be-
    wußtseinszustände) erklären und schuf so die Theorie der „hypnoiden
    Zustände“, deren Ergebnisse wie unassimilierte Fremdkörper in das
    „Wachbewußtsein“ hineinragen sollten. Ich hatte mir die Sache
    weniger wissenschaftlich zurechtgelegt, witterte überall Tendenzen
    und Neigungen analog denen des täglichen Lebens und faßte die psy-
    chische Spaltung selbst als Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den
    ich damals „Abwehr“, später „Verdrängung“ benannte. Ich machte

  • S.

    211

    einen kurzlebigen Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander
    bestehen zu lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und
    nur eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre
    gegenüber.

    Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit unserer
    bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte. Dieselbe war tiefer
    motiviert, aber sie kam so, daß ich sie anfangs nicht verstand und erst
    später nach allerlei guten Indizien deuten lernte. Man erinnert sich,
    daß Breuer von seiner berühmten ersten Patientin ausgesagt hatte,
    das sexuale Element sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen
    und habe niemals einen Beitrag zu ihrem reichen Krankheitsbilde
    geliefert. Ich habe mich immer verwundert, daß die Kritiker diese
    Versicherung Breuers meiner Behauptung von der sexuellen Ätiologie
    der Neurosen nicht öfter entgegengestellt haben, und weiß noch
    heute nicht, ob ich in dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Dis-
    kretion oder für ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breuersche
    Krankengeschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren ge-
    wonnenen Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der
    Schlangen, des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen
    können und durch Einrechnung der Situation am Krankenbette des
    Vaters die wirkliche Deutung jener Symptombildung leicht erraten.
    Sein Urteil über die Rolle der Sexualität im Seelenleben jenes Mäd-
    chens wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer
    stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive Rapport
    zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir „Übertragung“
    heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe zu vermuten, daß
    Breuer nach der Beseitigung aller Symptome die sexuelle Motivierung
    dieser Übertragung an neuen Anzeichen entdecken mußte, daß ihm
    aber die allgemeine Natur dieses unerwarteten Phänomens entging,
    so daß er hier, wie von einem „untoward event“ betroffen, die Forschung
    abbrach. Er hat mir hiervon keine direkte Mitteilung gemacht, aber
    zu verschiedenen Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kom-
    bination zu rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die
    Bedeutung der Sexualität in der Verursachung der Neurosen eintrat,
    war er der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung
    zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals aber
    noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte.

    Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind-
    seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung einstellt,

  • S.

    212

    obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt wird, ist
    mir immer als der unerschütterlichste Beweis für die Herkunft der
    Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen. Dies Ar-
    gument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt worden, denn
    geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich keine Wahl. Für meine
    Überzeugung ist es entscheidend geblieben, neben und über den spe-
    ziell’en Ergebnissen der Analysenarbeit.

    Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Aufstellung
    der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren Freundeskreis
    fand, – es bildete sich bald ein negativer Raum um meine Person, – lag
    doch in der Überlegung, daß ich für eine neue und originelle Idee den
    Kampf aufgenommen hatte. Allein eines Tages setzten sich bei mir einige
    Erinnerungen zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür
    einen schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die
    Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verantwortlich
    gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie war mir von
    drei Personen zugetragen worden, deren Meinung auf meinen tiefsten
    Respekt rechnen durfte, von Breuer selbst, von Charcot und von dem
    Gynäkologen unserer Universität Chrobak, dem vielleicht hervor-
    ragendsten unserer Wiener Ärzte. Alle drei Männer hatten mir eine Ein-
    sicht überliefert, die sie, streng genommen, selbst nicht besaßen. Zwei von
    ihnen verleugneten ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte,
    der dritte (Meister Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan,
    wenn es mir vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber
    hatten diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen
    durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar origi-
    nelle Erkenntnis erwachten.

