• S.

    6

    kommnis erklären müssen. Ich muss nun behaupten, dass das
    Namenvergessen mit Fehlerinnern ungemein häufig so zugeht,
    wie wir es im Falle: Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal,
    da ich dies Phänomen bei mir selbst beobachten konnte, war
    ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten Weise als durch
    Verdrängung motiviert zu erklären. Ich muss auch noch einen
    anderen Gesichtspunkt zu Gunsten der typischen Natur unserer
    Analyse geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt ist,
    die Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnern principiell von
    solchen zu trennen, in denen sich unrichtige Ersatznamen
    nicht eingestellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer
    Anzahl von Fällen spontan, in anderen Fällen, wo sie nicht
    spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch Anstrengung der
    Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann
    die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Element und zum
    gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für
    das Bewusstwerden der Ersatznamen scheinen zwei Momente
    massgebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit,
    zweitens eine innere Bedingung, die am psychischen Material
    haftet. Ich könnte letztere in der grösseren oder geringeren
    Leichtigkeit suchen, mit welcher sich die benötigte äusserliche
    Association zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein guter
    Teil der Fälle von Namenvergessen ohne Fehlerinnern schliesst
    sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung an, für welche der
    Mechanismus des Beispieles: Signorelli gilt. Ich werde mich
    aber gewiss nicht der Behauptung erkühnen, dass alle Fälle von
    Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. Es
    giebt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen, die weit ein
    facher zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl richtig dar-
    sprechen: Neben dem ein
    fachen Vergessen von Eigennamen kommt auch ein
    Vergessen vor, welches durch Verdrängung moti-
    viert ist.

    II.

    Vergessen von fremdsprachigen Worten.

    Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache
    scheint innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Ver-
    gessen geschützt1). Anders steht es bekanntlich mit den Vocabeln

    1)Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären
    kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass Vor-
    namen, die doch nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen teilen,
    dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines Tages kam
    ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer Bruder einer Patientin, den
    ich ungezählte Male gesehen hatte und dessen Person ich mit dem Vor-
    namen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von seinem Besuch er-
    zählen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste, keineswegs ungewöhnlichen
    Vornamen vergessen und konnte ihn durch keine Hilfe zurückrufen. Ich
    ging dann auf die Strasse, um Firmenschilder zu lesen, und erkannte den

  • S.

    7

    einer fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen derselben
    ist für alle Rede-
    teile vorhanden, und ein erster Grad von Funk-
    tionsstörung zeigt sich in der Ungleichmässigkeit unserer Ver-
    fügung über den fremden Sprachschatz je nach unserem Allgemein-
    befinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses Vergessen
    geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus
    vor sich, den uns das Beispiel: Signorelli enthüllt hat. Ich
    werde zum Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle
    Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den
    Fall des Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus
    einem lateinischen Citat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen
    Vorfall breit und anschaulich vorzutragen.

    Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der
    Ferienreise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von aka-
    demischer Bildung, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner
    psychologischen Publikationen vertraut war. Wir waren im Ge-
    spräch — ich weiss nicht mehr wie — auf die sociale Lage des
    Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er, der
    Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, dass seine Gene-
    ration, wie er sich äusserte, zur Verkümmerung bestimmt sei,
    ihre Talente nicht entwickeln und ihre Bedürfnisse nicht be-
    friedigen könne. Er schloss seine leidenschaftlich bewegte Rede
    mit dem bekannten Vergil’schen Vers, in dem die unglück-
    liche Dido ihre Rache an Aeneas der Nachwelt überträgt:
    Exoriare …, vielmehr er wollte so schliessen, denn er
    brachte das Citat nicht zustande und suchte eine offenkundige
    Namen, sowie er mir das erste Mal entgegentrat. Die Analyse belehrte
    mich darüber, dass ich zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder
    eine Parallele gezogen hatte, die in der verdrängten Frage gipfeln wollte:
    Hätte sich mein Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen eine kranke
    Schwester benommen? Die äusserliche Verbindung zwischen dem Ge-
    denken über die fremde und über die eigene Familie war durch den Zufall
    ermöglicht worden, dass die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen
    Amalia tragen. Ich verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen:
    Daniel und Franz, die sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären.
    Es sind dies, wie auch Amalia, Namen aus den Räubern von Schiller, an
    welche sich ein Scherz des Wiener Spaziergängers Daniel Spitzer
    knüpft. — Ein unterdrückter Gedanke über die eigene Person oder die
    eigene Familie wird häufig zum Motiv des Namenvergessens, als ob man
    beständig Vergleiche zwischen sich selbst und den Fremden anstellte. Das
    seltsamste Beispiel dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr
    Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit
    einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen Frau
    vorstellen musste. Da er aber den Namen des Fremden vergessen hatte,
    half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen Gemurmel. Als er
    dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites Mal begegnete,
    nahm er ihn bei Seite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit zu
    helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe.
    Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Menschenkenntnis: „Ich
    glaube es gerne, dass Sie sich meinen Namen nicht gemerkt haben. Ich
    heisse wie Sie Lederer.“ — Man kann sich einer leicht unangenehmen
    Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen eigenen Namen bei einem
    Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich
    mir in der ärztlichen Sprechstunde ein Herr S. Freud vorstellte.

