Die Traumdeutung1900-001/1925.2
  • S.

    V

    DAS TRAUMMATERIAL UND DIE

    TRAUMQUELLEN

    Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion er
    sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm
    uns zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen all-
    gemeinen Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir
    brachten vorläufig jede andere wissenschaftliche Neugierde zum
    Schweigen, die sich in uns während jener Deutungsarbeit geregt
    haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziel
    gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen Ausgangs-
    punkt für unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes
    wählen, sollten wir darüber auch das noch keineswegs voll
    erledigte Thema der Wunscherfüllung für eine Weile aus den
    Augen verlieren.

    Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum-
    deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an
    Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich
    läßt, muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von
    neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht
    Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange man
    nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen
    sind.

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    Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des
    Traumes mit dem Wachleben, sowie über die Herkunft des
    Traummaterials sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mit
    geteilt worden. Wir erinnern uns uns auch jener drei Eigentümlich-
    keiten des Traumgedächtnisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht
    erklärt worden sind:

    1) Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
    bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed-
    Hallam);

    2) daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser
    Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und
    Wichtige, sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert
    (vgl. S. 20);

    3) daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
    eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit
    hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im
    Wachen für längst vergessen gehalten worden sind.1)

    Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials
    sind von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalte
    beobachtet worden.

    A

    Das Rezente und das Indifferente im Traum

    Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalte
    auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so
    muß ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume
    eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages
    aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen
    eigenen oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung.

    1)Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu bestimmt, unser
    Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr zu
    halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder
    aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die
    ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt.

  • S.

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    In Kenntnis dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung
    damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnis des Tages
    forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies
    sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im
    vorigen Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von
    Irmas Injektion, von meinem Onkel mit dem gelben Bart) ist
    die Beziehung zum Tag so augenfällig, daß sie keiner weiteren
    Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie regelmäßig sich
    diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück meiner eigenen
    Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die Träume nur
    soweit mit, als ich es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle
    bedarf.

    1) Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur
    mit Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unter-
    dessen auf mich warten.

    Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
    Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw.

    2) Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
    Pflanzenart geschrieben.

    Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
    eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen.

    3) Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und
    Tochter, von denen die letztere meine Patientin war.

    Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
    mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung
    der Behandlung entgegengestellt.

    4) In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein
    Abonnement auf eine periodische Publikation, die jährlich zwanzig
    Gulden kostet.

    Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß
    ich ihr zwanzig Gulden vom Wochengelde noch schuldig bin.

  • S.

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    5) Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen
    Komitee, in der ich als Mitglied behandelt werde.

    Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahl-
    komitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
    Mitglied ich wirklich bin.

    6) Ein Mann auf einem steilen Fels mitten im Meer, in
    Böcklinscher Manier.

    Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel gleichzeitig Nach-
    richten von meinem Verwandten in England usw.

    Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung
    unfehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie
    sich auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Ver-
    gangenheit erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle
    Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte
    ich mich für das ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor
    dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden
    vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle
    des Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer
    Nachforschung überzeugen, daß jener Eindruck am Vortage wieder
    erinnert worden war, daß also eine nachweisbare Reproduktion
    am Vortage sich zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit
    eingeschoben hatte, und konnte außerdem den rezenten Anlaß
    nachweisen, von dem die Erinnerung an den älteren Eindruck
    ausgegangen sein konnte. [E1)]

    Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger
    aus jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht ge-
    schlafen hat“.

    Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des
    Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Be-
    ziehung zum Trauminhalte als andere Eindrücke aus beliebig
    ferner liegenden Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder
    Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des

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    Traumtages (den „rezenten“ Eindrücken) zu diesen früheren ein
    Gedankenfaden reicht.

    Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir
    werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir
    einen der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unter-
    ziehen. Ich wähle den

    Traum von der botanischen Monographie.

    Ich habe eine Monographie über eine gewisse Pflanze ge-
    schrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine einge-
    schlagene farbige Tafel um. Jedem Exemplar ist ein getrocknetes
    Spezimen der Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem
    Herbarium.

    Analyse:

    Ich habe am Vormittage im Schaufenster einer Buchhandlung
    ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
    Zyklamen, – offenbar eine Monographie über diese Pflanze.

    Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
    mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu-
    zubringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen
    mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst
    im Freundeskreis erzählt und als Beweis für meine Behauptung
    verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer
    Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die
    geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
    welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß
    von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärt-
    lichkeit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen
    aus. Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu er-
    klären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt
    er sich vor die Stirne, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz
    daran vergessen, und will fort, ihr Blumen

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    zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie sieht in
    der Vergeblichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in
    seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. –
    Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr
    mitgeteilt, daß sie sich wohlfühlt, und sich nach mir erkundigt.
    Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung.

    Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
    geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich
    einen Aufsatz über die Cocapflanze, welcher die Aufmerksam-
    keit von K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des
    Kokains gelenkt hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids
    in meiner Publikation selbst angedeutet, aber war nicht gründlich
    genug, die Sache weiter zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß
    ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu dessen
    Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art
    von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom be-
    kommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und mich dort bei
    meinem Berliner Freunde von einem Arzt, den er mir empfiehlt,
    inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht wüßte, an
    wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht sich
    diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet haben;
    ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser Ent-
    deckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen
    sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei,
    ärztliche Leistungen von seiten der Kollegen für seine Person in
    Anspruch zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht
    kennt, würde ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem
    dieser Tagtraum mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß
    sich die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm ver-
    birgt. Kurz nach der Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater
    an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem
    Augenarzt Dr. Königstein, operiert, Dr. Koller besorgte die
    Kokainanästhesie und machte dann die Bemerkung, daß bei

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    diesem Falle alle die drei Personen sich vereinigt fänden, die an
    der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben.

    Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
    Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor
    einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit
    deren Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers
    und Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmes-
    titeln des Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die
    Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch
    K. Koller vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein
    Traum mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt.

    Ich hatte gerade Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem
    ich in ein Gespräch über eine Angelegenheit geraten war, die
    mich jedesmal, wenn sie berührt wird, lebhaft erregt. Als ich
    mich in dem Hausflur mit ihm aufhielt, kam Professor Gärtner
    mit seiner jungen Frau hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten,
    die beiden darüber zu beglückwünschen, wie blühend sie aus-
    sehen. Nun ist Professor Gärtner einer der Verfasser der Fest-
    schrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese
    erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich
    unlängst erzählte, war im Gespräch mit Dr. Königstein, in
    anderem Zusammenhange allerdings, erwähnt worden.

    Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des
    Trauminhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der
    Pflanze liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium
    wäre. Ans Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung.
    Unser Gymnasialdirektor rief einmal die Schüler der höheren
    Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der Anstalt zur
    Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich kleine
    Würmer eingefunden – Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung
    scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ
    mir nur wenige Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen
    darauf waren. Ich hatte niemals ein besonders intimes Verhältnis
     

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    zur Botanik. Bei meiner botanischen Vorprüfung bekam ich
    wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und – erkannte sie
    nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine theore-
    tischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
    Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
    Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine
    Lieblingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine
    Frau mir diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzu-
    bringen.

    Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
    habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund
    schrieb mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbu-
    che beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir
    liegen und blättere darin.“ Wie habe ich ihn um diese
    Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch auch schon fertig vor
    mir liegen sehen könnte!

    Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der
    Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono-
    graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner
    beschränkten Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige
    Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung
    zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann,
    mußte ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen
    und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich ausfiel, daß
    mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu
    kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugend-
    erinnerung. Mein Vater machte sich einmal den Scherz, mir und
    meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln
    (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu über-
    lassen. Es war kaum erziehrlich zu rechtfertigen. Ich war damals
    fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild,
    wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflücken (wie eine
    Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,

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    was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben
    ist. Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine
    ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen
    (analog der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Lieb-
    haberei, wie sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und
    Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm
    (vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft meines
    Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf diesen
    Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe erkannt,
    daß diese Kinderszene eine „Deckerinnerung“ für meine spätere
    Bibliophilie ist.1) Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß
    man durch Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich siebzehn
    Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buchhändler
    und keine Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es kaum
    als Entschuldigung gelten, daß sich meine Neigungen auf nichts
    Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugend-
    erlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem
    Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe
    wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe,
    handelte es sich auch im Gespräch am Abend des Traumtages.

    Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
    dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben,
    welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an
    das Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar
    von mehr als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche
    Dinge in diesem Gespräche berührt worden sind, so wird der
    Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedanken-
    gänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen,
    vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung
    unter Kollegen, von meiner Vorliebe für monographische Studien
    und meiner Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik,

    1)Vgl. meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen“ in der Monatsschrift für Psy-
    chiatrie und Neurologie, 1899. [Ges. Schriften, Bd. I.]

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    dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet in irgend-
    einen der Fäden der vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum
    bekommt wieder den Charakter einer Rechtfertigung, eines
    Plaidovers für mein Recht, wie der erstanalysierte Traum von
    Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und
    erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall zwischen
    beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar in-
    differentere Ausdrucksform des Traumes bekommt einen Akzent.
    Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und
    erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat,
    ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte:
    Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden
    Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die
    Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur
    Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem
    Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden
    Erlebnis des Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem
    Traume nur den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine Be-
    ziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nach-
    dem ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite
    Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis desselben Tages.
    Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist
    ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster
    ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt mich
    kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen
    psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen-
    arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen
    gemacht, die uns beiden nahe gehen mußten, und Erinnerungen
    in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen
    meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses
    Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen.
    Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und
    zu dem in der Nacht erfolgenden Traum?

  • S.

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    Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den
    gleichgültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum
    mit Vorliebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt
    aufnimmt. In der Traumdeutung hingegen führt alles auf das
    wichtige, mit Recht erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn
    des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach dem latenten, durch
    die Analyse zutage geförderten Inhalt beurteile, so bin ich un-
    versehens zu einer neuen und wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich
    sehe das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den wert-
    losen Brocken des Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der
    Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben des Wachens sich
    in den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür psychische
    Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegenteil ist
    wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht
    auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu
    träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß
    zum Denken geboten hätten.

    Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich-
    gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
    mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder
    ein Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben
    auf eine als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt
    haben. Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung
    Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung
    auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im
    Traum von dem verhinderten Souper die Erwähnung der Freundin
    durch die Anspielung „geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es
    fragt sich nur, durch welche Mittelglieder kann der Eindruck der
    Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt in das Ver-
    hältnis der Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst
    nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom verhinderten Souper
    ist die Beziehung von vornherein gegeben; „geräucherter Lachs“
    als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne weiteres zu dem

  • S.

    175

    Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei der Träu-
    menden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt
    es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge-
    meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die
    Monographie fällt mir am Vormittag auf, das Gespräch führe ich
    dann am Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand
    gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen
    den beiden Eindrücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt
    des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich
    habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der Niederschrift
    der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der Monographie
    über Zyklamen würde sich ohne Beeinflussung von anderswoher
    wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die Lieblingsblume meiner
    Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermißten Blumen-
    strauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese Hintergedanken
    genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.

    „There needs no ghost, my lord, come from the grave
    To tell us this.“

    heißt es im „Hamlet“. Aber siehe da, in der Analyse werde
    ich daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte,
    Gärtner hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne
    mich eben jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den
    schönen Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres
    Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß sich über diese
    Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung
    der beiden Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden,
    vollzog. Dann stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains,
    welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein
    und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, ver-
    mitteln kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vor-
    stellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Er-
    lebnis als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte.

  • S.

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    Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine
    willkürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre
    geschehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau
    nicht hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht
    Flora, sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht.
    Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so
    wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht,
    derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz-
    und Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen
    vermögen. Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter.
    Um einen Schritt weiter zu gehen: wenn sich zwischen den
    beiden Eindrücken des Tages keine genug ausgiebigen Mittel-
    beziehungen hätten herstellen lassen, so wäre der Traum eben
    anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Eindruck des Tages,
    wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns vergessen
    werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie“ über-
    nommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches
    gelangt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein
    anderer als der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so
    wird er wohl der für die Verknüpfung passendste gewesen sein.
    Man braucht sich nie wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber
    zu wundern, „daß nur die Reichen in der Welt das meiste
    Geld besitzen“.

    Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
    legung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das
    psychisch wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und be-
    fremdend erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir
    uns vor der Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser schein-
    bar inkorrekten Operation unserem Verständnis näher zu bringen.
    Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun,
    zu dessen Annahme wir durch ungezählte und regelmäßig wieder-
    kehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden.
    Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verschiebung – sagen

  • S.

    177

    wir: des psychischen Akzentes – auf dem Wege jener Mittel
    glieder zustande käme, bis anfangs schwach mit Intensität ge-
    ladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den
    anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche
    sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche
    Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um die
    Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische
    Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärt-
    lichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher
    Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die
    Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis
    ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
    im „Othello“ ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das
    sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
    unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
    denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird,
    was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt,
    also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krank-
    haften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vor-
    kommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender
    Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den wir in der
    Traumverschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein krank-
    haft gestörter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als
    ein Vorgang von mehr primärer Natur herausstellen wird.
    Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste
    von nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der
    Traumentstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran,
    daß wir in der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei
    psychischen Instanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben.
    Wir erwarten dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die
    wirkliche, psychisch bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben
    aufdecken wird, deren Erinnerung ihren Akzent auf die gleich-
    gültige Erinnerung verschoben hat. Durch diese Auffassung haben

  • S.

    178

    wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie von Robert ge
    bracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die Tatsache,
    welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme
    beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den
    scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes ein
    zusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von Robert
    einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser
    Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den „Schlacken“
    der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schlafen ge
    quälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden,
    als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können.
    Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen
    wir unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich
    groß; die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewäl-
    tigen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der
    gleichgültigen Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen
    Mächte vor sich geht.
    Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen
    Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen.
    Wir haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indiffe-
    renten Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages –
    regelmäßig einen Beitrag zum Trauminhalte liefert. Die Beziehun-
    gen zwischen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle
    im Unbewußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir
    gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste
    der beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit her-
    gestellt. Es muß also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen
    gerade nach der Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen,
    Eindruckes anzubahnen; dieser muß eine besondere Eignung durch
    irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht
    durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent auf einen
    unwesentlichen Bestandteil ihres eigenen Vorstellungskreises ver-
    schieben.

  • S.

    179

    Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur
    Aufklärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse
    gebracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt
    der Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er
    gehorcht einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten;
    z. B.: Ich stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahn-
    coupé ein, in welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber
    fremd waren. Der eine war ein einflußreicher Kollege, der andere
    ein Angehöriger einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich
    beschäftigt war. Ich machte die beiden Herren miteinander be-
    kannt; ihr Verkehr ging aber die lange Fahrt über mich, so daß
    ich bald mit dem einen, bald mit dem anderen einen Gesprächs-
    stoff zu behandeln hatte. Den Kollegen bat ich, einem gemein-
    samen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis begonnen hatte,
    seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, er sei von der
    Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein unscheinbares
    Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht leicht
    werden lassen. Ich erwiderte: Gerade darum bedarf er der Empfehlung.
    Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf nach
    dem Befinden seiner Tante – der Mutter einer meiner Patientinnen,
    welche damals schwer krank danieder lag. In der Nacht nach dieser
    Reise träumte ich, mein junger Freund, für den ich die Protektion
    erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten Salon und halte vor
    einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle mir bekannten vor
    nehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten
    eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits verstorbene) alte
    Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen war. [Ich ge-
    stehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen
    gestanden hatte.] Mein Traum hatte also wiederum Verknüpfungen
    zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und mittels
    derselben eine einheitliche Situation komponiert.

    Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz
    aufstellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung be-
     

  • S.

    180

    steht, alle vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im
    Traume zusammenzusetzen.1)

    Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
    erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein
    rezentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres
    Erlebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis,
    ein Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann.
    Die Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das be-
    stimmteste ergibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger
    kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die Denk-
    arbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der
    richtige Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche
    die Traumquellen erkennen lassen, in einem Schema zusammen-
    zustellen.

    Die Traumquelle kann sein:
    a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches
    im Traume direkt vertreten ist.2)
    b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den
    Traum zu einer Einheit vereinigt werden.3)
    c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die
    im Trauminhalte durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber
    indifferenten Erlebnisses vertreten werden.4)
    d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken-
    gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Er-
    wähnung eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten
    wird.5)

    Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die
    Bedingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes


    1)Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes in einer
    Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt worden,
    z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forcé (p. 236).

    2)Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freund, der mein Onkel ist.

    3)Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.

    4)Traum von der botanischen Monographie.

    5)Solcherart sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analyse.

  • S.

    181

    einen rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur
    Vertretung im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem
    Vorstellungskreis des eigentlichen Traumerregers selbst angehören
    – und zwar entweder als wesentlicher oder als unwichtiger Be-
    standteil desselben – oder er rührt aus dem Bereiche eines
    indifferenten Eindruckes her, der durch mehr oder minder reich-
    liche Verknüpfung mit dem Kreis des Traumerregers in Be-
    ziehung gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit der
    Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative zustande,
    daß eine Verschiebung unterblieben oder vorgefallen ist,
    und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe Leich-
    tigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der
    medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis
    zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 82).
    Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle,
    aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für
    die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch
    indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die
    beiden Bedingungen eingehalten werden, daß 1) der Trauminhalt
    eine Anknüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2) der Traumerreger
    ein psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a)
    werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht
    man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche
    für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese Eig-
    nung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) älter
    geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß
    die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen
    Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt-
    betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt.
    Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten
    können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traum-
    bildung begründet sein kann.1)

    1)Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung“.

  • S.

    182

    Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt,
    daß zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt
    wichtige Veränderungen mit unserem Erinnerungs-
    stellungsmaterial vor sich gehen können. Die Forderung, eine
    Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man sich end-
    gültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir merken
    aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens
    in die des Schlafens übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem
    sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. [E2]

    Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolge-
    rungen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur so-
    lange sie rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie
    kommt es, daß wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren
    Lebensperioden vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren –
    nach Strümpells Worten keinen psychischen Wert besaßen,
    also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die weder frisch
    noch psychisch bedeutsam sind?

    Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
    Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
    lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch
    wichtige Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen
    wie für das Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden
    stattgefunden hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist.
    Jene ursprünglich indifferenten Elemente sind eben nicht mehr
    indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die Wertigkeit vom
    psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was wirklich
    indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume
    reproduziert werden.

    Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht
    schließen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine in-
    differenten Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume.
    Dies ist in aller Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung,
    abgesehen von den Träumen der Kinder und etwa den kurzen

  • S.

    183

    Traumreaktionen auf nächtliche Sensa-
    tionen. Was man sonst träumt,
    ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen, oder
    es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu beur-
    teilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen
    gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes
    lassen wir uns im Schlaf nicht stören. [E 3] Die scheinbar harmlosen
    Träume erweisen sich als arg, wenn man sich um ihre Deutung
    bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, sie haben es
    „faustdick hinter den Ohren“. Da dies wiederum ein Punkt ist,
    bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gerne die
    Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Ar-
    beit zu
    zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen Träumen“ aus
    meiner Sammlung hier der Analyse unterzie-
    hen.

    I

    Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben
    zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern“ ge-
    hört, erzählt:
    Ich habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und
    beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts bekom-
    me.
    Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht aus;
    ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht
    folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Kö-
    chin, die
    den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie etwas
    verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will ihr etwas
    anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt
    ab und geht zur Ge-
    müsefrau, die will ihr ein eigentümliches Ge-
    müse verkaufen, das in Bündeln zusammengebunden ist, aber
    schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme
    ich nicht.

    Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war
    wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekom-
    men. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt
    sich einem als Beschreibung des Erleb-
    nisses auf. Doch halt, ist

  • S.

    184

    das nicht eine recht gemeine Redensart, die – oder vielmehr
    deren Gegenteil – auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines
    Mannes geht? Die Träumerin hat diese Worte übrigens nicht
    gebraucht, ist ihnen vielleicht ausgewichen; suchen wir nach der
    Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.

    Wo etwas im Traum den Charakter einer Rede hat, also
    gesagt oder gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist
    sicher unterscheiden läßt – das stammt von Reden des wachen
    Lebens her, die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt,
    leise verändert, vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen
    worden sind.1) Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen
    Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede des Fleischhauers:
    Das ist nicht mehr zu haben? Von mir selbst; ich hatte ihr
    einige Tage vorher erklärt, „daß die ältesten Kindererlebnisse
    nicht mehr als solche zu haben sind, sondern durch „Über-
    tragungen“ und Traume in der Analyse ersetzt werden“. Ich bin
    also der Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter
    Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. – Woher
    rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das nehme ich
    nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das kenne ich
    nicht“ hat sie selbst tags vorher zu ihrer Köchin gesagt, mit
    der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Benehmen
    Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greifbar; von
    den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat sie
    den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte
    aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum übrigen
    Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige
    Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzuschließen“.
    Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind,
    beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in


    1)Vergleiche über die Reden im Traum im Abschnitte über die Traumarbeit.
    Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben,
    Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.

  • S.

    185

    der Begebenheit mit der Gemüsehändlerin niedergelegt sind. Ein Ge-
    müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich
    ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
    das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und
    schwarzem Rettich? Spargel brauche ich keinem und keiner
    Wissenden zu deuten, aber auch das andere Gemüse – als Zu-
    ruf: Schwarzer, rett’ dich! – scheint mir auf das nämliche
    sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich anfangs errieten, als
    wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die Fleischbank
    war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses
    Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, daß er sinn-
    reich ist und keineswegs harmlos.1

    II

    Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser
    Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: Soll
    man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es
    muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die Wiederholung
    eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so gefragt
    und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie es
    träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter
    Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann
    schon vor der Ehe besessen hat2 usw., aber den Schlüssel zur
    Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese
    stammt von einem gestern gemachten Besuch bei ihrer Freundin.
    Dort wurde sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen und weigerte

    1)Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine Phantasie
    verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits und von
    Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den
    mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen von hysterischen
    Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als
    Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. [E 4]

    2)Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar werden
    wird.

  • S.

    186

    sich mit den Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muß gleich
    gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen, daß sie gestern
    während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der
    sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen:
    Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. So ergänzt sich der
    Kasten zum Brustkasten, und die Deutung des Traumes führt
    direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, da sie anfing,
    mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl
    in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft“ und den
    „schlechten Ton“ Rücksicht nehmen und uns daran erinnern,
    wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers –
    als Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten, – in
    der Anspielung und im Traum.

    III

    Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen
    harmlosen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt,
    daß er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
    Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder einge-
    tretene Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die
    beiden kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen,
    denn in der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was
    könnte daran „schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harm-
    losigkeit dieses Traumes bringt auch der erste Einfall bei der
    Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern vertraulich
    gestanden, daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine
    Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem
    Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht.
    Der Kondom ist der „Überzieher“ mit Recht, man zieht ihn ja
    über; so heißt man auch einen leichten Rock. Ein Ereignis wie
    das von der Dame berichtete wäre für den unverheirateten Mann
    allerdings „schrecklich“.

    Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.

  • S.

    187


    IV

    Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze ist aber
    gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mädchen in der Schule
    sagen, sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre
    Schuld.

    Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine
    Kerze in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen.
    Hier ist eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze
    ist ein Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie
    gebrochen ist, so daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die
    Impotenz des Mannes („es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur
    die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd gebliebene
    junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig kann
    sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis
    gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein
    Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit
    großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: „Wenn die
    Königin von Schweden, bei geschlossenen Fensterläden mit Apollo-
    kerzen...“

    Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß
    ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im
    Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen
    Auftrag, den sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte,
    und zwar vermöge des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden.
    Die Verbindung des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist
    klar genug. „Apollo“ im latenten Trauminhalt verknüpft diesen
    Traum mit einem früheren, in dem von der jungfräulichen
    Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.

    V

    Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirk-
    lichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle,
    füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint

  • S.

    188

    und von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt,
    erzählt sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen
    kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe hatte,
    ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie es wirklich
    vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das Hauptgewicht
    auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. Alle
    solchen Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traum, ge-
    hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken
    geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt,
    wie uns noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns
    also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am Tag vorher
    wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig mitzuteilen, auf
    welchem Wege man zum Einfalle kommt, bei der Deutung das
    Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich wieder
    um eine kleine box (vgl. S. 157 f. den Traum vom toten Kind
    in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts mehr
    hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.

    In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Moment
    als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein
    Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen
    müssen.

    B

    Das Infantile als Traumquelle

    Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes
    haben wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß
    im Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen
    können, über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu ver-
    fügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist
    begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil die betreffenden
    Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer Her-
    kunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um
    Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege

  • S.

    189

    erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in seltenen
    Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig wird
    von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher
    eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit
    seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise
    träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und
    begegne daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit
    dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte
    er sich nun überzeugen, daß diese unbekannte Ortschaft in
    nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich existiere, und auch der
    unbekannte Mann des Traumes stellte sich als ein dort lebender
    Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender
    Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner
    Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds-
    traum zu deuten, wie der des Mädchens, welches das Billett für
    den Konzertabend in der Tasche trägt (S. 156 f.); des Kindes,
    welchem der Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen
    hat u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer gerade diesen
    Eindruck aus seiner Kindheit reproduzieren, sind natürlich ohne
    Analyse nicht aufzudecken.

    Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine
    Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte
    mir mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehe-
    maliger Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu
    seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese
    Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er
    den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirk-
    lichkeit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran,
    denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte
    ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn
    die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das
    kleinere, damals dreijährige Kind – unser Träumer, – das im
    Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.

  • S.

    190

    Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne
    Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente
    aus der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein soge-
    nannter perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt,
    später immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes
    des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art
    kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich
    ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht
    kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir,
    daß in seinem Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit
    an bis zum heutigen Tage häufig ein gelber Löwe erscheint,
    über den er die genaueste Auskunft zu geben vermag. Dieser
    ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich eines Tages
    in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus Porzellan
    vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß
    dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit
    gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
    Eine meiner Patientinnen hatte vier-
    oder fünfmal im Laufe
    ihrer achtunddreißig Jahre die nämliche ängstliche Szene ge-
    träumt, daß sie verfolgt werde, sich in ein Zimmer flüchte, die
    Türe zumache, dann öffne, um den außen steckenden Schlüssel
    abzuziehen, daß sie unter der Empfindung, wenn es ihr nicht
    gelinge, werde etwas Schreckliches geschehen, den Schlüssel er-
    hasche, um von innen zuzuschließen, und daß sie dann erleichtert
    aufatme. Ich weiß nicht anzugeben, in welches frühe Lebens-
    alter diese kleine Szene, bei der sie natürlich nur Zuschauerin
    gewesen ist, verlegt werden muß. [E 5]

    Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu
    den Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann
    man mit Erstaunen die Mitwirkung von Kindheitserlebnissen auch
    bei solchen Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige
    Vermutung erweckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben
    Löwen“ verdanke ich ein besonders liebenswürdiges und lehr-
     

  • S.

    191

    reiches Beispiel eines solchen Traumes. Nach der Lektüre von
    Nansens Reisebericht über seine Polarexpedition träumte er, in
    einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen einer
    Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes
    fiel ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche
    der Traum allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei-
    vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die
    Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann
    den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar
    Reisen mit „Reißen“ verwechselt, und der Spott seiner Ge-
    schwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis nicht
    in Vergessenheit geriet.
    Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes
    von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten
    gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen
    Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung
    überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung
    wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes Anteil genommen hat,
    ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine Beziehung erst nach
    träglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und Verschlungenheit
    der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere Auffassung.
    (Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Artischocke; zer-
    pflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt [eine Wendung, die
    einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches täglich ans
    Ohr schlägt]; – Herbarium – Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise
    Bücher sind.) Außerdem kann ich versichern, daß der letzte Sinn
    des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum Inhalt der
    Kinderszene in intimster Beziehung steht.
    Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
    Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt
    hat, als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinder-
    leben stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traum
    das Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet.

  • S.

    192

    Ich setze an dieser Stelle die Deutung eines Traumes fort, aus
    dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine
    den Traum: Freund R. ist mein Onkel. Wir haben dessen Deu-
    tung soweit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor
    ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns
    die Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions-
    und Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen,
    die in den Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein
    eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fort-
    setzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht
    befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den
    Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders
    gelautet hatte; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in betreff
    der Ernennung nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den
    Gegensatz zwischen wacher und Traumschätzung voll aufzuklären.
    Wenn mein Bedürfnis, mit einem anderen Titel angeredet zu
    werden, so stark sein sollte, so beweist dies einen krankhaften
    Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den ich ferne von mir
    glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen glauben,
    in diesem Punkt über mich urteilen würden; vielleicht habe ich
    auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so hat er sich längst
    auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines Professor extra-
    ordinarius geworfen.
    Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
    hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
    gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über
    den Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der
    Welt einen großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen
    müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsfrohe
    Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber,
    deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der
    Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der
    Prophetin gewesen sein. Sollte meine Großensehnsucht aus dieser

  • S.

    193


    Quelle stammen? Aber da besinne ich mich eben eines anderen
    Eindruckes aus späteren Jugendjahren, der sich zur Erklärung
    noch besser eignen würde: Es war eines Abends in einem der
    Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf-
    jährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann auffiel,
    der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse
    über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde ab-
    geschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er
    erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
    fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
    seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister“
    werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich
    mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürger-
    ministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürger-
    lichen Doktoren Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach
    Hause gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illumi-
    niert. Es waren sogar Juden unter ihnen; jeder fleißige Juden-
    knabe trug also das Ministerportefeuille in seiner Schultasche.
    Es muß mit den Eindrücken jener Zeit sogar zusammenhängen,
    daß ich bis kurz vor der Inskription an der Universität willens
    war, Jura zu studieren, und erst im letzten Moment umsattelte.
    Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt verschlossen.
    Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich aus
    der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des Bürger-
    ministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von damals
    nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und
    achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht behandle,
    den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob er ein
    Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, als
    ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mi-
    nisters gesetzt. Welch gründliche Rache an Seiner Exzellenz! Er
    verweigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen,
    und ich setze mich dafür im Traum an seine Stelle.