    Als ich eines Tages als junger Spitalsarzt Breuer auf einem
    Spaziergange durch die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn heran,
    der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und als Breuer
    frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich belehrenden
    Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen, der eine Nachricht
    über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er hinzu, benehme sich in
    Gesellschaften in so auffälliger Art, daß man sie ihm als Nervöse zur
    Behandlung übergeben habe. Das sind immer Geheimnisse des
    Alkovens, schloß er dann. Ich fragte erstaunt, was er meine, und er
    erklärte mir das Wort („des Ehebettes“), weil er nicht verstand, daß
    mir die Sache so unerhört erschienen war.

    Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs-

  • S.

    213

    abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade
    Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus der
    Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, allmählich
    fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein junges Ehepaar von
    weit her aus dem Orient, die Frau schwer leidend, der Mann impotent
    oder recht ungeschickt. Tâchez donc, hörte ich Charcot wiederholen,
    je vous assure, vous y arriverez. Brouardel, der weniger laut sprach,
    muß dann seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, daß unter
    solchen Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen.
    Denn Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte
    aus: Mais, dans des cas pareils c’est toujours la chose génitale, toujours-
    toujours. Und dabei kreuzte er die Hände vor dem Schoß
    und hüpfte mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit mehrmals auf und nieder.
    Ich weiß, daß ich für einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen
    verfiel und mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie?
    Aber der Eindruck war bald vergessen; die Gehirnanatomie und die ex-
    perimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles Interesse
    absorbiert.

    Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten
    meine ärztliche Tätigkeit in Wien begonnen und war in allem, was
    Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend geblieben,
    wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker fordern darf.
    Da traf mich eines Tages eine freundlicher Ruf Chrobaks, eine Pa-
    tientin von ihm zu übernehmen, welcher er in seiner neuen Stellung
    als Universitätslehrer nicht genug Zeit widmen könne. Ich kam früher
    als er zur Kranken und erfuhr, daß sie an sinnlosen Angstanfällen
    leide, die nur durch die sorgfältigste Information, wo sich zu jeder Zeit
    des Tages ihr Arzt befinde, beschwichtigt werden könnten. Als Chro-
    bak erschien, nahm er mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der
    Patientin rühre daher, daß sie trotz 18jähriger Ehe Virgo intacta sei.
    Der Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen
    nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation zu
    decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achselzuckend über
    ihn sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in soviel Jahren nicht her-
    gestellt hat. Das einzige Rezept für solche Leiden, fügte er hinzu, ist
    uns wohlbekannt, aber wir können es nicht verordnen. Es lautet:

    Rp. Penis normalis
    dosim
    Repetatur!

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    214

    Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern den
    Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners.

    Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß nicht
    darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf andere ab-
    wälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes ist, eine Idee
    ein oder mehrere Male in der Form eines flüchtigen Aperçus auszu-
    sprechen als: Ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich zu nehmen, durch
    alle widerstrebenden Details hindurchzuführen und ihr ihre Stellung
    unter den anerkannten Wahrheiten zu erobern. Es ist der Unterschied
    zwischen einem leichten Flirt und einer rechtschaffenen Ehe mit all
    ihren Pflichten und Schwierigkeiten. Epouser les idées de… ist eine
    wenigstens im Französischen gebräuchliche Redewendung.

    Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum
    kathartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse um-
    gestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung und
    vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität und die
    Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis des Unbewußten.

    In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig,
    ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe gebracht
    hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine originelle, bis
    uns O. Rank die Stelle in Schopenhauers „Welt als Wille und Vor-
    stellung“ zeigte, in welcher sich der Philosoph um eine Erklärung
    des Wahnsinnes bemüht1). Was dort über das Sträuben gegen die
    Annahme eines peinlichen Stückes der Wirklichkeit gesagt ist, deckt
    sich so vollkommen mit dem Inhalt meines Verdrängungsbegriffes,
    daß ich wieder einmal meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung
    einer Entdeckung verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese
    Stelle gelesen und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung
    zu machen, und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich
    in früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer
    Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke Nietzsches
    habe ich mir dann in späterer Zeit mit der bewußten Motivierung
    versagt, daß ich in der Verarbeitung der psychoanalytischen Ein-
    drücke durch keinerlei Erwartungsvorstellung behindert sein wolle.
    Dafür mußte ich bereit sein – und ich bin es gerne – auf alle
    Prioritätsansprüche in jenen häufigen Fällen zu verzichten, in denen
    die mühselige psychoanalytische Forschung die intuitiv gewonnenen
    Einsichten des Philosophen nur bestätigen kann.