  • S.

    8

    Lücke der Erinnerung durch Umstellung von Worten zu ver-
    decken: Exoriar(e) ex nostris ossibus ultor! Endlich sagte er
    geärgert: „Bitte machen Sie nicht ein so spöttisches Gesicht, als
    ob Sie sich an meiner Verlegenheit weiden würden, und helfen
    Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie heisst er eigent-
    lich vollständig?“

    Gerne, erwiderte ich und citierte, wie es richtig lautet:
    Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus ultor!

    „Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Uebrigens von
    Ihnen hört man ja, dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich
    wäre doch zu neugierig zu erfahren, wie ich zum Vergessen
    dieses unbestimmten Pronomens aliquis komme.“

    Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich
    einen Beitrag zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also:
    Das können wir gleich haben. Ich muss Sie nur bitten, mir
    aufrichtig und kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einfällt,
    wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre Aufmerksamkeit auf das
    vergessene Wort richten1).

    „Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir
    das Wort in folgender Art zu zerteilen: a und liquis.“

    „Was soll das? — „Weiss ich nicht“. — Was fällt Ihnen
    weiter dazu ein? — „Das setzt sich so fort: Reliquien —
    Liquidation — Flüssigkeit — Fluid. Wissen Sie jetzt
    schon etwas?“

    Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.

    „Ich denke, fuhr er höhnisch lachend fort, an Simon von
    Trient, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche
    in Trient gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung,
    die gerade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an
    die Schrift von Kleinpaul, der in all diesen angeblichen
    Opfern Incarnationen, sozusagen Neuauflagen des Heilands sieht.“

    Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem
    Thema, über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische
    Wort entfiel.

    „Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem
    italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er
    war überschrieben: Was der h. Augustinus über die Frauen
    sagt. Was machen Sie damit?“

    Ich warte.

    „Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusam-
    menhang mit unserem Thema steht.“

    Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und —

    „Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten
    Herrn, den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein
    wahres Original. Er sieht aus wie ein grosser Raubvogel.
    Er heisst, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt.“

    1)Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich
    verbergen, dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine „Traumdeutung“, p. 69.

  • S.

    9

    Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und
    Kirchenvätern: Der heilige Simon, St. Augustinus, St. Bene-
    diktus. Ein Kirchenvater hiess, glaube ich, Origines. Drei
    dieser Namen sind übrigens auch Vornamen, wie Paul im Namen
    Kleinpaul.

    „Jetzt fällt mir der heilige Januarius ein und sein Blut-
    wunder – ich finde, das geht mechanisch so weiter.“

    Lassen Sie das, der heilige Januarius und der heilige
    Augustinus haben beide mit dem Kalender zu thun. Wollen
    Sie mich nicht an das Blutwunder erinnern?

    „Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel
    wird in einer Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt,
    welches durch ein Wunder an einem bestimmten Festtage wieder
    flüssig wird. Das Volk hält viel auf dieses Wunder und wird
    sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur Zeit
    einer französischen Occupation geschah. Da nahm der comman-
    dierende General – oder irre ich mich? war es Garibaldi? –
    den geistlichen Herrn bei Seite und bedeutete ihm mit einer sehr
    verständlichen Geberde auf die draussen aufgestellten Soldaten,
    er hoffe, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und
    es vollzog sich wirklich . . .“

    Nun und weiter? Warum stocken Sie?

    „Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen . . . das ist aber
    zu intim für die Mitteilung . . . Ich sehe übrigens keinen Zu-
    sammenhang und keine Nötigung, es zu erzählen.“

    Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie
    ja nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann
    verlangen Sie aber auch nicht von mir zu wissen, auf welchem
    Wege Sie jenes Wort „aliquis“ vergessen haben.