    Freud, II.

  • S.

    194

    In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch,
    welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
    mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen be-
    zieht. Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen
    die Sehnsucht, nach Rom zu kommen, zugrunde liegt. Ich werde
    diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen
    müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise
    zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten
    der Gesundheit zu meiden. [E 6] So träume ich denn einmal, daß
    ich vom Coupéfenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt
    sich der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja
    gar nicht betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah,
    war einem bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im
    Salon eines Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt
    mich jemand auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel
    halb verschleiert und noch so ferne, daß ich mich über die
    Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist
    reicher, als ich hier ausführen möchte. Das Motiv, „das gelobte
    Land von ferne sehen“, ist darin leicht zu erkennen. Die Stadt,
    die ich so zuerst im Nebel gesehen habe, ist – Lübeck; der
    Hügel findet sein Vorbild in – Gleichenberg. In einem dritten
    Traum bin ich endlich in Rom, wie mir der Traum sagt. Ich
    sehe aber zu meiner Enttäuschung eine keineswegs städtische
    Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunklem Wasser, auf der einen
    Seite desselben schwarze Felsen, auf der anderen Wiesen mit
    großen weißen Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den
    ich oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg in die
    Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich vergebens bemühe,
    eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht ge-
    sehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine
    Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir be-
    kannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens Haupt-
    stadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen um

  • S.

    195

    Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen
    Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie
    die Narzissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig
    war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am
    Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei Karlsbad.
    „Karlsbad“ setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren
    Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es
    sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist,
    zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die soviel
    tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in
    Gesprächen und Briefen so gerne zitieren. Die eine ist die Ge-
    schichte von der „Konstitution“, des Inhalts, wie ein armer Jude
    ohne Fahrbillet den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht,
    dann ertappt, bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer
    härter behandelt wird, und der dann einem Bekannten, welcher
    ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, auf die Frage,
    wohin er reise, zur Antwort gibt: „Wenn’s meine Konstitution
    aushält – nach Karlsbad.“ Nahe dabei ruht im Gedächtnis
    eine andere Geschichte, von einem des Französischen unkundigen
    Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Wege zur
    Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch
    ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in welcher ich
    zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als
    Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen
    werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine direkte Anspielung
    an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich alle Wege. Übrigens
    deutet der Name Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir
    doch alle mit der konstitutionellen Krankheit Diabetes Be-
    hafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vor-
    schlag meines Berliners Freundes, uns zu Ostern in Prag zu
    treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte,
    würde sich eine weitere Beziehung zu „Zucker“ und „Diabetes“
    ergeben.

  • S.

    196

    Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
    wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und
    wundere mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate an-
    geschlagen sind. Tags vorher hatte ich meinem Freund in pro-
    phetischer Voraussicht geschrieben, Prag dürfte für deutsche
    Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum
    drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in Rom zu treffen
    anstatt in einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus
    der Studentenzeit stammende Interesse daran, daß in Prag der
    deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. Die tsche-
    chische Sprache muß ich übrigens in meinen ersten Kinderjahren
    verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens mit
    slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kindervers, den
    ich in meinem siebzehnten Jahre gehört, hat sich meinem Gedächtnis
    mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
    obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt
    also auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen
    zu den Eindrücken meiner ersten Lebensjahre.

    Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am
    Trasimener See vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den
    Tiber gesehen und schmerzlich bewegt achtzig Kilometer weit von
    Rom umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehn-
    sucht nach der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich
    erwog gerade den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach
    Neapel zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer
    klassischen Schriftsteller [ E 7 ] gelesen haben muß: Es ist fraglich,
    wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er den
    Plan gefaßt, nach Rom zu gehen, der Konrektor Winckelmann
    oder der Feldherr Hannibal. Ich war ja auf den Spuren Hanni-
    bals gewandelt; es war mir so wenig wie ihm beschieden, Rom
    zu sehen, und auch er war nach Kampanien gezogen, nachdem
    alle Welt in Rom ihn erwartet hatte. Hannibal, mit dem ich
    diese Ähnlichkeit erreicht hatte, war aber der Lieblingsheld

  • S.

    197

    meiner Gymnasialjah-
    re gewesen; wie so viele in jenem Alter,
    hatte ich meine Sympathien wäh-
    rend der punischen Kriege nicht
    den Römern, sondern dem Kartha-
    ger zugewendet. Als dann im
    Obergymnasium das erste Ver-
    ständnis für die Konsequenzen der
    Abstammung aus landesfremder Ras-
    se erwuchs, und die anti-
    semitischen Regungen unter den Kameraden mahnten, Stellung
    zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feld-
    herrn
    noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisier-
    ten
    dem Jüngling den Gegen-
    satz zwischen der Zähigkeit des Juden-
    tums und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeu-
    tung, welche die antisemitische Bewe-
    gung seither für unser
    Gemütsleben gewon-
    nen hat, verhalf dann den Gedanken und
    Empfindungen jener früheren Zeit zur Fixie-
    rung. So ist der
    Wunsch, nach Rom zu kommen, für das Traumle-
    ben zum Deck-
    mantel und Symbol für mehrere andere heißersehnte Wün-
    sche
    geworden, an deren Verwirkli-
    chung man mit der Aus-
    schließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und deren Er-
    füllung zeitweilig vom Schick-
    sal ebensowenig begün-
    stigt scheint
    wie der Lebenswunsch Hanni-
    bals, in Rom einzuziehen.
    Und nun stoße ich erst auf das Jugenderleb-
    nis, das in all
    diesen Empfindungen und Träu-
    men noch heute seine Macht äußert.
    Ich mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Va-
    ter
    begann, mich auf seine Spaziergänge mitzuneh-
    men und mir in
    Gesprächen seine Ansichten über die Din-
    ge dieser Welt zu er-
    öffnen. So erzählte er mir ein-
    mal, um mir zu zei-
    gen, in wieviel
    bessere Zeiten ich gekom-
    men sei als er: Als ich ein jun-
    ger Mensch
    war, bin ich in dei-
    nem Geburtsort am Samstag in der Stra-
    ße
    spazieren gegangen, schön geklei-
    det, mit einer neuen Pelzmüt-
    ze
    auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem
    Schlag die Müt-
    ze in den Kot, und ruft dabei: Jud, herunter vom Trot-
    toir! „Und was hast du getan?24) Ich bin auf den Fahr-
    weg
    gegangen und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene Ant-
    wort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem gro-
    ßen starken

  • S.

    198

    Mann, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich stellte dieser
    Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegenüber, die
    meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher Hanni-
    bals Vater, Hamilkar Barkas, seinen Knaben vor dem Hausaltar
    schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. [E 8] Seitdem
    hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien.

    Ich meine, daß ich diese Schwärmerei für den karthagischen
    General noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück ver-
    folgen kann, so daß es sich auch hier nur um die Übertragung
    einer bereits gebildeten Affektrelation auf einen neuen Träger
    handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem lesefähigen
    Kind in die Hände fiel, war Thiers’ „Konsulat und Kaiserreich“;
    ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine Zettel mit
    den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken
    geklebt, und daß damals schon Masséna (als Jude: Menasse) mein
    erklärter Liebling war. [E 9] Napoleon selbst schließt sich durch den
    Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und vielleicht ließe
    sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter zurück in
    die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund-
    schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei
    Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren
    der beiden Gespielen hervorrufen mußte.

    Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto
    häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt,
    welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.

    Wir haben gehört (S. 22 f.), daß der Traum sehr selten Er-
    innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert
    den alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind
    einige Beispiele für dieses Vorkommen sicher gestellt, zu denen
    ich einige neue hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantil-
    szenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein
    Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles,
    die sofort als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung

  • S.

    199

    daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber
    doch stark verdunkelt worden, und ihre Neubelebung war ein
    Erfolg der vorausgegangenen analytischen Arbeit. Der Träumer
    hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kollegen besucht, der
    sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung im Bette
    entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang
    ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen,
    der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen
    wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum dreiundzwanzig
    Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden
    Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt
    der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person des
    Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.
    In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
    inhalt nur durch eine Anspielung vertreten, und muß durch
    Deutung aus dem Traum entwickelt werden. Die Mitteilung
    solcher Beispiele kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja
    für diese Kindererlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie
    werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung
    nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen auf
    solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei der psycho-
    analytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die
    in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum
    Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen,
    werden solche Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse
    vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal
    alles Material mitteile, auf welches sich die Deutung stützt. Indes
    will ich mich von der Mitteilung darum nicht abhalten lassen.

    I

    Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter
    des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den
    Eisenbahnzug nicht zu versäumen, u. dgl. In einem Traume soll

  • S.

    200

    sie ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll
    fahren, nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem
    fort. – Das bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die
    Erinnerung an Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was
    der Wiener „eine Hetz“ nennt), und gibt speziell für den einen
    Traum die Zurückführung auf den bei Kindern beliebten Scherz,
    den Satz: „Die Kuh rannte, bis sie fiel“ so rasch auszu-
    sprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was wiederum ein
    „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen
    Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose,
    ersetzen.

    II

    Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem großen
    Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, wie sie sich
    eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit
    habe, und daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen
    machen muß. Sie sträubt sich aber und will sich in das für sie
    bestimmte Bett – oder was es ist – nicht legen. Sie steht in
    einem Winkel und wartet, daß ich sage, es ist nicht wahr. Die
    anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei von ihr. –
    Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate machen würde.

    Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an
    die Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die An-
    spielung an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind
    die beiden Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt
    geht auf eine meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung
    ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen
    verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mit-
    teilen, daß ich vorläufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber
    später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies machte die
    alte Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der
    zur Hysterie bestimmten Kinder ist. Sie sind unersättlich nach
    Liebe. Meine Patientin war die jüngste von sechs Geschwistern

  • S.

    201

    (daher: mit fünf anderen) und als solche der Liebling des
    Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß der geliebte Vater
    ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widme. – Daß
    sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende Ableitung:
    Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht, und sie
    ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann,
    ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere.
    Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im
    Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und
    wartete darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun
    läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren,
    ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die
    doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig
    ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom
    Traum durch Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“ bildet dabei
    die Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das
    Wort „schmutzig“ im Traum umschreiben soll, so stimmt das
    Im-Winkel-stehen und das Sich-nicht-ins-Bett-legen dazu
    als Bestandteil einer Kinderszene, in der sie das Bett schmutzig
    gemacht hätte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter
    der Androhung, daß sie der Papa nicht mehr lieb haben werde,
    die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen Quadrate zielen
    auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man
    in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, daß sie nach
    allen Richtungen addiert, fünfzehn ergeben.

    III

    Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die sich
    balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus den herumliegenden
    Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat den anderen nieder-
    geworfen, der liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen.
    Er eilt dem Missetäter mit erhobenem Stock nach, um ihn zu
    züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem Bretter-

  • S.

    202

    zaun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhners-
    frau, die dem Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie
    sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen Blick an, so daß
    er erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom unteren
    Lid das rote Fleisch vorstehen.

    Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich
    verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße
    gesehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte,
    um zu schlichten, ergriffen sie die Flucht. – Faßbinderknaben:
    wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen
    Analyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden aus-
    schlagen. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner
    Beobachtung meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter
    Klapphornvers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der
    hieß Marie (d. h. war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach
    der Szene mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren
    und benützte die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun
    zu urinieren. Auf dem weiteren Weg lächelte ihn eine anständig ge-
    kleidete ältere Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre
    Adreßkarte überreichen.

    Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so
    handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann
    der gräßliche „Anblick“, das Vorstehen des roten Fleisches, was
    sich nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen
    kann, die, in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung
    als „wildes Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum
    vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien
    kleiner Mädchen sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren
    Urinieren, und wie aus dem anderen Zusammenhange hervor-
    geht, bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung
    des Vaters wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen be-
    wiesenen sexuellen Neugierde.

  • S.

    203

    IV

    Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie
    notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traum einer
    älteren Dame.

    Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf dem
    Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in die Knie. Viele
    Leute sammeln sich um sie, besonders die Fiakerkutscher; aber
    niemand hilft ihr auf. Sie macht viele vergebliche Versuche;
    endlich muß es gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker,
    der sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster wirft man ihr
    einen großen, schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Ein-
    kaufskorb).

    Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie
    sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist
    offenbar von dem Anblick eines gestürzten Pferdes hergenommen,
    wie auch das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie
    war in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich
    auch Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinne-
    rung an den siebzehnjährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße
    von epileptischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause ge-
    bracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vor-
    stellung von epileptischen Krämpfen, vom „Hinfallenden“4) hat
    große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre
    eigenen hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. – Wenn
    eine Frauenperson vom Fallen träumt, so hat das wohl regel-
    mäßig einen sexuellen Sinn, sie wird eine „Gefallene“; für
    unseren Traum wird diese Deutung am wenigsten zweifelhaft
    sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem Platze von Wien,
    der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der Einkaufskorb
    gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er an die vielen
    Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und später, wie
    sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann auch, daß

  • S.

    204

    ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Verschmähtwerden
    auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phantasien, die
    der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie tief unter
    ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte einkaufen
    geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer
    dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere
    Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde,
    weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat
    gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stuben-
    mädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kut-
    scher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese
    Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im
    Traum (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen
    nicht annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes,
    und zwar durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das
    Expedieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“
    auf dem Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte,
    wie ein Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in
    ihr Zimmer wirft, wie ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil
    ein vorübergehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah. Und
    nun taucht dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten
    Lebensjahre auf, von einer Bonne, die auf dem Lande Liebes-
    szenen mit einem Diener des Hauses aufführte, von denen das
    Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem
    Liebhaber „expediert“, „hinausgeworfen“ wurde (im Traum
    der Gegensatz: „hineingeworfen“), eine Geschichte, der wir
    uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert hatten.
    Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in
    Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“ bezeichnet.
    „Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh.“
    An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel
    oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den
    ersten drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich

  • S.

    205

    überreichen Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu
    ziehen, die für den Traum im allgemeinen gelten sollen; es han-
    delt sich ja regelmäßig um neurotische, speziell hysterische Per-
    sonen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in diesen Träumen
    zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das
    Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der
    Deutung meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober
    Leidenssymptome unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten
    Trauminhalt unvermutet auf eine Infantilszene stoße, und daß
    mir eine ganze Serie von Träumen mit einemmal in die von
    einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. Beispiele
    hiefür habe ich schon erbracht und ich werde noch bei verschie-
    denen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen
    Abschnitt nicht besser beschließen, als durch Mitteilung einiger
    eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
    Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.

    I)Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett auf-
    gesucht habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des
    Lebens und ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehl-
    speise geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine
    die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie Knödel
    machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, bis sie fertig
    ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde ungeduldig und gehe
    beleidigt weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den ich
    versuche, ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas
    überrascht, daß er Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe,
    hat einen langen Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt.
    Ein Fremder mit langem Gesicht und kurzem Spitzbart kommt
    hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den
    seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
    gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich-
    nungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann ganz freundlich
    miteinander.

  • S.

