S.
V
DAS TRAUMMATERIAL UND DIE
TRAUMQUELLEN
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion er
sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm
uns zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen all-
gemeinen Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir
brachten vorläufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum
Schweigen, die sich in uns während jener Deutungsarbeit geregt
haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel
gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangs-
punkt für unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes
wählen, sollten wir darüber auch das noch keineswegs voll
erledigte Thema der Wunscherfüllung für eine Weile aus den
Augen verlieren.Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum-
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an
Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich
läßt, muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von
neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht
Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange man
nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen
sind.S.
165
Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des
Traumes mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des
Traummaterials sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mit
geteilt worden. Wir erinnern uns uns auch jener drei Eigentümlich-
keiten des Traumgedächtnisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht
erklärt worden sind:1) Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed-
Hallam);2) daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und
Wichtige, sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert
(vgl. S. 20);3) daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit
hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im
Wachen für längst vergessen gehalten worden sind.1)Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials
sind von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalte
beobachtet worden.A
Das Rezente und das Indifferente im Traum
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so
muß ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume
eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages
aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen
eigenen oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung.1)Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu bestimmt, unser
Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr zu
halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder
aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die
ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt.S.
166
In Kenntnis dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung
damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnis des Tages
forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies
sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im
vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von
Irmas Injektion, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist
die Beziehung zum Tag so augenfällig, daß sie keiner weiteren
Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmäßig sich
diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück meiner eigenen
Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die Träume nur
soweit mit, als ich es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle
bedarf.1) Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur
mit Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unter-
dessen auf mich warten.Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw.2) Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
Pflanzenart geschrieben.Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen.3) Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und
Tochter, von denen die letztere meine Patientin war.Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung
der Behandlung entgegengestellt.4) In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein
Abonnement auf eine periodische Publikation, die jährlich zwanzig
Gulden kostet.Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß
ich ihr zwanzig Gulden vom Wochengelde noch schuldig bin.S.
167
5) Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen
Komitee, in der ich als Mitglied behandelt werde.Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahl-
komitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
Mitglied ich wirklich bin.6) Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in
Böcklinscher Manier.Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel gleichzeitig Nach-
richten von meinem Verwandten in England usw.Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung
unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie
sich auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Ver-
gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle
Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte
ich mich für das ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor
dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden
vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle
des Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer
Nachforschung überzeugen, daß jener Eindruck am Vortage wieder
erinnert worden war, daß also eine nachweisbare Reproduktion
am Vortage sich zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit
eingeschoben hatte, und konnte außerdem den rezenten Anlaß
nachweisen, von dem die Erinnerung an den älteren Eindruck
ausgegangen sein konnte. [E1)]Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger
aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht ge-
schlafen hat“.Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Be-
ziehung zum Trauminhalte als andere Eindrücke aus beliebig
ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder
Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen desS.
168
Traumtages (den „rezenten“ Eindrücken) zu diesen früheren ein
Gedankenfaden reicht.Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir
einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unter-
ziehen. Ich wähle denTraum von der botanischen Monographie.
Ich habe eine Monographie über eine gewisse Pflanze ge-
schrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine einge-
schlagene farbige Tafel um. Jedem Exemplar ist ein getrocknetes
Spezimen der Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem
Herbarium.Analyse:
Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer Buchhandlung
ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
Zyklamen, – offenbar eine Monographie über diese Pflanze.Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu-
zubringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen
mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst
im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine Behauptung
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die
geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß
von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärt-
lichkeit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen
aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu er-
klären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt
er sich vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz
daran vergessen, und will fort, ihr BlumenS.
169
zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie sieht in
der Vergeblichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in
seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. –
Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr
mitgeteilt, daß sie sich wohlfühlt, und sich nach mir erkundigt.
Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung.Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich
einen Aufsatz über die Cocapflanze, welcher die Aufmerksam-
keit von K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des
Kokains gelenkt hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids
in meiner Publikation selbst angedeutet, aber war nicht gründlich
genug, die Sache weiter zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß
ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu dessen
Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art
von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom be-
kommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und mich dort bei
meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er mir empfiehlt,
inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht wüßte, an
wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht sich
diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet haben;
ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser Ent-
deckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei,
ärztliche Leistungen von seiten der Kollegen für seine Person in
Anspruch zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht
kennt, würde ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem
dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß
sich die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm ver-
birgt. Kurz nach der Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater
an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem
Augenarzt Dr. Königstein, operiert, Dr. Koller besorgte die
Kokainanästhesie und machte dann die Bemerkung, daß beiS.
170
diesem Falle alle die drei Personen sich vereinigt fänden, die an
der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben.Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit
deren Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers
und Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmes-
titeln des Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die
Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch
K. Koller vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein
Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt.Ich hatte gerade Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem
ich in ein Gespräch über eine Angelegenheit geraten war, die
mich jedesmal, wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich
mich in dem Hausflur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner
mit seiner jungen Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten,
die beiden darüber zu beglückwünschen, wie blühend sie aus-
sehen. Nun ist Professor Gärtner einer der Verfasser der Fest-
schrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese
erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich
unlängst erzählte, war im Gespräch mit Dr. Königstein, in
anderem Zusammenhange allerdings, erwähnt worden.Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des
Trauminhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der
Pflanze liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium
wäre. Ans Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung.
Unser Gymnasialdirektor rief einmal die Schüler der höheren
Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der Anstalt zur
Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich kleine
Würmer eingefunden – Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung
scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ
mir nur wenige Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen
darauf waren. Ich hatte niemals ein besonders intimes Verhältnis
S.
171
zur Botanik. Bei meiner botanischen Vorprüfung bekam ich
wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und – erkannte sie
nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine theore-
tischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine
Lieblingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine
Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzu-
bringen.Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund
schrieb mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbu-
che beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir
liegen und blättere darin.“ Wie habe ich ihn um diese
Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch auch schon fertig vor
mir liegen sehen könnte!Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono-
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner
beschränkten Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung
zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann,
mußte ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen
und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich ausfiel, daß
mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu
kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugend-
erinnerung. Mein Vater machte sich einmal den Scherz, mir und
meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln
(Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu über-
lassen. Es war kaum erziehrlich zu rechtfertigen. Ich war damals
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild,
wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflücken (wie eine
Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,S.
172
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben
ist. Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine
ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen
(analog der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Lieb-
haberei, wie sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und
Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm
(vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft meines
Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf diesen
Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkannt,
daß diese Kinderszene eine „Deckerinnerung“ für meine spätere
Bibliophilie ist.1) Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß
man durch Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich siebzehn
Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buchhändler
und keine Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es kaum
als Entschuldigung gelten, daß sich meine Neigungen auf nichts
Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugend-
erlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem
Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe
wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe,
handelte es sich auch im Gespräch am Abend des Traumtages.Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben,
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an
das Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar
von mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche
Dinge in diesem Gespräche berührt worden sind, so wird der
Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedanken-
gänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen,
vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung
unter Kollegen, von meiner Vorliebe für monographische Studien
und meiner Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik,1)Vgl. meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen“ in der Monatsschrift für Psy-
chiatrie und Neurologie, 1899. [Ges. Schriften, Bd. I.]S.
173
dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet in irgend-
einen der Fäden der vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum
bekommt wieder den Charakter einer Rechtfertigung, eines
Plaidovers für mein Recht, wie der erstanalysierte Traum von
Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und
erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall zwischen
beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar in-
differentere Ausdrucksform des Traumes bekommt einen Akzent.
Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und
erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat,
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte:
Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden
Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die
Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur
Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem
Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden
Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem
Traume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine Be-
ziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach-
dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite
Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages.
Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist
ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster
ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt mich
kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen
psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen-
arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen
gemacht, die uns beiden nahe gehen mußten, und Erinnerungen
in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen
meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses
Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen.
Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und
zu dem in der Nacht erfolgenden Traum?S.
174
Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den
gleichgültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum
mit Vorliebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt
aufnimmt. In der Traumdeutung hingegen führt alles auf das
wichtige, mit Recht erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn
des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach dem latenten, durch
die Analyse zutage geförderten Inhalt beurteile, so bin ich un-
versehens zu einer neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich
sehe das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den wert-
losen Brocken des Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der
Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben des Wachens sich
in den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür psychische
Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegenteil ist
wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht
auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu
träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß
zum Denken geboten hätten.Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich-
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder
ein Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben
auf eine als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt
haben. Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung
Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung
auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im
Traum von dem verhinderten Souper die Erwähnung der Freundin
durch die Anspielung „geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es
fragt sich nur, durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der
Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Ver-
hältnis der Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst
nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom verhinderten Souper
ist die Beziehung von vornherein gegeben; „geräucherter Lachs“
als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne weiteres zu demS.
175
Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei der Träu-
menden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt
es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge-
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die
Monographie fällt mir am Vormittag auf, das Gespräch führe ich
dann am Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand
gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen
den beiden Eindrücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt
des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich
habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der Niederschrift
der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der Monographie
über Zyklamen würde sich ohne Beeinflussung von anderswoher
wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die Lieblingsblume meiner
Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermißten Blumen-
strauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese Hintergedanken
genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.„There needs no ghost, my lord, come from the grave
To tell us this.“heißt es im „Hamlet“. Aber siehe da, in der Analyse werde
ich daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte,
Gärtner hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne
mich eben jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den
schönen Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres
Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß sich über diese
Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung
der beiden Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden,
vollzog. Dann stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains,
welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein
und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, ver-
mitteln kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vor-
stellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Er-
lebnis als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte.S.
176
Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine
willkürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre
geschehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau
nicht hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht
Flora, sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht.
Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so
wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht,
derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz-
und Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen
vermögen. Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter.
Um einen Schritt weiter zu gehen: wenn sich zwischen den
beiden Eindrücken des Tages keine genug ausgiebigen Mittel-
beziehungen hätten herstellen lassen, so wäre der Traum eben
anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Eindruck des Tages,
wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns vergessen
werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie“ über-
nommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches
gelangt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein
anderer als der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so
wird er wohl der für die Verknüpfung passendste gewesen sein.
Man braucht sich nie wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber
zu wundern, „daß nur die Reichen in der Welt das meiste
Geld besitzen“.Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
legung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das
psychisch wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und be-
fremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir
uns vor der Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser schein-
bar inkorrekten Operation unserem Verständnis näher zu bringen.
Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun,
zu dessen Annahme wir durch ungezählte und regelmäßig wieder-
kehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden.
Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verschiebung – sagenS.
177
wir: des psychischen Akzentes – auf dem Wege jener Mittel
glieder zustande käme, bis anfangs schwach mit Intensität ge-
ladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den
anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche
sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche
Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um die
Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische
Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärt-
lichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die
Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
im „Othello“ ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird,
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt,
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krank-
haften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vor-
kommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender
Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den wir in der
Traumverschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein krank-
haft gestörter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als
ein Vorgang von mehr primärer Natur herausstellen wird.
Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste
von nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der
Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran,
daß wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei
psychischen Instanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben.
Wir erwarten dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die
wirkliche, psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben
aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Akzent auf die gleich-
gültige Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung habenS.
178
wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie von Robert ge
bracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die Tatsache,
welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme
beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den
scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes ein
zusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von Robert
einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser
Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den „Schlacken“
der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schlafen ge
quälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden,
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können.
Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen
wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich
groß; die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewäl-
tigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der
gleichgültigen Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen
Mächte vor sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen.
Wir haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indiffe-
renten Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages –
regelmäßig einen Beitrag zum Trauminhalte liefert. Die Beziehun-
gen zwischen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle
im Unbewußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir
gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste
der beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit her-
gestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen
gerade nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen,
Eindruckes anzubahnen; dieser muß eine besondere Eignung durch
irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht
durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent auf einen
unwesentlichen Bestandteil ihres eigenen Vorstellungskreises ver-
schieben.S.
179
Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur
Aufklärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse
gebracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt
der Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er
gehorcht einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten;
z. B.: Ich stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahn-
coupé ein, in welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber
fremd waren. Der eine war ein einflußreicher Kollege, der andere
ein Angehöriger einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich
beschäftigt war. Ich machte die beiden Herren miteinander be-
kannt; ihr Verkehr ging aber die lange Fahrt über mich, so daß
ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen Gesprächs-
stoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem gemein-
samen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte,
seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, er sei von der
Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares
Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht
werden lassen. Ich erwiderte: Gerade darum bedarf er der Empfehlung.
Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf nach
dem Befinden seiner Tante – der Mutter einer meiner Patientinnen,
welche damals schwer krank danieder lag. In der Nacht nach dieser
Reise träumte ich, mein junger Freund, für den ich die Protektion
erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten Salon und halte vor
einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle mir bekannten vor
nehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten
eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits verstorbene) alte
Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war. [Ich ge-
stehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen
gestanden hatte.] Mein Traum hatte also wiederum Verknüpfungen
zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels
derselben eine einheitliche Situation komponiert.Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz
aufstellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung be-
S.
180
steht, alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im
Traume zusammenzusetzen.1)Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein
rezentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres
Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis,
ein Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann.
Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das be-
stimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger
kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die Denk-
arbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der
richtige Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche
die Traumquellen erkennen lassen, in einem Schema zusammen-
zustellen.Die Traumquelle kann sein:
a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches
im Traume direkt vertreten ist.2)
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den
Traum zu einer Einheit vereinigt werden.3)
c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die
im Trauminhalte durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber
indifferenten Erlebnisses vertreten werden.4)
d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken-
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Er-
wähnung eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten
wird.5)Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die
Bedingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes
1)Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes in einer
Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt worden,
z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forcé (p. 236).2)Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freund, der mein Onkel ist.
3)Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
4)Traum von der botanischen Monographie.
5)Solcherart sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analyse.
S.
181
einen rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur
Vertretung im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem
Vorstellungskreis des eigentlichen Traumerregers selbst angehören
– und zwar entweder als wesentlicher oder als unwichtiger Be-
standteil desselben – oder er rührt aus dem Bereiche eines
indifferenten Eindruckes her, der durch mehr oder minder reich-
liche Verknüpfung mit dem Kreis des Traumerregers in Be-
ziehung gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit der
Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative zustande,
daß eine Verschiebung unterblieben oder vorgefallen ist,
und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe Leich-
tigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis
zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 82).
Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle,
aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für
die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die
beiden Bedingungen eingehalten werden, daß 1) der Trauminhalt
eine Anknüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2) der Traumerreger
ein psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a)
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese Eig-
nung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) älter
geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt-
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt.
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traum-
bildung begründet sein kann.1)1)Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung“.
S.
182
Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt,
daß zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt
wichtige Veränderungen mit unserem Erinnerungs-
stellungsmaterial vor sich gehen können. Die Forderung, eine
Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man sich end-
gültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir merken
aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens
in die des Schlafens übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem
sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. [E2]Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolge-
rungen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur so-
lange sie rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie
kommt es, daß wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren
Lebensperioden vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren –
nach Strümpells Worten keinen psychischen Wert besaßen,
also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die weder frisch
noch psychisch bedeutsam sind?Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch
wichtige Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen
wie für das Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden
stattgefunden hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist.
Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht mehr
indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die Wertigkeit vom
psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was wirklich
indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume
reproduziert werden.Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht
schließen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine in-
differenten Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume.
Dies ist in aller Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung,
abgesehen von den Träumen der Kinder und etwa den kurzenS.
183
Traumreaktionen auf nächtliche Sensa-
tionen. Was man sonst träumt,
ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen, oder
es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu beur-
teilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen
gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes
lassen wir uns im Schlaf nicht stören. [E 3] Die scheinbar harmlosen
Träume erweisen sich als arg, wenn man sich um ihre Deutung
bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, sie haben es
„faustdick hinter den Ohren“. Da dies wiederum ein Punkt ist,
bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gerne die
Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Ar-
beit zu
zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen Träumen“ aus
meiner Sammlung hier der Analyse unterzie-
hen.I
Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern“ ge-
hört, erzählt:
Ich habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts bekom-
me.
Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht aus;
ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Kö-
chin, die
den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie etwas
verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will ihr etwas
anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt
ab und geht zur Ge-
müsefrau, die will ihr ein eigentümliches Ge-
müse verkaufen, das in Bündeln zusammengebunden ist, aber
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme
ich nicht.Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekom-
men. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt
sich einem als Beschreibung des Erleb-
nisses auf. Doch halt, istS.
184
das nicht eine recht gemeine Redensart, die – oder vielmehr
deren Gegenteil – auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines
Mannes geht? Die Träumerin hat diese Worte übrigens nicht
gebraucht, ist ihnen vielleicht ausgewichen; suchen wir nach der
Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also
gesagt oder gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist
sicher unterscheiden läßt – das stammt von Reden des wachen
Lebens her, die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt,
leise verändert, vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen
worden sind.1) Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen
Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede des Fleischhauers:
Das ist nicht mehr zu haben? Von mir selbst; ich hatte ihr
einige Tage vorher erklärt, „daß die ältesten Kindererlebnisse
nicht mehr als solche zu haben sind, sondern durch „Über-
tragungen“ und Traume in der Analyse ersetzt werden“. Ich bin
also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter
Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. – Woher
rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das nehme ich
nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das kenne ich
nicht“ hat sie selbst tags vorher zu ihrer Köchin gesagt, mit
der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Benehmen
Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greifbar; von
den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat sie
den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte
aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum übrigen
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige
Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzuschließen“.
Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind,
beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in
1)Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitte über die Traumarbeit.
Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben,
Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.S.
185
der Begebenheit mit der Gemüsehändlerin niedergelegt sind. Ein Ge-
müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich
ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und
schwarzem Rettich? Spargel brauche ich keinem und keiner
Wissenden zu deuten, aber auch das andere Gemüse – als Zu-
ruf: Schwarzer, rett’ dich! – scheint mir auf das nämliche
sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich anfangs errieten, als
wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die Fleischbank
war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses
Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, daß er sinn-
reich ist und keineswegs harmlos.1II
Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll
man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es
muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die Wiederholung
eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so gefragt
und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie es
träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann
schon vor der Ehe besessen hat2 usw., aber den Schlüssel zur
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese
stammt von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin.
Dort wurde sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen und weigerte1)Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine Phantasie
verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits und von
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den
mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen von hysterischen
Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als
Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. [E 4]2)Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar werden
wird.S.
186
sich mit den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muß gleich
gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen, daß sie gestern
während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der
sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen:
Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der
Kasten zum Brustkasten, und die Deutung des Traumes führt
direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, da sie anfing,
mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl
in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft“ und den
„schlechten Ton“ Rücksicht nehmen und uns daran erinnern,
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers –
als Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten, – in
der Anspielung und im Traum.III
Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen
harmlosen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt,
daß er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder einge-
tretene Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die
beiden kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen,
denn in der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was
könnte daran „schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harm-
losigkeit dieses Traumes bringt auch der erste Einfall bei der
Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern vertraulich
gestanden, daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine
Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem
Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht.
Der Kondom ist der „Überzieher“ mit Recht, man zieht ihn ja
über; so heißt man auch einen leichten Rock. Ein Ereignis wie
das von der Dame berichtete wäre für den unverheirateten Mann
allerdings „schrecklich“.Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.
S.
187
IV
Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze ist aber
gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mädchen in der Schule
sagen, sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre
Schuld.Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine
Kerze in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen.
Hier ist eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze
ist ein Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie
gebrochen ist, so daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die
Impotenz des Mannes („es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur
die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd gebliebene
junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann
sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis
gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein
Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit
großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: „Wenn die
Königin von Schweden, bei geschlossenen Fensterläden mit Apollo-
kerzen...“Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im
Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen
Auftrag, den sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte,
und zwar vermöge des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden.
Die Verbindung des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist
klar genug. „Apollo“ im latenten Trauminhalt verknüpft diesen
Traum mit einem früheren, in dem von der jungfräulichen
Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.V
Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirk-
lichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle,
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheintS.
188
und von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt,
erzählt sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe hatte,
ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie es wirklich
vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das Hauptgewicht
auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. Alle
solchen Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traum, ge-
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken
geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt,
wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns
also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tag vorher
wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig mitzuteilen, auf
welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung das
Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder
um eine kleine box (vgl. S. 157 f. den Traum vom toten Kind
in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts mehr
hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Moment
als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen
müssen.B
Das Infantile als Traumquelle
Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes
haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß
im Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen
können, über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu ver-
fügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist
begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil die betreffenden
Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer Her-
kunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um
Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objektivem WegeS.
189
erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in seltenen
Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig wird
von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit
seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise
träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und
begegne daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit
dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte
er sich nun überzeugen, daß diese unbekannte Ortschaft in
nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existiere, und auch der
unbekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender
Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender
Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds-
traum zu deuten, wie der des Mädchens, welches das Billett für
den Konzertabend in der Tasche trägt (S. 156 f.); des Kindes,
welchem der Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen
hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer gerade diesen
Eindruck aus seiner Kindheit reproduzieren, sind natürlich ohne
Analyse nicht aufzudecken.Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte
mir mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehe-
maliger Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese
Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er
den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirk-
lichkeit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran,
denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte
ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn
die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das
kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer, – das im
Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.S.
190
Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente
aus der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein soge-
nannter perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt,
später immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes
des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art
kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich
ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht
kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir,
daß in seinem Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit
an bis zum heutigen Tage häufig ein gelber Löwe erscheint,
über den er die genaueste Auskunft zu geben vermag. Dieser
ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich eines Tages
in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus Porzellan
vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß
dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
Eine meiner Patientinnen hatte vier-
oder fünfmal im Laufe
ihrer achtunddreißig Jahre die nämliche ängstliche Szene ge-
träumt, daß sie verfolgt werde, sich in ein Zimmer flüchte, die
Türe zumache, dann öffne, um den außen steckenden Schlüssel
abzuziehen, daß sie unter der Empfindung, wenn es ihr nicht
gelinge, werde etwas Schreckliches geschehen, den Schlüssel er-
hasche, um von innen zuzuschließen, und daß sie dann erleichtert
aufatme. Ich weiß nicht anzugeben, in welches frühe Lebens-
alter diese kleine Szene, bei der sie natürlich nur Zuschauerin
gewesen ist, verlegt werden muß. [E 5]Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu
den Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann
man mit Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch
bei solchen Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige
Vermutung erweckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben
Löwen“ verdanke ich ein besonders liebenswürdiges und lehr-
S.
191
reiches Beispiel eines solchen Traumes. Nach der Lektüre von
Nansens Reisebericht über seine Polarexpedition träumte er, in
einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen einer
Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes
fiel ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche
der Traum allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei-
vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die
Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann
den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar
Reisen mit „Reißen“ verwechselt, und der Spott seiner Ge-
schwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis nicht
in Vergessenheit geriet.
Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes
von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten
gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen
Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung
überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung
wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes Anteil genommen hat,
ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine Beziehung erst nach
träglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und Verschlungenheit
der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere Auffassung.
(Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Artischocke; zer-
pflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt [eine Wendung, die
einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches täglich ans
Ohr schlägt]; – Herbarium – Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise
Bücher sind.) Außerdem kann ich versichern, daß der letzte Sinn
des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum Inhalt der
Kinderszene in intimster Beziehung steht.
Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt
hat, als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinder-
leben stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traum
das Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet.S.
192
Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine
den Traum: Freund R. ist mein Onkel. Wir haben dessen Deu-
tung soweit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns
die Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions-
und Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen,
die in den Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein
eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fort-
setzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht
befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den
Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders
gelautet hatte; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in betreff
der Ernennung nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den
Gegensatz zwischen wacher und Traumschätzung voll aufzuklären.
Wenn mein Bedürfnis, mit einem anderen Titel angeredet zu
werden, so stark sein sollte, so beweist dies einen krankhaften
Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den ich ferne von mir
glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen glauben,
in diesem Punkt über mich urteilen würden; vielleicht habe ich
auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so hat er sich längst
auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines Professor extra-
ordinarius geworfen.
Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über
den Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der
Welt einen großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen
müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe
Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber,
deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der
Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der
Prophetin gewesen sein. Sollte meine Großensehnsucht aus dieserS.
193
Quelle stammen? Aber da besinne ich mich eben eines anderen
Eindruckes aus späteren Jugendjahren, der sich zur Erklärung
noch besser eignen würde: Es war eines Abends in einem der
Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf-
jährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann auffiel,
der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse
über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde ab-
geschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er
erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister“
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich
mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürger-
ministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürger-
lichen Doktoren Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach
Hause gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illumi-
niert. Es waren sogar Juden unter ihnen; jeder fleißige Juden-
knabe trug also das Ministerportefeuille in seiner Schultasche.
Es muß mit den Eindrücken jener Zeit sogar zusammenhängen,
daß ich bis kurz vor der Inskription an der Universität willens
war, Jura zu studieren, und erst im letzten Moment umsattelte.
Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt verschlossen.
Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus
der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürger-
ministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von damals
nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und
achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht behandle,
den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob er ein
Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, als
ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mi-
nisters gesetzt. Welch gründliche Rache an Seiner Exzellenz! Er
verweigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen,
und ich setze mich dafür im Traum an seine Stelle.Freud, II.
S.
194
In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch,
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen be-
zieht. Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen
die Sehnsucht, nach Rom zu kommen, zugrunde liegt. Ich werde
diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen
müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise
zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten
der Gesundheit zu meiden. [E 6] So träume ich denn einmal, daß
ich vom Coupéfenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt
sich der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja
gar nicht betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah,
war einem bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im
Salon eines Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt
mich jemand auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel
halb verschleiert und noch so ferne, daß ich mich über die
Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist
reicher, als ich hier ausführen möchte. Das Motiv, „das gelobte
Land von ferne sehen“, ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt,
die ich so zuerst im Nebel gesehen habe, ist – Lübeck; der
Hügel findet sein Vorbild in – Gleichenberg. In einem dritten
Traum bin ich endlich in Rom, wie mir der Traum sagt. Ich
sehe aber zu meiner Enttäuschung eine keineswegs städtische
Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunklem Wasser, auf der einen
Seite desselben schwarze Felsen, auf der anderen Wiesen mit
großen weißen Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den
ich oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg in die
Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich vergebens bemühe,
eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht ge-
sehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine
Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir be-
kannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens Haupt-
stadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen umS.
195
Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen
Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie
die Narzissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig
war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am
Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei Karlsbad.
„Karlsbad“ setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren
Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es
sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist,
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in
Gesprächen und Briefen so gerne zitieren. Die eine ist die Ge-
schichte von der „Konstitution“, des Inhalts, wie ein armer Jude
ohne Fahrbillet den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht,
dann ertappt, bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer
härter behandelt wird, und der dann einem Bekannten, welcher
ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, auf die Frage,
wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn’s meine Konstitution
aushält – nach Karlsbad.“ Nahe dabei ruht im Gedächtnis
eine andere Geschichte, von einem des Französischen unkundigen
Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Wege zur
Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch
ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich
zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als
Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen
werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine direkte Anspielung
an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Übrigens
deutet der Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir
doch alle mit der konstitutionellen Krankheit Diabetes Be-
hafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vor-
schlag meines Berliners Freundes, uns zu Ostern in Prag zu
treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte,
würde sich eine weitere Beziehung zu „Zucker“ und „Diabetes“
ergeben.S.
196
Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und
wundere mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate an-
geschlagen sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in pro-
phetischer Voraussicht geschrieben, Prag dürfte für deutsche
Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum
drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in Rom zu treffen
anstatt in einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus
der Studentenzeit stammende Interesse daran, daß in Prag der
deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. Die tsche-
chische Sprache muß ich übrigens in meinen ersten Kinderjahren
verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens mit
slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kindervers, den
ich in meinem siebzehnten Jahre gehört, hat sich meinem Gedächtnis
mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt
also auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen
zu den Eindrücken meiner ersten Lebensjahre.Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am
Trasimener See vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt achtzig Kilometer weit von
Rom umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehn-
sucht nach der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich
erwog gerade den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach
Neapel zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer
klassischen Schriftsteller [ E 7 ] gelesen haben muß: Es ist fraglich,
wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den
Plan gefaßt, nach Rom zu gehen, der Konrektor Winckelmann
oder der Feldherr Hannibal. Ich war ja auf den Spuren Hanni-
bals gewandelt; es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom
zu sehen, und auch er war nach Kampanien gezogen, nachdem
alle Welt in Rom ihn erwartet hatte. Hannibal, mit dem ich
diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der LieblingsheldS.
197
meiner Gymnasialjah-
re gewesen; wie so viele in jenem Alter,
hatte ich meine Sympathien wäh-
rend der punischen Kriege nicht
den Römern, sondern dem Kartha-
ger zugewendet. Als dann im
Obergymnasium das erste Ver-
ständnis für die Konsequenzen der
Abstammung aus landesfremder Ras-
se erwuchs, und die anti-
semitischen Regungen unter den Kameraden mahnten, Stellung
zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feld-
herrn
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisier-
ten
dem Jüngling den Gegen-
satz zwischen der Zähigkeit des Juden-
tums und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeu-
tung, welche die antisemitische Bewe-
gung seither für unser
Gemütsleben gewon-
nen hat, verhalf dann den Gedanken und
Empfindungen jener früheren Zeit zur Fixie-
rung. So ist der
Wunsch, nach Rom zu kommen, für das Traumle-
ben zum Deck-
mantel und Symbol für mehrere andere heißersehnte Wün-
sche
geworden, an deren Verwirkli-
chung man mit der Aus-
schließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und deren Er-
füllung zeitweilig vom Schick-
sal ebensowenig begün-
stigt scheint
wie der Lebenswunsch Hanni-
bals, in Rom einzuziehen.
Und nun stoße ich erst auf das Jugenderleb-
nis, das in all
diesen Empfindungen und Träu-
men noch heute seine Macht äußert.
Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Va-
ter
begann, mich auf seine Spaziergänge mitzuneh-
men und mir in
Gesprächen seine Ansichten über die Din-
ge dieser Welt zu er-
öffnen. So erzählte er mir ein-
mal, um mir zu zei-
gen, in wieviel
bessere Zeiten ich gekom-
men sei als er: Als ich ein jun-
ger Mensch
war, bin ich in dei-
nem Geburtsort am Samstag in der Stra-
ße
spazieren gegangen, schön geklei-
det, mit einer neuen Pelzmüt-
ze
auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem
Schlag die Müt-
ze in den Kot, und ruft dabei: Jud, herunter vom Trot-
toir! „Und was hast du getan?24) Ich bin auf den Fahr-
weg
gegangen und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene Ant-
wort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem gro-
ßen starkenS.
198
Mann, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich stellte dieser
Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber, die
meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher Hanni-
bals Vater, Hamilkar Barkas, seinen Knaben vor dem Hausaltar
schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. [E 8] Seitdem
hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien.Ich meine, daß ich diese Schwärmerei für den karthagischen
General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück ver-
folgen kann, so daß es sich auch hier nur um die Übertragung
einer bereits gebildeten Affektrelation auf einen neuen Träger
handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem lesefähigen
Kind in die Hände fiel, war Thiers’ „Konsulat und Kaiserreich“;
ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit
den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken
geklebt, und daß damals schon Masséna (als Jude: Menasse) mein
erklärter Liebling war. [E 9] Napoleon selbst schließt sich durch den
Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und vielleicht ließe
sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter zurück in
die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund-
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei
Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren
der beiden Gespielen hervorrufen mußte.Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt,
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.Wir haben gehört (S. 22 f.), daß der Traum sehr selten Er-
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert
den alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind
einige Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen
ich einige neue hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantil-
szenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein
Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles,
die sofort als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die ErinnerungS.
199
daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber
doch stark verdunkelt worden, und ihre Neubelebung war ein
Erfolg der vorausgegangenen analytischen Arbeit. Der Träumer
hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kollegen besucht, der
sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung im Bette
entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang
ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen,
der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen
wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum dreiundzwanzig
Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden
Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt
der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person des
Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten, und muß durch
Deutung aus dem Traum entwickelt werden. Die Mitteilung
solcher Beispiele kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja
für diese Kindererlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie
werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung
nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen auf
solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei der psycho-
analytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die
in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum
Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen,
werden solche Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse
vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal
alles Material mitteile, auf welches sich die Deutung stützt. Indes
will ich mich von der Mitteilung darum nicht abhalten lassen.I
Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter
des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den
Eisenbahnzug nicht zu versäumen, u. dgl. In einem Traume sollS.
200
sie ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll
fahren, nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem
fort. – Das bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die
Erinnerung an Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was
der Wiener „eine Hetz“ nennt), und gibt speziell für den einen
Traum die Zurückführung auf den bei Kindern beliebten Scherz,
den Satz: „Die Kuh rannte, bis sie fiel“ so rasch auszu-
sprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was wiederum ein
„Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen
Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose,
ersetzen.II
Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem großen
Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, wie sie sich
eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit
habe, und daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen
machen muß. Sie sträubt sich aber und will sich in das für sie
bestimmte Bett – oder was es ist – nicht legen. Sie steht in
einem Winkel und wartet, daß ich sage, es ist nicht wahr. Die
anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei von ihr. –
Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate machen würde.Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an
die Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die An-
spielung an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind
die beiden Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt
geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung
ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen
verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mit-
teilen, daß ich vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber
später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies machte die
alte Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der
zur Hysterie bestimmten Kinder ist. Sie sind unersättlich nach
Liebe. Meine Patientin war die jüngste von sechs GeschwisternS.
201
(daher: mit fünf anderen) und als solche der Liebling des
Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß der geliebte Vater
ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widme. – Daß
sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende Ableitung:
Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht, und sie
ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann,
ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere.
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und
wartete darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun
läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren,
ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die
doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig
ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom
Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“ bildet dabei
die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das
Wort „schmutzig“ im Traum umschreiben soll, so stimmt das
Im-Winkel-stehen und das Sich-nicht-ins-Bett-legen dazu
als Bestandteil einer Kinderszene, in der sie das Bett schmutzig
gemacht hätte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter
der Androhung, daß sie der Papa nicht mehr lieb haben werde,
die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen Quadrate zielen
auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man
in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, daß sie nach
allen Richtungen addiert, fünfzehn ergeben.III
Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die sich
balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus den herumliegenden
Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat den anderen nieder-
geworfen, der liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen.
Er eilt dem Missetäter mit erhobenem Stock nach, um ihn zu
züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem Bretter-S.
202
zaun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhners-
frau, die dem Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie
sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen Blick an, so daß
er erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom unteren
Lid das rote Fleisch vorstehen.Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße
gesehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte,
um zu schlichten, ergriffen sie die Flucht. – Faßbinderknaben:
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen
Analyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden aus-
schlagen. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner
Beobachtung meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter
Klapphornvers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der
hieß Marie (d. h. war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach
der Szene mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren
und benützte die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun
zu urinieren. Auf dem weiteren Weg lächelte ihn eine anständig ge-
kleidete ältere Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre
Adreßkarte überreichen.Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann
der gräßliche „Anblick“, das Vorstehen des roten Fleisches, was
sich nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen
kann, die, in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung
als „wildes Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum
vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien
kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren
Urinieren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervor-
geht, bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung
des Vaters wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen be-
wiesenen sexuellen Neugierde.S.
203
IV
Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer
älteren Dame.Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf dem
Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in die Knie. Viele
Leute sammeln sich um sie, besonders die Fiakerkutscher; aber
niemand hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche;
endlich muß es gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker,
der sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster wirft man ihr
einen großen, schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Ein-
kaufskorb).Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist
offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen,
wie auch das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie
war in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich
auch Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinne-
rung an den siebzehnjährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße
von epileptischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause ge-
bracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vor-
stellung von epileptischen Krämpfen, vom „Hinfallenden“4) hat
große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre
eigenen hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. – Wenn
eine Frauenperson vom Fallen träumt, so hat das wohl regel-
mäßig einen sexuellen Sinn, sie wird eine „Gefallene“; für
unseren Traum wird diese Deutung am wenigsten zweifelhaft
sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem Platze von Wien,
der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der Einkaufskorb
gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die vielen
Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und später, wie
sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann auch, daßS.
204
ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Verschmähtwerden
auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phantasien, die
der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie tief unter
ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte einkaufen
geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde,
weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat
gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stuben-
mädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kut-
scher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese
Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im
Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen
nicht annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes,
und zwar durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das
Expedieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“
auf dem Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte,
wie ein Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in
ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil
ein vorübergehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah. Und
nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten
Lebensjahre auf, von einer Bonne, die auf dem Lande Liebes-
szenen mit einem Diener des Hauses aufführte, von denen das
Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem
Liebhaber „expediert“, „hinausgeworfen“ wurde (im Traum
der Gegensatz: „hineingeworfen“), eine Geschichte, der wir
uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert hatten.
Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in
Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“ bezeichnet.
„Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh.“
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den
ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlichS.
