• S.

    I AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 101

    zurück und ließ ihn die Behauptung aufstellen, daß er bei
    dem Koitus der Urszene des Verschwinden des Penis beob-
    achtet, den Vater darum bemitleidet und sich liber das Wie-
    dererscheinen des verloren Geglaubten gefreut habe. Also cine
    neue Gefühlsregung, die wiederum von dieser Szene ausgeht.
    Der narziBtische Ursprung des Mitleids, für den das Wort
    selbst spricht, ist hier übrigens ganz unverkennbar:

    VIII NACHTRAGE AUS DER URZEIT. 一 LÖSUNG.

    In vielen Analysen geht es so zu, daß, wenn man sich
    dem Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auf-
    taucht, weiches bisher sorgfåltig verborgen gehalten wurde.
    Oder es wird einmal eine unscheinbare Bemerkung hinge-
    worfen, im gleichgültigen Ton, als wäre es etwas Uber-
    flissiges, zu dieser kommt ein andermal etwas hinzu, was
    den Arzt bereits anfhorchen läßt, und endlich erkennt man
    in jenem geringgeschätzten Brocken Erinnerung den Schlüs-
    sel zu den wichtigsten Geheimnissen, welche die Neurose des
    Kranken umkleidete.

    Friihzeitig hatte mein Patient Sue Erinnerung aus der
    Zeit erzahlt, da seine Seblimmheit i Angst umzuschlagen
    pflegte. Er verfolgte einen schônen groBen Schmetterling mit
    gelben Streifen, dessen große Flügel in spitze Fortsåtze aus-
    liefen, -— also einen Admiral, Plötzlich erfaßte ihn, als der
    Schmetterling sich auf eine Blume gesetzt hatte, eine schreck-
    liche Angst vor dem Tier und er lief schreiend davon,

    Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse

    wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht er-
    hielt. Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein sol-
    ches Detail nicht seinetwegen selbst einen Platz im Gedächt-
    nis behalten hatte, sondern als Deckerinnerung Wichtigeres

  • S.

    102 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    vertrat, womit es irgendwie verknüpft. war. Er sagte eines
    Tages, ein Schmetterling heiße in seiner Sprache: Babuschka,
    altes Mütterchen ; überhaupt seien ihm die Schmetterlinge wie
    Frauen und Mädchen, die Kifer und Raupen wie Knaben er-
    schienen, Also mußte wohl die Erinnerung an ein weibliches
    Wesen bei jener Angstszene wach geworden sein. Ich will
    nicht verschweigen, daß ich damals die Möglichkeit vorschlug,
    die gelben Streifen des Admirals hätten an die ähnliche Strei-
    fung eines Kleidungsstiickes, das eine Frau trug, gemahnt.
    Ich tue das nur, um an einem Beispiel zu zeigen, wie unzu-
    reichend in der Regel die Kombination des Arztes zur L6-
    sung der aufgeworfenen Fragen ist, wie sehr man Unrecht
    tut, die Phantasie und die Suggestion des Arztes fir die Er-
    gebnisse der Analyse verantwortlich zu machen.

    In einem ganz anderen Zusammenhange, viele Monate
    spåter, machte dann der Patient die Bemerkung, das Offnen
    und Schließen der Flügel, als der Schmetterling saß, hitte
    den unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dies wire so

    gewesen, wie wenn eine Frau dic Beine öffnet, und die Beine
    ergäben dann die Figur einer römischen V, bekanntlich die
    Stunde, um welche schon in seinen Knabenjahren, aber auch
    jetzt noch, eine Verdüsterung seiner. Stimmung einzutreten

    pflegte.

    Das war ein Einfall, auf den ich nie gekommen ware,
    dessen Schätzung aber durch die Erwägung gewann, daß der
    darin bloBgelegte Assoziationsvorgang so recht infantilen Cha-
    rakter hatte. Die Aufmerksamkeit der Kinder, habe ich oft
    bemerkt, wird durch Bewegungen weit mehr angezogen als
    durch ruhende Formen, und sie stellen oft Assoziationen auf
    Grund von ähnlicher Bewegung her, die von uns Erwachsenen
    vernachlässigt oder unterlassen werden,

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 103

    Dann ruhte das kleine Problem wieder fir lange Zeit.
    Ich will noch die wohlfeile Vermutung erwähnen, daß die
    spitzen oder stangenartigen Fortsätze der Schmetterlingsflügel
    eine Bedeutung als Genitalsymbole gehabt haben könnten.

    Eines Tages tauchte schüchtern und undeutlich eine Art
    von Erinnerung auf, es müßte sehr frühe, noch vor der Kinder-
    frau ein Kindermädchen gegeben haben, das ihn sehr lieb
    hatte. Sie hatte denselben Namen wie die Mutter, Gewiß er-
    widerte er ihre Zärtlichkeit. Also eine verschollene erste Liebe.
    Wir einigten uns aber, irgend etwas müßte da vorgefallen sein,
    was später von Wichtigkeit wurde.