    206

    In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
    erste Roman ein, den ich, vielleicht dreizehnjährig, gelesen, d. h.
    mit dem Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen
    des Romans und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der
    Schluß ist mir nun in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt
    in Wahnsinn und ruft beständig die drei Frauennamen, die ihm
    im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet haben.
    Pélagie ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich
    mit diesem Einfall in der Analyse beginnen werde. Da tauchen
    zu den drei Frauen die drei Parzen auf, die das Geschick des
    Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine der drei Frauen, die
    Wirtin im Traum, die Mutter ist, die das Leben gibt, mitunter
    auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste Nahrung. An der
    Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein junger Mann,
    erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der Frauenschön-
    heit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne Amme
    kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute
    Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege
    mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach-
    träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu be-
    dienen. – Die eine der Parzen also reibt die Handflächen anein-
    ander, als ob sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäf-
    tigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf!
    Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinne-
    rung. Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei
    meiner Mutter genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde ge-
    macht sind und darum zur Erde zurückkehren müssen. Es behagte
    mir aber nicht, und ich zweifelte die Lehre an. Da rieb die
    Mutter die Handflächen aneinander – ganz ähnlich wie beim
    Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen befindet –
    und zeigte mir die schwärzlichen Epidermisschuppen, die sich
    dabei abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht
    sind, vor. Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos

  • S.

    207


    war grenzenlos und ich ergab mich in das, was ich später in
    den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der Natur einen
    Tod schuldig.1) So sind es also wirklich Parzen, zu denen ich in
    die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich hungrig
    war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, bis das
    Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer
    meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo-
    logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, wird sich bei dem
    Namen Knödl an eine Person erinnern, die er belangen mußte,
    weil sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein
    Plagiat begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch
    wenn es einem andern gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil
    des Traumes, in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde,
    der eine Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe
    den Ausdruck Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich
    mir darbot, und nun merke ich, daß er dem latenten Traum-
    inhalte angehören muß, weil er als Brücke zwischen verschie-
    denen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen kann. Die
    Assoziationskette Pélagie–Plagiat–Plagiostomen2) (Haifische)
    –Fischblase verbindet den alten Roman mit der Affäre Knödl
    und mit den Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen
    Technik bedeuten. (Vgl. Maury’s Traum von Kilo–Lotto, S. 64.)
    Eine höchst gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber
    doch keine, die ich im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht
    schon durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem
    Drang, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre,
    dient nun der teure Name Brücke (Wortbrücke siehe oben) dazu,
    mich an dasselbe Institut zu erinnern, in dem ich meine glück-
    lichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos

    1)Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die Er-
    gebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traum kurz vorher, der mir zu-
    erst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.

    2)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an eine
    ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.

  • S.

    208

    („So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr
    gelüsten“), im vollsten Gegensatz zu den Begierden, die mich,
    während ich träume, plagen. Und endlich taucht die Erinnerung
    an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name wiederum an
    etwas Eßbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und an eine trau-
    rige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle spielen (die
    Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel
    aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das
    Kokain.

    So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter
    folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll
    aufklären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen
    Opfer, die es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen
    der Fäden auf, der direkt zu einem der dem Gewirre zugrunde
    liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem
    Gesicht und Spitzbart, der mich am Anziehen hindern will, trägt
    die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau
    reichlich türkische Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popović, ein
    verdächtiger Name, der auch dem Humoristen Stettenheim zu
    einer andeutungsvollen Bemerkung Anlaß gegeben hat. („Er
    nannte mir seinen Namen und drückte mir errötend die Hand.“)1)
    Übrigens derselbe Mißbrauch mit Namen wie oben mit Pélagie,
    Knödl, Brücke, Fleischl. Daß solche Namenspielerei Kinder-
    unart ist, darf man ohne Widerspruch behaupten; wenn ich
    mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung, denn
    mein eigener Name ist unzählige Male solchen schwachsinnigen
    Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte einmal, wie
    empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich ver-
    wachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen
    Namen dichtete:

    „Der du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kote“ –
    „So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“

    1)Vgl. S. 199.

  • S.

    209

    Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von
    Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier
    ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen
    Einkauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und
    die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegen-
    heit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken,
    die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll
    sich nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben
    kann, auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man
    soll keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so kurz,
    der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist, und
    weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will, hat
    dieses carpe diem die Zensur zu fürchten und muß sich hinter
    einem Traum verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken
    zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung
    dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die
    Drohungen mit den ekelhaften sexuellen Strafen.

    II) Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
    Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
    nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
    Ischler Zug auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
    dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des
    Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Eingangs-
    tür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der ihn
    nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer kurzen
    Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll dann,
    nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder ver-
    lassen und in den Wartesaal zurückgehen, setze es aber mühselig
    durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, aufzupassen,
    wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege ein Coupé
    anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, d. h.
    gleiches Recht zu verlangen. Unterdes singe ich mir etwas vor,
    was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:

    Freud, II.

  • S.

    210

    Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, Tänzelein wagen,
    Soll er’s nur sagen,
    Ich spiel’ ihm eins auf.

    (Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)

    Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim-
    mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
    ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und
    revolutionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten
    Figaros passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beau-
    marchais, die ich in der Comédie française aufführen gesehen.
    Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe gegeben
    haben, geboren zu werden; das Herrenrecht, das der Graf Alma-
    viva bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere
    bösen oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen
    Thun anstellen, indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich be-
    neide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen schweren Gang zum
    Kaiser und ich bin der eigentliche Graf Nichtsthun; ich gehe
    auf Ferien. Allerlei lustige Ferienvorsätze dazu. Es kommt nun
    ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei den medizinischen
    Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine Leistungen in
    dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des „Regierungsbei-
    schläfers“ zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine
    amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse, und ich höre
    den Beamten zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn
    mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle
    meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé für
    mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir
    die Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage
    beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm
    den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im
    Boden anbringen zu lassen, für etwaige Bedürfnisse der Reisenden.
    Ich erwache auch wirklich um dreiviertel drei Uhr morgens mit
    Harndrang aus nachstehendem Traum:

  • S.

    211


    Menschenmenge, Studentenversammlung. – Ein Graf (Thun
    oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen zu
    sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieblingsblume
    den Huflattich und steckt dann etwas wie ein zerfetztes Blatt,
    eigentlich ein zusammengeknülltes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich
    fahre auf, fahre also auf,1) wundere mich aber doch über diese
    meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre,
    die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den
    Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offen
    bar Regierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen
    braun und violett, und komme endlich in einen Gang, in dem
    eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich ver-
    meide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für
    berechtigt, hier zu passieren, denn sie fragt, ob sie mit der Lampe
    mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie soll auf der Treppe
    stehen bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich
    die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde
    einen schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.

    Wieder undeutlich … Als ob jetzt die zweite Aufgabe käme,
    aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem Haus. Ich
    fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auftrag, zu einem
    Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahnstrecke selbst kann ich nicht
    mit Ihnen fahren“, sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht
    hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich
    schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn
    fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems
    oder Znaim soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und ent-
    scheide mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon,
    der ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein
    eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen


    1)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des
    Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, daß sie
    ihre Bedeutung hat.

  • S.

    212

    aus starrem Stoff, was den Leuten sehr auffällt. Hier bricht die
    Szene ab.

    Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit einem
    älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu bleiben, sehe
    diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Denken und Erleben ist
    gleichsam eins. Er stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge,
    und ich halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in der
    Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ich bin also ein
    Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist.
    Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauffällig
    entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Betreffenden und
    sein urinierendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit
    Harndrang.

    Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
    die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen
    Andenken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war,
    wie überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei
    dem ich Emmersdorf [E 10] kennengelernt hatte, den Ruhesitz des
    Studentenführers Fischhof, auf den einige Züge des manifesten
    Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt
    mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der seiner
    Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago“ nach dem
    Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder
    zu rektifizieren gewöhnt waren: „Fifteen years ago“. Diese Phan-
    tasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick
    des Grafen Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die
    Fassade italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang
    dem Gebäude dahinter vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist
    sie übrigens lückenhaft, verworren, und Bestandteile aus dem
    Inneren drängen sich an vielen Stellen durch. Die erste Situation
    des Traumes ist aus mehreren Szenen zusammengebraut, in die
    ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung des Grafen im
    Traum ist kopiert nach einer Gymnasiaszene aus meinem fünf-

  • S.

    213

    zehnten Jahr. Wir hatten gegen einen mißliebigen und igno-
    ranten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein
    Kollege war, der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum
    Vorhilde genommen zu haben scheint. Die Führung des Haupt-
    schlages fiel mir zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der
    Donau für Österreich (Wachau!) war der Anlaß, bei dem es
    zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der
    einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner auf-
    fälligen Längenentwicklung die „Giraffe“ genannt, und der stand,
    vom Schultyrannen, dem Professor der deutschen Sprache, zur
    Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der
    Lieblingsblume und In’s-Knopfloch-stecken von etwas, was wieder
    eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die ich einer
    Freundin am selben Tag gebracht hatte, und außerdem an eine
    Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs-
    dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der
    weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den
    Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von
    den Rosen zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben
    sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere
    spanisch: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. –
    Isabelita, no llores que se marchitan las flores. Das Spanische
    vom „Figaro“ her.) Die weißen Nelken sind bei uns in Wien
    das Abzeichen der Antisemi-
    ten, die roten das der Sozialdemo-
    kraten geworden. Dahinter eine Erinnerung an eine antisemi-
    tische Herausforderung während einer Eisenbahnfahrt im schönen Sachsen-
    lande (Angelsachsen). Die dritte Szene, welche Bestandteile für
    die Bildung der ersten Traumsituation abgegeben hat, fällt in
    meine erste Studentenzeit. In einem deutschen Studentenverein
    gab es eine Diskussion über das Verhältnis der Philosophie zu
    den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der materialistischen
    Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst einseitigen
    Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer

  • S.

    214

    Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen
    zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen
    Namen aus dem Tierreich trägt, und machte uns tüchtig
    herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine gehütet
    und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr auf
    (wie im Traum), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich
    wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich
    nicht mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traum wundere
    ich mich über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Auf-
    ruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte
    zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte war zu
    verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das
    man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich
    beruhen.

    Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen
    Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich“
    proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf-
    lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der anderen
    nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man
    durch auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein,
    Sau, Hund; ich wüßte auch auf dem Umweg über einen
    Namen zu einem Esel zu gelangen und damit wieder zu einem
    Hohn auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich
    mir – ich weiß nicht, ob mit Recht, – Huflattich mit
    „pisse-en-lit“. Die Kenntnis kommt mir aus dem „Germinal“
    Zolas, in dem die Kinder aufgefordert werden, solchen Salat
    mitzubringen. Der Hund – chien – enthält in seinem Namen
    einen Anklang an die größere Funktion (chier, wie pisser für
    die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in allen
    drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben „Ger-
    minal“, der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat,
    ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich
    auf die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt,

  • S.

    215

    bezieht.1) Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesem
    Flatus seit langem angelegt ist, von den Blumen aus über das
    spanische Verslein, die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand,
    über Heinrich VIII., die englische Geschichte zum Kampf der
    Armada gegen England, nach dessen siegreicher Beendigung die
    Engländer eine Medaille prägten mit der Inschrift: Flavit et
    dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische Flotte zerstreut
    hatte. [E 11] Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb scherzhaft
    gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie“ zu nehmen, wenn
    ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auf-
    fassung und Behandlung der Hysterie zu geben.

    Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so aus-
    führliche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rück-
    sichten der
    Zensur. Ich setze mich nämlich an die Stelle eines hohen Herrn
    jener Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler
    gehabt, an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich
    glaube, ich wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu pas-
    sieren, obwohl ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den
    größeren Teil jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von
    Zimmern im Traum verdankt ihre Anregung dem Salon-
    wagen
    Seiner Exzellenz, in den ich einen Moment hinein-
    blicken konnte;
    sie bedeutet aber, wie so häufig im Traum, Frauen-
    zimmer
    (ärarische Frauenzimmer). Mit der Person der Haus-
    hälterin statte
    ich einer geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Be-
    wirtung und die vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem
    Hause geboten worden sind. – Der Zug mit der Lampe geht
    auf Grill-
    parzer zurück, der ein reizendes Erlebnis ähnlichen
    Inhaltes notiert und dann in „Hero und Leander“ (des Meeres
    und der Liebe Wellen – die Armada und der Sturm) ver-
    wendet hat. [E 12]


    1)Nicht im „Germinal“, sondern in „La Terre“. Ein Irrtum, der mir erst
    nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen Buch-
    staben in Huflatich und Flatus aufmerksam.

  • S.

    216

    Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
    muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
    die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich
    den Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht
    vermuten, daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser
    Unterdrückung nötigt; man braucht sich aber mit dieser Auf-
    klärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich selbst
    aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis
    behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe,
    die mich nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die
    Motive der inneren Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des
    Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also darum sagen,
    daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente Prahlereien,
    als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben längst
    unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit einzelnen
    Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich komme
    mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des Abends
    vor den Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf
    allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redens-
    art „Was kostet Graz?“, in der man sich gefällt, wenn man
    sich überreich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais
    unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gar-
    gantua und seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den
    angedeuteten Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien
    einreihen können. Zu den zwei versprochenen Kinderszenen ge-
    hört aber folgendes: Ich hatte für diese Reise einen neuen Koffer
    gekauft, dessen Farbe, ein Braunviolett, im Traum mehrmals
    auftritt (violettbraune Veilchen aus starrem Stoff neben einem
    Ding, das man „Mädchenfänger“ heißt – die Möbel in den
    Regierungszimmern). Daß man mit etwas Neuem den Leuten
    auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir folgende
    Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Erinnerung
    ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll –

  • S.

    217

    im Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das Bett naß
    gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam,
    den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm
    in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes, rotes
    Bett kaufen werde. (Daher im Traum die Einschaltung, daß wir
    das Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten;
    was man versprochen hat, muß man halten.) [Man beachte
    übrigens die Zusammenstellung des männlichen Glases und des
    weiblichen Koffers, box.] Der ganze Größenwahn des Kindes ist
    in diesem Versprechen enthalten. Die Bedeutung der Harn-
    schwierigkeiten des Kindes für den Traum ist uns bereits bei
    einer früheren Traumdeutung (vergleiche den Traum S. 200)
    aufgefallen. [E 13]

    Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand,
    als ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr
    wohl erinnere. Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen
    über das Gebot der Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im
    Schlafzimmer der Eltern in deren Anwesenheit zu verrichten,
    und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber die Bemerkung
    fallen: Aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine furcht-
    bare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspie-
    lungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen wieder
    und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und
    Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin doch
    etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das
    letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen
    vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die
    Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet,1
    uriniert jetzt vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom
    mahne ich ihn an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu-
     

    1)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhins, der Göttervater. – Odhins
    Trost. – Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett kaufen
    werde.

  • S.

