S.
222
Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt habe,
wird wohl niemand erwarten dürfen.II.
Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte
um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu er-
lernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die gute
Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren hatte,
gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden in meiner
Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in
dem befremdlich neuen Forschungsgebiet zu orientieren und das
Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich ein
absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manuskript bei uns ein, welches
außergewöhnliches Verständnis verriet. Wir bewogen ihn, die Gym-
nasialstudien nachzuholen, die Universität zu besuchen und sich den
nichtärztlichen Anwendungen der Psychoanalyse zu widmen. Der
kleine Verein erwarb so einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich
gewann an Otto Rank den treuesten Helfer und Mitarbeiter.Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der
nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen
durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der
Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem Stab eines
beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an waren jene
Männer darunter, die in der Geschichte der psychoanalytischen Be-
wegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht immer erfreuliche
Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklungen konnte man damals
noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich meine, ich tat
alles, um den anderen zugänglich zu machen, was ich wußte und er-
fahren hatte. Von übler Vorbedeutung waren nur zwei Dinge, die mich
endlich dem Kreise innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter
den Mitgliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen,
das unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu
denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher
Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der Aus-
übung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und an vielen
der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten sich bereits
in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung geltend. IchS.
223
selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik und eine im steten
Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität vorzutragen, die den
anderen wahrscheinlich manche Irrwege und endliche Entgleisungen
erspart hätte. Die Selbständigkeit der geistigen Arbeiter, ihre frühe
Unabhängigkeit vom Lehrer, ist psychologisch immer befriedigend,
ein Gewinn in wissenschaftlicher Hinsicht ergibt sich aus ihr nur,
wenn bei diesen Arbeitern gewisse nicht allzu häufig vorkommende
persönliche Bedingungen erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse
hätte eine lange und strenge Zucht und Erziehung zur Selbstzucht
gefordert. Der Tapferkeit wegen, die sich in der Hingabe an eine so
verpönte und aussichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mit-
gliedern der Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst
Anstoß genommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte,
sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse etwas
Bedeutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw. Die „Traum-
deutung“, das Buch über den „Witz“ u. a. hatten von vorneherein ge-
zeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht auf das ärztliche Gebiet
beschränkt bleiben können, sondern der Anwendung auf verschieden-
artige andere Geisteswissenschaften fähig sind.Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen
und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse in aller
Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja daß es wissen-
schaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen.
Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen,
daß meine Arbeiten im Burghölzli studiert und verwertet würden.
Im Januar 1907 kam der erste Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon,-
nach Wien, es folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften
Gedankenaustausch anbahnten; endlich kam es über Einladung von
C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten
Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde
der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her vereinigte.
Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kongresses war die
Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahrbuch für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen“, heraus-
gegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909
zu erscheinen begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen
Wien und Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck.Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen
Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen die vonS.
224
Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und stehe nicht an,
dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, von neuem zu tun.
Gewiß war es nicht erst die Parteinahme der Züricher Schule, welche
damals die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psycho-
analyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten
wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines sich stetig steigernden
Interesses. Aber an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von
Interesse zunächst nichts anderes als eine meist leidenschaftlich ak-
zentuierte Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein-
stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen Stelle
fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern beisammen,
konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der psychoanalytischen
Forschung gestellt werden, oder war ein klinischer Lehrer zu sehen,
der die psychoanalytische Lehre als integrierenden Bestandteil in den
psychiatrischen Unterricht aufnahm. Die Züricher wurden so die
Kerntruppe der kleinen für die Würdigung der Analyse kämpfenden
Schar. Bei ihnen allein war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen
und Arbeiten in ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen An-
hänger und Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst
solche, die es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der
Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die
großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird seit
vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. In der
geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeutsamsten
Nationen zusammen; ein Infektionsherd an dieser Stelle mußte für die
Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche in Freiburg sie
genannt hatte, besonders wichtig werden.Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im Burg-
hölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psychoanalyse dort
schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 1902 veröffent-
lichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich bereits ein erster
Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet
mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse im Vordergrunde. Nach
der Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wien und Zürich
bildete sich, Mitte des Jahres 1907, auch im Burghölzli ein zwangloser
Verein, der in regelmäßigen Zusammenkünften die Probleme der Psycho-
analyse diskutierte. Bei der Union, die sich zwischen der Wiener und
der Züricher Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß
empfangende Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaft-
S.
