• S.

    SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEMRE. V.

    kam er zu seiner zwanghaften Frömmigkeit und wie hängen

    alle diese Phänomene zusammen ? Ich erinnere nochmals daran,
    daß unsere therapeutische Arbeit einer ‚späteren rezenten
    neurotischen Erkrankung galt, und daß Aufschlüsse übe
    früheren Probleme sich nur ergeben konnten, wenn der
    lauf der Analyse fiir eine Zeit von der Gegenwart abfiihrte,
    um uns zu dem Umweg durch die kindliche Urzeit zu nötigen.

    IIL. DIE VERFUHRUNG UND IHRE NACHSTEN FOLGEN.

    Die nåchste Vermutung richtete sich begreiflicherweise
    gegen die englische Gouvernante, wåhrend deren Anwesenheit
    die Verånderung des Knaben aufgetreten war. Es waren zwei
    an sich unverständliche Deckerinnerungen erhalten, dic sich
    auf sie bezogen. Sie hatte einmal, als sie vorausging, zu den
    Nachkommenden gesagt: Schauen Sie doch auf mein Schwånz-
    chen! Din andermal war ihr auf einer Fahrt der Hut weg-
    geflogen zur großen Befriedigung der Geschwister. Das deutete
    auf den Kastrationskomplex hin und gestattete etwa die Kon-
    struktion, eine von ihr an den Knaben gerichtete Drohung
    hätte zur Entstehung seines abnormen Benehmens viel bei-
    getragen. Es ist ganz ungefährlich, solche Konstruktionen
    der Analysierten mitzuteilen, sie schaden der Analyse nie-
    mals, wenn sie irrig sind, und man spricht sie doch nicht
    aus, wenn man nicht Aussicht hat, irgend eine Annäherung
    an die Wirklichkeit durch sie zu erreichen. Als nächste Wir-
    kung dieser Aufstellung traten Träume auf, deren Deutung
    nicht vollkommen ‚gelang, die aber immer um -denselben In-
    halt zu spielen schienen, Es handelte sich in ihnen, soweit
    man sie verstehen konnte, um aggressive Handlungen des
    Knaben gegen die Schwester oder gegen die Gouvernante und
    um energische Zurechtweisungen und Züchtigungen dafür. Als

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 15

    hätte er... nach dem Bad ... die Schwester entblóBen . . 、
    ihr die Hüllen ... oder Schleier ‥ abreifen wollen und
    ähnliches. Es gelang aber nicht, aus der Deutung einen sicheren
    Inhalt zu gewinnen, und als man den Eindruck empfangen
    hatte, es werde in diesen Träumen das nämliche Material in
    immer wieder wechselnder Weise verarbeitet, war die Auf-
    fassung dieser angeblichen Reminiszenzen gesichert, Es konnte
    sich nur um Phantasien handeln, die der Träumer irgend ein-
    mal, wahrscheinlich in den Pubertåtsjahren, über seine Kind-
    heit gemacht hatte und die jetzt in so schwer kenntlicher
    Form wiederaufgetaucht waren. | 3
    Ihr Verständnis ergab sich mit einem Schlage, als der

    Patient sich plötzlich der Tatsache besann, die Schwester
    habe ihn ja, „als er noch sehr klein war, auf dem ersten Gut“,
    zu sexuellen Tätlichkeiten verführt. Zunächst kam die Er-
    innerung, daß sie auf dem Abort, den die Kinder häufig ge-
    meinsam benützten, die Aufforderung vorgebracht: Wollen
    wir uns den Popo zeigen, und dem Wort auch die Tat habe
    folgen lassen. Späterhin stellte sich das Wesentlichere der
    Verführung mit allen Einzelheiten der Zeit und der Lokalität
    ein, Es war im Frühjahr, zu einer Zeit, da der Vater abwesend
    war; die Kinder spielten auf dem Boden in cinem Raum, wäh-
    rend im benachbarten die Mutter arbeitete, Die Schwester
    hatte nach seinem Glied gegriffen, damit gespielt und dabei
    unbegreifliche Dinge über die Nanja wie zur Erklärung ge-
    sagt. Die Nanja tue dasselbe mit allen Leuten, z. B. mit dem
    Gartner, sie stelle ihn auf den Kopf und greife dann nach
    seinen Genitalien.