    218

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen


    gute kam, als hätte ich damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem
    mache ich mich über ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das
    Glas vorhalten und schwelge in Anspielungen an meine Erkennt-
    nisse in der Lehre von der Hysterie, auf die ich stolz bin.1)

    Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne-
    dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so
    kam ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zu-
    fällige Umstand zugute, daß mein Coupé kein Klosett besaß, und
    ich vorbereitet sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit
    zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte

    1)Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert an die
    Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht lesen
    kann. – (Bauernfänger – Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) – Die Be-
    handlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zolas „La Terre“.
    Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind
    das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traum sein Krankenpfleger. – „Denken
    und Erleben sind hier gleichsam eins“ erinnert an ein stark revolutionäres Buch-
    drama von Oskar Panizza, in dem Gottvater als paralytischer Greis schmählich
    genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß
    von seinem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu
    fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. – Das Pläne-
    machen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater,
    wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit
    verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der
    Fürst heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
    Autorität, aus deren Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kulturge- schichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht das
    „Mutterrecht“ zur Einschränkung dieses Satzes nötig). – Die Fassung im Traum
    „Denken und Erleben sind eins“ zielt auf die Erklärung der hysterischen Symptome,
    in der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich
    das Prinzip des „Gschnas“ nicht auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände
    von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten komischem und
    wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und
    Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun
    gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich
    zugestoßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasie-
    begebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens
    aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen
    der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos.
    Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte
    mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen Glases“
    andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt worden war, es sei
    dort ein Giftbecher der Lucretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen Kern und
    Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern gebräuchlich
    ist, gebildet hätte.

  • S.

    219

    Die wahrscheinliche Rolle des Infantilien für die Traumbildung


    dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich
    meine, man könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle
    des eigentlichen Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer
    anderen Auffassung den Vorzug geben, nämlich daß die Traum-
    gedanken erst den Harndrang hervorgerufen haben. Es ist bei
    mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgendein Bedürfnis im
    Schlaf gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses Er-
    wachens, drei Viertel drei Uhr morgens. Einem weiteren Einwand
    begegne ich durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen
    unter bequemeren Verhältnissen fast niemals den Harndrang
    nach frühzeitigem Erwachen verspürt habe. Übrigens kann ich
    diesen Punkt auch ohne Schaden unentschieden lassen.

    Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
    aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren
    Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
    Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen
    Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
    Kindheit hinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
    in diesem Zug eine wesentliche Bedingung des Träumens ge-
    geben ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so
    käme jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung
    an das rezent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine
    Anknüpfung an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse
    der Hysterie wirklich zeigen kann, daß es im guten Sinne bis
    auf die Gegenwart rezent geblieben ist. Diese Vermutung er-
    scheint aber noch recht schwer erweislich; ich werde auf die
    wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse für die Traum-
    bildung noch in anderem Zusammenhange (Abschnitt VII) zu-
    rückkommen müssen.

    Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum-
    gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben-
    sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf
    die Traumstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen,

  • S.

    220

    die Auszeichnung des Rezenten wie des Infantil-
    bestätigen, aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten
    können. Wir wollen diese beiden Charaktere, deren Erklärung
    oder Verwertung uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden
    anderswo ihre Einreihung finden müssen, entweder in der Psycho-
    logie des Schlafzustandes oder bei jenen Erwägungen über den
    Aufbau des seelischen Apparats, die wir später anstellen werden,
    wenn wir gemerkt haben, daß man durch die Traumdeutung
    wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben einen Blick
    werfen kann.

    Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
    gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
    es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunsch-
    erfüllungen nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein
    Sinn, eine Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst
    auf die Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt,
    und auch hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das
    „häufig“ nicht richtiger durch „regelmäßig“ zu ersetzen ist. [E14]

    C

    Die somatischen Traumquellen

    Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für
    die Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Ab-
    sicht die Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach
    seiner Meinung die Träume herrühren, so merkt man zumeist,
    daß der Gefragte im gesicherten Besitz dieses Teiles der Lösung
    zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des Einflusses, den gestörte
    oder beschwerte Verdauung („Träume kommen aus dem Magen“),
    zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des Schlafens
    auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß
    nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung
    Bedürftiges noch erübrigt.

  • S.

    221


    Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur
    den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden
    Abschnitt (S. 23 ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns
    hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern
    brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen
    unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden
    objektiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Er-
    regungszustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern
    stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren
    bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische
    Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz
    auszuschalten (S. 44 f.). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche
    zugunsten dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben
    werden, haben wir erfahren, daß die Bedeutung der objektiven
    Sinnesorganerregungen – teils zufällige Reize während des
    Schlafes, teils solche, die sich auch vom schlafenden Seelenleben
    nicht ferne halten lassen – durch zahlreiche Beobachtungen
    sichergestellt wird und durch das Experiment eine Bestätigung
    erfährt (S. 27), daß die Rolle der subjektiven Sinneserregungen
    durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in den
    Träumen (S. 34) dargetan erscheint, und daß die im weitesten
    Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und
    Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer
    ganzen Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beein-
    flussung anlehnen kann, welche der Erregungszustand der
    Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt unserer
    Träume ausübt.

    „Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
    Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen
    Quellen des Traumes überhaupt.

    Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
    geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die
    Zulänglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.

  • S.

    222

    So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat
    sächlichen Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die ak
    zidentellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die
    im Trauminhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert, – so
    blieb doch keiner der Einsicht ferne, daß der reiche Vorstellungs
    inhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen
    allein nicht wohl zulasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre
    eigenen Träume und die einer zweiten Person durch sechs
    Wochen hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und
    nur 13·2 Prozent, respektive 6·7 Prozent, gefunden, in denen das
    Element äußerer Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur zwei
    Fälle der Sammlung ließen sich auf organische Empfindungen
    zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits
    eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte ver
    muten lassen.

    Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine
    gut erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen
    hervorzuheben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und
    Assoziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbe
    friedigend blieb, so lange es nicht gelang, das Band zwischen den
    somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes
    nachzuweisen.

    Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
    Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
    Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
    Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die
    Vertreter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig,
    erstens, warum der äußere Reiz im Traum nicht in seiner wirk
    lichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (ver
    gleiche die Weckerträume, S. 30), und zweitens, warum das Re
    sultat der Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen ver
    kannten Reiz so unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als
    Antwort auf diese Frage haben wir von Strümpell gehört, daß

  • S.

    223

    die Seele infolge ihrer Abwendung von der Außenwelt während
    des Schlafes nicht imstande ist, die richtige Deutung des ob-
    jektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, auf Grund
    der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen
    zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (S. 108):

    „Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
    des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
    komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht
    und von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus
    dem der Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise
    Empfindungsbilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt
    oder mit zugehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt
    gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl solcher
    Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck
    seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch
    hier, wie es der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut,
    daß die Seele im Schlaf die Nervenreizeindrücke deute. Das
    Resultat dieser Deutung ist der sogenannte Nervenreiz-
    traum,
    d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch bedingt sind, daß
    ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion seine
    psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“

    In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die
    Äußerung von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen
    jedenfalls zum größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch
    von solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist
    phantastische Illusionen, wahrscheinlich nur zum kleineren Teil
    reine, zu Halluzinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen.

    Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den Traumreizen,
    welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet Strümpell das
    treffliche Gleichnis (S. 84), es sei, wie „wenn die zehn Finger
    eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die Tasten des
    Instrumentes hinlaufen“. Der Traum erschiene so nicht als ein
    seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, sondern

  • S.

    224

    Als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychischer
    Symptomatologie äußert, weil der vom Reiz betroffene Apparat
    keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraus-
    setzung ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut,
    die Meynert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf
    dem einzelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben ver-
    suchte.

    So beliebt die Lehre von den somatischen Traumreizen ge-
    worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch
    leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische
    Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung
    durch Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher
    Deutungsversuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vor-
    stellungen seine Vertretung im Trauminhalt erreichen. [E 15] Die Lehre
    von Strümpell und Wundt ist aber unfähig, irgendein Motiv
    anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz
    und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt,
    also die „sonderbare Auswahl“ zu erklären, welche die Reize
    „oft genug bei ihrer produktiven Wirksamkeit treffen“. (Lipps,
    Grundthatsachen des Seelenlebens, S. 170.) Andere Einwendungen
    richten sich gegen die Grundvoraussetzung der ganzen Illusions-
    lehre, daß die Seele im Schlaf nicht in der Lage sei, die wirkliche
    Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte Physio-
    loge Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe sehr
    wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu
    deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem
    er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig er-
    scheinende Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während
    des Schlafes ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man
    durch den eigenen Namen weit sicherer geweckt wird als durch
    einen gleichgültigen Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die
    Seele auch im Schlafe zwischen den Sensationen unterscheidet
    (Abschnitt I, S. 57). Burdach folgert aus diesen Beobachtungen,

  • S.

    225

    daß während des Schlafzustandes nicht eine Unfähigkeit, die
    Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an Interesse für
    sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die Burdach 1830
    verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somatischen Reiz-
    theorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883 wieder. Die Seele
    erscheint uns demnach so wie der Schläfer in der Anekdote, der
    auf die Frage „Schläfst du?“ antwortet „nein“, nach der zweiten
    Anrede, „dann leih mir zehn Gulden“ aber sich hinter der Aus-
    rede verschanzt: „ich schlafe.“

    Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
    reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung
    zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt
    werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
    und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder
    Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir ver-
    schiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und
    dann beim Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder
    ein Arm gedrückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahl-
    reichsten Beispiele, daß verschiedenartige und kräftig erregende
    Empfindungs- und Bewegungsreize während des Schlafes wirkungs-
    los bleiben. Ich kann die Sensation während des Schlafes ver-
    spüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in der Regel
    mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in
    einem Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz
    erwachen, um ihn zu beseitigen. [E 16] Erst eine vierte mögliche
    Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum ver-
    anlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens
    ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte
    nicht geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außer-
    halb der somatischen Reizquellen läge.

    In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in
    der Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun
    andere Autoren – Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich

  • S.

    226

    anschloß – die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen
    Reizen die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu be-
    stimmen gesucht, also doch wieder das Wesen des Träumens ins
    Seelische und in eine psychische Aktivität verlegt. Scherner gab
    nicht nur eine poetisch nachempfundene, glühend belebte Schil-
    derung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich bei der
    Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu
    haben, nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen
    verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten
    Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit dahin, die
    Natur des Organes, von dem der Reiz ausgeht, und die Art
    dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine
    Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume,
    mittels dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände
    und Reizzustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild
    der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das
    Bild des hellen und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der
    menschliche Leib als Ganzes wird von der Traumphantasie als
    Haus vorgestellt, das einzelne Körperorgan durch einen Teil des
    Hauses. In den „Zahnreizträumen“ entspricht dem Mundorgan
    ein hochgewölbter Hausflur, und dem Hinabfall des Schlundes
    zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopfschmerztraum“ wird zur
    Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines
    Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen
    bedeckt ist“ (Volkelt, S. 39). „Diese Symbole werden vom Traum
    in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ verwendet; so
    findet die atmende Lunge in dem flammengefüllten Ofen mit
    seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
    Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
    nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am
    Schlusse des Traumes öfters das erregende Organ oder dessen
    Funktion unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem
    eigenen Leib des Träumers. So endet der „Zahnreiztraum“ ge-
    gen

  • S.

    227

    wöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem
    Munde zieht“ (S. 35). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie
    der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat.
    Sie erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert, das
    Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil
    beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung
    der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich die Alten be-
    dienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung geholt
    werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit be-
    schränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik
    bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen
    Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung
    scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz
    sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann;
    so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des
    Körpers als Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß
    erregen, daß hier wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz-
    und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der in
    Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie
    beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine
    Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.
    Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der
    Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
    Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie
    nach allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher
    als im Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht
    kontinuierlich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht
    von allen Organen. Will man sich diesem Einwand durch die
    Bedingung entziehen, es müßten vom Auge, Ohr, von den Zähnen,
    Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um die Traum-
    tätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese
    Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, was nur in einer ge-
    ringen Zahl von Fällen möglich ist. Wenn der Traum vom

  • S.

    228

    Fliegen eine Symbolisierung des Auf-
    und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
    müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger ge-
    träumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während
    dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall
    möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise
    besondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen
    viszeralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser
    Fall führt bereits über die Schernersche Theorie hinaus.

    Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt
    darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes
    aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und
    neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig,
    daß in den Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und
    Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traum häufig auf
    Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen aufrecht
    stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden kann usw. In
    Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende
    Farben zeigen, im Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume,
    kann man die Deutung als „Gesichtsreiztraum“ kaum abweisen,
    ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung in Träumen be-
    streiten, welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein Traum
    wie der von Scherner, daß zwei Reihen schöner blonder Knaben
    auf einer Brücke einander gegenüberstehen, sich gegenseitig an-
    greifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich
    der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn
    aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in
    dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der
    wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen
    bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen
    lassen es nicht zu, daß man die Schernersche Theorie als
    müßige Erfindung beiseite wirft, ohne nach ihrem guten Kern
    zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeintliche

  • S.

    229

    Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Auf
    klärung zu erbringen.

    Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von
    den somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes
    Argument geltend zu machen, welches sich aus unseren Traum-
    analysen ableitet. Wenn wir durch ein Verfahren, das andere
    Autoren auf ihr Material an Träumen nicht angewendet haben,
    erweisen konnten, daß der Traum einen ihm eigenen Wert als
    psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv seiner
    Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste
    Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traum-
    lehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernach-
    lässigt und dementsprechend den Traum als eine nutzlose und
    rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen
    läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was
    sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von
    Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur
    den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es er-
    übrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuch-
    liche Lehre von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unter-
    bringung innerhalb unserer Traumlehre zu verschaffen.

    Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den
    Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe,
    alle gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit
    zu verarbeiten (S. 179). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr
    eindrucksfähige Erlebnisse vom Vortage übriggeblieben sind, die
    aus ihnen sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt
    werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wert-
    volle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zu-
    sammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende Vor-
    stellungen zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint
    somit als Reaktion auf alles, was in der schlafenden Psyche gleich-
    zeitig als aktuell vorhanden ist. Soweit wir also das Traum-

  • S.

    230

    material bisher analysiert haben, erkannten wir es als eine Samm-
    lung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, denen wir (wegen
    der Bevorzugung des rezenten und des infantilen Materials) einen
    psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von Aktualität
    zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Verlegenheit
    vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Erinnerungs-
    aktualitäten neues Material an Sensationen während des Schlaf-
    zustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
    Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie
    werden mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um
    das Material für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während
    des Schlafes werden, um es anders zu sagen, in eine Wunsch-
    erfüllung verarbeitet, deren andere Bestandteile die uns bekannten
    psychischen Tagesreste sind. Diese Vereinigung muß nicht voll-
    zogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen körperliche Reize
    während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens möglich
    ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein Vorstellungs-
    material für den Trauminhalt zu finden, welches für beiderlei
    Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine Ver-
    tretung darstellt.

    Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
    psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
    eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch
    das aktuelle Material bestimmt wird.

    Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigen-
    tümlichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den
    Traum veränderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß
    ein Zusammenwirken individueller, physiologischer und zufälliger,
    in den jeweiligen Umständen gegebener Momente darüber ent-
    scheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von intensiverer
    objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die
    habituelle akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der In-
    tensität des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz

  • S.