225
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung.
liche Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute
kamen. Das von der Wundtschen Schule angegebene Assoziations-
experiment war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden
und hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so mög-
lich geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psychoana-
lytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse dem
Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker nur hätte
erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen worden, die
von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse führte.Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalyti-
schen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet
aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der Aus-
führung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer noch war
eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer beiden Führer
Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl
von rein psychiatrischen Fällen die Erklärung durch solche Vorgänge
in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psychoanalyse für den Traum
und die Neurosen erkannt worden waren („Freudsche Mechanismen“).
Jung wendete das analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die
sonderbarsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an,
deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen
der Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern
unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. Das
große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911), in welchem
die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt neben die
klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur
Vollendung.Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzuweisen,
der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden Schulen deutlich
war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse eines Falles von
Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides Gepräge trug, so daß
seine Auflösung den Eindruck der Jungschen Analysen nicht vor-
wegnehmen konnte. Mir war aber nicht die Deutbarkeit der Symptome,
sondern der psychische Mechanismus der Erkrankung das Wichtige
gewesen, vor allem die Übereinstimmung dieses Mechanismus mit dem
bereits erkannten der Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden
fiel damals noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit
auf eine Libidotheorie der Neurosen hin, welche alle neurotischen
wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen derS.
226
Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Verwendung,
erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den Schweizer Forschern ab.
Bleuler hält meines Wissens auch heute an einer organischen Ver-
ursachung der Formen von Dementia praecox fest, und Jung, dessen
Buch über diese Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem
Salzburger Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, aller-
dings ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt.
An dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, in-
dem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht
bedienen wollte.Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz
auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch ein-
schätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die Lehre
von den Komplexen, die aus den „Diagnostischen Assoziationsstudien“
(1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder selbst eine psychologische
Theorie ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammen-
hang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat sich das
Wort „Komplex“ als bequemer, oft unentbehrlicher Terminus zur
deskriptiven Zusammenfassung psychologischer Tatbestände Bürger-
recht in der Psychoanalyse erworben. Kein anderer der von dem
psychoanalytischen Bedürfnis neugeschaffenen Namen und Bezeich-
nungen hat eine ähnlich weitgehende Popularität erreicht und soviel
mißbräuchliche Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen
gefunden. Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker
von „Komplexrückkehr“ zu reden, wo man die „Rückkehr des Ver-
drängten“ meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe einen
Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: einen Wider-
stand.In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der
Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse jenen
außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich heute noch
befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die Verbreitung der
ihr dienenden Schriften und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben
oder erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen sie
auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie wanderte in die
fernsten Länder, schreckte überall nicht nur die Psychiater auf, sondern
machte auch die gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissens-
gebieten aufhorchen. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit
Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu nennen,S.
227
schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatischen medizinischen
Kongreß: „Freud’s psychoanalysis is now championed and carried
out not only in Austria and in Switzerland, but in the United States, in
England, in India, in Canada, and, I doubt not, in Australasia1).“
Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt aus Chile trat auf dem inter-
nationalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die Existenz der infantilen
Sexualität ein und lobte die Erfolge der psychoanalytischen Therapie
bei Zwangssymptomen2); ein englischer Nervenarzt in Zentralindien
ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa reiste,
mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er die Analyse
ausübe, keine andere Ätiologie ihrer Neurosen erkennen ließen als
unsere europäischen Patienten.
Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter
besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden
Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark Univer-
sity in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der 20jährigen
Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung von Vorträgen in
deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu unserer großen Über-
raschung, daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, aber angesehenen
pädagogisch-philosophischen Universität alle psychoanalytischen Ar-
beiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten.
In dem so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen
Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei besprechen und
wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge, die ich in Worcester
improvisiert habe, erschienen dann im American Journ. of Psychology
in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch unter dem Titel „Über
Psychoanalyse“; Jung las über diagnostische Assoziationsstudien
und über „Konflikte der kindlichen Seele“. Wir wurden dafür mit
dem Ehrentitel von LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die
Psychoanalyse war während jener Festwoche in Worcester
durch fünf Personen vertreten, außer Jung und mir waren es
Ferenczi, der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte,
Ernest Jones, damals an der Universität in Toronto (Canada),
jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York analytische
Praxis ausübte.
