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Zur Psychopathologie des Alltagslebens
(Vergessen, Versprechen, Vergreifen)
nebst Bemerkungen über eine Wurzel des
Aberglaubens.Von
Dr. Sigm. Freud
in Wien.
„Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll.“
Faust, II. T., V. Akt.I.
Vergessen von Eigennamen.
Im Jahrgange 1898 dieser Zeitschrift habe ich unter dem
Titel „Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit“ einen
kleinen Aufsatz veröffentlicht, dessen Inhalt ich hier wieder-
holen und zum Ausgang für weitere Erörterungen nehmen werde.
Ich habe dort den häufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von
Eigennamen an einem praegnanten Beispiel aus meiner Selbst-
beobachtung der psychologischen Analyse unterzogen und bin
zum Ergebnis gelangt, dass dieser gewöhnliche und praktisch
nicht sehr bedeutsame Einzelfall vom Versagen einer psychi-
schen Funktion – des Erinnerns – eine Aufklärung zulässt,
welche weit über die gebräuchliche Verwertung des Phänomens
hinausführt.Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem
man die Erklärung forderte, wie es zugehe, dass Einem so oft
ein Name nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich
begnügen zu antworten, dass Eigennamen dem Vergessen leichter
unterliegen als andersartiger Gedächtnisinhalt. Er würde die
plausibeln Gründe für solche Bevorzugung der Eigennamen an-
führen, eine anderweitige Bedingtheit des Vorganges aber nicht
vermuten.Für mich wurde zum Anlass einer eingehenderen Beschäf-
tigung mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die
Beobachtung gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen
Fällen, aber in einzelnen deutlich genug erkennen lassen. In
solchen Fällen wird nämlich nicht nur vergessen, sondern
auch falsch erinnert. Dem sich um den entfallenen Namen
Bemühenden kommen andere – Ersatznamen – zum Be-
wusstsein, die zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich
aber doch mit grosser Zähigkeit immer wieder aufdrängen. DerS.
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Vorgang, der zur Reproduktion des gesuchten Namens führen
soll, hat sich gleichsam verschoben und so zu einem unrich-
tigen Ersatz geführt. Meine Voraussetzung ist nun, dass diese
Verschiebung nicht psychischer Willkür überlassen ist, sondern
gesetzmässige und berechenbare Bahnen einhält. Mit anderen
Worten, ich vermute, dass der oder die Ersatznamen in einem
aufspürbaren Zusammenhang mit dem gesuchten Namen stehen,
und hoffe, wenn es mir gelingt, diesen Zusammenhang nachzu-
weisen, dann auch Licht über den Hergang des Namenvergessens
zu verbreiten.In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiele war
es der Name des Meisters, welcher im Dom von Orvieto die
grossartigen Fresken von den „letzten Dingen“ geschaffen, den
zu erinnern ich mich vergebens bemühte. Anstatt des gesuchten
Namens – Signorelli – drängten sich mir zwei andere Namen
von Malern auf – Botticelli und Boltraffio, die mein
Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als mir der
richtige Name von fremder Seite mitgeteilt wurde, erkannte ich
ihn sogleich und ohne Schwanken. Die Untersuchung, durch
welche Einflüsse und auf welchen Associationswegen sich die
Reproduktion in solcher Weise – von Signorelli auf Botti-
celli und Boltraffio – verschoben hatte, führte zu folgenden
Ergebnissen:a) Der Grund für das Entfallen des Namens Signorelli
ist weder in einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in
einem psychologischen Charakter des Zusammenhanges zu suchen,
in welchen derselbe eingefügt war. Der vergessene Name war
mir ebenso vertraut wie der eine der Ersatznamen – Botticelli
– und ungleich vertrauter als der andere der Ersatznamen –
Boltraffio –, von dessen Träger ich kaum etwas anderes anzu-
geben wüsste als seine Zugehörigkeit zur mailändisch-
Schule.
Der Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen er-
eignete, erscheint mir harmlos und führt zu keiner weiteren
Aufklärung: Ich machte mit einem Fremden eine Wagenfahrt
von Ragusa in Dalmatien nach einer Station der Hercegovina;
wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und ich fragte
meinen Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort
die berühmten Fresken des *** besichtigt habe.b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema
erinnere, und giebt sich als eine Störung des neu auftauchenden
Themas durch das vorhergehende zu erkennen. Kurz, ehe ich
an meinen Reisegefährten die Frage stellte, ob er schon in
Orvieto gewesen, hatten wir uns über die Sitten der in Bosnien
und in der Hercegovina lebenden Türken unterhalten. Ich
hatte erzählt, was ich von einem unter diesen Leuten praktizi-
renden Kollegen gehört hatte, dass sie sich voll Vertrauen in
den Arzt und voll Ergebung in das Schicksal zu zeigen pflegen.
