• S.

    27

    V.

    Verlesen und Verschreiben.

    Dass für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen
    Gesichtspunkte und Bemerkungen Geltung haben wie für die
    Sprechfehler, ist bei der inneren Verwandtschaft dieser Funktionen
    nicht zu verwundern. Ich werde mich hier darauf beschränken,
    einige sorgfältig analysierte Beispiele mitzuteilen, und keinen Ver-
    such unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu umfassen.

    A. Verlesen.

    a) Ich durchblättere im Cafehaus eine Nummer der „Leipziger
    Illustrierten“, die ich schräg von mir halte, und lese als Unter-
    schrift eines sich über eine Seite erstreckenden Bildes: Eine
    Hochzeitsfeier in der Odyssee. Aufmerksam geworden und
    verwundert rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetzt:
    Eine Hochzeitsfeier an der Ostsee. Wie komme ich zu diesem
    unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf
    ein Buch von Ruths „Experimentaluntersuchungen über Musik-
    phantome etc.“, das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat,
    weil es nahe an die von mir behandelten psychologischen Probleme
    streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches
    „Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene“ heissen wird.
    Kein Wunder, dass ich, der ich eben eine „Traumdeutung“ ver-
    öffentlicht habe, mit grösster Spannung diesem Buch entgegen-
    sehe. In der Schrift Ruth’s über Musikphantome fand ich vorne
    im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführlichen induk-
    tiven Nachweises, dass die althellenischen Mythen und Sagen
    ihre Hauptwurzeln in Schlummer-
    und Musikphantomen, in
    Traumphänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals
    sofort im Text nach, um herauszufinden, ob er auch um die
    Zurückführung der Szene, wie Odysseus vor Nausikaa er-
    scheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum wisse. Mich hatte
    ein Freund auf die schöne Stelle in G. Keller’s „Grünem
    Heinrich“ aufmerksam gemacht, welche diese Episode der Odyssee
    als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat irrenden
    Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum Exhibitions-
    traum der Nacktheit hinzugefügt (p. 170). Bei Ruth’s ent-
    deckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle
    offenbar Prioritätsgedanken.

    b) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen:
    „Im Fass durch Europa, anstatt: zu Fuss?“ Diese Auflösung
    bereitete mir lange Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle
    deuteten allerdings: Es müsse das Fass des Diogenes gemeint
    sein, und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über
    die Kunst zur Zeit Alexander’s gelesen. Es lag dann nahe, an
    die bekannte Rede Alexander’s zu denken: Wenn ich nicht
    Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir
    etwas von einem gewissen Hermann Zeitung vor, der in einer