    Dann korrigierte er ein anderes Mal seine Erinnerung.
    Sie könne nicht so geheißen haben wie die Mutter, das war
    tin Irrtum von ihm, der natürlich bewies, daß sie ihm in
    der Erinnerung mit der Mutter zusammengeflossen war, Ihr
    richtiger Name sei ihm auch auf einem Umwege eingefallen.
    Er habe plötzlich an einen Lagerraum auf dem ersten Gute
    denken müssen, in dem das abgenommene Obst aufbewahrt
    wurde, und an eine gewisse Sorte Birnen von amsgezeich-
    netem Geschmack, große Birnen mit gelben Streifen anf ihrer
    Schale. Birne heißt in-seiner Sprache Gruscha, und dies war
    auch der Name des Kindermädchens.

    Also wurde es klar, daß sich hinter der Deckerinnerung
    des gejagten Schmetterlings das Gedächtnis des Kinder-
    mådchens verbarg. Die gelben Streifen saßen aber nicht auf
    ihrem Kleid, sondern auf dem der Birne, die so hieß wie
    sie selbst. Aber woher dic Angst bei der Aktivierung der Er-
    innerung an sic? Die nächste plumpe Kombination hätte lau-
    ten können, bei diesem Mädchen habe er als kleines Kind
    zuerst die Bewegungen der Beine gesehen, die er sich mit
    dem Zeichen der rémischen V fixiert hatte, Bewegungen, dic

  • S.

    104 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V;

    das Genitale zugänglich machen. Wir ersparten uns diese Kom-
    bination und warteten auf weiteres Material. ⑧

    Sehr bald kam nun die Erinnerung an eine Szene, unvoll-
    ständig, aber soweit sie erhalten war, bestimmt. Gruscha lag
    auf dem Boden, neben ihr ein Kiibel und ein aus Ruten ge-
    bundener kurzer Besen; er war dabei und sie песке ihn oder
    machte ihn aus.

    Was daran fehlte, war von anderen Stellen her leicht
    einzusetzen, Er hatte in den ersten Monaten der Kur von
    einer zwanghaft aufgetretenen Verliebtheit in ein Bauern-
    mädchen erzählt, bei der er sich mit 18 Jahren den Anlaß
    zu seiner späteren Erkrankung geholt hatte. Damals hatte er
    sich in der auffälligsten Weise gesträubt, den Namen des

    Mädchens mitzuteilen. Es war ein gansvereinzelter Widerstand;
    er war der analytischen Grundregel sonst ohne Rückhalt ge-
    horsam. Aber er behauptete, er müsse sich so sehr schämen,
    diesen Namen auszusprechen, weil er rein bånerlich sei; ein

    vornehmeres Mädchen würde ihn nie tragen. Der Name, den
    man endlich erfuhr, war Matrona. Er hatte mütterlichen
    Klang. Das Schåmen war offenbar deplaciert. Der Tatsache
    selbst, daB diese Verliebtheiten ausschlieBlich die niedrig-
    sten Madchen betrafen, schümte er sich nicht, nur des Na-
    mens, Wenn das Abenteuer mit der Mairona etwas Gemein-
    sames mit der Gruschaszene haben konnte, dann war das
    Schámen in diese frühe Begebenheit zurückzuversetzen.

    Er hatte ein anderes Mal erzühlt, als er die Geschichte
    von Johannes Hub erfuhr, wurde er von ihr sehr ergriffen,
    und scine Aufmerksamkeit blieb an den Dündeln von Reisig
    hängen, die man zu seinem Scheiterhaufen schleppte. Die Sym-
    pathie für Huß erweckt nun einen ganz bestimmten Ver-
    dacht; ieh habe sie bei jugendlichen Patienten oft gefunden

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 105

    und immer auf dieselbe Weise aufklären können, Einer der-
    selben hatte sogar einc dramatische Bearbeitung der Schicksale
    des HuB geliefert; er begann sein Drama an dem Tage zu
    schreiben, der ihm das Objekt seiner geheim gehaltenen Ver-
    liebtheit entzog. Huß stirbt den Feuertod, er wird wie andere,
    welche die gleiche Bedingung erfüllen, der Held der ehe-
    maligen Enuretiker. Die Reisigbiindel beim Scheiterhaufen
    “des Hub stellte mein Patient selbst mit dem Besen (Ruten-
    biindel) des Kindermådchens zusammen.

    Dieses Material fiigte sich zwanglos zusammen, um die
    Liicke in der Erinnerung der Szene mit der Gruscha auszu-
    füllen, Er hatte, als er dem Mädchen beim Aufwaschen des
    Bodens zusah, ins Zimmer uriniert und sie darauf eine gewiß
    scherzhafte Kastrationsdrohung ausgesprochen.*)

    Ich weil nicht, ob die Leser schon erraten können, warum
    ich diese frithinfantile Episode so ausführlich mitgeteilt
    habe.**) Sie stellt eine wichtige Verbindung her zwischen der
    Urszene und dem späteren Liebeszwang, der so entscheidend
    fiir sein Schicksal geworden ist, und führt überdies eine Liebes-
    bedingung ein, welche diesen Zwang aufklärt.