Wenn man ihnen ankündigen muss, dass es für den KrankenS.
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keine Hilfe gibt, so antworten sie: „Herr, was ist da zu
sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre, hättest Du ihn ge-
rettet.“ – Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und
Namen: Bosnien, Hercegovina, Herr vor, welche sich in
eine Associationsreihe zwischen Signorelli und Botticelli –
Boltraffio einschalten lassen.c) Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten
der Türken in Bosnien etc. die Fähigkeit, einen nächsten Ge-
danken zu stören, darum zukam, weil ich ihr meine Aufmerk-
samkeit entzogen hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht war.
Ich erinnere nämlich, dass ich eine zweite Anekdote erzählen
wollte, die nahe bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte.
Diese Türken schätzen den Sexualgenuss über Alles und ver-
fallen bei sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, welche
seltsam gegen ihre Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer
der Patienten meines Kollegen hatte ihm einmal gesagt: „Du
weisst ja, Herr, wenn das nicht mehr geht, dann hat das Leben
keinen Wert“. Ich unterdrückte die Mitteilung dieses charakte-
ristischen Zuges, weil ich das heikle Thema nicht im Gespräch
mit einem Fremden berühren wollte. Ich that aber noch mehr;
ich lenkte meine Aufmerksamkeit auch von der Fortsetzung der
Gedanken ab, die sich bei mir an das Thema „Tod und
Sexualität“ hätten knüpfen können. Ich stand damals unter der
Nachwirkung einer Nachricht, die ich wenige Wochen vorher
während eines kurzen Aufenthaltes in Trafoi erhalten hatte.
Ein Patient, mit dem ich mir viel Mühe gegeben, hatte wegen
einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende ge-
macht. Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die
Hercegowina dieses traurige Ereignis und alles, was damit zu-
sammenhängt, nicht zur bewussten Erinnerung kam. Aber die
Uebereinstimmung Trafoi – Boltraffio nötigt mich anzu-
nehmen, dass damals diese Reminiscenz trotz der absichtlichen
Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit ge-
bracht worden ist.d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht
mehr als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muss den Ein-
fluss eines Motivs bei diesem Vorgang anerkennen. Es waren
Motive, die mich veranlassten, mich in der Mitteilung meiner
Gedanken (über die Sitten der Bosnier etc.) zu unterbrechen,
und die mich ferner beeinflussten, die daran sich knüpfenden
Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi geführt hätten, in
mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich wollte also
etwas vergessen, ich hatte etwas verdrängt. Ich wollte aller-
dings etwas anderes vergessen als den Namen des Meisters von
Orvieto; aber dieses andere brachte es zustande, sich mit diesem
Namen in associative Verbindung zu setzen, so dass mein
Willensakt das Ziel verfehlte, und ich das eine wider Willen
vergass, während ich das andere mit Absicht vergessen wollte.
Die Abneigung zu erinnern richtete sich gegen den einenS.
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Inhalt; die Unfähigkeit zu erinnern trat an einem anderen her-
vor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn Abneigung
und Unfähigkeit zu erinnern denselben Inhalt beträfen. —
Die Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so völlig un-
berechtigt wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art
eines Compromisses) eben so sehr an das, was ich vergessen,
wie an das, was ich erinnern wollte, und zeigen mir, dass meine
Absicht, etwas zu vergessen, nicht ganz gelungen ist.e. Sehr auffällig ist die Art der Verknüpfung, die sich
zwischen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema
(von Tod und Sexualität etc., in dem die Namen Bosnien, Her-
cegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt hat. Das hier einge-
schaltete, aus der Abhandlung des Jahres 1898 wiederholte
Schema sucht diese Verknüpfung anschaulich darzustellen.Signorelli
Botticelli
Baltraffio
Hercegowina u. Bosnien
Thema von Tod und Sexualität
Herr was ist da zu sagen etc.
Verdrängte Gedanken. – Traffoi
Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden.
Das eine Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert
wiedergekehrt (elli), das andere hat durch die Uebersetzung
Signor-
Herr mehrfache und verschiedenartige Beziehungen zu
den im verdrängten Thema enthaltenen Namen gewonnen, ist
aber dadurch für die Reproduktion verloren gegangen. Sein
Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine Verschiebung längs der
Namenverbindung „Hercegowina und Bosnien“ vorgenommen
worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn und auf die acoustische
Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind also bei
diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die Schriftbilder
eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden
soll. Von dem ganzen Hergang, der anstatt des Namens Sig-
norelli auf solchen Wegen die Ersatznamen geschaffen hat, ist
dem Bewusstsein keine Kunde gegeben worden. Eine BeziehungS.