    Damit war das Verständnis der vorhin erratenen Phan-
    tasien gegeben, Sie sollten die Erinnerung an einen Vorgang;
    welcher später dem minulichen Selbstgefühl des Patienten

  • S.

    16 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    anstößig erschien, verlåschen, und erreichten dieses Ziel, in-
    dem sie einen Wunschgegensatz an Stelle der historischen
    Wahrheit setzten. Nach diesen Phantasien hatte nicht er die
    passive Rolle gegen dic Schwester gespielt, sondern im Gegen-
    teile, er war aggressiv gewesen, hatte die Schwester entblößt
    sehen wollen, war zurückgewiesen und bestraft worden und
    darum in die Wut geraten, von der die häusliche Tradition
    soviel erzählte. ;ZweckmiBig war es auch, die Gouvernante

    . in diese Dichtung zu verweben, der nun einmal von Mutter
    und Großmutter die Hauptschuld an seinen Wutanfällen zuge-
    teilt wurde, Diese Phantasien entsprachen also genau der
    Sagenbildung, durch welche eine später große und stolze
    Nation die Kleinheit und das Mifgeschick ihrer Anfänge zu .
    verhüllen sucht.

    In Wirklichkeit konnte die Gouvernante an der Ver-
    führung und ihren Folgen nur einen sehr entlegenen Anteil
    haben. Die Szenen mit der Schwester fanden im Frühjahr
    des nämlichen Jahres statt, in dessen Hochsommermonaten
    die Engländerin als Ersatz der abwesenden Eltern cintrat.
    Die Feindseligkeit des Knaben gegen die Gouvernante kam
    vielmehr. auf eine andere Weise zu stande, Indem sie die
    Kinderfrau: beschimpfte und als Hexe verleumdete, trat sie
    bei ihm in die FuBstapfen der Schwester, die zuerst jene un-
    geheuerlichen Dinge von der Kinderfrau erzåhlt hatte, und
    gestattete ihm so, an ihr die Abneigung zum Vorschein zu
    bringen, dic sich infolge der Verfiihrung, wie wir héren wer-
    den, gegen die Schwester entwickelt hatte.

    Die Verführung durch die Schwester war aber gewiß keine
    Phantasie, Ihre Glaubwiirdigkeit wurde durch eine niemals
    vergessene Mitteilung aus späteren, reifen Jahren erhöht, Ein
    um mehr als ein Jahrzehnt älterer Vetter hatte ihm in einem

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 17

    Gespråch iiber die Schwester gesagt, er erinnere sich sehr
    wohl daran, was fürj vorwitzig sinnliches Ding sie gewesen sei.
    Als Kind von vier oder fiinf Jahren habe sie sich einmal
    auf seinen Schoß gesetzt und ihm die 11086 geöffnet, um
    nach seinem Glied zu greifen.

    Ich möchte jetzt die Kindergeschichte meines Patienten
    unterbrechen, um von dieser Schwester, ihrer Entwicklung,
    weiteren Schicksalen und von ihrem Einfluß auf ihn zu spre-
    chen. Sie war zwei Jahre älter als er und ihm immer voraus
    geblieben, Als Kind bubenhaft unbåndig, schlug sie dann eine
    glänzende, intellektuel'e Entwicklung ein, zeichnete sich durch
    scharfen realistischen Verstand 'aus, bevorzugte die Natur-
    wissenschaften in ihren Studien, produzierte aber auch Ge-
    dichte, die der Vater hoch einschátzte. Ihren zahlreichen
    ersten Bewerbern war sie geistig sehr überlegen, pflegte sich
    über sie lustig zu machen, In den ersten Zwanzigerjahren
    aber begann sie verstimmt zu werden, klagte, daß sie nicht
    schon genug sei, und zog sich von allem Umgang zurück,
    Auf eine Reise in Begleitung einer befreundeten álteren Dame
    geschickt, erzáhlte sie nach ihrer Heimkehr ganz unwahr-
    "scheinliche Dinge, wie sie von ihrer Begleiterin miBhandelt
    worden sei, blieb aber an die vorgebliche Peinigerin offen-
    bar fixiert. Auf einer zweiten Reise bald nachher vergiftete
    sie sich und starb fern vom Hause, Wahrscheinlich entsprach
    ihre Affektion dem Beginne einer Dementia praecox, Sie war
    eine der Zeugen für die ansehnliche neuropathische Hereditát
    in der Familie, keineswegs aber die einzige. Ein Onkel, Vater-
    bruder, starb nach langen Jahren einer Sonderlingsexistenz
    unter Zeichen, die auf eine schwere Zwangsneurose schließen
    lassen; eine gute Anzahl von Seitenverwandten war und ist
    mit leichteren nervósen Störungen behaftet, .

