• S.

    49

    IV
    Vierte Vorlesung.

    Meine Damen und Herren! Daß die Fehlleistungen einen Sinn
    haben, dürfen wir doch als das Ergebnis unserer bisherigen
    Bemühungen hinstellen und zur Grundlage unserer weiteren
    Untersuchungen nehmen. Nochmals sei betont, daß wir nicht
    behaupten – und für unsere Zwecke der Behauptung nicht
    bedürfen –, daß jede einzelne vorkommende Fehlleistung
    sinnreich sei, wiewohl ich das für wahrscheinlich halte. Es genügt
    uns, wenn wir einen solchen Sinn relativ häufig bei den
    verschiedenen Formen der Fehlleistung nachweisen. Diese
    verschiedenen Formen verhalten sich übrigens in dieser
    Hinsicht verschieden. Beim Versprechen, Verschreiben
    u. s. w. mögen Fälle mit rein physiologischer Begründung
    vorkommen, bei den auf Vergessen beruhenden Arten
    (Namen- und Vorsatzvergessen, Verlegen u. s. w.) kann ich
    an solche nicht glauben, ein Verlieren giebt es sehr
    wahrscheinlich, das als unbeabsichtigt zu erkennen ist; die
    im Leben vorfallenden Irrtümer sind über-
    haupt nur zu einem gewissen Anteil unseren Gesichtspunkten
    unterworfen. Diese Einschränkungen wollen Sie im Auge
    behalten, wenn wir fortan davon ausgehen, daß Fehl-
    leistungen psychische Akte sind und durch die Inter-
    ferenz zweier Absichten entstehen.

        Es ist dies das erste Resultat der Psychoanalyse. Von dem
    Vorkommen solcher Interferenzen und der Mög-
    lichkeit, daß dieselben derartige Erscheinungen zur Folge
    haben, hat die Psychologie bisher nichts gewußt. Wir
    haben das Gebiet der psychischen Erscheinungswelt um
    ein ganz ansehnliches Stück erweitert und Phänomene
    für die Psychologie erobert, die ihr früher nicht zu-
    gerechnet wurden.

        Verweilen wir noch einen Moment bei der Behaup-
    tung, die Fehlleistungen seien „psychische Akte“. Enthält
    sie mehr als unsere sonstige Aussage, sie hätten
    einen Sinn? Ich glaube nicht; sie ist vielmehr eher
    unbestimmter und mißverständlicher. Alles, was
    man am Seelenleben beobachten kann, wird
    man gelegentlich als seelisches Phänomen be-
    zeichnen. Es wird aber darauf ankommen, ob
    die einzelne seelische Äußerung direkt aus körper-
    lichen, organischen, materiellen Einwirkungen

  • S.

    50 hervorgegangen ist, in welchem Falle ihre Untersuchung
    nicht der Psychologie zufällt, oder ob sie sich zunächst
    aus anderen seelischen Vorgängen ableitet, hinter
    denen dann irgendwo die Reihe der organischen
    Einwirkungen anfängt. Den letzteren Sachverhalt
    haben wir im Auge, wenn wir eine Erscheinung
    als einen seelischen Vorgang bezeichnen, und
    darum ist es zweckmäßiger, unsere Aussage in
    die Form zu kleiden: Die Erscheinung sei sinnreich,
    habe einen Sinn. Unter Sinn verstehen wir
    Bedeutung, Absicht, Tendenz und Stellung in
    einer psychischen Reihe (Zusammenhänge).

        Es giebt eine Anzahl anderer Erscheinungen, welche
    den Fehlleistungen sehr nahe stehen, auf welche aber
    dieser Name nicht mehr paßt. Wir nennen sie
    Zufalls- und Symptomhandlungen. Sie haben gleich-
    falls den Charakter des Unmotivierten, Unschein-
    baren und Unwichtigen, überdies aber deutlicher
    den des Überflüssigen. Von den Fehlhandlungen
    unterscheidet sie der Wegfall einer anderen Intention
    mit der sie zusammenstoßen, und die durch sie gestört
    wird. Sie übergehen anderseits ohne Grenze in die
    Gesten und Bewegungen, welche wir zum Ausdruck
    der Gemütsbewegungen rechnen. Zu diesen Zufalls-
    handlungen gehören alle wie spielend ausgeführten,
    anscheinend zwecklosen Verrichtungen an unserer
    Kleidung, an Teilen unseres Körpers an Gegenständen, die uns erreichbar
    sind, sowie die Unterlassungen derselben, ferner die
    Melodien, die wir vor uns hinsummen. Ich vertrete
    vor Ihnen die Behauptung, daß alle diese Phänomene
    sinnreich und deutbar sind in derselben Weise
    wie die Fehlhandlungen, kleine Anzeichen von
    anderen wichtigeren seelischen Vorgängen, voll-
    giltige psychische Akte. Aber ich gedenke bei dieser
    neuen Erweiterung des Gebiets seelischer Erschei-
    nungen nicht zu verweilen, sondern zu den Fehl-
    leistungen zurückzukehren, an denen sich die
    für die Psychoanalyse wichtigen Fragestellungen
    mit weit größerer Deutlichkeit herausarbeiten
    lassen.

  • S.

    51 Die interessantesten Fragen, die wir bei den Fehlleist-
    ungen gestellt und noch nicht beantwortet haben,
    sind wohl die folgenden: Wir haben gesagt, daß die
    Fehlleistungen Ergebnisse der Interferenz von
    zwei verschiedenen Intentionen sind, von denen die
    eine die gestörte, die andere die störende heißen kann.
    Die gestörten Intentionen geben zu weiteren Fragen
    keinen Anlaß, aber von den anderen wollen wir
    wissen, erstens was sind das für Intentionen, die
    als Störung anderer auftreten, und zweitens,
    wie verhalten sich die störenden zu den gestörten?

        Gestatten Sie, daß ich wiederum das Versprechen
    zum Repräsentanten der ganzen Gattung nehme,
    und daß ich die zweite Frage eher beantworte als
    die erste.

        Die störende Intention beim Versprechen kann in in-
    haltlicher Beziehung zur gestörten stehen, dann enthält
    sie einen Widerspruch gegen sie, eine Berichti-
    gung oder Ergänzung zu ihr. Oder, der dunklere
    und interessantere Fall, die störende Intention hat
    inhaltlich nichts mit der gestörten zu thun.

        Belege für die erstere der beiden Beziehungen
    können wir in den uns bereits bekannten und
    in ähnlichen Beispielen mühelos finden. Fast in allen
    Fällen von Versprechen zum Gegenteil drückt die
    störende Intention den Gegensatz zur gestörten
    aus, ist die Fehlleistung die Darstellung des Konflikts
    zwischen zwei unvereinbaren Strebungen. Ich erkläre
    die Sitzung für eröffnet, möchte sie aber lieber
    schon geschlossen haben, ist der Sinn des Versprechens
    des Präsidenten. Eine politische Zeitung, die der Be-
    stechlichkeit beschuldigt worden ist, verteidigt sich
    in einem Artikel, der in den Worten gipfeln
    soll: Unsere Leser werden uns das Zeugnis
    ausstellen, daß wir immer in un-eigennützigster
    Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten
    sind. Der mit der Abfassung der Verteidigung
    betraute Redakteur schreibt aber: in eigen-
    nützigster Weise. Das heißt, er denkt: So muß ich zwar
    schreiben, aber ich weiß es anders. Ein Volksvertreter,
    der dazu auffordert, dem Kaiser rückhaltlos

  • S.