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    Kiste verpackt sich auf Reisen begeben hatte. Aber weiter
    wollte sich der Zusammenhang nicht herstellen, und es gelang
    mir nicht, die Seite in der Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen,
    auf welcher mir jene Bemerkung in’s Auge gefallen war. Erst
    Monate später fiel mir das bei Seite geworfene Rätsel plötzlich
    wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich er-
    innerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, wo
    für sonderbare Arten der Beförderung die Leute jetzt wählten,
    um nach Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch,
    wie ich glaube, scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein
    Herr die Absicht habe, sich von einem anderen Herrn in einem
    Fass nach Paris rollen lassen. Natürlich hätten diese Leute
    kein anderes Motiv, als durch solche Thorheiten Aufsehen zu
    machen. Hermann Zeitung war in der That der Name
    desjenigen Mannes, der für solche aussergewöhnliche Beförderungen
    das erste Beispiel gegeben hatte. Dann fiel mir ein, dass ich
    einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte Angst vor
    der Zeitung sich als Reaction gegen den krankhaften Ehrgeiz
    auflöste, sie gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt
    zu sehen. Der macedonische Alexander war gewiss einer der ehr-
    geizigsten Männer, die je gelebt. Er klagte ja, dass er keinen
    Homer finden werde, der seine Thaten besinge. Aber wie konnte
    ich nur nicht daran denken, dass ein anderer Alexander mir
    näher stehe, dass Alexander der Name meines jüngeren Bruders
    ist! Ich fand nun sofort den anstössigen und der Verdrängung
    bedürftigen Gedanken in Betreff dieses Alexander’s und die ak-
    tuelle Veranlassung für ihn. Mein Bruder ist Sachverständiger
    in Dingen, die Tarife und Transporte angehen, und sollte zu
    einer gewissen Zeit für seine Lehrthätigkeit an einer kommer-
    ziellen Hochschule den Titel Professor erhalten. Für die gleiche
    Beförderung bin ich an der Universität seit mehreren Jahren
    vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu haben. Unsere Mutter äusserte
    damals ihr Befremden darüber, dass ihr kleiner Sohn eher Pro-
    fessor werden sollte als ihr grosser. So stand es zur Zeit, als
    ich die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann
    erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine
    Chancen Professor zu werden fielen noch unter die meinigen.
    Da aber wurde mir plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar;
    es war, als hätte die Minderung in den Chancen des Bruders
    ein Hindernis beseitigt. Ich hatte mich so benommen, als läse
    ich die Ernennung des Bruders zum Professor in der Zeitung,
    und sagte mir dabei: Merkwürdig, dass man wegen solcher
    Dummheiten (wie er sie als Beruf betreibt) in der Zeitung stehen
    (d. h. zum Professor ernannt werden) kann! Die Stelle über
    die hellenistische Kunst im Zeitalter Alexander’s schlug ich dann
    ohne Mühe auf und überzeugte mich zu meinem Erstaunen, dass
    ich während des vorherigen Suchens wiederholt auf derselben
    Seite gelesen und jedesmal wie unter der Herrschaft einer nega-
    tiven Hallucination den betreffenden Satz übergangen hatte. Dieser

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    enthielt übrigens gar nichts, was mir Aufklärung brachte, was
    des Vergessens wert gewesen wäre. Ich meine, das Symptom
    des Nichtauffindens im Buche ist nur zu meiner Irreführung
    geschaffen worden. Ich sollte die Fortsetzung der Gedankenver-
    knüpfung dort suchen, wo meiner Nachforschung ein Hindernis
    in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee über den
    macedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder
    sicherer abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich
    richtete alle meine Bemühungen darauf, die verlorene Stelle in
    jener Kunstgeschichte wieder aufzufinden.

    Der Doppelsinn des Wortes „Beförderung“ ist in diesem
    Falle die Associationsbrücke zwischen den zwei Gedankenkreisen,
    dem unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und
    dem interessanteren, aber anstössigen, der sich hier als Störung
    des zu Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem
    Beispiel, dass es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie
    diesen Lesefehler aufzuklären. Gelegentlich ist man auch ge-
    nötigt, die Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu ver-
    schieben. Je schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist,
    desto sicherer darf man erwarten, dass der endlich aufgedeckte
    störende Gedanke von unserem bewussten Denken als fremdartig
    und gegensätzlich beurteilt werden wird.

    c) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wien’s,
    der mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch
    sofort meine Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf,
    dass die arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den
    Aerzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein
    Bedauern kleide, muss aber etwas falsch geklungen haben, denn
    meine Frau wird misstrauisch, verlangt den Brief zu sehen und
    äussert als ihre Ueberzeugung, so könne es nicht darin stehen,
    denn niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes,
    und überdies sei der Korrespondentin der Vorname der Frau
    sehr wohl bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hart-
    näckig und verweise auf die so gebräuchlichen Visitkarten,
    auf denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes
    bezeichnet. Ich muss endlich den Brief zur Hand nehmen, und
    wir lesen darin thatsächlich, „der arme W. M.“ ja sogar, was
    ich ganz übersehen hatte: „der arme Dr. W. M.“ Mein Ver-
    sehen bedeutete also einen, sozusagen krampfhaften, Versuch, die
    traurige Neuigkeit von dem Manne auf die Frau zu überwälzen.
    Der zwischen Artikel, Beiwort und Name eingeschobene Titel passte
    schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau gemeint sein.
    Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser
    Verfälschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger sym-
    pathisch wäre als der Mann, sondern das Schicksal des armen
    Mannes hatte meine Besorgnisse um eine andere, mir nahe
    stehende Person rege gemacht, welche eine der mir bekannten
    Krankheitsbedingungen mit diesem Falle gemeinsam hatte.