    231

    so zu unterdrücken, daß er im Schlaf nicht stört, ein anderes
    Mal dazu nötigen aufzuwachen, oder den Versuch unterstützen,
    den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden. Der
    Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend, werden äußere
    objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener im Traum
    zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich
    ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte,
    mich durch keinen Anlaß im Schlaf stören zu lassen, ist die
    Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr
    selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht
    zum Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen
    Traum aufgezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reiz-
    quelle zu erkennen ist, und gerade in diesem Traum wird es
    sehr lehrreich werden nachzusehen, welchen Traumerfolg der
    äußere Reiz gehabt hat.

    Ich reite auf einem grauen Pferd, zuerst zaghaft und un-
    geschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich einem
    Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an
    etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht sitze). Nun finde
    ich mich auf dem höchst intelligenten Roß immer mehr zurecht,
    sitze bequem und merke, daß ich oben ganz heimisch bin. Als
    Sattel habe ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals
    und Kruppe des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp
    zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine
    Strecke weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu-
    nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront
    liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab;
    das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein
    hingehen lassen, ziehe es aber vor, es bis dahin zu führen. Es
    ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter anzukommen.
    Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt,
    der von mir gefunden wurde, und mich darum verspottet. Auf
    dem Zettel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dann

  • S.

    232

    ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine
    dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der ich
    nichts arbeite.

    Dem Traum wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter
    dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes
    entstanden ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten,
    die mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein
    Furunkel an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße heran-
    gewachsen, hatte mir bei jedem Schritt die unerträglichsten
    Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die
    trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten sich mit
    den Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war
    nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen,
    aber bei der Art und bei dem Sitz des Übels ließ sich an eine
    andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so untauglich
    gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das Reiten.
    Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es ist
    die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zugäng-
    lich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
    nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferd gesessen
    und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in
    diesem Traum reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm
    hätte, nein gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel
    ist der Beschreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Ein-
    schlafen ermöglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die
    ersten Stunden des Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem
    Leiden verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfin-
    dungen und wollten mich aufwecken, da kam der Traum und
    sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, du wirst doch nicht
    aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn du reitest ja
    auf einem Pferd, und mit einem Furunkel an der Stelle kann
    man doch nicht reiten!“ Und es gelang ihm so; der Schmerz
    wurde übertäubt, und ich schlief weiter.

  • S.

    233

    Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
    hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen
    Vorstellung, den Furunkel „abzusuggerieren“, wobei er sich be-
    nommen wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr
    Kind verloren hat,1) oder des Kaufmannes, den Verluste um sein
    Vermögen gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleug-
    neten Sensation und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes
    dienen ihm auch als Material, um das, was sonst in der Seele
    aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes anzuknüpfen und
    zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein graues Pferd, die Farbe
    des Pferdes entspricht genau dem pfeffer- und salzfarbigen
    Dreß, in dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande be-
    gegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung ist mir als die Ursache
    der Furunkulose vorgehalten worden, immerhin als Ätiologie dem
    Zucker vorzuziehen, an den man bei Furunkulose denken kann.
    Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs hohe Roß zu setzen,
    seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit der ich große
    Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im Traum auf dem Pferd
    zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich aber wirklich,
    wie das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat,
    wohin sie wollte. So kommt das Roß zur symbolischen Bedeu-
    tung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent).
    „Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die Stellung,
    die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. ersetzt wurde.
    „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel“, hat
    mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen
    Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem ge-
    sagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht
    bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich
    weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine be-

    1)Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem zweiten
    Aufsatz über die Abwehr-Neuropsychosen, Neurologisches Zentralblatt 1896. [Ges.
    Schriften, Bd. I.]

  • S.

    ¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿

  • S.

    235

    lose Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so un-
    verhüllt äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen
    Thun konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell
    gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten aber auch
    stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung
    gebracht wird. Und wenn, wie in dem von Garnier berichteten
    Falle, der Erste Konsul das Geräusch der explodierenden Höllen-
    maschine in einen Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht,
    so offenbart sich darin ganz besonders klar das Bestreben, in
    dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um die Sensa-
    tionen während des Schlafes kümmert. [E 18]
    Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens
    ein ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des lang-
    schläfrigen Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau ge-
    weckt, er müsse ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und
    dann mit der Motivierung weiterschläft: Wenn ich schon im
    Spital bin, brauche ich ja nicht aufzustehen, um hinzugehen.
    Der letztere ist ein offenbarer Bequemlichkeitstraum, der Schläfer
    gesteht sich das Motiv seines Träumens unverhohlen ein, deckt
    aber damit eines der Geheimnisse des Träumens überhaupt auf.
    In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequemlichkeits-
    träume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, anstatt
    zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
    nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente
    werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre
    Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können
    wir hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder
    überhaupt nicht um die Anlässe zu Sensationen während des
    Schlafens, wenn sie dies gegen die Intensität und die von ihr wohl-
    verstandene Bedeutung dieser Reize vermag; oder sie verwendet
    den Traum dazu, diese Reize in Abrede zu stellen, oder drittens,
    wenn sie dieselben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung
    derselben auf, welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand

  • S.

    236

    einer gewünschten und mit dem Schlafen verträglichen Situation
    hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen Traum verflochten,
    um ihr die Realität zu rauben. Napoleon darf weiter schlafen;
    es ist ja nur eine Traumerinnerung an den Kanonendonner von
    Arcole, was ihn stören will.1)

    Der Wunsch zu schlafen [E 19] muß so als Motiv der
    Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder
    gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser
    allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf-
    wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald
    der, bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird
    Gegenstand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlaf-
    wunsch haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die
    Lücke in der Strümpell-
    Wundtschen Theorie auszufüllen, die
    Schiefheit und Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren
    Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung, deren die
    schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse
    in Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlaf ein Ende zu
    machen; es werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen
    nur solche zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur
    des Schlafwunsches vereinbart sind. Etwa: Die Nachtigall ist’s und
    nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche ist, so hat die Liebes-
    nacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zulässigen Deutungen
    des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die beste Ver-
    knüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschregungen er-
    werben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der
    Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern –
    wenn man so will – Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei
    dem Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur,
    ein Akt der Beugung des normalen psychischen Vorganges zu-
    zugeben.


    1)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn kenne,
    nicht übereinstimmend erzählt.

  • S.

    237

    Wenn die äußeren Nerven-
    genug sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen
    sie – falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg
    ist – einen festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern
    im Traummaterial, zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung
    in ähnlicher Weise gesucht wird, wie (siehe oben) die vermit-
    telnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen Traumreizen.
    Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in
    ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In
    diesem extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein
    gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber
    nicht anders als einen Wunsch in einer Situation als erfüllt dar-
    stellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe gestellt zu suchen,
    welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation als erfüllt dar-
    gestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von schmerzlichem
    oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur Traum-
    bildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
    Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Wider-
    spruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein
    zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende
    Zensur erklärlich wird.

    Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
    Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Er-
    füllung das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa
    historisch gemeint, daß es solche Wünsche gegeben und diese
    dann vernichtet worden sind; sondern die Lehre von der Ver-
    drängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf, behauptet,
    daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber
    eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das
    Richtige, wenn sie vom „Unterdrücken“ solcher Impulse redet.
    Die psychische Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche
    zur Realisierung durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig.
    Ereignet es sich aber, daß solch ein unterdrückter Wunsch doch

  • S.

    238

    vollzogen wird, so äußert sich die überwundene Hemmung des
    zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems als Unlust. Um nun diese
    Erörterung zu schließen: wenn Sensationen mit Unlustcharakter
    im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden sind, so wird diese
    Konstellation von der Traumarbeit benützt, um die Erfüllung eines
    sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder weniger Bei-
    behalt der Zensur – darzustellen.

    Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
    während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
    Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die
    Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische
    sein, aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst
    verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze
    Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir
    stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des
    Traumes scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angst-
    empfindung somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herz-
    kranken bei zufälliger Atembehinderung), und dann wird sie dazu
    benützt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung
    als Traum zu verhelfen, deren Träume aus psychischen Motiven
    die gleiche Angstentbindung zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht
    schwer, die beiden scheinbar gesonderten Fälle zu vereinigen. Von
    zwei psychischen Bildungen, einer Affektneigung und einem Vor-
    stellungs-
    inhalt, die innig zusammen gehören, hebt die eine, die
    aktuell gegeben ist, auch im Traum die andere; bald die somatisch
    gegebene Angst den unterdrückten Vorstellungsinhalt, bald der aus
    der Verdrängung befreite, mit sexueller Erregung einhergehende Vor-
    stellungs-
    inhalt, die Angstentbindung. Von dem einen Fall kann
    man sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch gedeutet
    wird; im anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der unter-
    drückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst
    passende somatische Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier
    für das Verständnis ergeben, haben mit dem Traum nur wenig

  • S.

    239


    zu tun; sie rühren daher, daß wir mit diesen Erörterungen die
    Probleme der Angstentwicklung und der Verdrängung streifen.
    Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib-
    lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung.
    Nicht daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt
    den Traumgedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches
    zur Darstellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen
    Teil dieses Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den
    anderen ferne hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung
    vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen psychischen
    Resten verknüpft. [E 20]

    Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes –
    die Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität
    sind, so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung
    eine ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indiffe-
    renten Eindrücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur
    Traumbildung herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit
    dem Vorstellungsinhalt der psychischen Traumquellen eignen, im
    anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit
    bereitliegendes Material behandelt, welches zur Verwendung
    kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares
    Material die Art seiner Verwendung selbst mit vorschreibt. Der
    Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler
    einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunst-
    werk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine Farbe und Fleckung
    helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder welche Szene in ihm
    dargestellt werden soll, während bei gleichmäßigem und reich-
    lichem Material von Marmor oder Sandstein der Künstler allein
    der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinn gestaltet. Auf diese
    Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener
    Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten
    Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in
    allen Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint. [E 21]

  • S.

    240

    Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
    zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages
    mühte ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von
    Gehemmtsein, nicht von der Stelle können, nicht fertig werden
    u. dgl., die so häufig geträumt wird und die der Angst so nahe
    verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht darauf hatte ich
    folgenden Traum: Ich gehe in sehr unvollständiger Toilette aus
    einer Wohnung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stock-
    werk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich,
    daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß
    ein Dienstmädchen die Treppen herab- und also mir entgegen-
    kommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes
    Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und komme nicht von
    der Stelle.

    Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen Wirk-
    lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei
    Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind.
    Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und
    mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn
    ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe
    ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem
    Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas deran-
    gierter Toilette gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und
    Manschetten abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber,
    wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit ge-
    worden. Das Überspringen von Stufen ist meine gewöhnliche
    Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traum an-
    erkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser
    Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit ge-
    tröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer
    Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes.
    Sie zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — daß der
    Traum keine Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller

  • S.

    241

    Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen
    im Traum!

    Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines
    Hauses; ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegen-
    kommende Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf.
    Diese Person ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich
    täglich zweimal besuche, um ihr Injektionen zu machen; die
    Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich zweimal im Tage
    dort zu ersteigen habe.

    Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in
    meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet
    ist, hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen,
    von dem ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs
    anreizend. Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als
    das Folgende: Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch
    mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von Räuspern be-
    fallen; das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In
    diesen beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf,
    und ich vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe
    nicht auf meine Kosten erfolgen darf, sondern durch die An-
    bringung eines Spucknapfes ermöglicht werden soll. Die Haus-
    meisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische Person, aber von
    reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen bereit bin, nimmt
    in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt ein. Sie lauert
    mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit erlauben werde,
    und wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie vernehmlich
    brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte
    Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes
    bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
    das Dienstmädchen. Ich hatte eilig, wie immer, meinen Besuch bei
    der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer
    stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten
    sich heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer

  • S.

    242

    kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von
    Ihren Füßen.“ Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und
    Dienstmädchen geltend machen können, um in meinem Traum
    zu erscheinen.

    Zwischen meinem Über-die-Treppe-fliegen und dem Auf-der-
    Treppe-spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
    wie Herz-
    beschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des
    Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
    Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem
    einen Haus so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu
    einem Gebilde verschmilzt.

    Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis
    ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll-
    ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er-
    gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge-
    hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein ge-
    wisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner
    Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Traumin-
    haltes sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung
    dieser Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.

    D

    Typische Träume

    Wir sind im allgemeinen nicht imstande, den Traum eines
    anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum-
    inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und da-
    durch wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der
    Traumdeutung schwer beeinträchtigt. [E 22] Nun gibt es aber, so recht
    im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des Einzelnen, sich seine
    Traum-
    welt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch
    dem Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine ge-
    wisse Anzahl von Träumen, die fast jeder-
    mann in derselben

  • S.

    243

    Weise geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind,
    daß sie auch bei jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein be-
    sonderes Interesse wendet sich diesen typischen Träumen auch
    darum zu, weil sie vermutlich bei allen Menschen aus den gleichen
    Quellen stammen, also besonders gut geeignet scheinen, uns über
    die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.

    In der Behandlung dieser typischen Träume finde ich mich
    durch den zufälligen Umstand behindert, daß nicht genug der-
    selben für meine Erfahrung zugänglich geworden sind. Ich werde
    also nur Muster dieser Gattung eingehender würdigen und wähle
    hiefür den sogenannten Verlegenheitstraum der Nacktheit und
    den Traum vom Tod teurer Verwandter. [E 23]

    Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen-
    wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe
    sich dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt
    aber dem Nacktheitstraum nur dann, wenn man in ihm Scham
    und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder sich verbergen will
    und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß man
    nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die
    peinliche Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist
    der Traum typisch; der Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei
    andere Verknüpfungen einbezogen werden oder mit individuellen
    Zutaten versetzt sein. Es handelt sich im wesentlichen um die
    peinliche Empfindung von der Natur der Scham, daß man seine
    Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte und es
    nicht zustande bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner Leser
    werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden haben.

    Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
    deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemd, aber dies
    ist selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbe-
    stimmt, daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wieder-
    gegeben wird: „Ich war im Hemd oder im Unterrock.“ In der
    Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazu-
     

  • S.

    244

    gehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock
    des Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch
    eine vorschriftswidrige Adjustierung. „Ich bin ohne Säbel auf der
    Straße und sehe Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde,
    oder trage eine karrierte Zivilhose u. dgl.“
    Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
    mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich
    im typischen Traum, daß man wegen der Kleidung, die einem
    selbst solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur be-
    merkt wird. Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige,
    oder wie ich es in einem besonders klaren Traum wahrnehmen
    konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.
    Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit
    der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im
    Traume häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden
    würde doch nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen
    und verlachen, oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber,
    dieser anstößige Zug ist durch die Wunscherfüllung beseitigt
    worden, während der andere, durch irgendwelche Macht ge-
    halten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke dann
    schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür,
    daß der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell ent-
    stellten Form das richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist
    nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, welches uns
    allen in der Andersen-
    schen Fassung („Des Kaisers neue Kleider“)
    bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talis-
    man“ poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im Ander-
    senschen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt, die für den
    Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten
    und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht in diesem un-
    sichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige
    Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob sie die
    Nacktheit des Kaisers nicht merken.

  • S.