    Freud, Neurosenlehre, V.

    —

    / ゥ ャ ン

  • S.

    18 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Für unseren Patienten war die Schwester in der Kindheit
    — von der Verführung zunächst abgesehen — ein unbequemer
    Konkurrent um die Geltung bei den Eltern, dessen schonungs-
    los gezeigte Überlegenheit er sehr drückend empfand. Er nei-
    dete ihr dann besonders den Respekt, den der Vater vor ihren
    geistigen Fähigkeiten und intellektuellen Leistungen be-
    zeugte, während er, seit seiner Zwangsneurose intellektuell
    gehemmt, sich mit einer geringen Einschätzung begnügen
    mußte. Von seinem vierzehnten Jahr an begann das Ver-
    hältnis der Geschwister sich zu bessern; ähnliche geistige An-
    lage und gemeinsame Opposition gegen die Eltern führten
    sie so weit zusammen, daß sie wie die besten Kameraden mit-
    einander verkehrten, In der stürmischen sexuellen Erregtheit
    sciner Pubertátszcit wagte er es, eine intime körperliche An-
    näherung bei ihr zu suchen: Als sie ihn ebenso entschieden
    als geschickt abgewiesen hatte, wandte er sich von ihr sofort
    zu einem kleinen Bauernmädchen, das im Hause bedienstet
    war und den gleichen Namen wie die Schwester trug. Er hatte
    damit einen für seine heterosexuelle Objektwahl bestimmenden
    Schritt vollzogen, denn alle die Mädchen, in die er sich dann
    später, oft unter den deutlichsten Anzeichen des Zwanges, ver-
    liebte, waren gleichfalls dienende Personen, deren Bildung
    und Intelligenz weit hinter der seinigen zurückstehen mußten.
    Waren alle diese Liebesobjekte Ersatzpersonen für die ihm
    versagte Schwester, so ist nicht abzuweisen, daß eine
    Tendenz. zar Erniedrigung der Schwester, zur Aufhebung
    ihrer intellektuellen Überlegenheit; die ihn einst so be-
    drückt hatte, dabei die Entscheidung über seine Objektwahl

    bekam.
    Motiven dieser Art, die dem Willen zur Macht,

    dem Behauptungstrieb des Individuums entstammen, hat Alf.

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 19

    Adler wie alles andere so auch das sexuelle Verhalten der
    Menschen untergeordnet. Ich bin, ohne die Geltung solcher
    Macht- und Vorrechtsmotive je zu leugnen, nie davon iiber-

    zeugt gewesen, daß sie die ihnen zugeschriebene dominierende

    und ausschließliche Rolle spielen können, Hätte ich die
    Analyse meines Patienten nicht bis zu Ende geführt, so hätte
    ich die Beobachtung dieses Falles zum Anlaß nehmen müssen,
    um eine: Korrektur meines Vorurteils im Sinne von Adler
    vorzunehmen. Unerwarteterweise brachte der SchluB dieser
    Analyse neues Material, ans dem sich wiederum ergab, daß
    diese Machtmotive (in: unserem Falle die Erniedrigungs-
    tendenz) die Objektwahl nur im Sinne eines Beitrags und
    einer. Rationalisierung bestimmt hatten, während die eigent
    liche, tiefere Determinierung mir gestattete, an meinen frü-
    heren Überzeugungen festzuhalten.*)