    1)Zentralblatt für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69.

  • S.

    215

    Die Verdrängungslehre ist nun der Grundpfeiler, auf dem das Ge-
    bäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück der-
    selben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck einer
    Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn man Zuhilfe-
    nahme der Hypnose an die Analyse eines Neurotikers geht. Man bekommt
    dann einen Widerstand zu spüren, welcher sich der analytischen Arbeit
    widersetzt und einen Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln.
    Diesen Widerstand mußte die Anwendung der Hypnose verdecken;
    darum setzt die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der
    technischen Neuerung des Verzichtes auf die Hypnose ein. Die theoreti-
    sche Würdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit einer
    Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener Auf-
    fassung der unbewußten Seelentätigkeit, welche der Psychoanalyse
    eigentümlich ist und sich von den philosophischen Spekulationen
    über das Unbewußte immerhin merklich unterscheidet. Man darf
    daher sagen, die psychoanalytische Theorie ist ein Versuch, zwei Er-
    fahrungen verständlich zu machen, die sich in auffälliger und uner-
    warteter Weise bei dem Versuche ergeben, die Leidenssymptome eines
    Neurotikers auf ihre Quellen in seiner Lebensgeschichte zurückzu-
    führen: die Tatsache der Übertragung und die des Widerstandes.
    Jede Forschungsrichtung, welche diese beiden Tatsachen anerkennt
    und sie zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psycho-
    analyse heißen, auch wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen
    gelangt. Wer aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und
    von diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird dem Vorwurf
    der Besitzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn er
    darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen.

    Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand
    die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand zu den Voraus-
    setzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen wollte.
    Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und biologi-
    scher Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von ihnen zu
    handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein Erwerb der psycho-
    analytischen Arbeit, auf legitime Weise als theoretischer Extrakt
    aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen. Ein ebensolcher Er-
    werb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Aufstellung der infantilen
    Sexualität, von welcher in den ersten Jahren tastender Forschung durch
    die Analyse noch nicht die Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man
    die Wirkung aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen mußte.

  • S.

    216

    Allein „der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte“. Man wurde
    immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und endlich hoffte
    man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in der Epoche des tra-
    ditionellen Erwachens der Sexualregungen. Vergeblich, die Spuren
    wiesen noch weiter nach rückwärts, in die Kindheit und in frühere
    Jahre derselben. Auf dem Wege dahin galt es einen Irrtum zu über-
    winden, der für die junge Forschung fast verhängnisvoll geworden wäre.
    Unter dem Einfluß der an Charcot anknüpfenden traumatischen
    Theorie der Hysterie war man leicht geneigt, Berichte der Kranken
    für real und ätiologisch bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome
    auf passive sexuelle Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob
    ausgedrückt: auf Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an
    ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen
    sicher festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium
    völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf
    korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualträumen geführt
    und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der Realität
    verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im Stiche gelassen,
    ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer bei seiner unerwünschten
    Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus, weil ich keine Wahl mehr
    hatte, etwas anderes zu beginnen. Endlich kam die Besinnung, daß
    man ja kein Recht zum Verzagen habe, wenn man nur in seinen Er-
    wartungen getäuscht worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren
    müsse. Wenn die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen
    zurückführen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen
    phantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der prakti-
    schen Realität gewürdigt zu werden. Es folgte bald die Einsicht, daß
    diese Phantasien dazu bestimmt seien, die autoerotische Betätigung
    der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu beschönigen und auf eine
    höhere Stufe zu heben, und nun kam hinter diesen Phantasien das
    Sexualleben des Kindes in seinem ganzen Umfange zum Vorschein.
    In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich
    auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen. Anlage
    und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren ätiologischen
    Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden und fixierenden
    Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal, wirkungslos geblieben
    wären, und indem die Erlebnisse Faktoren aus der Disposition wach-
    riefen, welche ohne sie lange geschlummert hätten und vielleicht un-
    entwickelt geblieben wären. Das letzte Wort in der Frage der trau-

  • S.