    52 die Wahrheit zu sagen, muß eine Stimme in seinem
    Innern anhören, die ob seiner Kühnheit erschrickt,
    und durch ein Versprechen das rückhaltlos in
    rückgratlos verwandelt. x)
                                            x) Im deutschen Reichstag, Nov 1908

        In den Ihnen bekannten Beispielen, die den Eindruck
    von Zusammenziehungen und Verkürzungen machen,
    handelt es sich um Berichtigungen, Zusätze oder
    Fortsetzungen, mit denen sich eine zweite Tendenz
    neben der ersten zur Geltung bringt. Es sind da
    Dinge zum Vorschein gekommen, aber sag' es lieber
    gerad' heraus, es waren Schweinereien; also: es
    sind Dinge zum Vorschwein gekommen. – Die Leute,
    die das verstehen, kann man an den Fingern einer
    Hand abzählen; aber nein, es giebt doch eigentlich
    nur einen, der das versteht, also: an einem
    Finger abzählen. – Oder, mein Mann kann essen
    und trinken, was er will. Aber Sie wissen ja, ich
    dulde es überhaupt nicht, daß er etwas will;
    also: er darf essen und trinken, was ich will.
    In all diesen Fällen geht also das Versprechen aus
    dem Inhalt der gestörten Intention selbst hervor
    oder es knüpft an ihn an.

        Die andere Art der Beziehung zwischen den beiden
    interferierenden Intentionen wirkt befremdend.
    Wenn die störende Intention nichts mit dem
    Inhalt der gestörten zu thun hat, woher kommt sie
    denn, und woher rührt es, daß sie sich gerade an
    solcher Stelle als Störung bemerkbar macht?
    Die Beobachtung, die hier allein Antwort geben kann,
    läßt erkennen, daß die Störung von einem Gedan-
    kengang herrührt, der die betreffende Person
    kurz vorher beschäftigt hatte, und der nun in
    solcher Weise nachwirkt, gleichgiltig ob er bereits
    Ausdruck in der Rede gefunden hat oder nicht.
    Sie ist also wirklich als Nachklang zu bezeichnen,
    aber nicht notwendig als Nachklang von ge-
    sprochenen Worten. Es fehlt auch hier nicht an
    einem assoziativen Zusammenhang zwischen dem
    Störenden und dem Gestörten, aber er ist nicht
    im Inhalt gegeben, sondern künstlich, oft auf
    sehr gezwungenen Verbindungswegen hergestellt.

  • S.

    53 Hören Sie ein einfaches Beispiel hierfür an, das ich
    selbst beobachtet habe. Ich treffe einmal in unseren
    schönen Dolomiten mit zwei Wiener Damen zu-
    sammen, die als Touristinnen verkleidet sind.
    Ich begleite sie ein Stück weit und wir besprechen die
    Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen
    Lebensweise. Die eine der Damen giebt zu, daß
    diese Art den Tag zu verbringen, manches Unbequeme
    hat. Es ist wahr, sagt sie, daß es gar nicht angenehm
    ist, wenn man so in der Sonne den ganzen Tag mar-
    schiert ist, und Bluse und Hemd ganz durchgeschwitzt
    sind. In diesem Satze hat sie einmal eine kleine
    Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: Wenn
    man aber dann nach Hose kommt und sich umkleiden
    kann . . . . . Wir haben dies Versprechen nicht ana-
    lysiert, aber ich meine, Sie können es leicht verstehen.
    Die Dame hatte die Absicht gehabt, die Aufzählung voll-
    ständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und
    Hose. Aus Motiven der Wohlanständigkeit war
    die Erwähnung der Hose unterblieben, aber in
    dem nächsten inhaltlich ganz unabhängigen Satz
    kam das nicht ausgesprochene Wort als Verun-
    staltung des ähnlichen Wortes nach Hause zum
    Vorschein.

        Nun können wir uns aber der lange aufgesparten
    Hauptfrage zuwenden, was für Intentionen es
    sind, die sich in so ungewöhnlicher Weise als
    Störungen anderer zum Ausdruck bringen. Nun
    selbstverständlich sehr verschiedene, in denen
    wir aber das Gemeinsame suchen wollen. Untersuchen
    wir eine Reihe von Beispielen daraufhin, so werden
    sie sich uns alsbald in drei Gruppen sondern. Zur
    ersten Gruppe gehören die Fälle, in denen die störende
    Tendenz dem Redner bekannt ist, überdies aber
    vor dem Versprechen von ihm verspürt wurde. So
    giebt beim Versprechen „Vorschwein“ der Sprecher
    nicht nur zu, daß er das Urteil „Schweinereien“
    über die betreffenden Vorgänge gefällt hat,
    sondern auch, daß er die Absicht hatte, von der
    er später zurücktrat, ihr auch wörtlichen Ausdruck
    zu geben. Eine zweite Gruppe bilden andere Fälle,
    in denen die störende Tendenz vom Sprecher
    gleichfalls als die seinige anerkannt wird,
    aber er weiß nichts davon, daß sie gerade vor

  • S.

    54 dem Versprechen bei ihm aktiv war. Er akzeptiert
    also unsere Deutung seines Versprechens, bleibt
    aber doch in gewissem Maße verwundert über sie.
    Beispiele für dieses Verhalten lassen sich von anderen
    Fehlleistungen vielleicht leichter geben als gerade
    vom Versprechen. In einer dritten Gruppe wird die
    Deutung der störenden Intention vom Sprecher
    energisch abgelehnt; er bestreitet nicht nur, daß sie
    sich vor dem Versprechen in ihm geregt, sondern
    er will behaupten, daß sie ihm überhaupt völlig
    fremd ist. Erinnern Sie sich an das Beispiel vom
    „Aufstoßen“ und an die geradezu unhöfliche Ab-
    weisung, die ich mir durch die Aufdeckung der
    störenden Intention von diesem Sprecher geholt
    habe. Sie wissen, daß wir in der Auffassung dieser
    Fälle noch keine Einigung erzielt haben. Ich
    würde mir aus dem Widerspruch des Toastredners
    nichts machen und unbeirrbar an meiner Deutung
    festhalten, während Sie, meine ich, doch unter
    dem Eindrucke seines Sträubens stehen und in
    Erwägung ziehen, ob man nicht auf die Deutung
    solcher Fehlleistungen verzichten und sie als rein
    physiologische Akte im voranalytischen Sinne
    gelten lassen soll. Ich kann mir denken, was
    Sie abschreckt. Meine Deutung schließt die Annahme
    ein, daß sich bei dem Sprecher Intentionen
    äußern können, von denen er selbst nichts
    weiß, die ich aber aus Indizien erschließen
    kann. Vor einer so neuartigen und folgenschweren
    Annahme machen Sie halt. Ich verstehe das
    und gebe Ihnen insoweit Recht. Aber stellen
    wir das eine fest: Wenn Sie die an so vielen
    Beispielen erhärtete Auffassung der Fehl-
    leistungen konsequent durchführen wollen,
    müssen Sie sich zu der genannten befremd-
    enden Annahme entschließen. Können Sie
    das nicht, so müssen Sie auf das kaum erworbene
    Verständnis der Fehlleistungen wiederum
    verzichten.