    Als die Nachricht vom Tode der Schwester anlangte,
    erzåhlte der Patient, empfand er kaum eine Andeutung von
    Schmerz. Er zwang sich zu Zeichen von Trauer und konnte
    sich in aller Kühle darüber freuen, daß er jetzt der alleinige
    Erbe des Vermögens geworden sei, Er befand sich schon seit
    mehreren Jahren in seiner rezenten Krankheit, als sich dies
    zutrug. Ich gestehe aber, daß diese eine Mitteilung mich in
    der diagnostischen Beurteilung des Falles fiir eine ganze Weile
    unsicher machte. Es war zwar anzunehmen, daf der Schmerz
    über den Verlust des geliebtesten Mitglieds seiner Familie
    eine Ausdruckshemmung durch die fortwirkende Eifersucht
    gegen sie und durch die Einmengung der unbewuBt gewor-
    denen inzestuôsen Verliebtheit erfahren würde, aber auf einen
    Ersatz fir den unterbliebenen Schmerzausbruch vermochte ich
    nicht zu verzichten. Ein ‘solcher fand sich endlich in einer

    *) ₪. unten S. 684

  • S.

    20 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    anderen, ihm unverständlich gebliebenen Gefühlsäußerung.
    Wenige Monate nach dem Tode der Schwester machte er
    selbst eine Reise in die Gegend, wo sie gestorben war, suchte
    dort das Grab eines großen Dichters auf, der damals sein
    Ideal war, und vergoß heiße Tränen auf diesem Grabe. Dies
    war eine auch ihn befremdende Reaktion, denn er wußte,
    dal mehr als zwei Menschenalter seit dem Tode des verehrten
    Dichters dahingegangen waren. Er verstand sie erst, als er
    sich erinnerte, daß der Vater die Gedichte der verstorbenen
    Schwester mit denen des großen Poeten in Vergleich zu brin-
    gen pflegte. Einen anderen Hinweis auf die richtige Auf-
    fassung dieser scheinbar an den Dichter gerichteten Hul-
    digung hatte er mir durch einen Irrtum in seiner Erzählung
    gegeben, den ich an dieser Stelle hervorziehen konnte. Er
    hatte vorher wiederholt angegeben, daß sich die Schwester
    erschossen habe, und mußte dann berichtigen, daß sic Git
    genommen hatte. Der Poet aber war in einem Pistolenduell
    erschossen worden.

    Ich kehre nun zur Geschichte des Bruders zuriick, die
    ich aber von hier ein Stück weit pragmatisch darstellen muß.
    Als das Alter des Knaben zur Zeit, da die Schwester ihre Ver-
    fithrungsaktionen begann, stellte sich 31/,—31/, Jahre heraus.
    Es geschah, wie gesagt, im Frühjahr desselben Jahres, in
    dessen Sommer die englische Gouvernante auftrat, in dessen
    Herbst die Eltern ihn bei ihrer Riickkehr so griindlich ver-
    wandelt fanden. Es liegt nun sehr nahe, diese Wandlung mit
    der unterdes statigehabten Erweckung seiner Sexualtätig-
    keit in Zusammenhang zu bringen.

    Wie reagierte der Knabe auf die Verlockungen der ål-
    teren Schwester? Die Antwort lautet: mit Ablehnung, aber
    die Ablehnung galt der Person, nicht der Sache. Die Schwe-

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 21

    ster war ihm als Sexualobjekt nicht genehm, wahrscheinlich,
    weil sein Verhältnis zu ihr bereits durch den Wettbewerb um
    die Liebe der Eltern im feindseligen Sinne bestimmt war.

    Er wich ihr aus und ihre Werbungen nahmen auch bald ein

    Ende. Aber er suchte an ihrer Statt eine andere, geliebtere
    Person zu gewinnen, und die Mitteilungen der Schwester selbst,
    die sich auf das Vorbild der Nanja berufen hatte, lenkten
    seine Wahl auf diese. Er begann also vor der Nanja mit
    seinem Glied zu spielen, was, wie in so vielen anderen Fållen,
    wenn die Kinder die Onanie nicht verbergen, als Verführungs-
    versuch aufgefaBt werden muB. Die Nanja enttäuschte ihn,
    sie machle ein ernstes Gesicht und erklårte, das sei nicht
    gut. Kinder, die das tåten, bekåmen an der Stelle eine
    „Wunde“,