    Als er das Médchen auf dem Boden liegen sah, mit dem
    Aufwaschen desselben beschäftigt, kniend, die Nates vor-

    gestreckt, den Riicken horizontal gehalten, fand er an ihr

    *) Es ist sehr merkwürdig, daß die Reaktion der Beschåmung so
    innig mit der unfreiwilligen Harnentleerung verbunden ist (tåglichen wie
    nächtlichen), und nicht, wie man erwarten sollte, ebenso mit der Stuhl-
    inkontinenz. Die Erfahrung läßt hierüber gar keinen Zweifel bestehen. Auch
    die regelmiBige Beziehung der Harninkontinenz zum Feuer gibt zu denken.
    Es ist möglich, daß in diesen Reaktionen und Zusammenhängen Nieder-
    schläge aus der Kulturgeschichte der Menschheit vorliegen, die tiefer hinab
    reichen als alles, was uns durch seine Spuren im Mythus und im Folklore
    erhalten ist.

    +) Ihre Zeit fällt etwa um 21/, Jahre, zwischen der angeblichen
    Koitusbeobachtung und der Verführung. 4

  • S.

    106 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. У.

    dic Stellung wieder, welche die Mutter in der Koitusszene
    eingenommen hatte. Sie wurde ihm zur Mutter, die sexuelle Er-
    regung infolge der Aktivierung jenes Bildes*) ergriff ihn, und
    er benahm sich männlich gegen sic wie der Vater, dessen
    Aktion er damals ja nur als ein Urinieren verstanden haben
    konnte, Sein auf den Boden Urinieren war eigentlich ein Ver»
    fithrungsversuch und das Mädchen antwortete darauf mit einer
    Kastrationsdrohung, als ob sie ihn verstanden hätte,

    Der von der Urszene ausgehende Zwang übertrug sich
    auf diese Szene mit der Gruscha und wirkte durch sie fort.
    Die Liebesbedingung erfuhr aber eine Abänderung, welche
    den Einfluß der zweiten Szene bezeugt; sie übertrug sich von
    der Position des Weibes auf dessen Tätigkeit in solcher Po-
    sition. Dies wurde z. B. in dem Erlebnis mit der Matrone evi-
    dent. Er machte einen Spaziergang durch das Dorf, welches
    zu dem (späteren) Gut gehörte, und sah am Rand des Tei-
    ches ein kniendes Bauernmädchen, damit beschäftigt, Wäsche
    im Teich zu waschen, Er verliebte sich in dic Wåscherin
    augenblicklich und mit unwiderstehlicher Heftigkeit, obwohl
    er ihr Gesicht noch gar nicht sehen konnte. Sie war ihm
    durch Lage und Tätigkeit an die Stelle der Gruscha getreten.
    Wir verstehen nun, wie sich das Schämen, das dem Inhalt
    der Szene mit der Gruscha galt, an den Namen der Matrona
    kniipfen konnte.

    Den zwingenden Einfluß der Gruschaszene zeigt noch
    deutlicher ein anderer Anfall von Verliebtheit, einige Jahre
    vorher. Ein junges Bauernmädchen, das im Hause Dienste
    leistete, hatte ihm schon lange gefallen, aber er hatte es
    über sich vermocht, sich ihr nicht zu nähern, Eines Tages
    packte ihn die Verliebtheit, als er sie allein im Zimmer traf.

    *) Vor dem Traume!

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 107

    Er fand sie auf dem Boden liegend, mit Aufwaschen beschäf-
    tigt, Kiibel und Besen neben sich, also ganz wie das Mådchen
    in seiner Kindheit,

    Selbst seine definitive Objektwahl, die für sein Leben so
    bedeutungsvoll wurde, erweist sich durch ihre näheren Um-
    stände, die hier nicht anzuführen sind, als abhängig von der
    gleichen Liebesbedingung, als ein Ausläufer des Zwanges, der
    von der Urszene aus über die Szene mit Gruscha seine Liebes-
    wahl beherrschte. Ich habe an früherer Stelle bemerkt, daß
    ich das Bestreben zur Erniedrigung des Liebesobjekts bei dem -
    Patienten wohl anerkenne. Es ist auf Reaktion gegen den
    Druck der ihm überlegenen Schwester zurückzuführen. Aber
    ich versprach damals zu zeigen, daß dies Motiv (S. 596) selbst-
    herrlicher Natur nicht das einzig bestimmende gewesen ist,
    sondern eine tiefere Determinierung durch rein erotische Mo-
    tive verdeckt, Die Erinnerung an das den Boden aufwaschende,
    allerdings in seiner Position erniedrigte Kindermädchen, brachte |
    diese Motivierung zum Vorschein. Alle späteren Liebesobjekte
    waren Ersatzpersonen dieser einen, die selbst durch den Zu-
    fall der Situation zum ersten Mutterersatz geworden war. Der
    erste Einfall des Patienten zum Problem der Angst vor dem
    Schmetterling läßt sich nachträglich leicht als fernliegende
    Anspielung an die Urszene erkennen (dic fünfte Stunde). Die
    Beziehung der Gruschaszene zur Kastrationsdrohung bestätigte
    er durch einen besonders sinureichen Traum, den er auch
    selbst zu übersetzen verstand. Er sagte: Ich habe geträumt,
    cin Mann reißt einer Espe die Flügel aus. Espe?
    mußte ich fragen, was meinen Sie damit? — Nun, das In-
    sekt mit den gelben Streifen am Leib, das stechen kann. Es

    muß eine Anspielung an die Gruscha, die gelbgestreifte Birne,

    sein. — Wespe; meinen Sie also, konnte ich korrigieren. —

  • S.