  • S.

    55 Verweilen wir noch bei dem, was die drei
    Gruppen einigt was den drei Mechanismen des Ver-
    sprechens gemeinsam ist. Das ist zum Glück unver-
    kennbar. In den beiden ersten Gruppen wird die
    störende Tendenz vom Sprecher anerkannt, in
    der ersten kommt noch hinzu, daß sie sich unmittel-
    bar vor dem Versprechen gemeldet hat. In beiden
    Fällen ist sie aber zurückgedrängt worden.
    Der Sprecher hat sich entschlossen, sie nicht in Rede
    umzusetzen, und dann passiert ihm das Versprechen,
    d. h. dann setzt sich die zurückgedrängte Tendenz
    gegen seinen Willen in eine Äußerung um,
    indem sie den Ausdruck der von ihm zugelassenen
    Intention abändert, sich mit ihr vermengt oder
    sich geradezu an ihre Stelle setzt. Dies ist also
    der Mechanismus des Versprechens.

        Ich kann von meinem Standpunkt auch den
    Vorgang in unserer dritten Gruppe in den schönsten
    Einklang mit dem hier beschriebenen Mecha-
    nismus bringen. Ich brauche nur anzunehmen, daß
    diese drei Gruppen durch eine verschieden
    weit reichende Zurückdrängung einer Intention
    unterschieden werden. In der ersten ist die Intention
    vorhanden und macht sich vor der Äußerung des
    Sprechers ihm bemerkbar; erst dann erfährt
    sie die Zurückweisung, für welche sie sich im
    Versprechen entschädigt. In der zweiten Gruppe
    reicht die Zurückweisung weiter; die Intention
    wird bereits vor der Redeäußerung nicht
    mehr bemerkt. Merkwürdig, daß sie dadurch
    keineswegs abgehalten wird, sich an der Verur-
    sachung des Versprechens zu beteiligen!
    Durch dies Verhalten wird uns aber die Er-
    klärung für den Vorgang bei der dritten
    Gruppe erleichtert. Ich werde so kühn sein an-
    zunehmen, daß sich in der Fehlleistung auch
    noch eine Tendenz äußern kann, welche
    seit längerer Zeit, vielleicht seit sehr langer
    Zeit zurückgedrängt ist, nicht bemerkt wird
    und darum vom Sprecher direkt verleugnet
    werden kann. Aber lassen Sie selbst das Problem

  • S.

    56 der dritten Gruppe bei Seite; Sie müssen aus den
    Beobachtungen an den anderen Fällen den Schluß
    ziehen, daß die Unterdrückung der vorhandenen
    Absicht etwas zu sagen, die unerläßliche Bedingung
    dafür ist, daß ein Versprechen zu Stande kommt.

        Wir dürfen nun behaupten, daß wir
    im Verständnis der Fehlleistungen weitere
    Fortschritte gemacht haben. Wir wissen nicht nur,
    daß sie psychische Akte sind an denen man Sinn
    und Absicht erkennen kann, nicht nur, daß sie
    durch die Interferenz von zwei verschiedenen
    Intentionen entstehen, sondern außerdem
    noch, daß die eine dieser Intentionen eine gewisse
    Zurückdrängung von der Ausführung er-
    fahren haben muß, um sich durch die Störung
    der anderen äußern zu können. Sie muß
    selbst erst gestört worden sein, ehe sie zur
    störenden werden kann. Eine vollständige
    Erklärung der Phänomene, die wir Fehlleist-
    ungen nennen, ist damit natürlich noch nicht gewonnen.
    Wir sehen sofort weitere Fragen auftauchen
    und ahnen überhaupt, daß sich um so mehr Anlässe
    zu neuen Fragen ergeben werden, je weiter
    wir im Verständnis kommen. Wir können
    z. B. fragen, warum es nicht viel einfacher zugeht.
    Wenn die Absicht besteht, eine gewisse Tendenz
    zurückzudrängen anstatt sie auszuführen,
    so sollte diese Zurückdrängung so gelingen, daß
    eben nichts von ihr zum Ausdruck kommt oder
    sie könnte auch mißlingen, so daß die zurück-
    gedrängte Tendenz sich vollen Ausdruck schafft.
    Die Fehlleistungen sind aber Kompromißergebnis-
    se, sie bedeuten ein halbes Gelingen und ein halbes
    Mißlingen für jede der beiden Absichten, die
    gefährdete Intention wird weder ganz unter-
    drückt, noch setzt sie sich – von Einzelfällen
    abgesehen – ganz unversehrt durch.
    Wir können uns denken, daß besondere
    Bedingungen für das Zu Stande Kommen

  • S.

    57 solcher Interferenz oder Kompromißergebnisse
    vorhanden sein müssen, aber wir können auch
    nicht einmal ahnen, welcher Art sie sein können. Ich glaube
    auch nicht, daß wir diese uns unbekannten Ver-
    hältnisse durch weitere Vertiefung in das
    Studium der Fehlleistungen aufdecken könnten.
    Es wird vielmehr notwendig sein, vorher noch
    andere dunkle Gebiete des Seelenlebens zu
    durchforschen; erst die Analogien, die uns dort begegnen,
    können uns den Mut geben , geben jene An-
    nahmen aufzustellen, die für eine tiefer reichende
    Aufklärung der Fehlleistungen erforderlich
    sind. Und noch eines. Auch das Arbeiten mit
    kleinen Anzeichen, wie wir es auf diesem
    Gebiete beständig üben, bringt seine Gefahren
    mit sich. Es giebt eine seelische Erkrankung die
    kombinatorische Paranoia bei welcher die Ver-
    wertung solcher kleiner Anzeichen in uneinge-
    schränkter Weise betrieben wird, und ich
    werde mich natürlich nicht dafür einsetzen,
    daß die auf dieser Grundlage aufgebauten
    Schlüsse durchwegs richtig sind. Vor solchen Gefahren
    kann uns nur die breite Basis unserer
    Beobachtungen bewahren, die Wiederholung
    ähnlicher Eindrücke aus den verschiedensten
    Gebieten des Seelenlebens.

        Wir werden also die Analyse der Fehlleistungen
    hier verlassen. An eines darf ich Sie aber noch
    mahnen; wollen Sie die Art, wie wir diese
    Phänomene behandelt haben, als vorbildlich
    im Gedächtnis behalten. Sie können an diesem
    Beispiel ersehen, welches die Absichten unserer
    Psychologie sind. Wir wollen die Erscheinungen
    nicht bloß beschreiben und klassifizieren, sondern
    sie als Anzeichen eines Kräftespiels in der
    Seele begreifen, als Äußerungen von ziel-
    strebigen Tendenzen, die zusammen oder gegen-
    einander arbeiten. Wir bemühen uns um
    eine dynamische Auffassung der seelischen
    Erscheinungen. Die wahrgenommenen Phänomene
    müssen in unserer Auffassung gegen die nur
    angenommenen Strebungen zurücktreten.