    Die Wirkung dieser Mitteilung, die einer Drohung gleich-
    kam, ist nach verschiedenen Richtungen zu verfolgen. Seine
    Anhånglichkeit an die Nanja wurde dadurch gelockert, Er
    hätte böse auf sie werden können; später, als seine Wut-
    anfålle einsetzten, zeigte es sich auch, daß er wirklich gegen ~
    sie erbittert war, Allein es war fiir ihn charakteristisch, daß
    er jede Libidoposition, die er aufgeben sollte, zunächst hart-
    nåckig gegen das Neue verteidigte. Als die Gouvernante auf
    dem Schauplatz erschien und die Nanja beschimpfte, aus dem
    Zimmer jagte, ihre Autoritåt vernichten wollte, iibertrieb er
    vielmehr seine Liebe zu der Bedrohten und benahm sich ab-
    weisend und trotzig gegen die angreifende Gouvernante.
    Nichtsdestoweniger begann er im gehcimen cin anderes Sexual-
    objekt zu suchen. Die Verführung hatte ihm das passive
    Sexualziel gegeben, an den Genitalien berührt zu werden;
    wir werden “hören, bei wem er dies erreichen wollte, und
    welche Wege ihn zu dieser Wahl führten.

  • S.

    SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Es entspricht ganz unseren Erwartungen, wenn wir hô-
    ren, daß mit seinen ersten genitalen Erregungen seine Sexual
    forschung einsetzte, und daß er bald auf das Problem der
    Kastration geriet. Er konnte in dieser Zeit zwei Mädchen,
    seine Schwester und ihre Freundin, beim Urinieren beobachten.
    Sein Scharfsinn hátte ihm schon bei diesem Anblicke den
    Sachverhalt verstehen lassen kónnen, allein er benahm sick
    dabei, wie wir es von anderen männlichen Kindern wissen.
    Er lehnte die Idee, daf er hier die von der Nanja angedrohte
    Wunde bestätigt sehe, ab, und gab sich die Erklärung, das
    sei der „vordere Popo“ der Mädchen, Das Thema der Ka-
    stration war mit dieser Entscheidung nicht abgetan; aus
    allem, was er hörte, entnahm er neue Hindeutungen darauf.
    Als den Kindern einmal gefürbte Zuckerstangen verteilt wur-
    den, erklarte die Gouvernante, die zu wüsten Phantasien ge-
    neigt war, es seien Stücke von zerschnittenen Schlangen. Von
    da aus erinnerte er sich, daß der Vater einmal auf einem
    Spazierweg eine Schlange getroffen und sie mit seinem Stock
    in Stücke zerschlagen habe. Er hórte die Geschichte (aus

    . Reineke Fuchs) vorlesen, wie der Wolf im Winter Fische fan-
    gen wollte und seinen Schwanz als Köder benützte, wobei
    der Schwanz im Eis abbrach. Er erfuhr die verschiedenen
    Namen, mit denen man je nach der Intaktheit ihres Geschlechts
    die Pferde bezeichnet. Er war also mit Gedanken an die Ka-
    stration beschäftigt, aber er hatte noch keinen Glauben daran
    und keine Angst davor. Andere Sexualprobleme erstanden ihm
    aus den Mirchen, die ihm um diese Zeit bekannt wurden.
    Im „Rotkäppchen“ und in den „Sieben GeiBlein* wurden die
    Kinder aus dem Leib des Wolfes herausgeholt. War der Wolf
    also ein weibliches Wesen oder konnten auch Männer Kinder
    im Leib haben? Das war um diesé Zeit noch nicht entschieden.