    108 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Heißt es Wespe? Ich habe wirklich geglaubt, es heißt‘ Espe.
    (Er bediente sich wie so viele andere seiner Fremdsprachigkeit
    zur Deckung von Symptomhandlungen.) Aber Espe, das bin
    ja ich, S. P. (die Initialen seines Namens). Die Espe ist na-
    türlich eine verstümmelte Wespe. Der Traum sagt klar, er
    räche sich an der Gruscha für ihre Kastrationsandrohung.

    Die Aktion des 21/,jührigen in der Szene mit Gruscha
    ist die erste uns bekanntgewordene Wirkung der Urszene,
    sie stellt ihn als Kopie des Vaters dar und 1306 uns eine
    Entwicklungstendenz in der Richtung erkennen, die spater
    den Namen der mánnlichen verdienen wird. Durch die Ver-
    führung wird er in eine Passivitåt gedrängt, die allerdings
    auch schon durch sein Benehmen als Zuschauer beim elter-

    lichen Verkehr vorbereitet ist.

    Ich muß aus der Behandlungsgeschichte noch hervor-
    heben, daB man den Eindruck empfing, mit der Bewältigung
    der Gruschaszene, des ersten Erlebnisses, das er wirklich er-

    innern konnte und ohne mein Vermuten und Dazutun er-
    innerte, sei die Aufgabe der Kur gelóst gewesen. Es gab
    von da an keine Widerstände mehr, man brauchte nur noch
    zu sammeln und zusammenzusetzen. Die alte Traumatheorie,
    die ja auf Eindrücke aus der psychoanalytischen Therapie
    aufgebaut war, kam mit einem Male wieder zur Geltung. Aus
    kritischem Interesse machte ich noch einmal den Versuch,
    dem Patienten eine andere Auffassung seiner Geschichte auf-
    zudrången, die dem nüchternen Verstand willkommener wäre,
    An der Szene mit Gruscha sei ja nicht zu zweifeln, aber sie
    bedeute an und für sich nichts und sei hinterher verstürkt
    worden durch Regression von den Ereignissen seiner Objekt-
    wahl, die sich infolge der Erniedrigungstendenz von der Schwe-
    ster weg auf die Dienstmädchen geworfen hätte, Dic Koitus-

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 109

    beobachtung aber sei eine Phantasie seiner späteren Jahre,

    deren historischer Kern die Beobachtung oder das Erlebnis
    etwa eines harmlosen Lavements gewesen sein könnte, Viel-
    leicht meinen manche Leser, erst mit diesen Annahmen hätte
    ich mich dem Verständnis des Falles genähert; der Patient
    sah mich verståndnislos und etwas veråchtlich an, als ich
    ihm diese Auffassung vortrug, und reagierte niemals wieder
    auf dieselbe, Meine eigenen Argumente gegen solche Ratio-
    nalisierung habe ich oben im Zusammenhange entwickelt.
    [Die Gruschaszene enthält aber nicht nur die für das Le-
    ben des Patienten entscheidenden Bedingungen der Objekt-
    wahl und behiitet uns so vor dem Irrtum, die Bedeutung der
    Erniedrigungstendenz gegen das Weib zu überschátzen, Sie
    vermag mich auch zu rechtfertigen, wenn ich es vorhin ab-
    gelehnt habe, die Zurückführung der Urszene auf eine kurz
    vor dem Traum angestellte Tierbeobachtung ohne jedes Be-

    denken als die einzig mögliche Lösung zu vertreten (S. 67). - -

    Sie war in der Erinnerung des Patienten spontan und ohne
    mein Dazutun aufgetaucht, Die auf sie zurückgehende Angst
    vor dem gelbgestreiften Schmetterling bewies, daß sie einen
    bedeutungsvollen Inhalt gehabt hatte, oder daß es möglich
    geworden war, ihrem Inhalt nachträglich solche Bedeutung
    zu verleihen, Dies Bedeutungsvolle, was in der Erinnerung
    fehlte, war durch die sie begleitenden Einfälle und die daran
    zu knüpfenden Schlüsse mit Sicherheit zu ergänzen. Es ergab,
    sich dann, daß die Schmetterlingsangst durchaus analog war
    der Wolfsangst, in beiden Fällen Angst vor der Kastration, zu-
    nächst. bezogen auf die Person, welche die Kastrationsdrohung
    zuerst ausgesprochen hatte, . sodann auf die andere ver-
    legt, an der sie nach dem phylogenetischen Vorbild Anheftung
    finden mußte, Die Szene mit Gruscha war mit 21/, Jahren

  • S.