  • S.

    58 Wir wollen also bei den Fehlleistungen nicht weiter
    in die Tiefe gehen, aber wir können noch einen
    Streifzug durch die Breite dieses Gebiets unter-
    nehmen, auf dem wir Bekanntes wiederfinden
    und einiges Neue aufspüren werden. Wir
    halten uns dabei an die Einteilung in die bereits
    eingangs aufgestellten drei Gruppen des
    Versprechens mit den beigeordneten Formen
    des Verschreibens, Verlesens, Verhörens, des
    Vergessens mit seinen Unterteilungen je nach
    dem vergessenen Objekte (Eigennamen, Fremdworten,
    Vorsätzen, Eindrücken), und des Vergreifens,
    Verlegens, Verlierens. Die Irrtümer, soweit
    sie für uns in Betracht kommen, schließen
    sich teils dem Vergessen, teils dem Vergreifen
    an.

        Vom Versprechen haben wir bereits so eingehend
    gehandelt und doch noch einiges hinzuzufügen.
    Es knüpfen sich an das Versprechen kleinere
    affektive Phänomene, die nicht ganz ohne
    Interesse sind. Es will niemand sich gerne versprochen
    haben; man überhört auch oft das eigene Ver-
    sprechen, niemals das eines anderen. Das Ver-
    sprechen ist auch in gewissem Sinne ansteckend;
    es ist gar nicht leicht, über das Versprechen zu
    reden, ohne dabei selbst in Versprechen zu ver-
    fallen. Die geringfügigsten Formen des Ver-
    sprechens, die gerade keine besonderen Aufklär-
    ungen über versteckte seelische Vorgänge zu
    geben haben, sind doch in ihrer Motivierung
    unschwer zu durchschauen. Wenn Jemand z. B.
    einen langen Vokal kurz gesprochen hat in-
    folge einer beliebig motivierten, bei diesem
    Wort eingetretenen Störung, so dehnt er dafür
    einen bald darauf folgenden kurzen Vokal
    und begeht ein neues Versprechen, indem er
    das frühere kompensiert. Dasselbe, wenn er
    einen Doppelvokal unrein und nachlässig
    ausgesprochen hat, z. B. ein eu oder oi wie ei;
    er sucht es gutzumachen, indem er ein nach-
    folgendes ei in eu oder oi verändert. Dabei
    scheint eine Rücksicht auf den Zuhörer
    maßgebend zu sein, der nicht glauben soll,

  • S.

    59 es sei dem Redner gleichgiltig, wie er die Mutter-
    sprache behandle. Die zweite kompensierende Ent-
    stellung hat geradezu die Absicht, den Hörer auf
    die erste aufmerksam zu machen und ihm zu
    versichern, daß sie auch dem Redner nicht entgangen
    ist. Die häufigsten, einfachsten und geringfügigsten
    Fälle des Versprechens bestehen in Zusammen-
    ziehungen und Vorklängen, die sich an unschein-
    baren Redeteilen äußern. Man verspricht sich
    in einem längeren Satz z. B. derart, daß das
    letzte Wort der beabsichtigten Redeintention
    vorklingt. Das macht den Eindruck einer gewissen
    Ungeduld, mit dem Satze fertig zu werden,
    und bezeugt im Allgemeinen ein gewisses Wider-
    streben gegen die Mitteilung dieses Satzes oder gegen
    die Rede überhaupt. Wir kommen so zu Grenzfällen
    in denen sich die Unterschiede zwischen der
    psychoanalytischen und der gemeinen physiologischen
    Auffassung des Versprechens vermischen. Wir
    nehmen an, daß in diesen Fällen eine die Rede-
    intention störende Tendenz vorhanden
    ist; sie kann uns aber nur anzeigen, daß sie vorhanden
    ist und nicht, was sie selbst beabsichtigt. Die
    Störung, die sie hervorruft, folgt dann irgend
    welchen Lautbeeinflussungen oder Assoziations-
    anziehungen und kann als Ablenkung der Auf-
    merksamkeit von der Redeintention aufge-
    faßt werden. Aber weder diese Aufmerksam-
    keitsstörung noch die wirksam gewordenen
    Assoziationsneigungen treffen das Wesen des
    Vorgangs. Dies bleibt doch der Hinweis auf
    die Existenz einer die Redeabsicht störenden
    Intention, deren Natur nur diesmal nicht
    aus ihren Wirkungen erraten werden
    kann, wie es in allen besser ausgeprägten
    Fällen des Versprechens möglich ist.

        Das Verschreiben, zu dem ich nun übergehe,
    stimmt mit dem Versprechen soweit überein,
    daß wir keine neuen Gesichtspunkte zu er-
    warten haben. Vielleicht wird uns eine kleine
    Nachlese beschieden sein. Die so verbreiteten
    kleinen Verschreibungen, Zusammenziehungen, Vorwegnahmen

  • S.

    60 späterer, besonders der letzten Worte, deuten
    wiederum auf eine allgemeine Schreibunlust
    und Ungeduld, fertig zu werden. Ausgeprägtere
    Effekte des Verschreibens lassen Natur und Absicht
    der störenden Tendenz erkennen. Im Allgemeinen
    weiß man, wenn man in einem Brief ein Ver-
    schreiben findet, daß beim Schreiber nicht alles
    in Ordnung war; was sich bei ihm geregt hat,
    kann man nicht immer feststellen. Das Ver-
    schreiben wird häufig von dem, der es begeht,
    ebensowenig bemerkt wie das Versprechen.
    Auffällig ist dann folgende Beobachtung: Es
    giebt ja Menschen, welche die Gewohnheit üben,
    jeden Brief, den sie geschrieben haben, vor
    der Absendung nochmals durchzulesen. Andere
    pflegen dies nicht; wenn sie es ausnahmsweise aber
    einmal thun, haben sie dann immer Gelegenheit
    ein auffälliges Verschreiben aufzufinden
    und zu korrigieren. Wie ist das zu erklären?
    Das sieht so aus, als wüßten diese Leute
    doch, daß sie sich bei der Abfassung des Briefes
    verschrieben haben. Sollen wir das wirklich
    glauben?

        An die praktische Bedeutung des Verschreibens
    knüpft sich ein interessantes Problem.
    Sie erinnern sich vielleicht an den Fall eines
    Mörders H., der sich Kulturen von höchst
    gefährlichen Krankheitserregern von wissenschaftlichen Instituten verschaffen
    wußte, indem er sich für einen Bakterienforscher
    ausgab, der aber diese Kulturen dazu gebrauchte,
    um ihm nahestehende Personen auf diese
    modernste Weise aus dem Wege zu räumen.
    Dieser Mann beklagte sich nun einmal bei der Leitung
    eines solchen Instituts über die Unwirksamkeit
    der ihm geschickten Kulturen, verschrieb sich aber dabei,
    und an Stelle der Worte „bei meinen Versuchen
    an Mäusen oder Meerschweinchen“ stand deutlich
    zu lesen „bei meinen Versuchen an Menschen“.
    Dies Verschreiben fiel auch den Ärzten des Instituts
    auf; sie zogen aber soviel ich weiß keine Konsequenz
    daraus. Nun was meinen Sie? Hätten die Ärzte nicht
    vielmehr das Verschreiben als Geständnis
    annehmen und eine Untersuchung veranlassen

  • S.