1)Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School.
2)G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos.
S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594.S.
228
Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester
noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der Neuro-
pathologie an der Harvard University, der vor Jahren ein abfälliges
Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber
rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhaltreichen wie form-
schönen Vorträgen seinen Landsleuten und Fachgenossen empfahl.
Der Respekt, den sein Charakter ob seiner hohen Sittlichkeit und kühnen
Wahrheitsliebe in Amerika genoß, kam der Psychoanalyse zugute
und deckte sie gegen die Denunziationen, denen sie sonst wahrschein-
lich zeitig erlegen wäre. Putnam hat dann später dem großen ethi-
schen und philosophischen Bedürfnis seiner Natur allzu sehr nachge-
geben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, unerfüllbare For-
derung gestellt, daß sie sich in den Dienst einer bestimmten sittlich-
philosophischen Weltanschauung finden solle; er ist aber die Haupt-
stütze der psychoanalytischen Bewegung in seinem Heimatlande
geblieben.Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann Brill
und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren Arbeiten in
selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beobachtenden Grund-
tatsachen des Alltagslebens, des Traumes und der Neurose immer
wieder von neuem ihren Landsleuten vor Augen führten. Brill
hat diese Einwirkung durch seine ärztliche Tätigkeit und durch die
Übersetzung meiner Schriften, Jones durch lehrreiche Vorträge und
schlagfertige Diskussionen auf den amerikanischen Kongressen ver-
stärkt1).Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition
und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der von
Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden vor-
teilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an charakteri-
stisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten in gleichem
Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse beteiligt zeigten.
Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf um die Analyse dort
seine Entscheidung finden muß, wo sich die größere Resistenz ergeben
hat, auf dem Boden der alten Kulturzentren.Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am
unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst-
voll.1)Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill,
Psychanalysis, Its theories and practical applications, 1912 und E. Jones, Papers
on Psychanalysis, 1913.S.
229
volle Arbeiten des Züricher-
A. Maeder dem französischen Leser
einen bequemen Zugang zu deren Lehren eröffnet hatten. Die ersten
Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen Provinz. Mo-
richau-Beauchant (Poitiers) war der erste Franzose, der sich öffent-
lich zur Psychoanalyse bekannte. Régis und Hesnard (Bordeaux)
haben erst kürzlich (1913) in einer ausführlichen und verständnis-
vollen Darstellung, die nur an der Symbolik noch Anstoß nimmt, die
Vorurteile ihrer Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht.
In Paris selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf
dem Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck gab, daß
alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen
die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber sei
vom Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß selbst eine
Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen lassen, der ihm
seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine Verdienste um
die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem nicht vergessen,
auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen.In Italien blieb nach einigen vielversprechendon Anfängen die
weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch persönliche
Beziehungen frühzeitig Eingang; van Emden, van Ophuijsen, van
Renterghem („Freud en zijn School“) und die beiden Stärcke
sind dort theoretisch und praktisch mit Erfolg tätig1). Das Interesse
der wissenschaftlichen Kreise Englands für die Analyse hat sich sehr
langsam entwickelt, aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade
dort, begünstigt von dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer
leidenschaftlichen Parteinahme für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte
bevorsteht.In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der ärztlichen Tätig-
keit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die analytische
Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegeben. R. Vogt (Kristiania) hat
bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem „Psykiatriens grundtraek“ ge-
würdigt, so daß das erste Lehrbuch der Psychiatrie, welches von der
Psychoanalyse Kenntnis nahm, ein in norwegischer Sprache geschrie-
benes war. In Rußland ist die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und
verbreitet worden; fast alle meine Schriften sowie die anderer An-
hänger der Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständ-
nis1)Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psycho-
analyse in Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater Jelgersma
als Rektor der Universität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 1914.S.
230
nis der analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht er-
geben. Die Beiträge russischer Ärzte und Psychiater sind derzeit un-
beträchtlich zu nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse in
die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das Ver-
dienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe verbun-
dene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der Psycho-
analyse nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi, aber einen
solchen, der wohl einen Verein aufwiegt.Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht
anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im Mittelpunkte
der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei Ärzten wie bei Laien
Äußerungen entschiedenster Ablehnung hervor, welche aber bisher kein
Ende gefunden haben, sondern sich immer wieder von neuem erheben und
zeitweise verstärken. Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psycho-
analyse zugelassen, erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in
geringer Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins-
wanger in Kreuzlingen (auf Schweizer Boden), Marcinowski in
Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden von Berlin
behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter der Analyse K.
Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. Man könnte sich ver-
wundern, daß dieser Stand der Dinge sich nun schon seit einer Reihe von
Jahren unverändert erhalten hat, wenn man nicht wüßte, daß die obige
Schilderung nur den äußern Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung
der offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie
des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung nicht
überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die Stimme er-
heben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe halten. Manche
der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse gute Erwartungen er-
wecken mußten, haben sich denn auch unter dem Drucke der Ver-
hältnisse von der Bewegung zurückgezogen. Aber diese selbst schreitet
im stillen unaufhaltsam fort, wirbt immer neue Anhänger unter den
Psychiatern wie Laien, führt der psychoanalytischen Literatur eine
stetig sich steigernde Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum
die Gegner zu immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein
Dutzend Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhand-
lungen bestimmter Kongresse und wissenschaftlicher Vereinssitzungen
oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen:
Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und erledigt!S.
231
Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das Telegramm Mark
Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen Tod gemeldet hatte:
Nachricht von meinem Ableben stark übertrieben. Nach
jeder dieser Totsagungen hat die Psychoanalyse neue Anhänger und
Mitarbeiter gewonnen oder sich neue Organe geschaffen. Totgesagt
war doch ein Fortschritt gegen Totgeschwiegen!Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion der
Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch Über-
greifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre und Psychi-
atrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungsgeschichte
unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine vortreffliche
Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwenfeldschen Grenzfragen)
vorliegt, welche gerade diese Leistungen der Analysenarbeit aus-
führlich darstellt. Es ist hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig
ausgearbeitet, meist nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes
als Vorsätze. Wer billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf
finden. Der ungeheuren Menge der Aufgaben steht eine kleine Zahl
von Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Hauptbeschäfti-
gung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden Wissenschaft
mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen. Diese von der
Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen aus ihrem Dilettanten-
tum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser und Platzhalter für die Fach-
männer sein und ihnen die analytischen Techniken und Voraussetzungen
empfohlen haben, wenn sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn
die erzielten Aufschlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind,
so ist dies Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen
Methodik, anderseits dem Umstande zu danken, daß es auch jetzt schon
einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung der
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebensaufgabe
gemacht haben.Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich, auf eine
Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück. Die ana-
lytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen Sym-
ptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhältnisse,
welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf dem sie
kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse nicht nur die
Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern zeigte auch deren
Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben auf und enthüllte
ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie und den verschie-S.
232
densten anderen Wissenschaften, deren Inhalt eine Seelentätig-
keit war. Von gewissen typischen Träumen aus ergab sich z. B. das
Verständnis mancher Mythen und Märchen. Riklin und Abraham
folgten diesem Winke und leiteten jene Forschungen über die Mythen
ein, die dann in den allen fachmännischen Ansprüchen gerechten
Arbeiten Ranks zur Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Ver-
folgung der Traumsymbolik führte mitten in die Probleme der
Mythologie, des Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Ab-
straktionen. Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte
es allen Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die
Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den Kos-
mogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eine nicht mehr
einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand später das
Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs, welche zwischen
der Neurotik, den religiösen und den mythologischen Phantasien
vermitteln wollten.Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur Analyse
der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler
selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene
Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten
(Gradiva). Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit ge-
stattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen Schöpfungs-
arbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in der Neurotik
genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens erkennen
und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese Anregungen reagiere
und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen verkleide (Rank,
Der Künstler, Dichteranalysen von Sadger, Reik u. a., meine kleine
Schrift über eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci,
Abrahams Analyse von Segantini). Die meisten Analytiker mit
allgemeinen Interessen haben in ihren Arbeiten Beiträge zur Be-
handlung dieser Probleme geliefert, der reizvollsten, die sich unter
den Anwendungen der Psychoanalyse ergeben. Natürlich blieb auch
hier der Widerspruch von Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten
nicht aus und äußerte sich in den nämlichen Mißverständnissen und
leidenschaftlichen Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psycho-
analyse. Es stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die
Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen
zu bestehen haben werde. Nur, daß diese Invasionsversuche noch
nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die ihnenS.