205
überreichen Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu
ziehen, die für den Traum im allgemeinen gelten sollen; es han-
delt sich ja regelmäßig um neurotische, speziell hysterische Per-
sonen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in diesen Träumen
zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das
Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der
Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober
Leidenssymptome unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten
Trauminhalt unvermutet auf eine Infantilszene stoße, und daß
mir eine ganze Serie von Träumen mit einemmal in die von
einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele
hiefür habe ich schon erbracht und ich werde noch bei verschie-
denen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen
Abschnitt nicht besser beschließen, als durch Mitteilung einiger
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.I)Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett auf-
gesucht habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des
Lebens und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl-
speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie Knödel
machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, bis sie fertig
ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde ungeduldig und gehe
beleidigt weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den ich
versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas
überrascht, daß er Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe,
hat einen langen Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt.
Ein Fremder mit langem Gesicht und kurzem Spitzbart kommt
hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den
seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich-
nungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann ganz freundlich
miteinander.S.
206
In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
erste Roman ein, den ich, vielleicht dreizehnjährig, gelesen, d. h.
mit dem Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen
des Romans und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der
Schluß ist mir nun in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt
in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm
im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben.
Pélagie ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich
mit diesem Einfall in der Analyse beginnen werde. Da tauchen
zu den drei Frauen die drei Parzen auf, die das Geschick des
Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine der drei Frauen, die
Wirtin im Traum, die Mutter ist, die das Leben gibt, mitunter
auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der
Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein junger Mann,
erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschön-
heit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne Amme
kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute
Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach-
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu be-
dienen. – Die eine der Parzen also reibt die Handflächen anein-
ander, als ob sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäf-
tigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf!
Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinne-
rung. Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei
meiner Mutter genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde ge-
macht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen. Es behagte
mir aber nicht, und ich zweifelte die Lehre an. Da rieb die
Mutter die Handflächen aneinander – ganz ähnlich wie beim
Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
und zeigte mir die schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich
dabei abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht
sind, vor. Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculosS.
207
war grenzenlos und ich ergab mich in das, was ich später in
den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der Natur einen
Tod schuldig.1) So sind es also wirklich Parzen, zu denen ich in
die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich hungrig
war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, bis das
Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer
meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo-
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, wird sich bei dem
Namen Knödl an eine Person erinnern, die er belangen mußte,
weil sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein
Plagiat begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch
wenn es einem andern gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil
des Traumes, in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde,
der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe
den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich
mir darbot, und nun merke ich, daß er dem latenten Traum-
inhalte angehören muß, weil er als Brücke zwischen verschie-
denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die
Assoziationskette Pélagie–Plagiat–Plagiostomen2) (Haifische)
–Fischblase verbindet den alten Roman mit der Affäre Knödl
und mit den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen
Technik bedeuten. (Vgl. Maury’s Traum von Kilo–Lotto, S. 64.)
Eine höchst gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber
doch keine, die ich im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht
schon durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem
Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre,
dient nun der teure Name Brücke (Wortbrücke siehe oben) dazu,
mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine glück-
lichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos1)Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die Er-
gebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traum kurz vorher, der mir zu-
erst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.2)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an eine
ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.S.
208
(„So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr
gelüsten“), im vollsten Gegensatz zu den Begierden, die mich,
während ich träume, plagen. Und endlich taucht die Erinnerung
an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an
etwas Eßbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und an eine trau-
rige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle spielen (die
Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel
aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das
Kokain.So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter
folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll
aufklären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen
Opfer, die es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen
der Fäden auf, der direkt zu einem der dem Gewirre zugrunde
liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem
Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt
die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau
reichlich türkische Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popović, ein
verdächtiger Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu
einer andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. („Er
nannte mir seinen Namen und drückte mir errötend die Hand.“)1)
Übrigens derselbe Mißbrauch mit Namen wie oben mit Pélagie,
Knödl, Brücke, Fleischl. Daß solche Namenspielerei Kinder-
unart ist, darf man ohne Widerspruch behaupten; wenn ich
mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung, denn
mein eigener Name ist unzählige Male solchen schwachsinnigen
Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte einmal, wie
empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich ver-
wachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen
Namen dichtete:„Der du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kote“ –
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“1)Vgl. S. 199.
S.
209
Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier
ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen
Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und
die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegen-
heit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken,
die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll
sich nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben
kann, auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man
soll keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz,
der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist, und
weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will, hat
dieses carpe diem die Zensur zu fürchten und muß sich hinter
einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken
zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung
dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die
Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.II) Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des
Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Eingangs-
tür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der ihn
nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer kurzen
Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll dann,
nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder ver-
lassen und in den Wartesaal zurückgehen, setze es aber mühselig
durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, aufzupassen,
wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege ein Coupé
anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h.
gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir etwas vor,
was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:Freud, II.
S.
210
Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, Tänzelein wagen,
Soll er’s nur sagen,
Ich spiel’ ihm eins auf.(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim-
mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und
revolutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten
Figaros passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beau-
marchais, die ich in der Comédie française aufführen gesehen.
Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe gegeben
haben, geboren zu werden; das Herrenrecht, das der Graf Alma-
viva bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere
bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen
Thun anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich be-
neide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen schweren Gang zum
Kaiser und ich bin der eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe
auf Ferien. Allerlei lustige Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun
ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei den medizinischen
Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine Leistungen in
dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des „Regierungsbei-
schläfers“ zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine
amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse, und ich höre
den Beamten zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn
mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle
meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé für
mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir
die Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage
beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm
den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im
Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse der Reisenden.
Ich erwache auch wirklich um dreiviertel drei Uhr morgens mit
Harndrang aus nachstehendem Traum:S.
211
Menschenmenge, Studentenversammlung. – Ein Graf (Thun
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen zu
sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieblingsblume
den Huflattich und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt,
eigentlich ein zusammengeknülltes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich
fahre auf, fahre also auf,1) wundere mich aber doch über diese
meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre,
die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den
Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offen
bar Regierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, in dem
eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich ver-
meide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für
berechtigt, hier zu passieren, denn sie fragt, ob sie mit der Lampe
mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie soll auf der Treppe
stehen bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich
die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde
einen schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.Wieder undeutlich … Als ob jetzt die zweite Aufgabe käme,
aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem Haus. Ich
fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auftrag, zu einem
Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht
mit Ihnen fahren“, sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht
hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich
schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn
fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems
oder Znaim soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und ent-
scheide mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon,
der ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein
eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen
1)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des
Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, daß sie
ihre Bedeutung hat.S.
212
aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier bricht die
Szene ab.Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit einem
älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu bleiben, sehe
diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Denken und Erleben ist
gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge,
und ich halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in der
Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ich bin also ein
Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist.
Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauffällig
entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Betreffenden und
sein urinierendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit
Harndrang.Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen
Andenken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war,
wie überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei
dem ich Emmersdorf [E 10] kennengelernt hatte, den Ruhesitz des
Studentenführers Fischhof, auf den einige Züge des manifesten
Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt
mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der seiner
Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago“ nach dem
Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder
zu rektifizieren gewöhnt waren: „Fifteen years ago“. Diese Phan-
tasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick
des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die
Fassade italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang
dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist
sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandteile aus dem
Inneren drängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation
des Traumes ist aus mehreren Szenen zusammengebraut, in die
ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung des Grafen im
Traum ist kopiert nach einer Gymnasiaszene aus meinem fünf-S.
213
zehnten Jahr. Wir hatten gegen einen mißliebigen und igno-
ranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein
Kollege war, der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum
Vorhilde genommen zu haben scheint. Die Führung des Haupt-
schlages fiel mir zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der
Donau für Österreich (Wachau!) war der Anlaß, bei dem es
zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der
einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner auf-
fälligen Längenentwicklung die „Giraffe“ genannt, und der stand,
vom Schultyrannen, dem Professor der deutschen Sprache, zur
Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der
Lieblingsblume und In’s-Knopfloch-stecken von etwas, was wieder
eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die ich einer
Freundin am selben Tag gebracht hatte, und außerdem an eine
Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs-
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den
Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von
den Rosen zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben
sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere
spanisch: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. –
Isabelita, no llores que se marchitan las flores. Das Spanische
vom „Figaro“ her.) Die weißen Nelken sind bei uns in Wien
das Abzeichen der Antisemi-
ten, die roten das der Sozialdemo-
kraten geworden. Dahinter eine Erinnerung an eine antisemi-
tische Herausforderung während einer Eisenbahnfahrt im schönen Sachsen-
lande (Angelsachsen). Die dritte Szene, welche Bestandteile für
die Bildung der ersten Traumsituation abgegeben hat, fällt in
meine erste Studentenzeit. In einem deutschen Studentenverein
gab es eine Diskussion über das Verhältnis der Philosophie zu
den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der materialistischen
Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen
Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener ältererS.
214
Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen
zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen
Namen aus dem Tierreich trägt, und machte uns tüchtig
herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine gehütet
und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr auf
(wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich
nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum wundere
ich mich über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Auf-
ruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte
zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war zu
verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das
man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich
beruhen.Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich“
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf-
lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der anderen
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man
durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein,
Sau, Hund; ich wüßte auch auf dem Umweg über einen
Namen zu einem Esel zu gelangen und damit wieder zu einem
Hohn auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich
mir – ich weiß nicht, ob mit Recht, – Huflattich mit
„pisse-en-lit“. Die Kenntnis kommt mir aus dem „Germinal“
Zolas, in dem die Kinder aufgefordert werden, solchen Salat
mitzubringen. Der Hund – chien – enthält in seinem Namen
einen Anklang an die größere Funktion (chier, wie pisser für
die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen
drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben „Ger-
minal“, der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat,
ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich
auf die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt,S.
215
bezieht.1) Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesem
Flatus seit langem angelegt ist, von den Blumen aus über das
spanische Verslein, die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand,
über Heinrich VIII., die englische Geschichte zum Kampf der
Armada gegen England, nach dessen siegreicher Beendigung die
Engländer eine Medaille prägten mit der Inschrift: Flavit et
dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische Flotte zerstreut
hatte. [E 11] Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft
gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie“ zu nehmen, wenn
ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auf-
fassung und Behandlung der Hysterie zu geben.Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so aus-
führliche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rück-
sichten der
Zensur. Ich setze mich nämlich an die Stelle eines hohen Herrn
jener Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler
gehabt, an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich
glaube, ich wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu pas-
sieren, obwohl ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den
größeren Teil jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von
Zimmern im Traum verdankt ihre Anregung dem Salon-
wagen
Seiner Exzellenz, in den ich einen Moment hinein-
blicken konnte;
sie bedeutet aber, wie so häufig im Traum, Frauen-
zimmer
(ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haus-
hälterin statte
ich einer geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Be-
wirtung und die vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem
Hause geboten worden sind. – Der Zug mit der Lampe geht
auf Grill-
parzer zurück, der ein reizendes Erlebnis ähnlichen
Inhaltes notiert und dann in „Hero und Leander“ (des Meeres
und der Liebe Wellen – die Armada und der Sturm) ver-
wendet hat. [E 12]
1)Nicht im „Germinal“, sondern in „La Terre“. Ein Irrtum, der mir erst
nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen Buch-
staben in Huflatich und Flatus aufmerksam.S.
216
Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich
den Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht
vermuten, daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser
Unterdrückung nötigt; man braucht sich aber mit dieser Auf-
klärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich selbst
aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis
behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe,
die mich nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die
Motive der inneren Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des
Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also darum sagen,
daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente Prahlereien,
als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben längst
unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit einzelnen
Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich komme
mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des Abends
vor den Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redens-
art „Was kostet Graz?“, in der man sich gefällt, wenn man
sich überreich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais
unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gar-
gantua und seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den
angedeuteten Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien
einreihen können. Zu den zwei versprochenen Kinderszenen ge-
hört aber folgendes: Ich hatte für diese Reise einen neuen Koffer
gekauft, dessen Farbe, ein Braunviolett, im Traum mehrmals
auftritt (violettbraune Veilchen aus starrem Stoff neben einem
Ding, das man „Mädchenfänger“ heißt – die Möbel in den
Regierungszimmern). Daß man mit etwas Neuem den Leuten
auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir folgende
Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Erinnerung
ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll –S.
217
im Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das Bett naß
gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam,
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm
in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes, rotes
Bett kaufen werde. (Daher im Traum die Einschaltung, daß wir
das Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten;
was man versprochen hat, muß man halten.) [Man beachte
übrigens die Zusammenstellung des männlichen Glases und des
weiblichen Koffers, box.] Der ganze Größenwahn des Kindes ist
in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der Harn-
schwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei
einer früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum S. 200)
aufgefallen. [E 13]Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand,
als ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr
wohl erinnere. Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen
über das Gebot der Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im
Schlafzimmer der Eltern in deren Anwesenheit zu verrichten,
und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber die Bemerkung
fallen: Aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine furcht-
bare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspie-
lungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder
und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und
Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin doch
etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das
letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen
vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die
Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet,1
uriniert jetzt vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom
mahne ich ihn an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu-
1)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhins, der Göttervater. – Odhins
Trost. – Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett kaufen
werde.S.