    „Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine
    Dame gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen
    könnte, die uns beiden recht unangenehm wäre.“

    Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?

    „Wie können Sie das erraten?“

    Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend
    darauf vorbereitet. Denken Sie an die Kalenderheiligen,
    an das Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten
    Tage, den Aufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt,
    die deutliche Drohung, dass das Wunder vor sich
    gehen muss, sonst . . . Sie haben ja das Wunder des heiligen
    Januarius zu einer prächtigen Anspielung auf die Periode der
    Frau verarbeitet.

    „Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich,
    wegen dieser ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen
    „aliquis“ nicht reproducieren können?“

    Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an
    Ihre Zerlegung in a—liquis und an die Associationen:
    Reliquien, Liquidation, Flüssigkeit. Soll ich noch den

  • S.

    10

    als Kind hingeopferten heiligen Simon, auf den Sie von
    den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang einflechten?
    „Thun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese
    Gedanken, wenn ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst.
    Ich will Ihnen dafür gestehen, dass die Dame eine Italienerin
    ist, in deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht habe. Kann
    das aber nicht alles Zufall sein?“

    Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie
    sich alle diese Zusammenhänge durch die Annahme eines Zu-
    falls aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche
    Fall, den Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso merk-
    würdige „Zufälle“ führen.

    Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren
    Ueberlassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde,
    zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war,
    aus einer Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin
    zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer Funktionsstörung
    im täglichen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbst-
    beobachtung zu entnehmen. Das weit reichere Material, das mir
    meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu vermeiden,
    weil ich den Einwand fürchten muss, die betreffenden Phänomene
    seien eben Erfolge und Aeusserungen der Neurose. Es hat also
    besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nerven-
    gesunde fremde Person zum Objekt einer solchen Untersuchung
    erbietet. In anderer Hinsicht wird mir diese Analyse bedeu-
    tungsvoll, indem sie einen Fall von Wortvergessen ohne Ersatz-
    erinnern beleuchtet und meinen vorhin aufgestellten Satz be-
    stätigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen
    Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht
    begründen kann.1)

    1)Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse:
    Signorelli und der: aliquis betreffs der Ersatzerinnerungen um Einiges ein.
    Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer Ersatzbildung begleitet
    zu sein. Als ich an meinen Partner nachträglich die Frage stellte,
    ob ihm bei seinen Bemühungen das fehlende Wort zu erinnern, nicht
    irgend etwas zum Ersatz eingefallen sei, berichtete er, dass er zunächst
    die Versuchung verspürt habe, ein ab in den Vers zu bringen: nostris ab
    ossibus (vielleicht das unverknüpfte Stück von a-liquis) und dann, dass
    sich ihm das Exoriare besonders deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe.
    Als Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es das erste Wort des Verses
    war. Als ich ihn bat, doch auf die Associationen von Exoriare aus zu
    achten, gab er mir Exorcismus an. Ich kann mir also sehr wohl denken,
    dass die Verstärkung von Exoriare in der Reproduktion eigentlich den
    Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe wäre über die Associa-
    tion Exorcismus von den Namen der Heiligen her erfolgt. Indess sind
    dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht. – Es erscheint
    nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer Art von Ersatz-
    erinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein charakteristisches und
    verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch Verdrängung motivierten
    Vergessens ist. Diese Ersatzbildung bestände auch dort, wo das Auftauchen
    unrichtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in der Verstärkung eines Elementes,

  • S.