    245

    Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl
    nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, daß der unverständliche
    Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung
    zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
    sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
    beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber
    wir werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes
    durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen
    Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige
    Traumgestaltung anzuerkennen ist; ferner, daß bei der Bildung
    von Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse –
    gleichfalls innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit –
    eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum
    angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen wird.
    Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und
    die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle Kenntnis davon,
    daß es sich im latenten Trauminhalt um unerlaubte, der Ver-
    drängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in
    welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern
    auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume
    eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zugrunde liegt. Nur
    in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter
    Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflege-
    personen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir
    haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt.1) An vielen
    Kindern noch in späteren Jahren kann man beobachten, daß ihre
    Entwicklung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham
    zu leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib,
    die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das
    ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig
    Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren

    1)Das Kind tritt aber auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines
    Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“

  • S.

    246

    Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen
    Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu
    Ehren, sein Hemdchen hoch hebt. Einer meiner Patienten hat
    in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten
    Lebensjahr bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafen-
    gehen im Hemd zu seiner kleinen Schwester im nächsten
    Zimmer hinaustan-
    zen will, und wie die dienende Person es ihm
    verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die
    Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große
    Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden
    beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter
    den pervers Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile
    Impuls zum Symptome erhoben worden ist, die der Exhibitio-
    nisten.

    Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück-
    schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
    anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen.
    Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen
    sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die
    Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das
    Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies
    kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir haben
    bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus
    der ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum
    vollendeten dritten Jahr) an und für sich, vielleicht ohne daß es
    auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion verlangen,
    daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheits-
    träume sind also Exhibitionsträume. [E24]

    Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt,
    die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart
    gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die
    Überlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der
    Zensur zu Liebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Per-

  • S.

    247

    sonen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß
    die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im
    Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine
    einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen,
    denen unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen
    Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und der Zwangs-
    neurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt die Zuschauer wieder
    ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit
    fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für
    sie einsetzt, „viele fremde Leute“, die sich nicht um das gebotene
    Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener
    einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot.
    „Viele fremde Leute“ finden sich in Träumen übrigens auch
    häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten
    immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“. [E 25] Man merkt,
    wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der
    Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man
    ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß beobachtet, aber
    die Beobachter sind „viele, fremde, merkwürdig unbestimmt ge-
    lassene Leute“.

    Außerdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur
    Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion
    des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver-
    worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung
    gelangt ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder
    belebt werden dürfen.

    Von der Empfindung des Geheimtseins werden wir später
    nochmals handeln. Sie dient im Traum vortrefflich dazu, den
    Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten
    Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der
    Zensur unterbrochen werden.

    Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
    und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch

  • S.

    248

    zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Um-
    wandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, ana-
    lytisch erkannt und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also
    die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht
    mich auf folgende Stelle aus Gottfried Kellers „Grünem Hein-
    rich“ aufmerksam: „Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß
    Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des
    Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa
    und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
    lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten wir das Bei-
    spiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und
    allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und
    Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und
    Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des
    Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern;
    Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
    holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da ent-
    decken Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt
    umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen
    sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße-
    gebadet. Dies ist, so lange es Menschen gibt, der Traum des
    kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer
    jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit-
    herausgenommen.“

    Das tiefste und ewige Wesen der Menschheit, auf dessen Er-
    weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das
    sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prä-
    historisch gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußt-
    seinsfähigen und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen
    im Traum die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinder-
    wünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die
    Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angst-
    traum um.

  • S.

    249

    Mein eigener auf S. 240 erwähnter Traum von dem Eilen
    über die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-
    kleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die
    wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich
    also auf Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis
    derselben müßte einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das
    Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich
    den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft,
    die sie im Traum einnimmt. Ich kann die gewünschten Auf-
    klärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt
    man die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang
    umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend zusammenhanglos,
    unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer Einheit, die zu
    erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander
    hinschreibe, als eine Silbe: ab ausgesprochen werden sollen. Ähnlich
    mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum
    von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, deren
    andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von
    ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang
    gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die
    Erinnerung an eine Kinderfrau zugrunde, die mich von irgend-
    einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von zweieinhalb
    Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung
    im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich
    unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und
    häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die
    ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer
    die liebvollste Behandlung angedeihen und mich harte Worte
    hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein
    genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst-
    mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt
    sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen
    Alten im Traum behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen,

  • S.

    250

    daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung,
    seine Liebe geschenkt hat.1)

    Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
    dürfen, sind die mit dem Inhalt, daß ein teurer Verwandter,
    Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß
    sofort von diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen,
    bei welchen man im Traum von Trauer unberührt bleibt, so daß
    man sich nach dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert,
    die anderen, bei denen man tiefen Schmerz über den Todesfall
    empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen während des Schlafes
    äußert.

    Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir beiseite lassen; sie
    haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
    analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent-
    halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgendeinen anderen Wunsch
    zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn
    ihrer Schwester aufgebahrt vor sich sieht. (S. 155.) Das bedeutet
    nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern ver-
    birgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse
    geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe,
    die sie früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche
    eines anderen Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher
    der eigentliche Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur
    Trauer, und darum wird auch im Traum keine Trauer verspürt.
    Man merkt es hier, daß die im Traum enthaltene Empfindung
    nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern zum latenten,
    daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei ge-
    blieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.

    Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
    wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt
    wird.


    1)Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, da
    „Spuken“ eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit d’escalier“.
    Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich
    vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertigkeit“ hat fehlen lassen?

  • S.

    251

    wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die
    betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf,
    daß sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches
    geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß
    ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.

    Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen
    konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt
    darstellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch
    verflossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein,
    denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traum doch
    eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot
    wie die Verstorbenen nach unserem Begriff, sondern wie die
    Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu
    einem gewissen Leben erwachen. In jenem Traum vom toten
    Kind in der Schachtel (S. 158) handelte es sich um einen
    Wunsch, der vor fünfzehn Jahren aktuell war und von damals
    her unumwunden eingestanden wurde. Es ist vielleicht für die
    Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich hinzufüge, daß
    selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten Kind-
    heit zugrunde liegt. Die Träumerin hatte als kleines Kind –
    wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter
    in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere
    Verstimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe
    sehnsüchst den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid
    geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.

    Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein
    Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben,
    so werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden,
    daß er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes
    fordert nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen –
    irgendeinmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe.
    Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Be-
    ruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso

  • S.

    252

    energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben,
    wie sie sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche
    zu hegen. Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinder-
    seelenleben nach den Zeugnissen, die noch die Gegenwart auf-
    weist, wieder herstellen. [E 26]

    Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern
    ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein
    liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft
    unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich drängen,
    und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre noch
    aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch
    sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich
    hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum
    unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat
    das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen be-
    raubt; das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das
    ältere verzehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten
    Regungen von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich
    gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder
    vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden.
    Es ist nicht schwer zu sehen, daß auch der Charakter des braven
    Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden
    wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine
    Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung,
    insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in
    erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber
    darum nicht „schlecht“, wir heißen es „schlimm“; es ist unver-
    antwortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor
    dem Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten,
    daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zu-
    rechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen
    und die Moral erwachen werden, daß, mit Meynert zu reden,
    ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen wird.

  • S.

    253

    Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der ganzen
    Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den
    einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die Entwicklung dieser
    Moralität ausbleibt, sprechen wir gerne von „Degeneration“; es
    handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der
    primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits über
    lagert ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens
    partiell wieder freigelegt werden. Die Übereinstimmung des soge-
    nannten hysterischen Charakters mit dem eines schlimmen Kindes
    ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht einer
    Übermoralität, als verstärkende Belastung dem sich wieder regenden
    primären Charakter auferlegt.

    Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
    durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher
    her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche
    sich in Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders
    interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber
    in ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten.
    Das Kind war bisher das einzige; nun wird ihm angekündigt,
    daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert
    den Ankömmling und äußert dann entschieden: „Der Storch soll
    es wieder mitnehmen.“ [E 27] Ich bekenne mich in allem Ernst zur
    Meinung, daß das Kind abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung
    es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahe-
    stehenden Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren
    Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht von
    deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: „Aber meine
    rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben.“ Sollte das Kind
    erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit
    in diesem Zeitpunkt erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein
    nicht dreijähriges Mädchen den Säugling in der Wiege zu er-
    würgen versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit ihr nichts
    Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit in

  • S.

    254

    aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine Geschwisterchen
    ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat wieder alle
    Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues
    vom Storch geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling
    den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge
    dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so
    gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit? [E 28] Natürlich ist
    dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in nor-
    malen Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes.
    Bei einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren
    Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose
    Neugeborene regen.

    Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
    im Kindesalter noch weit häufiger sein als sie der stumpfen Be-
    obachtung Erwachsener auffallen. [E 29]

    Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
    ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole
    sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft
    nach fünfzehn Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin
    gestört wurde. Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr
    ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt
    und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor
    seinem vollendeten zweiten Jahr seine Sprachfähigkeit dazu benützt,
    um Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person
    zu üben. So oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins
    Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten
    Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung
    dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung,
    daß sie so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen.
    Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
    Zähne. [E 30] Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester
    haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechs-
    jährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be-

  • S.

    255

    stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?“
    Lucie war die um zweieinhalb Jahre jüngere Konkurrentin.

    Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom
    Tod der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen
    vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine
    Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame
    während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei
    dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen
    schien, antwortete sie zu meinem Erstaunen, sie habe solche
    Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der
    angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit
    vier Jahren zuerst, als damals Jüngste, und dann wiederholt ge-
    träumt hatte. „Eine Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern,
    Cousins und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich
    bekamen sie Flügel, flogen auf und waren weg.“ Von der Be-
    deutung dieses Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns
    nicht schwer fallen, einen Traum vom Tod aller Geschwister in
    seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form
    darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzu-
    schieben. Bei dem Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder
    zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Ge-
    meinschaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige
    Träumerin eine weise erwachsene Person gefragt haben: was
    wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort
    wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden
    Engerln. Im Traum nach dieser Aufklärung haben nun die
    Geschwister alle Flügel wie die Engel und – was die Haupt-
    sache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt
    allein, man denke, das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich
    die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegfliegen,
    deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe
    Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten
    bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.

  • S.

    256

    Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der
    Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie
    käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem
    Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen den Tod zu wünschen,
    als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien?
    Wer so spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes
    vom „Totsein“ mit der unsrigen das Wort und dann nur noch
    wenig anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von den
    Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom
    Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle
    Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht
    verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt
    es mit dem gräßlichen Wort und droht einem anderen Kind:
    „Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz
    gestorben ist“, wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft,
    die vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte
    der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der
    Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem
    Gang durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner
    Mutter sagen: „Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal
    stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer
    auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!“ So wenig gleicht
    die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen. [E 31]
    Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die
    Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel
    als „fort sein“, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unter-
    scheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zustande kommt,
    ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. [E 32] Wenn in den prä-
    historischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt
    worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so
    liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse auf-
    deckt, beide Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das
    Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat manche

  • S.

    257

    Mutter zu ihrem Schmerz erfahren, wenn sie nach mehrwöchent-
    licher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre Er-
    kundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
    Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes
    „unentdeckte Land“ verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer
    wiederkehrt“, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu
    haben und erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu
    erinnern.

    Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
    Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen
    Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die
    psychische Reaktion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz
    aller Verschiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch
    irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des
    Erwachsenen.

    Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
    erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der es die Geschwister
    als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch
    gegen die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von
    Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es
    gerade aus egoistischen Motiven wünschen sollte?

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß
    die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil
    des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt,
    daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom
    Tode der Mutter träumt. Ich kann dies nicht als regelmäßig hin-
    stellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so
    deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von all-
    gemeiner Bedeutung fordert. [ E 33 ] Es verhält sich – grob ausge-
    sprochen – so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig geltend
    machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der
    Mutter den Mitbewerber in der Liebe erblickte, durch dessen
    Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.

    Freud, II.

  • S.

    258

    Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
    man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und
    Kindern ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kultur-
    forderung der Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die
    tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung-
    zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur
    Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das Zustandekommen-
    von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im
    reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der
    Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit,-
    die wir den Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft
    unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir ge-
    trauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der größere Teil der
    Menschheit sich über die Befolgung des vierten Gebotes hinaus-
    setzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten der mensch-
    lichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor anderen
    Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in Mytho-
    logie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf
    uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und
    von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine un-
    erfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie
    der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus entmannt den
    Vater [E 34] und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je unum-
    schränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr
    muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes-
    gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch
    den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in
    unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Ver-
    weigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel
    an den Sohn dem natürlichen Keim zur Feindschaft, der in dem
    Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt
    oft genug in die Lage zu bemerken, daß der Schmerz über den
    Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich-

  • S.

    259

    erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest der in
    unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris
    familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder
    Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten
    Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner
    Fabeln rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und
    Mutter ergeben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der
    Mutter die Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit
    begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter ge-
    mahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen An-
    sprüchen zu entsagen.

    Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns
    Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume
    vom Tod der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden,
    denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares ge-
    worden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen
    darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern
    aus der frühesten Kindheit ableiten wird.

    Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich
    diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen
    vorgenommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig
    die sexuellen Wünsche des Kindes erwachen, – soweit sie im
    keimenden Zustande diesen Namen verdienen – und daß die
    erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen
    Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit
    für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden
    Mitbewerber, und wie wenig für das Kind dazugehört, damit diese
    Empfindung zum Todeswunsch führe, haben wir bereits für den
    Fall der Geschwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich
    in der Regel bereits bei den Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt
    dafür, daß der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die Frau den
    Söhnen die Stange hält, während beide, wo der Zauber des
    Geschlechts ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die Er-

  • S.

    260

    ziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung
    sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf,
    der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden
    ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses,
    sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem
    Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen
    Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende
    Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen
    Sinne wie diese trifft.

    Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
    pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch
    nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen
    meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter
    vom Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu
    proklamieren. „Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst du noch
    Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich“ usw. Ein besonderes be-
    gabtes und lebhaftes Mädchen von vier Jahren, an der dies Stück
    Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt
    kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich
    heiraten, und ich will seine Frau sein.“ Im Kinderleben schließt
    dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine
    Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter
    schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen
    Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm
    weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm
    gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit er
    seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und
    ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn
    der Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt:
    „Tote“ Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend,
    kommen nie wieder.

    Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor-
    geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings

  • S.

    261

    nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachse-
    ner Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffen-
    den Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung
    als Wunschträume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages
    eine Dame betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Ver-
    wandten nicht mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen.
    Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich an einen Traum
    erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn
    mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: Ein Luchs
    oder Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas her-
    unter oder sie fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot
    aus dem Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum
    mitgeteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit be-
    deuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes
    wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so
    liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklä-
    ren. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines
    Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist,
    als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dach auf
    den Kopf gefallen, so daß sie heftig blutete.

    Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
    schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren.
    In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit be-
    gann, zeigte die Kranke eine ganz besondere Abnei-
    gung gegen ihre Mutter, schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette
    näherte, während sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu
    derselben Zeit liebevoll und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer,-
    aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem Schlaf; in
    dieser Phase begann ich die Behandlung und analysierte ihre
    Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder ver-
    hüllt vom Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbe-
    gängnis einer alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre Schwester
    in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn dieser

  • S.