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 23

    Übrigens kannte er zur Zeit dieser Forschung noch keine
    Angst vor dem Wolf. B

    Eine der Mitteilungen des Patienten wird uns den Weg
    zum Verständnis der Charakterveränderung bahnen, die wåh-
    rend der Abwesenheit der Eltern im entfernteren Anschluß
    an die Verführung bei ihm hervortrat. Er erzählt, daß er
    nach der Abweisung und Drohung der Nanja die Onanie sehr
    bald aufgab. Das beginnende Sexualleben unter der

    Leitung der Genitalzone war also einer äußeren
    Hemmung erlegen und durch deren Einfluß auf
    eine frühere Phase prägenitaler Organisation zu-
    rückgeworfen worden. Infolge der Unterdrückung der
    Onanie nahm das Sexualleben des Knaben sadistisch-analen
    Charakter an. Er wurde reizbar und quälerisch, befriedigte sich
    in solcher Weise an Tieren und Menschen. Sein Hauptobjekt

    war die geliebte Nanja, die er zu peinigen verstand, bis sie
    in Tränen ausbrach. So rächte er sich an ihr für die erfah-
    rene Abweisung und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles
    Geliiste in der der regressiven Phase entsprechenden Form.
    Er begann Grausamkeit gegen kleine Tiere zu üben, Fliegen
    zu fangen, um ihnen die Flügel auszureißen, Käfer zu zer-
    treten; in seiner Phantasie liebte er es, auch große ‘Tere,
    Pferde, zu schlagen. Das waren also durchwegs aktive,
    sadistische Betätigungen; von den analen Regungen dieser
    Zeit wird in einem späteren Zusammenhange die Rede sein,

    Es ist sehr wertvoll, daß in der Erinnerung des Patien-
    ten auch gleichzeitige Phantasien ganz anderer Art auftauchten,
    des Inhalts, daß Knaben gezüchtigt und: geschlagen wurden,
    besonders auf den Penis geschlagen; und für ‘wen diese an-
    onymen Objekte als Prügelknaben dienten, 1äßt sich leicht
    aus anderen Phantasien erraten, die sich ausmalten, wie der

  • S.

    24 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Thronfolger in einen engen Raum cingesperrt und geschlagen
    wird. Der Thronfolger war offenbar er selbst; der Sadismus'
    håtte sich also in der Phantasie gegen die eigene Person ge-
    wendet und war in Masochismus umgeschlagen, Das Detail,
    daß das Geschlechtsglied selbst die Ziichtigung empfing, läßt
    den Schluß zu, daß bei dieser Umwandlung bereits ein Schuld-
    bewuBtsein beteiligt war, welches sich auf die Onanie berief,

    Es blieb in der Analyse kein Zweifel, daB diese passiven
    Strebungen gleichzeitig oder sehr bald nach den aktiv-sadi-
    stischen aufgetreten waren.*) Dies entspricht der ungewóhn-
    lich deutlichen, intensiven und anhaltenden Ambivalenz des
    Kranken, die sich hier zum erstenmal in der gleichmäßigen
    Ausbildung der gegensåtzlichen Partialtriebpaare äußerte.
    Dieses Verhalten blieb für ihn auch in der Folge ebenso cha-
    rakteristisch wie der weitere Zug, daß eigentlich keine der
    jemals geschaffenen Libidopositionen durch eine spätere völlig
    aufgehoben wurde. Sie blieb vielmehr neben allen anderen
    bestehen und gestattete ihm ein unausgesetztes Schwanken,
    welches sich mit dem Erwerb eines fixierten Charakters un-
    vereinbar erwies.

    Die masochistischen Strebungen des Knaben leiten zu
    einem anderen Punkt über, dessen Erwáhnung ich mir auf-

    gespart habe, weil er erst durch die Analyse der nächstfolgen-
    den Phase seiner Entwicklung sichergestellt werden kann.
    Ich erwähnte schon, daB er nach der Abweisung durch die

    Namja: seine libidinóse Erwartung von ihr löste und еше
    andere Person als Sexualobjekt in Aussicht nahm, Diese
    Person war der damals abwesende Vater. Zu dieser

    *) Unter passiven Strebungen verstehe ich solche mit passivem
    Sexualziel, habe aber dabei nicht etwa eine Triebverwandlung, sondern
    nur eine Zielverwandlung im Auge.