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zwischen dem Thema, in dem der Name Signorelli vorkam, und
dem zeitlich ihm vorangehenden verdrängten Thema, welche
über diese Wiederkehr gleicher Silben (oder vielmehr Buch-
stabenfolgen) hinausginge, scheint zunächst nicht auffindbar
zu sein.Es ist vielleicht nicht überflüssig zu bemerken, daß die von
den Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion
und des Vergessens, die in gewissen Relationen und Disposi-
tionen gesucht werden, durch die vorstehende Aufklärung einen
Widerspruch nicht erfahren. Wir haben nur für gewisse Fälle
zu all den längst anerkannten Momenten, die das Vergessen
eines Namens bewirken können, noch ein Motiv hinzugefügt,
und überdies den Mechanismus des Fehlerrinnerns klar gelegt.
Jene Dispositionen sind auch für unseren Fall unentbehrlich,
um die Möglichkeit zu schaffen, daß das verdrängte Element
sich associativ des gesuchten Namens bemächtige und es mit
sich in die Verdrängung nehme. Bei einem anderen Namen mit
günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre dies vielleicht nicht
geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, daß ein unterdrücktes
Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung
zu bringen, diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm ge-
eignete Bedingungen entgegenkommen. Andere Male gelingt
die Unterdrückung ohne Funktionsstörung, oder, wie wir mit
Recht sagen können, ohne Symptome.Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen
eines Namens mit Fehlerrinnern ergiebt also: 1. eine gewisse
Disposition zum Vergessen desselben, 2. einen kurz vorher ab-
gelaufenen Unterdrückungsvorgang, 3. die Möglichkeit, eine
äusserliche Association zwischen dem betreffenden Namen und
dem vorher unterdrückten Element herzustellen. Letztere Be-
dingung wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen
müssen, da bei den geringen Ansprüchen an die Association
eine solche in den allermeisten Fällen durchzusetzen sein dürfte.
Eine andere und tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche
äusserliche Association wirklich die genügende Bedingung dafür
sein kann, daß das verdrängte Element die Reproduktion des
gesuchten Namens störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer
Zusammenhang der beiden Themata erfordert wird. Bei ober-
flächlicher Betrachtung würde man letztere Forderung abweisen
wollen und das zeitliche Aneinanderstossen bei völlig dis-
paratem Inhalt für genügend halten. Bei eingehender Unter-
suchung findet man aber immer häufiger, daß die beiden durch
eine äusserliche Association verknüpften Elemente (das verdrängte
und das neue) ausserdem einen inhaltlichen Zusammenhang be-
sitzen, und auch in dem Beispiel: Signorelli läßt sich ein
solcher erweisen.Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Bei-
spiels: Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon ab,
ob wir diesen Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vor-S.
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kommnis erklären müssen. Ich muss nun behaupten, dass das
Namenvergessen mit Fehlerinnern ungemein häufig so zugeht,
wie wir es im Falle: Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal,
da ich dies Phänomen bei mir selbst beobachten konnte, war
ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten Weise als durch
Verdrängung motiviert zu erklären. Ich muss auch noch einen
anderen Gesichtspunkt zu Gunsten der typischen Natur unserer
Analyse geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt ist,
die Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnern principiell von
solchen zu trennen, in denen sich unrichtige Ersatznamen
nicht eingestellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer
Anzahl von Fällen spontan, in anderen Fällen, wo sie nicht
spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch Anstrengung der
Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann
die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Element und zum
gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für
das Bewusstwerden der Ersatznamen scheinen zwei Momente
massgebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit,
zweitens eine innere Bedingung, die am psychischen Material
haftet. Ich könnte letztere in der grösseren oder geringeren
Leichtigkeit suchen, mit welcher sich die benötigte äusserliche
Association zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein guter
Teil der Fälle von Namenvergessen ohne Fehlerinnern schliesst
sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung an, für welche der
Mechanismus des Beispieles: Signorelli gilt. Ich werde mich
aber gewiss nicht der Behauptung erkühnen, dass alle Fälle von
Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. Es
giebt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen, die weit ein
facher zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl richtig dar-
sprechen: Neben dem ein
fachen Vergessen von Eigennamen kommt auch ein
Vergessen vor, welches durch Verdrängung moti-
viert ist.II.
Vergessen von fremdsprachigen Worten.
Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache
scheint innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Ver-
gessen geschützt1). Anders steht es bekanntlich mit den Vocabeln1)Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären
kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass Vor-
namen, die doch nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen teilen,
dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines Tages kam
ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer Bruder einer Patientin, den
ich ungezählte Male gesehen hatte und dessen Person ich mit dem Vor-
namen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von seinem Besuch er-
zählen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste, keineswegs ungewöhnlichen
Vornamen vergessen und konnte ihn durch keine Hilfe zurückrufen. Ich
ging dann auf die Strasse, um Firmenschilder zu lesen, und erkannte den
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