    110 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    vorgefallen, das Angsterlebnis mit dem gelben Schmetterling
    aber sicherlich nach dem Angsttraum. - Es ließ sich leicht
    verstehen, daß das spätere Verständnis fiir die Möglichkeit
    der Kastration nachträglich aus der Szene mit Gruscha die
    Angst entwickelt hatte; aber diese Szene selbst enthielt nichts
    Anstößiges oder Unwahrscheinliches, vielmehr durchaus ba-
    nale Einzelheiten, an denen zu zweifeln man keinen Grund
    hatte. Nichts forderte dazu auf, sie auf eine Phantasie des
    Kindes zurückzuführen; es erscheint. auch kaum möglich.

    Es entsteht nun die Frage, sind wir berechtigt in dem
    Urinieren des stehenden Knaben, während das auf den Knien
    liegende Mädchen den Boden aufwäscht, einen Beweis seiner
    sexuellen Erregtheit zu sehen? Dann würde diese Erregung
    den Einfluß eines früheren Eindrucks bezeugen, der eben-
    sowohl die Tatsächlichkeit der Urszene, wie eine vor 21/,
    Jahren gemachte Beobachtung an Tieren sein könnte, Oder
    war jene Situation durchaus harmlos, die Harnentleerung des
    Kindes eine rein zufállige, und die ganze Szene wurde erst
    später dn der Erinnerung sexualisiert, nachdem ähnliche
    Situationen als bedeutungsvoll erkannt worden waren?

    Hier getraue ich mich nun zu keiner Entscheidung. Ich
    muß sagen, ich rechne es der Psychoanalyse bereits hoch an,
    daß sie zu solchen Fragestellungen gekommen ist. Aber ich
    kann es doch nicht verleugnen, daß die Szene mit Gruscha,
    die Rolle, die in ihr in der Analyse zufiel und die Wirkun-
    gen, die im Leben von ihr ausgingen, sich doch am unge-
    zwungensten und vollståndigsten crkláren, wenn man die Ur-
    szene, die andere Male eine ‘Phantasie sein mag, hier als
    Realität gelten läßt. Sie behauptet im Grunde nichts Un-
    mögliches; die Annahme ihrer Realität verträgt sich auck
    ganz gut mit dem anregenden EinfluB der Tierbeobach-

  • S.

    1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 111

    tungen, auf welche die Schäferhunde des Traumbildes
    hindeuten.

    Von diesem unbefriedigenden Abschluß wende ich mich
    zur Behandlung der Frage, die ich in den „Vorlesungen zur
    Einführung in dic Psychoanalyse“ versucht habe. Ich möchte
    selbst gerne wissen, ob dic Urszene bei meinem Patienten
    Phantasie oder reales Erlebnis war, aber mit Rücksicht auf
    andere ähnliche Fälle muß man sagen, es sei eigentlich nicht
    sehr wichtig, dies zu entscheiden, Die Szenen von Beobachtung
    des elterlichen Sexualverkehrs, von Verführung in der Kind-
    heit und von Kastrationsandrohung sind unzweifelhafter er-
    erbter Besitz, phylogenetische Erbschaft, aber sie können
    ebensowohl Erwerb persönlichen Erlebens sein. Bei meinem
    Patienten war die Verführung durch die ältere Schwester eine
    unbestreitbare Realität; warum nicht auch die Beobachtung
    des elterlichen Koitus? 」

    Wir sehen nur in der Urgeschichte der Neurose, daß das
    Kind zu diesem phylogenetischen Erleben greift, wo sein
    eigenes Erleben nicht ausreicht. Es füllt die Lücken der indi-
    viduellen Wahrheit mit pråhistorischer Wahrheit aus, setzt
    die Erfahrung der Vorahnen an die Stelle der eigenen Er-
    fahrung ein. In der Anerkennung dieser phylogenetischen Erb-
    schaft stimme ich mit Jung (Die Psychologie (der unbe-
    wubten Prozesse 1917, eine Schrift, die meine .,, Vorlesungen"
    nicht mehr beeinflussen konnte) völlig zusammen; aber ich
    halte es für methodisch unrichtig, zur Erklàrung aus der
    Phylogenese zu greifen, ehe man die Möglichkeiten der
    Ontogenese erschópft hat; ich sehe nicht ein, warum man der
    kindheitlichen Vorzeit hartnäckig eine Bedeutung bestreiten
    will die man der Ahnenvorzeit bereitwillig zugesteht; ich

    kann nicht verkennen, daf die phylogenetischen Motive und

  • S.

    112 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Produktionen selbst der Aufklärung bedürftig sind, die ihnen
    in einer ganzen Reihe von Fällen aus der individuellen Kind-
    heit zu teil werden kann, und zum Schlusse verwundere ich
    mich nicht darüber, wenn die Erhaltung der nämlichen Be-
    dingungen beim einzelnen organisch wiedererstehen läßt, was
    diese einst in Vorzeiten geschaffen und als Disposition zum
    Wicdererwerb vererbt haben.]