218
V. Das Traummaterial und die Traumquellen
gute kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem
mache ich mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das
Glas vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkennt-
nisse in der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin.1)Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne-
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so
kam ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zu-
fällige Umstand zugute, daß mein Coupé kein Klosett besaß, und
ich vorbereitet sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit
zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte1)Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert an die
Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht lesen
kann. – (Bauernfänger – Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) – Die Be-
handlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zolas „La Terre“.
Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind
das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traum sein Krankenpfleger. – „Denken
und Erleben sind hier gleichsam eins“ erinnert an ein stark revolutionäres Buch-
drama von Oskar Panizza, in dem Gottvater als paralytischer Greis schmählich
genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß
von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu
fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. – Das Pläne-
machen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater,
wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit
verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der
Fürst heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
Autorität, aus deren Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kulturge- schichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht das
„Mutterrecht“ zur Einschränkung dieses Satzes nötig). – Die Fassung im Traum
„Denken und Erleben sind eins“ zielt auf die Erklärung der hysterischen Symptome,
in der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich
das Prinzip des „Gschnas“ nicht auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände
von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten komischem und
wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und
Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun
gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich
zugestoßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasie-
begebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens
aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen
der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos.
Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen Glases“
andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt worden war, es sei
dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen Kern und
Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern gebräuchlich
ist, gebildet hätte.S.
219
Die wahrscheinliche Rolle des Infantilien für die Traumbildung
dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich
meine, man könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle
des eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer
anderen Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traum-
gedanken erst den Harndrang hervorgerufen haben. Es ist bei
mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgendein Bedürfnis im
Schlaf gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses Er-
wachens, drei Viertel drei Uhr morgens. Einem weiteren Einwand
begegne ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen
unter bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang
nach frühzeitigem Erwachen verspürt habe. Übrigens kann ich
diesen Punkt auch ohne Schaden unentschieden lassen.Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
Kindheit hinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
in diesem Zug eine wesentliche Bedingung des Träumens ge-
geben ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so
käme jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung
an das rezent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine
Anknüpfung an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse
der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es im guten Sinne bis
auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung er-
scheint aber noch recht schwer erweislich; ich werde auf die
wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse für die Traum-
bildung noch in anderem Zusammenhange (Abschnitt VII) zu-
rückkommen müssen.Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum-
gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben-
sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf
die Traumstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen,S.
220
die Auszeichnung des Rezenten wie des Infantil-
bestätigen, aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten
können. Wir wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung
oder Verwertung uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden
anderswo ihre Einreihung finden müssen, entweder in der Psycho-
logie des Schlafzustandes oder bei jenen Erwägungen über den
Aufbau des seelischen Apparats, die wir später anstellen werden,
wenn wir gemerkt haben, daß man durch die Traumdeutung
wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen Blick
werfen kann.Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch-
erfüllungen nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein
Sinn, eine Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst
auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt,
und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
„häufig“ nicht richtiger durch „regelmäßig“ zu ersetzen ist. [E14]C
Die somatischen Traumquellen
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für
die Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Ab-
sicht die Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach
seiner Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist,
daß der Gefragte im gesicherten Besitz dieses Teiles der Lösung
zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte
oder beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Magen“),
zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des Schlafens
auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß
nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung
Bedürftiges noch erübrigt.S.
221
Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur
den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden
Abschnitt (S. 23 ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns
hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden
objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Er-
regungszustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern
stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren
bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische
Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz
auszuschalten (S. 44 f.). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche
zugunsten dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben
werden, haben wir erfahren, daß die Bedeutung der objektiven
Sinnesorganerregungen – teils zufällige Reize während des
Schlafes, teils solche, die sich auch vom schlafenden Seelenleben
nicht ferne halten lassen – durch zahlreiche Beobachtungen
sichergestellt wird und durch das Experiment eine Bestätigung
erfährt (S. 27), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen
durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in den
Träumen (S. 34) dargetan erscheint, und daß die im weitesten
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer
ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein-
flussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der
Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer
Träume ausübt.„Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen
Quellen des Traumes überhaupt.Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die
Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.S.
222
So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat
sächlichen Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die ak
zidentellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die
im Trauminhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert, – so
blieb doch keiner der Einsicht ferne, daß der reiche Vorstellungs
inhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen
allein nicht wohl zulasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre
eigenen Träume und die einer zweiten Person durch sechs
Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und
nur 13·2 Prozent, respektive 6·7 Prozent, gefunden, in denen das
Element äußerer Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur zwei
Fälle der Sammlung ließen sich auf organische Empfindungen
zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits
eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte ver
muten lassen.Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine
gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen
hervorzuheben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und
Assoziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbe
friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den
somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes
nachzuweisen.Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die
Vertreter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig,
erstens, warum der äußere Reiz im Traum nicht in seiner wirk
lichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (ver
gleiche die Weckerträume, S. 30), und zweitens, warum das Re
sultat der Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen ver
kannten Reiz so unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als
Antwort auf diese Frage haben wir von Strümpell gehört, daßS.
223
die Seele infolge ihrer Abwendung von der Außenwelt während
des Schlafes nicht imstande ist, die richtige Deutung des ob-
jektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, auf Grund
der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen
zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (S. 108):„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht
und von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus
dem der Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise
Empfindungsbilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt
oder mit zugehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt
gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl solcher
Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck
seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch
hier, wie es der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut,
daß die Seele im Schlaf die Nervenreizeindrücke deute. Das
Resultat dieser Deutung ist der sogenannte Nervenreiz-
traum,
d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch bedingt sind, daß
ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion seine
psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die
Äußerung von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen
jedenfalls zum größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch
von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist
phantastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum kleineren Teil
reine, zu Halluzinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen.Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den Traumreizen,
welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das
treffliche Gleichnis (S. 84), es sei, wie „wenn die zehn Finger
eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die Tasten des
Instrumentes hinlaufen“. Der Traum erschiene so nicht als ein
seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, sondernS.
224
Als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychischer
Symptomatologie äußert, weil der vom Reiz betroffene Apparat
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraus-
setzung ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut,
die Meynert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf
dem einzelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben ver-
suchte.So beliebt die Lehre von den somatischen Traumreizen ge-
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch
leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische
Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung
durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher
Deutungsversuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor-
stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen. [E 15] Die Lehre
von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgendein Motiv
anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz
und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt,
also die „sonderbare Auswahl“ zu erklären, welche die Reize
„oft genug bei ihrer produktiven Wirksamkeit treffen“. (Lipps,
Grundthatsachen des Seelenlebens, S. 170.) Andere Einwendungen
richten sich gegen die Grundvoraussetzung der ganzen Illusions-
lehre, daß die Seele im Schlaf nicht in der Lage sei, die wirkliche
Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physio-
loge Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe sehr
wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu
deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig er-
scheinende Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während
des Schlafes ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man
durch den eigenen Namen weit sicherer geweckt wird als durch
einen gleichgültigen Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die
Seele auch im Schlafe zwischen den Sensationen unterscheidet
(Abschnitt I, S. 57). Burdach folgert aus diesen Beobachtungen,S.
225
daß während des Schlafzustandes nicht eine Unfähigkeit, die
Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an Interesse für
sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die Burdach 1830
verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somatischen Reiz-
theorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883 wieder. Die Seele
erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der Anekdote, der
auf die Frage „Schläfst du?“ antwortet „nein“, nach der zweiten
Anrede, „dann leih mir zehn Gulden“ aber sich hinter der Aus-
rede verschanzt: „ich schlafe.“Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder
Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir ver-
schiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und
dann beim Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder
ein Arm gedrückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahl-
reichsten Beispiele, daß verschiedenartige und kräftig erregende
Empfindungs- und Bewegungsreize während des Schlafes wirkungs-
los bleiben. Ich kann die Sensation während des Schlafes ver-
spüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der Regel
mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in
einem Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz
erwachen, um ihn zu beseitigen. [E 16] Erst eine vierte mögliche
Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum ver-
anlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte
nicht geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außer-
halb der somatischen Reizquellen läge.In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in
der Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun
andere Autoren – Scherner, dem der Philosoph Volkelt sichS.
226
anschloß – die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen
Reizen die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu be-
stimmen gesucht, also doch wieder das Wesen des Träumens ins
Seelische und in eine psychische Aktivität verlegt. Scherner gab
nicht nur eine poetisch nachempfundene, glühend belebte Schil-
derung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich bei der
Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu
haben, nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen
verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten
Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit dahin, die
Natur des Organes, von dem der Reiz ausgeht, und die Art
dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume,
mittels dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände
und Reizzustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild
der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das
Bild des hellen und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der
menschliche Leib als Ganzes wird von der Traumphantasie als
Haus vorgestellt, das einzelne Körperorgan durch einen Teil des
Hauses. In den „Zahnreizträumen“ entspricht dem Mundorgan
ein hochgewölbter Hausflur, und dem Hinabfall des Schlundes
zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopfschmerztraum“ wird zur
Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines
Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen
bedeckt ist“ (Volkelt, S. 39). „Diese Symbole werden vom Traum
in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ verwendet; so
findet die atmende Lunge in dem flammengefüllten Ofen mit
seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am
Schlusse des Traumes öfters das erregende Organ oder dessen
Funktion unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem
eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum“ ge-
genS.
227
wöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem
Munde zieht“ (S. 35). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie
der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat.
Sie erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert, das
Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil
beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung
der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich die Alten be-
dienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung geholt
werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit be-
schränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen
Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung
scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz
sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann;
so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des
Körpers als Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß
erregen, daß hier wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz-
und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der in
Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie
beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine
Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.
Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie
nach allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher
als im Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht
kontinuierlich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht
von allen Organen. Will man sich diesem Einwand durch die
Bedingung entziehen, es müßten vom Auge, Ohr, von den Zähnen,
Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um die Traum-
tätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese
Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, was nur in einer ge-
ringen Zahl von Fällen möglich ist. Wenn der Traum vomS.
228
Fliegen eine Symbolisierung des Auf-
und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger ge-
träumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während
dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise
besondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen
viszeralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser
Fall führt bereits über die Schernersche Theorie hinaus.Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes
aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und
neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig,
daß in den Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und
Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traum häufig auf
Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen aufrecht
stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden kann usw. In
Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende
Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume,
kann man die Deutung als „Gesichtsreiztraum“ kaum abweisen,
ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung in Träumen be-
streiten, welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum
wie der von Scherner, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben
auf einer Brücke einander gegenüberstehen, sich gegenseitig an-
greifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich
der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn
aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in
dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der
wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen
bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen
lassen es nicht zu, daß man die Schernersche Theorie als
müßige Erfindung beiseite wirft, ohne nach ihrem guten Kern
zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeintlicheS.
229
Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Auf
klärung zu erbringen.Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von
den somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes
Argument geltend zu machen, welches sich aus unseren Traum-
analysen ableitet. Wenn wir durch ein Verfahren, das andere
Autoren auf ihr Material an Träumen nicht angewendet haben,
erweisen konnten, daß der Traum einen ihm eigenen Wert als
psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv seiner
Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste
Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traum-
lehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernach-
lässigt und dementsprechend den Traum als eine nutzlose und
rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen
läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was
sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von
Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur
den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es er-
übrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuch-
liche Lehre von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unter-
bringung innerhalb unserer Traumlehre zu verschaffen.Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe,
alle gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit
zu verarbeiten (S. 179). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr
eindrucksfähige Erlebnisse vom Vortage übriggeblieben sind, die
aus ihnen sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt
werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wert-
volle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zu-
sammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende Vor-
stellungen zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint
somit als Reaktion auf alles, was in der schlafenden Psyche gleich-
zeitig als aktuell vorhanden ist. Soweit wir also das Traum-S.
230
material bisher analysiert haben, erkannten wir es als eine Samm-
lung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, denen wir (wegen
der Bevorzugung des rezenten und des infantilen Materials) einen
psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von Aktualität
zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit
vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Erinnerungs-
aktualitäten neues Material an Sensationen während des Schlaf-
zustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie
werden mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um
das Material für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während
des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in eine Wunsch-
erfüllung verarbeitet, deren andere Bestandteile die uns bekannten
psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung muß nicht voll-
zogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen körperliche Reize
während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich
ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vorstellungs-
material für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Ver-
tretung darstellt.Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch
das aktuelle Material bestimmt wird.Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigen-
tümlichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den
Traum veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß
ein Zusammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger,
in den jeweiligen Umständen gegebener Momente darüber ent-
scheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer
objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die
habituelle akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der In-
tensität des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den ReizS.