    61 müssen, durch welche dem Mörder rechtzeitig das Handwerk
    gelegt worden wäre? Ist in diesem Falle nicht die Unkennt-
    nis unserer Auffassung der Fehlleistungen die Ursache
    eines praktisch bedeutsamen Versäumnisses geworden?
    Nun, ich meine, ein solches Verschreiben erschiene mir
    gewiß als sehr verdächtig, aber seiner Verwendung
    als Geständnis steht etwas sehr Gewichtiges im Wege.
    So einfach ist die Sache nicht. Das Verschreiben ist sicherlich
    ein Indizium, aber für sich allein hätte es zur Einleitung
    einer Untersuchung nicht hingereicht. Daß der Mann
    von dem Gedanken beschäftigt ist, Menschen zu infizieren,
    das sagt das Verschreiben allerdings, aber es läßt
    nicht entscheiden, ob dieser Gedanke den Wert eines
    klaren schädlichen Vorsatzes oder den einer form-
    losen Phantasie hat. Es ist sogar möglich, daß der Mensch,
    der sich so verschrieben hat, mit der besten subjektiven
    Berechtigung diese Phantasie verleugnen und
    sie als etwas ihm gänzlich Fremdes von sich weisen
    wird. Wenn wir später den Unterschied zwischen
    psychischer und materieller Realität ins Auge
    fassen, werden Sie diese Möglichkeiten noch besser
    verstehen können. Es ist dies aber wieder ein Fall,
    in dem eine Fehlleistung nachträglich zu unge-
    ahnter Bedeutung gekommen ist.

        Beim Verlesen treffen wir auf eine psychische
    Situation, die sich von der des Versprechens und
    Verschreibens deutlich unterscheidet. Die eine der
    beiden miteinander konkurrierenden Tendenzen
    ist hier durch eine sensorische Anregung ersetzt und
    vielleicht darum weniger resistent. Was man zu
    lesen hat, ist ja nicht eine Produktion des eigenen
    Seelenlebens, wie etwas, was man zu schreiben vorhat.
    In einer großen Mehrzahl besteht daher das Verlesen
    in einer vollen Substitution. Man ersetzt das zu
    lesende Wort durch ein anderes, ohne daß eine
    inhaltliche Beziehung zwischen dem Text und dem
    Effekt des Verlesens zu bestehen braucht, in
    der Regel in Anlehnung an eine Wortähnlich-
    keit. Lichtenbergs Beispiel: Agamemnon
    anstatt angenommen ist das beste dieser Gruppe.
    Will man die störende, das Verlesen erzeugende
    Tendenz kennen lernen, so darf man den
    verlesenen Text ganz bei Seite lassen und kann

  • S.

    62 die analytische Untersuchung mit den beiden Fragen
    einleiten, welcher Einfall sich als der nächste zum
    Effekt des Verlesens ergibt und in welcher Situation
    das Verlesen vorgefallen ist. Mitunter reicht die
    Kenntnis der letzteren für sich allein zur Aufklärung
    des Verlesens hin, z. B. wenn Jemand in gewissen
    Nöten in einer ihm fremden Stadt herumwandert
    und auf einer großen Tafel eines ersten Stockwerkes
    das Wort Closethaus liest. Er hat gerade noch
    Zeit, sich zu verwundern darüber, daß die Tafel
    so hoch angebracht ist, ehe er entdeckt, daß dort
    streng genommen Corsethaus zu lesen steht. In
    anderen Fällen bedarf gerade das vom Inhalt
    des Textes unabhängige Verlesen einer einge-
    henden Analyse, die ohne Übung in der psychoanalyti-
    schen Technik und ohne Zutrauen zu ihr nicht durch-
    zuführen ist. Meist ist es aber leichter, sich die Auf-
    klärung eines Verlesens zu schaffen. Das substi-
    tuierte Wort verrät nach dem Beispiel Agamemnon
    ohne weiteres den Gedankenkreis, aus welchem
    die Störung hervorgeht. In diesen Kriegszeiten
    ist es z. B. sehr gewöhnlich, daß man die Namen
    der Städte und Heerführer und die militärischen
    Ausdrücke, die einen beständig umschwirren,
    überall hineinliest, wo einem ein ähnliches Wortbild
    entgegenkommt. Was einen interessiert und be-
    schäftigt, das setzt sich so an Stelle des Fremden
    und noch Uninteressanten. Die Nachbilder der
    Gedanken trüben die neue Wahrnehmung.

        Es fehlt auch beim Verlesen nicht an Fällen
    anderer Art, in denen der Text des Gelesenen
    selbst die störende Tendenz erweckt, durch welche
    er dann meist in sein Gegenteil verwandelt
    wird. Man sollte etwas Unerwünschtes lesen und
    überzeugt sich durch die Analyse, daß ein inten-
    siver Wunsch zur Ablehnung des Gelesenen
    für dessen Abänderung verantwortlich zu
    machen ist.

        Bei den erst erwähnten häufigeren Fällen des
    Verlesens kommen zwei Momente zu kurz,
    denen wir im Mechanismus der Fehlleistungen

  • S.

    63 eine wichtige Rolle zugeteilt haben: der Konflikt
    zweier Tendenzen und die Zurückdrängung der
    einen, die sich durch den Effekt der Fehlleistung
    entschädigt. Nicht daß beim Verlesen etwas dem
    Gegensätzliches aufzufinden wäre, aber die Vordring-
    lichkeit des zum Verlesen führenden Gedanken-
    inhalts ist doch weit auffälliger als die Zurück-
    drängung, die dieser vorher erfahren haben mag.
    Gerade diese beiden Momente treten uns bei den verschiedenen
    Situationen der Fehlleistung durch Vergessen
    am greifbarsten entgegen.

        Das Vergessen von Vorsätzen ist geradezu eindeutig,
    seine Deutung wird, wie wir gehört haben, auch
    vom Laien nicht bestritten. Die den Vorsatz stö-
    rende Tendenz ist jedesmal eine Gegenabsicht, ein
    Nichtwollen, von dem uns nur zu wissen er-
    übrigt, warum es sich nicht anders und nicht unver-
    hüllter zum Ausdruck bringt. Manchmal gelingt
    es auch, etwas von den Motiven rauszufinden
    oder das Vorhandensein dieser Gegenwillen ist
    unzweifelhaft. zu erraten, die diesen Gegenwillen
    nötigen sich zu verbergen und allemal hat er
    durch die Fehlleistung aus dem Verborgenen
    seine Absicht erreicht, während ihm die Ab-
    weisung sicher wäre, wenn er als offener Wider-
    spruch aufträte. Wenn zwischen dem Vorsatz
    und seiner Ausführung eine wichtige Veränderung
    der psychischen Situation eingetreten ist, derzufolge
    die Ausführung des Vorsatzes nicht in Frage käme,
    dann tritt das Vergessen des Vorsatzes aus
    dem Rahmen einer Fehlleistung heraus. Man
    wundert sich nicht mehr darüber und sieht ein,
    daß es überflüssig gewesen wäre den Vorsatz
    zu erinnern; er war dann dauernd oder
    zeitweilig erloschen. Eine Fehlleistung kann
    das Vergessen des Vorsatzes nur dann heißen,
    wenn wir an eine solche Unterbrechung
    desselben nicht glauben können.