233
in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissenschaftlichen
Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk von Rank
über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der größten Unlieb-
samkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische Arbeiten
auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden. Die erste
Antastung der religionspsychologischen Probleme habe ich 1910 selbst
gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in Vergleich mit dem
neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister in Zürich hat in seiner
Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen von Zinzendorf (sowie in
anderen Beiträgen) die Zurückführung religiöser Schwärmerei auf
perverse Erotik durchgeführt; in den letzten Arbeiten der Züricher
Schule kommt eher eine Durchdringung der Analyse mit religiösen
Vorstellungen als das beabsichtigte Gegenteil zustande.In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu“ habe ich den
Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der Analyse
zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen unserer wich-
tigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen Ordnungen, der
Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzestverbots und des Ge-
wissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die sich dabei ergeben haben,
der Kritik standhalten werden, läßt sich heute wohl nicht angeben.Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische
Themata hat mein Buch über den „Witz“ ein erstes Beispiel gegeben.
Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf diesem Ge-
biete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier überall an den Arbeits-
kräften aus den entsprechenden Fachwissenschaften, zu deren An-
lockung Hanns Sachs 1912 die von ihm und Rank redigierte Zeit-
schrift „Imago“ gegründet hat. Mit der psychoanalytischen Be-
leuchtung von philosophischen Systemen und Persönlichkeiten haben
Hitschmann und v. Winterstein daselbst einen Anfang gemacht,
dem Fortführung und Vertiefung zu wünschen bleibt.Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse über
das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen in dem-
selben (v. Hug-Hellmuth) und die Schicksale solcher Anteile der Sexua-
lität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft unbrauchbar werden, muß-
ten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf die Pädagogik lenken und den
Versuch anregen, auf diesem Gebiete analytische Gesichtspunkte in den
Vordergrund zu rücken. Es ist das Verdienst des Pfarrers Pfister, diese
Anwendung der Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen
und sie Seelsorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psych-
S.
234
analytische Methode, 1913. Erster Band des Pädagogium von
Meumann und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von
Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse zu
gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen angeblich seine Über-
zeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtigerweise
im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener Analytiker
scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei einer Art von
ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein. (Adler und Furtmüller,
Heilen und Bilden, 1913.)In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht auf
die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen, welche
sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen Gebieten
der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für die Arbeit einer
Generation von Forschern gegeben, und ich zweifle nicht, daß diese
Arbeit geleistet werden wird, wenn erst die Widerstände gegen die
Analyse auf ihrem Mutterboden überwunden sind1).Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich gegen-
wärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr ruhmvoll
für die Männer der Wissenschaft unserer Tage. Ich will aber gleich
hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner der Psychoanalyse
bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch und Bogen verächtlich
zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen Individuen abgesehen, Glücks-
rittern und Beutehaschern, wie sie sich in Zeiten des Kampfes auf
beiden Seiten einzufinden pflegen. Ich wußte mir ja das Benehmen
dieser Gegner zu erklären und hatte überdies erfahren, daß die Psycho-
analyse das Schlechteste eines jeden Menschen zum Vorschein bringt.
Aber ich beschloß, nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte,
auch andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen Be-
dingungen des Streits um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, die Majo-
risierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher, und mein
Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der Herren Gegner
war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß es den wenigsten
Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen Streit manierlich, geschweige
denn sachlich zu bleiben, und der Eindruck eines wissenschaftlichen
Gezänkes war mir von jeher eine Abschreckung. Vielleicht hat man
dieses mein Benehmen mißverstanden, mich für so gutmütig oder so1)Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia“ (vol. XIV, 1913).
Das Interesse an der Psychoanalyse.S.