    In die Zwischenzeit zwischen Urszene und Verführung
    (11/,—81/, Jahre) ist noch der stumme Wasserträger einzu-
    schieben, der fiir ihn Vaterersatz war wie die Gruscha
    Mutterersatz. Ich glaube, es ist unberechtigt, hier von einer
    Ernicdrigungstendenz zu reden, wiewohl sich beide Eltern
    durch dienende Personen vertreten finden. Das Kind setzt sich
    über die sozialen Unterschiede hinweg, die ihm noch wenig
    bedeuten, und reiht auch geringere. Leute an die Eltern an,
    wenn sie ihm ähnlich wie. die Eltern Liebe entgegenbringen.
    Ebensowenig Bedeutung hat diese Tendenz für die Ersetzung
    der Eltern durch Tiere, deren Geringschätzung vom Kinde
    ganz ferne liegt. Ohne Rücksicht auf solche Erniedrigung wer-
    den Onkel und Tanten zum Elternersatz herangezogen, wie
    auch für unseren Patienten durch mehrfache Erinnerungen
    bezeugt ist.

    In dieselbe Zeit gehört noch eine dunkle Kunde von einer
    Phase, in der er nichts essen wollte außer Süßigkeiten, so
    daß man Sorge für sein Fortkommen hatte. Man erzählte ihm
    von einem Onkel, der ebenso das Essen verweigert hatte und
    dann jung an der Auszehrung starb. Er hörte auch, daß er
    im Alter von drei Monaten so schwer krank gewesen war (an
    einer Lungenentzündung 1), daß man schon das Totenhemd
    für ihn bereit gemacht hatte. Es gelang ihn. ängstlich zu
    machen, so daß er wieder aß; in späteren Kindheitsjahren

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 113

    übertrieb er sogar diese Verpflichtung, wie um sich gegen

    den angedrohten Tod zu schützen, Die Todesangst, die man
    damals zu seinem Schutz wachgerufen hatte, zeigte sich später
    wieder, als die Mutter vor der Dysenteriegefahr warnte; sie
    provozierte noch später einen Anfall der Zwangsneurose (5. 77).
    Wir wollen versuchen, ihren Urspriingen und Bedeutungen an
    späterer Stelle nachzugehen,

    Für die Eßstörung möchte ich die Bedeutung einer aller-
    ersten neurotischen Erkrankung in Anspruch nehmen; so daß
    EBstorung, Wolfsphobie, Zwangsirómmigkeit die vollständige
    Reihe der infantilen Erkrankungen ergeben, welche die Dispo-
    sition fiir den neurotischen Zusammenbruch in den Jahren
    nach der Pubertåt mit sich bringen. Man wird mir entgegen-
    halten, daß wenige Kinder solchen Störungen wie einer vor-
    übergehenden Eßunlust oder einer Tierphobie entgehen, Aber
    dies Argument ist mir sehr willkommen, Ich bin bereit zu
    behaupten, daß jede Neurose eines Erwachsenen sich über
    seiner Kinderneurose aufbaut, die aber nicht immer inten-
    siv genug ist, um aufzufallen und als solche erkannt zu wer-
    den, Die theoretische Bedeutung der infantilen Neurosen für
    die Auffassung der Erkrankungen, die wir als Neurosen be-
    handeln. und nur von den Einwirkungen des späteren Lebens
    ableiten wollen, wird durch jenen Einwand nur gehoben,
    Hätte unser Patient nicht zu seiner Eßstörung und seiner Tier-
    phobie noch die Zwangsfrömmigkeit hinzubekommen, so würde ⑧
    sich seine Geschichte von der anderer Menschenkinder nicht auf-
    fällig unterscheiden, und wir wären um wertvolle Materialien,
    die uns vor naheliegenden Irrtümern bewahren können, ärmer,

    Die Analyse wire unbefriedigend, wenn sie nicht das
    Verständnis jener Klage brächte, in die der Patient sein Leiden
    zusammenfafte. Sie lautete, daß ihm die Welt durch einen

    Freud, Neürosenlehre, V. 8

  • S.

    114 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    Schleier verhüllt sei, und die psychoanalytische Schulung
    weist die Erwartung ab, daß diese Worte bedeutungslos und
    wie zufällig gewählt sein sollten. Der Schleier zerriB — merk-

    wiirdigerweise — nur in einer Situation, nämlich, wenn in-

    folge eines Lavements der Stuhlgang den After passierte,

    Dann fühlte er sich wieder wohl und sah die Welt für eine
    ganz kurze Weile klar. Mit der Deutung dieses ,,Schleiers“
    ging es ähnlich schwierig wie bei der Schmetterlingsangst.
    Auch hielt er nicht an dem Schleier fest, dieser verflüchtigte
    sich ihm weiter zu einem Gefühl von Dämmerung, ,,tenčbres“,
    und anderen ungreifbaren Dingen.

    Erst kurz vor dem Abschied von der Kur besann er
    sich, er habe gehört, daß er in einer „Glückshaube“ zur Welt
    gekommen sei. Darum habe er sich immer fiir ein besonderes
    Glückskind gehalten, dem nichts Böses widerfahren könne,
    Erst dann verließ ihn diese Zuversicht, als er die gonorrhoische
    Erkrankung als schwere Beschädigung an seinem Körper an-
    erkennen mußte. Vor dieser Kränkung seines NarziBmus brach
    er zusammen. Wir werden sagen, er wiederholte damit einen
    Mechanismus, der schon einmal bei ihm gespielt hatte. Auch
    seine Wolfsphobie brach aus, als er vor die 'Гађвасће, daß
    eine Kastration möglich sei. gestellt wurde, und die Gonorrhoe
    reihte er offenbar der Kastration an.