231
so zu unterdrücken, daß er im Schlaf nicht stört, ein anderes
Mal dazu nötigen aufzuwachen, oder den Versuch unterstützen,
den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden. Der
Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend, werden äußere
objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener im Traum
zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich
ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte,
mich durch keinen Anlaß im Schlaf stören zu lassen, ist die
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr
selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht
zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen
Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reiz-
quelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es
sehr lehrreich werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der
äußere Reiz gehabt hat.Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und un-
geschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich einem
Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an
etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht sitze). Nun finde
ich mich auf dem höchst intelligenten Roß immer mehr zurecht,
sitze bequem und merke, daß ich oben ganz heimisch bin. Als
Sattel habe ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals
und Kruppe des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp
zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine
Strecke weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu-
nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront
liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab;
das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
hingehen lassen, ziehe es aber vor, es bis dahin zu führen. Es
ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter anzukommen.
Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt,
der von mir gefunden wurde, und mich darum verspottet. Auf
dem Zettel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dannS.
232
ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine
dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der ich
nichts arbeite.Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter
dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes
entstanden ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten,
die mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein
Furunkel an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße heran-
gewachsen, hatte mir bei jedem Schritt die unerträglichsten
Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die
trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten sich mit
den Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war
nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen,
aber bei der Art und bei dem Sitz des Übels ließ sich an eine
andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so untauglich
gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das Reiten.
Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es ist
die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugäng-
lich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferd gesessen
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in
diesem Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm
hätte, nein gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel
ist der Beschreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Ein-
schlafen ermöglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die
ersten Stunden des Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem
Leiden verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfin-
dungen und wollten mich aufwecken, da kam der Traum und
sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, du wirst doch nicht
aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn du reitest ja
auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der Stelle kann
man doch nicht reiten!“ Und es gelang ihm so; der Schmerz
wurde übertäubt, und ich schlief weiter.S.
233
Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen
Vorstellung, den Furunkel „abzusuggerieren“, wobei er sich be-
nommen wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr
Kind verloren hat,1) oder des Kaufmannes, den Verluste um sein
Vermögen gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleug-
neten Sensation und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes
dienen ihm auch als Material, um das, was sonst in der Seele
aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes anzuknüpfen und
zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein graues Pferd, die Farbe
des Pferdes entspricht genau dem pfeffer- und salzfarbigen
Dreß, in dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande be-
gegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung ist mir als die Ursache
der Furunkulose vorgehalten worden, immerhin als Ätiologie dem
Zucker vorzuziehen, an den man bei Furunkulose denken kann.
Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs hohe Roß zu setzen,
seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit der ich große
Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum auf dem Pferd
zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich aber wirklich,
wie das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat,
wohin sie wollte. So kommt das Roß zur symbolischen Bedeu-
tung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent).
„Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die Stellung,
die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde.
„Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel“, hat
mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen
Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem ge-
sagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich
weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine be-1)Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem zweiten
Aufsatz über die Abwehr-Neuropsychosen, Neurologisches Zentralblatt 1896. [Ges.
Schriften, Bd. I.]S.
¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿
S.
235
lose Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so un-
verhüllt äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen
Thun konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell
gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten aber auch
stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung
gebracht wird. Und wenn, wie in dem von Garnier berichteten
Falle, der Erste Konsul das Geräusch der explodierenden Höllen-
maschine in einen Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht,
so offenbart sich darin ganz besonders klar das Bestreben, in
dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um die Sensa-
tionen während des Schlafes kümmert. [E 18]
Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens
ein ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des lang-
schläfrigen Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau ge-
weckt, er müsse ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und
dann mit der Motivierung weiterschläft: Wenn ich schon im
Spital bin, brauche ich ja nicht aufzustehen, um hinzugehen.
Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeitstraum, der Schläfer
gesteht sich das Motiv seines Träumens unverhohlen ein, deckt
aber damit eines der Geheimnisse des Träumens überhaupt auf.
In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequemlichkeits-
träume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, anstatt
zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente
werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre
Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können
wir hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder
überhaupt nicht um die Anlässe zu Sensationen während des
Schlafens, wenn sie dies gegen die Intensität und die von ihr wohl-
verstandene Bedeutung dieser Reize vermag; oder sie verwendet
den Traum dazu, diese Reize in Abrede zu stellen, oder drittens,
wenn sie dieselben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung
derselben auf, welche die aktuelle Sensation als einen TeilbestandS.
236
einer gewünschten und mit dem Schlafen verträglichen Situation
hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen Traum verflochten,
um ihr die Realität zu rauben. Napoleon darf weiter schlafen;
es ist ja nur eine Traumerinnerung an den Kanonendonner von
Arcole, was ihn stören will.1)Der Wunsch zu schlafen [E 19] muß so als Motiv der
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder
gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser
allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf-
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald
der, bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird
Gegenstand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlaf-
wunsch haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die
Lücke in der Strümpell-
Wundtschen Theorie auszufüllen, die
Schiefheit und Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren
Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung, deren die
schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse
in Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlaf ein Ende zu
machen; es werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen
nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur
des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall ist’s und
nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche ist, so hat die Liebes-
nacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen
des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Ver-
knüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschregungen er-
werben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der
Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern –
wenn man so will – Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei
dem Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur,
ein Akt der Beugung des normalen psychischen Vorganges zu-
zugeben.
1)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn kenne,
nicht übereinstimmend erzählt.S.
237
Wenn die äußeren Nerven-
genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen
sie – falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg
ist – einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern
im Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung
in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermit-
telnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen.
Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in
ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In
diesem extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein
gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber
nicht anders als einen Wunsch in einer Situation als erfüllt dar-
stellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe gestellt zu suchen,
welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation als erfüllt dar-
gestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von schmerzlichem
oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur Traum-
bildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Wider-
spruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein
zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende
Zensur erklärlich wird.Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Er-
füllung das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa
historisch gemeint, daß es solche Wünsche gegeben und diese
dann vernichtet worden sind; sondern die Lehre von der Ver-
drängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet,
daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber
eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das
Richtige, wenn sie vom „Unterdrücken“ solcher Impulse redet.
Die psychische Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche
zur Realisierung durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig.
Ereignet es sich aber, daß solch ein unterdrückter Wunsch dochS.
238
vollzogen wird, so äußert sich die überwundene Hemmung des
zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems als Unlust. Um nun diese
Erörterung zu schließen: wenn Sensationen mit Unlustcharakter
im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden sind, so wird diese
Konstellation von der Traumarbeit benützt, um die Erfüllung eines
sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder weniger Bei-
behalt der Zensur – darzustellen.Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische
sein, aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst
verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze
Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir
stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des
Traumes scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angst-
empfindung somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herz-
kranken bei zufälliger Atembehinderung), und dann wird sie dazu
benützt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung
als Traum zu verhelfen, deren Träume aus psychischen Motiven
die gleiche Angstentbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht
schwer, die beiden scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von
zwei psychischen Bildungen, einer Affektneigung und einem Vor-
stellungs-
inhalt, die innig zusammen gehören, hebt die eine, die
aktuell gegeben ist, auch im Traum die andere; bald die somatisch
gegebene Angst den unterdrückten Vorstellungsinhalt, bald der aus
der Verdrängung befreite, mit sexueller Erregung einhergehende Vor-
stellungs-
inhalt, die Angstentbindung. Von dem einen Fall kann
man sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch gedeutet
wird; im anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der unter-
drückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst
passende somatische Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier
für das Verständnis ergeben, haben mit dem Traum nur wenigS.
239
zu tun; sie rühren daher, daß wir mit diesen Erörterungen die
Probleme der Angstentwicklung und der Verdrängung streifen.
Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib-
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung.
Nicht daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt
den Traumgedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches
zur Darstellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen
Teil dieses Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den
anderen ferne hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung
vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen psychischen
Resten verknüpft. [E 20]Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes –
die Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität
sind, so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung
eine ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indiffe-
renten Eindrücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur
Traumbildung herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit
dem Vorstellungsinhalt der psychischen Traumquellen eignen, im
anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit
bereitliegendes Material behandelt, welches zur Verwendung
kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares
Material die Art seiner Verwendung selbst mit vorschreibt. Der
Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler
einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunst-
werk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine Farbe und Fleckung
helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder welche Szene in ihm
dargestellt werden soll, während bei gleichmäßigem und reich-
lichem Material von Marmor oder Sandstein der Künstler allein
der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinn gestaltet. Auf diese
Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener
Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in
allen Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint. [E 21]S.
240
Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages
mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von
Gehemmtsein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden
u. dgl., die so häufig geträumt wird und die der Angst so nahe
verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich
folgenden Traum: Ich gehe in sehr unvollständiger Toilette aus
einer Wohnung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock-
werk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich,
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß
ein Dienstmädchen die Treppen herab- und also mir entgegen-
kommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes
Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und komme nicht von
der Stelle.Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen Wirk-
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei
Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind.
Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und
mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn
ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe
ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem
Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas deran-
gierter Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und
Manschetten abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber,
wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit ge-
worden. Das Überspringen von Stufen ist meine gewöhnliche
Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traum an-
erkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser
Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit ge-
tröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes.
Sie zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — daß der
Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in allerS.
241
Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen
im Traum!Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines
Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen-
kommende Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf.
Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich
täglich zweimal besuche, um ihr Injektionen zu machen; die
Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage
dort zu ersteigen habe.Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet
ist, hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen,
von dem ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs
anreizend. Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als
das Folgende: Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch
mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von Räuspern be-
fallen; das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In
diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf,
und ich vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe
nicht auf meine Kosten erfolgen darf, sondern durch die An-
bringung eines Spucknapfes ermöglicht werden soll. Die Haus-
meisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische Person, aber von
reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen bereit bin, nimmt
in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie lauert
mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde,
und wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie vernehmlich
brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte
Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes
bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig, wie immer, meinen Besuch bei
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer
stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten
sich heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins ZimmerS.
242
kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von
Ihren Füßen.“ Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und
Dienstmädchen geltend machen können, um in meinem Traum
zu erscheinen.Zwischen meinem Über-die-Treppe-fliegen und dem Auf-der-
Treppe-spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
wie Herz-
beschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem
einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu
einem Gebilde verschmilzt.Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll-
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er-
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge-
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein ge-
wisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner
Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Traumin-
haltes sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung
dieser Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.D
Typische Träume
Wir sind im allgemeinen nicht imstande, den Traum eines
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum-
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und da-
durch wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der
Traumdeutung schwer beeinträchtigt. [E 22] Nun gibt es aber, so recht
im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine
Traum-
welt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch
dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine ge-
wisse Anzahl von Träumen, die fast jeder-
mann in derselbenS.
243
Weise geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind,
daß sie auch bei jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein be-
sonderes Interesse wendet sich diesen typischen Träumen auch
darum zu, weil sie vermutlich bei allen Menschen aus den gleichen
Quellen stammen, also besonders gut geeignet scheinen, uns über
die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.In der Behandlung dieser typischen Träume finde ich mich
durch den zufälligen Umstand behindert, daß nicht genug der-
selben für meine Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde
also nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle
hiefür den sogenannten Verlegenheitstraum der Nacktheit und
den Traum vom Tod teurer Verwandter. [E 23]Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen-
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe
sich dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt
aber dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham
und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder sich verbergen will
und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß man
nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die
peinliche Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist
der Traum typisch; der Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei
andere Verknüpfungen einbezogen werden oder mit individuellen
Zutaten versetzt sein. Es handelt sich im wesentlichen um die
peinliche Empfindung von der Natur der Scham, daß man seine
Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte und es
nicht zustande bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner Leser
werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben.Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies
ist selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbe-
stimmt, daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wieder-
gegeben wird: „Ich war im Hemd oder im Unterrock.“ In der
Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazu-
S.
244
gehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock
des Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch
eine vorschriftswidrige Adjustierung. „Ich bin ohne Säbel auf der
Straße und sehe Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde,
oder trage eine karrierte Zivilhose u. dgl.“
Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich
im typischen Traum, daß man wegen der Kleidung, die einem
selbst solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur be-
merkt wird. Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige,
oder wie ich es in einem besonders klaren Traum wahrnehmen
konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.
Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im
Traume häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden
würde doch nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen
und verlachen, oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber,
dieser anstößige Zug ist durch die Wunscherfüllung beseitigt
worden, während der andere, durch irgendwelche Macht ge-
halten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke dann
schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür,
daß der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell ent-
stellten Form das richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist
nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, welches uns
allen in der Andersen-
schen Fassung („Des Kaisers neue Kleider“)
bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talis-
man“ poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im Ander-
senschen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt, die für den
Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten
und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht in diesem un-
sichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige
Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob sie die
Nacktheit des Kaisers nicht merken.S.
245
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl
nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, daß der unverständliche
Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber
wir werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes
durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen
Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige
Traumgestaltung anzuerkennen ist; ferner, daß bei der Bildung
von Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse –
gleichfalls innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit –
eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum
angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen wird.
Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und
die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle Kenntnis davon,
daß es sich im latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Ver-
drängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in
welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern
auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume
eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zugrunde liegt. Nur
in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter
Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflege-
personen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt.1) An vielen
Kindern noch in späteren Jahren kann man beobachten, daß ihre
Entwicklung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham
zu leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib,
die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das
ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig
Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren1)Das Kind tritt aber auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines
Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“S.
246
Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen
Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu
Ehren, sein Hemdchen hoch hebt. Einer meiner Patienten hat
in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten
Lebensjahr bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafen-
gehen im Hemd zu seiner kleinen Schwester im nächsten
Zimmer hinaustan-
zen will, und wie die dienende Person es ihm
verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große
Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden
beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter
den pervers Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile
Impuls zum Symptome erhoben worden ist, die der Exhibitio-
nisten.Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück-
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen.
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen
sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die
Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das
Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies
kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir haben
bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus
der ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum
vollendeten dritten Jahr) an und für sich, vielleicht ohne daß es
auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion verlangen,
daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheits-
träume sind also Exhibitionsträume. [E24]Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt,
die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart
gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die
Überlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der
Zensur zu Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Per-S.
247
sonen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß
die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im
Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine
einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen,
denen unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen
Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und der Zwangs-
neurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt die Zuschauer wieder
ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit
fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für
sie einsetzt, „viele fremde Leute“, die sich nicht um das gebotene
Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener
einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot.
„Viele fremde Leute“ finden sich in Träumen übrigens auch
häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“. [E 25] Man merkt,
wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der
Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man
ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß beobachtet, aber
die Beobachter sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt ge-
lassene Leute“.Außerdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver-
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung
gelangt ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder
belebt werden dürfen.Von der Empfindung des Geheimtseins werden wir später
nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den
Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der
Zensur unterbrochen werden.Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte nochS.
248
zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Um-
wandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, ana-
lytisch erkannt und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also
die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht
mich auf folgende Stelle aus Gottfried Kellers „Grünem Hein-
rich“ aufmerksam: „Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß
Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des
Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa
und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten wir das Bei-
spiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und
allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und
Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und
Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des
Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern;
Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da ent-
decken Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt
umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen
sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße-
gebadet. Dies ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des
kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer
jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit-
herausgenommen.“Das tiefste und ewige Wesen der Menschheit, auf dessen Er-
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das
sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prä-
historisch gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußt-
seinsfähigen und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen
im Traum die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinder-
wünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die
Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angst-
traum um.S.
249
Mein eigener auf S. 240 erwähnter Traum von dem Eilen
über die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-
kleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die
wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich
also auf Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis
derselben müßte einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das
Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich
den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft,
die sie im Traum einnimmt. Ich kann die gewünschten Auf-
klärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt
man die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang
umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend zusammenhanglos,
unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer Einheit, die zu
erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander
hinschreibe, als eine Silbe: ab ausgesprochen werden sollen. Ähnlich
mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum
von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, deren
andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang
gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die
Erinnerung an eine Kinderfrau zugrunde, die mich von irgend-
einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von zweieinhalb
Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung
im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich
unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und
häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die
ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer
die liebvollste Behandlung angedeihen und mich harte Worte
hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein
genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst-
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt
sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen
Alten im Traum behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen,S.
250
daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung,
seine Liebe geschenkt hat.1)Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
dürfen, sind die mit dem Inhalt, daß ein teurer Verwandter,
Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß
sofort von diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen,
bei welchen man im Traum von Trauer unberührt bleibt, so daß
man sich nach dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert,
die anderen, bei denen man tiefen Schmerz über den Todesfall
empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen während des Schlafes
äußert.Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir beiseite lassen; sie
haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent-
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgendeinen anderen Wunsch
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn
ihrer Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (S. 155.) Das bedeutet
nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern ver-
birgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse
geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe,
die sie früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche
eines anderen Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher
der eigentliche Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur
Trauer, und darum wird auch im Traum keine Trauer verspürt.
Man merkt es hier, daß die im Traum enthaltene Empfindung
nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern zum latenten,
daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei ge-
blieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt
wird.
1)Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, da
„Spuken“ eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit d’escalier“.
Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich
vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit“ hat fehlen lassen?S.
251
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf,
daß sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches
geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß
ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt
darstellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch
verflossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein,
denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch
eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot
wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die
Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu
einem gewissen Leben erwachen. In jenem Traum vom toten
Kind in der Schachtel (S. 158) handelte es sich um einen
Wunsch, der vor fünfzehn Jahren aktuell war und von damals
her unumwunden eingestanden wurde. Es ist vielleicht für die
Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich hinzufüge, daß
selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten Kind-
heit zugrunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind –
wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere
Verstimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe
sehnsüchst den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid
geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben,
so werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden,
daß er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes
fordert nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen –
irgendeinmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe.
Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Be-
ruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebensoS.
252
energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben,
wie sie sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche
zu hegen. Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinder-
seelenleben nach den Zeugnissen, die noch die Gegenwart auf-
weist, wieder herstellen. [E 26]Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern
ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein
liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft
unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich drängen,
und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre noch
aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich
hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum
unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat
das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen be-
raubt; das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das
ältere verzehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten
Regungen von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich
gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder
vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden.
Es ist nicht schwer zu sehen, daß auch der Charakter des braven
Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden
wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine
Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung,
insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber
darum nicht „schlecht“, wir heißen es „schlimm“; es ist unver-
antwortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor
dem Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten,
daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zu-
rechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen
und die Moral erwachen werden, daß, mit Meynert zu reden,
ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen wird.S.
253
Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der ganzen
Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den
einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die Entwicklung dieser
Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von „Degeneration“; es
handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der
primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits über
lagert ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens
partiell wieder freigelegt werden. Die Übereinstimmung des soge-
nannten hysterischen Charakters mit dem eines schlimmen Kindes
ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht einer
Übermoralität, als verstärkende Belastung dem sich wieder regenden
primären Charakter auferlegt.Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher
her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche
sich in Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber
in ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten.
Das Kind war bisher das einzige; nun wird ihm angekündigt,
daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert
den Ankömmling und äußert dann entschieden: „Der Storch soll
es wieder mitnehmen.“ [E 27] Ich bekenne mich in allem Ernst zur
Meinung, daß das Kind abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung
es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahe-
stehenden Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren
Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht von
deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: „Aber meine
rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben.“ Sollte das Kind
erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit
in diesem Zeitpunkt erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein
nicht dreijähriges Mädchen den Säugling in der Wiege zu er-
würgen versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit ihr nichts
Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit inS.
254
aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine Geschwisterchen
ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat wieder alle
Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues
vom Storch geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling
den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge
dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so
gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit? [E 28] Natürlich ist
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in nor-
malen Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes.
Bei einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren
Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose
Neugeborene regen.Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
im Kindesalter noch weit häufiger sein als sie der stumpfen Be-
obachtung Erwachsener auffallen. [E 29]Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole
sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft
nach fünfzehn Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin
gestört wurde. Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr
ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt
und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor
seinem vollendeten zweiten Jahr seine Sprachfähigkeit dazu benützt,
um Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person
zu üben. So oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins
Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten
Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung
dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung,
daß sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen.
Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
Zähne. [E 30] Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester
haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechs-
jährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be-S.
255
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?“
Lucie war die um zweieinhalb Jahre jüngere Konkurrentin.Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom
Tod der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen
vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine
Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame
während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei
dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen
schien, antwortete sie zu meinem Erstaunen, sie habe solche
Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der
angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit
vier Jahren zuerst, als damals Jüngste, und dann wiederholt ge-
träumt hatte. „Eine Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern,
Cousins und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich
bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg.“ Von der Be-
deutung dieses Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns
nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister in
seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form
darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu-
schieben. Bei dem Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder
zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Ge-
meinschaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige
Träumerin eine weise erwachsene Person gefragt haben: was
wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort
wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden
Engerln. Im Traum nach dieser Aufklärung haben nun die
Geschwister alle Flügel wie die Engel und – was die Haupt-
sache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt
allein, man denke, das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich
die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegfliegen,
deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe
Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten
bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.S.
256
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie
käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem
Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen den Tod zu wünschen,
als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien?
Wer so spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes
vom „Totsein“ mit der unsrigen das Wort und dann nur noch
wenig anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von den
Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom
Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle
Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht
verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt
es mit dem gräßlichen Wort und droht einem anderen Kind:
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz
gestorben ist“, wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft,
die vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte
der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der
Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem
Gang durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner
Mutter sagen: „Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal
stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer
auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!“ So wenig gleicht
die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen. [E 31]
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel
als „fort sein“, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unter-
scheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zustande kommt,
ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. [E 32] Wenn in den prä-
historischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt
worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so
liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse auf-
deckt, beide Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das
Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat mancheS.
257
Mutter zu ihrem Schmerz erfahren, wenn sie nach mehrwöchent-
licher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre Er-
kundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes
„unentdeckte Land“ verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer
wiederkehrt“, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu
haben und erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu
erinnern.Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen
Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die
psychische Reaktion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz
aller Verschiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch
irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des
Erwachsenen.Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der es die Geschwister
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch
gegen die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von
Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es
gerade aus egoistischen Motiven wünschen sollte?Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil
des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt,
daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom
Tode der Mutter träumt. Ich kann dies nicht als regelmäßig hin-
stellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so
deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von all-
gemeiner Bedeutung fordert. [ E 33 ] Es verhält sich – grob ausge-
sprochen – so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend
machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der
Mutter den Mitbewerber in der Liebe erblickte, durch dessen
Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.Freud, II.
S.
258
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und
Kindern ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kultur-
forderung der Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die
tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung-
zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur
Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das Zustandekommen-
von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im
reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der
Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit,-
die wir den Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft
unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir ge-
trauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der größere Teil der
Menschheit sich über die Befolgung des vierten Gebotes hinaus-
setzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten der mensch-
lichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor anderen
Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in Mytho-
logie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf
uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und
von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine un-
erfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie
der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus entmannt den
Vater [E 34] und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je unum-
schränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes-
gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch
den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in
unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Ver-
weigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel
an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in dem
Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt
oft genug in die Lage zu bemerken, daß der Schmerz über den
Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich-S.
259
erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest der in
unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris
familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder
Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner
Fabeln rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und
Mutter ergeben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der
Mutter die Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit
begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter ge-
mahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen An-
sprüchen zu entsagen.Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume
vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden,
denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares ge-
worden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen
darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern
aus der frühesten Kindheit ableiten wird.Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen
vorgenommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig
die sexuellen Wünsche des Kindes erwachen, – soweit sie im
keimenden Zustande diesen Namen verdienen – und daß die
erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen
Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit
für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden
Mitbewerber, und wie wenig für das Kind dazugehört, damit diese
Empfindung zum Todeswunsch führe, haben wir bereits für den
Fall der Geschwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich
in der Regel bereits bei den Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt
dafür, daß der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die Frau den
Söhnen die Stange hält, während beide, wo der Zauber des
Geschlechts ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die Er-S.
260
ziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung
sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf,
der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden
ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses,
sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen
Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende
Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
Sinne wie diese trifft.Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch
nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen
meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter
vom Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu
proklamieren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst du noch
Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich“ usw. Ein besonderes be-
gabtes und lebhaftes Mädchen von vier Jahren, an der dies Stück
Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt
kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich
heiraten, und ich will seine Frau sein.“ Im Kinderleben schließt
dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine
Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter
schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen
Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm
weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm
gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit er
seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und
ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn
der Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt:
„Tote“ Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend,
kommen nie wieder.Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor-
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdingsS.