        Die Fälle von Vorsatzvergessen sind im Allgemeinen
    so einförmig und durchsichtig, daß sie eben darum
    für unsere Untersuchung kein Interesse haben.

  • S.

    64 An zwei Stellen können wir aber doch aus dem Studium
    dieser Fehlleistung etwas Neues lernen. Wir haben
    gesagt, das Vergessen, also Nichtausführen eines Vor-
    satzes weist auf einen ihm feindlichen Gegenwillen
    hin. Das bleibt wohl bestehen, aber der Gegenwille
    kann nach der Aussage unserer Untersuchungen
    von zweierlei Art sein, ein direkter oder ein
    vermittelter. Was unter dem Letzteren gemeint
    ist, läßt sich am besten an ein oder zwei Beispielen
    erläutern. Wenn der Gönner daran vergißt, bei
    einer dritten Person ein Fürwort für seinen
    Schützling einzulegen, so kann dies geschehen, weil
    er sich für den Schützling eigentlich nicht sehr
    interessiert und darum auch zur Fürsprache keine
    große Lust hat. In diesem Sinne wird jedenfalls
    der Schützling das Vergessen des Gönners ver-
    stehen. Es kann aber auch komplizierter zugehen. Der
    Gegenwille gegen die Ausführung des Vorsatzes
    kann beim Gönner von anderer Seite kommen
    und an ganz anderer Stelle angreifen. Er braucht
    mit dem Schützling nichts zu thun zu haben, sondern
    richtet sich etwa gegen die dritte Person bei
    welcher die Fürsprache erfolgen soll. Sie sehen
    also, welche Bedenken auch hier der praktischen
    Verwendung unserer Deutungen entgegenstehen.
    Der Schützling gerät trotz der richtigen Deutung
    des Vergessens in Gefahr, allzu mißtrauisch
    zu werden und seinem Gönner schweres Un-
    recht zu thun. Oder: wenn Jemand an das Rendez-
    vous vergißt, das einzuhalten er dem Anderen
    versprochen und sich selbst vorgenommen hat, so
    wird die häufigste Begründung wohl die direkte
    Abneigung gegen das Zusammentreffen mit
    dieser Person sein. Aber die Analyse könnte
    hier den Nachweis erbringen, daß die störende
    Tendenz nicht der Person gilt, sondern sich gegen
    den Platz richtet, an welchem das Zusammentreffen
    stattfinden soll, und der infolge einer
    an ihn geknüpften peinlichen Erinnerung ge-
    mieden wird. Oder: wenn Jemand einen
    Brief aufzugeben vergißt, so kann sich die
    Gegentendenz auf den Inhalt des Briefes
    selbst stützen; es ist aber keineswegs ausge-

  • S.

    65 schlossen, daß der Brief an sich harmlos ist und der
    Gegentendenz nur darum verfällt, weil irgend
    etwas an ihm an einen anderen, früher einmal
    geschriebenen Brief erinnert, der dem Gegen-
    willen allerdings einen direkten Angriffspunkt
    geboten hatte. Man kann dann sagen, der Gegen-
    wille hat sich hier von jenem früheren Brief,
    wo er berechtigt war, auf den gegenwärtigen
    übertragen, bei dem er eigentlich nichts zu wollen
    hat. Sie sehen also, daß man bei der Verwertung
    unserer berechtigten Deutungen doch Zurück-
    haltung und Vorsicht üben muß; was psychologisch
    gleichwertig ist, kann praktisch doch recht viel-
    deutig sein.

        Phänomene wie diese werden Ihnen sehr unge-
    wöhnlich erscheinen. Vielleicht sind Sie geneigt
    anzunehmen, daß der „indirekte“ Gegenwille
    den Vorgang als einen bereits pathologischen
    charakterisiert. Ich kann Ihnen aber versichern,
    daß er auch im Rahmen der Norm und der
    Gesundheit vorkommt. Mißverstehen Sie mich
    übrigens nicht. Ich will keineswegs selbst die Unzu-
    verlässigkeit unserer analytischen Deutungen zu-
    gestehen. Die besprochene Vieldeutigkeit des
    Vorsatzvergessens besteht ja nur, so lange
    wir keine Analyse des Falles vorgenommen
    haben und nur auf Grund unserer allgemeinen
    Voraussetzungen deuten. Wenn wir die Analyse
    mit der betreffenden Person ausführen, er-
    fahren wir jedesmal mit genügender Sicher-
    heit, ob es ein direkter Gegenwille ist, oder
    woher er sonst rührt.

        Ein zweiter Punkt ist der Folgende: Wenn wir in einer
    Überzahl von Fällen bestätigt finden, daß das
    Vergessen eines Vorsatzes auf einen Gegen-
    willen zurückgeht, so bekommen wir Mut,
    diese Lösung auch auf eine andere Reihe von
    Fällen auszudehnen, in denen die analysierte
    Person den von uns erschlossenen Gegenwillen
    nicht bestätigt, sondern verleugnet. Nehmen Sie
    als Beispiele hiefür die überaus häufigen

  • S.

    66 Vorkommnisse, daß man vergißt Bücher, die man
    entlehnt hat, zurückzustellen, Rechnungen oder
    Schulden zu bezahlen. Wir werden so kühn sein,
    dem Betreffenden vorzuhalten, daß bei ihm
    die Absicht besteht, die Bücher zu behalten
    und die Schulden nicht zu bezahlen, während er
    diese Absicht leugnen, aber nicht im Stande sein
    wird, uns für sein Benehmen eine andere
    Erklärung zu geben. Daraufhin setzen wir
    fort, er habe die Absicht, nur wisse er nichts
    von ihr; es genüge uns aber, daß sie sich durch
    den Effekt des Vergessens bei ihm verrate.
    Jener kann uns wiederholen, er habe eben
    daran vergessen. Sie erkennen jetzt die Situation
    als eine, in welcher wir uns bereits früher
    einmal befunden haben. Wenn wir unsere
    so vielfältig als berechtigt erwiesenen Deut-
    ungen der Fehlleistungen konsequent
    fortführen wollen, werden wir unausweichlich
    zu der Annahme gedrängt, daß es Tendenzen
    beim Menschen giebt, welche wirksam werden
    können, ohne daß er von ihnen weiß. Damit
    setzen wir uns aber in Widerspruch zu allen
    das Leben und die Psychologie beherrschenden
    Auffassungen.