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    B. Verschreiben.

    a) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnun-
    gen meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner
    Ueberra-
    schung mitten unter den richtigen Daten des Monats
    September eingeschlossen das verschriebene Datum „Donnerstag,
    20. Okt.“ Es ist nicht schwierig, diese Anticipati-
    on aufzuklären und
    zwar als Ausdruck eines Wunsches. Ich bin wenige Tage vorher
    frisch von der Ferienrei-
    se zurückgekehrt und fühle mich bereit für
    ausgiebige ärztliche Beschäfti-
    gung, aber die Anzahl der Patienten
    ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen Brief von
    einer Kranken vor, die sich für den 20. Oktober ankündig-
    te.
    Als ich die gleiche Tageszahl im September niederschrieb,-
    kann
    ich wohl gedacht haben: „Die X. sollte doch schon da sein; wie
    schade um den vollen Monat!“ und in diesem Gedanken rückte
    ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist in diesem Falle
    kaum ein an-
    stössiger zu nennen; dafür weiss ich auch sofort die
    Auflösung des Schreibfeh-
    lers, nachdem ich ihn erst bemerkt habe.

    b) Ich erhalte die Correktur meines Beitrags zum Jahres-
    bericht für Neurologie und Psychiatrie und muss natürlich mit
    besonderer Sorgfalt die Autornamen revidieren, die, weil verschie-
    denen Nationen angehörig, dem Setzer die grössten Schwierig-
    keiten zu bereiten pflegen. Manchen fremd klingenden Namen
    finde ich wirklich noch zu corrigieren, aber einen einzigen
    deutschen Namen hat merkwürdiger Weise der Setzer gegen
    mein Manuscript verbessert und zwar mit vollem Rechte.
    Ich hatte nämlich Burckhard geschrieben, woraus der Setzer
    Burckhard erriet. Ich hatte die Abhandlung eines Geburts-
    helfers über den Einfluss der Geburt auf die Entstehung der
    Kinderlähmun-
    gen selbst als verdienstlich gelobt, wüsste auch
    nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen
    wie er trägt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch
    über meine „Traumdeutung“ geärgert
    hat. Es ist gerade so, als hätte ich mir bei der Niederschrift-
    der den Geburtshelfer bezeichnete,
    etwas Arges über den anderen B., den Schriftsteller, gedacht,
    denn Namenverdrehen bedeutet häufig genug, wie ich schon
    beim Versprechen erwähnt habe, Schmä-
    hung.1)

    c) Ein anscheinend ernster Fall von Verschreiben, den ich
    vielleicht mit ebensoviel Recht dem „Vergreifen“ einord-
    nen
    könnte: Ich habe die Absicht, mir aus der Postspar-
    cassa die
    Summe von 300 Kronen kommen zu lassen, die ich einem
    zum Kurbrauch abwesenden Verwandten schicken will. Ich


    1)Vgl. etwa die Stelle im Julius Caesar III. 3:
     

    Cinna. Ehrlich, mein Name ist Cinna.
    Bürger. Reisst ihn in Stücke! er ist ein Verschworener.
    Cinna. Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der Ver-
    schworene!
    Bürger. Es thut nichts; sein Name ist Cinna, reisst ihm den Namen
    aus dem Herzen und lasst ihn laufen.

     