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 25

    Wahl wurde er gewiß durch ein Zusammentreffen von Mo-
    menten geführt, auch durch zufällige wie die Erinnerung an
    die Zerstiickelung der Schlange; vor allem aber erneuerte
    er damit seine erste und urspriinglichste Objektwahl, die sich
    dem Narzifmus des kleinen Kindes entsprechend auf dem
    Wege der Identifizierung vollzogen hatte. Wir haben schon
    gehört, daß der Vater sein bewundertes Vorbild gewesen war,
    daß er, gefragt, was er werden wollte, zu antworten pflegte:
    ein Herr wie der Vater. Dies Identifizierungsobjekt seiner ak-
    tiven Strömung wurde nun das Sexualobjekt einer passiven
    Strömung in der sadistisch-analen Phase. Es macht den Ein-
    druck, als hitte ihm die Verführung durch die Schwester
    in die passive Rolle gedrángt und ihm ein passives Sexual-
    ziel gegeben.. Unter dem fortwirkenden Einfluf dieses Er-
    lebnisses beschrieb er nun den Weg von der Schwester über
    die Nanja zum Vater, von der passiven Einstellung zum Weib
    bis zu der zum Manne und hatte dabei doch die Anknüpfung
    an seine frühere spontane Entwicklungsphase gefundeu. Der
    Vater war jetzt wieder sein Objekt, die Identifizierung war :
    der höheren Entwicklung entsprechend durch Objektwahl ab-
    gelöst, die Verwandlung der aktiven in eine passive Ein-
    stellung war der Erfolg und das Zeichen der dazwischen vor-
    gefallenen Verführung. Eine aktive Einstellung gegen den
    iibermichtigen Vater in der sadistischen Phase wire natür-
    lich nicht so leicht durchführbar gewesen. Als der Vater im
    Spåtsommer oder Herbst zuriickkam, bekamen seine Wutanfålle
    und Tobszenen eine neue Verwendung. Gegen die Nanja hatten
    sie aktiv-sadistischen Zwecken gedient; gegen den Vater ver-
    folgten sie masochistische Absichten. Er wollte durch. die
    Vorführung seiner Schlimmheit Züchtigung und Schläge von
    seiten des Vaters erzwingen, sich so bei ihm die erwiinschte

  • S.

    26 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V. Se

    masochistische Sexualbefriedigung holen. Seine Schreianfille
    waren also geradezu Verführungsversuche. Der Motivierung
    des Masochismus entsprechend hätte er bei solcher Ziichtigung
    auch die Befriedigung seines Schuldgefiihls gefunden, Hine
    Erinnerung hat ihm aufbewahrt, wie er während einer sol-
    chen Szene von Schlimmheit sein Schreien verstärkt, sobald
    der Vater zu inm kommt. Der Vater schlägt ihn aber nicht,
    sondern sucht ihn zu beschwichtigen, indem er mit den Pol-
    stern des Bettchens vor ihm Ball spielt.

    Ich weiß nicht, wie oft die Eltern und Erzieher angesichts
    der unerklårlichen Schlimmheit des Kindes Anlaß hätten, sich
    dieses typischen Zusammenhanges zu erinnern. Das Kind, das
    sich so unbåndig benimmt, legt ein Geständnis ab und will
    Strafe provozieren, Es sucht in der Züchtigung gleichzeitig
    die Beschwichtigung seines Schuldbewubtseins und die De-
    friedigung seiner masochistischen Sexualstrebung.

    Die weitere Klarung unseres Krankheitsfalles verdanken
    wir nun der mit großer Bestimmtheit auftretenden Erinnerung,

    | aß alle Angstsymptome erst von einem gewissen Vorfall an
    zu den Zeichen der Charakteränderung hinzugetreten seien.
    Vorher habe es keine Angst gegeben und unmittelbar nach
    em Vorfall habe sich die Angst in quälender Form geäußert.
    Der Zeitpunkt dieser Wandlung 1äßt sich mit Sicherheit an-
    geben, es war knapp vor dem vierten Geburtstag, Die Kinder-
    zeit, mit der wir uns beschäftigen wollten, zerlegt sich dank
    iesem Anhaltspunkte in zwei Phasen, einc erste der Schlimm-
    heit und Perversität von der Verführung mit 31/, Jahren bis
    zum vierten Geburtstag, und eine längere darauffolgende, in
    der die Zeichen der Neurose vorherrschen. Der Vorfall aber,
    der diese Scheidung gestattet, war kein äußeres Trauma, son-

    ern ein Traum, aus dem er mit Angst erwachte.