        Das Vergessen von Eigen- und Fremdnamen
    sowie Fremdworten läßt sich in gleicher Weise
    auf eine Gegenabsicht zurückführen, welche
    sich entweder direkt oder indirekt gegen
    den betreffenden Namen richtet. Von solcher
    direkter Abneigung habe ich Ihnen bereits
    früher einmal mehrere Beispiele vorgeführt.
    Die indirekte Verursachung ist aber hier besonders
    häufig und erfordert meist sorgfältige Analysen
    zu ihrer Feststellung. So z. B. hat in dieser Kriegs-
    zeit, die uns gezwungen hat, so viele unserer
    früheren Neigungen aufzugeben, auch die Ver-
    fügung über das Erinnern von Eigennamen
    infolge der sonderbarsten Verknüpfungen
    sehr gelitten. Vor Kurzem ist es mir geschehen,
    daß ich den Namen der harmlosen mährischen
    Stadt Bisenz nicht reproduzieren konnte
    und die Analyse ergab, daß keine direkte
    Verfeindung Schuld daran trug, sondern der

  • S.

    67 Anklang an den Namen des Palazzo Bisenzi in
    Orvieto, in dem ich sonst zu wiederholten Malen
    gerne gewohnt hatte. Als Motiv der gegen dies
    Namen-erinnern gerichteten Tendenz tritt uns
    hier zum ersten Mal ein Prinzip entgegen,
    welches uns später seine ganze großartige
    Bedeutung für die Verursachung neurotischer
    Symptome enthüllen wird: Die Abneigung des
    Gedächtnisses etwas zu erinnern, was mit
    Unlustempfindungen verknüpft war und
    bei der Reproduktion diese Unlust erneuern
    würde. Diese Absicht zur Vermeidung von Unlust
    aus der Erinnerung oder anderen psychischen
    Akten, die psychische Flucht vor der Unlust
    dürfen wir als das letzte wirksame Motiv
    nicht nur fürs Namenvergessen sondern auch
    für viele andere Fehlleistungen wie Unter-
    lassungen, Irrtümer u. a. anerkennen.

        Das Namenvergessen scheint aber psycho-
    physiologisch besonders erleichtert zu sein und stellt
    sich daher auch in Fällen ein, welche die Einmeng-
    ung eines Unlustmotivs nicht bestätigen lassen.
    Wenn einer einmal zum Namenvergessen
    neigt, so können Sie bei ihm durch analytische
    Untersuchung feststellen, daß ihm nicht nur darum
    Namen entfallen, weil er sie selbst nicht mag
    oder weil sie ihn an Unliebsames mahnen,
    sondern auch darum, weil derselbe Name bei
    ihm einem anderen Assoziationskreis angehört,
    zu dem er innigere Beziehungen hat. Der Name
    wird dort gleichsam festgehalten und den anderen
    momentan aktivierten Assoziationen verweigert.
    Wenn Sie sich an die Kunststücke der Mne-
    motechnik erinnern, so werden Sie mit
    einigem Befremden feststellen, daß man
    Namen infolge derselben Zusammenhänge
    vergißt, die man sonst absichtlich herstellt, um
    sie vor dem Vergessen zu schützen. Das
    auffälligste Beispiel hiefür geben Eigennamen
    von Personen, die begreiflicherweise für
    verschiedene Leute ganz verschiedene psychische
    Wertigkeit besitzen müssen. Nehmen Sie z. B.

  • S.

    68 einen Vornamen wie Theodor. Dem einen von Ihnen
    wird er nichts Besonderes bedeuten; für
    den Anderen ist es der Name seines Vaters,
    Bruders, Freundes oder der eigene. Die
    analytische Erfahrung wird Ihnen dann zeigen, daß
    der Erstere nicht in Gefahr ist zu vergessen,
    daß eine gewisse fremde Person diesen
    Namen führt, während die Anderen beständig
    geneigt sein werden, dem Fremden einen
    Namen vorzuenthalten, der ihnen für intime
    Beziehungen reserviert erscheint. Nehmen Sie
    nun an, daß diese assoziative Hemmung mit
    der Wirkung des Unlustprinzips und
    überdies mit einem indirekten Mechanismus
    zusammentreffen kann, so werden Sie erst
    im Stande sein, sich von der Komplikation
    der Verursachung des zeitweiligen Namenver-
    gessens eine zutreffende Vorstellung zu
    machen. Eine sachgerechte Analyse deckt Ihnen
    aber alle diese Verwicklungen restlos
    auf.

        Das Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen
    zeigt die Wirkung der Tendenz, Unangenehmes
    von der Erinnerung fernzuhalten noch viel
    deutlicher und ausschließlicher als das Namen-
    vergessen. Es gehört natürlich nicht in seinem
    vollen Umfang zu den Fehlleistungen, sondern
    nur insoferne es uns am Maßstabe unserer gewohnten
    Erfahrung gemessen, auffällig und unberechtigt
    erscheint, also z. B. wenn das Vergessen zu frische
    oder zu wichtige Eindrücke betrifft, oder solche,
    deren Ausfall eine Lücke in einen sonst
    gut erinnerten Zusammenhang reißt. Warum
    und wieso wir überhaupt vergessen können,
    darunter Erlebnisse, welche uns gewiß den
    tiefsten Eindruck hinterlassen haben, wie
    die Ereignisse unserer ersten Kindheitsjahre,
    das ist ein ganz anderes Problem, bei
    welchem die Abwehr gegen Unlusterreg-
    ungen eine gewisse Rolle spielt, aber lange
    nicht Alles erklärt.

  • S.

    69 Daß unangenehme Eindrücke leicht vergessen
    werden, ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache.
    Verschiedene Psychologen haben sie bemerkt und
    der große Darwin empfing einen so starken
    Eindruck von ihr, daß er sich die „goldene Regel“
    aufstellte, Beobachtungen, welche seiner Theorie
    ungünstig schienen, mit besonderer Sorgfalt zu
    notieren, da er sich überzeugt hatte, daß gerade
    sie in seinem Gedächtnis nicht haften wollten.

        Wer von diesem Prinzip der Abwehr gegen
    die Erinnerungsunlust durch das Vergessen zuerst
    hört, versäumt selten den Einwand zu erheben,
    daß er vielmehr die Erfahrung gemacht hat, daß
    gerade Peinliches schwer zu vergessen ist, indem es
    gegen den Willen der Person immer wiederkehrt,
    um sie zu quälen, z. B. die Erinnerung an Kränkungen
    und Demütigungen. Auch diese Tatsache ist richtig,
    aber der Einwand trifft nicht zu. Es ist wichtig, daß man
    rechtzeitig beginne mit der Tatsache zu rechnen, das
    Seelenleben sei ein Kampf- und Tummelplatz ent-
    gegengesetzter Tendenzen, oder nicht dynamisch ausge-
    drückt, es bestehe aus Widersprüchen u Gegensatz-
    paaren. Der Nachweis einer bestimmten Tendenz
    leistet nichts für den Ausschluß einer ihr gegen-
    sätzlichen; es ist Raum für Beide vorhanden. Es
    kommt nur darauf an, wie sich die Gegensätze zu
    einander stellen, welche Wirkungen von dem
    einen, und welche von dem anderen ausgehen.