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    bemerke dabei, dass mein Conto auf 4380 Kr. lautet und nehme
    mir vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 Kr. herunter-
    zusetzen, die in der nächsten Zeit nicht angegriffen werden soll.
    Nachdem ich den Check ordnungsgemäss ausgeschrieben und die
    der Zahl entsprechenden Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich
    plötzlich, dass ich nicht 380 Kr., wie ich wollte, sondern gerade
    438 bestellt habe, und erschrecke über die Unzuverlässigkeit
    meines Thuns. Den Schreck erkenne ich bald als unberechtigt;
    ich bin ja jetzt nicht ärmer worden, als ich vorher war. Aber
    ich muss eine ganze Weile darüber nachsinnen, welcher Einfluss
    hier meine erste Intention gestört hat, ohne sich meinem Be-
    wusstsein anzukündigen. Ich gerate zuerst auf falsche Wege,
    will die beiden Zahlen, 380 und 438 von einander abziehen,
    weiss aber dann nicht, was ich mit der Differenz anfangen soll.
    Endlich zeigt mir ein plötzlicher Einfall den wahren Zusam-
    menhang. 438 entspricht ja zehn Procent des ganzen Conto von
    4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim Buchhändler!
    Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl
    medizinischer Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben
    ausgesucht, um sie dem Buchhändler gerade für 300 Kronen
    anzubieten. Er fand die Forderung zu hoch und versprach in
    den nächsten Tagen endgiltige Antwort zu sagen. Wenn er
    mein Angebot annimmt, so hat er mir gerade die Summe ersetzt,
    welche ich für den Kranken verausgaben soll. Es ist nicht zu
    verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid thut. Der Affekt
    bei der Wahrnehmung meines Irrthums lässt sich besser verstehen
    als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides,
    das Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte
    Verarmungsangst, sind meinem Bewusstsein völlig fremd; ich
    habe das Bedauern nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte,
    und fände die Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir
    eine solche Regung wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich
    nicht durch die Uebung in Psychoanalysen bei Patienten mit
    dem Verdrängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und
    wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte,
    welcher die nämliche Lösung erforderte1).

    Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die
    leicht zu bestätigende Thatsache, dass wir uns leichter ver-
    schreiben als versprechen (l. c. p. 374). „Im Verlaufe der nor-
    malen Rede ist fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens
    dahin gerichtet, Vorstellungslauf und Artikulationsbewe-
    gung mit einander in Einklang zu bringen. Wird die den Vorstellun-
    gen folgende Ausdrucksbewegung durch mechanische Ursachen
    verlangsamt wie beim Schreiben..., so treten daher solche
    Anticipationen besonders leicht ein.“

    1)Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung:
    „Ueber den Traum“, No. VIII der „Grenzfragen des Nerven-
    lebens“, herausgegeben von Löwenfeld und Kurella 1901, zum Para-
    digma genommen habe.

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    Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Ver
    lesen auftritt, giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht un-
    erwähnt lassen möchte, weil er nach meiner Schätzung der Aus-
    gangspunkt einer fruchtbaren Untersuchung werden kann. Es
    ist jedermann bekannt, wie häufig beim Vorlesen die Auf-
    merksamkeit des Lesenden den Text verlässt und sich eigenen
    Gedanken zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens der Auf-
    merksamkeit ist nicht selten, dass er überhaupt nicht anzugeben
    weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen unter-
    bricht und befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber
    er hat fast immer richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass
    die Lesefehler sich unter solchen Bedingungen merklich ver-
    mehren. Von einer ganzen Reihe von Funktionen sind wir auch
    gewöhnt anzunehmen, dass sie automatisch, also von kaum be-
    wusster Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten vollzogen wer-
    den. Daraus scheint zu folgen, dass die Aufmerksamkeitsbe-
    dingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler anders zu be-
    stimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall oder Nachlass
    der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der Analyse unter-
    zogen haben, geben uns eigentlich nicht das Recht, eine quan-
    titative Verminderung der Aufmerksamkeit anzunehmen; wir
    fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, eine Störung
    der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhebenden
    Gedanken.

    (Schluss im nächsten Heft.)


    Aus der neuropathologischen Abteilung der medizinischen Klinik in Rom.
    (Prof. G. Mingazzini.)

    Ueber Porencephalie.

    Klinische und pathologisch-anatomische Beobachtungen.

    Von

    Prof. Dr. FERRUCCIO SCHUPFER.

    (Hierzu Tafel I–III.)

    Die Fälle von Porencephalie sind in der medizinischen
    Litteratur überhaupt nicht sehr zahlreich und nur sehr wenige
    sind pathologisch-anatomisch gründlich untersucht worden.

    Eine solche eingehende Untersuchung wurde von uns in
    diesem Jahre in einem Fall von Porencephalie an einem Kinde