    Die Gliickshaube ist also der Schleier, der ihn vor der
    Welt und ihm die Welt verhiillte. Seine Klage ist cigentlich
    eine erfüllte Wunschphantasie, sie zeigt ihn wieder in den
    Mutterleib zuriickgekehrt, allerdings die Wunschphantasie der
    Weltflucht. Sie ist zu übersetzen: Ich bin so unglücklich im
    Leben, ich muß wieder in den MutterschoB zurück.

    Was soll es aber bedeuten, daß dieser symbolische, einmal
    real gewesene, Schleier in dem Moment der Stuhlentleerung

  • S.

    I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 115

    nach dem Klysma zerreiüt, daß seine Krankheit unter dieser
    Bedingung von ihm weicht? Der Zusammenhang gestattet uns
    zu antworten: Wenn der Geburtsschleier; zerreiBt, so erblickt

    er die Welt und wird wiedergeboren. Der Stuhlgang ist das

    Kind, als welches er zum zweitenmal zu einem gliicklicheren
    Leben geboren wird. Das wáre also die Wiedergeburtsphantasie,
    auf die Jung kürzlich die Aufmerksamkeit gelenkt, und der
    er eine so dominierende Stellung im Wunschleben der Neuro-
    tiker eingerdumt hat.

    Das wire schon, wenn es vollständig wire. Gewisse
    Einzelheiten der Situation und die Rücksicht auf den er-
    forderlichen Zusammenhang mit der speziellen Lebens-
    geschichte nötigen uns, die Deutung weiter zu führen. Die Be-
    dingung der Wiedergeburt ist, daß ihm ein Mann ein Klysma
    verabreicht (diesen Mann hat er erst spåter notgedrungen
    selbst ersetzt). Das kann nur heißen, er hat sich mit der
    Mutter identifiziert, der Mann spielt den Vater, das Klysma
    wiederholt den Begattungsakt, als dessen Frucht das Kot-
    kind — wiederum er — geboren wird. Die Wiedergeburts-
    phantasie ist also eng mit der Bedingung der sexuellen Be-
    friedigung durch den Mann verkniipft. Die Ubersetzung lautet
    jetzt also: Nur wenn er sich dem Weib substituieren, die Mut-
    ter ersetzen darf, um sich vom Vater befriedigen zu lassen
    und ihm ein Kind zu gebåren, dann ist seine Krankheit von
    ihm gewichen. Die Wiedergeburtsphantasie war also hier nur
    eine verstümmelte, zensurierte Wicdergabe der homosexuellen
    Wunschphantasic.

    Sehen wir näher zu, so müssen wir eigentlich bemerken,
    daß der Kranke in dieser Bedingung seiner Heilung nur die
    Situation der sogenannten Urszene wiederholt: Damals wollte
    er sich der Mutter unterschieben; das Kotkind hat er, wie

    gr

  • S.

    116 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    wir längst vorher angenommen hatten, in jener Szene selbst
    ‚produziert, Er ist noch immer fixiert, wie gebannt, an die
    Szene, die für sein! Sexualleben entscheidend wurde, deren
    Wiederkehr in jener Traumnacht sein Kranksein eröffnete.
    Das Zerreißen des Schleiers ist analog dem Öffnen der Augen,
    dem Aufgehen der Fenster, Die Urszene ist zur Heilbedingung
    umgebildet worden,

    Das, was durch die Klage, und was durch die Ausnahme
    dargestellt ist; kann man leicht zu einer Einheit zusammen-
    ziehen, die dann ihren ganzen Sinn offenbart. Er wünscht
    sich in den Mutterleib zurück, nicht um dann einfach wie-
    dergeboren zu werden, sondern um dort beim Koitus vom
    Vater getroffen zu werden, von ihm die Befriedigung zu be-
    kommen, ihm ein Kind zu gebären.

    Vom Vater geboren worden zu sein, wie er anfänglich
    gemeint hatte, von ihm sexuell befriedigt zu werden, ihm ein
    Kind zu schenken, dies unter Preisgebung seiner Männlich-
    keit, und in der Sprache der Analerotik ausgedrückt: mit die-
    sen Wiinschen ist der Kreis der Fixierung an den Vater ge-
    schlossen, hiemit hat die Homosexualität ihren höchsten und
    intimsten Ausdruck gefunden.*)

    Ich meine, von diesem Beispiel her fällt auch ein Licht
    auf Sinn und Ursprung der Mutterleibs- wie der Wieder-
    geburtsphantasic, Die erstere ist häufig so wie in unserem
    Falle aus der Bindung an den Vater hervorgegangen. Man
    wünscht sich in den Leib der Mutter, um sich ihr beim Koitus
    zu substituieren, ihre Stelle beim Vater einzunehmen. Die
    Wiedergeburtsphantasie ist wahrscheinlich regelmäßig eine

    あ Der mögliche Nebensinn, dal der Schleier das Hymen darstellt,
    welches beim Verkehr mit dem Manne zerreibt, trifft nicht genau mit der
    Heilbedingung zusammen und hat keine Beziehung zum Leben des Patienten,
    für den die Virginitåt keine Bedeutung hatte.