    217

    matischen Ätiologie sprach dann später Abraham aus, als er darauf
    hinwies, wie gerade die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes
    sexuelle Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren
    versteht.

    Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren
    anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Vergangenheit
    rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet. Zu direkten
    Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit. Es war also ein
    außerordentlicher Triumph, als es Jahre später gelang, den größten
    Teil des Erschlossenen durch direkte Beobachtung und Analyse von
    Kindern in sehr frühen Jahren zu bestätigen, ein Triumph, der all
    mählich durch die Überlegung verringert wurde, die Entdeckung sei
    von solcher Art, daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemacht
    zu haben. Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einließ,
    desto selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer
    aber auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte,
    sie zu übersehen.

    Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung
    der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn man
    den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und Eigentümlichkeiten
    der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten Quellen, deren Auf-
    deckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist, und zu modifizieren ge-
    stattet, was sich etwa abändern läßt. Ich verstehe es, daß man zu anderen
    Resultaten kommt, wenn man, wie kürzlich C. G. Jung, sich zunächst
    eine theoretische Vorstellung von der Natur des Sexualtriebes bildet
    und von dieser aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche
    Vorstellung kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf
    abseits liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet
    inadäquat zu werden, auf welches man sie anwenden will. Gewiß führt
    auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierigkeiten und
    Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres Verhältnisses zum
    Gesamtleben des Individuums, aber diese können nicht durch Speku-
    lationen beseitigt werden, sondern müssen bleiben, bis sie Lösung
    durch andere Beobachtungen oder Beobachtungen auf anderen Ge-
    bieten finden.

    Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel mir
    zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuerung, nachdem ich mich,
    einer dunkeln Ahnung folgend, entschlossen hatte, die Hypnose mit
    der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wißbegierde war nicht

  • S.

    218

    von vorne herein auf das Verständnis der Träume gerichtet gewesen.
    Einflüsse, die mein Interesse gelenkt oder mir eine hilfreiche Erwartung
    geschenkt hätten, sind mir nicht bekannt. Ich hatte vor dem Auf-
    hören meines Verkehrs mit Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in
    einem Satz mitzuteilen, daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstände.
    Infolge dieser Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traum-
    sprache so ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde,
    denn für die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des
    Träumers nur wenig. Da ich die Gewöhnung festgehalten habe, immer
    zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den Büchern nachsah,
    konnte ich mir die Symbolik des Traumes sicherstellen, ehe ich durch
    die Schrift von Scherner auf sie hingewiesen wurde. Im vollen Um-
    fange habe ich dieses Ausdrucksmittel des Traumes erst später ge-
    würdigt, zum Teil unter dem Einflusse der Arbeiten des zu Anfang
    so sehr verdienstvollen, später völlig verwahrlosten Stekel. Der
    enge Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so
    hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele
    Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück meiner
    Traumtheorie, die Zurückführung der Traumstellung auf einen
    innern Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit, fand ich dann
    bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin, aber nicht die Philo-
    sophie fremd geblieben war, dem Ingenieur J. Popper, der unter
    dem Namen Lynkeus „Phantasien eines Realisten“ veröffentlicht
    hatte.

    Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in jenen
    schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig Technik,
    Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte, gänzlich ver-
    einsamt war und in dem Gewirre von Problemen und bei der Häufung
    der Schwierigkeiten oft Orientierung und Zuversicht einzubüßen
    fürchtete. Die Probe auf meine Voraussetzung, daß eine Neurose
    durch Analyse verständlich werden müsse, ließ oft bei dem Kranken
    verwirrend lange auf sich warten; an den Träumen, die man als Analoga
    der Symptome auffassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast
    regelmäßige Bestätigung.

    Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt aus-
    zuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis eines psy-
    chologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen der Traum-
    deutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet, daß die meisten
    Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden, diesen Boden

  • S.

    219

    zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen, wenn sie es doch
    versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Notwendigkeit mir bald ein-
    leuchtete, habe ich mit Hilfe einer Serie von eigenen Träumen durch-
    geführt, die mich durch alle Begebenheiten meiner Kinderjahre führten,
    und ich bin noch heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer
    und nicht allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen
    kann.

    Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich
    besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben,
    was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde erkannte
    ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine beginnende Be-
    liebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in meine Sprechstunde,
    indem ich konsequent nach der sexuellen Verursachung ihrer Neu-
    rosen forschte, wobei ich eine Anzahl von Erfahrungen machte, die
    meine Überzeugung von der praktischen Bedeutung des sexuellen
    Moments endgültig festlegten. Ich trat ahnungslos in der Wiener Fach-
    vereinigung, damals unter dem Vorsitz von Krafft-Ebing, als
    Redner auf, der erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner
    Kollegen für seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu
    werden. Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Bei-
    träge zur Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst
    die Stille, die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich
    um meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen wurden,
    ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen über die Rolle
    der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht darauf rechnen
    könnten, so behandelt zu werden wie andere Mitteilungen. Ich verstand,
    daß ich von jetzt ab zu denen gehörte, die „am Schlaf der Welt
    gerührt haben“, nach Hebbels Ausdruck, und daß ich auf Objektivität
    und Nachsicht nicht zählen durfte. Da aber meine Überzeugung von
    der durchschnittlichen Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schluß-
    folgerungen immer mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen
    Urteil sowie mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte
    der Ausgang dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß
    mich zu glauben, daß mir das Glück zugefallen war, besonders be-
    deutungsvolle Zusammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit,
    das Schicksal auf mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden
    geknüpft ist.

    Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es würde
    mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen Erfolge

  • S.

    220

    des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber würde zu
    meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige Dezennien später
    würde ein anderer unfehlbar auf dieselben, jetzt nicht zeitgemäßen,
    Dinge stoßen, ihre Anerkennung durchsetzen und mich so als not-
    wendigerweise verunglückten Vorläufer zu Ehren bringen. Unterdes
    richtete ich’s mir als Robinson auf einer einsamen Insel möglichst be-
    haglich ein. Wenn ich aus den Verwirrungen und Bedrängnissen der
    Gegenwart auf jene einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen,
    es war eine schöne heroische Zeit; die „splendid isolation“ entbehrte
    nicht ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen,
    keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem
    Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es, spe-
    kulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen Rat
    meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von neuem anzu-
    schauen, bis sie von selbst begannen etwas auszusagen. Meine Ver-
    öffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe auch Unterkunft fand,
    konnten immer weit hinter meinem Wissen zurückbleiben, durften
    beliebig aufgeschoben werden, da keine zweifelhafte „Priorität“ zu
    verteidigen war. Die Traumdeutung z. B. war in allem Wesentlichen
    anfangs 1896 fertig, sie wurde aber erst im Sommer 1899 niederge-
    schrieben. Die Behandlung der „Dora“ schloß zu Ende 1899 ab, ihre
    Krankengeschichte war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde
    aber erst 1905 veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in
    der Fachliteratur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise ge-
    schah, mit höhnischer oder mitleidiger Überlegenheit zurückgewiesen.
    Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner Publika-
    tionen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr schmeichelhaft
    war, etwa: verbohrt, extrem, sehr sonderbar. Einmal traf es sich,
    daß ein Assistent der Klinik in Wien, an der ich meine Semestral-
    vorlesung abhielt, sich von mir die Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen
    anzuwohnen. Er hörte sehr andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber
    nach der letzten Vorlesung zu einer Begleitung an. Während dieses
    Spazierganges eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein
    Buch gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe
    erst durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt zu haben. Er
    hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich auf der
    Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung“ lesen solle,
    aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der Mühe wert. Er verglich
    dann selbst mein Lehrgebäude, wie er es jetzt verstanden habe, nach

  • S.