        Das Verlieren und Verlegen sind uns besonders
    interessant durch ihre Vieldeutigkeit, also durch die
    Mannigfaltigkeit der Tendenzen, in deren Dienst
    diese Fehlleistungen treten können. Allen Fällen
    gemeinsam ist, daß man etwas verlieren wollte,
    verschieden aber aus welchem Grund und zu
    welchem Zweck. Man verliert eine Sache, wenn sie
    schadhaft geworden ist, wenn man die Absicht
    hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, wenn sie
    aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie
    von einer Person herrührt, zu der sich die
    Beziehungen verschlechtert haben, oder wenn

  • S.

    70 sie unter Umständen erworben wurde, derer
    man nicht mehr gedenken will. Demselben Zweck
    kann auch das Fallenlassen, Beschädigen, Zerbrechen
    der Sache dienen. Im Leben der Gesellschaft soll
    die Erfahrung gemacht worden sein, daß aufge-
    zwungene und uneheliche Kinder weit hinfälliger
    sind als die rechtmäßig empfangenen. Es bedarf
    für dies Ergebnis nicht der groben Technik
    der sog. Engelmacherinnen; ein gewisser Nach-
    laß in der Sorgfalt der Kinderpflege soll ganz
    ausreichen. Mit der Bewahrung der Dinge
    könnte es ebenso zugehen wie mit der der
    Kinder.

        Dann aber können Dinge zum Verlieren bestimmt
    werden, ohne daß sie etwas an ihrem Wert ein-
    gebüßt haben, wenn nämlich die Absicht besteht
    etwas dem Schicksal zu opfern, um einen anderen
    gefürchteten Verlust abzuwehren. Solche Schick-
    salsbeschwörungen sind nach der Aussage der Ana-
    lyse unter uns noch sehr häufig, unser Verlieren
    ist darum oft ein freiwilliges Opfern. Ebenso
    kann sich das Verlieren in den Dienst des
    Trotzes und der Selbstbestrafung stellen;
    kurz, die entfernteren Motivierungen der
    Tendenz, ein Ding durch Verlieren von sich zu
    tun, sind unübersehbar.

        Das Vergreifen wird wie andere Irrtümer
    häufig dazu benützt, um Wünsche zu erfüllen,
    die man sich versagen soll. Die Absicht maskiert
    sich dabei als glücklicher Zufall. So z. B. wenn man,
    wie es einem unserer Freunde geschah, unter
    deutlichem Gegenwillen einen Besuch mit der
    Eisenbahn in der Nähe der Stadt machen soll,
    und dann in der Umsteigestation irrtümlich in
    den Zug einsteigt, der einen wieder zur Stadt
    zurückführt, oder wenn man auf der Reise
    durchaus einen längeren Aufenthalt in einer
    Zwischenstation nehmen möchte, aber wegen be-
    stimmter Verpflichtungen nicht nehmen soll, und
    man dann einen gewissen Anschluß übersieht
    oder versäumt, so daß man zu der gewünschten
    Unterbrechung gezwungen ist. Oder wie es

  • S.

    71 bei einem meiner Patienten zuging, dem ich
    untersagt hatte, seine Geliebte telephonisch anzu-
    rufen, der aber „irrtümlich“, „in Gedanken“, eine falsche
    Nummer aussprach, als er mit mir telephonieren
    wollte, so daß er plötzlich mit seiner Geliebten
    verbunden war. Ein hübsches, auch praktisch bedeut-
    sames Beispiel von direktem Fehlgreifen bringt
    die Beobachtung eines Ingenieurs zur Vorge-
    schichte einer Sachbeschädigung:

        „Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im
    Laboratorium der Hochschule an einer Reihe komplizierter Elasti-
    zitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen hatten,
    die aber begann mehr Zeit zu beanspruchen, als wir erwartet
    hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins
    Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm es ihm gerade
    heute sei, so viel Zeit zu verlieren, er hätte zu Hause so viel
    anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen und äußerte noch
    halb scherzhaft, auf einen Vorfall der vergangenen Woche anspielend:
    ‚Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen, so daß wir die
    Arbeit abbrechen und früher weggehen können!‘
        Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil
    der Presse zu steuern bekommt, d. h. er hat die Druckflüssigkeit
    aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Öffnen des Ventils langsam
    in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen; der Leiter
    des Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn der richtige
    Druck erreicht ist, ein lautes „Halt“. Auf dieses Kommando
    faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft – nach links
    (alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts geschlossen!).
    Dadurch wird plötzlich der volle Druck des Akkumulators in der
    Presse wirksam, worauf die Rohrleitung nicht eingerichtet ist, so
    daß sofort eine Rohrverbindung platzt – ein ganz harmloser
    Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, für heute die Arbeit
    einzustellen und nach Hause zu gehen.
        Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als
    wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von mir
    mit Sicherheit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern wollte.“

        Von hier können Sie auf die Vermutung
    kommen, daß es nicht immer der harmlose Zufall
    ist, der die Hände Ihres Dienstpersonals zu so gefähr-
    lichen Feinden Ihres Hausbesitzes macht. Sie können
    aber auch die Frage aufwerfen, ob es jedesmal
    Zufall ist, wenn man sich selbst beschädigt und seine
    eigene Integrität in Gefahr bringt. Anregungen,
    die Sie gelegentlich an der Hand der Analyse von
    Beobachtungen auf ihren Wert prüfen mögen.

        Meine geehrten Zuhörer! Das ist lange nicht Alles,
    was über die Fehlleistungen zu sagen wäre. Es giebt
    da noch viel zu erforschen und zu diskutieren. Aber ich
    bin zufrieden, wenn Sie aus unseren bisherigen
    Erörterungen darüber eine gewisse Erschütterung
    Ihrer bisherigen Auffassungen und einen Grad
    von Bereitschaft für die Annahme neuer gewonnen
    haben. Im Übrigen bescheide ich mich, Sie vor einer
    ungeklärten Sachlage zu belassen. Wir können

  • S.

    72 mit dem Studium der Fehlleistungen nicht alle unsere
    Lehrsätze beweisen und sind auch mit keinem
    Beweis auf dieses Material allein angewiesen.
    Der große Wert der Fehlleistungen für unsere
    Zwecke liegt darin, daß es sehr häufige, auch an
    der eigenen Person leicht zu beobachtende
    Erscheinungen sind, deren Zustandekommen
    das Kranksein durchaus nicht zur Voraussetzung
    hat. Nur eine Ihrer unbeantworteten Fragen
    möchte ich am Schlusse noch zu Worte kommen
    lassen: Wenn die Menschen sich, wie wir's an
    vielen Beispielen gesehen haben, dem Ver-
    ständnis der Fehlleistungen so sehr annähern
    und sich oft so benehmen, als ob sie deren Sinn
    durchschauen würden, wie ist es möglich, daß sie
    dieselben Phänomene doch ganz allgemein
    als zufällig, sinn- und bedeutungslos hinstellen
    und der psychoanalytischen Aufklärung derselben
    so energisch widerstreben können?

        Sie haben Recht, das ist auffällig und fordert
    eine Erklärung. Aber ich werde sie Ihnen
    nicht geben, sondern Sie langsam zu den
    Zusammenhängen hinführen, aus denen sich
    Ihnen die Erklärung ohne mein Dazuthun
    aufdrängen wird.