261
nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachse-
ner Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffen-
den Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung
als Wunschträume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages
eine Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Ver-
wandten nicht mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen.
Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich an einen Traum
erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn
mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: Ein Luchs
oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas her-
unter oder sie fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot
aus dem Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum
mitgeteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit be-
deuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes
wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so
liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklä-
ren. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines
Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist,
als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dach auf
den Kopf gefallen, so daß sie heftig blutete.Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren.
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit be-
gann, zeigte die Kranke eine ganz besondere Abnei-
gung gegen ihre Mutter, schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette
näherte, während sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu
derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer,-
aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in
dieser Phase begann ich die Behandlung und analysierte ihre
Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder ver-
hüllt vom Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbe-
gängnis einer alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre Schwester
in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn dieserS.
262
Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fortschreitender Besserung
traten hysterische Phobien auf; die quälendste darunter war, daß
der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer sich befand,
mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß
die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleich-
sam mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des
psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der
Verworrenheit, die ich als Überwältigung der zweiten psychi-
schen Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde
die unbewußte Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig;
als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt,
die Herrschaft der Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser
Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um den
Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als das Normale sich
noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatz-
reaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die
Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklär-
lich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren
Müttern hängen.Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch
Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen
konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an
ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Be-
weisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage
wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn
erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein
ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die –
übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als die Begrün-
dung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen
seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre
alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natür-
lichS.
263
lich aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qual-
vollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebens-
jahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf
Fremde übertrug. Wer imstande war, seinen eigenen Vater von
einem Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist aller-
dings zuzutrauen, daß er auch das Leben ferner Stehender nicht
schone; der tut darum recht daran, sich in seine Zimmer einzu-
schließen.Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Haupt-
rolle, und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den andern
Teil des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener
Zeit gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose
so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube
aber nicht, daß die Psychoneurotiker sich hierin von anderen
normal verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie
absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen vermögen.
Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche
Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie auch
mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre
Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was
minder deutlich und weniger intensiv in der Seele der meisten
Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unterstützung dieser
Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durchgreifende und
allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemein-
gültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinderpsycho-
logie verständlich wird.Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige
Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs von
Theben, und der Jokaste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn
werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königs-
sohn an einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher,S.
264
selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat
zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl
seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner ver-
meintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen und
erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor
Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst
und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt
und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in
Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten Mutter
zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche
eine neuerliche Befragung des Orakels von seiten der Thebaner
veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten
bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder
des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?„Wo findet sich
die schwer erkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“(Übersetzung von Donner, V. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als
in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Ent-
hüllung – der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar – daß
Ödipus selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des
Ermordeten und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich ver-
übten Greuel erschüttert, blendet sich Ödipus und verläßt die
Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt.„König Ödipus“ ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über-
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der
vom Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den
Willen der Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der
tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig
haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wir-
kung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit einerS.
265
selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben un-
gerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen
ein Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren
Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann
die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechi-
schen Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und
Menschenwillen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu
suchen ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß
eine Stimme in unserem Innern geben, welche die zwingende
Gewalt des Schicksals im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während
wir Verfügungen wie in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksals-
tragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches
Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ödipus ent-
halten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unsrige
hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben
Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war
es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten
Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere
Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios
erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die
Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es
uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind,
gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzu-
lösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der
Person, an welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt
hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung,
welche diese Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben.
Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Ödipus
ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Innern,
in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vor-
handen sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verläßt,S.
266
„sehet, das ist Ödipus,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!“Diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit
den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in
unserer Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der
die Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufge-
nötigt hat, und nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle
den Blick abwenden von den Szenen unserer Kindheit. [E 35]Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoff entsprossen
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den
Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte
hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie
selbst ein nicht mißzuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den
noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakel-
sprüche besorgt gemachten Ödipus durch die Erwähnung eines
Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er, meint
sie, etwas bedeute:„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“ (V, 955 ff.)Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso
wie damals auch heute vielen Menschen zuteil, die ihn empört
und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel
der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des
Vaters. Die Ödipus-Fabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese
beiden typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen
mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck
und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere
Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären
Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden
Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von derS.
267
Exhibition, S. 246.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der
menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an
diesem Material wie an jedem andern mißlingen.1)Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie
des Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese
Träume zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht,
daß der durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke
jeder Zensur entgeht und unverändert in den Traum übertritt.Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal er-
möglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in
folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von
dem wir uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte
„uns auch im Traume nicht einfallen“, und darum ist die Traum-
zensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa1)Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere der großen
tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet“ Shakespeares. Aber in der ver-
änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied
im Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Kulturperioden, das säkulare
Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im „Ödipus“ wird
die zugrunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum ans Licht gezogen
und realisiert; im „Hamlet“ bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer
Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr
ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des modernen
Dramas hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den
Charakter des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die
Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches
die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die viel-
fältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute
noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus
des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung
der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blässe angekränkelt“).
Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich
der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des
Stückes lehrt, daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des
Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das
einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete
niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit der vollen
Unbedenklichkeit des Renaissanceprinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zuge-
dachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der
Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß esS.
268
wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für den Vatermord
aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem verdrängten und
nicht geahnten Wunsch gerade hier besonders häufig ein Tages-
rest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren
Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein-
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient;
der Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen
Sorge maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zu-
geht, daß man eben bei Nacht und im Traum nur fortsetzt, was
man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die Träume vom
Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang mit der
Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel
überflüssigerweise fest.Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer
die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an
dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle
eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder-
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt sich so bei
ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissenskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich
verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe
dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß;
wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als Folgerung
aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die
Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneigung, die
von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen
sollte, bis zu ihren Gipfeläußerungen im „Timon von Athen.“ Es kann natürlich
nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet entgegen-
tritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes über Shakespeare (1896) die
Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (1601),
also in der frischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen,
der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen Hamnet (identisch
mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu den Eltern behandelt,
so ruht der in der Zeit nahestehende „Macbeth“ auf dem Thema der Kinder-
losigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Über-
deutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch
jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anre-
gung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung
zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Begungen in der
Seele des schaffenden Dichters versucht. [E 36]S.
269
Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf
dem er sich der Zensur – und der durch sie bedingten Ent-
stellung – entziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung
ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt
werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zustande, wenn die
Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits er-
leichtert es die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle
Sensation aus somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird
so handgreiflich, in welcher Tendenz die Zensur ihres Amtes
waltet, die Traumentstellung ausübt; es geschieht, um die Ent-
wicklung von Angst oder anderen Formen peinlichen
Affekts zu verhüten.Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen
Charakter bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in
allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche,
die in ihnen erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs;
es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das Interesse für
einen anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will
einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen, der Analyse-
unterziehen.I
Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine große
garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück Fleisch ge-
braten war, und das Stück war auf einmal ganz – nicht zer-
schnitten – aufgegessen. Die Person, die es gegessen hat, hat er
nicht gesehen.1)1)Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume könnte
ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch als groß
zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist schwer zu be-
friedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, was
ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich bescheiden, resignieren lernt
es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker zur
Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.S.
270
Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages
müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen
Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum-
tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die
Abendmahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche
Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen.
Er wußte, daß er nichts bekommen wird, getraute sich aber
auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, daß er Hunger hat.
Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie äußert sich
bereits im Traum, der einen Anfang von Traumstellung zeigt.
Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche
auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er
es nicht, wie die hungrigen Kinder es im Traum tun (vgl. den
Erdbeertraum meiner kleinen Anna, S. 135), sich selbst zur Mahl-
zeit hinzuzusetzen. Die Person bleibt anonym.II
Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buch-
handlung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband
sehe, die ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Mono-
graphien zur Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die
neue Sammlung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und
das Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher.In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion
im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sach-
verhalt ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur
psychischen Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf
Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so
ein Dauerredner.S.
271
III
Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt
aber dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne
vorkommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und
Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen
Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen
Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln.IV
Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die
sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum.
Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im Gesicht
und hat vortretende Augen.
Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver-
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über-
wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie
überdies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben
können, beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da
bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe.
Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen
der Basedowschen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von
meinen Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen,
daß ich um die Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und
daß diese Besorgnis sich im Traum realisiert. Es wäre ein Wider-
spruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum eine
Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur
egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge
mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krankheit
befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendesS.
272
Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zu-
getragen hat. Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich
auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald
von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt ent-
fernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem
Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, daß
wir alle heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten
Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall
große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkenn-
baren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug – übrigens
nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie
im Traum, kein Struma – stellte sich ganz zu unserer Verfügung
und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner
bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann
ich nicht, und ging von dannen.Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich ge-
beten habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche
Erziehung meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das
Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im
Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe,
will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm
ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals
von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen.
Der egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl auf-
gedeckt sein. [E 37]Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender
Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle,S.
273
habe ich gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen
identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich fordere
ja etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. von Baron L.
gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R., dem ich mich
sonst wirklich nicht zu vergleichen wage, hat ähnlich wie ich
seinen Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist
erst in späten Jahren zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich
will also wieder einmal Professor werden! Ja selbst das „in späten
Jahren“ ist eine Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange
genug lebe, um meine Knaben selbst durch die Pubertät zu
geleiten.*
Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen
fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiß ich nichts aus eigener
Erfahrung, und verdanke alles, was ich über sie zu sagen habe,
den Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muß
man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die
für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die
Arme ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit
ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das
Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob
er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen
dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders
wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen
sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im
Traum die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun
frei schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für
solche Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn
sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die
Erinnerung von neuem aufgefrischt. [E 38] Bei manchen Knaben
besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcherS.
274
Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht
selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch
sexuelle Empfindungen wachgerufen worden.1) Um es mit einem
bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte
zu sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches die Träume
vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust
gefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,
ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug
in Zwist und Weinen ausgegangen.Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom
Fliegen und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen
selbst aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum
sich bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traum-
quellen. [E 39]Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
Angsttraum, daß er durchgefallen sei, die Klasse wiederholen
müsse u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen
Grades ersetzt sich dieser typische Traum durch einen anderen,
der ihm vorhält, daß er beim Rigorosum nicht bestanden habe,
und gegen den er vergeblich noch im Schlaf einwendet, daß er
ja schon seit Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzlei-
leiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die
Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten
1)Ein junger, von Nervosität völlig freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem
Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war,
doch als Lustgefühl bezeichnen muß.“ – Von Patienten habe ich oftmals gehört,
daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim
Klettern aufgetreten sind. – Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit,
daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder
jahre wurzeln.S.
275
haben, die sich so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien,
an dem „dies irae, dies illa“ der strengen Prüfungen in unserem
Inneren wieder geregt haben. Auch die „Prüfungsangst“ der Neu-
rotiker findet in dieser Kinderangst ihre Verstärkung. Nachdem
wir aufgehört haben, Schüler zu sein, sind es nicht mehr wie zu-
erst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere
Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalverkettung des Lebens
hat unsere weitere Erziehung übernommen, und nun träumen
wir von der Matura oder von dem Rigorosum, – und wer hat
damals nicht selbst als Gerechter gesagt? – so oft wir erwarten,
daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht recht
gemacht, nicht ordentlich zustande gebracht haben, so oft wir
den Druck einer Verantwortung fühlen. [E 40]Ich verhehle mir aber keineswegs, daß ich für diese Reihe von
typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann.
Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den
allgemeinen Gesichtspunkt, daß alle die Haut- und Bewegungs-
sensationen dieser typischen Träume wachgerufen werden, sobald
irgendein psychisches Motiv ihrer bedarf, und daß sie vernach-
lässigt werden können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht
entgegenkommt, muß ich festhalten. Auch die Beziehung zu den
infantilen Erlebnissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich
in der Analyse der Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervor-
zugehen. Aber welche anderen Bedeutungen sich im Laufe des
Lebens an die Erinnerung jener Sensationen geknüpft haben
mögen, – vielleicht bei jeder Person andere trotz der typischen
Erscheinung dieser Träume – weiß ich nicht anzugeben, und
möchte gerne in die Lage kommen, diese Lücke durch sorg-
fältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen. Wer sich darüber
verwundert, daß ich trotz der Häufigkeit gerade der Träume vom
Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über Mangel an
Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig, daß ich
an mir selbst solche Träume nicht erfahren habe, seitdem ichS.
276
dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die
Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind
aber nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen
Absicht deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau
der Neurose beteiligt war und bei deren Auflösung wieder zur
Wirksamkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum
letzten Rätsel entgegen. [E 41]
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Die Traumdeutung1900-001/1925.2
1900-001/1925/5