  • S.

    L AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 117

    Milderung, sozusagen ein Euphemismus, fiir die Phantasie des
    inzestuôsen Verkehrs mit der Mutter, eine anagogische
    Abkürzung derselben, um den Ausdruck von H. Silberer
    zu gebrauchen, Man wünscht sich in die Situation zurück, in
    der man sich in den Genitalien der Mutter befand, wobei sich
    der Mann mit seinem Penis identifiziert, durch ihn vertreten
    låbt. Dann enthüllen sich die beiden Phantasien als Gegen-
    stücke, die je nach der männlichen oder weiblichen Einstel-
    lung des Betreffenden dem Wunsch nach dem Sexnalverkehr
    mit dem Vater oder der Mutter Ausdruck geben. Es ist die
    Möglichkeit nicht abzuweisen, daß in der Klage und Heil-
    bedingung unseres Patienten beide Phantasien, also auch
    beide Inzestwünsche, vereinigt sind.

    Ich will noch einmal den Versuch machen, die letzten
    Ergebnisse der Analyse nach dem gegnerischen Vorbild um-
    zudeuten: Der Patient beklagt seine Weltflucht in einer ty-
    pischen Mutterleibsphantasie, erblickt seine Heilung allein von
    einer typisch gefaßten Wiedergeburt, Diese letztere drückt

    er in analen Symptomen entsprechend seiner vorwiegenden
    Veranlagung aus. Nach dem Vorbild der analen Wieder-
    geburtsphantasie hat er sich eine Kinderszene zurechtgemacht,
    die seine Wünsche in archaisch-symbolischen Ausdrucksmit-
    teln wiederholt. Seine Symptome verketten sich dann, als ob
    sie von einer solchen Urszene ausgingen. Zu diesem ganzen
    Rückweg mußte er sich entschließen, weil er auf eine Lebens-

    aufgabe stieß, fiir deren Lösung er zu faul war, oder weil
    er allen Grund hatte, seinen Minderwertigkeiten zu mißtrauen
    und sich durch solche Veranstaltungen am besten vor Zurück-
    setzung zu schützen meinte.

    Das wire alles gut und schón, wenn der Unglückliche
    nur nicht schon mit vier Jahren einen Traum gehabt hatte,

  • S.

    118 . SCHRIFTEN. ZUR NEUROSENLEHRE. V.

    mit dem seine Neurose begann, der durch die Erzählung des
    Grofvaters vom Schneider und vom Wolf angeregt wurde,
    und dessen Deutung die Annahme einer solchen Urszene not-

    wendig macht, An diesen kleinlichen, aber unantastbaren 'fat-

    sachen scheitern leider die Erleichterungen, die uns die Theo-
    rion von Jung und Adler verschaffen wollen. Wie die Sa-
    chen liegen, scheint mir die Wiedergeburtsphantasie eher ein
    Abkómmling der Urszene, als umgekehrt die Urszene eine
    Spiegelung der Wiedergeburtsphantasie zu sein. Vielleicht darf
    man auch annchmen, der Patient sei damals, vier Jahre, nach
    seiner Geburt doch zu jung gewesen, um sich bereits eine
    Wiedergeburt zu wünschen. Aber dieses letztere Argument
    mul ich doch zurückziehen; meine eigenen Beobachtungen
    beweisen, daB man die Kinder unterschätzt hat, und daß man
    nicht mehr weiß, was man ilinen zutrauen darf.*)

    * Ich gebe zu, daß diese Frage die heikelste der ganzen analytischen
    Lehre ist. Ich habe nicht der Mitteilungen von Adler oder Jung bedurft,
    um mich mit der Möglichkeit kritisch zu beschäftigen, daß die von der
    Analyse behaupteten, vergessenen Kindheitserlebnisse — in unwahrschcin-
    lich früher Kindheit erlebt! — vielmehr auf Phantasien beruhen, die bei
    späten Anlässen geschaffen werden, und daß man überall dort die Äußerung
    cines konstitutionellen Moments oder einer phylogenetisch erhaltenen Dis.
    position anzunehmen habe, wo man die Nachwirkung eines solchen in-
    fantilen Eindrucks in den Analysen zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein
    Zweifel hat mich mehr in Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit
    entschiedener von Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der
    Phantasien für die Symptombildung als auch das ,,Zurückphantasieren* von
    späten Anregungen her in die Kindheit und das nachträgliche Sexualisieren
    derselben habe ich uls erster kennen gelehrt, worauf keiner der Gegner
    hingewiesen hat. (Siehe Traumdeutung, I. Auflage, S. 49, und die Anmer-
    kungen zu dem Fall von Zwangsneurose 1908 [S. 161 der Sammlung kleiner
    Schriften, dritte Folge]. Wenn ich dennoch die schwierigere und unwahr-
    scheinlichere Auffassung als die meinige festgehalten habe, so geschah es
    mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene Fall oder jede andere in-
    fantile Neurose dem Untersucher aufdrången, und die ich jetzt neuerdings
    den Lesern zur Entscheidung vorlege.