    262

    Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fortschreitender Besserung
    traten hysterische Phobien auf; die quälendste darunter war, daß
    der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer sich befand,
    mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, daß
    die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit
    meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleich-
    sam mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des
    psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der
    Verworrenheit, die ich als Überwältigung der zweiten psychi-
    schen Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde
    die unbewußte Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig;
    als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt,
    die Herrschaft der Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser
    Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um den
    Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als das Normale sich
    noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatz-
    reaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die
    Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr unerklär-
    lich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren
    Müttern hängen.

    Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
    bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch
    Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen
    konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an
    ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage damit, die Be-
    weisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die Anklage
    wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn
    erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein
    ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die –
    übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als die Begrün-
    dung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen
    seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre
    alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natür-
    lich

  • S.

    263

    lich aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qual-
    vollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebens-
    jahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf
    Fremde übertrug. Wer imstande war, seinen eigenen Vater von
    einem Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist aller-
    dings zuzutrauen, daß er auch das Leben ferner Stehender nicht
    schone; der tut darum recht daran, sich in seine Zimmer einzu-
    schließen.

    Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
    im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Haupt-
    rolle, und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den andern
    Teil des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener
    Zeit gebildeten und für die Symptomatik der späteren Neurose
    so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube
    aber nicht, daß die Psychoneurotiker sich hierin von anderen
    normal verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie
    absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen vermögen.
    Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche
    Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie auch
    mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre
    Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was
    minder deutlich und weniger intensiv in der Seele der meisten
    Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unterstützung dieser
    Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durchgreifende und
    allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemein-
    gültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinderpsycho-
    logie verständlich wird.

    Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige
    Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs von
    Theben, und der Jokaste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein
    Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn
    werde sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königs-
    sohn an einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher,

  • S.

    264

    selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat
    zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl
    seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner ver-
    meintlichen Heimat weg trifft er mit König Laios zusammen und
    erschlägt ihn in rasch entbranntem Streit. Dann kommt er vor
    Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst
    und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt
    und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in
    Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten Mutter
    zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, welche
    eine neuerliche Befragung des Orakels von seiten der Thebaner
    veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die Boten
    bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder
    des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?

    „Wo findet sich
        die schwer erkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“

    (Übersetzung von Donner, V. 109.)

    Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als
    in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Ent-
    hüllung – der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar – daß
    Ödipus selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des
    Ermordeten und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich ver-
    übten Greuel erschüttert, blendet sich Ödipus und verläßt die
    Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt.

    „König Ödipus“ ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre
        tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über-
        mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der
        vom Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den
        Willen der Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der
        tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig
        haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wir-
        kung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit einer

  • S.

    265

    selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben un-
    gerührt zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen
    ein Fluch oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren
    Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.

    Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder
    zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann
    die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechi-
    schen Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und
    Menschenwillen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu
    suchen ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß
    eine Stimme in unserem Innern geben, welche die zwingende
    Gewalt des Schicksals im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während
    wir Verfügungen wie in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksals-
    tragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches
    Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs Ödipus ent-
    halten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unsrige
    hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben
    Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war
    es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten
    Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere
    Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios
    erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die
    Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es
    uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind,
    gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzu-
    lösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der
    Person, an welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt
    hat, schaudern wir zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung,
    welche diese Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben.
    Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Ödipus
    ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Innern,
    in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch immer vor-
    handen sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor verläßt,

  • S.

    266

    „sehet, das ist Ödipus,
    der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
    dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
    Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!“

    Diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit
    den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in
    unserer Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der
    die Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufge-
    nötigt hat, und nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle
    den Blick abwenden von den Szenen unserer Kindheit. [E 35]

    Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoff entsprossen
    ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den
    Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalte
    hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie
    selbst ein nicht mißzuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den
    noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakel-
    sprüche besorgt gemachten Ödipus durch die Erwähnung eines
    Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er, meint
    sie, etwas bedeute:

    „Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
    Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
    Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“ (V, 955 ff.)

    Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso
    wie damals auch heute vielen Menschen zuteil, die ihn empört
    und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel
    der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des
    Vaters. Die Ödipus-Fabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese
    beiden typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen
    mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck
    und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere
    Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären
    Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden
    Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der

  • S.

    267

    Exhibition, S. 246.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der
    menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an
    diesem Material wie an jedem andern mißlingen.1)

    Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten
    nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie
    des Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese
    Träume zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht,
    daß der durch den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke
    jeder Zensur entgeht und unverändert in den Traum übertritt.

    Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches Schicksal er-
    möglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in
    folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von
    dem wir uns ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte
    „uns auch im Traume nicht einfallen“, und darum ist die Traum-
    zensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa

    1)Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere der großen
    tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet“ Shakespeares. Aber in der ver-
    änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied
    im Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Kulturperioden, das säkulare
    Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im „Ödipus“ wird
    die zugrunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum ans Licht gezogen
    und realisiert; im „Hamlet“ bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer
    Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr
    ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des modernen
    Dramas hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den
    Charakter des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die
    Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches
    die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die viel-
    fältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute
    noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus
    des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung
    der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blässe angekränkelt“).
    Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich
    der Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des
    Stückes lehrt, daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des
    Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das
    einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete
    niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit der vollen
    Unbedenklichkeit des Renaissanceprinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zuge-
    dachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der
    Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es

  • S.

    268

    wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für den Vatermord
    aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem verdrängten und
    nicht geahnten Wunsch gerade hier besonders häufig ein Tages-
    rest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren
    Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein-
    tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient;
    der Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen
    Sorge maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zu-
    geht, daß man eben bei Nacht und im Traum nur fortsetzt, was
    man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die Träume vom
    Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang mit der
    Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel
    überflüssigerweise fest.

    Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
    Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer


    die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an
    dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle
    eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder-
    wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt sich so bei
    ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissenskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich
    verstanden, selbst nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe
    dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß;
    wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als Folgerung
    aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die
    Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneigung, die
    von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen
    sollte, bis zu ihren Gipfeläußerungen im „Timon von Athen.“ Es kann natürlich
    nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet entgegen-
    tritt; ich entnehme dem Werk von Georg Brandes über Shakespeare (1896) die
    Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (1601),
    also in der frischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen,
    der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt
    ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen Hamnet (identisch
    mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu den Eltern behandelt,
    so ruht der in der Zeit nahestehende „Macbeth“ auf dem Thema der Kinder-
    losigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Über-
    deutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch
    jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anre-
    gung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine Deutung
    zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Begungen in der
    Seele des schaffenden Dichters versucht. [E 36]

  • S.

    269

    Personen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf
    dem er sich der Zensur – und der durch sie bedingten Ent-
    stellung – entziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung
    ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt
    werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zustande, wenn die
    Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits er-
    leichtert es die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle
    Sensation aus somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird
    so handgreiflich, in welcher Tendenz die Zensur ihres Amtes
    waltet, die Traumentstellung ausübt; es geschieht, um die Ent-
    wicklung von Angst oder anderen Formen peinlichen
    Affekts zu verhüten.

    Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
    gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen
    Zusammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen
    Charakter bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in
    allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche,
    die in ihnen erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs;
    es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das Interesse für
    einen anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will
    einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen, der Analyse-
    unterziehen.

    I

    Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine große
    garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück Fleisch ge-
    braten war, und das Stück war auf einmal ganz – nicht zer-
    schnitten – aufgegessen. Die Person, die es gegessen hat, hat er
    nicht gesehen.1)

    1)Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume könnte
    ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch als groß
    zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist schwer zu be-
    friedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, was
    ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich bescheiden, resignieren lernt
    es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der Neurotiker zur
    Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.

  • S.

    270

    Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
    mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages
    müssen uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen
    Tagen nach ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traum-
    tages war er aber unartig, und da wurde ihm zur Strafe die
    Abendmahlzeit entzogen. Er hat schon früher einmal eine solche
    Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer dabei benommen.
    Er wußte, daß er nichts bekommen wird, getraute sich aber
    auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, daß er Hunger hat.
    Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie äußert sich
    bereits im Traum, der einen Anfang von Traumstellung zeigt.
    Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche
    auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
    zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er
    es nicht, wie die hungrigen Kinder es im Traum tun (vgl. den
    Erdbeertraum meiner kleinen Anna, S. 135), sich selbst zur Mahl-
    zeit hinzuzusetzen. Die Person bleibt anonym.

    II

    Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buch-
    handlung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband
    sehe, die ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Mono-
    graphien zur Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die
    neue Sammlung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und
    das Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher.

    In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der
    Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion
    im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sach-
    verhalt ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur
    psychischen Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf
    Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so
    ein Dauerredner.

  • S.

    271

    III

    Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an
    unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
    Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt
    aber dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne
    vorkommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und
    Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen
    Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen
    Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln.

    IV

    Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die
    sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum.
    Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im Gesicht
    und hat vortretende Augen.
    Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver-
    bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder über-
    wacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie
    überdies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben
    können, beschenkt. Er war am Traumtage zu Besuch, und da
    bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe.
    Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen
    der Basedowschen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von
    meinen Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen,
    daß ich um die Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und
    daß diese Besorgnis sich im Traum realisiert. Es wäre ein Wider-
    spruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum eine
    Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur
    egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge
    mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krankheit
    befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
    leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes

  • S.

    272

    Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zu-
    getragen hat. Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich
    auch Professor R. befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald
    von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt ent-
    fernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem
    Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, daß
    wir alle heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten
    Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall
    große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkenn-
    baren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug – übrigens
    nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie
    im Traum, kein Struma – stellte sich ganz zu unserer Verfügung
    und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner
    bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
    Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann
    ich nicht, und ging von dannen.

    Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht
    nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten
    Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht
    recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich ge-
    beten habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche
    Erziehung meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das
    Nachthemd) zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im
    Traum mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe,
    will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm
    ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals
    von Herrn Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen.
    Der egoistische Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl auf-
    gedeckt sein. [E 37]

    Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
    an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
    Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender
    Beziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traum darstelle,

  • S.

    273

    habe ich gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen
    identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn ich fordere
    ja etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. von Baron L.
    gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R., dem ich mich
    sonst wirklich nicht zu vergleichen wage, hat ähnlich wie ich
    seinen Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist
    erst in späten Jahren zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich
    will also wieder einmal Professor werden! Ja selbst das „in späten
    Jahren“ ist eine Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange
    genug lebe, um meine Knaben selbst durch die Pubertät zu
    geleiten.

    *

    Von anderen typischen Träumen, in denen man mit Behagen
    fliegt oder mit Angstgefühlen fällt, weiß ich nichts aus eigener
    Erfahrung, und verdanke alles, was ich über sie zu sagen habe,
    den Psychoanalysen. Aus den Auskünften, die man dort erhält, muß
    man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit
    wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die
    für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher
    Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die
    Arme ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit
    ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das
    Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob
    er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen
    dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders
    wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen
    sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traum, lassen aber im
    Traum die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun
    frei schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für
    solche Spiele wie für Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn
    sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die
    Erinnerung von neuem aufgefrischt. [E 38] Bei manchen Knaben
    besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen solcher

  • S.

    274

    Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen. Nicht
    selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch
    sexuelle Empfindungen wachgerufen worden.1) Um es mit einem
    bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte
    zu sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches die Träume
    vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lust
    gefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß,
    ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug
    in Zwist und Weinen ausgegangen.

    Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der
    Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen
    von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom
    Fliegen und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen
    selbst aus der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum
    sich bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traum-
    quellen. [E 39]

    Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
    abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
    Angsttraum, daß er durchgefallen sei, die Klasse wiederholen
    müsse u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen
    Grades ersetzt sich dieser typische Traum durch einen anderen,
    der ihm vorhält, daß er beim Rigorosum nicht bestanden habe,
    und gegen den er vergeblich noch im Schlaf einwendet, daß er
    ja schon seit Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzlei-
    leiter. Es sind die unauslöschlichen Erinnerungen an die
    Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten erlitten


    1)Ein junger, von Nervosität völlig freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich
    weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem
    Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl
    in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war,
    doch als Lustgefühl bezeichnen muß.“ – Von Patienten habe ich oftmals gehört,
    daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim
    Klettern aufgetreten sind. – Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit,
    daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder
    jahre wurzeln.

  • S.

    275

    haben, die sich so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien,
    an dem „dies irae, dies illa“ der strengen Prüfungen in unserem
    Inneren wieder geregt haben. Auch die „Prüfungsangst“ der Neu-
    rotiker findet in dieser Kinderangst ihre Verstärkung. Nachdem
    wir aufgehört haben, Schüler zu sein, sind es nicht mehr wie zu-
    erst die Eltern und Erzieher oder später die Lehrer, die unsere
    Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalverkettung des Lebens
    hat unsere weitere Erziehung übernommen, und nun träumen
    wir von der Matura oder von dem Rigorosum, – und wer hat
    damals nicht selbst als Gerechter gesagt? – so oft wir erwarten,
    daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht recht
    gemacht, nicht ordentlich zustande gebracht haben, so oft wir
    den Druck einer Verantwortung fühlen. [E 40]

    Ich verhehle mir aber keineswegs, daß ich für diese Reihe von
    typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann.
    Mein Material hat mich gerade hiebei im Stiche gelassen. Den
    allgemeinen Gesichtspunkt, daß alle die Haut- und Bewegungs-
    sensationen dieser typischen Träume wachgerufen werden, sobald
    irgendein psychisches Motiv ihrer bedarf, und daß sie vernach-
    lässigt werden können, wenn ihnen ein solches Bedürfnis nicht
    entgegenkommt, muß ich festhalten. Auch die Beziehung zu den
    infantilen Erlebnissen scheint mir aus den Andeutungen, die ich
    in der Analyse der Psychoneurotiker erhalten habe, sicher hervor-
    zugehen. Aber welche anderen Bedeutungen sich im Laufe des
    Lebens an die Erinnerung jener Sensationen geknüpft haben
    mögen, – vielleicht bei jeder Person andere trotz der typischen
    Erscheinung dieser Träume – weiß ich nicht anzugeben, und
    möchte gerne in die Lage kommen, diese Lücke durch sorg-
    fältige Analyse von guten Beispielen auszufüllen. Wer sich darüber
    verwundert, daß ich trotz der Häufigkeit gerade der Träume vom
    Fliegen, Fallen, Zahnausziehen u. dgl. mich über Mangel an
    Material beklage, dem bin ich die Aufklärung schuldig, daß ich
    an mir selbst solche Träume nicht erfahren habe, seitdem ich

  • S.

    276

    dem Thema der Traumdeutung Aufmerksamkeit schenke. Die
    Träume der Neurotiker, die mir sonst zu Gebote stehen, sind
    aber nicht alle und oft nicht bis an das Ende ihrer verborgenen
    Absicht deutbar; eine gewisse psychische Macht, die beim Aufbau
    der Neurose beteiligt war und bei deren Auflösung wieder zur
    Wirksamkeit gebracht wird, stellt sich der Deutung bis zum
    letzten Rätsel entgegen. [E 41]