    221

    der Festigkeit seines innern Gefüges mit der katholischen Kirche.
    Im Interesse seines Seelenheiles will ich annehmen, daß in dieser Äu-
    ßerung ein Stück Anerkennung enthalten war. Er schloß dann aber,
    es sei zu spät, an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt.
    Der betreffende Kollege hat es auch nicht für nötig erachtet, der Mit-
    welt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen über meine
    Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, die Entwick-
    lung derselben als ständiger Referent einer medizinischen Zeitschrift
    mit seinen wenig ernsthaften Glossen zu begleiten.

    Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in jenen
    Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung wurde
    ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen vereinsamten
    Entdeckern zur Hilfe kommt. Ein solcher quält sich ja sonst ab, zu
    ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder Ablehnung seiner Zeit-
    genossen rührt, und empfindet sie als einen peinigenden Widerspruch
    gegen die Sicherheit seiner eigenen Überzeugung. Das brauchte ich
    nicht, denn die psychoanalytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten
    der Umwelt als notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen
    zu verstehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aufgedeckten Zu-
    sammenhänge dem Bewußtsein des Kranken durch innere affektive
    Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese Widerstände
    auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen das Verdrängte
    durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese letzteren die affektiv
    gebotene Ablehnung durch intellektuelle Begründung zu motivieren
    verstanden, war nicht verwunderlich. Es ereignete sich bei den Kranken
    ebenso häufig, und die ins Feld geführten Argumente – Argumente
    sind so gemein wie Brombeeren, mit Falstaff zu reden – waren
    die nämlichen und nicht gerade scharfsinnig. Der Unterschied war nur,
    daß man bei den Kranken über Pressionsmittel verfügte, um sie ihre
    Widerstände einsehen und überwinden zu lassen, bei den angeblich
    Gesunden solcher Hilfen aber entbehrte. Auf welche Weise man diese
    Gesunden zu einer kühlen, wissenschaftlich objektiven Überprüfung
    drängen könne, war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am
    besten der Zeit vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der
    Wissenschaften oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die
    anfangs nur Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile später zur
    Anerkennung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären.

    Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse
    vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der Welt oder ein

  • S.

    222

    Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt habe,
    wird wohl niemand erwarten dürfen.

    II.

    Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte
    um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu er-
    lernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die gute
    Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren hatte,
    gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden in meiner
    Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in
    dem befremdlich neuen Forschungsgebiet zu orientieren und das
    Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich ein
    absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manuskript bei uns ein, welches
    außergewöhnliches Verständnis verriet. Wir bewogen ihn, die Gym-
    nasialstudien nachzuholen, die Universität zu besuchen und sich den
    nichtärztlichen Anwendungen der Psychoanalyse zu widmen. Der
    kleine Verein erwarb so einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich
    gewann an Otto Rank den treuesten Helfer und Mitarbeiter.

    Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der
    nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen
    durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der
    Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem Stab eines
    beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an waren jene
    Männer darunter, die in der Geschichte der psychoanalytischen Be-
    wegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht immer erfreuliche
    Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklungen konnte man damals
    noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich meine, ich tat
    alles, um den anderen zugänglich zu machen, was ich wußte und er-
    fahren hatte. Von übler Vorbedeutung waren nur zwei Dinge, die mich
    endlich dem Kreise innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter
    den Mitgliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen,
    das unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen
    soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu
    denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher
    Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der Aus-
    übung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und an vielen
    der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten sich bereits
    in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung geltend. Ich