235
eingeschüchtert gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht
zu nehmen brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und
wüten wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen
der zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum
ziehe ich die völlige Enthaltung vor.Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen,
wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich freien Lauf
gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten Erklärungsversuch
der Entstehung der Psychoanalyse aus dem Wiener Milieu ver-
nommen; Janet hat es noch 1913 nicht verschmäht, sich seiner zu
bedienen, obwohl er gewiß stolz darauf ist, Pariser zu sein. Das Aperçu
lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen
führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur in
einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre von Sinn-
lichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd sei, und
stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische Projektion dieser
besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich bin wahrhaftig kein
Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir immer ganz besonders un-
sinnig erschienen, so unsinnig, daß ich manchmal geneigt war, an-
zunehmen, der Vorwurf des Wienertums sei nur eine euphemistische
Vertretung für einen andern, den man nicht gerne öffentlich vor-
bringen wolle. Wenn die Voraussetzungen die gegensätzlichen wären,
dann ließe sich die Sache hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt,
deren Bewohner sich besondere Einschränkungen in der sexuellen
Befriedigung auferlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung
zu schweren neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese
Stadt allerdings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall be-
kommen könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen
und die eine aus der andern abzuleiten. Nun trifft keine der beiden
Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter
noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen
sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf ihre
Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese wienerischen
Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen Beobachter eher in
die Irre führen als ihn über die Verursachung der Neurosen auf-
klären.Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren Anteil
an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An keinem
anderen Ort ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und der ge-
meinen Welt gegen die Psychoanalyse so lange und so hartnäckig
aufrecht erhalten worden wie in Wien.S.
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bildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie gerade in
Wien.Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine die breite
Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder zugegeben
hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesellschaften Wiens
in lärmenden Sitzungen beschäftigte, wobei sich alle Leidenschaften
entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven laut geworden wären,
die man gegeneinander auf der Zunge oder im Sinne trägt, vielleicht
wäre heute der Bann gegen die Psychoanalyse überwunden und diese
keine Fremde mehr in ihrer Heimatstadt. So aber – mag der Dichter
recht behalten, der seinen Wallenstein sagen läßt:„Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
daß ich um ein Spektakel sie betrog.“Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der
Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkürlichkeiten
vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner Schrift (Die Psych-
analyse Freuds. Verteidigung und kritische Bemerkungen) auf
genommen und in ehrenvollster Weise gelöst. Eine Anpreisung dieser
nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit durch meine Person wäre so
selbstverständlich, daß ich mich beeilen will, zu sagen, was ich an ihr
auszusetzen habe. Sie scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu
nachsichtig gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Ver-
fehlungen der Anhänger. Dieser Charakterzug mag dann auch erklären,
warum das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von so un-
zweifelhafter Kompetenz und Unabhängigkeit nicht mehr Einfluß
auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affektivität“ (1906)
darf sich nicht darüber verwundern, wenn die Wirkung einer Arbeit
sich nicht von ihrem Argumentwert, sondern von ihrem Affektton
bestimmt zeigt. Einen andern Teil dieser Wirkung – die auf die
Anhänger der Psychoanalyse – hat Bleuler später selbst zerstört,
indem er in seiner „Kritik der Freudschen Theorie“ 1913 die Kehr-
seite seiner Einstellung zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte.
Er trägt darin so viel von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre
ab, daß die Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zu
frieden sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers
dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen, sondern
einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, deren
Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren Arbeiten selbstS.
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bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein schwer zu ver-
schmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner letzten Äußerung
(Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich Bleuler angesichts
der Angriffe, welche ihm die Einführung der Psychoanalyse in sein
Buch über die Schizophrenie eingetragen haben, zu dem auf, was er selbst
eine „Überhebung“ heißt. „Jetzt aber will ich die Überhebung be-
gehen: Ich meine, daß die verschiedenen bisherigen Psychologien
zur Erklärung der Zusammenhänge psychogenetischer Symptome
und Krankheiten arg wenig geleistet haben, daß aber die Tiefenpsy-
chologie ein Stück derjenigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt,
welcher der Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell
zu heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie einen
ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die ersten
beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag ein Irrtum
sein.“Da mit der „Tiefenpsychologie“ nichts anderes gemeint ist
als die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorderhand
zufrieden sein.III.
Mach es kurz!
Am Jüngsten Tag ist’s nur ein Furz.
Goethe.Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910). In
der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der Aufnahme
in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen Ländern
und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der Züricher, eine
Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines Freundes S. Ferenczi
auf jenem zweiten Kongreß zur Ausführung brachte. Ich gedachte, die
psychoanalytische Bewegung zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach
Zürich zu verlegen und ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zu-
kunft in acht nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch
unter den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges getan
habe.Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung,
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung sei. Ein Ort wie Zürich,
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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung1914-004/1914
1914-004/1914/2