    11

    Der Hauptwert des Beispiels: aliquis ist aber in einem
    anderen seiner Unterschiede von dem Falle: Signorelli gelegen.
    Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört
    durch die Nachwirkung eines Gedankenganges, der kurz vorher
    begonnen und abgebrochen wurde, dessen Inhalt aber in keinem
    deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem
    der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten
    und dem Thema des vergessenen Namens bestand blos die Be-
    ziehung der zeitlichen Contiguität; dieselbe reichte hin, damit sich
    die beiden durch eine äusserliche Association in Verbindung
    setzen konnten.1) Im Beispiele: aliquis hingegen ist von einem
    solchen unabhängigen verdrängten Thema, welches unmittelbar
    vorher das bewusste Denken beschäftigt hätte und nun als Störung
    nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Reproduktion
    erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen Themas heraus,
    indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Citat dar-
    gestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang
    in folgender Art construieren: Der Redner hat bedauert, dass
    die gegenwärtige Generation seines Volkes in ihren Rechten
    verkürzt wird; eine neue Generation, weissagt er wie Dido, wird
    die Rache an den Bedrängern übernehmen. Er hat also den
    Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem
    Momente fährt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen.
    „Wünschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das
    ist nicht wahr. In welche Verlegenheit kämest du, wenn du
    jetzt die Nachricht erhieltest, dass du von der einen Seite, die
    du kennst, Nachkommen zu erwarten hast? Nein, keine Nach-
    kommenschaft, wiewohl wir sie für die Rache brauchen.“ Dieser
    Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie
    im Beispiel: Signorelli eine äusserliche Association zwischen
    einem seiner Vorstellungselemente und einem Elemente des be-
    anstandenen Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine
    höchst gewaltsame Weise durch einen gekünstelt erscheinenden
    Associationsumweg. Eine zweite wesentliche Uebereinstimmung
    mit dem Beispiel Signorelli ergiebt sich daraus, dass der Wider-
    spruch aus verdrängten Quellen stammt und von Gedanken aus-
    welches dem vergessenen benachbart ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B.
    solange mir der Name des Malers unzugänglich blieb, die visuelle Er-
    innerung an den Cyclus von Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes
    angebrachtes Selbstporträt überdeutlich, jedenfalls weit intensiver als
    visuelle Erinnerungsspuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen
    Falle, der gleichfalls in der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich
    von der Adresse eines mir unbequemen Besuches in einer fremden Stadt
    den Strassennamen hoffnungslos vergessen, die Hausnummer aber – wie zum
    Spott – überdeutlich gemerkt, während sonst das Erinnern von Zahlen
    mir die grösste Schwierigkeit bereitet.

    1)Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen
    den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller Ueber-
    zeugung einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Gedanken
    über das Thema von Tod und Sexuallen stösst man doch auf eine Idee,
    die sich mit dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt.

  • S.

    12

    geht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit hervorrufen
    würden. – Soviel über die Verschiedenheit und über die innere
    Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens.
    Wir haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen
    gelernt, die Störung eines Gedankens durch einen aus dem Ver-
    drängten kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem
    Vorgang, der uns als der leichter verständliche erscheint, im
    Laufe dieser Erörterungen noch wiederholt begegnen.

    III.

    Ueber die Deckerinnerungen.

    In einer zweiten Abhandlung (1899 in dieser Zeitschrift ver-
    öffentlicht) habe ich die tendenziöse Natur unseres Erinnerns an
    unvermuteter Stelle nachweisen können. Ich bin von der auf-
    fälligen Thatsache ausgegangen, dass die frühesten Kindheits-
    erinnerungen des Menschen häufig bewahrt zu haben scheinen,
    was gleichgiltig und nebensächlich ist, während von wichtigen,
    eindrucksvollen und affectreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig,
    gewiss nicht allgemein!) sich im Gedächtnis des Erwachsenen
    keine Spur vorfindet. Da es bekannt ist, dass das Gedächtnis
    unter den ihm dargebotenen Eindrücken eine Auswahl trifft,
    stände man hier vor der Annahme, dass diese Auswahl im
    Kindesalter nach ganz anderen Principien vor sich geht als zur
    Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist
    aber nach, dass diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten
    Kindheitserinnerungen verdanken ihre Existenz einem Ver-
    schiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der Reproduction für
    andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich
    durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lässt, deren directe
    Reproduction aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da
    sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer
    associativen Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, ver-
    drängten, verdanken, haben sie auf den Namen „Deckerinnerungen“,
    mit welchem ich sie ausgezeichnet habe, begründeten Anspruch.

    Die Mannigfaltigkeit in den Beziehungen und Bedeutungen
    der Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur
    gestreift, keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich ana-
    lysierten Beispiel habe ich eine Besonderheit der zeitlichen Re-
    lation zwischen der Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten
    Inhalt besonders hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung
    gehörte dort nämlich einem der ersten Kinderjahre an, während
    die durch sie im Gedächtnis vertretenen Gedankenerlebnisse, die
    fast unbewusst geblieben waren, in späte Jahre des Betreffenden
    fielen. Ich nannte diese Art der Verschiebung eine rück-
    greifende oder rückläufige. Vielleicht noch häufiger be-
    gegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein in-
    differenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung
    im Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Ver-